Kitabı oxu: «Katathym Imaginative Psychotherapie mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen»

Şrift:


Die Autoren


Dr. med. Dipl.-Psych. Franz Wienand hat ein Studium der Psychologie und der Medizin in Würzburg absolviert. Nach der Facharztausbildung zum Kinder- und Jugendpsychiater bei Prof. Remschmidt an der Universität Marburg leitete Franz Wienand die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (KJPP) an der Landesklinik Calw-Hirsau. Seit 1992 ist er in eigener Praxis in Böblingen niedergelassen.

Wienand ist Psychoanalytiker sowie Dozent und Supervisor an diversen Instituten. Er publiziert über KIP mit Kindern und Jugendlichen, projektive Diagnostik und Qualitätsaspekte in der KJPP.


Dipl.-Psych. Waltraut Bauer-Neustädter hat nach einem Lehramtsstudium (Anglistik, Sport und Sportwissenschaften) das Studium der Psychologie in Heidelberg absolviert. Nach intensiven Lehrjahren in der stationären und teilstationären Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeitet sie seit 1993 in eigener Praxis sowie als Dozentin und Supervisorin.

Weiterbildung zur Psychodramatherapeutin, Gruppenpsychotherapeutin und KIP-Therapeutin. Seit 2001 Mitarbeit beim Auf- und Ausbau des Saarländischen Instituts für Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (SITP).

Franz Wienand/Waltraut Bauer-Neustädter

Widmung

Allen Psychotherapeutinnen und -therapeuten, die sich immer wieder der Herausforderung stellen, sich Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden samt ihren Familien anzunehmen und ihnen mit Kompetenz, Kreativität und Phantasie als gute und entwicklungsfördernde Begleiter zur Verfügung zu stehen!

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1. Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-034230-9

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-034231-6

epub: ISBN 978-3-17-034232-3

Inhalt

1  Vorwort

2  Teil I Einführung in die Katathym Imaginative Psychotherapie

3  1 Von den experimentellen Anfängen zur Katathym Imaginativen Psychotherapie (KIP)

4  2 Wie geht und wirkt die KIP?

5  2.1 Wie geht die KIP?

6  2.2 Wie wirkt die KIP?

7  2.3 Wirksamkeitsstudien KIP

8  3 Imagination, Kreativität und Unbewusstes

9  3.1 Imagination

10  3.2 Unbewusstes

11  3.3 Kreativität

12  3.4 Symbol und Symbolisierung

13  3.5 Symbolbildung und Emotionen

14  3.6 Neurobiologische Grundlagen der KIP

15  Teil II Katathym Imaginative Psychotherapie mit Kindern (FW)

16  4 Entwicklungspsychologische Voraussetzungen im Kindesalter

17  4.1 Die Entwicklung der Symbolfunktion nach Piaget

18  4.2 Die Mentalisierungstheorie

19  4.3 Das Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung von Erik H. Erikson

20  4.4 Zur Entwicklung von Geschlechtsunterschieden

21  4.5 Risikofaktoren und protektive Bedingungen der Entwicklung

22  4.6 Voraussetzungen für die Behandlung mit KIP im Kindesalter

23  5 Grundlagen der KIP im Kindesalter

24  5.1 Indikation und Kontraindikation für KIP mit Kindern

25  5.2 Ziele und Effekte der KIP im Kindesalter

26  5.3 Die therapeutische Grundhaltung

27  5.4 Übertragung und Gegenübertragung

28  5.5 Therapeutische Interventionen

29  5.6 Die Bedeutung der Motive

30  6 Behandlungstechnik im Kindesalter

31  6.1 Vorbereitung und Einleitung einer KIP mit Kindern:

32  6.2 Therapieplanung und Behandlungsstrategie

33  6.3 Motivwahl und Interventionen

34  6.4 Durchführung/Setting der KIP mit Kindern

35  7 Einbeziehung der Bezugspersonen in die KIP mit Kindern

36  7.1 Therapiebegleitende Elterngespräche in der KIP

37  7.2 Imaginative Arbeit an den Bindungsrepräsentationen der Eltern

38  7.3 Die gemeinsame Imagination von Mutter/Vater und Kind

39  7.4 Familienimaginationen

40  8 Ausgewählte Fallbeispiele aus der KIP mit Kindern

41  8.1 Angststörung

42  8.2 Krisenintervention

43  8.3 Anpassungsreaktion nach Trennung der Eltern

44  8.4 Geschwisterrivalität

45  8.5 Trauer und Depression nach Zwillingsverlust

46  Teil III Katathym Imaginative Psychotherapie mit Jugendlichen und Heranwachsenden (WBN)

47  9 Entwicklungspsychologische Besonderheiten von Pubertät und Adoleszenz: Entwicklungsaufgaben, Belastungen, Konflikte

48  10 KIP im Jugendalter

49  10.1 Therapeutische Herausforderungen

50  10.2 Voraussetzungen, Indikationen und Kontraindikationen

51  10.3 Vorbereitung und Hinführung zur KIP

52  10.4 Grundhaltung

53  10.5 Übertragung und Gegenübertragung

54  10.6 Motive und Motivwahl

55  10.7 Interventionsstrategien und -techniken

56  10.8 Begleitung im Verlauf

57  10.9 Vorbereitung des Abschieds

58  11 Einige Techniken für die KIP im Jugendalter

59  11.1 Assoziatives Vorgehen

60  11.2 Fortsetzungsmotive

61  11.3 Rollen- und Perspektivübernahme

62  11.4 Induzierter Dialog

63  11.5 Die Arbeit mit dem gemalten Bild

64  12 Störungsbezogene Aspekte der Behandlung mit der KIP

65  12.1 Angst

66  12.2 Depression

67  12.3 Zwang

68  12.4 Essstörungen

69  12.5 Spätadoleszente Entwicklungsprobleme: Narzissmus – Identität – Autonomie

70  Teil IV Und der Therapeut? – Imagination in Selbsterfahrung und Supervision

71  13 Lernen durch Selbsterfahrung

72  13.1 Spezielle Selbsterfahrung für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten

73  13.2 Die Arbeit mit der »Abgestuften Altersregression«

74  14 Supervision in und mit der KIP

75  14.1 Die dialogische Begleitung und ihre Folgen

76  14.2 Anwendungen katathymer Imaginationen in der Supervision

77  15 Fort- und Weiterbildung in KIP

78  15.1 Kompakt-Curriculum KIP

79  15.2 Aufbaukurs KIP-KJ

80  Literatur

81  Stichwortverzeichnis

Vorwort

Die Katathym Imaginative Psychotherapie (KIP) ist eine im Rahmen der Psychotherapie-Richtlinien anerkannte spezielle Behandlungsmethode der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie, die gefühlsgetragene (katathyme) Imaginationen systematisch als therapeutische Parameter einsetzt. Die Entwicklung und Begründung der zunächst Katathymes Bilderleben (KB) genannten Methode geht zurück auf Hanscarl Leuner, der ab den 1950er Jahren die Wirkung therapeutisch induzierter Tagträume in einem experimentellen Setting untersuchte. Der dialogisch begleitete Tagtraum ist das zentrale Element, in dem sich unbewusste Konflikte, Bedürfnisse, Motive, Ressourcen und Übertragungsaspekte in symbolischer Form zeigen und therapeutisch beeinflusst werden können. Das Durcharbeiten findet in der KIP in der Abfolge von Vorgespräch, Tagtraum, Nachgespräch, medialer Gestaltung (zumeist in Form von Malen) und Bildbesprechung statt. Auf ihrer psychodynamischen Grundlage ist sie zutiefst integrativ und ermöglicht die Einbettung und partielle Integration von Elementen anderer Ansätze (u. a. aus der Systemischen Therapie, der Hypnotherapie, dem Psychodrama, der Verhaltenstherapie oder auch aus körpertherapeutischen Methoden). Die KIP hat einen immanent kreativen und entwicklungsorientierten Charakter und eignet sich für junge Menschen ab dem Grundschulalter.

Auch wenn die jungen Patienten in der Therapie ihren geschützten Entwicklungsraum haben und über die katathymen Imaginationen ihren eigenen Spielraum erweitern und ausdifferenzieren und Konflikte bearbeiten können, so sind diese Behandlungen nie losgelöst vom Kontext zu sehen. Dies sind zum einen die konkreten familiären Lebensbedingungen und Beziehungsstrukturen, zum anderen die gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen und Entwicklungen.

Das Buch wurde aus den unterschiedlichen und sich ergänzenden Perspektiven einer weiblichen Therapeutin (Psychologische Psychotherapeutin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin) und eines männlichen Therapeuten (Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychoanalytiker) und vor dem je individuellen Hintergrund unserer Kindheit und Jugend geschrieben. Es trägt eine sehr persönliche Handschrift und spiegelt unsere Erfahrungen, die wir in den Jahrzehnten unserer Tätigkeit in der Praxis, der Weiterbildung und des Austauschs mit Kolleginnen und Kollegen sammeln konnten.

In weiten Teilen des Buches verwenden wir wegen der besseren Lesbarkeit das generische Maskulinum. In Teil II (Katathym Imaginative Psychotherapie mit Kindern) und Teil III (Katathym Imaginative Psychotherapie mit Jugendlichen und Heranwachsenden) weichen wir teilweise von diesem Prinzip ab: Bei der Darstellung von Fallvignetten mit der Wiedergabe von Dialogen und der Einschätzung der Übertragungs-Gegenübertragungs-Dynamik berichten wir von unseren persönlichen Erfahrungen, verwenden die Ich-Form und meinen mit »dem Therapeuten« Franz Wienand (FW) und »der Therapeutin« Waltraut Bauer-Neustädter (WBN). Die jeweilige Autorenschaft ist durch die entsprechenden Initialen zu Beginn der jeweiligen Buchteile gekennzeichnet.

Wir danken den Herausgebern, Arne Burchartz, Hans Hopf und Christiane Lutz, und dem Kohlhammer Verlag für die Möglichkeit, die KIP vorstellen zu können. Unser besonderer Dank gebührt Günther Horn, der die KIP mit Kindern und Jugendlichen auf kreative Weise entwickelt, international verbreitet und gelehrt hat, den Weiterbildungskandidatinnen und -kandidaten in unseren Seminaren sowie all unseren Dozentenkolleginnen und -kollegen, von denen wir lernen durften und weiter lernen. Unsere größten Lehrmeister sind die jungen Patientinnen und Patienten mitsamt ihren Eltern, deren Entwicklung wir eine Wegstrecke weit begleiten durften. Jeder einzelne von ihnen hat dazu beigetragen, unseren Erfahrungsschatz zu erweitern und zu bereichern und hat uns damit ermöglicht, dieses Buch zu schreiben. Herzlichen Dank dafür! Last but not least bedanken wir uns insbesondere bei denjenigen Kindern, Jugendlichen und ihren Familien sowie bei den jungen Erwachsenen, die uns erlaubt haben, in anonymisierter Form Ausschnitte aus ihren Behandlungen einschließlich der gemalten Bilder wiederzugeben. Gerade diese authentischen Dokumente sind es, die die Methode und unser therapeutisches Handeln anschaulich und lebendig machen. Vielleicht lassen auch Sie sich von der Methode und ihren vielfältigen und kreativen Möglichkeiten begeistern.

Im letzten Teil des Buches erfahren Sie, wie katathyme Imaginationen in der Aus- und Weiterbildung von Psychotherapeuten, speziell Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten eingesetzt werden. Die Kombination von Wissensvermittlung, Üben und Selbsterfahrung schult den Therapeuten in einem fortlaufenden Prozess. Sich flexibel in unterschiedliche Lebens- und Entwicklungsalter und dem damit verbundenen Erleben einfühlen zu können und das therapeutische Handeln darauf abzustimmen, ist für den Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten unerlässlich und eine immer wieder spannende Erfahrung. Selbsterfahrung und Supervision unter Einbeziehung katathym imaginativer Techniken sind erlebnisintensiv, machen Freude, erweitern das methodenspezifische Handlungsrepertoire und stärken die Identität als KIP-Therapeut.

Calw-Saarbrücken, im November 2020

Franz Wienand und Waltraut Bauer-Neustädter

Teil I Einführung in die Katathym Imaginative Psychotherapie

1 Von den experimentellen Anfängen zur Katathym Imaginativen Psychotherapie (KIP)

Hanscarl Leuner, der 2019 seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, veröffentlichte in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts als junger Arzt erste Arbeiten zum Experimentellen Katathymen Bilderleben (Leuner, 1954; 1955) und begründete damit die heutige Katathym Imaginative Psychotherapie (KIP). Im Kommentar zu den Psychotherapie-Richtlinien (Faber & Haarstrick, 2018) wird die KIP unter ihrer früheren Bezeichnung KB (Katathymes Bilderleben nach Leuner) als spezielle Methode der Tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie aufgeführt.

Schon früh galt Leuners besonderes Interesse der »Macht der Symbole« sowie der Symbolinterpretation. Er selbst hatte sich während seiner Weiterbildung einer Jung’schen Analyse unterzogen und so die Methode der Aktiven Imagination kennengelernt. Fasziniert von der Bildproduktion und dem Bilderleben wollte er als Arzt und Psychotherapeut das Geschehen bei seinen Patienten gerne unmittelbar mitverfolgen. Er wollte bei der Entstehung des Bilderlebens dabei sein und entwickelte so das Modell der begleiteten Imagination und des dialogischen Prinzips. Als Wissenschaftler lag es ihm am Herzen nachzuweisen, dass die Methode zu wiederholbaren Ergebnissen führt: Ein standardisierter experimenteller Traum diente dazu, das katathyme Panorama seiner Probanden zu beobachten und zu erforschen. So wurde ein methodisch-didaktisches System zur Vermittlung erarbeitet, dessen Grundzüge noch heute Gültigkeit haben.

Außerdem sollten die in der Psychotherapie verwendeten hypothetischen Symbolinterpretationen über empirische Studien genauer erfasst und damit wissenschaftlich untersucht werden. Leuner griff dabei auf Erfahrungen verschiedener Autoren zurück (Bildstreifendenken bei Kretschmer, 1922; kathartische Bilder bei Tuczek, 1928; Bilder in Tiefenentspannung bei Frederking,1948), die alle feststellten, »daß im abgeblendeten Bewusstsein des Hypnoids (oder des autogenen Trainings) optische Phänomene von Wahrnehmungscharakter auftreten, die wie die Traumbilder katathymen Ausdruckscharakter tragen« (Leuner, 1954, S. 201). »Katathym «, der Seele gemäß, weist darauf hin, dass diese Bilder oder Bildproduktionen Ausdruck eines innerseelischen Geschehens sind und dass sie individuelle Aspekte des Erlebens und/oder der inneren Verfassung abbilden. »Die sich […] im leichten Hypnoid konstellierenden Bilder spiegeln in ihrem Ausdrucksgehalt die jeweilige individuelle affektive Konstellation gerade in jenem Bereich des Unbewußten wider, das durch die Bildprovokation in relativ spezifischer Weise angeregt wurde.« (Leuner, 1954, S. 201). »Seele, d. h. Emotionalität« so die Kurzformel (Leuner, 1980).

Bei der Untersuchung des in wiederholten Sitzungen experimentell erzeugten Bildmaterials kristallisierten sich von Anfang an zwei Typen/Kategorien von Bildern heraus: Diejenigen, die sich leicht entfalteten und sich spontan oder durch suggestiven Einfluss in der dialogischen Begleitung leicht veränderten und weiterentwickelten und diejenigen, die sich als starr und festgefahren erwiesen und als fixierte Bilder bezeichnet wurden. Für Leuner waren unter diagnostischen Gesichtspunkten insbesondere letztere von Interesse, da er sie als Ausdruck »besonders fest verhafteter Affektkonstellationen – der individuellen Komplexe« (Leuner, 1954, S. 202) verstand.

Der Entwicklung des Experimentellen katathymen Bilderlebens (EKB) als klinischem Verfahren lag folgendes Konstrukt zugrunde:

• Wenn nun mit Hilfe der Bildprovokation affektive Bereiche der Persönlichkeit zur Symboldarstellung veranlasst werden konnten, dann war auch zu erwarten, dass bei typischen Motivvorstellungen immer wieder die gleichen affektiven Sphären angesprochen werden. So erweist sich die Wiese z. B. als symbolischer Ausdruck der eigenen Gestimmtheit, aber auch des Bodens, auf dem man steht. Der Bach, das fließende Wasser, wird verstanden als symbolischer Ausdruck der Entwicklungsdynamik und des Lebensflusses.

• In einem weiteren Schritt wurde davon ausgegangen, dass diese wiederholbaren Symboldarstellungen durch psychische Einwirkung, insbesondere in Folge therapeutischer Interventionen, veränderbar sind. Die Analyse eines Symbols, d. h. dessen Dechiffrierung, stellt einen folgerichtigen therapeutischen Eingriff dar, der zur Veränderung bzw. Wandlung des Symbols führt.

In einer ersten Auswertung seiner Ergebnisse konstatiert Leuner (1955, S. 246), dass »die Längsschnittbeobachtung der Psychotherapie im Bilderleben […] bei richtigem Vorgehen einen prozeßhaften Verlauf erkennen« lässt, in dem den auftauchenden Symbolen eine replizierbare, tiefenpsychologisch verstehbare Bedeutung zugeschrieben werden kann.

Nach Leuners 20 Jahre währender Entwicklungsarbeit wurde aus der klinisch-experimentellen Arbeit mit Imaginationen das damals noch »Katathymes Bilderleben« oder Symboldrama genannte Verfahren entwickelt, welches sich in der Idee, symbolische Inhalte der Imaginationen als Ausdruck individueller Problematiken zu verstehen, der Psychoanalyse verpflichtet fühlt. Antriebsgeschehen, Abwehrvorgänge, neurotische Fehlhaltungen, Übertragungs-Gegenübertragungs-Geschehen werden beachtet. Leuner selbst ordnete das Verfahren zwischen pragmatisch-hypnoiden Methoden und der Psychoanalyse ein, da es einerseits primärprozesshafte Prozesse aktiviere, es andererseits aber unbewusste Prozesse nicht immer bewusst aufdeckend benutze. Hinzu kommt die Möglichkeit, in der KIP gezielt auf Konflikte zu fokussieren. Hier spielen u. a. die »fixierten Bilder«, die sich als starre, relativ unbeeinflussbare Stereotype zeigen und als Äquivalent der neurotischen Abwehr- und Charakterhaltungen verstanden werden, eine wichtige Rolle. Für den therapeutischen Prozess und den Nachweis einer (Aus-)Wirkung entscheidend sind die Wandlungsphänomene. Dies kann durch wiederholte Übung, die unmittelbare Interpretation und Deutung einer Szene oder den Vollzug von Leistungen (Wirksamkeitserfahrung), z. B. den Aufstieg auf einen Berg, die Überquerung eines Flusses usw. passieren: Details des zuvor stereotypen Bildes verändern sich. Wandlungsphänomene treten aber auch als »synchrone Wandlung« im Verlauf des therapeutischen Prozesses auf. Bilder, Landschaften verändern sich, ohne dass sie als solche gezielt angesprochen worden wären. Letztlich wurde auch die »Operation am Symbol« schon früh als wichtiges therapeutisches Instrument erkannt. Aus dieser Arbeit entwickelten sich auch die diagnostischen und therapeutischen Instrumente. Dazu gehörten zunächst zehn Standardmotive (später erweitert auf zwölf Motive), die als wichtige Kristallisationspunkte typischer, konfliktbesetzter Bereiche dienen. Im technischen Bereich unterschied Leuner zudem drei übergeordnete Prinzipien – das übende Vorgehen, das assoziative Vorgehen und das regieführende Symboldrama – und entwickelte eine ganze Reihe von Interventionstechniken. Es zeichnete sich inzwischen ab, dass differentielle Indikationen in Abhängigkeit von der Problematik für das Vorgehen notwendig sind. So erwies sich z. B. der nicht interpretierende Ansatz bei chronisch verfestigten Problematiken als nicht ausreichend, die Notwendigkeit des Durcharbeitens musste anerkannt werden.

Inzwischen ist die KIP eine ausgereifte psychodynamische Therapiemethode, die sich unter dem Einfluss aktueller Strömungen und Erkenntnisse immer weiterentwickelt (Kottje-Birnbacher, 2010; Biel, 2018). Eine umfassende Diagnostik mit der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (Arbeitskreis OPD-2, 2014) ermöglicht die Unterscheidung in konfliktbedingte und strukturbezogene Störungen (Rudolf, 2013). Entsprechend der diagnostischen Trias von Konflikt, Struktur und Trauma (Ullmann et al., 2017) und den damit verbundenen Krankheits- und Störungsbildern haben sich unterschiedliche Techniken für die katathym imaginative Arbeit mit den jeweiligen Patienten herausgebildet. In zahlreichen Anwendungsfeldern hat sich die KIP als erfolgreiche Behandlungsmethode erwiesen, wie dies u. a. die ausführlichen Übersichten im Handbuch von Ullmann und Wilke (2012) belegen.

Der erste internationale wissenschaftliche Kongress fand 1978 in Göttingen statt, 2018 der inzwischen 14. Internationale Kongress in Köln. Schon früh ahnte Leuner, dass dieser internationale Austausch sich als »ein glückliches Stimulans für die Bearbeitung und Diskussion neuer Ergebnisse« (Leuner & Lang, 1982, S. 7) erweisen sollte.

Ebenso wichtig war und ist es, die Wirksamkeit der KIP zu untersuchen. Einzelfallstudien der KIP als Kurzzeittherapie waren richtungsweisend (Kulessa & Jung, 1980; Wächter & Pudel, 1980; Wächter, 1982) und bewirkten spätestens seit der Jahrtausendwende eine Fortführung der notwendigen Forschung (Salvisberg, Stigler & Maxeiner, 2000). Stigler und Pokorny (2000; 2012) entwickelten detaillierte Forschungsansätze zur Untersuchung der Wirkungsweise der KIP. Zentral war dabei die Frage, was macht KIP und was ist daran spezifisch? In bisher drei naturalistischen Studien wurde die Wirksamkeit der Katathym Imaginativen Psychotherapie (KIP) nachgewiesen ( Kap. 2.3).

Im Rahmen dieses Buches über die Katathym Imaginative Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen ist es besonders bedeutsam, dass Leuner selbst in unterschiedlichen Bereichen auch mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet hat und diese Erfahrungen einen wichtigen Einfluss auf die Entwicklung seiner Methode hatten. Von den Kindern habe er viel für die Psychiatrie der Erwachsenen gelernt (AGKB, 2019, S. 11). Ein erstes Buch über das Katathyme Bilderleben mit Kindern und Jugendlichen wurde 1978 veröffentlicht (Leuner, Horn & Klessmann, 1997; 4., aktual. Aufl.). Zentral für die Entwicklung der Katathym Imaginativen Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen ist sicherlich Günther Horn, dessen umfassende Erfahrungen in ein weiteres Buch zur KIP mit Kindern und Jugendlichen einflossen (Horn, Sannwald & Wienand, 2006).

Eine systematische Untersuchung zur Wirksamkeit und Nachhaltigkeit Katathym Imaginativer Psychotherapie (KIP) bei Jugendlichen wurde erstmals in Österreich durchgeführt (Fiala-Baumann & Bänninger-Huber, 2016; 2018). Dabei wurde u. a. ein spezifisches Motiv (Blume) zu verschiedenen Messzeitpunkten vorgegeben und inhaltsanalytisch untersucht. Ebenfalls erfasst wurden die Beziehungen zu den Müttern und Vätern, sowie deren Sicht auf die Problematik und die Beziehung. Verbesserungen konnten sowohl im Hinblick auf die Symptombelastung als auch bei den Beziehungsgestaltungen nachgewiesen werden.

Zusammenfassung

Dargestellt wird die Entwicklung der Katathym Imaginativen Psychotherapie (KIP) seit ihren Anfängen in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Ausgehend von klinisch-experimentellen Arbeiten mit katathymen Imaginationen entwickelte Hanscarl Leuner mit dem Katathymen Bilderleben eine spezielle Methode der Tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie. Neben den diagnostischen und therapeutischen Instrumenten wurde auch ein methodisch-didaktisches System zur Vermittlung erarbeitet, dessen Grundzüge noch heute Gültigkeit haben.

Inzwischen ist die KIP eine ausgereifte psychodynamische Therapiemethode, die sich unter dem Einfluss aktueller Strömungen und Erkenntnisse immer weiterentwickelt. Ihre Wirksamkeit wurde wiederholt nachgewiesen. Leuners Erfahrungen in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen hatten einen wichtigen Einfluss auf die Entwicklung der Methode.

Literatur zur vertiefenden Lektüre

Leuner, H. (1980). Grundlinien des Katathymen Bilderlebens (KB) aus neuerer Sicht. In H. Leuner (Hrsg.), Katathymes Bilderleben. Ergebnisse in Theorie und Praxis (S. 10–55). Bern: Hans Huber.

Leuner, H., Horn, G. & Klessmann, E. (1997). Katathymes Bilderleben mit Kindern und Jugendlichen (4., aktual. Aufl.). München: Ernst Reinhardt.

Weiterführende Fragen

• Wie genau wirkt die KIP, unabhängig von den allgemeinen Wirkfaktoren psychodynamisch psychotherapeutischer Interventionen?

• Welcher Zusammenhang besteht zur therapeutischen Beziehung?

2 Wie geht und wirkt die KIP?

»Wörter sind der Pinsel, mit dem man Bilder in den Kopf eines Anderen malt«

Daniel Stern (1998)

2.1 Wie geht die KIP?

Die KIP nutzt den systematischen Einsatz von katathymen Imaginationen im therapeutischen Prozess. Imaginationen wechseln sich mit Gesprächssequenzen ab, die dem Bearbeiten und Verstehen der symbolischen Darstellungen dienen (Kottje-Birnbacher, 2010).

Zum Einstieg und zum ersten Kennenlernen der Methode schlägt der Therapeut dem Patienten eine Vorstellungsübung, einen Tagtraum oder auch ein Phantasiespiel vor, welches mit einer Entspannungsintervention eingeleitet wird. Bei Kindern und Jugendlichen richten sich der Sprachgebrauch und die seitens des Therapeuten eingeführten Bilder nach dem jeweiligen Entwicklungsstand und dem Verständnis, worauf in den nachfolgenden Kapiteln noch spezifisch eingegangen wird. In der Regel bittet man den Patienten, die Augen zu schließen, in sich hineinzuhorchen, sich auf den Atem zu konzentrieren und sich zu entspannen. Art und Umfang der Entspannungseinleitung können je nach persönlichem Stil des Therapeuten und in Abhängigkeit von der jeweils spezifischen Situation variieren. Der Therapeut bittet den Patienten dann sich z. B. (irgend)eine Blume (oder einen Baum) vorzustellen, diese zu betrachten und zu beschreiben. Zur Beruhigung und Entlastung folgt der Hinweis, dass auch jeder andere Inhalt recht ist.

Der Therapeut nimmt alles, was berichtet wird, empathisch mitschwingend auf, kommentiert dies wohlwollend und unterstützend, während er versucht, sich eine Vorstellung von der Imagination des Patienten zu machen. Mit Fragen und Anregungen unterstützt der Therapeut die weitere Ausdifferenzierung der vorgestellten Szene, wodurch die Wahrnehmung nochmals fokussiert wird und sich die anfangs leichte Entspannung weiter vertieft. Am Ende der Vorstellungsübung leitet der Therapeut ein aktives Zurücknehmen der Entspannung an. Oftmals wird der Patient die Imaginationsübung in entspanntem Zustand und mit einem Gefühl der Zufriedenheit, vielleicht auch der Verwunderung und des Berührtseins beenden. Wenn ein Patient nicht so gut »ins Bild hineinkommt« oder sich keine bildhafte Vorstellung entwickelt, der innere Bildschirm sozusagen schwarz bleibt, müssen die Voraussetzungen nochmal überprüft werden. In der Nachschwingphase geht es um das aktuelle Gefühl und das, was dem Patienten spontan zu dem Imaginierten einfällt. Der Therapeut wird seine eigenen Ideen zunächst zurückhalten.

Während man Kinder und teilweise auch Jugendliche im Anschluss an die Imagination bittet, zu der imaginierten Szene direkt ein Bild zu malen oder zu zeichnen, lässt man dies ältere Jugendliche oder erwachsene Patienten in der Regel zu Hause tun. Alternativ kann der Tagtrauminhalt aber auch in einem Text verarbeitet werden. Das gemalte Bild wird gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen betrachtet und in seinen Einzelheiten gewürdigt. Je jünger die Kinder sind, desto mehr bleibt die Bildbesprechung auf der symbolischen Ebene. Bei Jugendlichen ist es eher möglich, gemeinsam herauszuarbeiten und zu verstehen, welche Verbindungen zwischen dem in der Imagination Erlebten und dem Patienten bestehen, was es über ihn selbst, seine aktuelle Befindlichkeit, seine Konflikte, seine Wünsche, seine Ängste … aussagt. Die Bildbesprechung, der sog. Bilderdialog (Ullmann et al., 2017; Ullmann, 2017) kann von unterschiedlicher Dauer und Intensität sein und wird im Idealfall zu einer Motivvorgabe für einen späteren, weiteren Tagtraum führen. Die gemalten Bilder werden vom Therapeuten aufbewahrt, sodass jederzeit im Verlauf des therapeutischen Prozesses nochmals darauf zugegriffen werden kann.

»Was Tagträumer und Therapeut da als Szenerie oder Drama vor Augen haben, hat vielschichtige Qualitäten: bildhafte, affektive, sinnliche, körperbezogene und nicht zuletzt symbolische« (Ullmann, 2017, S. 30). Das Tagtraumgeschehen ist immer eine gemeinsame Produktion, die davon abhängt, wie der Therapeut interveniert und wie diese Interventionen vom Patienten aufgenommen werden. Der Therapeut muss also präsent sein, spielerisch mitwirken, gleichzeitig in seiner professionellen Rolle bleiben. Im optimalen Fall fühlt der Patient sich gut begleitet und unterstützt, gefordert, aber nicht überfordert. Der Therapeut hat dann die Qualitäten eines guten Begleiters.

Die Motivvorgabe ist ein wichtiges methodisches Instrument des Therapeuten. Während es sich empfiehlt, zu Behandlungsbeginn zunächst mit den sog. Standardmotiven der Grundstufe (Wiese, Bach, Berg, Haus und Waldrand) zu arbeiten, ist im weiteren Verlauf die Motivvorgabe wesentlich von der klinischen Situation, den aktuell im Vordergrund stehenden Themen und der Übertragungs-Gegenübertragungs-Dynamik geprägt. Gleichzeitig orientieren sich die Motivvorgaben an den symbolischen Qualitäten, die sie beinhalten. Während einige Motive von ihrem Bedeutungsgehalt betrachtet eher eng angelegt sind, bieten andere eine sehr offene und weite Projektionsfläche. Geben wir z. B. als erstes Motiv nach dem sog. Initialen Tagtraum (Ullmann, 2012c) eine Wiese vor, dann können sich in der vorgestellten Szenerie die aktuelle Gestimmtheit, der Boden, auf dem jemand steht, sein generelles Lebensgefühl oder vielleicht sogar erste Konfliktbereiche abbilden. Jede imaginierte Wiese ist anders und gestattet einen ersten Einblick in die Innenwelt des Patienten. Während die eine grenzenlos zu sein scheint, ist eine andere vielleicht von Zäunen umgeben. Neben dem kurz und exakt gemähten Rasen gibt es üppige Blumenwiesen mit vielen Insekten und Kleintieren, einem Bach und vielleicht noch einem schattenspendenden Baum. Geben wir andererseits das Motiv Berg vor, werden sich in irgendeiner Form die Leistungsthematik, der Leistungsanspruch, das Über-Ich sowie oder ein mit dem Vater assoziiertes Thema zeigen. Unzählige überhohe, extrem spitze und kaum oder gar nicht zu bewältigende Bergimaginationen bei Menschen mit einem hohen Leistungsanspruch zeugen davon. Unserer Erfahrung nach finden sich diese Bilder gehäuft bei Spätadoleszenten und jungen Erwachsenen, denen die Anforderungen des Erwachsenenlebens zu hoch und nicht bewältigbar erscheinen.

Für die drei Störungsmuster innerhalb der psychodynamischen Psychotherapie – konfliktbedingte Störungen, ich-strukturelle Störungen und traumatisch bedingte Störungen – gibt es unterschiedliche Behandlungsstrategien mit der KIP:

• Bei konfliktbedingten Störungen arbeiten wir mit der auf Einsicht ausgerichteten expliziten Technik der KIP.

• Bei ich-strukturellen Störungen geht es über die implizite Technik der KIP darum, Nachreifung zu ermöglichen und wohltuende Erfahrungen zu sammeln.

• Bei traumatisch bedingten Störungen zielt eine gestuft aktive Technik darauf ab, zunächst mit Schutz und Sicherheit vermittelnden und gewährleistenden Techniken, über die Konfrontation mit den traumatischen Inhalten eine Integration anzustreben. (Ullmann, 2017, S. 40).

2.2 Wie wirkt die KIP?

Hinweise auf die heilsame Wirkung innerer Bilder finden wir ganz allgemein in Religion, Literatur, Kunst und Psychotherapie, die naturwissenschaftliche Basis dazu liefern Erkenntnisse der Neurowissenschaften (z. B. Hüther, 2015; Bauer, 2002).

Als Medizinstudent arbeitete Leuner während des Krieges in einer Kaserne. In der Rückschau wertete er diese Arbeit, verbunden mit der Möglichkeit, viel zu lesen und sich mit der Tiefenpsychologie zu beschäftigen, als seine wirklichen Lehrjahre (AGKB, 2019). Als Ergebnis der oben beschriebenen experimentellen Untersuchungen ( Kap. 1) und zahlreicher Patientenbehandlungen formulierte Leuner (1985) drei spezifische Wirkfaktoren der KIP, die bis heute den therapeutischen Schwerpunkt bilden:

• Konfliktdarstellung und Bearbeitung auf der Bildebene: In der Imagination werden die abgewehrten und unbewusst wirksamen Konflikte aktualisiert und dadurch einer Bearbeitung zugänglich gemacht. Der Therapeut nutzt ein breites Repertoire an therapeutischen Interventionen bis hin zur Symbolkonfrontation, um den Patienten zu unterstützen (sog. »erste Dimension« der KIP). Sein wichtigstes Instrument ist das Motiv. »Durch die Motivvorgabe angeregt und durch die therapeutische Situation ausgelöst, vollzieht sich aufgrund einer autonomen psychischen Dynamik eine Fokussierung konflikthafter Prozesse in Form plastisch erlebter Symbolisierungen mit hoher affektiver Intensität und immer wieder bestätigter Evidenz. Symbolisch verhüllt und/oder symbolhaft selbstenthüllend treten die in der therapeutischen Dyade wiederbelebten Beziehungswünsche, die Abwehrmechanismen, aber auch die Ich-Stärken und Regulationsfähigkeiten ›vor Augen‹« (Bahrke & Nohr, 2005, S. 8).

• Ressourcenaktivierung,insbesondere Ich- Stärkung und narzisstische Restitution durch die »Befriedigung archaischer Bedürfnisse«: Die Imagination konfliktfreier Szenen ermöglicht ein »Auftanken«, eine Regression im Dienste des Ichs und eine narzisstische Restitution. (sog. »zweite Dimension« der KIP). Eine entlastende Wirkung kann hier schon allein das Entspannen in Gegenwart des Therapeuten entfalten. Im Therapieprozess kommt es in den Imaginationen »zur Aktivierung verinnerlichter guter Objektbeziehungen oder zum erstmaligen Aufbau guter innerer Objekte. Auf diese Weise wird dann vor allem die Übertragungs-Gegenübertragungsbeziehung in die Ressourcenmobilisierung und Ressourcenbeschaffung mit einbezogen. Es kommt zu Erfahrungen von Gehalten-Sein, zum Erleben von Sicherheit und zu einer Stärkung des Selbstgefühls im Umgang mit positiven, verlässlichen und zugewandten Symbolgestalten« (Dieter, 2015, S. 64f.).

• Entfaltung der Kreativität: Im imaginativen Raum kann aggressiven und expansiven Impulsen probehandelnd begegnet werden, eigenständige Problemlösungen können gesucht und gefunden werden (Kottje-Birnbacher, 2001) (sog. »dritte Dimension« der KIP).

»Was macht gerade die Imagination zu einem besonders wirksamen Instrument in einem psychodynamischen Gesamtkonzept?« Dieser Frage ging Dieter (2015, S. 61ff.) auf den Grund und arbeitete eine Reihe von Aspekten heraus, die sich in ihrer Wirksamkeit ergänzen und teilweise gegenseitig verstärken:

• die psychophysiologische Entspannung, die mit der Intensität der erlebten inneren Bilder intensiver wird;

• »das Miterleben und Mitspielen bei einem als enorm verbindlich erlebten und selbst erschaffenen inneren Schauspiel«, das märchenhaften Charakter annehmen und Lösungen und neue Wege aufzeigen kann;

• die Begegnung mit dem individuellen und kollektiven Symbol, »mit einer vielfach determinierten Schöpfung des eigenen kreativen Unbewussten«, die bisher unzugängliches Wissen verfügbar werden lässt, sodass die Heilkraft der symbolischen Darstellung sich entfalten kann (Jung, 1949);

• die auch beim Umgang mit Imaginationen hilfreich erlebte Beziehung zu einem Therapeuten, die das symbolisch Erlebte durch die Einbettung in eine bedeutsame Objektbeziehung (Übertragungs-Gegenübertragungs-Konstellation) »wirklich« werden lässt;

• die »Anregung und Einübung neuer Erfahrungen vor dem Hintergrund eines neuen Musters von Beziehung« wie z. B. von Fürstenau (1990) für die Behandlung schwerer Persönlichkeitsstörungen beschrieben.

Einen besonderen Stellenwert schreibt Dieter dem Prinzip der Nachträglichkeit zu. Was ist damit gemeint? »Unter dem Einfluss von Übertragung und Gegenübertragung wird Vergangenes in der Gegenwart neu ›inszeniert‹. Früher erlebte konflikthafte und traumatische Erfahrungen können mit Hilfe von Imaginationen im ›Hier und Jetzt‹ zu einem besseren Ausgang geführt werden« (Dieter, 2015, S. 62). In der KIP mit Kindern und Jugendlichen kommt nicht der heute Erwachsene auf der imaginativen Ebene dem Kind zu Hilfe, sondern es geht hier eher um idealisierte Elternrepräsentanzen in unterschiedlicher symbolischer Ausgestaltung. Als hilfreiche Wesen können z. B. Tiere, Feen, Zauberer, Märchengestalten, Helden, Königinnen und Könige, weise Männer und Frauen imaginiert werden, die so in Erscheinung treten, wie das Kind es gebraucht hätte und noch braucht. Mit dem richtigen Begleiter an der Seite können Konflikte gelöst, Entwicklungshemmnisse überwunden, gute innere Objekte wiederbelebt oder neu aufgebaut und so Defizite im Sinne einer nachholenden Entwicklung aufgefüllt werden.

Für die implizite Behandlungstechnik ist das intersubjektive Verständnis des Behandlungsprozesses von besonderer Bedeutung. Die symbolische Darstellung der inneren Welt in der Imagination erfolgt immer in einem Beziehungskontext. Der Therapeut wird berührt und involviert, auf der bewussten wie auf der unbewussten Ebene. Er begleitet die Imagination des Patienten immer auch mit eigenen Imaginationen. Die Dynamik von Übertragung und Gegenübertragung und die Kommunikation der beiden Unbewussten zeigt sich besonders eindrücklich, wenn der Patient etwas imaginiert und mitteilt, an das der Therapeut gerade gedacht hat. Die Übertragungs-Gegenübertragungs-Dynamik »bildet den Rahmen für die hilfreiche Beziehung in der KIP. Der Therapeut begleitet, stellt eine ›haltende Umgebung‹ zur Verfügung, interveniert. Auf diesem Hintergrund gelingt es dem Patienten im günstigsten Fall, neue Erfahrungen mit inneren und äußeren Objektbeziehungen zu machen, auf der imaginativen Ebene neue Verhaltensoptionen zu erproben und symbolisches Erleben als Ressource zu nutzen« (Dieter, 2015, S. 63). Entscheidend sind die Reinszenierung des Vergangenen in der Gegenwart, die sog. »Szene« sowie die Konzentration auf das »Hier und Jetzt« der Übertragungsbeziehung.

Wie aber funktioniert das genau? Eine Antwort darauf findet man in dem Titel eines von Salvisberg, Stigler und Maxeiner (2000) herausgegebenen Buches: »Erfahrung träumend zur Sprache bringen«. Frühe Erfahrungen, die weder bewusst noch sprachlich fassbar sind, aber dennoch als Schemata das Denken, Fühlen und Verhalten wirksam beeinflussen, können genauso wie verdrängte Erfahrungen über sinnliches Erleben und Bilder in Sprache überführt werden. Stigler und Pokorny (2000) untersuchten in einer Einzelfallstudie anhand von Therapieprotokollen mit und ohne Imagination, welche Art von Vokabular in den verschiedenen Sequenzen benutzt wird. Den untersuchten Hypothesen lag das von Mergenthaler und Bucci (1999) postulierte 3-Phasen-Modell der therapeutischen Verständigung zugrunde: Emotionales und implizites Erleben muss aktiviert, bildlich oder narrativ übersetzt und schließlich reflektiert werden. In der Studie konnte bestätigt werden, dass in den KIP-Sitzungen mehr Primärprozess-Vokabular, mehr Emotions-Vokabular und mehr auf referentielle Aktivität hinweisendes Vokabular enthalten war als in den Sitzungen ohne Imagination (Stigler & Pokorny, 2000). Demnach entspricht die KIP dem von Mergenthaler und Bucci (1999) postulierten Modell der therapeutischen Verständigung: »Es werden emotionale und prozedurale Schemata aktiviert, diese gelangen über bildliche Szenarien zum Ausdruck und durch deren narrative Einfassung zur Mitteilung, bevor sie Gegenstand gemeinsamer Reflektion werden« (Stigler & Pokorny, 2000, S. 99). Kurz: Es geht vom inneren Erleben über das Bild zum Wort. So betont auch Ullmann (2012b) die Verbindung von Vorstellungen, Emotionen und körperlichen Vorgängen als wesentliches Wirkelement von Psychotherapie.

»In der KIP hat sich ein tiefenpsychologisches Konzept etabliert, das in der affekt- und primärprozessnahen Imagination auf regressivem Erlebnisniveau Möglichkeiten der emotionalen und kognitiven Nachreifung eröffnet. Das methodische Vorgehen stellt einen mnestischen Prozess besonderer Art dar, der im Hier und Jetzt des dialogisch begleiteten Tagtraums an frühen Beziehungserfahrungen anknüpft, Anlass zum Aufbau von neuen Gedächtnisinhalten gibt und zu strukturellen Veränderungen führt« (Ullmann, 2012b, S. 70).

Unter neurobiologischen Aspekten ist insbesondere die Neuroplastizität des Gehirns hervorzuheben. Damit ist »die Fähigkeit eines Nervensystems, sich an die Anforderungen der jeweiligen Umgebung anzupassen« (Ullmann, 2012b, S. 73) gemeint. Das Festhalten von Lernergebnissen und die Anpassung an neue Verhältnisse vollzieht sich auf der Ebene des Nervengewebes, und dies »ist die Basis für ein erfahrungsbasiertes Beurteilen und Bewältigen von Situationen, zusammen mit dem Einprägen der zugehörigen Erfolgs- und Misserfolgsgeschichte« (ebd., S. 73). Das Gehirn ist also kein fertiges Produkt, das zwangsläufig immer gleich funktioniert, sondern es ist glücklicherweise in der Lage, Anpassungsleistungen zu vollbringen, sodass Psychotherapie »unter neurobiologischen Gesichtspunkten als ein Prozess des Lernens, Übens und Umdenkens betrachtet werden [kann]« (ebd., S. 73). »Prägende Erfahrungen« sind damit auch jenseits der frühen Kindheit möglich.

Mit der besonderen Art der Imaginationen in der KIP werden unterschiedliche Gedächtnissysteme angesprochen, neben dem expliziten oder deklarativen, an die Sprache gebundenen Gedächtnis, haben wir auch Zugang zum impliziten oder nichtdeklarativen Gedächtnis. Dem »impliziten Wissen«, einschließlich des »Bewegungswissens«, des »Ähnlichkeitswissens« und des »Wiedererkennungswissens«, können wir in der katathymen Imagination mit sprachlichen Mitteln begegnen und so zur Episodenaktivierung beitragen.

2.3 Wirksamkeitsstudien KIP

Für die KIP bzw. das Katathyme Bilderleben (KB) liegen aktuell drei naturalistische Wirksamkeitsstudien vor. In einer 2003 veröffentlichen Studie (v. Wietersheim, Wilke & Röser) wurden große Effekte für die Verbesserung von depressiver Verstimmung und Lebenszufriedenheit nachgewiesen. Sachsse, Imruck und Bahrke (2016) konnten sehr große Effekte für die Verbesserung von Symptombelastung und interpersonellen Problemen nachweisen. In einer österreichischen Stichprobe konnten klinisch signifikante Veränderungen bei 37,7 % der Untersuchten festgestellt werden (Sell, Möller & Taubner, 2017).

Inzwischen richtet sich das Forschungsinteresse darauf, Therapieprozesse im Detail zu untersuchen und herauszufinden, wann genau der Einsatz von katathymen Imaginationen sinnvoll und wirkungsvoll ist. Ein aktuelles Forschungsprojekt zu dieser Thematik wird von der Universität Kassel durchgeführt (»Zentrale Einsatzkriterien und Wirksamkeit der KIP im Rahmen tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie«).

Zusammenfassung

In der KIP wechseln sich im Therapieprozess Imaginationen mit Gesprächssequenzen von unterschiedlicher Dauer ab. Letztere dienen dem Bearbeiten und Verstehen des symbolischen Materials. Hervorgehoben werden die besondere Qualität der dialogisch begleiteten Imaginationen, die Mitwirkung des Therapeuten, die Motivvorgabe als wichtiges methodisches Instrument, die unterschiedlichen Behandlungsstrategien in Abhängigkeit von den Störungsmustern sowie die verschiedenen Wirkdimensionen. Die spezifische Wirksamkeit von Imaginationen im Rahmen eines psychodynamischen Gesamtkonzepts wird sowohl theoretisch erörtert als auch anhand spezifischer Untersuchungen belegt. Letztlich werden noch neurobiologische Aspekte erörtert, die das Potential der Methode bestätigen.

In einem aktuellen Forschungsprojekt wird der Therapieprozess im Detail untersucht, um herauszufinden, wann genau der Einsatz von katathymen Imaginationen sinnvoll und wirkungsvoll ist.

Literatur zur vertiefenden Lektüre

Dieter, W. (2015). Phantasie und Imagination. Ein Beitrag zu einer Theorie der Imagination. Imagination, 1, 50–72.

Stigler, M., Pokorny, D. (2000). Vom inneren Erleben über das Bild zum Wort. In Salvisberg, H., Stigler, M., Maxeiner, V. (Hrsg.). Erfahrung träumend zur Sprache bringen (S. 85–99). Bern: Hans Huber.

Ullmann, H., Friedrichs-Dachale, A., Bauer-Neustädter, W. & Linke-Stillger, U. (2017). Katathym Imaginative Psychotherapie (KIP). Stuttgart: Kohlhammer.

Ullmann, H. & Wilke, E. (Hrsg.) (2012): Handbuch Katathym Imaginative Psychotherapie. Bern: Hans Huber.

Weiterführende Fragen

• Welche Vorgehensweisen der KIP werden unterschieden?

• Wodurch wirkt die KIP?

• Wie wirkt sich die therapeutische Beziehung auf die Imagination aus?

3 Imagination, Kreativität und Unbewusstes

Bitte nehmen Sie eine entspannte Haltung ein und lassen Sie sich auf ein Phantasiespiel ein:

Stellen Sie sich bitte eine Blume vor. Lassen Sie sich dabei Zeit, bis Sie Ihre Blume deutlich vor Augen haben. Achten Sie auf die Umgebung, in der sich Ihre Blume befindet, in einer Vase oder im Freien. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre Sinneswahrnehmungen: Wie ist die Atmosphäre, das Wetter, geht Wind, was können Sie hören, was können Sie riechen? Wie erleben Sie die Szene emotional?

Konzentrieren Sie sich nun auf Ihre Blume und betrachten Sie sie aufmerksam aus der Nähe. Wenn Sie mögen, berühren Sie sie vorsichtig an ihren verschiedenen Teilen. Welche Gefühle löst sie in Ihnen aus? Welche Assoziationen und Erinnerungen kommen Ihnen dazu?

Verspüren Sie den Impuls, etwas für Ihre Blume zu tun? Braucht sie Wasser oder Schutz? Geben Sie Ihrer Blume das, was sie braucht und was ihr guttut.

Gehen Sie dann in Ihrer Vorstellung etwas zurück, betrachten Sie Ihre Blume mit etwas Abstand und konzentrieren sich noch einmal auf das Gefühl, das Sie jetzt erleben. Dann verabschieden Sie sich von Ihrer Blume und kommen allmählich aus der Imagination wieder heraus.

Das war vermutlich eine innere Vorstellung oder eine Visualisierung, ein »Vor-Augen-Stellen«. Möglicherweise haben Sie aber auch gerade eine katathyme Imagination erlebt, das zentrale Element der KIP. Das spüren Sie, wenn eine andere Blume vor Ihrem inneren Auge auftaucht als die, an die Sie zunächst dachten, wenn Sie ein intensives und vielleicht überraschendes Gefühl bei ihrem Anblick erleben und wenn Ihr Bild Sie anrührt oder sogar tief bewegt.

Wenn Sie nicht so zufrieden waren mit dem Verlauf Ihrer Imagination, so könnte das daran gelegen haben, dass Sie alleine waren und nicht begleitet wurden. Katathyme Imaginationen sind, zumindest in der Anfangsphase einer KIP, auf eine Halt und Sicherheit gebende Beziehung angewiesen. KIP ist ein dialogisches Verfahren: In einer leichten Trance (vergleichbar derjenigen im Autogenen Training), induziert durch Entspannungsanleitungen, schlägt der Therapeut dem Patienten vor, er möge sich ein Motiv, etwa einen Baum, eine Wiese oder einen Berg vorstellen und berichten, was er erlebt und wie es ihm dabei geht. Der Therapeut begleitet den Tagtraum vor dem Hintergrund seiner Behandlungsstrategie, Gegenübertragungseinfälle und Assoziationen mit Hinweisen, Fragen, Kommentaren und Anregungen, die der Patient aufgreifen und in den imaginativen Prozess integrieren kann. So entsteht und entwickelt sich zwischen beiden Partnern ein dialogischer, intermediärer Raum, ein Spielraum, in dem die rationale Kontrolle gelockert ist und unbewusste Haltungen, Bedürfnisse, Konflikte und Ressourcen symbolisch zum Ausdruck kommen. Je nach klinischer Situation fokussiert der Therapeut dabei mehr auf Klärung und Einsicht, auf Ermutigung und Stabilisierung, auf Konfrontation und/oder auf die kreative Entwicklung neuer Lösungen und das Finden neuer Wege.

So zeigen sich etwa bei der Motivvorgabe Berg in einem extrem steilen und vereisten Viertausender die starken Leistungserwartungen, die ein Kind für sich selbst übernommen hat, in Verbindung mit der Tendenz, Herausforderungen zu vermeiden. Möglicherweise sind an dieser Konstellation die Erwartungen der zugleich verwöhnenden Eltern maßgeblich beteiligt. Der Therapeut kann nun dem Kind auf der Symbolebene helfen, den Berg in Etappen und langsam anzugehen, dabei für eine gute Ausrüstung, vielleicht auch eine wohlwollende Begleitung sorgen und zu Pausen anregen. So kann sich das Kind im Laufe der Behandlung schrittweise aus seinem Dilemma befreien. Prozessbegleitend wird der Therapeut mit den Eltern an ihren überzogenen Erwartungen arbeiten.

Damit sind die zentralen und miteinander eng verbundenen Elemente genannt, die den Kern der Katathym Imaginativen Psychotherapie ausmachen: Imagination, Kreativität, Spielraum, Dialog, Symbol und das Unbewusste.

3.1 Imagination

Im Gegensatz zur Visualisierung, die auf die optische Dimension beschränkt ist, und gedanklichen Vorstellungen, die der bewussten Kontrolle unterliegen, stellen Imaginationen »die Umsetzung von Erlebnisinhalten in psychische Vorstellungen von sinnlicher und real anmutender Qualität« dar. »Diese Definition schließt körperliche Empfindungen, Gefühle, Beziehungen und ganze Szenen ein. Imaginationen können sich auf Erinnerungen aus der Vergangenheit beziehen, auf Projektionen in die Zukunft und auf die aktuelle Gegenwart […] Voll entwickelte Imaginationen (zeichnen sich) dadurch aus, dass sie a) mehrere Sinnesqualitäten umfassen, b) farbig, plastisch und dreidimensional erscheinen, c) sich in einer räumlichen und zeitlichen Dimension entfalten und d) als bedeutsame Realität erlebt werden, die e) als eine innere und vorgestellte gleichwohl grundsätzlich von der äußeren Realität abgrenzbar bleibt.« (Ullmann, 2012a, S. 23f., Hervorh. im Org.). Der Imaginierende ist dabei wach und zeitlich und räumlich voll orientiert. Die inneren Bilder und Bildfolgen haben einen eigengesetzlichen Ablauf und unterliegen der willentlichen Beeinflussung nur sehr bedingt. Leuner (1985, S. 42) konstatiert: »Der Tagtraum operiert … auf zwei Bewußtseinsebenen gleichzeitig… Der eine Teil des Ichs operiert auf der Ebene des Bildbewußtseins, der andere auf der des Realbewußtseins.«

Die Fähigkeit, sich etwas vorzustellen, ist grundsätzlich jedem Menschen zugänglich, wie unsere Nachtträume zeigen. Dabei gibt es Unterschiede zwischen Menschen mit ausgeprägter Einbildungskraft, hoher künstlerischer oder visueller Begabung und mehr sachlich und rational orientierten Personen. Entsprechend gibt es Zwischenstufen zwischen bloßen Vorstellungen und voll entwickelten Imaginationen. Kindern etwa ab dem Vorschulalter, die dem magischen Denken noch näherstehen, fällt es im Allgemeinen leicht, Imaginationen ganzheitlich zu erleben. In der Latenz schränkt die Neigung zum rationalen Denken und zur Gefühlsabwehr vor allem bei Jungen die Bereitschaft zum Imaginieren nicht selten ein. Bei Jugendlichen spielen die sich festigende Persönlichkeitsstruktur und die Übertragungsbeziehung eine Rolle, vor allem zu Beginn der Therapie. Misstrauische und auf ihre Autonomie bedachte Jugendliche tun sich ebenso schwer mit der Versenkung in ihr Innenleben im Beisein eines anderen wie zwanghafte oder schizoide junge Menschen. Wer sich aber auf die KIP einlässt, wird mit zunehmender Übung und Vertrautheit immer lebendigere und differenziertere Imaginationen mit zunehmender emotionaler Berührtheit erleben.

Der Begriff Vorstellungskraft verweist auf die Verbindung von mentalen Vorstellungen mit körperlichen Vorgängen, die in der KIP in beide Richtungen genutzt wird: Imaginationen beeinflussen physische und physiologische Prozesse wie Entspannung und Erregung, was etwa Sportler im mentalen Training nutzen, und sie werden andererseits durch die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf die Körperwahrnehmung (Muskeltonus, Atmung, Herzschlag) gefördert, vertieft und gelenkt.

Mit der Anregung, sich etwas vorzustellen, wird im Patienten ein spielerischer, kreativer, gleichsam poetischer Prozess (von gr. ποίησις (poiesis), »das Handeln, Machen, das Verfertigen, das Dichten«, nach Liddell, H.G., Scott R., Jones, H.S., 1940) in Gang gesetzt, begleitet von einer Wendung nach innen und der Aktivierung der Vorstellungskraft oder Phantasie. Phantasie [von gr. φαίνειν (phainein) »sichtbar machen, in Erscheinung treten lassen«, (n. Liddell et al., 1940) ist laut Duden die »Fähigkeit, Gedächtnisinhalte zu neuen Vorstellungen zu verknüpfen«. Diese Definition verweist auf die neurobiologische Basis der Vorstellungskraft: Schon ohne therapeutische Einflussnahme ist »unser Gehirn […] unablässig neuronal aktiv und baut dabei geistige Inhalte auf, die im Zustand der Abschirmung äußerer Reize und einer damit einhergehenden Innenorientierung zu sensorischen Wahrnehmungen führen. […] Unter Bedingungen regressiverer Art reichert sich das innere Erleben um weitere Qualitäten an« (Ullmann, 2012a, S. 21).

3.2 Unbewusstes

In einem durch Entspannung und positive therapeutische Beziehung induzierten leichten Trancezustand wird der Zugang zu unbewussten Inhalten und primärprozesshaften Vorgängen erleichtert. Die bewusste Kontrolle lässt nach, der Patient überlässt sich seinen aufsteigenden inneren Bildern. Die Aufmerksamkeit des Protagonisten verschiebt sich mehr oder weniger vom Wachbewusstsein (Sekundärprozess) zum Primärprozess, wodurch die zugehörigen Prozesse wie Verschiebung, Verdichtung, assoziatives Verknüpfen und Symbolisierung aktiviert werden.

Im Ineinandergreifen von Sekundär- und Primärprozess werden die bildhaften Vorstellungen des Probanden sowohl von seiner aktuellen psychischen und körperlichen Verfassung als auch von den durch die therapeutische Beziehung, die Motivvorgabe und die Begleitung durch den Therapeuten aktivierten Inhalten des deklarativen episodischen Gedächtnisses beeinflusst.

Die KIP verbindet Material des Primärprozesses mit Repräsentationen von Inhalten im Sekundärprozess und eröffnet so einen Raum für den kreativen Umgang mit beidem (Uhrová, 2015, S. 271).

3.3 Kreativität

Hanscarl Leuner bezeichnete die Entfaltung von Kreativität und kreative Problemlösung als die dritte Dimension des Katathymen Bilderlebens (neben der Bearbeitung unbewussten Konfliktmaterials und der Befriedigung archaischer Bedürfnisse) und stellte fest: »Die Fähigkeit des Menschen zu imaginieren impliziert die Eigenschaft kreativer Produktion« (Leuner, 1985, S. 282). Damit findet er sich im Einklang mit D. W. Winnicott (2012, S. 78ff.), für den Kreativität zum »Lebendigsein« und »zur Grundeinstellung des Individuums gegenüber der äußeren Realität« gehört. Kreativität in diesem allgemeinen Sinne hat eine enge Beziehung zum Spiel des Kindes. Der Spielbereich stellt einen intermediären Raum dar zwischen innerer Realität und der äußeren Welt. In der KIP »spielt« der Patient im Medium der Imagination mit Fragmenten, die seinem episodischen Gedächtnis, seinen Ängsten, Wünschen und Bedürfnissen, seinen Motiven und Konflikten und nicht zuletzt seiner Übertragungsbeziehung entstammen.

Der kreative Prozess der KIP erfolgt (nach Leuner, 1985, S. 285ff.) in verschiedenen Ebenen oder Phasen, die sich nur unscharf voneinander trennen lassen:

• Die erste Ebene ist die der passgenauen Umsetzung eines (mehr oder weniger unbewussten) Gefühls oder Konflikts in eine symbolische Darstellung: So imaginiert ein Jugendlicher vor dem Abitur zum Motiv Waldrand einen mit Gold gepflasterten Weg, der an einem dunklen, abweisenden Wald endet und ins Unbekannte abbiegt. Der goldene Weg einer behüteten Kindheit endet jäh, die Zukunft ist ungewiss und beunruhigend.

• Als zweite Ebene nennt Leuner die »Sekundärverarbeitung mit Anreicherung dieses imaginativen Materials durch Einfälle, Erinnerungen und begleitende Gefühlselemente usw.«, die in der Ausdifferenzierung des Bildes, im Nachgespräch, beim Malen oder Gestalten und bei der Nachbesprechung, dem medialen Dialog erfolgt.

• Die dritte Phase, die Inkubation, besteht in einem Zustand der Ratlosigkeit (durchaus auch des Therapeuten), der inneren Unruhe und Anspannung, der bis zur nächsten Sitzung dauern kann, oft aber auch nur als kurze Episode des Zögerns in einer Imagination auftritt. Dann ist der Therapeut zu Zurückhaltung und allenfalls fragenden Interventionen aufgefordert, um die Findung der Problemlösung durch den Patienten selbst nicht zu verhindern. Die Inkubation bereitet in der Regel eine Einsicht vor und eröffnet neue Möglichkeiten, die Dinge zu sehen und damit umzugehen.

• Als vierte Phase bezeichnet Leuner die Verifikation, die im Auftauchen von gefundenen Problemlösungen, neuen Handlungsansätzen und Wandlungen im Charakter der Imaginationen und der Symbole besteht.

Winnicott (2012, S. 78ff.) weist darauf hin, dass Kreativität zwar eine universale Eigenschaft des Menschen ist, dass zu ihrer Entfaltung aber eine einfühlsame, haltende und förderliche Umgebung von der frühen Kindheit an (und entsprechend in der therapeutischen Situation) erforderlich ist.

3.4 Symbol und Symbolisierung

Vorstellungen und Imaginationen gibt es grundsätzlich in beiden Systemen, dem Sekundärprozess und dem Primärprozess. »Eine Imagination ist dann ein (re-präsentatives, ein wieder vor Augen stellendes) Symbol, wenn sie ein Produkt des PP ist, das heißt emotionale Bedeutung hat, wenn sie nicht für sich steht, sondern für etwas anderes und dieses andere eine geistig-emotionale Erfahrung ist« (Salvisberg, 2012, S. 54):

So lässt sich der mit goldenen Pflastersteinen belegte Weg in dem oben genannten Beispiel als Symbol für eine behütete und reiche Kindheit verstehen, während der dunkle Wald, an dessen Rand er jäh endet, auf Ungewissheit und Zukunftsängste verweisen mag.

Katathyme Imaginationen repräsentieren die vergangene, erinnerte, gegenwärtige und künftig erwartete Realität auf einem symbolischen Niveau unterschiedlicher Komplexität. Symbole unterscheiden sich von Zeichen: Ein Zeichen steht in direktem Verhältnis zu dem Bezeichneten und erschöpft sich in diesem auch. Ein Symbol verweist hingegen auf ein komplexes Bedeutungsfeld, das sich im Prinzip nicht vollständig erklären oder beschreiben lässt. Symbole verbinden und vereinen Gegensätze und sind daher grundsätzlich mehrdeutig. Das Symbol stellt eine Repräsentation dar: Es verweist auf etwas anderes, das nicht angezeigt wird, sondern abwesend ist, aber im Symbol wieder vorgestellt, also (re-)präsentiert wird (Balzer, 2006). In psychoanalytischer Sicht überwinden Symbole die Trennung (wie das Kuscheltier des Kindes die abwesende Mutter repräsentiert und dadurch trösten kann), die andererseits Voraussetzung und Anreiz zur Symbolbildung ist (das real Vorhandene braucht nicht symbolisiert zu werden). Symbole wie etwa die Sprache oder Bilder bilden das Material jeder Kultur.

Die im Entwicklungsverlauf auftauchende »Fähigkeit zur Symbolbildung und -verwendung macht das Kind unabhängig von der realen Erfahrung und dem Vorhandensein der Objekte. Damit wird Denken möglich, sich etwas vorstellen, Trost, Hoffnung, sich vorerst etwas versagen – Grundlagen für Motivation, Kommunikation, Identitäts- und Autonomieentwicklung, Gewissensbildung, Triebverzicht, Frustrationstoleranz, Arbeits- und Beziehungsfähigkeit, Gestaltungskraft und damit für die gesamte Persönlichkeitsentwicklung« (Wienand, 2016, S. 29).

Zusammenfassend ist ein Symbol im psychodynamischen Sinn durch die folgenden Aspekte gekennzeichnet: »a) Das Symbol steht für etwas dahinter Liegendes; b) es trägt Bedeutungen, die über das Phänomen selbst hinaus weisen; c) es ist in seinem Bedeutungsgehalt vielfach determiniert; d) es vermittelt sich auf sinnliche und anschauliche Weise, sei es nun mit den Augen zu sehen oder mit den Händen zu greifen; e) es kann real präsent sein oder allein in der Vorstellung existieren; f) es wurzelt tief im Empfinden der Körpervorgänge und Emotionen« (Ullmann, 2012a, S. 25.).

Ein Beispiel illustriert, wie das individuelle Symbolverständnis von Persönlichkeit, Erinnerungen, körperlichen Reaktionen und Emotionen beeinflusst wird:

Ein Paar geht den Meraner Höhenweg, einen Wanderweg mittleren Schwierigkeitsgrades, links der Abgrund, rechts die Bergwand. Einer der Partner ist relativ angstfrei, der andere ängstlicher und vorsichtiger. Der Weg wird enger und biegt nach rechts ab, sein weiterer Verlauf ist also nicht einsehbar. An der steilen Felswand ist jetzt ein Seil als Handlauf befestigt. Für den einen Partner signalisiert es Sicherheit. Für den anderen, der sich an die Jahre zurückliegende Begegnung mit einer Schafherde auf einem ähnlich schmalen Bergpfad erinnert, symbolisiert das Seil Gefahr, die ihn in Angst und Schrecken versetzt.

Die auch körperlich als physiologischer Erregungszustand gespeicherte Erinnerung beeinflusst die Interpretation der aktuellen Wahrnehmung, deren Inhalt durch die mnestische Verknüpfung zum Symbol für Gefahr wird.

3.5 Symbolbildung und Emotionen

Leuner (1985, S. 398ff., kursiv im Original) beruft sich auf die Gestaltpsychologie und die Assoziationspsychologie, wenn er konstatiert: »Von daher gesehen läßt sich das tiefenpsychologische Symbol auch charakterisieren als der bildhafte Ausdruck einer unbewußten, aber bewußtseinsfähigen emotionalen Erlebnisspur von einer, durch die Eigenart der Bilder und die ihr zugeordneten Bedeutungsgehalte zwar vielfältigen, aber doch relativ klar definierbaren Struktur. Unter Struktur, synonym Gestaltqualität, verstehen wir die Qualität des Gefühlhaften, die sich mit der Gestalt des Bildes verbindet.« Das emotionale Erleben stellt also das verbindende, symbolstiftende Element zwischen Vorstellung, Bild und Sprache dar.

Mit transmodaler Wahrnehmung wird die (angeborene) Fähigkeit bezeichnet, Sinneseindrücke unterschiedlicher Kanäle abstrakt zu speichern und in andere Modalitäten zu übersetzen:

Das Adjektiv zart beispielsweise bezeichnet auf der taktilen Ebene eine vorsichtig-liebevolle Berührung. Es kann einen kaum wahrnehmbaren Duft beschreiben und einen auf der Zunge zergehenden Geschmack. Eine sanfte und leise Melodie kann ebenso als zart empfunden werden wie eine zierliche Gestalt oder ein dezent getöntes Kleid. Wenn wir einen empfindsamen Menschen als zart besaitet bezeichnen, verwenden wir den Begriff schon in symbolischer Form. Assoziativ gelangen wir mühelos zu Synonymen, die auch in ganz andere Kontexte passen, wie sanft, behutsam, sensibel, zerbrechlich, zärtlich, andeutungsweise, verletzlich, locker, vorsichtig oder kraftlos.

3.6 Neurobiologische Grundlagen der KIP

Das zentrale Element der KIP ist die spezifische dialogische Arbeit mit Imaginationen als Medium der Episodenaktivierung. Die auftauchenden dynamischen Bilder entwickeln sich als eine kreative Komposition aus früheren Beziehungserfahrungen, deren autobiografisch gefärbter Interpretation, der aktuellen Befindlichkeit und der Übertragungsbeziehung. In diesem Prozess werden Inhalte des impliziten Gedächtnisses aktiviert, symbolisch dargestellt und verbalisierbar. Vergangenheit und Gegenwart werden miteinander verbunden und ermöglichen einen neuen Blick auf die Zukunft.

Im therapeutischen Dialog nimmt der Patient den Therapeuten mit auf seine Reise und gibt ihm so die Möglichkeit, behutsam auf seine inneren Bilder, sein emotionales Erleben und seine Interpretation des Erlebten Einfluss zu nehmen. Die bei jedem Erinnerungsabruf aktivierten und oft repetitiven mentalen Modelle, Interpretations- und Beziehungsmuster können so in therapeutisch erwünschter Richtung bearbeitet und verändert werden. Eine wichtige Rolle für die Stärkung von Selbstkohärenz und Selbstgefühl spielen dabei auch das zunehmende Verständnis des Patienten für seine eigene Symbolik und die Freude an der Entdeckung seines kreativen Potenzials.

Die im Erlebnisraum der KIP gemachten neuen Erfahrungen werden im Verarbeitungsraum, also im Nachgespräch, im Gestalten der Imaginationen als Text, gemaltes Bild oder Skulptur, weiter ausgearbeitet, assoziativ erweitert und vertieft. Implizite Erfahrungen werden so zu explizitem Wissen. Dem emotionalen Erleben folgt die kognitive Verarbeitung. Die Ergebnisse dieses Prozesses werden wiederum verinnerlicht und gespeichert und beeinflussen ihrerseits die künftigen Wahrnehmungs- und Erinnerungsprozesse.

Die KIP-spezifische Abfolge von therapeutischem Gespräch, Imagination, Nachgespräch, medialer Gestaltung und deren Besprechung entspricht dem »Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten« (Freud, 1914) der klassischen Psychoanalyse. Im Prozessverlauf der KIP werden so über die neu geschaffenen Engramme strukturelle Veränderungen ermöglicht.

Ullmann (2012b, S. 116) konstatiert zusammenfassend: »Gegenüber anderen, mit Imaginationen befassten Therapieformen hebt sich die KIP dadurch ab, dass sie mit Imaginationen in einer speziell elaborierten Weise umgeht, die auf den sinnlichen, emotionalen und symbolischen Qualitäten des mnestischen Materials gründet. Deren neurobiologische Basis reicht von impliziten bis zu expliziten Prozessen und von der Episodenaktivierung bis zu deren Einbindung in die Narrative eines autobiographischen Gedächtnisses, das zwischen Vergangenheit und Zukunft vermittelt.«

Zusammenfassung

Das therapeutische Potenzial der KIP beruht darauf, dass im Rahmen einer tragenden Beziehung ein Zugang zum Primärprozess des Patienten eröffnet wird. Implizit gespeicherte Episoden werden damit aktiviert und symbolisch verschlüsselt in Szene gesetzt. Die dialogische Begleitung fördert und intensiviert die emotionale Beteiligung und das körperliche Erleben, wodurch wiederum die Imagination vertieft und assoziativ angereichert wird. Der kreative Umgang mit den auftauchenden Symbolen im Rahmen dieses intermediären Spielraums ermöglicht die Verschiebung von Perspektiven, das Ausprobieren neuer Erlebens- und Verhaltensmuster, die Reduzierung von Ängsten und das Finden neuer Lösungen für alte Probleme. Die Speicherung des imaginativen Prozesses im impliziten Gedächtnis verändert die zugehörigen dort abgelegten Episoden und führt so im Laufe des therapeutischen Prozesses zu bleibenden neuen Erfahrungen, zu neuen Sichtweisen und Verhaltensmöglichkeiten.

Literatur zur vertiefenden Lektüre

Ullmann, H. (2012a): Mnestische Systeme und ihre Veränderung. Ein Beitrag zur entwicklungspsychologischen und neurobiologischen Fundierung der KIP. In H. Ullmann & E. Wilke (Hrsg.), Handbuch Katathym Imaginative Psychotherapie (S. 66–121). Bern: Hans Huber.

Weiterführende Fragen

• Warum und unter welchen Bedingungen kann eine imaginative Erfahrung zu Veränderungen im Gedächtnissystem führen?

• Welche Rolle spielt die Sprache als mächtiges Symbolsystem in der Psychotherapie und insbesondere der KIP?

• Welche Entwicklungsprozesse müssen einigermaßen abgeschlossen sein, um mit Kindern mit KIP arbeiten zu können?

Teil II Katathym Imaginative Psychotherapie mit Kindern (FW)

4 Entwicklungspsychologische Voraussetzungen im Kindesalter

Die Katathym Imaginative Psychotherapie arbeitet mit therapeutischen Imaginationen, in denen zum Teil unbewusste Motive, Bedürfnisse und Konflikte und Inhalte des episodischen Gedächtnisses symbolisch zum Ausdruck kommen und auf der Symbolebene bearbeitet werden. Die weitere Bearbeitung erfolgt auf den Ebenen der Gestaltung und der Sprache. Die Methode setzt voraus, dass ein Kind einen bestimmten Entwicklungsstand erreicht hat. Diese Entwicklungsvoraussetzungen betreffen die Fähigkeit zur Symbolisierung, die repräsentative Verwendung von Sprache, die Trennung zwischen Phantasie und Realität (zwischen Primär- und Sekundärprozess), die Fähigkeit zur Kontrolle von Affekten und zur Aufnahme einer vertrauensvollen therapeutischen Arbeitsbeziehung. Diese Entwicklungslinien sind miteinander verschränkt. Die Fähigkeit zur Symbolbildung ist eine Funktion der Reifung und abhängig von individuellen Erfahrungen, insbesondere von sozialen oder Beziehungserfahrungen.

Die Entwicklung der Symbolisierung soll aus zwei unterschiedlichen, aber sich ergänzenden Perspektiven skizziert werden: Aus der Sicht Piagets und anhand der Vorstellungen der Mentalisierungstheorie (z. B. Fonagy et al., 2017).

4.1 Die Entwicklung der Symbolfunktion nach Piaget

Nach Piaget (z. B. 1978) entwickelt sich die symbolische Funktion auf folgende Weise: In der zweiten Hälfte des zweiten Lebensjahres entwickelt das Kleinkind eine symbolische Vorstellung von verschwundenen Objekten, die es sich jetzt bildhaft vorstellen und durch Nachdenken und Verstehen wieder finden kann (Stadium der permanenten Objektkonstanz nach Piaget). Der nun rasch wachsende Wortschatz und die Fähigkeit, Probleme selbst zu lösen, spiegeln die zunehmende Symbolisierung. (Tyson & Tyson, 2001, S. 185). Das Auftauchen der Symbolfunktion ist die wesentliche Voraussetzung für die präoperationale Phase, in der das Kind lernt und übt, andere nachzuahmen, symbolische (Als-ob-)Spiele zu spielen und Dinge und Sachverhalte durch Worte bezeichnet, also den Übergang »vom Handlungsakt zum Denkakt« vollzieht (Resch et al., 1999, S. 126).

Das symbolische Denken führt zum präoperationalen Denken (Piaget, nach Tyson & Tyson, 2001, S. 187), in dem das Kind allmählich sein Selbst- und sein Weltbild ausbildet. Sein Ich und sein Denken sind dabei noch nicht von der Welt getrennt, es sieht seinen subjektiven Standpunkt als absolut, sein Denken ist egozentrisch, die Welt wird als belebt und absichtsvoll wahrgenommen (magisch-animistische Entwicklungsphase), die Übernahme der Perspektive anderer ist noch nicht möglich. Das magische Denken in dieser Phase folgt dem Primärprozess, bildhaften und emotional getönten Vorstellungen, die nach Ähnlichkeitsbeziehungen und nicht nach logischen Gesetzen konstruiert sind. Der Sekundärprozess, das logische Denken nach kausalen Gesetzen, entwickelt sich parallel dazu ab dem zweiten Lebensjahr und gewinnt in den folgenden Lebensjahren an Einfluss (Resch et al., 1999, S. 162 ff.). Am Ende dieses Stadiums ist das Kind in der Lage, sich andere als von sich getrennt vorzustellen und deren Perspektive als eine andere als die eigene wahrzunehmen.

4.2 Die Mentalisierungstheorie

Die Mentalisierungstheorie (z. B. Fonagy & Target, 2006, S. 364ff.) stellt eine theoretische Konzeption im Rahmen der Entwicklungspsychologie und eine Theorie des Selbst dar. Ihr zentraler Bestandteil ist die Entwicklung des Erlebens und des Zuganges zum Selbst. Sie stützt sich vorwiegend auf empirische Beobachtungen und Studien. Mentalisierung meint die kognitive Fähigkeit, Gedanken und Gefühle bei sich selbst und anderen vorauszusetzen, deren Zusammenhang mit der Außenwelt zu erkennen und darüber nachzudenken. Diese Fähigkeit ist eine wesentliche Voraussetzung der Affektregulation und entwickelt sich nicht als quasi automatischer Reifungsprozess, sondern wird ausschließlich über Beziehungserfahrungen mit den primären Bezugspersonen geformt.

Die Entwicklung der Mentalisierung (nach Taubner, 2016, S. 37ff.) erfolgt nach diesem Modell in Entwicklungsstufen, die hier nur kurz skizziert werden können. Dabei stellen die Bindungserfahrungen des Kindes den ersten und entscheidenden Organisator dieser Entwicklung dar.

Geburt bis neunter Monat – das Selbst als physischer und sozialer Akteur

Der Säugling ist zur Regulierung seiner Affekte vollkommen von seinen primären Bezugspersonen abhängig. Die angemessen reagierende (feinfühlige) Bindungsperson vermittelt dem Baby, dass sie seinen Affekt aufgenommen hat (kongruente Spiegelung), dabei übertreibt sie den Affekt des Kindes (Markierung) und zeigt zugleich, dass sie sich von ihm nicht überwältigen lässt, sondern trösten oder helfen kann, indem sie z. B. Gelassenheit ausdrückt (Containment). »Damit vermittelt sie, dass Affekte veränderbar sind und das Selbst nicht überfluten müssen« (ebd., S. 43).

Neun Monate bis zweites Lebensjahr – das Selbst als teleologischer Akteur

Ab dem neunten Monat erweitert der Säugling sein Handlungsrepertoire, die Repräsentationen einer zielgerichteten Verhaltensorganisation sind jedoch noch präsymbolisch (Verhalten kann vorhergesagt, aber noch nicht modifiziert werden) und setzen noch nicht das Verständnis von internationalen mentalen Zuständen voraus.

Sprache und Symbolbildung: Das »Nein« zu Beginn des zweiten Lebensjahres kann als das erste Symbol in der kindlichen Entwicklung aufgefasst werden. Im weiteren Verlauf verfeinert und differenziert sich die symbolische Bedeutung von Begriffen und damit erweitern sich die Verständnis- und Ausdrucksmöglichkeiten des Kindes. »Von Beginn an beeinflusst Sprache die Art und Weise, wie wir die Welt ordnen und verstehen … Sprache schafft begriffliche Systeme, die über die beobachtbare Erfahrung hinausgehen« (Szagun, 2013, S. 13).

Im Modus der psychischen Äquivalenz, der beim Kleinkind zunächst vorherrscht, gibt es keine Trennung zwischen innen und außen, zwischen Gedanken und Wirklichkeit. Intrapsychische Prozesse, Wünsche und Fantasien werden als real erlebt, können vom Kind nicht kontrolliert werden und somit auch intensive Angst auslösen.

Als-ob-Modus: Im Verlauf des zweiten Lebensjahres entwickeln sich Als-ob-Handlungen und das Als-ob-Spiel. Voraussetzung dafür ist die symbolische Repräsentation von Gegenständen und Handlungen sowie die Trennung zwischen Vorstellungen und Realität durch eine explizite Markierung (»Du wärst jetzt der Vater«). Damit verfügt das Kind über die Fähigkeit, negative Affekte zur externalisieren, sie als nicht wirklich, sondern als repräsentational zu erleben. Dies ermöglicht die Wendung von passiv zu aktiv, zur Wunscherfüllung und zur Modifikation und damit zur Regulation der Affekte.

Drittes und viertes Lebensjahr – das Selbst als intentionaler Akteur

In diesem Alter beginnen Kleinkinder, anderen Menschen Intentionen wie Wünsche oder Gefühle und auch subjektive Vorstellungen zuzuschreiben, die sich von den eigenen unterscheiden. Ein »Rückfall« in den Äquivalenzmodus kann jedoch in diesem Alter jederzeit erfolgen: Das Kind malt in zufriedener Stimmung ein Monster. Als es das fertige Bild betrachtet, gerät es in große Angst, weil das Symbol im Äquivalenzmodus zur bedrohlichen Realität wurde.

Ab dem fünften Lebensjahr – das Selbst als repräsentationaler oder mentalisierender Akteur

Ab diesem Alter können Kinder eigene und fremde Gefühle und Überzeugungen als repräsentational verstehen, also wissen, dass diese nicht der Realität entsprechen müssen. Damit ist der duale Modus des psychischen Erlebens (Äquivalenz und Als-ob) überwunden, das Kind hat die Fähigkeit zur Mentalisierung erlangt und kann verschiedene Perspektiven in Bezug auf menschliches Verhalten einnehmen (Taubner, 2016, S. 49). »Das Erreichen der Stufe der Mentalisierung ermöglicht eine Kontinuität im Selbsterleben, da eine Anpassung des psychischen Erlebens (zum Beispiel eine emotionale Neubewertung) möglich ist.«… »Die Realitätsprüfung wird weiter etabliert, d. h. die Unterscheidung zwischen innerer und äußerer Realität, wobei diese als miteinander verbunden erlebt werden kann und nicht länger als identisch im Rahmen psychischer Äquivalenz oder getrennt im Rahmen des Als-ob-Modus« (ebd., S. 52). Die Folgen sind eine Kontinuität im Selbsterleben, die Fähigkeit zur Regulation von Affekten und Impulsen und das Gefühl für die Bedeutsamkeit des eigenen Lebens.

Wird das Kind jedoch in dieser (psychoanalytisch gesprochen in der ödipalen) Phase durch innerpsychische Konflikte oder durch Traumata überfordert, kann es zumindest in Teilbereichen seines Erlebens im Modus der psychischen Äquivalenz stecken bleiben.

4.3 Das Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung von Erik H. Erikson

Dieses Modell stellt eine Weiterentwicklung von Freuds Entwicklungskonzept dar. Erikson unterteilt das Leben in acht als universell konzipierte Entwicklungsphasen. In jeder dieser Phasen kommt es zu einer entwicklungsspezifischen Krise, deren Lösung den weiteren Entwicklungsweg bahnt.

Die Entwicklungsaufgaben nach Erikson zeigt folgende Übersicht (nach Erikson 1971, S. 241ff.)):

Tab. 4.1: Entwicklungsaufgaben nach Erikson:


AltersstufeZentraler KonfliktThema

Das Entwicklungsmodell der psychosozialen Krisen von Erik Erikson benennt die zentralen Konflikte. Wichtig ist, dass ungelöste Entwicklungsaufgaben die Lösung kommender beeinträchtigen. Es bleibt jedoch deskriptiv und erklärt nicht, was die Entwicklung organisiert und vorantreibt.

Die unterschiedlichen Modelle der keineswegs einheitlichen psychoanalytischen Entwicklungstheorie können hier nicht dargestellt werden. Wichtig ist aber: Die Modelle der Entwicklungsstufen und des Ineinandergreifens äußerer und innerer Konflikte stellen eine wesentliche Grundlage für eine entwicklungsorientierte Kinderpsychotherapie dar.

4.4 Zur Entwicklung von Geschlechtsunterschieden

Aus psychoanalytischer Sicht haben in jüngster Zeit Hans Hopf (2014) und Inge Seiffge-Krenke (2017) Monographien vorgelegt, in denen sie analytische Theoriebildung, klinische Erfahrung, neurobiologische Erkenntnisse mit den Beobachtungen aus empirischen Studien verbinden.

Die folgende Übersicht stellt (in stark verkürzter Form) eine Auswahl der wesentlichen Aussagen dieser beiden klinischen Forscher dar:

Jungen sind nach Hopf von Geburt an impulsiver, leichter irritierbar und emotional labiler. Sie explorieren mehr als Mädchen und zeigen früh Vorliebe für alles Technische. Sie sind risikofreudiger und durchsetzungsbereiter, aggressiver und motorisch unruhiger, sie sind von Angstlust fasziniert und wollen möglichst alles schon können, sie sind »philobatischer und phallischer« (Hopf, 2014, S. 367ff.). Ihre Sprachentwicklung verläuft langsamer als bei Mädchen, sie interessieren sich weniger als diese für Kommunikation und Beziehungen. Sie legen mehr Wert auf Autonomie und Dominanz als auf Kooperation. Sie sind schlechter in der Lage, zu symbolisieren und zu mentalisieren. Sie setzen sich ungern mit ihren Emotionen auseinander und neigen dazu, Affekte und Konflikte über Bewegung zu externalisieren anstatt sie zu verbalisieren. Dies gilt vor allem für den Umgang mit Angst. Ihr Spiel ist wilder, aggressiver, egoistischer und wettbewerbsorientiert. Jungen sind narzisstischer als Mädchen, sie zeigen vermutlich deshalb weniger Interesse am Wissenserwerb, haben häufiger Lernstörungen und inzwischen den schlechteren Schulerfolg. Sie schneiden besser ab in Aufgaben, die räumliches Vorstellungsvermögen, Kraft und Ausdauer erfordern, während Mädchen in der Feinmotorik sowie in der sozialen und Sprachkompetenz überlegen sind. Jungen neigen zu mehr externalisierenden, Mädchen mehr zu internalisierenden Formen psychischer Störungen, insbesondere zu Angst und Depression.

Mädchen sind nach Seiffge-Krenke (2017) von Geburt an empathischer, mehr an Beziehungen als an Dingen orientiert und neigen auch später stärker als Jungen zu Symbolisierungen, in denen Beziehungen erprobt werden, wie Tagebücher und Blogs. Ihre soziale und Sprachkompetenz ist stärker ausgeprägt und entwickelt sich früher. Mädchen kontrollieren ihre Affekte, insbesondere Aggression, viel stärker und entwickeln vermutlich daher eher Angst- und depressive Störungen. Schon im Kindergartenalter bevorzugen sie Puppen- und Rollenspiele, Kooperation vor Konkurrenz und bauen Beziehungsnetze auf. Sie passen sich stärker als Jungen an soziale Konventionen an und neigen stärker als diese zu Scham- und Schuldaffekten, die zu Verhaltenshemmung und sozialer Ängstlichkeit führen können. Während es in Gruppen von Jungen mehr um Konkurrenz und Dominanz geht, herrschen in Mädchengruppen strenge soziale Normen, denen sich die Teilnehmerinnen bereitwillig unterwerfen.

Die Tagträume in der KIP unterscheiden sich dementsprechend in Bezug auf die Geschlechter:

Die KBs von Mädchen sind länger, emotionaler, ruhiger, elaborierter und beziehungsorientierter. Im Vordergrund steht das Erleben. Die Imaginationen von Jungen sind kürzer, die Abläufe stürmischer und wilder, im Vordergrund steht das Handeln. »Mädchen imaginieren ganz offenkundig insgesamt mehr belebte Objekte und orale oder ödipale Themen, Jungen demgegenüber mehr unbelebte sowie schizoide oder anale Themen« (Horn, 2006a, S. 19, kursiv im Original).

Es sei betont, dass es sich dabei um Tendenzen handelt, die nicht bei jedem Kind zu beobachten sind. Zusätzlich ist noch bei unterschiedlichem Geschlecht die Übertragungsbeziehung zwischen Kind und Therapeut/in zu beachten.

Grundsätzlich wird die KIP bei Jungen eher auf die Förderung von Selbstkontrolle, Reflexion und Mentalisierung sowie die Entwicklung eines realistischen Selbstkonzepts ausgerichtet sein und bei Mädchen auf den Abbau von Scham und Gehemmtheit und die Förderung der Selbstwertgefühls Wert legen.

4.5 Risikofaktoren und protektive Bedingungen der Entwicklung

Die Bewältigung der universalen Entwicklungsaufgaben ist abhängig von der körperlichen Gesundheit und Reifung eines Kindes, den familiären Bedingungen, den individuellen Ressourcen, Vorstellungen und Werten und kulturellen wie gesellschaftlichen Einflüssen.

In den großen Mannheimer Längsschnittstudien (Kurpfalzstudie und Risikokinderstudie, Reister, 1995; Esser et al., 2000; vgl. auch Dornes, 2002, S. 108ff.) wurde die Entwicklung von Kindern von der Geburt bis zum Alter von elf bzw. 25 Jahren untersucht. Die Kenntnis der empirisch bestätigten Risikofaktoren darf als bekannt vorausgesetzt werden: Hierzu zählen beispielsweise das Fehlen verlässlicher Bezugspersonen in der frühen Kindheit, Vernachlässigung und Misshandlung, sexueller Missbrauch, psychische Erkrankung einschließlich Suchterkrankung eines Elternteils, Familienzerrüttung, Trennung und Scheidung.

Als protektive oder Schutzfaktoren, die die Auswirkungen von Belastungen mildern oder ausgleichen können, fanden die Forscher (Reister, 1995, S. 192) unter anderem: dauerhafte und gute Beziehung zu mindestens einer primären Bezugsperson; Aufwachsen in einer Familie mit Entlastung der Mutter; ein insgesamt attraktives Mutterbild und positive Erfahrungen mit den Eltern; außerfamiliäre soziale Förderung und mindestens eine verlässlich unterstützende erwachsene Bezugsperson.

4.6 Voraussetzungen für die Behandlung mit KIP im Kindesalter

Aus diesen theoretischen Modellen und empirischen Befunden lässt sich ableiten, dass ein Kind unter normalen Umständen etwa ab dem Grundschulalter über die notwendigen nachfolgend aufgelisteten Voraussetzungen verfügt, um mit KIP behandelt zu werden:

• Sein Realitätsbezug ist gesichert, es kann zwischen innen und außen, zwischen Phantasie und Realität unterscheiden.

• Es kann mentalisieren, d. h. sich selbst von außen und andere von innen sehen.

• Es verfügt über eine entwickelte Abwehr durch Verdrängung, die das Selbst vor Überflutung durch unbewusste Inhalte schützt, sodass es im Verlauf auch in der Lage ist, sich mit schwierigeren Emotionen (symbolisch und verbal) auseinanderzusetzen.

• Seine Ich-Stärke erlaubt ihm, Erleben zuzulassen, aber auch, sich davon distanzieren zu können und somit Angst auszuhalten.

• Es verfügt über ein integriertes Ich mit ganzen Objekten und ist so in der Lage, Ambivalenzspannungen auszuhalten.

• Es ist imstande, sich über einen längeren Zeitraum zu konzentrieren und seine Aufmerksamkeit auf sein inneres Erleben zu richten.

• Es ist soweit sicher gebunden, dass es sich auf eine vertrauensvolle therapeutische Arbeitsbeziehung einlassen und darin Sicherheit erleben kann, die es ihm erlaubt, sich auf den regressiven Prozess einer Imagination einzulassen. (modifiziert nach Dieter, 2000, S. 149ff.).

Psychotherapie hat insbesondere bei jungen Menschen die Aufgabe, die oft blockierte oder steckengebliebene Entwicklung wieder in Gang zu bringen und zu fördern. Dieser zentrale Gedanke der Entwicklungsorientierung lässt sich mit Hilfe der KIP besonders gut umsetzen, erfordert allerdings eine entsprechende Perspektive und Grundhaltung des Therapeuten.

Der Therapeut stellt sich nicht nur als Übertragungsobjekt zur Verfügung und als verstehendes Objekt (das erstere ist unvermeidlich, das letzte selbstverständlich), sondern als Entwicklungsobjekt (Walter 2010). Das bedeutet, dass er ein neues Objekt für den Patienten darstellt, mit dem dieser neue Erfahrungen machen kann, ein Modell für Selbstreflexion und Mentalisierung, das dem Patienten einen neuen Entwicklungsraum eröffnet.

Der Therapeut beachtet und fördert aktiv die Entwicklungsbedürfnisse und Entwicklungsimpulse seiner Patienten. Er sieht im Patienten (und in seiner Familie) mehr die Möglichkeiten, die Potentialität als die Defizite. Das ermöglicht dem Patienten, sich mit dieser neugierigen, offenen und auf die Möglichkeiten statt auf die Defizite ausgerichteten Haltung zu identifizieren und selbst aktiv an seiner Weiterentwicklung zu arbeiten.

Im Übergangs- und Spielraum der Therapie, und ganz besonders mit dem kreativen Potential der KIP, werden so neue Erlebens- und Verhaltensmöglichkeiten eröffnet. Zuerst als überhaupt denkbar vorausgesetzt und gesucht oder entwickelt, dann in den Imaginationen und innerhalb der therapeutischen Beziehung erprobt und schließlich, durchaus mit Verzögerung, in die Realität außerhalb der Stunden übertragen. Voraussetzung dafür sind auf Seiten des Therapeuten Neugier, Offenheit, Kreativität, Vertrauen und ein starkes Interesse an der Weiterentwicklung des Patienten.

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