Kitabı oxu: «Ur-Gemeinde»
FRANK VIOLA
Ur-Gemeinde
WIE JESUS SICH SEINE GEMEINDE EIGENTLICH VORGESTELLT HATTE
GLORYWORLD-MEDIEN
1. E-Book-Auflage 2021
© 2009 Frank Viola
David C. Cook, 4050 Lee Vance View, Colorado Springs, Colorado 80918 U.S.A.
Originaltitel: „Reimagining Church“
© der deutschen Ausgabe 2010 GloryWorld-Medien, www.gloryworld.de
Alle Rechte vorbehalten
Bibelzitate sind, falls nicht anders gekennzeichnet, der Schlachter-Bibel, Fassung von 1951, entnommen.
Weitere Bibelübersetzungen:
[Elb]: Elberfelder Bibel, Revidierte Fassung von 1985
[LU]: Lutherbibel, Revidierte Fassung von 1984
Das Buch folgt den Regeln der Deutschen Rechtschreibreform. Die Bibelzitate wurden diesen Rechtschreibregeln angepasst.
Übersetzung: Ivo Carobbio
Lektorat / Satz: Dr. David Poysti / Manfred Mayer
Umschlaggestaltung: Kerstin & Karl Gerd Striepecke, www.vision-c.de
Foto: istockphoto
ISBN (epub): 978-3-95578-147-7
ISBN (Druck): 978-3-936322-47-7
Stimmen zum Buch
Widerspruch ist ein Geschenk an die Gemeinde. Die Vorstellungskraft der Propheten mahnt uns: Wir sind Gottes auserwähltes Volk. Möge Violas Buch in uns den Mut zur Veränderung wecken, die wir uns für die Gemeinde wünschen … damit wir uns mit nichts weniger zufrieden geben als Gottes Traum für seine Gemeinde.
Shane Claiborne, Autor, Aktivist und genesender Sünder
Wie zu erwarten war, übt dieses Buch gründlich Kritik an den vorherrschenden Kirchenformen. Mit „Ur-Gemeinde“ malt uns Frank Viola allerdings auch ein positives Bild vor Augen von dem, was aus der Gemeinde werden kann, wenn wir uns neu auf ihre organische Beschaffenheit besinnen statt an starren institutionellen Strukturen festzuhalten. Dies ist eine kompromisslose, prophetische Schau für die Gemeinde des einundzwanzigsten Jahrhunderts.
Alan Hirsch, Autor
Frank bietet nicht nur frische Einsichten in Altbekanntes, sondern fordert uns heraus, zu den Wurzeln, das heißt: zu Christus selbst zurückzukehren. Danke, Frank! Diese praktische Hilfe wird zeigen, was Gemeinde bedeuten kann, wenn sie sich auf Jesus konzentriert.
Tony Dale, Autor und Begründer der Karis-Group
Sollten wir – wie viele meinen – tatsächlich vor der nächsten bedeutenden Reformation der Kirche stehen, dann ist Frank Viola eine der wichtigen Stimmen, auf die wir hören sollten. Franks demütiges Herz und seine virtuose Tastatur haben uns einmal mehr ein Buch beschert, das von allen gelesen zu werden verdient, die bereit sind, einen ehrlichen Blick auf den Zustand unserer heutigen Kirche zu wagen. Ur-Gemeinde fordert uns auf, zu den biblischen Wurzeln der Gemeinde zurückzukehren.
Lance Ford, Mitbegründer von shapevine.com
Ur-Gemeinde wird zugleich zweierlei bewirken: Es wird die Bequemen aufschrecken und die Besorgten trösten. Frank Viola schlägt eine Schneise durch die Nebelschwaden und legt seinen Finger in die Wunde des künstlichen Kirchenchristentums. Dabei liefert er eine biblisch-fundierte, praktische und strategische Sichtweise für das, was das Neue Testament unter ‚Leib Christi‘ versteht.
Rad Zdero, PhD, Autor
Wo Heidnisches Christentum? nachweist, dass ein Großteil unserer gängigen Kirchenpraxis jeder biblischen Grundlage entbehrt, geht Ur-Gemeinde einen Schritt weiter und beschreibt, wie echtes, biblisch-fundiertes Gemeindeleben aussehen soll. Vom Innenleben der Dreieinigkeit ausgehend, malt Viola ein großartiges Bild von organischem Gemeindeleben.
John White, Hausgemeinde-Gründer
Ur-Gemeinde ist ein weiterer wertvoller Beitrag zu den Veröffentlichungen zum Thema „Organische Gemeinde“. Frank Viola schreibt darüber aus der Sicht eines erfahrenen Praktikers und mit gewohnter Klarheit. Dabei vermittelt er viele praktische Anregungen zur Gründung von Gemeinden. Ich empfehle dieses Buch jedem, der an organischer Gemeinde interessiert ist.
Felicity Dale, Autorin
Ur-Gemeinde ist eine les- und lebbare(!) Beschreibung eines im Neuen Testament verwurzelten organischen Gemeindelebens für das einundzwanzigste Jahrhundert. Es vermeidet das Unkraut nicht nur eines hölzernen Fundamentalismus, sondern auch der unreflektierten ‚Überkontextualisierung‘. Frank Viola malt das einladende und attraktive Bild eines Gottesvolkes, das – vom Wirken des Heiligen Geistes bewegt – Gott in Christus zum Mittelpunkt hat. Dabei hilft uns Frank, von der Einzigartigkeit Jesu und seiner frühesten Nachfolger zu lernen, wie man authentisches und tiefes gemeinschaftliches Leben pflanzt.
Mike Morrell, zoecarnate.com
Inhalt
Vorwort
Einleitung: Aufbrechen zu einer neuen Art von Gemeinde
TEIL 1: GEMEINSCHAFT LEBEN
1 Umdenken: Gemeinde als Organismus
2 Umdenken: Wie treffen wir uns?
3 Umdenken: Abendmahl
4 Umdenken: Wo treffen wir uns?
5 Umdenken: Gottes Familie
6 Umdenken: Die Einheit der Gemeinde
7 Gemeindepraxis und Gottes ewiger Plan
TEIL 2: LEITUNG UND VERANTWORTLICHKEIT
8 Umdenken: Geistliche Leitung
9 Umdenken: Aufsicht in der Gemeinde
10 Umdenken: Entscheidungsfindung
11 Umdenken: Geistliche Abdeckung
12 Umdenken: Autorität und Unterordnung
13 Umdenken: Abdeckung durch die Denomination/Konfession
14 Umdenken: Apostolische Tradition
15 Wie geht es weiter?
Anhang/Diskussion: Gemeindeleitung
Literaturverzeichnis
Für alle Nachfolger Jesu,
die sich darüber Gedanken machen,
was Gemeinde eigentlich ist.
Vorwort
Nachdem ich dreizehn Jahre lang zahlreiche Kirchen und außerkirchliche Organisationen besucht hatte, wagte ich den Schritt, die Institution „Kirche“ zu verlassen. Seitdem bin ich nicht mehr in das institutionalisierte Christentum zurückgekehrt. Heute bin ich in so genannten „organischen Gemeinden“ unterwegs.
Warum ich die institutionelle Kirche verlassen habe? Zunächst haben mich die Sonntagsgottesdienste zu Tode gelangweilt – ganz allgemein und ungeachtet der jeweiligen Kirche, Denomination oder Freikirche. An den Menschen, die in die Kirche gingen, konnte ich kaum geistliche Veränderung beobachten. Und was ich selber an geistlichem Wachstum erfuhr, schien sich außerhalb des kirchlichen Milieus zu ereignen.
Außerdem hatte ich ein tiefes Verlangen nach Gemeinde, wie ich sie im Neuen Testament beschrieben fand. Scheinbar gab es in den traditionellen Kirchen und Gemeinden, die ich besuchte, so etwas nicht. Je mehr ich in der Bibel las, desto fester wurde meine Überzeugung, dass sich die heutige Kirche von ihren biblischen Wurzeln weit entfernt hat. Deshalb verließ ich das institutionelle Kirchenchristentum und begann mich mit einigen Christen auf „organische“ Art zu treffen.
Nach diesem Schritt wurde ich von Freunden und Bekannten oft gefragt: „In welche Kirche/Gemeinde gehst du eigentlich?“ Meine Antwort erzeugte regelmäßig eine peinliche Stimmung: „Ich gehöre einer Gemeinde an, die keinen Pfarrer und kein Gebäude hat; wir versammeln uns so, wie es die Urgemeinde getan hat. Dabei sind wir ganz von Jesus Christus eingenommen.“ So lautete gewöhnlich meine Standardantwort. Daraufhin wurde ich in der Regel angestarrt, als käme ich direkt vom Mars!
Auch heute diese Frage noch häufig gestellt. Jetzt kann ich besser antworten als damals vor zwanzig Jahren (obschon meine Antworten zugegebenermaßen immer noch schwerfällig und unbefriedigend ausfallen).
Genau hier liegt die Absicht dieses Buches: Es möchte eine biblische, geistliche, theologische und praktische Antwort auf die Frage formulieren, ob es überhaupt möglich ist, außerhalb der etablierten Kirchen Gemeinde zu leben? Und wenn ja, wie?
Wenn ich aus den vergangenen zwanzig Jahren etwas gelernt habe, dann Folgendes: Dieses Buch wird im Wesentlichen zwei Reaktionen auslösen. Die eine: „Gott sei Dank, bin ich nicht verrückt! Ich habe schon an mir selbst gezweifelt. Jetzt stell ich dankbar fest, dass ich nicht der Einzige bin, der so über Kirche denkt. Dieses Buch drückt genau das aus, was ich selbst seit vielen Jahren empfinde und denke. Jetzt kann ich wieder hoffen, dass es außerhalb des Althergebrachten authentisches Gemeindeleben gibt.“
Die andere Reaktion wird sein: „Wie können Sie es wagen, die gängige Kirchenpraxis in Frage zu stellen? Gott liebt die Kirche. Wer gibt Ihnen das Recht, so harsche Kritik zu üben? Und wer gibt Ihnen das Recht, zu sagen, Ihr Verständnis von Kirche sei das einzig richtige?“
Selbstverständlich bin ich nicht unfehlbar und gebe unumwunden zu, dass ich selber noch wachse und dazulerne. Doch genau hier liegt das Problem, das dieses Buch anpackt: Wir Christen sind uns uneins, was Kirche/Gemeinde ist. Ich kritisiere die Kirche keineswegs. Dieses Buch habe ich vielmehr geschrieben, weil ich die Gemeinde liebe. Deshalb sehne ich mich danach, den Leib Christi so gelebt zu sehen, wie Gott ihn sich meines Erachtens vorgestellt hat. Verwechseln Sie die Gemeinde bitte nicht mit einer Organisation, einer Denomination, einer Bewegung oder gar einer hierarchischen Struktur. Die Gemeinde ist das Volk Gottes, mehr noch: sie ist die Braut Jesu Christi! Ich werde in diesem Buch zeigen, dass Gott keineswegs verschwiegen hat, wie er sich die Gemeinde auf Erden vorgestellt hat. Was ich überdenken will, ist nicht die Gemeinde an sich, sondern ihre gegenwärtige Praxis.
Außerdem behaupte ich nicht, es gäbe so etwas wie den „richtigen“ Weg Gemeinde zu sein, geschweige denn, ich hätte ihn entdeckt. In diesem Buch denke ich ganz einfach über neue Wege nach – über Wege, von denen ich glaube, dass sie in Übereinstimmung sind mit der Lehre Jesu und der Apostel. Für mich und viele andere Christen haben sich diese Wege als das erwiesen, wonach wir uns im Tiefsten gesehnt haben.
Diesem Buch gehen zwei andere Schriften voraus. Das erste Buch heißt The Untold Story of the New Testament Church.1 Darin zeichne ich die Geschichte der Gemeinde im ersten Jahrhundert in ihrer richtigen Reihenfolge nach. Die Apostelgeschichte und die neutestamentlichen Briefe werden ineinandergefügt, damit eine Zusammenschau der Urgemeinde entsteht. „Ur-Gemeinde“ beruht auf dieser Geschichte. Hier greife ich gezielt einige Themen aus der beeindruckenden Geschichte auf und gliedere sie thematisch. Zusammen gelesen ergeben beide Bücher ein überzeugendes Bild des neutestamentlichen Gemeindelebens.
Das zweite Buch, Heidnisches Christentum?2, zeigt, wie weit sich die gegenwärtige Kirche von ihren ursprünglichen Wurzeln entfernt hat. Die Kirche, wie wir sie heute kennen, hat sich von einem lebendigen, atmenden, kraftvollen Ausdruck von Jesus Christus zu einer kopflastigen, hierarchischen Organisation mit Anklängen an das imperiale Rom entwickelt. Die meisten Kirchen haben an diesen römischen Strukturen bis heute festgehalten.
Das vorliegende Werk gliedert sich in zwei Teile. Den ersten Teil habe ich mit „Gemeinschaft und Versammlung“ überschrieben. Ich untersuche darin das Leben und die Versammlungspraxis der Urgemeinde und vergleiche sie mit den Bräuchen der heutigen Kirche.
Der zweite Teil des Buches lautet: „Leitung und Verantwortung“. Darin stelle ich ein neues Leitungskonzept vor, einschließlich einiger Grundsätze zu Autorität und Verantwortung. Trotz ihres antitraditionellen Ansatzes beruhen meine Thesen auf biblischen Prinzipien. Sie sind auch praktisch. Ich erlebe seit nunmehr zwanzig Jahren, dass sie funktionieren. Im Anhang des Buches gehe ich zudem auf einige gängige Einwände ein.
Mein Ansatz ist durchweg konstruktiv. Dabei liegt es mir fern, eine Auseinandersetzung zu führen. Viele meiner Gedanken unterscheiden sich so radikal vom herkömmlichen Verständnis, dass sie deshalb bei manchen wohl Missfallen, bei anderen gar Feindseligkeit nach sich ziehen werden.
Ich zähle auf Ihre Geduld und bitte Sie, meine Aussagen im Licht der Heiligen Schrift und Ihres Gewissens zu prüfen. Meine Haltung beim Schreiben finde ich mit den Worten von C. S. Lewis am besten wiedergegeben: „Betrachten Sie mich als Mitpatient im selben Krankenhaus. Ich bin schon etwas früher eingeliefert worden und kann daher den einen oder anderen Rat geben.“ Ich wünsche mir sehnlich, Gottes Volk befreit zu sehen von der Tyrannei des Status quo, befreit aber auch von allen unterdrückenden, hierarchischen Strukturen – und dies aus einem einzigen Grund: damit Jesus Christus wieder Zentrum und Haupt seiner Gemeinde wird.
Frank Viola
Gainesville, Florida
Oktober 2007
1 Erscheint Anfang 2011 bei GloryWorld-Medien auf Deutsch.
2 Frank Viola / George Barna, Heidnisches Christentum?
Einleitung: Aufbrechen zu einer neuen Art von Gemeinde
Unsere Zeit lebt weit hinter den Maßgaben des Neuen Testaments – und gibt sich mit einer kleinen, überschaubaren Religion zufrieden.
Martyn Lloyd-Jones
Die meisten bekennenden Christen bemerken nicht, dass die zentralen Vorstellungen und Traditionen, die wir „Kirche“ nennen, nicht im Neuen Testament wurzeln, sondern in den in nachapostolischer Zeit entwickelten Bräuchen.
Jon Zens
Wir stehen vor einer Revolution der kirchlichen Theologie und Praxis. Zahllose Christen – darunter Theologen, Kleriker und Experten – suchen nach neuen Wegen, die Kirche zu erneuern und zu reformieren. Andere haben das traditionelle Verständnis von Kirche längst aufgegeben und sind zu der Überzeugung gelangt, dass die institutionelle Kirche, wie wir sie heute kennen, nicht nur wirkungslos geworden, sondern auch biblisch nicht mehr begründbar ist. Deshalb halten sie es für einen Fehler, die gegenwärtige Kirche bloß reformieren zu wollen, liegt doch das ursächliche Problem – nach ihrer Überzeugung – in der Struktur der Kirche selbst.
Zu diesem beunruhigenden Ergebnis bin auch ich vor nunmehr zwanzig Jahren gekommen, als nur wenige wagten, die Praktiken der institutionellen Kirche zu hinterfragen. Damals kam ich mir ziemlich einsam vor. An manchen Tagen fragte ich mich sogar, ob ich den Verstand verloren hatte.
Seitdem hat sich manches geändert. Heute wächst von Jahr zu Jahr die Zahl derer, die die institutionelle Kirche/Gemeinde infrage stellen.1 Viele von ihnen haben sie bereits verlassen und sich auf die Suche nach einem Gemeindeleben begeben, das ihre tiefsten Sehnsüchte stillt.
Eine Revolution jenseits von Erneuerung und Reformen braut sich zusammen: Sie hat die Axt an die Wurzel gelegt und zielt auf die Praxis und Theologie der Kirche selbst. Vielleicht hilft ein Beispiel aus der Geschichte, dieses Phänomen zu erklären.
Jahrhundertelang suchten westliche Astronomen die Bewegung der Sterne und Planeten zu verstehen. Doch so sehr sie sich auch mühten, ihre Berechnungen anhand der ihnen zur Verfügung stehenden Daten wollten einfach nicht aufgehen. Der Grund dafür war denkbar einfach: Ihre Voraussetzungen waren falsch, denn sie gingen von einem geozentrischen Weltbild aus. Sie glaubten, die Sterne und Planeten drehten sich um eine stationäre Erde. Auf diesem Weltbild gründeten sie ihr gesamtes Verständnis vom Universum.
Dann trat ein Bilderstürmer namens Kopernikus auf und stellte das traditionelle Weltbild infrage. Seine revolutionäre Behauptung: Die Planeten und Sterne drehen sich um die Sonne. Kopernikus‘ heliozentrisches Weltbild wurde zwar zunächst vehement bekämpft, doch konnten die Tatsachen nicht widerlegt werden. Schließlich setzte sich der neue heliozentrische Ansatz durch.2
In ähnlicher Absicht stellt dieses Buch den beherzten Versuch dar, der Kirche einen Paradigmenwechsel nahezulegen, eine Veränderung, die von der neutestamentlichen Vorstellung ausgeht, dass die Gemeinde Jesu Christi einen geistlichen Organismus und keine institutionelle Organisation darstellt.
Ich kenne wenige Christen, die das bestreiten würden. Ich bin sogar unzähligen Christen begegnet, die bekennen: „Die Gemeinde ist ein Organismus, keine Organisation.“ Trotz dieser Beteuerung bleiben sie weiter treue Mitglieder in einer Kirche, die nach dem Vorbild eines Wirtschaftsunternehmens organisiert ist.
In diesem Buch werde ich zugespitzt fragen: Was bedeutet eigentlich die Feststellung, dass „die Gemeinde ein Organismus ist“? Wie funktioniert eine solche „organische Gemeinde“ im einundzwanzigsten Jahrhundert?
Die Begriffe „neutestamentliche Gemeinde“, „Urgemeinde“ und „Gemeinde des ersten Jahrhunderts“ verwende ich in meinem Buch durchweg synonym. Diese Bezeichnungen beziehen sich auf die frühe Kirche des ersten Jahrhunderts, wie wir sie aus dem Neuen Testament kennen.
Ich spreche aber auch jene Gemeinden an, die man allgemein als „institutionelle Kirchen bzw. Gemeinden“ bezeichnet. Ich hätte sie auch „etablierte Kirchen“, „traditionelle Kirchen“, „Establishment-Kirchen“, „Volks- und Landeskirchen“, „Episkopalkirchen“, „zeitgemäße Kirchen“, „Zuhörer- und Zuschauer-Kirchen“, „sakrale-Gebäude-Kirchen“, „Freikirchen“, „überlieferte Kirchen“ oder „programmgesteuerte Kirchen“ nennen können. Das sind jedoch unzulängliche Begriffe. Meines Erachtens trifft der Ausdruck „institutionelle Kirche“ am ehesten, was die meisten Kirchen heutzutage ausmacht.
Beachten Sie bitte: Wenn ich „institutionelle Kirche“ sage, dann meine ich damit nicht Gottes Volk! Ich spreche dann vielmehr von einem System. Die „institutionelle Kirche“ ist ein System; sie ist eine Art und Weise, wie „Gemeinde“ gelebt wird. Nicht die Menschen, die dorthin gehen, sind gemeint. Diese Unterscheidung ist sehr wichtig und darf bei der Lektüre dieses Buches nicht vergessen werden.
Ein Soziologe mag mit meinem Gebrauch des Wortes „institutionell“ nicht einverstanden sein. Soziologisch gesehen stellt jede Institution ein Muster menschlicher Aktivität dar. Dazu gehört selbst eine Begrüßung mit Handschlag oder Umarmung. Ich räume gerne ein, dass alle Kirchen (selbst organische) einige solcher „Konventionen“ praktizieren.
Ich verwende die Bezeichnung „institutionelle Kirche“ dagegen in einem viel engeren Sinn: Ich meine damit jene Kirchen und Gemeinden, deren Organisation unabhängig von ihren Mitgliedern funktioniert. Solche Kirchen operieren aufgrund von Programmen und Ritualen und nicht von Beziehungen. Es sind durchstrukturierte Kirchen, in deren Mittelpunkt ein sakrales Gebäude steht und die von berufenen Fachkräften (den „Geistlichen“, „Pfarrern“, „Pastoren“ und dem „Klerus“) geleitet und von ehrenamtlichen Helfern (den Laien) unterstützt werden. Sie benötigen Personal, Gebäude, Gehälter und eine Verwaltung. In einer typischen institutionellen Kirche besuchen die Teilnehmer ein- oder zweimal die Woche einen Gottesdienst oder eine andere Veranstaltung und betrachten dabei eine religiöse Darbietung, die oft von einer einzigen Person ausgerichtet wird (einem Pastor oder Ältesten). Danach kehren sie nach Hause zurück zu ihren individuellen christlichen Existenzen.
Wenn ich dagegen von „organischer Gemeinde“ rede, meine ich damit jene Gemeinden, die sich an den gleichen geistlichen Grundsätzen ausrichten wie die Gemeinden, von denen wir im Neuen Testament lesen. Die neutestamentliche Gemeinde war die allererste organische Gemeinde, von der sich alle anderen organischen Gemeinden herleiten. Den Ausdruck „organische Gemeinde“ verdanke ich dem Engländer T. Austin-Sparks. Er schreibt:
Gottes Gesetz der Fülle heißt organisches Leben. Jedes Leben bringt nach göttlicher Ordnung seine eigene Form hervor, ob pflanzlich, tierisch, menschlich oder geistlich. Es kommt also alles von innen heraus. Funktion, Ordnung und Frucht entspringen dem inwendigen Gesetz des Lebens. Nur auf dieser Grundordnung entstand, wovon das Neue Testament berichtet. Das organisierte Christentum hat diese Reihenfolge jedoch völlig umgekehrt.3
Mein Freund Hal Miller führt auf brillante Weise diesen Gedanken weiter aus, indem er anhand einer einfachen Metapher die institutionelle Kirche mit der organischen Gemeinde vergleicht:
Institutionelle Kirchen sind Eisenbahnen vergleichbar: Sie fahren in eine bestimmte Richtung und behalten diese Richtung auch dann bei, wenn viele Hände versuchen sie anzuhalten. Wie bei Zügen ist in institutionellen Kirchen eine Richtungsänderung kaum möglich. Nur mithilfe einer Weiche wäre ein Wechsel auf ein anderes Gleis möglich. Andernfalls ist der Zug gezwungen, dem Gleis, auf dem er sich befindet, zu folgen. Die Passagiere können nur hoffen, in den richtigen Zug gestiegen und die gewünschte Richtung eingeschlagen zu haben.
Organische Gemeinden wie die im Neuen Testament sind anders. Sie gleichen nicht einem Zug, sondern einer Wandergruppe. Reisegruppen zu Fuß sind wesentlich langsamer als Züge unterwegs; sie legen nur wenige Kilometer in der Stunde zurück. Allerdings können sie ihre Richtung jederzeit ändern. Wichtiger noch: Sie nehmen ihre Umwelt wahr, können auf ihren Herrn hören und jederzeit aufeinander achten.
Wie alte Eisenbahnen sind institutionelle Kirchen leicht bemerkbar. Ihr Rauch und Lärm sind unverkennbar. Organische Gemeinden sind etwas subtiler. Weder kündigen sie durch Blinklichter ihr Kommen schon von Ferne an, noch pfeifen sie an jedem Bahnübergang. Daher glauben viele Menschen, diese neutestamentliche Art von Gemeinde sei längst ausgestorben. Weit gefehlt! Organische Gemeinden finden sich überall. Ich selbst bin schon seit nunmehr zwanzig Jahren Teil einer solchen Gemeinde. Immer noch gibt es Gemeinschaften wie unsere, die still ihres Weges gehen und keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wir sind einfach Pilger auf einem gemeinsamen Weg.
Haben Sie erst einmal gelernt, organische Gemeinden zu erkennen, werden Sie sofort merken: Da versammeln sich Menschen wie im Neuen Testament – als Leib Christi, als Familie und als Braut, aber nicht als Institutionen.
Organische Gemeinden sind Gruppen von Menschen, die ihren Weg mit Gott gehen. Die Züge überholen sie. Die Passagiere winken ihnen gelegentlich zu. Das klappt nicht immer, vor allem wenn der Zug so schnell unterwegs ist, dass die Wanderer entlang der Gleise einfach verschwimmen. Wenn auch Sie einer solchen Wandergruppe angehören, die als organische Gemeinde unterwegs ist, dann wird dieses Buch Ihre Wertschätzung für die neutestamentlichen Wurzeln wiederbeleben. Wenn Sie dagegen in einem vorbeirauschenden Zug sitzen, wird es Sie vielleicht überraschen, dass einige dieser verschwommenen Farbflecke dort draußen tatsächlich Menschen sind, die mit Gott unterwegs sind! Sie sind gerade an einer organischen Gemeinde vorbeigerauscht.
Sie sollten unbedingt wissen, dass der Versuch, Gemeinde als lebenden Organismus zu entdecken, kein Tagtraum ist. Auch heute kann die Kirche Jesu das sein, was sie im ersten Jahrhundert war: ein Organismus. Die folgenden Ausschnitte aus Briefen stammen von unterschiedlichen Menschen, die in den vergangen Jahren Erfahrungen mit organischen Gemeinden gemacht haben.
Brief 1 (eine Lehrerin)
Ich hatte nie vor, meine übernommenen Vorstellungen von Kirche aufzugeben oder gar meine Kirche zu verlassen. Weder habe ich eine neue Kirche gesucht, noch hatte ich irgendeine Vorstellung von organischer Gemeinde, als man mich das erste Mal in eine solche einlud. Ich bin der Einladung gefolgt. Was ich dort sah, war ganz anders als alles Bisherige. Diese Gemeinde war weder ein Bibelkreis noch eine Gebetszusammenkunft, sie war weder eine Heilungsveranstaltung noch ein Gottesdienst.
Stattdessen konzentrierte man sich ganz auf Jesus Christus. Die Menschen sangen von ihm, tauschten sich über ihn aus und beteten ihn an. Diese Christen waren völlig eingenommen von der Großartigkeit des Herrn Jesus Christus. Sie verlangten – ganz ehrlich – nicht danach, bei ihren Treffen irgendetwas anderes zu tun, als über ihn / von ihm / zu ihm zu singen, sich über ihn zu unterhalten und einander durch ihn Liebe zu erweisen.
Was mir zuerst auffiel, war ihre Innigkeit. Ich habe noch nie Menschen getroffen, die in einem solch innigen Verhältnis zum Herrn lebten. Diese Menschen brauchten ihn und schöpften ihr Leben aus ihm. Meine bisherigen Erfahrungen mit der Kirche sahen anders aus. Ich habe hingegebene Menschen gesehen, leidenschaftliche, ja sogar liebende Menschen. Ich habe aber noch niemals zuvor Christen gesehen, die das Herz Gottes selbst zu kennen schienen.
Lange zuvor hatte ich gelernt, dass der Herr unter seinem Volk wohnt; diese Gemeinde jedoch war die erste, in der diese Erkenntnis auch in die Tat umgesetzt wurde. Hier teilte jeder jedem Christus auf eine Art und Weise mit, dass er mir ganz nah vor Augen geführt wurde. Durch die Menschen dort lernte ich verstehen, dass Christus unsere Speise und unser Trank ist. Jetzt erkannte ich, wer und wie er in unseren Versammlungen und in unserem Alltagsleben wirklich ist. Ganz neu „verliebte“ ich mich in ihn.
Die Innigkeit, die ich hier erlebte, weckte meine Neugier; es war aber die Freiheit, die diese Christen auslebten, die meine Aufmerksamkeit dauerhaft fesselte und mich schließlich dazu bewegte, immer wieder hinzugehen und mich schließlich dieser Gemeinschaft anzuschließen. Wenn mir etwas Ermutigendes in Bezug auf den Herrn in den Sinn kam, konnte ich es einfach aussprechen; die anderen sagten „Amen“ oder „Preist den Herrn“. Ihre Ermutigung machte mir klar: Hier darf ich frei sein. Mehr noch: Christus schenkt seinem Volk Freiheit – und ich gehöre dazu.
Zum allerersten Mal habe ich unter Christen solche Freiheit erlebt. Allmählich erkannte ich, wie es ist, wenn Christus den ersten Platz im Leben seines Volkes und dessen Zusammenkünften einnimmt und zu unglaublicher Einheit führt. Seit nunmehr zwei Jahren sehe ich, wie Christus jedes Treffen mit seiner Wahrheit erfüllt. Weder geh ich leer aus, noch kann ich mir vorstellen, die Tiefen Jesu Christi je auszuloten. In dieser Gemeinde und mit diesen liebevollen Geschwistern fange ich an zu entdecken, wie herrlich er wirklich ist.
Brief 2 (Frau eines ehemaligen Pastors)
Die ganze Erfahrung organischen Gemeindelebens hat mein Leben in vielfacher Hinsicht verändert. Die Gemeinde ist aus einer Konferenz hervorgegangen. Was wir auf dieser Konferenz zu hören bekamen, war wirklich erstaunlich. Der Herr zeigte mir seinen Plan und seine Absicht für die Gemeinde, seine Braut. Meine Vision erhielt eine himmlische und Christus-bezogene Dimension. Aber das sollte nur der Anfang sein.
Nach der Pflanzung der Gemeinde erlebte ich Christus unter meinen Brüdern und Schwestern wie nie zuvor. Schlagartig wusste ich: Das ist es! Endlich hatte ich nach Hause gefunden. Gott wusste, was mein Mann und ich brauchten. Diese Offenbarung begann nach und nach zu wachsen und sich vor meinen Augen zu entfalten. Ich sah eine wunderschöne Braut, die ihrem Herrn voller Leidenschaft zugetan war. Ich sah eine Gemeinschaft von Gläubigen, die sich zu einem Wohnort für Gott zusammenfügen ließen. Ich sah Brüder und Schwestern aus verschiedenen Hintergründen, die sich noch nie gesehen hatten und dennoch liebten.
Indem wir Christus gemeinsam liebgewannen, verbanden sich unsere Herzen. Die wachsende Einsicht in Gottes ursprünglichen Plan veränderte unser Leben. Ich sah, dass Gemeinde wirklich der Leib des Christus ist und er dessen Haupt. Erst wenn wir ihm erlauben, seinen rechtmäßigen Platz in unseren Herzen einzunehmen, werden wir sein Leben erfahren, wie er es uns zugedacht hat. Diese Art von Gemeindeleben ist die natürliche Heimat des Christen. Dort wachsen und gedeihen wir und ernähren uns von den Reichtümern Christi. Ich könnte manches erzählen, es gab so viel zu entdecken!
Was ich dort gesehen und erfahren habe, hat mein Leben und das Leben meines Mannes für immer verändert. Wir hatten den Herrn schon lange gebeten, uns sein Herz und seine Wünsche zu offenbaren. Ich glaube, er hat dieses Gebet erhört. Es ist so aufregend, zu wissen, dass wir den Rest unseres Lebens erfahren dürfen, wie Christus sich seiner Gemeinde offenbart!
Brief 3 (Marketing- und Unternehmensberater)
Ich bin in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen und besuchte die Kirche bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Ich wusste, wie man als Christ lebt und sich zu benehmen hat. Ich war sozusagen ein Vorzeigekind.
Im Gymnasium und später auf dem College lernte ich Christen kennen, die eine Leidenschaft in mir weckten, die ich nie für möglich gehalten hätte. Sie strebten nach einer tiefen Christus-Erkenntnis und schienen Christus bereits besser zu kennen als ich. Die Begegnung mit ihnen machte mir die Oberflächlichkeit meines eigenen Glaubens und meiner mangelhaften Christus-Erkenntnis bewusst. Obwohl ich gerne zur Kirche ging, um mit meinen Freunden und meiner Familie zusammen zu sein, war Kirche für mich eher eine notwendige, zu ertragende Verpflichtung, um nach der Sonntagsschule, dem Gottesdienst oder der Jugendgruppe mit meinen Freunden abzuhängen.
So ließ ich die Predigten über mich ergehen und hoffte im Stillen, sie mögen endlich vorbei sein, damit wir anschließend ins Restaurant konnten. Wenige Minuten nach einer Predigt hatte ich ihren Inhalt vergessen. Ich hörte immer wieder: Du musst öfter in die Kirche, den „Zehnten“ geben, mehr in der Bibel lesen und deinen Glauben bezeugen. Bis ich jenen Christen begegnete, war mir nicht bewusst, dass keine der Kirchen, die ich besuchte, meinen Durst nach Jesus stillte. Statt Leben gaben sie mir Regeln und Vorschriften. Statt in Christus zu wachsen, „verdorrte ich am Weinstock“, ängstigte und schämte mich und fühlte mich unwürdig. Vom Herrn zu reden, machte mir keine Freude, und mir fehlte der Mut, Jesus vor Ungläubigen zu bekennen.
Ich fragte mich: Wenn du der gute Christ bist, für den du dich hältst, wieso fällst du immer weiter zurück? Je mehr Zeit ich mit diesen Christen verbrachte, desto dringlicher wurde mein Wunsch, Christus zu kennen, wie sie ihn kannten. Christus zog mich an wie eine Straßenlaterne Motten. Ich verbrachte zunehmend mehr Zeit mit ihnen und besuchte ihre Versammlungen. Diese waren frei und offen. Dort gab es weder eine Liturgie noch einen Pastor. Offensichtlich brauchte man diese nicht. Es gab genügend Gläubige, die dem Herrn begegnet waren und fähig waren, andere aufzubauen.
Sie brauchten keine Genehmigung sich zu Wort zu melden. Sie benötigten keinen, der sie unter einem Regelwerk lebloser Verpflichtungen begrub. Viele ihrer Lieder schrieben sie selbst. Reihum beteten sie füreinander; ihre Gebete kamen von Herzen und waren nicht einstudiert. Sie versammelten sich so, als wäre Jesus wirklich im Zimmer. Sie gingen liebevoll miteinander um wie in einer Familie.
Schon bald war mir klar, dass mir genau diese organische Art, Christus zu erfahren, fehlte. Ich lechzte danach, mich mit diesen Gläubigen zu treffen. Ich ging in ihre Zusammenkünfte und begegnete einem Herrn, der viel größer war, als dass er „nur“ für meine Sünden gestorben wäre. Ich fing an, ihn viel tiefer kennenzulernen.
Irgendwelchen Darbietungen beizuwohnen stellte mich nicht mehr zufrieden. In diesen organischen Zusammenkünften wünschte ich anderen zu erzählen, was ich selbst mit dem Herrn erlebt hatte. Auf einmal fiel es mir leicht, meine Passivität zu überwinden, aktiv am Geschehen teilzunehmen und zur Versammlung beizutragen. Jede Zusammenkunft durfte anders sein. Manchmal sangen wir stundenlang. Ein andermal konnten sich die Gläubigen kaum zurückhalten, von allem zu berichten, was Jesus in der vergangenen Woche in ihrem Leben getan hatte. Manchmal haben wir den Herrn einfach schweigend in Ehrfurcht verehrt. Keiner musste uns etwas vorschreiben. Der Geist wirkte, und alles geschah spontan und wie von selbst. Oft haben wir wie eine Familie zusammen gegessen. Manchmal unterhielten wir uns über Bibelstellen. Oder wir inszenierten Geschichten aus der Bibel, die uns Christus näherbrachten.
Wir trafen uns auch morgens unter der Woche: Brüder mit Brüdern, Schwestern mit Schwestern. Wir suchten den Herrn im Gebet und studierten gemeinsam die Schrift. Jeder Tag begann mit Christus. Am Abend luden wir uns gegenseitig ein zum Essen und zur Gemeinschaft mit Christus. Es gab Männerzusammenkünfte und Frauenstunden, bei denen wir uns berieten und gemeinsam Entscheidungen trafen für die Gemeinde. Wir übernahmen Verantwortung und sorgten füreinander.
Lag nichts Dringliches vor, dann sangen wir zum Herrn und suchten gemeinsam seine Gegenwart. Brauchte jemand Hilfe, überlegten wir uns eine Lösung. Manchmal segneten wir einander einfach so. Singles passten gelegentlich auf die Kinder auf und ermöglichten den Ehepaaren, abends auszugehen. Kehrte jemand von einer längeren Reise zurück, wurde er am Flughafen von der ganzen Gruppe empfangen: Gemeindeversammlung am Airport!
Immer und überall geschah etwas und ergaben sich Gelegenheiten, sich über Christus auszutauschen und gemeinsam den Herrn zu lieben. Oder wir gingen spontan raus, um den Verlorenen zu dienen. Egal, was wir unternahmen: Der Geist war frei sich unter uns zu bewegen und die Richtung vorzugeben. Wenn wir uns versammelten, sah ich einen verherrlichten und wunderbaren Christus. Wir entdeckten immer wieder Neues an ihm. Und jedes Mal wollte ich ihn tiefer erkennen. Das Schuld- und Schamgefühl und das Gefühl von Wertlosigkeit waren weg. Leidenschaftlich suchte ich Christus besser kennenzulernen.
Ich verdorre nicht mehr am Weinstock. Ich habe die Freiheit der Christen entdeckt, die organisch zusammenkommen – wie in der Urgemeinde.
Kurzum: Dieses Buch versucht eine Vision von Gemeinde neu zu entwerfen, die organisch zusammengefügt ist und beziehungsorientiert lebt. Sie ist bibelgemäß in ihrer Gestalt und richtet sich an Christus aus. Sie ist trinitarisch geprägt und lebt gemeinschaftlich. Dabei vermeidet sie jedes elitäre Auftreten und verbietet sich sektiererisches Verhalten.
Ich lade Sie auf eine Entdeckungsreise ein, ganz neu zu erkennen, was es aus Gottes Perspektive heißt, Gemeinde zu sein. Unser gemeinsamer Ausgangspunkt ist das Neue Testament.
Ich habe einen Traum
Ich träume davon, dass die Gemeinde Jesu Christi eines Tages ihrer von Gott gegebenen Berufung folgt und – ganz nah am Herzschlag des allmächtigen Gottes – ihrer wahren Identität gemäß lebt: als die Verlobte des Königs aller Könige.
Ich träume davon, dass Jesus Christus eines Tages wieder das Haupt seiner Gemeinde sein wird: nicht nur als frommes Lippenbekenntnis, sondern tatsächlich.
Ich träume davon, dass überall Gruppen von Christen die neutestamentliche Wirklichkeit ausleben werden: Gemeinde ist ein lebendiger Organismus und keine institutionelle Organisation.
Ich träume davon, dass die Unterscheidung zwischen Klerus und Laien eines Tages Geschichte sein wird, wenn nämlich der Herr Jesus das vermoderte System menschlicher Hierarchie, das ihn seiner rechtmäßigen Herrschaft unter seinem Volk beraubt hat, durch seine Person ersetzt haben wird.
Ich träume davon, dass weite Teile von Gottes Volk dieses von Menschen geschaffene System nicht länger hinnehmen, das sie in Religion versklavt und unter einem Berg von Schuld, Verpflichtungen und Verurteilungen begraben und sie zu Sklaven autoritärer Systeme und Führer gemacht hat.
Ich träume davon, dass die Vorherrschaft und Zentralität Jesu Christi Mittelpunkt, Lebensgrundlage und Herzensanliegen jedes einzelnen Christen und jeder Gemeinde wird. Gottes geliebtes Volk wird sich dann nicht mehr über religiöse und theologische Fragen entzweien lassen. Die gemeinsame Leidenschaft und das Streben aller gilt nur noch einer Person, nämlich dem Herrn Jesus Christus.
Ich träume davon, dass sich zahllose Kirchen und Gemeinden von Powerunternehmen in geistliche Familien verwandeln, in authentische auf Christus fokussierte Gemeinschaften, in denen einer den anderen persönlich kennt und bedingungslos liebt, in denen man miteinander leidet und sich ungeheuchelt aneinander freuen kann.
Ich habe heute einen Traum …4
TEIL 1
GEMEINSCHAFT LEBEN
1 Vgl. George Barna, Revolution (Carol Stream: Tyndale, 2005), 9, 39, 65, 107–108.
2 Kopernikus’ Schrift Über die Kreisbewegungen der Weltkörper markiert den Beginn der wissenschaftlichen Revolution.
3 T. Austin-Sparks, Words of Wisdom and Revelation, 49.
4 Nach Martin Luther King Jr. I Have a Dream; Rede gehalten am 28. August 1963 in Washington.
Kapitel 1: Umdenken – Gemeinde als Organismus
Die Bestürzung über eine neue Wahrheit steht in direktem Verhältnis zur Überzeugung, mit der zuvor der Lüge geglaubt wurde. Nicht, dass die Erde rund war, hat die Menschen beunruhigt, sondern dass sie nicht mehr flach sein sollte. Wenn den Massen nach und nach und über Generationen hinweg ein ausgeklügeltes Lügennetz verkauft worden ist, wird die Wahrheit gänzlich lächerlich aussehen und ihr Vertreter wie ein Verrückter erscheinen.
Dresden James
Der Dienst des Heiligen Geistes war stets, Jesus Christus zu offenbaren und ihm alle Dinge gefügig zu machen. Das kann kein auch noch so begabter Mensch leisten. Durch Studium, Forschung oder Vernunft können wir nichts Wesentliches aus dem Neuen Testament gewinnen. Alles hängt davon ab, dass der Heilige Geist uns Jesus Christus offenbart. Wir müssen ständig danach trachten, ihn durch den Geist zu erkennen. Dann wird uns klar werden, dass er selbst die Ordnung, Form und Gestalt ist. Eine Person ist die Summe aller Ziele und Wege. Alles, was [in der Urgemeinde] geschah, ließ sich auf die freie und spontane Bewegung des Heiligen Geistes zurückführen; und dieser orientierte sich ausschließlich an Gottes Sohn.
T. Austin-Sparks
Das Neue Testament bedient sich zahlreicher Bilder für die Gemeinde. Dabei fällt auf, dass alle Bilder etwas Lebendiges darstellen: ein Körper, eine Braut, eine Familie, ein neuer Mensch, ein lebendiger Tempel aus lebendigen Steinen, ein Weinberg, ein Acker, ein Heer, eine Stadt usw.
Jedes Bild verdeutlicht, dass die Gemeinde ein lebendiger Organismus und keine institutionelle Organisation ist. Wer wollte dem widersprechen? Doch was ergibt sich daraus für die Praxis? Und glauben wir das wirklich?
Die Gemeinde, von der wir im Neuen Testament lesen, war „organisch“. Damit meine ich, dass sie aus geistlichem Leben geboren und am Leben erhalten wurde und keine menschliche Erfindung, kein von menschlichen Hierarchien beherrschtes und von leblosen Riten geformtes Konstrukt darstellt, das von religiösen Programmen zusammengehalten wird.
Ein Vergleich macht dies deutlich: Eine von mir in einem Labor hergestellte Orange wäre nicht organisch. Dagegen würde aus einem in den Boden gelegten Organgenkern ein organischer Baum entstehen.
Ähnlich ergeht es sündigen, sterblichen Menschen, wenn sie eine Gemeinde nach Art eines Wirtschaftsunternehmens gründen wollen und dabei das organische Lebensprinzip von Gemeinde missachten. Eine organische Gemeinde entsteht auf natürliche Weise immer dann, wenn eine Gruppe von Menschen Jesus Christus wirklich begegnet ist (äußerliche kirchliche Requisiten braucht es dazu nicht) und die DNA (das Erbgut) der Gemeinde sich uneingeschränkt entfalten kann.
Auf den Punkt gebracht, ist organisches Gemeindeleben kein Theaterstück mit verteilten Rollen, sondern eine Gemeinschaft, die aus Gott lebt. Im Gegensatz dazu arbeitet die moderne institutionelle Kirche nach denselben Organisationsprinzipien, die in jedem modernen Wirtschaftsunternehmen herrschen.
Die DNA der Gemeinde
Sämtliche Lebensformen verfügen über eine DNA, einen genetischen Code. Dieser verleiht jeder Lebensform ihren charakteristischen Ausdruck. So enthält Ihre DNA den Bauplan für Ihren biologischen Körper und bestimmt Ihr Aussehen und Ihre seelischen Grundstrukturen.
Ist eine Gemeinde wirklich organisch, verfügt sie auch über eine DNA – über geistliches Erbgut. Wo finden wir die Gemeinde-DNA? Der Schlüssel liegt in Gott selbst.
Mit den Worten des Athanasischen Glaubensbekenntnisses: „So ist der Vater Gott, der Sohn Gott, der Heilige Geist Gott. Und doch sind es nicht drei Götter, sondern ein Gott“, bekennen sich Christen zum dreieinigen Gott.1 Das klassische Christentum lehrt, dass Gott als eine Gemeinschaft von drei Personen existiert: Vater, Sohn und Geist. Die Gottheit ist demnach eine Gemeinschaft aus drei Personen, eine „Dreieinigkeit“ oder „Trinität“, wie Theologen dazu sagen. Der Theologe Stanley Grenz schreibt:
Gottes trinitarisches Wesen bedeutet, dass Gott in Beziehung existiert: Er ist ein „gemeinschaftlicher“ Gott. Deshalb können wir von Gott als von einer „Gemeinschaft“ reden. Gott existiert in der Gemeinschaft von Vater, Sohn und Geist – in vollkommener und ewiger Gemeinschaft.2
Jahrelang habe ich präzise Lehraussagen zur Dreieinigkeit gehört. Für mein praktisches Leben hatten sie jedoch keinerlei Bedeutung. Ich empfand die Lehre von der Dreieinigkeit abstrakt und für die Praxis belanglos.
Später entdeckte ich, dass ein Verständnis für das aktive Leben innerhalb der Dreieinigkeit der entscheidende Schlüssel für sämtliche Aspekte des christlichen Lebens ist, einschließlich der Gemeinde.3 Es ist wie Eugene Peterson formuliert: „Die Trinität bildet den umfassendsten und integrativsten Rahmen, der uns zur Verfügung steht, um das christliche Leben zu verstehen und an ihm teilzuhaben.“4
Andere Theologen teilen seine Auffassung. Beispielsweise behauptet Catherine LaCunga: „Die Lehre von der Dreieinigkeit ist letztlich eine praktische Lehre mit radikalen Konsequenzen für das Leben jedes Christen.“5
Ganz ähnlich sieht es Miroslav Volf: „Der dreieinige Gott steht am Anfang und am Ende der christlichen Pilgerschaft und bildet somit das Herzstück des christlichen Glaubens.“6
Die biblische Lehre von der Dreieinigkeit ist keine abstrakte Spekulation über die Existenz Gottes. Vielmehr informiert sie uns über Gottes Wesen und Wirkungsweise innerhalb der christlichen Gemeinde. Als solche ist sie mehr als bloße Fußnote am Ende des Evangeliums, ist sie doch prägend für das Leben des Christen und ausschlaggebend für die Praxis der Gemeinde.7
Im ganzen Johannesevangelium macht Jesus Aussagen über sein Verhältnis als Sohn zum Vater. Er sagt: „Vater … du hast mich geliebt vor Grundlegung der Welt“ (Joh 17,24). „… damit aber die Welt erkenne, dass ich den Vater liebe …“ (Joh 14,31). Schon diese beiden Stellen bezeugen die gegenseitige Liebe innerhalb der Gottheit vor Grundlegung der Welt.
Bereits in den ersten Kapiteln der Genesis lernen wir, dass die Gottheit in Gemeinschaft lebt: „Lasst uns Menschen machen nach unserem Bilde“, heißt es da (1 Mo 1,26). Wir sehen hier, wie der dreieinige Gott mit sich berät und plant.
Im Johannesevangelium erfahren wir mehr über das Wesen der Gottheit, zum Beispiel, dass der Sohn sein Leben aus dem Vater hat (Joh 5,26; 6,57). Der Sohn teilt die Herrlichkeit seines Vaters und bringt sie zum Ausdruck (Joh 13,31-32; 17,4-5). Der Sohn lebt im Vater und der Vater im Sohn (Joh 1,18; 14,10). Der Sohn lebt in völliger Abhängigkeit vom Vater (Joh 5,19). Er sagt und tut ausschließlich, was der Vater ihm aufträgt (Joh 12,49; 14,9). Der Vater verherrlicht den Sohn (Joh 1,14; 8,50.54; 12,23; 16,14; 17,1.5.22.24) und der Sohn ehrt den Vater (Joh 7,18; 14,13; 17,1.4; 20,17).
Innerhalb der Dreieinigkeit entdecken wir gegenseitige Liebe, Gemeinschaft und Abhängigkeit, dazu gegenseitige Verehrung, Unterordnung, Innewohnung und authentisches Zusammenleben. In der Gottheit ergänzen sich Vater, Sohn und Geist, indem sie ihr Leben, ihre Liebe und ihre Gemeinschaft miteinander teilen und gegenseitig austauschen.
Erstaunlicherweise wurde diese Art von Beziehung dann vom Göttlichen ins Menschliche gebracht: vom Vater zum Sohn und vom Sohn zur Gemeinde (Joh 6,57; 15,9; 20,21). Sie kam aus der himmlischen Sphäre des ewigen Gottes zur Gemeinde auf der Erde, die der Leib des Herrn Jesus Christus ist.
Die Gemeinde ist somit eine organische Erweiterung des dreieinen Gottes. Sie wurde in Christus vor der Zeit beschlossen (Eph 1,4-5) und an Pfingsten geboren (Apg 2,1ff.).
Richtig verstanden ist die Gemeinde die versammelte Gemeinschaft derer, die Anteil haben an göttlichem Leben und dieses auf der Erde sichtbar machen. Mit anderen Worten ist die Gemeinde das irdische Bild des dreieinen Gottes (Eph 1,22-23).
Weil die Gemeinde organisch ist, hat sie auch einen natürlichen Ausdruck. Eine Gruppe von Christen, die ihrer geistlichen DNA folgen, versammeln sich gemäß der göttlichen DNA, teilen sie doch Gottes eigenes Leben. (Christen sind zwar nicht göttlich, doch haben wir das Vorrecht, „Teilhaber der göttlichen Natur“ zu sein; vgl. 2 Pt 1,4).
Folglich weist die DNA der Gemeinde dieselben Merkmale auf, die man beim dreieinigen Gott erkennt, insbesondere gegenseitige Liebe, Gemeinschaft, Abhängigkeit, Achtung, Unterordnung, Innewohnung und authentisches gemeinsames Leben. Anders gesagt hat die Gemeinde ihre Quelle in Gott. Deshalb kann Stanley Grenz behaupten: „Letztendlich wurzelt unser Gemeindeverständnis in der Beziehung zum Wesen des dreieinigen Gottes.“ 8
Der Theologe Kevin Giles unterstreicht diesen Gedanken, indem er die Dreieinigkeit als ein Modell hinstellt, „anhand dessen die Lehre von der Gemeinde zu formulieren ist. Dies vorausgesetzt, ist das Innenleben der göttlichen Dreieinigkeit zugleich Muster, Vorbild, Modell, Echo und Bild für das gemeinschaftliche Leben der Christen in der Welt.“9
Die Dreieinigkeit ist schlichtweg das Paradigma für den natürlichen Ausdruck der Gemeinde. Die beliebte Theologin Shirley Guthrie entfaltet diesen Gedanken, indem sie die Beziehungsnatur der Gottheit beschreibt:
Die Einheit Gottes ist nicht das Eins-Sein eines bestimmten, in sich geschlossenen Individuums, sondern die körperschaftliche Einheit von Personen, die einander lieben und harmonisch zusammenleben … In ihrer Beziehung zueinander definieren sie sich gegenseitig … Keiner steht von den anderen losgelöst für sich alleine da, es gibt weder ein Vor- noch ein Nachgeordnetsein, auch keine Rangordnung; genauso wenig herrscht eine Person über eine andere; weder gibt es eine privilegierte Stellung auf Kosten eines anderen, noch herrscht Streit darüber, wem welche Aufgabe zukommt. Die Personen der Gottheit haben es nicht nötig, ihre Unabhängigkeit und Autorität gegen die anderen auszuspielen. Es ist eine Gemeinschaft unter Gleichen, die alles miteinander teilen, was sie haben und sind. Hier leben drei Personen in gegenseitiger Transparenz, aufopfernder Liebe und gegenseitigem Beistand. Sie sind nicht frei von-, sondern frei füreinander. So ist die Beziehung zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist im inneren Kreis der Gottheit.10
Schauen wir uns noch einmal den dreieinigen Gott an und beachten dabei, was fehlt: Es lässt sich weder eine Befehlskette noch eine Hierarchie ausmachen.11 Es gibt auch kein passives Zuschauen und keine Vorherrschaft einer einzelnen Person. Außerdem fehlen religiöse Rituale und Programme. (Einige meinen, eine gewisse Hierarchie innerhalb der Dreieinigkeit zu erkennen, doch lässt sich diese weder biblisch noch geschichtlich nachweisen. Näheres dazu im Anhang.
Befehlsketten und Kommandostrukturen, Hierarchien, passive Gefolgschaft und teilnahmslose Beobachter, die Vorherrschaft Einzelner und religiöse Programme und Riten sind Erfindungen des gefallenen Menschen. Sie stehen in deutlichem Widerspruch sowohl zur DNA des dreieinigen Gottes als auch zur DNA der Gemeinde. Nach dem Tod der Apostel hat man bedauerlicherweise rasch nach solchen religiösen Praktiken gegriffen und ihnen damit den Zugang zum Christentum ermöglicht.12 Heute sind solche Bräuche zu markanten Merkmalen der institutionellen Kirche geworden.
Vier Paradigmen zur Wiederherstellung der Gemeinde
Im Folgenden nenne ich die vier wichtigsten Paradigmen, wie heute versucht wird, die Gemeinde zu erneuern:
Die Bibel als genaues Schema
Verfechter dieses Ansatzes gehen davon aus, dass das Neue Testament präzise Anweisungen zur gemeindlichen Praxis enthält. Demzufolge müssen wir lediglich das biblische Modell nachahmen. Wie ich aber zeigen werde, bietet das Neue Testament weder ein einfach kopierbares Schema für die gemeindliche Praxis noch legt es ein Regelwerk vor, das Christen zu beherzigen hätten.13 Der Neutestamentler F. F. Bruce schreibt: „Wenn wir das Neue Testament auf unsere Situation übertragen wollen, dürfen wir es nicht mit den Schriftgelehrten zur Zeit Jesu und ihrer Handhabung des Alte Testaments halten. Wir sollten das, was als Richtschnur für die Gläubigen in einer bestimmten Situation gedacht war, nicht zu einem allgemeingültigen Gesetz für alle Zeiten erheben.“14
Kulturelle Anpassungsfähigkeit
Die Vertreter dieses Paradigmas verweisen gerne auf den zeitlich bedingten Kulturwandel: Die Gemeinde im ersten Jahrhundert habe sich ihrer Kultur angepasst. Heute lebten wir allerdings in einem ganz anderen kulturellen Umfeld. Die Gemeinde müsse dieser Veränderung Rechnung tragen. Man fordert von der Gemeinde, sie solle sich in jedem Zeitalter gewissermaßen neu erfinden, um der jeweils vorherrschenden Kultur gerecht zu werden.
Diesem Ansatz liegt das „Kontextualisierungskonzept“ zugrunde. Kontextualisierung ist die theologische Methode, nach der die biblische Botschaft in den jeweiligen kulturellen Kontext zu übersetzen ist. Geht es um die Anwendung der Schrift, ist diese Methode freilich unverzichtbar. Solcher Kontextualisierung ist es zu verdanken, dass wir heute weder Sandalen noch Togen tragen und statt Griechisch Deutsch sprechen. Als Reisemittel haben wir Pferde gegen Autos getauscht.
Allerdings haben einige das Fähnchen der Kontextualisierung so hochgehalten, dass es zu einer Überkontextualisierung auf Kosten der Schrift und ihrer Gegenwartsrelevanz gekommen ist. Es besteht die Gefahr, dass die Kontextualisierung am Ende den biblischen Sinn bis zur Unkenntlichkeit entstellt und wir uns eine Gemeinde nach eigenem Gutdünken basteln. Vor dieser Gefahr warnt F. F. Bruce:
Die Übertragung des Evangeliums in die [kulturellen] Ausdrucksformen einer Generation ist ebenso notwendig wie seine Übersetzung in neue Sprachen. Wenn [jedoch] die überzogene kulturelle Anpassung des Evangeliums zur Verfälschung desselben führt, kann es schließlich ganz verloren gehen, und übrig bleibt am Ende, was Paulus „ein anderes Evangelium“ nennt, das eigentlich gar keines mehr ist (Gal 1,6f.). Hat sich die christliche Botschaft erst der herrschenden Meinung so sehr angeglichen, dass sie selbst nur ein weiterer Ausdruck dieser öffentlichen Meinung wird, dann kann man nicht mehr von der christlichen Botschaft sprechen.15
Ich bin vielen Anhängern des kulturellen Anpassungs-Paradigmas begegnet. Stets war ich überrascht, dass sie alle überzeugt waren, es gebe bezüglich der Gemeinde dennoch zeitlose und vom kulturellen Umfeld unabhängige Leitlinien. Die meisten Befürworter der kulturellen Anpassungsfähigkeit lehnen die Abschaffung etwa der Wassertaufe entschieden ab, und keiner von ihnen käme auf den absurden Gedanken, beim Abendmahl statt Brot und Wein Pommes frites und Limo zu reichen (ausgenommen Kinder unter zehn Jahren!).
Die kritische Frage indes bleibt: Welche Bräuche im Neuen Testament dürfen als bloße Beschreibungen angesehen werden, und welche haben normativen Charakter? Oder, um es anders auszudrücken: Welche Handlungen sind an die Kultur des ersten Jahrhunderts gebunden, und welche spiegeln das unveränderliche Wesen der Gemeinde wider?
Die Gefahren der Überkontextualisierung sind real, und viele christliche Verantwortungsträger sind ihnen unbeabsichtigt erlegen. Wir müssen uns davor hüten, einerseits biblische Grundsätze aufrechtzuerhalten, nur weil sie unseren Zwecken dienen, sie jedoch andererseits im Namen der „Kontextualisierung“ aufzugeben, wenn sie nicht in unser Konzept passen.
Fakt ist, dass nahezu alle Christen ihre Vorstellungen von Christsein und Gemeinde der Bibel entnehmen. (Ironischerweise berufen sich gerade die, die diesen Anspruch nicht für sich erheben, immer dann auf die Lehren Jesu oder des Paulus, um ihre speziellen Auffassungen zu belegen.) Die Urgemeinde war keineswegs vollkommen. Der Korintherbrief belegt dies auf eindrucksvolle Weise. Die ersten Christen schwärmerisch als fehlerlos hinzustellen, ist ein Irrtum.
Andererseits war die Gemeinde des ersten Jahrhunderts das Gründungswerk Jesu und seiner Apostel. Sofern die Gemeinden im ersten Jahrhundert die Lehren Jesu und der Apostel verwirklichten, dienen sie uns als Vorbild. J. B. Philips schreibt:
Der große Unterschied zwischen den Christen unserer Tage und jenen, von denen wir in den Briefen [des Neuen Testaments] lesen, besteht darin, dass das, was für uns in erster Linie Darstellung ist, für sie noch echte Erfahrung war. Wir neigen dazu, den christlichen Glauben auf gewisse Regeln zu reduzieren oder bestenfalls zu Herzensanliegen und Leitsätzen zu machen. Für jene Menschen aber brach eine neue Qualität von Leben in ihre Existenzen ein.16
Nachkirchliches Christentum
Dies ist der Versuch, Christsein ohne Zugehörigkeit zu einer identifizierbaren Gemeinschaft zu leben, die sich regelmäßig zu Anbetung, Gebet, Gemeinschaft und gegenseitiger Ermutigung sammelt. Befürworter von Christsein ohne Gemeinde halten spontane Gemeinschaft (zum Beispiel bei einer Tasse Kaffee) und persönliche Freundschaft für das, was das Neue Testament unter Gemeinde versteht. Wer sich zu diesem Paradigma bekennt, glaubt an eine gestaltlose, nebulöse Phantomgemeinde.
Solche Ansichten entbehren jeder neutestamentlichen Grundlage. Die Gemeinden im ersten Jahrhundert waren auffindbare, identifizierbare und erkennbare Gemeinschaften, die sich regelmäßig an bestimmten Orten versammelten. Deshalb konnte Paulus seine Briefe an spezifische Ortsgemeinden richten und dabei ganz bestimmte Leserkreise vor Augen haben (vgl. Röm 16). Wahrscheinlich wusste er sogar, wann sie sich trafen (vgl. Apg 20,7; 1 Kor 14) und mit welchen geistlichen Herausforderungen sie gemeinsam zu kämpfen hatten (vgl. Röm 12–14; 1 Kor 1–8). Der nachkirchliche Ansatz kann nicht als bibelgemäß gelten, entspricht aber freilich dem heutigen Wunsch nach Beziehungsnähe ohne Verbindlichkeit.
Organischer Ausdruck
Dies ist der Ansatz, den ich hier vertrete. Nach meiner Überzeugung schildert das Neue Testament die Entfaltung und Auswirkung der gemeindlichen DNA. Die Apostelgeschichte und die Briefe offenbaren uns die Genetik der Gemeinde Jesu Christi, wie sie sich in den jeweiligen Kulturen der Antike äußerte. Da Gemeinde ein geistlicher Organismus ist, bleibt ihre DNA unverändert. Ihre biologische Identität ist dieselbe gestern, heute und morgen. Die DNA der Gemeinde beinhaltet immer die folgenden vier Elemente:
1. Sie bringt stets zum Ausdruck, dass Jesus Christus das Haupt seiner Gemeinde ist und damit im Gegensatz zur Herrschaft des Menschen steht. (Ich sage „Haupt“, weil ich beides hervorheben möchte: Christus zugleich als Autorität und Ursprung der Gemeinde).17
2. Sie fördert und ermöglicht immer, dass alle Glieder am Leib ihren Beitrag leisten.
3. Sie wird sich gewissenhaft an der Theologie des Neuen Testaments ausrichten und dieser auf der Erde sichtbaren Ausdruck verleihen.
4. Stets wird sie in der trinitarischen Gemeinschaft Gottes gegründet sein.
Die Dreieinigkeit ist das Paradigma, an dem sich die gemeindliche Praxis zu orientieren hat. An ihr zeigt sich, wie Gemeinde sein sollte: eine hierarchiefreie Gemeinschaft der Liebe, Gleichberechtigung, Gegenseitigkeit und Zusammenarbeit.
F. F. Bruce hat einmal gesagt: „Entwicklung ist die Entfaltung von dem, was – wenn auch noch im Verborgenen – schon immer da war. Abweichung dagegen ist das Aufgeben eines Grundsatzes zugunsten eines anderen.18
Alles, was die Gemeinde befähigt, den dreieinigen Gott widerzuspiegeln, ist Entwicklung. Alles, was sie daran hindert, ist Abweichung.
Zusammen mit George Barna habe ich in Heidnisches Christentum? nachgewiesen, dass nur sehr wenig von der Praxis moderner, institutioneller Kirchen seine Wurzeln im Neuen Testament hat. Stattdessen haben von Menschen erfundene Praktiken das Bild der Kirche über die Jahrhunderte geprägt und verändert. Solche Bräuche jedoch unterminieren Christus in seiner Funktion als Haupt der Gemeinde und erschweren das Einander-Dienen der Glieder im Leib Christi. Zudem stehen sie im Widerspruch zur Lehre des Neuen Testaments und dem Vorbildcharakter der trinitarischen Gemeinschaft. Es ist, wie Emil Brunner treffend feststellt: „Die zerbrechliche Struktur der von Jesus gegründeten und vom Heiligen Geist gefestigten Gemeinschaft konnte nicht durch eine institutionelle Organisation ersetzt werden, ohne dass auch der gesamte Charakter der Ekklesia fundamental verändert wurde.“19
Warum werden viele dieser Bräuche verteidigt, obwohl sie in klarem Widerspruch zur Heiligen Schrift stehen? Weil religiöse Tradition eine unglaubliche Macht ausübt. Betrachten Sie einmal folgende Schriftstellen:
Das Gras ist verdorrt, die Blume ist abgefallen; aber das Wort unseres Gottes besteht in Ewigkeit (Jes 40,8).
Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist, sowohl der Gelenke als auch des Markes, und ein Beurteiler der Gedanken und Gesinnungen des Herzens (Heb 4,12).
Denn gleichwie der Regen und der Schnee vom Himmel herabfällt und nicht dahin zurückkehrt, er habe denn die Erde getränkt und befruchtet und sie sprossen gemacht, und dem Sämann Samen gegeben und Brot dem Essenden, also wird mein Wort sein, das aus meinem Munde hervorgeht; es wird nicht leer zu mir zurückkehren, sondern es wird ausrichten, was mir gefällt, und durchführen, wozu ich es gesandt habe (Jes 55,10-11).
Diese Stellen sprechen von der gewaltigen Kraft des Wortes Gottes. Das Wort Gottes bleibt für immer. Es wird vollbringen, wozu Gott es ausgesandt hat, es wird sein Ziel erreichen und wird nicht unverrichteter Dinge zurückkehren.
Und dennoch – trotz dieser unglaublichen Macht von Gottes Wort – gibt es etwas, das sich ihm aufhaltend in den Weg stellen kann: religiöse Tradition. Beachten Sie, was Jesus, das fleischgewordene Wort Gottes, gesagt hat:
Ihr habt so das Gebot Gottes ungültig gemacht um eurer Überlieferung willen (Mt 15,6).
Und an anderer Stelle:
Denn das Gebot Gottes aufgebend, haltet ihr die Überlieferung der Menschen … Trefflich hebet ihr das Gebot Gottes auf, auf dass ihr eure Überlieferung haltet (Mk 7,8-9).
Religiöse Traditionen haben unser Denken so sehr geprägt, unsere Herzen derart für sich eingenommen und unseren Wortschatz in einem Ausmaß beeinflusst, dass wir jedes Mal, wenn wir unsere Bibel aufschlagen, die gerade aktuellen kirchlichen Bräuche in den Text hineinlesen.
Sobald uns in der Bibel das Wort Hirte („Pastor“) begegnet, denken wir unwillkürlich an den Mann, der sonntags predigt.20 Sobald wir auf das Wort Gemeinde („Kirche“) stoßen, denken wir sofort an ein Gebäude oder an den Sonntagsgottesdienst. Fällt uns das Wort Ältester ins Auge, denken wir gleich an die Gemeindeleitung.
Das stellt uns vor die wichtige Frage: Wie kommt es, dass wir unsere eigene Kirchenpraxis so leicht ins Neue Testament hineinlesen können? Wir sind gewohnt, unser Bibelstudium nach der Methode „cut-and-paste“ (ausschneiden und einfügen) zu betreiben. Da werden „Beweisstellen“ aus ihrem Zusammenhang gerissen und neu arrangiert, um eigene Überzeugungen und Handlungen zu legitimieren. Das geschieht meist unbewusst und wird von zwei Faktoren begünstigt. Erstens entspricht die Anordnung der Briefe in unseren Bibeln nicht der Reihenfolge ihrer Entstehung. Zweitens sind sie in Kapitel und Verse eingeteilt.21
Der Philosoph John Locke hat das Problem auf den Punkt gebracht. Er schreibt:
Die Schrift wird zerhackt und auseinandergerissen. So, wie sie jetzt gedruckt wird, ist sie ganz zergliedert. Nicht nur das gemeine Volk gebraucht sie nun aphoristisch [indem es aus ihr Regeln formuliert], selbst gebildeten Männern entgeht beim Lesen nicht nur die Kraft, die in ihrem Zusammenhang liegt, sondern auch die davon abhängige Erkenntnis.22
Wenn das Neue Testament jedoch in chronologischer Reihenfolge und ohne Kapitel- und Verseinteilung gelesen wird, entfaltet sich eine wunderbare Erzählung. Die Geschichte bekommt Fleisch und Blut. Wenn wir das Neue Testament jedoch so lesen, wie es in den gängigen Bibelausgaben vorliegt, lesen wir eine zerstückelte Geschichte. Es fehlt der rote Faden.
Die griechische Mythologie berichtet von einem Mann namens Prokrustes. Er stand in dem Ruf, ein magisches Bett zu besitzen, das die einzigartige Eigenschaft hatte, jeden, der sich hineinlegte, der Größe des Bettes „anzupassen“. War der Gast zu klein, streckte Prokrustes dessen Körper so lange, bis er „passte“. Umgekehrt wurden zu große Gäste grausam gekürzt, bis auch sie „passten“.
Das moderne Kirchenkonzept gleicht einem solchen Prokrustes-Bett. Bibelstellen, die nicht ins Konzept der institutionalisierten Kirche passen, werden „gekürzt“ oder eben so lange „gestreckt“, bis sie ins Konzept passen. Die Methode „cut-and-paste“ erleichtert dieses Vorgehen. Wir reißen verschiedene Verse aus ihrem chronologischen und geschichtlichen Kontext und fügen sie zusammen, um eine bestimmte Lehre oder Praxis zu begründen. Im Gegensatz dazu gibt uns die chronologische Erzählung die Möglichkeit, unsere Schriftauslegung zu prüfen, und hindert uns daran, nach Gutdünken Verse auszuschneiden und einzufügen, damit die Bibel unsere vorgefassten Meinungen stützt.
Tatsache ist, dass ein Großteil unserer gängigen Gemeindepraxis nicht biblisch begründet ist. Solche von Menschen erdachten Bräuche stehen im Widerspruch zum organischen Wesen der Gemeinde. Weder geben sie die Wünsche Jesu Christi wieder, noch spiegeln sie sein Hauptsein und sein herrliches Wesen (wozu die Gemeinde eigentlich berufen ist). Stattdessen bezeugen sie die Inthronisierung menschlicher Ideen und Traditionen. Im Ergebnis ersticken sie den natürlichen Ausdruck der Gemeinde. Und wir rechtfertigen alles mit unserer „cut-and-paste“-Hermeneutik.
Die Beschädigung der gemeindlichen DNA
Einige Christen haben versucht, eine Reihe unbiblischer kirchlicher Praktiken dadurch zu rechtfertigen, dass sie behaupten, die Gemeinde ändere sich je nach Kultur und müsse sich ihrem jeweiligen Umfeld anpassen, in dem sie lebt. Man meint, Gott billige heute ein klerikales System, eine hierarchische Leiterschaft, passives Zuschauerverhalten im Gottesdienst, die „Ein-Mann-Shows“, den Gedanken des „Zur-Kirche-Gehens“ und eine Vielzahl anderer Bräuche, die im vierten Jahrhundert aufkamen, als die Christen die griechisch-römischen Sitten ihrer Umgebung übernahmen.
Ist die Gemeinde wirklich in jeder Kultur anders? Und wenn ja, sind wir dann frei, jede Aktivität in unseren Gottesdienst aufzunehmen? Oder könnte es nicht vielmehr sein, dass die Gemeinde heute sowohl in ihrer Theologie als auch in ihrer Praxis ein Zuviel an moderner westlicher Kultur in sich aufgenommen hat?
Zum Problem der Überkontextualisierung bemerkt Richard Halverson: „Als das Evangelium die Griechen erreichte, verwandelten sie es in eine Philosophie; die Römer machten daraus eine Verwaltung, die Europäer eine Kultur, während das Evangelium in den Händen der Amerikaner zum Geschäft wurde.“23 In Anlehnung an ein Pauluswort ist zu fragen: „Lehrt euch nicht die Natur …?“
Das Neue Testament sieht die Gemeinde eindeutig als eine biologische Wesenheit (vgl. Eph 2,15; Gal 3,28; 1 Kor 10,32; Kol 3,11; 2 Kor 5,17). Sie entsteht dann, wenn der lebendige Same des Evangeliums in die Herzen der Menschen gelegt wird und man ihnen erlaubt, sich ohne äußere Zwänge zu versammeln. Die DNA der Kirche bringt ganz bestimmte erkennbare Merkmale hervor: die Erfahrung authentischer Gemeinschaft, familiärer Liebe, gegenseitiger Unterordnung der Glieder; die Zentralität Jesu Christi; die angeborene Neigung, sich ohne starre Rituale zu versammeln; das instinktive Verlangen nach tiefen Beziehungen mit Jesus Christus als Mittelpunkt; den inneren Wunsch nach Zusammenkünften, in denen man sich frei äußern kann, und den aus Liebe gezeugten Impuls, Jesus einer gefallenen Welt zu offenbaren.
Während die Saat des Evangeliums diese besonderen Eigenschaften ganz natürlich hervorbringt, kann sich der Ausdruck dieser Merkmale von Kultur zu Kultur unterscheiden. Ich habe zum Beispiel einmal in Chile eine organische Gemeinde gegründet. Die Lieder, die die Geschwister schrieben, die Art, wie sie miteinander umgingen, wie sie saßen, und ihr Umgang mit den Kindern – all das unterschied sich von europäischen und amerikanischen organischen Gemeinden.
Die Grundmerkmale der DNA teilen sich jedoch alle Gemeinden. Keine organische Gemeinde hat je einen Klerus, einen einzelnen Pastor, ein hierarchisches System oder eine Gottesdienstordnung hervorgebracht, wodurch die Mehrheit zur Passivität verurteilt worden wäre.
In der Natur gibt es einen blühenden Strauch, die großblättrige Hortensie. Wenn man ihre Samen in einen Boden im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten legt, wird sie lila Blüten haben. In Brasilien oder in Polen werden die Blüten dieser Pflanze dagegen blau, anderswo violett.24
Eine großblättrige Hortensie wird aber niemals Dornen und Disteln hervorbringen oder Orangen und Äpfel. Auch wird sie nie so groß wie eine Kiefer. Warum nicht? Weil die Eigenschaften anderer Pflanzen der Hortensie-DNA fremd sind. So ist es auch mit der Gemeinde Jesu Christi, wenn sie fachmännisch gepflanzt und sich selbst überlassen wird, ohne dass ein Mensch versucht, sie durch institutionelle Zwänge zu bestimmen. Dann bringt sie kraft ihrer DNA ganz bestimmte Merkmale hervor. Wie die großblättrige Hortensie kann die Gemeinde je nach Kultur verschieden aussehen, aber sie behält ihren eigenen unverkennbaren Ausdruck, wenn man ihr nur Raum zur Entfaltung gibt.
Setzen wir Menschen diesem lebenden Organismus nun unser eigenes gefallenes System auf, verliert die Gemeinde ihre organischen Merkmale und es kommt zu Fehlbildungen und Erscheinungsformen, die ihrer eigenen DNA nicht entsprechen.
Lassen Sie mich eine tragische Geschichte erzählen, die dies veranschaulicht. Am 4. November 1970 entdeckte man ein außergewöhnliches dreizehnjähriges Mädchen. Seit frühester Kindheit lebte sie ohne Berührungen und soziale Kontakte. Man hatte Genie (wie man sie nannte) nie das Sprechen beigebracht und jeden menschlichen Umgang mit ihr vermieden. Genie war an einen Stuhl mit Töpfchen gefesselt und saß dort tagelang allein. Am Abend wurde sie in einen Schlafsack geschnürt, in dem sie ihre Arme nicht bewegen konnte. Machte sie Geräusche oder versuchte sie zu sprechen, schlug man sie.
Die Folge war, dass ihre natürlichen Eigenschaften für immer entstellt wurden. Genies Gang glich dem Hoppeln eines Kaninchens. Ihre Hände hielt sie wie Pfoten. Feste Nahrung konnte sie nicht zu sich nehmen, Schlucken fiel ihr schwer. Sie spuckte und schniefte häufig. Auf Gegenstände in mehr als vier Meter Entfernung, konnte sie ihren Blick nicht fokussieren. Ihre Sprechen war auf ein kurzes und schrilles, kaum zu verstehendes Quieken beschränkt.
Nachdem man Genie aus ihrer entsetzlichen Behausung befreit hatte, vergrößerte sich ihr Wortschatz schlagartig. Trotzdem konnte sie keine zusammenhängenden Sätze bilden. Was war geschehen? Einige Wissenschaftler vermuteten eine Veränderung ihrer Erbanlagen (DNA) als Folge falscher Ernährung und mangelnder Sozialkontakte.
Übertragen wir diese Geschichte auf den geistlichen Sachverhalt: Ähnlich der großblättrigen Hortensie wird auch eine organische Gemeinde von ihrem gesellschaftlichen Umfeld beeinflusst. Oder – wie im tragischen Fall von Genie – kann eine Kultur den natürlichen Ausdruck einer Gemeinde bis zur Unkenntlichkeit entstellen und ihr natürliches Wachstum beeinträchtigen. Nach meiner Überzeugung ist es der Gemeinde im Laufe ihrer Geschichte so ergangen. Folglich gleicht das, was wir heute „Kirche“ nennen, nicht dem, was Gott sich ursprünglich darunter vorgestellt hat.
Die Gemeinde ist von ihrem Wesen her organisch. Wenn man sich nicht in ihr natürliches Wachstum einmischt, wächst sie zu einer schönen Frau heran: ein lebendiges Zeugnis der Herrlichkeit ihres Bräutigams, Jesus Christus. Sie wird nicht die Züge eines Wirtschaftsunternehmens annehmen, sondern vielmehr etwas ganz anderes, etwas völlig Einzigartiges auf diesem Planeten sein, genauso einzigartig wie Jesus Christus, als er auf Erden war. Immerhin ist sie sein Leib und vom Wesen her identisch mit Gottes Wesen.
Dieses Buch stellt den Versuch dar, Gemeinde wieder als Abbild des dreieinigen Gottes zu sehen. Es versucht, die Praxis der Gemeinde in der ewigen Gottheit zu verankern, nicht in den Wanderdünen sich verändernder kultureller Modeerscheinungen, in den schlammigen Gründen biblizistischer Schemata oder in den verseuchten Gewässern religiöser Tradition.
Fragen zum Weiterdenken
• Glauben Sie, dass uns das Neue Testament so etwas wie eine Leitlinie für das Gemeindeleben an die Hand gibt, oder sollten wir es als irrelevant verwerfen?
• Wenn Sie an die an die Kirchen bzw. Gemeinden denken, die Sie einmal besucht haben bzw. noch besuchen. Inwiefern brachten sie das Gemeinschaftsleben des dreieinigen Gottes zum Ausdruck?
• Was bedeutet es, dem Wort Gottes in Bezug auf unsere Gemeindepraxis treu zu bleiben? Wie steht es mit unserem persönlichen Leben und Verhalten?
• Auf welcher Basis bestimmen wir, was im Neuen Testament maßgebend und zeitlos ist und was dagegen nur nebensächlich ist und mit der Kultur des 1. Jahrhunderts zusammenhängt.
1 Zum besseren Verständnis der Dreieinigkeit empfehle ich The Forgotten Trinity von James R. White (Minneapolis: Bethany House, 1998). Den Thesen der Evangelical Theological Society zufolge ist „Gott eine Dreieinigkeit aus Vater, Sohn und Heiligem Geist; die Personen sind wesensgleich und gleich an Macht und Herrlichkeit.“
2 Stanley Grenz, Created for Community, 52.
3 John P. Whalen und Jaroslav Pelikan beklagen den bedauernswerten Zustand der christlichen Theologie. Nach ihrer Überzeugung halten viele Kirchenvertreter die Dreieinigkeit für ein „Museumsstück mit nur wenig oder keinem Bezug zu den kritischen Problemen der Gegenwart in Leben und Denken.“ (Edmund J. Fortman, The Triune God: A Historical Study of the Doctrine of the Trinity (Philadelphia: Westminster Press, 1972)], xiii).
4 Eugene Peterson, Christ Plays in Ten Thousand Places (Grand Rapids, MI: Eerdmans, 2005), 45.
5 Zitiert nach Ted Peters, God as Trinity, 122.
6 Miroslav Volf, God’s Life in Trinity (Minneapolis: Fortress Press, 2006), xiv. Es herrscht heute weitgehend Konsens unter evangelikalen und anderen Theologen, was die zentrale Stellung der Dreieinigkeit im christlichen Leben betrifft. Vgl. das Literaturverzeichnis im Anhang: viele ihrer Arbeiten sind dort aufgelistet.
7 Eine gute Abhandlung zur Bedeutung der Dreieinigkeit für die Gemeinde findet sich in Kevin Giles, What on Earth is the Church?, 212-229.
8 Stanley Grenz, Theology for the Community of God, 482.
9 Kevin Giles, What on Earth Is the Church? (London: SPCK, 1995), 222.
10 Zitiert nach Kevin Giles, The Trinity and Subordinationism (Downers Grove: InterVarsity Press, 2002), 103.
11 Joh 5,30, 14,28.31 und 1 Kor 11,3 stehen in keinem Widerspruch dazu. Diese Stellen beziehen sich auf die freiwillige Unterordnung Christi in seiner irdischen Existenz als Mensch unter Gott den Vater. Er veranschaulichte damit, was es für einen Menschen heißt, sich Gott unterzuordnen. Diese Stellen belegen weder eine hierarchische Struktur noch eine Befehlsordnung innerhalb der Gottheit. Deshalb weisen Theologen jede Vorstellung von einer Hierarchie innerhalb der Gottheit entschieden zurück. In seinem Buch Gemeinschaft (Gerth Medien, 2005) weist Gilbert Bilezekian nach, dass die Kirche den Gedanken einer Subordination innerhalb der Gottheit stets als heidnisches Gedankengut zurückgewiesen hat. Vgl. Kevin Giles, The Trinity & Subordinationism (Downers Grove: InterVarsity Press, 2002); Jesus and the Father (Grand Rapids: Zondervan, 2006); Miroslav Volf, After Our Likeness.
12 Vgl. Frank Viola & George Barna, Heidnisches Christentum?
13 Dieses Prinzip ist zurückzuführen auf die Lehre „Wo die Schrift schweigt“ bzw. auf das so genannte „Regulativprinzip“. Meines Erachtens sind beide in hohem Maße gesetzlich und nicht praktisch umsetzbar. Sie gehen am Ziel vorbei. Das Neue Testament hat uns kein Gesetz gegeben, dem wir folgen müssten. Es ist so, wie Paulus schreibt: „Der Buchstabe [das Gesetz] tötet, der Geist macht lebendig“ (2 Kor 3,6).
14 F. F. Bruce, A Mind for What Matters, 263.
15 F. F. Bruce, The Message of the New Testament (Grand Rapids: Eerdmans, 1972), 98.
16 J. B. Philips, aus dem Vorwort zu „Briefe an junge Gemeinden“.
17 Damit stimme ich jenen Theologen zu, für die „Haupt“ in Bezug auf Christus sowohl „Kopf“ als auch „Quelle“ bedeutet. Vgl. F. F. Bruce, The Epistles to the Colossians, to Philemon, and to the Ephesians (Grand Rapids: Eerdmans, 1984), 68-69, 274-75; vgl. Francis Foulkes, Ephesians (Grand Rapids: Eerdmans, 1989), 73-74.
18 F. F. Bruce, A Mind for What Matters, 238.
19 Emil Brunner, Das Missverständnis der Kirche (Zürich: TVZ, 1988), 61.
20 Interessanterweise kommt das Wort „Pastor“ (Hirte) im Neuen Testament nur an einer einzigen Stelle vor (Eph 4,11), und da in seiner Mehrzahlform („Hirten“).
21 Zur Geschichte der nicht-chronologischen Reihenfolge des Neuen Testaments und deren Einteilung in Kapitel und Verse vgl. Frank Viola & George Barna, Heidnisches Christentum?, Kap. 11.
22 Zitiert nach David King (Hrsg.), The Bible Advocate and Precursor of Unity (London: A. Hall & Co, 1848), 126.
23 George R. Hunsberger & Craig Van Gelder (Hrsg.), The Church Between Gospel and Culture (Grand Rapids, MI: Eerdmans, 1996), 149.
24 Mit Magie hat das freilich wenig zu tun: Der Grund liegt im unterschiedlichen pH-Wert des jeweiligen Bodens.
Kapitel 2: Umdenken – Wie treffen wir uns?
Einige Institutionen sind so alt und ehrbar geworden, dass der Gedanke an ihre Schließung geradezu als Sakrileg erscheint.
F. F. Bruce
Die gesamte reformatorische Theologie suchte die organisierte Kirche neu zu strukturieren, ohne an ihren Grundfesten zu rütteln.
John Howard Yoder
Der Christ spricht gewöhnlich davon, „in die Kirche“ zu gehen. Damit ist die Teilnahme an einem Gottesdienst gemeint. Die Ausdrücke „zur Kirche gehen“ oder „am Gottesdienst teilnehmen“ sind dem Neuen Testament aber fremd. Beide Vorstellungen kamen lange nach dem Tod der Apostel auf. Der Grund dafür ist einfach: Die frühen Christen kannten solche Vorstellungen nicht. „Gemeinde“ war für sie kein Ort, wo man hingehen konnte. Sie verstanden ihre Treffen auch nicht als „(Gottes-)Dienste“.
Wenn wir das Neue Testament im Sinne des frühchristlichen Verständnisses lesen, wird klar, dass es vier Arten von Versammlungen gab:
• Apostolische Treffen: Das waren ganz besondere Versammlungen; die apostolischen Arbeiter predigten einer aktiv beteiligten Zuhörerschaft. Ihr Ziel war es, entweder eine neue Gemeinde zu gründen oder eine existierende zu ermutigen. Die zwölf Apostel hielten solche Treffen im Tempelvorhof in Jerusalem ab, als die Jerusalemer Gemeinde entstand (vgl. Apg 5,40-42). Paulus hielt ähnliche Treffen in der Schule des Tyrannus ab, als er die Gemeinde in Ephesus gründete (vgl. Apg 19,9-10; 20,27.31). Dabei sind für solche Treffen zwei Merkmale beobachtbar: Der apostolische Arbeiter tat die meiste Arbeit, und sie waren immer zeitlich begrenzt. Die Treffen hatten das Ziel, die Gläubigen vor Ort so zuzurüsten, dass sie unter der Leitung Jesu Christi leben und wirken konnten und somit keine menschliche Leitung vonnöten war (vgl. Eph 4,11-16; 1 Kor 14,26). Danach überließ der Apostel die Gemeinde sich selbst.1
• Evangelistische Treffen: Im ersten Jahrhundert wurde gewöhnlich außerhalb der regulären Gemeindetreffen evangelisiert. Die Apostel predigten das Evangelium dort, wo die Ungläubigen waren. Die Synagoge (Juden) und der Markt (Heiden) zählten zu den bevorzugten Einsatzorten (vgl. Apg 14,1; 17,1-33; 18,4,19). Evangelistische Treffen dienten dem Ziel, eine neue Gemeinde zu gründen oder eine bestehende zu vergrößern. Sie fanden nach Bedarf statt und waren keine feste Einrichtung der Gemeinde. Die Reise des Philippus nach Samaria ist ein Beispiel dafür (vgl. Apg 8,5ff.).
• Treffen zur Entscheidungsfindung: Manchmal musste man zusammenkommen, um wichtige Entscheidungen zu treffen. Zu dieser Art Versammlung zählt etwa das Konzil zu Jerusalem (vgl. Apg 15). Eines der Hauptmerkmale dieser Versammlung war, dass alle am Entscheidungsprozess beteiligt waren. Die Apostel und Ältesten halfen bei diesem Prozess (Näheres dazu in Kapitel 10).
• Gemeindeversammlungen: Dies waren die regulären Versammlungen der Gemeinde und entsprachen unseren „Gottesdiensten“ am Sonntagmorgen. Allerdings waren sie radikal anders.
Im ersten Jahrhundert waren die Treffen der Gemeinde in erster Linie Treffen der Gläubigen. Das wird aus dem Zusammenhang in 1. Korinther 11–14 klar. Zwar waren zuweilen auch Ungläubige anwesend, sie standen aber eher am Rande. Paulus erwähnt die Ungläubigen flüchtig in 1. Korinther 14,23-25.
Anders als heute waren dies keine Treffen, bei denen vorne ein Pastor stand, der eine Predigt hielt, und der Rest passiv zuhörte. Der Gedanke an einen predigtzentrierten Gottesdienst mit einer Zuhörerschaft, die von Kirchenbänken zur Kanzel sah, war den frühen Christen fremd.
Gegenseitige Erbauung
Der heutige wöchentliche „Gottesdienst“ dient der Anbetung, der Predigt und in einigen Fällen der Evangelisation. Die Gemeinde des ersten Jahrhunderts dagegen hatte andere Absichten. Hier ging es um die gegenseitige Erbauung. Betrachten Sie folgende Stelle:
Wie ist es nun, ihr Brüder? Wenn ihr zusammenkommt, so hat jeder von euch etwas: einen Psalm, eine Lehre, eine Sprachenrede, eine Offenbarung, eine Auslegung: alles lasst zur Erbauung geschehen! (1 Kor 14,6).2
Und lasst uns aufeinander achtgeben, damit wir uns gegenseitig anspornen zur Liebe und zu guten Werken, indem wir unsere eigene Versammlung nicht verlassen, wie es einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen, und das umso mehr, als ihr den Tag herannahen seht! (Heb 10,24-25).
Die regulären und schriftgemäßen Versammlungen der Gemeinde erlaubten jedem Mitglied, sich am Aufbau des Leibes Christi zu beteiligen (vgl. Eph 4,16). Es gab keinen, der alles anführte, keinen, der in der „Mitte“ stand.
Wenn sich die Gemeinde damals traf, so war es nicht jedes Mal dieselbe Person, die lehrte. Jedes Mitglied hatte das Vorrecht und die Verantwortung, der Gemeinde zu dienen. Gegenseitige Ermutigung war das Kennzeichen der Versammlungen. „Jeder von euch“: so lautete das Motto.
Die frühen Christen beteten Gott mit Gesang an, übertrugen diese Aufgabe aber keinem Chor professioneller Musiker. Jeder konnte ein Lied anstimmen. „Jeder von euch hat einen Psalm“, sagt Paulus (vgl. 1 Kor 14,26). Auch die Lieder selbst waren von Gegenseitigkeit geprägt. Beachten sie die Ermahnung des Paulus:
Lasst das Wort des Christus reichlich in euch wohnen in aller Weisheit, lehrt und ermahnt einander und singt mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern dem Herrn lieblich in euren Herzen (Kol 3,16).
Redet miteinander in Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern; singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen (Eph 5,19).
Das Prinzip des „Einander“ zählte zu den vorherrschenden Grundsätzen der frühkirchlichen Versammlungen. Ganz ungezwungen schrieben die Christen ihre eigenen Lieder und sangen sie sich vor.3 Jeder Christ, dem der Heilige Geist etwas eingab, hatte die Freiheit, seinen Beitrag und seine Gabe beizusteuern.
Denn ihr könnt alle einer nach dem anderen weissagen, damit alle lernen und alle ermahnt werden (1 Kor 14,31).
In 1. Korinther 11–14 gibt uns Paulus einen Einblick in die Versammlung der Gemeinde des ersten Jahrhunderts. Wir sehen eine Gruppe von Menschen, die alle aktiv am Geschehen beteiligt sind. Freiheit, Offenheit und Spontaneität sind die Hauptmerkmale dieser Versammlung. „Einer dem anderen“ heißt das Motto; gegenseitige Erbauung ist das oberste Ziel.
Christus, der Leiter der neutestamentlichen Versammlung
Die neutestamentlichen Treffen der Gemeinde hingen völlig von der Leitung Jesu Christi ab. Christus stand im Vordergrund. Er war Maß und Mitte. Er sagte, welche Ziele zu verfolgen waren und was geschehen sollte. Wenn auch seine Leitung dem menschlichen Auge verborgen blieb, war dennoch klar, wer hier den Ton angab, nämlich er selbst.
Der Herr Jesus konnte in diesen Versammlungen sprechen durch wen er wollte und auch in dem Ausmaß, in dem er es wünschte. Es gab keine festgelegte Liturgie, die ihm die Hände gebunden oder ihn sonstwie behindert hätte.
Die Gemeindeversammlung funktionierte nach dem Prinzip „runder Tisch“: Jeder war aufgefordert, sich zu beteiligen. Der traditionelle Gottesdienst dagegen funktioniert nach dem Prinzip „Kanzel – Kirchenbank“. Dies teilt die Mitglieder in wenige aktive und viele passive auf, weshalb manche dies auch „Zuhörerkirche“ nennen.
In der Gemeinde des ersten Jahrhunderts stand weder die Predigt noch „der Prediger“ im Vordergrund. Die göttliche Regel hieß vielmehr: Die ganze Gemeinde macht mit. Die Versammlung war nicht-liturgisch, ohne Rituale und ganz unsakral. Nichts war oberflächlich; alles entsprang der lebendigen Gegenwart Christi.
Die Versammlung zeugte von einer flexiblen Spontaneität, die völlig unter der Leitung des Geistes Gottes stand. Er konnte sich eines jeden Einzelnen nach Belieben bedienen (vgl. 1 Kor 14,26.31). Wenn man ihm erlaubte, die ganze Versammlung zu leiten, so führte das zu größter Ordnung (vgl. 1 Kor 14,40).
Auf diese Weise leitete der Heilige Geist die Versammlung; wenn jemand etwas von ihm empfing, während gerade jemand anderes sprach, so war der zweite frei, seinen Gedanken einzubringen (vgl. 1 Kor 14,29-30). Unterbrechungen gehörten daher einfach dazu (vgl. 1 Kor 14,27-40). Derlei wäre in heutigen Kirchen undenkbar. (Stellen Sie sich nur vor, was geschähe, wenn Sie den Pastor während seiner Predigt unterbrächen, weil Sie etwas erkannt haben.)
Im Neuen Testament finden wir nirgends einen Hinweis darauf, dass die Gemeindeversammlung von einer Person geleitet werden sollte, ja, in der ganzen Bibel findet sich kein Hinweis darauf, dass die Mitte der Gemeindeversammlung eine Kanzel oder ein einzelner Mann sein sollte.4 John Howard Yoder schreibt:
Es gibt wohl kaum eine verlässlichere Konstante der menschlichen Gesellschaft als den Bereich, den man dem berufenen Priester zugeordnet hat … Wenn wir allerdings einen Blick auf die neutestamentliche Literatur werfen und sie auf diese Vorstellung hin befragen: Gibt es wirklich diesen Beruf, den nur einzelne oder wenige einnehmen sollten und der seiner einzigartigen Stellung nach der jeweiligen Person zum Lebensunterhalt dient, der auch ein integraler Bestandteil der Kirche und für ihr Funktionieren maßgeblich ist? Die Antwort der Bibel ist ein kategorisches „Nein“ … Wir sollten daher nicht auf ein klares und solides Predigtkonzept bedacht sein, sondern danach fragen, ob das Neue Testament unter all den verschiedenen Diensten überhaupt einen Predigtdienst kennt. Bei der Aufzählung der verschiedenen Dienste taucht ein solcher weder in der größten Vielfalt (Korintherbrief) noch in der geringsten Vielfalt (Pastoralbriefe) auf.5
Die bemerkenswerteste Eigenschaft der frühchristlichen Versammlungen dürfte in der Abwesenheit eines Gemeindeleiters bestehen. Jesus Christus leitete die Versammlung der Gläubigen durch den Heiligen Geist. „Einer dem anderen“ war das Ergebnis; von diesem Geist war die Versammlung durchdrungen. Kein Wunder, dass das Neue Testament diese Wortkombination beinahe sechzigmal gebraucht. Jedes Gemeindeglied kam mit dem Wissen in die Versammlung, dass es das Privileg und die Verantwortung hatte, etwas von Christus beizusteuern. Nebenbei bemerkt hatten auch Frauen das Recht, sich an den Versammlungen zu beteiligen.6
Man mag dagegenhalten: In meiner Gemeinde habe ich durchaus das Recht, mich zu beteiligen. Meine Frage lautet: Dürfen Sie sich auch an großen Versammlungen beteiligen, etwa wenn alle Mitglieder da sind? Dürfen Sie jederzeit aufstehen und etwas sagen, eine Lehre, eine Ermahnung, ein Lied oder was sonst Ihnen der Herr ans Herz gelegt hat? Noch wichtiger: Werden Sie ermutigt, dies zu tun?
Seien Sie ehrlich: Der Gedanke, dass sich alle gegenseitig dienen, wie er im Neuen Testament zutage tritt, ist doch wohl weit von dem entfernt, was wir in einer typisch institutionellen Kirche als eng gefassten Begriff des „Laiendienstes“ kennen. Die meisten organisierten Kirchen bieten eine Fülle von ehrenamtlichen Positionen an, wie z. B. Rasenmähen im Pfarrhof, das Begleiten der Besucher zu den Sitzplätzen, die Begrüßung am Eingang, Zettel verteilen, die Sonntagsschule unterrichten, Singen im Chor oder – bei entsprechender Begabung – in der Lobpreisgruppe, Folien auflegen oder PowerPoint-Präsentationen weiterklicken usw.
Diese eingeschränkten „Dienste“ sind aber Lichtjahre entfernt von jener freien und offenen Ausübung der geistgegebenen Gaben, die der ganzen Versammlung zugutekommen sollen.
Die Notwendigkeit eines funktionierenden Priestertums
Was ist der Grund für diese Vorgehensweise der frühen Kirche? War das bloß vorübergehende Kulturtradition? War das nur die Kindheit der Kirche, wie manche meinen, war es ihre Unwissenheit, ihre noch mangelnde Reife? Ich bin nicht davon überzeugt. Die Versammlungen des ersten Jahrhunderts waren tief in der biblischen Theologie verwurzelt. Man setzte die neutestamentliche Lehre vom Priestertum aller Gläubigen in die Tat um, eine Lehre, die für alle Evangelikale ein Lippenbekenntnis ist.
Was besagt diese Lehre? Nach den Worten des Petrus sind alle Gläubigen geistliche Priester; sie alle sind dazu aufgerufen, ihrem Herrn „geistliche Opfer“ zu bringen. Oder mit Paulus gesprochen: Alle Christen sind lebendige Glieder am Leib Christi. Die Versammlung mit offener Beteiligung nach neutestamentlichem Vorbild entspricht unserer geistlichen Natur. Jeder Christ hat die (neu) angeborene Neigung, sich mit anderen Christen zu treffen, um sich in offener Atmosphäre über den gemeinsamen Herrn auszutauschen. Ritual und Programm würden hier nur störend wirken. Man will schließlich sein Herz ausschütten, will sagen, was Gott hineingelegt hat.
Denken Sie nur an die Erweckungen der Vergangenheit. Wenn Sie sich mit diesen Erweckungen schon einmal befasst haben, dann wissen Sie, dass diese eine Zeit lang den traditionellen Gottesdienst ausgesetzt haben. Die Prediger pausierten oft monatelang. Stattdessen versammelte sich das Volk Gottes stundenlang, sang, bezeugte und sprach über Gott. Man traf sich ganz spontan. Es waren offene Treffen, an denen sich jedermann beteiligen durfte. Niemand leitete diese Treffen.
Warum geschah dies? Weil sich Gottes Volk auf seine Instinkte verließ; niemand hielt die Gezeitenflut des Heiligen Geistes auf, niemand hinderte ihn an seinem Wirken. Sobald die Wasser aber zurückgegangen waren, kehrte man schnell zur jahrhundertealten, gewohnten, protestantischen Gottesdienstpraxis zurück. Fast überall kamen die offenen Versammlungen zum Erliegen.
Im Grunde spiegelten die Gemeindeversammlungen des ersten Jahrhunderts das wider, was schon von Ewigkeit her im dreieinigen Gott stattgefunden hatte: selbstloses Leben, selbstlose Liebe und Gemeinschaft. Durch den Heiligen Geist schenkt sich der Vater ewiglich dem Sohn und umgekehrt. Das gemeinschaftliche Leben der frühen Kirche war der irdische Abglanz dieses göttlichen Austausches.
Die Gemeindeversammlungen der frühen Kirche bildeten das gottgeschaffene Umfeld, das geistliches Wachstum – gemeinsames und individuelles Wachstum – hervorbrachte (vgl. Eph 4,11-16). Wenn die verschiedenen Glieder des Leibes in Christus dienen, wachsen wir hinein in die ganze Fülle Gottes (vgl. Eph 3,16-19), und wenn wir lebendige Glieder an diesem Leib sind, wachsen wir auch als Einzelne (vgl. Mk 4,24-25).
Die geistliche Nahrung des Gläubigen in einer institutionellen Kirche dagegen hängt im Wesentlichen von der geistlichen und theologischen Vorbereitung weniger Leute ab. Könnte dies der Grund dafür sein, weshalb sich in unseren heutigen Kirchen so wenig tut?7
Über die prägende Natur des gemeinsamen Zusammenwirkens am Leib Christi schreibt John Howard Yoder: „Die Konsequenz ist unvermeidlich: Die Vielzahl der Dienste ist keine bloße Nebensächlichkeit, kein glücklicher Umstand von nur oberflächlicher Bedeutung, sondern die besondere Auswirkung der Gnade und damit ein Maßstab für die Kirche“.8 Freilich kann und soll der Christ auch außerhalb der Versammlung Christ sein. Die Versammlung der Gemeinde ist aber speziell dafür da, dass der einzelne Gläubige Christus durch seine Gabe(n) zum Ausdruck bringt (vgl. 1 Kor 11–14; Heb 10,24-25). Unglücklicherweise hat die institutionalisierte Kirche das Prinzip des „Einander“ vom Gottesdienst ausgeschlossen. Das aber bremst das geistliche Wachstum der Gemeinde.
Die Reformation hat das Priestertum aller Gläubigen wiederentdeckt. Sie versagte aber, als es galt, dies in die Praxis umzusetzen. Die reformatorische Sichtweise von der Priesterschaft der Gläubigen beschränkte sich auf das Individuum. Die Reformation beschränkte sich auf die Soteriologie (die Lehre von der Erlösung) und versäumte es, auch die Ekklesiologie (die Lehre von der Gemeinde) mit ins Spiel zu bringen. Die Reformatoren beanspruchten zwar den Grund und Boden, auf dem das Priestertum der Gläubigen stand, versäumten es aber, diesen Boden auch zu besetzen und zu bebauen. In einer typisch protestantischen Kirche ist die Lehre vom Priestertum der Gläubigen nicht mehr als eine sterile Wahrheit. Man sollte richtiger „Priesterschaft einiger Gläubiger“ dazu sagen.
Kaum etwas trägt mehr zum geistlichen Leben und Wachstum bei als die offene Beteiligung in der Gemeinde, wie sie im Neuen Testament beschrieben wird. Gott hat die offene Beteiligung eingesetzt, um die herrliche Wirklichkeit eines voll wirksamen Priestertums zu verkörpern, das Christus zum Ausdruck bringt.
Der Verfasser des Hebräerbriefs zeigt zur Genüge, dass die gemeinsame Teilnahme am Leib für die geistliche Beschaffenheit jedes Mitglieds lebenswichtig ist. Gegenseitige Ermahnung ist das göttliche Gegengift zur Vermeidung von Abtrünnigkeit, sagt er, die göttliche Voraussetzung zur Beharrlichkeit des Gläubigen, ja, das göttliche Mittel zur Ausbildung des geistlichen Lebens:
Sehet zu, Brüder, dass nicht jemand von euch ein böses Herz des Unglaubens habe, im Abfall begriffen vom lebendigen Gott, sondern ermahnt einander jeden Tag, solange es heute heißt, damit nicht jemand unter euch verstockt werde durch den Betrug der Sünde! (Heb 3,12-13).
Die gegenseitige Ermahnung ist die Abhilfe gegen ein verhärtetes, ungläubiges Herz und gegen einen betrogenen Verstand. In gleicher Weise spricht das Neue Testament auch von der gegenseitigen Ermahnung als vom göttlichen Schutz gegen mutwillige Sünde:
Lasst uns aufeinander achten, uns gegenseitig anspornen zur Liebe und zu guten Werken, indem wir unsere eigene Versammlung nicht verlassen, wie einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen, und das umso mehr, als ihr den Tag herannahen sehet! Denn wenn wir mutwillig sündigen … (Heb 10,24-26).
Während zahllose Geistliche diese Stelle dazu missbraucht haben, ihren Schäfchen die Wichtigkeit des „Kirchenbesuchs“ ins Gewissen zu reden, haben sie den Rest des Verses schlichtweg ignoriert. Diese Schriftstelle sagt, dass gegenseitige Ermahnung (und nicht das Hören einer Predigt) der Hauptzweck der Versammlung ist. Gegenseitige Ermahnung ist auch das gottgegebene Abschreckungsmittel gegen mutwilliges Sündigen.
Meiner Meinung nach ignorieren wir die Gesamtaussage dieser Stelle auf eigene Gefahr. Der Grund ist einfach: Unser geistliches Wohlergehen hängt von der Gemeinsamkeit und vom gegenseitigen Funktionieren der einzelnen Glieder ab.
Jesus Christus in seiner ganzen Fülle sichtbar werden lassen
Das griechische Wort für Gemeinde ist „ekklesia“. Das bedeutet „Versammlung“. Das passt vorzüglich zum führenden Gedanken der paulinischen Briefe über die Gemeinde: die Gemeinde ist der verkörperte Christus (vgl. 1 Kor 12,1-27; Eph 1,22-23; 4,1-16).
Vom menschlichen Standpunkt aus gesehen ist die Kirche zur gegenseitigen Erbauung da. Von Gottes Standpunkt aus besteht der Zweck der Versammlung aber darin, seinen herrlichen Sohn sichtbar werden zu lassen. Die Kirche ist der Leib; Christus ist das Haupt. Es ist die Bestimmung des Leibes, zu leben und dieses Leben auch zu zeigen.
Anders ausgedrückt: Wir versammeln uns, damit der Herr Jesus sich in seiner ganzen Fülle zeigen kann. Geschieht dies, wird der Leib erbaut.
Beachten Sie: Der einzige Weg, wie Christus richtig zum Ausdruck kommt, ist dann beschritten, wenn sich jedes einzelne Gemeindeglied so einbringt, wie es dies vom Herrn empfangen hat. Verstehen Sie das bitte richtig: Der Herr Jesus kann in seiner Fülle nicht durch ein einzelnes Mitglied offenbart werden. Dafür ist er viel zu reich (vgl. Eph 3,8). Wenn die Hand am Leib nicht funktioniert, dann ist auch Christus nicht voll sichtbar. Genauso wenn das Auge versagt, bleibt dem Herrn die Selbstoffenbarung verwehrt. Wenn dagegen die Glieder einer örtlichen Versammlung alle mitmachen, dann wird Christus sichtbar. Er wird sichtbar gemacht, denn er ist dann mitten unter uns.
Ich möchte das anhand eines Puzzles veranschaulichen. Wenn alle Teile des Puzzles richtig zusammengesteckt sind, ist das Puzzle fertig und man sieht das ganze Bild. So ist es auch mit Christus und seiner Gemeinde.
Das höchste Ziel einer Versammlung ist es daher, den unsichtbaren Christus durch seinen Leib sichtbar werden zu lassen. Mit anderen Worten: Wir versammeln uns, um den Herrn Jesus Christus auf der Erde wieder „zusammenzusetzen“. Dann nämlich ist nicht nur Christus in seinen Heiligen verherrlicht und jedes Gemeindemitglied erbaut, sondern da geschieht auch etwas im unsichtbaren Bereich: Die Gewalten und Mächte in der Himmelswelt werden beschämt.
Paulus sagt, die mannigfaltige Weisheit Gottes werde den geistlichen Mächten des Bösen in der Himmelswelt durch die Gemeinde bekannt gemacht. Durch Versammlungen mit offener Beteiligung zeigt die Gemeinde jener unsichtbaren Welt, dass Jesus Christus, die Verkörperung von Gottes Weisheit immer noch so lebendig ist, dass er eine gefallene Menschheit, die einst Gottes Feind gehörte, leiten kann. Das bringt Gott große Ehre. Auch ist es ein ganz zentraler Punkt seines ewigen Planes. Paulus drückt das so aus:
Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit (1 Kor 1,24).
… damit jetzt den Fürstentümern und Gewalten in den himmlischen Regionen durch die Gemeinde die mannigfaltige Weisheit Gottes kund würde, nach dem Vorsatz der Ewigkeiten, den er gefasst hat in Christus Jesus, unserem Herrn (Eph 3,10-11).
Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Herrschaften, gegen die Gewalten, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Regionen (Eph 6,12).
Versammlungen mit offener Beteiligung schließen Planung nicht aus, noch müssen diese Versammlungen ohne Ordnung sein. In 1. Korinther 14 geht Paulus auf eine ganze Reihe weit gefasster Richtlinien ein, die dazu da sind, die Treffen ordentlich abzuhalten. Paulus zufolge besteht kein Widerspruch zwischen offener Beteiligung und ordentlichem Ablauf. Allerdings ist es eine organische Ordnung. Diese Ordnung ist ein Nebenprodukt des gegenseitigen Bestrebens, einander zu erbauen. Was den Inhalt betraf, so war die Versammlung der Christen christozentrisch. Was da besprochen wurde, warf immer neues Licht auf Christus. Jedes Lied brachte ihm Ehre, jedes Gebet rückte ihn in den Mittelpunkt. Aller Augen waren auf ihn gerichtet. Die Christen erlebten während der Woche das innewohnende Leben Christi und trafen sich dann, um ihre Erfahrungen auszutauschen. In dieser Hinsicht stellten die Treffen der frühen Kirche einen Ort der Begegnung dar. Man traf sich, um den Überfluss an geistlichem Leben an andere weiterzugeben.
Haben Sie je etwas vom Herrn so erkannt oder sind ihm auf eine Weise begegnet, wodurch Sie geistlich so sehr erfüllt waren, dass Sie beinahe platzten, wenn Sie das nicht mit anderen hätten teilen können? Wenn ja, dann stellen Sie sich vor, das dies einer ganzen Gemeinde passierte. Es ist ein zentrales Merkmal der Gemeindeversammlung, dem geistlichen Leben zu erlauben, sich so zu entfalten, dass alle gesegnet werden. Wie auch die Personen der Dreieinigkeit ihr Leben einer dem anderen selbstlos schenken, so sollten auch die Mitglieder der Gemeinde sich in ihren Versammlungen einander schenken. Die neutestamentliche Teilnahme an einer Versammlung besteht mehr im Geben als im Nehmen. Ganz anders als heute gingen die frühen Christen nicht „zur Kirche“, um geistlichen Segen aus den Händen einiger „religiöser Spezialisten“ zu empfangen. Sie trafen sich, um ihren Schwestern und Brüdern zu dienen, indem sie ihnen etwas vom Leben des Herrn weitergaben. Dadurch suchten sie die Gemeinde zu erbauen (vgl. Röm 12,1-8; 1 Kor 14,26; Heb 10,24-25).
Eine Frage der anhaltenden Kraft
In der typischen Kirche/Gemeinde ist es der Mechanismus des Gemeindeprogramms, der das Gemeindeleben anfacht und vorwärtstreibt. Sollte der Geist Gottes diese Gemeinde verlassen, so würde das nicht einmal bemerkt werden. Die „normalen Geschäfte“ des Gemeindeprogramms gingen einfach weiter. Der Gottesdienst bliebe davon unberührt. Die Liturgie würde nicht unterbrochen. Es würde gepredigt, und die Loblieder würden weiterhin gesungen werden. Es wäre wie bei Simson: die Versammlung würde ganz normal ihr Programm verfolgen und nicht merken, „dass der Herr … gewichen war“ (vgl. Ri 16,20).
Die anhaltende Kraft der frühen Kirche speiste sich dagegen aus dem Leben des Heiligen Geistes. Die frühen Christen hatten keine Geistlichen, keine Liturgie, kein Programm und kein Ritual. Sie verließen sich völlig auf das geistliche Leben der Einzelnen, die das Leben der Gemeinde und die Qualität der Versammlungen ausmachten. Wenn sich das geistliche Leben der Gemeinde einmal erschöpfte, dann bemerkte das jeder Einzelne. Das fröstelnde Schweigen wäre niemandem entgangen. Mehr noch: Hätte der Geist Gottes eine Versammlung endgültig verlassen, so hätte sich diese Gemeinde sofort aufgelöst. Anders gesagt: Die Gemeinde des ersten Jahrhunderts kannte keinen erhaltenden Einfluss außer dem Heiligen Geist. Sie verließ sich nicht auf die Leitung Geistlicher, auch nicht auf irgendwelche Programme, weder auf menschliche Planung noch auf institutionelle Systeme.
Moses Stiftshütte ist der beste Vergleich für eine Kirche, die durch eine Institution zusammengehalten wird statt durch das Leben aus Gott. Als Gottes Gegenwart die heilige Zeltwohnung verließ, blieb nichts mehr übrig als eine leere Hülle mit beeindruckendem Äußeren.
Auch nachdem die Herrlichkeit des Herrn gewichen war, kamen immer noch Leute, um bei der leeren Stiftshütte ihre Opfer darzubringen. Sie bemerkten nicht einmal, dass Gott gewichen war (vgl. 1 Chr 16,39-40; 2 Chr 1,3-5; Jer 7,12-14).
Auf diese Weise liegt das Übel der institutionellen Kirche in ihrem Vertrauen auf programmorientierten, von Menschen erdachten Systemen, die die „Kirche“ stützen, während der Geist Gottes abwesend ist. Dieses verkalkte System täuscht: Ist das spontane Leben Jesu Christi aus einer christlichen Gemeinschaft verschwunden, dann hört eine solche Gemeinschaft auf, Gemeinde im biblischen Sinn zu sein, selbst dann, wenn die äußere Form gewahrt bleibt.
Der Einwand des Klerus
Das Neue Testament sieht die Versammlung der Gemeinde als offene Gemeinschaft mit spontaner Beteiligung. Das aber lehnen heute viele Geistliche ab. Die Einwände dagegen lauten etwa so: „Wenn ich es den Mitgliedern meiner Kirche erlaube, ihre Gaben frei auszuleben, würde das in Chaos münden. Ich habe gar keine andere Wahl, als die Leitung zu übernehmen, sonst gerät schnell alles außer Kontrolle.“ Andere sagen: „Ich habe das mit meinen ,Schäfchen‘ versucht, aber es funktioniert nicht.“
Diese Einwände verraten eine krasse Unkenntnis von Gottes Ekklesiologie. Schon der Gedanke, dass ein Geistlicher über die Autorität verfügt, seinen Brüdern die offene Beteiligung zu „erlauben“ oder zu „verwehren“, beruht auf einem verzerrten Verständnis von Autorität (das wird in Teil 2 genauer behandelt). Kein Mensch hat das Recht, einer gläubigen Priesterschaft die Ausübung der geistgeschenkten Gaben zu erlauben oder zu verbieten. Auch hat niemand das Recht, vom Volk Gottes als von „meinen Schäfchen“ zu sprechen.
Zweitens verrät die Besorgnis, mangelnde Leitung eines Geistlichen führe schnell ins Chaos, ein fehlendes Vertrauen in den Heiligen Geist und ebenso ein fehlendes Vertrauen in Gottes Volk selbst. Das widerspricht aber der neutestamentlichen Sichtweise (vgl. Röm 15,14; 2 Kor 2,3; 7,6; 8,22; Gal 5,10; 2 Thess 3,4; Phlm 21; Heb 6,9).
Drittens ist die Besorgnis, die offene Beteiligung in einer Versammlung müsse unweigerlich ausufern, schlichtweg unbegründet. Allerdings hängt die Versammlung von einem sehr wichtigen Punkt ab: Um als Glieder am Leib Christi ordnungsgemäß funktionieren zu können, müssen sie dafür zugerüstet werden.
Unter dieser Voraussetzung möchte ich offen und ehrlich bekennen: Ich verstehe, dass ein Pastor sich Sorgen macht, die „Erlaubnis“ einer offenen Beteiligung könne misslingen. Der Grund für dieses Misslingen ist aber einfach: Vielleicht hat er das Volk Gottes einfach nicht zugerüstet, unter der Herrschaft Jesu Christi zu agieren.
Man wird keineswegs angemessen zugerüstet, wenn man still die Kirchenbank drückt und Woche um Woche einer neuen Predigt lauscht. Die richtige Zurüstung bekommt das Volk Gottes von Christen, die fähig sind, das Wissen um die richtige Nachfolge weiterzugeben und zu zeigen, wie man die einzelnen Gaben in der Versammlung einsetzt. Solche Arbeiter rüsten die Heiligen zu (vgl. Eph 4,11-16). Danach tun diese Arbeiter etwas, das heute wohl nur wenige Pastoren wagen würden: Sie überlassen die neue Gemeinde sich selbst (vgl. Apg 13–20).
Eine Versammlung mit offener Beteiligung wird sicherlich nicht immer so ordentlich ablaufen wie ein geregelter Gottesdienst, der streng dem Wochenplan folgt. Nichtsdestotrotz wird sie mehr von der Fülle Christi zeigen, als das ein menschliches Konstrukt hervorzubringen imstande wäre.
In einem Treffen nach dem Muster des ersten Jahrhunderts kann es freilich vorkommen, dass es hie und da „Beiträge“ gibt, die wenig nützlich sind. Das trifft in besonderem Maße auf junge Gemeinden zu. Die Lösung heißt aber nicht: weg mit der offenen Beteiligung. Man muss den Übereifrigen zeigen, wie sie es besser machen können, und genauso jenen helfen, die wenig Erbauliches beitragen. Das lastet gerade im Gründungsstadium einer Gemeinde auf den Schultern der Gründer. Später übernehmen die Ältesten und Erfahreneren diese Rolle (siehe Kap. 9). Erinnern wir uns, wie Paulus dem Durcheinander in Korinth begegnete: Er schloss die Versammlungen nicht etwa und führte eine Liturgie ein, nein, er gab seinen Geschwistern Leitlinien an die Hand, aufgrund derer sie für Ordnung und Erbauung sorgen konnten (vgl. 1 Kor 14,1ff.).
Paulus war darüber hinaus zuversichtlich, dass die Gemeinde diesen Leitlinien folgen würde. Das führt uns zu einem wichtigen Grundsatz: Jede Gemeinde des ersten Jahrhunderts war mit einem reisenden apostolischen Arbeiter verbunden, der ihr mit den anfallenden Problemen half. Manchmal kam diese Hilfe in Form von Briefen, manchmal stattete der Apostel der Gemeinde einen persönlichen Besuch ab.
Auch heutige apostolische Arbeiter geben den Gemeinden solche Leitlinien, um internen Schwierigkeiten zu begegnen. Diese Leitlinien sind aber dazu konzipiert, die Gemeinde wieder in die Hände des Heiligen Geistes zu führen statt unter die Herrschaft starker Persönlichkeiten.
Werden diese Leitlinien befolgt, dann braucht es keine menschliche Aufsicht, keine vorgegebene Liturgie oder vorgefertigten Abläufe. Wie schon gesagt, die Neigung, offene Treffen nach Art des ersten Jahrhunderts abzulehnen, verrät ein mangelndes Vertrauen in den Heiligen Geist.
Verzeihen Sie mir meine persönlichen Vergleiche, aber in all den Jahren, in denen ich mit organischen Gemeinden gearbeitet habe, habe ich nie die Notwendigkeit verspürt, meine Zuflucht in Liturgie, Riten oder Amtshandlungen zu suchen. Ein großer Teil meines Dienstes bestand darin, Gottes Volk zuzurüsten, sodass es seinen Aufgaben nachkommen konnte. Dazu gehörte, die Übereifrigen zu bremsen und die Schüchternen zu ermutigen, sich öfter zu beteiligen.
In 4. Mose 11 tritt zum allerersten Mal eine Art Klerikalismus auf. Der Geist des Herrn legte sich auf zwei seiner Diener, auf Eldad und Medad, und sie begannen zu prophezeien (Vv. 26-27). Eifrig tritt ein junger Zelot an Mose heran und ersucht ihn, den beiden „zu wehren“ (V. 28). Mose aber wies den jungen Eiferer zurück und sagte, er wünsche sich, dass das ganze Volk Gottes prophezeien möge.
Moses Wunsch sollte sich zu Pfingsten erfüllen (vgl. Apg 2,17-18) und anschließend das ganze erste Jahrhundert hindurch (vgl. Apg 2,38-39; 1 Kor 14,1.31). Leider fehlt es im Reich Gottes nicht an solchen, die den Eldads und Medads Einhalt gebieten möchten.
Haupt oder Herr?
Die Bibel zeichnet einen sorgfältigen Unterschied zwischen Christus als Haupt und Christus als Herrn. Wenn es im Neuen Testament um Christus als Haupt geht, dann fast immer im Zusammenhang mit seiner Beziehung zu seinem Leib (vgl. Eph 1,22-23; 4,15; 5,23; Kol 1,18; 2,19). Die Herrschaft Christi dagegen meint fast immer seine Beziehung zum einzelnen Jünger (vgl. Mt 7,21-22; 10,24-25; Lk 6,46).
Was die Herrschaft für den Einzelnen ist, ist die „Hauptschaft“ für die ganze Gemeinde. Hauptschaft und Herrschaft sind zwei Seiten derselben Münze. Hauptschaft bedeutet ausgeübte Herrschaft im gemeinschaftlichen Leben des Volkes Gottes.
Es ist wichtig, diesen Unterschied zu begreifen, denn er hilft uns, die heutige Gemeindepraxis zu verstehen. Der Christ weiß für gewöhnlich um die Herrschaft Christi, jedoch oft nichts von seiner Hauptschaft. Der Gläubige mag sein eigenes Leben immerhin der Herrschaft Christi unterwerfen. Er mag dem gehorchen, was er aus der Schrift kennt. Er mag auch innig beten und ein aufopferndes Leben führen, doch zur selben Zeit mag er vielleicht ahnungslos bleiben in Bezug auf den gemeinsamen Dienst, die gegenseitige Unterordnung, authentische Gemeinschaft oder gemeinsames Zeugnis.
Letztlich bedeutet die Unterordnung unter die Hauptschaft Jesu aber nichts anderes als dass man auf Jesu Willen im Leben und in der Praxis der Gemeinde eingeht. Es bedeutet, dass wir uns in jene Bahnen fügen, die Gott der Kirche vorgezeichnet hat, und uns ihnen ganz hingeben. Die Unterordnung unter die Hauptschaft Christi verkörpert die neutestamentliche Wirklichkeit: Jesus ist nicht nur Herr des Einzelnen, sondern auch das Haupt seiner Gemeinde.
Mein Freund und Mentor Stephen Kaung trifft wohl ins Schwarze, wenn er sagt:
Die Menschen glauben gewöhnlich, dass ihnen das Wort Gottes zeigt, wie sie als Einzelne vor Gott leben sollen. Wenn es aber um die Gestaltung des gemeinschaftlichen Lebens geht, denken sie, Gott überlasse ihnen selbst die Wahl. Gott sagt: „Es ist dir überlassen, tu, was du willst.“ Genau so steht es heute um das Christentum. Es gibt keine Leitlinien für unser gemeinschaftliches Leben: Jeder tut, was in seinen Augen recht erscheint. Liebe Brüder und Schwestern, wir sind zwar als Einzelne gerettet, aber zur Gemeinschaft berufen. Das Wort Gottes hält genauso viel Lehre und Anschauungsmaterial zur Führung des gemeinschaftlichen Lebens bereit wie für unser persönliches Leben.9
Deshalb glaube ich, die Christen von heute glauben nur verstandesgemäß an die Lehre vom Priestertum der Gläubigen. Sie versagen jedoch in ihrer Ausübung dieses Priestertums, weil sie in der subtilen Falle tief verwurzelter Traditionen gefangen sind.
Wie sieht es heute aus?
Die vergangenen zwanzig Jahre hatte ich das Privileg, Hunderte Gemeindeversammlungen mit offener Beteiligung besuchen zu können. Einige davon waren einfach überwältigend. Diese Treffen haben sich mir ins Gedächtnis gebrannt. Andere waren ganz annehmbar. Wieder andere dagegen waren furchtbar, und dann waren da einige, über die man gar nicht reden mag.
Während der institutionalisierte Gottesdienst von Haus aus perfekt abläuft, variieren organische Versammlungen abhängig von der geistlichen Verfassung und Vorbereitung jedes Einzelnen.
Hierin liegt eine der Aufgaben eines apostolischen Arbeiters. Er muss das Volk Gottes in die Lage versetzen, dass es freie und doch geordnete Treffen durchführen kann, in denen Christus in seiner Fülle zum Ausdruck kommt.
In all den Jahren, in denen ich organische Gemeinden besucht und selber gegründet habe, habe ich entdeckt: Es ist äußerst schwierig, jemandem zu beschreiben, wie eine Gemeinde unter der Leitung Christi aussieht, wenn er es nicht schon selbst miterlebt hat. Nichtsdestotrotz will ich mein Bestes geben, Ihnen eine Versammlung vor Augen zu malen, die Ihnen einen Geschmack davon gibt, wie ein solch herrliches Treffen aussehen kann.
Es ist etwa zehn Jahre her, da traf sich eines Abends in einem Haus eine kleine Gemeinde von etwa fünfundzwanzig Christen. Eineinhalb Jahre hatte ich Jesus Christus in dieser Gemeinde gedient und zweiwöchentlich sogenannte „apostolische Treffen“ arrangiert. Das Ziel war, die Gemeinde so zuzurüsten, dass sie ohne menschliche Leitung alleine weitermachte.
Dann kam jener Tag. Die Gemeinde sollte zum ersten Mal ganz auf sich selbst gestellt sein, also ohne mich. Dennoch schlich ich mich an diesem Abend in den Raum, ohne dass mich jemand bemerkte. Ich versteckte mich hinter einer Couch. Ich wusste: Würde mich jemand sehen, dann hätte das die ganze Sache verändert. Das ist ganz normal, wenn der Gründer einer Gemeinde anwesend ist, besonders in den ersten Jahren ihres gemeinschaftlichen Lebens.
Die Gläubigen begannen mit Gesang. Sie sangen ohne instrumentale Begleitung. Eine Schwester stimmte ein Lied an, und alle stimmten ein. Dann beteten sie einer nach dem anderen ganz spontan. Dann stimmte ein Bruder ein Lied an. Diesmal standen sie alle auf. Sie beteten weiterhin und sagen Lieder. Während sie sangen, warf immer wieder einmal jemand eine kurze Ermahnung oder Ermutigung in den Raum, ganz nach dem Text der Lieder, die sie sangen. Der Ausdruck „bewegend“ trifft es nicht ganz. Keiner führte den Gesang an. Alle beteiligten sich ganz ungezwungen am Lobpreis Gottes.
Nachdem sie eine Zeit lang gesungen hatten, setzten sie sich. Sofort stand eine Frau auf und begann sich mitzuteilen. Sie sprach davon, wie sie vergangene Woche Christus als lebendiges Wasser erlebt hatte. Sie las einige Verse aus dem vierten Kapitel des Johannesevangeliums. Als sie darüber sprach, wurde sie von zwei anderen Frauen unterbrochen, die über ihre eigenen Erfahrungen und Einsichten zu dieser Stelle und diesem Thema berichteten. Sie trugen ganz andere Dinge über Christus bei.
Nachdem die Frau, die unterbrochen worden war, fertig war, stand ein junger Mann auf. Er sprach vom Herrn als lebendigem Wasser und bezog sich dabei auf eine Stelle aus Offenbarung 22. Er sprach einige Minuten, dann stand eine Frau auf und fügte seinen Worten noch einiges hinzu. So ging das etwa eine Stunde lang. Einer nach dem anderen standen die Brüder und Schwestern in Christus auf und sprachen über ihre geistlichen Erfahrungen mit dem Herrn Jesus Christus. Alle sprachen sie von ihm als vom lebendigen Wasser. Einige hatten Gedichte vorbereitet, andere trugen Lieder vor, wieder andere erzählten etwas, lasen aus der Schrift oder beteten.
Während ich hinter der Couch lauschte, konnte ich die Tränen nicht zurückhalten. Es ging mir so nahe, dass ich weinen musste. Das Treffen elektrisierte mich geradezu. Es war, als ergösse sich ein Strom in diesen Raum, der nicht zu stoppen war. Ich konnte die Gegenwart und Gnade des Herrn spüren. Der Abend war reich, voll, lebendig und schwingend. Ich wünschte mir, ich hätte Papier und Bleistift dabeigehabt, um alles aufzuschreiben, was an herrlichen Dingen gesagt wurde. Viele von ihnen bewiesen grundlegende Einsichten. Ich lauschte einfach voller Staunen.
Das Unglaubliche dabei war, dass niemand die Versammlung leitete oder moderierte (jedenfalls kein Mensch). Alles drehte sich um Christus.
Schließlich neigte sich der Abend seinem Ende zu. Jemand stand auf und stimmte ein Lied an. Da standen auch die anderen auf und stimmten ein. Ich schlich mich – nicht ganz unbemerkt – hinaus. Eine Woche später gestand ich der Gemeinde, dass ich da gewesen war. Sie hatten sich auf dieses Treffen vorbereitet. Zu zweit hatten sie sich die vergangene Woche getroffen und sich vor dem Herrn auf die kommende Versammlung vorbereitet. Das Ergebnis war fulminant: Sie bewiesen ein geistliches Leben, das den Herrn Jesus Christus durch jedes seiner Glieder zum Ausdruck brachte.
Diese Gruppe von Christen war am Anfang meiner Arbeit mit ihr keineswegs fähig gewesen, so zu agieren. Damals noch waren die meisten gewohnt, sich zurückzuhalten und zu schweigen. Einige stärkere Persönlichkeiten dominierten die Versammlung. Doch nachdem sie etwa eineinhalb Jahre lang geistlichen und praktischen Dienst erhalten hatten, waren sie in der Lage, gemeinsam den Herrn zu erkennen, aufeinander Rücksicht zu nehmen, ihren Mund zu öffnen und miteinander den lebendigen Christus zu teilen – und das alles in guter Ordnung und zur Ehre Gottes.
Ich könnte noch viele andere Beispiele dieser Art hinzufügen. Die Vielfalt der Ausdrucksweise ist wahrlich groß. Ich glaube aber, Ihnen einen ausreichenden Eindruck vermittelt zu haben, wie eine Versammlung unter der Leitung Christi aussehen kann.
Fragen zum Weiterdenken
• Reflektiert unser moderner Gottesdienst, der sich hauptsächlich um die Predigt und das „Anbetungsprogramm“ eines eingespielten Anbetungsteams dreht, wirklich die neutestamentlichen Gemeindeprinzipien wider, oder steht er dazu im Gegensatz?
• Warum waren Versammlungen mit offener Beteiligung für die frühen Christen gut, sind aber heute irgendwie nicht mehr zu realisieren?
• Gibt es in Ihrer Gemeinde Treffen, auf denen Sie sich mit Ihren geistlichen Geschwistern offen und frei darüber austauschen können, was Gott Ihnen gezeigt hat, ohne dass jemand das Ganze steuert? Bitte erläutern Sie Ihre Antwort.
• Kommt in der Praxis Ihrer Gemeinde die völlige Leitung Jesu Christi zum Ausdruck, oder steht sie unter der Leitung eines Menschen? Bitte begründen Sie Ihre Antwort.
1 Mein Buch The Untold Story of the New Testament Church folgt dieser Spur (Shippensburg, PA: Destiny Image Publishers, 2005).
2 Manche behaupten, 1. Korinther 14,26 zeige ein Problem auf. Dieser Ansatz ist jedoch falsch. Die bedeutendsten Ausleger (darunter F. F. Bruce, Ben Witherington und Gordon Fee) zeigen ganz klar: Diese Stelle stellt eine Norm auf. Sie ist eine Ermahnung, eine „Beschreibung, wie es [bei den Korinthern] sein soll“ (Gordon Fee). In 1 Kor 14 geht Paulus auf einige Probleme der Gemeinde ein, ohne aber die öffentliche Beteiligung abtun zu wollen.
3 Beispiele finden sich in Phil 2,6-11; Kol 1,15-20; Eph 5,14 u. 1 Tim 3,16.
4 Wie ich schon gesagt habe, leitete ein Apostel die apostolischen Treffen. Diese Treffen waren aber zeitlich begrenzt und dienten dazu, die Gemeinde vorzubereiten, damit sie auch ohne Apostel „funktionierte“.
5 John Howard Joder. Auszug aus Fullness of Christ: Perspectives on Ministries in Renewal, Concern, no. 17 (Februar 1969).
6 Für eine eingehende Betrachtung der so genannten „einschränkenden“ Stellen (wie z. B. 1 Kor 14,33-34 u. 1 Tim 2,11-14) vgl. meine Artikel Now Concerning a Woman’s Role in the Church (www.ptmin.org/role.htm) und God’s View of a Woman (www.ptmin.org/view.htm).
7 George Barna, Revolution (Carol Stream, IL: Tyndale, 2005), 51–67, 118.
8 John Howard Yoder, Auszug aus The Fullness of Christ: Perspectives on Ministries in Renewal, Concern, no. 17 (Februar 1969).
9 Aus dem Vortrag Stephen Kaungs Who Are We. Richmond, Virginia, am 14. April 1995.
Kapitel 3: Umdenken – Abendmahl
Die sichtbarste und tiefgründigste Art, wie eine Gemeinschaft ihr gemeinsames Leben zum Ausdruck bringen kann, ist das gemeinsame Essen. Das Wort „deipnon“ (vgl. 1 Kor 11,20) bedeutet „Abendessen“ und sagt uns, dass damit weder ein symbolisches Essen (wie heute verstanden) noch ein „Imbiss“ (wie man sich das manchmal vorstellt) gemeint ist, sondern ein ganz normales Essen.
Robert Banks
Das Abendmahl des Neuen Testaments ist eine Mahlzeit. Dazu gehört ein Tisch, und in unserer westlichen Welt wäre es normal, dass man dabei sitzt.
I. Howard Marshall
Denken Sie einmal an das Abendmahl in Ihrer Kirche. Sie mögen „Eucharistie“ dazu sagen, „heilige Kommunion“ oder auch „Brotbrechen“. Je nach konfessionellem Hintergrund halten Sie es wöchentlich, monatlich oder in gewissen Abständen. Sind Sie Protestant, dann besteht das Mahl aus einem kleinen Glas Traubensaft (oder Wein) und kleinen Brotstückchen oder Hostien.
In diesem Kapitel wollen wir untersuchen, wie die frühen Christen das Abendmahl hielten und was es für sie bedeutete. Zweifelsohne hatte das Abendmahl im Leben der frühen Kirche besondere Bedeutung. Das sieht man daran, dass sie es regelmäßig hielt. Die Gemeinde in Troas etwa hielt es wöchentlich (vgl. Apg 20,7). Jerusalem und Korinth nahm es ebenfalls regelmäßig ein (vgl. Apg 2,42; 1 Kor 11,20-21-33). Jesus selbst betonte die Wichtigkeit dieses Mahls (vgl. Lk 22,19-20).
Das Abendmahl hatte in der Urgemeinde deshalb eine so große Bedeutung, weil es die wichtigsten Merkmale des Christenlebens verkörpert. Lassen Sie uns einige dieser Merkmale untersuchen.
Das gebrochene Brot
Das Abendmahl umfasst das Brechen des Brotes (vgl. Mt 26,26; 1 Kor 10,16). Das gebrochene Brot weist uns darauf hin, dass Jesus Mensch war. Der Sohn der Herrlichkeit wurde Knecht. Der Allmächtige erniedrigte sich selbst und wurde Mensch.
Das Brot als Grundnahrungsmittel weist auf die Demut und Dienstbereitschaft unseres Herrn hin. Indem Jesus Christus Mensch wurde, wurde er für uns alle zugänglich – so, wie Brot für alle verfügbar ist, ob arm oder reich.
Das Brotbrechen erinnert uns auch an das Kreuz, an dem der Leib unseres Herrn gebrochen worden ist. Brot wird aus gemahlenem Korn hergestellt, wie auch der Wein aus gepressten Trauben gewonnen wird. Beide Vorgänge repräsentieren den Tod.
Das Brechen des Brotes symbolisiert aber nicht nur den Tod Christi, sondern weist schon hin auf seine Auferstehung: Das Weizenkorn ist in den Boden gedrungen. Jetzt lebt es, um mehr Körner nach seiner Art hervorzubringen (vgl. Joh 12,24). Essen wir das Fleisch Christi und trinken wir im Abendmahl sein Blut, dann erlangen wir sein Leben (vgl. Joh 6,53). Das ist der Grundsatz der Auferstehung: Leben aus dem Tod.
Die Offenbarung des auferstandenen Christus ist ebenfalls eng mit dem gebrochenen Brot verbunden: Als der auferstandene Herr mit seinen Jüngern zu Tisch saß, brach er das Brot mit ihnen (vgl. Joh 21,13). Er erschien zwei von seinen Jüngern auf dem Weg nach Emmaus. Sie erkannten ihn nicht, bis er das Brot mit ihnen brach (vgl. Lk 24,30-32). Auch das Zeugnis der Einheit des Gemeindeleibes ist im Brotbrechen verkörpert. Die ersten Christen brachen einen Laib Brot. Paulus schreibt: „Denn ein Brot, ein Leib sind wir, die Vielen, denn wir alle sind des einen Brotes teilhaftig“ (1 Kor 10,17).
Das Festmahl des Herrn
Im Gegensatz zur heutigen Praxis hielt die Urgemeinde das Abendmahl im Rahmen eines gewöhnlichen Abendessens. Als Jesus das Abendmahl einsetzte, war es Teil des Passahfestes (vgl. Lk 22,15-20). Das Passahmahl war tatsächlich der Vorläufer des Abendmahls.
Aus 1. Korinther 11 geht hervor, dass die Christen sich zu einem gewöhnlichen Essen versammelten. Einige Korinther warteten nicht auf ihre Geschwister. Sie begannen zu essen. Wer später kam, ging leer aus. Zudem betranken sich einige Christen (vgl. 1 Kor 11,21-22.33-34). Eine Zwischenfrage: Kann man sich mit einem winzigen Schlückchen Traubensaft betrinken oder seinen Hunger an einem Stückchen Brot stillen?
Das neutestamentliche Wort für „Abendessen“ meint eine Hauptmahlzeit, eine richtige Mahlzeit oder ein Festessen. Das griechische Wort für „Tisch“ meint einen Tisch, auf dem ein ganzes Mahl zubereitet ist (vgl. Lk 22,14; 1 Kor 10,21). Für die Christen des ersten Jahrhunderts war das Abendmahl zunächst ein Abendessen. Es war ein Mahl, zu dem jeder etwas beitrug, unter anderem auch Brot und Wein. Es war die Tischgemeinschaft der Heiligen, ein Familienfest, ein Gemeinschaftsmahl.
Bei diesem Mahl zeigten die finanziell bessergestellten Christen ihre Liebe und Sorge für ihre weniger begüterten Geschwister. Das war gegen die griechisch-römische Sitte, die gerade während solcher Bankette streng auf die Klassenunterschiede achtete. Die Christen hielten es anders: Die Gläubigen zeigten beim Abendmahl ihre Einheit ungeachtet sozialer Unterschiede, Klassen oder Volkszugehörigkeit. Vielleicht war dies der Grund dafür, dass die frühe Kirche vom Abendmahl auch als vom Mahl der Agape, vom „Liebesmahl“ sprach (vgl. 2 Pt 2,13; Jud 12).
Bedauerlicherweise haben Jahrhunderte kirchlicher Tradition zu einem verkürzten „Abendmahl“ geführt, das weit von dem entfernt ist, was es im ersten Jahrhundert einmal war.1 Der hervorragende Gelehrte Eduard Schweizer sagte einmal: „Wer das Sakrament vom brüderlichen Mahl trennt, verwandelt es in ein fremdes, beinahe heidnisches Ritual, dem im Leben der Teilnehmer die ‚körperliche‘ Dimension völlig fehlt.“2 Die Bedeutung von Gemeinschaft ist uns daher beim Abendmahl im Großen und Ganzen verlorengegangen. Es ist nicht länger „des Herrn Mahl“. Man sollte heute besser von einer „Erlösungskostprobe“, einem „Nazareth-Bissen“ oder einem „Appetithäppchen des Herrn“ sprechen. Aber Spaß beiseite: Ist es recht, dass wir dieses Stückchen Brot [oder die Hostie] und das Schlückchen Fruchtsaft wirklich „Abendmahl“ nennen?
Ein Bundesmahl
Gemeinsame Erinnerungen gehören mit zu dem, was ein Volk ausmacht. Werden diese Erinnerungen von einer Gruppe von Menschen geteilt, entstehen Identität und Zugehörigkeit. Einer der Zugänge zu diesen gemeinsamen Erinnerungen ist ein gemeinsames Essen, wie das bei Verwandtschaftstreffen, Jahrestagen oder Geburtstagen üblich ist.
Das Passahmahl im Alten Testament sollte das Volk Gottes daran erinnern, dass Gott es aus Ägypten geführt hatte. Es gab ihnen ein Identitäts- und Zugehörigkeitsgefühl, war aber mehr als das: Es schmiedete ihr Leben aneinander. Die damaligen Juden betrachteten ein Mahl als heiligen Akt, das jene miteinander verband, die daran teilnahmen. Das Essen knüpfte ein heiliges Band unter jenen, die aßen.
Das Passahmahl war noch dazu ein „Bundesmahl“. Ein Bund ist ein bindender Vertrag zwischen zwei Parteien. Wenn zwei Menschen im Alten Testament einen Bund eingingen, dann geschah dies bei einem gemeinsamen Essen. Als Gott Mose die Worte des Gesetzes gab, wurde geopfert. Mose besprengte das Volk mit Blut und sagte: „Sehet, das ist das Blut des Bundes, den der HERR mit euch gemacht hat über allen diesen Worten!“ (vgl. 2 Mo 24,8). Danach gingen Mose und die siebzig Ältesten den Berg hinauf und sahen Gott. Sie aßen und tranken in seiner Gegenwart (vgl. 2 Mo 24,9-11).
Als Jesus das Passahmahl veranstaltete, das gleichzeitig das erste Abendmahl war, bot er den Jüngern den Becher Wein mit den Worten: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blute“ (Lk 22,20). Durch diese Handlung wies der Herr auf die Tatsache hin, dass das Abendmahl ein Mahl des Bundes war. Die Jünger sollten sich gemeinsam daran erinnern, wenn sie ihre gemeinsame Identität im Messias miteinander teilten.
Wenn wir heute das Abendmahl als Mahlzeit begehen, dann erinnern wir uns des Bundes, den Gott in Christus mit uns eingegangen ist. Wir erinnern uns gemeinsam an das, was Jesus für uns getan hat, und verkündigen unsere Einheit in ihm. Die Wassertaufe ist der biblische Weg für die „Aufnahme“ ins Christentum. Das Abendmahl ist die Bestätigung unserer ursprünglichen Hingabe an Christus. Beim Abendmahl bestätigen wir unseren Glauben an Jesus und unsere Einheit mit ihm als Teil der neuen Schöpfung.
Das kommende Hochzeitsmahl
Das Abendmahl weist auch auf das Kommen Christi in Herrlichkeit hin. Am Ende des Zeitalters wird der himmlische Bräutigam ein herrliches Hochzeitsfest geben, um seine geliebte Braut in seines Vaters Königreich heimzuführen (vgl. Mt 26,29). Das Abendmahl hat daher auch eschatologische Obertöne. Es ist ein Fest der „letzten Tage“, ein Symbol jenes messianischen Festmahls, das bei der Wiederkunft Christi gefeiert werden wird (vgl. Mt 22,1-14; 26,29; Lk 12,35-38; 15,22-32; Offb 19,9).
In diesem Zusammenhang sei gesagt: Das Mahl des Herrn war nie als schwermütige Erinnerung an die Leiden Christi gedacht. Auch war es keine düstere Angelegenheit, bei der Christen ihre Sünden beklagen sollten. Stattdessen war das Abendmahl eine fröhliche Erinnerung an Jesus Christus und an das, was er getan hat. Erinnerung war es, und Verkündigung seines glorreichen Sieges auf Golgatha, der vollkommen sein wird, wenn er einst wiederkommen wird.
Das Mahl des Herrn ist daher ein Fest. Es ist ein Freudenmahl, das gekennzeichnet ist von Gemeinsamkeit und Danksagung (vgl. Lk 22,17; Apg 2,46; 1 Kor 10,16). Es ist ein Vorgeschmack auf das zukünftige Hochzeitsmahl. Genauer gesagt ist das Abendmahl das sichtbare Bittgesuch der Braut Christi an ihren Bräutigam, wieder zu ihr zurückzukommen.
Das Abendmahl ist zeitübergreifend
Das Abendmahl hat Aspekte der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Zum einen ist es eine erneute Verkündigung des Opfertodes unseres Herrn: das ist die Vergangenheit. Dann ist es eine erneute Proklamation seiner beständigen Nähe: das ist die Gegenwart. Und schließlich ist es die erneute Äußerung unserer Hoffnung auf die Herrlichkeit seiner zukünftigen Wiederkunft.
Anders gesagt, das Abendmahl ist ein lebendiges Zeugnis der drei Haupttugenden Glaube, Liebe und Hoffnung. Durch das Abendmahl gründen wir uns stets aufs Neue in der herrlichen Erlösung, die durch den Glauben unser geworden ist. Wir bringen auch aufs Neue unsere Liebe für unsere Geschwister zum Ausdruck. Und wir freuen uns in der Hoffnung auf die baldige Rückkehr unseres Herrn. Indem wir das Abendmahl halten, „verkündigen (Gegenwart) wir den Tod des Herrn (Vergangenheit), bis dass er kommt (Zukunft)“ (1 Kor 11,26).
Katholiken legen das Abendmahl buchstäblich und als Opfer aus. In der Eucharistie sehen sie die stets neue Opferung Jesu für unsere Sünden. Der Protestantismus hat auf diese Sichtweise geantwortet, indem er das Abendmahl zu einer bloß symbolischen Erinnerungshandlung gemacht hat. Das Abendmahl ist aber weder buchstäbliches Opfer noch leeres Ritual, sondern geistliche Wirklichkeit. Durch das Abendmahl offenbart uns der Heilige Geist den lebendigen Christus und unsere Mitgliedschaft an seinem Leib. Wir teilen das Abendmahl mit Christus und seinem Volk.
Ein Bild für den dreieinigen Gott
Wie jeder Teil des Gemeindelebens seine Vorschattung in der Dreieinigkeit Gottes hat, so auch das Abendmahl. Eine sorgfältige Betrachtung der Schrift zeigt, dass Gott, der Vater, dem Sohn „Speise“ ist (vgl. Mt 4,4; Joh 4,31ff.; 6,27.57 usw.). So ist auch der Sohn Speise (vgl. Joh 1,29; 6,27.32-35.53-57) und Trank für uns (vgl. Joh 4,10; 6,53; 1 Kor 10,4; 12,13; Offb 22,17).
Seit ewigen Zeiten führen Vater und Sohn ein gemeinsames Leben und haben Anteil aneinander. Der Vater ist des Sohnes Teil und umgekehrt.3 Innerhalb der Gottheit nimmt jede Person der Gottheit am Leben der jeweils anderen zwei Personen teil. Es überrascht daher nicht, wenn die Bibel diese Anteilnahme mit dem Bild vom Essen und Trinken veranschaulicht. Beim Abendmahl bringen wir diese göttliche Anteilnahme an der Dreieinigkeit auf Erden zum Ausdruck. Der Theologe Stanley Grenz schreibt, wir sind „Mit-Teilnehmer in der Gemeinschaft des dreieinigen Gottes“.4 Das Abendmahl gründet also im ewigen Handeln Gottes selbst und somit ist ein Weg, wie wir an diesem Handeln teilnehmen und es widerspiegeln können.
Das sind nur einige der köstlichen Wahrheiten im Zusammenhang mit dem Abendmahl. Sie zeigen, weshalb die ersten Christen so viel Bedeutung auf diese Versammlungen gelegt haben. Es ist an sich schon genug, dass der Herr Jesus selbst das Abendmahl gestiftet hat (vgl. Mt 26,26). Über seine Jünger ist es auf uns gekommen (vgl. 1 Kor 11,2)
Ein modernes Beispiel
Ich habe seit 1988 unzählige Treffen besucht, in denen das Abendmahl nach dem Muster des ersten Jahrhunderts gefeiert wurde. Einige dieser Treffen waren recht einfach. Die Teilnehmer brachten etwas zu essen mit, inklusive ungesäuerter Brote, Fruchtsaft oder Wein. Wer nichts mitbringen konnte, half bei Kochen. Das Mahl wurde gewöhnlich mit ein paar Worten über den Leib unseres Herrn Jesus eröffnet. Das ungesäuerte Brot wurde gebrochen und herumgereicht. Dann begann man zu essen.
Gewöhnlich läuft das in etwa so ab: Alle nehmen am Essen teil und haben damit Gemeinschaft mit Christus und sprechen über seinen Reichtum. Zum Ende des Essens hin erhebt jemand ein Glas Wein (oder Traubensaft) und spricht einige Worte über das Blut unseres Herrn. Wenn Wein getrunken wird, dann wird nur ein Glas herumgereicht, aus dem jeder ein kleines Schlückchen zu sich nimmt. Im Falle von Traubensaft bekommt jeder sein eigenes Glas.5 Da kann man dann gemeinsam das Glas (auf Jesus) erheben und trinken.
Ich habe aber auch schon an anderen Abendmahlen teilgenommen, die viel aufwändiger gestaltet waren. Da wird schon Monate im Voraus geplant. Die Teilnehmer kleiden sich dann förmlicher. Die Gemeinde hat oft einen Festsaal für solche Zwecke angemietet und schön geschmückt. Der Tisch ist mit feinem, weißem Leinen überzogen. Das Essen wird vorher zubereitet und steht schon am Tisch, bevor die meisten Leute da sind.
An eines dieser Treffen kann ich mich noch lebhaft erinnern: Alle standen in der Nähe ihrer Stühle und sangen und priesen Gott. Nachdem sich die Leute gesetzt hatten, sagten zwei Leute einige Gedanken zur Bedeutung des Brotes. Danach wurde das Brot gebrochen und herumgereicht; das Mahl konnte beginnen.
Während des Essens standen nach und nach Männer und Frauen auf und teilten etwas über den Herrn Jesus Christus mit. Eine junge Frau berichtete, wie das Blut Christi ihr Gewissen gereinigt hatte. All ihre Schuld war nun weg. Dann stand ein Mann auf und trug ein Gedicht über das gebrochene Brot vor. Jemand anderes hatte seine Gitarre mitgebracht und besang den gebrochenen Leib und das kostbare Blut Christi. Nach ihm führte eine Frau der Gemeinde den Tod Christi vor Augen.
Irgendwann stimmte jemand ein Lied über die seit ewigen Zeiten bestehende „Tischgemeinschaft“ der Dreieinigkeit an, und alle stimmten mit ein. Etliche brachen dabei in Tränen aus. Andere dagegen jauchzten. Wir sangen aber auch Lieder zur Ehre des Herrn, zu denen wir klatschten. All dies passierte im Rahmen dieses großzügigen und freigiebigen Mahls. Nachdem ein paar Stunden auf diese Weise vergangen waren, standen zwei Leute auf und sprachen über den Kelch. Zum Schluss tranken alle aus dem Kelch und beteten den Herrn an.
Fragen zum Weiterdenken
• Sollten wir uns an Lehre und Praxis des Neuen Testaments orientieren, wenn wir heute Abendmahl feiern? Wenn nicht, an was dann?
• Hat Sie etwas in meiner Schilderung der wichtigsten gemeinschaftlichen Elemente des Abendmahls beschäftigt? Haben Sie etwas Ähnliches schon selbst erlebt?
• Entkleiden wir nicht das Abendmahl seiner beabsichtigten Bedeutung – der Darstellung der Gemeinschaft des dreieinigen Gottes –, wenn wir es von einem Mahl zu einem düsteren Ritual herabwürdigen?
• Haben wir wirklich das geistliche und biblische Recht, das Abendmahl anders zu gestalten, als es uns von Jesus und den Aposteln überliefert wurde?
1 Zur Geschichte des Abendmahls und dessen Entwicklung von der ganzen Mahlzeit zum heutigen Zustand siehe Frank Viola & George Barna, Heidnisches Christentum?, Kap. 9.
2 Eduard Schweizer, The Church as the Body of Christ, 37.
3 In den Psalmen Davids liest man öfter vom „Herrn, meinem Teil“. David war eine Vorschattung Jesu Christi. Daher ist die wiederholte Aussage Davids, der Herr sei „sein Teil“, ein Abglanz der ewigen Beziehung des Sohnes mit seinem Vater.
4 Stanley Grenz, Theology of the Community of God, 485.
5 Wein wirkt desinfizierend, da macht es nichts, wenn ein paar Menschen aus einem Becher trinken.
Kapitel 4: Umdenken – Wo treffen wir uns?
Dass „ekklesia“ als Bezeichnung für die christliche Gemeinschaft gewählt wurde, lässt vermuten, dass die neutestamentlichen Gläubigen die Gemeinde weder als Gebäude noch als Organisation angesehen haben. Sie waren ein Volk, das der Heilige Geist zusammengeführt hatte, und waren durch Christus miteinander verbunden.
Stanley Grenz
Gott möchte, dass die Vertrautheit des „Obergemachs“ – nicht die steife Förmlichkeit eines imposantes Kirchengebäudes – die Treffen seiner Kinder kennzeichnet. Deshalb lesen wir auch in der Bibel, dass sich seine Kinder wie eine Familie in Privathäusern getroffen haben.
Watchman Nee
In welche Kirche (bzw. Gemeinde) gehst du? Das ist heute eine ganz gewöhnliche Frage, und dennoch spricht sie Bände.
Stellen Sie sich vor, Sie bekommen einen neuen Kollegen bei der Arbeit. Sie erfahren, dass er Christ ist, und als Sie ihn fragen, welche Kirche er besuche, er antwortet er: „Ich gehöre zu einer Gemeinde, die sich in einem Haus (oder einer Wohnung) trifft.“
Ganz ehrlich: Was würden Sie sich dabei denken? Denken Sie vielleicht: „Das ist aber sehr merkwürdig. Das muss einer dieser Sonderlinge im Glauben sein.“ Vielleicht denken Sie auch: „Der gehört wahrscheinlich zu einer Sekte oder zu sonst einer Gruppe von Spinnern.“ Oder: „Mit dem stimmt was nicht, sonst würde er ja wohl eine ordentliche Kirche besuchen.“ Sie könnten sich auch denken: „Der ist scheint rebellisch zu sein, ein echter Omega-Typ, kann sich wohl keiner Autorität unterordnen, sonst ginge er in eine richtige Kirche, eine, die sich sich in einem Gebäude trifft.“
Leider ist genau das die Reaktion vieler Christen, wenn sie das erste Mal von „Hausgemeinde“ oder „Hauskirche“ hören. Der Witz ist: So wie jener neue Angestellte haben sich alle Christen, die im Neuen Testament vorkommen, getroffen: in Hausgemeinden. Während der ersten drei Jahrhunderte traf sich die Gemeinde Jesu in den Häusern, in denen ihre Mitglieder wohnten.1
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