Kitabı oxu: «Mord im Hause des Herrn»

Şrift:

Steinhauer

Mord im Hause des Herrn

Schweden-Krimi mit Rezepten


Franziska Steinhauer

Mord im Hause des Herrn

Der zweite Fall für Sven Lundquist


Haftungsausschluss: Die Rezepte dieses Buchs wurden von Verlag und Herausgeber sorgfältig erwogen und geprüft. Dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Die Haftung des Verlags bzw. des Herausgebers für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.

© Oktober Verlag, Münster 2009

Der Oktober Verlag ist eine Unternehmung

des Verlagshauses Monsenstein und Vannerdat OHG, Münster

www.oktoberverlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Satz: MV-Verlag

Umschlag: Linna Grage

unter Verwendung eines Fotos von stacey_newman/istockphoto.com

Rezepte: Franziska Steinhauer und Roland Tauber

eBook-Herstellung und Auslieferung: readbox publishing, Dortmund www.readbox.net

ISBN: 978-3-938568-97-2

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Der Weg zur alten Kirche hinauf war beschwerlich. Doch von hier oben mochte sich, wenn man unbedingt an solche Dinge glauben wollte, für die Toten eine berückende Aussicht auf das Tal eröffnen.

Hanne Steenkluth hielt das allerdings alles für Humbug.

Am Ende der Straße konnte sie schon die imposante Mauer erkennen, die den Kirkogaard umgab und deren Aufgabe es sein sollte, die Lebenden vor den Heimsuchungen durch die Toten zu schützen. Da mochte wohl so manchem daran gelegen sein, diesen Wall so hoch und unüberwindlich wie nur möglich zu bauen, dachte Hanne boshaft und zerrte an ihrem bockig tänzelnden Trolley.

Das ist das Alter, dachte sie ungehalten, es schwächt den Körper und zwingt den nach wie vor beweglichen Geist in immer engere Bahnen. Sie beschleunigte ihren Schritt. Wer weiß, wie lange ich noch jeden Tag in die Kirche gehen kann, sorgte sie sich.

Wer sollte sich denn um die Kirche und die Gräber kümmern, wenn sie nicht mehr war! Die Jugend hatte doch an all dem heute kein Interesse mehr! Tot und vergessen galt heute. Gegen diese moderne Lebensauffassung hatte Pfarrer Landulf grade erst am letzten Sonntag wieder vehement gewettert. Ganz besonders die jungen Leute auf Holm hatten ihre Wurzeln gründlich vergessen. Sie zog es nach Göteborg zu den Abenteuern der Großstadt.

Bald war Weihnachten und sie würde wie in jedem Jahr zu ihrem Sohn und ihrer verhassten Schwiegertochter nach Göteborg fahren, um das Fest mit deren verzogenen Kindern zu verbringen. Auch wenn ihre Enkel immer nur auf ihr Geld aus waren, so würden die paar Tage doch eine willkommene Abwechslung bringen. In ihrem Leben passierten schon lange keine aufregenden Dinge mehr, und ohne das Fernsehen wäre es vor Langeweile wahrscheinlich gar nicht auszuhalten.

Schon wieder Weihnachten.

Wenn man älter wird, vergeht die Zeit wie im Flug, dachte sie nachsichtig lächelnd. Als sie noch ein Kind war, schien es Ewigkeiten zu dauern, bis man wieder Geburtstag hatte oder es endlich wieder Weihnachten war. Heute verging ein Jahr so schnell, dass sie manchmal gar nicht mehr genau sagen konnte, wie alt sie geworden war.

Sie seufzte, als sie die Friedhofsmauer erreicht hatte. Im Sommer hatte die Gemeinde den Hauptweg zum Kirchenportal mit kleinen, weißen Kieselsteinen auffüllen lassen. Seither versanken die Kirchenbesucher bei jedem Schritt fast bis zum Knöchel in diesem Kiessumpf, der Hanne jeden Morgen zwang, ihren Trolley mit blockierten Rädern durch die knirschenden Steine zu zerren.

Sie drehte sich um und betrachtete spöttisch die Spuren, die ihr Einkaufsroller gezogen hatte. Wahrscheinlich war das mit den Kieselsteinen nur ein Trick, um wenigstens den Arbeitsplatz des Gärtners zu sichern, dachte sie und verlor sich in allerlei Überlegungen über die letzte Predigt von Pfarrer Landulf, in der er von der Allgegenwart von Sünde und Verführung sprach, so dass sie das graue Auto mit dem fremden Kennzeichen gar nicht bemerkte, das etwas abseits von der Friedhofsmauer parkte.

****

Sven Lundquist sah den Wald vor lauter Weihnachtsbäumen nicht. Der Verkäufer, ein vierschrötiger, übergewichtiger Mann, der allen Ernstes behauptete, all seine Bäume eigenhändig frisch geschlagen zu haben, machte inzwischen keinen Hehl mehr aus seiner Ungeduld.

»Vielleicht willst du ihn ja erst mal probeschmücken, um die Wirkung der Kugeln am Baum zu testen?«

Lundquist grinste schief.

Er glaubte dem Mann kein Wort.

Wahrscheinlich waren die Bäume schon vor Monaten geschlagen worden und würden, einmal im Wohnzimmer, sofort ihre Nadeln abwerfen.

»Nein.«

»Also mehr Bäume hab ich nicht, als du dir angeschaut hast! Du solltest dich jetzt einfach entscheiden. Ich muss mich schließlich auch noch um die anderen Kunden kümmern.«

Er zeigte auf ein junges Pärchen, das sich durch Kuscheln warm hielt.

»Also gut«, sagte Lundquist, »den nehm ich.«

Zunächst staunte der Mann, weil Lundquist noch kurz zuvor den Baum seines zu krummen Wuchses wegen abgewiesen hatte, aber dann dachte er, dass das Leben eben oft krumme Wege ging, und zog ihn achselzuckend durch die Netzverspannung.

In diesem Jahr sollte es wieder ein fröhliches Fest werden, das war er seiner Tochter – und vielleicht auch sich selbst – schuldig, überlegte Lundquist. Er hatte kein Recht dazu, sie in ein Leben in Trauer zu zwingen. Drei Jahre war es nun her, dass Anna bei diesem schrecklichen Unfall ums Leben gekommen war. Es wurde Zeit, Lisa wieder ein relativ normales Leben zu bieten. Eines, wie es die anderen Kinder, die sie kannte, auch führten. Da durfte weder die Erinnerung an Anna noch seine eigene schwere Krankheit eine Rolle spielen. Und da war ja auch noch Magda.

Mit ihr würde nun ein ganz neuer Lebensabschnitt beginnen.

Beschwingt zog er einen Einkaufswagen heran und begann ihn zu füllen. Weihnachtsbier konnte er auch später noch kaufen, beschloss er, das Elchfleisch für das traditionelle Weihnachtsmenü der Familie Lundquist, Elchrouladen mit Gurkenmus, hatte er schon in der Tiefkühltruhe eingelagert.

Mehl, Kardamom, Zimt, Hefe, Mohn ...

Nach Annas Tod hatte er geglaubt, nie wieder glücklich sein zu können. Er lebte überhaupt nur für seine kleine Tochter weiter. Zusammen mit seiner Mutter war er in eine geräumige Wohnung in der Vasagatan in Göteborgs Innenstadt gezogen. Sie kümmerte sich um Lisa und den Haushalt, und er ging jeden Tag zur Arbeit. Seine ungeregelten Arbeitszeiten bei der Kriminalpolizei Göteborg waren deshalb kein Problem.

Doch dann, als er gerade zu hoffen begann, er könne wieder in einen relativ normalen Alltag zurückfinden, folgte ein weiterer Schicksalsschlag: Er wurde krank. Multiple Sklerose.

Vor einem Schaufenster blitzte sein Spiegelbild auf. Eigentlich sah er für einen Kriminalhauptkommissar zu harmlos aus, dachte er, und wusste nicht, ob er sich darüber freuen sollte oder nicht. Sven Lundquist fuhr sich mit den Fingern durch sein dichtes dunkles Haar und forschte nach Anzeichen des nahenden Alters. Du bist hoffnungslos eitel, schalt er sich sanft. Ein bisschen schlanker war er geworden, nahm er erstaunt zur Kenntnis, denn viel Zeit für Sport blieb ihm nicht. Er dachte ein wenig neidisch an Lars’ athletischen Körperbau, Ergebnis eines harten und konsequenten Trainings. Nichts für ihn, er verbrachte seine Freizeit lieber mit Lisa und Magda.

Sein Körper straffte sich. Er spürte, wie das Leben sich in ihm wieder breit machte, seinen Gang beflügelte und den Kopf endlich befreite. Ja, sagte er sich, er wollte wieder glücklich sein – und das gelang ihm am besten mit Magda.

Weihnachten wird ein Neuanfang werden, dachte er voller Zuversicht.

Als er eine halbe Stunde später mit seinem Freund und Kollegen Lars Knyst in einem Café zusammentraf und sie sich gegenseitig Geschenkvorschläge für ihre Lieben machten, war die Welt für Sven Lundquist fast völlig in Ordnung.

Doch Mörder nehmen in der Regel weder Rücksicht auf Wochenenden oder Feiertage. Und zu diesem Zeitpunkt wusste außer den unmittelbar Beteiligten niemand von dem langsam erstarrenden Körper, der Lundquist und seinem Team in Kürze viele Rätsel aufgeben würde.

****

In der Kirche war es kalt. Hanne zitterte. Hoffentlich hatte dieser schusselige Pfarrer nicht wieder eines der Fenster offen gelassen. Gerade in der heutigen Zeit war das gefährlich und Hanne Steenkluth wurde nicht müde, ihn immer wieder darauf hinzuweisen, wie leichtsinnig sein Verhalten war. Dabei war er doch noch gar nicht alt genug, um so zerstreut zu sein.

Verärgert zog sie den Trolley zum Altar.

Mit routinierten Bewegungen legte sie Handschuhe, Mütze und Schal ab und schlug die Plane der Einkaufstasche zurück. Nacheinander holte sie einen Staubwedel nebst diversen bunten Tüchern sowie einen winzigen Eimer und ein Fläschchen selbst gemischter Möbelpolitur heraus.

Neulich hatte sich dieser vergessliche Pfarrer doch tatsächlich angemaßt zu behaupten, der Gestank ihrer Politur überdecke selbst den Geruch des Weihrauchs und werde von den Betenden bei der Andacht als störend empfunden.

Als ob der Duft von Sauberkeit einen bei der Zwiesprache mit Gott irritieren konnte! Blödsinn.

»Männer!«, spie sie aus und fegte mit einer lässigen Handbewegung alle Angehörigen dieses Geschlechts in den Orkus. Nur gut, dass sie keinen dieser ewig unzufriedenen Nörgler mehr zu versorgen hatte, nachdem ihr Josef vor nun schon mehr als vierzig Jahren an einer Lungenentzündung gestorben war. Als ihr Sohn endlich auszog, hatte sie sich geschworen, keinen Mann mehr in ihrem Leben zu dulden. Missbilligend schüttelte sie den Kopf und schlurfte mit dem Eimer in die Sakristei, um dort Wasser zu holen und nach den Fenstern zu sehen.

Das Gefühl nicht allein in der Kirche zu sein, beschlich sie erst später.

Und dann begann sie zu schreien, als wolle sie niemals mehr damit aufhören

****

»Ah – die beiden Ermittler!«, begrüßte sie Ortspolizist Einar Dahl und drückte ihnen kraftvoll die Hände.

Der wohlgenährte Mann in den besten Jahren schwitzte stark und versuchte gar nicht erst seine Erleichterung darüber zu verbergen, diesen seltsamen Fall in die Verantwortung anderer abgeben zu können.

Nach einem Blick in das Innere der Kirche konnte Sven Lundquist den Kollegen gut verstehen.

Das innen und außen weiß getünchte Gotteshaus, zu dem man sie gerufen hatte, war eine imposante Wehrkirche. Sie glich mehr einer Ritterburg als einer Stätte der inneren Einkehr. Der überdimensionierte viereckige Turm, dessen schmale Fensteröffnungen unwillkürlich die Assoziation von Schießscharten aufdrängten, war mit eindrucksvollen Zinnen bewehrt.

Das Kirchengebäude selbst war einfach und glich einer geräumigen Scheune. Das Gestühl teilte den schlichten und funktionellen Innenraum in einen Mittelgang und zwei Seitengänge, die von einzelnen Säulen in behagliche Nischen unterteilt wurden. Auf dem schmucklosen Altar aus hellem Holz standen nur ein schlichtes Kreuz und zwei Leuchter. Im Hintergrund hing ein kleines Kreuz aus tiefrotem Glas, das von innen heraus leuchtete, wenn der Pfarrer die Messe las. Links vom Altar erkannte Lundquist zwei Votivschiffe von beeindruckender Größe, die zu beiden Seiten von Gemälden flankiert wurden, deren Motive im Halbdunkel nur zu erahnen waren.

Die beschaulich-friedliche Atmosphäre des Gotteshauses war zweifellos empfindlich gestört. Auf einer der steinernen Stufen, die zum Altar führten, kauerte eine kräftige, weißhaarige Frau, die unentwegt laut schniefend »Oh Gott, oh Gott, oh Gott!« murmelte. Eine deutlich jüngere Frau mit mütterlicher Statur hockte daneben und versuchte die alte Dame zu beruhigen, strich ihr immer wieder sanft über die Schultern und redete leise auf sie ein.

Allerdings schienen ihre Bemühungen erfolglos zu bleiben.

Ein gutes Stück von ihnen entfernt entdeckte Lundquist eine kleine Menschenansammlung. Als er auf gleicher Höhe mit ihnen war, sah er auch das Opfer, um das sich der Arzt und der Pfarrer bemühten.

»Tja, das ist schon gewaltiges Pech, nicht wahr?«, flüsterte Einar Dahl.

Lundquist nickte.

In der Bank hatte ein wohlgenährter Herr in grauem Anzug gesessen. Ob sich nun sein auf den Boden gerichtetes Gesicht, von dem nur ein rotblonder Haarschopf zu sehen war, bereits vorher in Demut und Frömmigkeit zum Gebet gesenkt oder in Erschütterung über eigene sündige Schwächen und Laster gramgebeugt Deckung gesucht hatte, würde für immer ungeklärt bleiben müssen. Viel wahrscheinlicher aber war, dass der Mann aufrecht in der Bank saß, als ihn das schwere, riesige Glaskreuz gefällt hatte.

»Vom Kreuz erschlagen!«, flüsterte der Pfarrer fassungslos. »Vom Kreuz erschlagen!«

»Der Mann ist jedenfalls tot. Schon länger. Da war nichts mehr zu machen«, erklärte Dr. Stevensson.

Lundquist trat näher an den Toten heran.

»Kennt jemand den Mann?«

Einar Dahl schüttelte den Kopf.

»Nein, weder Pfarrer Landulf noch seine Haushälterin. Und ich auch nicht. Die Hanne haben wir lieber nicht so nah rangelassen, die ist ja auch schon so völlig durch den Wind.«

Lundquist streifte sich Latexhandschuhe über und begann behutsam die Taschen zu durchsuchen.

»Alle leer. Er hat nicht einmal ein Papiertaschentuch dabei. Und trotz der Kälte war er wohl ohne Mantel unterwegs«, stellte er fest und sah sich suchend um.

»Wir sind alle Reihen abgegangen – da war nichts«, versicherte Einar Dahl. Plötzlich traten rote Flecken auf seinem Hals hervor, die sich hektisch verbreiteten und auch sein Gesicht erreichten. Lars Knyst sah rasch zu der Zweiergruppe am Altar rüber, um ihn nicht anstarren zu müssen. Bisher hatte er immer geglaubt, dass diese nervöse Reaktion Frauen vorbehalten war.

Einar Dahl nahm mit seinen kurzen dicken Fingern die runde Nickelbrille ab, putzte sie umständlich und schob sie auf der Nase zurecht.

»Unser Dorf ist klein und überschaubar«, erklärte er leise mit wankender Stimme. »Gerade mal zweihundert Menschen leben hier auf Holm. Bei uns ist normalerweise nicht viel los. Es wird schon mal was geklaut, ein bisschen verleumdet, gezankt und geprügelt, innereheliche Streitigkeiten – aber so eine Sache hatten wir noch nie.«

Lundquist klopfte ihm mitfühlend auf die Schulter. »Bisschen wenig Blut hier, oder?«, fragte er dann den Arzt.

»Ich kann nicht beurteilen, welchen Schaden das Kreuz angerichtet hat. Möglicherweise hat es ihm das Genick gebrochen. Ich wurde ausdrücklich angewiesen, nichts zu verändern, falls der Mann tot ist, und auf das Team vom Erkennungsdienst zu warten«, sagte er und zeigte mit abgespreiztem Daumen diskret auf Einar. »Und er hat ständig auf mich aufgepasst.«

Lundquist sah zum verstörten Pfarrer rüber.

»Wo stand denn das Kreuz normalerweise?« Bereitwillig trat Pfarrer Landulf, ein großer, schlanker Mann mit vergeistigtem Gesicht, in den Seitengang und wies auf eine Stelle an der Wand einige Reihen weiter hinten.

»Hier!«

Seine Stimme überschlug sich und er hustete ein paarmal nervös.

»Normalerweise steht es hier. Es ist ein Geschenk eines berühmten Glaskünstlers aus unserer Gemeinde. Knut Hallmansson. Es ist so etwas wie sein Vermächtnis. Wir haben es an diesem Platz aufgestellt, weil hier direkt das Licht aus dem gegenüberliegenden Fenster hinfällt und es von innen in allen Farben erstrahlen lässt und die Seelen der Gemeinde berührt.«

Er hielt inne und sah sich verwirrt um.

»Man stelle sich das vor: Da kommt ein Fremder in meine Kirche, um zu beten und wird während der Zwiesprache mit Gott vom Kreuz erschlagen!«

»Vielleicht ein Fingerzeig Gottes«, raunte Jon Stevensson, was ihm einen vernichtenden Blick des Pfarrers eintrug.

Der Arzt zuckte die Schultern und füllte seufzend den Totenschein aus.

Lundquist kniete sich neben die Stelle, an der das Kreuz gestanden hatte und schätzte die Entfernung zum Opfer ab.

»Von hier aus kann das Kreuz nicht einfach auf ihn gestürzt sein. Der Weg ist zu weit. Und wenn das Kreuz so unglaublich schwer ist, wie es aussieht, müsste es schon ein Erdbeben gegeben haben, um es umfallen zu lassen. – Ich brauche gute Fotos von dieser Stelle hier«, wies Lundquist den Fotografen an, der gerade mit einer Gruppe von Kollegen der Spurensicherung hereingekommen war. »Lars, wir trommeln das ganze Team zusammen und warten auf den Staatsanwalt. Vielleicht war das ja kein Unfall und das Kreuz ist nicht gefallen, sondern wurde gestoßen.«

»Mord!«, gellte die Stimme von Hanne Steenkluth durch die Kirche und ließ alle erschaudern.

Pfarrer Landulf starrte Lundquist fassungslos an.

»Soll ich nun etwa glauben, ein Fremder, der zufällig in dieses abgelegene Gotteshaus kam, um seinem Schöpfer nahe zu sein, wurde hinterrücks mit diesem schweren Kreuz erschlagen?«

****

»Hanne Steenkluth?«

Hanne hatte sich erhoben, als die Inspektorin auf sie zutrat.

»Ich bin Britta Lilliehöök. Wir nehmen jetzt deine Aussage auf. Würdest du bitte mit in mein Büro kommen?«, stellte sich die junge Frau freundlich vor und dirigierte Hanne geschickt in ihr Büro zu dem Besucherstuhl vor dem Schreibtisch, wo bereits das Diktiergerät auf sie wartete.

»Stört es dich, wenn ich das Gespräch aufzeichne? Sonst muss ich alles mitschreiben, und das dauert viel länger. Außerdem kann man sich dabei nicht so gut unterhalten.«

Hanne Steenkluth schüttelte den Kopf.

»Gut. Die Zeugin ist mit der Aufzeichnung einverstanden. Also, du bist Hanne Steenkluth, wohnst Skyttevej 25, Holm und hast heute Morgen in der Kirche eures Ortes einen toten Mann gefunden?«

»Ja.«

»Was wolltest du denn eigentlich schon so früh in der Kirche? Da ist doch noch keine Messe, oder?«

»Nein. So früh natürlich noch nicht. Ich komme aber jeden Tag schon um die Zeit. Einer muss sich doch um alles kümmern.«

»Was heißt kümmern genau?«

»Ich komme schon seit über fünfzig Jahren jeden Morgen und wische das Gestühl ab, reinige den Altar, putze den Staub weg, sortiere die Gesangbücher und zähle nach, ob noch alle da sind. So was eben. – Weißt du, die Jugend kümmert sich um solche Dinge nicht mehr. Die kommen sowieso nur noch zu Weihnachten zum Gottesdienst. Sonst triffst du die das ganze Jahr nicht in der Kirche. Wenn ich nicht das komplette Inventar in Schuss halten würde, könnten wir den Pfarrer hinter einer Nebelwolke aus Alltagsstaub nur noch erahnen«, sagte sie und sah Britta trotzig an, als hätte die Ermittlerin die Wichtigkeit der anstehenden Tätigkeit nicht verstanden. »Na, und weil sich für solche Arbeiten niemand mehr findet, mach ich das eben.«

»Aha.«

Hannes Augen blitzten erstaunt auf. Sollte die junge Frau etwa das Ausmaß ihrer, Hannes, Selbstlosigkeit noch immer nicht erfasst haben?

»Ich kümmere mich selbst um die Gräber von denen, deren Angehörige weggezogen sind – sonst würden die doch verwahrlosen. Dieser Faulpelz, der oben auf dem Friedhof arbeitet und sich ungestraft Gärtner nennen darf, der schert sich doch einen Dreck darum, ob die Gräber gepflegt aussehen oder eben nicht Aber so ist das heute. Das Geld stecken sie ein, aber wenn sie dafür arbeiten sollen, hört der Spaß auf. Ist ja auch kein Wunder, wenn keiner den Kerl kontrolliert, oder? Pfarrer Landulf ist viel zu nachsichtig mit seinen Schäfchen. Das hätte es bei unserem alten Pfarrer – Friede seiner Seele – nicht gegeben!«, schnaufte sie und senkte, wie um sich zu entspannen, den Kopf. »Und frische Blumen stelle ich auch auf den Altar. – Aber jetzt werde ich wohl nie mehr in unsere Kirche gehen können, ohne mich zu gruseln!«

Plötzlich brachen sich dicke Tränen Bahn.

Mitfühlend tätschelte Britta der Zeugin den feisten Unterarm und reichte ihr die bereitstehende Taschentuchbox. Dankbar zog Hanne sich eines heraus und putzte sich umständlich die Nase. Irritiert sah Britta Lilliehöök zu, wie sie das zusammengeknüllte Tuch in den Ärmel ihrer Strickjacke schob. Das musste wohl ein alterstypisches Verhalten sein, dachte sie. Ihre Großmutter hatte das auch immer gemacht; bei ihrer Mutter hatte sie es beim letzten Wochenendbesuch ebenfalls bemerkt und sie beschloss, ein wachsames Auge auf sich selbst zu haben.

»Heute Morgen hast du also auch Staub gewischt?«

»Ja. Ich habe einen dieser modernen Staubwedel dabei und mit dem gehe ich über alles rüber.«

»Und danach? Was tust du nach dem Staubwedeln?«

»Mit der Möbelpolitur reibe ich den Altar gründlich ein. Ab und zu auch die vorderen Reihen.«

Verschwörerisch beugte sie sich zu Britta über den Tisch.

»Ich mische sie selber. Altes Familienrezept. Der Pfarrer mag zwar den Geruch nicht, aber was sein muss, muss sein.«

»Und dabei hast du dann heute den Toten entdeckt?«

»Stell dir nur mal vor: Ich war die ganze Zeit mit dem Toten allein! Ich war mit dem Altar beschäftigt, und erst als ich anschließend die Reihen abwischte, sah ich ihn da im Gestühl hinter der Säule liegen.«

»Was hast du getan, als du den Mann entdeckt hattest?«

»Na, ehrlich gesagt dachte ich ja erst: du meine Güte, muss der aber besoffen gewesen sein. Schläft seinen Rausch dreist in der Kirche aus. Ich habe gleich gesehen, dass es ein Fremder sein musste. Wegen der Haarfarbe, weißt du? Die hat keiner der Männer von Holm. Dann bin ich ein bisschen näher ran. Vorsichtig natürlich. Schließlich weiß man bei Männern ja nie. Und da habe ich plötzlich das Kreuz auf ihm liegen sehen. Weißt du, dieses scheußlich moderne Ding von Knut Hallmansson. Pfarrer Landulf ist es das liebste Stück. Es ist verflixt schwer. Ich habe den Mann dann angesprochen und mit einem Mal war mir klar, dass der in diesem Leben niemanden mehr hört.«

»Vor der Kirche stand ein fremdes Auto. Aus Dänemark. Ist dir das aufgefallen, als du am Morgen gekommen bist?«

»Nein. Was für ein Wagen war das denn?«, fragte sie erstaunt.

»Ein grauer Saab – auf der hinteren Scheibe klebte ein blaues Schild mit einem Rollstuhlfahrer drauf.«

»Vielleicht war ich zu sehr in Gedanken ... Außerdem kenne ich niemanden, der im Rollstuhl sitzt.«

»Was hast du gemacht, als du gemerkt hast, dass der Mann tot ist?«

»Da habe ich so laut geschrien, wie ich kann – zum Glück kam gleich Grete angerannt. Und dann haben wir die Polizei angerufen.«

Hannes Stimme klang plötzlich merkwürdig piepsig, als wäre ihr dieser Teil der Geschichte peinlich.

»Meinst du, der Kerl wollte mich auch umbringen?«, fragte sie mit flackerndem Blick.

Britta seufzte.

»Nein, Hanne. Für dich bestand keinerlei Gefahr. Das Opfer war schon seit ein paar Stunden tot und der Mörder mit Sicherheit nicht mehr in der Kirche.«

»Der Herr wacht eben über die Seinen«, schloss Hanne selbstgerecht.

»Tja, dann hat er letzte Nacht wohl zumindest einen der Seinen aus den Augen verloren, meinst du nicht auch?«, fragte Britta scheinbar leichthin.

****

Das Ermittlungsteam traf sich im kleinen Besprechungsraum.

»Also, bisher haben wir noch nicht allzu viele Fakten. Aber klar ist, wir haben einen Toten in der Kirche auf Holm gefunden, erschlagen von einem massiven Glaskreuz. Das Ding war so schwer, dass wir extra ein Team mit einer Seilwinde anfordern mussten, um es zu heben.«

Hinter Lundquist waren schon die ersten Fotos aus der Kirche an der Magnetwand angepinnt worden.

Ole Wikström runzelte die Stirn.

»Wenn es so schwer war, können wir doch wohl kaum davon ausgehen, dass ein einzelner Kirchenbesucher es versehentlich umgestoßen hat, auch kann einer allein den anderen nicht damit erschlagen haben. Erdbeben?«

»Nein. Es gab kein Erdbeben. Wir haben schon mal vorsichtshalber nachgefragt. Keine seismologischen Besonderheiten«, antwortete Lundquist.

»Also doch Mord?«

Lundquist erhob sich etwas schwerfällig und zeigte auf die Aufnahmen.

»Es kann auch nicht einfach umgestoßen worden sein.«

Er wies auf einen Punkt auf einem der Fotos.

»Hier stand das Kreuz – der Fuß hat sich deutlich im Boden abgedrückt, und in der Umgebung finden sich jede Menge zum Teil tiefe Kratzer in den Dielen – und hier«, er wies auf den Toten, »und genau hier an dieser Stelle wurde das Opfer getroffen. Wir haben den Weg ausgemessen, und dabei wurde klar, dass das Kreuz um mindestens zwei Meter in Richtung Altar verschoben worden sein musste, um den Mann zu treffen.«

»Aber selbst wenn man es geschoben haben sollte – das ist doch laut. Warum hat sich der Mann nicht durch einen Sprung in Sicherheit gebracht?«, wollte Bernt Örneberg wissen.

»Vielleicht war er ja eingenickt. Viele Männer schlafen beim Gottesdienst ein«, stichelte Britta und sah Bernt herausfordernd an.

»Das ist eine der Fragen, die wir zu klären haben: Was wollte der Mann eigentlich um diese Zeit in der Kirche? Schließlich stammt er nicht aus dem Ort. Familiäre Krise? Suchte er Rat? – Vor der Kirche stand ein großer Saab mit dänischem Kennzeichen. Umgebaut für die Nutzung durch einen Rollstuhlfahrer. Was, wenn der Mann sich einfach nicht bewegen konnte?«, überlegte Lundquist laut.

Für einen Moment waren alle still.

Lähmendes Entsetzen lastete über dem Besprechungstisch. »Sich so was vorzustellen«, murmelte Ole leise, »jemand erschlägt mit diesem Riesending einen anderen, der die Gefahr zwar kommen sieht, aber hilflos der Situation ausgeliefert ist und ihm nichts anderes übrig bleibt, als darauf zu warten, dass der Mörder seine Tat vollendet. – Grausam.«

»Ja. Eine entsetzliche Vorstellung. – Nur haben wir es hier wohl nicht mit einem Einzeltäter zu tun. Es sei denn, er verfügt über übermenschliche Kräfte«, stellte Lundquist trocken klar. »Was die Sache allerdings keinesfalls erträglicher macht.«

»Und wie sollen wir uns das vorstellen? Mehrere Männer aus dem Ort treffen sich nachts in der Kirche, um dort einen wehrlosen Fremden zu erschlagen? Wieso sollten sie das tun?« Britta sah fragend in die Runde.

»Wenn dieses Kreuz so schwer war, warum wurde er dann nicht von der Wucht einfach zermalmt?«, warf Bernt ein.

»Die Spurensicherung meint, das läge daran, dass die vorderen Reihen des Gestühls fest mit dem Boden verschraubt sind. Weiter hinten stehen lockere Bankreihen, die sich automatisch verschoben hätten. Aber die ersten fünf Reihen sind fest verankert. Außerdem hatte sich das Kreuz mit einer Ecke an der Säule verkantet, es wurde so stark abgebremst, dass nur eine Ecke des linken Seitenarms ins Gestühl einschlug. Es entstand eine tiefe Kerbe, mehr nicht. Und da die Bänke verschraubt sind ... Natürlich wäre das Holz des Gestühls bei einem ungebremsten Aufschlag völlig zersplittert.«

»Wieso glaubst du denn, dass die Täter aus dem Ort gekommen sind?«, fragte Ole bei Britta nach.

Achselzucken in der Runde.

»Wir müssen so schnell wie möglich rauskriegen, wer unser Toter ist«, stellte Lundquist fest. »Dann wird sich bald zeigen, ob er eine Verbindung zu Holm hatte oder nicht.«

Es klopfte.

»Der Rechtsmediziner hat einen ersten Kurzbericht geschickt.«

Ein Polizist reichte Lars einen Aktenordner und zog sich eilig wieder zurück.

»Hier steht, der Mann war 1,90 Meter groß und wog 134,2 Kilogramm. Die äußere Inspektion hat keinen Anhalt auf eine andere, als die vermutete Todesursache ergeben. Das Genick ist gebrochen. – Ganz schön schwerer Brocken«, sagte Lars.

Er selbst war beinahe zwei Meter groß und achtete akribisch auf sein Gewicht. Jedem Gramm zuviel wurde im Fitness-Studio sofort zu Leibe gerückt.

»Tja – vielleicht alles Muskulatur«, sagte Bernt, der selbst ständig gegen seinen Schwimmring und den leichten Bierbauch ankämpfte.

»Übrigens: Dr. Wennerström möchte einen von uns bei der Autopsie dabeihaben«, sagte Lars.

»Ich gehe«, legte Lundquist fest und trat wieder an die Magnettafel.

»Bernt, du sprichst mit den Leuten im Ort. Vielleicht fällt dem einen oder anderen ja doch noch ein, dass er einen Rollstuhlfahrer kennt. Über das Kennzeichen des Saab finden wir den Halter. Lars, du suchst in dieser Richtung – die dänischen Behörden sind gerne behilflich. Britta – du besuchst den Pfarrer. Sprich mit ihm über seine Kirche und die Leute, die regelmäßig zum Gottesdienst kommen. Wir müssen auch wissen, ob die Kirche nachts offen war. Ole, wie kam der Tote rein? Er musste doch mit dem Rollstuhl über den Kiesweg. Das war sicher gar nicht so einfach. Frag bei den Kollegen von der Spurensicherung nach, ob sie tiefe Furchen gefunden haben. Wir haben auch bisher den Rollstuhl nicht entdeckt. Für mich sieht das so aus, als wollte jemand dieses Beweisstück verschwinden lassen. Vielleicht stand der Name des Opfers darauf oder es gibt eine Art Registriernummer. Und kläre, ob in der Gegend bei einem Feuer Metallteile die zu einem Rollstuhl gehören könnten, gefunden wurden. Wäre doch möglich, dass der Täter ihn auf diese Weise verschwinden lassen wollte.«

Lundquist streckte sich.

»Jetzt ist es 14 Uhr. Wir treffen uns um 19 Uhr wieder hier. Vielleicht wissen wir dann schon deutlich mehr.«

Er verließ den Raum und hoffte wie schon so oft, dass sein etwas unsicherer Gang keinem aus dem Team auffallen möge.

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Nachdenklich betrachtete Dr. Wennerström den Toten, bevor er mit der Lupe Hals und Hinterkopf untersuchte, wo sich ein großes Hämatom gebildet hatte. Inzwischen war er sich sicher, dass das Opfer den ersten Schlag überlebt haben müsse.

Als er einen Blick auf die Fotos in der Akte warf, schnalzte er mit der Zunge. Ein liebenswerter Tick von ihm, an den sich inzwischen alle längst gewöhnt hatten, selbst sein Hund zuckte bei diesem Geräusch nicht mehr wie elektrisiert zusammen.

»Zwei Schläge mit so einem schweren Ding? Das ist doch wirklich mehr als unwahrscheinlich.«

Wieder schnalzte er mit der Zunge und richtete die Lichtquelle neu aus.

»Ja, was haben wir denn da?«

Er beugte sich noch tiefer über den Toten und stocherte vorsichtig mit einer langen Pinzette, die er von einem Tablett neben dem Seziertisch genommen hatte, in der Wunde herum. Schließlich zog er mit einiger Mühe einen winzigen Span heraus, den er behutsam auf einen Objektträger legte.

Leise summend trug er seinen Fund zum Mikroskop hinüber, nahm ungelenk die Brille ab und betrachtete den Span genauer.

Dann stieß er einen unmelodischen Pfiff aus.

****

»Wie soll ich das verstehen?«

Lars Knyst war gereizt.

»Wir ermitteln in einem Mordfall, Mann! Ich möchte doch nur wissen, wem der Wagen mit dem Kennzeichen Rufus 15 gehört. Und du erklärst mir, das sei nicht so einfach!«, fauchte er seinen Gesprächspartner am Telefon an. »Ach – das ist ein Leihwagen? Und von welcher ...? Aha. Na, geht doch. Jetzt muss ich nur noch wissen, von welcher Filiale der graue Saab vermietet wurde.«

Er angelte nach einem Stift, um sich die Nummer der Filiale zu notieren, als seine Augenbrauen plötzlich hochschnellten.

»Was? Die sind nicht vernetzt? Soll das heißen, ich muss jetzt jede der Filialen einzeln anrufen?«

Zwanzig Minuten später hatte der Kollege aus Dänemark die Liste mit den einzelnen Filialen und die entsprechenden Nummern gefaxt, und wider Erwarten hatte Lars schon beim dritten Versuch Erfolg.

Bernt Örneberg sprach mit Bjarne Jaspers, dem Wirt des Kro in Holm. Nach vier Tassen Kaffee mit viel Milch hatte Bernt zwar einen gewaltigen Druck auf der Blase, war aber bei den Ermittlungen noch keinen Schritt vorangekommen.

Bjarne Jaspers kannte niemanden, der im Rollstuhl saß. Er wusste auch nicht, ob man das schwere Kreuz in der Kirche verrücken konnte, er jedenfalls hatte das noch nie versucht und kannte auch keinen, der es je ausprobiert hätte. Ja, klar gäbe es im Dorf ein paar kräftige, junge Männer, aber die gingen ja nie in die Kirche und, ehrlich gesagt, es würde ihn eher überraschen zu erfahren, dass sie von dem Glaskreuz überhaupt wüssten. Und die Älteren wären ja wohl kaum in der Lage – und wieso sollte überhaupt jemand aus Holm mit der Sache zu tun haben? Ja, er gäbe schon zu: Ein zufälliges Zusammentreffen eines unbekannten Rollstuhlfahrers und einer unbekannten Gruppe von Tätern in einem selbst dem Tourismus unbekannten Ort wie Holm sei zumindest unwahrscheinlich – aber so sei der Zufall eben nun mal, oder nicht? Das sei doch wohl ein typisches Merkmal. Und seine deutsche Großmutter habe auch schon immer gesagt: Unverhofft kommt oft.

Außerdem solle der Ermittler doch nach so viel Kaffee lieber noch etwas essen.

Das sei gut für den Magen. Und gerade heute habe er so leckere Smörebröd im Angebot.

»Oder Toast? Wie wäre es mit einem Toast Skagen? Meine Frau bereitet ihn dir ganz frisch zu!«

Bernt gab auf und ging zur Toilette.

Britta Lilliehöök wurde von einer entrüsteten Haushälterin zum Tee ins Pfarrhaus gebeten.

»Seit über zwanzig Jahren mach ich nun für den Herrn Pfarrer den Haushalt – aber so was ist uns noch nie untergekommen. Wir waren schon in ein paar Gemeinden, das ist ja so üblich in einem Pfarrerleben – aber außer ein paar Prügeleien und Familienzwistigkeiten ist nichts Außergewöhnliches passiert. Du weißt schon: wenn der Alkohol das Regiment übernimmt, da bleibt das oft nicht aus. Aber ein Mord!«

Die dralle Wirtschafterin bugsierte Britta ins gemütliche Wohnzimmer. Der Inspektorin kam es vor, als träte sie durch ein Zeitfenster in ein Zimmer aus einem vergangenen Jahrhundert. Hier sah es genauso aus wie in einem der Agatha-Christie-Romane, die sie so liebte.

Fast erwartete man Miss Marple am Fenster vorbeihuschen zu sehen.

Die antiquierte Sitzgruppe, auf deren Armlehnen gehäkelte Schoner lagen, die dunklen Möbel, die das Zimmer ein wenig höhlenartig wirken ließen, die Lampe über dem Couchtisch, deren Troddeln sich im Laufe der Jahre gelblich verfärbt hatten, und die vielen Bücher, die sich ihren Weg aus den deckenhohen Regalen über Stapel auf dem Fußboden bis zu einem der Sessel gesucht hatten, alles schien aus Monkswell Manor in Die Mausefalle zu stammen. Auch die Haushälterin mit ihrem akkuraten schwarzen Kleid und der weißen Schürze passte perfekt hinein.

»So eine Frechheit – im Hause des Herrn, und dann auch noch mit einem Kreuz! Das ist pure Blasphemie! Also ich weiß nicht, ob der Pfarrer sich von dem Schock je wieder erholen wird. Er ist noch immer ganz verstört, der Ärmste.«

Britta nickte verständnisvoll.

»Wie rücksichtslos von diesen Unmenschen. Pfarrer Landulf hätte ja der Schlag treffen können! – Kräutertee oder Grünen Tee?«

»Ach, Quatsch. So schwer ist das Kreuz nun auch wieder nicht. Ungefähr 120 Kilo, schätz ich mal. Einer allein hätte es nicht bewegen können, aber so viele Leute hätt’s jetzt auch wieder nicht gebraucht. Die Gemeinde hat aus dem Aufstellen des Kreuzes ein Riesenhappening gemacht, mit Musik und Grillen – aber wirklich nötig wäre das nicht gewesen.« Knut Hallmannsson Augen blitzten Ole Wikström amüsiert an. Sein faltiges, deutlich verlebtes Gesicht schien noch furchiger zu werden, wenn er lachte. Seine Haare, falls er noch welche hatte, waren unter einer bunt geringelten Strickmütze verborgen, die perfekt zu seinem ebenfalls geringelten, völlig ausgeleierten Pullover passte. Der Mann sah eindeutig nicht gesund aus, fand Ole.

»Nur weil ich der Gemeinde das Kreuz geschenkt habe, muss ich doch nicht auch gleich irgendwas mit Religion am Hut haben! Hab ich nämlich nicht. Ist doch eh alles Quatsch. Aber wenn’s den Leuten gefällt. Mir soll’s egal sein. Du weißt schon: Religion ist Opium fürs Volk.«

Eine Welle aus Alkoholdunst schwappte auf Wikström zu. Er hatte Hallmannsson überraschend in der Kirche angetroffen, wo der Künstler mit gesenktem Blick den Boden nach Glassplittern absuchte. Offensichtlich hatte Hallmannsson keinen Besuch erwartet und konnte den Flachmann nicht so schnell in der Hosentasche verschwinden lassen, wie er das vorhatte.

Eine Alkoholfahne hatte in einem Gotteshaus etwas leicht Irritierendes, registrierte Ole und unterdrückte den Impuls sich abzuwenden.

»Warum bist du hier?«, fragte er.

»Gegenfrage: Was meinst du: in dem Nest oder hier in der Kirche?«

Ole überlegte kurz.

»Beides.«

»In dem Nest, weil ich hier in Ruhe arbeiten kann.

Außerdem will meine Frau hier nicht weg. Sie liebt unseren kleinen Hof und das ganze Viehzeug. Und hier in der Kirche, weil ich gucken wollte, ob das Kreuz Schaden genommen hat. Ist aber alles soweit in Ordnung. Ist doch irre, was?« Die Begeisterung in seiner Stimme war nicht zu überhören. »Ein Mann erschlagen von meinem Kreuz!«

Im Revier Einar Dahls ging es weit weniger gemütlich zu als im Haus des Pfarrers. Das Telefon stand kaum mal zwei Minuten still, und Einar gab jedem Anrufer die gleiche Auskunft: Ja, es habe einen Toten in der Kirche gegeben, nein, er wisse nicht, um wen es sich handle, weitere Auskünfte könne er nicht geben, der Fall läge in den Händen der Göteborger Kollegen.

Man hätte genauso gut eine Ansage vom Band schalten können, überlegte Ole und wartete gelangweilt darauf, dass Einar das Gespräch beendete.

»So, was also wolltest du genau wissen?«

»Ich hatte gefragt, ob du dir eine Verbindung des fremden Rollstuhlfahrers zum Dorf vorstellen kannst?«, wiederholte Ole.

»Wie denn? Ohne Namen, ohne irgendeinen Hinweis?«

»Na, vielleicht hat hier mal jemand gewohnt, der einen Rollstuhl benutzen musste. Der Tote war mittleren Alters, besonders auffällig waren seine hellroten Haare. Also?«

»Ich kann mich jedenfalls an keinen erinnern«, brummte Einar gereizt.

Das Telefon schrillte erneut.

Ole stand auf und sah aus dem Fenster. In so einem kleinen Dorf müsste man sich doch an einen Rollstuhlfahrer erinnern, dachte er übellaunig.

»Wer war denn eigentlich vor dir hier Ortspolizist?«, fragte er, als Einar den Hörer endlich auflegte.

»Uli Morgenstern.«

»Aha. Ungewöhnlicher Name. Wo kann ich ihn finden?« Wikström bemerkte, wie ihm die früh hereinbrechende Dunkelheit auf die Stimmung schlug. Kurz nach vier Uhr fiel bereits die Nacht über die Straßen her und fraß den Tag auf. Dabei hatte der Winter noch gar nicht richtig angefangen. Du wirst langsam reizbar, dachte er missbilligend. Seiner Schwester war das auch schon aufgefallen: Im Winter verwandelte sich der jugendlich lustige und originelle Ole in einen nörgligen und reizbaren Misanthropen. Vielleicht sollte er seinen Arzt mal nach dieser neuen Lichttherapie fragen, dachte er. Mist, jetzt hatte er die Antwort nicht mitbekommen.

»Wo?«

»Na, ich sag doch: auf dem Friedhof.«

»So? War er krank?«

»Nein. Ist vor ein paar Jahren mit seiner Jolle rausgefahren. War ein prima Segler, der Uli, aber an dem Tag war es sehr stürmisch, und da muss er wohl über Bord gegangen sein. Das Boot hat man erst nach Monaten gefunden. Er selbst wurde acht Tage nach seinem Verschwinden unten in Sandvik angespült. Ich musste hin – es war grausig.«

Einar schüttelte sich.

»Was kam bei der Untersuchung raus?«

»Er wurde obduziert. Als Todesursache hat der forensische Pathologe einen schweren Hieb auf den Hinterkopf festgestellt. Er war wohl vom umherschlagenden Segel getroffen worden und ist dann über Bord gegangen. Fremdverschulden war nicht anzunehmen – schließlich war er ja allein unterwegs. Man muss auch zugeben, dass es nicht mehr allzu viel gab, was der Rechtsmediziner hätte untersuchen können – du weißt schon, die Fische. Bei der feierlichen Beisetzung gab’s einen großen Auflauf. Alle waren da. Die ganze Insel.«

Er war sichtlich ergriffen.

»Wie konntest du ihn dann überhaupt identifizieren?«, fragte Ole.

»Na, er sah schon ziemlich schrecklich aus – unvorstellbar, so zerfetzt schon nach ein paar Tagen. Noch heute träume ich manchmal von diesem Gesicht, dann wache ich schweißgebadet auf. Nach so langer Zeit! Der Arzt meinte damals, vielleicht habe auch die Brandung das ihre dazu beigetragen. Jedenfalls hat der Gerichtsmediziner die eindeutige Identifizierung anhand der Zahnarztunterlagen vornehmen müssen.«

»Also gut. Wen kann ich denn sonst noch fragen?«

»Jens, dem gehört der kleine Supermarkt am Ende der Straße. Alle kaufen bei ihm ein – und dabei schütten wohl manche auch gleich ihr Herz bei ihm aus. Der weiß mehr, als ihm lieb sein kann.«

****

»Schön, dass du gerade kommst, Sven«, begrüßte Dr. Haakan Wennerström Hauptkommissar Lundquist. »Da kann ich dir gleich meine vorweihnachtliche Überraschung zeigen.«

Er nahm einen Objektträger vom bereitstehenden Instrumentenwagen und wies auf einen winzigen Span.

»Das ist ein Holzspan, lackiert. Unter dem Mikroskop sieht er irgendwie gerundet aus. Er stammt also nicht von einem Brett, einem Paddel oder so was. Ein Besenstiel oder Baseballschläger kämen eher in Betracht.«

Beifall heischend beobachtete er Lundquists Reaktion. Doch der Ermittler schien immer noch nichts mit der Information anfangen zu können.

»Verstehst du nicht, Sven? Dieser Span stammt von der Leiche aus der Kirche!«

»Was?«

»Ja. Den hab ich vorhin aus seinem Nacken präpariert – anders ausgedrückt: gepopelt. War gar nicht so einfach.«

»Er wurde aber von einem massiven Glaskreuz erschlagen. Wie kommt dann der Holzspan ins Spiel? Vom Kirchengestühl?«

»Vom Gestühl eher nicht. Schließlich lag er ja mit dem Kopf nach vorne, die Stirn berührte den vorderen Teil der Bank. Die Prellmarke passt auch nicht zu einem geraden Brett, und der Span auch nicht. Nein, nein. Ich glaube, er wurde mit einem schweren Gegenstand aus Holz erschlagen. Und anschließend arrangierte man alles so, dass alle glauben sollten, er sei durch einen tragischen Unfall ums Leben gekommen.« Wennerström wies mit dem Finger auf den Nacken des Toten.

»Es sieht sogar so aus, als hätte er mehrere Schläge abbekommen. Hier am Rand finden sich unterblutete Bereiche, siehst du, hier«, er wies mit seinem gelblichblassen Latexfinger auf einige Stellen im Nacken des Opfers, »– das bedeutet, dass er nach den Schlägen, zumindest nach den ersten, noch gelebt haben muss.«

»Dann diente das Kreuz also nur zur Tarnung. Wenigstens ein Trost für Pfarrer Landulf, wenn auch sicher nur ein schwacher.«

»Ja, sieht ganz nach einer gestellten Szene aus. Ich glaube, es wurde ganz vorsichtig auf ihm abgelegt.«

»Abgelegt? Du sprichst in Rätseln!«

»Ich weiß, dass es seltsam klingt. Bei der äußerlichen Inspektion konnte ich keine Verletzung finden, die eindeutig dem Kreuz hätte zugeordnet werden können – vielleicht eine Quetschung, aber das klären wir ja jetzt.«

Wennerström warf Lundquist eine Plastikschürze und eine Hygienehaube zu.

Während Lundquist sich die Schürze zuband, richtete der forensische Pathologe mit knappen Bewegungen seine Instrumente auf einem Edelstahltablett. Eine Atmosphäre der Endgültigkeit hing über dem Sektionsraum.

Nicht zum ersten Mal wünschte sich Hauptkommissar Lundquist weit weg von hier.

Der Körper auf dem Tisch war groß und massig. Wennerström nahm ein Skalpell und schnitt in den Brustkorb. Es knirschte leicht, als liefe jemand über verharschten Neuschnee.

»Er war sicher eine enorm stattliche Erscheinung. So groß und schwer – vielleicht Türsteher in einer Disko oder Leibwächter irgendeiner Unterweltgröße«, sagte Haakan Wennerström und griff nach der elektrischen Knochensäge.

Eine Ewigkeit später – so schien es jedenfalls Lundquist – waren alle nötigen Proben entnommen, gesichert und die Organe einer ersten Untersuchung unterzogen.

»Er war ungefähr Mitte vierzig bis Anfang fünfzig, litt an deutlichem Übergewicht, BMI bei 37. Aber nicht alles war Fett. Möglicherweise hat er seine beeindruckende Muskelmasse mit Hilfe anaboler Steroide aufgebaut ...«, mutmaßte Wennerström.

»Er war behindert. Da mag es nicht so einfach sein, eine gute Figur zu behalten. Auf jeden Fall steht fest, dass er im Rollstuhl saß«, unterbrach ihn Lundquist. »Das Auto, das wir vor der Kirche gefunden haben, war speziell für Behinderte umgerüstet. Lars klemmt sich dahinter. Vielleicht finden wir über die Firma, die dieses Fahrzeug behindertengerecht umgebaut hat, seinen Namen raus.«

Wennerström stand die Verblüffung deutlich ins Gesicht geschrieben.

»Ich will dir ja nicht allen Wind aus den Segeln nehmen«, begann er zögernd, »aber dieser Mann wurde nicht nur nicht von diesem Glaskreuz erschlagen, er war auch nicht auf einen Rollstuhl angewiesen. Und wo wir gerade dabei sind: seine Haarfarbe ist auch nicht echt.«

****

»So, dann lasst uns mal zusammentragen, was wir bisher über den Toten wissen«, eröffnete Sven Lundquist die Gesprächsrunde in seinem Büro.

»Einar Dahl«, sagte Ole, »der Polizist von Holm, kann sich an keinen Rollstuhlfahrer in der Gemeinde erinnern. Sein Vorgänger kann nicht mehr befragt werden, er ist vor einigen Jahren bei einem Segelunfall ertrunken. Und Jens, der Besitzer des einzigen Supermarktes im Ort, war nicht da. Seine freundliche Tochter erklärte mir, er habe Saunatag, aber sie wisse nicht, in welche Sauna er gegangen sei. Er variiere da. Ich werde also morgen noch mal hinfahren müssen.«

»Die Obduktion hat Haakan Wennerström durchgeführt«, berichtete Lundquist. »Demnach war der Tote etwa Mitte vierzig, groß und schwer, deutliches Übergewicht und verfügte über eine beeindruckende Muskelmasse. Seine letzte Mahlzeit muss er wohl bei McDonald’s eingenommen haben, etwa drei Stunden vor seinem Tod. Pommes, Burger, Cola, kein Salat. Die genaue Analyse steht noch aus. Auch die Blutwerte sowie die Gift- und Medikamentenanalyse kommen erst in einigen Tagen. Der Todeszeitpunkt war etwa zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens.«

Er sah in die Gesichter seiner Kollegen, alle wirkten blass und übernächtigt.

Lauter Wintergesichter, dachte er, dabei war es noch nicht einmal Weihnachten und der Frühling noch so weit.

»Der Tote wurde weder vom Kreuz erschlagen, noch war er Rollstuhlfahrer!«, ließ er die Katze aus dem Sack.

Sofort redeten alle durcheinander.

»Wie, was soll das heißen: Er wurde nicht vom Kreuz erschlagen?« – »Wozu brauchte er dann ein umgerüstetes Auto?« – »Dann war er ja gar nicht hilflos der Situation ausgeliefert und hätte sich wehren können.« – »Wenn er nur so getan hat, als wäre er Rollstuhlfahrer – wozu sollte das gut sein? Ich meine, welchen Vorteil sollte das haben?«

Ja, welchen Vorteil hatte das schon, dachte Lundquist verbittert. Was würde sich in seinem Leben alles verändern müssen, wenn es bei ihm erst mal soweit wäre, die Multiple Sklerose ihm die Bewegungsfreiheit nahm.

Er warf einen Seitenblick zu Lars hinüber und bemerkte amüsiert, wie sein Freund verstohlen das Display seines Handys kontrollierte. Gitte, Knysts Frau, erwartete ihr erstes Baby, und der werdende Vater zeigte langsam deutliche Spuren von Schwangerschaftsstress.

»Wenn er nicht durch das Kreuz erschlagen wurde – wie ist er dann gestorben?«

Brittas energische Stimme hatte sich in der Kakophonie durchgesetzt.

»Er wurde tatsächlich erschlagen, aber eben nicht durch das Kreuz. Haakan meint, es wurde sorgfältig auf ihm abgelegt. Sonst hätte es womöglich den Kopf abgetrennt. Erschlagen wurde er mit einem stumpfen Gegenstand aus Holz. Und es waren offensichtlich mehrere Schläge notwendig. Haakan hat einen lackierten Holzspan in der Wunde am Genick gefunden. Er meint, von einem Baseballschläger vielleicht oder einem Werkzeugstiel.«

»Und dann sollen die Täter eine Leiche in die Kirche getragen haben, um dort alles so zu arrangieren, dass es wie ein tragischer Unfall aussieht?«

Ole war verärgert.

»Und ausgerechnet in einer Kirche wollten sie einen Mord vertuschen? Was für eine kranke Idee!«

»Blasphemie«, stellte Bernt trocken fest. »Woher will Haakan das eigentlich wissen, dass er kein Rollstuhlfahrer gewesen ist?«

»Er hat eine ausgeprägte Beinmuskulatur. Haakan tippt auf hartes Training in einem Fitness-Studio. Wir müssen uns also von der Vorstellung befreien, dass wir es mit einem wehrlosen Opfer zu tun haben. Der Tote war voll durchtrainiert. Das Gewicht stammt nicht allein vom Fett, sondern in erster Linie von Muskelmasse. Er hat wohl mehrmals in der Woche trainiert. Jedenfalls war er für den oder die Mörder ein ernst zu nehmender Gegner.«

»Der jetzt endlich auch einen Namen hat: Gunnar Thaisen«, schaltete sich Lars ein, dem gerade ein Zettel ins Büro gereicht wurde. »Und dieser durchtrainierte Mann mittleren Alters, der als Bodyguard eine gute Figur abgegeben hätte, bestellt sich bei Rent & Co. ein für Rollstuhlfahrer umgerüstetes Auto. Er hat dort den Namen Gunnar Thaisen angegeben und sowohl einen Ausweis, als auch einen Führerschein mit diesem Namen vorgelegt.«

»Ist der Name schon überprüft?«

»Nein. Ich habe den Namen ja gerade erst bekommen!

Die Mietwagenfirma war ein bisschen zickig. Aber die dänischen Kollegen wollten sich gleich drum kümmern.«

Lundquist nahm einen orangefarbenen Notizzettel vom Tisch, schrieb mit einem Filzstift Gunnar Thaisen drauf und pinnte den Zettel neben eines der Fotos aus der Kirche.

»So, nun hat er erst mal einen Namen. Ist immer gut, wenn man weiß, mit wem man es zu tun hat. Wenn du einen Namen hast, hast du auch Familie, Freunde, Feinde – und Motive.«

Zufrieden setzte er sich.

»Britta, wie lief’s beim Pfarrer?«

»Pfarrer Landulf ist nach Angaben seiner Haushälterin noch immer völlig geschockt.«

»Landulf – was für ein seltsamer Name für einen Pfarrer«, sagte Bernt Örneberg überraschend. »Bedeutet so was wie Werwolf. Aber ich glaube, es gab schon mal irgendwo einen Bischof mit diesem seltsamen Namen.«

»Wahrscheinlich wussten seine Eltern bei seiner Geburt noch nicht, dass er später mal Pfarrer werden würde – sonst hätten sie sicher was Passenderes gewählt. So was wie Bernt. Das passt doch eigentlich immer, nicht wahr?«, konterte Britta schnippisch. »Seine Haushälterin, Grete Bein, schien jedenfalls noch immer ehrlich entrüstet, wenn wahrscheinlich auch eher über den Schock, den der Täter dem Pfarrer zugefügt hat, als darüber, dass jemand sterben musste. Mord in der Kirche gehört sich einfach nicht.«

»Und was sagt Pfarrer Landulf dazu?«, fragte Lundquist.

»Ich finde ihn ziemlich sympathisch«, sagte Britta, »auch wenn er manchmal etwas zur Verwirrtheit neigt. Er empfindet das Ganze mehr als Affront gegen die Institution Kirche. Nach seiner Schilderung schließt er die Kirche persönlich gegen 22 Uhr ab. Anschließend geht er ins Bett. Sein Schlafzimmer befindet sich auf der Rückseite des Pfarrgebäudes und daher hätte er wahrscheinlich ohnehin nichts gehört. Grete schläft im Dachgeschoss. Sie leidet seit einiger Zeit unter Tinnitus und setzt deshalb zum Einschlafen Kopfhörer auf.«

»Wo liegt eigentlich der Schlüssel, wenn Pfarrer Landulf schlafen geht?«, wollte Lars wissen.

»Er legt ihn immer in eine Spalte unter dem Grabstein von Julia Mehnert. Das ist ein Kindergrab gleich links neben dem Turm. Er meint, es könne doch immer mal sein, dass eines der Gemeindemitglieder nachts plötzlich göttlichen Zuspruchs bedürfe, und da müsse das Haus des Herrn dem Gläubigen auch offenstehen. Alle im Dorf wissen, wo der Schlüssel liegt. Es kann also jeder rein – zu jeder Zeit.«

»Keine Sperrstunde fürs Beten!«, kommentierte Bernt und lachte keckernd.

»Weder Grete noch Pfarrer Landulf können sich an jemandem im Rollstuhl erinnern«, fuhr Britta ungerührt fort. »Aber wenn das nur Tarnung war, nutzt uns die Information ja auch nichts.«

»Gut. So viel für heute«, beschloss Lundquist. »Jetzt bleibt abzuwarten, ob die dänischen Kollegen die Familie von Gunnar Thaisen ausfindig machen können. Wo wohnte der Mann?«

»In Skagen.«

»Er kam von der Spitze Jütlands, um ausgerechnet auf Holm zu sterben? Ist ja auch die nächste Ecke! Wie dem auch sei, wenn es ihn gibt und er Familie hat, müssen die Angehörigen verständigt werden. Wir sollten den Kontakt zu den Kollegen möglichst eng halten. Lars, check doch mal in deinem PC, ob dieser Gunnar Thaisen bei uns schon mal irgendwie aufgefallen ist.«

Er erhob sich etwas unsicher und griff sich in die rechte Seite.

Zu viel Sport, zu viel Ehrgeiz bei der Physiotherapie, schimpfte seine innere Stimme, das provoziert Muskelkater.

»Morgen früh treffen wir uns alle wieder hier«, presste er etwas mühsam hervor. »Dann sehen wir weiter. Und jetzt raus mit euch ins winterliche Schneetreiben. Für heute ist Feierabend.«

Später, als er am Fenster in seinem Büro auf die Lichter der Stadt schaute und nachdenklich das Schneegestöber beobachtete, wusste er nicht, ob er diese weiße Decke, die sich auf die Natur legte und das Leben verlangsamte, begrüßen sollte: Bedeutete die Verlangsamung des Lebens auch eine Verlängerung? Wollte er das überhaupt? Er betastete seine Rumpfmuskulatur, knete seinen Bizeps. Noch fühlte sich alles straff und gesund an. Die MS hatte eine Pause eingelegt. Dauer ungewiss. Und als er an Magda und Lisa dachte, wurde ihm bewusst, er, wie sehr er die stillen Zeiten des Winters begrüßte. Es war eine verzauberte Jahreszeit mit glitzerndem Schnee, gemütlichen Abenden bei Kerzenlicht. Hinten im Park rutschten bereits die ersten Kinder auf Schlitten den flachen Hügel hinunter. Er erinnerte sich, wie seine Mutter ihn das erste Mal zum Schlittenfahren im angrenzenden Wald mitnahm. Sie trug einen Hut mit einer Fasanenfeder und einen Pelzmantel aus Luchsfell. Völlig unpassend. Sie fiel augenblicklich auf zwischen all den Anorakträgern. Peinlich.

Sie zog ihn auf dem Schlitten zu einer Schlucht, von deren Anhöhe sich wagemutige Männer auf ihren Rodeln hinunterstürzten. Schließlich entschied sie, nicht hinunterzufahren, zumal die Bahn durch kräftiges Wurzelwerk oft unterbrochen wurde, was die Gefahr noch erhöhten.

Sven war ihr einziges Kind.

Sie wollte kein Risiko eingehen.

Auf der Heimfahrt hatte er die ganze Zeit traurig das Wippen der Fasanenfeder fixiert. Sie störte ihn. Machte seine Mutter so fremd, seltsam unnahbar.

Am nächsten Tag hatten sie ihn in der Schule ausgelacht.

Wütend prügelte er sich auf dem Heimweg mit Janne. Beide trugen sie ein blühendes Veilchen davon. Aber immerhin, er hatte eine Art Unentschieden erkämpft. Die Hänseleien hörten wieder auf.

Damals hatte er oft vor Zorn über die ständige Besorgnis seiner Mutter ins Kissen geweint. Heute, als Vater, konnte er sie verstehen.

Das gedämpfte hektische Rattern der Festplatte verriet ihm, dass das mit dem Namen Gunnar Thaisen gespeiste Rasterprogramm auf Hochtouren lief.

Eine leichte Nervosität breitete sich in ihm aus, wie eine Vorahnung von großem unvermeidlich heraufziehendem Ärger, als er an das Gespräch mit seiner Mutter von gestern Abend dachte. In letzter Zeit hatte es häufig sinnlosen Streit mit ihr gegeben, und ein wenig konnte er ihren Standpunkt auch nachvollziehen, aber schließlich hatte auch er ein Recht auf ein eigenes Leben. Er war alt genug!

Nach Annas Tod hatte das Leben für ihn jeden Sinn verloren. Seine Gedanken verdüsterten sich, er fiel in eine tiefe Depression, sehnte nichts so sehr herbei wie den eigenen Tod. Doch er fing sich wieder, hielt tapfer durch, Lisas wegen. Damals hatte seine Mutter bereitwillig seinen Haushalt übernommen, der durch hektische An- und Abwesenheiten geprägt war. Polizeidienst ist nur theoretisch planbar. Natürlich genoss sie den Umgang mit ihrer Enkeltochter und freute sich darüber, wirklich dringend gebraucht zu werden. Doch schleichend hatte sie damit auch wieder begonnen, das Leben ihres Sohnes in die Hand zu nehmen. Zuerst war es ihm gar nicht richtig aufgefallen, wie fordernd sie geworden war, dann widersetzte er sich um des lieben Friedens willen nicht und redete sich ein, das alles sei notwendig, um Lisa ein warmes Zuhause bieten zu können.

Als er gerade so weit war, sich gegen ihre Einmischungen zur Wehr zu setzen, hatte man die Ursache für seine rätselhaften Beschwerden gefunden: Multiple Sklerose. Wie eine schwere Decke legte sich diese Diagnose auf sein Leben und schien die letzten Reste von Mut und Stärke zu ersticken. Wieder war es seine Mutter, die ihn auffing und ihm Halt und Zuversicht gab.

Lundquist seufzte. Er war nun Ende dreißig, Witwer mit Tochter, und hatte sich Hals über Kopf in eine Sängerin an der Göteborger Oper verliebt, im Krankenhaus, gleich nach dem spektakulären Fall im Herbst.

Als er sie zu sich einlud, war er auf die Konsequenzen nur unzureichend vorbereitet.

Niemals wäre ihm in den Sinn gekommen, seine Mutter könne in Magda eine Bedrohung sehen, gar eifersüchtig sein. Allerdings wohnte seit jenem Abend eine neue unbekannte Kälte mit in seiner Wohnung. Sprachlos hatte er all die unverschämten und mehr oder weniger versteckten spitzen Pfeile verfolgt, die seine Mutter am ersten Abend auf seinen Gast abgeschossen hatte.

Magda hatte einfach wundervoll reagiert.

Ruhig und freundlich überhörte sie alle Anspielungen auf den »einfachen Weg zum Erfolg, fast wie im Schlaf« und Ähnliches. Als er sie nach Hause gebracht hatte – sie wohnte ein Haus weiter – zeigte sie sogar großes Verständnis für seine Mutter und erklärte ihm bei einem Glas Wein das geheimnisvolle Wesen der Schwiegermütter. So war es dann doch noch ein sehr lustiger Abend geworden.

Wehmütig beobachtete er die Autos, die sich ihren Weg durch die aufgewirbelte Dunkelheit suchten. Wie viele glückliche Familienväter mochten auf dem Weg ins warme Heim sein, wo sie schon sehnsüchtig erwartet wurden?

Neid kroch in ihm hoch.

Und Wut.

Gut, seine Mutter war eifersüchtig. Das würde mit der Zeit wahrscheinlich vergehen. Aber Zeit war etwas, was Sven Lundquist nicht mehr unbegrenzt zur Verfügung stand. Multiple Sklerose war eine heimtückische Krankheit, die in manchen Fällen für eine gewisse Zeit zurückgedrängt werden konnte. Der Preis dafür waren Übelkeit, Erbrechen, Gliederschmerzen. Das Leben ging weiter, die Krankheit wartete jedoch in einer Art Dämmerschlaf und wiegte den Patienten oft genug in falscher Zuversicht.

Und dann schickte sie einfach völlig unvermittelt einen neuen Schub.

Und immer blieb eine Verschlechterung zurück.

»Hier – das gibt’s doch gar nicht!«, unterbrach Knyst, der dem allgemeinen Aufruf zum Feierabend nicht gefolgt war, seine quälenden Gedanken und zwang ihn in die Realität des Büros zurück.

»Hast du was gefunden?«, fragte Lundquist neugierig und schaute, froh über die Störung seiner unerfreulichen Gedankengänge, auf den Monitor.

»Gunnar Thaisen ist gar kein gebürtiger Däne. Er stammt aus Schweden. Hier ist ein unklarer Vermerk – irgendwie wurden seine Daten von der Behörde verändert.«

Lars hämmerte ekstatisch auf die Tastatur.

»Sieht so aus, als hätte er seinen Namen ändern lassen.

Ich komme hier nicht rein. Das sind geschützte Dateien. Verschlüsselt abgelegt, nur mit Passwort zu erreichen. Ich bin kein Hacker, also werden wir morgen die Kollegen von der Meldebehörde um Auskünfte bitten müssen. Das eine Formular, das ich gefunden habe, ist jedenfalls die Bestätigung einer Abmeldung aus Schweden mit dem Hinweis auf einen Umzug nach Dänemark. Eine neue Adresse ist allerdings nicht angegeben.«

»Vielleicht wusste er noch nicht genau, wohin er ziehen wollte.«

»Das kann gut sein. Diese Anmeldebescheinigung ist von 1977, also zweiunddreißig Jahre alt und wurde für ein Kind ausgestellt mit Geburtsdatum 12.07.1967. Da war der Junge gerade mal zehn Jahre alt. Wahrscheinlich also eine Entscheidung der Familie – er wurde bestimmt nicht gefragt, ob er damit einverstanden war.«

Sven stützte seinen rechten Arm auf der Hüfte ab. Das tat er in der letzten Zeit öfter, hatte sein Freund Lars beobachtet, der als einziger in der Abteilung von Lundquist Erkrankung wusste.

Besorgt zog er eine Augenbraue in die Höhe.

»Ich verstehe nur nicht, warum diese Dokumente verschlüsselte Teile haben«, sagte Lundquist. »Was ist schon so geheim daran, wenn eine Familie nach Dänemark umzieht?«

»Das muss bis morgen warten, Sven. Haben die Kollegen inzwischen die Familie ausfindig gemacht?«

»Nein. Offensichtlich ist keiner zu Hause. Ich habe mir von der Autovermietung seine Telefonnummer geben lassen und es auch probiert. Aber es geht nur der Anrufbeantworter dran. Ich habe hinterlassen, man möchte uns bitte zurückrufen, es sei wichtig. Schließlich kann ich ja wohl kaum was von einer Leiche in einer Kirche erzählen.«

»Aber hier, sieh mal. Die Suchmaschine hat eine Computerfirma gefunden, die einem Gunnar Thaisen gehört. Vielleicht ist das ja unser Gunnar.« Lundquist trat hinter ihn und schaute auf die Homepage einer Firma, die für ihren Softwareservice warb und behauptete, eine an jeden Bedarf anpassbare Software entwickeln zu können, die sowohl für PC wie auch Apple zur Verfügung stünde. Außerdem bot die Firma die Erstellung und Wartung professioneller Websites sowie Komplettlösungen mit Hardware an.

»Schluss für heute. Das können wir morgen überprüfen. Grüße an Gitte!«

Lundquist griff nach seinem Mantel, den er über die Lehne seines Stuhls geworfen hatte.

»Warte. Ich nehme dich mit!«, rief Lars Knyst und fuhr den Rechner runter.

»Mann, es ist ganz schön aufregend Vater zu werden, das kann ich dir sagen!«, sprudelte Lars im Wagen heraus.

»Das ist noch gar nichts«, sagte Sven Lundquist mit sonorer Orakelstimme. »Die meisten Probleme kommen erst nach der Geburt – und dann begleiten sie dich ein Leben lang. Lass dir das von einem erfahrenen Vater gesagt sein.«

»Sprechen wir über durchwachte Nächte, zahnende Babys und Windeln, die zu wechseln sind?«

»Nicht unbedingt. An kurze Nächte bist du doch schon berufsbedingt gewöhnt. Das dürfte dir doch wenig ausmachen. Nein, ich dachte dabei eher an die spannende Zeit der heraufziehenden Trotzphasen, die dann irgendwann in die lang andauernde Dauerstressphase münden, die allgemein als Pubertät bezeichnet wird.«

»Da haben wir wohl beide noch ein paar Jahre Zeit. Bis dahin können wir uns ja locker auf diese Herausforderung einstellen.«

»Ich glaube nicht, dass man das kann. Eine Bekannte erzählte mir, dass sich ihre fünfzehnjährige Göre zum Kiffen und Saufen mit Freunden trifft. Sie klettert einfach nachts aus dem Fenster und ist weg. Die Mutter ist völlig ratlos, weiß nicht, wie sie das abstellen soll. Jede Nacht sitzt sie schlaflos im Wohnzimmer, verfolgt von der Vorstellung ihre Tochter läge irgendwo bewusstlos in der Kälte am Straßenrand, würde in vollkommen desorientiertem Zustand Opfer einer Vergewaltigung oder gar ermordet. Die Mutter durchlebt tausend Ängste – während sich die Göre in ihrer neu gewonnenen Macht sonnt und kräftig auftrumpft. Unsere niedlichen Kleinen lernen im Lauf der Zeit, tiefe Verletzungen auszuteilen. – Wenn ich ehrlich bin, graut mir davor.«

Lundquist sah in das Dunkel hinaus. Lisa war sein einziges Bindeglied zu Anna. Wenn sie sich von ihm abwenden würde – nein, daran mochte er lieber nicht denken.

Sie hatten noch so viel Zeit.

Die müssten sie eben gut nutzen.

»Ostern werdet ihr schon zu dritt feiern. Schöne Vorstellung, nicht?«, versuchte Sven Lundquist sich abzulenken.

»Frühlingskinder sollen ja auch die intelligenteren sein«, grinste Lars. »Aber ehrlich gesagt, wenn ich mir vorstelle, dass ich dann praktisch nie mehr allein bin: Das ist schon komisch. Wahrscheinlich muss ich, wenn ich mich mit Gitte unterhalten will, einen Termin ausmachen, an dem das Kind schläft. Sie liest schon seit Monaten nur noch pädagogische Bücher und erklärt mir ständig, was ich tun darf und was nicht. Manchmal nervt das ganz schön.«

»Das sind die Hormone, Lars. Außerdem will sie natürlich auf keinen Fall einen Fehler machen. Mit der Zeit beruhigt sich das wieder – spätestens, wenn ihr eine Großfamilie geworden seid«, sagte er und grinste breit zu ihm rüber.

»Na, na. Jetzt lass uns erstmal diese Schwangerschaft beenden«, wiegelte Lars ab. »Das Baby ist wohl ziemlich groß. Der Arzt meint, das könne noch Probleme machen.«

»Ist doch kein Wunder. Bei dem Vater!«

»Eventuell wird ein Kaiserschnitt notwendig«, erklärte Lars besorgt.

»Viele Stars planen von Anfang an eine Geburt per Sectio. Die Babys sollen schöner sein – nicht so zerknautscht«, grinste Sven.

»Gitte hat versprochen bei irgendwelchen Problemen gleich anzurufen. Über das Mobiltelefon kann sie mich ja zum Glück immer erreichen. – Und wie läuft es bei dir?«

»Meine Mutter ist eifersüchtig. Sie intrigiert kräftig und versucht, Lisa gegen Magda aufzuhetzen. Alles ziemlich unerfreulich.«

»Unerfreulich ist gut«, gab Knyst empört zurück, »Scheiße ist das!«

»Ja, so kann man das auch sagen. Sie ist wild entschlossen, ihre Position mit Zähnen und Klauen zu verteidigen.«

»Und wie kommt Lisa damit klar?«

»Ich glaube, sie ist manchmal ein bisschen verwirrt.

Aber sie kann Magda wirklich gut leiden. Lisa ist jetzt viel fröhlicher – du würdest die Kleine nicht wiedererkennen. Sie lacht wieder, singt Lieder aus dem Kindergarten und hüpft, wenn wir einkaufen gehen, ausgelassen neben mir her. Ich bin sehr froh darüber, glaub mir.«

»Klingt doch wirklich gut.«

Drei Querstraßen weiter hielt Lars am Straßenrand. »Bis morgen früh«, verabschiedete sich Knyst. »Ich hol dich ab. Und falls irgendwas mit Gitte sein sollte, dann rufe ich dich an.« Müde und mit der dumpfen Ahnung von unerbittlich heraufziehendem Ärger, die ihn schon den ganzen Tag begleitet hatte, ging Lundquist auf die lange Häuserzeile zu.

Er konnte nicht wissen, wie Recht er mit diesem undefinierbaren Gefühl haben sollte.

****

An diesem Abend fand das Dorf keine Ruhe.

Jedermann schien auf den Beinen zu sein oder zu telefonieren. Keiner wollte nach dieser grausigen Entdeckung in der Kirche mit sich, seinen eigenen Gespenstern oder seinen Mutmaßungen alleine sein.

Auch am Stammtisch im Kro wurde heftig diskutiert. »In meiner Kirche – so ein Verbrechen in meiner Gemeinde!«, jammerte Pfarrer Landulf aufs Neue. »Ein Fremder sucht des Nachts Schutz und Zuspruch in meiner Kirche und wird dort ermordet! Was für eine ungeheuerliche Vorstellung!«

»Tragisch wäre das schon. Aber viel schlimmer finde ich, dass die Polizei offensichtlich der Meinung ist, dass der Täter aus dem Ort stammt«, warf Bjarne ein und verteilte eine neue Runde Kurze an seine Gäste. »Der Inspektor, der heute Morgen hier war, hat im Grunde nur danach gefragt, wer hier im Ort wusste, wie schwer dieses Glaskreuz war und ob es hier einen Rollstuhlfahrer gibt. Also vermuten sie eine Verbindung zum Ort.«

Protestgemurmel füllte den Raum und mischte sich mit den Rauch- und Alkoholschwaden zu einem unguten Gebräu.

»Also jetzt mal ehrlich – warum sollte wohl einer aus dem Dorf einen Fremden in der Kirche erschlagen? Das ist doch völlig blödsinnig«, stellte Knut Rasmusson fest, der mit seiner Familie einen kleinen Öko-Bauernhof am Rand des Ortes betrieb.

»Vielleicht war er ja gar nicht so fremd«, mischte sich der Elektriker ein und warf einen vorsichtigen Seitenblick auf den riesigen Knut, der bei Widerspruch schon mal leicht die Geduld verlieren konnte und die Situation dann handgreiflich klärte. »Zumindest wäre es doch eine unglaubliche Anhäufung von Zufällen, wenn mehrere Fremde nachts zufällig zur Kirche gegangen und dort zufällig auf einen Mann getroffen wären, gegen den sie zufällig einen gewaltigen Groll hegten und ihn anschließend flugs ermordeten.«

Das allgemeine Gemurmel flackerte erneut auf und steigerte sich zu einer Art Bärenbrummen.

»Wenn jetzt Sommer wäre – na gut. Dann könnte man ja an irgendwelche durchgeknallten Touristen denken, die ihre privaten Rechnungen bei uns in der Kirche begleichen. Wenn die Sommergäste einfallen und sich hier niederlassen wie Schwärme von Fliegen auf frischem Aas, dann könnte es ja vielleicht schon mal so ein unglückliches, zufälliges Zusammentreffen geben. Aber jetzt, mitten im Winter, kurz vor Weihnachten!«

Wilhelm Schneider wiegte nachdenklich seinen großen, nahezu quadratischen Kopf, der auf einem so dünnen Hals saß, dass man ständig fürchten musste, er könne abbrechen wie eine reife Frucht vom Stiel.

»Vielleicht haben die sich ja auch in der Kirche verabredet. Irgendwelche Geschäfte – vielleicht Drogendealer?«

Knut wollte augenscheinlich lieber niemanden aus dem Dorf in die schauerliche Angelegenheit verwickelt sehen.

»Ach, du meinst das internationale Drogenkartell hat sich die Weltkarte vorgenommen, und weil ihnen Holm sofort ins Auge stach, haben sie prompt beschlossen, ihre Geschäfte bei uns zu erledigen?«

Wilhelm Schneider senkte seine Stimme auf Drogenbossniveau, lehnte sich lasziv auf seinem Stuhl zurück, verschränkte die Arme und setzte eine Gangstermiene auf, die Robert de Niro auch nicht besser hingekriegt hätte.

»Fein, sagen sie, dieses Holm wird ja sicher auch eine Kirche haben. Dorthin locken wir unseren Lieblingsgegner und lassen ihn anschließend gepflegt dort ermorden, schließlich kommen für uns als Mitglieder der ehrenwerten Gesellschaft nur fromme Morde in Frage.«

Bjarne warf einen schnellen Seitenblick durch den wabernden Zigarettenqualm, um Schneiders Promillestand abzuchecken. Besser, er gab jetzt keine Kurzen mehr aus, beschloss er dann.

Und dann fiel in die der Theatereinlage folgende Ruhe plötzlich ein Satz wie ein Trompetenstoß vor Jericho:

»Vielleicht ist das ja ein göttliches Zeichen. Eine Strafe für die Sünder!«

****

Er saß oben im Baum vor dem Haus und wartete auf sie.

Er hatte Angst.

Mehr als je zuvor in seinem Leben.

Schniefend zog er die Nase hoch und wischte mit dem Ärmel schmierige Reste von der Oberlippe. Sie sollten ihn nicht weinen sehen. Die Freude würde er ihnen nicht machen. Er würde sie auch nicht um Gnade anbetteln. Diesmal nicht, nie mehr.

Von seinem Platz im Baum aus konnte er in sein Zimmer hineinsehen. Wie gerne läge er jetzt in seinem Bett mit einem spannenden Buch oder einer Hörspielcassette, den Kater auf dem Bauch.

Er seufzte.

Es hatte keinen Sinn.

Sie würden mit Sicherheit kommen – da könnte auch das Bett keinen Schutz bieten. Morgen war wieder Schule, und schließlich konnte er sich nicht auf Dauer vor ihnen verkriechen.

Das wollte er auch gar nicht – er war nicht feige!

Diesmal konnte es kein Pardon geben – das war klar. Noch nie zuvor waren der Dicke, der Dünne und der Kurze so gedemütigt worden, und nie zuvor hatte er sie so wütend gesehen.

Er war zu weit gegangen – das war unverzeihlich. Deshalb wusste er auch so sicher, dass sie kommen würden, und zwar noch heute. Die Sache duldete aus ihrer Sicht keinen Aufschub. Und da war es besser, im Baum auf sie zu warten, denn von seinem Ast aus würde er sie frühzeitig kommen sehen, schon lange bevor sie das Haus erreicht hatten.

Er fror.

Trotz der sommerlichen Hitze, die nun schon seit mehr als zwei Wochen über dem Land lag. Seine Hände und Füße waren so kalt, er spürte sie kaum noch.

Eine halbe Stunde später entdeckte er drei Punkte am Horizont. Zitternd beobachtete er, wie bedrohlich schnell sie näher kamen. Natürlich, sie kamen auf den Rädern her. So konnten sie auch danach schnell wieder verschwinden. Unbemerkt, ungesehen. Hier draußen wohnte außer ihm und seiner Mutter niemand mehr.

Wie würde ihre Rache wohl diesmal aussehen? Kamen sie vielleicht sogar mit der Absicht, ihn zu töten?

Ach Quatsch, versuchte er sich zu beruhigen, Kinder brachten doch keinen um – jedenfalls nicht in Schweden, und nicht wegen so was!

Kindersoldaten vielleicht – aber das war weit weg, in einer anderen Welt, im Krieg.

In den Nachrichten.

Nicht hier.

Nicht aus diesem Grund.

****

Als sie sich zur Verteilung der neuen Aufgaben im Besprechungsraum trafen, lag gespannte Erwartung über der kleinen Gruppe. Ab sofort konnte es richtig losgehen.

Sie hatten einen Namen und schon bald würde sich im Umfeld des Toten ein Motiv finden lassen und damit dann auch der oder die Mörder.

Sven Lundquist spürte die Aufbruchstimmung im Team und genoss diesen energiegeladenen Zustand. Er wusste aus Erfahrung, wie schnell Ermittlungen ins Stocken geraten konnten, Spuren ins Nichts führen. Dann breitete sich oft genug Agonie aus, das Schlimmste, was während einer Ermittlung passieren konnte.

»Guten Morgen«, begrüßte er die Runde und gab dann das Wort an Knyst weiter, der eine Menge bunter Zettel in der Hand hielt, die er nach und nach an die Pinnwand heften wollte, während er die neuen Informationen aus Dänemark an das Team weitergab.

»Unser Mordopfer heißt also tatsächlich Gunnar Thaisen. Die Autovermietung hat eine Kopie von Führerschein und Ausweis gemacht. Das Foto stimmt mit dem überein, das wir den Kollegen gestern gefaxt haben. Inzwischen besitzen wir auch schon ein paar Informationen über diesen Gunnar Thaisen. Er war vierundvierzig Jahre alt, lebte in Skagen, Jütland, verheiratet, drei Kinder. Sie sind fünf und drei Jahre alt, das jüngste gerade drei Monate.«

Knyst räusperte sich und ordnete etwas fahrig die Zettel in seiner Hand.

»Gunnar Thaisen besaß eine Computerfirma in Kopenhagen mit Filialen in Skagen und Randers. Die Kollegen konnten bisher seine Frau noch nicht erreichen, und wir haben gestern auch nur die Bitte um Rückruf auf dem Anrufbeantworter hinterlassen können. Im Moment checken die Kollegen gerade seine Büroräume in Skagen. Vielleicht hatte er irgendwelche Schwierigkeiten mit Kunden oder der Konkurrenz.«

Lars pinnte einige Zettel an die Wand. »Mafiastrukturen in der Computerszene?«, fragte Ole.

»Na, ja. Warum eigentlich nicht? Irgendwie scheint dieses Virus ja alle Geschäftsbereiche zu erreichen. Vielleicht gab es illegale Preisabsprachen oder so was. Preisdumping für Großkunden vielleicht? Wie groß ist denn diese Firma überhaupt?«

»Das wissen wir noch nicht. Es ist auch nicht ganz klar, was dort eigentlich hauptsächlich verkauft wird: Hardware oder Service – oder beides. Die Kollegen sind aber im Moment dran und werden uns umgehend informieren.«

»Soll das heißen, dass wir hier rumsitzen müssen und warten?«, moserte Britta.

»Nein, müssen wir nicht«, sagte Lundquist. »Ich habe hier aktuelle Berichte der Spurensicherung und der Rechtsmedizin. Während wir warten, bringe ich uns auf den neuesten Stand.«

Er stand auf und zeigte auf eine der Aufnahmen. »Hier, das ist der Weg vom Tor zum Portal der Kirche.

Wäre hier ein so schwerer Mann im Rollstuhl entlanggefahren, hätte er tiefe Spuren in den Kies gewühlt. Es sind aber keine zu sehen.«

»Klar sind da welche. Das sehe ich doch mit bloßem Auge von meinem Platz aus«, protestierte Britta.

»Stimmt«, bestätigte Lundquist unbeirrt. »Die sind aber nicht tief genug und viel zu schmal. Wahrscheinlich stammen sie von diesem Trolley, den Hanne immer mit in die Kirche bringt. Spuren von einem Rollstuhl gibt es nicht.«

»Er brauchte ja auch keinen. Vielleicht hat er ihn leer zur Kirche geschoben«, überlegte Bernt.

»Unwahrscheinlich. Dann hätte er sich zumindest aufgestützt und zwangsläufig Spuren hinterlassen, immerhin wog Gunnar Thaisen 135 Kilo. Er könnte ihn natürlich auch getragen haben. Fragt sich nur, wozu trägt jemand einen Rollstuhl in eine Kirche?«

»Dann haben seine Mörder vielleicht schon zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass er laufen kann, und haben ihn gezwungen, in die Kirche zu gehen«, meinte Bernt.

»Oder es waren genug Leute an dem Mord beteiligt, um die Leiche in die Kirche zu tragen«, gab Lundquist zu bedenken.

»Haben wir denn inzwischen den Rollstuhl gefunden?«, fragte Ole.

»Ja«, bestätigte Lundquist. »Er lehnte zusammengeklappt an einem Regal im Gang gegenüber der Reihe, in der der Tote saß. Vielleicht sollten wir ja glauben, das Opfer sei zum Beten ausgestiegen und habe sich in die Bank gesetzt. Hanne hatte während ihrer Reinigungsarbeiten eine Tür im Regal geöffnet, weil sie alle Gesangbücher auf Beschädigungen überprüfen wollte – und dahinter verschwand der Rollstuhl. Der Täter hatte also nicht versucht, ihn wegzuschaffen oder zu zerstören.«

»Was sollte diese Scharade denn überhaupt?«, fragte Britta spitz.

»Das wissen wir noch nicht«, antwortete Lundquist ruhig. »Vielleicht finden wir ja den Täter, wenn wir den Sinn dieser Täuschung rauskriegen. Doch wenn seine Mörder nur das Auto und den Rollstuhl gesehen haben, mussten sie ihn ja zwangsläufig für ein wehrloses Opfer halten. Ließen sie ihn jedoch in die Kirche gehen, wussten sie um seine Wehrhaftigkeit. Da liegt der entscheidende Unterschied.« Lundquist starrte auf die Bilder aus der Kirche, als könne er so den Fotos etwas entlocken, das er zuvor übersehen hatte.

»Er war groß, schwer und gut durchtrainiert. Einer allein wäre wohl kaum mit ihm fertig geworden. Es sei denn, er hätte einen gleichwertigen Partner gefunden«, meinte Ole und warf einen wohlmeinenden Blick auf Lars, »so einen wie dich, vielleicht.«

Es klopfte.

Ein atemloser Polizist mit hochrotem Kopf reichte eine Akte herein.

»Das kam gerade aus Dänemark. Ist bestimmt wichtig.« Lars nahm ihm die Akte ab, nickte ihm zu und blätterte in den Papieren.

»Er hat doch mehrere Schläge ins Genick bekommen, nicht? Vielleicht war das der anfängliche Versuch, ihn außer Gefecht zu setzen – vielleicht war der Mord ja gar nicht geplant, sondern ein Unfall?«, spekulierte Britta.

»Gunnar Thaisen war Schwede!«, unterbrach Lars überrascht. »Ich habe gestern in den Unterlagen der Einwohnermeldebehörde einen Hinweis darauf gefunden, dass er vor mehr als dreißig Jahren nach Dänemark ausgewandert ist. Alle wichtigen Angaben waren verschlüsselt, als gäbe es da etwas geheim zu halten. Also habe ich vermutet, er sei wegen irgendwelcher Schwierigkeiten ausgewandert und Däne geworden. Ist er aber nicht. Er hat nie die dänische Staatsangehörigkeit beantragt, sondern blieb zeit seines kurzen Lebens Schwede.«

»Also – nur damit ich jetzt nichts durcheinander bringe: Ein körperlich relativ gesunder und durchtrainierter dänischer Schwede färbt sich die Haare kupferrot, mietet ein für Behinderte umgerüstetes Auto in Dänemark, reist damit nach Schweden, gibt sich als Rollstuhlfahrer aus, um sich bei einem Zusammenreffen mit wer weiß wem, in der Kirche von Holm umbringen zu lassen? Ja? So etwa?«

Wikström sah die anderen in gespielter Verzweiflung an.

»Klingt irgendwie konstruiert, stimmt«, gab Örneberg zu.

Das Telefon schrillte.

Lundquist nahm ab.

»Sven Lundquist.«

»Aha! Da habe ich ja gleich den Richtigen! Was fällt eigentlich der schwedischen Polizei ein, meine Firma durchsuchen zu lassen und meine Familie so zu erschrecken?«

Der Anrufer schrie so laut, dass alle Anwesenden ihn problemlos verstehen konnten.

»Ich dachte, Schweden sei ein Rechtsstaat! Aber nun sehe ich, wie weit der Arm der staatlichen Repression reichen kann – sogar über Landesgrenzen hinweg!«

»Mit wem spreche ich denn eigentlich?«, fragte Lundquist in eine Atempause hinein.

»Na, wie viele unterjocht ihr denn noch gerade durch eure globalisierten Handlanger der Staatsgewalt? Habt ihr bei der Masse womöglich den Überblick verloren? Ich bin Gunnar Thaisen!«

****

Die drei Radfahrer am Horizont waren nun schon gut zu sehen.

Je näher sie kamen, desto deutlicher wurde auch ihre Wut sichtbar. Sie traten mit großer Kraft in die Pedale, und ihm schien, als flögen sie förmlich heran.

Vielleicht war es doch ein Fehler gewesen. Er hätte ja auch einfach so weitermachen können wie bisher. Wenn es nicht so ein traumhafter Sommer gewesen wäre – bei Dauerregen hätte es ihm bestimmt nicht so viel ausgemacht. Bei anderen Gelegenheiten hatte er auch schon mal Fehler eingearbeitet – und jedes Mal war er von ihnen dafür bestraft worden. Er argumentierte sonst immer mit der Glaubwürdigkeit. Wenn immer alle drei alle Aufgaben richtig hatten, wäre das viel zu auffällig und die Lehrer kämen ihnen mit Sicherheit bald auf die Schliche. Das sahen der Dicke, der Dünne und der Lange zwar jedes Mal ein, aber es änderte nichts daran, dass sie ihn für jeden einzelnen der eingeschleusten Fehler bestraften.

Ihm blieb ohnehin keine Wahl, er musste Fehler einbauen, schon um sich einen Rest Würde zu bewahren. Vielleicht auch ein bisschen Triumph, denn allein waren sie wegen ihrer Trägheit nicht in der Lage, die Fehler zu entdecken: Sie waren ihm ausgeliefert.

Die Prügel dafür steckte er inzwischen schon fast mit Stolz ein.

Doch diesmal würde es anders sein, das war ihm klar. Anfangs hatten sie die Hausaufgaben einfach bei ihm abgeschrieben. Jeden Nachmittag holte jemand vom Trio die von ihm bearbeiteten Aufgaben am vereinbarten Platz ab, um sie anschließend, nachdem sie die Hausaufgaben übertragen hatten, wieder in den toten Briefkasten in der alten Linde zu legen, damit er auf dem Schulweg seine Hefte und Ordner wieder in seine Mappe stecken konnte. So blieb ihre Verbindung unentdeckt. In der Schule sprachen sie so gut wie kein Wort miteinander, damit die Lehrer nicht auf die Idee kamen, dass er ihnen bei den Hausaufgaben geholfen hatte.

Helfen! Sie hatten ihn dazu gezwungen! Erst versuchten sie es mit Prügel. Als das nicht fruchtete, gossen sie Gift in den Goldfischteich seiner Mutter. Die Fische starben einen qualvollen Erstickungstod. Aber er willigte erst ein, nachdem sie versucht hatten, seinen geliebten Kater zu vergiften.

Der Tierarzt war über das Ausmaß der Quälereien schockiert gewesen. Er meinte, das ginge weit über das hinaus, was er je an Tierquälerei gesehen habe. Zwar konnte er den Kater retten, aber Kamikatze war seitdem ein anderer. Seit dieser Zeit ließ er ihn nicht mehr vor die Tür, doch Kamikatze wollte ohnehin nicht mehr raus. Aus dem mutigen und furchtbaren Herrscher über das Revier und alle darin lebenden Artgenossen, Insekten und Mäuse war ein schreckhaftes Häufchen Fell geworden.

Und er war schuld.

Hätte er früher eingewilligt, wäre der Kater verschont geblieben – Kamikatze war zum Opfer seines Stolzes geworden.

Das musste er sich eingestehen.

An diesem Punkt war er bereit, ihren Forderungen nachzugeben.

Mit einem nervösen Blick durch sein Zimmerfenster vergewisserte er sich, dass Kamikatze für die drei Rächer unerreichbar in dem Regal über seinem Bett lag.

Ihn würden sie diesmal jedenfalls nicht kriegen.

****

»Ich muss unbedingt mit dir reden«, drängte die leise Stimme am Telefon.

»Ich wüsste nicht, worüber wir uns zu unterhalten hätten.«

»Zum Beispiel über dein Alibi für die Mordnacht. Die Polizei wird danach fragen. Hast du denn eines?«, säuselte es süß in sein Ohr und er bekam eine Gänsehaut.

»Ich brauche keins.«

»Wie kannst du dir so sicher sein? Sie werden alle überprüfen, und du hast keins.«

»Woher willst du das denn so genau wissen? In mein Schlafzimmer kann niemand gucken«, höhnte er.

»Ach, in deinem Schlafzimmer warst du ja auch gar nicht, nicht wahr? Ich weiß schließlich genau, dass du in der Nacht oben in der Kirche warst«, flüsterte die Stimme.

Wie kam er da nur wieder raus?

»Ich glaube nicht an Gott. Ich geh da noch nicht mal am Tage hin. Was sollte ich da ausgerechnet in der Nacht.«

»Mag schon sein. Aber ich habe dein Motorrad gehört und euch in der Kirche verschwinden sehen.«

»Was soll das? Mit wem spreche ich da eigentlich?«

»Unwichtig. Wenn du nicht mit mir reden willst, dann suche ich mir eben einen anderen Gesprächspartner mit mehr Interesse für meine Geschichte. Und ich werde einen finden, verlass dich drauf!«

Plötzlich war alle Sanftheit in der Stimme verschwunden. »Drohst du mir mit der Polizei? Jemand, der nicht einmal seinen Namen nennt!«

»Noch kannst du dein Schicksal abwenden.« Sprach er da mit einem Mann oder einer Frau? Verdammt, was, wenn man ihn wirklich gesehen hatte? Die Stimme war schwer einzuordnen. Vielleicht hatte er aber einfach auch schon ein bisschen zu viel getrunken. In diesem Zustand war es manchmal ziemlich schwierig, etwas auseinanderzuhalten.

Als er seine Aufmerksamkeit wieder auf das Telefonat lenken wollte, stellte er fest, dass der beunruhigende Anrufer aufgelegt hatte.

Auch gut, dachte er benebelt, damit hatte sich das eben erledigt.

Doch das war nur einer von vielen fatalen Irrtümern in diesem Mordfall.

****

»Wie?«, fragte Lundquist überrumpelt. »Was soll das heißen?«

»Na, was soll das wohl heißen? Das kann ja wohl nicht so schwer zu begreifen sein. Ich bin Gunnar Thaisen! Und wie du sicher hören kannst, bin ich sehr lebendig und überaus wütend! Sind bei euch eigentlich alle so unglaublich fähig wie du?«

»Wir haben hier einen Toten, der unter dem Namen Gunnar Thaisen einen Wagen in Dänemark gemietet hat. Er konnte einen gültigen Führerschein und einen Ausweis vorlegen.«

»Na prima! Ich gratuliere! Und deshalb durchwühlt jetzt die dänische Polizei meine Firma und erzählt meiner Frau, ich sei ermordet worden! Es mag ja noch andere Gunnar Thaisens in Dänemark geben. So selten ist der Name ja wohl nicht.«

»Aber die werden wohl nicht alle unter deiner Adresse gemeldet sein, oder?«

»Meine Güte! Meine Adresse steht im Telefonbuch und im Internet auf der Website meiner Firma. Nichts leichter als das, die herauszufinden und sich gefälschte Papiere zu besorgen!«

»Sind die Kollegen noch bei dir? Gut, dann lass mich doch mal mit einem von ihnen sprechen.«

Lundquist deckte die Muschel mit der Hand ab, während er wartete.

»Dieser Gunnar Thaisen ist jedenfalls tatsächlich außerordentlich lebendig und stinksauer!«

Als sich einer der dänischen Ermittler meldete, besprachen sie, wie nun vorzugehen sei.

Gunnar Thaisen könne sich ausweisen, erfuhr Lundquist von seinem dänischen Kollegen, er sei Rollstuhlfahrer, habe auch einen Behindertenausweis und müsse sich kein Auto mieten, er fahre einen speziell für seine Bedürfnisse umgerüsteten knallroten Volvo S60 Cabrio.

»Aha. Gut. Dann müssen wir davon ausgehen, dass sein Name von dem Toten aus der Kirche nur benutzt wurde. Checkt vorsichtshalber noch sein Alibi für die Tatnacht – tja, tut uns aufrichtig leid.«

Ole kratzte sich nachdenklich am Kinn.

»Okay, er hat Recht. Es ist sicher kein Problem, seine Adresse rauszufinden: Er steht mit Anschrift im Telefonbuch und auf der Website seiner Firma. Trotzdem wurde der Name ja wohl nicht wahllos herausgepickt. Schließlich hat der Mörder ja auch gewusst, dass Gunnar Thaisen im Rollstuhl sitzt und vielleicht sogar, wie er aussieht. Er war also gut informiert und vorbereitet.«

Britta sah ihn missbilligend an.

Das raue Rascheln der Bartstoppeln, das entstand, wenn die Finger darüberfuhren, verursachte ihr ein unangenehmes Prickeln mit Gänsehaut vom Nacken abwärts.

Sie schüttelte sich.

»Ich frage mich, ob er dem echten Gunnar Thaisen wirklich sehr ähnlich sah. Immerhin hatte er sogar seine Haare gefärbt. Aber wollte er damit Ähnlichkeit erreichen oder nur sein eigentliches Aussehen verbergen? Können uns die Kollegen nicht ein Foto schicken?«

»Ja, können sie bestimmt. Ich werde sie anrufen. Wir müssen auch wissen, wie groß und schwer der echte Gunnar ist. Was soll die ganze Tarnung, wenn es dann an der Statur scheitert. Und wer sollte eigentlich getäuscht werden? Jemand, der Gunnar kannte? Dann müsste die Verwandlung tatsächlich nahezu perfekt gewesen sein. Und wozu?«

»Vielleicht eine Erbschaftsangelegenheit.«

Ole hatte ein Blatt vor sich hingelegt und begann wahllos Linien zu ziehen, die sich willkürlich kreuzten.

»Oder es ging um eine Frau«, mutmaßte Britta und lächelte süßlich.

»Britta, solltest du tatsächlich eine gut verborgene romantische Ader haben? Warum ist uns das bloß nie aufgefallen?«, stichelte Bernt.

»Wieso reagiert Ihr denn immer so ekelhaft, wenn die Liebe ins Spiel kommt, Meister Bernt? Habt Ihr vielleicht ein Problem mit der Romantik?«, konterte sie.

Lundquist trat ungerührt an die Pinnwand, um die allgemeine Konzentration wieder auf den Fall zu lenken.

»Was haben wir an konkreten Fakten?«, fragte er rhetorisch und begann aufzuzählen: »a) der Tote in der Kirche wurde nicht vom Kreuz erschlagen; b) wir wissen nicht, wo der Mord passiert ist; c) der Tote benutzte Rollstuhl und Wagen nur zur Tarnung; d) Name, Adresse waren korrekt angegeben, sind aber nicht seine Daten; e) offensichtlich hat er Gunnar Thaisen vorher ausspioniert; f) mehrere Täter haben den Mord gemeinschaftlich begangen oder zumindest zu vertuschen versucht, denn das Kreuz kann einer allein nicht bewegen.«

Während er sprach, schrieb er einige Stichworte auf Zettel und pinnte sie an die Wand.

»Es muss irgendeine Verbindung von Thaisen zu Holm geben«, meinte Bernt, »sonst macht doch die ganze Maskerade keinen Sinn. Und dass die Kirche nur durch Zufall als Ort für den Mord ausgesucht worden sein soll, kann ich auch nicht glauben.«

»Vielleicht hat das Opfer seine Mörder ja schon lange vor der Tat getroffen«, spekulierte Britta. »Geschäfte, irgendwas. Sie waren unterwegs und haben sich gestritten.

Sie schlugen auf Pseudo-Gunnar ein, und plötzlich war er tot. Da kamen sie auf die Idee, die Leiche in der nächsten Kirche zu deponieren, an der sie vorbeikommen würden.«

»Gut. Nur kommt man an der Kirche in Holm eben nicht einfach so vorbei. Sie steht am Ende der Straße auf einem Hügel. Man muss schon gezielt zu ihr hinfahren wollen«, gab Bernt zu bedenken.

»Aber es gibt doch sicher ein Hinweisschild an der Straße? Dem können sie einfach nachgefahren sein, wie es die Touristen im Sommer doch auch machen!«, ließ Britta nicht locker.

»Ich finde das nicht abwegig«, schaltete sich Ole ein. »Sie haben sich getroffen und sind in Streit geraten. Vielleicht ging’s ja wirklich um eine schöne Frau«, sagte er und warf Britta, die pawlowartig die Augen verdrehte, einen stechenden Blick zu.

»Das ist doch nicht dein Ernst!«

»Hast du nicht gerade eben auch von Liebe als Motiv gesprochen?«, verteidigte sich Ole patzig. »War doch deine eigene Idee!«

»Aber das habe ich nur ins Spiel gebracht, weil es das Lieblingsmotiv der versammelten Männlichkeit an diesem Tisch ist. Dieses Team ist manchmal so unglaublich testosteronlastig! Aber wenn du nur einen Augenblick ernsthaft darüber nachdenkst, musst du doch merken, dass Liebe oder Eifersucht als Motiv nicht tragen! Mein Gott, ehrenwerte Männer streiten um Frauen, erstechen Nebenbuhler, anschließend setzen sie sie im Kirchenschiff bei und bedecken ihre erkaltenden Körper als letzte Ehre mit einem Glaskreuz! Jagen wir hier denn ein Phantom der Oper, oder was?«, schäumte Britta auf. »Und nachdem sie den letalen Akt pietätvoll zelebriert hatten, haben sie nächtens das Gotteshaus in aller profanen Schnödigkeit einfach verlassen. Nicht wahr? So war es doch! So muss es doch gewesen sein! Ja, in der Oper, lieber Ole, aber nicht in der schnöden Aufführung, die man Realität nennt. Woher sollten sie denn wissen, frage ich dich, dass in der Kirche ein großes schweres Kreuz stand, das sich zur Vertuschung eines Mordes eignete, wenn sie gar nicht aus dem Ort waren?«

»Ist doch gar nicht gesagt, dass sie von dem Kreuz wussten«, antwortete Ole schwach; offensichtlich befand er sich schon auf dem geordneten Rückzug. »Vielleicht haben sie ja auch nur gedacht, in einer Kirche würde sich schon was Geeignetes finden.«

»Klar, das ist das erste, woran ich bei einer Kirche denke: Die ist voll mit Requisiten, die mir bei der Vertuschung eines Mordes behilflich sind! Mann, da hätten sie ja auch eine Orgelpfeife rausreißen und neben ihm drapieren können, damit wir Vollidioten von der Polizei denken, er wäre davon erschlagen worden.«

»Wie haben die sich eigentlich abgesetzt, frage ich mich – ohne Auto.«

»Divergierendes Denken ist nicht gerade eine deiner überragenden Fähigkeiten, nicht? Vielleicht fuhren sie ja nicht in einem, sondern in mehreren Autos«, spottete Britta weiter.

»Oder mit Motorrädern, wie? Vielleicht haben sie ja auch Fahrräder benutzt«, fuhr Bernt gereizt dazwischen.

Lundquist entfernte den Namen Gunnar Thaisen neben dem Foto des Opfers und pinnte ihn etwas abseits wieder an.

»Obwohl ich Oles Einwand verstehe, tendiere ich doch eher dazu, eine Verbindung zu Holm zu vermuten. Wenn der Saab von Helsigbor nach Helsingoer übergesetzt ist, kann sich vielleicht einer der Kontrolleure an ihn erinnern. Schließlich ist ja nicht gerade Hochsaison für die Fähre und der Wagen ist auffällig. Bernt, du fährst runter und klärst das. Nimm ein möglichst gutes Foto vom Opfer mit: Möglicherweise erinnert sich jemand an ihn. Ole, aus irgendeinem Grund ist Gunnar Thaisen damals mit seiner Familie ausgereist; er hat selbst den Namen geändert. Finde heraus, warum da so eine Geheimniskrämerei gemacht wird und wo er bis dahin gewohnt hatte, welche Schule er besucht hat, und so weiter. Du weißt schon. Die dänischen Kollegen sollen mal die Firma von Gunnar Thaisen checken. Droht vielleicht eine Insolvenz? – Lars, du hast ja schon Kontakt zu den Kollegen ... Die Tatsache, dass er nicht wirklich das Opfer war, muss nicht bedeuten, dass er mit der Sache gar nichts zu tun hat. Britta, du fährst nach Holm. Vielleicht hat das Mordopfer auf dem Weg dorthin in einem Kro etwas getrunken, um den Burger runterzuspülen. Ein Rollstuhlfahrer wird bemerkt. Frag auch die spielenden Kinder auf der Straße, die Rentner auf den Bänken – vielleicht ist jemandem das fremde Auto aufgefallen. Ich fahr mit Lars auch in unser idyllisches Dorf. Wir werden uns von dem einen oder anderen Klatsch und Tratsch erzählen lassen. Kontakt über Handy. Okay?«

Damit war die Runde beendet.

»Woher kriegt man eigentlich einen Rollstuhl, wenn man ihn nicht aus gesundheitlichen Gründen braucht?«, gähnte Britta im Gehen.

****

Lundquist strauchelte. Unsanft stieß er mit der Schulter gegen das Regal mit den Biografien und konnte nur mit Mühe verhindern, das Brett mit den Komponisten von Weltrang im Sturz abzuräumen. Nicht jetzt, dachte er, nicht jetzt! Er hatte doch wirklich Schwierigkeiten genug.

Eine junge Frau stand plötzlich neben ihm, ohne dass er hätte sagen können, woher sie gekommen war. Ihre langen, dunklen Haare waren streng aus dem Gesicht gekämmt. Als sie den Kopf bewegte, sah Lundquist einen dicken, geflochtenen Zopf.

Besorgt sah sie ihn aus dunklen Augen an.

»Geht es dir nicht gut? Vielleicht kann ich dir irgendwie helfen?«

Lundquist schüttelte energisch den Kopf.

Das musste ja nicht unbedingt sein. Junge Frauen sollten nicht auf diese Weise ihr Interesse für ihn entdecken. Kam gar nicht in Frage!

»Ich kann das gut verstehen«, plapperte die junge Frau unterdessen munter weiter, »dieser Weihnachtsstress kann schon mal den stärksten Mann umhauen. Das muss dir gar nicht peinlich sein.«

Dabei ermutigte sie ihn mit ihrem strahlendsten Lächeln.

»Ich habe vier Kinder. Alles Jungs. Damit habe ich also faktisch fünf Männer im Haus. Außerdem zieht morgen mein Schwiegervater bei uns ein. Dann sind es sechs. Und genau wie in jedem Jahr hat natürlich keiner Zeit für irgendwelche Weihnachtsvorbereitungen. Na ja. Dabei ist doch die Adventszeit eigentlich die Zeit der Ruhe und Besinnung, eine Zeit, die die Menschen zur inneren Einkehr nutzen sollten. Und was machen sie? Statt sich gemütlich vor dem Kamin einzukuscheln und sich den Bauch mit Lebkuchen voll zu schlagen und dabei lange Gespräche bei Kerzenschein zu führen, hasten sie raus in die Kälte und hetzen durch die Geschäfte.«

Wie konnte sie nur ohne Pause so viel reden? Ob sie wohl bei ihren vielen Männern nichts zu sagen hatte und sich alles für Gelegenheiten wie diese aufhob, um es mit einem Mal loszuwerden? Bei einem möglichst harmlos aussehenden Fremden?

»Statt Liebe im Blick zu haben, jagen ihre Augen unruhig und gierig über die Auslagen der Geschäfte. Ist das nicht wirklich schade?«

Lundquist nickte unbestimmt und begann abwesend seine Schulter zu massieren.

»Entschuldige, ich will dich nicht weiter aufhalten. Wenn wirklich alles in Ordnung ist ...«

Sie sah ihn prüfend an.

»Dann hast du ja sicher auch noch viel zu erledigen.«

»Danke«, murmelte Lundquist.

Als sie sich zum Gehen umwandte überlegte er, dass sie, wenn sie vier Kinder hatte wahrscheinlich nicht so jung war, wie er zunächst gedacht hatte. Sie ging sogar leicht gebeugt, fiel ihm jetzt auf. Und plötzlich tat es Lundquist leid, dass er sie so wenig freundlich behandelt hatte. Sie war keinen Deut glücklicher als er – vielleicht trotz der Kinder gerade jetzt vor Weihnachten besonders einsam. Sonst hätte sie vielleicht auch nicht so viel über die Sehnsucht nach Wärme und Liebe gesprochen, oder? Ach ja, du Hobbypsychologe, tadelte er sich.

»Wie alt sind deine Kinder denn?« Mit einem Schritt hatte er die zarte Frau wieder eingeholt. Sie zuckte zusammen, als er sie so überraschend ansprach. Doch einen Moment später wich der Schreck und sie lächelte ihn schon wieder an.

»Zwischen neunzehn und zwei.«

»Ist ja sicher viel Arbeit für dich – besonders in den Wochen vor Weihnachten. Vielleicht kann dein Schwiegervater ja ab morgen ein bisschen mithelfen.«

»Er ist ein böser alter Mann, der mich hasst, weil ich seinen Sohn in die Stadt gelockt habe und er den Hof nicht übernehmen wollte.«

Sie klang so ohne Hoffnung, dass Lundquist spürte, wie sich ein Tonnengewicht auf seine Brust legte.

So wollte er das Gespräch nicht enden lassen.

»Ich habe eine kleine Tochter. Gerade jetzt verursacht sie einen ziemlichen Stress. Sie ist noch klein, vier Jahre alt, aber in dem Alter ist der Dickkopf manchmal besonders groß. Und mit Vernunft allein ist da nicht viel zu erreichen«, sagte Lundquist.

»Für vernünftiges Handeln bleibt ihr noch der ganze Rest ihres Lebens«, sagte die junge Frau. »Solange sie Kind ist, darf sie auch unvernünftig sein – das ist ihr Privileg. Und auch wenn sie schwierig sind – ohne die Kinder wäre Weihnachten doch nur halb so schön.«

Sie sah ihm jetzt nicht in die Augen. Er wusste, sie wollte ihn nicht die Lüge entdecken lassen.

»Vielleicht kannst du dir die Zeit vor dem Fest ein wenig ruhiger gestalten«, sagte sie.

»Ich muss noch rasch einen Mörder fangen, bevor Weihnachten werden kann.«

»Wie furchtbar: einen lieben Menschen auf so gewaltsame Weise verlieren zu müssen – und dann auch noch zu dieser Zeit.«

So hatte Lundquist das noch gar nicht gesehen. War es nicht immer schlimm, wenn ein Mensch sterben musste? Ganz gleichgültig wann es passierte? Litten die Angehörigen um Weihnachten herum mehr, wenn einer ihrer Lieben starb oder noch schrecklicher: ermordet wurde? Und das Opfer? Was mochte jemand denken, dem bewusst war, er konnte nur noch diesen einen Gedanken fassen ...? Er strich abwesend über seine Arme, als wollte er sich wärmen. Eine Gedichtzeile fiel ihm ein, die er vor vielen Jahren gelesen hatte und die ihn damals tief beeindruckte:

Am schlimmsten: Nicht im Sommer sterben,

wenn es hell ist

und die Erde für den Spaten leicht ...

Er spürte den Blick der zarten Frau wieder auf sich ruhen. Sie wechselten noch ein paar Sätze, schüttelten sich die Hände, dann verschwand die kleine Gestalt im Gewimmel der Weihnachtskaufwütigen.

Von wem war nur dieses Gedicht? Abwesend starrte er vor sich hin und bedauerte nicht zum ersten Mal das etwas chaotische Ablagesystem seines Gedächtnisses. Vielleicht würde es ihm heute Nacht im Traum einfallen. Manchmal funktionierte diese Methode ganz gut, zum Beispiel neulich, als ihm partout seine PIN für die EC-Karte nicht mehr einfallen wollte.

Aber eigentlich müsste es ihm doch möglich sein, sich daran zu erinnern, von wem diese Zeilen stammten, schließlich wusste er ja auch noch genau, wie sehr sie ihn damals beeindruckt hatten. Mit zorniger Entschlossenheit forschte er weiter.

Gottfried Benn! Das Gedicht musste von ihm sein. Zufrieden seufzte Lundquist auf. Selbst den Titel wusste er wieder: Was schlimm ist. Wenn die Erde für den Spaten leicht ... Hatte Benn dabei an die Totengräber gedacht, die weniger Arbeit mit dem Ausheben des Grabes haben würden, oder dachte er dabei an den Toten, dessen auf ihm ruhende leichte Erde ein Bild des gelassenen Abschieds vermitteln sollte. Oder hatte Benn womöglich Angst gehabt, bei lebendigem Leib begraben zu werden und sich aus schwerer Erde schlechter befreien zu können? Dachten Mörder überhaupt über die Jahreszeit nach, zu der sie ihre Taten begingen? Oder spielte das keine Rolle? Bei Mord aus Rache vielleicht, spann er den Faden weiter, wenn der Mörder dachte, das Opfer solle auf keinen Fall mehr den nächsten schönen Sommer oder das kommende Weihnachtsfest erleben dürfen. Musste der Tote in der Kirche deshalb ausgerechnet jetzt und an diesem Ort sterben?

Gedankenverloren griff Lundquist nach einer Biografie. Ob Magda wohl Kinder wollte, Kinder mit ihm? Darüber hatten sie noch nie gesprochen. Vielleicht wäre es für Lisa sehr schön, Geschwister zu haben, schweiften seine Gedanken ab. Schadete es der Stimme einer Opernsängerin eigentlich, wenn sie schwanger wurde? Er fuhr sich mit zitternden Fingern übers Gesicht und wischte sich den Schweiß von der Oberlippe. Würde er überhaupt noch genug Zeit haben, um diesen Kindern ein guter Vater zu sein?

Er stellte abrupt das Buch ins Regal zurück und verließ hastig die Buchhandlung.

Dr. Palm sah seinen Patienten kritisch an.

»Aha, du bist also gestrauchelt, möchtest eventuell eine neue Familie gründen und hast nun Angst, dir könnte ein neuer Schub dazwischen kommen?«

Lundquist zuckte die Schulter.

»Nun ja, ich glaube, so könnte man die Situation kurz und knapp zusammenfassen.«

Dr. Palm war schon seit Lundquist denken konnte Hausarzt der Familie und für ihn ein ganz besonderer Freund. Damals, als Anna gestorben war, hatte er es übernommen, die Familie über den Unfall zu informieren, hatte in einer hoffnungslosen Situation Halt gegeben. Auch als Lundquist vor einigen Monaten erfuhr, dass er an Multipler Sklerose erkrankt sei, war es Dr. Palm gewesen, der ihm Zuversicht geben konnte. Er kannte die familiären Hintergründe und war mit seinem analytischen Urteil immer ein guter Ratgeber.

»Deine neue Freundin weiß ja über deine Erkrankung Bescheid. Sie kennt also das Risiko, auf das sie sich eingelassen hat.«

»Ja. Na klar. Sie weiß es eigentlich schon seit den ersten Minuten unserer Bekanntschaft. Du weißt, wir haben uns ja im Krankenhaus kennen gelernt. Zwei Invaliden auf einer Bank.«

»Wildromantisch«, spöttelte der Arzt.

»Ich frage mich, ob ich die Disposition für MS vererben würde, wenn wir Kinder bekommen sollten. Und ich frage mich, ob ich noch genug Zeit habe, mit dem Nachwuchs zu spielen und zu toben.«

»Oh, wir sind wieder bei deinem Jahrmarktsbudenthema. Du weißt genau, dass dir kein Mensch die Frage beantworten kann, wie viel Zeit dir für die Verwirklichung deiner Pläne bleibt! Ob du morgen von einem Auto überfahren wirst oder beim nächsten Badespaß im Meer einen Krampf bekommst und ertrinkst: Wer will das wissen? Geh zu Lily Antwerpes, der berühmten Hellseherin, die beantwortet deine Fragen nach der Zukunft!«

»Ist ja gut, ist ja gut!« Sven Lundquist hob schützend die Hände über den Kopf. »Ich gebe mich geschlagen und bekenne, du hast Recht!«

Sie lachten.

»Was deine Frage nach der Vererbung angeht, kann ich dir sagen, es gibt definitiv keine familiäre Häufung. Man weiß einfach nicht genau, warum der eine es bekommt und der andere nicht. Wenn du wirklich abgeklärt haben willst, ob sich bei dir ein neuer Schub ankündigt, bin ich nicht die richtige Adresse. Dr. Baum wird das schneller herausfinden. Möglicherweise wird er deine Interferon-Dosis etwas erhöhen. Und einmal straucheln ist nicht wirklich ein alarmierendes Signal. Ich hatte einmal eine Sprechstundenhilfe, Insga, die stolperte von morgens bis abends durch meine Praxis. Sie war nicht etwa krank, nur irgendwie ungeschickt beim Bewegen. Jede Treppe war eine Herausforderung für sie, manchmal schlugen die Türen, die sie aufgestoßen hatte, zurück und mehr als einmal musste ich ihr eine Salbe für ihre Rippenprellungen verschreiben, die sie sich bei so einem Kontakt mit der Türklinke zugezogen hatte. Aber deshalb bist du auch nicht wirklich zu mir gekommen, nicht wahr? Das Problem liegt ganz woanders«, sagte Dr. Palm und goss aus einer großen Thermoskanne Kaffee in zwei Tassen.

»Milch? Zucker?«

Lundquist schüttelte den Kopf.

»Schwarz ist prima.«

Dr. Palm wartete. In den vielen Jahren hatte er als Hausarzt ein untrügliches Gespür für familiäre Spannungen seiner Patienten entwickelt. Er wusste, schweigend warten zu können, war eine unbezahlbare Fähigkeit, für die in der schnelllebigen Zeit im Bereich der Medizin zu wenig Raum blieb. Viele Kollegen hetzten sich und ihre Patienten durch die Anamnese und zu Spezialuntersuchungen, ohne von ihren wirklichen Problemen jemals etwas zu erfahren.

»Mutter will, dass alles so bleibt, wie es ist«, spuckte Lundquist trotzig aus.

»Sie befürchtet ihre Bedeutung für dein Leben zu verlieren«, sagte Dr. Palm; seine Stimme hatte mit einem Mal ein dunkles, beruhigendes Timbre bekommen.

»Sie weigert sich sogar, Weihnachten mit Magda zu feiern! Selbst Lisa hat schon gemerkt, dass mit Oma irgendetwas nicht stimmt.«

»Sie macht also so richtig Stimmung gegen Magda.« Lundquist knetete seine Finger, dann spreizte er sie und musterte sie kritisch, als könne er chiromantische Erkenntnisse gewinnen.

Er seufzte.

»Ja und nein«, sagte er und legte die Hände wieder auf die Armlehne. »Manchmal wirkt sie auch einfach nur traurig, vorwurfsvoll traurig, und an anderen Tagen keift sie sofort los, sobald Lisa sie nicht mehr hören kann.«

»Was hält die Kleine denn überhaupt von deinen Plänen?«

»Sie findet Magda toll. Die beiden unternehmen viel gemeinsam – auch wenn ich Dienst habe. An den Wochenenden sind wir nach Möglichkeit sowieso zusammen. Von meinen Heiratsplänen weiß sie allerdings noch nichts – Magda weiß es ja auch noch nicht«, sagte er und rutschte mit dem rechten Arm etwas fahrig an der Armlehne ab.

»Aber du glaubst schon, dass die beiden jungen Damen miteinander klarkämen?«, hakte Dr. Palm nach.

»Ja, schon. Ich glaube, Lisa wäre total begeistert, wenn Magda meine Frau würde.«

»Nehmt ihr deine Mutter auf eure Wochenendausflüge eigentlich manchmal mit?«

»Nein. Sie will nicht. Lieber sitzt sie schmollend in ihrer Wohnung und wartet auf meine Rückkehr, um mich mit Vorwürfen zu überschütten.«

In Lundquists Jacke meldete sich das Handy. Entschuldigend nickte er Dr. Palm zu und nahm das Gespräch an.

Gitte war mit Wehen ins Krankenhaus eingeliefert worden.

Drei Monate vor dem errechneten Endtermin! »Scheiße!«, fluchte Sven Lundquist, winkte Dr. Palm flüchtig zu und eilte aus dem Zimmer.

****

»Wie? Ihr hattet euch getäuscht und nun wisst ihr immer noch nicht, wer der Tote aus der Kirche ist?«

Hanne schüttelte fassungslos den Kopf.

»Wie kann denn so was passieren? Es ist schon tragisch genug, wenn man auf so eine Art und Weise sterben muss, einsam in einer Kirche – und dann kennt noch nicht mal einer deinen Namen!«

»Nur, dass er eben nicht einfach gestorben ist, sondern kaltblütig ermordet wurde«, stellte Britta schonungslos klar.

Es schien, als versuche die eine Hälfte des Ortes den Mord durch eine vorsichtige Wortwahl zu negieren, während die andere Hälfte sich bemühte, der Polizei zu erklären, dass weder Täter noch Opfer mit dem Ort in Verbindung stehen könnten.

Hanne sah Britta tadelnd an.

»Dass ihr jungen Leute immer alles so brutal ausdrücken müsst«, beschwerte sie sich. »Zu meiner Zeit ging man mit seinem Wortschatz pfleglicher um und achtete die Gefühle seiner Mitmenschen. So eine Ausdrucksweise schickte sich zu meiner Zeit einfach nicht!«

»Mord schickt sich zu gar keiner Zeit!«, parierte die junge Frau spitz.

»Ja, da magst du ja Recht haben. Aber wir haben über so viele Dinge nicht öffentlich gesprochen. Du weißt schon. Und nun guck dir doch heute mal die jungen Mädchen an: Bauch frei und im Nabel einen großen Klunker. Du liebe Güte! Mein Vater hätte mich grün und blau geprügelt, wenn ich so nach Hause gekommen oder womöglich zur Schule gegangen wäre. Aber heutzutage kommen die ja sogar in dieser Aufmachung in die Kirche! Schamlos!« Britta seufzte. Wollte Hanne ihr klarmachen, es sei von einer Generation, die den Bauch zur Schau stellte und gepierct war, nicht anderes zu erwarten, als dass sie auch vor einem Mord in der Kirche nicht zurückschreckte?

Unauffällig sah sie sich in der kleinen Küche um. Ganz offensichtlich war die Hausfrau gerade mit den Vorbereitungen fürs Mittagessen beschäftigt, als der Besuch der Inspektorin sie unterbrochen hatte.

»Wolltest du gerade Hechtgehacktes kochen? Mhm. Das hat meine Oma auch gern gegessen. Bei keinem Familienfest durfte das auf dem Tisch fehlen – selbst bei der zweiten Hochzeit meines Vaters bestand sie darauf, dass es mit auf der Buffetkarte stand.«

Hanne grunzte nur.

»Ich koche nicht gern. Aber es ist nun mal notwendig, wenn man nicht verhungern will. Heutzutage kümmern sich ja die eigenen Kinder nicht mehr um ihre alten Eltern. Ja, früher, da war das ganz anders. Wir haben für unsere Eltern und Großeltern gesorgt. Schon als junges Mädchen habe ich täglich das Essen zu meiner Großmutter gebracht. In so einem kleinen Tiegel. Den musste sie dann nur noch aufs Feuer stellen. Aber die Zeiten sind vorbei«, jammerte die alte Dame.

Das musste wohl Hannes Lieblingsthema sein, dachte Britta und beschloss, eilig ein anderes anzuschneiden und zu ihren aktuellen Ermittlungen zurückzukehren.

»Hat es hier denn eigentlich jemals einen Rollstuhlfahrer gegeben?«, nahm sie einen neuen Anlauf.

»Nein. Ich hab jedenfalls nie einen zu Gesicht bekommen. Zu meiner Zeit hießen die noch Krüppel und wurden vor der Öffentlichkeit versteckt. Man versorgte sie im Haus. Natürlich hätte das ganze Dorf davon gewusst – aber mit Sicherheit wäre nie darüber gesprochen worden. Das ist erst heute so Mode.« Langsam riss Brittas Geduldsfaden.

»Und in der Mordnacht hast du nichts Ungewöhnliches bemerkt? Vielleicht Geräusche auf der Straße. Wenn man älter wird, braucht man nicht mehr so viel Schlaf oder man schläft schlecht. Meine Großmutter steht dann immer auf und guckt auf die Straße. Manchmal stundenlang.«

»Ach ja? Wie ungemein spannend! Was glaubst du, kann man wohl nachts auf unserer Dorfstraße sehen?«

»Du meinst, hier ist nicht genug los? Gibt es denn keine heimlichen Liebhaber auf dem Weg zum außerehelichen Rendezvous? Oder einen auf dem Heimweg torkelnden Bürgermeister, direkt nach seiner flammenden Rede zur Kampagne gegen den Alkoholmissbrauch?«

»Na, dann hätte er ihn ja auch gebraucht und nicht missbraucht«, gab Hanne giftig zurück.

So kam sie nicht weiter. Britta zögerte, noch eine weitere Frage zu stellen. Irgendwie schien Hanne alles misszuverstehen oder umzudeuten. Wie sollte man da zu einem vernünftigen Ergebnis kommen? Auf der anderen Seite wusste man nie, welche Überraschungen solche Zeugen noch in petto hatten. Britta atmete tief durch und unternahm einen weiteren Versuch.

»Was tust du denn, wenn du nachts aufwachst und merkst, dass du auf keinen Fall wieder einschlafen kannst?«

»Ich mache Nachtschicht am Telefon der Seelsorge.« Für einen Moment war Britta platt. Welcher verzweifelte Mensch sollte sich ausgerechnet mit Hanne über seine privatesten Probleme unterhalten?

Auf den Straßen von Holm herrschte nicht gerade hektische Betriebsamkeit. An einer Imbissbude sprach Britta mit einer Gruppe von Stammgästen. Keinem war das dänische Auto aufgefallen. Weder hatte in den beiden Geschäften ein Rollstuhlfahrer eingekauft, noch war an der einzigen Tankstelle des Dorfes ein Mann mit einem für Rollstühle speziell ausgerüsteten Wagen bemerkt worden.

Entmutigt beschloss Britta, eine kleine Mittagspause im Kro einzulegen.

Vielleicht würden sich am Nachmittag ein paar Kinder und Jugendliche finden lassen, die sie befragen konnte.

Lundquist und Lars saßen in der behaglichen Küche des Pfarrhauses. In den Tassen vor ihnen dampfte Tee und aus dem Radio dudelte leise Orgelmusik.

»Pfarrer Landulf mag keine andere Musik. Aber ich finde sie im Grunde auch recht beruhigend – gerade in so aufregenden Zeiten wie im Moment. Ein wenig langweilig ist sie allerdings auch«, lachte Grete gutmütig und angelte eine Gebäckdose vom obersten Regalbrett des Vorratsschrankes.

»Hier drin verstecke ich immer Weihnachtsplätzchen«, flüsterte sie den beiden Männern vertraulich zu. »Sonst isst Pfarrer Landulf die alle auf und zu Weihnachten stehe ich dann den ganzen Tag in der Küche am Ofen, um Nachschub zu backen. Da sind die Pfarrer kein bisschen besser als andere Männer.«

Sie zwinkerte Knyst zu.

Sven Lundquist warf seinem Freund, der mit fliegenden Händen und flackerndem Blick alle paar Minuten das Display seines Mobiltelefons überprüfte, einen besorgten Blick zu.

Hatte er sich damals auch so angestellt, als Anna schwanger war? Benahmen sich alle werdenden Väter so?

Gitte war im Krankenhaus gut aufgehoben. Man hatte ihr strenge Bettruhe verordnet und die Wehen wieder zum Stillstand gebracht. Dem Baby ging es auch gut – und so sollte es dem Vater auch möglich sein, sich etwas zu entspannen, dachte Lundquist.

Doch stattdessen saß Knyst mit schmalen Lippen und auf das Handy fixiertem Blick am Tisch.

Während Grete ihr selbstgebackenes Wundergebäck auf einem Teller arrangierte, entwand Lundquist den feuchten Händen seines Kollegen das Handy und legte es auf den Tisch.

Lars sah ihn gequält an.

Ob er dem Gespräch mit Grete überhaupt zuhörte? »Der Name Gunnar Thaisen sagt dir auch nichts?«

»Nein.«

Grete schüttelte so heftig den Kopf, dass ihre beeindruckende Oberweite rhythmisch mitzuschwingen begann.

»Ist das der Name des Toten?«, fragte sie.

»Nein. Nicht direkt. Aber er hat sich als Gunnar Thaisen ausgegeben. Selbst das Auto war auf diesen Namen geliehen. Der echte Gunnar Thaisen lebt in Dänemark.«

»Das ist ja ein Ding! Meine Nichte erzählte mir gerade neulich von einem Skandal bei ihr im Dorf. Da hatte jemand eine Todesanzeige in die Zeitung gesetzt – dabei lebte der Mann gesund und lustig! Alle seine Freunde waren in heller Aufregung und riefen ständig bei seiner Frau an, um ihr zu kondolieren. Das muss für die beiden ziemlich schlimm gewesen sein. Am Ende stellte sich raus, es sollte ein Scherz sein! Na, über solche Scherze kann ich wirklich nicht lachen. So was ist nicht nur sehr makaber, das ist schon richtig geschmacklos!«

»Ja, da hast du Recht. Der echte Gunnar Thaisen war auch ganz schön aufgebracht, als die Polizei seine Frau darüber informierte, man hätte in eurer Kirche seine Leiche entdeckt. Gott sei Dank«, Sven Lundquist zuckte kurz zusammen, als ihm klar wurde, dass diese Formulierung in einem Pfarrhaus eine sehr gewichtige Bedeutung haben musste, »rief sie sofort geistesgegenwärtig sein Handy an und er meldete sich! Du kannst dir sicher vorstellen, wie unangenehm uns diese Sache war.«

Lars Knyst biss in einen von Gretes duftenden Lebkuchen und erklärte ungerührt mit vollem Mund:

»Nun dachten wir eben, vielleicht hat der Name für irgendjemanden im Ort doch eine Bedeutung. Vielleicht war er ja mal im Rahmen eines Kulturprojekts als Austauschschüler hier. Oder mit seiner Familie in den Sommerferien: Ferien auf dem Bauernhof oder so.«

Er fegte ein paar Kekskrümel von seinem Ärmel. »Aber alle im Dorf betonen, dass es nie einen Rollstuhlfahrer im Ort gegeben habe«, sagte Grete.

»Bei wem könnten wir uns noch erkundigen?«, schaltete sich Lundquist ein.

»Ich weiß nicht. Die alte Hanne kennt alles und jeden und weiß über alle Dinge Bescheid. Frag doch mal bei ihr nach.«

»Er muss ja damals auch noch gar nicht auf einen Rollstuhl angewiesen gewesen sein«, sagte Lundquist. »Es ist ja durchaus möglich, dass die Behinderung Folge eines früheren Unfalls war – oder einer Erkrankung.« Sven Lundquist kämpfte mit seiner Stimme, räusperte sich und nahm einen Schluck von Gretes Tee. Narr, schalt er sich, mach dich endlich von deinen Ängsten frei, sonst steht dir dein Kopf nicht zum Denken zur Verfügung!

»Tja, das ist natürlich möglich. Aber wenn er gar nicht der Tote ist, könnt ihr ihn doch einfach danach fragen.«

»Das stimmt.«

Knyst probierte noch eine Plätzchensorte, die in der Mitte einen roten Marmeladenklecks aufwies. Ein echtes Polizistenplätzchen, dachte Lundquist. Sieht aus wie eine Stoppkelle.

»Und ihr wisst tatsächlich nichts über den Toten aus der Kirche? Es wird doch wohl hoffentlich von irgendjemandem bemerkt werden, dass er nicht mehr nach Hause kommt. Ein entsetzlicher Gedanke: zu sterben, ermordet noch dazu und von niemandem vermisst zu werden.«

»Wir konnten ihn noch nicht identifizieren«, sagte Lundquist. »Wir wissen nur eines: Er war nicht gelähmt und seine Haare waren gefärbt.«

»Ist doch eigentlich eine total verrückte Idee, oder?«, stieß Grete perplex hervor. »Da täuscht einer eine Behinderung nur vor. Wozu in aller Welt soll das gut sein?«

Ja, dachte Lundquist, wenn wir diese Frage beantworten könnten, wären wir einen gewaltigen Schritt weiter.

Pulsuz fraqment bitdi.

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