Kitabı oxu: «Sterne und Straßen»

Şrift:

Franz Dobler

Sterne und Straßen

Feuilletons

FUEGO

– Über dieses Buch –

Sterne und Straßen versammelt literarische und journalistische Arbeiten von 1983-2003. Einige sperrten sich gegen eine Veröffentlichung, die meisten erschienen in Süddeutsche Zeitung, junge Welt, die tageszeitung, GQ, Südwestfunk u.a. und wurden für die Buchausgabe verbessert und verlängert.

Die Stoffe, die der Autor auf seinen Straßen findet, haben oft mit Literatur und Musik zu tun, falls sie nicht sogar mit ihm persönlich zu tun haben. Dabei ist er oft auf den Nebenstraßen unterwegs, die noch nie einen Stauberater gesehen haben. Dann schreibt er über die beste Blaskapelle vom Oktoberfest, eine Phantasie über Jörg Fauser, Dr. Beckstein seinen Alptraum, das Lieblingslokal in seinem Haus, Kunstfälscher, die Frau, die auf Andy Warhol geschossen hat, einen Nachruf auf den großen vergessenen Autor Hans Frick, über Johnny Cash und June Carter, Guz und Merle Haggard, das Lokalderby Sechzig gegen Bayern oder ein paar Gestalten, die doch endlich mal die Klappe halten sollten.

Der Autor bleibt dabei ungern sklavisch an seinem Ausgangspunkt hängen und nicht immer denkt er daran, dass sein Spruch "Ich bin der letzte gottverdammte Punkrocker meiner Generation in dieser wunderbaren deutschen Literaturszene" so gern zitiert wird. Warum und von wem auch immer.

Inhalt

Coverbild

Über dieses Buch

Ein Mann bei der Arbeit

Gefährliches Lokal

In meiner Stadt

Die letzte Flucht

Der Alptraum des Innenministers

Mehr Arbeit für den Staatsanwalt

Frauen

Eine Frau, die geschossen hat

Am letzten Fluss

Versuch über die Konfirmation

Ferngesteuerte Spielzeugautos

Alte Frau am Arbeitsamt

Erstmal einen schönen heißen Grog

Benefizkonzert für einen Copkiller

Ein sehr effektiver Abnutzungskrieg

Action auch in Texas

Danke! Danke! Glückwunsch! Danke!

Nutzung für den neuen Planet

Denn sie wissen schon, was sie tun

Der Name des Flughafens

Der Mann, der mit Sharon Stone getanzt hat (II)

Um sein Leben schreiben

Die junge Frau und der Ausgebrannte

In der letzten Bar mit Harry Gelb

Weiter! Bitte weiter!

Im Irrenhaus

Im Notfall mehr Rauschgift

Warum sich Guy Debord erschossen hat

Der schöne Vulkan

Auf Sushi ohne Bambi

Gut Nacht und Good-Bye

Das Herz von der Wiese

Es war der Hammer!

Der Dumme hält den Kopf hin

Vom Leben und Sterben an der Platte

Mit dem Tod unterwegs in der Arschfalte

– Anhang –

Ein Blick nach Backstage

Über den Autor

Werkverzeichnis

Über Fuego

Impressum

Legt mein Hirn in Formalin

und reicht es herum, bis der eine

oder die eine

den gläsernen Behälter fallen lässt.

Heiner Link (1960-2002)

Ein Mann bei der Arbeit

Draußen scheint die Sonne und in meinem Fenster sehe ich klares Blau und freundliches Grün. Ich möchte so gern draußen sein. Leider lässt sich meine Arbeit nicht draußen erledigen. Ich muss putzen. Meine Tastatur muss geputzt werden. Ich habe die Geräte seit vier Jahren, und ich habe zwar mehrmals den Bildschirm, aber noch nie die Tastatur geputzt.

In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass manche Symbole auf der Tastatur kaum noch zu erkennen sind, die 1 und die 2 zum Beispiel. Weil ich beim Tippen nicht auf die Tastatur sehen muss, machte mir das keine Sorgen. Es stört die Funktion nicht, wenn die Tastatur mit einer Schmutzschicht überzogen ist. Kein Text ist schmutzig deswegen. Nur das Nachdenken war jetzt wie immer störend. Man tippt nicht, sondern denkt etwas nach und sieht dabei auf die Tastatur – und schon hatte ich, ohne es unter Kontrolle zu haben, ein Papiertaschentuch in der Hand, steckte den rechten Zeigefinger in den Mund, benässte dann mit ihm das Feld auf der Tastatur, das es nötig hatte, und rieb dann mit dem Taschentuch, bis es die Schmutzschicht aufgesogen hatte. Auch bei dieser Arbeit blieb ich spontan; ich bearbeitete die Fläche nicht beispielsweise reihenweise, sondern suchte mir die dreckigsten, also dunkelsten Felder der Tastatur, unabhängig von ihrer Lage. Ich konnte nicht bemerken, dass mich die Arbeit glücklicher machte, aber ich erinnerte mich, dass es den meisten so geht. Nicht die Arbeit, sondern das Resultat gefällt einem dann.

Schon bald spürte ich die Merkmale meiner Krankheit. Das war normal, ich habe mich längst daran gewöhnt, war jedoch schon etwas erstaunt, dass sie sich sogar bei dieser unwichtigen Tätigkeit meldete. Eine schmutzige Tastatur säubern ist schließlich was anderes als eine verdreckte Wohnung zu reinigen oder das Bett frisch zu beziehen oder sich zu duschen nach zwei schlimmen Tag- und Nachtschichten ohne Pause. Obwohl? Meine Konzentration lief vollständig über zum Putzen der Tastatur und ich erkannte darin auch eine gewisse Komik, die mich sogar aufheiterte, ehe sie dann doch überraschend schnell die Richtung änderte, angetrieben von meiner Krankheit. Während ich mit nassem Zeigefinger und Taschentuch weiter machte, tauchten langsam, ohne eine Struktur zu bilden, Textbausteine im Kopf auf. Vermutlich wurden sie angelockt, weil ich dieses Terrain noch nie bearbeitet hatte, sie kamen, weil sie die Wildnis reizte, Worte, Sätze, Fragen – Einzelgänger, die wussten, dass sie nur gemeinsam überleben würden. Ich begrüßte sie mit keinem Wort. Ich hatte sie nicht gerufen. Ihnen zu helfen bedeutete, mit dem Putzen aufzuhören und das Gerät einzuschalten und das wollte ich nicht.

Ich bin auch nur ein Mann, der sich nicht gern bei der Arbeit stören lässt.

Ich wusste nicht, ob es ein gutes oder schlechtes Zeichen war, dass ich nach vier Jahren, ohne einen Plan gehabt zu haben, die Säuberung in Angriff nahm; aber es jetzt zu unterbrechen, das erschien mir riskant, denn Vergleichbares wartete schon länger und war eigentlich wichtiger. Der Schreibtisch war beladen mit Sachen, die längst vernichtet oder in eine andere Ordnung hätten überführt werden müssen, im Arbeitszimmer insgesamt sah es noch schlimmer aus. Nein: jetzt war die Stunde der Säuberung der Tastatur. Ein Später würde es dafür so bald vermutlich nicht geben. Ich ließ mich von dem Gedanken nicht stören, dass es eine unwichtige, lächerliche und folgenlose Arbeit war, denn ich hatte genug Lebenserfahrung, um zu wissen, dass das schon morgen anders aussehen konnte. Wenn morgen mein Zimmer durchsucht wird, weil sie im Appartement eines Selbstmordattentäters ein Buch von mir gefunden haben, in dem sehr viele Stellen angestrichen sind, dann werden sie, wenn auch vielleicht nur unbewusst, registrieren: die Tastatur dieses Mannes ist sauber.

Ich kann mich nicht erinnern, mich jemals mit anderen Textarbeiterinnen und -arbeitern darüber unterhalten zu haben. Aber was heißt das schon.

Einmal im Monat brauche ich das, ich wische den Bildschirm, ich reinige die Tastatur, räume den Schreibtisch auf und danach fühle ich mich besser.

Bei mir ist das typisch Sonntag Nachmittag, ich höre mir die Jazzplatten an, die ich sonst nie höre, ein Glas Wein, das ist richtig schön, aber nur wenn es regnet.

Ich mach das, ach Scheiße, einmal im Jahr vielleicht und dann geht’s mir aber ziemlich dreckig, dann hört aber der Arsch unter mir meine Zähne klappern.

Wenn die Tastatur nicht sauber ist, das macht mich wahnsinnig, ich weiß, das ist total bescheuert, trotzdem, ich muss das auch gar nicht groß diskutieren, es ist mir egal, wie das die anderen machen, bei mir ist das einmal die Woche, inklusive Stifte spitzen und alles, was irgendwie damit zu tun hat, jawohl.

Ich kratz da immer mit den Fingernägeln, wenn mir das richtige Wort nicht einfällt, und dann hast du plötzlich tierisch viele ooooooooooo auf dem Schirm, Attacke vom Mars, Hilfe, Hilfe, jetzt sauf ich aber wirklich mal weniger.

Ich seh’s einmal anders herum, morgen Nacht nehm ich einen Typen mit heim und der schaut sich dann meine Tastatur an, also ich weiß nicht, aber wenn der meint, er muss sich da einmischen, dann kann er aber schon gleich wieder gehen.

Du wirst es nicht glauben, aber es gibt eine spezielle Reinigungslösung dafür, es gibt sogar so was wie diese Erfrischungstücher, wo sind eigentlich die Erfrischungstücher geblieben, waren das die Sechziger eigentlich, oder doch Siebziger und Achtziger, ich glaube in den Neunzigern nicht mehr so, das war sicher auch so ein spezielles Ostding, ich muss mir das im Netz jetzt mal genauer ansehen, Erfrischungstücher, Raststätten, Reiseschreibmaschinen und der Knirps, pass mal auf, Pulswärmer sind auch wieder da.

So könnte man sich wohl stundenlang darüber unterhalten.

Bei meinen alten Schreibmaschinen habe ich die Typen öfter geputzt. Dazu benutzte ich Stecknadel, Stofftaschentuch und Feuerzeugbenzin. Mir gefiel die Tätigkeit, und auf dem Papier konnte man dann sehen, dass sie einen Sinn hatte. Ich vermisse meine alten Maschinen, genauer gesagt die Geräusche, die sie bei der Arbeit machen. Es ist kein gutes Gefühl zu wissen, dass ich sie wohl nur noch selten aus der Ecke holen werde, um einen Text in die Maschine zu hämmern. Vor einigen Monaten war ich, aus einer diffusen Stimmung heraus, bereit, immerhin meine elektrische Schreibmaschine nach langer Zeit wieder zu benutzen. Und dann war das Farbband nach wenigen Zeilen verbraucht und schon war aus einer angenehm verträumten eine schlechte Stimmung geworden. Es war die schmutzige Tastatur eines Keyboards, die mich bald milder stimmte.

Die Sonne spendet nun kein Licht mehr, in meinem Fenster ist kein Blau mehr, kein Grün. Doch verstummt sind endlich die Schreie.

Die Textbausteine, die Worte, Sätze und Fragen hatten dann in der Wildnis der ihnen fremden Sprachfelder so lange gebrüllt, bis ich nicht mehr anders konnte, als ihnen zu helfen. Ich habe die hoffnungslosen, ängstlichen Einzelgänger zu einer Gruppe verbunden, die nun überlebensfähig zu sein scheint. Zuletzt erklärte ich ihnen, warum ich glaubte, dass es nichts Gutes bedeutete, dass ich mit dem Putzen aufgehört hatte und sie nicht allein und ihrem Schicksal überlassen, sondern sie zu einer immerhin 7542 Zeichen starken Einheit formiert hatte. Obwohl ich da schon wusste, die verstanden nichts von dem, was ich ihnen sagen wollte.

Ich bin nur ein Mann, der seine Arbeit tun will, aber ich habe ein Herz, das mir sagt, wann ich helfen muss. Dann habe ich das Gerät ausgeschaltet und gehofft, morgen wäre auch noch ein Tag.

Gefährliches Lokal

Manchmal frage ich mich, wie viel Zeit meines Lebens ich in Lokalen verbracht habe. Und wie es aussehen würde, wenn man alle Gläser, die ich hatte, in Reihe stellt. Nur so. Und wie viel Moos ich wohl dort gelassen habe? Das weiß ich ziemlich genau. Wenn man alle Münzen und Scheine in einen Sack füllen würde, der mir von der Decke auf den Kopf fällt, dann wäre ich tot. Aber wenn ich’s nicht getan hätte, wäre ich sicher schon lange tot.

Seit fünf Jahren lebe ich in einer außergewöhnlichen Situation, und fast alle Leute, die uns zum ersten Mal besuchen, sind begeistert. Ihr habt ja eine Kneipe gleich im Haus! Als hätte man das Ziel gehabt und es damit endlich, endlich erreicht, nie wieder raus zu müssen. Und so einen schönen kleinen Biergarten! Dann die entscheidende Frage, ist es denn gut da?

Das ist es ja, dass es gut da ist, täglich von zehn bis ein Uhr im Hektor, und deshalb ist es ein nicht ungefährlicher Ort, an dem ich lebe. Du hast eines der angenehmsten Lokale der Stadt im Haus. Das fördert den Hang zur Faulheit und den Amüsiertrieb und ist ein gutes Fressen für den Pleitegeier. Du hast den ganzen Tag Buchstaben aus dem Alphabet geschlagen oder sonst was, die Sonne ist untergegangen, und diese gewisse innere Stimme sagt, du willst noch unter Menschen sein, aber weiter als bis ins Erdgeschoß würdest du jetzt auf keinen Fall gehen, nein, heute nicht, du bleibst zu Hause. Eine andere Standardsituation ist der abends leere oder völlig falsch gefüllte Kühlschrank. Eine unaufgeregte Stimme sagt, gehn wir runter? Und dann gehen wir nur mal schnell runter.

Das Hektor ist mit seinen etwa siebzig Sitzplätzen und einer langen und einer kurzen Theke weniger eine Kneipe, sondern, wie’s auch draußen heißt, mit »Café-Bar« treffender beschrieben. Denn es ist schon ganz schön elegant (im Gegensatz zum schon ganz schön runtergekommenen vierstöckigen, hundert Jahre alten Haus, das Postbräu gehört), ohne dabei irgendwie fein oder schnöselig zu sein oder zu tun. Die Regisseure und Bedienungen sind immer schnell und freundlich, ohne servil zu sein oder den Eindruck zu erwecken, man könnte ihnen dumm kommen. Leute, denen ihre Arbeit grundsätzlich Spaß zu machen scheint und die was davon verstehen, die hat man gern in seiner Nähe. Und wenn im Gespräch die Frage auftaucht, was denn der fünfte Film von Scorsese war, wendet man sich an Herrn Hü.

Die italienverliebte Speisekarte steht täglich neu an der Tafel und man braucht keine zwei Stunden, um sie zu studieren. Die Gerichte sind sehr gut und sehen auch so aus auf dem Teller und man kann großen Hunger haben und bekommt sogar Hilfe bei Problemen mit Kindern. In vergleichbaren Lokalen wird dafür anders hingelangt. Dass die Gaststätte auch eine Bar ist, zeigt das Angebot an Drinks und ihre Zubereitung. Womit ich nicht gesagt habe, dass das Helle von Postbräu nicht verbessert gehört. Zumindest möchten wir jetzt endlich einmal unser Bad renoviert bekommen.

Oft bin ich sogar unten, um einfach nur Musik zu hören. Da laufen nicht immer die gleichen Kassetten, da laufen keine Deppen, da kann ich mir manchmal Curtis Mayfield wünschen, da stehen auch zwei Plattenspieler. Eine kritische Stimme, die der von unser aller Plattenhändler verdammt ähnlich klingt, der seine Frau jeden Samstagabend in der Küche schuften lässt, meint, es würde zu viel »Bumsmucke für BWL-Studenten« laufen. Damit meint er Triphop und so, und er hat natürlich recht mit seiner Beobachtung, dass dies nicht der Ort ist, wenn mal wieder der große gute Krach im Getümmel gebraucht wird, aber ehrlich, diesen Ort möchte ich auch nicht ständig im Haus haben.

Und wer kommt überhaupt rein? Die ominöse bunte Mischung. Mit hoher Frauenquote, selten paar Dumpfmeistern, zu wenig Alten, manchmal zu vielen Studenten, die bei mir den Eindruck erwecken, FDP zu wählen und Westerwelle für wenigstens irgendwie nicht so verschnarcht zu halten. Aber man muss sich nicht groß um Leute kümmern, die von Alex dem Tiefseetaucher mit einem Blick kalt gestellt werden können und sollte sich auch daran erinnern, dass er manchmal täuscht, der Eindruck. Angenehm finde ich, dass es keins von diesen Stammgäste-Lokalen ist und also auch nicht dieses Sich-wie-daheim-Fühlen ausstrahlt. Bei großen Fußball-Turnieren wird »das Studio« eingerichtet. Auf die nur stufenhohe Bühne am Ende des langen schmalen Raums, wo ein großer Tisch steht, den man wie ein Theaterstück betrachten kann, kommen dann Fernseher, Kunstrasen und Bierbänke und -tische. Wenn nötig, werden die Öffnungs- den Spielzeiten angepasst. Man ist nicht in Gefahr, wenn man gegen Deutschland ist.

In so einer Wohnsituation sind aber nicht die Privilegien, die man etwa nach der Sperrstunde genießt, die größte Gefahr, sondern dass du irgendwann zum Inventar wirst. Das Helle, das du heute nicht trinken wolltest, ist schon in Arbeit. Du stehst in den Hauspantoffeln herum und niemand weist dich darauf hin.

Ich lebe mit einem Lokal im Haus. Vormittags höre ich das Scheppern von Bierkästen. Abends höre ich diesen Klangteppich aus Gelächter, Geschirr, Gerede und Musik. Eine Kulisse, die immer wieder zerstört wird von dem gigantischen Metallkrach, wenn drüben am Güterbahnhof die Waggons aufeinanderprallen. Was sich anhört wie der Beginn des Jüngsten Tags. An dem ich einst hoffentlich dieselbe Antwort bekomme wie dort unten auf die Frage: Kann ich anschreiben, bitte?

In meiner Stadt

Als überzeugter Bürger eines demokratischen Rechtsstaats empfinde ich es als Unverschämtheit, wie seitens der Stadt Augsburg versucht wird, die sogenannte Drogen- und Pennerszene am Königsplatz verschwinden zu lassen.

Der letzte Junkie dort hat die gleichen Bürgerrechte wie irgendeine Angestellte unserer Stadt. Es ist eine Frechheit, die Aussage eines Polizeibeamten zu ignorieren, der darauf hinweist, dass die sog. Wochenend-Party-Szene am Herkulesbrunnen sogar mehr Belästigung und Arbeit schafft als die Szene am Königsplatz, ohne jedoch seitens der Stadt vergleichbar angegriffen zu werden. Es ist eine üble Verlogenheit, wenn Politiker so tun, als wären die Verhältnisse am Königsplatz eine Bedrohung; im Gegenteil, sie sollten dankbar sein, dass diese Szene vergleichsweise harmlos ist. Ich empfinde es als Beleidigung, von solchen Leuten, egal welcher Partei sie angehören, mit der Bitte belästigt zu werden, ihnen bei der nächsten Wahl mein Vertrauen zu schenken.

Die letzte Flucht

Die Zeiten haben sich ganz schön geändert. Nur 2000 Mark Belohnung versprach die Landpolizeidirektion Schwaben im Februar 1969 für Hinweise, die zur Ergreifung des Theo Berger führten, der »wegen zahlreicher bewaffneter Banküberfälle zu 15 Jahren Zuchthaus mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt« worden und zwei Monate zuvor aus der »Strafhaft« entwichen war.

»Vorsicht!«, schrie es auf dem Plakat, »Rücksichtsloser Gewaltverbrecher!« Und genau das stimmte nicht, es war furchterregend übertrieben.

Drei Monate später hatten sie den »Al Capone vom Donaumoos« wieder. Der Bauernsohn aus dem zwischen Augsburg und Ingolstadt gelegenen Dorf Ludwigsmoos war 28 Jahre alt und sollte sich dann zurecht den Titel »Ausbrecherkönig« erkämpfen. Bis 1983 verließ er das als besonders sicher geltende Gefängnis zu Straubing vier Mal ohne Genehmigung. Seine Fluchten dauerten aber nie lange, maximal einen Monat. Schuld daran war seine Liebe zur Heimat; man fand ihn im Donaumoos oder allenfalls eine Zigarettenlänge (in einem schnellen Auto) davon entfernt.

Als der Strafvollzug 1985 wegen seiner Leukämie-Erkrankung ausgesetzt wurde, bekam er die Hauptrolle in Oliver Herbrichs großartigem Dokumentarfilm Der Al Capone vom Donaumoos. Der dann nach einem Banküberfall wieder im Knast saß, ehe der Film ins Kino kam.

Eigentlich ist der Vergleich mit Al Capone eine Unverschämtheit. Als das Treiben der sogenannten Berger-Bande, zu der auch zwei seiner Brüder gehörten, 1967 von der Polizei beendet wurde, gingen auf ihr Konto etwa siebzig Auto- und andere Diebstähle, außerdem Automatenbrüche und »sieben Raubüberfalle«. Im Film erzählt eine Bankangestellte, die zweimal von ihm besucht wurde, sie habe keine Angst empfunden. Denn Berger war ein Gentleman-Gangster, das Gegenteil von einem Typen, der irgendwelchen Leuten brüllend und durchdrehend eine Pistole an den Kopf hält und sie Todesängste ausstehen lässt.

Seine Verbitterung und sein Hass auf Polizei und Justiz ist leicht verständlich, wenn er im Film erzählt, dass er in seiner Karriere nie einen Menschen getötet oder schwer verletzt und keine Frau und kein Kind vergewaltigt hat, und doch mit einer höheren Strafe als solche Täter einsitzt. Zuletzt hatte er zweimal 15 plus 12 Jahre (»wegen versuchten Polizistenmordes«) mit anschließender Sicherungsverwahrung.

Ist das vielleicht kein großer bayrischer Heimatroman? »Der schöne Theo« hat ihn selbst geschrieben. Nach einer dreijährigen Einzelhaft hatte er schwere Sprachstörungen, das Aufschreiben seiner Geschichte gehörte zur Therapie. Ausbruch wurde angeblich aus dem Gefängnis geschmuggelt und erschien als 300 Seiten starkes Buch 1989 im Augsburger AV-Verlag. Wer etwas über Bayern erfahren will, sollte nicht auf den Verkehrsminister und Todesfahrer Otto Wiesheu hören, sondern diese Memoiren lesen. Wer würde vermuten, dass bis in die sechziger Jahre kein Polizist Bulle genannt wurde?

»Mein schwerstes Verbrechen war und bleibt, dass ich meinen Bruder sofort als Partner akzeptierte, anstatt ihn darüber aufzuklären, was dabei alles passieren könne und wie das eines Tages enden würde.« Alfons Berger wurde 1981 von der Polizei erschossen. »Es wäre sicher für uns kein Problem gewesen, wenn wir uns zusammen auf eine legale Sache konzentriert hätten ... In meinem Kopf aber waren nur Polizei, Justiz und Zuchthaus. Denen und überhaupt allen wollte ich zeigen, dass mir niemals mehr jemand etwas nachweisen kann, auch wenn meine Verbrechen noch so groß werden sollten.« Als der junge Mann nach seiner ersten Haft »nach Hause kam, weinte Mutter wie üblich. Vater schimpfte nur rum, ich hätte in so jungen Jahren mein Leben schon ruiniert. Sicher werde es nicht lange dauern und ich würde wieder im Gefängnis hocken. Noch am selben Nachmittag, ich traute meinen Augen kaum, kam doch schon der erste Polizeiwagen auf unseren Hof zugefahren.«

Berger gegen die Bullen, es war ein tragikomisches Spiel, in dem er zwar viele Punkte holte, das er aber nicht gewinnen konnte. Genau genommen war der populärste Verbrecher Bayerns ein Produkt der Behörden. Als Zwanzigjähriger hatte er nach einigen harmlosen Vergehen wie Kneipenschlägerei und Fahren ohne Führerschein eine unverhältnismäßig hohe Haftstrafe von drei Jahren bekommen; dass währenddessen draußen sein erstes Kind ohne ihn aufwuchs, steigerte seinen Hass; und danach legte er eben erst richtig los. Nicht dumpf-brutal, sondern gewitzt-charmant. Das machte ihn zum Volksheld, durchaus im Sinn von Filmen, in denen es um kesse Girls und heiße Flitzer geht.

»Der Bulle am Steuer des Polizeiwagens muss ein Könner gewesen sein, er wendete seinen Ford in einem Zug, ließ zugleich sein Horn aufjaulen und das Blaulicht auf dem Dach kreiselte auch schon lustig siegessicher. Da wollte ich aber nun doch nicht der Verlierer sein. Ich trat das Gaspedal des Mercedes bis zum Anschlag durch, der Wagen schoss ab wie eine Rakete. Leider hatte ich nicht bemerkt, dass die Straße plötzlich total vereist war.«

Es war bayrischer Rock’n’Roll. Kirchgang, Lehrer, Schützen- und Sportvereine konnte er nicht ausstehen. Die Frauen standen auf ihn und er auf sie. Wenn er in Bestform war, rief er bei der Polizei an, nannte die Adresse des Autohauses, wo er gleich das beste Stück rausholen würde und erklärte ihnen, an welcher Straßenkreuzung er auf sie wartete, und so war’s dann auch: und sie schnappten ihn nicht. Bergers irrsinnige Haftstrafen waren das Zeichen einer irren Wut: von dem lassen wir uns nicht verarschen! Dass er es schaffte, mit einem als Pistole gestalteten Stück Seife aus dem Gefängnis zu gehen, machte es nicht besser, und als er schließlich auf der Flucht auf einen Beamten schoss, war es natürlich ganz aus.

Von seinen 62 Jahren hat er 36 in Gefängnissen verbracht. Voriges Jahr durfte er zuletzt schwer bewacht raus, um seiner Frau die letzte Ehre zu erweisen. Entlassen werden sollte er im Jahre 2036. Aber in den letzten Monaten, heißt es, schien sich aufgrund von Personaländerungen innerhalb der Justiz und einer positiven familiären Situation nun doch noch eine Hafterleichterung mit möglicher Aussicht auf vorzeitige Entlassung abzuzeichnen. Am Freitag, dem 21. November 2003, wurde Theo Berger in seiner Zelle in der Justizvollzugsanstalt Straubing erhängt aufgefunden.

Der Albtraum des Innenministers

In einem Polsterstuhl sitzen, dezente Menschen, parfümierte Luft, ungestört ein paar Notizen notieren – manchmal möchte ich lieber über ein klassisches Konzert berichten. Besonders wenn es, wie in der vollgestopften Münchner Muffathalle, nur Probleme gibt.

Sie sind hier. Aber wer sind sie?

Neben mir die Vierzigjährige mit den langen Locken, ist die von der Polizei? Oder dieser besonders lockere Buddy mit der fröhlichen Rastamähne und den nicht billigen Jeans? Oder der da, der so normal aussieht wie ich? Viel schlimmer aber ist, dass ich auf keinen Fall meinen Notizblock ziehen darf. Das würde gar nicht gut aussehen.

Das ist keine Paranoia. Denn sie haben bei den Konzerten des Reichenhaller Songwriters Hans Söllner in den letzten Jahren viel mitgeschrieben; und sehr gern Besucher durchsucht: Hasch!

Söllner wurde eingedeckt mit Hausdurchsuchungen und Prozessen. Vom Vorwurf der Drogen-Propaganda wurde er freigesprochen, für 0,7 Gramm bekam er eine Geldstrafe. Hauptsächlich aber geht’s um Verbalattacken gegen den bayerischen Innenminister Beckstein und die Polizei: das seien »Beleidigungen«, sagt eine Anklageschrift, die »in ihrer Massivität ohne vergleichbares Beispiel sind.« (Wenn ich im Vergleichen so schlecht wäre wie sie, dann würde ich ihre Anklageschrift mit dem Wortlaut anderer Anklageschriften aus einer anderen Zeit vergleichen). So wurden reihenweise Konzerte untersagt. Eigentlich aber geht’s darum, dass Hans Söllner nicht weiter sein Maul aufreißt, gegen eine CSU, die immer wieder ausländerfeindliche Stimmung macht, gegen einen Beckstein, der Asylanten selbst in Krisengebiete zurückschickt.

Ist das möglich, der Albtraum des Innenministers, ein Sänger?! Weil er in fast allen Schichten und vor allem bei den Jüngeren so populär ist. Weil er komplizierte Sachen in für fast alle verständliche Worte übersetzen kann. Weil er bayrischer ist als alle Tölzer Bullen zusammen. Demnächst hat das Bundesverfassungsgericht zu entscheiden, ob er für seine »Beleidigungen« 120.000 (hundertzwanzigtausend) Mark Strafe zahlen muss.

Das Erzählen zwischen den Songs, genau das bringt ihn vor Gericht. Heute Abend aber werde er sich mäßigen, sagt er zur Begrüßung und wirft ein paar Handvoll Joint-ähnliche Gegenstände ins Publikum. Riesenjubel. Denn bekanntlich müsse er ja etwas Geld verdienen! Riesenjubel. Ja, er habe sich vorgenommen, der Polizei zu helfen! Am 21.12. um 18 Uhr werde er auf die Reichenhaller Polizei gehen und ein Gramm abliefern, und er wolle jetzt niemand zu irgendwas auffordern, aber man stelle sich jetzt bloß einmal vor ... Riesenjubel.

Es zerreißt einen fast vor Lachen, wenn er zu seinen umständlich-kunstvollen Beschreibungen ansetzt, aus denen ihm kein Strick gedreht werden können soll. Klar, später kommt auch ganz kurz das Märchen, wie der Beckstein auf die Welt kam: ein großer Vogel flog so dahin und dann musste er ausgerechnet über Bayern, und so geschah es ... Das allerbeste Entertainment aber sind immer wieder seine Ich-und-die-Polizei-Stories. Wer glaubt, das wäre nicht Kunst auf Karl Valentins Ebene, der muss eine Metallplatte vor dem Kopf haben. Das möchte ich mal in einem Theater sehen. Ohne Gitarre steht Söllner im Spot: »Wissts, wos ma neili bassiad is, dees glaabt’s ia need, baast’s auf...«

Den Entertainer Söllner gibt’s jedoch nicht für sich, er ist nur in Verbindung zu erleben: mit dem bekennenden Rasta, dem gewesenen unorthodoxen Frühachtziger-Punk, dem Protestsänger, dem Kraudn Sepp-Nachfolger und auch dem Moralapostel. Vielleicht wird er so geliebt, weil er seine Verse nicht schmiedet, sondern sie aus seinen Rippen zu schneiden scheint, und wohl deswegen sind auch einige Klischees immer dabei. Und er liebt sein Publikum; da ist ein schon fast unheimliches Wir-Gefuhl, an dessen Entstehen er arbeitet. Beckstein-Attacken werden bejubelt wie die Aufforderungen, sich um eine gerechtere Welt zu bemühen, seine Kiffer- und Anti-Staats-Hits tausendfach mitgesungen, den wütenden Klage- und den romantischen Liebesliedern wird andächtig gelauscht. Und wenn er dann mal betont, er spreche eigentlich doch nur für sich allein, dann wird das wahrscheinlich nicht so ernst genommen.

Vielleicht bin ich der Einzige, der diese spezielle, wenn auch vergleichsweise harmlose Peinlichkeit lieber nicht hören möchte. »Ihr seid’s doch aa ole fia an Friedn, oda?« Riesenjubel. Die Frage war schon vor der Erfindung der Lichterkette verboten.

Nach einer Pause kommt seine neu besetzte Band Bayaman Sissdem. Das ist endlich mal eine gute Söllner-Reggae-Band, und während sich die Stimmung von Kopf und Herz in die Hüften verlagert, dringt in meinen Kopf folgendes Gespräch ein, geführt von einem Paar so Mitte dreißig, vom Typ so Ich-wähle-trotzdem-noch-Grün. Sie reden über Konzerte, zuletzt AC/DC, das war toll, demnächst Rammstein, das wird laut, und die Böhsen Onkelz, die sollten endlich mal wieder kommen.

Ich sag’s nur kurz mit einem Söllner: gut, dass sie hier sind, dann sind sie von der Straße weg.

Aber wer sind sie?

Mehr Arbeit für den Staatsanwalt

für Maxim Biller

Es war nachts in der letzten Straßenbahn, als ich Bärbel Schumann kennenlernte. Auch die Balletttänzerin, die es mit Mitte zwanzig immer noch nicht bis an die Spitze des nicht ganz unbekannten Ensembles geschafft hatte, wollte in dieser Nacht nicht allein sein. Beim Ficken verschränkte sie die Arme hinter dem Kopf, machte die Augen zu und sonst nichts, und nach zwei Wochen war mir das dann zu wenig.

Mit Renate Kehl musste ich zuvor immer genug Rotwein trinken. Mit ihr zu vögeln war eine Art Ringkampf, sie war so schnell oben, unten, vorne, hinten und wieder oben, dass mir leicht schwindlig wurde. Danach erzählte die Architekturstudentin gern von ihrer Mutter oder ihren drei Schwestern und immer wieder forderte sie mich auf, aus den komplizierten Verbindungen, Liebhaber wurden durchgereicht und solche Sachen, einen Familienroman zu machen.

Lydia Auersberg war verbittert, weil sie ihre Artikel immer nur in Frauenzeitschriften unterbrachte. Sie hielt sich für toll, weil sie eine Sammlung mit Pornofilmen hatte, und eine Zeit lang war ich ihrer Meinung. Eigentlich machte ihr Sex nur Spaß, wenn sie mich mit ihrem Dildo bearbeitete, während sie sich selbst masturbierte. Ich habe gehört, dass sie jetzt einen Buchvertrag in der Tasche hat, irgendwas mit Single-Abenteuern in Berlin kurz nach der Wende.

Es war nicht das Problem, dass Margot Brock Oralverkehr eklig fand, sondern dass sie ständig darüber diskutieren musste und mir unterstellte, ich fände Sex mit ihr deswegen langweilig und sie selbst verklemmt und altjüngferlich. Dabei war sie ganz schön wild, weswegen sie oft ein schlechtes Gefühl danach hatte. Die alleinerziehende Mutter hatte den Eindruck, dass man ihr die Geilheit anmerkte bei der Arbeit im Finanzamt oder wenn sie ihre beiden Kleinen im Kindergarten abholte. Ständig wollte sie wissen, woran ich denn grade schriebe, und weil ich darüber grundsätzlich nicht viel sage, glaubte sie, ich würde sie für etwas dumm halten. Dennoch waren wir erstaunlich lange liiert.

In der Woche nach dem Tod von Sid Vicious im Februar 1979 war Sandra Dzerbynski auch modemäßig hängen geblieben, was für eine Frau von vierzig Jahren doch irgendwie seltsam war. Ihr Zimmer war ein Schlachtfeld, sie trug nie einen Schlüpfer, lebte von der Stütze, behielt ihre Stiefel auch im Bett an und mochte schnellen Sex, egal wie. Wenn sie besoffen war, beschimpfte sie mich, weil ich nichts über ihre Band schreiben wollte, die nur dreimal im Jahr in der Gegend spielte und nur eine Single hinbekommen hatte. Plötzlich aber sind sie ziemlich gut im Rennen und sie freut sich, wenn ich sie hier eine dreckige Punkfickmaus nenne.

Die Zeit mit der Klavierlehrerin Erika Kohut war mit Problemen beladen, aber ich denke gern an sie zurück. Sie verknotete ihre Haare am Hinterkopf, trug eine altmodische Brille und knielange Röcke. Sie stand auf Situationen, in denen sie richtig genommen wurde, weil sie glaubte, auf die Art keine Sünde zu begehen. Gespräche über Persönliches oder ihre mit in der Wohnung lebende alte Mutter lehnte sie ab. Sie mochte Analsex und noch lieber, wenn ich sie, während sie Klavier spielte, am Hinterkopf festhielt und ihr mein Glied in den Mund schob. Neulich sah ich die Kohut seit langem mal wieder, auf der Bühne bei einem Konzertabend der Musikschule.

Meine Liaison mit der bekannten Verlegerin Katja Wallner war kurz und schmerzlos. Ich habe selten jemanden getroffen mit einem so sonnigen Gemüt, obwohl sie da schon lange überlegte, ob sie sich von ihrem Mann, einem ehemaligen Rechtsanwalt, trennen sollte. Einmal, als sie über mir thronte und Atem holte, beschwerte sich die dralle Rothaarige, wo denn verdammt noch mal das Exposé zu dem tollen Roman bliebe, den ich ihr versprochen hätte. Sie war dann mit meiner Antwort sehr zufrieden.

Frauen

Ich habe abgetrieben, weil ich einfach kein Kind haben will. Ich habe abgetrieben, weil ich Angst vor der Geburt hatte. Ich habe abgetrieben, weil wir es schon zu viert nur mit Mühe und Not schaffen. Ich habe abgetrieben, weil er mich gleich sitzengelassen hat.

Ich habe abgetrieben, weil mich meine Eltern überredet haben. Ich habe abgetrieben, weil es dann mit dem Nachtleben vorbei gewesen wäre. Ich habe abgetrieben, weil mich Babygeschrei wahnsinnig macht. Ich habe abgetrieben, weil wir arbeitslos sind und sowieso überhaupt keine Aussicht haben. Ich habe abgetrieben, weil ich seit Jahren Kettenraucherin bin. Ich habe abgetrieben, weil es schon genug Deutsche gibt. Ich habe abgetrieben, weil ich keine Lust habe, meine Karriere zu unterbrechen. Ich habe abgetrieben, weil ich ein totales Neurosenbündel bin.

Ich habe abgetrieben, weil mein Mann keine Kinder möchte. Ich habe abgetrieben, weil mir die Astrologin nur Schlechtes gesagt hat. Ich habe abgetrieben, weil der Arzt sagte, dass eine weitere Geburt gefährlich werden kann. Ich habe abgetrieben, weil es unverantwortlich ist, ein Kind in die Welt zu setzen. Ich habe abgetrieben, weil wir beide so hässlich sind. Ich habe abgetrieben, weil ich keinen Mut hatte. Ich habe abgetrieben, weil es der Ausrutscher mit einem glücklich verheirateten Familienvater war. Ich habe abgetrieben, weil der Arzt sagte, dass es wahrscheinlich behindert sein wird. Ich habe abgetrieben, weil ich mein Leben für mich allein haben will. Ich habe abgetrieben, weil der Vater kurz darauf bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Ich habe abgetrieben, weil es von einem Neger war. Ich habe abgetrieben, weil wir zu dritt von der Stütze leben. Ich habe abgetrieben, weil ich mit mir allein schon nicht zurechtkomme. Ich habe abgetrieben, weil ich behindert bin.

Ich habe abgetrieben, weil mein Freund das Kind unbedingt wollte. Ich habe abgetrieben, weil ich mich noch nie als Frau gefühlt habe. Ich habe abgetrieben, weil mein Mann für längere Zeit im Knast steckte. Ich habe abgetrieben, weil das Kinderkriegen die Ursache für die Unterdrückung der Frau ist. Ich habe abgetrieben, weil meine Freundin ein mongoloides Kind bekommen hat. Ich habe abgetrieben, weil ich wegen allem verzweifelt war. Ich habe abgetrieben, weil mich der Satan gefickt hat. Ich habe abgetrieben, weil mein Mann mich immer geschlagen hat. Ich habe abgetrieben, weil ich mir nicht vorstellen kann, eine gute Mutter zu sein. Ich habe abgetrieben, weil ich mitten in den Examensvorbereitungen steckte.

Ich habe abgetrieben, weil man das Kinderkriegen den Christen überlassen soll. Ich habe abgetrieben, weil ich vom Leben überhaupt noch nichts hatte. Ich habe abgetrieben, weil eine weitere Geburt tödlich gewesen wäre. Ich habe abgetrieben, weil ich infiziert bin. Ich habe abgetrieben, weil der Junge Schiss hatte und mir viel Geld geboten hat. Ich habe abgetrieben, weil ich eine Nonne bin. Ich habe abgetrieben, weil ich mich nicht reif genug für ein Kind fühlte. Ich habe abgetrieben, weil meine Mutter bei der Geburt gestorben ist. Ich habe abgetrieben, weil mir das Risiko in meinem Alter einfach zu groß war.

Ich habe abgetrieben, weil mein Freund so unzuverlässig ist. Ich habe abgetrieben, weil wir kein Geld für eine größere Wohnung haben. Ich habe abgetrieben, weil ich ins Guiness-Buch der Rekorde kommen will. Ich habe abgetrieben, weil ich alkoholabhängig bin. Ich habe abgetrieben, weil mich meine Eltern dazu gezwungen haben. Ich habe abgetrieben, weil mich so ein Fettbauch auf die Palme bringen würde.

Ich habe abgetrieben, weil meine Freundin seit dieser Geburt keinen Orgasmus mehr bekommt. Ich habe abgetrieben, weil ich dann meine Arbeit verloren hätte. Ich habe abgetrieben, weil ich an Depressionen leide. Ich habe abgetrieben, weil ich unabhängig bleiben will. Ich habe abgetrieben, weil Deutschland ein kinderfeindliches Land ist. Ich habe abgetrieben, weil ich träumte, dass es bei der Geburt sterben wird. Ich habe abgetrieben, weil ich nicht wusste, wer der Papa ist. Ich habe abgetrieben, weil der Vater drogensüchtig ist. Ich habe abgetrieben, weil ich keine Mutter sein will. Ich habe abgetrieben, weil ich mit dem Kind allein dagestanden hätte.

Ich habe abgetrieben, weil mein Vater bei der NSDAP war. Ich habe abgetrieben, weil ich fünfzehn war. Ich habe abgetrieben, weil meine Schwägerin die ganze Schwangerschaft nur gekotzt hat. Ich habe abgetrieben, weil ich vergewaltigt wurde. Ich habe abgetrieben, weil mein Freund mich vor die Wahl gestellt hat. Ich habe abgetrieben, weil eine Nutte keine Kinder haben soll. Ich habe abgetrieben, weil wir Geisteskranke in der Familie haben. Ich habe abgetrieben, weil mein Alter immer gesagt hat, dass man Frauen, die abgetrieben haben, aufhängen soll. Ich habe abgetrieben, weil es ein Seitensprung war. Ich habe abgetrieben, weil ich Angst hatte, dass der Busen dann schlaff wird. Ich habe abgetrieben, weil ich Angst hatte. Ich habe abgetrieben, weil mich die Bayerische Staatsregierung am Arsch lecken kann.

Ich habe abgetrieben, weil ich mit dem einen schon die Wand hochgehe. Ich habe abgetrieben, weil wir aus unserem Viertel niemals herauskommen werden. Ich habe abgetrieben, weil ich auf H bin. Ich habe abgetrieben, weil ich schon einen längeren Aufenthalt in Thailand eingeplant hatte.

Ich habe abgetrieben, weil es nur eine besoffene Liebesnacht war. Ich habe abgetrieben, weil ich kein Vertrauen zu meinem Freund hatte. Ich habe abgetrieben, weil ich wusste, dass ich dann so ein Hausmütterchen wie meine Mutter werden würde. Ich habe abgetrieben, weil man sich damals mit einem Kind lächerlich gemacht hat. Ich habe abgetrieben, weil meine Kindheit die Hölle war. Ich habe abgetrieben, weil ich eine Journalistin bin. Ich habe abgetrieben, weil ich als gute Deutsche für die Ausmerzung unwerten Lebens bin. Ich habe abgetrieben, weil wir nicht wussten, wie es weitergehen soll. Ich habe abgetrieben, weil sie mir genau für die Zeit endlich einmal ein tolles Engagement anboten. Ich habe abgetrieben, weil mein Mann nie zuhause ist.

Ich habe abgetrieben, weil dieses, also Aids dann eben auch so. Ich habe abgetrieben, weil ich dem Staat kein Kind schenken will. Ich habe abgetrieben, weil mein Herr der Marquis de Sade ist. Ich habe abgetrieben, weil ich weiß, dass ich das nicht packen würde. Ich habe abgetrieben, weil es eine Schande gewesen wäre. Ich habe abgetrieben, weil nur der Gummi geplatzt ist. Ich habe abgetrieben, weil wir schon vier haben. Ich habe abgetrieben, weil ich mir vom Strafgesetzbuch doch keine Mutterschaft vorschreiben lasse. Ich habe abgetrieben, weil es für meine beruflichen Pläne ungünstig gewesen wäre. Ich habe abgetrieben, weil es mich erregt, als Mörderin beschimpft zu werden. Ich habe abgetrieben, weil es für ihn nur eine Affäre war. Ich habe abgetrieben, weil ich behindert bin und der Arzt sagte, dass es ein gesundes Kind sein wird. Ich habe abgetrieben, weil es hinten und vorne nicht reicht. Ich habe abgetrieben, weil mein Vater der Vater war. Ich habe abgetrieben, weil mich Kinder wahnsinnig machen. Ich habe abgetrieben, weil mich diese Verantwortung überfordert hätte.

Ich habe abgetrieben, weil es mir die Fürsorge sowieso weggenommen hätte. Ich habe abgetrieben, weil mein Mann so ein Theater gemacht hat. Ich habe abgetrieben, weil sie uns alle abtreiben. Ich habe abgetrieben, weil ich eine unbefleckte Empfängnis wollte. Ich habe abgetrieben, weil ich abgetrieben habe.

Eine Frau, die geschossen hat

Der Fall ist einer der spektakulärsten und seltsamsten der Popgeschichte, und auf den ersten Blick sieht es so aus, als handelte es sich nur um eine weitere Folge aus der Serie »Wie man ein Star wird«.

Anfang des Jahres kam der Film I Shot Andy Warhol von Mary Harron in die Kinos. Zugleich wurde im Maro-Verlag das lange vergriffene Buch der Täterin neu aufgelegt, das Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer von Valerie Solanas. Es fängt so an:

»Das Leben in dieser Gesellschaft ist ein einziger Stumpfsinn, kein Aspekt der Gesellschaft vermag die Frau zu interessieren, daher bleibt den aufgeklärten, verantwortungsbewussten und sensationsgierigen Frauen nichts anderes übrig, als die Regierung zu stürzen, das Geldsystem abzuschaffen, die umfassende Automation einzuführen und das männliche Geschlecht zu vernichten.«

Was folgt, übertrifft jede Erwartung. Es ist ein Dokument von beispiellosem Hass auf den Mann und die von ihm geprägte und beherrschte Gesellschaftsordnung, zugleich scharfsinnig und dann wieder »ohne Anspruch auf Realitätsgehalt«, wie ein »Arbeitskreis Frauenemanzipation« im Nachwort schreibt. Es ist das Werk einer Psychologiestudentin, Lesbierin und Gelegenheitsprostituierten, die das einzige Mitglied der »Society For Cutting Up Men« ist. Ihr Theaterstück Up Your Ass fand Andy Warhol so schweinisch, dass er sie zunächst für eine auf ihn angesetzte Polizei-Provokateurin hielt; »Gipfel der Pop-Paranoia« nennt das Paul Krassner im Vorwort.

Das große Problem mit dem Manifest beschreibt die Regisseurin Mary Harron so: »Man fragt sich heute, wie viel davon Satire und wie viel ernst gemeint ist. Wenn sie niemals auf Warhol geschossen hätte, würde man sagen, dies sei ein brillantes Stück Satire und ihre ganze Vorstellung, Männer töten zu wollen, sei nicht mehr als ein Hirngespinst gewesen.« Selbst wenn sie eine Satire geschrieben hätte, würde sie es trotzdem ernst gemeint haben können.

Die Veröffentlichungsgeschichte des Buchs ist weder Satire noch Hirngespinst, sondern ein Blick in den Maschinenraum des Betriebs. Im Oktober 1967 ließ Valerie Solanas ihr Manifest urheberrechtlich schützen. An einer Veröffentlichung war niemand interessiert, der Verleger der Olympia Press, Maurice Girodias, gab ihr allerdings 600 Dollar Vorschuss für eine Romanversion. Auch Andy Warhol, in dessen Factory die Solanas eine Zeitlang verkehrte, ohne jedoch in den Warhol-Clan aufgenommen zu werden, wollte den Text weder produzieren noch lancieren.

Am dritten Juni 1968 schießt Solanas in der Factory auf Warhol. Zwei Kugeln verletzen ihn lebensgefährlich. Der Kunstkritiker Mario Amaya kommt mit einer leichten Schussverletzung davon. Zwei Monate später erscheint das Manifest bei Olympia Press, dann in mehreren Übersetzungen, in Deutschland 1969 in Jörg Schröders März Verlag.

Die Motive für das Attentat einen Tag vor dem Attentat auf Robert F. Kennedy werden meistens auf zwei Aspekte zusammengestrichen, erstens: Warhol hätte sozusagen die Rechnung bezahlt für seine Behauptung, jeder könne für fünfzehn Minuten ein Star sein. Und zweitens: Valerie Solanas hätte beweisen wollen, dass sie ihr Manifest ernst meinte.

Dass der Fall viel komplexer ist, zeigen zwei Buchbeiträge, die in der neuen Ausgabe erstmals dabei sind: Andy Warhols Erinnerung »Nachdem sie mich niedergeschossen hatte, drehte sich Valerie um und schoss auf Mario Amaya«, und ein Brief von Solanas an den Verleger Jörg Schröder von 1977, in dem es um Recherchen und geschäftliche Angelegenheiten geht.

Was zum Tathintergrund gehört, ist das subjektive Empfinden, persönlich unterdrückt zu werden, außerdem Rache und auch Paranoia. Das Tückische an dieser Krankheit hat William S. Burroughs so beschrieben: »Paranoia heißt nicht, dass man nicht verfolgt wird.« Warhol »war die Ursache – oder eine Ursache – ihrer Verfolgungsfantasien. Sie bildete sich ein, dass er für ihre literarischen Schwierigkeiten verantwortlich war«, schreibt Krassner. Zu dieser Problematik finden sich mehrere Spuren, die man anlässlich der Neuausgabe hätte berücksichtigen sollen.

Vieles an diesem biographischen Spielfilm ist spekulativ, aber in einem Punkt ist er ganz nah an etwas, das man auch in der weniger erträglichen Autobiografie von Warhol-Freundin, Factory- und Society-Girl Ultra Violet nachlesen kann: »Valerie ist überzeugt, dass Andy und Maurice Girodias ... sich mit dem Ziel gegen sie verschworen haben, sie um die Rechte an ihren Schriften zu betrügen.« Im Buch Siegfried von Solanas’ deutschem Verleger Schröder findet man eine Ergänzung dazu: Jörg Schröder machte Lizenzausgaben von Girodias’ Olympia Press und erzählte, dass er irgendwann Beweise dafür hatte, dass die amerikanischen Autoren von den Tantiemen aus Deutschland »keinen Cent gesehen« haben. In diesem Punkt also sollte sich Valerie Solanas’ Gefühl gegenüber ihrem Verleger Girodias später als berechtigt erweisen.

Von Valerie Solanas zu Andy Warhol gibt es keine derartige Verbindung. Was es aber gibt, ist eine bestimmte Atmosphäre in Warhols Clan und Firma, und die hatte, so ähnlich wie bei Brecht, auch mit Ausbeutung zu tun. Er selbst hat immer wieder betont, wie wichtig es für seine Produktion war, von »verrückten Leuten, die immer voller Drogen waren, vor sich hin brabbelten und wahnsinnige Sachen machten«, umgeben zu sein, von ihnen also inspiriert zu werden, und das heißt auch, sie als Material zu haben und zu benutzen.

Nachdem Valerie Solanas am Rand seiner Factory angekommen war und er sie nicht mehr fur eine Polizei-Provokateurin hielt, gab er ihr einen Auftritt in seinem Film I, A Man. Sie bekam dafür 25 Dollar, spielte sich ganz einfach selbst, und die Frage ist nun, warum sie nicht durchschaut haben sollte, dass Warhol fur seine Akteure zwar den Begriff Superstar etablierte, dass das aber nur ein guter Dreh für die Medien war, während sie, Valerie, keine Kohle hatte und kein Superstar war, und dass sie alle dazu beitrugen, das Markenzeichen Andy Warhol bekannter und teurer zu machen. Beliebte Probleme im Schatten von Giganten. Andy hatte Geld, Andy förderte Projekte, Andy hatte Velvet Underground bekannt gemacht, Andy hätte die Macht gehabt, Valerie und ihre Arbeit bekannt zu machen – aber er machte es eben nicht. Und das muss jemand, der so ein Manifest schreibt zur Vernichtung der Männer, politisch sehen, als eine Form von Unterdrückung.

Und außerdem gab ihr Andy trotz mehrmaliger Aufforderung die Kopie ihres Theaterstücks Up Your Ass nicht zurück. Aus einem einfachen Grund, den sie nicht so einfach hinnehmen konnte, die Kopie war in der Factory irgendwie verschwunden. Sie hatte keine Kohle, sie brauchte die Kopie, es gab nur zwei Exemplare, was wollte Andy damit, wenn Andy nichts für sie tun wollte … gib mir mein Stück zurück, Andy ... dann such es, ich will es haben, Andy, gib es mir, Andy, jetzt, Andy, sofort, Andy, jetzt, jetzt!

Ein paar Zeilen fehlen in dieser wichtigen Neuausgabe ganz sicher: Valerie Solanas, 1936 in Atlantic City geboren, wurde zu drei Jahren Haft in einer Anstalt für kriminelle Geisteskranke verurteilt. Ultra Violet erzählt, dass sie vor ihrer Verurteilung Warhol telefonisch mit einem weiteren Anschlag bedroht habe. Auf ähnliche Weise habe sie in den nächsten Jahren auch andere Prominente bedroht, die alle irgendwie im Mediengeschäft waren, darunter Howard Hughes, was zu weiteren Inhaftierungen führte. Nach 1977 ist sie spurlos verschwunden.

Warhol hat immer versucht, die Folgen des Attentats herunterzuspielen und es mit seinem speziellen Humor wegzustecken. In einem seiner Bücher schrieb er, was Factory-Girl Brigid Polk einmal zu ihm sagte: »Ich glaube, du hast Frankenstein nur produziert, um deine Narben zur Schau zu stellen. Du hast deine Narben reichlich ausgeschlachtet.«

Andrew Warhola starb an den Spätfolgen des Attentats nach einer Operation 1987. Zwei Jahre später starb Valerie Solanas in einem Obdachlosenheim in San Francisco an einer Lungenentzündung.

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