Kitabı oxu: «Pariser Romanze»

Şrift:

Franz Hessel

Pariser Romanze

Papiere

eines Verschollenen

Saga

Pariser Romanze

German

© 1920 Franz Hessel

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711506844

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

I

Januar 1915

Mein lieber Claude. Gestern habe ich mir im Dorf ein paar Schulhefte gekauft. Dahinein will ich für Dich Briefe schreiben, wenn ich Muße habe und an Paris denke. Ob Du sie je lesen wirst und wann und wo?

Jetzt bin ich mit dreiunddreißig Jahren ein deutscher Rekrut. Auf dem leeren Feld zwischen Kanal und Fort mache ich in Reih und Glied Freiübungen. Nachts liege ich mit zwanzig Kameraden zusammen in Stube Nr. 107. Die ersten Nächte konnte ich nicht recht einschlafen in meinem hohen, heißen Oberbett. Das viele fremde Leben, das mit Atmen, Seufzen und Schnarchen auf mich eindrang, verschob, durchschnitt, übertrieb meine Gedanken. Die wenigen Minuten Schlaf begannen und endeten in heftigen Träumen, die mich beim Erwachen kaum verlassen wollten.

In diesen Träumen bin ich immer in Paris. Ich stehe auf der Plattform des Autobus Opéra– Montsouris. Unterwegs will ich absteigen bei dem Café, in dem die deutschen Freunde sitzen, oder an Deiner Ecke. Da sehe ich an mir herab und finde mich in deutscher Uniform. In der ersten Zeit war es der eng-harte blaue Rock mit den fettgeputzten Knöpfen, später der weitfaltige feldgraue. So darf ich mich doch vor den Kellnern nicht sehen lassen, so kann ich nicht an Deiner Pförtnerin, der guten Madame Thibaut, vorbei, deren Mann jetzt vielleicht gegen Deutschland im Feld steht! Auch habe ich nicht einmal umgeschnallt. Wenn mich ein Vorgesetzter sähe . . .!

Komm ich traumwandelnd tiefer in die Stadt, so wird das sanfte Flußab und Hügelauf der Straßen zu steilen Bergpfaden. Von den rotangelaufenen Erdgeschossen der Seitengassen rinnt es wie Blut am Pflasterrande her. Tausend Gitterbalkons, klein wie Schwalbennester, sind voll Flüstern und Zwitschern. Von Kellern herauf dringt Backofenwärme. Lichtschein fällt auf die nackten Schultern der Bäcker und ihre mehligen Arme, die in dem schwellenden Teige wühlen. In die weißen Massen tauchen Mädchen ihre breiten Puderquasten und umtupfen das Lächeln der rotumrissenen Münder.

Auf buntem Asphalt unter gewittergrauem Himmel gleiten Gummiräder der Fiaker und Autos des Blumenkorsos durch Wellen von welkduftenden Blüten, ohne sie zu zerdrücken. Aber unter den Bäumen der Métroeingang führt schlundtief hinab in einen Bergwerkstollen, aus dem es dauerknattert wie Maschinengewehrfeuer.

Nun steht rings um den holden Park Monceau ein ganzes Stadtviertel in Flammen, und als ich mich einem brennenden Hause nähere, um die schönen, reichgekleideten Kinder zu retten, die sonst im Garten spielen, tritt mir ein Hausmeister in Perücke und altertümlicher Lakaientracht entgegen und ruft: Wo sind die Träger? Wo sind die Sänften?

In den Champs-Elysées, da, wo sonst eine singende, geigende Musikhalle flimmerte, wo weiße Abendmäntel an roten Tischlampen vorbeifluteten, wächst aus verwildertem Gesträuch einer Schuttstätte ein Riesenbrunnen: sandsteinerne Tritone mit zerbrochenen Hörnern an Trümmerlippen, bröckelnde Torsen von Nymphen und hoch oben über künstlichem Felsengebirge – wie es in zoologischen Gärten für die Gemsen und Steinböcke errichtet wird –, in fahlgoldenem Gewande ein Riesenweib, die Augen eingesetzte Wundersteine, das Haar rotgetönt, marmorne Brüste mit bläulichen Spitzen und um den Gürtel die andächtig angeschmiegten Tiere der Diana von Ephesus.

Aber aus dem Gesträuch klettert über den Schutt mit steifen Wackelgliedern der Guignol des Kindertheaters.

Statt Dir zu schreiben, möchte ich lieber von Dir hören. Ich weiß nur, Du bist noch in Paris und hast einen Posten bei einem Stadtkommandanten. Ob Du wirklich meine kleine Wohnung übernommen hast, wie Du mir im letzten Brief versprachst? Es wäre so beruhigend, Dich an meinem Schreibtische zu wissen oder an dem Kamin, an dem wir unsere Pfeifen ausklopften. Dort liesest Du im Lehnstuhl oder auf der Couchette ausgestreckt. Und dann gehst Du in meine kleine Küche und kochst ein Abendbrot, wie wir es uns oft zusammen bereitet haben. Das wird dann auf dem Klapptisch aus rohem Holz in der Stube aufgebaut.

Oder wollen wir gleich in der Küche essen? Das ist so lustig. Und dann hinuntergehen in die befreundete Nacht des stillen Boulevards und die Avenue hinab und am hohen Gitter des Gartens Luxembourg entlang? Später vielleicht in die hellen lauten Cafés des Quartiers. Oder hinüber ans andere Ufer in die andere Stadt. Oder nur immer auf und ab am Gitter in zeitlos langen Gesprächen voll junger Weisheit und erfahrener Torheit.

Ich schreibe bei einem Karbidlämpchen, auf meinem Strohsack sitzend, und denke an mein großes Pariser Bett. Du hast es mit mir ausgedacht, Claude, als ich mir im letzten Jahr endlich ein eigenes Zuhause einrichtete. Nach ganz alten Betten, die Du im Süden gesehen hattest, zeichneten wir uns etwas auf mit runden Holzbögen an Kopf- und Fußende. Damit gingen wir zu dem Schreiner in der Vorstadt hinter dem Invalidendom und besahen auf seinem großen Speicher vielerlei Holz. Der Raum duftete von all den guten Stämmen aus den Pyrenäen, den Vogesen und den Karpaten. Und als wir längst ein helles Eichenholz ausgesucht hatten und zwei Stücke Maserung, die zusammengefügt den Bogen wie mit einem braunen Fittich ausfüllten, besuchten wir immer wieder die anderen Wälder des Speichers. Ja, nun ist es wohl Dein geworden, was Du mitgeschaffen hast. Du warst immer so froh an allem Handwerk und ließest Dir genau zeigen, wie Längsseite und Breitseite ineinandergriffen. Als das Bett dann schließlich in meinem Schlafzimmer aufgebaut wurde und wirklich dastand, tat es Dir fast leid, daß wir nicht mehr in den Speicher gehen konnten zu den duftenden Wäldern.

Diese kleine Wohnung, zwei Zimmer, Flur und Küche, in der ich lange bleiben wollte und kaum ein Jahr blieb, sollte der Hafen sein nach mancherlei Irrfahrt. Aus allen früheren Wohnungen vertrieb mich die »Jetztzeit«. Ich hatte mich immer im Alten, Bröckelnden angesiedelt, weshalb? Das ist schwer zu sagen.

Da war zuerst das schmale, sieben Stockwerk hohe Montmartre-Hotel, in dem ich ganz oben eine Mansarde bewohnte, wo gerade Bett und Tisch Platz hatten und mein großer schwarzer Reisekoffer die Bank spielte. Aber das Fenster öffnete sich zu einem Balkon, von dem man weithin die Dächerinseln und schrägen Straßenrinnen fluten sah und die Kuppeln und Türme auftauchen, funkeln und in Dämmerung verschwimmen. Dort wurden alle Stimmen und Schreie von Paris zu einem Chor, fern und laut, der wunderbar einwiegte und weckte. Die Treppe, sehr breit für ein so schmales Haus, hatte müdegetretene Stufen. In ihrem Staube lagen abgefallene Blumenblätter. Denn auf dem schwindsüchtig grünen Platz vor der Türe war Blumenmarkt, und es wohnten viele Frauen im Hotel. Nicht solche, die ihr Glück gemacht haben, zu denen Kavaliere und Lieferanten teure Buketts tragen und auf deren Treppen Seidenpapier liegt. Nein, meine Nachbarinnen kauften ihre Blumen selbst und billig. Es waren Anfängerinnen, die noch nicht wußten, sollten sie ins fleißige Schneideratelier unten in der Stadt oder zum Nachmittagstanztee im Moulin Rouge oder bergauf zu den Malern des »Hügels«. Und so taten sie dies alles durcheinander, und weil sie sehr früh oder sehr spät aufstanden, sahen sie immer ein wenig verschlafen aus. Und von ihren ausgetretenen bürgerlichen Stiefelchen waren wohl die Stufen der Treppe so müde, und auch von den erschöpften, einst niedlichen Stoffschuhen der Älteren, die »das Leben« mitgemacht, kein Glück gehabt hatten und nun mit ein wenig Elend häuslich geworden waren. Gingen ihre Türen auf, so roch es nach den guten Kräutern des pot-au-feu, nach Kamillen, Lindenblüten und Lavendel. Und Kätzchen schlüpften an ihren Röcken vorbei.

Ich kannte keine von den Nachbarinnen und war doch mit allen vertraut. Ich war viele, viele Stunden ganz allein in meiner Kammer und fühlte mich nie verlassen. Der morsche Lehnstuhl hielt mich wie ein Freund umarmt. Der Spiegel überm Kamin gab mir mehr als mein Bild: Da war allerhand um meinen Kopf herum, was er in seinem Glase wie von alters her gesammelt hielt. Die rostigen Stäbe des kleinen Balkons, ein wenig verbogen und vom Regen angebohrt, wurden mir zum köstlichen schmiedeeisernen Gitterwerk eines Grabdenkmals in einem alten Park. Und dazu paßte auch der brüchige Steinboden, der im Wetter zerging wie Sandstein alter Statuen in königlichen Gärten, wie Kathedralenstein, wie Tuffstein antiker Bäderruinen, wie Tropfstein in den Höhlen. All dies Zerfließen, Abtropfen, Rinnen tat mir wohl. Ich wurde nicht traurig, wenn ich ein Buch zu Ende gelesen hatte oder wenn ein Tag versank. Denn in dem beständigen Vergehen hörte nichts auf. Und im Einschlafen fühlte ich noch Licht in der Dunkelheit, und Duft im Geruch meiner ausgelöschten Kerze.

Im Sommer dann war ich auf dem Lande; und als ich im Herbst wiederkam und mein altes Hotel aufsuchte, ging ich erst daran vorbei, dann kehrte ich um und sah: es war nicht mehr da. Da stand ein frischgestrichenes weißes Haus. Und die Pförtnerin sagte: Es sind Verbesserungen gemacht worden, mein Herr. Sie sagte auch, ich könnte das kleine Zimmer oben nicht mehr haben, da würde umgebaut; aber unten gäbe es bessere. – Im Treppenhaus standen Farbtöpfe der Maler. Die Stufen waren entblößt. In der Mitte aber stieg ein noch unfertiges Liftgebäude metallglänzend zwischen Holzgerüsten auf. Da mußte ich fortgehen, und die Concierge sah ein, daß mir die unteren Zimmer zu teuer waren.

Dann fand ich in Passy einen Pavillon. Die Glastür war nur eine Stufe höher als der wilde Garten. Vom Schreibtisch, einem Sekretär mit vielen Fächern und Schiebladen, sah ich in einen Hofwinkel, wo Gipstrümmer eines Bildhauerateliers umherlagen, unter anderen eine kleine Sirene, die seltsam lächelnd auf ihre zerbrochenen Fischschwänze hinabsah. Die liebte ich sehr.

In den Zimmern neben und über mir wohnten bei einer weisen Frau Damen, die sich eine Weile zurückgezogen hatten. Die saßen hier und da im Garten, empfingen Besuch von flüsternden Freundinnen und diskret tröstenden Freunden und gingen schwer und schwank am Arm der Tröster durch das Herbstlaub. Mein Zimmer war ganz schmal; aber in den Wänden waren tiefe Wandschränke eingelassen und das Bett stand in einem Alkoven. Das gab soviel Winkel und heimliche Ecken. In den Fächern des Sekretärs fühlten sich meine Zettel an wie billets-doux und meine Hefte wie alte Pergamentrollen. Und in diesem Zimmer besuchte mich bisweilen eine Frau, die mir oft Vorwürfe machte, sich in den Winkeln umsah und in die Schreibtischfächer schaute. Und ich liebte es sehr, ihr dabei zuzuschauen.

Ein großes Neubaugerüst, das an den Garten stieß, störte mich erst nicht. Es war, da die Arbeit stockte, wie eine verlassene Palisade. Aber mit einmal fing es hinter den Balken an zu lärmen. Das feindliche Zischen der Steinsäge zerschnitt die Luft. Und dann erschienen einzeln, rechtwinklig, ausgeschnitten wie aus Papiermaché die Steinquadern des neuen Hauses. Da wurde es auch im Pavillon laut: Harte Worte fielen, wo sonst geflüsterte glitten; Kochtöpfe klirrten ärgerlich, Türen polterten. Durch das Zischen der Säge schrillte bisweilen ein Schrei. Das Schüttern und Stampfen hieb klaffende Risse in die Tapeten meiner Wandschränke. Eine Ratte fuhr aus dem Alkoven und verschwand in einem Loch an der Gartentür. Statt welken Laubes roch ich Ausgußgerüche. Immer höher wuchsen nebenan die schrecklichen unwahrscheinlichen Quadern grell und neu; und schließlich waren sie das Wirkliche, und mein Pavillon war nur noch eine Baracke. Da zog ich bei erster Gelegenheit aus dieser quälenden Doppelwelt fort.

Die nächste Unterkunft war wohl das Atelier tief im Süden der Rue Vercingétorix, das mit der Holzgalerie, wo Du mich zum erstenmal besuchtest und Dich über die Hühner und Bauernblumen im Hof freutest, und das Schönste – die Mönchszelle in dem Klosterbau bei den Invaliden. Sie kam der Erinnerung am nächsten an die kahlen Kammern von San Marco, deren einziger Schmuck die lichte Freske des Angelico ist.

Aber nirgends blieb ich lange und war immer der letzte Mieter des Verfallenden, der Segenspieler des Trockenwohners. Und als ich vernünftig werden wollte und eine richtige Wohnung in einem neuen Hause bezog, da kam der Krieg und trieb mich fort.

Die letzten Tage vor Kriegsausbruch habe ich gottlob nicht in Paris erlebt, nicht dies ungewisse Warten und Nichtwissen, soll man bleiben, soll man fort, und all die mesquinen Feindseligkeiten, die vielen deutschen Freunden den Abschied von der Stadt vergällten. Ich war um diese Zeit in Flandern, da wo jetzt gekämpft wird. Ich lag tagelang in den Dünen und am Strande mit Büchern, die nach Meersalz rochen und durch die Sand rieselte, und ging Wege durch den niedern, im lockeren Sande krüppelnden Buschwald. Da suchte ich Ruhe nach einem Erlebnis, das mich aus der Pariser Versunkenheit aufgeschreckt, eine kurze Zeit verführt hatte, das Leben der Lebendigen mitzuspielen, und von dem ich Dir erzählen will, Claude. Denn das ist wohl das einzige gewesen, das Du nicht gegenwärtig oder aus gleichzeitigem Berichte miterlebt hast. Du warst ja schon im Frühjahr aufs Land gegangen zu Deiner Mutter. Und schreiben konnte ich Dir davon nicht, weil ich keine Worte, weder französische noch deutsche, dafür fand.

Schon war von der Strandeinsamkeit – ich sprach fast mit niemandem, kannte nur die Krabbenfischer, deren hüpfenden Netzen ich morgens nachging, und die Kinder, die Sandburgen bauten und bunte Papieraeroplane steigen ließen – schon war das Gleichmaß fast erreicht, ich wurde schon reif, nach Paris zurückzukehren und mit Dir am Kamin von dem Erlebten zu sprechen, wie wir von Bildern, Büchern und Erlebnissen zu reden pflegten. Da kamen die Unheilstage und ich mußte fort nach Deutschland in überfüllten stockenden Zügen.

Von dieser Zeit, die viele andere als groß empfanden, die mich aber nur befremden und entsetzen konnte, will ich nichts aufschreiben. Wenn ich im Kasernenhof oder auf dem Dorfplatz mitten unter den Stehenden und Wartenden stehen und warten mußte, um notiert und zugeteilt und wieder notiert und neu zugeteilt zu werden, dachte ich an all die anderen Kasernenhöfe und Marktplätze Europas, auf denen die Freunde herumstanden und warteten wie ich, statt daß wir beisammensaßen und von dem neuen Abendlande redeten, dem Zukunftslande der besten Europäer, an dem wir bauen wollten, um den ewig unverzeihlichen Fehler der Erben Karls des Großen wiedergutzumachen, wir seligen Toren.

Dann kam die Zeit, wo ich mithalf, ein schönes buntes Dorf im Elsaß feldgrau und häßlich zu machen, Rebstöcke ausriß und Obstbäume absägte, die Erde aufgrub und Eisenstangen und Draht hin und her schleppte. Manche freuten sich damals über die Siegesnachrichten, aber ich wurde nicht froh davon. Gegen den Herbst zu wurde ich ganz trübselig und gliedermüde und lag krank und steif in der Revierstube. Als es besser wurde, taten sie mich in eine Schreibstube, da schrieb ich Listen und Soldbücher, Pässe und Befehle, bis wir dann hier ins Fort kamen, wo ich wieder Rekrut wurde und nun weiter warten kann, was kommen mag. In diesem Winter hat man ja gelernt, daß dieser Krieg noch lange dauern wird, und der große Tod der ersten Schlachten ist in ein beständiges kleines Sterben zersplittert.

Was ist aus unserer Welt geworden, Claude? Denkst Du manchmal an die schöne Zeit, als alle Nationen vom Montparnasse sich in der Closerie des Lilas versammelten? Da war der mächtige Norweger Lynge; der mit seinem grauen Knebelbart mehr einem Kapitän als einem Maler glich, und erzählte uns in sanfter französischer Frühlingsnacht Wintermärchen von rotnasigen feueräugigen Trollen. Da saß der kleine Moskauer Dmitry mit dem Tatarenkopf, und seine schöne florentinische Dame streichelte zärtlich das helle Haar Deiner wundervollen frechen Pamela aus Chelsea. Der hagere Amerikaner Harold besprach mit unserem breiten Bronner die Kunst des Boxens. Und der rote Holländer Bouts redete eifrig ein auf den zarten Wunderknaben Ephrussi aus dem Balkan, der gelblich und dunkeläugig wie ein fernes Königskind unter den Mannsleuten saß und die holden und wüsten Geschöpfe seiner menschlichen Zoologie auf gelbe Umschläge, karierte Briefbogen und die Marmorplatte des Tisches zeichnete. – Und bisweilen rückten sie alle zusammen um den Tisch der französischen Dichter, redeten jeder in seiner Sonderart das geliebte gemeinsame Französisch und verstanden einander wie die Auserwählten aller Völker zu Pfingsten.

Einmal wurde von der Möglichkeit eines europäischen Krieges gesprochen. Ich glaube, es war zur Zeit der Diplomatenhändel von Algeciras. Da lachte der ritterliche Barde der Isle de France, der in unserer Mitte saß, warf die tintenschwarze Stirnlocke zurück und sagte: »Europäischer Krieg? – Wir alle haben nur einen Feind – China – la Chine! – Wir sind so winzig. Es wird uns überschlucken. Wir von der Nordsee und Adria sind nur ein paar Tropfen, China ist ein Meer.« Und er malte mit Absinthtropfen große Weltkarten zum Beweis auf die Tischplatte. Und heute verfaßt derselbe Dichter, an dessen Tisch wir Gastfreunde saßen, Haßgesänge gegen die boches. Ist das zu fassen? Was denkst denn Du, Claude? Hassest Du uns, Du Gerechter, der die Tugenden und Laster der Nationen immer weise gegeneinander abwog und erklärte? Hofften wir doch, das Zeitalter des Geldes, des Verkehrs, des Betriebs, das die Chauvinismen noch einmal übertrieb, würde sich und sie ad absurdum führen, bis die Menschlichkeit wie von einem häßlichen Morgentraume erwachte. Ist das am Ende der Sinn dieses Krieges? Wird doch vielleicht das viele Blut nicht vergeblich fließen?

Das schrieb ich gestern: das Blut, das nicht vergeblich fließt. Und heute habe ich die erste Todesnachricht aus dem Kreise der Nächsten. Unser junger Eberhard ist in den Kämpfen um Ypern gefallen. Im Spätsommer ritt er als junger Husar in das geliebte Land seiner Herzensdame Manon ein. Er schrieb mir von Ritten durch Flußtäler mit Buschwald am Ufer und großen gelben Strohmieten auf den Feldern und von kleinen Provinzcafés, in denen man sich wie in Paris vom Kellner de quoi écrire geben läßt. Im Herbste wurde seine Schwadron von Frankreich nach Belgien verlegt, der Reiter mußte sein Pferd abgeben und kam in den Schützengraben. Ich hörte nichts mehr von ihm, und nun ist er schon lange gestorben. Es war im November, als unsere Erstlinge mit Leidenschaft in den Tod stürmten.

Wird die vielverehrte und berühmte Künstlerin und Muse der neuen Dichter von Paris mit einigem Anteil des ungestümen Jungen gedenken, der mit all seinem Zuviel um ihre zarten Seltsamkeiten warb? Sie stand immer etwas fassungslos vor diesem Chaos. Erinnerst Du Dich, wie sie mit uns beiden weise redete über diese Liebe? »Ich möchte ihm sein Flachshaar streicheln, und er will mich besitzen. Ja, wenn er älter wäre! Ich habe ihn von Herzen lieb. Aber bin ich denn schon alt genug, um die Jugend zu lehren? Ihr habt mich doch noch als Schulmädchen gekannt.«

Da dachten wir an die köstliche Werdezeit dieses sonderbaren Wesens mit den exotisch schrägen Augen und den ruhelos welttrinkenden Lippen. Wir sahen wieder die Schulheftblätter, auf denen sie das eben Geschaute, Geträumte und, was wir ihr erzählten, in starre Linien mit Bleistift und Buntstift verwandelte und eine eigene Mythologie von Göttern, Nymphen und Tieren schuf. Und die holzgeschnittenen Gesichter, die sie zu den Balladen des alten Bertrand am Kaminfeuer seines ländlichen Wirtshauses zeichnete. Der Alte beugte den grauen Lockenkopf mit dem Südwester dicht über das Blatt und summte ihr das Lied ins Ohr, das seine Finger auf der Gitarre begleiteten. Wie erlebte sie ihre Kleidchen, Hüte und Gürtel, hegte sie wie Haustiere, bewunderte sie, wenn sie mit der Zeit schöner wurden, und trauerte, wenn sie nicht mehr zu ihr passen wollten! Wie fruchtbar waren ihre Enttäuschungen: Einmal kam sie vom Landaufenthalt der Familie heim und erzählte: »Ich habe mich so gelangweilt im Grünen. Mein einziger Trost waren die Holzpferdchen vom Karussell des Wanderjahrmarkts. Als es regnete, glänzten sie braun und rot.« Und beim Erzählen zeichnete sie eine nackte Göttin auf einem steifen Roß, das mit schmalen Beinen auf Rädern stand und das Haupt mit einem Auge wie aus Edelstein und mit großgezackter Mähne erhob.

Später bekam sie dann in Ateliers und Salons Kameraden und Verehrer, die sie lancierten, und wurde ehrgeizig und neugierig auf die große Welt. Ihre Bilder, die immer schöner wurden, durften wir in dem neuen Heim, in dem sie viel Besuch empfing, bewundern.

Da lernte Eberhard sie kennen. Als er herauskam aus diesem reichen Bilderkabinett und mit uns beiden durch die Nacht wanderte, mochte er in kein helles Café, nur immer durch die Laternendämmerung des Vorstadtboulevards und ihrer gedenken. Und er sah sie dann wieder und mußte, um atmen zu können, tagelang umhertreiben draußen am Seine- und Marneufer und nächtelang auf dem Hügel und bei den Hallen. Hatten wir ihn glücklich heimgebracht in das Gartenhaus beim Park Montsouris, so ging er nicht schlafen, sondern stürmte bald wieder los stadteinwärts, drängte sich zwischen Marktweibern in die Morgenmesse von St. Eustache, wo er zwischen Greisinnen und Kindern vor einem Madonnenaltar kniete, oder fuhr mit dem ersten Seineschiffchen irgendwohin. Nachmittags lag er auf Deinem oder meinem Diwan müde und schlaflos und getraute sich nicht heim in seine Einsamkeit. Und blieb aus Liebe zu der Verehrten ein Jüngling, obwohl die freundlichen Mädchen vom Tanzsaale Bullier und auch etliche Damen nach ihm schauten. So ist er gestorben, ehe er das Leben anerkannt hat, und war vielleicht der Glücklichste von uns allen.

Von den anderen deutschen Freunden aus Paris weiß ich nicht viel. Einige sind ins Ausland gegangen, als sie die Stadt, die Heimat der Fremden, verlassen mußten, nach Spanien, nach der Schweiz, nach Amerika. Die meisten sind wohl deutsche Soldaten wie ich. Aber alle sind wir verbannt. Denn nur Paris war unsere Stätte. Das ist seltsam und schwer zu erklären. Paris wurde ein Schicksal, eine Notwendigkeit.

Als ich hinkam, gedachte ich, ein paar Monate zu bleiben, an Menschen und Museen, Straßen und Gärten einiges zu lernen, dann weiter zu reisen und heimzukehren zu Beruf und Alltag. Aber ich verlor die Lust weiterzureisen, verlernte Beruf und Alltag und blieb. Aus diesem Traume konnte ich nicht mehr auftauchen. Doch nie hatte ich den Ehrgeiz vieler »Metöken«, ein Pariser zu werden. Ich verkehrte nicht in wichtigen Salons, war nie in der Kammer, nie in einer Versammlung, in der Jaurès sprach, nie in einer Vorlesung Bergsons noch in Rodins Atelier. Ich war so glücklich, aus der Welt des Erfolges und der Beziehungen fortzusein. Ich kannte ein paar Maler und Malersgenossen, meist auch Fremde, lebte als Fremder am Rande des Lebens und liebte die Stadt. Und vielleicht zum Lohne dafür, daß ich sie ohne Begehr und Anspruch liebte, schenkte sie mir die Freundschaft eines ihrer echten Kinder, Deine Freundschaft, Claude. Da wurde der Fremde ein Gast. Unser Zusammensein wurde bisweilen so reich wie Einsamkeit. Die Pausen unserer Gespräche waren voller verwandter Gedanken. Wir liebten beide den Genuß um der Erkenntnis willen und die Erkenntnis, weil sie unsere höchste Lust war. Ob wir miteinander in Büchern lasen oder in Menschen, die uns begegneten, ob wir gemeinsam erlebten oder einander Erlebtes erzählten, es war in allem dieselbe Nachdenklichkeit und Stille. Und doch warst Du ein Tätiger, Geschäftiger. Du warst ganze Tage unterwegs von den Verlegern zu den Theater- und Filmunternehmern, von amerikanischen Schriftstellern zu italienischen Übersetzern. Und manchmal nahmst Du mich mit, und ich trat ein in die komfortablen Büros von Direktoren und Anwälten, die koketten Boudoirs berühmter Sänger, in die affektierte Stileinheit geschmackvoller Künstlerheime und das Sammelsurium der bric à brac-Liebhaber. Gern ging ich auch mit Dir in die Magazine, besonders in das Sportshaus, wo Du Polostäbe, Schleuderhörner für pelote basque, Boxhandschuhe und training-balls aussuchtest und genau probiertest. Und im Herbst begleitete ich Dich auf die Jagd, aber nicht um mitzujagen, sondern um mit Dir querfeldein durch Dickicht und über Stoppelfeld zu gehen. Ich klopfte die Büsche ab, damit Deine Rebhühner aufflögen, und drehte den Lerchenspiegel in tauiger Frühe, während Du schußbereit standest. – Wir besuchten die alten Kirchen der Provinz, und Vergangenheit floß über uns aus den Nischen der Heiligen und im Dröhnen der Domglocken. – Und, Claude, all unsere gemeinsamen Mahlzeiten im Dorfwirtshaus nahe bei dem mächtigen Herd, über dem der Suppentopf brodelt und duftet, und in der Stadt in kleinen, noch nicht vom Fremdenvolke verdorbenen Pariser Küchen, wo der Kellner ein hilfreicher Freund und der Kellermeister ein weiser Berater ist.

Nun hast Du mich allein gelassen, die Weltgeschichte hat unser Gespräch unterbrochen, und ich muß mein Teil für Dich aufschreiben.

Gestern hatte ich Stadturlaub. Ich freute mich so, ein paar Stunden beim Münster und in alten Gassen zu verbringen. Aber was ist mit mir geschehen? Kann ich den sichtbaren Weg in das Vergangene nicht mehr finden? Sonst wenn ich nur das Pflaster vor den Kathedralen betrat, begann schon die Verwandlung, fing um meine Sinne dies seltsame Surren an, das mich mühelos eintat in die Wölbungen, entlangleitete an Wänden, hob und verjüngte zu Bögen, mein Blut in zackige Umrisse der Zierate mitriß. Dies ganze Aussichherausgleiten und sich als etwas anderes wiederfinden, während Auge und Geist doch nur Farben und Formen feststellen und Wissen und Erinnerung dazu Nachricht flüstern. Dies Wunder verblieb dann taglang in mir, das Mittagessen in dem altmodischen Kleinstadtrestaurant vor Staubblumenvasen der table d’hôte schmeckte noch nach etwas anderem als nach Brot und Fleisch. Die Siesta im bräunlichen Sofawinkel geräumiger Provinzcafés empfing aus der dampfenden Tasse vor mir Weihrauch der Vergangenheit.

Pulsuz fraqment bitdi.

9,82 ₼
Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
05 may 2025
Həcm:
100 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9788711506844
Naşir:
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar