Kitabı oxu: «Seewölfe Paket 6»
Impressum
© 1976/2015 Pabel-Moewig Verlag KG,
Pabel ebook, Rastatt.
ISBN: 978-3-95439-495-1
Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de
Inhalt
Nr. 101
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 102
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 103
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 104
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 105
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 106
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 107
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Nr. 108
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Nr. 109
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 110
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 111
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 112
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 113
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 114
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 115
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 116
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 117
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 118
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 119
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 120
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9

1.
Sabreras’ Hütte war nur noch ein schwärzliches Gerippe in den höher und höher leckenden Flammen. Wie heißes Blei schmolzen die letzten Reste des Baus dahin, krümmten sich und stürzten mit Knistern und Knacken in sich zusammen. Der Feuerschein war ein Fanal in der Nacht Er erhellte die steile Wand des Talkessels und zeichnete geisterhafte Muster darauf. Die Urwaldbäume hockten da wie stumme Riesen, die abwartend dem Prasseln der Flammen und dem Rufen der Männer lauschten.
Hasard stand in steifer Haltung vor dem Munitionsdepot der Spanier. Sein Triumphgefühl war empfindlich geschwächt worden. Ihm war zumute, als habe man ihm soeben einen Faustschlag ins Gesicht verpaßt.
Denn – bei allem Erfolg der Befreiungsaktion – Sebreras, der verbrecherische Kommandant und Ausbeuter der Smaragdmine, hatte während des Kampfes das Weite gesucht. Niemand hatte ihn stoppen können. Ja, er war entwischt, ohne daß die Seewölfe und ihre Freunde es auch nur bemerkt hatten.
„Verfluchter Mist“, sagte Hasard leise. „Das hätte uns nicht passieren dürfen.“ Er blickte zu Siri-Tong, die neben ihm stand. „Aber wir fassen den Hund noch, das schwöre ich dir. Und auch die wertvolle Smaragdkrone der Chibchas holen wir uns wieder.“
„Wir müssen sofort aufbrechen, wenn wir ihn noch einholen wollen“, erwiderte die Rote Korsarin. Mut und unbeugsamer Stolz sprachen aus ihrem Blick. Auch Sabreras hatte sie nicht unterwerfen können. Obwohl er sie mit einem Messer bedroht hatte, konnte sie ihn überrumpeln.
Hasard blickte in den verfilzt und undurchdringlich wirkenden Wildwuchs des Busches. Grübelnd zog er die Unterlippe zwischen die Zähne, schüttelte dann den Kopf und sagte: „Zu Land kriegen wir ihn ohnehin nicht mehr. Das ist Tatsache.“
„Und? Meinst du damit etwa, daß er den natürlichen Hafen erreicht, in dem die Smaragdschiffe ankern?“
„Ja.“
„Himmel, Hasard, das hört sich aber entmutigend an“, sagte sie. „Gibst du etwa auf?“
Gewiß, er hatte sich nach dem Ausbruch aus der Höhle und dem Kampf plötzlich unglaublich müde und ausgelaugt gefühlt. Aber das war nur ein Moment gewesen. Aber das war vorbei. Er hob den Kopf, sah sie an und grinste. „Ich gebe mich nur keinen falschen Hoffnungen hin. Auf See haben wir bestimmt mehr Aussichten, Sabreras auch wirklich zu stellen. Das Wasser ist unser Element.“ Er beschrieb eine Gebärde zum Urwald hin. „Nicht der Dschungel, in dem der Spanier garantiert rascher vorankommt als wir.“
„Dann beeilen wir uns doch wenigstens“, forderte Siri-Tong, und ihre dunklen Augen blitzten den Seewolf an.
Hasard ging zu seinen Männern. Sie hatten sich auf dem Platz zwischen den Hütten versammelt und blickten auf die toten und verwundeten spanischen Soldaten zu ihren Füßen. Die Chibcha-Indianer wollten die Männer, die sie so furchtbar geknechtet und gequält hatten; bespucken und mit den Füßen treten. Aber Carberry stellte sich mitten zwischen sie und breitete die Arme aus.
„Laßt das!“ rief er in seinem holprigen Spanisch. „Haltet euch zurück. Hölle und Teufel, es hat doch keinen Sinn, daß ihr eure Wut jetzt noch an ihnen auslaßt!“
Es war ein kurzer und heftiger Kampf gewesen, der an Dramatik wohl kaum zu übertreffen war. Praktisch ohne Waffen hatten sich die Seewölfe von ihren Ketten befreit und auf die Spanier gestürzt – und wenn Ferris Tuckers großartige „Höllenflasche“ nicht unter den heranstürmenden Wachtposten explodiert wäre, hätte die ganze Sache ziemlich übel ausgehen können.
Hasard und seine Männer hatten auch die Siri-Tong-Piraten befreien können. Unterdessen hatten sich auch die Chibchas, diese armen Teufel, von ihren Elendslagern im Freien aufgerafft und den weißen Mitgefangenen angeschlossen.
Das war ein Fehler der Spanier gewesen. Sie hatten die Indianer unterschätzt und sie nicht einmal mehr in Ketten gelegt, weil sie geglaubt hatten, sie seien durch die Fronarbeit zu Tode erschöpft.
Die Chibchas waren zu wandelnden Skeletten abgemagert, aber der Haß in ihnen war ein glimmender Funke, der unversehens zur Flamme aufschießen konnte. So hatten die Spanier sich plötzlich einer Übermacht gegenüber gesehen. Als die Sklaven dann auch noch Schußwaffen an sich gerissen hatten, war die Partie so gut wie entschieden gewesen.
Siri-Tong hatte sich zur selben Zeit aus dem zudringlichen Griff von Sabreras befreit, dessen Hütte fluchtartig verlassen und war zwischen die Fronten geraten. Die Öllampe, die sie in der Hütte umgerissen, und das Talglicht, das sie auf Sabreras geschleudert hatte, hatten das Feuer entfacht.
Der Seewolf hatte eigentlich das Munitionsdepot in die Luft sprengen wollen, inzwischen aber eingesehen, daß er die von den Spaniern gehorteten Waffen, das Pulver und das Blei noch gut gebrauchen konnte.
Dies war der kurze Abriß des Kampfes, der nur Minuten gedauert hatte. Inzwischen schwiegen die Beutewaffen. Ruhe war eingetreten. Carberry schaffte es tatsächlich, die Chibchas dazu zu bringen, daß sie die Feinde nicht weiter mißhandelten.
Er sah sich die am Boden liegenden Soldaten an und dann brüllte er plötzlich: „Schockschwerenot, dieser Sargento ist uns durch die Lappen gegangen! Dieser elende Galgenstrick und Lumpenhund!“
Hasard steuerte auf ihn zu. Die Männer wichen zurück und gaben eine Gasse frei, durch die er hindurch konnte.
„Der Sargento also auch“, sagte Hasard. „Da haben sich die beiden Richtigen gefunden.“
Carberry sah ihn entgeistert an. „Was denn, wie denn? Mann, Hasard, ich meine, Sir – ist etwa noch jemand ausgerissen?“
„Du merkst aber auch alles“, fuhr Ferris Tucker ziemlich bissig dazwischen. Ihm wie den anderen waren die Strapazen der letzten Stunden noch deutlich anzusehen. Und auch der Kampf hatte seine Spuren hinterlassen. Ferris hatte eine Beule auf der Stirn und eine blutige Schramme, die quer über die rechte Wange lief.
Shane, der bereits etwas ahnte, fügte noch hinzu: „Dreimal darfst du raten, wer, Ed.“
Matt Davies wollte auch etwas dazu sagen, aber der Profos schoß einen derart wilden Blick auf ihn ab, daß er es lieber sein ließ.
Carberry wandte sich wieder dem Seewolf zu. „Sabreras, nicht wahr? Dieses Rübenschwein. Kaufen wir uns den Hund. Auf was warten wir noch?“ Er fuhr zu den Kameraden herum. „Ihr Stinkstiefel und Kakerlaken, sucht den Dschungel ab!“
„In welcher Richtung denn?“ fragte Smoky.
„Zum Hohlweg!“ brüllte Carberry. „Das ist doch der einzige Ausgang aus diesem Dreckskessel!“
Hidduk, der Häuptling der Santa-Barbara-Indianer, nickte sofort dazu. Carberry sprach nämlich immer noch spanisch, und das verstand der rothäutige Mann.
Blacky holte tief Luft, dann entgegnete er: „Hör zu, Ed, es ist doch klar wie Suppe, daß wir Sabreras und den Sargento dort nicht mehr abfangen können, zumal wir jetzt erst bemerkt haben, daß sie abgehauen sind. Irre ich mich, Hasard?“
„Nein. Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen.“
„Tja.“ Carberry kratzte sich verdrossen an seinem mächtigen Rammkinn. „Trotzdem. Ich melde mich freiwillig, schon mal vorzulaufen und den Hohlweg abzuriegeln. Möglicherweise versuchen die beiden Schweinehunde ja auch, uns dort wieder eine Falle zu stellen.“
„Gut, einverstanden“, erwiderte Hasard. „Dan O’Flynn, Jeff Bowie und Al Conroy, ihr begleitet den Profos. Nehmt so viele Waffen und Munition mit, wie ihr tragen könnt, verstanden?“
„Aye, Sir!“ rief Carberry.
Hasard wandte sich an Hidduk, seinen auf den Galápagos-Inseln neu gewonnenen Verbündeten und Führer. „Wenn Sabreras und der Sargento den natürlichen Hafen der Smaragdschiffe erreichen – wohin wenden sie sich dann deiner Meinung nach?“
„Nach Panama.“
„Ganz bestimmt? Nicht nach Süden?“
Der Häuptling schüttelte bedächtig den Kopf. Mit der Hand wies er in nördliche Richtung. „Hidduk ist sicher. Sabreras sagte einmal, wenn Gefahr drohe, wenn ihn hier jemand angreife, dann Durchbruch nach Panama. Dort gibt es Hilfe, Verstärkung. Sabreras wird mit vielen Schiffen erscheinen und Krieg gegen uns führen.“
Hasard warf einen Blick auf seine Männer. „Allein aus diesem Grund dürfen wir den Kerl nie und nimmer ungeschoren abziehen lassen. Außerdem hat er bestimmt eine Ladung Smaragde an Bord – und die große Krone der Chibchas. Los, Männer, löschen wir das Feuer, damit es nicht doch noch auf das Depot übergreift. Dann nehmen wir Waffen, Munition und so viele Smaragde mit, wie wir tragen können, und kehren zur ‚Isabella‘ und dem schwarzen Segler zurück.“
Die Männer liefen auseinander und führten die Befehle des Seewolfs aus. Carberry, Dan, Jeff und Al waren längst im Urwald untergetaucht. Hasard schritt langsam auf die Minenstollen zu und betrachtete die Leiber der Widersacher, die wie hingesät auf dem Untergrund verstreut lagen. Er zählte mehr als ein Dutzend Tote, drei Schwerverletzte und sechs, sieben Leichtverwundete. Er vergewisserte sich selbst, daß sie ihnen nicht mehr gefährlich werden konnten, dann drehte er sich zu Siri-Tong um.
„Wir können die Verwundeten nicht so einfach ihrem Schicksal überlassen“, sagte er. „Ich habe den Kutscher leider nicht dabei, aber ich lasse sie so gut wie irgend möglich verarzten.“
„Deine unverbesserliche Menschlichkeit“, murmelte sie.
„Hast du einen besseren Vorschlag?“
„Nein. Natürlich hast du recht“, erwiderte sie. „Wir dürfen nicht die Scharfrichter spielen. Daß Soldaten letztlich nur den Befehlen ihrer Vorgesetzten gehorchen, ist mir auch klar. Aber bedenke eins. Was wir nicht tun, führen die Chibcha-Indianer aus, sobald wir fort sind.“
„Wir werden darüber noch mit ihnen sprechen. Wie sieht es bei deiner Crew aus?“
„Keine ernsten Verletzungen. Nur Kratzer.“
„Bei meinen Männern zum Glück auch.“ Hasard streckte den Arm aus und hielt Ferris Tucker fest, der gerade an ihm vorbeilaufen wollte. „Kümmert euch um die verletzten Spanier“, ordnete er an. „Ich spreche inzwischen mit den Indianern.“
Er winkte Hidduk, Atasc und den anderen beiden Serranos zu, und sie begaben sich gemeinsam zu den Chibchas. Die hatten sich inzwischen vor einer der Hütten zusammengeschart und berieten offenbar miteinander.
Sie waren ein Grüppchen jammervoller Gestalten, Männer, Frauen, Kinder, die einem auf den ersten Blick nur Mitleid abverlangen konnten. Und doch wußte der Seewolf, daß er sie auf andere Art nehmen mußte. Sie wollten eher Achtung als Erbarmen und beriefen sich auf ihre Würde.
Zwei von ihnen, Halbwüchsige, hatte Hasard vor der Knute der Aufseher geschützt. Das hatten ihm die Chibchas nicht vergessen. Seine Tat war das auslösende Motiv für ihr Eingreifen während des Kampfes gewesen. In ihren Augen lag ein Ausdruck, der Hoffnung und neuen Lebenswillen verriet.
Als Hasard verharrte, trat einer von ihnen dicht vor ihn hin. Er war bis auf die Knochen abgemagert, seine ledrige Gesichtshaut war voller Falten und erfüllte die Höhlungen mit schlaffen Runzeln. Schlohweißes Haar hing in Strähnen bis auf seine Schultern.
Er sagte etwas in seiner Sprache.
„Verstehst du das?“ wandte sich der Seewolf an Hidduk.
„Nur einige Worte. Er spricht von Dankbarkeit der Chibchas.“
Hasard hob beide Hände, als der alte, weißhaarige Indianer geendet hatte. „Laßt uns spanisch miteinander reden. Ich weiß, daß ihr die Sprache eurer Feinde wie die Pest haßt, aber es ist die einzige Möglichkeit, uns zu verständigen. Ich habe mich übrigens bei euch zu bedanken, denn ohne euch hätten wir leicht scheitern können. So aber haben wir uns gemeinsam die Freiheit erkämpft.“
Der Weißhaarige sah ihm in die Augen. Ihre Blicke schienen sich ineinander zu verfangen.
„Lobo del Mar“, sagte der Alte mit hartem Akzent. „Payán, der Häuptling des Chibcha-Volkes, will sich dir anschließen. Er ist dein gehorsamer Diener.“
„Schlag dir das aus dem Kopf“, erwiderte Hasard. „Ihr seid frei und nur euch selbst verantwortlich.“
„Die Götter haben dich geschickt, Lobo del Mar.“
„Nein, das glaubst du nur.“
„Du hast uns gegen die Viracochas, die weißen Männer mit den schwarzen Bärten, geschützt“, sagte Payán. „Das vergessen wir dir nie.“
„Ihr habt euch bereits revanchiert“, erklärte Hasard. „Reden wir nicht mehr davon. Ihr müßt euch jetzt von hier absetzen und euch so tief wie möglich in den Urwald zurückziehen. Die Spanier dürfen keine Spur mehr von euch finden.“
Payán wollte vor ihm niederknien, aber Hasard hinderte ihn daran, indem er ihn an den Armen festhielt.
Hidduk war neben ihnen und sagte: „Widersprich dem Seewolf nicht, Payán. Sein Wort ist Befehl.“
Der Chibcha nickte. Plötzlich weiteten sich seine Augen, und er schaute Hasard noch einmal so durchdringend wie vorher an. „Sabreras! Gestern hat er die Esmeraldas, die Tränen der Götter, mit Maultieren auf seine Schiffe bringen lassen – viele grüne Steine …“
„So viele, wie Fische im Meer sind“, sagte Hidduk.
„Gut, daß du mir das gesagt hast“, erwiderte Hasard. „Ich will verhindern, daß Sabreras sie in ein Privatversteck schafft – oder aber nach Panama. Die Steine gehören ihm nicht. Auch der spanischen Krone nicht. Sie sind Eigentum der Chibchas.“
Payán wedelte mit der Hand. Er war immer noch sehr erregt. „Nein! Die Chibchas wollen die Tränen der Götter nicht mehr. Sie haben ihnen in der letzten Zeit nur noch Unglück gebracht. Auch die Krone, die den Fluch der Götter von ihnen abwenden sollte – sie gehört Lobo del Mar. Ihm bringt sie Glück!“
„Das kann ich nicht annehmen“, antwortete Hasard.
„Das mußt du annehmen“, erklärte Hidduk lächelnd.
Und Siri-Tong meinte: „Ich glaube, wir können es ruhigen Gewissens tun. Auch wenn wir uns hier die Taschen mit Smaragden vollstopfen, bleiben immer noch genügend für die Indianer zurück. Mehr, als sie tragen können.“
Sie wies auf die funkelnde Pracht, die sich mitten auf dem Lagerplatz häufte. Die schimmernden Zweikaräter waren die Ausbeute eines einzigen Tages – im Tagebau und in den Stollen der Mine gewonnen. Das rotgelbe Licht der ersterbenden Flammen brach sich in dem transparenten Gestein und rief bezaubernde Reflexe hervor. Allein dieses Anblicks wegen hätten sich Menschen zu Gewalttaten hinreißen lassen. Denn der Glanz der Smaragde siegte über die Vernunft und löste ein Fieber aus, dem nur die Stärksten zu trotzen vermochten.
Wenig später erreichten Hasard und seine Männer den Hohlweg, der aus dem Kessel führte. Sie hatten sich schwer mit Waffen, Munition und Diamanten beladen und stiegen heftig atmend und fluchend den mit Geröll übersäten Pfad hinauf.
Carberry trat ihnen entgegen. Er war ein wuchtiger Schatten in der Nacht. Bei seinem Anblick griff Matt Davies unwillkürlich zur Pistole.
„Narr“, zischte der Profos. „Bist du blind, oder was ist los?“
„Die Nerven spielen mir einen Streich“, sagte Matt ärgerlich.
„Paß auf, daß ich dir keinen Streich spiele.“
„Ed“, sagte der Seewolf. „Hör auf. Wir sind alle müde und zerschunden, es hat keinen Sinn, daß wir uns auch noch anblaffen. Was ist, habt ihr etwas entdeckt?“
„Nichts. Aber ich habe Conroy als Posten im Hohlweg aufgestellt und O’Flynn und Bowie als Späher losgeschickt. Sie sollen sofort schießen, wenn sie die beiden Halunken entdecken.“
Carberrys Stimme klang tief und kehlig, ein Fremder hätte es ihm gegenüber mit der Angst zu tun kriegen können.
„Gut.“ Hasard drehte sich um und winkte den anderen zu. „Weiter, wir haben keine Zeit zu verlieren.“
Sie klommen den Hohlweg hoch, der ihnen am Nachmittag zum Verhängnis geworden war. Hier hatten sie der schneidige, karrierebewußte Sargento und die Soldaten gestellt – und Hasard hatte sich die bittersten Selbstvorwürfe gemacht, weil er in die Falle getappt war.
Al Conroy erwartete sie am oberen Drittel des Hohlweges. Er gab ihnen ein Zeichen und sagte: „Alles in Ordnung, die Luft ist rein.“
„Sicher“, brummte Juan, Siri-Tongs Bootsmann. „Sabreras und der Narr von einem Sargento werden doch nicht so blöd sein, uns zu zweit einen Hinterhalt zu legen. Das wäre glatter Selbstmord.“
„Unterschätze Sabreras nicht“, sagte Siri-Tong. „Er ist zu allem fähig. Auch dazu.“
Sie schritten weiter voran, und Al Conroy schloß sich ihnen an.
Kurz darauf trafen sie im Busch auf Dan O’Flynn und Jeff Bowie. Sie waren beide ziemlich außer Atem.
„Nichts“, stieß Dan aus. „Wir sind gelaufen, aber die beiden Schufte sind wie vom Erdboden verschluckt. In dieser Fieberhölle ist das keine Schwierigkeit – ich meine, ungesehen zu verschwinden. Aber ich bin überzeugt, sie sind gerannt, als hätten sie sämtliche Teufel und Dämonen der Finsternis im Nacken. Deshalb haben sie einen Vorsprung, den wir nicht mehr einholen können.“
Hasard fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Sie waren feucht und klebrig, er hatte wieder zu schwitzen begonnen. Auch die Nacht brachte keine nennenswerte Abkühlung. Ein feucht-stickiger Schleier lastete auf dem Höhenzug der Cordillera Occidental und schien die Menschen, die sich bis hierher verirrten, umklammern zu wollen.
„Weiter“, sagte der Seewolf. „Wenn wir zügig marschieren, erreichen wir unsere Schiffe kurz nach Mitternacht. Hidduk führt uns wieder.“ Er schaute zu Bill the Deadhead. „Paßt auf, daß ihr nicht schlappmacht, ausrutscht, einen Fehltritt tut. Ihr wißt, wie leicht man hier krepieren kann.“
„Und ob“, erwiderte Bill. Er wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Oh, er würde nie vergessen, wie der Seewolf ihn unter Einsatz seines Lebens vor dem Sturz in den Abgrund gerettet hatte.
Hasard, Hidduk und Siri-Tong übernahmen die Spitze der Kolonne. Schweigend bahnte sich der Trupp einen Weg durch das dampfende Dickicht – dreißig Männer und eine betörend schöne, hartnäckige Frau.
2.
Sabreras stolperte den Hang hinunter, glitt aus, wälzte sich im Morast und blieb in einem Gesträuch hängen. Seine Hände waren um die wenigen Habseligkeiten verkrampft, die er bei der Flucht aus dem Lager der Mine hatte mitnehmen können: einen Jutesack mit der Smaragdkrone und anderem Schmuck darin, eine Ledermappe mit wichtigen Schriftstücken und eine reich verzierte Radschloßpistole.
Sein Gesicht war verzerrt. Er fluchte, und beinahe verlor er die Ledermappe, aber er mußte sie festhalten, koste es, was es wolle, denn in den sorgfältig beschrifteten Dokumenten war festgehalten, daß die Mine Seiner Allerkatholischsten Majestät, Philipp II. von Spanien, gehörte – und was sie bisher an Produktion abgeworfen hatte. Er mußte sie unbedingt dem Gouverneur von Panama überbringen. Niemals durften sie dem Feind in die Hände fallen.
Denn nur der König, kein Spion, hatte das Recht zu wissen, wie reich er war.
Und nur einer war im Bilde, wie das Verhältnis zwischen den offiziellen Zahlen und der wahren Produktion an Smaragden war: Sabreras. Er hatte es immer überzeugend darzulegen gewußt. Das war seine Lebensversicherung. Erfuhren seine Befehlshaber, daß er in die eigene Tasche gescheffelt hatte, dann war ihm das Todesurteil durch ein Kriegsgericht sicher.
Im Augenblick fühlte er sich dem Tod näher als dem Leben. Er war über und über beschmutzt und stank. Die Flucht durch den Dschungel hatte ihm alles abverlangt. Er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Oben in den Bergen war er zweimal fast abgestürzt. Einmal hatte ihn beinahe eine giftige Schlange gebissen.
Der Sargento hatte ihn vor diesem Ende bewahrt. Er hatte der Schlange mit einem Säbelhieb den Kopf vom Rumpf getrennt.
Sabreras hatte diesen Mann unterwegs eigentlich aus dem Weg räumen wollen. Er gehörte nämlich nicht zu den wenigen „Eingeweihten“, die von Sabreras’ Schatzversteck wußten und an der Ausbeute beteiligt waren.
Aber ohne den Sargento wäre er niemals bis hierher, ins Vorland der Cordilleras, gelangt. Er hätte sich bei ihm bedanken müssen.
Aber das lag ihm nicht. Er fluchte nur, spie Übelkeit und Widerwillen aus und richtete sich halbwegs an dem Gedanken auf, wie er dem Seewolf und seinen Gefährten noch zusetzen würde.
Er kroch aus dem Busch und hastete weiter.
„Comandante“, keuchte der Sargento hinter ihm. „Ich – ich glaube, die Richtung stimmt nicht. Wir müßten uns weiter nördlich halten.“
„Narr. Wie willst du das wissen?“
„Die Sterne …“
„Glaubst du Landratte, dich besser daran orientieren zu können als ein erfahrener Seemann?“ zischte Sabreras. „Schweig jetzt. Ich kann dein Gewäsch nicht mehr hören. Deinetwegen bin ich hingefallen.“
Der Sargento wollte aufbegehren, beschränkte sich aber lieber doch auf ein gemurmeltes „Si, Senor Comandante.“
Auf der Kuppe eines der letzten Hügel zwischen Bergland und Küste verhielt Sabreras unversehens seinen Schritt. Sein Begleiter prallte beinahe gegen ihn. Verstört blieb er dicht hinter ihm stehen. Sabreras würdigte ihn keines Blickes, er blickte nur starr voraus, nach Westen.
„Da ist eine Bucht“, raunte er. „Und es liegen Schiffe darin.“
„Heilige Mutter Gottes, wir haben es geschafft“, sagte der Sargento.
„Nein. Das ist nicht unsere Bucht.“
„Nicht – unsere …“
„Du elender Nichtsnutz“, fuhr der Kommandant ihn an. „Wenn du mich nicht irritiert hättest, wären wir nicht in die verkehrte Richtung gelaufen. Aber ich weiß jetzt, wo wir sind. Das da ist die Bucht, die zehn Meilen südlich unseres natürlichen Hafens liegt. Und die Schiffe gehören dem Seewolf. Hidduk hat ihn dorthin geführt, er wußte von der Bucht, dieser rote Bastard.“
„Senor“, sagte der Sargento. „Wir haben Waffen. Wir können die Kerle auf den Schiffen überfallen. Viele können es nicht sein. Der Großteil der Besatzungen befindet sich ja noch in der Mine, bei El Lobo del Mar.“
Sabreras musterte ihn von der Seite, als wäre er vom Aussatz befallen. „Por Dios. Wer hat dich bloß befördert? Es wäre unser Ende, wenn wir uns auch nur in die Nähe der Bucht begeben würden. Sie sind auf der Hut, diese Hunde, und sie würden uns aufgrund der Beschreibungen von Hidduk auch sicherlich identifizieren – zumindest mich.“
„Was tun wir dann?“
„Wir wenden uns nach Norden, gehen an Bord der ‚Esperanza‘ und laufen aus, um die Bastarde zu erledigen. Verdammt, die Boten, die ich von der Mine aus zum Verband geschickt habe, müssen längst dort eingetroffen sein. Warum suchen meine Männer die Schiffe des Seewolfs nicht?“
„Sicher tun sie es“, erwiderte der Sargento. „Aber die Bucht liegt versteckt. Wer nichts von ihrer Existenz weiß, segelt unweigerlich daran vorbei.“
Sabreras fluchte wieder leise vor sich hin, aber insgeheim gab er dem Sargento recht. Er, Sabreras, hatte seine Untergebenen nicht über die versteckte Bucht unterrichtet. Absichtlich nicht. Er hatte sich gesagt, eines Tages könne sie ihm irgendwie von Nutzen sein.
Daß aber genau das Gegenteil der Fall war, brachte ihn noch mehr zur Raserei.
„Gehen wir“, sagte er. „Ich will zu meinen Schiffen – und wenn ich das letzte Stück auf allen vieren kriechend zurücklegen muß.“
Aber er verfügte doch noch über größere Kraftreserven, als er selbst angenommen hatte. Aufrecht gehend, wenn auch leicht wankend, erreichte er nach Mitternacht den Hafen der Smaragdschiffe. Schon aus einiger Entfernung sah er ihr skeletthaftes Mastwerk in der Dunkelheit aufragen. In der geräumigen Bucht ankerten auch die Kriegssegler, die die Küste sicherten und den Frachtgaleonen auf dem Weg nach Panama und zurück Geleitschutz gaben.
„Sargento“, sagte Sabreras.
„Hier bin ich, Comandante.
„Lauf voraus und sorge dafür, daß die Posten an Land ein Boot für mich bereithalten.“
„Si, Senor.“
Der Sargento stolperte voran, seine Gestalt wurde von der Dunkelheit verschluckt. Insgeheim malte Sabreras sich schon aus, wie er von einem der Wachtposten erschossen wurde. Durch die Boten, die Sabreras geschickt hatte, waren sie ja von der Anwesenheit des Seewolfs unterrichtet worden. Und sie waren nervös genug, um einen auf sie zuhetzenden. Mann durch eine Kugel zu stoppen, bevor sie ihn zu identifizieren versuchten.
Es kam dann aber doch anders. Sabreras hörte den Sargento rufen. Irgend jemand antwortete ihm, und der Kommandant schloß aus den Wortfetzen, daß der Sargento erkannt worden war.
Fahr zur Hölle, dachte er.
Selbst konnte er den pflichtbewußten Mann nun nicht mehr töten. Es war zu spät dazu. Es gab zwei Möglichkeiten: entweder stellte der Sargento in der nahen Zukunft keine kompromittierenden Fragen, dann war alles in Ordnung. Oder er erinnerte sich der Bemerkungen, die der Seewolf, die Rote Korsarin und einige ihrer Männer in der Mine hatten fallenlassen. Bohrte er weiter, um die Wahrheit zu erfahren, würde Sabreras ihn zu bestechen versuchen.
Er schritt auf das Ufer der Bucht zu. Der Sargento hatte alles Notwendige veranlaßt. Ein Boot lag im Flachwasser bereit, Soldaten und Seeleute bildeten zwei Reihen und salutierten zur Begrüßung.
Sabreras verharrte und schaute zu den Schiffen.
Da lag die „Esperanza“, seine Galeone, ein ausgesprochen schönes, aufwendig gebautes und reich verziertes Schiff. In den Frachträumen lagerten die Truhen, die er am Vortag hatte hinschaffen lassen. Sie waren bis zum Rand mit Smaragden und Smaragdschmuck gefüllt.
Weiter ankerten da eine unbeladene Transportgaleone, zwei Kriegskaravellen – und was war das?
Ja, ganz am nördlichen Ufer der Bucht schwojte ein Etwas an der Ankerkette, das man als Schiff kaum noch bezeichnen konnte. Die drei Masten waren zu Stummeln reduziert, das Schanzkleid und die Aufbauten arg ramponiert – ein Bild des Jammers.
„Was ist das? Was hat das zu bedeuten?“ stieß Sabreras hervor.
„Senor“, erwiderte einer der Seeleute. „Ich bin einer der Überlebenden des Gefechts, das wir östlich der Isla de Malpelo mit zwei Schiffen gehabt haben. Ich gehöre zur Besatzung der Galeone ‚Santa Margarita‘, die Sie dort liegen sehen.“
„Das ist die ‚Santa Margarita‘?“ sagte Sabreras entsetzt.
„Das war sie“, erwiderte der Seemann erbittert. „Es geschah in der vergangenen Nacht. Wir patrouillierten vor der Küste und trafen mit diesen verdammten beiden fremden Schiffen zusammen. Dann …“
„Genug“, schnitt der Kommandant ihm das Wort ab. „Den Rest höre ich mir auf meinem Schiff an. Signalisiert sofort allen Schiffsführern. Ich halte eine Lagebesprechung auf der ‚Esperanza‘ ab.“
Das Boot brachte ihn zu der Galeone hinüber. Während die Männer auf den Duchten schweigend pullten, hockte Sabreras tief in seine Gedanken verstrickt da. Einiges konnte er sich bereits zusammenreimen.
Ein Seegefecht. Zwei fremde Schiffe, die einen gut armierten spanischen Verband aufgerieben hatten. Das konnten nur der Seewolf und Siri-Tong gewesen sein.
Das werdet ihr mir büßen, dachte Sabreras.
Er ging an Bord seines Flaggschiffes. Wenig später setzte auch der Sargento mit einem anderen Boot über, aber zu diesem Zeitpunkt befand sich Sabreras bereits in seiner Kammer im Achterkastell und hieb mit der Faust aufs Pult. Er hatte sich gesäubert, die Kleidung gewechselt und fühlte sich bereits wieder bedeutend wohler in seiner Haut, wenn der Haß ihn auch aufzuzehren drohte.
„De Vargas und Mangusto“, sagte er mit bebender Stimme. „Ich verlange augenblicklich eine Erklärung für das, was hier vorgeht.“
Aurelio de Vargas war der Kommandant der „Santa Margarita“, diese wiederum fungierte als Flaggschiff des Geleitschutzes. Er sprach ruhig, war ein hochgewachsener, besonnener Mann um die Mitte der Vierzig, aber die Spuren des Erlebten zeichneten als Kerben und Schatten sein Gesicht.
Er schilderte die Schlacht bei der Isla de Malpelo. Er konnte sogar die Personenbeschreibungen der feindlichen Schiffskommandanten geben.
„Also doch! Der Seewolf und die Rote Korsarin“, sagte Sabreras, als der Mann geendet hatte. „Das habe ich mir gedacht. Wo sind die Überlebenden der Karavelle, die von diesem schwarzen Viermaster versenkt worden ist, de Vargas?“
„Sie haben sich mit Beibooten absetzen können und sind gestern abend zu uns gestoßen.“
„Und die Galeone, das dritte Schiff des geschlagenen Verbandes?“
„Ist nicht wieder zurückgekehrt.“
„Ich entnehme Ihrem Bericht, daß der Kapitän sich feige aus dem Kampf zurückgezogen hat“, sagte Sabreras. Seine Augen waren schmal und blickten unsagbar kalt. „Das ist Fahnenflucht. Ich verurteile diesen Mann und seine Besatzung mit sofortiger Wirkung zum Tode und werde meinen Schuldspruch vom Gouverneur in Panama bestätigen lassen. Wer immer diese elenden Lumpen entdeckt, kann sie als Vogelfreie töten.“ Er wandte sich seinem Ersten Offizier zu, der bisher schweigend dagesessen hatte. „Mangusto – ich vermisse drei weitere Schiffe unseres Gesamtverbandes hier in der Bucht.“
Lopez Mangusto erhob sich. Er war mittelgroß, stämmig gebaut, muskulös und fast von athletischer Statur. Ein dichter schwarzer Vollbart rahmte sein Gesicht. „Senor Comandante, es handelt sich um die Galeone und die beiden Karavellen, die ich ausgesandt habe, als die Boten aus der Mine eingetroffen sind und mir Meldung erstattet haben. Sie suchen die Schiffe des Seewolfs. Kurz nach ihrem Auslaufen kehrte die Galeone zurück, die ich auf Patrouillenfahrt nach Süden geschickt hatte. Sie brachte die ‚Santa Margarita‘ im Schlepp mit. Die Schiffe des Seewolfs haben wir bisher noch nicht entdeckt. Comandante – wollen Sie uns nicht endlich sagen, was in der Mine vorgefallen ist?“
Sabreras setzte es ihnen auseinander. Ihre Augen weiteten sich, und besonders de Vargas und Mangusto kriegten immer längere Gesichter. Sie gehörten zu den Eingeweihten, die an dem großen Schatz auf San Cristóbal beteiligt waren. Als sie vernahmen, daß der Seewolf mit den Serranos paktiert hatte, wußten sie natürlich Bescheid.
„Der Seewolf wird so viele Smaragde wie möglich auf seine Schiffe schaffen“, sagte Sabreras zum Schluß. „Aber wir werden sie ihm wieder abjagen und ihn und seine Bande von Galgenstricken töten. Wir haben genügend Schiffe, um es schaffen zu können – und ich weiß, wo die Galeone ‚Isabella‘ und dieser verfluchte schwarze Viermaster ankern.“
Sie starrten ihn entgeistert an. Sabreras kostete ihre Verblüffung voll aus, er war wieder völlig Herr der Lage und sonnte sich in seiner Führerposition.
Eigentlich hatte er im ersten Schreck wirklich nach Panama flüchten wollen. Aber er hatte eingesehen, daß es töricht war. Es war besser, dem Seewolf eine Falle zu stellen und sich die gesamte Beute zurückzuholen. Dabei würde es ihm schon gelingen, den Anteil von den Galapagos wieder heimlich beiseite zu räumen und zu verstecken.
Und wenn er den Seewolf, Siri-Tong und deren Crews zu den Fischenschickte, gab es niemanden mehr, der ihn eventuell beim Gouverneur von Panama anschwärzen konnte – außer dem Sargento vielleicht.
3.
Hasard durfte aufatmen. Sie hatten den Weg durch den Dschungel glimpflich hinter sich gebracht – trotz der Dunkelheit und aller anderen Widrigkeiten. Erschöpft trotteten sie aus dem Gebüsch auf den Sandstrand der Bucht. Es gab ein beinahe ergreifendes Wiedersehen mit den zur Wache eingeteilten Männern – und dann, wenige Minuten darauf, an Bord der Schiffe.
Hasard blickte sich erstaunt auf dem Oberdeck der „Isabella VIII.“ um.
„He, Ben“, sagte er. „Was wird denn hier gespielt? Ihr seid ja alle auf den Beinen – und die alte Lady ist gefechtsklar.“
Ben lächelte grimmig. „Der schwarze Segler auch. Wir halten Augen und Ohren offen und sind auf der Hut. Bill, unser Schiffsjunge, hat kurz nach Einbruch der Dunkelheit Schiffe gesichtet. Zuerst die ‚Santa Margarita‘, die wie eine lahme Ente bei einer anderen Galeone im Schlepp hing, dann zwei Karavellen und eine Galeone der Spanier, die zuerst direkt auf die Bucht zuzulaufen schienen.“
„Sabreras’ Männer“, entgegnete Hasard. „Sie suchen uns. Hört zu.“
In knappen Zügen setzte er ihnen auseinander, was sich in der Mine zugetragen hatte. Ben Brighton blickte dabei zu dem Papagei Sir John, der sich auf Carberrys breiter Schulter niedergelassen hatte und seinen Herrn zärtlich ins Ohr zwackte.
„Ich hab’s ja geahnt“, murmelte. Ben. „Thorfin Njal, dieser behelmte Nordpolbär, wollte es nicht wahrhaben, aber fast wäre das Ganze in die Hose gegangen, und zwar gründlich. Wir haben hier keine Schüsse und auch keine Explosion vernommen, als ihr euch befreit habt. Sonst hätte ich doch noch einen Trupp Männer losgeschickt.“
„Der Wind hat die Laute davongetragen“, erwiderte der Seewolf. „Außerdem liegt die Mine zu weit landeinwärts. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Ich habe meinen Plan bereits mit Siri-Tong abgesprochen. Wir ziehen die Landwachen ab. Alle Mann an Bord, und dann nichts wie ankerauf und auf die offene See hinaus! Wir folgen Sabreras!“
Die Männer lösten sich aus ihrer Bewegungslosigkeit. Während der Seewolf sich direkt aufs Achterdeck begab, stürzte die Crew zum Spill von Bug- und Heckanker, schob die Handspaken hinein und begann zu drehen. Die Trossen knarrten, die mächtigen Stockanker hoben sich vom Grund der Bucht und schwebten nach oben.
Drüben auf dem schwarzen Schiff gingen die Vorbereitungen zum Auslaufen mit der gleichen Schnelligkeit und Behendigkeit vonstatten. Zwischen Siri-Tong und dem Seewolf bedurfte es keiner weiteren Absprache mehr. Der Aufbruch erfolgte mit großer Routine und in fast gespenstischer Stille. Sogar Carberry verzichtete auf sein übliches Gebrüll, denn der Verband, der nach ihnen fahndete, konnte sich in der Nähe befinden.
Hasard ließ die Zurrings der Piragua auf dem Achterdeck lösen. Er gab seinen Männern einen Wink, und kurz darauf hob sich das einmastige Gefährt der Indianer ein Stück, schwebte über das Backbordschanzkleid weg und pendelte in seinen Galgen über der schwarzen Wasserfläche.
„Was tust du?“ fragte Hidduk überrascht.
„Ich lasse deine Piragua abfieren“, erklärte Hasard ihm ruhig. „Unsere Wege trennen sich hier. Du hast dich großartig verhalten und dein Wort nicht gebrochen, Hidduk. Wir sind Freunde geworden. Trotzdem will ich alles Weitere selbst erledigen.“
Hidduk zog überrascht die Augenbrauen hoch. Seine Stirn war gefurcht, seine Lippen aufgeworfen, seine Miene spiegelte einen ärgerlichen Ausdruck.
„Du brauchst mich also nicht mehr. Du willst mich und meine drei Krieger – ausbooten.“
Hasard lächelte und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Aber nein, so darfst du das nicht auffassen. Ihr müßt jetzt zu eurem Stamm auf San Cristóbal zurückkehren, denn dort werdet ihr dringender benötigt als hier. Was uns betrifft, so hast du bereits mehr als nur deine Schuldigkeit getan, Hidduk.“
„Ich will Sabreras.“
„Überlaß ihn mir.“
„Das ist nicht gerecht, Lobo del Mar.“
Hasard widersprach: „Ich denke dabei an deine Leute. Wenn Sabreras wider Erwarten doch der Durchbruch nach Panama gelingt, könnte er aus Rache einen Verband Kriegsschiffe nach San Cristóbal schicken. Ihr müßt auf jeden Fall von dort fort – und wer anders als du soll wohl den Aufbruch veranlassen?“
Hidduk überlegte. „Gut“, sagte er schließlich. „Lobo del Mar ist wie immer ehrlich. Ich lese es in seinen Augen. Aber er soll nicht denken, daß Hidduk sich aus Feigheit zurückzieht.“
„Niemals würde ich das tun“, erwiderte Hasard ernst.
Ben Brighton hatte mitgehört und trat näher auf sie zu.
„Hasard, mir ist gerade eingefallen, daß ja auch die Chibcha-Indianer gefährdet sind“, sagte er. „Sabreras könnte leicht eine Strafexpedition unternehmen – noch von der Ankerbucht seiner Schiffe aus. Was können wir tun, um die Chibchas vor seiner Vergeltung zu schützen?“
„Ich habe sie bereits in den Urwald geschickt“, sagte Hasard. „Sie sind dort zu Hause, werden sich durchschlagen und irgendwo ein Dorf gründen – tief im Dschungel, wo die Dons sie nicht mehr finden. Auf diese Weise habe ich übrigens auch verhindert, daß sie die verwundeten spanischen Soldaten töteten, die in der Mine zurückgeblieben sind.“
„Na, dann brauchen wir uns darum ja nicht mehr zu kümmern“, sagte Ben erleichtert.
„Ben, laß Hidduks Anteil an den Smaragden, die wir aus der Mine mitgebracht haben, in die Piragua verfrachten.“
„Aye, Sir.“
Ben suchte das Quarterdeck auf, um den Befehl weiterzuleiten, aber Hidduk stellte sich mit erhobenen Händen vor den Seewolf hin. „Nein! Niemals! Hidduk lehnt ab! Das können die Serranos nicht annehmen!“
„Du hast dir die Tränen der Götter verdient“, sagte Hasard. „Beleidige mich nicht, indem du ablehnst. Eines Tages wird dein Stamm die Steine gut gebrauchen können. Ich denke, ihr werdet einige Jahre in Ruhe leben können – ohne fremde Schiffe entern zu müssen.“
Hidduk wollte wieder protestieren, aber dann stieß er ein rauhes Lachen aus. „Lobo del Mar hat wieder gesiegt. Hidduk wird dein ewiger Freund bleiben. Er schwört es.“
„Danke. Der Seewolf auch“, erwiderte Hasard.
„Wir werden in unsere Heimat zurücksegeln.“
„Nach Neu-Albion?“
„Ja. In das Land, das die Spanier Neu-Spanien oder California nennen.“ „Eines Tages besuchen wir euch dort.“
„Vor der Siedlung Santa Barbara liegen drei große Inseln im Meer“, sagte Hidduk, und es klang feierlich. „Dort warten wir auf euch. Der Seewolf muß sein Wort halten.“
„Das tut er auch“, versicherte Hasard ihm. „Nur den genauen Zeitpunkt kann ich dir nicht nennen. Vorher wollen wir nach China, in das Land der Drachenschiffe und Mandarine, der Zopfmänner und der tausend Rätsel. Aber wir sehen uns wieder – irgendwann.“
Etwas später waren die vier Indianer in die Piragua abgeentert. Sie setzten noch zum schwarzen Schiff über, Hidduk wollte sich auch von Siri-Tong und ihrer Mannschaft verabschieden. Für kurze Zeit begab er sich über die Jakobsleiter auf die Kuhl hinauf.
Dort sagte er zu der Roten Korsarin: „Siri-Tong war mißtrauisch, aber jetzt hat sie keine Zweifel mehr.“
„Das hast du gemerkt?“ erwiderte sie erstaunt.
„Der rote Mann liest in den Gesichtern der Menschen.“
Sie sah ihn offen an. „Gut, du hast recht. Ich dachte, du wärst weiter nichts als ein durchtriebener indianischer Pirat, der uns bei der erstbesten Gelegenheit die Gurgeln durchschneiden würde.“
Hidduk lachte wieder auf. „Siri-Tong ist eine ehrliche Frau.“
„Gut, daß wir uns jetzt verstehen …“
„Wenn Lobo del Mar, der Roten Korsarin oder ihren Männern etwas zustößt, kehrt Hidduk in dieses Land zurück und rächt sie“, sagte der Häuptling noch. Damit wandte er sich ab, kletterte über das Schanzkleid und kehrte in seine Piragua zurück.
Atasc und die beiden anderen Krieger verneigten sich vor Siri-Tong und ihrer Crew, dann folgten sie ihm.
Die Piragua löste sich von „Eiliger Drache über den Wassern“ und glitt in die Nacht hinaus. Der Wind hatte gedreht und blies jetzt aus Süden. Er griff in das einzige Segel des kleinen Schiffes, blähte es und verlieh der Piragua mehr Fahrt.
„Erstaunlich, das so was seetüchtig ist“, sagte Ferris Tucker. „Ich hab immer noch nicht begriffen, wie die Indianer damit einen Sturm abreiten wollen. Es will mir einfach nicht in den Kopf.“
„Sie sind Meister der Seefahrt und des Schiffbaus“, meinte Hasard. Er stand mit verschränkten Armen auf dem Achterdeck und blickte den Serranos nach. „Hidduk hat mir erzählt, daß ihre Frauen als erstes ein kaltes Bad nehmen, wenn sie ein Kind zur Welt gebracht haben – mit dem Neugeborenen. Dies ist ihr erster Kontakt mit der See oder den Flüssen, und sie scheinen nicht nur mit dem Element verwachsen, sondern ihm sogar entsprungen zu sein. Wir werden lernen, diese Menschen immer mehr zu respektieren.“
Die Piragua hatte die Ausfahrt der versteckten Bucht passiert. Ihre Konturen verschmolzen mit den Sträuchern, die über die Ufer hinauswucherten und sich auf dem Wasser zu treffen schienen. Die Piragua steuerte in die Nacht hinaus, nach Westen. Hasard sah als letztes die hoch aufgerichtete Gestalt Hidduks am Heck des seltsamen Gefährts stehen.
Dann ging auch die „Isabella“ an den Wind und steuerte auf die Passage zu.
Hasard enterte zu Dan O’Flynn in den Großmars auf. Dan hatte gleich nach dem Eintreffen an Bord wieder seinen gewohnten Posten als Ausguck eingenommen. Er war schmutzig und abgekämpft, aber das beeinträchtigte seine Sehfähigkeit nicht.
„Keine Spur von Feindschiffen“, sagte er. „Vielleicht haben sie es aufgegeben, nach uns zu suchen.“
„Glaubst du das im Ernst, Dan?“
„Nein, ich sag’s nur so daher …“
„Ich rechne ziemlich fest damit, auf diesen Dreierverband zu treffen, der nach Bens Aussage beinahe in die Bucht geraten wäre.“
„Und weiter?“
„Wir wagen den Durchbruch.“
„Und schießen diese Dons zusammen, wolltest du sagen.“
Hasard maß ihn mit einem tadelnden Blick. „Du nimmst den Mund mal wieder zu voll, Dan.“
„Wir sind alle ziemlich fertig, aber wir haben auch immer noch eine Stinkwut auf Sabreras und seine Leute im Bauch, vergiß das nicht“, sagte Dan. Diesmal war er stockernst.
„Auf jeden Fall segeln wir stur nach Norden und pirschen uns nach Möglichkeit bis an den natürlichen Hafen der Smaragd-Flotte“, sagte der Seewolf. „Dort sehen wir dann weiter.“
Die „Isabella“ hatte sich während ihrer Unterredung platt vor den Südwind gelegt. Das schwarze Schiff folgte ihr im Abstand von etwa einer Kabellänge in schräg versetzter Kiellinie.
Hasard überschlug in Gedanken noch einmal, wie wohl Sabreras’ Überlegungen sein mochten. Nein, nach Süden wandte er sich bestimmt nicht. Auch wenn er ahnte, wo die „Isabella“ und „Eiliger Drache“ zu finden waren, entgegenwerfen würde er sich ihnen nicht.
Nach Galápagos segelte er auch nicht, denn dort gab es für ihn nichts mehr zu holen. Die Smaragde, die er einst auf San Cristóbal versteckt hatte, befanden sich jetzt zum Großteil in den Frachträumen der „Isabella“ und des schwarzen Schiffes. Den Rest hatte Hidduk eingesteckt.
Ja – und hier stellte sich wirklich die Frage, ob Sabreras nach Panama floh. Lag es nicht viel näher, daß er die Reste seiner kleinen Flotte zusammenraffte und seinen Feinden einen Hinterhalt stellte?
Es lag doch auf der Hand.
Hasard mußte ihm eins zugestehen: er war kein Feigling. Er würde mit allen Mitteln versuchen, den verlorenen Schatz wieder an sich zu reißen.
Dan O’Flynn richtete sich plötzlich kerzengerade auf.
„Hasard“, raunte er. „Da ist was. Backbord voraus. Der Teufel soll mich auf der Stelle holen, wenn das nicht ein Schiff ist.“
Hasard blickte voraus und entdeckte ein paar verschwommene Konturen. In schätzungsweise einer Meile Entfernung schien ein Schemen durch die Nacht zu schlüpfen. Hasard sah in die Tiefe und verfolgte die Bewegung der Männer auf Deck.
Auch die Crew war aus dieser Höhe kaum zu erkennen. Es war zwar eine recht klare Nacht, aber Hasard hatte untersagt, die große Hecklaterne der „Isabella“ oder irgendein anderes Licht anzuzünden. Ebenso verhielt sich Siri-Tong. Die Männer erledigten alle Handgriffe so leise, daß das Knarren der Blöcke und Rahen und das Rauschen des Wassers an den Bordwänden überlaut klang.
Hasard blickte wieder voraus. Die Konturen im Dunkel schälten sich jetzt etwas stärker heraus und formten die Umrisse eines großen dreimastigen Seglers. Wer immer er war – zu erkennen geben wollte er sich ebenfalls nicht. Auch er fuhr ohne Licht und nutzte die Tarnung der Nacht.
„Ich freß einen Besen, wenn das kein Don ist“, sagte Dan.
„Mann“, erwiderte Hasard. „Dazu gehört aber nicht viel Scharfsinn. Wir wissen doch, daß außer uns nur Spanier auf dieser Seite der Neuen Welt herumnavigieren.“
„Und Freibeuter aller Nationen …“
„Wollen wir wetten, daß wir eine von Sabreras’ Galeonen vor der Nase haben?“
Der junge O’Flynn sann eine Weile nach, dann grinste er dünn und sagte: „Mit dir wette ich nicht. Ich ziehe ja doch bloß den kürzeren dabei.“
Hasard schwang sich wortlos über die Segeltuchverkleidung des Großmarses. Seine Beine baumelten, seine Füße suchten in der Luft und senkten sich auf die Webeleinen der Steuerbordwanten. Er rutschte tiefer und hangelte im nächsten Moment katzengewandt auf die Kuhl hinunter.
Unten angelangt, unterrichtete er Carberry und fügte hinzu: „Ed, die Dons scheinen ebenfalls nach Norden zu steuern, aber wenn sie auch nur die kleinste Kurskorrektur vornehmen und auf uns zuhalten, eröffnen wir das Feuer. Ich will kein Risiko eingehen. Wir setzen ihnen eine Warnsalve neben die Bordwand, und wenn ihnen das nicht genügt, ziehen wir volles Register.“
„Aye, aye“, sagte der Profos. „Das wäre genau das, wonach mir im Augenblick zumute ist.“
„Es wäre dir nicht lieber, wenn wir uns klammheimlich verhalten und zwei Drittel der Crew endlich ihre wohlverdiente Nachtruhe erhielten?“ fragte Hasard zweifelnd.
„Nein, Sir.“
„Paß auf, Ed – es könnte sein, daß ich dich gleich beim Wort nehme.“
Der Seewolf hastete weiter, klomm zum Ruderhaus hinauf, blickte hinein und sagte seinem Rudergänger: „Pete, den Kurs halten.“
„Aye, Sir. Ich will auf der Stelle tot umfallen, wenn ich auch nur einen Strich davon abweiche.“
Etwas verwundert eilte Hasard zum Achterdeck. Diese Beteuerungen seiner Männer – die wilde Entschlossenheit, die schon Dan gezeigt hatte, schien ja allenthalben um sich gegriffen zu haben. War das ansteckend?
Rachsucht war nicht der richtige Ausdruck für das, was sie empfanden. Vielmehr wollten sie Sabreras einen nachhaltigen Denkzettel verpassen, ein für allemal. Er sollte begreifen, daß man Seewölfe nicht in Ketten legte und zu Sklaven herabwürdigte, daß man sie nicht zu Tode zu quälen versuchte, ohne teuer dafür zu bezahlen.
Zwangsarbeit – nichts haßten sie mehr als das! Auf der Teufelsinsel hatten sie bereits unter dieser grausamen Geißel gelitten und sich geschworen, das niemals wieder über sich ergehen zu lassen. Und dann hatte Sabreras sie zu dem gleichen Los verdammen wollen!
„Hasard“, sagte Ben Brighton. Er stand ziemlich weit achtern am Backbordschanzkleid und spähte mit bloßem Auge in die Nacht. Mit dem Spektiv war bei dieser Dunkelheit ohnehin nichts auszurichten. „Es wird ernst, schätze ich. Sieh doch.“
„Bereitet dir die eine Galeone Kopfzerbrechen?“ Hasard trat neben ihn.
„Da ist mehr“, sagte Ben.
Hasard folgte seinem Blick und gewahrte nun ebenfalls, daß sich zu der Dreimastgaleone ein zweiter Schemen gesellt hatte. Eine Karavelle. Er spitzte die Lippen und stieß einen verhaltenen Pfiff aus. „Sieh mal einer an. Ben, heraus mit der Sprache. Kommen dir die Schiffe etwa bekannt vor?“
„Ja, sie haben verteufelte Ähnlichkeit mit denen, die uns vor Stunden beinahe direkt in die Bucht gesegelt wären“, sagte Ben.
4.
Die spanische Karavelle staffelte immer weiter auf die Galeone zu, und beide bildeten schließlich eine wehrhafte Einheit, die Hasard auf keinen Fall unterschätzen durfte. Er kniff die Augen zusammen und zählte ihre Stückpforten.
Zehn auf der Karavelle, das bedeutete, sie hatte zwanzig Geschütze an Bord. Die Steuerbordseite der Galeone wies zwölf Stückpforten auf, folglich verfügte sie über zwei Dutzend Kanonen. Vierundvierzig Geschütze!
Hasard beobachtete, wie die beiden Spanier strikten Nordkurs hielten, als hätten sie den Gegner achteraus noch gar nicht bemerkt.
„Verflixt“, murmelte er. „Die haben doch keine Scheuklappen auf. Was soll denn das Theater? Wir haben mehr Fahrt drauf als sie, bald laufen wir auf gleicher Höhe. Wollen die uns dann immer noch ignorieren?“
„Ich weiß nicht, Sir“, antwortete Ben. Was sollte er auch sonst sagen?
Hasard spähte angestrengt in die Nacht. Ferris, Shane, der alte O’Flynn und Smoky hatten sich dicht hinter sie gestellt.
O’Flynn war es dann, der plötzlich einen zischenden Laut ausstieß und nach oben wies.
Sein Sohn hatte sich weit über die Umrandung des Großmarses gelehnt und gab ein Zeichen. Hasard sah es ganz deutlich, als er den Kopf wandte.
Drei Finger streckte Dan aus – drei Schiffe also.
Hasard sah wieder nach Backbord. Wenig später hatte auch er das dritte Schiff entdeckt.
„Noch eine Karavelle“, sagte er. „Da hätten wir also das Trio beisammen. Und die dritte Karavelle führt auch zwanzig Geschütze. Vierundsechzig Kanonen also. Dagegen stehen unsere sechzehn Culverinen und die zweimal zwölf Fünfundzwanzig-Pfünder des schwarzen Schiffes.“
„Nicht zu vergessen unsere vier Drehbassen“, sagte Ferris Tucker.
„Und die Brandsätze der Roten Korsarin“, fügte Shane hinzu.
„Hm“, brummte der Seewolf. „Es kommt auch darauf an, wie weit die Burschen feuern können. Ich schätze, sie hören jetzt mit der sturen Dahinsegelei auf. Der Verbandsführer hat anscheinend nur auf seine dritte Karavelle gewartet. Jetzt macht er Nägel mit Köpfen.“
Es bewahrheitete sich.
Die Spanier nahmen Segelfläche weg, verlangsamten ihre Fahrt noch mehr und lagen plötzlich auf gleicher Höhe mit der „Isabella“ und dem schwarzen Schiff.
Hasard hob die Hand und winkte Carberry zu. Der Profos stand breitbeinig mitten auf der Kuhl, er hielt die Beine abgewinkelt und balancierte gekonnt die Schiffsbewegungen aus.
„Al“, knurrte er. „Los geht’s. Setz diesen Oberstinkstiefeln einen Schuß vor den Bug.“
Al stand mit entfachter Lunte hinter dem Bodenstück der vordersten Backbord-Culverine bereit. Er senkte das glimmende Ende auf den Zündkanal, sprang dann zur Seite und wartete in geduckter Haltung ab. Sein Gesicht war verkniffen, sein Mund geöffnet, die zusammengebissenen Zähne schimmerten im Dunkeln.
Die Culverine brüllte auf und spuckte ihren Gluthauch auf die See aus. Er raste zur Galeone hinüber, drückte das Siebzehnpfünder-Geschoß vor sich her, und gleichzeitig ruckte auf der „Isabella“ das schwere Geschütz auf seinen Hartholzrädern zurück. Das Brooktau fing den Rückstoß auf. Al blickte zu Matt Davies. Sie stürmten vor und brachten die Kanone wieder in Ladestellung.
In derselben Sekunde rauschte dicht vor dem Bug der spanischen Galeone eine Wasserfontäne hoch. Im Klartext hieß das: Verschwindet, oder es gibt Ärger!
Carberry stieß einen glucksenden Laut aus, denn der Seewolf hatte schon wieder die Hand gehoben.
„Blacky, Gary, Sam“, sagte der Profos.
Und die drei, die ihre Culverinen auch längst in Zielrichtung justiert hatten, zündeten ebenfalls. Einen Augenblick später hatte sich die Glut durch das trockene Zündkraut gefressen, Feuer und Rauch stoben aus den Läufen und sandten die unheilvolle Ladung zum Gegner.
Zwischen dem Heck der Galeone. und der Karavelle, die ganz dicht hinter ihr hersegelte, standen plötzlich drei Wassersäulen. Sie waren von schäumenden Kränzen gekrönt, fielen aber sofort wieder in sich zusammen. Wer ganz genau hinhörte, konnte den vielstimmigen Wutschrei vernehmen, der sich drüben aus den Kehlen der Spanier löste.
„Das soll uns erst mal einer nachmachen“, sagte Carberry voll Stolz.
Die Dreifach-Salve war eine ebenso klare Botschaft wie Al Conroys Schuß. Letzte Warnung vor dem Sturm, bedeutete sie.
„Heiß Flagge“, befahl der Seewolf.
Bill, der Schiffsjunge, stand auf dem Achterdeck bereit und hißte den White Ensign im Besantopp. Die große weiße Flagge mit dem roten Georgskreuz knatterte im Wind, und jetzt zeigte auch Siri-Tong im Großtopp des schwarzen Schiffes die Drachenflagge. Die Spanier konnten diese Zeichen auch in der Dunkelheit mit aller Deutlichkeit erkennen. Drastischer ging es nicht, sie wußten genau, woran sie waren.
„Ich bin für klare Verhältnisse“, sagte Hasard. „Sie brauchen jetzt nicht mehr zu signalisieren, wir sollen uns zu erkennen geben.“
Das taten die Spanier auch nicht. Weiße Qualmwolken pufften von ihren jetzt offenen Stückpforten hoch, der Kanonenböller wälzte sich grollend auf die „Isabella“ zu. Die Galeone und die erste Karavelle feuerten auf die Seewölfe, die zweite Karavelle auf Siri-Tong und ihre Piraten.
Hasard ging hinter dem Schanzkleid in Deckung, blickte zu Ben Brighton und rief: „Diese Idioten vergeuden gleich zu Anfang volle Breitseiten!“
Ein wahres Höllenkonzert orgelte auf sie zu. Carberry hatte sich hinter die Kuhlgräting sinken lassen und fluchte in rauhestem, breitestem Cornwall-Englisch. Dabei brachte er auch noch das Kunststück fertig, sich den zeternden Sir John in die Tasche zu stopfen.
„Du willst dir wohl ein Ding in den Achtersteven einfangen, du Kanaille, was, wie?“ brüllte er.
Sie lagen alle platt auf dem Bauch oder hinter Deckungen verkrümmt und schützten die Köpfe mit den Händen, als die Breitseiten heran waren.
Eine Wasserwand richtete sich neben der Backbordseite auf, es knallte, splitterte und krachte, und ein Ruck lief durch das Schiff. Etwas heulte im Tiefflug über die Kuhl, passierte die Gräting, verfehlte den Profos um knapp zwei Handspannen und verlor sich in Feuerlee.
Carberry tobte. „Gesengte Säue“ und „Hurensöhne“ waren noch zwei von den mildesten Ausdrücken, die er den Spaniern entgegenbrüllte. Er sprang auf, sah die Crew in Schwaden von Pulverrauch ebenfalls wieder auf die Beine kommen und schrie: „Feuer!“
„Feuer!“ tönte es auch von Bord des schwarzen Schiffes herüber.
Thorfin Njal, der hünenhafte Wikinger, dirigierte den Einsatz der Männer auf der Kuhl. Es dröhnte, als hätten unsichtbare Riesen mit den Fäusten auf die Planken des Schiffes gehämmert. Der Rumpf erzitterte bis in die Verbände, Feuer und Rauch deckten die Backbordseite zu – die Fünfundzwanzigpfünder hatten gesprochen.
Zur selben Zeit röhrten auch die restlichen vier Culverinen an Backbord der „Isabella“ auf. Al, Matt, Blacky, Gary, Sam und ein paar Helfer luden derweil in aller Eile die vier vorderen Geschütze nach. Der Kutscher schoß wie ein Derwisch hin und her. Er streute Sand aus, damit die Männer einen festen Stand auf den Planken hatten und Feuer rasch gelöscht werden konnte. Außerdem erneuerte er das Wasser in den Holzkübeln, die zum Befeuchten der Wischer bereitstanden.
Hasard beobachtete vom Achterdeck aus. Die „Isabella“ hatte ein paar Einschläge im Schanzkleid zu verzeichnen, aber niemand war durch wirbelnde Trümmer oder Splitter ernsthaft verletzt worden.
Ferris Tucker war in den Schiffsbauch hinuntergestiegen, um nach Lecks unter der Wasserlinie zu forschen.
„Shane!“ rief Hasard dem graubärtigen Riesen zu. „Hinauf mit dir in den Großmars. Und sag auch Batuti Bescheid. Die Dons staffeln näher heran, um mehr Treffer landen zu können. Wir wollen ihnen einen gebührenden Empfang bereiten.“
„Aye, Sir!“ rief Big Old Shane. Er turnte den Steuerbordniedergang hinunter, lief über die Kuhl und brüllte dem Gambia-Neger zu: „Batuti, heb deinen Hintern in die Wanten, wir wollen ein Zielschießen veranstalten!“
Hasard trat selbst an die eine Drehbasse des Achterdecks und drehte sie so weit herum, daß er die Galeone vor der Mündung hatte. Hinter ihm stand Old O’Flynn an dem zweiten Hinterlader.
„Donegal!“ rief Hasard ihm zu. „Schieß mich nicht über den Haufen! Warte gefälligst ab, ja?“
„Darauf kannst du Gift nehmen“, knurrte der Alte. „Wer bin ich denn? Ein blutiger Anfänger etwa? Euch jungen Sprintern lauf ich doch noch mit meinem Holzbein davon.“
Ferris kehrte von unten zurück und meldete: „Keine Lecks in den unteren Schiffsräumen. In der einen Achterdeckskammer haben wir ein Loch, aber da pfeift nur ein bißchen der Wind durch.“
„Dann bete, daß es dabei bleibt“, sagte Hasard.
„Feuer!“ schrie Carberry. Die vier achteren Culverinen wummerten los.
Und dann schoß auch das schwarze Schiff wieder auf die Karavellen, die nach wie vor hinter der Galeone hersegelten. Kurz darauf feuerten die, Seewölfe mit den vorderen vier Siebzehnpfündern der Backbordseite – und Siri-Tong setzte zum ersten Mal einen der Brandsätze ein. Fauchend verließ das Geschoß die Luke im Vorkastell, stach durch die Nacht und raste in die Bordwand der letzten spanischen Karavelle.
Hasard gab Shane und Batuti ein Zeichen, noch zu warten. Er wollte sehen, was die Spanier nun unternahmen.
Er fühlte sich nicht von vornherein überlegen. Er unterschätzte niemals einen Gegner, denn das konnte ein Fehler mit verheerenden Folgen sein. Aber diesmal lag der Feind mit seiner Taktik deutlich daneben. Er hatte die kompletten Breitseiten leergeschossen und mußte erst wieder nachladen, um erneut einsatzbereit zu sein. So ging wertvolle Zeit verloren, zumal das Gefecht dadurch an Dynamik verlor, daß die Kontrahenten auf Parallelkurs segelten und platt vor dem Wind lagen.
„Der Don luvt an“, sagte Hasard plötzlich. „Das habe ich mir gedacht.“
„Er kommt mit dem Laden nicht nach“, erwiderte Ben Brighton. „Darum will er über Stag gehen und uns die Backbordbreitseite entbieten.“
„Wahnsinn“, sagte Hasard.
„Der Philipp hat nicht alle Tassen im Schapp!“ rief der alte O’Flynn.
Hasard sagte gar nichts mehr. Er korrigierte die Zielrichtung der Drehbasse, stellte sie erneut in ihrer Gabellafette fest und schickte einen prüfenden Blick über den Lauf.
Wenn die „Isabella“ eine Aufwärtsbewegung auf der Dünung vollführte, lag die feindliche Galeone genau in der Ziellinie. Hasard stieß die Lunte in das Kupferbecken mit der glühenden Holzkohle, zog sie wieder hoch und wartete ab. Als die „Isabella“ sich nach unten neigte, zündete er.
In den Sekunden, die die Glut für ihren Weg durch den Zündkanal benötigte, hob sich das Schiff wieder. Als es zu verharren schien, hatte der Seewolf den Bug der spanischen Galeone genau im Visier – und die Drehbasse blaffte auf. Sie ruckte in der Lafette. Durch Feuer und Rauch glaubte Hasard die Kugel fliegen zu sehen, aber das war natürlich reine Einbildung.
Aber dann sah er, wie es dem Spanier glatt den Bugspriet samt der Blinde weghieb – und das war keine optische Täuschung!
Bugspriet und Blinde gingen in der See baden. Im Vorsteven der Galeone prangte ein häßliches Loch. Wieder wehte das empörte Gebrüll der Spanier zur „Isabella“ herüber. Sie konnten sich momentan nicht zur Wehr setzen, aber ihr Kapitän schwenkte weiter mit dem Schiff herum und wollte von seinem Plan nicht ablassen.
Für eine Weile trat eine Gefechtspause ein.
Auch auf dem schwarzen Schiff und den beiden Karavellen schwiegen jetzt die Geschütze. Die Karavellen folgten dem Beispiel der Führungsgaleone und luvten an. Ihre Kapitäne handelten getreu dem Grundsatz: Folge deinem Leithammel, und wenn er in den Bach springt, dann spring auch du!
Carberrys heiserer Ruf zerriß die Stille. „Feuer!“
Wieder stoben vier Culverinen-Schüsse auf die gegnerische Galeone zu.
Das typische Knacken und Splittern berstenden Holzes verkündete, daß die Seewölfe eine Serie von Treffern gelandet hatten. Sie johlten und stießen sich mit den Ellbogen an. Gary Andrews warf sogar seine Mütze in die Luft.
Er fing sie wieder auf und sagte: „Und das alles mit nur einer Breitseite. Die Steuerbordgeschütze haben wir noch gar nicht zum Einsatz gebracht.“
„Gut so!“ brüllte Carberry. „Wir werden sie noch brauchen, wenn wir Sabreras aufgestöbert haben!“
„Hey“, stieß Matt Davies aus. „Der Don muß verrückt sein. Er luvt weiter an und geht über Stag.“
Die Distanz zwischen beiden Galeonen war erheblich geschrumpft. Hasard schätzte sie mit einem einzigen Blick ab, während er seine Drehbasse nachlud. Er preßte die Kugel mit einem Satz Kabelgarn fest, rammte das Bodenstück zu und drehte sich zum Häuptdeck um. Er hob den Kopf, stieß einen Pfiff aus und winkte Shane und Batuti zu.
Big Old Shane grinste. Er bückte sich und hielt Dan, der mit ihm zusammen im Hauptmars hockte, die wergumwickelte Spitze eines Pfeiles hin.
„So, nun zünd mal an“, sagte er.
Dan schlug Feuerstahl und Pyrit gegeneinander. Ein kleiner Funkenregen ging auf das ölgetränkte Werg nieder und setzte es in Brand. Shane hob den Pfeil, legte ihn an den Bogenschaft und spannte die Sehne, daß es so aussah, als wolle er sie zerreißen.
Er öffnete die Finger der rechten Hand, und der Pfeil huschte von der Sehne. Er strebte in zunächst aufsteigener Bahn durch die Nacht, dann krümmte sich sein Weg, und er senkte sich als zuckender Lichtfleck auf die spanische Galeone.
Gleichzeitig sandte auch Batuti seinen ersten Brandpfeil los.
Shane wartete nicht ab, bis sein Pfeil das Ziel erreicht hatte, er legte schon den nächsten an und schoß. Batuti verfuhr nach dem gleichen Prinzip, und so hagelte es jetzt Brandpfeile. Einige trafen das Rigg des Gegners, einige sein Oberdeck, und im Nu flackerten Brände auf.
Siri-Tong setzte wieder Brandsätze ein. Sie hatten eine noch verheerendere Wirkung als die Pfeile von Shane und Batuti. Auch auf den Karavellen brach Feuer aus. Die Kampfmoral der Spanier sank rapide, sie schrien und schienen kurz vor der Panik zu stehen.
„Zwei Strich Steuerbord!“ rief der Seewolf.
Die „Isabella“ luvte nur ein wenig nach Steuerbord an und schob sich näher der Küste zu. Old O’Flynn konnte nun endlich seine Drehbasse auf die Galeone abfeuern, er geriet in den richtigen Schußwinkel. Hasard zündete auch seine Basse, dann, in breiten Schwaden von Pulverrauch stehend, drehte er sich wieder um und rief seinen Männern zu: „Abfallen! Backbordseite!“
Carberry wiederholte die Befehle. Sein Gebrüll purrte die Männer an die Schoten und Brassen. Pete Ballie kurbelte am Ruderrad. Die „Isabella“ reagierte willig auf die neue Ruder- und Segelstellung. Ihr Vorsteven richtete sich nach Nord-Nord-West. Die Mündungen der 17-Pfünder ruckten herum und zielten auf die spanische Galeone, die sich nun auch endlich wieder in Schußposition schob.
Die Spanier wollten eine volle Breitseite abgeben, aber der Seewolf kam ihnen zuvor.
„Feuer!“
Acht Rohre stießen Feuerblitze aus, achtfacher Tod raste auf die Feindgaleone zu. Sechs oder sieben Treffer waren diesmal drüben zu verzeichnen, die Seewölfe zählten nicht genau. Die „Isabella“ glitt vor dem Gegner davon.
Diese massive Breitseite hatte entscheidende Wirkung im Gefecht. Die drei Spanier blieben zurück. Sie kamen nicht mehr zum Schuß. Sie hatten genug damit zu tun, daß lodernde Feuer auf den Decks und in den Riggs zu löschen.
Hasard blickte zum schwarzen Schiff. Er atmete auf. Anscheinend völlig unversehrt zogen sich die Rote Korsarin und ihre Männer aus der Kampfzone zurück, schlossen ein bißchen auf und segelten im Kielwasser der „Isabella“.
„Ben, haben wir Verletzte?“ fragte Hasard.
„Bis auf ein paar unbedeutende Kratzer – nein, Sir.“
„Die Männer sollen nachladen und neue Munition heranschaffen. Mit dem Aufklaren warten wir, dazu ist jetzt keine Zeit. Das Gefecht ist noch nicht vorbei.“
Ben sah ihn aus schwarz geränderten Augen an. „Sabreras, nicht wahr?“
„Ja, er muß durch den Kampflärm alarmiert worden sein. Der Dreierverband war auf dem Rückweg zum natürlichen Hafen, und jetzt wird unser Freund nachsehen wollen, was los ist.“ Hasards Züge waren hart, wie gemeißelt. „Wo bleibt er überhaupt?“
„Ich sage, er ist abgehauen“, erklärte der alte O’Flynn mit krächzender Stimme.
„Das würde mich wundern“, erwiderte Hasard. „Ich müßte mich in Sabreras gründlich getäuscht haben, wenn er jetzt zu kneifen versucht.“
„Deck!“ schrie in diesem Augenblick Dan aus dem Großmars. „Segler Backbord voraus!“
Ben Brighton wischte sich Ruß aus dem Gesicht. Es war eher ein sinnloser Versuch, denn seine Hände hinterließen lediglich streifige Spuren auf der geschwärzten Haut.
„Ho!“ rief er. „Es tut sich wieder was. Lassen wir uns überraschen, Hasard?“
„Was bleibt uns anderes übrig?“
„Wir können immer noch nach Westen ablaufen. Den Dons segeln wir bestimmt davon.“
„Bist du für halbe Sachen, Mister Brighton?“
„Nein.“
„Aber es kann uns noch den Kopf kosten, meinst du.“
„Wir wissen nicht, wie viele Schiffe Sabreras in seiner Bucht zusammengezogen hat“, erwiderte Ben.
Hasard stellte sich ans Backbordschanzkleid des Achterdecks. „Sehr viele können es nicht mehr sein. Da wäre die ‚Esperanza‘ und dann eine weitere Galeone – jene, die während der Nacht die ‚Santa Margarita‘ gefunden und abgeschleppt hat. Wegen der ‚Santa Margarita‘ brauchen wir uns keine grauen Haare wachsen zu lassen, denn die ist so schwer angeschlagen, daß sie unmöglich in ein Gefecht eingreifen kann.“
Die Nacht wich allmählich und löste sich in schwarzgraue Schatten auf. Nach Osten hin schien sich der Himmel schon heller zu färben. Knapp eine Stunde noch, dann würde die Sonne als glühender Ball über den Höhenzügen der Kordilleren erscheinen.
Hasard versuchte, durch das Spektiv einen Ausblick auf den neuen Gegner zu gewinnen. Und tatsächlich, er entdeckte ihn. Verschwommen hoben sich die Konturen in der Optik ab.
„Ein Zweimaster“, sagte er. „Eine Karavelle, nicht besonders groß.“
„Ein Spanier?“ fragte Ferris Tukker.
„Warte. Denkst du vielleicht, es handelt sich um Piraten? Blut lockt Haie an, oder? Aber ich glaube nicht daran. Augenblick, ja, es ist ein Don, ich kann das Holzkreuz erkennen, das er unter dem Bugspriet baumeln hat. Und jetzt sehe ich auch die Flagge im Großtopp.“ Hasard ließ das Fernrohr sinken und schaute die Männer an. „Wir verhalten uns ruhig, bis wir dicht an ihn heran sind, klar?“
„Klar, Sir“, antwortete Ben.
„Profos“, sagte Ferris zur Kuhl hin.
„Was gibt’s, du roter Klamphauer?“
„Halt die Luft an und brüll gefälligst nicht herum. Wir sollen die Klappe halten, hat Hasard gesagt.“
„Wer brüllt denn hier“, brummelte Carberry und zerdrückte einen ellen-langen Fluch auf den Lippen.
„Der Don hält Ostkurs“, meldete Dan O’Flynn.
„Er kreuzt“, sagte Hasard. „Wenn er so weitersegelt, haben wir ihn gleich in der Zange.“
„Er fällt ab!“ rief der junge O’Flynn.
„Nicht so laut“, zischte der Profos.
„Jetzt hat er nicht nur uns, sondern auch den schwarzen Segler entdeckt und kriegt das große Sausen“, meinte Smoky. „Er türmt zum Smaragdhafen und holt Verstärkung.“
Hasard beobachtete wieder durch den Kieker und nickte. „Stimmt. Allein kann er es ja nun wirklich nicht mit uns aufnehmen.“
„Er ist Sabreras’ vorgeschobener Posten“, sagte Ben Brighton. „Irgendwo vor der Küste, nur ein paar Meilen entfernt, lauert der Restverband – und wir segeln direkt auf ihn los. Die Lage spitzt sich wieder zu.“
Hasard steckte den Kieker weg, eilte auf die Kuhl und inspizierte kurz die Gefechtsstationen. Es war aber soweit alles in Ordnung, von den Schäden im Schanzkleid und auf Deck abgesehen. Munition stand genügend zur Verfügung – nicht zuletzt auch wegen der Vorräte, die sie vorsorglich aus der Mine mitgeschleppt hatten.
„Wie ist die Stimmung?“ fragte er seine Männer.
„Glänzend“, erwiderte Al Conroy. „Selten so heiter gewesen, Sir.“
„Nun haut bloß nicht so auf die Pauke, ihr Sumpfnelken“, sagte Carberry.
Hasard lächelte ihnen zu, kehrte um und begab sich wieder aufs Achterkastell.
„Ferris“, sagte er. „Hol die letzten Brandsätze, die wir noch im Achterkastell aufbewahren. Außerdem hältst du deine Höllenflaschen bereit. Nimm meinen Platz an der achteren Drehbasse ein.“
„Aye, Sir.“
„Shane“, wandte sich der Seewolf an den ehemaligen Schmied von Arwenack-Castle. Der graubärtige Koloß war soeben aus dem Großmars zurückgekehrt und stieg den Niedergang hoch. „Du bewaffnest dich zusätzlich mit Pulverpfeilen und enterst sofort wieder in den Großmars auf.“
„Geht in Ordnung, Sir.“
Pulverpfeile – das waren Shanes Spezialanfertigungen mit ausgehöhlten Schäften. Er hatte mit viel Akribie Schwarzpulver hineingefüllt, die Öffnungen mit Wachs versiegelt und die Spitzen auf die übliche Weise mit Werg umwickelt. Die brennenden Spitzen entzündeten das Pulver, wenn die Pfeile im Kampf zum Gegner hinübersurrten.
Hasard blickte wieder zur Karavelle.
Sie lag jetzt platt vor dem Wind und hatte alles gesetzt, was ihr an Segelfläche zur Verfügung stand. Sie führte Lateinertakelung, was ihr besonders gute Am-Wind-Eigenschaften verlieh. Vor dem Wind konnte sie dem ranken Rahsegler der Seewölfe und auch dem schwarzen Schiff jedoch nicht davonrauschen.
Hasard und Siri-Tong blieben ihr also auf den Fersen.
Die Schleier der Nacht verflüchtigten sich noch mehr und öffneten den Blick nach Norden so weit, daß die Karavelle recht deutlich zu erkennen war. Wie ein scheues, verängstigtes Tier floh sie vor dem Gegner.
Hasard hätte sie einholen und vernichten können. Aber bei aller Wut auf Sabreras und seine Gefolgschaft – das entsprach ganz und gar nicht seinem Stil. Fairneß war immer noch das oberste Gebot, das er sich gesetzt hatte und rigoros einhielt.
„Deck!“ rief Dan plötzlich. „Da sind wieder Schatten, rund zwei Meilen voraus. Ich sehe noch nichts Genaues, aber ich nehme stark an, es sind Schiffe.“
„Jetzt geht’s gleich rund“, sagte Carberry. Aber ganz so enthusiastisch wie vor dem ersten Gefecht klang sein Spruch diesmal nicht.
5.
Aurelio de Vargas, der Kapitän der „Santa Margarita“ und Kommandant des Kriegsschiffverbandes, stand mit Sabreras und dem Ersten Offizier Lopez Mangusto auf dem Achterdeck der „Esperanza“. Von hier aus leitete er nach Sabreras’ Anweisungen den Einsatz seiner letzten Schiffe. Die „Santa Margarita“ würde vielleicht nie wieder auf See zurückkehren, denn ihre Wiederherstellung nahm mehr Material und Zeit in Anspruch, als rentabel war.
So lag sie in dem natürlichen Hafen und wartete darauf, abgewrackt zu werden, während der Restverband ausgelaufen war, um den Seewolf zu stellen.
Der Restverband. Das waren außer der „Esperanza“ nur noch die eine, mäßig armierte Smaragd-Galeone und zwei Karavellen, von denen Sabreras die eine, zweimastige, nach. Süden geschickt hatte, als sie den ersten Kanonendonner vernommen hatten.
Dieser Aufklärer und die andere Dreimast-Karavelle waren reine Kriegssegler. Die „Esperanza“ als Flaggschiff des Transportverbandes verfügte auch über zwanzig Kanonen – Culverinen, Demi-Culverinen und Minions, die sie zu einem vollwertigen Mitstreiter im Kampf machten. „Esperanza“ bedeutete Hoffnung, bislang hatte dieser optimistische Name ihrer Trägerin nichts Nachteiliges eingebracht.
Zehn Seemeilen nordwestlich querab ihrer Ankerbucht lagen die drei Schiffe mit aufgegeiten Segeln. Die „Esperanza“ befand sich im Zentrum und die zweite Galeone und die Dreimast-Karavelle hatten im Abstand von jeweils einer halben Seemeile an Backbord und Steuerbord von ihr verhalten. Sabreras hatte hier gestoppt, als der Gefechtslärm von Süden herangerollt war.
Die Schiffe lagen mit dem Bug im Wind. Der warme Südwind umfächelte die Vorsteven.
Sabreras verließ das Achterdeck und suchte die Back auf.
„Falls es diesen wahnsinnigen Narren gelingt, unsere Patrouille zu schlagen, müssen sie hier vorbei“, sagte er im Dahinmarschieren. „Und dann gnade ihnen Gott.“
De Vargas hielt sich rechts neben ihm. „Das will ich auch hoffen“, erwiderte er. „Wir müssen den Schatz zurückerobern. Für die spanische Krone.“
„Es lebe der König“, murmelte Lopez Mangusto, der hinter ihnen schritt. Es klang aber nicht richtig überzeugt.
Als sie allein auf der Back standen, blickte Sabreras sie mit verbissener Miene an. „Hört doch mit der Komödie auf. De Vargas, du warst vor Mangusto Erster Offizier auf diesem Schiff, aber ich habe beim Gouverneur von Panama erreicht, daß du zum Kriegsschiff-Kommandanten befördert wurdest. Und ich habe dich neben Mangusto zu meinem engsten Vertrauten ernannt – aber doch nicht so einfach aus heiterem Himmel. Ich baue auf dich, Aurelio. Es hängt maßgeblich von dir ab, ob wir diesen Killigrew und das schwarzhaarige Weib erledigen.“
„Du kannst dich auf mich verlassen“, antwortete de Vargas.
„Es ist doch nur in unserem Interesse, die Schiffe dieser Halunken zu kapern“, fügte Mangusto hinzu. „Sonst gehen wir leer aus. Ein für allemal. Auf Galapagos gibt es doch auch nichts mehr für uns zu holen, wenn ich richtig verstanden habe.“
„Hidduk, dieser rote Hundesohn“, stieß Sabreras erbittert aus. „Er hat uns verraten und die Steine dem Seewolf übergeben. Aber das wird er mir büßen. Ich töte nicht nur ihn und die drei Krieger, die bei ihm sind. Ich schicke auch eine Strafexpedition nach San Cristóbal, sobald ich kann.“
„Du willst seinen Stamm niedermetzeln?“ fragte Mangusto. Auch er duzte den Kommandanten, wenn sie unter sich waren. Nur vor den anderen Offizieren und der Mannschaft bedienten sie sich des reservierteren „Sie“, um nicht an Autorität zu verlieren.
„Ich schwöre, daß ich es tun werde“, sagte Sabreras.
Über ihnen erscholl ein Ruf. Der Mann, den Sabreras als Fockmastausguck in den Vormars hinaufgeschickt hatte, meldete: „Die Karavelle! Sie kehrt zurück. Ich sehe sie Steuerbord voraus segeln!“
De Vargas hatte das Spektiv ans Auge gehoben. „Der Kapitän gibt Lichtsignale. Verdammt – das darf nicht wahr sein.“
„Was, zum Teufel, ist jetzt wieder los?“ Sabreras entriß seinem Ersten das Fernrohr und schaute selbst hindurch.
De Vargas fluchte. „Der Dreierverband, unsere Patrouille – er ist beinahe zusammengeschossen worden und brennt. Der Seewolf und die Rote Korsarin haben zwei große Schiffe, und sie halten auf uns zu.“
„Feuer im Süden!“ schrie der Mann im Vormars.
„Du Narr, das siehst du jetzt erst?“ rief Lopez Mangusto. „Das sind unsere Galeone und die beiden Karavellen.“
„Die halten auf uns zu!“ brüllte der Ausguck.
„Das heißt, der Feind segelt vor den brennenden Schiffen und hinter der Zweimast-Karavelle“, stieß de Vargas ziemlich verdattert hervor.
Sabreras wirbelte herum. „Nach Westen abfallen, am Wind bleiben! Wir bieten ihnen einen heißen Empfang!“
De Vargas entzifferte die nächste Meldung der Zweimast-Karavelle. „Eine schlanke, große Galeone mit drei Masten und ein schwarzer Viermaster in ihrem Kielwasser!“ schrie er. „Mangusto, die Männer sollen zu unserer zweiten Galeone und der Dreimast-Karavelle signalisieren, daß sie ebenfalls manövrieren und dem Feind die Breitseiten zeigen.“
„Si, Senor“, erwiderte Mangusto. Der sarkastische Unterton in seiner Stimme war nicht zu überhören. Von de Vargas nahm er nicht gern Befehle entgegen. Überhaupt hätte er ihn gern ausgebootet, denn er wäre gern Kommandant des Kriegsschiff-Konvois geworden.
Da er aber einsah, daß Widerrede in diesem kritischen Augenblick wenig Sinn hatte, hastete er auf die Kuhl der „Esperanza“ hinunter und sorgte dafür, daß die Zeichen an die Nachbarschiffe weitergegeben wurden.
„Sie kommen!“ schrie der Mann im Vormars. Seine Stimme überschlug sich fast. „Sie sind dicht hinter der zweimastigen Karavelle – por Dios, was für riesige Schiffe, Comandante!“
„Der Hund übertreibt“, zischte Sabreras.
„Ich kann sie jetzt auch sehen“, meinte de Vargas, der das Spektiv die ganze Zeit über nicht abgesetzt hatte. „Es sind wirklich ausgesprochen große Segler. Ich nehme an, daß sie überragend bestückt sind. Kein Wunder, daß sie unseren Dreier-Verband außer Gefecht gesetzt haben. Überhaupt – mit der Patrouille brauchen wir nicht mehr zu rechnen. Bis die Mannschaften den Brand gelöscht haben und wieder kampfbereit sind, ist hier bereits alles entschieden.“
„Wir haben vier vollwertige Schiffe!“ schrie Sabreras ihn an. „Vier! Doppelt so viele wie El Lobo del Mar! Wir werden ihn zerreißen; diesen elenden Bastard!“
„Natürlich“, entgegnete Aurelio de Vargas, aber es klang nicht sehr überzeugt. Seine Skepsis wuchs von Minute zu Minute.
Die Zweimast-Karavelle staffelte nach Nordwesten ab und gesellte sich zu der zweiten Transport-Galeone. Die Schiffe hatten ihr Manöver fast beendet und gingen auf Steuerbordbug liegend mit Backbordhalsen an den Wind. Sie hatten jeweils nur Großsegel und Fock gesetzt, und auch die lateinergetakelte Zweimast-Karavelle nahm jetzt Segelfläche weg. Sie dümpelten nur dahin und entboten den anrückenden Feinden ihre vollen Backbordbreitseiten.
„Auf was warten wir?“ schrie Sabreras de Vargas an.
„Lassen wir sie näher heran.“ Erschüttert und fasziniert zugleich sah de Vargas zu dem erstaunlich hohen, ranken Rahsegler und dem unheimlichen schwarzen Schiff hinüber.
„Willst du, daß sie uns zuvorkommen?“ fragte Sabreras. Er hielt die Hände geballt, daß das Weiße an den Knöcheln hervortrat und war äußerst unbeherrscht.
„Sie sind noch nicht in der Reichweite unserer Kanonen“, erwiderte der Kriegsschiff-Kommandant. „Wir dürfen uns nicht zu voreiligen Handlungen hinreißen lassen. Wir müssen kaltblütig sein.“
Das saß. Sabreras schwieg.
Aurelio de Vargas hatte selbst Schwierigkeiten, sich innerlich zu bezwingen. Der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirn.
Hasard blickte vom Achterdeck aus noch einmal zu den brennenden spanischen Schiffen zurück. Sie waren noch zu sehen, doch er wußte jetzt, daß sie ihm nicht mehr gefährlich werden konnten. Zu weit waren sie achteraus zurückgeblieben.
In dem nun folgenden Gefecht hatte er die Luvposition. Sie wäre ihm genommen worden, wenn sich die angeschossenen drei Gegner wieder an ihn herangepirscht hätten. Aber diese Chance hatten sie zwangsläufig verspielt. Sie konnten nicht aktiv werden.
Finsteres Grau lag in dunstigen Streifen auf dem Pazifik. Die vier Feindschiffe im Norden waren eine breite Phalanx, die auf den ersten Blick keinen Durchlaß erlaubte. Aber der Seewolf blieb eiskalt.
Er setzte alles auf eine Karte. An diesem Punkt angelangt, hatte er keine andere Wahl mehr. Sieg oder Niederlage – für einen Korsaren gab es keinen faulen Kompromiß. In jedem Seegefecht warf er alles in die Waagschale, was er hatte: sein. Schiff, seine Beute, sein Leben.
Dan rief: „Im Osten haben wir eine Dreimast-Karavelle, und der Kahn direkt neben ihr kann nur die ‚Esperanza‘ von Sabreras sein!“
„Hidduk hat uns das Schiff oft genug beschrieben“, sagte Hasard zu Ben und den anderen auf dem Achterdeck. „Es gibt also keinen Zweifel. Wir halten direkt auf diese gottverdammte Galeone zu.“
Ben Brighton eilte zu Pete Ballie hinunter, um ihm entsprechende Anweisungen zu geben.
Wenig später stanzten die Geschütze der Spanier grellgelbe Schlitze in die Dämmerung. Wieder heulten die Kugeln auf die „Isabella“ zu. Sie stoben ins Wasser und wühlten es zu Gischttürmen auf, wenn sie zu kurz angesetzt waren. Sie rasten über das Deck der „Isabella“, wenn sie zu weit gezielt waren.
Es gab auch zwei, drei Treffer, aber: „Die können uns überhaupt nicht jucken!“ schrie Ferris Tucker im Brüllen und Orgeln der Geschütze. Und jucken konnte ihn so gut wie überhaupt nichts, solange keiner der Kameraden verwundet wurde oder so schwere Schäden am Schiff entstanden, daß sein Zimmermannsgeschick für eine Reparatur nicht mehr ausreichte.
Hasard steuerte weiter auf die „Esperanza“ zu. Er präsentierte dem Gegner somit nur die Bugpartie der „Isabella“ und damit die geringste Angriffsfläche.
Siri-Tong trieb ihren schwarzen Segler parallel zur „Isabella“ voran. Sie befand sich fast eine Dreiviertel-Meile nach Westen versetzt auf gleicher Höhe mit Hasard und lief die zweite Galeone und die Zweimast-Karavelle an.
Und beide warteten sie auf den entscheidenden Moment.
Noch schwiegen ihre Kanonen.
Die Wirkung der ersten Breitseite der Spanier war sozusagen verpufft, und Dan O’Flynn richtete sich hoch im Großmars auf. „Ho, da haben wir’s – die Dons fallen ab und halsen!“
„Jetzt können wir ihnen gleich den Arsch versengen“, sagte Carberry. Er hätte auch Achtersteven sagen können, aber er drückte sich lieber klar und deutlich aus.
„Sie wollen uns ihre Steuerbordbreitseite vor den Kopf hauen!“ rief Dan O’Flynn. Er stand immer noch aufrecht. Zu dem Schimpansen Arwenack, der gleich vor ihm auf dem Rand der Segeltuchverkleidung hockte, sagte er: „Junge, verzieh dich lieber. Hier gibt es nämlich gleich Zunder, und zwar ganz dick.“
Arwenack enterte daraufhin nur noch ein Stück höher in den Mast auf. Er fletschte die Zähne und schwenkte drohend einen Koffeynagel. Im Sturm hatte er Angst. Dann verbündete er sich sogar mit dem Papagei Sir John, gegen den er sonst glühende Eifersucht hegte. Aber im Gefecht, da langte er mit zu und schleuderte Wurfgeschosse, wenn der Feind ihnen zu nahe auf den Leib rückte.
Hasard beobachtete wieder durch den Kieker. „Sie liegen jetzt vor dem Wind und segeln vor uns her, die Burschen. Gleich luven sie wieder an, aber jetzt zeigen wir ihnen, was wir von Taktik halten.“
„Sie befinden sich jetzt in Reichweite unserer Culverinen“, sagte Ben Brighton.
„Die Distanz reicht auch für Drehbassenschüsse aus“, erwiderte der Seewolf. „Al Conroy“, rief er zum Vorkastell hinüber.
„Sir?“ tönte es zurück.
„Versuche das Ruder der Dreimast-Karavelle zu treffen!“
„Aye, aye, Sir.“
Al hantierte an der rechten Drehbasse auf der Back. Das dauerte nur wenige Sekunden, dann zündete er und spähte wie gebannt über den Vorderabschluß des Vordecks.
Die Kugel fauchte auf das Heck der Karavelle zu und ereilte sie, als sie sich noch mitten in der Halse befand. Es klirrte und schepperte.
Und Dan O’Flynn schrie: „Es hat bloß die Hecklaterne und ein Stück Reling erwischt!“
„Mist“, fluchte Al Conroy. „Hasard, es ist noch zu dunkel für einen sicheren Schuß. Oh, ich könnte mir selbst in den Hintern beißen.
„Jagt sofort einen. Brandsatz hinterher!“ befahl Hasard.
Kurz darauf zuckte das gleißende Geschoß flach über die See. Und diesmal saß es! Flammen schossen aus dem Ruder der Karavelle hoch. Gleichzeitig knirschte es, und ganz deutlich konnten die Seewölfe durch ihre Fernrohre erkennen, wie Holztrümmer lodernd vom Schiff wegbrachen.
Vom schwarzen Schiff aus huschten ebenfalls Brandsätze los. Sie rasten gen Norden und erreichten die zweite Galeone und die lateinergetakelte Karavelle. Siri-Tong hatte die Luken im Vorkastell öffnen lassen. Fast pausenlos feuerten ihre Männer die Geschosse von den bronzenen Gestellen ab. Als Hasard seinerseits dann auch noch das Brandpfeilfeuer eröffnen ließ, schien ein regelrechtes Feuerwerk den Himmel zu erhellen.
Die Dreimast-Karavelle konnte ihr Manöver nicht mehr vollenden, sie segelte stur nach Norden weiter. Die anderen drei Spanier schwenkten jedoch herum, wandten sich mit dem Bug nach Osten – und ließen die Steuerbordgeschütze sprechen.
Stakkatohaftes Wummern dröhnte über die See. Hasard hatte die Stückpforten des Gegners zählen können und wußte, daß er wieder mehr als vierzig Kanonen gegen sich hatte – wie beim ersten Angriff der Sabreras-Männer.
„Hinlegen!“ schrie er.
Sie machten sich auf den Decksplanken platt. Es war keinesfalls eine übertriebene Vorsichtsmaßnahme, denn der Abstand zwischen beiden Gegnern war erheblich geschrumpft. Diesmal lagen die Schüsse der Spanier denn auch gezielter. Es krachte, heulte und knackte, und der „Isabella“ knickte plötzlich fast das gesamte Vorgeschirr weg. Das Schanzkleid mußte wieder ganze Teile einbüßen, und in den Segeln klafften Löcher.
Schreie ertönten. Der Seewolf fuhr zusammen, als er hörte, daß seine eigenen Männer sie ausgestoßen hatten. Er sah zu Ben, Ferris, Old O’Flynn, aber die waren nach wie vor wohlauf. Er kroch zur Five-Rail und daran vorbei, glitt über den Niedergang der Steuerbordseite aufs Quarterdeck und dann auf die Kuhl und hastete zur Crew.
Der Kutscher lief ihm entgegen, sie stießen fast mit den Köpfen zusammen. Ein Wehlaut war zu vernehmen, diesmal über ihnen. Sie blickten beide auf und sahen Batuti, der sich hoch oben im Vormars festhielt. Er kauerte unnatürlich verkrümmt da.
„O Hölle und Teufel!“ brüllte Shane aus dem Großmars. „Sie haben ihn erwischt, diese Schweinehunde!“
„Schieß Pulverpfeile ab, Shane!“ schrie Hasard.
„Aye, Sir – Pulverpfeile!“
Wieder war ein Schmerzenslaut zu hören, und zwar ganz in der Nähe von Hasard und dem Kutscher auf der Kuhl. Dann fluchte Carberry, gackerte Sir John – und Matt Davies sagte: „Himmel, es ist doch nur ein Kratzer; ein idiotischer, unwichtiger Kratzer …“
Sie krochen zu ihm und sahen, wie er sich die blutende Schulter hielt. Matt saß mit dem Rücken gegen die Kuhlgräting gelehnt und schoß feindselige Blicke auf den Profos ab. Carberry untersuchte die Wunde, packte dann plötzlich zu und riß Matt einen ganzen Streifen Hemd von der Schulter.
Matt stöhnte auf.
„Unwichtiger Kratzer“, wiederholte Ed. „Dir geht’s wohl nicht gut, was?“
„Vorhin ging’s mir besser“, ächzte Matt.
„Ausgerechnet deinen gesunden Arm hat’s erwischt“, sagte Carberry. „Wenn’s der rechte gewesen wäre, wäre es nicht so schlimm gewesen. Den hätten wir auch ruhig amputieren können. Du hast ja schließlich noch den linken als Ersatz. Aber wie wird es denn nun, wenn Ferris und Shane dir einen zweiten Haken als Prothese anpassen müssen und …“
„Sir“, keuchte Matt Davies. Er war blaß wie ein Leinenlaken. „Ich bitte darum, von diesem – diesem Idioten in Ruhe gelassen zu werden.“
„Kutscher, bring Matt ’runter ins Vordeck und verarzte ihn“, sagte Hasard. „Ich kümmere mich um Batuti.“
Er lief nach Steuerbord, schwang sich in die Fockwanten und hangelte zu dem wankenden Gambia-Neger hoch. In diesem Moment lag nur noch ungefähr eine halbe Kabellänge Distanz zwischen der „Isabella“ und der „Esperanza“.
6.
Sabreras stand breitbeinig auf dem Achterdeck der „Esperanza“ und sah die „Isabella“ wie ein monströses Ungeheuer auf sich zugleiten.
„Weiter anluven!“ schrie er. „In den Wind! Sie wollen durchbrechen!“
Die Geschütze der linken Schiffsseite waren inzwischen wieder nachgeladen, und wenn der Seewolf an Backbord der „Esperanza“ vorbeisegelte, wie Sabreras es voraussah, wollte der Spanier seinen vernichtenden Schlag landen.
Die Dreimast-Karavelle lag mit aufgegeiten Segeln vor dem Wind, mehr konnte ihr Kapitän nicht tun, um das Davontreiben zu verhindern. Er hatte Befehl gegeben, ein Notruder herzustellen, aber das würde, gemessen an dem Tempo, mit dem das Gefecht ablief, ewig dauern.
Die Karavelle kriegte die „Isabella“ nicht vor die Rohre. Wenn sie jetzt feuerte, traf sie unweigerlich die „Esperanza“.
Unter Sabreras’ heiserem Geschrei zog die „Esperanza“ mit dem Vorschiff allmählich in den Wind. Die Segel wurden ebenfalls aufgegeit, damit sie nicht wie verrückt zu killen begannen.
De Vargas und Mangusto befanden sich auf dem Vordeck der Galeone. De Vargas ließ ununterbrochen seinen Schiffen signalisieren, aber seine innere Überzeugung wandelte sich mehr und mehr. Die Smaragde waren in seinem Geist viele grüne Schiffe, die durch die Dunkelheit davonsegelten und schließlich verschluckt wurden. Aus und vorbei, dachte er, por Dios, warum bist du nur so pessimistisch?
Brandpfeile flogen von der „Isabella“ aus auf die „Esperanza“ und die Dreimast-Karavelle zu, aber es waren jetzt weniger geworden. Voller Genugtuung sah Sabreras, daß der schwarze Goliath im Vormars des gegnerischen Seglers zusammengebrochen war. Er hielt sich nur noch mit einer Hand fest und drohte jeden Augenblick in die Tiefe zu stürzen.
Soviel konnte der Kommandant dank der rasch zunehmenden Helligkeit erkennen. Und noch etwas registrierte er: Jemand enterte in den Fockwanten auf. Er wollte dem Neger herunterhelfen.
„Der Seewolf“, flüsterte Sabreras.
Er wirbelte herum und schrie: „Eine Muskete! Oder eine Arkebuse! Rasch!“
Es war der Sargento, der eilfertig mit der gewünschten Waffe herbeistürzte. Auf dem Niedergang stolperte er fast, fing sich aber wieder, hastete weiter und verharrte schwer atmend neben Sabreras.
„Hier, Comandante – und ich habe auch eine Gabelstütze mitgebracht.“
Ein Brandpfeil senkte sich auf die Galion der „Esperanza“. Im nächsten Augenblick zerriß ein Krachen und Blitzen die Dämmerung, und alle anderen Laute wurden kaschiert.
„Verdammt!“ brüllte Sabreras. „Was war denn das? Pulver? Wie ist das möglich?“
„Eine neue Teufelei dieser Bastarde!“ schrie der Sargento.
„Ja.“ Sabreras griff sich die Waffe. Es war eine schwere Arkebuse, die man ohne den dazugehörigen Gabelstock überhaupt nicht auf den Gegner anlegen konnte. Sabreras trat damit ans Backbordschanzkleid.
Er sah, wie die „Isabella“ noch näher glitt, der Seewolf den schwarzen Riesen im Vormars erreichte und trachtete, den Mann über die Webeleinen der Wanten sicher nach unten auf Deck zu bringen.
Sabreras legte die Arkebuse auf die Gabelstütze und zielte.
„Sargento!“ rief er. „Wenn ich treffe, dann befördere ich dich, du elender Streber. Zum Kapitän, jawohl, zum Kapitän.“
„Danke, Comandante!“
„Die Lunte entfachen, Sargento!“
Ein Brandpfeil stach in zitternder Bahn auf die Dreimast-Karavelle zu. Er traf ihr Hauptdeck, Sabreras sah es ganz deutlich, und dann stieg ein Feuer-ball aus dem Schiff auf. Es dröhnte, die Besatzung schrie, Trümmer und Menschen wirbelten, und das Licht der Flammen tauchte die „Isabella“ und die „Esperanza“ in glutigen Schein.
„Sie haben ein Pulverdepot der Karavelle getroffen!“ schrie der Sargento.
„Der Teufel soll sie holen!“ Sabreras zielte unbeirrt. Er hatte nur noch ein Ziel vor Augen. Er wollte den Seewolf töten. Stirb, dachte er voll Haß, stirb, du hirnverbrannter Narr! Ich wußte ja, daß du zuletzt doch den kürzeren ziehst!
Die Zündschnur glomm. Sabreras packte sie, führte das Ende in das Luntenschloß und klemmte es im Hahn fest. Als er abdrückte, wurde die Lunte mittels Federdruck an die Pulverladung geführt.
Im selben Augenblick wirbelte etwas von der Back der „Isabella“ herüber. Es schlug knapp vor dem Querabschluß des Achterdecks auf die Kühl der „Esperanza“, polterte, rollte ein Stück und blieb liegen.
„Deckung!“ schrie Lopez Mangusto. Er hatte das Objekt als Flasche identifiziert und sah auch die rotknisternde Lunte, die durch ihren Korken bis auf den Grund führte.
Hundert Hämmer schienen jählings auf die Planken der „Esperanza“ zu schlagen, jedenfalls hörte es sich so an. Sabreras drückte noch ab, aber die Druckwelle der Explosion nahm ihn mit und fegte ihn zur Seite. Er verriß den Arkebusenschuß. Die Kugel stob zwar zum Fockmast der „Isabella“, saß aber zu hoch.
Sabreras flog bis zur Heckreling, wo er mit dem Sargento zusammenstieß. In seiner ohnmächtigen Wut hieb er mit der Faust auf ihn ein und schrie: „Du Hund, du hättest mich warnen müssen! Jetzt ist es aus mit deiner Beförderung! Lieber degradiere ich dich!“
In der Kuhl der „Esperanza“ klaffte ein Loch. Die Höllenflasche, die von Ferris Tucker von der Back der „Isabella“ aus geschleudert worden war, hatte ein halbes Dutzend Spanier getötet und genauso viele verwundet. Sie hatte zwar kein Leck in die Galeone gerissen, aber sie sorgte für ein beispielloses Durcheinander.
Schreiend und fluchend liefen Sabreras’ Männer über Deck. De Vargas und Mangusto hatten das Vordeck verlassen und mischten sich unter sie, um sie zu beruhigen.
Aber auf dem Schiff der Seewölfe wummerten nun die vorderen Drehbassen, und einer von Big Old Shanes Pulverpfeifen raste wieder auf die Kuhl nieder.
Panik entstand. Nur einer der spanischen Geschützführer hatte die Geistesgegenwart, sich mit einem wassergefüllten Kübel zu bewaffnen und damit auf den in den Planken steckenden Pfeil loszustürmen. Er kippte das Naß über der Flamme aus, bevor sie das Pulver zünden konnte.
Sabreras hatte sich aufgerappelt.
„Allmächtiger“, stammelte er. „Sie wollen entern. Die Smaragde …“
Er rannte selbst zum Kolderstock. Der Rudergänger hatte sich hingeworfen und deckte seinen Kopf mit den Händen ab. Ein Drehbassenschuß war ganz dicht an ihm vorbeigefegt. Die Angst steckte ihm tief in den Knochen und schüttelte ihn.
Sabreras trat ihm in die Seite.
„Abfallen!“ brüllte er. „Wir nehmen westlichen Kurs! Wollt ihr wohl parieren, ihr Hunde! Ich stelle euch alle vors Bordgericht!“
Er packte den Kolderstock und legte ihn herum. Unten auf der Kuhl hatten Aurelio de Vargas und Lopez Mangusto ein paar Männer zur Räson bringen können. Und plötzlich fielen die aufgegeiten Segel, wurden angebraßt, fanden sich wieder drei, vier Mutige, die an die Geschütze der Backbordseite zurückliefen und zu den Lunten griffen.
De Vargas und Mangusto selbst bedienten zwei Culverinen.
Feuerblitze zuckten gegen die „Isabella“ an, Rauch breitete sich in Schwaden auf Oberdeck aus und biß in den Atemwegen der Männer.
Gleichzeitig eröffnete nun auch die Dreimast-Karavelle wieder das Feuer. Sie hatte eine günstigere Position gewinnen können.
Plötzlich befanden sich die Seewölfe in einem todspeienden Kessel.
Hasard war keine Einzelheit entgangen. Er hatte Batuti aus den Wanten des Fockmastes auf Deck hinuntergelassen, war mit einem Satz neben ihm auf der Back gelandet und hatte ihn gleich zum Kutscher und zu Smoky weiterbefördert. Batuti hatte einen Eisensplitter ins Bein erhalten. Er blutete ziemlich stark und hatte mit gewaltigen Schmerzen zu kämpfen.
„Ferris!“ rief der Seewolf. „Himmel, wenn du die Flasche nicht geworfen hättest! Sabreras hatte Batuti und mich im Visier.“
Ferris grinste bloß, aber Al Conroy erwiderte: „Deswegen ist Ferris ja plötzlich wie der Teufel vom Achterdeck hierher gewetzt. Mann, das sah aus, als wollte er außenbords springen. Wir dachten schon, er wäre übergeschnappt – verflucht, dabei hab ich nicht gesehen, wie dieser Hund Sabreras mit der Arkebuse herumfummelte und …“
Weiter gelangte er nicht. Von der „Esperanza“ heulten die Kugeln herüber, und jetzt fing auch die Dreimast-Karavelle an, sie mit massivem Beschuß zu belegen.
Hasard ging neben Ferris, Al und Blacky zu Boden. Die „Isabella“ erbebte unter Treffern. Es schien der Moment der endgültigen Vernichtung zu sein.
Die „Isabella“ hatte sich aber in die Lücke zwischen der „Esperanza“ und der Karavelle geschoben.
Carberry schrie: „Feuer!“
Die Culverinen röhrten los, diesmal auch die der Steuerbordseite. Das Gefecht nahm ein vorher unerreichtes Ausmaß an, es war das tönende, flammende Inferno.
Hasard huschte zur Kuhl hinunter und sah zu seinem Entsetzen den Schiffsjungen Bill zu Carberrys Füßen liegen. Dann entdeckte er auch den Teil einer Spiere. Das Ding war offenbar bis an die Kuhlgräting gerollt und verharrte nun dort. Was vorher passiert war, ließ sich leicht rekonstruieren: Eine Rah war getroffen worden – augenscheinlich die Großmarsrah. Ihr abknickendes Trümmerstück war herabgesaust, hatte Bill erwischt und war dann weitergerutscht.
„Bill!“ rief der Seewolf.
Er lief zu dem Jungen. Er mußte sich wieder hinwerfen, denn eine neue Salve der Spanier orgelte herüber. Auf dem Bauch schliddernd erreichte er schließlich Bill.
Bill war bewußtlos, Er sah in diesem Augenblick mehr tot als lebendig aus. Hasard lief es eiskalt über den Rücken.
„Ed!“ schrie er. „Hölle und Teufel – Profos!“
Carberry fuhr zu ihm herum. Noch nie hatte Hasard echte Verzweiflung in seiner Miene gesehen, aber diesmal schienen dem wackeren Profos fast die Tränen zu kommen.
„Mist!“ rief er. „Ich weiß ja, daß es den armen Kerl getroffen hat, aber ich – der Kutscher – schockschwerenot, diese Kanaillen von Dons!“ Er machte sich nun ebenfalls auf den Planken platt. „Der Kutscher ist im Vordeck und kümmert sich um Matt und Batuti“, keuchte er dicht neben dem Seewolf. „Und ich kann hier doch nicht weg, verdammt.“
Hasard griff nach dem Jungen. So behutsam wie möglich schleppte er ihn zum Vorschiff.
Die 17-Pfünder der „Isabella“ spuckten Feuer, Rauch und Blei. Die Galeone zog mit steif geblähten Segeln an den Feinden vorbei. Der Wind pfiff durch etliche Löcher im Rigg, aber dennoch lief sie gute Fahrt. Sie geriet aus der unmittelbaren Gefahrenzone.
Hasard lieferte den ohnmächtigen Bill bei Smoky ab, als dieser gerade aus dem Vordeckschott schaute. Er drehte sich wieder um, hetzte zum Achterdeck und verfolgte, wie der alte O’Flynn und Ben Brighton die achteren Drehbassen auf die Dreimast-Karavelle abfeuerten.
Im Moment konzentrierte sich das Bestreben der Crew voll auf die Karavelle. Shane deckte sie mit Pulverpfeilen ein. Al Conroy schoß den letzten Brandsatz ab, den sie noch an Bord hatten. Und dann sprachen noch einmal die Culverinen der Steuerbordseite, denn die „Isabella“ hatte so weit nach Osten angeluvt, daß sie den Spanier wieder vor den Mündungen hatte.
Die Karavelle, immer noch wegen des zerschossenen Ruders manövrierunfähig, konnte darauf nicht mehr antworten.
Zwei Explosionen in den Pulverdepots zerfetzten sie mittschiffs.
Hasard langte bei Ben an. Er griff zum Spektiv, richtete es auf die See und verschaffte sich einen Überblick.
Die Schatten der Nacht waren nun vollends verblaßt. Die Dämmerung schob sich in diffusen Streifen vom Festland aus über die See. Im Osten kündigte sich das Aufgehen der Sonne durch einen rötlichen Bogen an, der von Sekunde zu Sekunde wuchs.
„Siri-Tong hat die zweite Galeone und die Zweimast-Karavelle brennend hinter sich gelassen“, stellte er fest. „Jetzt dreht sie, um sich mit uns zu treffen.“
„Und die ‚Esperanza‘?“ fragte Ben.
„Verdammt, sie läuft nach Westen ab“, entgegnete der Seewolf. Seine Haltung versteifte sich. „Was hat Sabreras vor? Mit dem hart angeschlagenen Schiff kann er sich unmöglich auf die offene See hinauswagen. Und welchen Sinn hätte das auch?“ Er dachte einen Moment nach, dann meinte er: „Jetzt, nachdem ihm die Felle davongeschwommen sind, sucht Sabreras sein Heil wieder in der Flucht. Er weiß, daß er uns nicht mehr besiegen kann. Darum versucht er einen Bogen zu schlagen. Er wird nach Nordwesten drehen, dann nach Norden abschwenken und trachten, nach Panama zu gelangen.“
„Das lassen wir doch nicht zu, oder?“
„Nein.“
Hasard drehte sich der Kuhl zu. „Herhören, Männer, wir halten Nordkurs und sehen zu, daß wir Sabreras den Weg abschneiden.“
„Aye, Sir!“ rief der Profos zurück. „Soweit ich sehen kann, haben die Dons uns zwar gerupft, aber die ‚Isabella‘ ist immer noch einigermaßen seetüchtig.“
Ferris Tucker fügte hinzu: „Keine Lecks unter der Wasserlinie, Sir!“
„Und die Verwundeten?“ Hasard verließ das Achterdeck, Ben schloß sich ihm an.
Sie gingen ins Mannschaftslogis im Vordeck, wo der Kutscher die Verletzten-Station eingerichtet hatte. Carberry stapfte jetzt auch heran. Dann, als sie in den großen Schiffsraum schauten, krampfte es ihnen fast das Herz zusammen. Matt und Batuti waren verbunden und konnten schon wieder grinsen. Aber Bill lag immer noch in tiefer Besinnungslosigkeit und war so weiß wie eine frisch gekalkte Wand.
„Verdammt, Kutscher“, grollte der Profos. Drohend trat er auf den schmalbrüstigen Koch und Feldscher zu. „Ich breche dir sämtliche Gräten, daß du bloß noch zum Wegwerfen taugst, wenn du unseren Bill nicht anständig zusammenflickst und ihm wieder auf die Beine hilfst.“
„Laß den Kutscher in Ruhe“, sagte Matt. „Er kann nichts dafür, daß Bill von der halben Spiere getroffen wurde. Und er tut sein Bestes. Er hat uns zusammengenäht wie ein echter Künstler, und dabei haben wir vom besten Whisky gesoffen. Narkose nennt man das, falls dich einer fragt, Mister Carberry.“
Carberry änderte die Marschrichtung und hielt nun direkt auf Matt Davies zu. Der Kutscher atmete auf.
Mit leicht bebendem Finger wies der Profos auf den reglos daliegenden Bill. „Der Junge ist am Krepieren, und du redest vom Saufen, Davies. Du denkst bloß an dich, was? Ich reiß dir gleich deinen Eisenhaken aus, Mann.“
Matt hob seine scharfgeschliffene Prothese etwas an. „Vorsicht, Ed. Du bist der Profos, aber du hast kein Recht, mich zusammenzustauchen. Und was Bill betrifft, brauchst du dir keine Sorgen zu machen.“
„Keine Sorgen?“ Carberry schnaufte aufgebracht. „Da hört sich doch alles auf.“
„Reiß dich zusammen“, sagte jetzt der Seewolf. „Was ist denn los mit dir, Ed? Hör dir doch erst mal an, was der Kutscher über Bills Zustand zu sagen hat. Und führe hier nicht so einen Tanz auf.“
„Ja, Sir“, erwiderte Carberry zerknirscht.
„Bill nicht sehr kaputt“, sagte Batuti. „Kutscher hat schon gesagt, daß alles halb so schlimm ist.“
„Aha“, meinte Ben. „Dann können wir ja hoffen, oder? Nun rück doch mit der Sprache heraus, Kutscher.“
Der Kutscher sagte: „Natürlich. Ich bin nahezu sicher, daß Bill keine inneren Verletzungen und auch keine Gehirnerschütterung erlitten hat. Nur Prellungen und Blutergüsse. Sein Herzschlag und der Puls sind normal.“
„Warum, zum Teufel, kommt er dann nicht zu sich?“ wollte der Profos wissen.
„Vergiß nicht, daß er weniger Substanz hat als ein ausgewachsener Mann“, sagte der Kutscher belehrend. „So ein Unfall setzt ihm schon eine Weile zu. Er verdaut ihn nicht so schnell wie beispielsweise die beiden da.“ Er wies mit dem Kopf zu Matt und Batuti.
Carberry trat an das Lager von Bill. „Eins schwöre ich. Lieber beiße ich ins Gras, als daß ich den Jungen abkratzen sehe. Hölle, wir haben’s dem alten London-Joe versprochen, auf seinen Sohn aufzupassen. Und ich nehme das ernst. Verdammt ernst.“
„Wir auch, Ed“, sagte der Seewolf leise.
„Verzeihung, Sir …“
„Schon gut, Ed.“
„Bitte um Erlaubnis, bei Bill wachen zu dürfen, bis er wieder zu sich kommt.“
„Genehmigt“, sagte Hasard.
Als die „Isabella VIII.“ und das schwarze Schiff etwa eine Stunde später Cabo Corrientes an der Küste von Neu-Granada passierten, erschien Carberry wieder auf Oberdeck. Und er grinste.
Bill war nämlich aus der Bewußtlosigkeit erwacht und hatte als erstes ein echtes Carberry-Zitat vom Stapel gelassen. Darin war von Dons, verlängerten Rückenpartien und Haut die Rede, die er, Bill, ihnen noch in Streifen abziehen würde.
7.
„Esperanza“ – der Name der Galeone klang jetzt wie ein Hohn. Als Aurelio de Vargas sich weit über das Backbordschanzkleid des Vordecks beugte und zusah, wie der letzte Tote in den Fluten verschwand, konnte er den Schriftzug am Bug lesen. Leise fluchend richtete er sich wieder auf und drehte sich um.
Lopez Mangusto stand hinter ihm und musterte ihn aus forschenden dunklen Augen.
„Auf was sollen wir jetzt noch bauen?“ sagte de Vargas. „Über ein Drittel unserer Mannschaft ist getötet worden. Wir haben die Leichen in der See bestattet, wie es sich gehört. Das ändert aber nichts an unserer Lage und kann auch die Stimmung der restlichen Männer nicht heben.“
„Wir haben ein Schiff, das noch manövrierfähig und schnell genug ist, dem Seewolf davonzulaufen“, erwiderte Mangusto. Es klang lauernd, verschlagen.
„Meinetwegen. Aber einem weiteren Kampf hält es nicht stand. Wir müssen kläglich versagen.“
„Wer sagt denn, daß es zu einem weiteren Gefecht kommt?“
„Wir wollen nach Panama.“
„Sabreras ist fest entschlossen, einen starken Verband zur Jagd auf den Seewolf und die Rote Korsarin zusammenzustellen“, erwiderte der Erste Offizier.
De Vargas lächelte freudlos. „Und wo steckt der Seewolf jetzt?“
„Es ist Mittag. Seit dem Morgengrauen haben wir ihn nicht mehr gesehen.“
„Das heißt nichts. Er hat sich nicht zurückgezogen. Er segelt dicht unter Land, deswegen sehen wir ihn nicht. Unsere Distanz zur Küste beträgt fünfzig Meilen oder gar mehr, du kannst es ja mal ausrechnen. Er schneidet uns den Weg nach Panama ab, Lopez.“
„Er wird uns stellen?“
„Ja, das wird er. Eher ruht er nicht.“
„Das bedeutet Tod, Aurelio.“
„Willst du sterben?“
„Ich nicht“, erwiderte Mangusto ruhig. „Ich will die Smaragde. Sabreras wird aber den Kurs nicht ändern wollen. Das bedeutet …“
De Vargas blickte zur Kuhl. „Ich war lange wankelmütig. Jetzt weiß ich, was wir zu tun haben. Hörst du das Stöhnen der Verwundeten? Sie sind auf unserer Seite. Und die Gesunden auch. Selbst der Sargento.“
„Ja, ganz gewiß.“
„Wir reden also beide von der gleichen Sache, Lopez?“
„Ich hätte dich ohnehin darauf angesprochen“, erwiderte der Erste Offizier. „Ich wußte dich nur nicht einzustufen und war nicht sicher, ob du auch wirklich mitspielen würdest.“
„Du kannst deine Zweifel ausräumen.“
„Ja. Aber du weißt, was wir riskieren.“
„Höchstens, daß Sabreras Widerstand leistet. Mehr nicht.“
Mangusto blickte ihn verwundert an. „Wir könnten wegen Meuterei zum Tode verurteilt werden.“
„Wer soll uns verraten?“ De Vargas blieb völlig gelassen, er sprach fast gleichgültig. „Wenn wir diesen elenden Narren erst los sind, können wir in aller Ruhe die Smaragde auf einer abgelegenen Insel verstecken. Danach kehren wir nach Panama zurück, aber erst, wenn wir sicher sind, daß der Seewolf uns nicht mehr packen kann. Dem Gouverneur erzählen wir, dieser englische Korsar habe unser Schiff geentert und ausgeplündert und Sabreras dabei getötet.“
Mangustos Stimme senkte sich zu einem Raunen. „Du willst Sabreras also umbringen?“
„Das nimmt uns der Seewolf ab.“ De Vargas lächelte. „Er will Sabreras fassen, nicht uns. Vergiß das nicht. Ich setze es dir noch genauer auseinander.“
Lopez Mangusto trat noch einen Schritt näher. „Nur eines wollen wir klarstellen, Aurelio. Nach Sabreras’ – hm, Abgang gibt es an Bord der ‚Esperanza‘ zwei vollwertige Kapitäne, nicht einen neuen Kommandanten, ist das klar?“
„Einverstanden. Hast du Angst, ich könnte dich ausbooten?“
„Ich will mir nur den Rücken dekken“, entgegnete der gerissene Mangusto. Er rieb sich angelegentlich den Vollbart. „Und vergiß nicht, daß ich den Großteil der Mannschaft hinter mir habe.“
„Ich denke daran.“
„Wir erreichen Panama nicht vor morgen abend.“
„Genug Zeit also, mit den Männern zu sprechen und alles vorzubereiten“, sagte Aurelio de Vargas.
„Heute nacht schlagen wir zu“, sagte Lopez Mangusto.
Sabreras hatte sich den Tag über kaum auf dem Oberdeck aufgehalten. Im Grunde kümmerte es ihn einen Dreck, wie es um die Mannschaft bestellt war. Auch die Handvoll Soldaten und die Offiziere, die das Gefecht überstanden hatten, interessierten ihn nicht.
Im übrigen hatte er bereits gewittert, was auf der Galeone seinen Lauf nahm – und hatte seine Vorkehrungen getroffen. An großen Widerstand und überragende Heldentaten dachte er dabei weniger. Wichtig war ihm nur das persönliche Wohlergehen, denn er sah in allen Dingen sich als den Mittelpunkt seines Daseins, nur sich. Und das hielt er für eine außerordentlich gesunde Einstellung.
In der Kapitänskammer trank er nach Einbruch der Dunkelheit ein letztes Glas Wein. Er genoß es. So schnell kriegst du wahrscheinlich einen edlen Tropfen Rioja nicht wieder, dachte er.
Schließlich erhob er sich und trat durch die offene Tür auf die Heckgalerie hinaus. Er durfte nicht zu weit gehen, denn auch die Reling und einige Planken der Galerie waren in der Schlacht in Mitleidenschaft gezogen worden.
„‚Esperanza‘, schönes Schiff“, murmelte er. „Erbärmlicher Kahn – ach, der Teufel soll dich holen.“
Ein Unheil kommt selten allein, dachte er, zwar kannst du die Verfolger auf Abstand halten, weil die ‚Esperanza‘ immer noch ein schneller Segler ist, aber jetzt stehen im eigenen Hause die Zeichen auf Sturm.
Ein Komplott.
Aber wenige Habseligkeiten genügen, um einen Mann unabhängig und reich zu machen, sagte er sich auch, und dann kann er auf seine Mitmenschen pfeifen.
Die Planken der Galerie knarrten bedenklich unter seinen Füßen. Er warf noch einen Blick auf das sanft sprudelnde Kielwasser der Galeone, dann drehte er sich um und kehrte in die Kammer zurück. Nur eine Radschloßpistole steckte er sich in den Gurt. Auf den Degen verzichtete er und nahm nur ein Messer und Pulver, Kugeln und kleine Verdämmungspfropfen aus Filz mit. Er hatte sich nach dem Gefecht neu angekleidet und glaubte, adrett genug zu sein, um mit Würde Abschied von seinem Schiff nehmen zu können.
Ohne Zögern schritt er nun den Mittelgang des Achterkastells entlang, trat durchs Schott ins Freie und schaute sich um.
Auf der Backbord- und Steuerbordseite der Kuhl lagen die beiden Beiboote der „Esperanza“ in ihren Zurrings. Wie durch ein Wunder hatte das linke in dem Kampf keinen Schaden genommen. Sabreras hatte es am Nachmittag bei einem kurzen Aufenthalt auf dem Oberdeck selbst überprüft.
An Steuerbord schälte sich die Gestalt von Aurelio de Vargas aus dem Dunkel.
Es war eine ruhige, sternklare Nacht. Wie mit Silbertupfern durchwirkt erschien der samtene Himmel. Der Mond war als scharfgeschnittene Sichel hineingestanzt. Der Wind fiel immer noch von Süden ein. Er war lauwarm, weil er vom Äquator wehte.
De Vargas verstellte seinem Vorgesetzten den Weg.
„Ich muß mit dir reden“, sagte er.
„Vorsicht mit dem ‚Du‘“, erwiderte Sabreras. „Die Wache könnte uns hören. Wo steckt sie überhaupt?“
De Vargas wies nach vorn. Wie durch Spuk wuchsen die Gestalten von drei Männern auf der Back hoch. Er schaute nach achtern, und als Sabreras den Kopf wandte, erschienen oben auf dem Achterdeck weitere drei Männer.
Und Lopez Mangusto und der Sargento traten nun aus dem Achterkastell. Hinter ihnen befanden sich ein paar andere Uniformierte – die restlichen Offiziere.
„Hier scheint ja alles auf den Beinen zu sein“, sagte Sabreras. Es klang leichthin gesprochen. Keiner sollte seine innere Anspannung spüren.
„Hast du das Stöhnen der Verwundeten am Tag nicht gehört?“ fragte der Kriegsschiff-Kommandant. „Jetzt schlafen sie endlich, aber sie haben die Unversehrten zur Genüge genervt. Alle haben die Nase voll. Keiner will mehr den Kopf für dich hinhalten, Sabreras.“
„In Panama können sich die Leute ausruhen.“
„Wir erreichen Panama nie.“
„Du solltest dich lieber auch hinlegen“, meinte Sabreras ironisch. „Du scheinst Ruhe nötig zu haben.“
„Es wird einen neuen Kampf mit dem Seewolf geben“, sagte de Vargas beharrlich. „Aber darauf lassen wir uns nicht ein. Wir laufen Panama nicht an und lassen uns nicht von diesem verfluchten englischen Piraten zu den Fischen schicken.“
„Solange ich Kommandant auf diesem Schiff bin …“
„Du bist es die längste Zeit gewesen“, sagte de Vargas.
Vielleicht dachte er, Sabreras würde jetzt auf eine hinhaltende Floskel ausweichen und so tun, als verstünde er nicht. Vielleicht würde er um jeden Preis versuchen, die Autorität zu wahren.
Aber de Vargas irrte sich.
Sabreras hatte die Radschloßpistole plötzlich wie durch Zauberei in der Faust und richtete sie auf sein Herz. „Jetzt staunst du, wie? Ich habe damit gerechnet, daß ihr Bastarde meutert. Ich hätte dich nie zum Kommandanten meines Schutzverbandes ernennen sollen, Aurelio. Du taugst eben doch nichts. Du hast dich von Lopez, diesem durchtriebenen Hurensohn, überreden lassen, wie?“
„Ich treffe meine Entscheidungen allein“, versetzte de Vargas gepreßt.
„Paß auf, wie du sprichst, Sabreras“, sagte Mangusto, der unmittelbar vor der Querwand des Achterkastells stand. „Ich könnte dir in den Rücken schießen.“
„Aber de Vargas nehme ich auf jeden Fall noch mit“, erklärte Sabreras scharf.
„Männer!“ rief Lopez Mangusto. „Wenn wir auch Opfer bringen müssen, laßt euch von diesem Bastard nicht hereinlegen! Er hat einen Schuß und kann nur einen von uns ins Jenseits schießen – danach ist er dran!“
„Sabreras“, sagte der Sargento mit schneidender Stimme. „Ergib dich! Du hast keine Chance gegen uns.“
„Narr“, murmelte Sabreras. „Ich hätte dich doch lieber gleich degradieren sollen. Du taugst bestenfalls zum Aufklarer.“ Er stellte sich rasch hinter de Vargas, packte ihn am Gürtel und zog ihn mit sich zu dem an Backbord festgelaschten Beiboot. „Siehst du“, sagte er. „Soviel bist du deinen Komplicen wert. Abknallen lassen würden sie dich. Aber keine Angst, ich lege dich nicht um. Ich will nur freien Abzug.“
„Den hast du.“
„Wer garantiert mir dafür?“
„Ich“, sagte de Vargas.
„Womit? Mit deinem Wort? Daß ich nicht lache!“ Laut wandte sich Sabreras an den Rest der Besatzung. „Herhören! Ich verlange nichts von euch, nicht einmal Proviant. Ich will nur das Boot. Damit schlage ich mich irgendwie durch. Wenn ihr noch einen Funken Anstand habt, laßt ihr mich weg.“
„Das kann er haben“, meinte der Sargento.
„Aber de Vargas nimmt er nicht mit!“ schrie Mangusto. „Das lasse ich nicht zu!“
„Er setzt sich doch für mich ein“, sagte de Vargas triumphierend zu Sabreras.
„Narr! Er fürchtet, wir könnten wieder gemeinsame Sache machen, wenn wir mit dem Boot fort sind. Zwei Männer, die beim Gouverneur oder gar beim Vizekönig gegen ihn aussagen – das wäre sein sicherer Tod.“ Sabreras stieß einen ärgerlichen Laut aus. „Leider war ich gezwungen, euch beide bei unseren Reisen nach San Cristóbal auf den Galápagos-Inseln in mein Geheimnis einzuweihen. Ihr wart die einzigen, die herausgefunden hatten, was sich wirklich in den Truhen befand, die ich dort ablud. Ich beteiligte euch Bastarde also. Aber ich habe immer gewußt, daß es ein Fehler war, Mitwisser zu haben. Los, hilf mir, wir beide fieren das Boot ab. Aber gib acht. Ich ziele dabei mit der Pistole auf dich.“
Wenig später glitt das Boot außenbords und dann in die Tiefe. Ungeschoren konnte Sabreras die „Esperanza“ verlassen. Er stieg an der Jakobsleiter nach unten, ohne die Landsleute noch eines Blickes zu würdigen. Die Radschloßpistole behielt er in der Hand – für den Fall, daß doch noch jemand auf ihn schoß.
Aber de Vargas, Mangusto, der Sargento und die anderen wollten sich die Finger nicht beschmutzen.
„Lassen wir ihn abhauen“, sagte der Sargento mit einem dünnen Grinsen. „Weit gelangt er ja doch nicht. Entweder schnappen ihn die Seewölfe oder irgendwelche anderen Piraten. Oder Wilde. Oder er verhungert und verdurstet. Und dann wären da ja noch die Tiburónes, die Haie, nicht wahr?“
„Stimmt“, erwiderte Mangusto. „Aber mal angenommen, er schafft es, das Festland zu erreichen.“
„Dann muß er einen weiten Fußmarsch bis nach Panama zurücklegen“, sagte de Vargas. „Und auf der Strecke wimmelt es von Strauchdieben und anderen Galgenstricken.“
„Na dann“, meinte der Sargento überzeugt. „Dann ist sein Leben wirklich nur noch einen Pfifferling wert. Oder noch weniger.“
Mangusto wandte sich plötzlich ab, lief durch den Gang bis zur Kapitänskammer und stieß die Tür auf. Ihm war ein Verdacht aufgestiegen. Siedendheiß durchlief es ihn, als er in der Kammer herumstöberte. Er wurde wütend, riß das Pult um, trat gegen die Koje, warf einen Stuhl zu Boden und stürmte wieder zu den anderen zurück.
„Verdammt!“ brüllte er. „Wir Narren! Er hat die Krone der Chibchas und den anderen Smaragdschmuck mitgehen lassen. Und die Ledermappe mit den geheimen Dokumenten für den Gouverneur, die auch ihren Wert besitzen! He – seht nach, ob er noch mehr von Bord geschmuggelt hat!“
Die Männer suchten das Schiff ab, und nur kurze Zeit später meldete sich einer von ihnen aus dem Kombüsenschott: „Proviant und zwei Schläuche mit Trinkwasser fehlen, verdammt noch mal!“
Mangusto, de Vargas und der Sargento waren zum Backbordschanzkleid gestürzt und spähten in die Nacht, aber von dem Beiboot war nichts mehr zu sehen. Es hatte einen Mast, den man in die Öffnung einer Ducht stecken und verstagen konnte, und war in der Lage, ein Großsegel und eine Fock zu führen.
Dadurch hatte Sabreras sehr schnell im Schutz der Nacht untertauchen können.
„Wie hat er die Sachen bloß auf das Boot bringen können?“ sagte der Sargento immer wieder. „Wie bloß? Ich begreife das nicht.“
„Aber ich.“ Lopez Mangusto sagte es voll ohnmächtiger Wut. „Wir haben ihn unterschätzt, das ist es. Er wußte, daß eine Meuterei bevorstand. Schon am Tag hat er alles in dem Boot versteckt, was er braucht. Hölle, so bringt er es möglicherweise doch fertig, bis nach Panama zu segeln. Dieser Dreckskerl!“
„Suchen wir ihn“, sagte de Vargas. „Weit kann er nicht sein. Ich schätze, er segelt nach Nordosten. Wenn die ‚Esperanza‘ auch lädiert ist – wir erwischen ihn schon.“
„Und wenn nicht?“ fragte der Sargento.
„Dann können wir uns in Panama und der gesamten Neuen Welt nicht mehr blicken lassen, du Schwachkopf“, erwiderte Lopez Mangusto.
Niemals hätten die Meuterer danach trachten dürfen, Sabreras wiederzufinden. Niemals hätten sie eine Stunde und mehr darauf verwenden dürfen, in nordöstlicher Richtung zu segeln und bei immer neuen Kurskorrekturen die Wasserfläche nach dem Flüchtigen abzutasten. Niemals – denn sie steuerten selbst in ihr Verhängnis.
Lieber hätten sie sich sofort nach Westen wenden sollen. Mit etwas Glück hätten sie wahrscheinlich bald eine Insel erreicht, vielleicht sogar die Isla del Coco nahe des fünften Grades nördlicher Breite, die nicht weit entfernt lag.
Doch das Glück war eben nicht auf ihrer Seite.
Der Ausguck im Vormars sah als erster den Schatten von Steuerbord nahen. Jawohl, er hielt die Augen offen und schlief nicht, wie man das manchmal bei nicht besonders guten, übernächtigten und erschöpften Wachtposten hatte – er sah diese riesigen Konturen aus der Nacht wachsen, aber im ersten Moment verschlug es ihm regelrecht die Sprache.
Danach brüllte er „Alarm“ und „Schiff an Steuerbord“ und noch einiges andere, aber das änderte nichts mehr.
Der unheimliche Segler entpuppte sich als Dreimaster. Er schob sich längsseits, bevor die Spanier auf den Gefechtsstationen waren. Spät, viel zu spät rumpelten die Culverinen, die Demi-Culverinen und die Minions der „Esperanza“ aus.
Und als sich dann noch ein anderer Geistersegler aus der Dunkelheit schälte, war es mit der Fassung der entnervten Mannschaft völlig vorbei. De Vargas konnte Befehle schreien, soviel und sooft er wollte, Mangusto konnte nach Herzenslust toben, der Sargento Disziplin verlangen – es hatte alles keinen Zweck mehr.
Enterhaken flogen, der Dreimaster schor längsseits der „Esperanza“. Menschenleiber quollen über die Schanzkleider.
„El Lobo del Mar!“ Der Schrei gellte über Deck und heizte die Panik noch mehr an.
Philip Hasard Killigrew und seine Mannschaft hieben ein paar Spanier nieder, die sich ihnen entgegenstellten, aber danach hatten sie leichtes Spiel. Ihre Tromblons und Musketen, Pistolen und Arkebusen brauchten sie nicht mehr einzusetzen. Hasard holte sich nur Aurelio de Vargas vor die Klinge und hielt ihn fest. Ben Brighton griff sich Lopez Mangusto, und Carberry packte den zappelnden, zeternden Sargento.
„So hab ich mir unser Wiedersehen immer vorgestellt“, brummte der Profos. „Sollen wir jetzt abrechnen, was, wie?“
Das schwarze Schiff legte sich gegen die Backbordseite der spanischen Galeone. Fender aus Kork und Tauwerk fingen den Aufprall ab. Siri-Tong, die Wikinger, der Boston-Mann, Juan und viele andere enterten ebenfalls auf die „Esperanza“ über.
„Streicht ihr die Flagge?“ rief der Seewolf.
„Si, Senor“, keuchte de Vargas. „Wir ergeben uns. Wir wollen nicht sterben.“
„Zum Teufel mit euch allen!“ schrie Mangusto.
Ben schlug ihm die Faust gegen die Stirn. Es war ein Jagdhieb, der den widerspenstigen Mann sofort niederstreckte. Ohnmächtig sank er hin.
„Siri-Tong!“ rief Hasard. „Ihr steigt am besten gleich in die Frachträume hinunter und beginnt mit dem Löschen der Ladung.“ Er lächelte den Kriegsschiff-Kommandanten an. „Oder soll ich lieber umladen sagen? Na, ist ja egal. Wo steckt Sabreras?“
„Den haben wir von Bord gejagt.“
„Du lügst, Spanier.“
„Seewolf“, stieß de Vargas hervor. „Mir ist nicht daran gelegen, den Helden zu spielen. Ich will nur die nackte Haut retten. Ich appelliere an deine Ehre. Wenn du uns alles genommen hast, was wir an Bord mitführen, was nutzt dir dann noch unsere Hinrichtung?“
„Gar nichts“, erwiderte Hasard. „Ich bin kein Mörder. Aber bevor wir euch türmen lassen, mußt du mir alles über Sabreras erzählen. Alles, klar?“
De Vargas schwor es. Bei Gott, der heiligen Jungfrau, Spanien und seiner Mutter – bei allem, was ihm lieb und teuer war.
8.
Im Morgengrauen erreichte Sabreras die Küste. Das Ufer war felsig und steil, wie drohend ragten die wuchtigen Steinmauern in den Himmel.
Er hatte ausreichend zu essen und zu trinken, eine Waffe und Munition, und allein die prunkvolle Krone der Chibcha-Indianer machte ihn zu einem beneidenswert reichen Mann. Nur eins fehlte ihm an Bord des einmastigen Bootes: die Navigationsinstrumente.
Er wußte nicht, wo er war. In der Nähe von Panama auf keinen Fall, dachte er, dort wäre ich frühestens am Abend des heutigen Tages gelandet.
Andererseits war er aber sicher, das Festland vor sich zu haben, keine Insel. Er konnte es sich nur so erklären: Er war weiter nach Norden abgetrieben worden, als er dachte. Jetzt befand er sich westlich von Punta Mariato oder gar im Golf von Chiriqui – oder möglicherweise noch weiter westlich versetzt.
„Wie auch immer“, sagte er leise. „Es hat keinen Zweck, Panama mit dem Boot erreichen zu wollen. Ich muß landen und mich dann nach Osten wenden. Killigrew und Siri-Tong – das alles werdet ihr mir büßen. De Vargas, Mangusto und alle anderen von der ‚Esperanza‘ – ich werde euch hetzen lassen wie tolle Hunde.“
Als er dicht unter Land war, mußte er aufpassen, nicht von den Brandungswellen erfaßt und gegen die Felsen geworfen zu werden. Das Boot wäre zertrümmert worden.
So lavierte er hart am Ufer entlang und forschte nach einem Landeplatz. Aber seine Bemühungen fruchteten nichts. Das Felsenland war schroff und abweisend, es wollte ihn nicht. Nirgends gab es den schmalsten Einlaß, es war wie verhext.
Die Sonne kletterte höher und gewann an Macht. Ihre Strahlen setzten ihm zu und trieben, ihm den Schweiß aufs Gesicht und auf den Leib. Er begann zu fluchen. War denn alles gegen ihn?
Er spielte schon mit dem Gedanken, nur das Notdürftigste an seinem Gurt festzuschnallen, ins Wasser zu springen und das Boot aufzugeben. Nur eine Überlegung hielt ihn davon ab. Wenn er am Ufer war, was sollte er dann tun? Klettern? Die Wände waren zu steil, und er hatte keine Übung als Bergsteiger. An den Klippfelsen entlangstolpern also? So war er jedem, der von See aus auftauchte, schutz- und deckungslos ausgeliefert.
Und es bestand ja immer noch die Möglichkeit, daß der Seewolf, dieser hartnäckigste aller englischen Korsaren, nach ihm suchte.
Endlich fand er einen Landeplatz.
Ein kegelförmiger Einlaß, den man leicht übersehen konnte, öffnete sich zu einer Grotte hin. Sabreras steuerte vorsichtig darauf zu, nahm die Segel und schließlich sogar den Mast weg, damit er hineinkonnte.
Dann schob er sich mit dem Boot in das Innerste der Wasserkaverne.
Ein bläulicher Lichtschimmer empfing ihn. Hier schwappte und schmatzte das Wasser hohl und widerhallend wie ein fremdartiges Element. Staunend blickte der Kommandant sich um. Je weiter er geriet, desto intensiver wurde das Blau. Hoch schob sich die Grotte empor, er konnte kaum ihre Decke erkennen. Er befand sich in einem regelrechten Felsentempel. Etwas Unheimliches, Beängstigendes haftete dem Platz an.
Einen Ausgang zum Land hin schien es nicht zu geben.
Enttäuscht wollte Sabreras wieder umkehren. Welchen Zweck hatte es, wenn er hier festmachte? Er griff zu den Riemen. Plötzlich hatte er es eilig, wieder das offene Wasser zu erreichen.
Aber da wandte er noch einmal den Kopf und schaute nach links. In dem blauen Schillern des Gesteins war doch eine Unterbrechung. Ein Gebilde, das zu untersuchen sich gewiß lohnte.
Und noch etwas veranlaßte ihn zum Bleiben. Als er sich umdrehte und durch die spitzkegelige Passage spähte, gewahrte er weit draußen auf See zwei Erscheinungen.
Erscheinungen? Er verharrte nur ein paar Minuten und erkannte dann, daß es sich um große Segler handelte. Er hatte ein Spektiv bei sich, das nahm er jetzt zur Hand und hob es ans Auge.
„Madre de Dios“, flüsterte er. „Das sind ja – die ‚Isabella‘ des Seewolfs und das schwarze Schiff der Roten Korsarin! Ihr verfluchtes Pack, die Pest und die Pocken sollen euch dahinraffen!“
Wie sie ihm hatten folgen können, war ihm nicht klar, aber unbewußt begriff er, daß auch dieser Umstand mit den Meuterern von der „Esperanza“ zu tun hatte. Doch er sann nicht weiter darüber nach.
„Wichtig ist nur eins“, sagte er sich. „Daß du so schnell wie möglich in den Felsen aufsteigst und dich zum Binnenland hin absetzt!“
Er pullte das Boot zu dem schmalen Streifen Kieselstrand, der sich in dem blauen Licht abzeichnete. Knirschend schob sich der Rumpf darauf. Noch ein Blick aufs Meer, und er stellte fest, daß die Umrisse der Schiffe an der westlichen Kimm schon wesentlich größer geworden waren. Sie fuhren unter voller Besegelung und hatten den Wind raumschots.
Er raffte seine Habseligkeiten zusammen – den Jutesack mit der Krone der Chibchas und dem anderen Smaragdschmuck, den er aus der Mine gerettet hatte, die Ledermappe mit den wichtigen Dokumenten für den Gouverneur von Panama, Proviant, den letzten Schlauch mit Trinkwasser sowie Munition für die Radschloßpistole.
So hastete er auf das zu, was er vorher als „Gebilde“ im Gestein identifiziert hatte. Und tatsächlich, es entpuppte sich als Einstieg. Eine richtige Treppe führte auf verschlungenem Weg aus der blauen Grotte nach oben.
Er stieg sie hoch. Wer hatte diese Stufen in den Felsen gehauen? Die Grotte mochte in Jahrtausenden oder Jahrmillionen vom Seewasser in die Klippen gewaschen worden sein, und vielleicht rührte auch das eigenartige blaue Licht von einem Naturphänomen her. Sabreras hatte davon gehört, daß solche Effekte entstanden, wenn Sonnenstrahlen sich in mineralischen Formationen brachen. Aber diese Treppe konnte nur Menschenhand geschaffen haben.
Indianer vielleicht.
Es gab Hunderte von alten Kulturen in diesem Kontinent. Die Mayas, Azteken, Cuna, Chibcha, Inkas waren nur einige von ihnen gewesen. Wenn aber wirklich Rothäute diesen Ausstieg in die oberen Felsenregionen gehauen hatten, dann war es eine Ironie, denn ausgerechnet ihm, Sabreras, dem India-nerhasser, retteten sie jetzt das Leben.
Er mußte darüber lachen.
Sein Lachen hallte von den Wänden wider, es klang unheimlich. Der Ort schien verwunschen zu sein. Selbst das Tappen seiner Stiefelsohlen auf den Stufen klang ungewöhnlich hell und fast absonderlich.
Beirren ließ er sich aber nicht. Als er das ungebrochene Sonnenlicht über sich sah, kicherte er vor Freude. Die seltsame Wendeltreppe war zu Ende. Er stürmte die letzten Stufen hoch und taumelte ins Freie.
Er befand sich jetzt hoch über der See. Wind zerzauste seine Haare und zerrte an seiner Kleidung. Die „Isabella“ und den schwarzen Segler konnte er von hier aus nicht sehen, weil er schon zu viele Felsen im Blickfeld hatte, aber er kümmerte sich auch nicht mehr um die Gegner. Ohne noch einen Gedanken an sie zu verschwenden, wandte er sich landeinwärts.
Bis zur nächsten spanischen Siedlung wollte er sich durchschlagen. Dann würde er mit einer Kutsche bis nach Panama weiterreisen und dort dem Gouverneur seine ungeheuerliche, ja, haarsträubende Geschichte vortragen.
Sabreras, dir kann keiner mehr am Zeuge flicken, sagte er sich. Du bist von den wüstesten Feinden überfallen worden, die Spanien hat. Du hast gekämpft und verloren. Das kann dir keiner ankreiden. Schon ganz andere Verbände sind vom Seewolf und dessen Verbündeten geschlagen worden.
Dann hat auch noch deine Schiffsbesatzung gemeutert, spann er den Faden weiter, und du hast somit das Recht auf deiner Seite. Wer will denn dem Gouverneur erzählen, du hättest heimlich in die eigene Tasche gewirtschaftet? Der Seewolf vielleicht? Dem glaubt kein Spanier. De Vargas, Mangusto, der Sargento? Wenn sie es versuchen, kommen sie damit nicht durch. Niemals. Aussage steht gegen Aussage, und mein Wort zählt mehr als das dieser räudigen Hunde.
Er war so in seine Überlegungen verstrickt, daß er nicht mehr bemerkte, was um ihn herum vorging.
De Vargas könnte ich in einem Prozeß auch leicht auf meine Seite reißen, sagte er sich. Er ist wankelmütig. Wenn es hart auf hart geht, fällt er um und bekennt sich zu mir.
Er schritt über eine Geröllhalde in eine dunkle, geduckte Schlucht hinunter. Die Marschrichtung lag fest, und es schien keine großen Hindernisse zu geben, zumal das Land allmählich nach Norden hin abfiel und das Wandern ihm von Meile zu Meile leichter fallen würde.
Endlich, dachte er, endlich habe ich das Glück wieder auf meiner Seite. Den Smaragdschmuck werde ich irgendwo verstecken. Nur ich kenne den Platz. Dann kehre ich zurück und hole mir, was mein ist …
Sabreras sah nicht, wie rechts oben am Schluchtrand die Umrisse eines menschlichen Kopfes erschienen. Erstens fühlte er sich bereits zu sicher, und das war ein klarer Fehler. Zweitens war die Bewegung hinter ihm, und auch bei größerer Aufmerksamkeit hätte er sie deshalb wohl nicht zur Kenntnis genommen.
Etwas huschte von schräg hinten auf ihn zu.
Diesmal konstatierte er, daß etwas nicht in Ordnung war. Er wandte sich um und fand gerade noch Zeit, den Mund zu öffnen. Der entsetzte Ruf, den er ausstoßen wollte, blieb ihm in der Kehle stecken.
Ein Stein traf seine Stirn.
Lautlos sank er zu Boden.
Alles ging in bodenloser, erstickender Finsternis unter.
In jener Sphäre war es erträglicher zugegangen als im Diesseits. Das Bewußtsein breitete sich mit hämmernden Schmerzen in ihm aus, ihm war speiübel, und er glaubte, sich übergeben zu müssen.
Und dann dieses Gelächter über ihm! Es schien geradewegs aus der Hölle zu ertönen.
„Paßt auf, daß er nicht einfach aufsteht und wegläuft, Männer“, sagte jemand auf spanisch. „Seiner Montur nach ist er ein hoher Offizier, wahrscheinlich ein Kommandant, und er wird vielleicht versuchen, durch einen Trick zu entwischen.“ Die Stimme klang rauh und im tiefsten Baß, aber Sabreras hörte doch an seinem Akzent, daß er ein reinblütiger Katalane war.
Ein zweiter Sprecher wollte sich über diese Worte vor Lachen ausschütten. Er prustete: „Das wäre die Spitze, jawohl, das Allergrößte, Almirante. Sag jetzt bloß noch, dieser Bastard sei nicht auf den Kopf gefallen.“
„So ein fauler Witz“, erwiderte Almirante. „So hart hat er sich den Schädel nicht gestoßen, Julian. Halt jetzt dein verdammtes Maul.“
„Ich finde das alles so herrlich komisch!“ Der Mann, der Julian hieß, kicherte.
„Julian hat zuviel Schnaps gesoffen“, bemerkte ein dritter.
„Dir renke ich den Arm aus“, drohte Julian zischend.
„Schweigt!“ fuhr Almirante sie an. „Seht euch lieber den Kerl an. Da, er hat sich bewegt!“
„Was ist, schlagen wir ihn nicht tot?“ fragte der mit Julian Angesprochene.
„Nein, wir warten noch.“
„Warum?“
„Narr“, sagte Almirante. „Ich vermute, daß er weiß, wo noch mehr von diesem phantastischen Zeug liegt. Vielleicht werden wir Esmeralderos, Smaragdsucher. Wir werden ihn ausquetschen wie eine Zitrone, Julian.“
„Jetzt kapiere ich.“
„Das ist ja ein Wunder“, meinte ein vierter Kerl, und auch er handelte sich eine gezischte Drohung von Julian ein. Sie warfen sich ein paar Verwünschungen zu, die so ziemlich das Unflätigste und Gemeinste waren, das Sabreras je vernommen hatte.
Sabreras schlug die Augen auf und sah sie. Wüste Kerle mit schmutzigen Gesichtern und wirren, verfilzten Haaren – er zählte mehr als ein Dutzend. Ja, es schienen zwanzig zu sein. Wegelagerer, Totschläger. Die niederste Sorte Menschen, so fand Sabreras insgeheim – und ausgerechnet ihnen hatte er in die Hände fallen müssen.
Ein Kerl mit dichtem schwarzem Vollbart verbeugte sich hohnvoll vor ihm. Das Bartgestrüpp reichte ihm bis auf die Brust. An seiner Stimme erkannte Sabreras, daß er Almirante war.
„Hochwohlgeboren“, sagte er. „Wollen Sie uns nicht Ihren werten Namen anvertrauen?“
Die Männer in seinem Rücken kicherten und stießen sich mit den Ellenbogen an.
Almirante hielt Sabreras Messer, die Radschloßpistole – und die Smaragdkrone der Chibchas. Demonstrativ ließ er sie dicht vor seinem Gesicht pendeln. „Du hüllst dich in Schweigen?“ fragte er drohend. „Das fängt ja gut an. Ich habe Angst, du könntest ernsthaft erkranken, mein Freund.“
Ein kleiner, drahtiger Mann mit buschigen Augenbrauen und breitem, schmallippigem Mund begann wieder loszuprusten.
„Julian, muß ich dir das Maul stopfen?“ stieß Almirante grollend hervor.
Julian verstummte, und der Bandenführer richtete seinen Blick wieder auf den Gefangenen. „Soll ich dir einen Tritt in deinen edlen Hintern verpassen, du Himmelhund?“
„Nein.“ Der Kommandant schaute ihm fest in die Augen. „Mein Name ist Sabreras. Ich will alles sagen, was ich weiß, ich habe wohl keine andere Wahl.“
„Sehr vernünftig“, erwiderte Almirante. Er rieb sich den Bauch. Er war ein großer, beleibter Mensch, aber das täuschte nicht über seine Gefährlichkeit hinweg.
Sabreras setzte sich auf, obwohl es ganz gemein in seinem Kopf schmerzte. Er kämpfte mit aller Macht gegen die Qual an. Mit zwei Fingern befühlte er die Beule auf seiner Stirn, zog die Hand aber sofort wieder zurück. Bei der geringsten Berührung durchzuckte es ihn an dieser Stelle wie Nadelstiche.
Er überlegte sich genau, was er zu sagen hatte. Unvermittelt war ihm eine großartige Idee eingefallen. Sie stand in direktem Zusammenhang mit der Tatsache, daß er nicht nur eine, sondern noch zwei andere, größere Horden von Männern auf den Fersen hatte.
„Almirante“, sagte er eindringlich. „Ich bin ein spanischer Kommandant, wie du ja schon festgestellt hast. Aber auch du scheinst mehr zu sein als ein primitiver Strandräuber. Wie kann ein stolzer Katalane sich selbst so herabwürdigen?“
„Gib acht“, warnte Almirante. „Ich kann sehr leicht aus der Haut fahren.“
„Ich spreche ja nur in deinem, Interesse.“
„In meinem Interesse?“ Der Bandit lachte. „Das mußt du mir noch genauer erklären. Also gut, ich war Bootsmann auf einem Schiff Seiner Allerkatholischsten Majestät, Philipp II. Aber ich und die meisten meiner Männer haben gemeutert und sind abgehauen, verstehst du? Das war vor fast zwei Jahren. Bislang haben uns die lieben Landsleute noch nicht wieder eingefangen, und wenn du glaubst, du könntest uns durch eine List an den Gouverneur ausliefern, dann hast du dich gründlich getäuscht – ist es so, Julian?“
„Ja“, sagte Julian gedehnt und mit hämischem Grinsen. Er schien so etwas wie die rechte Hand von Almirante zu sein.
Vom Regen in die Traufe, dachte Sabreras, aber ich muß das Beste daraus machen. Laut erwiderte er: „Du bist auf dem Holzweg, Almirante. Ich bin selbst ein Verfolgter, ein Desperado, ein Verzweifelter, wenn du so willst. Die Smaragdkrone, die du mir abgenommen hast, ist eine Million spanischer Piaster wert, vielleicht auch noch mehr. Aber sie ist nur ein Teil der Ausbeute einer Mine in Neu-Granada.“
„Von dort unten her kommst du?“ Almirante warf einen Blick auf die Geheimdokumente aus der Ledermappe. Julian hatte sie ihm gereicht. Nach kurzem, hastigen Studieren erklärte Almirante: „Wie gut, daß ich lesen kann, Amigo. Ja, hier wird bestätigt, was du eben gesagt hast. Du wirst uns also zu deiner Mine führen.“
Sabreras schüttelte den Kopf. „Sie ist von Piraten ausgeplündert worden.“ Er berichtete in knappen Zügen, was sich zugetragen hatte. Zum Abschluß sagte er: „Auf den beiden Schiffen, die sich gerade der Küste nähern, lagern haufenweise Smaragde und Smaragdschmuck. Für euch lohnt es sich wirklich nicht, wenn ihr mich totschlagt. Ich schlage euch etwas anderes vor. Verbünden wir uns. Ich habe auch schon einen Plan, wie wir den Seewolf, das schwarzhaarige Weib und deren Gesindel erledigen können.“
Almirante starrte sein Gegenüber mit offenem Mund an. Seine Augen waren verklärt, sein Blick entrückt. Dann nickte er.
9.
In der Optik des Spektivs nahm sich das Felsenufer als eine einzige graue, schartige Wand aus. Hasard verzog den Mund, setzte das Glas ab und wandte sich Ben, Ferris, Shane, Old O’Flynn, Smoky und Carberry zu, die sich zur kurzen Lagebesprechung mit ihm auf dem Achterdeck versammelt hatten.
„Ausgerechnet in diese Gegend hat Sabreras sich zurückgezogen?“ sagte er zweifelnd. „Na, wir werden ja sehen. Ehrlich gesagt hätte ich die Suche nach ihm längst abgebrochen, wenn wir nicht den Chibchas und den Serranos einen Vorsprung zu sichern hätten. Sabreras ist wirklich imstande, Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, um Strafexpeditionen nach Neu-Granada und auf die Galapagos zu senden.“
„Was hast du also konkret vor?“ erkundigte sich Ben.
„Ich will ihn gefangennehmen und auf einer einsamen Insel aussetzen. Bis seine Landsleute ihn dort gefunden haben, sind sowohl die Chibchas als auch Hidduk und sein Stamm längst über alle Berge.“
„Tja, dann wollen wir mal“, sagte Carberry, ohne Begeisterung. „Wo suchen wir denn zuerst?“
„Wir ankern, fieren die Beiboote ab und gehen an Land. Smoky, laß Siri-Tong ein Flaggensignal geben.“
„Aye, Sir.“
„Ich habe etwas vorzuschlagen“, sagte Ferris Tucker. „Die Beiboote haben wir ja schon repariert, und auch das Vorgeschirr habe ich wieder einigermaßen instand setzen können. Wenn ich jetzt an Bord bleibe, könnte ich wieder einiges reparieren, zum Beispiel die Großmarsrah.“
„Natürlich, du sollst sogar hierbleiben“, entgegnete der Seewolf. „Danke für das Angebot, Ferris. Das wird schon keiner als Feigheit auslegen.“
Ferris grinste schief. „Was will dieser Wurm Sabreras noch gegen uns ausrichten? Den rammen wir doch unangespitzt in die Erde.“
„Wir sollten ihn nicht unterschätzen“, gab Hasard noch einmal zu bedenken.
„Sind wir denn ganz sicher, daß er hier an Land gegangen ist?“ sagte Old O’Flynn. „Er kann doch auch weiter nach Westen oder Osten abgehauen sein.“
„Donegal“, antwortete Hasard. „Dein Sohn hat das einmastige Beiboot der ‚Esperanza‘ doch vor kurzem gesichtet. Und jetzt ist es mit einemmal wie weggewischt. Was schließt du denn daraus?“
„Daß sich dieser dreimal verfluchte Don irgendwo verkrochen hat“, erwiderte der Alte gallig.
„Na also. Wir sehen zwar nirgendwo ein Schlupfloch, aber von den Booten aus können wir die Steilküste viel genauer untersuchen. Hat jemand einen besseren Vorschlag?“
Natürlich gab es keine Alternative. Die Schiffe lagen bald darauf mit aufgegeiten Segeln im Wind, ihre Buganker rauschten an den Trossen aus. Nur zwei Beiboote glitten auf das Ufer zu, eins von der „Isabella“ und eins von „Eiliger Drache über den Wassern“.
Hasard hatte als Begleiter Edwin Carberry, Big Old Shane, Blacky, Matt Davies, Luke Morgan und Bob Grey ausgewählt. Dan hatte auch mitwollen, aber der Seewolf hatte ihn lieber als Ausguckposten im Großmars zurückgelassen. Irgendwie spürte er, daß ihm diese Maßnahme noch von Nutzen sein würde. So scharfe Augen wie Dan hatte nun mal keiner. Der junge Mann hatte die Aufgabe, unausgesetzt die Küste und die See zu beobachten.
Siri-Tong winkte Hasard zu. Sie trug heute eine weiße, keine rote Bluse, und hatte sich diese engsitzenden weißleinenen Schifferhosen angezogen, die dem Seewolf so gut gefielen. Sie sah hinreißend aus, geradezu verlockend.
Sie trafen sich kurz vor dem Ufer.
Siri-Tong rief Hasard zu: „Wir pullen nach Osten, einverstanden?“
„Gut“, erwiderte er. „Wir schlagen also die westliche Richtung ein. Wer als erster Sabreras oder Spuren von ihm entdeckt, gibt ein Zeichen.“
So trennten sie sich wieder und pirschten hart unter Land am Ufer entlang, wobei sie darauf achten mußten, nicht gegen scharfkantige Felsen geworfen zu werden.
Knapp eine halbe Stunde war vergangen, da entdeckte Siri-Tong den kegelförmigen Eingang zur blauen Grotte.
„Wir fahren hinein“, sagte sie. „Haltet die Waffen bereit. Wir wissen ja nicht, was uns drinnen erwartet.“
Thorfin Njal, Eike, Arne, Oleg, der Stör, Mike Kaibuk und Missjöh Buveur – ihre kleine Bootsmannschaft – spannten die Hähne der Pistolen, Musketen und Blunderbüchsen. Sie staunten nicht schlecht, als sie in die Grotte glitten und die tempelähnliche Struktur gewahrten.
„Bei Odin, hier ist man den Göttern näher als anderswo“, raunte Thorfin Njal. „Hört ihr, wie hell die Wellenschläge klingen? Und haben nicht auch unsere Stimmen einen ganz anderen Ton?“
„Einen ganz anderen Ton“, sagte der Stör.
Thorfin drehte sich mit finsterer Miene zu ihm um. „Wenn du mich noch mal nachäffst, du, dann zieh ich dir den Hals so lang wie einem Brathuhn.“
„Still“, flüsterte Siri-Tong. „Da liegt ein Boot auf dem Kieselstrand. Ich kann den Mast mit dem Großsegel und der Fock erkennen, er liegt auf den Duchten. Männer, das ist Sabreras’ Boot!“
„Wir müssen sofort die anderen verständigen“, sagte Mike Kaibuk.
„Erst landen wir“, bestimmte die Rote Korsarin. „Da ist so was wie ein Treppenaufzug, und Sabreras ist getürmt. Wir müssen dem Hund nach.“
Sobald sie auf dem steinigen Ufer angelangt waren, sprang sie aus dem Boot.
„Die Wikinger mit mir“, wisperte sie. „Mike Kaibuk und Missjöh Buveur, ihr legt sofort wieder ab und pullt zu Hasard. Gebt auch den Männern auf der ‚Isabella‘ und auf unserem Schiff ein Zeichen, daß wir Sabreras’ Spur aufgenommen haben.“
„Wir müssen erst um eine Felsennase herum, um die anderen sehen zu können“, sagte Kaibuk.
„Dann beeilt euch, ihr Heringe“, sagte Thorfin Njal. „Auf was wartet ihr noch?“
Sie schoben das Boot ins tiefere Wasser der Grotte. Kaibuk und der Franzose legten sich mächtig in die Riemen. In Sekundenschnelle hatten sie das Boot gewendet, und dann pullten sie so hastig ins Freie, daß sich fast die Bootswände an den Wänden des schmalen, kegelartigen Auslasses rieben.
Siri-Tong hatte die Stufen der steinernen Wendeltreppe erklommen. Die Wikinger folgten ihr auf dem Fuß.
Sie erreichten den oberen Ausgang, stürmten auf ein kleines Plateau hinaus und entdeckten einen winzigen, grünlich schillernden Stein auf dem Untergrund. Siri-Tong bückte sich danach.
„Ein Smaragd“, murmelte sie. „Merkwürdig, daß er den verloren hat.“
„Er hat ihn sich aus der Krone gebrochen“, sagte Arne, aber so recht lachen konnte darüber keiner.
„Da vorn liegt noch was“, sagte Oleg.
Sie liefen weiter und lasen ein Stück Schiffszwieback vom Boden auf.
„Von Sabreras’ Proviant“, meinte die Korsarin. „Er scheint sich ja mächtig sicher zu fühlen, daß er so arglos durch die Weltgeschichte wandert. Vielleicht hat er uns noch gar nicht bemerkt.“ Sie kniff die Augen zusammen und kräuselte die Lippen, denn so recht glaubte sie auch nicht an das, was sie selbst gesagt hatte.
„Die Spur führt über eine Geröllhalde in eine kleine Schlucht hinunter“, sagte Eike, der ein Stück vorausgegangen war.
„Also weiter“, ordnete Siri-Tong an. „Aber geben wir besonders in der Schlucht acht. Vergeßt nicht, wie wir im Hohlweg am Kessel der Smaragdmine hereingelegt worden sind.“
Oh, sie hatten es nicht vergessen. Und sie trafen alle erdenklichen Sicherheitsvorkehrungen, als sie nun in die Schlucht eindrangen. Aber es geschah nichts. Kein Sabreras, der im Hinterhalt lag und mit der Pistole auf sie feuerte – niemand zeigte sich. Es war ruhig, fast zu ruhig.
Und dann, am Ausgang der Schlucht, flogen ihnen plötzlich Steine entgegen. Gestalten wuchsen hinter Felsenquadern hoch und legten Schußwaffen auf sie an, als sie die Wurfgeschosse aufgebraucht hatten.
Arne und Oleg waren zu Boden gesunken. Thorfin Njal feuerte seine Pistole ab, traf auch, zückte dann sein Schwert und drang wutbrüllend gegen die Feinde vor. Siri-Tong schoß auch. Danach griff sie zum Degen und fällte mit zwei, drei Streichen zwei Kerle, die sie packen und zu Boden reißen wollten.
Eike wurde durch einen Schuß am Arm verletzt. Der Stör kriegte einen Pistolenkolben aufs Haupt und brach stöhnend zusammen. Dann wurden Thorfin und Siri-Tong von immer mehr fluchenden Kerlen umzingelt – und sie mußten sich ergeben.
Es war ein kurzer, erbitterter Kampf gewesen, aber jetzt hatten sie keine Chance mehr, sich zu befreien.
Sabreras trat auf sie zu. „Ich wollte euch lebend haben, sonst hätten meine neuen Verbündeten euch bedenkenlos abgeschlachtet. Bin ich nicht nett zu euch?“
„Der Blitz soll dich treffen!“ schrie Thorfin Njal ihn an.
„Drei meiner Männer sind tot!“ rief Almirante. Er schüttelte in glühendem Zorn die Faust. „Noch ein Wort, ihr Bastarde, und ich steche euch höchstpersönlich ab.“
„Aber vorher nehmen wir uns noch das Weib vor“, sagte Julian mit verschlagenem Grinsen.
Sabreras trat dicht vor die Rote Korsarin hin. Sein Blick glitt ungeniert an ihrem Körper auf und ab. „So trifft man sich also wieder, du Satan von einem Frauenzimmer. Ich habe immer noch vor, dich zu bändigen. Ich werde nun endlich tun, was du mir in meiner Mine versagt hast. Es gibt keinen Ausweg mehr für dich.“
Thorfin Njal wollte sich auf ihn stürzen, aber drei Strandräuber hielten ihn fest und prügelten mit den Fäusten auf ihn ein.
„Ich will dich wie nichts auf der Welt“, sagte Sabreras zu der schönen Frau. „Aber vorher habe ich noch eine Kleinigkeit zu erledigen.“ Er drehte sich zu Almirante um. „Du wirst sehen, ich habe dich nicht belogen, mein lieber Freund.“
„Das will ich dir auch nicht geraten haben“, antwortete der „liebe Freund“.
Hasard und seine Männer in dem Boot der „Isabella“ hatten eine Felsenbucht entdeckt, die sich etwa eine halbe Meile nordwestlich vom Ankerplatz der Schiffe öffnete und wie ein Fjord tief ins Landesinnere führte.
„Erforschen wir, wie es da drinnen weitergeht“, sagte der Seewolf gerade, da richtete sich Carberry steil auf seiner Ducht auf und meldete: „Da! Das Boot von Siri-Tong pullt zu den Schiffen. Ich glaube, es sitzen nur noch zwei Männer drin.“
„Sie geben Blinkzeichen mit einer Glasscherbe“, fügte Shane hinzu. „Sie haben eine Grotte entdeckt.“
Plötzlich krachten Schüsse. Sie schienen von oberhalb der Steilküste zu kommen. Hasard begann loszuwettern, er konnte sich ausmalen, was geschehen war.
„Verdammt, Siri-Tong hat einen Aufstieg durch die Felsen gefunden“, sagte er. „Und jetzt steckt sie in der Klemme. Aber Teufel noch mal, ich kann mir nicht vorstellen, daß Sabreras ihr derart zusetzen kann.“
„Ich würde mir keine Sorgen bereiten“, meinte Blacky. „Die Rote Korsarin und die fünf Wikinger haben Sabreras aufgestöbert wie einen Hasen, und jetzt veranstalten sie ein Zielschießen auf ihn.“
Hasard schüttelte den Kopf. Er glaubte nicht daran. Siri-Tong würde auch einen Schurken wie Sabreras niemals vorsätzlich töten. Ihr Gewissen verbot es ihr, außerdem hatte sie in bezug auf Fairneß viel von dem Seewolf gelernt.
Nein, da stimmte etwas nicht.
Und dann signalisierte plötzlich auch Dan O’Flynn aus dem Großmars der „Isabella“.
„Ja, gibt’s denn so was?“ sagte Matt Davies. „Hat der Bursche etwa beobachtet, was an Land vorgeht?“
„Ruhe“, sagte Carberry. „Dan bedeutet uns, daß Siri-Tong und die Wikinger gefesselt auf ein Plateau getrieben werden. Sabreras ist bei ihnen – und eine Horde wüster Halunken.“
„Da haben wir’s“, stieß der Seewolf aus. „Sabreras hat sich neue Kumpane gesucht. Wahrscheinlich haben ihn Strauchdiebe überrascht und er hat sie herumgekriegt, uns aufzulauern.“
„Wir können mit unseren Kanonen auf sie feuern“, sagte Luke Morgan.
„Bist du wahnsinnig?“ fragte Bob Grey. „Wir gefährden doch nur Siri-Tong und ihre Männer.“
„Was sollen wir denn sonst tun?“ sagte Luke hitzig.
„Wir rühren uns hier nicht fort“, erwiderte der Seewolf leise und mit mühsam erzwungener Ruhe. Daß ausgerechnet Siri-Tong sich wieder in der Gewalt des Spaniers befand, brachte sein Blut zum Sieden – aber er bezwang seine aufwallenden Gefühle. „Noch haben sie uns hier nicht entdeckt“, fuhr er fort. „Möglicherweise ist das der einzige Trumpf, der uns noch bleibt.“
Sabreras prüfte die Fesseln seiner Gefangenen. Als er sie für ausreichend straff befunden hatte, packte er Siri-Tong bei den Schultern und stieß sie vor sich her. Die Hände hatte Almirante ihr auf dem Rücken zusammenbinden lassen, ihre Fußknöchel waren auch durch einen Strick verbunden, dessen Kürze ihr nur kleine, trippelnde Schritte erlaubte.
Sabreras steuerte mit ihr an dem oberen Ausgang der steinernen Wendeltreppe vorbei und hielt auf den Rand des Plateaus zu.
Julian und zwei andere Männer hasteten die Treppe hinunter. Sie sollten die Grotte gegen Angriffe schützen.
Sabreras blieb stehen und blickte gelassen zu den Schiffen. Da lagen sie, stolze, aber lädierte Riesen der See, die zu finsteren Monumenten an den Abgründen seines Schicksals geworden waren.
„Zur Hölle mit euch“, sagte Sabreras.
„Stoß mich in die Tiefe“, sagte Siri-Tong. „Das hast du doch vor, oder?“
Er verschränkte die Arme vor der Brust und antwortete nicht darauf. Almirante hatte inzwischen die gefesselten Wikinger ebenfalls an den scharfen Felsenabbruch dirigieren lassen. Siri-Tong, Thorfin Njal, Eike, Arne, Oleg und der Stör waren lebende Schutzschilde für die Banditen, und die Crews der Schiffe konnten nicht feuern, ohne zumindest einen von ihnen tödlich zu verletzen.
Niemals würden sie das tun.
Sabreras warf einen Blick nach unten. Schätzungsweise dreißig Yards tief fiel der Steilfelsen ab, Die Brandung war ein dünner, weiß gekräuselter Streifen über den im flachen Uferwasser liegenden Gesteinsblöcken.
Er war schwindelfrei, und doch rieselte es ihm frostig über den Rükken. Rasch hob er wieder den Kopf.
„Wer hat euch den Weg hierher gewiesen, Siri-Tong?“ fragte er. „Doch die Männer der ‚Esperanza‘, nicht wahr? Sie haben gemeutert, aber dann habt ihr die Galeone geentert. Das geschieht ihnen recht.“
„Es wäre uns lieber gewesen, wenn auch du an Bord gewesen wärest“, sagte sie kalt.
Er lachte. „Ja, das hätte euch so passen können. Aber ich habe euch einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht.“
Er legte die Hände als Schalltrichter an den Mund und schrie zu den Schiffen hinüber: „Ihr dort – Engländer und Piraten! Ich weiß, daß ihr mich verstehen könnt. Und euer Ausguck schaut mit dem Fernrohr herüber. Ihr seht also, daß wir eure Kumpane gefaßt haben und euch nicht täuschen!“
Eine Antwort wehte nicht von den Schiffen herüber.
Sabreras sah wieder in die Tiefe und entdeckte ein Boot mit zwei Männern darin, das ziemlich schnell auf den schwarzen Segler zuglitt. Von hier oben wirkte es wie ein Spielzeug.
„Gut so!“ brüllte er. „Alle Mann an Bord! Bleibt dort und wagt nicht, wieder in die Grotte vorzudringen. Ich stelle meine Bedingungen: Händigt mir eure Schiffe aus, oder ich stürze die Gefangenen einen nach dem anderen hier vom Felsen!“
„Das wäre dein Ende, Sabreras“, tönte es jetzt zurück.
„Wer ist das?“ wollte Sabreras von der Roten Korsarin wissen. „Rede, oder ich opfere als ersten diesen behelmten Idioten.“ Er wies auf Thorfin Njal.
Siri-Tongs Stimme klang gepreßt und unnatürlich. „Ben Brighton, der Bootsmann und Erste Offizier auf der ‚Isabella‘.“
„Brighton!“ schrie der Kommandant. „Willst du es wirklich darauf ankommen lassen? Sollen wir ein Exempel statuieren?“
„Nein!“
„Dann verlaßt die Schiffe. Setzt euch in eure Beiboote und haut ab!“
„Erst müßt ihr uns Siri-Tong und die Wikinger übergeben!“ rief Ben Brighton. Er hatte sich auf die Back der „Isabella“ begeben und stand mit verzerrtem Gesicht neben den Kameraden.
Almirante sagte: „Das Beiboot ist beim Viermaster, und die Besatzung und der andere Kerl im Großmars des Dreimasters haben aufgehört, sich Blinkzeichen zu geben. Es scheinen also alle an Bord zu sein, die vorher in der Grotte herumgeschnüffelt haben.“
In diesem Augenblick erschien auch wieder Julian und meldete: „Unten ist die Luft rein. Da befindet sich nur ein Boot mit einem Mast, den man umlegen kann.“
„Das Boot gehört mir“, erklärte Sabreras.
„Gut“, sagte Almirante. „Du kannst gleich hier oben bleiben, Julian. Zwei Mann unten genügen als Wachtposten, zumal wir es ja sehen würden, wenn auch nur ein Mann von den, Schiffen ’rüberzuschwimmen versuchte.“
„Wir haben die Situation in der Hand“, sagte Sabreras mit siegessicherem Lächeln. Er hob wieder die Stimme und wandte sich von neuem an Ben Brighton. „Wo ist der Seewolf? Ich will mit ihm verhandeln!“
„Er ist im Gefecht verwundet worden!“ schrie Ben zurück.
Sabreras blickte Siri-Tong von der Seite an. „Stimmt das? Wage es nicht, mich anzulügen. Ich sehe es dir an, wenn du schwindelst.“
Sie schaute ihn offen und fest an. „Hasard ist verwundet worden, als er Batuti, dem Gambia-Neger, vom Vormars half.“
Sabreras fuhr sich mit der Hand über das stoppelbärtige Kinn. „Zum Teufel, dann habe ich ja doch nicht vorbeigezielt, als ich mit der Arkebuse auf ihn feuerte!“ Er legte wieder die Hände an die Mundwinkel. „Brighton!“ brüllte er. „Trotzdem will ich den Seewolf sehen! Sofort!“
Siri-Tong hatte innerlich schon aufgeatmet, aber jetzt durchfuhr es sie glühendheiß. Wie sollte Hasard sich auf Oberdeck zeigen, wenn er gar nicht an Bord der „Isabella“ war?
Er versuchte auf irgendeine Art, sich mit dem Beiboot anzuschleichen. Aber innerhalb der nächsten Minuten mußte alles auffliegen, denn länger konnte Ben Brighton die Spanier nicht hinhalten.
10.
Hasard hatte Ben Brighton noch rasch ein Signal geben lassen, dann hatte er das Beiboot in die fjordartige Bucht gesteuert. Er saß auf der Heckducht und hielt die Ruderpinne. Carberry, Shane, Blacky, Matt, Luke und Bob hockten ihm gegenüber und pullten schweigend und mit verkniffenen Mienen.
Der Seewolf war außer sich vor Wut. Sabreras gerufene Worte hatte er nur allzu deutlich verstehen können. Diese Drohung – er wußte, daß der Kerl sie wahrmachen würde, wenn Ben und die anderen Männer auf den Schiffen nicht auf seine absurde Forderung eingingen.
Angenommen, Siri-Tong und die Wikinger hätten keine Fesseln getragen und Arme und Beine frei bewegen können – selbst ein ausgezeichneter Springer mußte beim Sturz in die Tiefe auf den vorgelagerten zackigen Felsen zerschmettert werden. Er konnte nicht so viel Distanz von der Stellmauer gewinnen, daß er in die tiefere Wasserregion geriet.
Am liebsten wäre er direkt zur Grotte gefahren und hätte versucht, auf die Verbrecher zu feuern. Aber das war Wahnwitz. Sicher hatten Sabreras’ Komplicen Wachen in die Grotte hinuntergeschickt.
Somit wäre das Urteil perfekt gewesen.
„Ben muß Sabreras so lange wie möglich hinhalten“, sagte Hasard. „Dann schaffen wir es schon irgendwie, diese gemeinen Hunde zu überrumpeln.“
„Wir brauchen nur einen Platz zu finden, von wo aus wir die Felsen hinaufklettern können“, entgegnete der Profos. „Verdammt, diese Bucht muß doch irgendwohin führen.“
„Das schon“, meinte Big Old Shane. Er hob den Kopf und blickte an den steilen, glatten Uferfelsen hoch. „Aber wenn dieses Gestein nicht wenigstens ein bißchen abflacht, haben wir keine Chance, den Aufstieg heil zu überstehen.“
„Moment“, sagte der Seewolf plötzlich. „Seht doch mal nach vorn.“
Sie wandten die Köpfe und registrierten, daß die enge Bucht in nicht allzu großer Entfernung einen Bogen beschrieb. Diese Krümmung führte offensichtlich in östliche Richtung.
„Weiter, weiter“, sagte Blacky.
„Schneller!“ stieß der Profos erregt hervor.
Sie trieben das Boot voran, so schnell sie konnten. Mehrmals schlugen die Riemenblätter hart gegen die Felsen, und Matt Davies’ Ruder splitterte sogar ein Stück in Längsrichtung auf, aber darum kümmerten sie sich nicht.
Sie brachten die Biegung hinter sich und tasteten sich weiter. Nach rund sechs- bis siebenhundert Yards war die Wassertiefe immer noch ausreichend, um das Boot durchzulassen, aber die Steilwände wuchsen enger zusammen.
Zum Glück entdeckte der Seewolf eine Lücke, die rechts im Felsen klaffte.
Sie war auf ihrem Grund mit Blöcken und Geröll angefüllt, mit einigem Geschick konnte man in ihr hochklettern. Eine Steigung im Untergrund schien, soweit sich das vom Wasser aus feststellen ließ, bis ganz nach oben zu führen.
„Nichts wie ’raus und in die Bresche hinein“, sagte Hasard. „Los, vielleicht können wir den Schuften tatsächlich in den Rücken fallen.“
Kaum waren sie an Land und hatten das Boot vertäut, da schlüpfte Sir John, der karmesinrote Papagei, aus Carberrys Tasche. Er war sozusagen als „blinder Passagier“ mitgefahren. Jetzt schwang er sich in die Lüfte hoch, bevor der Profos es verhindern konnte.
Carberry raufte sich die Haare.
„Schockschwerenot“, ächzte er. „Sir John, wenn du uns verrätst, hast du die längste Zeit gelebt. Jawohl, das schwör ich dir, du Nebelkrähe!“
Ferris Tucker hatte ziemlich tief unten im Vorschiff gekauert, in einem Raum über der Vorpiek. Er hatte geprüft, ob der Vorsteven an dieser Stelle noch intakt war, denn das Vorgeschirr der „Isabella“ war in dem Gefecht ja beschädigt und der Vorsteven ein wenig in Mitleidenschaft gezogen worden.
So begriff er erst spät, daß etwas nicht in Ordnung war. Schreie hallten vom Schiff zum Land – Ben Brighton war es, der da irgend etwas rief. Und jemand brüllte zurück.
Sabreras!
Als Ferris das bewußt wurde – er kannte die Stimme des Kommandanten –, rappelte er sich auf, stieß sich fast den Kopf und eilte auf den nächsten Gang hinaus. Er lief zum Niedergang, der ihn weiter nach oben führte.
Vor dem Mannschaftslogis prallte er dann fast mit dem Kutscher zusammen.
„Augenblick, Ferris“, sagte der schwer atmend. „Ich habe dich schon gesucht. Du mußt für den Seewolf einspringen.“
„Ich muß was? Bist du plemplem?“
Der Kutscher setzte ihm die Lage auseinander. Ferris fluchte und rieb sich das Kinn, aber damit änderte er auch nichts an der Situation. Schließlich hastete er mit dem Kutscher in die Kombüse, und hier packte der Kutscher sein gesamtes Verbandszeug aus.
Wenig später turnte Ferris durch die Frachträume bis ins Achterkastell. Von hier aus gelangte er über den Mittelgang ins Freie. Er taumelte zu Ben, Smoky und den anderen, die sich auf der Back versammelt hatten.
Die Männer erkannten ihren rothaarigen Schiffszimmermann selbst kaum wieder. Sein Schädel war so mit weißen Streifen Leinentuch umhüllt, daß nur die Ohren, der Mund, die Nase und die Augen hervorschauten. Er trug einen Arm in der Schlinge und auch das linke Bein im dicken Verband, und beim Gehen stützte er sich auf eine grob zusammengehauene Krücke.
„Da bleibt einem doch die Spucke weg“, flüsterte Old O’Flynn. „Der kann das ja fast noch besser als unsereiner!“
„Hasard“, sagte Ben laut. Sabreras und die Banditen oben auf dem Klippfelsen konnten es vielleicht doch nicht verstehen, aber Ben verlieh sich selbst und der ganzen Szene mehr Glaubwürdigkeit, indem er den guten Ferris so titulierte. „Komm her und stell dich hier neben mich. Sabreras will dich sehen und mit dir sprechen.“
„Ich kann nicht schreien“, krächzte Ferris. „Ich kann mich kaum auf den Beinen halten.“
„Sie beobachten uns durch Fernrohre“, zischte Smoky. „Aufpassen also.“
„Wo sind die anderen?“ raunte Ferris. „Pete, Gary, Stenmark, Al und Sam? Ich sehe sie nicht.“
„Sie hängen außenbords an der Steuerbordseite“, erwiderte Ben ebenso leise. „Sie warten nur auf ein Zeichen, dann tauchen sie unter unsrer alten Lady hindurch und versuchen, zur Grotte zu gelangen.“
„Seewolf!“ brüllte jetzt Sabreras. Breitbeinig stand er am Rand des steil aufragenden Felsens. „Ich will dein Wort, daß ihr keine faulen Tricks versucht, wenn ihr die Schiffe verlaßt.“
„Liefere die Gefangenen aus“, keuchte Ferris, so laut er konnte.
„Ich verstehe nicht!“ schallte es zurück.
„Die Gefangenen sollst du freilassen!“ schrie Ben.
Sabreras lachte. „Ja, aber erst pullt ihr in den Booten bis dicht ans Ufer. Ohne Waffen. Wir lassen das Weib und die fünf Wikinger dann von der Grotte aus zu euch schwimmen.“
„Ihr wollt uns erschießen!“ rief Ben.
„Ich will den Seewolf hören“, erwiderte Sabreras mit gellender Stimme.
„Sabreras soll selbst die Geiseln bringen“, stieß Ferris mit krächzender Stimme hervor. „Er hat ja das Boot. Wir gehen auch in die Boote, und er läßt einen nach dem anderen frei.“
„Ich verstehe kein Wort!“ brüllte der Kommandant vom Felsen herunter.
Ben Brighton wiederholte, was Ferris gesagt hatte. Sabreras lehnte es ab und drohte wieder, einen der Wikinger als ersten in die See zu stoßen, falls die Seewölfe nicht bedingungslos auf seine Forderung eingingen.
Hasard und seine sechs Begleiter hatten die geröllgefüllte Bresche hinter sich, jetzt schlichen sie über das felsige Gelände. Sie nutzten Steinblöcke und Krüppelsträucher als. Deckungen aus.
Plötzlich war Sir John wieder heran. Er ließ sich auf Carberrys Schulter nieder.
„Mastspitzen an der Kimm“, plapperte er. „Backbord voraus. Klar zum Entern!“
„Will der uns auf den Arm nehmen?“ raunte Bob Grey. „Mann …“
„Quatsch, er weist uns den Weg“, sagte Carberry mit grimmigem Blick. Er streckte die Hand aus. „Da lang geht’s.“
Hasard eilte ihnen voran. Als er wenig später auf eine Schlucht traf, an deren Eingang deutliche Spuren eines Kampfes zu erkennen waren, begann sein Herz schneller zu schlagen. Er vernahm jetzt auch die schneidende, ätzende Stimme von Sabreras.
„Niemals!“ brüllte der Mann gerade. „Niemals lasse ich mich darauf ein!“
Hasard hastete durch die dunkle Schlucht. Dabei stolperte er fast über die Leichen von drei Männern. Er untersuchte sie flüchtig, stellte erleichtert fest, daß keiner der Wikinger dabei war, und glitt weiter.
„Lumpenhunde“, zischte Carberry beim Anblick der Toten. „Um die ist es nicht schade.“
„Still“, raunte Blacky ihm zu.
Sie erreichten die Geröllhalde und mußten hier besonders aufpassen, keinen Laut zu verursachen. Behutsam schoben sie sich immer weiter nach oben. Hasard sah die Gestalten auf dem Plateau als erster. Er spähte zu ihnen und stellte fest, daß keiner sich nach hinten umschaute.
Dies war der entscheidende Augenblick. Jetzt oder nie, dachte Hasard. Er erhob sich und riß die doppelläufige Reiterpistole aus dem Gurt. Die Hähne hatte er längst gespannt. Hinter ihm waren Carberry, Shane und Blacky, dann Matt, Luke und Bob.
„Keine Bewegung!“ rief Hasard den Galgenstricken zu. „Wir strekken euch nieder, wenn ihr euch nicht ergebt!“
Sabreras, Almirante, Julian und die anderen Kerle wirbelten herum. Sie heulten auf. Nein, sie dachten nicht daran, zu kapitulieren, sie zückten ebenfalls die Waffen und legten auf den heranstürmenden Trupp an.
Im Nu war der Teufel los. Hasard drückte ab. Krachend brachen die Schüsse, fauchten aus den Läufen und rissen zwei Banditen um. Dann warfen sich die Seewölfe unter dem Gegenfeuer hin, entgingen so dem sicheren Tod und antworteten mit einer Salve aus Musketen und Pistolen. Als sie die leergefeuert hatten, griffen sie zu ihren Säbeln und Degen.
Shane hatte den Bogen von der „Isabella“ mitgenommen. Im richtigen Augenblick sandte er einen Pfeil auf einen Kerl ab, der Oleg in die Tiefe stürzen wollte. Der Schuft brach in die Knie und kippte dann vornüber. Oleg ließ sich klugerweise auch fallen.
Hasard stürmte auf Sabreras zu. Der Kommandant hatte Siri-Tong gepackt, aber sie trat ihm mit voller Wucht gegen das Schienbein, ließ sich hinsinken und rollte sich zu Hasard hin ab.
Julian legte mit einer Muskete auf den Seewolf an. Doch wieder sirrte ein Pfeil durch die Luft und bohrte sich in seine Brust. Julian taumelte zurück, verlor die Balance und rutschte vom Rand des Klippfelsens ab. Sein langgezogener Schrei war das letzte, was er von sich gab.
Almirante brüllte: „Schlagt diese Bastarde tot!“
Er hielt einen riesigen Säbel und zog ihn wie eine Sense kreuz und quer durch die Luft. Es entstand ein unglaubliches Handgemenge, in dem die Seewölfe gegen die Übermacht der Strandräuber keinen leichten Stand hatten.
Die beiden Banditen, die die Grotte sichern sollten, blickten sich unschlüssig an. Oben tobte der Kampf. Wurden sie dort gebraucht?
„Ich laufe nach oben“, sagte der eine:
„Du bleibst“, erwiderte sein Kumpan scharf. „Almirante und Julian haben uns nicht den Befehl dazu gegeben.“
„Sie können es nicht.“
„Sie werden schon mit den Kerlen fertig, die sie angegriffen haben.“
„Wer, glaubst du, sind sie?“
Der andere Mann konnte nicht mehr antworten, denn in diesem Augenblick regte sich im Wasser etwas. Etwas Schemenartiges fuhr aus den grünlich schillernden Fluten hoch. Es entpuppte sich als ein menschlicher Körper. Die Banditen fluchten beide und legten mit den Musketen auf den Eindringling an.
Es war Stenmark, der da aus dem Wasser stieg und sein gedrungenes Entermesser auf die Kerle schleuderte. Gleich nach ihm tauchten Pete Ballie, Gary Andrews, Al Conroy und Sam Roskill auf – und dann die Männer vom schwarzen Schiff, die gleichfalls herübergetaucht waren. Als oben auf dem Felsen der Kampf eröffnet worden war, hatten sie alle die Gelegenheit genutzt.
Stenmarks Waffe hieb in den Leib des ersten Halunken. Gurgelnd brach er zusammen. Der zweite konnte noch feuern, zielte aber daneben. Stenmark, Pete und Gary stürmten auf ihn zu und fochten ihn nieder.
Dann hetzten sie die steinerne Wendeltreppe hinauf.
„Auf sie!“ schrie Stenmark.
Und Carberry antwortete mit dem Schlachtruf der Seewölfe: „Arwenack!“
„Ar-we-nack!“ tönte es über den Kampfplatz, und von den Schiffen kehrte der Ruf als Echo zurück.
Wenig später war die Entscheidung da. Nur Almirante, Sabreras und fünf andere Kerle waren noch am Leben. Almirante ließ den Säbel fallen und hob die Hände. Seine Kumpane folgten seinem Beispiel. Sie konnten die Wikinger nicht mehr bedrohen oder als Faustpfand benutzen, denn die hatten sich zu ihren Kameraden hin gerettet.
Nur Sabreras hielt noch Siri-Tong am Arm fest.
„Keinen Schritt weiter!“ schrie er Hasard an. „Sie stirbt!“
„Hasard“, sagte sie so ruhig wie möglich. „Dieses Opfer bringe ich.“
„Für unsere Sache?“
„Für unsere Sache. Sabreras darf nicht siegen.“
Hasard schritt auf die beiden zu.
Sabreras’ Augen weiteten sich, das hatte er nicht erwartet. Er gab einen Laut von sich, der wie ein tiefer Seufzer klang, dann stieß er Siri-Tong auf den Seewolf zu. „Da hast du sie!“
Die Korsarin stolperte auf Hasard zu, hielt sich an seinem Arm fest und sagte: „Gut, daß du mitgespielt hast.“
„Es ist mir schwer genug gefallen“, erwiderte er. „Männer, sammelt jetzt den Schmuck der Chibchas und die Geheimdokumente ein, die Sabreras aus der Mine mitgenommen hat. Dann fesseln wir diese Schurken, schaffen sie an Bord und setzen sie auf der nächsten Insel aus.“
Sabreras trat plötzlich vor. „Nein. Ich fordere dich zum Duell; Engländer. Du bist ein Feigling, wenn du diese Forderung eines spanischen Edelmannes ausschlägst.“
Hasard blickte ihn lange an. „Über die Bezeichnung Edelmann läßt sich wahrhaftig streiten, aber ich akzeptiere. Und ich lasse dir sogar die Wahl der Waffe, Sabreras. Entscheide dich, Rasch.“
„Pistole“, sagte der Spanier heiser.
Das Duell fand auf dem Felsenplateau statt. Stenmark und Matt Davies waren mit Sabreras’ Boot zur ‚Isabella‘ gepullt. Matt war dort geblieben und ließ die Kratzer, die er davongetragen hatte, vom Kutscher verarzten. Ben Brighton, Smoky, Old O’Flynn, sein Sohn und ein paar andere kehrten mit dem Boot in die blaue Grotte zurück und brachten die Duellpistolen aus Hasards Kapitänskammer mit. Diese Anweisung hatte der Seewolf Stenmark mit auf den Weg gegeben.
Die Leichen waren vom Felsen geräumt worden, und nun standen sich die Kontrahenten gegenüber.
Sabreras hatte sich seiner Jacke entledigt und die Ärmel seines Hemdes aufgekrempelt.
„Die Bedingungen“, sagte er. In seinen grauen Augen lag ein kalter Schimmer, sein Gesicht war eine Maske. „Siege ich, bin ich frei – und Almirante und seine Männer auch. Dann nehmen wir die Krone der Chibchas, den anderen Smaragdschmuck und die versiegelten Pergamentrollen aus der Ledermappe mit und haben freies Geleit.“
„Einverstanden“, erwiderte Hasard. Er stand dreißig Schritte von dem Kommandanten entfernt. „Und wenn ich den Triumph davontrage, bleibt es bei dem, was ich vorhin gesagt habe. Wir setzen euch auf einer einsamen Insel aus.“
Ben Brighton und Big Old Shane fungierten als Sekundanten für Hasard, Almirante und ein zweiter Strandräuber übernahmen diese Aufgabe für Sabreras.
„Ich schlage Thorfin Njal als Unparteiischen vor“, sagte Hasard. „In Ordnung, Sabreras?“
Erst nach einigem Zögern willigte der Spanier ein. Er ließ sich die gefütterten Holzschatullen öffnen, in denen die Pistolen ruhten, und inspizierte sie sehr genau, bevor sie von Ben Brighton geladen wurden.
Thorfin Njal mußte auf Sabreras’ Verlangen hin sogar einen Schwur ablegen, daß er für die Einhaltung der Bedingungen sorgen würde.
Danach sagte Siri-Tong: „Jetzt reicht’s aber, Sabreras. Du hast uns lange genug zum Narren gehalten. Willst du den Zweikampf hinauszögern? Hast du Angst?“
Das saß. Sabreras erbleichte, er sprach jetzt nur noch zwei Worte: „Die Pistole.“
Hasard schritt bis zu ihm, und dann händigte Ben ihnen die Pistolen aus. Hasard und Sabreras stellten sich mit dem Rücken gegeneinander, hielten die Waffen senkrecht hoch und spannten die Hähne. Es waren kostbare, reich verzierte Steinschloß-Modelle mit sehr langen Läufen, Pistolen von größter Treffgenauigkeit.
Thorfin Njal prüfte den Stand der beiden Männer.
„Jeder geht auf mein Zeichen hin fünfzehn Schritte, dreht sich dann um und feuert“, sagte er.
Er trat zurück und gab das Zeichen.
Der Seewolf schritt in die Richtung, aus der er soeben gekommen war. Er zählte die Schritte: neun, zehn, elf, war schließlich bei vierzehn angelangt, sagte leise „fünfzehn“ – und fuhr herum.
Im selben Augenblick wirbelte auch Sabreras herum, stieß die Pistole aus der Senkrechten nach unten und drückte ab.
Hasard stand still und schoß im selben Sekundenbruchteil.
Die Schüsse krachten, der weiße Pulverqualm stieg auf und wurde vom Wind davongetragen. Durch die verfliegenden Schwaden sah Hasard, wie Sabreras sich krümmte und die Pistole fallen ließ.
Er war an der Schulter verletzt.
„Du Hund“, keuchte er. „Du bist – unversehrt …“
„Die Kugel ist haarscharf an meiner rechten Wange vorbeigesaust“, entgegnete Hasard. „Ich habe ihre Hitze gespürt.“
„Säbel“, keuchte Sabreras. „Wir kämpfen weiter.“
„Sabreras – sei vernünftig.“
„Feigling!“ schrie der Spanier. „Seht ihn euch an, er unternimmt einen Rückzieher, weil er weiß, daß ich ihn doch noch schlagen werde!“
Achselzuckend wandte sich der Seewolf an Ben Brighton. „Ben, zwei Säbel. Das ist ein Befehl. Gebt Almirante Verbandszeug, er soll die Blessur des Kommandanten verbinden.“
Kurze Zeit später nahm Sabreras den Säbel entgegen und strich zweimal probeweise mit der Klinge durch die Luft. Er rückte entschlossen auf Hasard zu, tänzelte, wippte in den Kniekehlen und bewies, daß er eine ausgezeichnete Ausbildung genossen hatte.
Hasard ließ ihn fast auflaufen, dann baute er aus dem Nichts seine Verteidigung auf. Zunächst hielt er sich in der Defensive, dann aber unternahm er einen Ausfall und führte zwei glänzende Paraden gegen den erstaunten Spanier.
„Noch kannst du kapitulieren, Sabreras!“ rief er.
„Niemals.“
„Dann also – bis zum letzten?“
„Bis zum letzten!“
Hasard drängte ihn an den Rand des Plateaus, aber hier fing Sabreras sich wieder. Die maskenhafte Starre war von seinem Gesicht abgefallen, er hatte jetzt eine verbissene Miene, in der es ständig zuckte und arbeitete.
Klirrend fuhren die Klingen gegeneinander und lösten sich wieder. Sabreras tauchte weg, holte aus und stieß den Säbel zu einem Stich in Hasards Unterleib vor.
Nur knapp konnte Hasard ausweichen.
„Unfair!“ rief Thorfin Njal. „Du weißt, daß das nicht erlaubt ist, Spanier!“
„Fahr zur Hölle!“ schrie Sabreras. Er wiederholte die heimtückische Attacke. Aber diesmal war der Seewolf mehr auf der Hut. Er konterte und fegte die gegnerische Klinge mit einem mächtigen Hieb zur Seite. Er riß den Säbel wieder an sich, sprang vor und stach zu.
Die Spitze traf Sabreras Brust dort, wo das Herz sitzt.
Hasard zog den Säbel wieder heraus.
Zuerst sah es so aus, als würde Sabreras weiterkämpfen. Er hielt den Säbel noch erhoben. Doch die Kraft wich aus seinem Arm, aus allen Gliedmaßen. Seine Finger öffneten sich, und die Waffe fiel scheppernd auf den Fels.
Sabreras taumelte rückwärts. Hasard wollte ihn festhalten, aber es war schon zu spät. Sabreras kippte in die Tiefe – fast an derselben Stelle, an der auch der Galgenstrick Julian hinuntergestürzt war.
Nur gab Sabreras keinen Schrei mehr von sich. Er war schon tot, bevor er unten auf den schroffen Felsen aufschlug und in die Brandung rutschte.
Hasard wandte sich um und blickte zu Almirante und dessen Spießgesellen.
„Ihr könnt abhauen“, sagte er. „Laßt eure Habseligkeiten hier und lauft meinetwegen nach Norden, so schnell ihr könnt. Bleibt nicht stehen, ich will euch nicht mehr sehen.“
Almirante stand eine Weile mit ungläubiger Miene da. Dann drehte er sich um, winkte den Kumpanen zu und stürmte los.
Sie liefen, als hätten sie sämtliche Ausgeburten der Hölle hinter sich. „Brechen wir wieder auf“, sagte Hasard. „Unsere Mission ist erfüllt. Daß sie so blutig endet, ist allein Sabreras’ Schuld. Narren wie ihn wird es leider, immer geben. Sie sind von dieser Welt nicht wegzudenken.“
Er sah zu Siri-Tong. Ihre Blicke verfingen sich ineinander, und Hasard spürte, wie ihn etwas Warmes, unbeschreiblich Wohliges durchlief. Dieses Gefühl half ihm, alles Geschehene mit einem Ruck von sich abzuschütteln. Und er wußte, daß es der Roten Korsarin genauso ging.

1.
„Hölle! Muß ich dir erst mit Feuer den Hintern ansengen, bis du das verdammte Herdfeuer ankriegst?“
Kopfschüttelnd beobachtete der Kutscher, Koch und Feldscher auf der „Isabella VIII.“ die Bemühungen des Schiffsjungen Bill, das Kombüsenfeuer in Gang zu bringen.
Der schlanke schwarzhaarige Junge grinste sich eins: er war lange genug auf der „Isabella“, um wüste Flüche und noch wüstere Drohungen nicht mehr so ernst zu nehmen. Der Kutscher widmete ihm noch einen vernichtenden Blick, griff nach seinen Bratpfannen – und stieß im nächsten Moment einen erbitterten Fluch aus.
Die „Isabella“ holte schwer nach Steuerbord über.
Pfannen flogen durch die Kombüse, in den Schapps begannen Flaschen und Vorratsbehälter zu tanzen. Der Kutscher warf sich hastig über sein Kochgeschirr, um zu verhindern, daß die schweren Eisenpfannen durch die Kombüse segelten.
Gleichzeitig dröhnte vom Achterkastell die Stimme Philip Hasard Killigrews herüber.
„Gei auf Marssegel! Fier weg Fock und Großsegel!“
„Aye, aye!“ ertönte die Antwort Ben Brightons.
„Aye, aye!“ brüllten die Männer, die bereits zu ihren Stationen an Brassen und Fallen eilten.
Von einer Sekunde zur anderen wurde es an Deck lebendig, jähe Erregung zerbrach die Eintönigkeit des Tropen-Nachmittags. Bill blitzte durch die Kombüse, um einen Blick aus dem Schott zu werfen – und was er sah, ließ ihn unwillkürlich den Atem anhalten.
Der Wind war umgesprungen und wehte plötzlich aus Lee. Die Segel klatschten gegen Wanten und Stage, als eine bösartig heulende Bö sie über den anderen Bug faßte. Wolkenfetzen jagten am eben noch klaren Himmel dahin. Mit aufgerissenen Augen starrte Bill über die aufgewühlte See, die plötzlich tiefschwarz geworden war.
Der Seewolf stand hoch aufgerichtet auf dem Achterkastell.
„Fier weg Besan!“ schrie er. „Nicht so lahm, Kreuzdonnerwetter noch mal!“ Und scharf wie ein Peitschenhieb: „Wasserhose querab Backbord!“
Bill warf den Kopf herum.
Fast hätte er aufgeschrien, so gespenstisch war der Anblick des aufgewühlten Horizonts. Ein furchterregendes Ungeheuer schien auf die „Isabella“ zuzurasen, ein schwankendes, sich windendes Etwas, das rasend schnell dahinwirbelte, alles ringsum in undurchdringliche Schwärze hüllend. Es sah aus, als habe sich die See in wilder Wut aufgebäumt, als stürzten sich die schwarzen Wolken aus dem Himmel auf das Wasser, um es zu sich emporzureißen.
Schwarz und drohend tanzte die riesige Säule heran, eine Ausgeburt der Hölle, ein gieriges Untier, das alles verschlingen würde, was ihm in den Weg geriet.
Wie gelähmt vor Entsetzen erkannte Bill, daß die tückischen Windströmungen und der Druck der sich steil auftürmenden Dünung die „Isabella“ genau auf die unheimliche Erscheinung zudrückten.
„Weg mit dem Besan!“ ertönte Hasards Stimme.
Gleichzeitig ließ der dröhnende Baß des Profos Bill zusammenzukken: „Hopp-hopp, ihr lahmen Kakerlaken! Werft das verdammte Fall los, oder ich zieh’ euch die Haut in Streifen von euren Affenärschen! Manntaue spannen! Luken verschalken, Ferris, oder der Kahn kriegt den Bauch voll Wasser! Himmelarsch, wollt ihr euch wohl bewegen, ihr verdammten …“
Das Heulen des Sturms verschluckte den Rest der Worte. Die Seewölfe hätten sich auch ohne Carberrys Flüche bewegt: sie kannten den tückischen Feind, der da auf sie zujagte.
Bill flitzte über die Kuhl, um beim Durchholen der Strecktaue zu helfen. Krachend schlug die schräge Gaffelrute des Besans an Deck, als Bob Grey und Sam Roscill das Fall loswarfen. Stenmark, Batuti und Matt Davies hingen wie die Klammeraffen am Bugspriet, um die wild schlagende und sich blähende Blinde aus dem Wind zu reißen und festzuzurren. Und im Großmars hockten Donegal Daniel O’Flynn und Arwenack, der Schimpanse – wie gelähmt von dem geisterhaften Schauspiel und unfähig, sich von dem Anblick loszureißen.
„O’Flynn!“ brüllte der Seewolf. „Hast du den Verstand verloren?“
Dan zuckte zusammen, dann schwang er sich hastig über die Segeltuchverkleidung der Plattform und enterte ab. Der Schimpanse folgte ihm und keckerte angstvoll. Hasards Augen hatten sich zu schmalen, eisblauen Sicheln verengt, als er herumschwang und mit drei Schritten zum Ruderhaus stürmte, um das Rad zu übernehmen. Immer noch trieb die „Isabella“ auf die Wasserhose zu, von tückischen Kreuzseen geschüttelt, auch ohne Segel Fahrt laufend. Wenn nicht ein Wunder geschah, würde das schwarze, wirbelnde Seeungeheuer genau auf das Vorschiff treffen.
„Verdammt!“ brüllte Ben Brighton, was bei diesem ruhigen, beherrschten Mann etwas heißen wollte. „Das Ding saugt uns geradewegs in die Hölle, wenn wir da durchlaufen.“
„Wir werden durchlaufen!“ schrie Hasard zurück. „Scheuch die Leute unter Deck, Ben, schnell!“
„Aber …“
„Unter Deck mit euch! Sind wir hier ein Debattierklub? Ferris, ein Tau her! Lasch mich fest, aber Tempo, zum Teufel!“
„Aye, aye, Sir …“
Der rothaarige Schiffszimmermann hangelte sich mühsam den Niedergang zum Achterkastell hinauf. Ben Brighton sprang auf die Kuhl und klammerte sich an den ausgespannten Tauen fest.
„Alle Mann unter Deck!“ gellte seine Stimme, während das Tosen und Heulen des Sturms zum rasenden Inferno anschwoll.
Hasards Fäuste umspannten die Speichen des Ruders. Sein Blick hing an der schwankenden Säule der Wasserhose, während ihn Ferris Tucker mit fliegenden Fingern im Ruderhaus festband, damit er nicht über Bord gespült werden konnte. Protestierende Stimmen wurden laut. Und dann ein Gebrüll, das mühelos das Toben der Elemente übertönte: Ed Carberry, der eisenharte, salzgewässerte Profos, der diesmal schneller als selbst Ben Brighton begriff, was die Stunde geschlagen hatte.
„Unter Deck, ihr verlausten Affen! Schneller, ihr Rübenschweine, oder ihr werdet gleich auf dem Meeresgrund spazierengehen! Kutscher, wenn du mißratener Kombüsenzwerg das Feuer nicht gelöscht hast …“
„Ich bin doch nicht blöd, du Steinzeitmensch!“ schrie der Kutscher empört. „Kümmere du dich um deinen Kram!“
Der Profos stieß einen Laut aus, bei dem es der Kutscher vorzog, ganz schnell zu verschwinden.
„Ab, Ferris!“ schrie Hasard auf dem Achterkastell. Der rothaarige Hüne holte Luft, aber ein Blick in das wilde, verzerrte Gesicht des Seewolfs ließ ihn verschlucken, was er eigentlich hatte sagen wollen.
Binnen Minuten war der letzte Mann unter Deck verschwunden.
Hasard stand am Ruder und hielt mit eisernen Fäusten die schlingernde, stampfende Galeone mit dem Kopf schräg zur Dünung, damit sie nicht quer zwischen Die Wellenberge geriet. Undurchdringliche Schwärze schien die „Isabella“ zu verschlingen, die schwankende Säule der Wasserhose ragte vor dem Schiff auf wie eine gigantische Geistererscheinung.
Der Seewolf biß die Zähne zusammen. Seine blauen Augen funkelten, das schwarze Haar flatterte im Wind. Verbissen starrte er zu dem wirbelnden Ungetüm hinauf, das die „Isabella“ im nächsten Moment zerschmettern mußte, und wartete auf den entscheidenden Moment, auf den Augenblick, in dem die Wasserhose in sich zusammenfiel, weil das große Schiff den Rhythmus der in ihr wirkenden Luftströmungen zerstörte.
Jetzt war es soweit!
Eine Gigantenfaust schien das Vorschiff der „Isabella“ zu packen und schleuderte sie herum.
Die rotierende Säule der Wasserhose neigte sich und begann wie ein verwundetes Tier zu taumeln. Einen Augenblick beugte sie sich gleich einem riesenhaften Geisterwesen über die stampfende, torkelnde Galeone, dann brach sie wie von einem Hieb zerrissen in sich zusammen.
Kein Mensch hätte sich unter der Gewalt der herunterprasselnden Wassermassen an Deck halten können.
Die „Isabella“ tanzte wie ein Korken unter einem Wasserfall. Schwarzes, schimmerndes Wasser ging wie ein Vorhang nieder, hüllte das Ruderhaus ein, ließ Holz bersten und Wanten und Stage wie Spinnweben zerreißen. Treibholz krachte auf die Planken, Tangstreifen, zerfetzte Fischkörper – alles, was die Wasserhose in ihrem unwiderstehlichen Wirbel emporgerissen und in sich eingesaugt hatte.
Hasard glaubte jeden Moment, das Ruderhaus werde über seinem Kopf zusammenbrechen. Längst gehorchte das Schiff dem Ruder nicht mehr, die letzten Fetzen des Sturmsegels flogen dem Seewolf um die Ohren. Sturzseen überspülten ihn und ließen die straff gespannten Taue ächzen, die ihn festhielten. Ringsum war die Dunkelheit jetzt fast undurchdringlich. Dichte schwarze Wolken trieben über die „Isabella“ weg, und als seien sie von den Mastspitzen der Galeone aufgerissen worden, öffneten sie ihre Schleusen.
Übergangslos wurde das Toben der zusammenfallenden Wasserhose von einer Regenflut abgelöst, die dem Schiff kaum weniger zusetzte.
Hilflos torkelte die „Isabella“ in der Dünung. Minuten dehnten sich und wurden zu höllischen Ewigkeiten. Im Chaos der kreuz und quer laufenden Strömungen begann sich die Galeone wie ein Kreisel zu drehen. Brecher hämmerten auf die Bordwände ein, spülten über die Decks, nahmen zersplitterte Spieren, tote Fische und wirre Knäuel gebrochener Strecktaue mit. Grün schimmernde Brecher, wie Hasard feststellte. Querab von der schwankenden, schlingernden Galeone zeigte sich ein Streifen blaßgrauer Helligkeit, der erbarmungslos das ganze Chaos an Bord enthüllte und zugleich das Ende der Katastrophe ankündigte.
Die Regenflut hörte so plötzlich auf, wie sie eingesetzt hatte.
Jäh riß die Wolkendecke auf.
Die letzten Sturmböen fegten den Himmel leer, die Sonne brach hervor, die See beruhigte sich, als sei überhaupt nichts geschehen. Der Wind schlief ein. Nicht der leiseste Hauch einer Brise war mehr zu spüren – und die Männer, die jetzt wieder an Deck auftauchten, starrten schwer atmend und mit ungläubigen Augen in die Runde.
Selbst Ed Carberry vergaß das Fluchen.
„Bei allen Wassermännern“, murmelte er verblüffend leise. „Das ist ja Zauberei, das …“
Er stockte abrupt. Sein Blick war auf die Verwüstung an Deck gefallen. Er schloß die Augen, öffnete sie wieder, als hoffe er, daß die Vision verschwinden würde, dann stieß er einen abgrundtiefen Seufzer aus.
„Teufel, Teufel“, flüsterte er.
Das war sein einziger Kommentar. Er drohte nicht einmal, den Männern die Haut abzuziehen und die Streifen an den Mast zu nageln, wenn sie nicht augenblicklich mit dem Aufklaren anfingen.
Philip Hasard Killigrew wischte sich das triefende Haar aus der Stirn und löste die Taue, mit denen er festgebunden war.
Er war naß wie eine aus dem Wasser gezogene Katze, und er hatte ein paar Schrammen an Gesicht und Armen, wo ihn herumwirbelnde Splitter und Trümmerstücke gestreift hatten. Sein Blick wanderte über das Durcheinander. Die Fockmarsrah existierte nicht mehr, das Steuerbord-Hauptwant bestand aus Fetzen, das Kombüsenschott war Kleinholz. Eine der schweren Culverinen hing buchstäblich an einem Faden: das Brooktau drohte jede Sekunde zu brechen.
Hasard verzichtete darauf, sich auszumalen, was passiert wäre, wenn sich die Kanone selbstständig gemacht hätte. Mit einem tiefen Atemzug laschte er das Ruder fest und trat an die Schmuckbalustrade.
„Klar Schiff überall“, sagte er in die atemlose Stille hinein. „Al, würdest du freundlicherweise dafür sorgen, daß die verdammte Kanone da drüben nicht über Bord geht? Kutscher, Bill, ab in die Kombüse! Ferris, du …“
„Wasser im achteren Laderaum“, meldete Ferris Tucker, der bereit einen ersten Kontrollgang unternommen hatte. „Die Luke war gut verschalkt, aber jetzt sieht sie trotzdem aus wie Brennholz.“
„Hauptsache, der Kahn ist nicht leck. Klar bei Lenzpumpen! Dan – in den Großmars mit dir! Nimm den Kieker mit und sieh zu, ob du den schwarzen Segler sichtest.“
„Aye, aye, Sir!“
Donegal Daniel O’Flynn wollte besonders schnell sein und griff blindlings hinter sich nach der Webleine. Er griff ins Leere, weil das Steuerbord-Hauptwant keine Webleinen mehr hatte. Erschrocken schrie Dan auf, als er das Gleichgewicht verlor. In der nächsten Sekunde prallte er unsanft auf den Achtersteven und schnitt ein ziemlich verdattertes Gesicht.
Brüllendes Gelächter löste die Spannung.
„Donegal Daniel O’Flynn“, sagte Hasard sanft, „wenn du genau hinsiehst, wirst du entdecken, daß man notfalls auch über die Backbordwanten in den Großmars entern kann.“
Dan turnte wie ein geölter Blitz über die Nagelbank und enterte auf.
Al Conroy, der Stückmeister, hatte die Culverine mit dem beschädigten Brooktau klariert und ging daran, die restlichen Geschütze zu kontrollieren. Ed Carberry brüllte, fluchte, drohte mit sämtlichen Strafen der Hölle und noch ein paar anderen, bei denen der Teufel vor Neid erblaßt wäre, und jeder einzelne der Männer wurde plötzlich ungeheuer emsig.
„Dan!“ schrie Hasard zum Großmars hoch. „Kannst du den Schwarzen Segler entdecken?“
„Keine Spur, Sir!“ rief Donegal Daniel O’Flynn zurück. „Die See ist so leer wie …“
Er stockte abrupt.
Hasard runzelte die Stirn und wartete. Er glaubte, daß Dan nun doch die schwarzen Segel des „Eiligen Drachen über den Wassern“ gesichtet hätte. Siri-Tong und der Wikinger hatten mit dem Viermaster etwas zurückgehangen, als urplötzlich der Sturm über die „Isabella“ hereingebrochen war. Nach Hasards Meinung konnte der Schwarze Segler nicht viel abbekommen haben, von der Wasserhose schon gar nicht. Sobald es aufbriste, würde er wieder erscheinen, aber vorerst war es etwas anderes, das Dans scharfe Augen erspäht hatten.
„Deck!“ schrie der junge O’Flynn. „Boot Backbord querab. Der Kahn treibt kieloben! Scheint so, als hinge da jemand über den Planken.“
„Was heißt hier ‚scheint so‘, du grüner Hering?“ fluchte der Profos. „Reiß gefälligst deine Klüsen auf und …“
„Mann und gekentertes Boot ein viertel Strich Backbord querab!“ meldete Dan exakt. „Die Dünung treibt den Kahn auf uns zu.“
Hasard stand bereits am Backbord-Schanzkleid.
Inzwischen war das Boot auch mit bloßem Auge zu erkennen: eine winzige Nußschale, im Sturm gekentert, im Grunde nur noch ein trauriger Überrest mit geborstenen Planken und halb abgerissenem Kiel.
Der Mann, den Dan O’Flynn gesichtet hatte, schien sich mit letzter Kraft an das umgeschlagene Fahrzeug zu klammern. Er lag halb über dem zerfetzten Kiel, mit ausgebreiteten Armen. Erst nach Minuten hob er mühsam den Kopf, starrte zu der ranken Galeone herüber und bewegte die Hand in einer matten Geste, die vermutlich ein Winken darstellen sollte.
Im Großmars spähte Dan O’Flynn angestrengt durch das auseinandergezogene Spektiv.
„He!“ schrie er so schrill, als sei er wieder in den Stimmbruch zurückgefallen. „Der sieht ja wie der leibhaftige Tod aus!“
„Willst du ihn deshalb absaufen lassen?“ fragte Hasard trocken. „Setzt Großsegel und Fock! Pete, du übernimmst …“
„Klar Ruder!“ meldete Pete Ballie, der längst seinen Platz eingenommen hatte und über beide Ohren grinste.
„An die Brassen und Fallen! Anluven! Und hoch mit dem Besan, Himmeldonnerwetter noch mal!“
Segeltuch entfaltete sich, begann sich träge unter dem kaum wahrnehmbaren Windhauch zu füllen. Die „Isabella“ schwang schwerfällig herum und erinnerte in diesen Sekunden wahrlich mehr an eine altersschwache Ente denn an einen stolzen Schwan. Aber immerhin: sie bewegte sich und glitt dem kieloben treibenden Boot entgegen.
Minuten später konnte auch Hasard den Mann genauer sehen, der sich an das Wrack klammerte – eine ausgemergelte, sonnenverbrannte Gestalt in zerfetzten Lumpen.
Sein Schädel war völlig kahl. Ein schmaler, knochiger Schädel, über dem die gelbliche Haut zu spannen schien, große, düster brennende Augen, ein verzerrter Mund, dessen Oberlippe von einer Narbe nach oben gezogen wurde, als blecke er ständig die Zähne. Knapp über der linken Schläfe klaffte eine handspannenlange, bereits vernarbende Wunde, die schmale, scharf gebogene Nase sprang vor wie ein Geierschnabel.
Dan O’Flynn hatte recht: der Bursche sah wirklich wie der leibhaftige Tod aus.
Aber er war ein Mensch und brauchte Hilfe.
Hasard schüttelte mit einer ungeduldigen Bewegung das unbehagliche Gefühl ab, das ihn beim Anblick des Schiffbrüchigen zu beschleichen drohte.
Ein paar Minuten später wurde auf der „Isabella“ das Beiboot abgefiert, weil der Bursche mit dem Totenkopf-Gesicht offenbar nicht mehr in der Lage war, aus eigenen Kräften an der Jakobsleiter aufzuentern.
Ferris Tucker und Stenmark hievten den Mann ins Boot. Die kieloben treibende Nußschale nahm Matt Davies mit seiner Hakenprothese in Schlepp. Der Kahn war zwar nur noch ein Wrack, aber noch hatten die Seewölfe keine Gelegenheit gehabt, die restlichen Boote der „Isabella“ zu überprüfen, und falls die Wasserhose größere Schäden angerichtet hatte, konnte man die Reste des halb zerfetzten Fahrzeugs vielleicht noch für die notwendigen Reparaturen gebrauchen.
Ferris Tucker brauchte keine Hilfe, um die ausgemergelte, zerlumpte Gestalt an Bord zu schaffen.
Der Bursche war nicht bewußtlos, aber er war auch nicht bei klarem Verstand. Seine aufgerissenen, brennenden Augen starrten ins Leere und schienen nicht wahrzunehmen, was um ihn geschah. Eben noch, als er an seine gekenterte Nußschale geklammert auf die „Isabella“ zugetrieben war, hatte er sich wenigstens zu einem matten Winken aufgerafft. Jetzt schien ihn der letzte Funke von Kraft verlassen zu haben. Der Himmel mochte wissen, wie lange er schon in dem kleinen Boot getrieben war, bevor die Ausläufer des Sturms ihn erwischten.
Vorsichtig ließ Tucker den Mann auf die Planken der Kuhl gleiten und lehnte ihn mit dem Rücken gegen das Schanzkleid. Der hünenhafte Schiffszimmermann fuhr sich mit allen fünf Fingern durch das brandrote Haar und blickte auf das jämmerliche Bündel Mensch hinunter. Ed Carberry kratzte sein zernarbtes Rammkinn, schüttelte den Kopf und holte Luft, daß sich sein mächtiger Brustkasten dehnte.
„Kutscher!“ brüllte er, ehe Hasard etwas sagen konnte. „Komm her, du lausiger Quacksalber! Es gibt Arbeit!“
„Arbeit habe ich, auch ohne daß du großmäuliger Decksaffe …“ Der Kutscher verstummte abrupt.
Mit einer riesigen gußeisernen Pfanne in der Faust stand er im Kombüsenschott und riß die Augen auf. In seinem Allerheiligsten sah es aus, als hätte eine Horde Gorillas mit einem Elefanten gekämpft, daher war ihm im Eifer des Gefechts entgangen, was sich inzwischen abgespielt hatte. Jetzt starrte er verblüfft auf die Szene, wollte sich am Kopf kratzen und schlug sich dabei fast selbst die Bratpfanne um die Ohren.
„Klapp den Mund zu, bevor du dir den Gehirnkasten erkältest“, knurrte Carberry. „Der Kerl hier hat den Sturm in ’ner Nußschale abgeritten. Sieh nach, was die Wasserhose von ihm übriggelassen hat, aber ein bißchen plötzlich.“
Normalerweise war der Kutscher nicht auf den Mund gefallen, auch wenn er sich gelegentlich etwas gewählter ausdrückte als die anderen. Dem Arzt Sir Freemont aus Plymouth, bei dem er Kutscher gewesen war, bevor ihn eine Preßgang auf Francis Drakes „Marygold“ verschleppte, hatte er nicht nur einiges über die Wundbehandlung, sondern auch feine Manieren abgeschaut, die er dann allerdings rasch vergaß, weil sie nicht recht für salzgewässerte Schiffsplanken taugten. Jetzt besann er sich sichtlich auf seine Würde als höchste medizinische Instanz an Bord. Wo es darum ging, Blessuren zusammenzuflicken und Halbtote wieder auf die Beine zu bringen, da hatte er das Sagen – und da mußte notfalls sogar der eiserne Profos den Mund halten.
Der Kutscher besah sich die reglose, ins Leere starrende Elendsgestalt am Schanzkleid und gab nicht zu erkennen, daß auch ihm die Totenkopf-Physiognomie des Burschen unheimlich war.
„Hol mal die Rumflasche und den kleinen braunen Lederbeutel aus der Kombüse, Ed“, sagte er sanft. „Und bring auch gleich eine Muck mit, ja?“
„Du hast wohl einen Furz im Hirn, du …“
„Ed!“ sagte Hasard nur.
Der Profos schnaufte erbittert. Immerhin sah er ein, daß der Umgang mit der Rumbuddel aus den Geheimvorräten des Kutschers eine verantwortungsvolle Aufgabe war, die durchaus der moralischen Standfestigkeit des Zuchtmeisters bedurfte. Mindestens ein halbes Dutzend Männer hatten sich schon gestrafft, um sich freiwillig zu melden, Garantiert in der edelmütigen Absicht, die Qualität des Rums zu prüfen, bevor man den bedauernswerten Schiffbrüchigen damit traktierte.
Ed Carberry hielt das ebenfalls für eine ausgezeichnete Idee. Allerdings konnte er sie jetzt nicht mehr reinen Gewissens in die Tat umsetzen, da er sich sozusagen selbst durchschaut hatte. Fluchend und brummend verschwand er in der Kombüse, während der Kutscher neben dem Schiffbrüchigen niederkniete und ihn leicht an der Schulter rüttelte.
Der Mann reagierte nicht.
Seine dunklen, brennenden Augen waren weit aufgerissen, der seltsam starre Blick schien durch alles hindurchzugehen. Dicht vor diesen unheimlichen Augen schnippte der Kutscher mit den Fingern und nickte nachdenklich, als sich die Pupillen sekundenlang verengten.
„Blind ist er nicht“, stellte er fest, „aber halb verdurstet. Wahrscheinlich hat ihn die Sonne verrückt gemacht.“
„Du meinst, er hat den Verstand verloren?“
Der Kutscher nickte zögernd. Hasard starrte in das ausgemergelte Gesicht, dessen verbrannte Haut sich wie dunkles, brüchiges Pergament über den Knochen spannte. Der Mann starrte ins Leere. Und da die tiefe rote Narbe seine Oberlippe nach oben zog und die Zähne freilegte, sah es aus, als liege auf seinen Zügen ein ständiges teuflisches Grinsen, das der völlige Mangel an Ausdruck um so unheimlicher wirken ließ.
„Ein Jonas!“ flüsterte Blacky schauernd.
Hasard fuhr herum. Er sah gerade noch, wie sich Smoky, Decksältester und abergläubischster Mann der Crew, verstohlen bekreuzigte. Old Donegal Daniel O’Flynn spuckte über die Schulter und scharrte angelegentlich mit seinem Holzbein, als er den Blick des Seewolfs spürte. In Hasard war schlagartig wieder die Erinnerung an den Ärger mit dem unheimlichen „Jonas“ in der Karibik wachgeworden, und der Gedanke, daß ihnen etwas Ähnliches bevorstehen könne, ließ seine eisblauen Augen gefährlich glitzern.
„Blacky, Smoky“, sagte er scharf. „Wenn ich noch einmal das Wort Jonas höre, wird der Bursche tatsächlich Unglück bringen. Nämlich demjenigen, der sein Maul aufgerissen hat. Verstanden?“
„Aye, aye, Sir“, sagte Blacky.
„Aye, aye, Sir“, sagte Smoky.
„Aye, aye“, murmelte Old O’Flynn, der zwar nicht angesprochen worden war, aber aus Erfahrung wußte, daß man bei dem gewissen scharfen Tonfall in der Stimme des Seewolfs nicht vorsichtig genug sein konnte.
„Wer quasselt da was von Jonas?“ erkundigte sich Ed Carberry, der eben im Kombüsenschott auftauchte und nur die Hälfte gehört hatte.
„Niemand, Ed“, sagte Hasard.
Aber er sagte es so, daß der eiserne Profos lieber darauf verzichtete, lauthals zu verkünden, daß er, verdammt noch eins, schließlich gesunde Ohren habe.
Der Kutscher flößte dem Schiffbrüchigen erst eine Muck Trinkwasser und dann einen kräftigen Schluck Rum ein. Anschließend stellte er fest, daß die Kopfwunde schon hinreichend vom Salzwasser des Pazifiks desinfiziert sei, und murmelte etwas von „Kreislauf“ und „Blut in Wallung bringen“.
Ein paar von den Männern begannen an ihrem Weltbild zu zweifeln, als sie sahen, wie der Kutscher einen alten Lappen mit Rum tränkte und den starren Körper des Schiffbrüchigen damit abrieb. Die Reaktion war gleich Null. Sträfliche Verschwendung, ließ sich von den Gesichtern der Männer ablesen. Aber im Augenblick verspürte niemand Lust, das laut zu sagen.
Der Kutscher erklärte, daß der Unbekannte vorerst nichts weiter als Ruhe, Schatten und kräftiges Essen brauche.
Das alles konnte er ohne viel Aufwand kriegen. Er wurde auf eine Persenning im Schatten des Achterkastells gebettet, und für den Rest des Tages hatten die Seewölfe keine Zeit mehr, sich um ihn zu kümmern.
Die Wasserhose hatte auf der „Isabella“ eine ganze Menge zerschlagen.
Eine neue Fockmarsrah mußte geriggt, das Steuerbord-Hauptwant repariert, haufenweise Tauwerk gespleißt und ein neues Fockmarssegel angeschlagen werden. Will Thorne, der Segelmacher, war pausenlos beschäftigt, ebenso wie der Schiffszimmermann und der Stückmeister, der dafür zu sorgen hatte, daß die „Isabella“ wieder gefechtsklar wurde. Die Männer schufteten in der Hitze des tropischen Nachmittags, lenzten den achteren Laderaum leer, klarten auf, überprüften jede Planke, jeden Bolzen, jedes Bändsel, und der Profos tobte von einem Ende des Schiffs zum anderen und drohte jedem mit Kielholen, Hautabziehen und Ander-Rahnock-hängen, der es auch nur wagte, mal den Kopf zu heben.
Die Dämmerung brach plötzlich herein, wie immer in den Tropen.
Es hatte aufgebrist, die „Isabella“ lief wieder Fahrt. Immer noch war von dem Schwarzen Segler Siri-Tongs nichts zu sehen, aber Hasard wußte, daß der Viermaster rasch wieder aufsegeln würde. Stetig glitt die „Isabella“ nach Westen.
Den ausgemergelten Schiffbrüchigen, der im Schatten des Achterkastells kauerte, hatten die Seewölfe fast vergessen.
Als er sich wieder in Erinnerung brachte, hockte der Schiffsjunge Bill gerade im Licht einer Schiffslaterne auf der Kuhl und sah dem Segelmacher über die Schulter, um die Bootsmanns-Naht zu lernen.
Der weißhaarige Will Thorne zuckte leicht zusammen, als er den Schatten bemerkte, der plötzlich neben dem Niedergang hochschnellte.
Auch Hasard hatte die Bewegung gesehen. Er lehnte an der Schmuckbalustrade des Achterkastells und blickte aus zusammengekniffenen Augen zu dem Fremden hinunter. Bisher hatte der Mann an seinem Platz gekauert, als sei er zu Stein erstarrt, jetzt atmete er heftig. Seine Brust hob und senkte sich rasch, die Hände mit den langen, dürren Fingern zuckten unruhig.
Er flüsterte etwas.
Ein einzelnes Wort, das er zwei-, dreimal wiederholte. Ein Name, wie der Seewolf zu verstehen glaubte.
„Morro“, krächzte die dünne, brüchige Stimme. „Morro – Morro …“
Und dann, mit erschreckender Plötzlichkeit, warf der Mann die Arme hoch und begann zu schreien.
„Morro! Meineidiger Hund! An der Rahnock sollst du hängen! Ich bin der Kapitän – der Kapitän! Alle Mann an Deck! Hängen sollst du! Hängen, hängen, hängen …“
Seine Stimme überschlug sich und kreischte in schrillem Falsett.
Wie von einem Katapult abgeschnellt raste er los, quer über die Kuhl. Ganz offensichtlich hatte er vor, über Bord zu springen.
Bill und der alte Segelmacher waren wie gelähmt.
Hasard reagierte sofort und wollte sich mit einem Satz über die Schmuckbalustrade schwingen, aber da sprangen bereits die Männer auf, die vor den Speigatten gehockt und Tauwerk gepleißt hatten. Mit vier, fünf Schritten erreichte der drahtige, flinke Sam Roscill den Schiffbrüchigen – und torkelte im nächsten Moment zurück, als die ausgemergelte Elendsgestalt ihn unversehens mit einem wilden Schwinger erwischte.
Viel Dampf saß nicht dahinter, aber der Schlag erfolgte so überraschend, daß sich Sam. Roscill auf den Planken überschlug.
„Hiergeblieben!“ rief Ed Carberry, der von der anderen Seite heranfegte. Seine riesige Pranke schoß vor und packte den Unbekannten am Kragen. Der Mann kreischte. Sam Roscill sprang auf, fauchend vor Wut, und wollte sich auf den Mann stürzen.
Matt Davies streckte nur mal eben die Rechte aus. Roscill schrie wütend auf, als er plötzlich am Haken des Einarmigen festhing. Die anderen wollten sich ausschütten vor Lachen. Sam Roscill wollte etwas ganz anderes, nämlich Matt Davies an die Kehle fahren. Aber im nächsten Augenblick vergaß er seine Absicht, denn da begann der Schiffbrüchige in Carberrys Griff zu toben wie ein rasender Derwisch.
Er schrie, spuckte, geiferte und sprudelte einen Schwall von unverständlichen Worten hervor, während seine Augen im Wahnsinn glühten. Blindlings schlug er um sich, bäumte sich auf, versuchte zu kratzen und zu beißen. Ed Carberry, der dem armen Kerl nicht ernsthaft wehtun wollte, vermochte ihn kaum zu bändigen. Mit der ausgestreckten Faust hielt er ihn am Kragen, und immer noch kreischte die heisere Greisenstimme Flüche und Verwünschungen.
„Verrat“, war zu verstehen. „Meuterei – Mordsgesindel – Rache …“
In wilder Wut drohte der Verrückte, irgendwelche Verräter aufhängen zu lassen, und kreischte immer wieder, daß der Tag der Rache kommen und er, der Kapitän, blutiges Gericht halten werde. Inzwischen war auch der Rest der Crew an Deck erschienen und starrte auf die makabre Szene. Zumindest diejenigen unter den rauhen Kerlen, die ohnehin an Wassermänner, Geisterschiffe, Unglücksboten und ähnlichen Spuk glaubten, wurden etwas blaß um die Nasen.
Carberry gehörte auch nicht zu denen, die etwa am Mast gekratzt oder vor sich hin gepfiffen hätten, da man schließlich wußte, daß so etwas den Sturm anlockte. Aber im Augenblick erschien ihm der tobende, geifernde, um sich schlagende Kerl in seinem Griff viel zu real, um ihn unheimlich zu finden. Nach dem zweiten Nasenstüber war es der Profos leid.
„Na warte, du Affenarsch!“ sagte er erbittert, und dann begann er, den Tobsüchtigen wie einen nassen Lappen zu schütteln.
Schlimmer hätte es dem Burschen auch nicht ergehen können, wenn er ins Zentrum der Wasserhose geraten wäre.
Er beruhigte sich sehr schnell.
Das heißt: er verlor das halbe Bewußtsein, und Carberrys kräftige Fäuste schienen die Erinnerungsfetzen in seinem Hirn dermaßen durcheinanderzuschütteln, daß er auch die „Verräter“ und den „Tag der Rache“ vergaß. Er fiel in sich zusammen. Als der Profos ihn mit einem ärgerlichen Brummen wieder auf die Persenning neben dem Niedergang setzte, ließ er den Kopf auf die Knie sinken und rührte sich nicht mehr.
Carberry rieb sich über sein Rammkinn und blickte zum Achterkastell hoch.
„Der Idiot wollte über Bord springen“, entschuldigte er sich. „Sollte ich ihm vielleicht zu seinem eigenen Besten noch eins auf seinen verlausten Schädel plätten?“
„Wo soll der denn Läuse haben?“ fragte Dan O’Flynn grinsend. „Der ist doch so kahl wie …“
„Halt deinen vorlauten Mund, sonst bist du auch gleich kahl“, schnauzte der Profos. „Weil ich dir nämlich die Haare einzeln ausreiße, du grüner Hering! Aber im Ernst: man sollte den Kerl vielleicht anbinden.“
„Laßt ihn in Ruhe“, beendete Hasard die Diskussion. „Dan – ab in den Großmars! Wenn wir Thorfin und Siri-Tong nicht bald sichten, werden wir Segel wegnehmen müssen.“
Dan O’Flynn enterte wieder auf.
Stille senkte sich über die Decks. Nur Sir John, der Papagei, hockte auf der Nock der Großrah, plusterte sein leuchtendes Gefieder auf und übte sich darin, die dünne, heisere Fistelstimme des Schiffbrüchigen nachzuahmen, die ihm offenbar sehr imponiert hatte.
„Meuterei!“ krächzte er. „Verrat – Verrat …“
2.
„Land ho! Land Steuerbord voraus! Vier Strich vorlicher als dwars!“
Bob Grey war es, der Dan O’Flynn im Ausguck abgelöst hatte. Die Sonne strahlte von einem blaugrauen Himmel, den die wachsende Tageshitze mit opalisierenden Schleiern überzog. Auf dem Achterkastell zog Hasard die Brauen zusammen. Er wußte, daß die Seekarten keine Inseln in diesem Gebiet verzeichneten. Aber andererseits war jetzt, um drei Glasen der Morgenwache, die Hitze noch nicht so groß, daß die flimmernde Luft Spiegelungen hätte hervorbringen können.
Am Steuerbord-Schanzkleid zog Hasard das Spektiv auseinander. Ruhig schwenkte er die Kimm ab, dann nahm er die Unterlippe zwischen die Zähne, als er den dunklen, verschwimmenden Flecken erkannte. Eine Insel, in der Tat. Er sah den kegelförmigen Buckel einer Anhöhe und einen dünnen weißen Streifen, wo sich die anrollenden Wogen vor dem Riff brachen. Der Kurs der „Isabella“ würde dicht an dem unbekannten Eiland vorbeiführen, das keine Seekarte verzeichnete.
Bei vier Glasen waren bereits Einzelheiten zu erkennen.
Da war ein geschwungener Strandstreifen, dem die fein zermahlenen Korallen einen rosafarbenen Schimmer verliehen. Sie entdeckten schlanke Palmen, die roten Felsen des Riffs, das das stille dunkelblaue Auge der Lagune einschloß, und das Wrack, das irgendwann einmal an diesem Riff gescheitert war.
Hasard blickte durch das Spektiv und betrachtete die kläglichen Reste, die einmal zu einer stolzen, ranken Karavelle gehört haben mußten. Eine spanische Karavelle? Der Seewolf runzelte die Stirn. Er wußte, daß es Spanier in der Südsee gab, wenn sie diesem Gebiet auch nur wenig Aufmerksamkeit schenkten, da es bei den polynesischen Eingeborenen kaum etwas zu räubern und zusammenzuraffen gab.
Die Karavelle mochte zu einem Geleitzug gehört haben. Oder zu einem Verband, der nach Westen segelte, um Neuland zu entdecken. Sehr lange konnte sie noch nicht auf dem Riff liegen, das war am Zustand der zerfetzten Segel und des unentwirrbar verknäulten Tauwerks zu erkennen. Der Aufprall hatte das Schiff in der Mitte auseinanderbrechen lassen. In der Lagune schwammen noch ein paar Trümmer, den Rest hatte die See mitgenommen.
Hasard zuckte unbewußt mit den Schultern. Für seine Begriffe sah es nicht so aus, als könne irgend jemand die Katastrophe überlebt haben.
Oder doch?
Unwillkürlich war der Blick des Seewolfs zu der ausgemergelten Gestalt neben dem Niedergang gewandert. Jetzt sah er, daß sich der Unbekannte aufgerichtet hatte. Er schwankte und hielt sich offenbar nur mühsam auf den Beinen. Wie von einem Magneten angezogen taumelte er nach Steuerbord, klammerte die Fäuste um das Schanzkleid und starrte zu dem Wrack hinüber.
Hasard konnte sein Gesicht nicht sehen, aber in der ganzen Haltung des Unbekannten lag stumme, angespannte Erregung, eine Erregung, die deutlich von ihm ausstrahlte und sich auf das Wrack dort drüben bezog. Der Fremde kannte das Schiff. Sein Schiff vermutlich, von dem er versucht hatte, sich mit dem kleinen Boot zu retten.
Oder von dessen Mannschaft er in der Nußschale ausgesetzt worden war, vollendete Hasard in Gedanken.
Die Worte des Unbekannten klangen ihm noch in den Ohren, das Geschrei von Meuterei und Verrätern und Rache. Wenn der Fremde den Schiffbruch der Karavelle überlebt hätte, wäre er ans Gestade getrieben worden und nicht aufs offene Meer. Nein, er mußte bereits in dem kleinen Boot gesessen haben, bevor der Sturm ihn überraschte. Und jetzt, da er das zerschellte Wrack dort drüben sah, erschien ihm der Anblick vielleicht als Fügung des Schicksals, als gerechte Strafe, die die rächende Vorsehung über die Meuterer gebracht hatte.
Vermutungen, sagte sich Hasard.
Sein Blick streifte die anderen Männer, die ebenfalls zu der Insel mit dem Wrack hinüberstarrten. Auch ihre Gesichter spiegelten Erregung, aber bei ihnen war es erwartungsvolle, unternehmungslustige Erregung. Dan O’Flynn hatte glänzende Augen, der kleine Bill trat von einem Fuß auf den anderen, die übrigen betrachteten das Eiland, als schätzten sie die Herausforderung ab, die es darstellte. Ben Brighton, der neben den Seewolf getreten war, lächelte leicht.
„Wollen wir die Insel anlaufen?“ fragte er.
Hasard zögerte einen Moment, dann schüttelte er entschlossen den Kopf.
Auch ihn reizte das Unbekannte. Aber die große, unwiderstehliche Lokkung lag im Westen, in dem geheimnisvollen Land, von dem Siri-Tong berichtet hatte. Sie hatten schon zu viel Zeit verloren. Hasard zog es weiter, in die unbekannte Ferne – wie ein Sog, den er mit jeder Faser spürte und der von Tag zu Tag stärker wurde.
Er atmete tief durch. Seine blauen Augen funkelten, das schwarze Haar flatterte im Wind.
„Wir segeln weiter“, entschied er. „Wir brauchen weder unsere Vorräte zu ergänzen noch Wasser zu fassen. Und Inseln werden wir unterwegs noch genug finden.“
Auf dem Schwarzen Segler raufte sich Thorfin Njal, der Wikinger, seinen mächtigen Vollbart, rief der Reihe nach seine Ahnen, die Teufel der Hölle und sämtliche Götter an und drohte dem Bootsmann Juan, ihn kielholen, an der Rahnock aufhängen, vierteilen und Odins Raben zum Fraß vorwerfen zu lassen – ungeachtet der Tatsache, daß die kreischenden Seevögel ringsum nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit Odins Raben hatten.
Juan funkelte den tobenden Riesen unter halb gesenkten Lidern an, aber er traute sich nichts zu sagen, obwohl er sich unschuldig fühlte. Konnte er dafür, daß irgendein Idiot das Fall der Besanrute nicht richtig belegt hatte, so daß jetzt Segel und Gaffel beim Teufel waren – oder besser bei den Wassermännern?
Der Bootsmann würde das Unwetter an die Besangasten weitergeben. In abgemilderter Form. Nicht etwa, weil er von friedlicher Gemütsart gewesen wäre, aber er konnte nun mal nicht halb so gut und vor allem nicht halb so laut fluchen wie der riesige Wikinger mit seiner Donnerstimme.
Siri-Tong stand auf dem Achterkastell und beobachtete die Szene.
Die Rote Korsarin trug eine knappsitzende Bluse im leuchtenden Farbton der Korallen, die blaue Schifferhose schmiegte sich eng um ihre langen Beine. Da der Viermaster keine Fahrt lief, flatterte ihre schwarze Mähne ausnahmsweise nicht im Wind, sondern spielte sanft wie ein dunkles, schimmerndes Vlies um das rassige Gesicht mit den Mandelaugen. Siri-Tongs Lippen preßten sich aufeinander, die Flügel der kleinen, energischen Nase vibrierten leicht.
Sie war ungeduldig und wollte endlich weiter, aber sie wußte, daß sich Thorfin Njal erst austoben mußte.
Ihrer Erfahrung nach würde das so an die zehn Minuten dauern.
Siri-Tong faßte sich in Geduld. Und ein paar Minuten später geschah etwas, das den Wutausbruch des Wikingers abrupt unterbrach.
„Deck!“ schrie Hilo aus dem Hauptmars. „Boot Backbord querab! Es treibt auf uns zu.“
Siri-Tong wirbelte herum.
Unten auf der Kuhl ließ Thorfin Njal den zornbebenden Bootsmann stehen und tobte den Niedergang hoch. Mit einem wütenden Ruck riß er das Spektiv aus dem Gürtel und spähte nach Süden.
Zuerst war nur ein Punkt auf dem Wasser zu sehen, dann erkannte auch der Wikinger die Umrisse des kleinen Bootes – einer Pinasse mit geknicktem Mast und zerfetzten Segeln.
Steuerlos trieb sie in der Dünung, und nichts wies darauf hin, daß sich Menschen an Bord befanden.
Schweigend reichte Thorfin das Spektiv an die Rote Korsarin weiter. Sie hob es an die Augen und beobachtete das Boot, das jetzt rasch näherglitt. Niemand bediente das Ruder, aber neben der Pinne war etwas wie ein längliches, zusammengesunkenes Bündel zu erkennen. Zwei weitere lehnte oder lagen an der achteren Bordwand. Sie rührten sich nicht – und noch war nicht zu sehen, um was oder wen es sich handelte.
Menschen?
Schiffbrüchige, die in der Endlosigkeit des pazifischen Ozeans trieben?
Siri-Tong ließ das Spektiv sinken, da das nähertreibende Boot jetzt auch mit bloßem Auge zu verfolgen war. Ein paar Minuten später hob die Rote Korsarin das Fernglas wieder an die Augen, und jetzt konnte sie die reglosen Bündel an Bord der Pinasse deutlicher erkennen.
Es waren wirklich Menschen.
Männer, fünf oder sechs mindestens. Ausgemergelte Gestalten in zerfetzten Lumpen, starr und verkrümmt, teilweise übereinanderliegend wie leblose Puppen. Sie mußten tot sein. Siri-Tong biß sich auf die Lippen und reichte dem Wikinger das Spektiv.
„Bei Odin!“ sagte Thorfin Njal düster.
Dann schwieg er eine Weile und starrte angestrengt zu der Pinasse hinüber. Mit einem Ruck setzte er das Fernglas ab und kratzte heftig an seinem zerbeulten Kupferhelm.
„Da lebt noch einer“, stieß er hervor. „Er hat sich bewegt, ich habe es gesehen!“
Siri-Tong schwang herum.
„Beiboot abfieren!“ ertönte ihre Stimme. „Eike, Arne, Boston-Mann, Mike – ihr holt die Pinasse längsseits!“
„Aye, aye, Madam!“
Die Angesprochenen setzten sich in Bewegung. Siri-Tong und der Wikinger beobachteten das Manöver, das unter dem Kommando des Boston-Manns schnell und exakt ablief. Binnen Minuten erreichte das Beiboot des Schwarzen Seglers die Pinasse, der Boston-Mann sprang an Bord und belegte die Leine, die Mike Kaibuk hinüberwarf.
Die Gesichter der Männer waren blaß und verzerrt, als sie die schwer angeschlagene Pinasse in Schlepp nahmen.
Am Schanzkleid des „Eiligen Drachen“ stand Siri-Tongs Crew in stummer Spannung. Auch der letzte an Bord konnte jetzt die Toten in dem großen Boot erkennen. Fünf Tote, elend krepiert an Durst und Hitze. Und ein einziger Überlebender, den Arne und Eike vorsichtig aus der Pinasse in das Beiboot hoben, um ihn hochhieven zu lassen.
Die Männer enterten über die Jakobsleiter auf. Der Bewußtlose wurde aus dem Boot gezogen und in den Schatten gebettet. Er sah furchtbar aus: verbrannt von der gnadenlosen Sonne, ausgemergelt, mit spröden, rissigen Lippen und einer Haut so trocken wie bei einer Mumie. Noch atmete er, aber auch der letzte aus der Crew brauchte nur einen Blick, um zu sehen, daß das abgezehrte Gesicht bereits vom Tode gezeichnet war.
Siri-Tong sog scharf die Luft durch die Zähne, als sie neben dem Bewußtlosen in die Hocke ging.
Vorsichtig schob sie ihm den linken Arm unter den Kopf und setzte ihm mit der Rechten eine Muck Trinkwasser an den Mund. Die spröden, von weißem Schorf bedeckten Lippen zuckten. Gierig öffneten sie sich, die Kehle des Mannes verkrampfte sich in verzweifelten Schluckbewegungen.
Siri-Tong benetzte ihm die Lippen und goß ihm etwas Wasser zwischen die Zähne. Ein Hustenkrampf schüttelte die hagere Gestalt. Aber das lebenspendende Naß tat seine Wirkung, die Lider des Unglücklichen begannen zu zukken und hoben sich schließlich.
Ein irrer Blick tastete in die Runde. Dumpf und rasselnd klang das Stöhnen, das über die trockenen Lippen drang. Noch einmal goß die Rote Korsarin etwas Wasser in die ausgedörrte Kehle, und diesmal begann der Mann, in jäh erwachender Gier zu schlucken.
„Vorsicht“, brummte der Wikinger. „Er darf nicht gleich zu viel trinken.“
Siri-Tong hob den Kopf. „Er stirbt, Thorfin. Er hat nur noch Minuten. Warum soll er in diesen letzten Minuten nicht trinken, soviel er mag?“
Aber schon nach den nächsten zwei, drei Schlucken sank der Mann schlaff zurück, als habe ihn der letzte Funken Kraft verlassen.
Seine Zunge fuhr über die schorfigen Lippen. Wieder irrte sein Blick umher, doch diesmal schien er wenigstens zu begreifen, daß er nicht mehr in der Pinasse lag, daß Menschen um ihn waren, lebendige Menschen.
Seine Lippen bewegten sich.
Die Stimme klang brüchig, wie eingerostet, und formte unendlich mühsam Worte.
„Der Schatz“, flüsterte er. „Schatz – Chiapas …“
„Schatz?“ fragte Siri-Tong mit gerunzelter Stirm.
Die fiebrigen Augen fielen zu und öffneten sich wieder. Für einen Moment schien der irre Blick ein wenig an Klarheit zu gewinnen.
„Der Schatz – der Maya“, flüsterte der Sterbende mühsam. „Das Schiff – Piratenschiff – zerschellt – die Strafe! Es ist die Strafe! Es ist der Fluch – der Fluch der Maya …“
„Bei Thors Hammer!“ knurrte der Wikinger. „Wovon, zum Teufel, redet der …“
„Still, Thorfin! Warte!“
Wieder bewegten sich die Lippen des Todgeweihten. Siri-Tong mußte sich tief über ihn beugen, um die Worte zu verstehen, die nur noch ein Hauch waren.
„Der Fluch – der Fluch der Maya wird sie ereilen, alle – nie werden sie das Gold finden – nie – nie …“
Die Stimme erstarb.
Ein letztes krampfhaftes Zucken durchlief die ausgemergelte Gestalt. Dann erschlafften die Glieder des Unbekannten, und tief auf dem Grund der Pupillenschächte schien etwas wie springendes Glas zu zerbrechen.
Siri-Tong hob den Kopf.
Eine steile Falte stand auf ihrer Stirn. Fragend sah sie Thorfin Njal an, aber der Winkinger hob nur die mächtigen Schultern. Er konnte sich auf die wirren Reden genauso wenig einen Reim bilden wie die anderen.
„Verrückt“, brummte er. „Die Mayas leben doch in Yukatan, auf der anderen Seite des Kontinents. Möchte wissen, wieso jemand mitten auf dem Pazifik von Mayas faselt!“
Siri-Tong zuckte mit den Schultern.
Es war sinnlos, jetzt darüber nachzugrübeln. Mit einem tiefen Atemzug stand sie auf und warf das lange Haar auf den Rücken.
„Wir übergeben die Toten der See“, entschied sie. „Und dann sehen wir zu, daß wir eine neue Gaffelrute riggen und endlich die ‚Isabella‘ einholen.“
3.
In der mondlosen Nacht bildeten die geblähten Segel der „Isabella“ nur fahle Flecken.
Sternenlicht spiegelte sich verschwimmend im leicht bewegten Wasser, aber auch die Sterne wurden teilweise von Wolken verdeckt, die sich schwarz und bedrohlich über die Kimm schoben. Die Nacht war schwüler als gewöhnlich. Dan O’Flynn wischte sich den Schweiß von der Stirn, spähte aus zusammengekniffenen Augen zum Kreuz des Südens hinauf und versuchte, das unbehagliche Gefühl abzuschütteln.
Er lehnte am Schanzkleid des Vorkastells. Das leise Glucksen und Rauschen der Bugwelle drang an seine Ohren. Eigentlich war er nur während seiner Freiwache hier heraufgekommen, um die Freiluft-Toilette zu benutzen. Dann hatte er geglaubt, bei den Drehbassen ein Geräusch zu hören, wo um diese Zeit niemand etwas zu suchen hatte. Normalerweise hätte er sich nicht darum gekümmert, aber jetzt dachte er daran, daß sie einen Fremden an Bord hatten, der ihm, wenn er ehrlich war, trotz aller Argumente der Vernunft ein bißchen unheimlich erschien.
Dan O’Flynns Mißtrauen war erwacht, unbegründet, wie er inzwischen einsah.
Hier oben war niemand. Dan gähnte und ließ den Blick müßig über die dunklen Decks schweifen.
Die „Isabella“ lief nicht unter Vollzeug. Sie hatten nur Blinde, Großsegel und Besan gesetzt, um dem schwarzen Segler Gelegenheit zu geben, sie einzuholen.
„Eiliger Drache über den Wassern“ war ein schnelles Schiff, schneller als die dreimastige Galeone der Seewölfe. Spätestens morgen früh, schätzte Dan, mußte der Viermaster der Roten Korsarin über der Kimm auftauchen, falls Siri-Tong und Thorfin Njal nicht Pech gehabt und doch mehr von dem Sturm abgekriegt hatten, als der Seewolf glaubte.
Und falls sie nicht in das nächste Wetter hineinliefen, das sich irgendwo im Norden zusammenbraute, vollendete Dan seine eigenen Gedanken.
Die Wolkenbänke über der Kimm gefielen ihm überhaupt nicht, genausowenig wie die drückende Schwüle.
Etwas knackte leise.
Donegal Daniel O’Flynn hielt den Atem an. Auf dem Absatz fuhr er herum – und stieß gleich darauf erleichtert die Luft aus.
Ein massiger Schatten wuchs vor ihm hoch. Schneeweiße Zähne blitzten, das Weiß von rollenden Augäpfeln schimmerte. Sonst verschmolz die Hünengestalt fast völlig mit der Finsternis, und das brachte an Bord der „Isabella“ nur einer fertig.
„Batuti!“ fauchte Dan aufgebracht. „Kannst du schwarzer Affe dich nicht melden, bevor du einen derart erschreckst? Fast hätte ich dir ein Messer in den Bauch gerammt.“
„Kleines O’Flynn dummy im Kopf.“ Batuti, der riesenhafte Gambia-Neger grinste immer noch, denn in Wahrheit waren er und Dan besonders dicke Freunde. „Was willst du? Soll ich schreien Zeter-Mordio, wenn gehen aus der Hose?“
„Von wegen Zeter-Mordio“, unkte Dan. „Der alte Carberry würde dir die Haut in Streifen abziehen.“
„Und nageln an Kombüse, he? Wird sich Kutscher freuen! Haut von schönes schwarzes Affenarsch von Batuti ist …“
Er stockte abrupt.
Jetzt war er es, der unwillkürlich den Atem anhielt. Auch Dan war das leise Geräusch nicht entgangen. Aber nachdem er sich einmal unnötig erschrocken hatte, wollte er sich kein zweitesmal ins Bockshorn jagen lassen.
„Noch jemand, der aus der Hose muß“, sagte er. „Scheint ja ’ne wahre Seuche zu sein. He, wer da?“
Er erhielt keine Antwort.
Unmittelbar zwischen den beiden Drehbassen schnellte eine Gestalt wie ein Springteufel hoch. Trotz der Dunkelheit waren die Umrisse der schweren Muskete nicht zu übersehen.
„Rührt euch nicht! Ein Laut oder eine Bewegung, und ich schieße euch in Stücke!“
Die Stimme klang dünn und hoch, scharf wie das Zischen einer gereizten Schlange, das die Seewölfe bei ihren Abenteuern im Amazonas-Gebiet so oft gehört hatten.
Dan O’Flynn versteinerte. Er hatte die Stimme erkannt, und er erkannte auch die dürre, hoch aufgerichtete Gestalt, die jetzt überhaupt nicht mehr an einen Halbtoten erinnerte.
„Der Jonas!“ keuchte er.
„Mann von Schiff gebrochen“, flüsterte Batuti, der das Wort Schiffbrüchiger einfach nicht richtig zusammenkriegte. „Verdammich! Ich denke, der dummy im Kopf und …“
„Still!“ zischte die brüchige Stimme. Ein tiefer, rasselnder Atemzug drang über die Lippen des Unbekannten, und in seiner Haltung schien sich eine unsichtbare Stahlfeder zu spannen. „Hört zu! Ich bringe euch um, wenn ihr nicht gehorcht! Ich töte euch, und wenn es das letzte ist, was ich auf dieser Welt tue. Und ich töte nicht nur euch! Ich werde auch noch andere mitnehmen! Viele andere! Ihr müßt mir helfen, hört ihr – müßt …“
Für einen Moment war wieder der irre Klang in der Stimme, aber Dan O’Flynn gab sich keinen Illusionen hin. Die ganze Haltung des ausgemergelten Burschen spiegelte Konzentration und hellwache Aufmerksamkeit. Er war fanatisch und offenbar besessen von irgendeiner Wahnidee. Der junge O’Flynn spürte mit jeder Faser, daß dieser Irre seine Drohung rücksichtslos wahrmachen würde.
Vorläufig saß der Kerl am längeren Hebel.
Wenn er losballert, würde von Dan und Batuti auf diese Entfernung nicht viel übrigbleiben. Und es mochte leicht passieren, daß der Mann es mit Hilfe des Überraschungseffektes tatsächlich schaffen würde, noch ein paar andere Seewölfe mit auf die große Reise zu nehmen.
Batuti, der riesige Gambia-Neger, atmete tief ein und rollte furchterregend mit den Augen.
„Soll Batuti schlagen Kerl Zähne in Gehirn?“ grollte er. „Oder hauen auf Kopf, daß er guckt durch eigene Rippen?“
Dan schüttelte den Kopf. „Denk an die anderen.“ Und etwas lauter: „Was heißt das – helfen? Was haben Sie vor?“
Der Unbekannte grinste.
Oder vielleicht sah es auch wieder nur so aus, weil ihm die schreckliche Narbe die Oberlippe von den Zähnen zog.
„Ein Boot“, flüsterte er. „Ich brauche ein Boot, ich …“
„Bist du von allen guten Geistern verlassen?“
Dan wollte auffahren, aber er nahm sich sofort zusammen, als er sah, wie sich das ausgemergelte Gesicht zu einer Fratze verzerrte.
Der Kerl war tatsächlich nicht bei Sinnen und fähig, hier ein Blutbad anzurichten, wenn es hart auf hart ging. Noch schien er ruhig. Von einer geradezu teuflischen Ruhe, die seine Besessenheit um so gefährlicher werden ließ. Er durfte nicht durchdrehen und mußte in Sicherheit gewiegt werden. Sollte er ruhig darauf bestehen, daß ein Boot abgefiert wurde! Er war ein Wrack und hielt sich nur mühsam auf den Beinen. Lange würde es ganz sicher nicht dauern, bis die beiden Seewölfe die Chance erhielten, ihn zu entwaffnen. Nach Dans Meinung war das wesentlich besser, als die Dinge hier und jetzt auf die Spitze zu treiben.
„Ein Boot!“ fragte der blonde junge Mann sanft. „Was wollen Sie denn mitten in der Nacht mit einem Boot, Mister?“
Ein scharfer Atemzug.
Wieder hatte Dan das Gefühl, daß der Kerl ihn auf diese unheimliche, ausdruckslose Art angrinste.
„Rache!“ flüsterte der Unbekannte mit zuckenden Lippen. „Vergeltung! Ich bin der Kapitän. Ich bin Philipp Montsalve! Ihr werdet ein Boot abfieren und mich zu der Insel pullen, damit ich über die Verräter Gericht halten kann.“
Wie ein rotes Auge glomm das Feuer durch die Dunkelheit.
Über der grasbewachsenen Senke zwischen den roten Felsen hing drükkende Schwüle. Die Nacht hatte keine Abkühlung gebracht, die Brise von der See drang nur schwach bis zu dieser von allen Seiten geschützten Stelle. Die schlafenden Männer hätten das Feuer nicht gebraucht, denn es gab weder Eingeborene noch wilde Tiere auf der Insel. Sie hätten auch die Wachen nicht gebraucht, die höher in den Felsen Ausschau hielten.
Aber da war die dumpfe Furcht, die sich niemand eingestand. Da waren Bitterkeit, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung – und das Feuer bot mit seinem magischen Bannkreis Schutz, so wie die aufgestellten Wachen die Illusion boten, daß irgend etwas Unerwartetes eintreten könnte, um das Geschick der sechzehn Männer noch einmal zu wenden.
Einige von ihnen waren trotz der späten Stunde noch wach, kauerten im Gras zwischen den Felsen und starrten in die Glut.
Jean Morro, der Bretone, drehte einen schlanken, gefiederten Farnwedel zwischen den Fingern.
In seinen harten steingrauen Augen spiegelten sich die kleinen Flammen wie winzige, tanzende Funken. Auch sein Haar war grau, obwohl der große, knochige Mann noch keine vierzig Jahre zählte.
Neben ihm kauerten zwei schweigsame, vierschrötige Burschen, von denen nur bekannt war, daß sie aus Burgund stammten und die der Einfachheit halber „Burgunder“ und „anderer Burgunder“ genannt wurden.
Der vierte Mann, der noch wachte, lehnte in einer Haltung selbstversunkener Ruhe an einem der Felsen. Sein kräftiges, schwermütiges Gesicht war tiefbraun wie poliertes Holz. Er trug zerfetzte Seemannskleidung genau wie die anderen, aber das lange blauschwarze Haar hatte er auf dem Oberkopf mit bunten Ringen zusammengebunden. Niemanden störte diese fremdartige Haartracht. Genausowenig, wie jemanden die dunklen Kehllaute störten, mit denen der Braunhäutige sprach. Jacahiro war Indianer, ein reinblütiger Maya aus den dichten Regenwäldern Nueva Españas.
Jean Morro warf das graue Haar zurück und betrachtete seine Kumpane mit einem bitteren Lächeln.
Jacahiro, der die Sprache der Maya sprach und ihr Land kannte! Der alte Valerio mit seiner fabelhaften Karte! Alles hatte sich so gut angelassen. Und sie waren ihrer Sache so sicher gewesen. Ein unermeßlicher Schatz – Reichtum für alle! Und dann von einer Stunde zur anderen das Ende, als habe das Geschick selber mit eiserner Faust zugeschlagen.
Morro preßte die Lippen zusammen.
Er dachte an den verrückten Kapitän, den sie zum Teufel gejagt hatten. War die Katastrophe die Strafe dafür gewesen, die Vergeltung, die ausgleichende Gerechtigkeit, von der Vorsehung geübt?
Unsinn, dachte der Bretone angewidert. Der Kapitän hatte sein Schicksal tausendmal verdient. Drei Männer hatte er für Verbrechen hängen lassen, die nur in seinem Wahn bestanden, einen Offizier in den sicheren Tod gehetzt – zum Schluß war er nur noch eine reißende Bestie gewesen. Vielleicht war es der Gedanke an das Maya-Gold, der ihn hatte verrückt werden lassen.
Jean Morro dachte an die letzten Tage, an den Topf mit dem griechischen Feuer, der die Macht des Kapitäns sicherte, obwohl die ganze Besatzung hinter dem Bretonen stand. Aber dann war das griechische Feuer ins Meer geflogen und achteraus getrieben, und der verrückte Kapitän war in dem kleinen Boot ausgesetzt worden, während die „Caribia“ weitersegelte, ihrem Schicksal entgegen.
„Jean?“ ertönte eine halblaute Stimme aus dem Dunkel.
Morro hob den Kopf. Der alte Valerio hatte sich auf die Ellenbogen gestützt. In dem bärtigen, verwitterten Gesicht brannten die Augen.
„Hast du eine Ahnung, wie wir hier wieder wegkommen sollen, Jean?“
Morro lachte auf. Ein hartes, bitteres Lachen.
„Was weiß ich! Wir können ja ein Floß bauen. Oder wir warten, bis zufällig ein Schiff vorbeisegelt, und bitten den Kapitän, uns den Kahn zu schenken.“
„Also hängen wir hier für alle Ewigkeit fest?“
Der Bretone zuckte mit den Schultern. „Scheint so, oder?“
Schweigen senkte sich herab. Nur das Feuer knisterte, und der Wind sang in den Federwipfeln der Palmen am Strand. Der braunhäutige Maya hob den Kopf und bewegte witternd die Nasenflügel.
„Sturm“, sagte er mit seiner gutturalen Stimme.
„Ja, wir kriegen Sturm.“ Der Bretone nickte. „Vielleicht haben wir Glück, und ein Schiff sucht im Windschatten der Insel Schutz. Oder Lucien und die anderen werden mit der Pinasse angetrieben.“
„Die sind längst krepiert“, sagte der stämmige Burgunder düster. „Wer weiß! Wir müssen abwarten. Gib mir mal die Rumbuddel rüber!“ Jean Morro nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche.
Gerede, dachte er.
Ihre Lage war hoffnungslos, und er glaubte längst nicht mehr daran, daß sich das ändern würde.
„Mistvieh! Verdammte Bestie! Dir ziehe ich die Haut in Streifen von deinem verdammten Affenarsch!“
Ed Carberrys Stimme dröhnte im Vorschiff wie Donnerrollen. Arwenack, der Schimpanse, brachte sich tunlichst außer Reichweite, aber er keckerte genauso laut und eindringlich weiter wie vorher.
Neben dem Profos fuhren Stenmark und Matt Davies hoch. Blacky seufzte tief, weil er gerade von einem schönen strammen Hafenliebchen geträumt hatte. Arwenack hüpfte aufgeregt auf und nieder und kümmerte sich nicht darum, daß er Big Old Shanes mächtigen Brustkasten malträtierte.
Der frühere Schmied der Feste Arwenack riß die Augen auf und starrte die zottige Erscheinung an, die da auf ihm herumhüpfte. Einen Moment glaubte er, sich noch in einem verrückten Alptraum zu befinden, dann zerstörte Ed Carberrys Donnerstimme diese Illusion.
„Du karierter Decksaffe! Du von einem triefäugigen Wassermann im Suff gezeugte Mißgeburt!“
„Seit wann säuft der Wassermann?“ fragte Smoky, der Decksälteste, schlaftrunken.
„Halt dein Maul, verdammt! Der Affe muß den Veitstanz haben oder …“
Big Old Shane richtete sich mit einem Ruck auf.
„Donegal Daniel O’Flynn!“ brüllte er. „Bring den Affen zur Vernunft, zum Teufel!“
Schweigen.
Nur Arwenack keckerte, schlug sich auf die Brust, hüpfte zum Schott und wieder zurück. Dan O’Flynn meldete sich nicht.
„Verdammter Rotzbengel!“ brummte sein alter Vater. „Wo steckt diese mißratene Wanze? Wird Zeit, daß ich ihm mal wieder eine Tracht mit dem Holzbein verpasse.“
„Dan ist nicht hier“, stellte Jeff Bowie fest, der ehemalige Karibik-Pirat, der die gleiche Hakenprothese statt einer Hand trug wie Matt Davies.
„Vielleicht mußte er mal“, sagte Bill mit schlagender Logik.
„Und wieso, zum Teufel, stellt sich der Affe dann an wie eine Jungfrau im Puff?“
Es war Ed Carberry, der das durch die Zähne stieß. Der Profos erinnerte sich, daß sich Arwenack schon ein paarmal aufgeführt hatte wie ein übergeschnappter Derwisch: nämlich immer dann, wenn sich sein spezieller Freund Donegal Daniel O’Flynn in Gefahr befand. Carberry richtete sich ächzend auf und ließ den Blick durch das Vorschiff schweifen.
„Wo steckt eigentlich Batuti?“ knurrte er. „Der hat doch auch Freiwache.“
„Mann!“ stöhnte Smoky. „Wenn du in Zukunft jedesmal ’nen Aufstand anzetteln willst, wenn mal einer zur Galion geht …“
„Reiß nur weiter den Maul auf, wenn du das Salzfleisch demnächst direkt im Magen kauen willst“, sagte der Profos trocken. „Dahin schlage ich dir nämlich die Zähne“, fügte er erläuternd hinzu. „Blacky, Stenmark – lüftet mal eure verdammten Affenärsche an. Wir gehen zum Freiluftlokus.“
„Ich muß aber nicht“, sagte Blacky bockig.
„Ist mir scheißegal. Ich will wissen, weshalb sich dieser blöde Affe so verrückt benimmt. Anlüften, habe ich gesagt! Wird’s bald, ihr Rübenschweine, ihr Kakerlaken, ihr müden Saftsäcke?“
„Der bringt die See zum Kochen“, murmelte Stenmark, während er sich aufrichtete und hinter dem Profos dorthin schlurfte, wo der Schimpanse Arwenack jetzt im Niedergang verschwand.
„Der bringt mich gleich zum Kochen“, verbesserte Blacky brummig. „Nicht mal in Ruhe schlafen läßt einen dieser Bastard.“
Er wollte noch mehr sagen, aber ein vernichtender Blick des Profos brachte ihn zum Schweigen. Es empfahl sich nicht, Edwin Carberry zu ärgern. Dem war nämlich hier an Bord nur einer über: Philip Hasard Killigrew, dessen erste Tat damals auf Francis Drakes „Marygold“ darin bestanden hatte, den bis dahin ungeschlagenen Profos nach Strich und Faden zusammenzufalten.
Für eine Weile schwelgte Blacky in Erinnerungen.
Schmerzliche Erinnerungen für ihn. Denn auch er hatte damals den Fehler begangen, sich mit dem Seewolf anzulegen. Und das Ende war gewesen, daß er, Blacky, mit seiner rechten Faust in einer Querplanke aus massivem Eichenholz festhing, die er zerschlagen hatte.
Seine Gedanken stockten.
Vor ihm begann der Profos in einer Tonlage zu fluchen, bei der das Schiff zitterte. Blacky und Stenmark zuckten erschrocken zusammen – und im nächsten Moment sahen auch sie die Bescherung.
Eins der Beiboote war verschwunden.
Und verschwunden waren auch Dan und Batuti, wie sich wenig später herausstellte. Genauso verschwunden wie der unbekannte Schiffbrüchige – und diese Tatsache brachte die Männer sofort auf die richtige Schlußfolgerung.
Längst hatte Ed Carberrys Gebrüll Hasard auf den Plan gerufen. Jetzt flüsterte der Profos seine Flüche nur noch – und für den Seewolf war das ein Alarmzeichen erster Ordnung.
„Sie sind weg“, sagte Carberry tonlos. „Dieser elende Jonas muß sie gezwungen haben, das Boot abzufieren und …“
„Diese Jammergestalt? Gegen Dan und Batuti?“
Carberry zuckte mit den Schultern.
Hasards Augen wurden sehr schmal und glitzerten wie blaues Eis. Einen Moment starrte er auf den leeren Platz des Beibootes, dann atmete er tief durch. Auch seine Stimme klang jetzt ungewöhnlich leise.
„Wir gehen auf Gegenkurs“, sagte er. Und mit einem raschen Blick zum Himmel: „Hoffentlich finden wir sie, bevor der Sturm losbricht. Wenn sie mit dem kleinen Boot in das Wetter geraten …“ Er sprach nicht weiter.
Aber die anderen wußten auch so, was er sagen wollte, und für einen Augenblick war die Stille zwischen ihnen wie ein erdrückendes körperliches Gewicht zu spüren.
4.
Der Kerl, der sich Kapitän Montsalve nannte, saß aufrecht im Heck des kleinen Bootes und starrte in die Richtung, in die Dan und Batuti pullten.
Schußbereit zielte die Muskete auf die beiden Seewölfe. Wenn die Wolkendecke aufriß, leuchtete der kahle Schädel des Dürren im Sternenlicht, und seine von der hochgezogenen Oberlippe ständig entblößten Zähne schimmerten.
Auch Batutis prächtiges Raubtiergebiß blitzte ab und zu auf. Aber bei ihm war es ohnmächtige Wut, die ihn die Zähne blecken und mit den Augen rollen ließ, als werde er jeden Augenblick wie ein Fäßchen Schwarzpulver explodieren.
Dan O’Flynn keuchte verbissen, um seinen Gegner glauben zu machen, daß er sich mit aller Kraft in die Riemen legte.
In Wahrheit pullte er höchst lässig, genau wie der riesige Gambia-Neger. Sie hätten das Tempo leicht verdoppeln können, wenn sie auch nur den geringsten Grund dafür gehabt hätten. So bemühten sie sich, so langsam wie möglich vorwärtszukommen, aber Dan bezweifelte, daß ihnen das etwas nutzen würde.
Der Wind hatte aufgefrischt und wehte jetzt mit einer bösartigen Schärfe, die der kurzen Dünung bereits erste Schaumkronen aufsetzte.
Immer seltener schimmerten Sterne durch die Wolken, die wie bizarre Luftgeister am Himmel dahinjagten. Über der nördlichen Kimm schob sich die Wand undurchdringlicher Schwärze allmählich höher, und die Seewölfe wußten, daß es nicht mehr lange dauern würde, bis ein Sturm losbrach, der sich gewaschen hatte.
Ein paar Minuten später war es vorbei mit dem laschen Pullen.
Die Dünung wurde länger und türmte sich zu beunruhigender Höhe. Dan und Batuti mußten sich mit aller Kraft in die Riemen legen und höllisch aufpassen, daß das Boot nicht quer zwischen zwei Wellenberge geriet, wo es unweigerlich kentern würde. Gischt spritzte und wehte in langen Schleiern über die schwitzenden Männer hin. Der Wind sang und orgelte.
Immer wieder kletterte das Boot in schwindelerregende Höhen und schien dann ins Bodenlose zu stürzen. Irgendwann in diesem Auf und Ab übertönte plötzlich ein schriller Triumphschrei das Brausen und Heulen.
Das Gesicht des dürren Kapitäns hatte sich verzerrt.
Mit aufgerissenen Augen starrte er über das wildbewegte Wasser. Nur für die Dauer eines Herzschlags geriet die Muskete aus der Richtung – und Dan O’Flynn nutzte sofort die Chance, auf die er die ganze Zeit über gelauert hatte.
Blitzartig ließ er mit der Rechten den Riemen los und packte den Lauf der Muskete.
Mit einem Ruck riß er seinem Gegner die Waffe aus der Hand und schleuderte sie so heftig hinter sich, daß sie auf die vordere Ducht knallte. Der Dürre stieß einen krächzenden Schrei aus. Eine Sekunde schien er wie erstarrt, mit schrecklich verzerrtem Gesicht und glühenden Augen, dann schnellte er blindlings vor, um sich auf Dan O’Flynn zu werfen.
Was danach geschah, hatte die tödliche Unausweichlichkeit einer Katastrophe.
Das kleine Boot schoß mit schwindelerregender Schnelligkeit ins nächste Wellental hinunter. Dan riß instinktiv einen Arm hoch, um den Irren abzuwehren. Heißer Atem schlug ihm ins Gesicht, zwei Hände schnappten um seine Kehle. Die Luft wurde ihm knapp. Er spürte den Druck der langen, sehnigen Finger, hörte Batutis wilden Fluch und riß in einem Reflex beide Hände hoch, um den Würgegriff zu sprengen.
Gleichzeitig knallte der riesige Gambia-Neger dem Verrückten von hinten die Faust in den Nacken.
Das Boot schlug quer.
Der Dürre stieß einen gurgelnden Laut aus und sackte über Dans Riemen zusammen. Wie eine Nußschale tanzte das leichte Fahrzeug zwischen den Wellenbergen. Batuti legte sich keuchend in die Riemen, um das Boot herumzusteuern, Dan stieß verzweifelt den Bewußtlosen beiseite. Drohend wie ein brüllendes Ungetüm richtete sich der nächste Wellenberg vor ihm auf, und das Blut schien ihm in den Adern zu gefrieren, als er sah, wie sich der Wellenkamm gischtend neigte.
„Wahrschau!“ schrie Dan. „Brecher achteraus!“
Mit einem wilden Ruck riß er an dem Riemen. Das Boot kam halb herum und kletterte schräg an dem steilen Wellenberg hoch. Für einen Moment sah es fast so aus, als könne noch einmal alles gut gehen, dann packte der Sog der sich brechenden Woge das Fahrzeug und schleuderte es wie mit einer Gigantenfaust hoch.
Die volle Gewalt des Brechers prallte gegen Kiel und Planken und wirbelte das Boot wie ein Spielzeug um die eigene Achse.
Dan stürzte, hörte den kreischenden Schrei des Dürren, der aus der Bewußtlosigkeit gerissen wurde, und warf beide Arme hoch, um seinen Kopf zu schützen. Die Kante des Dollbords knallte gegen seine Ellenbogen, brühheißer Schmerz schoß bis in die Schultergelenke. Dan schrie unwillkürlich auf und schluckte Salzwasser. Der Brecher spülte über ihn weg.
Verzweifelt vollführte er Schwimmbewegungen, bis sein Kopf die Wasseroberfläche durchstieß. Dicht neben sich sah er einen dunklen Schatten dahinschießen. Mit verzweifelter Kraft schnellte er vorwärts und warf sich mit ausgebreiteten Armen über das kieloben treibende Boot.
„Batuti!“ Seine Stimme gellte und übertönte sogar das Orgeln des Sturms. „Batuti! Batuti …“
Wie ein Geschoß flog der riesige Gambia-Neger aus den aufgepeitschten Fluten. Das Kraushaar klebte ihm am Kopf, in seinem schwarzen Gesicht rollten die Augen. Gurgelnd und prustend wühlte er sich vorwärts. Ein neuer Brecher drohte ihn wegzureißen, und in letzter Sekunde schaffte er es, sich mit beiden Fäusten am Kiel des Bootes festzuklammern.
„Kleines O’Flynn okay?“ keuchte er, sobald er wieder halbwegs Luft hatte.
„Nichts ist okay! Wir werden wie die Ratten absaufen!“
„Kleines O’Flynn nix Angst! Da drüben …“
„Angst?“ schrie Donegal Daniel O’Flynn empört. „Du hast wohl Seetang im Hirn, du schwarzer Affe! Ich bin ein O’Flynn, verdammt und zuge …“
Dan gurgelte, spuckte und schnappte verzweifelt nach Luft, als der nächste Brecher das Boot überspülte. Er brauchte alle Kraft, um sich an der tanzenden, schlingernden Nußschale festzukrallen. Erst als der Sturm den Gischtschleier wieder auseinanderwehte, konnte er sehen, daß Batuti mit blitzenden Zähnen grinste.
„Insel da drüben!“ brüllte der schwarze Herkules durch das Toben der Elemente. „Wasser treibt uns zu Strand. Aber verdammtes Riff dazwischen, verdammich!“
Was Batuti „verdammtes Riff“ nannte, passierten sie fünf Minuten später.
Fünf Minuten, die sich zu höllischen Ewigkeiten dehnten und in denen die beiden keuchenden, verzweifelt an das Boot geklammerten Männer jeden Augenblick darauf gefaßt waren, daß die Brandung ihre Körper gegen die scharfkantigen Felsen schmettern würde.
Dan schrie unwillkürlich auf, als eine besonders mächtige Woge sie packte. Urgewalten schienen das Boot emporzutragen. Dans Griff rutschte ab, wie eine Geistererscheinung sah er Batutis Hünengestalt durch die Luft fliegen. Im nächsten Moment wurde er selber unwiderstehlich hochgewirbelt. Er drehte sich, verlor fast das Bewußtsein und sah nur noch ein höllisches Chaos aus Wrackteilen, scharfkantigen Felsen, brüllender Brandung und Gischt. Hart klatschte sein Körper wieder ins Wasser – und es dauerte eine volle Minute, bis er überhaupt begriff, daß die mächtige Woge ihn über die Felsen des Riffs hinweggeschleudert hatte.
„Kleines Dan! Himmel, Arsch und Ungewitter …“
Batutis gurgelnde Stimme.
Dan warf sich herum, ließ sich von einem Wellenberg hochtragen und sah ein schwarzes, verzerrtes Gesicht in einer weißgrauen Gischtwolke. Erleichtert atmete er auf – und erhielt prompt eine neue Ladung Salzwasser in die Kehle.
Der Sturm peitschte auch das Wasser der Lagune auf, aber immerhin war es den beiden Männern jetzt möglich, zu schwimmen und sich vor allem zu orientieren.
Fast eine halbe Stunde brauchten sie, bis sie Boden unter den Füßen spürten. Schwer atmend taumelte Dan auf den fahl schimmernden Strandstreifen und ließ sich einfach in den Sand fallen. Batuti plumpste neben ihn, spuckte Wasser aus, keuchte und grinste abwechselnd.
„Boot kaputt, aber Knochen von Batuti heil“, verkündete er. „Kleines O’Flynn auch heil?“
„Ich bin nicht kleines O’Flynn, du schwarzer Affe.“
„Gut, großes O’Flynn! Knochen alle heil?“
„Klar. Aber wo sind wir hier, zum Teufel?“
„Insel mit Schiff kaputtes“, verkündete Batuti. Er stemmte den Oberkörper hoch und schüttelte sich. „Wind, verdammtes! Himmel, Arsch und Bruchwolke!“
„Wolkenbruch heißt das“, knurrte Dan, während er sich mühsam aufrichtete. Der Sturm zerrte an ihm, Gischt und Regen peitschten ihm ins Gesicht. Aus zusammengekniffenen Augen starrte er über den Strand, und im nächsten Moment packte er Batuti an der Schulter.
„He! Schau dir das an! Ist das nicht unser Irrer?“
Tatsächlich bewegte sich ein dunkles Bündel im gischtweißen Saum des Wassers, überschlug sich und begann schwerfällig wie ein verwundetes Tier über den Sand zu kriechen. Nach drei, vier Yards richtete die Gestalt sich auf, wurde von der Gewalt des Sturms sofort wieder umgeworfen und kämpfte sich von neuem auf die Knie. Einen Moment blieb der dürre Mann so kauern. Sein Kopf pendelte hin und her, und dabei erfaßte sein Blick den blonden Dan O’Flynn und den hünenhaften Neger.
Der Schrei, der über die Lippen des Verrückten brach, war noch schriller als das Heulen und Pfeifen des Sturmes.
Taumelnd sprang der Bursche auf.
Zwei Sekunden stand er schwankend da, torkelte, ruderte im Kampf um sein Gleichgewicht mit den Armen. Dann warf er sich mit einem neuerlichen kreischenden Schrei herum, hetzte taumelnd durch den Sturm – und war einen Atemzug später in der Finsternis verschwunden.
„Dummy im Kopf“, sagte Batuti lakonisch.
Dan O’Flynn nickte nur. Aber er fand, daß sie im Augenblick allen Grund hatten, sich um sich selbst zu sorgen, statt um den kahlköpfigen Irren.
„Schiff ho!“ brüllte Ed Carberry gegen das Heulen des Sturmes an. „Steuerbord voraus! Himmel, Arsch und Kabelgarn!“
Seine Stimme überschlug sich. Auf dem Achterkastell stemmte sich Hasard verbissen gegen die Schmuckbalustrade, klammerte sich mit der Linken an einem Strecktau fest und nahm die Zähne zur Hilfe, um das Spektiv auseinanderzuziehen. Die „Isabella“ kämpfte sich über Bakbordbug mit Besan und Sturmfock gegen den heranorgelnden Wind vorwärts. Ringsum war die Nacht ein tintenschwarzer Hexenkessel, und aus diesem Hexenkessel schien sich jetzt jäh und drohend ein noch schwärzerer Schatten zu lösen.
„Es ist der ‚Drache‘!“ brüllte Carberry. „Wir liegen auf Kollisionskurs!“
Vor Hasards Augen beschlug das Spektiv, aber der eine kurze Blick hatte genügt. Es war der „Eilige Drache über den Wassern“, der da wie das leibhaftige Verhängnis heranrauschte. Der Schwarze Segler lag platt vor dem Wind. Siri-Tong und der Wikinger hatten vermutlich die schwerste Trosse achteraus rauschen lassen: ein Trick, den die Rote Korsarin von Hasard gelernt hatte und der wiederum von seinem Alten, dem rauhbeinigen, salzgewässerten Sir John, der als Pirat die irische See verunsichert hatte.
Der Viermaster lag verhältnismäßig ruhig im Wasser – und lief mit seinen pechschwarzen Sturmsegeln eine Höllenfahrt, die ihn beängstigend rasch auf die „Isabella“ zuführte.
Nur für den Bruchteil einer Sekunde spürte Philip Hasard Killigrew etwas wie eine unsichtbare Pranke, die sich von innen in seine Magenwände krallte.
„Anluven!“ brüllte er mit Donnerstimme. „An die Brassen! Ruder hart über! Hol dicht den verdammten Besan!“
Und wie ein fernes Echo glaubte er, im Sturmgeheul den dröhnenden Baß des Wikingers zu hören.
„Gei auf Fock! Fier weg Besan!“
Krachend schlugen die Rahen der „Isabella“ um.
In einem blitzartigen Manöver schwang die Galeone nach Steuerbord und schoß in den Wind, während auf dem schwarzen Viermaster ebenso rasch die Sturmsegel aufgegeit wurden. Der „Eilige Drache über den Wassern“ verlor an Fahrt und wurde von der nachschleppenden Trosse eisern auf seinem Kurs gehalten, einem Kurs, der ihn haarscharf an der Backbordseite der „Isabella“ vorbeischeren lassen würde. Und die nachschleppende Trosse bildete eine Schleife, die wesentlich breiter war als das Schiff, in der sich der Kiel der „Isabella“ jeden Augenblick verfangen konnte.
„Besan und Fockrah rund!“ brüllte Hasard. „Abfallen, in drei Teufels Namen!“
Das letzte knirschte er fast unhörbar durch die zusammengebissenen Zähne. Er wußte, daß er Mast- und Schot- und Ruderbruch riskierte bei diesem halsbrecherischen Manöver, aber das war immer noch besser, als von der verdammten Trosse aus dem Kurs gebracht und gegen den Schwarzen Segler geworfen zu werden.
Die „Isabella“ schien in allen Verbänden zu stöhnen, als die Rahen rundgebraßt wurden und der heulende Wind über den anderen Bug einfiel. Die Galeone holte weit nach Steuerbord über. Ganz knapp rauschte der „Eilige Drache“ an ihrem Heck vorbei, und für einen Moment konnte Hasard sogar die dunklen Gestalten erkennen, die sich an die ausgespannten Manntaue klammerten.
Da waren Siri-Tong, in deren schwarzer Mähne der Sturm wühlte, und Thorfin Njal, in Felle gehüllt, den Kupferhelm auf dem Kopf, mit flatterndem grauem Bart.
Wie ein Spuk waren sie Sekunden später vorbei. Die schwarzen Sturmsegel, die der Wikinger wieder hatte setzen lassen, verschwammen mit der Dunkelheit, und im nächsten Augenblick war die höllische Sturmnacht so undurchdringlich, als habe es die gefährliche Begegnung nie gegeben.
Diesmal ließ Hasard die „Isabella“ wesentlich vorsichtiger über Stag gehen, um wieder auf den alten Kurs zu gelangen.
Wobei von Kurs eigentlich nicht die Rede sein konnte, weil die Galeone vom heranheulenden Sturm praktisch dwars vertrieben wurde. Aber der Sturm würde auch das Beiboot in dieselbe Richtung vertreiben, falls es nicht schon längst gekentert war. Hasard biß die Zähne zusammen, und der Gedanke, daß Dan und Batuti vermutlich der Willkür dieses Irren ausgeliefert waren, verwandelte sein Gesicht in eine steinerne Maske.
Erst gegen Morgen flaute der Sturm ab.
Von dem Beiboot mit Dan O’Flynn, Batuti und dem kahlköpfigen Verrückten war weit und breit nichts zu sehen. Auch nicht von dem Schwarzen Segler, der vermutlich beigedreht hatte, nachdem ihm die „Isabella“ auf Gegenkurs begegnet war. Der „Eilige Drache über den Wassern“ konnte nicht weit sein, aber Hasard hatte keine Zeit, jetzt auf seine Verbündeten zu warten.
Er ahnte, was der Schiffbrüchige mit seinem Wahnsinnsunternehmen bezweckt hatte.
Deutlich sah der Seewolf wieder vor sich, mit welcher Erregung der ausgemergelte Mann zu der geheimnisvollen Insel mit dem Wrack hinübergestarrt hatte. Die Insel war das einzige Stück festes Land im weiten Umkreis, ein paar Felsen in der Endlosigkeit des Pazifik. Wenn überhaupt, dann waren Dan und Batuti auf diesem Eiland zu finden.
Hasard brauchte nur wenige Minuten, um den ungefähren Standort der „Isabella“ zu berechnen und den neuen Kurs festzulegen.
Er wußte, daß die Chancen für Dan und Batuti höchstens eins zu tausend standen. Aber solange er die Insel nicht gefunden und untersucht hatte, würde er nicht aufgeben.
5.
Die ersten Strahlen der Morgensonne wärmten die Felsen, trockneten den Sand und ließen Schwaden von weißem Dampf in die Luft steigen.
Dan und Batuti kauerten in einer geschützten Mulde zwischen den Palmen, deren Federwipfel sich hoch über ihnen im leichten Wind wiegten. Fünf endlose Stunden hatten der drahtige blonde O’Flynn und der schwarze Herkules in ihrem Schlupfwinkel verbracht, frierend, halb taub vom Heulen des Sturms, bis auf die Haut durchnäßt vom schräg herunterprasselnden Regen. Jetzt reckten sie ihre erstarrten Glieder in der beginnenden Wärme, rieben sich Salz und Sand aus den Gesichtern und blickten sich um.
In der Morgensonne sah die Insel aus wie der Inbegriff aller Südsee-Träume: ein kleines Atoll, palmengesäumt, mit perlfarbenen Stränden, roten Felsen und dichten, noch vom Nebel der verdunstenden Feuchtigkeit durchzogenen Wäldern, in denen es vermutlich Früchte im Übermaß gab. Die Lagune lag still in der Sonne, das dunkelblaue Wasser verriet ihre Tiefe – jene geheimnisvolle dämmernde Tiefe, in der sich manche Südsee-Insulaner ihr Jenseits vorstellten.
Weiße Schaumkronen und rote Felszacken zeichneten den sanften Bogen des Riffs nach, das der Insel vorgelagert war. Dan ließ den Blick über den friedlichen Spiegel der Lagune gleiten – und schauerte zusammen, als er die dreieckige Rückenflosse sah, die für ein paar Sekunden durch das Wasser schnitt.
„Haie!“ flüsterte er. „Verdammt …“
„Wo Haie?“ Batuti fuhr auf, denn vor den gefräßigen Räubern der Südsee hatte auch er einen Heidenrespekt. Wieder schnitt die schwarze Rückenflosse durch das ruhige Wasser, und der hünenhafte Neger schluckte erschrokken.
Mit dem nächsten Atemzug fing er sich und grinste. „Pech für Haie. Dummy im Kopf, wenn sie nicht gesehen haben fette Happen vor eigene Nase.“ Er schüttelte den Kopf. „Boot kaputt“, stellte er fest. „Aber ‚Isabella‘ wird uns suchen.“
Dan nickte nur.
Ja, die „Isabella“ würde sie suchen. Und da diese Insel die einzige weit und breit war, würde man sie vermutlich auch finden. Der blonde junge Mann atmete tief durch und sagte sich, daß man der Sache schließlich auch gute Seiten abgewinnen konnte.
„Schauen wir uns an, wo wir hier gelandet sind“, schlug er vor. „Am besten marschieren wir erst mal um die Insel herum. Vielleicht finden wir irgendwo am Strand ein intaktes Boot.“
Die Hoffnung war zwar gering, aber ein Versuch konnte nichts schaden. Jetzt, am frühen Morgen, war es sogar recht angenehm, durch die Sonne zu wandern, dicht am Wasser entlang, wo der Sand noch feucht und fest war.
Die beiden Männer folgten der sanft geschwungenen Linie der Bucht, kletterten über die vorspringenden Felsen einer Landzunge und erreichten eine weitere Bucht, die genauso aussah wie die erste. Nach Norden hin wurde das Gelände felsiger und endete schließlich in einer mächtigen Klippenformation, die weit ins Meer vorsprang.
Dan und Batuti turnten geschickt über die rundgewaschenen roten Steine und blieben am höchsten Punkt einen Augenblick stehen.
Die ganze Nordseite der Insel, etwa eineinhalb Meilen lang, war schroffe Steilküste. Auf der geröllübersäten Brandungsplatte wurde das Gehen mühseliger, aber dafür gab es kühlen Schatten. Längst waren die Kleider der beiden Männer getrocknet, und es würde nicht mehr lange dauern, bis sie die Hitze wieder als drückend empfinden würden. Sie beeilten sich nicht, sahen sich sorgfältig um, spähten immer wieder über den Strand und die Brandung, aber im Grunde rechneten sie nicht ernsthaft damit, ein Boot zu entdecken.
Der Westzipfel der Insel sah genauso aus wie ihr östliches Ende: rote, von unbekannten Naturgewalten aufgetürmte Felsen, zwischen denen sich die Hitze wie in einem Backofen staute. Dan und Batuti waren froh, als sie wieder den breiten südlichen Strandstreifen erreichten und in den Bereich der sanften Brise gerieten. Sie brauchten keine zwei Stunden, um die Insel zu umrunden. Das Wrack auf den Klippen und die Trümmer ihres eigenen Bootes, die sie schließlich wieder vor sich sahen, blieben die einzigen Zeichen menschlichen Lebens.
„Wo, zum Teufel, mag der Verrückte stecken?“ murmelte Dan, während er sich aufatmend in den grünlichen Schatten der Palmen sinken ließ.
Batuti zeigte mit dem Daumen hinter sich, dorthin, wo jenseits des Palmengürtels der eigentliche Wald wie eine dunkle Wand begann. Ein kleiner und ein höherer Felsenbukkel erhoben sich aus dem Gewirr der tropischen Vegetation. Dazwischen mußte eine geschützte Mulde liegen. Wen oder was der Irre auch immer auf dieser Insel suchte – vermutlich würde er dort oben suchen.
„Ich habe Hunger“, sagte Dan. „Und Durst! Wir sollten versuchen, eine Quelle und irgend etwas Eßbares zu finden.“
Kleines O’Flynn immer Hunger.“ Batuti grinste, während er sich bereits von dem umgestürzten Stamm erhob, auf dem er gesessen hatte.
Dan war zu müde, um aufzubrausen.
Schweigend marschierten sie los, durchquerten den lichten Palmengürtel und begannen, ins Dickicht einzudringen. Bäume bildeten ein undurchdringliches grünes Dach, in ihrem Schatten verfilzten sich Schlinggewächse zu dichten Matten. Schmale Pfade zogen sich hindurch, Wildwechsel vermutlich. Ab und zu durchbrachen rote Felsen den Boden, schließlich wurde der Wald etwas lichter. Das Gelände stieg nicht mehr so steil an, sondern bildete eine Art unregelmäßiger Hochfläche, aus der die beiden Felsenkegel hochragten.
Dan wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Am besten klettern wir da ’rauf“, schlug er vor. „Wir müssen uns einen Überblick verschaffen.“
„Und Essen finden“, vollendete Batuti grinsend. „Da drüben Früchte!“
Tatsächlich leuchteten faustgroße blaßrote Früchte aus den Bäumen am Fuß des niedrigen Gipfels. Die beiden Männer kannten den Namen der Dinger nicht, aber sie wußten, daß sie ausgezeichnet schmeckten und den Durst löschten. Sie beeilten sich auf dem letzten Stück des Weges, und dann legten sie erst einmal eine Pause ein, um von dem verlokkenden Angebot der Natur etwas zu essen.
Eine Viertelstunde später gingen sie weiter.
Instinktive Vorsicht ließ sie behutsamer auftreten, als sie sich dem Gewirr ansteigender Felsen näherten. Zwischen den Bäumen und über dem Dickicht hatte die Luft nahezu gekocht, hier oben wehte wieder eine erfrischende Brise.
Dan O’Flynn musterte die schroffen roten Felsen, suchte nach einem bequemen Aufstieg – und zuckte im nächsten Moment erschrocken zusammen.
Hinter einem der Steinblöcke in unmittelbarer Nähe gab es jähe Bewegung.
Ein kurzer, halb erstickter Schrei ertönte. Und dann ein heiseres, langgezogenes, irres Lachen.
„Der Verrückte!“ stieß Dan durch die Zähne.
Batuti nickte nur und kniff die Augen zusammen. Unwillkürlich tastete seine Rechte zum Gürtel, aber genau wie Dan war er unbewaffnet. Er pflegte nicht mit seinem mörderischen Morgenstern zu schlafen, und auch bei der Bordarbeit waren Waffen nur hinderlich. Wie hätten sie auch ahnen können, daß sie in den dicksten Schlamassel geraten würden, nur weil sie mal ausgetreten waren!
Dan O’Flynn bückte sich nach einem stabilen Ast, der neben seinem Fuß lag. Batuti hielt bereits einen handlichen Steinbrocken in der Faust. Vorsichtig schlichen sie um den Felsen herum – und das Bild, das sich ihnen bot, ließ sie völlig überrascht innehalten.
In der Mulde zwischen den roten Felsen lag mit dem Gesicht nach unten ein breitschultriger, bulliger Mann.
Sein Hinterkopf war nur noch Brei, ein blutbefleckter Steinbrokken verriet, auf welche Weise er getötet worden war. Über ihn beugte sich, zitternd vor Erregung, der irre Kapitän und zerrte die Pistole aus dem Gürtel seines Opfers.
Triumph zuckte über sein Gesicht, als er sich aufrichtete.
Eine Sekunde starrte er Dan und Batuti an, ohne zu begreifen. Seine Lider zogen sich auseinander, der Ausdruck seiner Augen wurde eigentümlich leer. Mit einem Fauchen wie eine gereizte Katze zog er den Kopf zwischen die Schultern – dann warf er sich heftig herum und hetzte ins Gewirr der Felsen.
Dan und Batuti dachten nicht daran, ihn blindlings zu verfolgen.
Für sie hatte sich die Lage schlagartig geändert.
Immer noch starrten sie auf den unbekannten Toten, der vor ihnen lag. Es war ein Weißer in zerfetzter Seemanns-Kleidung, vermutlich ein Überlebender von dem Wrack, das zerschellt auf dem Riff lag. Dan und Batuti wechselten einen Blick. Sie hatten geglaubt, daß die Insel bis auf den irren Kapitän leer sei, jetzt war ihnen klar, daß sie ihre Vorsicht verdoppeln mußten.
Der riesige Gambia-Neger beugte sich rasch über den Toten und zog ihm das Entermesser aus dem Gürtel.
Eine zweite Waffe war nicht vorhanden, und Dan packte den stabilen Ast fester. Einen Augenblick lauschte er, aber er hörte nichts, was darauf hingewiesen hätte, daß der Schrei und das kurze Gerangel bemerkt worden waren.
Mit zusammengepreßten Lippen starrte er zu den Felsen hoch, dann begann er, durch einen tiefen Einschnitt aufwärts zu klettern.
Batuti folgte ihm.
Binnen Minuten hatten sie den Gipfel erreicht. Ein kahler, runder Buckel markierte den zweithöchsten Punkt der Insel. Die beiden Männer kletterten nicht ganz hinauf, da sie auf der Kuppe von allen Seiten hätten gesehen werden können. Über die flach abfallende Schräge arbeiteten sie sich bis dorthin vor, wo sich das Gelände nach Osten senkte. Geduckt hinter einer roten Felsenbarriere blieben sie stehen.
„Heiliger Bambim“, murmelte Batuti.
„Bimbam“, verbesserte Dan mechanisch, während er in die weitgeschwungene, geschützte Mulde hinunterspähte.
Eine Quelle entsprang im Schatten der Felsen und suchte sich gurgelnd und plätschernd ihren Weg durch sattgrünes Gras. Fruchtbäume spendeten Schatten, in den Gesteinsfalten wucherten Ranken, die über und über mit leuchtend blauen Blüten bedeckt waren. Sie sahen eine Feuerstelle, einen Kupferkessel, der an einem provisorischen Dreibein hing, einen Haufen Ausrüstungsgegenstände, die vermutlich von dem Wrack stammten – und mindestens ein Dutzend in der Sonne dösender Gestalten.
„Männer von Schiff gebrochen“, stellte Batuti fest.
Dan nickte nur. Ja, es mußten Schiffbrüchige sein – Überlebende von dem Wrack, das der Sturm auf das Riff geworfen hatte. Abenteuerliche, verwegene Gestalten, wie Dan feststellte. Ein bunt zusammengewürfelter Haufen, der alles andere als vertrauenerweckend aussah.
Spanier?
Dan O’Flynn bezweifelte es. Zwei, drei südländische Typen waren dabei, ein Indianer mit einer seltsamen zopfartigen Haartracht, aber auch eine Reihe hellhaariger, blauäugiger Männer und etliche Mischlinge. Südsee-Piraten, vermutete Dan.
Saßen die Männer hier fest? Oder verfügten sie vielleicht noch über Boote?
Dan kam nicht dazu, weiter darüber nachzudenken.
Denn im selben Augenblick wurde es unter ihm im Gebüsch lebendig. Ein dünner, heiserer Schrei ertönte, dieser irre Schrei, den die Seewölfe jetzt bereits kannten – und von einer Sekunde zur anderen war in dem Camp der Schiffbrüchigen die Hölle los.
Eine Pistole krachte.
Aufschreiend griff sich einer der dösenden Männer an den Hals und sank ins Gras zurück. Wie der Leibhaftige brach der verrückte Kapitän durch die Büsche. Seine Stimme überschlug sich, kreischte in schrillem Diskant – und immer wieder waren die Worte „Meuterei“ und „Verrat“ zu hören.
Nur flüchtig registrierte Dan O’Flynn, daß sich der Tobsüchtige auch jetzt noch des Englischen bediente.
Vier, fünf von den Männern in dem provisorischen Camp sprangen gleichzeitig auf.
Wieder krachte es, der Irre hatte auch den zweiten Lauf der Pistole abgefeuert. Der große grauhaarige Bursche, auf den er zielte, warf sich in letzter Sekunde zur Seite. Er brüllte einen Fluch, einen englischen Fluch – und wälzte sich blitzartig am Boden herum, als der Angreifer mit einem Hechtsprung auf ihn zuflog.
„Dummy im Kopf“, flüsterte Batuti überflüssigerweise.
„Und wie!“ sagte Dan durch die Zähne.
Sein Blick hing an dem Irren, der den eigenen Schwung nicht bremsen konnte, stolperte und stürzte. Das alles hatte nur wenige Sekunden gedauert, und jetzt endlich erholten sich die übrigen Männer von ihrem Schrecken.
Wie eine Woge schlugen sie über dem Irren zusammen.
Er hatte nicht den Schimmer einer Chance. Binnen einer halben Minute lag er bewußtlos und an Händen und Füßen gefesselt auf dem Boden, und die heimlichen Beobachter zogen sich ein Stück in den Schutz der Felsen zurück.
„Und jetzt?“ fragte Batuti tatendurstig. „Kerle auf Kopf hauen?“
Dan grinste.
Er war zwar kein Bürschchen mehr, sondern längst zum Mann geworden, doch von seiner Hitzköpfigkeit hatte er wenig verloren. Normalerweise sagte er nie Nein, wenn es galt, einem Gegner aufs Haupt zu schlagen. Daß sie alles in allem nur über ein einziges Messer verfügten, hätte ihn nicht einmal sonderlich gestört. Aber im Augenblick erschien ihm die Lage einfach noch zu undurchsichtig, um irgend etwas zu unternehmen.
Er kniff die Augen zusammen und kratzte sich am Kinn.
„Nicht auf den Kopf hauen“, entschied er. „Anschleichen und ein bißchen die Ohren aufsperren. Zu allererst müssen wir wissen, was wir von den Typen da unten überhaupt zu halten haben.“
Eine knappe Stunde später wußten sie es.
Geduckt kauerten sie zwischen Büschen und Felsen, in Hörweite des Piratenlagers. Denn daß es tatsächlich Piraten waren, die der Sturm auf diese gottverlassene Insel verschlagen hatte, war Dan und Batuti inzwischen klar.
Genauso klar wie die Tatsache, daß sie mit ihrer Vermutung genau richtig lagen: die Piraten hatten gemeutert und ihren Kapitän, den Kahlköpfigen, in dem winzigen Beiboot ausgesetzt, lange bevor das Schiff im Sturm scheiterte.
Jetzt versuchten sie herauszufinden, wie der Irre hierhergefunden hatte, aber der starrte nur stumpf vor sich hin und reagierte auf keinerlei Fragen. Er war offenbar tatsächlich Engländer, und auch die meisten anderen sprachen Englisch, einige allerdings mit französischem oder italienischem Akzent.
Der Anführer der Kerle war ein großer, knochiger Mann, trotz des grauen Haars noch ziemlich jung, mit einem hageren Wolfsgesicht und steingrauen Augen. Er wurde Jean genannt, manchmal aber auch „Breton“, stammte also wohl aus der Bretagne. Er wirkte ruhig und hart: ein Mann, den nicht nur körperliche Kraft, sondern auch Intelligenz zum Führer erhob.
Dan O’Flynn beobachtete ihn aus zusammengekniffenen Augen und versuchte, sich einen Reim auf das zu bilden, was sie bisher erlauscht hatten.
Von einem Schatz war die Rede gewesen. Von unermeßlichen Reichtümern, von Maya-Gold, einem verlokkenden Ziel – und von der Unmöglichkeit, die Insel zu verlassen. Die Meuterei gegen den verrückten Kapitän war offenbar nicht der einzige Zwischenfall gewesen.
Als das Schiff im Sturm zu scheitern drohte und bereits Wasser nahm, hatten sich sechs Männer der Besatzung, darunter alle Offiziere, mit der Pinasse davongestohlen und ihre Kameraden im Stich gelassen. Von den sechs war nie wieder eine Spur gesehen worden – und die anderen hatten es nicht geschafft, ihr Schiff zu retten.
Jetzt saßen sie auf dem Eiland im Pazifik fest und konnten nur noch auf ein Wunder hoffen.
Ein Wunder in Gestalt eines Schiffs, wie Dan klar war. Er dachte an die „Isabella“, die ihn und Batuti suchen würde. Bedeuteten die Piraten eine Gefahr für die Seewölfe? Sicher nicht, dachte Dan spontan. Aber er hatte inzwischen gelernt, daß allzu leichtfertige Schlüsse üble Folgen haben konnten.
Auf jeden Fall mußte die „Isabella“-Crew gewarnt werden, wenn sie die Insel anlief. Irgendwie! Dan überlegte, und für einen Augenblick konzentrierte er seine Aufmerksamkeit mehr auf seine eigenen Gedanken als auf die Umgebung.
Batuti mit seinem hellwachen Instinkt spürte die Gefahr eher als der blonde Dan O’Flynn.
Da war etwas!
Ein winziges Geräusch in ihrem Rücken!
Der hünenhafte Neger witterte plötzlich mit jeder Faser, daß sie nicht mehr allein waren. Er nahm die Intensität eines fremden Blicks wie eine Berührung wahr – und mit der Geschmeidigkeit einer großen Raubkatze schnellte er herum.
Der Kerl, der sich zwischen den Felsen aufgerichtet hatte, stieß einen erschrockenen Schrei aus.
Er hatte bereits ausgeholt und schwang das Enterbeil hoch über dem Kopf, aber der unvermutete Anblick des schwarzen Gesichts mit den blitzenden Zähnen und den furchterregend rollenden Augen ließ ihn erstarren. Seine Augen wurden groß vor Schreck, und mit einem neuen, diesmal schrill und hysterisch gellenden Schrei zuckte der Kerl zurück, als der schwarze Herkules auf ihn zuschnellte.
Dan O’Flynn wirbelte herum.
Er sah Batutis gestreckten Körper, das blitzende Enterbeil und den Kerl, der verzweifelt und viel zu spät versuchte, die Waffe niedersausen zu lassen. Batutis schwarzer Krauskopf rammte die Magengrube des Piraten so wuchtig, daß der Bursche wie ein Schilfrohr zusammenknickte. Jäh wurde er nach rückwärts geschleudert. Das Enterbeil mußte er loslassen, da sich die Klinge in eine armdicke Wurzel gebohrt hatte.
Gurgelnd und nach Luft schnappend prallte er zu Boden. Batuti landete über ihm – und ehe der Kerl auch nur einen Finger zu rühren vermochte, schloß er bereits mit der mächtigen Faust des Negers Bekanntschaft.
Dem Piraten war zumute, als habe ihn ein Belegnagel am Kinn getroffen.
Seine Zähne klirrten aufeinander, sein Hinterkopf prallte gegen einen Stein. Er würde mindestens eine halbe Stunde brauchen, bis er sich auf den eigenen Namen besann, aber die beiden Seewölfe wußten nur zu genau, daß ihnen das wenig nutzte.
Jenseits der Buschkette wurde es schlagartig lebendig.
„Pepe!“ brüllte jemand. „Pepe le Moco …“
Schritte trampelten. Schritte, die durch das Buschwerk brachen und sich rasch näherten.
Dan und Batuti hätten ihr Heil in der Flucht suchen und laufen müssen, was ihre Beine hergaben. Aber schmählicher Rückzug war etwas, das sie in der Seele verabscheuten – und sie brauchten ein paar Sekunden, um sich zu diesem nach Lage der Dinge einzig vernünftigen Entschluß durchzuringen.
Ein paar Sekunden zu lange!
„Weg hier!“ zischte Dan.
Seine Fäuste packten den Stiel des Enterbeils und zerrten es mit einem Ruck aus der Baumwurzel. Er wollte sich herumwerfen und Batuti mitziehen, aber da brachen schon die ersten Gegner durch die Büsche.
Fünf, sechs wilde Kerle, mit Dolchen, Schiffshauern, Säbeln und Pistolen bewaffnet. Der Bursche mit dem schulterlangen grauen Haar stürmte voran. Seine Augen funkelten. Eine Sekunde lang geriet auch er aus der Fassung und prallte fast zurück angesichts der wilden schwarzen Schreckensgestalt, die da so plötzlich vor ihm auftauchte. Dann erfaßte sein Blick den reglosen Körper seines bewußtlosen Komplicen.
Das hagere Wolfsgesicht verzerrte sich.
„Pepe!“ brüllte er auf.
Wild schwang er den kurzen, gekrümmten Säbel und holte aus, um Batuti die mörderische Klinge in den Leib zu rennen.
Dan O’Flynn handelte ohne Schrecksekunde.
„Arwenack!“ schrie er gellend, schwang das Enterbeil und stürmte vorwärts. Der Grauhaarige sah die drohende Bewegung aus den Augenwinkeln und wich blitzartig zurück. Dans Hieb ging ins Leere. Gleichzeitig warf sich Batuti gegen ihn und riß ihn mit seinem ganzen Gewicht zu Boden.
Ein breitklingiges Entermesser zischte dort durch die Luft, wo Dan O’Flynn eben noch gestanden hatte. Nur eine Armlänge vor seinen Augen prallte es gegen den Felsen.
Wie eine zustoßende Adlerklaue zuckte Batutis Faust vor, und mit einem wilden Kampfschrei schleuderte er das Messer dorthin zurück, wo es hergekommen war.
Einer der Piraten kreischte schrill auf, als sich die Klinge in seinen Oberarm bohrte.
Dan O’Flynn hatte sich bereits am Boden herumgeworfen. Schattenhaft sah er den Grauhaarigen über sich und riß das Enterbeil hoch – gerade noch rechtzeitig, um den Hieb abzufangen, der ihm den Schädel gespalten hätte. Der Säbel klirrte, als er auf den Schaft des Beils traf. Dan hatte die Waffe wuchtig nach oben gerammt. Der Grauhaarige wich zurück. Wie ein Kastenteufel sprang der drahtige blonde Dan O’Flynn auf die Beine.
„Arwenack!“ schrie er.
„Ar-wenack!“ brüllte Batuti, der dem nächstbesten Gegner die Pistole aus den Fingern gefegt hatte.
Für den Piraten war das ungefähr so, als habe eine Steinzeitkeule seine Hand getroffen. Er stöhnte schmerzlich. Eine halbe Sekunde sah er nur noch bunte Funken – und für Batuti reichte das, um den Kerl zu packen und als lebendes Wurfgeschoß in die Linie seiner nachrückenden Kumpane zu schleudern.
Dan O’Flynn drang mit dem Enterbeil auf den Grauhaarigen ein. Aber der Kerl konnte mit dem Säbel umgehen, parierte Hieb um Hieb und wich nur langsam zurück, während sich der Gedanke an all die anderen wie ein glühender Nagel in Dans Gehirn bohrte.
Batuti wütete wie ein Orkan unter den Piraten. Aber die wurden immer mehr, auch ihre Kumpane brachen jetzt durch die Büsche – und Dan brauchte einfach zu lange, um mit dem grauhaarigen Bretonen fertigzuwerden.
Als dessen Säbel unter einem mörderischen Hieb durch die Luft flog, war es zu spät.
Dan wollte den Burschen anspringen, doch im selben Moment trat ihm jemand die Beine weg. Vier, fünf Männer warfen sich von hinten auf ihn. Dan hatte keine Chance. Ein brutaler Tritt traf ihn in die Seite. Als er das Enterbeil hochreißen wollte, setzte ihm jemand den Stiefel auf die Hand. Ein Knie rammte sein Kreuz, Fäuste griffen in sein Haar und preßten ihm das Gesicht auf den Boden. Dan bäumte sich vergeblich auf, und mit dem nächsten Atemzug erstarrte er, als er den nadelscharfen Schmerz im Nacken spürte.
Die Spitze eines Dolchs ritzte seine Haut.
„Weg mit dem Messer!“ fauchte eine Stimme. „Noch eine Bewegung, und der Blonde ist eine Leiche!“
Batuti war gemeint.
Dan hörte ein Stöhnen hilfloser Wut, dann ein helles Klirren – das Entermesser, das der schwarze Herkules fallen gelassen hatte. Sekunden später ertönte ein Klatschen und ein dumpfer Fall, und Dan ahnte, daß einer der Kerle Batuti bewußtlos geschlagen hatte, bevor er sich näher an ihn heranwagte.
Dan O’Flynn lag immer noch mit dem Gesicht am Boden und konnte sich nicht rühren.
Er fluchte innerlich. Und er war einsichtig genug, um vor allem auf sich selbst zu fluchen.
6.
Zehn Minuten später waren Dan und Batuti an Händen und Füßen gefesselt und lehnten im Lager der Piraten an einem der Felsen.
Der grauhaarige Bretone stand vor ihnen. Er hieß Jean Morro, wie sie inzwischen wußten. Den Namen Morro hatte auch der irre Kapitän genannt, als er auf der „Isabella“ versucht hatte, über Bord zu springen. Jetzt war der Verrückte in einen Zustand völliger Apathie gesunken: als habe sich der Haß, der ihn bewegte, bei dem vergeblichen Versuch aufgezehrt, den Anführer der Meuterer umzubringen.
Jean Morros Augen waren hart wie graue Kiesel. Sein Blick wanderte von Dan zu Batuti und bohrte sich in die blauen Augen Dan O’Flynns.
„Wer seid ihr?“ fragte er. „Wie kommt ihr hierher? Da nirgends ein Schiff zu sehen ist, müßt ihr mit einem Boot gelandet sein – oder?“
Dan O’Flynn schwieg.
Er wußte, daß sein Gegner bereits einen Suchtrupp losgeschickt hatte. Die Meuterer brauchten dringend ein Boot, sie wären schon mit einer Nußschale zufrieden gewesen. Dan hätte ihnen sagen können, daß sie sich umsonst bemühten, aber er dachte nicht daran, den Kerlen entgegenzukommen.
Jean Morro kniff die Augen zusammen.
„Ihr müßt zu einem Schiff gehören“, sagte er mehr zu sich selbst. „Ausgesetzt hat man euch bestimmt nicht. Ihr seid von Bord abgehauen, nicht wahr? Man wird nach euch suchen!“
Dan antwortete immer noch nicht. In den Augen des Grauhaarigen blitzte es flüchtig auf, dann zog er die Lippen von den Zähnen und lächelte.
„Hör zu, Junge“, sagte er gedehnt. „Ihr könnt bei uns mitmachen. Wir wollen nach Chiapas, zu den Mayas. Da gibt es einen riesigen Goldschatz, den wir uns unter den Nagel reißen werden – genug für uns alle. Wir haben eine Karte, und Jacahiro kennt das Land.“ Er deutete mit dem Kopf zu dem braunhäutigen Mann mit der seltsamen Haartracht, dann starrte er wieder Dan O’Flynn an. „Alles, was wir brauchen, ist ein Kahn, um hier abzuhauen. Verratet uns, wo ihr euer Boot versteckt habt und aus welcher Richtung euer Schiff aufkreuzen wird. Man wird euch garantiert suchen. Ihr könnt mit dem Boot in der Nähe der Insel herumschippern und eure Leute hierherlocken, wenn sie auftauchen. Dafür nehmen wir euch mit nach Chiapas, und ihr erhaltet einen Anteil von dem Schatz. Na?“
Dan spuckte aus.
„Deinen Schatz kannst du dir irgendwo hinstecken“, sagte er wütend.
Morro grinste ausdruckslos. „Hast du Hemmungen, deine Leute in die Falle zu locken? Warum denn? Wenn sie eure Busenfreunde wären, hättet ihr keinen Grund gehabt, von Bord zu verschwinden.“
„Und woher willst du wissen, daß wir abgehauen sind, du hirnrissiger …“
„Vorsicht, mein Junge“, sagte Morro scharf.
„Ich bin nicht dein Junge! Du mußt Läuse im Hirn haben, sonst würdest du nicht solchen Stuß zusammenfaseln. Mit dem Boot herumschippern, um ein Schiff hierherzulocken! Daß ich nicht lache!“
Jean Morro preßte die Lippen zusammen. Wut zuckte über sein Gesicht. Vermutlich wußte er selbst, daß er nach einem Strohhalm griff. Aber die beiden Unbekannten waren nun einmal da, und die Meuterer klammerten sich blindlings an die Hoffnung, daß das eine Chance für sie bedeuten konnte.
Morros Blick wanderte zu Batuti. „Und du? Bist du genauso stur wie der da? Überlege es dir! Ein Haufen Gold für ein paar Auskünfte!“
Batutis Augen rollten.
„Nix Auskünfte“, knurrte er tief in der Kehle. „Du dummy im Schädel! Steck dir Gold an Hut!“
Jean Morro sog scharf die Luft durch die Zähne. Einen Moment sah es so aus, als wolle er sich auf seine wehrlosen Opfer stürzen, dann zuckte er mit den Schultern und lächelte matt.
„Ihr werdet anders reden, wenn ich euch erst einmal eine Weile an den Füßen aufgehängt habe“, versprach er. „Das ist eine äußerst wirksame Methode, um …“
„Verdammtes Affenarsch!“ schrie Batuti aufgebracht. „Ich dich fressen zum Frühstück, wenn du …“
„Pepe, Burgunder“, sagte Morro knapp. „Ihr könnt anfangen.“
Die beiden Angesprochenen grinsten erwartungsvoll. Batuti fletschte die Zähne und schnitt furchterregende Grimassen. Wenn jemand „kleines O’Flynn“ ein Haar krümmte, pflegte der riesige Gambia-Neger zum reißenden Tiger zu werden. Wahrscheinlich wäre er trotz der Fesseln dem Meuterer-Kapitän an die Kehle gesprungen, wenn einer der Kerle Dan angefaßt hätte, aber so weit kam es nicht mehr.
„Jean!“ brüllte plötzlich eine Stimme. „Jean!“
Zweige knackten, irgendwo oberhalb der Mulde brachen Schritte durch die Büsche. Ein Mann kletterte die Felsen hinunter, so hastig, daß er ein paarmal abzurutschen drohte. Stolpernd rannte er durch die flache Mulde und blieb zwischen den anderen stehen.
„Ein Schiff!“ keuchte er. „Mastspitzen! Sie halten auf die Insel zu!“
„Ein Schiff“, wiederholte Jean Morro flüsternd.
Seine Augen begannen zu funkeln. Er starrte dorthin, wo sich jenseits der Felsenbarriere der Pazifik dehnte.
„Sollen sie kommen“, sagte er leise. „Wir werden sie gebührend in Empfang nehmen.“
Wie eine Vision tauchte die Insel aus den Hitzeschleiern.
Hasard stand vorn auf der Back und spähte durch das Spektiv. Sie lagen über Backbordbug am Wind, und zufrieden stellte der Seewolf fest, daß sie das Eiland mit dem nächsten Kreuzschlag erreichen würden.
„Klar zum Wenden!“ befahl er. „Etwas voller halten! Ruder hart über! Anluven!“
Pete Ballie legte Ruder. Die „Isabella“ ging über Stag, die Segel füllten sich wieder. Die Insel lag jetzt genau voraus, und wenig später war sie auch ohne Spektiv zu sehen.
Nichts hatte sich verändert.
Immer noch lag das Wrack auf dem Riff. Ob ein paar von den verstreuten Trümmern nicht von dem zerschmetterten Schiff, sondern vom Beiboot der „Isabella“ stammten, ließ sich beim besten Willen nicht erkennen. Hasard biß die Zähne zusammen. Sein Blick folgte dem Bogen des weißen Schaumstreifens und tastete die Felsenzacken ab, die in unregelmäßigen Abständen die Wasserfläche durchstießen. Die Brandung zeigte, daß das Riff nirgends tief genug abfiel, um eine gefahrlose Einfahrt in die Lagune zu gestatten. Unter Vollzeug rauschte die Galeone auf die Insel zu, und wenig später waren die palmengesäumten Strände und die beiden Felsenkegel zum Greifen nahe.
„Abfallen!“ befahl Hasard. „Wir umsegeln die Insel! Haltet die Augen offen!“
Die Seewölfe hätten diese Aufforderung nicht gebraucht.
Wer Freiwache hatte, stand am Schanzkleid und starrte zum Strand hinüber. Auch die Männer an den Brassen warfen immer wieder Seitenblick zu dem Riff und dem Palmengürtel, und nicht einmal der eiserne Profos dachte diesmal daran, sie deswegen mit sämtlichen Höllenstrafen zu bedrohen.
Daß er nicht fluchte und brüllte, war ein Gradmesser für die gedrückte Stimmung an Bord.
Und es war wirksamer als jedes Geschrei. Ein Profos, der alle zwei bis drei Minuten versprach, jemandem die Haut in Streifen von seinem verdammten Affenarsch zu ziehen – das hieß, daß die Welt in Ordnung war. Bei einem Edwin Carberry, der nur finstere Blicke um sich schleuderte, zog jeder den Kopf ein und bemühte sich, noch schneller zu arbeiten als gewöhnlich. Unter anderen Umständen hätte Hasard vielleicht gelächelt, aber im Augenblick hatte er nicht den geringsten Sinn für komische Aspekte.
Die „Isabella“ schwenkte elegant nach Steuerbord herum und lief an dem Riff entlang zum östlichen Ende der Insel. Rote Klippen sprangen dort ins Meer vor, auf der Nordseite fiel die Küste steil ab. Nichts war zu sehen. Keine Spur von Dan, Batuti oder dem Irren, keine Spur von dem Beiboot. Die Männer der Freiwache starrten sich vergeblich die Augen aus, und am westlichen Zipfel der Insel ließ Hasard schließlich beidrehen.
Er war überzeugt davon, daß er Dan und Batuti finden würde. Sie konnten sich nur auf diese Insel gerettet haben. An die andere Möglichkeit, daß die beiden längst nicht mehr lebten, wollte der Seewolf nicht denken.
Mit einer unbewußt wilden Bewegung warf er das Haar zurück.
„Beiboot abfieren“, befahl er scharf. „Ferris, Matt, Gary, Smoky und Pete – wir werden hinüberpullen und auf dieser verdammten Insel das Unterste zuoberst kehren.“
7.
Dan O’Flynn knirschte mit den Zähnen.
Seine Handgelenke brannten wie Feuer, die Haut hing in Fetzen. Wieder und wieder rieb er die Stricke über die scharfe Steinkante in seinem Rücken, und neben ihm tat Batuti mit zusammengepreßten Lippen das gleiche.
Viel Hoffnung hatten sie nicht.
Wenn sie es schafften, sich von den Fesseln zu befreien, konnten sie die beiden Wachtposten, die im Camp zurückgeblieben waren, mit Leichtigkeit überwältigen. Im Augenblick kümmerte sich keiner der beiden um die Gefangenen. Pepe le Moco stierte stumpfsinnig vor sich hin: er hatte den Schlag auf den Kopf noch nicht richtig verdaut.
Der zweite Mann, ein drahtiger, finsterer Typ mit nur einem Auge, der Esmeraldo hieß, war zwischen die Felsen geklettert in der Hoffnung, etwas von den Ereignissen mitzubekommen. Aber es würde sicher nicht lange dauern, bis er sich wieder umschaute.
Dan fluchte innerlich, als er die Bewegung sah, mit der sich der Kerl abwandte.
Sein Blick wanderte zu den Gefangenen, und das gesunde Auge funkelte auf. Mit einem Ruck riß er die Radschloß-Pistole aus dem Gürtel und sprang von den Felsen hinunter.
Sein tückisch glitzerndes Auge glitt zwischen Dan und Batuti hin und her, die Waffenmündung vollführte die gleiche Bewegung. Mit einem abfälligen Grinsen holte Esmeraldo aus und kickte Dan die Stiefelspitze zwischen die Rippen.
Batutis schwarzes Gesicht wurde fast grau vor Wut.
Was er schrie, konnte niemand verstehen, da er seine Heimatsprache benutzte. Und was er tat, ging so schnell, daß der Einäugige erst begriff, als es zu spät war.
Geschmeidig wie ein Panther schnellte der schwarze Herkules am Boden herum, zog blitzartig die gefesselten Beine an – und rammte Esmeraldo wuchtig die Absätze in die Magengrube.
Der Pirat flog mit rudernden Armen zurück und landete mit dem Hintern im Wasser des Bachs. Sein Gesicht wurde schmutzig, grün, würgend trennte er sich von seiner letzten Mahlzeit. Dan und Batuti kämpften verzweifelt gegen die Fesseln, aber sie wußten nur zu gut, daß sie keine Chance hatten.
Der zweite Pirat war froh, daß sie ihm einen Anlaß boten, sich für die Beule an seinem Kopf zu rächen.
Er fing es vorsichtiger an als sein Kumpan. Mit dem langen, handlichen Holzknüppel konnte er zuschlagen, ohne sich in die gefährliche Reichweite des hünenhaften Negers zu begeben. Batuti wurde zweimal am Kopf und einmal im Nacken getroffen, bevor er endlich die Augen verdrehte.
Pepe le Moco grinste triumphierend, während er den Knüppel sinken ließ und statt dessen die Pistole aufhob, die Esmeraldo entfallen war.
Der Einäugige spuckte immer noch. Pepe warf ihm einen verächtlichen Blick zu, dann grinste er Dan O’Flynn an.
„Schön ruhig, Kleiner! Ich …“
„Der Teufel ist dein Kleiner!“ fauchte Dan erbittert.
„Rotzfrech bis zum letzten!“ Pepe lächelte mit der satten Selbstzufriedenheit dessen, der seiner Rache sicher ist. „Die große Klappe wird dir noch vergehen, Bürschchen! Dich und den Nigger nehmen wir nämlich mit, wenn wir hier abhauen. Damit ihr euren Freunden nichts von Chiapas und dem Maya-Gold singen könnt. Und dann müßt ihr natürlich arbeiten, wenn ihr was zu fressen haben wollt. Bis euch das Wasser im Hintern kocht und die Zunge aus dem Hals hängt, Freundchen! Was glaubst du, wie ich mich darauf freue?“
„Wenn du dich nur nicht zu früh freust! Die ‚Isabella‘ kriegt ihr nicht, ihr dämlichen Hunde. Die Crew wird euch in kleinen Häppchen an die Haie verfüttern. Und dir reiße ich persönlich die Ohren ab, du Enkel eines triefäugigen, dreimal um die Großrah gewickelten Bilgengespenstes, du verlauster, stinkender Hurenbock …“
Weiter gelangte Dan nicht.
Bis zu diesem Augenblick hatte Pepe le Moco mit staunenden Augen zugehört, weil ihm die Hälfte der herzerfrischenden Flüche neu war, jetzt drang mit leichter Verspätung das Ausmaß der Beleidigungen in sein Bewußtsein. Berstende Wut überwog die Neugier darauf, wie es weiterging, und blitzartig riß er mit der Linken den Holzknüppel hoch.
Dan O’Flynn konnte nicht mehr ausweichen.
Er wurde am Kopf getroffen. Mit voller Wucht. Und das war sogar für den Dickschädel eines O’Flynn zu fiel.
Zwei Sekunden lang flimmerte ein prachtvoller bunter Funkenregen vor Dans Augen, dann sah er für eine Weile überhaupt nichts mehr.
Der zertrümmerte Boot hing so zwischen den Felsen des Riffs fest, daß es von Bord der „Isabella“ nicht gesehen werden konnte.
Vom Strand der Bucht aus entdeckten es die Seewölfe sofort. Hasard blieb stehen und spähte aus zusammengekniffenen Augen hinüber. Das Boot war Kleinholz und bestand nur noch aus einem Plankenstück mit zwei dranhängenden Duchten. Wer im Augenblick des Aufpralls noch auf diesen Duchten gesessen hatte, mußte zumindest schwer verletzt worden sein.
Hasard nahm an, daß Dan und Batuti nicht so dämlich gewesen waren, sich mit der Nußschale auf die Felsen schmettern zu lassen. Ein Riff ließ sich auch bei Sturm und Dunkelheit erkennen. Und ein Schwimmer hatte durchaus die Chance, durch eine der Lücken in der Felsenbarriere die Lagune zu erreichen. Der Seewolf sah sich um, genau wie die anderen. Aber Spuren waren in dem trockenen, von der auflandigen Brise geglätteten Sand längst nicht mehr zu erkennen.
Ferris Tucker wischte sich das schweißnasse rote Haar aus der Stirn.
„Quer durchs Dickicht sind sie bestimmt nicht gegangen“, stellte er fest. „Das ist die reine Hölle!“
Hasard zuckte mit den Schultern. Jetzt, da die Sonne fast im Zenit stand, schien jenseits des Palmengürtels tatsächlich die Luft zu kochen. War das am frühen Morgen, als der Sturm abflaute, auch schon so gewesen?
Hasard nahm an, daß Dan und Batuti versucht hatten, auf einen der Felsenkegel zu klettern, um sich einen Überblick zu verschaffen. Aber vielleicht gab es von der Welt- oder Ostseite her einen anderen Weg, der nicht durch das Dickicht führte.
„Versuchen wir’s doch durch die Klippen da drüben“, schlug Pete Ballie vor. „Ich habe da eine Art Hohlweg gesehen. Und weiter oben wird der Wald dann sicher lichter.“
Auch er erinnerte sich an den Einschnitt im Gelände, an dem sie vorbeigesegelt waren. Ein paar Minuten später hatten sie ihn wiedergefunden: eine schmale, ansteigende Schlucht, eine Art Klamm, die zwischen den roten Felsen aufwärts führte. Hasard ging voran. Ferris Tucker, Matt Davies, Gary Andrews, Smoky und Pete Ballie folgten ihm dichtauf.
Das Rauschen der Brandung drang nur noch schwach zu ihnen, ab und zu unterbrachen die kreischenden Schreie der Seevögel die Stille. Einmal glaubte Hasard, über sich in den Felsen ein Geräusch zu hören, ein leises Scharren, aber er war seiner Sache nicht sicher.
„Scheißhitze“, knurrte Ferris Tukker nach ein paar Minuten.
„Die Steine werfen die Hitze zurück.“ Pete Ballie grinste und berührte flüchtig mit seiner mächtigen Pranke die Felswand. „Ohne Stiefel würden wir uns glatt die Füße verbrennen. Ich wette, der Kutscher könnte hier Eier braten oder …“
„Vorsicht!“ schrie Hasard in derselben Sekunde.
Er hatte die Bewegung schräg über sich gesehen. Hochschnellende Schatten, Steine, die durch die Luft flogen. Mit einem Satz warf sich der Seewolf zur Seite, riß Ferris Tucker mit, aber die anderen schafften es nicht mehr, schnell genug auszuweichen.
Ein Steinhagel prasselte in die Schlucht hinunter.
Matt Daviel brüllte auf, als ihm einer der Brocken ins Kreuz krachte. Smoky wurde am Kopf getroffen, warf die Arme hoch und klappte lautlos zusammen. Hasard rollte herum und griff nach der sächsischen Reiterpistole in seinem Gürtel. Neben ihm schnellte Ferris Tucker hoch. Seine Faust schloß sich um den Stiel der riesigen Zimmermannsaxt. Im nächsten Augenblick wurde es auch auf der anderen Seite der Schlucht lebendig.
Diesmal reagierte selbst der Seewolf nicht schnell genug.
Er sah Ferris stürzen, fühlte einen mörderischen Schlag an der Schulter und fiel nach vorn. Instiniktiv riß er beide Arme hoch, um seinen Kopf zu schützen. Ein paar Sekunden hatte er das Gefühl, daß die halbe Insel über ihm zusammenstürzte, dann hörte er das wilde Triumpfgeschrei der unbekannten Angreifer.
Von beiden Seiten kletterten sie über die Felsen, mindestens ein Dutzend Männer.
Die Seewölfe waren zu sechst. Normalerweise hätten sie es spielend mit der doppelten Anzahl von Gegnern aufgenommen. Aber jetzt lagen Ferris Tucker, Matt Davies und Smoky bewußtlos am Boden, Gary Andrews versuchte vergeblich, sich aufzurappeln, Hasard war zumute, als habe er sich jeden Knochen im Leib gebrochen – er wußte verdammt genau, daß es aus dieser Falle keine Flucht mehr gab.
Es war ohnmächtige Wut, die ihn den erstbesten der Kerle anspringen ließ wie ein Tiger.
Der Bursche schwang einen Säbel in der Faust, aber ehe er ihn auch nur hochreißen konnte, war der schwarzhaarige Hüne mit den eisblauen Augen schon dicht bei ihm und schmetterte ihm eine stahlharte Faust an den Kiefer. Der Säbelschwinger kippte stumm um. Hasard hatte die Pistole fallen lassen, weil er nicht wollte, daß seine Männer zusammengeschossen wurden. Er wirbelte herum und griff zum Degen, doch im selben Augenblick drangen vier, fünf Angreifer gleichzeitig auf ihn ein.
Er schaffte es, einen der Kerle zu packen und so herumzuschleudern, daß zwei weitere umgesäbelt wurden. Gegen den dritten, der sich von hinten mit einem Holzknüppel anschlich, war kein Kraut gewachsen. Hasards harter Schädel überstand den Hieb, doch er konnte nicht verhindern, daß er nach vorn fiel. Zum zweitenmal traf ihn der Knüppel, diesmal in den Rücken – und dann schlugen die Kerle wie eine Woge über ihm zusammen.
Er war der einzige, der noch kämpfte.
Aber gegen die Übermacht von zwölf Männern konnte selbst ein Seewolf nichts ausrichten. Er ging mit fliegenden Fahnen unter – und es dauerte immerhin noch fünf Minuten, bis es den Kerlen endlich gelang, ihn bewußtlos zu schlagen.
8.
„O verdammt, verdammt!“ fluchte Ed Carberry. „Der Teufel soll mich lotweise holen, wenn da nicht eine Schweinerei passiert ist. Nicht einmal der lahmste Kombüsenhengst braucht drei Stunden, um dieses vom Leibhaftigen im Suff ins Meer geschissene Eiland abzusuchen!“
„Was heißt hier der lahmste Kombüsenhengst?“ empörte sich der Kutscher. „Ich möchte dich verfressenen Steinzeitmenschen mal sehen, wenn ich nicht in meiner Kombüse …“
„Halt’s Maul, oder ich vergesse mich und setze dich mit deinem verdammten Affenarsch in die Bratpfanne. Hasard und die anderen müßten längst zurück sein, kapierst du Esel das nicht?“
„Natürlich kapiere ich das“, sagte der Kutscher mit Würde. „Aber ich kapiere nicht, warum du hier herumbrüllst, statt etwas zu unternehmen. Wir haben doch Boote genug – oder?“
Für einen Moment war Ed Carberry sprachlos.
Ben Brighton, der neben ihm am Schanzkleid stand, lächelte leicht. Es war ein flüchtiges Lächeln, das sofort wieder verschwand. Auch der Bootsmann und erste Offizier der „Isabella“ sorgte sich. Genau wie Big Old Shane, der ehemalige Schmied von Arwenack, der unruhig an seinem wirren grauen Bart zupfte, und Old Donegal Daniel O’Flynn, in dessen verwittertem Gesicht es arbeitete.
„Klar zur Wende!“ krächzte der Papagei Sir John, dem es nicht gefiel, daß alle so still waren.
„Halt den Schnabel, du Geier!“ fauchte der Profos aufgebracht. Und mit einem tiefen Atemzug: „Wir müssen wirklich etwas unternehmen. Ich schlage vor, wir stellen einen Suchtrupp zusammen. Jeff, Sam, Blacky, Bob, Luke und ich.“
Ben Brighton nickte. „Einverstanden! Aber seid vorsichtig, damit ihr nicht auch noch verschwindet.“
„Ha! Der alte Carberry verschwindet nicht, darauf kannst du einen Fliegenpilz frühstücken. Und wenn auf der verdammten Insel sämtliche Wassermänner der sieben Meere spuken!“
„W-w-wassermänner?“ stotterte Blacky, leicht blaß um die Nase.
„Klar doch“, verkündete Old O’Flynn dumpf. „Hast du noch nie davon gehört, daß die hier in der Lagune lauern, um unvorsichtige Seeleute in die Tiefe zu ziehen? Ist doch klar, daß es nicht mit rechten Dingen zugeht, wenn auf so ’ner Insel einfach jemand verschwindet, oder?“
Blacky schluckte, begriff dann, daß er aufgezogen wurde, und schoß dem grinsenden Alten einen giftigen Blick zu. Ed Carberry stemmte die Fäuste in die Hüften.
„Wenn wir einem Wassermann begegnen, werden wir ihn am Schwanz ziehen“, versprach er. „Und jetzt Tempo, ihr lahmen Decksaffen! Glaubt ihr, heute sei Weihnachten, was, wie? Bewegt euch! Beiboot abfieren, aber ein bißchen flott, sonst mach ich euch Feuer unterm Hemd, ihr schlafmützigen, von einer Seekuh im Suff gezeugten Mondkälber!“
Ed Carberry fluchte noch, als die Männer das Beiboot längst im Rekordtempo aufs Wasser gebracht hatten. Sie enterten über die Jakobsleiter ab, nicht ohne sich vorher mit Waffen und Munition versorgt zu haben. Ed Carberry hatte sich zur Abwechslung Batutis fürchterlichen Morgenstern an den Gürtel gehängt. Und die Art, wie er sein Rammkinn vorschob und mit den Zähnen mahlte, verriet deutlich, daß er entschlossen war, das Ding notfalls dem Teufel persönlich um die Ohren zu hauen.
Das Boot wurde sorgfältig an Land gezogen, neben das zweite Fahrzeug, das Hasard und seine Gruppe zurückgelassen hatten.
Genau wie der Seewolf entschied sich auch Ed Carberry dafür, die Insel zunächst einmal zu umrunden, Spuren zu suchen und vielleicht einen bequemen Aufstieg zum höchsten Punkt des Eilands zu finden. Aber der Profos rechnete von vornherein mit Verdruß. Vielleicht war auch ein bißchen zu viel von „Verschwinden“ und „nicht mit rechten Dingen zugehen“ gesprochen worden.
Ed Carberry teilte den Trupp. Er selbst, Blacky und Jeff Bowie marschierten los. Sam Roscill und Luke Morgen sicherten nach hinten, bis sie dann, von den anderen gedeckt, wieder aufholten. Auf diese Art ging das Unternehmen zwar etwas langsam vorwärts, aber auf jeden Fall wurde eventuellen Angreifern nicht die Möglichkeit geboten, den jeweils letzten Mann der Gruppe lautlos auszuschalten.
Lediglich das Felsengewirr der östlichen Landzunge überkletterten sie ohne diese Vorsichtsmaßnahme. An der Steilküste im Norden, marschierten sie jeweils dann gemeinsam, wenn es galt, vorspringende Klippen zu umrunden, die den Sichtkontakt hätten abreißen lassen.
Kein Wort fiel – bis sie zum drittenmal, vorsichtig auf der geröllbedeckten Brandungsplatte, an einer vorspringenden Felsennase vorbeiturnten.
Ed Carberry prallte zurück.
„Verflucht!“ flüsterte er nur.
Und auch die anderen blieben wie versteinert stehen und starrten auf das gespenstische Bild vor ihren Augen.
Ein Dutzend Schritte weiter befanden sich zwei einzelne übermannshohe Klippen, nicht weiter als eine Armspanne voneinander entfernt.
Jemand hatte einen angeschwemmten Balken quer über die beiden Felsen gelegt, einen Balken, der als provisorischer Galgen diente – und an dem eine ausgemergelte Gestalt mit kahlem Schädel baumelte.
Der Irre!
Der Schiffbrüchige, der zusammen mit Dan und Batuti von der „Isabella“ verschwunden war.
Das umgestürzte Fäßchen lag noch vor seinen Füßen. Der fachmännische Henkersknoten hatte ihm das Genick gebrochen.
Dan O’Flynns gefesselte Hände umklammerten den Stein, den er nach längeren Anstrengungen in seinem Rücken ertastet hatte.
Sein Blick hing an den Wachtposten. Diesmal war es der einäugige Esmeraldo, der schlapp wie ein ausgewrungener Lappen in der Nähe der Feuerstelle hockte, immer noch etwas grün im Gesicht.
Pepe le Moco kauerte hoch oben zwischen den Felsen und lauschte gespannt in die Stille. Inzwischen war ein dritter Mann zu ihnen gestoßen, der graubärtige Alte mit dem Namen Valerio. Er hatte den beiden anderen mit triumphierender Stimme erzählt, was passiert war – und für Dan und Batuti bedeuteten die wenigen Worte das Ende ihrer Hoffnungen.
Offenbar war eine Gruppe ihrer Kameraden an Land gegangen, um nach ihnen zu suchen, und von den Piraten im Handstreich überwältigt worden. Jetzt warteten die Kerle in aller Ruhe darauf, daß sich etwas tat. Irgendwann würde der Rest der Crew auf der „Isabella“ mißtrauisch werden und vielleicht einen weiteren Suchtrupp losschicken – und dann brauchten die Piraten nicht einmal mehr zu kämpfen.
Sie hatten Dan und Batuti nur deshalb nicht als Geiseln benutzt, weil sie immer noch glaubten, die beiden seien heimlich von Bord abgehauen und die anderen würden nicht viel Rücksicht auf ihr Leben nehmen. Jetzt sah das anders aus. Wenn es ihnen gelungen war, eine Gruppe von den Seewölfen gefangenzunehmen, hatten sie die Möglichkeit, sie als Faustpfand zu benutzen und den Rest der Crew zur Aufgabe zu zwingen.
Dan biß sich verzweifelt auf die Lippen.
Er hatte einen wachen Verstand, und er wußte, daß es sinnlos war, sich etwas vorzumachen. Die Wahrscheinlichkeit sprach dafür, daß es den Piraten tatsächlich gelingen würde, sich die „Isabella“ unter den Nagel zu reißen.
Dan und Batuti hatten jetzt auch keine Chance mehr, sich von den Fesseln zu befreien: erstens waren sie noch gründlicher verschnürt worden als vorher, zweitens paßten ihre Gegner besser auf. Die beiden Gefangenen hätten höchstens riskiert, daß sie von neuem bewußtlos geschlagen wurden – und das wäre dann das endgültige Aus gewesen.
Die Piraten wollten sie mitnehmen.
Nach Chiapas, ins Land der Mayas!
Dan wußte, daß es jetzt nur noch um eins ging: eine Möglichkeit zu finden, ihren Kameraden irgendwie das Ziel der Piraten mitzuteilen. Denn Hasard und die anderen würden ganz sicher nicht lange auf der Insel festsitzen. Der Schwarze Segler war in der Nähe. Siri-Tong und der Wikinger würden Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um ihre Freunde zu finden.
„Batuti“, murmelte Dan fast unhörbar.
„Ja?“
„Kannst du dich aufrecht hinsetzen?“
„Bin ich Tattergreis? Batuti kann Kopfstand machen, wenn sein muß.“
„Bloß nicht! Hör zu, ich will versuchen, eine Nachricht für Hasard in den Felsen zu ritzen. Wir lehnen uns unauffällig an den Stein da drüben. Und du setzt dich so, daß du meine Hände verdeckst, klar?“
Der schwarze Herkules nickte nur und ließ die Augen rollen. Sie brauchten ein paar Sekunden, um sich langsam und unauffällig näher an die Felsen zu schieben. Batuti richtete sich auf und lehnte sich mit der Schulter dagegen. Dan suchte eine Position, in der er mit dem Stein in seinen Fäusten die glatte Wand hinter sich erreichen konnte.
Der einäugige Esmeraldo warf ihnen ab und zu einen flüchtigen Blick zu, aber er schien nichts Verdächtiges an ihrem Verhalten zu finden.
Dan biß sich auf die Lippen. „Chiapas“, wollte er in den Felsen ritzen. Das war ein einziges kurzes Wort, aber nach ein paar Minuten mußte er einsehen, daß er sich die Sache bei weitem zu einfach vorgestellt hatte.
Der Stein in seinen gefesselten Händen und der Felsen in seinem Rücken wiesen ungefähr den gleichen Härtegrad auf. Dan mußte höllisch aufpassen, um nicht ständig abzurutschen und lediglich ein Gewirr von Linien zustande zu bringen. Nach den ersten drei Buchstaben lief ihm der Schweiß in Strömen über den Körper.
Beim Querstrich des A zerbröckelte ihm der Stein unter den Fingern, und er mußte einen neuen suchen. Er brauchte eine volle Viertelstunde für das eine läppische Wort, und als er sich schließlich umdrehte, um sein Werk zu begutachten, stellte er fest, daß man schon sehr genau hinsehen mußte, um die Buchstaben als „Chiapas“ zu entziffern.
Einerseits ganz gut so, denn auf diese Weise wurde die Gefahr geringer, daß die Piraten die eingeritzten Schriftzeichen bemerkten und dann zerkratzten.
Aber würden Hasard und die anderen die Nachricht entdecken? Bestimmt, entschied Dan. Denn sie würden sicher annehmen, daß die beiden Gefangenen eine Nachricht für sie zurückgelassen hatten und ganz gezielt danach suchen.
Batuti grinste zufrieden und ließ seine Zähne blitzen.
„Kleines O’Flynn hell in Kopf“, stellte er fest. „Und jetzt weg von schönes Wort. Drüben in Schatten!“
Dan nickte nur.
Er ließ sich einfach nach vorn fallen und rollte über den Boden. Batuti folgte seinem Beispiel. Der einäugige Esmeraldo hob mit einem Ruck den Kopf, aber seine Haltung entspannte sich sofort wieder.
Für ihn sah es so aus, als ob die beiden Gefangenen lediglich Schutz vor der sengenden Sonne suchten.
Für Dan und Batuti war der angenehm kühle Schatten nur ein Nebeneffekt. Als sie sich von neuem gegen die Felsen lehnten, waren sie ein beruhigendes Stück entfernt von der Stelle, wo Dan das Wort „Chiapas“ in den Stein geritzt hatte. Sie konnten damit rechnen, daß die Piraten die Nachricht nicht entdecken würden.
Beide wußten sie ziemlich genau, daß es eine recht dünne Chance war, auf die sich ihre Hoffnung gründete.
Aber immerhin fühlten sie sich jetzt nicht mehr ganz so hilflos wie zuvor.
9.
Nur für ein paar Sekunden standen Edwin Carberry und die anderen sprachlos da und starrten auf den baumelnden Leichnam in der Sonne.
Carberry stieß einen Fluch durch die Zähne, den niemand verstand. Der Profos wußte auf Anhieb, was das makabre Bild zu bedeuten hatte: vielleicht ein Ablenkungsmanöver, ganz sicher eine Warnung. Instinktiv griffen die Männer zu den Waffen und spähten aus zusammengekniffenen Augen zu den Klippen hinauf. Sie ahnten, daß gleich etwas passieren würde, aber als es geschah, hatten sie nicht die geringste Chance, etwas dagegen zu unternehmen.
Jäh wurde es über ihnen lebendig.
„Keine Dummheiten!“ brüllte jemand im Gewirr der Felsen auf der Hochfläche. „Laßt die Finger von den Waffen! Wenn ihr in der Gegend herumballert, durchlöchert ihr eure eigenen Leute, Freunde!“
Ed Carberry holte tief Luft. Seine Augen waren dunkel vor Wut, sein zernarbtes Gesicht hatte sich verkantet.
„Der Teufel ist dein Freund!“ brüllte er zurück. „Komm her, du Hurensohn, dann zeig ich dir, wohin der Wind bläst …“
Der Profos stockte abrupt.
Hoch oben über der Felsenkante tauchte eine Gestalt auf, eine hochgewachsene, breitschultrige Gestalt mit flatterndem schwarzen Haar und eisblauen Augen. Hasard, dachte Carberry erleichtert – und in der nächsten Sekunde wurde ihm bewußt, daß zur Erleichterung nicht der geringste Anlaß bestand.
Philip Hasard Killigrew war gefesselt und geknebelt.
Selbst die Füße hatten sie ihm zusammengebunden, so daß er sich nur mit winzigen Schritten vorwärtsbewegen konnte. Von dem Kerl, der hinter ihm stand und ihn an den gefesselten Armen festhielt, war nur ein Schatten zu sehen.
Carberry erkannte graues Haar, eine große, hagere Gestalt – und die Pistole, die sich seitlich gegen Hasards Hals preßte.
„Ich bin Jean Morro!“ schrie der Unbekannte. „Vielleicht hat euch der kahlköpfige Halunke dort unten genugüber mich erzählt, um euch klarzumachen, daß ich nicht scherze. Ich knalle diesen Bastard hier ab, wenn ihr Dummheiten versucht. Und er ist nicht der einzige – wir haben auch die fünf anderen, den verdammten Nigger und dieses großschnäuzige Bürschchen! Also was ist? Wollt ihr eure Leute über die Klinge springen lassen?“
Ed Carberry war weiß vor ohnmächtiger Wut.
„Du dreckige Bilgenratte!“ Keuchte er. „Wenn du ihnen auch nur ein Haar krümmst …“
„Wir werden ihnen mehr als ein Haar krümmen, wenn ihr nicht spurt! Also los, werft eure Waffen weg! Alle schön auf einen Haufen! Und laßt euch nur nicht mit versteckten Messern oder so etwas erwischen! Ein einziger Trick, und wir schmeißen euch die erste Leiche vor die Füße!“
Für einen Moment blieb es still.
Auch links und rechts von Hasard wurden jetzt gefesselte, geknebelte Männer an den Klippenrand geschoben: Ferris Tucker, Smoky, dem Blut über das Gesicht lief, Matt Davies, Gary Andrews und Pete Ballie. Der Profos ballte die Hände, bis die Knöchel weiß und spitz hervortraten. Er starrte die anderen an. Luke Morgan, der schlanke, flinke Bursche mit dem jähzornigen Temperament, zerbiß sich fast die Unterlippe. Blacky, Bob Grey und Sam Roskill waren blaß geworden, und Jeff Bowie zerrte ratlos an seiner Hakenprothese.
„Wir haben keine Wahl, nicht wahr?“ fragte er leise.
„Stimmt“, knirschte der Profos. „O verdammt, ich …“
„Wird’s bald?“ peitschte die Stimme des Kerl mit dem Namen Jean Morro dazwischen. „Waffen weg, habe ich gesagt! Oder wollt ihr erst Blut sehen?“
„Du Bastard“, flüsterte der eiserne Profos mit bleichen Lippen. Und in seinen Augen stand kalter Mord, als er langsam Batutis Morgenstern von seinem Gürtel löste.
Die schwere Waffe klirrte gegen einen Stein und rollte ein Stück über den Sand der Brandungsplatte. Säbel, Pistolen und Musketen flogen hinterher, ein paar Messer und Handspaken. Sam Roscill bückte sich und zog einen schmalen Dolch aus dem Stiefel. Bob Grey legte gleich drei von den Spezial-Wurfmessern ab, mit denen er wie kein zweiter umzugehen verstand. Mit einer wilden Bewegung warf er sein blondes Haar zurück und starrte zum Klippenrand hoch, wo sich das gespenstische Bild immer noch nicht verändert hatte.
„Wunderbar!“ lobte der Grauhaarige hinter Hasard spöttisch. „Und jetzt klettert die Klippen hinauf. Schön einer nach dem anderen. Zuerst die Mißgeburt mit dem Haken.“
„Mit meinem Haken reiße ich dir demnächst den Arsch auf“, murmelte Jeff Bowie erbittert, während er sich in Bewegung setzte.
Das Kliff hinaufzuklettern, war ziemlich einfach, da es genug Kanten und Vorsprünge gab. Binnen weniger Minuten erreichte Jeff Bowie die Hochfläche. Einer der Piraten rammte ihm die Muskete in den Rükken, stieß ihn ein paar Schritte von der Felsenkante weg – und ein zweiter Mann schlug dem Opfer ohne viel Federlesens einen Holzknüppel über den Schädel.
Bob Grey war als nächster an der Reihe.
Auch er erhielt einen Schlag auf den Schädel – ganz offensichtlich hatten die Kerle da oben einen beachtlichen Respekt vor der Kampfkraft der Seewölfe und zogen es vor, auf Nummer sicher zu gehen.
Sam Roskill, der ehemalige Karibik-Pirat, mußte als nächster die Klippen hinaufklettern, dann folgte ihm der Profos – fauchend vor Wut, weil der Anführer seiner Widersacher ihn als „häßlichen, narbengesichtigen Bullen“ tituliert hatte.
Ed Carberry war zu wütend, um sich so einfach einkassieren zu lassen.
Oben am Klippenrand gab es ein kurzes, heftiges Gerangel. Der Profos entriß dem Kerl den Knüppel und schlug ihn das Holz um die Ohren, beförderte einen zweiten Mann fast über die Kante, aber das war auch schon alles, was er erreichte. Sie fielen zu fünft über ihn her, und er ging zu Boden.
Luke Morgan beobachtete die Szene voll hilfloser Wut und wartete auf das Zeichen, ebenfalls nach oben zu klettern.
Auch er brannte darauf, wenigstens einem der Kerle ein paar Zähne auszuschlagen oder das Nasenbein zu brechen. Aber mit ihm hatte der Grauhaarige offenbar etwas anderes vor.
„Hör zu, du halbe Portion!“ rief er. „Du wirst …“
„Komm herunter!“ schrie Luke außer sich. „Dann zeige ich dir, wer eine halbe Portion ist, du verlauster Mistbock!“
„Halt dein Maul, bevor wir es dir stopfen! Wir brauchen euer Schiff. Du setzt dich jetzt in das Boot und …“
„Nie!“ knirschte Luke Morgan.
„Nicht? Bist du sicher? Soll ich dem schwarzhaarigen Bastard hier eine Kugel in den Schädel jagen, damit du deine Meinung änderst?“
„Wenn du ihm ein Haar krümmst …“
„Das hatten wir schon“, sagte der Grauhaarige gelassen. „Und jetzt hör zu und quatsch nicht dauernd dazwischen, wenn du willst, daß deine Leute heilbleiben! Du pullst mit dem Boot zurück zu eurem Schiff. Richte den anderen aus, daß sie genau eine halbe Stunde haben, um uns das Schiff zu übergeben. Wir haben den Verrückten dort aufgeknüpft, damit ihr seht, daß wir es ernst meinen. In einer halben Stunde hängen wir den ersten von unseren Gefangenen daneben. Und dann alle Viertelstunde einen anderen. Solange, bis ihr weichwerdet. Oder bis keiner mehr am Leben ist, falls ihr euch stur stellt.“
Luke Morgan schwieg.
Es gab nichts mehr zu sagen. Jean Morro, der Südsee-Pirat, meinte jedes Wort seiner Drohung ernst, und es gab nicht den leisesten Zweifel daran, daß er alle Trümpfe in der Hand hielt.
Die „Isabella“ lag am Westzipfel der Insel auf Reede.
Eine weit vorspringende Felsennadel verdeckte die Sicht auf die Steilküste auf der Nordseite, aber dafür waren Riff und Strand einigermaßen gut zu überblicken.
Bill hockte im Großmars und schwenkte immer wieder mit dem Spektiv die Insel ab, in der vergeblichen Hoffnung, etwas zu entdekken.
Der Schimpanse Arwenack war in die höchsten Toppen geklettert, um nach seinem Liebling Dan O’Flynn Ausschau zu halten. Von dort aus beschimpfte er keckernd den Papagei Sir John, der sich lautstark revanchierte, da er wegen Carberrys Abwesenheit ebenfalls beleidigt war.
„Mistvieh!“ kreischte der karmesinrote Ara. „Affenarsch! Affenarsch …“
Normalerweise hätte das Geschrei sicher Heiterkeit erregt, da es sich so anhörte, als wisse der Papagei ganz genau, daß es sich bei seinem bevorzugten Kontrahenten um einen Vertreter der Affenart handelte.
Im Augenblick allerdings war niemandem aus der Crew nach Heiterkeit zumute. Sie ahnten alle, daß irgend etwas geschehen war. Die Undurchsichtigkeit der Situation, die eigene Hilflosigkeit, die geisterhafte Stille auf der Insel – das alles trug nicht gerade dazu bei, die Stimmung an Bord zu heben.
„Deck!“ schrie der Schiffsjunge Bill in seinem luftigen Ausguck. „Da ist jemand! Luke, glaube ich!“
Auf dem Achterkastell hob Ben Brighton das Spektiv an die Augen.
Er biß sich auf die Lippen, als er die schlanke Gestalt bemerkte, die zwischen den Ausläufern der Felsen auftauchte. Es war tatsächlich Luke Morgan. Allein! Er lief auf die Boote zu, und dann brauchte er Minuten, um eins davon ins Wasser zu wuchten und sich auf die Ducht zu schwingen.
„Luke allein?“ fragte Bil Old Shane heiser. „Verdammt, was bedeutet das?“
„Wir werden es gleich wissen.“ Ben setzte das Spektiv ab und sah dem Beiboot aus zusammengekniffenen Augen entgegen. Es war zwar nur eine Nußschale im Vergleich zu einem Schiff, eine Nußschale auch, wenn es galt, den tobenden Elementen zu trotzen, aber diese Nußschale bot immerhin einem Dutzend Männern Platz. Ein einzelner hatte beträchtliche Schwierigkeiten, sie durch die Brandung zu bringen. Und der kleine, pfiffige Luke Morgan gehörte zwar zu den wildesten, zähesten Männern der Crew, aber nicht zu den muskelbepackten Kraftmenschen, wie es Batuti, Ed Carberry, Big Old Shane oder der rothaarige Ferris Tucker waren.
Es dauerte eine Weile, bis das Boot längsseits ging.
Luke Morgan enterte an der Jakobsleiter hoch. Daß er so weiß war wie die Gischtkämme der Brandung, ließ sich nicht übersehen. Hastig schwang er sich über das Schanzkleid, schob den Kutscher und Old O’Flynn beiseite und steuerte auf Ben Brighton und Big Old Shane zu.
Seine Stimme klang rauh wie ein Reibeisen: „Sie haben Hasard! Und die anderen auch! Sie verlangen …“
„Wer hat Hasard?“ unterbrach ihn Big Old Shane rauh. „Wovon sprichst du, verdammt und zugenagelt?“
„Von den Kerlen auf der Insel! Piraten, schätze ich! Sie haben Hasard und die anderen gefangengenommen! Sie verlangen, daß wir ihnen die ‚Isabella‘ übergeben – sonst wollen sie alle Viertelstunde einen unserer Leute umbringen. Den Verrückten haben sie schon aufgehängt. Sie sind mindestens ein Dutzend. Und Dan und Batuti haben sie auch …“
Luke Morgan schwieg erschöpft. Die anderen starrten ihn an wie eine Geistererscheinung. Ben Brighton knirschte mit den Zähnen und versuchte, sich zusammenzureißen.
„Nun mal langsam!“ stieß er hervor. Fang von vorn an, Luke! Die verdammte Insel ist bewohnt?“
„Weiß ich nicht. Die Kerle sprechen jedenfalls Englisch. Piraten, nehme ich an …“
Auch Luke Morgan überwand seine Aufregung und begann, der Reihe nach zu berichten. An den Tatsachen änderte das allerdings wenig. Die Herren der Insel hatten es geschafft, außer Dan und Batuti noch elf weitere Seewölfe gefangenzunehmen. Sie hatten es auf eine verdammt hinterhältige Art und Weise geschafft, aber es war nicht zu bezweifeln, daß sie in diesem schmutzigen Spiel alle Trümpfe in der Hand hielten.
„Sie wollen das Schiff“, wiederholte Luke Morgan mit einem tiefen Atemzug. „Sie geben uns eine halbe Stunde Zeit. Und danach wollen sie alle fünfzehn Minuten einen ihrer Gefangenen umbringen.“ Für einen Moment blieb es still.
Ben Brighton sog scharf die Luft durch die Zähne. Old Donegal Daniel O’Flynn, der mit seinem Holzbein quer über die Kuhl gehinkt war, stieß einen Laut aus, der entfernt an das Schnaufen eines gereizten Bullen erinnerte.
„Verflucht!“ fauchte er. „Das darf doch nicht wahr sein, das!“
„Es ist aber wahr! Wir haben keine Wahl! Überhaupt keine!“
Wieder senkte sich Stille herab.
Ben Brighton starrte zum Strand hinüber. Seine Augen hatten sich zu Schlitzen verengt, in dem sonst so ruhigen, beherrschten Gesicht arbeitete es.
„Wir haben keine Wahl“, wiederholte er Luke Morgans Worte. „Wir müssen die ‚Isabella‘ ausliefern. Und dann?“
„Die Kerle werden uns auf der Insel zurücklassen“, grollte Big Old Shane. „Und nach einer Weile wird hoffentlich der Schwarze Segler aufkreuzen und uns entdecken.“
Ben zog die Unterlippe zwischen die Zähne. „Aber dann werden die Piraten längst weg sein, und wir wissen nicht, wo sie hinwollen. Wir müßten eine Stecknadel im Heuhaufen suchen.“ Er schwieg einen Augenblick und wandte sich Big Old Shane und dem alten O’Flynn zu. „Es muß eine andere Möglichkeit geben. Etwas, womit unsere Gegner nicht rechnen.“
„Aber was? Sie haben alle Trümpfe in der Hand.“
„Wir müssen sie angreifen, wenn sie sich schon in Sicherheit glauben.“ Ben lächelte plötzlich, als er sich dem blonden Stenmark zuwandte. „Sten, kannst du dich noch an die ‚Santa Barbara‘ erinnern?“
„‚Santa Barbara‘? Da war doch neulich …“
„Die nicht! Es ist länger her. Al, du müßtest es auch noch wissen.“
Al Conroy, der Stückmeister, runzelte die Stirn – und dann blitzte plötzlich das Verstehen in seinen Augen auf. „Die ‚Santa Barbara‘ – natürlich! Die Prise, die Hasard damals im Auftrag Kapitän Drakes nach Plymouth segelte. Ferris Tukker hing uns in den Ohren, daß das Vorschiff abgeschottet sei. Wir konnten uns nicht darum kümmern, weil wir in einen knüppeldicken Sturm gerieten. Und als wir alle fix und fertig waren, stürmte aus dem abgeschotteten Vorschiff plötzlich ein Haufen Spanier, die sich dort versteckt hatten. Wir waren viel zu überrascht, um uns noch viel zu wehren. Später konnten wir den Spieß umdrehen, aber zunächst mal haben uns die Kerle glatt überrumpelt.“
„Genau.“ Ben Brighton nickte. „Das meine ich.“
Und Stenmark: „Mann, das ist die Idee! Wir verstecken uns, warten in aller Ruhe, bis die Piraten ankerauf gegangen sind, und dann fegen wir von Bord, daß es nur so raucht! Das wird ein Fest!“
„Langsam“, brummte Big Old Shane. „Zunächst mal können wir uns nicht alle verstecken, weil die Kerle ungewähr wissen, wieviel Mann noch an Bord sein müssen. Zwei, drei Mann können hierbleiben, mehr nicht. Zwei oder drei Mann gegen ein Dutzend!“
„Drei Seewölfe gegen einen Haufen lausiger Piraten“, sagte Stenmark abfällig.
„Unterschätze sie nicht, Sten.“ Ben Brighton schüttelte den Kopf. „Nein, wir machen es anders. Drei von uns verstecken sich in der Vorpiek, warten die Nacht ab und versuchen, sich diesen Jean Morro als Geisel zu schnappen. Ihn und vielleicht noch ein paar andere. Ob es funktioniert, werden wir dann schon sehen. Wenn es den Kerlen völlig gleich ist, was mit ihrem Kapitän passiert, haben wir Pech gehabt. Wir müssen es jedenfalls versuchen.“
„Ich bin dabei“, sagte Stenmark sofort.
„Ich auch!“ Luke Morgans Augen funkelten.
„Du nicht, Luke. Die Kerle haben dich hierhergeschickt und würden sich wundern, wenn du plötzlich verschwändest. Stenmark, Big Old Shane und ich bleiben hier.“
„Warum nur drei?“ fragte Al Conroy. „Ich könnte mit der Bugdrehbasse das ganze Vorschiff leerräumen, während ihr euch den Ober-Halunken schnappt.“
„Willst du die ‚Isabella‘ in Fetzen schießen?“ Ben lächelte leicht. „Nein, drei sind genug. Die Piraten wissen schließlich, wie viele Männer nötig sind, um eine große Galeone zu segeln.“
„Wenn du meinst.“
Al Conroy zuckte mit den Schultern. Man sah ihm an, daß er gern dabeigewesen wäre, genau wie die anderen, aber er sah ein, daß Ben Brighton recht hatte. Mit einem tiefen Atemzug blickte er wieder zu der Insel hinüber – und im nächsten Moment fuhr er leicht zusammen.
„He!“ stieß er hervor. „Was ist denn da los?“
„Die Piraten!“ knurrte Luke. „Verdammtes Gesindel! Sie haben unsere Leute bei sich. Hasard, Ferris, Ed …“
Ben Brighton brauchte das Spektiv nicht, um zu sehen, was drüben am Strand geschah.
Gestalten tauchten zwischen den Palmenstämmen auf. Piraten, die ihre Gefangenen mitschleppten. Philip Hasard Killigrews schwarzes Haar flatterte im Wind, Ferris Tukkers roter Schopf leuchtete. Ed Carberry, der Profos, wurde von zwei Kerlen zu einer der Palmen gestoßen, und selbst aus der Entfernung war der wilde Grimm auf seinen Zügen zu sehen, als die Burschen darangingen, ihn an den schlanken Stamm zu fesseln.
Hasard war als nächster an der Reihe. Dann Ferris Tucker, Blacky, Smoky, Matt Davies, Gary Andrews und all die anderen. Big Old Shane ballte erbittert die Hände, aber genau wie Ben Brighton und Stenmark war er geistesgegenwärtig genug, sich rasch in den Schatten des Achterkastells zurückzuziehen.
Die Piraten durften sie nicht mehr sehen.
Sie mußten glauben, daß sich nur noch diejenigen an Bord aufhielten, die sich jetzt am Schanzkleid drängten: Al Conroy, der Kutscher, Will Thorne, Bill und der alte O’Flynn mit seinem Holzbein. Und natürlich Arwenack und Sir John, die die jähe Spannung zu spüren schienen, für den Augenblick das Kriegsbeil begraben hatten und sich bemerkenswert still verhielten.
Ben Brighton atmete tief durch.
Er, der Bootsmann und erste Offizier, hatte während Hasards Abwesenheit das Kommando an Bord. Der nächste Befehl kam ihm nur schwer über die Lippen, aber er wußte, daß er keine Wahl hatte.
„Streicht die Flagge“, sagte er. „Wir übergeben das Schiff. Aber wartet einen Moment, bis ihr ins Boot geht, damit Shane, Sten und ich Zeit haben, uns in der Vorpiek einzunisten.“
10.
„Hölle und Verdammnis …“
Ed Carberry flüsterte nur. Seine Kiefermuskeln traten wie Stränge hervor, und er zerrte wütend, aber vergeblich an den Stricken, die ihn an die Palme fesselten. Hasard tat das gleiche, obwohl er wußte, daß es sinnlos war. Was nutzte es ihnen, wenn es dem einen oder anderen gelang, sich zu befreien? Die Piraten brauchten nur ihre Musketen auf die anderen zu richten, und schon würde alles vorbei sein.
Mit zusammengebissenen Zähnen starrte Hasard Jean Morros Rücken an. Der Bretone stand breitbeinig am Strand und blickte zu der friedlich dümpelnden „Isabella“ hinüber. Auch die anderen Seewölfe konnten das Schiff beobachten. Sie sahen das Boot, dessen Vorleine an einer Sprosse der Jakobsleiter belegt war – und sie sahen die Männer, die einer nach dem anderen abenterten.
Luke Morgan, der Kutscher und Al Conroy. Dann Bill, der Schiffsjunge, Will Thorne, der weißhaarige Segelmacher, und Old O’Flynn, der den anderen seine Krücken zugeworfen hatte und sich trotz seines Holzbeins verblüffend geschickt bewegte.
Arwenacks aufgeregtes Keckern war selbst aus der Entfernung zu hören. Der Papagei Sir John flatterte eine Weile unschlüssig über dem Schanzkleid, dann stieß er ebenfalls auf das Boot hinunter und ließ sich auf Will Thornes Schulter nieder.
Hasard kniff die Augen zusammen.
Sein Blick hing am Schanzkleid der Kuhl. Er wartete auf Ben Brighton, Big Old Shane und Stenmark, aber niemand schwang sich mehr auf die Jakobsleiter.
Das Boot legte ab.
„He!“ zischte Ferris Tucker. „Das ist doch …“
„Still!“ murmelte Hasard mit einem warnenden Blick auf die Piraten, die sich in Hörweite befanden.
Der rothaarige Schiffszimmermann verschluckte, was er noch hatte sagen wollen.
Auch die anderen schwiegen. Sie alle starrten zu dem Boot hinüber, und als es den Strand erreichte, hatte auch der letzte begriffen, was das Fehlen von Ben Brighton, Shane und Stenmark bedeutete.
Hasards blaue Augen funkelten flüchtig auf. Er sah zu Ferris Tucker hinüber. Der kniff die Lider zusammen und zog ganz leicht die Lippen von den Zähnen.
„‚Santa Barbara‘“, flüsterte er nur.
Und Hasard nickte knapp. Denn weder er noch Ferris noch einer der anderen, die dabeigewesen waren, hatten die Ereignisse auf der „Santa Barbara“ jemals vergessen.
Es war die erste Prise gewesen, die der Seewolf als Kapitän gesegelt hatte. Und beinahe wäre es seine letzte geworden, denn die Spanier schienen mit ihrem tollkühnen Trick zunächst Erfolg zu haben.
„Trojanisches Vorschiff“, hatte Hasard das völlig abgeschottete Versteck damals genannt, aus dem die Dons hervorgebrochen und über die ahnungslosen, vom Sturm völlig erschöpften Seewölfe hergefallen waren. Auf der „Isabella“ würde es vermutlich eine „trojanische Vorpiek“ geben. Dicht abschließen ließ sich dieses finstere Loch im Vorschiff des Schiffes nicht. Aber die Wahrscheinlichkeit war gering. daß Big Old Shane, Ben Brighton und Stenmark dort vor der Zeit entdeckt wurden.
Hasard atmete tief durch.
Er wußte, daß die Chancen schlecht standen. Aber die hatten schon öfter schlecht gestanden. Und drei Kerle, die notfalls dem Teufel selber den Sonntagsbraten aus der Hölle geklaut hätten, konnten vielleicht auch mit Jean Morro und seinen Halunken fertigwerden.
„Nggrr!“ machte Batuti.
Mehr konnte er nicht sagen, weil man ihm einen Knebel zwischen die Zähne gerammt hatte. Dan ging es nicht besser. Die beiden Männer stolperten vor ihren Bewachern her, die sie immer wieder mit Stößen und Tritten antrieben, und die hilflose Wut erstickte sie fast.
Geknebelt waren sie, um ihnen die Möglichkeit zu nehmen, ihren Kameraden etwas zuzurufen. Dan O’Flynns blaue Augen waren fast schwarz vor Wut, als er die gefesselten Männer am Strand sah. Auch die Gruppe aus dem Boot war an Palmenstämme gebunden worden. Höhnisch grinsend hatte ihnen Jean Morro erklärt, daß sie es sicher schaffen würden, sich zu befreien, bevor sie verdurstet seien. Dan suchte Hasards Blick – und er runzelte die Stirn, als er in den eisblauen Augen des Seewolfs so etwas wie eine stumme Ermunterung las.
Ein Stoß mit dem Lauf der Muskete ließ den blonden Jungen weiterstolpern.
„Kch!“ machte Batuti dumpf, aber Dan achtete nicht darauf. Sein Blick war über die anderen Männer geflogen, deren Gesichter er im Schatten er Palmen erkennen konnte. Siebzehn Männer! Dan hatte gezählt, weil er wissen wollte, ob jemand fehlte, vielleicht getötet oder schwer verletzt worden war – und jetzt durchfuhr ihn der Schrecken wie eine Stichflamme.
Siebzehn!
Drei Mann zu wenig!
Big Old Shane fehlte, Stenmark und Ben Brighton. Dans Magen krampfte sich zusammen. Er starrte Hasard an. Der Seewolf sicherte kurz in die Runde, stellte fest, daß die Piraten vollauf damit beschäftigt waren, in die Boote zu gehen – und lächelte.
Ein triumphierendes Lächeln.
Ganz kurz nur, aber Dan O’Flynn wußte glasklar, daß der Seewolf so nicht gelächelt hätte, wenn einem seiner Männer auch nur ein Haar gekrümmt worden wäre.
Ben Brighton, Shane und Stenmark lebten.
Und wenn sie nicht hier waren, hieß das …
Dan O’Flynn begriff.
Ohne den Knebel, der ihn fast erstickte, hätte er jetzt vielleicht einen triumphierenden Pfiff ausgestoßen.
So sah er nur Batuti an. Der schwarze Herkules hatte das Fehlen der drei Männer ebenfalls bemerkt. In seinen Augen lag ein Ausdruck von erschrekkender Wildheit, und Dan schüttelte unaufällig den Kopf.
Batuti runzelte die Stirn, hob fragend die Brauen und furchte die Stirn noch heftiger. Im nächsten Augenblick unterbrachen die Piraten das stumme Zwiegespräch. Dan und Batuti wurden in eins der Boote gestoßen. Als es ablegte, hatte sich der mörderische Ausdruck in den Augen des riesigen Gambia-Negers etwas gemildert, und Dan wußte, daß auch sein Freund zu begreifen begann.
Minuten später erreichten sie die „Isabella“ – ein verwaistes Schiff. So schien es wenigstens. Aber Dan und Batuti wußten, daß sich irgendwo im Bauch der Galeone drei zu allem entschlossene Männer verbargen – und daß sie zumindest noch eine Chance hatten.
Die Gefangenen wurden vorerst an die Wanten gefesselt.
Triumphgeschrei gellte über die Decks. Die Piraten nahmen die „Isabella“ in Besitz, verteilten sich, prüften, begutachteten, drängten sich vor allem um das Ruder, das sie in dieser Art noch nie gesehen hatten – und Dan mußte sich eingestehen, daß die Kerle zumindest etwas von der Seefahrt verstanden.
Jean Morro hatte das Achterkastell in Besitz genommen.
Valerio und Pepe le Moco waren bei ihm: die drei stellten offenbar so etwas wie die Schiffsführung dar. Zwei der Piraten waren im Kampf mit den Seewölfen getötet worden. Vierzehn Mann standen noch für die Bedienung des Dreimasters zur Verfügung. Sechzehn vielmehr, denn die Kerle hatten ja keinen Zweifel daran gelassen, daß auch die beiden Gefangenen würden schuften müssen. Trotzdem war die „Isabella“ hoffnungslos unterbemannt, und Dan fragte sich flüchtig, warum Jean Morro nicht noch mehr von der Insel mitnahm.
Vermutlich weil er am eigenen Leibe erlebt hatte, wie die Seewölfe zu kämpfen verstanden.
Zwei Gefangene, mochte er sich sagen, konnte er unter Kontrolle halten. Drei, vier oder gar noch mehr hätten ihn vor Probleme gestellt. Der Bretone war nicht dumm. Er unterschätzte einen Gegner nicht, er ging auf Nummer sicher, das zeigte sich auch daran, daß er nicht daran dachte, Dan und Batuti schon jetzt, in der Nähe der Insel, losbinden zu lassen.
Er brauchte nicht lange, um sich mit der „Isabella“ vertraut zu machen.
Das Ruder übernahm er selbst. Pepe le Moco teilte die Wachen ein, scheuchte die Männer auf ihre Plätze an Brassen und Fallen. Triumph glitzerte in den grauen Augen des Bretonen, und seine Stimme hallte laut über die Decks.
„Heißt Großsegel, Fock und Besan! Esmeraldo, Jacahiro – ans Spill! Hoch mit dem Anker!“
„Anker aus dem Grund!“ ertönte es wenig später.
Knatternd entfaltete sich das Segeltuch. Der Wind wehte ablandig, die „Isabella“ erhielt ihn raumschots. Leicht und elegant begann sie, nach Nordwesten zu gleiten, und Jean Morro ließ Marssegel und Blinde setzen.
Unter Vollzeug rauschte die „Isabella“ davon.
Der Bretone stand am Ruder. Sein graues Haar wehte, und das Funkeln in seinen Augen verriet, daß er sich bereits als Sieger fühlte.
Erst als sie sich außer Rufweite der Insel befanden, übergab er das Ruder an den einäugigen Esmeraldo.
Ein paar knappe Befehle ertönten. Pepe le Moco schlenderte mit einem breiten Grinsen auf die beiden Gefangenen zu. Als erstes nahm er ihnen die Knebel ab, dann zerschnitt er mit einem langen Entermesser ihre Fesseln.
„So“, sagte er im Tonfall satter Zufriedenheit. „Jetzt dürft ihr anfangen, euch euer Fressen zu verdienen. Aber ein bißchen plötzlich, wenn ihr nicht die Neunschwänzige zu spüren kriegen wollt!“
Die Seewölfe zerrten keuchend an den Stricken, die sie an die Palmenstämme fesselten.
Ed Carberry fluchte, daß der Teufel errötet wäre. Ferris Tuckers Schläfenadern traten hervor, und der Atem pfiff scharf über seine Lippen. Sie alle wußten, daß es im Grunde sinnlos war und sie nichts mehr ändern konnten, aber der ohnmächtige Zorn verdoppelte ihre Kräfte.
Hasard spürte, wie der Palmenstamm in seinem Rücken nachgab.
Eine ziemlich junge Palme, wie er festgestellt hatte. Es war leichter, sie zu entwurzeln, als die Stricke zu zerreißen. Hasard spannte die Muskeln, stemmte die Füße gegen den Boden, warf sich mit aller Kraft nach vorn – und diesmal begann die Palme zu kippen.
Hasard hing schräg an dem knirschenden, ächzenden Baum. Und er spürte bereits, wie sich, die Fesseln nach oben verschoben, wo sich der Stamm verjüngte. Noch einmal bäumte sich der Seewolf auf, warf sich diesmal nach rechts – und landete mitsamt der Palme am Boden.
Trotzdem brauchte er noch eine Viertelstunde, um sich endgültig zu befreien.
Er zerschnitt sich Arme und Hände an den scharfen Palmwedeln, sah aus, als habe er auf einer Schlachtbank gewühlt, aber der brennende Schmerz drang kaum in sein Bewußtsein. Er mußte wissen, welchen Kurs die „Isabella“ nahm. Hastig schüttelte er die Reste der nur noch lose um seine Gelenke hängenden Stricke ab, sprang auf und rannte durch den kühlen Palmenschatten zum Westzipfel der Insel.
„Hasard!“ hörte er Carberrys Donnerstimme hinter sich. „Himmel, Arsch und Kabelgarn, willst du nicht erst mal …“
„Später!“ schrie der Seewolf zurück.
Geschickt wie eine Katze turnte er über die roten Felsen. Daß er sich an den sonnendurchglühten Steinen die Finger verbrannte, bemerkte er kaum. Minuten später kauerte er hoch oben auf einem steil aufragenden Felsblock und suchte mit zusammengekniffenen Augen die glitzernde, in der Sonne von unzähligen flirrenden Lichtreflexen sprühende See ab.
Die „Isabella VIII.“ war nur noch ein Flecken, fast verschwimmend im Sonnenglast.
Die Kerle hatten Vollzeug gesetzt. Über Backbordbug liegend segelte sie mit halben Wind nach Norden. Immer kleiner wurde sie, und schließlich schien sie sich in den opalisierenden Hitzeschleiern über der Kimm aufzulösen.
Hasard wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und war sich nicht bewußt, daß er das Blut aus den vielen kleinen Schnittwunden auf seinem Gesicht verteilte.
Er starrte immer noch nach Norden.
Seine Augen waren sehr kalt und sehr hart. Und jeder, der ihn in diesen Sekunden gesehen hätte, wäre wohl zurückgeschreckt vor der Intensität dieses wilden eisblauen Blicks.
In Philip Hasard Killigrews Gesicht zuckte kein Muskel. Seine Züge waren wie versteinert, und seine Stimme klang leise, tonlos, fast unhörbar.
„Jean Morro“, flüsterte er.
Mehr nicht.
Aber es klang wie ein Schwur. Hasard war sicher, daß er Jean Morro noch einmal begegnen würde – und dann würde der Bretone bereuen, sich jemals mit dem Seewolf angelegt zu haben …

1.
Hochaufgerichtet stand Philip Hasard Killigrew auf der roten Klippe.
Der Wind wühlte in seinem schwarzen Haar, die eisblauen Augen hatten sich verengt zu schmalen, glitzernden Sicheln. Das Gesicht des Seewolfs glich einer steinernen Maske. Er starrte zur Kimm – dorthin, wo vor ein paar Sekunden die „Isabella VIII.“ im Sonnenglast verschwunden war.
Die „Isabella“ unter dem Kommando eines bretonischen Südsee-Piraten. Mit Dan O’Flynn und Batuti, dem riesigen Gambia-Neger, als Gefangenen. Und mit drei Männern, die sich in der Vorpiek verborgen hatten, um – vielleicht – das Blatt noch einmal zu wenden.
Hasard knirschte mit den Zähnen, als er daran dachte, wie die verdammten Piraten sie hereingelegt hatten.
Meuterer waren sie. Ihren Kapitän, der jetzt an einem provisorischen Galgen baumelte, hatten sie ausgesetzt. Von den Seewölfen war er aufgefischt worden: ein halbirres Wrack, nur noch von dem Gedanken an Rache beseelt. Und zum Dank hatte er eines Nachts Dan und Batuti mit schußbereiter Muskete gezwungen, ein Boot abzufieren und ihn zu der Insel zu pullen, an deren Riff das Schiff der Meuterer zerschellt war.
Sinnlos, darüber nachzugrübeln, dachte Hasard erbittert.
Sinnlos auch, sich zu fragen, ob sie vielleicht zu unvorsichtig gewesen waren, als sie auf der Suche nach Dan und Batuti die Insel anliefen. Die Piraten hatten den kleinen Suchtrupp in einen Hinterhalt gelockt und überwältigt – und danach brauchten sie nur noch zu drohen, die Gefangenen einen nach dem anderen umzubringen, um den Rest der Crew zur Übergabe des Schiffs zu zwingen.
Hasard betrachtete flüchtig seine blutenden Hände, die er sich an den scharfen Palmwedeln zerschnitten hatte.
Es war ihm gelungen, die Palme zu entwurzeln, an die er von den Piraten gefesselt worden war. Und er hatte sofort die Klippen erklettert, um wenigstens zu sehen, welchen Kurs die „Isabella“ nahm. Denn selbst wenn Ben Brighton, Big Old Shane und Stenmark, die sich in der Vorpiek der Galeone verborgen hielten, nichts erreichten, gab es noch eine Chance. Der schwarze Segler war in der Nähe. Siri-Tong und Thorfin Njal hatten die „Isabella“ im Sturm aus den Augen verloren, aber sie würden zweifellos nach den Seewölfen suchen.
Mit einem tiefen Atemzug wandte sich Hasard ab und kletterte wieder die Klippen hinunter.
Der Rest der Crew war immer noch an die Palmstämme gefesselt. Arwenack, der Schimpanse, kauerte am Boden und keckerte anklagend, weil er seinen speziellen Freund Dan O’Flynn nicht finden konnte. Sir John hatte sich auf der Schulter des Profos niedergelassen, und die beiden fluchten in schöner Eintracht um die Wette.
Hasard konnte im Augenblick beim besten Willen nicht darüber lachen.
Er band Carberry los, dann Old O’Flynn, Will Thorne und den Kutscher, und gemeinsam brauchten sie nur noch ein paar Minuten, um die anderen zu befreien. Schweigend kauerten sich die Männer auf umgestürzte Baumstämme oder ins niedrige Gras.
Der Kutscher wollte nach Hasards zerschrammten Händen sehen, aber der Seewolf winkte ungeduldig ab.
„Kümmere dich lieber um Smokys Schädel“, sagte er knapp. „Er hat einen Stein auf den Kopf bekommen. Sonst noch jemand verletzt?“
Niemand meldete sich.
Ein paar Schrammen hatten viele von ihnen davongetragen, vor allem die sechs, die in den Hinterhalt der Piraten geraten, mit einem Steinhagel bombardiert und von der Übermacht überwältigt worden waren. Aber was zählten schon ein paar Schrammen, die heilten ohnehin an der Luft am besten. Der Kutscher betrachtete die mächtige Beule an Smokys Hinterkopf und blickte dem bulligen braunhaarigen Mann prüfend in die Augen.
„Weißt du, wo wir hier sind?“ fragte er.
Smoky verzog das Gesicht. „Klar weiß ich das, ich bin ja nicht blöd. Laß mich in Ruhe, verdammt! Ich ramme dich unangespitzt in den Boden, wenn du …“
„Schon gut“, sagte Hasard scharf. Der Kutscher zuckte mit den Schultern und setzte sich ebenfalls. Genau wie den anderen war ihm sofort eingefallen, wie Smoky einmal nach einem Schlag auf den Schädel zeitweise das Gedächtnis verloren und ständig dämliche Fragen gestellt hatte. Aber im Moment war ohnehin niemand in der Stimmung, ihn mit der alten Geschichte aufzuziehen.
Hasard warf einen Blick in die Runde und stellte fest, daß tatsächlich niemand schwerverletzt war.
„Die ‚Isabella‘ ist auf Nordkurs gegangen“, sagte er ruhig. „Auf Dan und Batuti passen die Piraten vermutlich wie die Schießhunde auf. Daß sich Ben, Stenmark und Big Old Shane in der Vorpiek verborgen halten, habt ihr ja inzwischen mitgekriegt. Sie werden die Nacht abwarten und versuchen, Jean Morro als Geisel zu nehmen.“
Er schwieg einen Moment und preßte die Lippen zusammen, weil ihm die Schwächen dieses Plans nur zu klar waren. Ferris Tucker und Ed Carberry wechselten einen Blick, und der Profos tastete mit den Fingerkuppen über die Narben an seinem Rammkinn.
„Hmm“, brummte er. „Und wenn diese Rübenschweine nun auf ihren selbsternannten Kapitän pfeifen? Wenn sie ihn einfach über die Klinge springen lassen und …“ Er stockte.
Was er hatte sagen wollen, wußten die anderen ohnehin: Falls der Trumpf mit der Geisel nicht stach, wurde es für die Seewölfe an Bord der „Isabella“ äußerst brenzlig.
„Sie – sie werden sie doch nicht umbringen?“ fragte Bill mit belegter Stimme. „Ich meine, sie brauchen doch Leute, sie sind doch ohnehin zu wenig, oder?“
Hasard nickte mit mehr Zuversicht, als er empfand. Der Gedanke an die alten Kampfgefährten, die sich in tödlicher Gefahr befanden, nagte an ihm. Und den anderen ging es genauso, das war deutlich in ihren Gesichtern zu lesen.
„Der schwarze Segler wird uns finden“, sagte der hagere Gary Andrews.
„Klar“, pflichtete Matt Davies bei. Er biß sich auf die Lippen und rieb an seiner Hakenprothese herum. „Vielleicht finden sie uns heute noch. Dann können wir sofort die Verfolgung aufnehmen. ‚Eiliger Drache‘ ist schneller als die ‚Isabella‘!“
„Aber die Piraten haben Geiseln“, sagte der Kutscher leise.
„Oder auch nicht!“ Sam Roskill war es, der das hervorstieß. Seine dunklen Augen funkelten dabei. „Vielleicht schaffen wir’s genau im richtigen Augenblick. Wenn Ben, Stenmark und Shane auf dem Schiff die Hölle loslassen und Dan und Batuti noch mitmischen, müßte es klappen.“
„Wenn!“ knurrte Ferris Tucker. „Auf jeden Fall ist es sinnlos, auf dem Hintern sitzenzubleiben und zu warten, finde ich.“
„Ach nein!“ brauste der temperamentvolle Luke Morgan auf. „Und was, zum Teufel, willst du unternehmen? Vielleicht der alten ‚Isabella‘ auf ’ner Kokosnuß nachreiten?“
„Zuallererst sollten wir ein Signalfeuer anzünden“, sagte Hasard sanft. „Dann findet uns der schwarze Segler möglicherweise schneller. Außerdem sollten wir die Insel etwas näher untersuchen. Ich habe meine Pistole zum Beispiel in ein Gebüsch geworfen, wo die Piraten sie bestimmt nicht gefunden haben. Außerdem erinnere ich mich, daß auch die Waffen, die unsere zweite Gruppe an der Nordseite auf der Brandungsplatte weggeworfen hat, nicht wieder eingesammelt worden sind. Essen und Trinken müssen wir uns ebenfalls beschaffen sowie das Lager der Piraten suchen – für den Fall, daß es dort irgendeinen Hinweis auf ihr Ziel gibt.“
Luke Morgan schluckte und brachte es tatsächlich fertig, rot zu werden.
„Aye, Sir“, murmelte er. „Vielleicht – eh – sollten wir versuchen, das Feuer da oben auf dem Felsenkegel anzuzünden. Ich kann ja schon mal anfangen, Holz zu sammeln.“
„Ein vernünftiger Vorschlag.“ Hasard lächelte leicht. „Blacky und Pete sollen dir helfen. Der Kutscher hat ab sofort die Verantwortung für das Feuer. Ferris, du schaust dir die Trümmer der Galeone auf dem Riff an und siehst zu, ob du so etwas wie einen schwimmfähigen Untersatz daraus zimmern kannst. Außerdem werden wir den Irren begraben. Dafür sorgst du, Ed.“
„Wieso ich? Verdammt, ich …“
„Weil du der Profos bist, Mister Carberry. Nimm zwei Mann mit! Matt, Bill und Al kommen mit mir, Gary und Jeff kümmern sich um die Waffen. Die anderen bleiben hier. Als Reserve, falls Ferris Hilfe braucht. Noch Fragen?“
Niemand sagte etwas.
Die Männer waren froh, daß sie endlich wieder etwas tun konnten. Und selbst Edwin Carberry vergaß für den Moment das Fluchen, weil er wußte, daß es in gewissen Situationen nicht ratsam war, dem Seewolf zu widersprechen – vor allem dann nicht, wenn er jemanden „Mister“ nannte.
2.
Die „Isabella VIII.“ rauschte mit halbem Wind unter Vollzeug nach Norden.
Nuevo Espana war das Ziel. Jenes Gebiet im Südwesten der Landenge von Tehuantepec, das die Indianer Chiapas nannten, und in dessen dichtem tropischen Dschungel sich, genau wie auf der Halbinsel Yucatan, ein paar Maya-Stämme vor den spanischen Eroberern versteckten. Um das Gold dieser Mayas ging es den Piraten, um einen sagenhaften Schatz, der in einer Tempelstadt im Urwald verborgen sein sollte. Einer der Männer, der alte Valerio, hatte eine Karte, die das Versteck zeigte. Eine uralte Karte, nur noch mühsam zu entziffern. Jacahiro, der Indio, war reinblütiger Maya und gehörte zum Stamm der Chamula, die sich aus ihren heißen, trockenen Hochtälern in die grüne Hölle des Regenwaldes geflüchtet hatten.
Chiapas!
Das Gold der Maya!
Der Gedanke daran stachelte die Piraten an und trieb sie zu fiebriger Eile. Die Gier funkelte in ihren Augen. Es schien sie nicht zu stören, daß sie hart zu schuften hatten, weil die „Isabella“ hoffnungslos unterbemannt war.
Besonders legten die Piraten allerdings Wert darauf, ihre Gefangenen schuften zu lassen.
Seit Dan O’Flynn und Batuti von den Fesseln befreit worden waren, gelangten sie nicht mehr zur Ruhe. Normalerweise hätten sich weder der hitzköpfige Dan noch der hünenhafte Mann aus Gambia so ohne weiteres zum Borddienst pressen lassen. Aber hier und jetzt lag die Sache anders. Sie wußten, daß sich drei ihrer Kameraden an Bord versteckt hielten. Irgendwann würden Ben Brighton, Big Old Shane und Stenmark losschlagen, und dann wollten Dan und Batuti nicht hinter einem Schott schmoren oder an der Rahnock baumeln, sondern nach Möglichkeit die Hände frei haben, um ihre Gegner das Fürchten zu lehren.
Schon während der ersten Stunde tat Dan O’Flynn wenig anderes, als sich diese Tatsache wieder und wieder vor Augen zu führen.
Er und Batuti hatten einigen von den Piraten ziemlich zugesetzt. Vor allem Pepe le Moco und der einäugige Esmeraldo bereiteten sich ein Vergnügen daraus, es ihren Gefangenen heimzuzahlen. Der schwarze Herkules wurde von einer schweißtreibenden Arbeit zur anderen gescheucht. Und Dan schäumte innerlich vor Wut, weil man ihn dazu verdonnert hatte, einem dikken, schmierigen Kerl namens Tomaso in der Kombüse zu helfen.
Tomaso hatte einen Fraß zusammengebraut, für den sich der Kutscher für den Rest seines Lebens geschämt hätte. Dan wurde losgeschickt, um Abfälle über Bord zu kippen. Hinter ihm meckerte der sogenannte Koch, weil es ihm nicht schnell genug ging. Dan hätte ihn am liebsten in seinem undefinierbaren Brei ersäuft, aber er dachte an seine versteckten Kameraden und riß sich zusammen.
Er beschleunigte sogar seine Schritte. Nicht, daß er sich etwa vor dem Dicken gefürchtet hätte. Im Gegenteil! Aber Dan wußte eins: Wenn dieser schmierige Kerl noch weiter laberte oder ihn gar anfaßte, würde es ein Unglück geben.
Dan brauchte seine ganze Selbstbeherrschung. Vielleicht achtete er deshalb nicht genug auf seine unmittelbare Umgebung. Er sah zu Batuti hinüber, der beim Anbrassen zupackte, weil die „Isabella“ geringfügig den Kurs änderte. Dan mußte dicht an dem einäugigen Esmeraldo vorbei – und der streckte mit einem bösen Grinsen den Fuß vor.
Dan stolperte und schlug lang hin.
Die Pütz, die er geschleppt hatte, flog im Bogen auf die Kuhl, Küchenabfälle regneten auf die Planken. Donegal Daniel O’Flynn schnellte wie ein Kastenteufel vom Boden hoch, wirbelte herum und starrte seinem Gegner keuchend vor Haß in sein eines Auge.
Esmeraldo grinste.
„Kannst du nicht aufpassen, du Tölpel?“ fragte er höhnisch.
Dans Augen verschleierten sich. Das Blut rauschte in seinen Ohren. Wie durch eine dicke Schicht Wachs hörte er die schneidende Stimme des Bretonen.
„Was soll die Schweinerei, in drei Teufels Namen? Aufwischen, du Bastard, aber ein bißchen plötzlich! He, Nigger! Hilf ihm, bevor jemand auf dem Mist ausrutscht und sich die Knochen bricht! Esmeraldo, mach ihnen gefälligst Feuer unter dem Hintern!“
Batuti murmelte etwas Unverständliches, während er seinen Platz verließ, um Dan zu helfen. Der blonde Dan O’Flynn schluckte mit einer fast übermenschlichen Anstrengung seine Wut herunter. Schweigend wandte er sich ab und ging in die Kombüse, um einen Lappen zu holen, während der hünenhafte Neger bereits die gröberen Abfälle zusammensuchte.
Der fette Tomaso grinste hämisch.
„Saudämliche Engländer“, sagte er.
Aber dann verstummte er ganz schnell, weil ihm der mörderische Blick des Gefangenen denn doch unter die Haut ging.
„Nimm dich in acht!“ zischte Dan. „Wenn du mir noch einmal krumm kommst, setze ich dich mit dem Hintern in die Bratpfanne. Und wenn ihr mich hinterher zehnmal aufhängt oder kielholt – deinem Arsch wird es davon nicht bessergehen, kapiert?“
Der dicke Koch war kein Kämpfer. Er überschlug in Gedanken, was sein Gegner ihm alles antun konnte, bevor die anderen zur Stelle waren, und schluckte erschrocken. Dan wandte sich ab. Mit Lappen und Segeltuchpütz trat er ins Kombüsenschott und biß die Zähne zusammen.
Batuti hatte den Großteil der Abfälle aufgesammelt.
Er ging über die Kuhl, um die Ladung außenbords zu kippen. Da er gewarnt war, dachte er nicht daran, über einen vorgestreckten Fuß zu stolpern. Er wollte über Esmeraldos Bein hinwegsteigen, aber der Einäugige trat blitzschnell zu.
Eine Sekunde später brüllte er auf, weil ihm Batuti die Pütz mit den Abfällen über den Kopf gestülpt hatte.
Ein paar Männer lachten. Die meisten dagegen stürzten sich sofort auf den hünenhaften Neger. Und einer von ihnen, der „Burgunder“ genannt wurde, holte tückisch grinsend mit einem Belegnagel aus.
„Du hinterhältiger Mistkerl!“ schrie Dan gellend.
Lappen und Segeltuchpütz hatte er bereits fallenlassen. Er sah, wie Batuti noch herumzuwirbeln versuchte und der Belegnagel ihn knapp über der Stirn traf. Der schwarze Herkules wankte. Wieder zuckte der Belegnagel auf ihn zu. Im nächsten Moment war Dan O’Flynn mitten unter den Kerlen wie ein leibhaftiger Wirbelsturm.
Ein Wirbelsturm war es auch, der in den nächsten Minuten auf der Kuhl der „Isabella“ tobte.
Bevor die Piraten überhaupt begriffen, daß sie eine Art Naturkatastrophe entfesselt hatten, lagen vier von ihnen schon bewußtlos am Boden. Batuti hätte ihrer Meinung nach eigentlich ein Loch im Schädel haben müssen, doch statt dessen stemmte er den nicht gerade leichtgewichtigen Pepe le Moco hoch in die Luft und feuerte ihn außenbords wie ein Bündel Lumpen.
Der schlanke, drahtige Dan O’Flynn wirkte äußerlich nicht eben wie ein Kraftpaket – und entpuppte sich als leibhaftiger Tiger. Er kratzte und biß, schlug Nasen platt, knackste Rippen an und bewegte sich schneller, als seine Gegner denken, geschweige denn zuschlagen konnten. Selbst als zwei Mann an seinen Armen hingen, ein dritter in sein Genick sprang und ein vierter von vorn auf ihn eindrosch, trat er noch mit den Füßen um sich.
Batuti beförderte gerade den zweiten Gegner ins Wasser. Die Muskete, die auf ihn selbst zielte, störte ihn nicht. Aber als er mit furchterregend rollenden Augen herumwirbelte und nach dem nächsten Opfer Ausschau hielt, sah er die Steinschloß-Pistole, die sich gegen Dans Magengrube preßte – und damit war auch für den schwarzen Herkules der Kampf zu Ende.
„Aufhören, oder dein Freund ist eine Leiche!“ brüllte Jean Morro.
Mit dieser Methode hatte er schon zweimal Erfolg gehabt, wenn es so aussah, als würden die Seewölfe eine dreifache Übermacht mit Leichtigkeit auseinandernehmen. Auch diesmal funktionierte es. Batuti knirschte mit den Zähnen, stöhnte vor Wut, aber er konnte nichts mehr tun, wenn er nicht Dans Leben aufs Spiel setzen wollte.
Jean Morro atmete langsam aus. Seine Stimme klang schneidend.
„Bindet sie an die Gräting!“ befahl er. „Zwanzig Hiebe mit der Neunschwänzigen für jeden! Esmeraldo!“
Der Einäugige rappelte sich mühsam von den Planken hoch. Noch stöhnte er, aber er hatte den Sinn des Befehls begriffen, da begann sein eines Auge in bösem Triumph zu glitzern. Er sah zu, wie Dan und Batuti an die schräggestellte Kuhlgräting gefesselt wurden.
Sie konnten sich nicht wehren. Denn Jean Morro, der Bretone, hatte längst ihren einzigen schwachen Punkt herausgefunden. Jeder dieser beiden ungleichen Männer war notfalls bereit, sich für seinen Kameraden in Stücke hauen zu lassen, und man brauchte nur dem einen eine Waffe an die Schläfe zu setzen, um den anderen ohne großen Aufwand zum Gehorsam zu zwingen.
Dan O’Flynn befand sich in einem Delirium der Wut, als hinter ihm die Peitsche zu pfeifen begann.
Batuti wurde als erster ausgepeitscht. Zwanzig Hiebe waren viel, selbst für einen Bullen von Kerl, aber der schwarze Herkules nahm sie hin, ohne einen Laut von sich zu geben oder das Bewußtsein zu verlieren.
Dan spannte die Muskeln und schloß die Augen. Die Stimme, die laut die Schläge mitzählte, schien wie eine gigantische Glocke in seinem Schädel zu dröhnen. Er glaubte, jeden einzelnen Hieb, der Batuti traf, auf seinem eigenen Rücken zu spüren, und er wußte, daß es Batuti genauso gehen würde.
„Zwanzig!“ rief Pepe le Moco.
Esmeraldo keuchte. Er war wütend, weil es ihm nicht gelungen war, den Neger zum Schreien zu bringen. Aber bei dieser halben Portion, diesem schlanken, jungen Mann würde er es schaffen, das glaubte er jedenfalls.
Er irrte sich.
Dans Kiefer preßten sich wie ein Schraubstock zusammen. Nach dem zehnten Hieb war sein Rücken eine brennende Hölle, aber er versuchte, nicht an den Schmerz zu denken. Er dachte daran, wie er Jean Morro an der Kehle packte, ihn langsam erwürgen, ihm die Haut abziehen, ihn den Haien zum Fraß vorwerfen würde.
Die letzten drei, vier Hiebe spürte Dan nicht mehr.
Er kam erst wieder zu sich, als ihm jemand eine Ladung Seewasser über den zerfetzten Rücken kippte. Das Salz brannte in den offenen Wunden. Dan biß sich die Lippen blutig. Verzweifelt klammerte er sich an den Gedanken, wie er es Jean Morro heimzahlen würde, und aus weiter Ferne hörte er die Stimme des Bretonen.
„Schneidet sie los! In die Vorpiek mit ihnen! Wir werden die Kerle schon kleinkriegen!“
Der Schiffsjunge Bill wand sich durch das Gewirr der Schlinggewächse wie eine Schlange.
Immer wieder mußten sie sich für Minuten durch das Dickicht kämpfen, das jede Lücke zwischen den roten Felsen ausfüllte. Hasard lächelte still vor sich hin, während er den Jungen beobachtete. Bills Gesicht glühte nicht nur von der Hitze. Seine ganze Haltung spiegelte hellwache Spannung, die braunen Augen leuchteten erregt. Fünfzehn Jahre war er alt, der Moses. Und mit seiner unbekümmerten Jugend brachte er es immer wieder fertig, Sorgen und Ängste abzuschütteln wie Wassertropfen und das Abenteuer des Augenblicks zu genießen.
Soll er, dachte Hasard.
Aber gleichzeitig wurde ihm wieder einmal klar, daß Bill noch lange kein Mann war, der für sich selbst einstehen konnte, daß er jemanden brauchte, der auf ihn aufpaßte. Dan O’Flynn war vor ein paar Jahren genauso gewesen, nur noch entschieden frecher, vorwitziger und hitzköpfiger. Ein Heißsporn war er immer noch. Ungerechtigkeit und Gemeinheit vermochte er nicht mitanzusehen, da war es mit seiner Beherrschung vorbei, Vernunft hin oder her – und deshalb bereitete sich Hasard Sorgen.
Vor ihm hatte Bill eine Art Hochfläche erreicht und lief leichtfüßig durch das Gewirr von Felsen und lichtem Buschwerk. Vor einer tief eingeschnittenen Mulde hielt er. Seine Stimme klang triumphierend.
„Da ist es! Ich kann die Feuerstelle sehen!“
Hasard und Al Conroy traten neben ihn.
Sie hatten das Lager der Piraten noch nicht gesehen, da der Bretone sie offenbar von Dan und Batuti hatte fernhalten wollen. Der Seewolf schloß daraus, daß die beiden über das Ziel der „Isabella“ Bescheid wußten. Er hoffte, daß es ihnen vielleicht gelungen war, irgendeine Art von Nachricht zurückzulassen.
Daß die Mulde mit der Quelle, dem dichten Gras und den schattenspendenden Felsen tatsächlich der Schlupfwinkel der Piraten gewesen war, ließ sich an vielen Kleinigkeiten ablesen. Die Männer des Bretonen hatten eine zerfetzte Persenning zurückgelassen, leere Flaschen, Tabaksbeutel, gestapeltes Feuerholz und einen zerbeulten Kessel, der an einem provisorischen Dreibein baumelte.
Noch war das Gras niedergedrückt von den Tritten vieler Füße. Bill wollte rasch in die Mulde hinuntersteigen, aber Hasard hielt ihn an der Schulter zurück.
„Warte! Schau dich erst einmal genau um!“
Bill warf dem Seewolf einen Blick zu, dann kniff er die Augen zusammen. Nach einer Weile hob er wieder den Kopf.
„Man kann aus den Spuren etwas herauslesen, nicht wahr, Sir?“
„Richtig. Und was liest du daraus?“
„Rund um die Feuerstelle ist das Gras am meisten zertrampelt“, sagte Bill. „Da hinten ist es glatt niedergedrückt, wahrscheinlich haben die Kerle da geschlafen. Aber ich verstehe nicht, was die Löcher und Narben da drüben im Gras bedeuten.“
„Stiefelspuren“, sagte Hasard. „So rammt man die Absätze ins Gras, wenn man gefesselt ist und sich mit den Füßen abstößt.“
„Also haben Dan und Batuti dort gelegen und sich nach einer Weile aufgerichtet, um sich mit dem Rükken an die Felsen zu lehnen?“
„Wahrscheinlich.“ Der Seewolf lächelte. „Schauen wir uns die Stelle mal näher an.“
Über die glatten roten Felsen glitten sie nach unten. Die Mulde war windgeschützt, und die Luft schien zu kochen. Hasard, Al Conroy und Bill durchquerten die Senke und traten zu der Stelle, wo das Gras von Stiefelabsätzen aufgerissen war.
Der Seewolf wußte, wonach er suchte.
Zwei Minuten später fiel sein Blick auf die Buchstaben, die Dan O’Flynn in den Stein gekratzt hatte. Auch Al und Bill standen schweigend vor der krakeligen, nur schwer entzifferbaren Inschrift.
„C-A-I-A-P-A-S“, buchstabierte Bill mühsam.
Hasard schüttelte den Kopf. „Der zweite Buchstabe ist ein H. Es heißt Chiapas.“
„Kommt mir bekannt vor“, murmelte Al Conroy.
„Sollte es auch“, sagte der Seewolf trocken. „Erinnerst du dich nicht an die Karten, die wir auf Sabreras Schiff gefunden haben? Chiapas ist ein Zipfel von Nueva Espana, südlich der Landenge von Tehuantepec. Im Landesinneren muß es ziemlich hohe Berge geben. Und an der Küste den schönsten Urwald.“
„Ach du liebe Zeit“, sagte Al Conroy ergriffen.
Hasard grinste freudlos. Ihm hatten die Abenteuer im Dschungel von Guayana und der grünen Hölle des Amazonas ebenfalls gereicht. Und er fragte sich, was, zum Teufel, die Piraten in einer Wildnis suchten, wie er sie hinter dem Namen Chiapas vermutete.
Al Conroy hatte offenbar ganz ähnliche Gedanken.
„Vielleicht suchen sie auch so etwas wie El Dorado“, sagte er. „Oder gibt es da oben keine Inkas?“
„Inkas nicht. Aber Maya. Möglich, daß du recht, hast, Al. Die Maya haben sicher nicht weniger unter den spanischen Eroberern gelitten als alle anderen Indios. Warum sollen sie sich nicht ebenfalls dorthin zurückgezogen haben, wo sie am sichersten vor Verfolgung und Terror sind: in die Regenwälder.“
„Also segeln wir nach Chiapas?“ fragte Bill eifrig.
Hasard warf ihm einen Blick zu. Der Junge hatte das kurze Gespräch stumm und gebannt verfolgt, und seine Augen leuchteten. Der Seewolf mußte lächeln, obwohl ihm eigentlich nicht danach zumute war.
„Sicher geht es nach Chiapas“, sagte er. „Notfalls auf einem Floß, mit einem alten Hemd als Segel.“ Und als er den Schatten sah, der über Bills Gesicht flog: „Nur keine Angst, mein Junge! Irgendwie werden wir es schon schaffen.“
3.
Die Vorpiek der „Isabella“ wurde von den Seewölfen seit jeher als „Vorhof zur Hölle“ bezeichnet.
Ein finsteres Loch, stickig, mörderisch heiß, von Ratten bewohnt und mit Gerüchen erfüllt, die auch dem härtesten Burschen den Magen umdrehen konnten. Unter der Gräting, auf der Ben Brighton, Big Old Shane und Stenmark kauerten, schwappte stinkendes Bilgewasser. Mehr als zwei Stunden hielten es die Männer jetzt schon hier aus, und ihr einziger Trost war, daß sie es freiwillig taten.
Was sich an Deck der „Isabella“ abspielte, nahmen sie nur als dumpfes Schrittegetrampel wahr, das sich vor ein paar Minuten für kurze Zeit zu wilder Heftigkeit gesteigert hatte.
„Scheint so, als ob sie sich prügeln“, sagte Stenmark mit gerunzelter Stirn.
„Sollen sie“, brummte Big Old Shane. Genausowenig wie Stenmark und Ben Brighton konnte er wissen, daß die Piraten Dan O’Flynn und Batuti mit an Bord geschleppt hatten. „Ich hoffe, sie schlagen sich gegenseitig die Köpfe ein. Um so leichter können wir sie dann später auseinandernehmen.“
„Später“, wiederholte Stenmark angewidert. „Müssen wir wirklich erst die Nacht abwarten?“
Ben Brighton nickte nachdrücklich. „Doch, Sten. Wir sind darauf angewiesen, Jean Morro in seiner Kammer zu überraschen. Wir können nicht zu dritt gegen eine ganze Schiffsmannschaft kämpfen.“
Stenmark zuckte mit den Schultern. Dem blonden Schweden war anzusehen, daß er sich in einer Stimmung befand, in der er notfalls auch ganz allein über die Piratenbande hergefallen wäre.
Big Old Shane preßte die Zähne zusammen. Das verwitterte, graubärtige Gesicht des früheren Waffenmeisters von Arwenack wirkte wie aus Stein gemeißelt. Seine Fäuste schlossen sich fester um die Eisenstange, die er als Waffe benutzte.
„Ich bin nicht mal so sicher, ob es wirklich gut ist, die Nacht abzuwarten“, sagte er in seiner langsamen, bedächtigen Art. „Es sei denn, wir verlassen uns blindlings darauf, daß es so läuft, wie wir es uns vorstellen.“
„Dafür steht zu viel auf dem Spiel.“ Ben Brighton hob fragend die Brauen. Er wußte, daß der graubärtige Alte einen ganz bestimmten Gedankengang verfolgte.
Shane bewegte die mächtigen Schultern. „Angenommen, wir schaffen es nicht! Wenn die Piraten auf Jean Morros Leben keine Rücksicht nehmen, müssen wir kämpfen, und wie das ausgeht, mag der Teufel wissen. Wenn alle Stricke reißen, bleibt uns immer noch die Möglichkeit, von Bord zu verschwinden. Jetzt! Heute nacht wird sich die ‚Isabella‘ schon zu weit von der Insel entfernt haben, um zurückzuschwimmen.“
„Zurückschwimmen?“ stieß Stenmark durch die Zähne. „Und uns von den Haien anknabbern lassen?“
„Shane redet vom äußersten Notfall, Sten. Besser vielleicht im Bauch eines Hais als mit Sicherheit an der Rahnock, oder?“
„Aber dafür stehen unsere Chancen besser, wenn wir die Dunkelheit abwarten“, führte Big Old Shane seine eigenen Überlegungen weiter. „Ich glaube …“
Er konnte den Satz nicht mehr beenden.
Jäher Lärm ließ ihn den Kopf heben. Schritte näherten sich, die Schritte von mindestens sechs, sieben Männern.
„Verdammt“, stieß Stenmark durch die Zähne.
„Ruhig“, sagte Ben Brighton mit schmalen Augen. „Vielleicht untersuchen sie nur das Schiff, die Laderäume …“
Er stockte abrupt.
Die Schritte waren jetzt deutlicher zu hören. Es gab keinen Zweifel mehr daran, daß sie sich der Vorpiek näherten.
Ben Brighton und Stenmark griffen schweigend nach ihren Pistolen. Big Old Shane richtete sich auf und glitt in den toten Winkel neben dem Schott. Die Schritte verhielten, dann erklang eine heisere, verzerrte und dennoch unverkennbare Stimme.
„Nimm deine Pfoten weg, du Sohn einer verlausten Wanderhure! Laß mich erst wieder die Hände frei haben, dann verarbeite ich dich zu Haferbrei, du verdammter, widerlicher …“
Ein klatschendes Geräusch erstickte die Stimme. Aber es war eindeutig die Stimme von Dan O’Flynn gewesen.
Die drei Männer in der Vorpiek starrten entgeistert das Schott an, das im selben Augenblick aufflog.
Eine Gestalt taumelte herein, ein hünenhafter Schatten, der stolperte, mit den gefesselten Händen das Gleichgewicht nicht halten konnte und auf die Gräting prallte.
Batuti, durchzuckte es Ben Brighton, und im selben Moment wurde auch Dan O’Flynn mit einem brutalen Stoß in die Vorpiek befördert.
Tanzendes Lampenlicht fiel in das finstere Loch.
Der Widerschein streifte die Gesichter von drei, vier Männern.
Sie grinsten hämisch. Einer von ihnen kicherte im Tonfall satter Zufriedenheit. Keine Sekunde später wurden ihre Mienen zu verzerrten Grimassen.
Gellend schrie einer der Kerle auf.
„N-n-nein …“ stammelte jemand im Hintergrund.
Die Männer glaubten, Gespenster zu sehen. Der bullige Pepe le Moco war der erste, der sich blindlings herumwarf und flüchtete.
Unter Vollzeug segelte „Eiliger Drache über den Wassern“ nach Südwesten.
Der Wind wehte raumschots, der schwarze Segler lag über Steuerbord und lief gute Fahrt. Die Stürme der letzten Tage hatten ihn weit nach Norden verschlagen, der Ruderschaden, der aufgetreten war, hatte ein übriges getan, um die Fühlung zwischen der „Isabella“ und dem „Drachen“ abreißen zu lassen. Aber Siri-Tong, Thorfin Njal und die anderen glaubten nicht, daß es besonders schwer sein würde, die Seewölfe wiederzufinden.
„Eiliger Drache“ war mit seinen vier Masten ein außergewöhnlich schnelles Schiff. Und das gemeinsame Ziel stand fest: der geheimnisvolle Westen, jene unbekannten Inseln inmitten der endlosen Wasserwüste zwischen der Westküste der neuen Welt und Siri-Tongs Heimat.
Die Rote Korsarin stand aufrecht auf dem Achterkastell und ließ ihr langes schwarzes Haar im Wind flattern. Ab und zu wanderte ihr Blick zu der riesenhaften, in Felle gekleideten Gestalt des Wikingers am Kolderstock.
Thorfin Njal trennte sich – genau wie Eike, Arne, Olig und der Stör – auch in der schlimmsten tropischen Hitze nicht von seiner gewohnten Kleidung. Und seinen alten, zerbeulten Kupferhelm abzunehmen, wäre ihm erst recht nicht eingefallen.
Im Augenblick steuerte er einen Kurs, bei dem das Kielwasser wie mit dem Lineal gezogen wirkte. In seinen mächtigen, schwieligen Fäusten nahm sich der Kolderstock wie ein Kinderspielzeug aus. Der schwarze Segler lief wie Samt und Seide. An Deck war es ruhig. Nur ab und zu unterbrachen knappe Segelkommandos die Stille, die Schreie der Seevögel, das Plätschern der Wogen gegen den Schiffsrumpf.
Auf der Kuhl döste Mißjöh Buveur vor sich hin, eine Flasche in der Faust, aber da er Freiwache hatte, verzichtete Siri-Tong darauf, ihn wegen der Sauferei zusammenzustauchen.
Dafür begann plötzlich Cookie, der Koch, lautstark zu lamentieren.
Wie eine Wildkatze fuhr er auf Mißjöh Buveur zu und versuchte, ihm die Flasche zu entreißen. Der untersetzte Mann wehrte sich. Binnen Sekunden war ein wildes Gerangel im Gange, das erst Siri-Tongs scharfer Zuruf stoppte.
„Er hat geklaut!“ zeterte der schmierige, dickliche Koch. „Er hat den Kokosnuß-Schnaps aus der Kombüse …“
„Kokosnuß-Schnaps?“ fragte die Rote Korsarin.
Cookie schluckte erschrocken. In seiner Aufregung fuhr er sich mit allen fünf Fingern durchs Haar – und dieses Haar war fast einen halben Yard lang und mit Öl von rechts nach links an den Schädel geklebt, um eine kahle Stelle zu verdecken. Rod Bennet, genannt Cookie, sah in Sekundenschnelle aus, als habe ihm jemand einen Eimer Algen über den Kopf gekippt.
„Das – das ist ein Rezept von den Eingeborenen“, stotterte er. „Man – man bohrt Löcher in die Kokosnüsse, damit Luft an die Milch dringt. Dann stopft man die Löcher wieder zu. Na ja, und dann wird mit der Zeit eben Schnaps daraus.“
„So“, sagte Siri-Tong.
Cookie sagte gar nichts, sondern fuhr fort, seine Haarpracht zu verwirren. Er wußte genau, was jetzt folgen würde.
„Kannst du dich vielleicht noch entsinnen, warum wir die Kokosnüsse in den Laderaum gepackt haben, Mister Bennet?“ fragte die Rote Korsarin gefährlich sanft.
„Als – als Verpflegung, Madam!“
„Nicht, damit du dir deinen Privatschnaps daraus herstellst?“
„N-nein, Madam!“
Siri-Tong atmete tief durch. Ihr Gesicht wirkte steinern. Sie überlegte noch, wozu sie den Sündenbock verdonnern sollte, da wurde sie unterbrochen.
„Deck!“ ertönte Hilos Stimme aus dem Großmars. „Mastspitzen Backbord voraus!“
„Ho!“ brüllte der Wikinger. „Das muß die alte ‚Isabella‘ sein! Kannst du sie erkennen?“
Hilo sah im Augenblick nur drei Mastspitzen, haarfeine Nadeln über der Kimm, und es würde auch noch eine Weile dauern, bis er mehr erkennen konnte. Siri-Tong wollte sich wieder dem Koch zuwenden, der sich an den Vorräten vergriffen hatte, aber der war inzwischen verschwunden.
Dafür drang gedämpftes Wehgeschrei durch das geschlossene Kombüsenschott.
Siri-Tong wandte sich ab. Sie gab vor, nichts zu hören, aber sie wußte, was jetzt passierte, genau wie die Wikinger, der Boston-Mann und der Rest der Crew, die sich eins grinsten.
Der Koch wurde gebraucht.
Man konnte keine der üblichen Disziplinarstrafen über ihn verhängen, ohne daß die gesamte Mannschaft darunter litt. Aber die rauhen Kerle hatten da im Laufe der Zeit ihre eigene Methode entwickelt.
Dazu brauchten sie nichts weiter als die heiße Herdplatte in der Kombüse.
Und danach wurde meist sogar das Essen, das der Koch zustande brachte, etwas besser. Allerdings nur für eine Weile. Ungefähr genauso lange, wie Cookie auf dem Bauch schlief und es sorgfältig vermied, sich hinzusetzen.
Das Geschrei verstummte allmählich.
Dabei polterte es – vermutlich flogen Töpfe und Pfannen durch die Kombüse. Ein paar Minuten später war auch das vorbei, und die Männer, die leicht zerrauft auf die Kuhl zurückkehrten, widmeten ihre Aufmerksamkeit nun ebenfalls dem Schiff, das der Ausguck gesichtet hatte.
Nur Cookie ließ sich nicht sehen.
Er heulte fast vor Wut. Am liebsten hätte er sich mit einer Kakerlaken-Suppe oder etwas ähnlichem revanchiert, aber dafür hatte ihm die Herdplatte als Sitzplatz denn doch zu wenig gefallen.
Für den Bruchteil einer Sekunde hatte in der Vorpiek der „Isabella VIII.“ eine Stille geherrscht, wie man sie im Zentrum, im „Auge“ eines Wirbelsturms findet.
Esmeraldos Aufschrei und die Art, wie sich Pepe le Moco jählings herumwarf, wirkten als Signal. Dann ging alles so schnell, daß die Männer des Bretonen es im einzelnen erst viel später begriffen.
„Arwenack!“ schrie Dan O’Flynn, obwohl er an Händen und Füßen gefesselt war und überhaupt nichts unternehmen konnte.
„Arwenack!“ brüllten Batuti, Stenmark und Big Old Shane im Chor, und die Piraten erhielten endgültig den Eindruck, als habe die Hölle selber ihre Dämonen ausgespuckt.
Vier Mann wollten sich gleichzeitig zur Flucht wenden.
In dem engen Durchlaß des Schotts war das etwas schwierig. Für einen Moment behinderten sich die Kerle gegenseitig, und der erste, der handelte, war Big Old Shane.
Wie ein angreifender Stier senkte er den Schädel und stürmte einfach in die schwankende Front seiner Gegner.
Die beiden mittleren Kerle torkelten zurück wie von einem Rammsporn getroffen. Einer von ihnen stieß einen gurgelnden Schrei aus und klappte zusammen. Der zweite ruderte verzweifelt mit den Armen, um nicht zu fallen. Dabei ließ er die Öllampe los, die er getragen hatte. Im Bogen flog sie durch den kleinen Laderaum unter dem Vordeck der „Isabella“, knallte auf den Boden und ging in Scherben.
„Feuer!“ kreischte einer der Piraten entsetzt. „Feuer! Feu …“
Er verstummte, weil Ben Brighton ihm die Faust in die Zähne geschlagen hatte.
Dem letzten Mann, der noch völlig verdattert im Schott stand und nicht wußte, wie ihm geschah, verpaßte Stenmark ein Ding in die Magengrube.
„Uuuiiie“, gurgelte der Kerl. Dabei quollen ihm fast die Augen aus den Höhlen. Den Weg gab er erst frei, als Stenmark ihn am Kragen packte und kurzerhand in die Vorpiek beförderte.
„Was soll das denn?“ schrie Dan O’Flynn aufgebracht, als der Bursche über ihm landete.
„Feuer!“ schrien jetzt auch andere Stimmen. Tatsächlich tanzten ein paar Flämmchen auf den Planken des Laderaums. Feuer stellte auf einem Schiff eine furchtbare Gefahr dar. Vor allem auf einem Schiff mit schwerer Armierung und entsprechenden Pulvervorräten, die verhältnismäßig trocken gehalten werden mußten, damit sie im Bedarfsfall funktionierten.
Ben Brighton wollte sich auf die Flammen stürzen, aber einer der kopflosen Piraten rannte ihm – vielleicht in gleicher Absicht – vor die Füße.
Der ruhige, besonnene Bootsmann brauchte immer einen kleinen Anlauf, um richtig in Fahrt zu geraten. Jetzt war es soweit. Nur mit halbem Ohr nahm Ben Brighton das Gebrüll an Deck wahr, wo Pepe le Moco vermutlich den Rest der Crew alarmierte. Er sah das Feuernest, und er sah den keuchenden Kerl dicht vor sich. Es war der, den sie den „anderen Burgunder“ nannten, aber das konnte Ben Brighton nicht wissen.
Er trat den Burschen mit Wucht vor das Schienbein, rammte ihm die Faust ins Gesicht, als er sich jaulend zusammenkrümmte, und schlug ihm zum Abschluß noch von oben aufs Haupt – was entschieden mehr war, als der „andere Burgunder“ vertragen konnte.
Er sackte sang- und klanglos in sich zusammen.
Ben Brighton wirbelte herum, suchte das Feuer und sah statt dessen einen um sich schlagenden Schatten durch die Luft fliegen. Der einäugige Esmeraldo überschlug sich zweimal und krachte auf die Planken. Die riesige Faust des Waffenmeisters von Arwenack hatte den Piraten genau dahin befördert, wo Shane ihn hinhaben wollte: auf die Flammen, die unter dem Anprall zum Glück erstickten.
Jäh breitete sich Dunkelheit aus.
Eine Dunkelheit, die erfüllt war von Stöhnen, Geschrei und keuchenden Atemzügen.
„Da!“ knurrte Stenmarks Stimme. „Und da – und da – und das auch noch …“
Jedes „da“ wurde von einem klatschenden Geräusch begleitet. Der Empfänger der Hiebe wimmerte zum Steinerweichen. Irgendwo erklangen tiefe, grollende Atemzüge, die nur aus dem mächtigen Brustkasten von Big Old Shane stammen konnten. Ben Brighton riß sich die Jacke vom Leib, um den Rest des brennenden Öls zu löschen.
Als er die letzten Funken austrat, sprang ihm jemand von hinten in den Nacken.
Ben spürte heißen Atem über sein Ohr streichen und feuerte einen Ellenbogen nach hinten. Der Pirat ließ los. Nicht nur das: Er segelte auch noch ein Stück durch die Luft. Unglücklicherweise prallte er im Dunkeln gegen Big Old Shane, und der graubärtige Alte lehrte den Burschen endgültig das Fliegen.
Wo der Kerl landete, war nicht zu überhören, weniger wegen des Aufpralls als wegen des Empörungsschreis, der aus der Vorpiek ertönte. Dan O’Flynn fand es ausgesprochen unfair, daß man ihm ständig Leute auf die Figur warf, statt ihn endlich zu befreien, damit er sich in den Kampf stürzen konnte. Was Dan O’Flynn von sich gab, war allerdings nicht zu verstehen. Denn mindestens zwei von den Piraten, die noch auf eigenen Beinen stehen konnten, ergriffen jetzt blindlings die Flucht und verursachten ein fürchterliches Gepolter.
Sie kannten den vorderen Laderaum der „Isabella“ nicht so gut. Im Gegensatz zu Ben Brighton und Big Old Shane, die keine Schwierigkeiten hatten, den Flüchtenden auch im Dunkeln nachzusetzen.
„Ihr seid vielleicht Kameraden!“ schrie Dan O’Flynn mit etwas gequetschter Stimme. „Verdammt, wollt ihr uns nicht endlich …“
„Losbinden!“ forderte der hünenhafte Neger mit Donnerstimme. „Batuti fressen Bretonen zum Frühstück. Gottverdammt, ihr nicht ganzes Vergnügen für euch allein!“
„Mist!“ schrie Stenmark im selben Moment.
Nicht wegen Batutis berechtigter Forderung, sondern wegen des bewußtlosen Piraten, über den er gestolpert war. Nach der Bauchlandung fühlte sich der blonde Schwede sekundenlang benommen, und bei dieser Gelegenheit wurde ihm bewußt, daß Batuti ständig etwas von „Frühstück“ und „Vergnügen“ schrie.
Stenmark verstand das nicht so recht, aber er verfiel von selbst auf den Gedanken, daß es von Vorteil war, die beiden Gefesselten in der Vorpiek zu befreien.
Der blonde Schwede hatte nicht geahnt, daß sich noch zwei Männer aus der Crew auf der „Isabella“ aufhielten. Mit Dan und Batuti, fand er, waren sie so gut wie unschlagbar. Fünf Seewölfe gegen einen Haufen lausiger Piraten, da würden die Fetzen fliegen. Aber nicht bei den Seewölfen, sondern bei ihren Gegnern.
Stenmark grinste und rappelte sich hoch – etwas taumelig, da er unglücklicherweise mit dem Kinn auf eine Querplanke geschlagen war.
Die völlige Finsternis wurde ihm zum Verhängnis. Er griff bereits zum Messer, während er auf das Schott zuschwankte, aber weder er noch Batuti, noch selbst Dan mit seinen scharfen Augen konnten sehen, daß der Kerl, den Big Old Shane in die Vorpiek geschleudert hatte, eben jetzt aus seinen Träumen erwachte.
Jacahiro, reinblütiger Maya vom Stamme der Chamula.
Der Bursche war nicht nur zäh, er hatte auch den Instinkt eines Raubtieres. Als er sich aufrichtete, geschah es mit der lautlosen Geschmeidigkeit, die seiner Rasse angeboren war und die man zum Überleben in der Wildnis brauchte. Jacahiro trug einen unterarmlagen Bronzestab am Gürtel, eine fünfkantige Waffe, die – mit einer Schlaufe am Handgelenk befestigt – in ihrer Funktion entfernt an Batutis Morgenstern erinnerte. Lautlos löste der Maya-Krieger die Waffe von seinem Gürtel, streifte sie über seine Rechte und schloß die Augen, um sich völlig auf die Geräusche im Dunkeln zu konzentrieren.
Stenmark ging von der irrigen Annahme aus, daß der unbekannte Pirat aufgrund eines Faustschlags von Big Old Shane in der Vorpiek gelandet sei.
Wo der ehemalige Schmied und Waffenmeister der Feste Arwenack hinhaute, wuchs nichts mehr. Stenmark ahnte nichts Böses, als er sich bückte und über die Gräting tastete. Er grinste im Dunkeln, als er ein Hosenbein zu fassen kriegte.
„Bist du das, Dan?“ fragte er.
„Nein, die Königin Von England!“ knirschte Dan O’Flynn. „Verdammt, beeil dich! Ich will diesen verdammten Bretonen zu fassen kriegen.“
„Na, na, na“, sagte Stenmark, während er nach Dans Fesseln tastete.
„Verdammtes Pirat hat kleines O’Flynn auspeitschen lassen“, grollte Batuti. „Bretone wird Fischfutter! Picadillo! Grrr!“
„Dieser Bastard!“ knurrte Stenmark. „Verdammt, Dan, halt still, ich kann nicht …“
Er stockte abrupt.
In allerletzter Sekunde spürte er den Luftzug, aber er hatte keine Chance mehr, Jacahiros Bronzestab auszuweichen. Tief in Stenmarks Schädel schien etwas zu explodieren. Er fiel nach vorn, und Dan stöhnte auf, weil der Schwede auf seinem zerschundenen Rücken landete.
Jacahiro schwang herum und glitt lautlos in den Laderaum.
Dan und Batuti fluchten um die Wette, aber es nützte ihnen nichts. Sie waren gefesselt und vermochten sich nicht zu rühren. Sie konnten nur noch abwarten, wie der ungleiche Kampf ausgehen würde.
Ben Brighton und Big Old Shane hatten nichts mehr zu verlieren.
Die Kerle, die vor ihnen über den Niedergang flüchteten, prallten mit ihren eigenen Kumpanen zusammen und wurden zurückgespült von der Woge der Angreifer. Der einäugige Esmeraldo verlor das Gleichgewicht und stürzte. Ben Brighton empfing ihn mit einem Tritt, der ihn vor die Füße seiner Kumpane beförderte.
Auch Pepe le Moco und der Burgunder stolperten. Klirrend schlidderte ein Säbel über die Planken. Die anderen Kerle rückten nach, sprangen über die Gestürzten weg – und prallten zurück angesichts der furchterregenden Gestalt, die sie im einfallenden Licht sahen.
Big Old Shane schwang mit beiden Fäusten eine mächtige Eisenstange.
Schritt um Schritt trieb er die Piraten zurück, fegte den Niedergang leer und kämpfte sich weiter. Wo er traf, gingen Männer brüllend zu Boden. Schon hatte Shane das Vordeck erreicht, doch im nächsten Moment ließ er sich fallen, weil die lange Flammenzunge aus einer Muskete auf ihn zuzuckte.
Ben Brighton schoß zurück, aber er schaffte es nicht mehr, seine Waffe wieder zu laden.
Wie ein lautloser Schatten tauchte Jacahiro hinter ihm auf.
Blitzschnell holte der Maya aus. Der Bronzestab wirbelte durch die Luft, traf den Nacken des Opfers – und der Bootsmann der „Isabella“ sank mit einem dumpfen Stöhnen zusammen.
Big Old Shane stieß einen Wutschrei aus, als er vom Boden hochschnellte.
Undeutlich sah er den geschmeidigen braunhäutigen Mann sowie den wirbelnden Bronzestab – und hob blitzartig die Eisenstange. Ein helles Klirren ertönte. Loslassen konnte Jacahiro seine Waffe nicht, da sie an seinem Handgelenk festsaß. Der Maya schrie auf. Urgewalten schienen an seinem Arm zu zerren und schleuderten ihn zur Seite. Jacahiro stolperte und fiel, aber Big Old Shane hatte dem Niedergang eine Sekunde zu lange den Rücken wenden müssen.
Den schmetternden Hieb mit dem Musketenkolben, der seinen Schädel traf, konnte selbst er nicht verkraften.
Ohne einen Laut kippte er nach vorn.
Er wachte erst wieder auf, als er zwischen Stenmark und Ben Brighton auf den Planken der Kuhl lag.
Auch die beiden anderen waren bei Bewußtsein. Sie waren nicht einmal gefesselt, aber das nutzte ihnen nichts. Mindestens ein halbes Dutzend Musketen zielten auf sie. Beim geringsten Widerstand würden die Geschosse sie zerfetzten.
„… vielleicht besser mitnehmen“, hörten sie die Stimme des einäugigen Esmeraldo. „Wir sind ohnehin zu wenig, wir könnten die Kerle gebrauchen.“
„Unsinn“, knurrte Jean Morro. „Es ist schon schwer genug, auf die beiden anderen aufzupassen. Mit fünf von diesen Teufeln an Bord hätten wir keine Minute mehr Ruhe.“
Für einen Moment blieb es still.
„Na dann“, sagte Esmeraldo gleichmütig und stieß Stenmark mit dem Fuß an. „Aufstehen, ihr Hunde! Ihr dürft schwimmen!“
Der blonde Schwede preßte die Lippen zusammen und quälte sich hoch. Ben wollte ihm folgen, aber Pepe le Moco stieß ihn mit dem Lauf der Muskete zurück.
„Einer nach dem anderen“, sagte er grinsend. Und in Stenmarks Richtung: „Hopp-hopp! Ab in den Bach! Und grüß die Haie!“
Die Seewölfe hatten keine Wahl.
Einer nach dem anderen wurde über Bord befördert, und dann konnten sie nur noch der „Isabella“ nachsehen, die wie ein stolzer Schwan nach Norden rauschte.
Wenig später sichtete der Ausguck auf der Galeone Mastspitzen über der Kimm, aber das konnten die drei Männer im Wasser nicht mehr hören.
Sie ahnten nicht, daß der schwarze Segler in der Nähe war. Sie mußten versuchen, die Insel zu erreichen, und alle drei wußten nur zu genau, was ihnen damit bevorstand.
4.
„Mannomann!“ sagte Smoky andächtig.
Ferris Tucker grinste und fuhr sich leicht verlegen durch das rote Haar. Hasard schlug ihm krachend auf die Schulter. Sie hatten alle wie die Wilden gearbeitet, aber daß das Ergebnis tatsächlich wie ein Boot aussah, war in erster Linie das Verdienst des Schiffszimmermanns.
Das Kernstück des abenteuerlichen Fahrzeugs stammte von dem Wrack auf dem Riff: ein Stück des Kielschweins, an dem noch der halbe Fockmast hing. Drumherum hatten sie unter Ferris Tuckers Anleitung ein Mittelding zwischen Auslegerboot und Floß gebaut. Ein ausgesprochen stabiles Fahrzeug, nicht kentersicher natürlich, aber unsinkbar, da es keine Hohlräume gab, die volllaufen konnten. Sechs bis acht Mann hatten Platz darauf.
Wenn der Teufel es wollte, daß sie tatsächlich keine andere Möglichkeit fanden, die Insel zu verlassen, würden sie drei von diesen Konstruktionen brauchen, und deshalb waren sie vor allem mit der Segelfläche sparsam gewesen.
Sie bestand aus einem kleinen dreieckigen Lateinersegel, das sie aus der einigermaßen heilgebliebenen Fock des Wracks herausgeschnitten hatten. Beim nächsten Mal würden sie sich mit der Persenning begnügen müssen, die im Lager der Piraten zurückgeblieben war. Übermäßig seetüchtig sah die ganze Konstruktion nicht aus, aber es grenzte ohnehin an ein Wunder, daß die Seewölfe binnen kürzester Zeit geschafft hatten, was der Piratenbande während ihres ganzen Aufenthalts auf der Insel nicht gelungen war.
„Probieren wir es aus“, sagte Hasard trocken. „Zuerst nach Nordosten, damit wir sehen, ob man mit dem Ding überhaupt an den Wind gehen kann. Dann nach Nordwesten …“ Er lächelte matt. „Könnte ja sein, daß wir dem schwarzen Segler begegnen.“
„Du willst ihn suchen?“ fragte Carberry skeptisch.
Hasard schüttelte den Kopf. „Das dürfte ziemlich sinnlos sein. Vielleicht hilft uns der Zufall. Aber vor allem möchte ich sehen, ob das Ding hier funktioniert. Falls nicht, müssen wir uns beim nächsten Versuch etwas anderes einfallen lassen.“
„Es wird funktionieren“, erklärte Ferris Tucker überzeugt.
„Klar“, sagte Carberry ebenso überzeugt. „Wenn du Ferris einen Bugspriet in die Hand drücken und ihm befehlen würdest, er soll eine Kutsche daraus bauen, würde das Ding garantiert auch rollen. Also was ist? Hieven wir den Waschzuber ins Wasser?“
Hasard nickte nur. Der „Waschzuber“ war ziemlich schwer, aber schließlich schwamm er auf der Lagune. Der Seewolf suchte drei Mann aus, die mit an Bord gingen: Ferris Tucker, Carberry und Matt Davies. Etwas mißtrauisch kletterten sie auf die Gräting, die das Deck bildete, und der Seewolf bediente das reichlich provisorische Fall, mit dem die Gaffelrute hochgezogen wurde.
Das Boot setzte sich tatsächlich in Bewegung.
Mit dem Ruder, das eigentlich seinen Namen nicht verdiente, ließ es sich sogar einigermaßen sicher aus der Lagune steuern. Hasard peilte das Strömungsluv an, korrigierte gefühlvoll den Stand des Segels, und Minuten später schaukelte das seltsame Fahrzeug in der sanften Dünung.
„Na also“, sagte der Profos, über das ganze zernarbte Gesicht grinsend. „Läuft doch wie Samt und Seide, was, wie?“
Das war zwar übertrieben, aber Hasard fand, daß in diesem Fall etwas Optimismus nicht schaden konnte.
Siri-Tongs Mandelaugen funkelten.
Sie war in die Wanten geentert und spähte durch das Spektiv nach Südwesten – dorthin, wo die überlangen Masten der „Isabella VIII.“ jetzt deutlich zu erkennen waren. Die ranke Galeone lag über Backbordbug auf Nordkurs. Flüchtig überlegte Siri-Tong, was den Seewolf dazu bewogen haben mochte. Dann ließ sie das Spektiv sinken, enterte ab und trat neben den Wikinger ans Schanzkleid des Vordecks.
Thorfin Njal kratzte hingegeben an seinem Kupferhelm – eine Angewohnheit, die speziell Ed Carberry immer wieder in Rage bringen konnte.
„Wieso sind die auf Nordkurs?“ fragte er gedehnt. „Ich hätte eher damit gerechnet, daß sie nach Westen voraussegeln würden.“
„Das dachte ich auch.“ Siri-Tong furchte flüchtig die Stirn. „Vielleicht suchen sie uns.“
„Auf Nordkurs? Der Pazifik ist doch keine Waschschüssel.“
Die Rote Korsarin zuckte mit den Schultern. „Wir werden es erfahren, Thorfin. Spätestens in einer Stunde. Laß etwas anluven! Wir gehen auf Parallelkurs.“
Thorfin Njals Stimme dröhnte über die Decks. Siri-Tong kehrte zurück aufs Achterkastell und warf dem Rudergänger einen prüfenden Blick zu, während „Eiliger Drache“ um eine Kleinigkeit nach Backbord herumschwang. Der schwarze Segler lief jetzt ebenfalls mit halbem Wind, und stetig wurden die beiden Schiffe aufeinander zugetrieben.
Die Stimmung an Bord des „Eiligen Drachen“ war ausgezeichnet.
Kein Mensch ahnte etwas Böses. Man würde mit der „Isabella“ zusammentreffen, es würde eine Wiedersehensfeier geben, Rum für alle, und dann konnte es endlich weitergehen, dem fernen Ziel entgegen. Gespannt starrten Siri-Tongs Männer zu der ranken Galeone hinüber. Schon ließen sich Einzelheiten erkennen, hastige Bewegungen an Bord. Selbst der Wikinger strahlte jetzt über sein ganzes bärtiges, wettergegerbtes Gesicht. Er hatte aufgehört, sich über den Kurs der Seewölfe den Kopf zu zerbrechen.
Siri-Tong stand am Steuerbord-Schanzkleid des Achterkastells.
Ihr Blick suchte Hasard. Noch hatte sie ihn nicht entdecken können. Mit einem weichen, ungemein weiblichen Lächeln hob sie von neuem das Spektiv, aber sie kam nicht mehr dazu, einen Blick hindurchzuwerfen.
Denn genau das war der Moment, in dem drüben auf der „Isabella“ die Stückpforten hochgingen und die schwarzen Mündungen der Siebzehnpfünder-Culverinen wie drohende Augen über das Wasser starrten.
Ben Brighton, Stenmark und Big Old Shane wußten genau, daß sie um ihr Leben schwammen.
Die erste häßliche Dreiecksflosse hatten sie vor einer halben Stunde gesehen. Der Anblick ließ sie versteinern, atemlos und fast ohne Bewegung trieben sie in der See, bis der Hai vorbeizog. Stenmark hielt das Messer zwischen den Zähnen, das in seinen längst auf dem Meeresgrund verschwundenen Stiefeln verborgen gewesen war und das die Piraten nicht entdeckt hatten. Es war die einzige Waffe, über die die drei Männer verfügten, und sie wußten, daß sie ihnen im Notfall nicht viel nutzen würde.
„Da!“ stieß Ben Brighton hervor. „Links voraus!“
„Hölle!“ murmelte Big Old Shane, der sorgfältig darauf achten mußte, nicht unterzuschneiden, damit kein Blut aus der Platzwunde an seinem Schädel ins Wasser geriet.
Schwarz und unheilvoll schnitt die dreieckige Flosse vor ihnen durch die See.
Für einen Augenblick verschwand sie und tauchte dann in bedrohlicher Nähe wieder auf. Die drei Männer bewegten sich so wenig wie möglich und hielten sich lediglich mit behutsamen Armbewegungen an der Oberfläche. Sie wußten, daß Geschrei und Gezappel Haie nicht abschreckten, sondern anlockten – und daß es außer einem Schuß in den Rachen nur eine Art gab, sie mit Sicherheit zu töten: indem man ihnen die Kehle durchschnitt.
Stenmark nahm das Messer in die Rechte.
Sein Gesicht hatte sich gespannt. Aus schmalen Augen beobachtete er den Hai, der sich jetzt als unheimlicher schwarzer Schatten unter dem Wasserspiegel abhob. Kein Zweifel, er hatte die Männer entdeckt und witterte Beute. Pfeilgerade schoß er heran, lautlos und geschmeidig – und dann war die Dreiecksflosse plötzlich verschwunden.
Stenmark holte Luft und tauchte. Zwei, drei Yards tief. Jetzt schwamm er tiefer als der Hai, der sich sofort nach der jähen Bewegung richtete. Stenmarks Muskeln verkrampften sich, als das Vieh auf ihn zuschoß wie eine schwarze Lanze, die ihn durchbohren wollte. Erst im letzten Moment vollführte der geschmeidige Leib eine Wendung, drehte ab und begann, die Beute zu umkreisen.
Stenmark spannte die Muskeln, dann tauchte er blitzartig tiefer.
Schräg von unten schoß er auf den Hai zu. Mit voller Wucht stieß er die Faust mit dem Messer nach oben und spürte, wie sich die Klinge tief in die empfindliche Kehle des Hais bohrte. Der schwarze Leib bäumte sich auf, wild peitschte die Schwanzflosse. Zwei-, dreimal riß Stenmark mit verzweifelter Kraft die Klinge hin und her, dann warf er sich herum und schwamm wie wahnsinnig, während hinter ihm eine Wolke von Blut die schimmernde grüne See färbte.
Als Stenmarks Kopf die Wasserfläche durchstieß, war der Todeskampf des Hais vorbei.
Ben und Big Old Shane atmeten erleichtert auf. Jedenfalls für den Augenblick, denn im Grunde wußten sie, daß sie zur Erleichterung keinen Anlaß hatten.
„Wir müssen hier weg“, sagte Ben gepreßt. „Das verdammte Blut wird ganze Rudel von Haien anlocken und …“
„Dem Himmel sei Dank!“ keuchte Stenmark im selben Augenblick mühsam.
„Dem Himmel … Bist du übergeschnappt? Hat dir der verdammte Hai eins mit der Flunke auf den Kopf gegeben?“
Stenmark grinste. Er war völlig außer Atem und beschränkte sich darauf, mit der Hand nach Süden zu zeigen. Ben Brighton und Big Old Shane warfen sich im Wasser herum, und ihre Augen weiteten sich ungläubig.
„Ein Boot!“ Bens Stimme klang heiser. „Verdammt, das ist doch …“
„Hasard!“ brüllte Shane mit voller Lungenkraft.
Und dann begannen die drei Männer aus Leibeskräften zu schwimmen.
Minuten später wurden sie von kräftigen Fäusten an Bord des abenteuerlichen Fahrzeugs gezogen.
Gerade noch rechtzeitig.
Denn ein paar Yards von ihnen entfernt schossen von allen Seiten pfeilschnelle schwarze Leiber auf die verschwimmende Blutwolke zu. Das Wasser verwandelte sich in eine brodelnde, aufgepeitschte Hölle.
5.
Das Gesicht der Roten Korsarin schien zu Stein zu erstarren.
Ungläubig blickte sie auf die geöffneten Stückpforten der „Isabella“, auf die drohenden Geschützrohre und auf die Männer an den Drehbassen. Siri-Tong begriff nicht. Sie war wie vor den Kopf geschlagen und genauso fassungslos wie Thorfin Njal, wie Juan, der Boston-Mann und all die anderen. Die Rote Korsarin wußte nur eins: daß hier ihr Schiff innerhalb der nächsten Minuten in einen furchtbaren Feuerhagel hineinlaufen würde und sie sofort etwas tun mußte.
Mit einer wilden Bewegung warf sie den Kopf zurück. Ihre schwarzen Mandelaugen glänzten wie polierte Onyxe.
„Abfallen!“ peitschte ihre Stimme. „An die Brassen! Auf Ruder! Klar bei Musketen! Konzentriertes Feuer auf die Geschützführer der Bugdrehbassen!“
„Weg mit dem Besan!“ brüllte Thorfin Njal. „Vierkant brassen die Großrahen!“
Auf den Decks war es schlagartig lebendig geworden. Ohne achteres Segel fiel „Eiliger Drache“ rasch ab. Siri-Tong preßte die Lippen zusammen, als sie den Fremden auf dem Achterkastell der „Isabella“ sah und und die erschrokkene Geste, mit der er das Manöver des schwarzen Seglers quittierte. Für einen Moment lagen die beiden Schiffe genau auf Kollisionskurs, und selbst aus der Entfernung war das jähe Geschrei zu hören, mit dem der Unbekannte dort drüben anluven ließ.
Männer mit Musketen stürzten zum Backbord-Schanzkleid des „Eiligen Drachen“.
Befehle gellten, Juan und der Boston-Mann sorgten in fliegender Hast dafür, daß wenigstens die Backbord-Geschütze bemannt wurden. Die Männer schufteten in wilder Hektik, und dennoch schien sich die Zeit endlos zu dehnen.
Der Wind drückte den schwarzen Segler jetzt schneller herum.
Die „Isabella“ luvte an, um die drohende Kollision zu vermeiden. Trotzdem stand die Situation auf des Messers Schneide, aber Siri-Tong wußte glasklar, daß sie keine Wahl gehabt hatte.
Nicht mit einem Schiff, das nicht gefechtsklar war, völlig überrascht von dem Angriff, dem Gegner fast hilflos ausgeliefert. An der Steuerbord-Breitseite der „Isabella“ vorbeizulaufen, hätte das Ende bedeutet. Hart an ihrem Bug vorbeizuschneiden, blieb riskant genug, und das konzentrierte Feuer auf die Bugdrehbassen war die einzige Chance, ohne Treffer davonzukommen.
Eine dünne Chance!
Siri-Tong wußte es. Sie hielt buchstäblich den Atem an – und dann begingen die Piraten auf der „Isabella“ den entscheidenden Fehler.
Der Rudergänger paßte nicht auf.
Wahrscheinlich saß ihm die Angst vor einem Zusammenstoß mit dem unheimlichen schwarzen Schiff im Nacken. Jedenfalls schwang die „Isabella“ plötzlich schneller herum, und ihr Bug drehte an „Eiliger Drache“ vorbei, ohne daß die Männer an den Drehbassen Gelegenheit zum Schuß hatten.
Die Backbordkanonen der Galeone waren zwar feuerbereit, aber die Geschützführer hatten nicht damit gerechnet, so schnell feuern zu müssen.
Die „Isabella“ war in den Wind geschossen, und der schwarze Segler lief mit vierkant gebraßten Rahen aus dem Schußbereich. Sekunden später krachte die Breitseite. Aber von den acht siebzehnpfündigen Eisenkugeln klatschten sieben ins Wasser, und nur eine einzige riß ein Loch in das aufgegeite dreieckige Lateinersegel am Besan.
Immerhin war der Bretone geistesgegenwärtig genug, um sofort den Feuerbefehl für die achteren Drehbassen zu geben.
Pfeifend und orgelnd schlugen die Geschosse ins Rigg des schwarzen Seglers. „Eiliger Drache“ lag platt vor dem Wind und rauschte davon. Schon die nächsten Drehbassen-Schüsse lagen zu kurz und konnten nur noch das Wasser aufwühlen, aber das änderte nichts daran, daß die beiden ersten schon genug Schaden angerichtet hatten.
Siri-Tong hatte durch ihr riskantes Manöver verhindert, daß sie gleich im ersten Ansturm in Fetzen geschossen wurden.
Jetzt galt es, das Schiff gefechtsklar zu machen, trotz zerraufter Takelage schnell auf Distanz zu gehen und Zeit zu gewinnen. Zeit brauchten sie am dringendsten. Und Zeit würde ihnen ihr Gegner nicht lassen, wenn es sich nicht gerade um einen blutigen Anfänger handelte. Siri-Tong hatte genug Erfahrung, um die Lage einschätzen zu können. Als der Wikinger neben ihr auftauchte, wirkte ihr schmales, rassiges Gesicht wie aus Marmor gemeißelt.
„Dreck!“ fluchte Thorfin Njal. „Wir sind im Nachteil. Wenn es wenigstens nicht die ‚Isabella‘ wäre!“
Die Rote Korsarin nickte mit zusammengepreßten Lippen.
Ihr Blick hing an dem Schiff – dem feindlichen Schiff, obwohl ihr das immer noch nicht recht in den Kopf wollte. Hätte es sich nicht um die „Isabella“ gehandelt, wäre die Sache einfach gewesen. Der schwarze Segler hatte Brandsätze an Bord, kleine Raketen, die weiter flogen und genauer trafen als Kanonenkugeln und die chinesisches Feuer regnen ließen, unlöschbares Feuer. Ein Schiff, das in dieses Feuer geriet, war rettungslos verloren. Deshalb würde Siri-Tong die Raketen nicht einsetzen. Denn weder sie noch der Wikinger wollten die „Isabella“ in Brand schießen.
Die Rote Korsarin warf das lange Haar auf den Rücken.
„Klar zum Halsen!“ befahl sie. „An die Geschütze!“ Und mit einem tiefen
Atemzug: „Wir versuchen, die Kerle von Steuerbord zu packen, den Rudergänger wegzuputzen und zu entern.“
Für Dan und Batuti erfolgte das Rumpeln, mit dem die Geschütze der „Isabella“ ausgefahren wurden, wie ein Blitz aus heiterem Himmel.
Sie hockten immer noch gefesselt in der Vorpiek. Seit das Schott wieder fest dichtgerammt worden war, hatten sie nur das Knarren der Rahen und Blöcke gehört und das Klatschen nackter Füße auf den Decksplanken. Dann wurden die Bewegungen an Deck plötzlich schneller, aufgeregter, und das Getrampel verriet, daß irgend etwas Ungewöhnliches passiert war. Die beiden Gefangenen richteten sich unwillkürlich auf – und kippten prompt auf die Gräting, als die Galeone urplötzlich anluvte.
Eine Breitseite donnerte.
Höchstens zwei Sekunden später hämmerten die achteren Drehbassen. Das taten sie bestimmt nicht, weil Jean Morro die Funktionstüchtigkeit der Geschütze prüfen wollte, denn zu diesem Zweck hätte er weder überhastet anluven noch das Schiff in den Wind schießen lassen müssen. Die Ereignisse ließen nur einen Schluß zu: Die „Isabella“ war in ein Seegefecht verwickelt.
„Mein lieber Mann“, flüsterte Dan ergriffen, während er sich aufrappelte.
Batuti lehnte mit der Schulter an einem der Süßwasser-Fässer. Im Dunkeln schimmerte das Weiß seiner Augäpfel.
„Verdammtes Don?“ fragte er heiser.
„Woher soll ich das wissen?“ Dan stockte, dann kniff er seine blauen Augen zusammen und sog scharf die Luft durch die Zähne. „Hölle! Das könnte der schwarze Segler sein. Ha! Die werden unser Schiff zu Kleinholz verarbeiten!“
„Kleinholz aus schönes ‚Isabella‘ von Seewolf?“ fragte Batuti empört.
Dan schluckte. Verdammt, daran hatte er nicht gedacht. Natürlich würde die Rote Korsarin Hasards Schiff nicht in Fetzen schießen. Und überhaupt: Woher sollten Siri-Tong und der Wikinger wissen, daß eine Bande von lausigen Piraten den Seewölfen das Schiff geklaut hatte? Thorfin und die Korsarin mußten völlig ahnungslos gewesen sein. Wahrscheinlich hatte die ganze Crew gejubelt, als die „Isabella“ gesichtet wurde. Und wenn sie irgend etwas veranlaßt hatten, dann waren allenfalls die Rumflaschen klar, aber ganz bestimmt nicht die Geschütze.
„Himmel, Mond und Haifischkotze!“ murmelte Dan. „Sie sind in die Falle gelaufen! O verdammt! Sie haben garantiert die volle Breitseite erwischt und …“
„Weil nix Ahnung, daß verdammtes Piraten auf ‚Isabella‘?“ fragte Batuti.
„Genau, Mann! Ich werde verrückt! Dieser Mistbock hat den schwarzen Segler in Trümmer gelegt!“
„Nix Trümmer“, sagte der schwarze Herkules mit schlagender Logik. „Wenn Trümmer, dann Krach, Bumm, Krrch, Rack! Und neue Breitseite, nix Drehbasse.“
Dan starrte seinen Freund an, schluckte zweimal und nickte.
„Ja, verdammt! Das stimmt!“ Und nach einer Pause: „Jetzt hab ich’s! Der ‚Drache‘ hat Lunte gerochen und ist im letzten Moment an unserem Bug vorbeigeschert. Vierkant platt vor dem Wind wahrscheinlich! Und weil der Bretone ein hirnrissiger Affe ist, hat er sich verschätzt und anluven lassen. Und dann ist dem Rudergänger der Kahn in den Wind geschossen! Ha!“
Dan grinste triumphierend. Batuti grinste auch, wie das Blitzen seines schneeweißen Raubtiergebisses bewies. Er lauschte und ließ die Augen rollen.
„Schwarzer Segler zurück“, prophezeite er. „Gleich Krach, Bumm, Krrch und …“
Weiter gelangte er nicht.
Das Donnern einer Breitseite riß ihm die Worte von den Lippen, und im nächsten Augenblick schien sich die „Isabella“ in den sprichwörtlichen Korken unter dem Wasserfall zu verwandeln.
Inzwischen war die Galeone abgefallen und glitt mit halbem Wind nach Norden. Das nächste schmetternde Krachen rührte eindeutig von den Backbord-Culverinen der „Isabella“ her. Nur sehr fern waren dröhnende Befehle zu hören. Wieder orgelte eine todbringende Ladung heran, wieder wurde die Galeone von Treffern durchgerüttelt. Diesmal krängte sie schwer nach Steuerbord, und Dan und Batuti wurden quer durch die Vorpiek gewirbelt.
Sie fluchten um die Wette.
Noch in ihre Flüche hinein begannen die Bugdrehbassen der „Isabella“ zu hämmern, während das Schiff weiter abfiel. Dan O’Flynn zappelte wie ein Fisch auf der Gräting und versuchte dabei zu rekonstruieren, was passiert war.
Der schwarze Segler hatte sich vermutlich erst mal außer Reichweite gebracht, in sicherer Entfernung gehalst, und war dann von achtern aufgesegelt – um längsseits zu gehen und zu entern, klar. Aber die Siebzehnpfünder der „Isabella“ waren mit ihren überlangen Rohren, ihrer großen Reichweite und Treffsicherheit nicht zu verachten. Und Siri-Tong wollte die Galeone in einem Zustand haben, in dem sie noch zu mehr taugte als zum Feuerholz. Mit einem einzigen Brandsatz hätte die Rote Korsarin das Gefecht entscheiden können. Doch genau das durfte nicht passieren.
Dabei dachte Dan einzig und allein an die „Isabella“, dieses Prachtstück von Schiff. Denn daß er und Batuti ebenfalls in den Flammen umkommen würden, hatte er im Augenblick völlig vergessen.
„Hölle und Leibhaftiges!“ fluchte der riesige Gambia-Neger in seinem schauderhaften Englisch. „Mist, elendig verdammichtes! Gleich großes Loch in Bauch von altes ‚Isabella‘. Batuti schneidet Streifen aus Haut von Wikinger, wenn …“
„Quatsch“, unterbrach ihn Dan. „Wenn sie gewinnen, ist der Bretone im Eimer, aber sie können nicht gewinnen, wenn sie Salut schießen. Wir fallen ab, verdammt! Himmel, wenn der Scheiß-Bretone jetzt das Heck des ‚Drachen‘ schneidet …“
Er sprach nicht weiter.
Das war auch nicht nötig. Batuti wußte selbst, daß der schwarze Segler keine Drehbassen führte und bei einem Angriff über Heck oder Bug ziemlich hilflos war, solange er nicht die Bronzegestelle zum Abschießen der Brandsätze einsetzte. Aber Siri-Tong verstand ihr Handwerk. Wenn die „Isabella“ abfiel, würde der schwarze Segler anluven. Und eine volle Breitseite, solange sie nicht die Wasserlinie traf, war immer noch besser als das chinesische Feuer.
Die nächsten Minuten schienen sich für die beiden gefesselten Männer in der Vorpiek zur Ewigkeit zu dehnen.
Wieder und wieder krachten die Breitseiten. Dan zerbiß sich die Lippen. Er glaubte jedes einzelne Manöver vor sich zu sehen. Dem Bretonen war am Anfang ein Fehler unterlaufen, als er anluven ließ und auswich, weil er die Gefahr des Zusammenstoßes überschätzte. Einen zweiten Fehler beging er nicht. Er wußte, daß er sich auf keinen Enterkampf einlassen durfte, weil die Besatzung des schwarzen Viermasters seiner Crew zahlenmäßig weit überlegen war.
Immer wieder wich er geschickt aus und gab dem Gegner keine Gelegenheit, an ihn heranzukommen. Einmal dröhnte ein vielstimmiger Triumphschrei über die Decks der „Isabella“, den selbst die Gefangenen in der Vorpiek hörten. Noch einmal donnerte eine Breitseite, dann fiel die Galeone ganz plötzlich ab und legte sich vor den Wind.
Kein Zweifel, die „Isabella“ floh.
Hätte sie den schwarzen Segler versenkt, wäre sie wieder auf Nordkurs gegangen. Daß sie mit achterlichem Wind nach Westen segelte, konnte nur bedeuten, daß sich die Piraten so schnell wie möglich in Sicherheit bringen wollten. Und das hieß, daß der „Eilige Drache“ zwar nicht mehr die Verfolgung aufnehmen konnte, aber auch nicht in einem Zustand war, in dem er den Piraten als leichte Beute erschienen wäre.
Dan O’Flynn biß die Zähne zusammen.
„Mist“, knirschte er. „Elender Mist! Siri-Tongs Crew hätte die ganze Bande in die Planken gestampft, wenn sie nur herangekommen wäre.“
„Crew wird jetzt Hasard suchen“, sagte Batuti. „Und dann hinter ‚Isabella‘ herjagen wie Teufel hinter armes Seele.“
„Hoffentlich“, murmelte Dan. Und nach einer Pause: „Wir müssen hier ’raus, Batuti. Und wir müssen zusehen, daß wir nicht wieder hier landen. Wenn der ‚Drache‘ auftaucht und Jean Morro kann uns die Pistole an den Kopf setzen, ist alles im Eimer. Wenn es soweit ist, müssen wir die Hände frei haben.“
„Für Morro abmurksen? Krrch?“
Batuti vollführte eine Bewegung, als drehe er jemandem den Hals um. Dan brachte schon wieder ein Grinsen zustande.
„Von wegen krrch! Wenn wir den Bretonen ins Jenseits schicken, schnappen uns die anderen. Sobald wir einen Schimmer von dem schwarzen Segler sehen, jumpen wir außenbords, das ist die einzige Chance.“
Batuti nickte im Dunkeln.
„Gut! Jumpen außenbords, schwimmen zu schwarzes Segler und helfen mit, ‚Isabella‘ wieder unter Nagel zu reißen.“ Er legte eine Pause ein, grinste breit und zeigte sein prächtiges Gebiß. „Und dann werden Piraten in Planken gestampft“, vollendete er. „Und Bretone abgemurkst. Krrch!“
Auf dem schwarzen Segler war die Stille gespenstisch.
Siri-Tong, der Wikinger und der Boston-Mann standen auf dem Achterkastell und starrten das an, was einmal ein Rigg gewesen war. Jetzt bestand es vorwiegend aus Fetzen. Die Großrah lag zerbrochen an Deck, Brassen, Fallen und Geitaue bildeten ein unentwirrbares Knäuel, von Fock und Lateinerbesan wehten nur noch Reste im Wind. Die Rote Korsarin hatte es bis zuletzt vermieden, die „Isabella“ in einen Trümmerhaufen zu verwandeln.
Die Galeone war zwar auch ziemlich zerrauft aus dem Gefecht hervorgegangen, aber sie befand sich immer noch in einem Zustand, in dem sie dem „Eiligen Drachen über den Wassern“ mit Leichtigkeit davonsegeln konnte.
„Ich begreife es nicht“, sagte Siri-Tong leise. „Die ‚Isabella‘ war unterbemannt. Vierzehn oder fünfzehn Leute, schätze ich. Ich begreife nicht, wie es dieser Haufen fertiggebracht hat, das Schiff in Besitz zu nehmen.“
„Vielleicht haben sie einen schmutzigen Trick angewandt. Der Teufel mag es wissen. Aber Hasard und die anderen müssen irgendwo stecken, verdammt noch mal!“
Siri-Tong preßte die Lippen zusammen. Ihre Augen waren noch dunkler als sonst und wirkten wie mit einem Schleier überzogen.
„Es gibt Inseln in der Nähe“, sagte sie. „Wir müssen suchen. Aber zuerst müssen wir diesen Trümmerhaufen wieder in ein Schiff verwandeln.“
Der Wikinger nickte nur. Sein mächtiger Brustkasten wölbte sich unter einem tiefen Atemzug. Langsam wandte er sich um, stemmte die Fäuste in die Hüften und blickte auf die verwüstete Kuhl hinunter.
„Was steht ihr da herum?“ brüllte er. „Hopp-hopp! Klar Schiff überall, aber ein bißchen plötzlich, bevor ich euch Feuer unter den Hintern entfache.“
6.
„Land ho!“
Stenmark war aufgesprungen und zeigte nach Süden, wo sich ein dunkler Buckel über die Kimm schob. Ferris Tucker fluchte, weil das Boot unter der heftigen Bewegung noch stärker schwankte. In einem mittleren Sturm würde es zweifellos sofort kentern. Der rothaarige Schiffszimmermann war auffallend schweigsam und grübelte darüber nach, wie er die Konstruktion verbessern konnte.
Überflüssige Grübeleien wahrscheinlich.
Hasard war überzeugt davon, daß der schwarze Segler sie finden würde. Aus schmalen Augen sah er zu den beiden charakteristischen Felsenkegeln der Insel hinüber und beobachtete die dünne Rauchfahne, die jetzt von der höchsten Erhebung aufstieg.
Sie hatten Wachen eingeteilt, die das Feuer unterhielten und in regelmäßigen Abständen grüne Zweige hineinwarfen, damit der Rauch dichter wurde. Das Signal war auf diese Weise aus großer Entfernung zu sehen. Die Männer auf dem Boot hatten die dünne graue Rauchfahne schon zweimal entdeckt, als die Insel noch hinter der Kimm lag, und dem Ausguck des schwarzen Seglers würde es genauso gehen.
Es dauerte noch fast eine Stunde, bis das schwerfällige Fahrzeug das Riff erreichte und durch eine der Lücken in die Lagune glitt.
Die Seewölfe standen am Strand, winkten und halfen dann, das Boot auf den Sandstreifen zu ziehen. Die Männer wirkten erregt, bedrückt, hin- und hergerissen zwischen der Erleichterung, Ben, Shane und Stenmark gesund und unverletzt wiederzusehen, und der Enttäuschung über das mißglückte Unternehmen. Ben Brighton mußte die Ereignisse auf der „Isabella“ noch einmal in allen Einzelheiten berichten, und die anderen knirschten mit den Zähnen vor hilfloser Wut.
Hasard, Ed Carberry und Blacky stiegen zu dem roten Felsenkegel hinauf, um die nächste Wache am Feuer zu übernehmen.
Die anderen gingen unter Ferris Tuckers Leitung daran, brauchbare Wrackteile für ein weiteres Floß zusammenzusuchen.
Im Grunde wußten sie alle, daß es nicht viel Sinn hatte. Aber niemand sprach es aus, denn alles war besser, als untätig hier herumzusitzen und auf den schwarzen Segler zu warten.
Die Karavelle „Santa Monica“ lag über Backbordbug am Wind und segelte Nordostkurs.
Juan de Correggio, Capitan im Dienste Seiner Allerkatholischsten Majestät, des Königs von Spanien, stand auf dem Achterkastell und starrte aus schmalen Augen über die leicht bewegte, im Sonnenlicht glänzende See. Die „Santa Monica“ war in den Stürmen der letzten Tage von ihrem Verband getrennt worden. Es waren fünf Karavellen und eine dickbauchige Galeone, die Silber transportierte. Capitan Correggio hatte sich eingebildet, daß es leicht sein würde, die Schiffe wiederzufinden, aber in den letzten Stunden hatte es so ausgesehen, als schwimme die „Santa Monica“ mutterseelenallein auf dem Pazifik.
Der Capitan fluchte.
Nur in Gedanken allerdings, denn alles andere war seiner Meinung nach für einen Diener Seiner Allerkatholischsten Majestät nicht angemessen. Und Juan de Correggio hielt sich für einen besonders guten Diener seines Herrn – er hielt überhaupt eine Menge von sich, seinen seemännischen Fähigkeiten, seinem Verstand und seiner Kampfkraft.
Daß seine Mannschaft anderer Meinung war, hätte ihn im höchsten Maße erstaunt, denn natürlich kam es ihm nie zu Ohren. Die gesamte Crew vom Moses bis zum Steuermann wünschte den langen, dürren Capitan mit dem monströsen Zwirbelbart dahin, wo der Pfeffer wächst. Daß er einen Kaplan an Bord hatte, der jeden Morgen die Messe las, mochte noch angehen. Daß er jegliches Fluchen bei Strafe verbot, spielte auch nicht die Hauptrolle, da er seine Ohren nicht überall haben konnte. Aber Juan de Correggio war ein miserabler Kapitän, er war einfach unfähig, und das hatte auch der letzte der Mannschaft längst herausgefunden.
Daß die „Santa Monica“ nicht im Sturm gescheitert war, grenzte an ein Wunder, das einerseits dem Steuermann und andererseits einem gütigen Geschick zu danken war. Jetzt kreuzte der Capitan blindlings und sinnlos durch die Gegend, um den Verband wiederzufinden, der vermutlich längst in Richtung Nueva Espana segelte. Genau das hätte Correggio ebenfalls tun sollen, aber in diesem wie in vielen anderen Punkten hatte er nun mal seine eigenen Ansichten.
Ansichten, die sich anscheinend als richtig erwiesen, als der Ausguck im Großmars plötzlich Rauchzeichen Backbord voraus meldete.
Durch das Spektiv konnte der Capitan die dünne Rauchfahne jetzt ebenfalls sehen. Seine Augen glitzerten leicht, als er sich dem Steuermann zuwandte, der neben ihn getreten war.
„Rauchzeichen, Diaz! Eins unserer Schiffe ist gestrandet. Oder im Sturm gekentert. Die Männer haben sich offenbar auf eine Insel gerettet.“
Jose Diaz kratzte sich hinter dem rechten Ohr. Daß das Feuer auf einer Insel brannte, stand fest. Aber wer es angezündet hatte, war nach Meinung des Steuermanns noch sehr die Frage.
„Es könnten auch Eingeborene sein, Capitan. Oder Piraten.“
Juan de Correggio schüttelte den Kopf.
Er sah sich bereits als Retter seiner Landsleute und Held der Stunde. Außerdem hatte seine Version ja immerhin etwas für sich, weshalb er auch keinerlei Gefahren sah, denen man besser auswich. Mit einem tiefen Atemzug richtete er sich auf und versuchte, seine eher schmal geratenen Schultern zu recken.
„Eingeborene und Piraten geben keine Rauchzeichen!“ erklärte er kategorisch. „Klar zum Abfallen! Wir laufen die Insel an und suchen nach den Schiffbrüchigen!“
„Schiff ho!“ brüllte Blacky. „Mastspitzen! Genau Backbord querab!“
Wenn man seine Sitzposition bedachte und sich die Insel als Schiff vorstellte, hatte er recht. „Backbord querab“ lag für ihn im Süden. Aber auf solche Feinheiten achteten im Augenblick weder Hasard noch Ed Carberry, dafür waren sie viel zu erleichtert.
„Eiliger Drache!“ schrie Carberry. „Verdammt, das muß er sein, das …“
„Was? Wo?“
Es war Pete Ballie, der das fragte. Er, Bob Grey und Matt Davies kletterten gerade über die Schräge des Felsenkegels, um die nächste Wache am Feuer zu übernehmen. Jetzt standen sie in der flachen Mulde auf der höchsten Erhebung der Insel und betrachteten verständnislos den wie ein Wilder mit den Armen fuchtelnden Profos und Blacky, der auf einem Felsblock hockte und unverwandt durch das Spektiv nach Süden starrte.
„Der schwarze Segler!“ dröhnte Carberry. „Was sagt ihr nun, ihr Rübenschweine?“
„Halt mal die Luft an, Ed!“ Hasard schwang sich mit einem Sprung zu Blacky auf den Felsen und nahm ihm das Spektiv aus der Hand. Selbst der Profos wurde sehr still. Sicher, es lag nahe, zu glauben, daß es sich bei dem fernen Schiff um den schwarzen Segler handelte. Aber es konnte genausogut ein Spanier sein, ein Pirat oder sonst was, und die Gesichter der Männer spiegelten fiebrige Spannung.
Hasard schwenkte langsam den südlichen Horizont ab.
Eine Viertelminute später hatte er die Mastspitzen im Blickfeld. Hauchfeine Linien – als ragten dünne Stecknadeln über die Kimm. Drei Stecknadeln! Hasard biß die Zähne zusammen, beobachtete weiter und starrte zwei volle Minuten auf das ferne Gebilde, aber an den Tatsachen konnte das nichts ändern.
Der Seewolf ließ das Spektiv sinken.
„Es ist ein Dreimaster“, sagte er ruhig.
„Verdammt!“ knirschte Matt Davies.
„Die ‚Isabella‘?“ fragte Blacky hoffnungsvoll.
„Du hast wohl Bilgewasser im Hirn!“ fauchte der Profos. „Die ‚Isabella‘ ist nach Norden abgehauen, du Heringsbändiger. Glaubst du, die ist durch die Luft nach Süden geflogen, was, wie?“
„Phh!“ machte Blacky.
Hasard setzte von neuem das Spektiv an die Augen. Die drei Mastspitzen waren jetzt deutlicher zu sehen, aber das Schiff würde noch mindestens eine Stunde brauchen, bis es die Insel erreichte – wenn es überhaupt Kurs auf die Insel nahm. Hasards Blick wanderte zu der dünnen Rauchsäule des Signalfeuers. Auch Ed Carberry starrte in die Flammen und kratzte sein zernarbtes Rammkinn.
„Sollen wir das solange löschen?“ fragte er.
„Warum? Erstens ist der Rauch bestimmt schon gesichtet worden. Zweitens, weshalb sollen sie uns nicht finden? Etwas Besseres als ein spanisches Schiff kann uns doch gar nicht begegnen, oder?“
Für einen Moment blieb es still.
Pete Ballie begann breit zu grinsen. Blacky wurde plötzlich so zappelig, daß er fast von dem Felsblock fiel. Ed Carberry starrte Hasard an, atmete tief durch – und schlug sich ziemlich unsanft mit der flachen Hand an die Stirn.
„Ich Esel!“ stöhnte er. „Na klar, wir entern den Don! Die Einfachheit selber, Himmel, Archibald und Zwirn! Die Dons werden nachsehen wollen, was die Rauchzeichen bedeuten. Wir locken sie auf die Inseln und klauen ihnen ihr Schiff unter den Füßen weg.“
„Abwarten“, sagte Hasard trocken. „Es könnte nämlich auch ein ganzer Verband sein. Und dann werden wir uns verdammt anstrengen müssen.“
Die Seewölfe grinsten nur.
Etwa so, wie man sich das Grinsen eines Tigers vorstellen mag, bevor er in die Hammelherde einfällt. Man hatte ihnen übel mitgespielt, sie waren wütend, sogar sehr wütend – und angesichts dieser Tatsache hätte auch ein spanischer Verband besser daran getan, in einem weiten Bogen um die Insel zu segeln.
Zwanzig Minuten später glaubte Hasard mit ziemlicher Sicherheit sagen zu können, daß sich kein Verband, sondern ein einzelnes, vielleicht versprengtes Schiff der Insel näherte.
Nach einer weiteren Viertelstunde war deutlich zu erkennen, daß es sich um eine Karavelle handelte.
Und noch etwas sah der Seewolf: das große Holzkreuz, das unter dem Bugspriet baumelte und das auf allen Meeren nur von den Schiffen Seiner Allerkatholischsten Majestät, des Königs von Spanien, geführt wurde.
Als Hasard diesmal das Spektiv sinken ließ, grinste er mit blitzenden Zähnen.
„Es ist ein Spanier!“ verkündete er. „Und jetzt Tempo, Leute! Wir angeln uns den Fisch! Ich will endlich wieder Planken unter den Füßen haben.“
7.
Eine halbe Stunde später kauerten die Seewölfe versteckt zwischen Felsen und Dickicht und beobachteten die Bemühungen der spanischen Karavelle, möglichst dicht an die Insel heranzulaufen.
Hasards Lippen hatten sich zu einem Strich zusammengepreßt. Neben ihm rang Ed Carberry verzweifelt die Hände.
„Nein!“ flüsterte er. „Das darf nicht wahr sein! Diese Rübenschweine! Diese Vollidioten – verstehen die überhaupt was von der Seefahrt?“
„Die sind lebensmüde“, meinte Smoky.
„Oder blind.“ Matt Davies kratzte sich mit seinem Haken im Genick. „Vielleicht haben sie ’n Tropenkoller oder … Da! Gleich kracht es!“
Hasard knirschte mit den Zähnen.
Sein Blick hing an der Karavelle, die den wahnsinnigen Versuch unternahm, in die Lagune einzulaufen. Am liebsten hätte sich der Seewolf die Haare gerauft. Den anderen ging es genauso.
„Die kriegen es fertig, unserem Schiff den Bauch aufzuschlitzen, ehe wir es überhaupt haben“, prophezeite Ferris Tucker düster. „Der Kerl muß doch – sag mal, Kutscher, gibt’s irgendeine Krankheit, bei der man ein Mauseloch mit einem Scheunentor verwechselt?“
„Größenwahn“, sagte der Kutscher. Womit er nicht einmal unrecht hatte. Um etwas anderes als Größenwahn, gepaart mit heilloser Dämlichkeit, konnte es sich nach Hasards Meinung bei dem Spanier überhaupt nicht handeln.
„Wenn der den Kahn auf Grund setzt, krieg ich’s in den Kopf“, murmelte Smoky.
„Im Kopf hast du’s sowieso“, knurrte der Profos. „Gesalbter Mist, sieht der denn nicht, daß er gleich aufläuft? Abfallen, du Blödmann von Kapitän, abfallen, in drei Teufels …“
Der Spanier konnte Carberrys durch die Zähne gezischten Worte nicht verstanden haben, aber vielleicht hatte ein gütiges Geschick den Profos erhört.
Noch ehe er mit seinem Fluch zu Ende war, brüllte drüben auf der Karavelle eine sich fast überschlagende Stimme „Klar zum Abfallen!“ Der Capitan, erkannte Hasard, hatte es nicht einmal für nötig befunden, sich nach vorn auf die Back zu begeben, um nachzusehen, ob er sich bei der vermeintlichen Einfahrt im Riff nicht verschätzt hatte. Die Warnung des Bootsmanns war buchstäblich in letzter Sekunde erfolgt, und jetzt wurden auf der Karavelle in fliegender Hast die achteren Segel aus dem Wind genommen, damit das Schiff nach Backbord abfiel.
Es ging gerade noch gut.
Blacky bekreuzigte sich, der Profos drehte die Augen gen Himmel. Ben Brighton wischte sich den Schweiß von der Stirn. Kopfschüttelnd verfolgte er, wie die Karavelle dicht an den Felsen des Riffs entlangschor, eine halbe Ewigkeit platt vor dem Wind lag und endlich auf dem anderen Bug anluvte, um aus der Gefahrenzone herauszulaufen.
„Mannmann“, stöhnte Ferris Tukker.
„Der ist wohl auf ’nem Waschzuber Kapitän geworden“, sagte Bill mit seiner hellen Stimme. „Mit ’nem alten Hemd als Segel und einer Besatzung von verlausten, triefäugigen Kakerlaken.“
„Wenn du dem Profos in allen anderen Dingen auch so nacheiferst, bist du bald ein perfekter Seemann“, sagte Hasard trocken.
Bill schluckte. „Das – das möchte ich ja auch werden, Sir.“
„Dann fluch mal weiter“, sagte Smoky erheitert. „Wenn du fleißig übst, bist du bald besser als Sir John, Junge.“
Bill schluckte noch einmal. Der Seewolf grinste still vor sich hin. Er beobachtete die Karavelle, die jetzt fast genau dieselbe Stelle ansteuerte, an der die „Isabella“ auf Reede gelegen hatte. Fast wunderte sich Hasard, daß auch dieser Esel von Capitan die Vorzüge des Platzes erkannte.
„Fallen Anker!“ ertönte das spanische Kommando.
„Fallen Anker!“ klang es von der Back zurück, die Trosse rauschte aus, und zwei Minuten später verkündete der Bootsmann, daß der Anker Grund gefaßt hatte und die Trosse steifkam.
Danach tat sich erst mal eine Weile gar nichts.
Die Spanier suchten mit Spektiven die Insel ab, die Seewölfe duckten sich tief in ihre Deckungen. Eigentlich war es ganz klar, daß die Dons mißtrauisch werden würden: Wer Rauchzeichen gab, brauchte Hilfe, und wer Hilfe brauchte, versteckte sich nicht, wenn die Retter nahten. Ein halbwegs vernunftbegabter Mensch hätte jetzt äußerst vorsichtig werden müssen. Aber ein Capitan, der sein Schiff fast auf ein Riff setzte, das ein Blinder als unpassierbar erkannt hätte, konnte nach Hasards Meinung nur in sehr geringem Maße mit Vernunft begabt sein.
Nach fünf Minuten ergebnisloser Beobachtung fierten die Spanier ein Beiboot ab.
Sechs Mann kletterten hinein und pullten zu den Felsen, die an der Westseite der Insel den Strand begrenzten. Hasard lächelte matt. Er nahm an, daß die Spanier genau das tun würden, was auch die Seewölfe getan hatten: zunächst einmal das gesamte Eiland umrunden. Dabei würden sie auf die Nordseite mit der Steilküste geraten, außer Sicht- und Hörweite der Karavelle – und dort konnte man sie dann in aller Gemütsruhe vereinnahmen.
Erwartungsgemäß wandten sich die sechs Männer zunächst nach rechts, um am Strand entlangzugehen.
Hasard fragte sich flüchtig, warum das eigentlich jeder tat, der die verdammte Insel untersuchen wollte. Weil der Strand mit der tiefblauen Lagune und dem Palmengürtel soeinladend wirkte? Oder weil man annahm, daß derjenige, den man suchte, sich zuerst an diesem einladenden Strand zeigen würde? Egal! Die Spanier würden bis zur Nordseite der Insel etwa eine halbe Stunde brauchen, und die Seewölfe hatten Zeit genug, einen Hinterhalt zu legen.
Vorsichtig zog sich Hasard tiefer zwischen die Felsen zurück.
Die anderen folgten ihm. Zwei Dutzend Schritte, dann deckte der kleinere der beiden Bergkegel sie gegen die Sicht von der Karavelle aus. Ein paarmal mußten sie sich noch durch Dickicht kämpfen, dann durch lichteres Gebüsch, und schließlich erreichten sie die zerklüftete Hochfläche oberhalb der Klippen.
Noch war von den Spaniern nichts zu sehen. Die Seewölfe – mit Ausnahme der Gruppe, die Hasard zurückgelassen hatte, um die Karavelle zu beobachten – verbargen sich zwischen den Felsen und kletterten so weit wie möglich nach unten. Sie würden wie die Teufel über die ahnungslosen Spanier herfallen. Und sie würden schnell sein müssen. Ein bißchen Geschrei und Kampflärm durfte es getrost geben, aber der Knall eines Schusses würde auf der Karavelle ganz sicher gehört werden.
Hasard, Ferris Tucker, Ed Carberry und Matt Davies kauerten an einer Stelle, wo eine vorspringende Felsenase mit der Brandungskehle unter dem Kliff eine Art Höhle bildete. Die Männer rührten sich nicht und lauschten gespannt. Ihre Bewaffnung war spärlich, das meiste hatten die Piraten mitgenommen. Aber wenn alles nach Plan lief, würden die Spanier ohnehin nicht dazu kommen, Degen oder Pistolen zu ziehen.
Ein paar Minuten später verrieten das Poltern von Schritten und die wüsten Flüche, daß sich die Gruppe näherte.
Die Sonne brannte immer noch erbarmungslos vom Himmel, die Felsen auf der Landzunge speicherten die Hitze des Tages: Jedenfalls registrierte Hasard mit einem vorsichtigen Blick, daß die Spanier reichlich verschwitzt aussahen. Der Seewolf zog den Kopf zurück, grinste leise und lauschte auf die keuchenden, verbiesterten Stimmen.
„Verrückte Idee!“ knurrte jemand. „Wenn wirklich ein Schiff aus dem Verband untergegangen wäre, hätten sich unsere Leute doch längst gemeldet.“
„Wem sagst du das? Sag’s dem Capitan, du Hammel.“
„Der ist doch nicht bei Trost! Unsere Leute könnten verletzt sein und sich deshalb nicht am Strand zeigen – ha! Aber auf den Berg klettern und ein Feuer anzünden, das können sie, was?“
„Vergiß es! Wir tun, was man uns sagt und …“
„Und lassen uns von Eingeborenen auffressen oder sonst was, he? Ich habe die Schnauze voll! Bei der nächsten Gelegenheit mustere ich ab, da kannst du Gift drauf nehmen. Ich bin doch nicht blöd, ich doch nicht, Mann!“
Hasard spannte die Muskeln.
In der nächsten Sekunde mußten die Kerle in sein Blickfeld geraten. Sie erweckten zwar nicht gerade den Eindruck, als achteten sie besonders aufmerksam auf ihre Umgebung, aber man konnte nie wissen.
„Jetzt!“ flüsterte der Seewolf.
Mit einem Panthersatz schnellte er aus seinem Versteck und federte von der Seite her auf die ahnungslosen Spanier zu. Gleichzeitig wurde es überall zwischen den Felsen lebendig. Die sechs Kerle prallten zurück, als seien sie gegen eine unsichtbare Mauer gelaufen, wirbelten herum, aber da hatte Hasard den ersten schon am Kragen.
„Car …“ stieß der Bursche hervor.
Vielleicht wollte er „Caramba“ sagen, aber das brachte er nicht mehr heraus. Eine Faust krachte unter sein Kinn. Eine Viertelsekunde lang hatte er das Gefühl, sein Kopf fliege davon, und dann gingen für ihn so schnell die Lichter aus, daß er von der eigenen Luftreise nichts mehr merkte.
Hasard wirbelte herum und rammte dem nächsten Spanier den Kopf in den Bauch. Ferris Tucker schwang Batutis Morgenstern, Matt Davies zog sich einen der Kerle mit seinem Haken heran und donnerte ihm die Linke auf den Schädel. Ed Carberry hieb, ausnahmsweise ohne Gebrüll, mit einem Knüppel um sich, und alles in allem dauerte es nur ein paar Sekunden, bis die sechs Spanier bewußtlos im Geröll der Brandungsplatte lagen.
„Kinderkram!“ knurrte der Profos unzufrieden.
„Ein Mistspiel ist das“, pflichtete Matt Davies bei. „Macht gar keinen Spaß, wenn sich die Kerle schon beim ersten Antippen hinlegen.“
„Spaß kriegt ihr noch, wenn wir die Karavelle entern“, sagte Hasard trokken. „Das eine Boot ist ein bißchen wenig. Wir brauchen mindestens zwei. Aber die Kerle werden uns das zweite schon noch liefern.“
Smoky kicherte. „Na klar! Hat Ben ja auch getan, als wir ’ne Weile verschwunden waren. Wollen wir aus einem von den lahmen Dons herauskitzeln, wie viele Leute sie an Bord haben?“
„Gute Idee! Aber zuerst werden sie gefesselt und eine Etage höher gehievt. Ed, Ferris, Blacky!“
„Hopp-hopp, ihr müden Krieger!“ tobte der Profos los. „Ihr denkt wohl, heute ist Weihnachten, was, wie? Her mit den verdammten Tampen, aber ein bißchen plötzlich. Blacky, wenn du deine Quadratlatschen nicht schneller bewegst, hau ich dir auf deinen dicken Schädel, daß du genauso aussiehst wie die Mehlsäcke da! Seid ihr Betbrüder, oder was seid ihr?“
In diesem Stil ging es weiter. Nur etwas gedämpfter als gewöhnlich, denn der Profos hatte ein Organ, das normalerweise glatt Kanonendonner übertönte. Hasard grinste, während er mit Ferris Tucker und Big Old Shane über das Kliff aufenterte und ein stabiles Tau nach unten warf. Der erste Spanier war bereits gefesselt und wurde Hand über Hand hochgezogen.
Dabei wachte er auf und begann jämmerlich zu ächzen. Kein Wunder, denn er schwebte durchaus nicht in der Luft, sondern schrammte immer wieder unsanft über die Felsen. Und da zwei Kerle wie Ferris Tucker und Big Old Shane an dem Tau zogen, ging das Ganze durchaus nicht langsam, sondern sehr schnell und sehr ruppig vonstatten.
Einer nach dem anderen wurden die sechs Spanier hochgezogen, ein Stück vom Klippenrand weggeschleppt und nebeneinander auf den Boden geworfen.
Mit einer Ausnahme hatte die unsanfte Prozedur sie alle aus der Bewußtlosigkeit geweckt. Mit aufgerissenen Augen starrten sie in die grimmigen Gesichter der Seewölfe und sahen allesamt so aus, als hätten sie Bauchschmerzen.
Hasard blieb vor dem ersten stehen und grinste auf ihn hinunter. Der Spanier fand dieses Grinsen ziemlich beunruhigend, genau wie den zwingenden Blick der leicht zusammengekniffenen eisblauen Augen. Und die anderen sahen auch nicht friedlicher aus: dieser fürchterliche rothaarige Riese, der Bulle mit dem wüsten, zernarbten Gesicht und dem Amboßkinn, der Kerl mit dem Stahlhaken …
„Wie heißt euer Kapitän?“ fragte Hasard in seinem akzentfreien Spanisch.
„C-c-correggio“, stotterte der Bursche. „Juan de Correggio!“
„Wieviel Mann Besatzung habt ihr?“
Der Spanier schluckte unglücklich. Hasard zuckte mit den Schultern und gab Matt Davies einen Wink. „Ab mit dem Kerl!“
Matt schnitt eine wahrhaft furchterregende Grimasse, als er den Schweiger mit seinem Stahlhaken am Kragen packte. Das Opfer schrie Zeter und Mordio und wimmerte in allen Tonarten um Gnade. Kaum daß Matt hinter dem nächsten Felsen verschwunden war, verstummte das Geschrei, und das Gesicht des nächsten Spaniers nahm die Farbe von schmutziger Milch an.
Hasard grinste jetzt ausgesprochen bedrohlich.
Er wußte, daß Matt sein Opfer lediglich geknebelt hatte. Aber das wußten die anderen Spanier nicht. Sie glaubten felsenfest daran, daß ihr Kumpan über die Klinge gesprungen sei, und der Seewolf brauchte seine Frage kein zweites Mal zu stellen.
„Dreißig!“ sprudelte der Spanier hervor. „Wir sind dreißig Mann, wir …“
„Dreißig Mann für dieses Schiffchen?“ fragte Hasard zweifelnd.
„Es ist wahr! Wir – wir haben unterwegs die Leute einer leckgeschlagenen Karacke aufgenommen. Vor zwei Wochen war das. Ich schwöre …“
„Ab mit ihnen“, sagte Hasard. „Ihr werdet geknebelt und an die Felsen gebunden“, setzte er hinzu, als er das aufflackernde Entsetzen in den Augen des Mannes sah. „Wir brauchen nämlich noch ein zweites Boot, bevor wir euer Schiff entern.“
„A-aber …“
„Keine Angst, es gibt Wasser, Früchte und sogar Wildschweine auf dieser Insel. Ihr werdet wie im Paradies leben. Und außerdem seid ihr ja im Verband gesegelt, oder?“
„Aber die anderen sind doch längst weitergefahren. Nur Correggio, dieser verdammte Narr …“
Der Spanier schluckte und biß sich auf die Lippen. Daß man irgendwann nach ihnen suchen und sie sicher auch finden würde, fiel ihm bestimmt noch ein, wenn er Zeit zum Nachdenken hatte. Und die würde er haben, genau wie seine Kumpane, die jetzt einer nach dem anderen geknebelt und so an einzelne Felsblöcke gefesselt wurden, daß man sie höchstens aus unmittelbarer Nähe entdecken konnte.
Hasard lächelte zufrieden vor sich hin, als er das Ergebnis noch einmal inspizierte.
Die Spanier waren unfähig, sich irgendwie bemerkbar zu machen. Wie lange sie so aushalten mußten, lag an ihren Kumpanen. Oder besser an ihrem Capitan, auf den sie offenbar eine Stinkwut hatten. Der Kerl war ein Idiot, das hatte er bereits mit seinen irrsinnigen Manövern bewiesen. Vielleicht würde er überstürzt handeln, vielleicht war er auch ein typischer Zögerer. Letzteres wäre Hasard lieber gewesen. Denn für das Enterunternehmen, das er vorhatte, mußte er ohnehin die Dämmerung abwarten.
Dreißig Mann, überlegte er.
Weniger sechs, waren vierundzwanzig. Noch mal weniger sechs, blieben achtzehn. Und die Seewölfe waren zwanzig. Damit war das Verhältnis mehr als ausgeglichen, wenn man bedachte, daß selbst der schmalbrüstige Kutscher und der alte O’Flynn mit seinen Krücken zwei Spanier aufwogen und daß Kerle wie Ferris Tucker oder Ed Carberry notfalls ganz allein ein halbes Dutzend Dons zu Hackfleisch verarbeiten konnten.
Hasard grinste vor sich hin.
Er wußte schon jetzt, daß sich Edwin Carberry hinterher wieder darüber beklagen würde, daß derartiger „Kinderkram“ einfach keinen echten Spaß bereitete.
„Rum für alle!“
Die Rote Korsarin lächelte. Ihr Blick wanderte über die erschöpften Männer, über die aufgeklarten Decks, über das Rigg, das wieder ganz manierlich aussah. Die neue Großrah war in Rekordzeit geriggt worden, obwohl sie keinen Schiffszimmermann an Bord hatten. Aber ein paar von den Männern hatten eine Menge von Ferris Tucker gelernt. Und nicht nur von ihm, sondern auch von Will Thorne, dem weißhaarigen Segelmacher der „Isabella“.
Siri-Tong war zufrieden mit ihren rauhen Kerlen. Eine Crew wie. der Seewolf hatte sie nicht und würde sie wohl auch nie kriegen, denn diese verschworene Gemeinschaft war etwas Einmaliges. Aber auch die Mannschaft des schwarzen Seglers konnte sich sehenlassen: Die Gefahren und Abenteuer der langen Fahrt hatten sie zusammengeschmiedet und zurechtgeschliffen und selbst aus einer schmutzigen Ratte wie Muddi am Ende einen halbwegs brauchbaren Kerl werden lassen, der zumindest in gefährlichen Situationen einigermaßen seinen Mann stand.
Was jetzt hinter ihnen lag, war der Beweis dafür gewesen. Die „Isabella“ in den Händen von Spaniern, Piraten oder was auch immer, die Seewölfe einem ungewissen Schicksal ausgeliefert – das ließ der Crew des schwarzen Seglers keine Ruhe. Sie hatten in den letzten Stunden eine Leistung vollbracht, die man nur bewundern konnte.
Thorfin Njals Flüche und Drohungen waren nur als vertraute Begleitmusik notwendig gewesen. Niemand hätte die Männer anzutreiben brauchen. Sie hatten ihr Bestes gegeben, sich nicht gedrückt, wie die Wilden geschuftet und alle Schäden in der Hälfte der Zeit behoben, die man normalerweise hätte dafür veranschlagen müssen.
„Cookie!“ rief Siri-Tong. „Mister Bennet, wo steckst du, verdammt noch mal!“
„Hier, Madam!“
Cookie erschien im Kombüsenschott. Er hatte nicht weniger geschuftet als die anderen. Und die nicht ganz saubere Pfanne in seiner Faust bewies, daß er sich selbst jetzt nicht auszuruhen gedachte, sondern seine Pflichten als Koch erfüllte.
Im übrigen sah er aus wie das leibhaftige schlechte Gewissen. Aber ein schlechtes Gewissen war schließlich der erste Schritt zur Besserung.
Die Rote Korsarin lächelte.
„Ich glaube, dies ist der richtige Augenblick, um deinen Kokosmilch-Schnaps zu probieren. Cookie“, sagte sie. „Eine Muck für jeden, zusätzlich zum Rum. Aber kein Besäufnis, wenn ich bitten darf! Mißjöh Buveur, ich lasse dich kielholen, wenn du nachher blau an Deck liegst.“
„Aye, aye, Madame“, schmetterte der dickliche Franzose.
Und der Koch kriegte rote Ohren, weil er sich freute, daß sein Kokosnuß-Schnaps, den er eigentlich für seinen Eigenbedarf gebraut hatte, nun doch noch zu Ehren gelangte.
Als dann Siri-Tong persönlich probierte und dem Zeug einen gewissen Wohlgeschmack bescheinigte, waren nicht nur die Ohren des Kochs so rot wie mexikanischer Pfeffer.
Thorfin Njal kippte gleich eine ganze Muck von dem Gesöff in sich hinein und nickte zufrieden. Auch die anderen Männer waren begeistert: Das Zeug war wesentlich stärker als Wein oder Bier und konnte es durchaus mit dem gewohnten Rum aufnehmen.
Cookie erzählte, daß ihm die Eingeborenen auf der Insel der Steinernen Riesen das Rezept verraten hätten. Eingedenk der Tatsache, daß der Besuch auf jener Insel damals sehr kurz gewesen war, fanden alle den Koch sehr clever. Der wiederum strahlte wie ein Posaunenengel – und Siri-Tong sah voraus, daß das Essen an Bord des „Eiligen Drachen“ mindestens zwei Wochen lang entschieden besser als sonst werden würde.
Sie gestattete noch eine weitere Muck Kokosnuß-Schnaps. Danach waren die erschöpften, körperlich bis an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit ausgelaugten Männer leicht beduselt, aber Siri-Tong wußte, daß sie trotzdem noch ihre Arbeit tun konnten.
Mit Thorfin Njal und dem Boston-Mann zog sie sich in ihre Kammer im Achterkastell zurück.
Wieder einmal wurden die Karten bemüht. Denn die Rote Korsarin kannte den Seewolf und wußte ganz sicher, daß er sich die „Isabella“ bestimmt nicht von irgendeinem Piratenschiff hatte abnehmen lassen. Ihre Vorstellungen über den Lauf der Dinge kamen der Wahrheit sehr nahe.
„Hier!“ sagte sie.
Ihr Finger beschrieb einen Kreis um ein Gebiet, in dem auf der Karte einige kleinere Inseln eingezeichnet waren. „Wenn sie irgendwo sind, dann müßten sie hier sein – oder?“
Thorfin Njal kratzte hingegeben an seinem Kupferhelm.
„Stimmt“, sagte er. „Wenn sie auf einer Insel sind.“
„Wo sollen sie sonst sein, zum Teufel? Wir haben doch selbst gesehen, daß die Kerle auf der ‚Isabella‘ nur vierzehn oder fünfzehn Mann waren. Selbst wenn wir mit einem Dutzend Todesopfern rechnen – so ein Trupp hat doch die ‚Isabella‘ nicht gekapert, Thorfin! Die Kerle müssen auf einer Insel festgesessen haben. Und dann ist es ihnen wahrscheinlich gelungen, Hasard zu schnappen. Du weißt doch, daß er jedes Unternehmen, das auch nur von Ferne nach Gefahr riecht, immer selbst anführt.“
„Bei Odin, das tut er“, sagte der Wikinger. „Du könntest recht haben. Vielleicht hat der verdammte Sturm auf der ‚Isabella‘ Schäden angerichtet, die sich nicht mit Bordmitteln beheben ließen. Oder sie haben Rauchzeichen gesichtet, was weiß ich.“ Thorfin Njal atmete tief durch und nickte. „Suchen wir also diese Inselchen ab! Sofort, meine ich. Bis heute abend dürften wir’s geschafft haben.“
„Und dann folgen wir der ‚Isabella‘ und zahlen es diesen Dreckskerlen heim!“ Siri-Tongs Augen funkelten, als sie aufstand und das schwarze Haar zurückwarf. „Die größenwahnsinnigen Halunken werden noch einsehen, daß sie den schlimmsten Fehler ihres Lebens begangen haben.“
Federnd wandte sich die Rote Korsarin ab, trat wieder auf den Niedergang und kehrte aufs Achterkastell zurück. Mit einem zufriedenen Blick stellte sie fest, daß bereits drei Mann am Spill standen, bereit, den Treibanker aufzuholen, und daß Brassen und Geitaue zum Laufen klargelegt worden waren.
Minuten später war der Anker oben.
Knatternd entfalteten sich die schwarzen Segel, der Wikinger legte Ruder, und „Eiliger Drache über den Wassern“ segelte dunkel und majestätisch seinem Ziel zu.
Der Capitan der „Santa Monica“ war nicht beunruhigt, sondern verärgert.
Er suchte nicht erst nach einer Erklärung für das lange Ausbleiben seiner Leute, denn nach seiner Meinung lag die Erklärung auf der Hand: Die Kerls hatten angefangen zu bummeln, kaum daß sie außer Sicht gewesen waren. Wahrscheinlich bereiteten sie sich ein paar angenehme Stunden, statt ihren Auftrag auszuführen. Juan de Correggio knirschte vor Wut mit den Zähnen und schwor sich, jedem einzelnen dieser faulen Halunken die Haut vom Rükken peitschen zu lassen.
Der Rest der Mannschaft spähte ziemlich besorgt zu der Insel hinüber, von der sie nur die felsige Landzunge im Westen und die weit geschwungene, palmengesäumte Strandlinie sehen konnten. Die Sonne senkte sich bereits, die Schatten wurden unmerklich länger. In spätestens einer Stunde würde die Dunkelheit hereinbrechen, und dann konnte nur noch ein Verrückter auf die Idee verfallen, die Insel zu durchsuchen.
„Wir sollten etwas unternehmen, Capitan“, sagte Jose Diaz, der Steuermann.
„Sicher. Wenn diese Kerle in einer Stunde nicht zurück sind …“
„In einer Stunde ist es dunkel, Capitan! Dann müssen wir bis zum Morgen hier liegenbleiben.“
Correggio biß sich auf die Lippen. Er war kein Freund von schnellen Entscheidungen, aber immerhin sah er ein, daß der Steuermann recht hatte. Diaz traf ohnehin die meisten Entscheidungen. Jeder an Bord wußte das, nur der Capitan nicht. Denn Diaz war geübt darin, den anderen glauben zu lassen, daß es nach seinem eigenen Kopf ging. Hätte Juan de Correggio geahnt, daß in Wahrheit nicht er, sondern der Steuermann das Schiff führte, hätte er das Kommando sofort wieder an sich gerissen, und das wäre für Schiff und Mannschaft verhängnisvoll gewesen.
„Beiboot klarmachen!“ befahl der Capitan. „Diaz, suchen Sie sechs Mann aus, die an Land pullen! Ein bißchen plötzlich, bevor es dunkel wird!“
Der Steuermann biß sich auf die Lippen.
Er hatte eher daran gedacht, zunächst einmal die Insel zu umsegeln, was auch wesentlich vernünftiger gewesen wäre. Aber er wußte, daß er Correggio nicht dazu bringen konnte; einen einmal gegebenen Befehl wieder zurückzunehmen. Wenn er beschlossen hatte, zum Beispiel in eine Lagune einzulaufen, weil er im Riff eine Durchfahrt sah, die überhaupt nicht existierte, dann versuchte er das eben. Und dann ließ sich die Katastrophe mitunter nur noch durch Tricks abwenden. Zum Beispiel damit, daß der Bootsmann eigenhändig die Tiefe auslotete und dabei – wie Diaz sehr genau mitgekriegt hatte – ein bißchen mogelte, damit der Befehl zum Abfallen noch rechtzeitig erfolgte.
„Jawohl, Capitan“, sagte Jose Diaz nur und sprang auf die Kuhl hinunter, um die Rudergasten einzuteilen.
Sechs Männer enterten ab und kletterten auf die Duchten.
José Diaz schwang sich als letzter über das Schanzkleid, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt, daß er den Trupp anführte. Hinterher würde ihn der Capitan zusammenstauchen, aber nicht jetzt, vor versammelter Mannschaft, weil das die Disziplin untergrub, wie Correggio glaubte. Den Steuermann ließ das alles ziemlich kalt, denn er war felsenfest davon überzeugt, daß auf der Insel etwas nicht stimmte.
„Nordkurs!“ befahl er den überraschten Männern. „Wir werfen erst mal einen Blick auf die Rückseite der Insel. Ich habe keine Lust, wie ein Anfänger in irgendeine Falle zu gehen.“
8.
Krachend flog das Schott der Vorpiek auf.
Licht fiel in das finstere Loch. Licht, in dessen Schein die Läufe von zwei Pistolen schimmerten. Die Piraten hatten allmählich offenbar Respekt vor ihren Gefangenen, und sie hatten die Nase voll von unliebsamen Überraschungen.
Diesmal allerdings stürmten ihnen keine rasenden Teufel entgegen.
Dan O’Flynn und Batuti hockten ganz friedlich auf der Gittergräting. Sie hatten sogar auf den Versuch verzichtet, sich gegenseitig von den Fesseln zu befreien. Nicht, weil sie völlig zerschlagen und halb verdurstet waren, sondern weil sie sich über eine neue Taktik geeinigt hatten.
„Na, ihr Helden?“ sagte Pepe le Moco gehässig. „Gefällt’s euch da drinnen? Wollt ihr noch ein bißchen bleiben? Oder seid ihr etwa hungrig und durstig?“
Batuti knurrte nur noch. Dan beherrschte sich mit Mühe.
„Wollt ihr uns etwa hier krepieren lassen?“ fragte er.
Der Pirat grinste. Neben ihm stand der einäugige Esmeraldo und grinste ebenfalls. Lediglich Jacahiro, der Maya, schien kein Vergnügen daran zu finden, die wehrlosen Gefangenen zu verhöhnen.
„Ihr arbeiten, dann essen und trinken“, sagte er ruhig. „Ihr noch einmal Ärger versuchen, dann hier verhungern. Verstanden?“
„Verstanden“, sagte Dan.
„Und verhungern wollt ihr nicht, ihr Bastarde, oder?“ fragte Esmeraldo und kicherte.
„Nein, verhungern wollen wir nicht.“ Dans Gesicht war steinern, und er brauchte seine ganze Beherrschung, um die kalte Wut herunterzuwürgen.
„Na fein! Jacahiro, schneide den Bastarden die Fesseln durch. Erst mal nur die Fußfesseln, damit sie nicht auf dumme Gedanken verfallen.“
Der Maya zog sein Messer aus dem Gürtel und zersäbelte die zähen Riemen an den Fußgelenken der beiden Männer. Batuti schob sich mit einem tiefen Atemzug hoch, Dan wollte aufspringen und merkte, daß er kein Gefühl in den Beinen hatte. Er wäre gestürzt, wenn Jacahiro ihn nicht aufgefangen hätte. Dan fauchte wie eine Katze, schüttelte die Hand ab, die ihn hielt, und stellte dabei widerwillig fest, daß das verhaltene Grinsen des Indianers eigentlich gar nicht höhnisch und niederträchtig wirkte.
Batuti stampfte voran, Dan folgte ihm. Das helle Sonnenlicht an Deck ließ ihn blinzeln, und der frische, salzige Wind war nach dem Mief in der Vorpiek das reinste Paradies. Der hünenhafte Neger und der blonde Junge sahen sich um, dann blickten sie zu dem Bretonen hoch, der an der Schmuckbalustrade des Achterkastells lehnte.
Dan hatte einen Kloß in der Kehle.
„Was habt ihr mit unseren Leuten angestellt?“ fragte er rauh und hatte alle Mühe, kein „ihr verdammten Bastarde“ anzuhängen.
„Die gehen zu Fuß“, sagte der Bretone kalt. „Wir konnten sie hier nicht brauchen. Also was ist? Wollt ihr jetzt Borddienst tun oder lieber an der Rahnock baumeln?“
Dan wurde bleich unter der Sonnenbräune. Batuti sog scharf die Luft ein und schloß die Augen. Zu Fuß gehen – das hieß, daß die Kerle Ben, Stenmark und Shane über Bord geworfen hatten. Einfach so. Ohne Rücksicht darauf, daß sie kaum eine Chance hatten, die Insel zu erreichen – schwimmend durch ein von Haien verseuchtes Gewässer!
Batutis Zähne knirschten.
Dan schwieg und focht einen fürchterlichen Kampf mit sich selbst aus. Alles in ihm drängte danach, dem Bretonen seinen Haß und seine Verachtung ins Gesicht zu schreien. Oder ihm wenigstens an die Kehle zu fahren, sobald er die Hände frei hatte. Aber es war sinnlos, jetzt Selbstmord zu begehen. Solange sie am Leben waren, hatten sie eine Chance. Eine Chance, es diesen Bastarden heimzuzahlen und ihre Kameraden zu rächen.
Jean Morro kniff die grauen Augen zusammen.
„Also was ist?“ fragte er hart. „Borddienst oder Rahnock?“
„Borddienst“, quetschte Dan O’Flynn durch die Zähne.
„Und dein Freund?“
„Borddienst“, murmelte Batuti.
„Gut. Ich lasse euch jetzt die Fesseln abnehmen. Ihr werdet verschiedenen Wachen zugeteilt. Und bildet euch nicht ein, ihr könntet hier den Hund von der Kette lassen. Wenn einer von euch auch nur den geringsten Aufruhr veranstaltet, lasse ich den anderen sofort erschießen, ist das klar?“
Schweigen. Jean Morros Gesicht war eine kalte Maske.
„Ob das klar ist?“ fragte er gefährlich leise.
„Aye, aye“, sagte Dan zwischen zusammengepreßten Zähnen.
„Aye, aye, Sir, heißt das.“
„Nigger?“
„Aye, aye, Sir“, sagte Batuti mit merkwürdig fremder Stimme.
„Nimm ihnen die Fesseln ab, Esmeraldo! Der Lümmel kommt in die Kombüse, der Nigger zu den Fockmastgasten. Jacahiro, du paßt auf ihn auf!“
„In Ordnung“, sagte der Maya mit seiner dunklen, kehligen Stimme.
Er nickte Batuti zu und wies mit dem Kopf in die Richtung, in die der schwarze Herkules marschieren sollte. Aber Jacahiro fluchte nicht und brüllte nicht herum, und damit hatte Batuti entschieden das bessere Los gezogen.
Der schweigsame Maya war ein anständiger Kerl.
Ganz im Gegensatz zu dem fetten Tomaso, der Dan O’Flynn wieder unter seiner Fuchtel hatte. Als erstes ließ er sein Opfer die Kombüse schrubben, und die Art, wie er auf einem Dreibein saß und Speckstücke in sich hineinstopfte, zeigte, daß er nicht gesonnen war, sich selbst jetzt noch zu überarbeiten.
Dan O’Flynn kochte vor Wut.
Aber es war keine gesunde, wohltuende Wut, die ihn erfüllte. Es war eiskalter, würgender Zorn, ein Zorn, wie ihn nur schwarze Verzweiflung hervorbringt. Der Gedanke an Ben Brighton, Big Old Shane und Stenmark schien wie ein Feuer in ihm zu brennen, und seine Gedanken fieberten, während er den Boden der Kombüse bearbeitete.
Irgendwann würde der Bretone bezahlen.
Und wenn er Ben, Stenmark und Shane umgebracht hatte, würde er noch den Tag verfluchen, an dem er geboren worden war.
„Sieben“, sagte Ferris Tucker leise.
Der Seewolf nickte. Aus schmalen Augen verfolgte er das Boot, das sich von der Bordwand der „Santa Monica“ löste. Diesmal pullten die Männer nicht in Richtung Strand, sondern hatten offensichtlich den Plan, die Landzunge zu umrunden. Sie waren vorsichtig geworden und wollten erst einmal einen Blick auf die Nordseite der Insel werfen.
Viel Zeit konnten sie sich allerdings nicht dazu lassen.
In spätestens einer Stunde wurde es dunkel, dann konnte nur noch ein Verrückter versuchen, auf völlig unbekanntem Gelände irgend etwas zu finden. Das mußten auch die Spanier wissen. Nach Hasards Meinung hatten sie sich ohnehin schon unsinnig viel Zeit gelassen.
Ihm konnte es recht sein.
Für die Seewölfe ging es nur darum, mit den Booten die „Santa Monica“ zu erreichen, ohne von deren Kanonen in Fetzen geschossen zu werden. Im Enterkampf hatten die Spanier nicht den Schimmer einer Chance, darin waren ihnen die Seewölfe haushoch überlegen. Wenn sie erst einmal in den toten Winkel der Geschütze gelangten, gab es keine Schwierigkeiten mehr, dann war das Unternehmen für Hasards Crew so gut wie gelaufen.
Wieder blieb eine kleine Gruppe zurück, die das Schiff beobachtete, während die anderen im Schutz der Felsen die Hochfläche überquerten.
Als sie sich im Geröll am Rand des Kliffs auf den Boden preßten, hatte auch das Boot die Nordseite der Insel erreicht. Sechs Männer pullten, der siebte, ein großer, hagerer Bursche mit einer ausgeprägten Adlernase, beobachtete die Klippen. Schließlich befahl er, den Kurs zu ändern und steuerte einen Punkt etwa in der Mitte der Steilküste an. Der Seewolf wußte sofort, was der Bursche vorhatte.
Er hatte gemerkt, daß der Felsenkegel auf dem höchsten Punkt der Insel von hier aus verhältnismäßig einfach zu erreichen war. Dort oben brannte immer noch das Feuer und stieg eine dünne Rauchfahne in den Himmel. Dort oben wollte der Mann nachsehen, solange es noch hell genug dazu war.
Immerhin ein energischer Mann, dachte Hasard anerkennend. Und auf jeden Fall kein Idiot, der wie ein Anfänger in die Falle tappt. Der Seewolf grinste leise und wandte sich Ed Carberry zu.
„Sie werden heraufkommen, Ed“, flüsterte er. „Aber sie werden Wachtposten bei dem Boot zurücklassen. Die Kerle dürfen uns auf keinen Fall entwischen, klar?“
„Aye, aye! Ich klettere mit Matt und Bob da drüben hinter der Felsennase hinunter. Wir packen uns die Burschen, sobald hier oben der Tanz losgeht.“
„Gut, Ed. Aber seid vorsichtig!“
Der Profos murmelte etwas davon, daß er, verdammt noch eins, immer vorsichtig sei und man ihm das nicht extra zu sagen brauche.
Hasard grinste nur, während Carberry Matt Davies und Bob Grey einen Wink gab und sich lautlos zwischen die Steinbrocken zurückzog. Die beiden anderen folgten ihm genauso leise. Jenseits der vorspringenden Felsennase konnten sie bis zur Brandungsplatte hinunterklettern, ohne von den Spaniern gesehen zu werden. Dann brauchten sie nur noch ein Dutzend Schritte bis zu der Stelle, wo jetzt das Boot vertäut wurde.
Hasard stellte fest, daß er den Drahtigen richtig eingeschätzt hatte: erließ tatsächlich zwei Mann als Wache zurück. Die restlichen fünf marschierten auf die schräge Geröllrinne zu, die in das Kliff schnitt und die Möglichkeit für einen problemlosen Aufstieg bot. Der Mann mit der Adlernase kletterte als erster. Für die nächsten Minuten waren die fünf Männer aus dem Blickfeld der Seewölfe verschwunden, aber rollende Steine und ein paar unterdrückte Flüche verrieten ihren ungefähren Standort.
Der Drahtige schwang sich als erster über die Kante des Kliffs.
Hasard lag in der Deckung einiger durcheinandergewürfelter Felsbrocken und spähte durch eine schmale Lücke zwischen den Steinen. Deutlich konnte er das scharfe Profil seines Gegners sehen, der die Hände in die Hüften gestemmt hatte und aus schmalen Augen zu dem roten Felsenkegel hinaufsah. Nach einer Weile wandte er sich um und überzeugte sich, daß auch der Rest seiner Leute die Hochfläche erreicht hatte.
„Wir teilen uns“, sagte er auf spanisch. „Diego und ich klettern auf den Berg. Die beiden anderen Gruppen schwärmen aus, decken uns den Rücken und sichern unsere Flanken. Verstanden?“
„Si, Senor“, tönte es vierstimmig zurück.
Die Männer hatten funkelnde Augen. Hier war ein Mann, der wußte, was er wollte, und die Sache vernünftig anpackte. Prompt zeigten seine Leute ein ganz anderes Kaliber als die sechs, die bereits von den Seewölfen überwältigt worden waren. Der Hagere nötigte Hasard Achtung ab. Trotzdem hatte er keine Chance. Denn die Seewölfe hatten sich so über das Plateau verteilt, daß die eigentlich ganz vernünftige Idee mit den drei Gruppen den Spaniern nur zum Verhängnis werden konnte.
Der Drahtige und der Bursche mit dem Namen Diego marschierten quer über das Plateau auf den Felsenkegel zu. Die anderen teilten sich und schwärmten nach links und rechts aus. Auf diese Art bildeten sie eine keilförmige Formation und mußten annehmen, daß sie das größtmögliche Maß an Sicherheit erreicht hatten.
Hasard lächelte matt, richtete sich etwas auf und wartete darauf, daß die rechte Flanke der Formation in seine Reichweite geriet.
Ben Brighton, der hinter dem Seewolf kauerte, hielt einen handlichen Stein in der Faust. Ferris Tucker betrachtete einen Augenblick nachdenklich Batutis Morgenstern, dann deponierte er ihn sanft auf dem Boden und griff sich ebenfalls einen Stein. Die beiden lächerlichen Spanier, die da heranpolterten, waren völlig ahnungslos und konnten nichts dafür, daß man den Seewölfen die „Isabella“ geklaut hatte. Sie würden flachgelegt werden, aber man mußte ihnen ja nicht gleich den Schädel einschlagen.
Hasards Lächeln vertiefte sich.
Seiner Meinung nach zerbrach sich der rothaarige Schiffszimmermann unnütz den Kopf. Die zwei lächerlichen Spanier gedachte der Seewolf nämlich allein zu erledigen.
Als sie noch drei Schritte entfernt waren, sprang Hasard mit einem Satz auf den Felsblock und jumpte den Spaniern von da aus unmittelbar vor die Füße.
Die Kerle prallten zurück und rissen erschrocken die Münder auf. Beide holten Luft, um loszubrüllen, aber bevor sie auch nur einen Ton herausbrachten, packte sie der Seewolf links und rechts bei den Ohren und donnerte ihre Köpfe gegeneinander.
Die Burschen sackten zusammen. In einiger Entfernung klatschte es zweimal dumpf. Und damit war auch die linke Flanke der fabelhaften Formation im Eimer.
„Fesseln und knebeln“, flüsterte Hasard, während sein Blick den Drahtigen und seinen Begleiter suchte, die sich schon in einiger Entfernung befanden.
Trotzdem mußten sie etwas gehört haben.
Hasard zog den Kopf ein, als der Drahtige herumfuhr. Durch die Lükke zwischen den Steinen konnte der Seewolf deutlich die Spannung in dem schmalen, asketischen Gesicht mit der Adlernase lesen. José Diaz, erster Offizier der „Santa Monica“, war ein Mann mit Instinkt. Er spürte die Gefahr mit jeder Faser, spürte sie jäh und bedrohlich überall ringsum, aber er konnte nicht ahnen, aus welcher Richtung der Teufel aus der Kiste fahren würde.
Nur drei Schritte hinter den beiden Spaniern richtete sich die stämmige Gestalt von Jeff Bowie auf.
Er hatte links den gleichen Haken, wie ihn Matt Davies rechts trug. Piranhas hatten ihm die Hand zerfetzt, aber inzwischen hatte er sich an den Verlust seiner Linken gewöhnt und konnte mit seinem Haken perfekt umgehen. In der Rechten hielt er ein kurzes, stabiles Kantholz. Hasard konnte ihn deutlich grinsen sehen, als er sich zum Sprung duckte.
Der Drahtige und sein Begleiter starrten immer noch dorthin, wo sie das zweimalige dumpfe Klatschen gehört hatten.
Jeff Bowie sprang. Geschmeidig wie ein Panther flog er durch die Luft, und noch ehe er mit den Füßen aufsetzte, hatte er zweimal kurz und trocken zugeschlagen.
Der Drahtige erhielt die Rundung des Stahlhakens auf den Kopf, der Bursche mit dem Namen Diego den Holzknüppel.
Beide kippten um. Jeff schlug zur Sicherheit noch zweimal mit dem Knüppel zu, dann winkte er und zeigte triumphierend seine Zähne.
„Wer sagt’s denn“, brummte Hasard. „Und jetzt müssen wir Ed und den anderen Bescheid geben. Die warten nämlich immer noch darauf, daß hier oben der Tanz losgeht.“
„Schöner Tanz“, sagte Ferris fröhlich.
Mit ein paar Schritten erreichte er den Rand des Kliffs. Da stand er nun in voller Größe, und den beiden Spaniern, die angestrengt zu der Hochfläche hinaufgestarrt hatten, drohten fast die Augen aus dem Kopf zu fallen.
„Buh!“ rief Ferris.
„Ed! Matt! Bob!“ befahl Hasard scharf.
Ehe die beiden Spanier dort unten begriffen, wie ihnen geschah, fielen die drei Seewölfe über sie her wie die Teufel.
Matt Davies knallte dem ersten seinen Stahlhaken gegen die Stirn.
Bob Grey klopfte Nummer zwei mit einem Stein auf den Schädel, so daß der Bursche wie ein Bündel Lumpen in sich zusammenfiel.
Ed Carberry stemmte beide Hände in die Hüften, holte tief Luft und durchbohrte Bob Grey mit einem vernichtenden Blick.
„Das war meiner!“ fauchte der Profos aufgebracht.
„Wer zuerst kommt, haut zuerst“, widersprach Bob mit schlagender Logik. Der Profos zählte prompt sämtliche fürchterlichen Strafen auf, die auf See, an Land oder in der Hölle auf vorwitzige, unverschämte Kerle warteten. Aber immerhin verschnürte er dabei schon einen der Spanier, während Bob den zweiten fesselte.
Ein paar Minuten später wurden auch diese beiden auf die Hochfläche gezogen.
Dreizehn Männer waren jetzt hier oben an die Felsblöcke gebunden und geknebelt, damit sie ihre Leute nicht durch Geschrei warnen konnten. Siebzehn Männer hielten sich noch an Bord der „Santa Monica“ auf. Und diese Männer standen unter dem Kommando eines Kapitäns, der sein Schiff fast auf das Riff gesetzt, den zweiten Suchtrupp viel zu spät losgeschickt hatte und der demnach schlicht und einfach nichts taugte.
„Die frühstücken wir im Vorbeigehen“, sagte Ed Carberry überzeugt.
„Sicher“, bestätigte Hasard. „Nur dürfen sie nicht merken, daß gar nicht ihre eigenen Leute in den Booten sitzen. Sonst schießen sie uns nämlich in Fetzen, nur mal so im Vorbeigehen.“
„Nachts sind alle Katzen grau“, bemerkte Smoky weise.
„Richtig. Aber wir werden uns trotzdem zumindest mit den Kopfbedekkungen der Dons tarnen, damit der Unterschied nicht so auffällt. Bill bleibt hier oben und …“
Der Schiffsjunge protestierte. „Warum soll ich …“
„Weil ich es sage!“ Gegen diesen Ton gab es keinen Widerspruch, und Bill zog beleidigt den Kopf ein. „Dreizehn Mann von uns besetzen die Boote“, fuhr Hasard fort. „Und zwar diejenigen, die am ehesten als Spanier durchgehen würden, also keine Riesen wie Ferris oder Ed. Die anderen schwimmen, und zwar im Sichtschutz der Boote. Wer seinen verdammten Schädel zu weit vorstreckt, kriegt von mir persönlich die Haut abgezogen. Gary, du spielst den Drahtigen und legst die Hände in den Schoß. Ben wird dicht neben dir bleiben, damit er auf spanisch für dich antworten kann, falls die Kerle an Bord dich anrufen. Aber sieh zu, daß du deine blonden Haare versteckst, klar? Noch Fragen?“
„Wer schwimmt?“ fragte Ferris Tucker sachlich.
Hasard grinste. „Du, Ed, Smoky, Stenmark, Shane und ich. Bill, du paßt auf Arwenack auf! Ed, wo steckt Sir John?“
„In meiner Tasche“, sagte der Profos grinsend. „Aber ich laß ihn lieber hier bei Bill. Nicht, daß mir jemand das Rabenaas versehentlich zu Brei schlägt, wenn da drüben das Fest losgeht.“
„Gut. Und jetzt knöpft euch die Spanier vor und seht zu, daß das mit den Kopfbedeckungen klar geht. Wenn die Dons an Bord ein blondes Haar sehen, sind wir verraten!“
Die Männer brauchten nur wenige Minuten.
Danach war kein blondes, rotes oder weißes Haar mehr zu sehen, und die Dons auf der „Santa Monica“ würden erst im letzten Moment erkennen, daß nicht ihre Landsleute zurückkehrten, sondern eine englische Entermannschaft.
Im Westen stand die Sonne als blutrote Scheibe über der Kimm.
Noch eine Viertelstunde, schätzte Hasard, dann würde es dunkel sein.
Von jetzt an konnten sie nur noch warten.
9.
Der letzte winzige Rest der roten Sonne versank hinter der Kimm.
Wie ein Tuch breitete sich die Dunkelheit über die See und die Insel. Der Mond stand als schmale Sichel am Himmel, auch die Sterne verbreiteten nur einen schwachen Schimmer, der mit seinen glitzernden, tanzenden Reflexen auf dem Wasser mehr verbarg, als er enthüllte. Es war unmöglich, bei dieser Beleuchtung auf mehr als vier, fünf Schritte Entfernung ein Gesicht genau zu erkennen. Die Spanier auf der „Santa Monica“ würden erst aufmerksam werden, wenn es zu spät war – und zu spät sein würde es in dem Augenblick, in dem die beiden Boote nicht mehr im Schußbereich der Kanonen lagen.
Hasard wartete noch ein paar Minuten, dann richtete er sich auf und stieß den Daumen nach oben.
Der lange, hagere Gary Andrews, der von der Statur her dem drahtigen spanischen Offizier am ähnlichsten sah, stieg als erster ins Boot, Ben Brighton, der Kutscher, Old O’Flynn, Will Thorne, Matt Davies und Jeff Bowie folgten ihm. Die Männer, die schwimmen würden, standen auf der Brandungsplatte bereit. Sie waren vollständig angezogen. Das würde das Schwimmen zwar erschweren, aber dafür würden sie im Wasser nicht so leicht zu erkennen sein.
Hasard wartete und lauschte in die Dunkelheit. Das Boot, das in Sichtweite der „Santa Monica“ lag, würde als erstes starten. Und es war mit den Männern besetzt, die als Spanier gelten konnten: Sam Roskill, Bob Grey, der sich ein Tuch um sein blondes Haar geschlungen hatte, Luke Morgan, Blacky, Pete Ballie und Al Conroy. Sie alle konnten in etwa Spanisch. Es würde reichen, um dem Capitan zu erklären, sie hätten sich verirrt, falls er fragte, und jedem anderen Überneugierigen zu sagen, er solle gefälligst nicht so herumbrüllen, Caramba!
Hasard grinste, als er die Schritte der Männer hörte, die zur Landzunge marschierten.
Sie übten bereits. „Caramba!“ fauchte Sam Roskill. „Hijo de Puta!“ gab Luke Morgan prompt zurück. Und Al Conroy, der Stückmeister, demonstrierte genießerisch, daß er von allen Teufeln der Hölle über eine kastilische Wanderhure bis hin zum blöden Hammel und anderen freundlichen Bezeichnungen aus dem Tierreich eine ganze Menge saftiger englischer Flüche ins Spanische übersetzen konnte.
„Die sollen bloß nicht so übertreiben“, murmelte Ben Brighton besorgt.
„Werden sie auch nicht.“ Hasard nickte seinem Bootsmann zu. „Gut, Ben! Gary, laß verdammt noch mal die Finger von den Riemen! Ein spanischer Offizier pullt doch nicht, du Esel!“
„Scheiß-Spanier“, sagte Gary Andrews ungerührt.
„Da kannst du recht haben. Alles fertig?“
Zustimmendes Gemurmel. Hasard watete als erster ins Wasser. Ed Carberry, Ferris Tucker, Big Old Shane, Smoky und Stenmark folgten ihm. Der rothaarige Tucker und der blonde Stenmark trugen Tücher um die Köpfe, der riesenhafte Shane hatte sich zusätzlich das halbe Gesicht verhüllt, um seinen grauen Bart zu verbergen. Sie hatten zwar nicht vor, sich den Spaniern zu zeigen, aber sicher war sicher.
Die Männer begannen in dem Augenblick zu schwimmen, in dem sich das Boot unter kräftigen, langen Riemenschlägen in Bewegung setzte. Die Rudergasten pullten, als wollten sie Rekorde brechen. Oder als legten sie es darauf an, mit den Schwimmern ein Wettrennen zu veranstalten.
„Ben!“ zischte Hasard. „Ihr seid wohl übergeschnappt! Pullt gefälligst einen schönen gemächlichen Rundschlag, ja? Wir wollen hier nicht die See zum Kochen bringen!“
„Verdammt! Verzeihung, Sir! Hätte ich fast vergessen.“
Das Boot wurde langsamer. Hasard und die anderen paßten ihre Geschwindigkeit dem gemächlich durch die Dünung schwimmenden Boot an. Die zweite Gruppe hatte inzwischen das Boot erreicht, das in Sichtweite der Karavelle lag – soweit überhaupt von Sicht die Rede sein konnte. Aber die Männer warteten noch und taten so, als müßten sie irgend etwas an der Vorleine klarieren. Sie würden erst starten, wenn das zweite Fahrzeug hinter den Felsen der Landzunge auftauchte, damit beide Boote etwa gleichzeitig das Schiff erreichten.
Jetzt war es soweit.
Hasard konnte ein paar spanische Kommandos hören, die Männer brachten das Boot aufs Wasser. Dabei zahlte sich mal wieder der Sprachunterricht aus, den Hasard ab und zu veranstalten ließ. Es hatte zwar seine Zeit gedauert, bis auch der letzte an Bord die Notwendigkeit dieser Übung begriff, aber inzwischen hatten sie es schon ein paarmal geschafft, die Dons erfolgreich zu täuschen.
Riemen klatschten ins Wasser und wurden durchgezogen. Hasard konnte im Augenblick weder das zweite Boot noch die Karavelle sehen. Aber er sah den hageren Gary Andrews, der das hellblonde Haar unter dem Eisenhut des spanischen Offiziers verborgen hatte und aufrecht und mit verschränkten Armen auf der Heckducht saß. Wie ein echter Grande, dachte Hasard und grinste breit.
„Eh, Ben!“ flüsterte er.
„Sir?“
„Steck dir den Sir an den Hut! Ich will wissen, was sich auf der verdammten Karavelle tut.“
„Gar nichts“, sagte Ben Brighton gelassen. „So um die zehn Mann stehen am Steuerbord-Schanzkleid und stieren Löcher in die Luft. Das Achterdeck ist leer. Dieser saubere Capitan scheint doch tatsächlich zu pennen.“
„Der wird schon aufwachen“, sagte Hasard grimmig. „Ist der Ausguck besetzt?“
„Aye, aye. Aber der Kerl hat kein Spektiv da oben.“
„Na bestens! Ben, du mußt jetzt verdammt die Augen offenhalten. Wie ist dein Kurs?“
„Schräg auf den Bug zu, was sonst? Die Kerls werden denken, daß wir vorbeipullen wollen.“
„Laß dich etwas zurückfallen. Die Dons dürfen unsere Kopfe noch nicht sehen, wenn das zweite Boot die Jakobsleiter erreicht. In dem Moment, in dem die anderen die Vorleine belegen, sagst du uns Bescheid, damit wir abtauchen.“
„Aye, aye! Noch drei Minuten, schätze ich. Die Kerls da oben werden allmählich zappelig.“
Von Bord der Karavelle war spanisches Stimmengewirr zu hören. Die Männer wollten wissen, was, zum Teufel, passiert sei. Und Sam Roskill im ersten Boot rief ihnen zu, sie sollten, verdammt noch mal, lieber eine zweite Jakobsleiter außenbords hängen, statt dämlich herumzubrüllen.
Hasard grinste. Ben Brighton verschluckte sich fast.
„Mann, die tun das tatsächlich“, flüsterte er. Und nach einer Pause: „Aufpassen, jetzt! Abtauchen!“
Wie ein Mann tauchten die sechs Seewölfe, die im Sichtschutz des Bootes schwammen, weg.
Hasard schnellte mit vorgestreckten Armen geschmeidig wie ein Fisch durchs Wasser. Er ging möglichst tief, wurde langsamer und vollführte eine geschmeidige Drehung, als seine Finger sacht gegen die Bordwand stießen. Unmittelbar unter der mächtigen Galion durchstieß sein Kopf die Wasserfläche. Eilig schwamm er um den Vorsteven nach Backbord hinüber, um den anderen Platz zu machen.
Kein Wort fiel, kein Prusten oder Keuchen erklang – nur ein leises Plätschern, das sich mit dem Gurgeln und Schmatzen der Dünung an den Bordwänden mischte.
Ed Carberrys zernarbtes Gesicht tauchte hinter dem Vorsteven auf, Ferris Tucker folgte ihm, dann Smoky, Stenmark und schließlich Big Old Shane, dessen wettergegerbte Züge sich grimmig verzogen hatten, weil er von jeher der Ansicht war, daß man das Schwimmen besser den Fischen überließ. Schweigend und konzentriert arbeiteten sich die Männer bis auf die Höhe der Kuhl vor. Wahrscheinlich ging auch hier auf der Backbordseite jemand Wache, aber der würde im Moment ganz bestimmt nicht über das Schanzkleid blicken.
Hasard spannte die Muskeln, schnellte seinen Körper aus dem Wasser und schwang sich geschmeidig auf den hölzernen Wulst, der sich um den Bauch der Karavelle zog. Neben ihm enterte Stenmark auf, Ferris Tucker streckte Big Old Shane die Hand entgegen, links von Hasard erschienen Ed Carberry und Smoky. Der Profos warf einen Blick zum Schanzkleid hoch, rammte eine Schulter an die Bordwand und faltete die Hände. Nicht, um ein Stoßgebet zum Himmel zu schicken, wohlgemerkt. Hasard setzte einen Fuß auf die behelfsmäßige Stufe – und in derselben Sekunde ging an der Steuerbordseite der Tanz los.
Einer der Spanier brüllte erschrokken auf.
Es klatschte laut.
„Arwenack!“ schrie der schwarzhaarige, dunkeläugige Sam Roskill, der am spanischsten aussah und deshalb wohl als erster aufgeentert war, und dann brach auf der „Santa Monica“ von einer Sekunde zur anderen die Hölle los.
Der schwarze Segler verschmolz fast mit der Dunkelheit.
Siri-Tong und der Wikinger standen vorn auf der Back. Thorfin Njal hatte die Fäuste in die Hüften gestemmt und kratzte ab und zu an seinem Kupferhelm. Die Rote Korsarin schwenkte mit dem Spektiv die Kimm ab: eine dünne Linie zwischen dem schwarzen Himmel, auf dem die Sterne wie Brillanten funkelten, und einem Meer, in dem sich die Sterne als gleißende, verschwimmende Flecken spiegelten. Und genau voraus, sehr fern, gab es zwischen glitzerndem Meer und sternengespicktem Himmel so etwas wie einen unregelmäßigen schwarzen Buckel, auf dessen höchster Erhebung ein winziger rötlicher Punkt glomm.
Siri-Tong setzte das Spektiv ab und reichte es dem Wikinger.
„Genau voraus, Thorfin“, sagte sie knapp. „Schau es dir an und sag mir, wofür du es hältst.“
Der bärtige nordische Riese brauchte einen Moment, bevor er den Buckel über der Kimm gefunden hatte.
„Die Insel“, brummte er. „Und zwar haargenau da, wo sie der Karte nach auch liegen soll.“
„Das weiß ich selbst“, sagte die Korsarin ungeduldig. „Schau dir diesen Berg an – oder was immer es ist. Den Gipfel vor allem!“
„Hmm!“ brummte der Wikinger.
Er hielt den Kieker in der Rechten, und mit der Linken kratzte er seinen Helm, was bei ihm ein Zeichen äußerster Konzentration war. Zwei Minuten vergingen, dann setzte er mit einem Ruck das Spektiv ab. Sein mächtiger Brustkasten dehnte sich unter einem tiefen Atemzug.
„Teufel!“ knurrte er. „Wenn es nicht gerade ein Vulkan oder der Eingang zur Hölle ist, dann ist es ein Signalfeuer.“
„Daß es ein Vulkan ist, halte ich für unwahrscheinlich“, sagte Siri-Tong trocken. „Und der Eingang zur Hölle liegt bestimmt nicht mitten in der Südsee. Es ist ein Signalfeuer, Thorfin.“
„Die Seewölfe!“ stieß der Wikinger durch die Zähne. „Wir haben sie! Bei Thors Hammer, wir haben sie gefunden, diese Teufelsbraten!“
„Hoffentlich“, sagte Siri-Tong leise.
Nicht einmal der hünenhafte Mann an ihrer Seite sah den sehnsüchtigen Schimmer, der ihre Augen in diesen Sekunden verschleierte.
Um dieselbe Zeit waren die Männer, die der Wikinger „Teufelsbraten“ genannt hatte, gerade dabei, die Probleme auf ihre Art zu lösen: nämlich so, daß die Fetzen flogen, die See kochte und die Luft erzitterte.
„Arwenack!“ hatte Sam Roskill geschrien.
„Arwenack!“ dröhnte es plötzlich wie Donnergrollen von den beiden Booten herauf, und in diesem Augenblick trat der Seewolf bereits in Ed Carberrys gefaltete Hände, warf die Arme nach oben und schwang sich mit einem Klimmzug über das Backbord-Schanzkleid der Kuhl.
Ein Spanier flog ihm vor die Füße.
Sam Roskill hatte ihm zu der unfreiwilligen Luftreise verholfen, jetzt wirbelte der ehemalige Karibik-Pirat blitzartig herum und sprang dem nächsten Don an die Kehle. Blackys Kopf schob sich über das Schanzkleid. Ein Spanier wollte ihm die Faust auf den Schädel donnern, aber Blackys Rechte war schneller und donnerte unter das Kinn des Gegners. Der Kerl unternahm ebenfalls eine Luftreise und landete vor Hasards Füßen. Der Seewolf grinste und warf einen raschen Blick auf Ferris Tucker und Big Old Shane, die sich neben ihm über das Schanzkleid schwangen.
„Arwenack!“ brüllte Hasard.
„Ar-we-nack!“ fielen Ferris und Shane ein. Und dann rasten sie los und stürzten sich wie ein Keil zwischen die völlig überrumpelten Gegner.
Blacky flankte über das Steuerbordschanzkleid und trat gleichsam nebenbei einem Spanier in den Hintern, der erschrocken herumgefahren war.
Sam Roskill hatte einen zweiten Don fast erwürgt, riß ihm den kurzen Säbel aus der Scheide und begann, um sich zu schlagen und die zweite Jakobsleiter freizukämpfen, damit die restlichen Seewölfe in Ruhe aufentern konnten. An Backbord beugte sich gerade Stenmark über das Schanzkleid, um auch Carberry hochzuziehen. Der Profos grinste glücklich, warf einen raschen Blick in die Runde und stürmte mit einem urigen Kampfschrei über die Kuhl.
Ferris Tucker hatte mit einem einzigen kräftigen Rundschlag mit Batutis Morgenstern die Stelle freigelegt, wo die andere Jakobsleiter angeschlagen war.
Sam Roskill glaubte, den Luftzug gespürt zu haben, und drohte dem rothaarigen Hünen an, ihm gleich mit dem Morgenstern den Schädel weichzuklopfen. Vorerst allerdings wurde sein eigener Schädel weichgeklopft. Einer der Spanier hieb mit einem Belegnagel zu, und Sam lernte die Lektion, daß man mitten in einem Enterkampf keine Debatten anfängt.
Der Spanier stieß einen Triumphschrei aus, der zu einem dumpfen Gurgeln wurde, als Stenmark ihm die Faust an den Schädel knallte.
Zwei Schritte entfernt schwang Hasard eine Handspake und trieb damit einen Giftzwerg von Don vor sich her, der ihn mit seinem Degen aufspießen wollte. Beim dritten Spakenhieb brach die Klinge mit einem hellen Klirren. Fassungslos stierte der Spanier auf den schäbigen Rest seiner Waffe, und Hasard konnte ihn in aller Ruhe am Kragen packen und außenbords feuern.
Elegant schwang der Seewolf herum und widmete der Situation auf der Kuhl einen kurzen Blick.
Ein Spanier außenbords und fünf bewußtlos auf den Planken. Nein, sechs – der Bursche, dem Big Old Shane da gerade die Faust auf die Nase setzte, würde auch nicht wieder aufstehen.
Ed Carberry reckte den Kopf und suchte nach einem Gegner, bei dem sich die Mühe lohnte. Dem Don, der sich von der Seite an ihn heranschlich, trat der Profos die Beine weg, ohne hinzusehen. Der Bursche hielt einen Dolch in der Faust, und Carberry mußte wohl aus den Augenwinkeln den blitzenden Lichtreflex auf der Klinge gesehen haben. Kopfschüttelnd wandte er sich um.
„Tz, tz“, sagte er, stampfte einmal kurz mit dem Fuß auf, und für zwei Sekunden übertönte das Schmerzensgeheul des Mannes mit dem Dolch alles andere.
In diesen zwei Sekunden setzte Jeff Bowie einen Spanier mit seinem Haken außer Gefecht, und Matt Davies geriet ein bißchen durcheinander, als er seine linke Faust auf einen Kopf donnerte, der von einem Helm geschützt wurde.
Matt brüllte erbittert, weil er sich die Hand verstaucht hatte.
Der Spanier war plötzlich blind, denn der Eisenhut war ihm über die Nase gerammt worden. Ed Carberry nahm sich des herumtorkelnden Mannes an und trat ihm in den Hintern, womit der zweite außenbords war. Ebenfalls binnen dieser ereignisreichen zwei Sekunden enterte der Ausguck aus dem Großmars ab und sprang Big Old Shane ins Genick, was er besser nicht getan hätte. Der Schmied von Arwenack stand wie ein Baum, feuerte einen Ellenbogen nach hinten – und der vorwitzige Don krachte mit dem Hinterkopf an die Oberkante des Schanzkleids.
Neun Spanier waren bereits außer Gefecht, als die restlichen sieben erst aus dem Vorkastell stürmten.
Sie stürmten mit Gebrüll und schwangen Handspaken und Belegnägel. Alle sieben sahen sehr wild aus, aber der erste, auf den sie trafen, war Philip Hasard Killigrew, der Seewolf.
„Laß uns auch noch welche übrig, verdammt!“ schrie Carberry erbittert, als die ersten zwei Spanier am Boden lagen.
Hasard grinste, packte den nächsten Mann am Kragen und wirbelte ihn so herum, daß er mit seinen Beinen einen der eigenen Kumpane umsäbelte. Danach warf er den kreischenden Mann Carberry zu, und der Profos wartete, bis sich der Bursche von den Planken aufrappelte, damit er wenigstens ein bißchen Spaß hatte.
Die letzten Spanier wichen bis zum Schott des Vorkastells zurück und hatten bleiche Gesichter.
Hasard grinste sie an und zeigte sein Wolfsgebiß. Die Burschen begannen zu schlottern. Ein Belegnagel polterte auf die Planken, und eine Viertelsekunde später folgten die beiden Handspaken.
„Mist“, sagte Carberry. „Die hätte ich alle drei zum Abendbrot verspeist.“
„Tröste dich, es gibt noch mehr Spanier“, sagte Hasard trocken. „Durchsuchen und entwaffnen!“ Seine Handbewegung erfaßte die ganze Kuhl, auf der der kurze Kampf getobt hatte. „Der Capitan von diesem Waschzuber fehlt noch.“
„Der liegt in der Koje und hat sich die Decke über den Kopf gezogen“, meinte Ferris Tucker.
„Oder er sitzt auf der Koje und zielt mit der Pistole auf die Tür. Also Vorsicht, ja? Verdammt noch mal, Matt, was ist denn mit dir los?“
Matt Davies schlenkerte mit schmerzverzerrtem Gesicht seine einzige Hand. Heillose Wut stand in seinen braunen Augen.
„Meine Linke ist gestaucht!“ knirschte er. „Diese Rübenschweine mit ihren dreimal verdammten Helmen!“
„Erst denken, dann schlagen“, empfahl Hasard ungerührt. „Laß dich vom Kutscher verarzten. Ed, Smoky, Blacky, ihr pullt zur Insel und holt Bill, Arwenack und Sir John. Übrigens würde ich an eurer Stelle aufpassen. Ich wette nämlich, daß hier gleich die Luft bleihaltig wird.“
„Ha!“ knurrte Smoky. „Das wollen wir doch mal seh …“
Er stockte jäh.
Das Schott des Achterkastells flog auf, und Capitan Juan de Correggio erschien mit einer zweischüssigen Radschloß-Pistole auf der Szene.
Sein Unterkiefer klappte herunter.
Was er eigentlich zu sehen erwartet hatte, war Hasard schleierhaft. Auf jeden Fall nicht das, was er jetzt wirklich sah: eine verwüstete Kuhl, bewußtlose, tote und verletzte Männer und eine Horde furchterregender Gestalten, die die Situation eindeutig beherrschten.
„Guten Abend“, sagte Hasard in formvollendetem Spanisch. „Du hast zehn Sekunden Zeit, die Waffe fallen zu lassen. Danach bist du Hackfleisch, mein Freund. Picadillo!“
Capitan Juan de Corregio war noch nie ein besonders mutiger Mann gewesen.
Er schluckte. Aus flackernden Augen starrte er die wilden Kerle an, die wie aus dem Nichts auf seinem Schiff aufgetaucht waren: zwei Burschen, bei denen jeweils ein gefährlich blinkender Stahlhaken eine Hand ersetzte, ein graubärtiger Kerl, der wie ein Vorzeit-Riese aussah, ein Hüne mit einem wüsten, zernarbten Gesicht, der den Capitan anstarrte wie ein Tiger, der eine Beute erspäht hat. Juan de Correggio schluckte noch einmal beim Anblick des rothaarigen Kerls mit dem fürchterlichen Morgenstern. Und er schluckte ein drittes Mal, als sein Blick zu dem schwarzhaarigen Teufel zurückwanderte, dessen blaue Augen ihn anfunkelten wie pures Gletschereis.
„Noch drei Sekunden“, sagte Hasard sehr leise und sehr gefährlich. „Wenn du schießen willst, würde ich an deiner Stelle die Hand ruhig halten. Sonst ballerst du Löcher in die Luft.“
Correggio blickte auf die Pistole in seiner Rechten.
Die Pistole zitterte. Und nicht nur die Pistole. Capitan Juan de Correggio, treuer Diener Seiner Allerkatholischsten Majestät, des Königs von Spanien, gelangte in diesem Augenblick zu der Erkenntnis, daß es vielleicht doch nicht so erstrebenswert war, ein toter Held zu werden.
„Noch zwei Sekunden“, sagte Hasard sanft.
Und ehe er ganz ausgesprochen hatte, polterte die Pistole auf die Planken.
Juan de Correggio schloß schicksalsergeben die Augen.
Und Seine Allerkatholischste Majestät, der König von Spanien, hatte von diesem Moment an eine Karavelle weniger, die für ihn in die Neue Welt gesegelt war, um sie auszuplündern.
10.
„Zehn Minuten später schallte Ed Carberrys Donnerstimme über das dunkle Wasser.
„Hool weg! Hoool weg! Wollt ihr wohl pullen, ihr müden Helden? Was denkt ihr, wie lange wir mit dem Schiffchen hier herumliegen wollen, verdammt und zugenäht?“
Hasard lächelte leicht, als er wieder auf die Kuhl hinuntersprang.
Zusammen mit Ben Brighton und Ferris Tucker hatte er die Karavelle einer ersten kurzen Musterung unterzogen und festgestellt, daß sie ein schnelles, zuverlässiges, rank und wendig gebautes Schiff war. Mochte Capitan Correggio auch ein schlechter Seemann sein – auf Ordnung und penible Sauberkeit mußte er wohl großen Wert legen. Die Geschütze – drei an jeder Seite, Vierpfünder mit gegossenen Bronzerohren – waren bestens gepflegt, genau wie die Serpentinen vorn und achtern.
Al Conroy fand am Zustand der Armierung nichts auszusetzen, wenn sie sich auch gegen die der „Isabella“ eher bescheiden ausnahm. Ferris Tucker hatte festgestellt, daß der Kasten hundertprozentig dicht war, und die Vorräte an Proviant, Pulver, Munition und Waffen konnten sich ebenfalls sehen lassen.
Und noch etwas hatte Hasard entdeckt: einen sehr großen, sehr dicken Mann, der beim Geräusch der Schritte nicht mit Gebrüll, sondern mit salbungsvollen Bibelsprüchen aus der Vorpiek hervorbrach.
Der einunddreißigste Mann an Bord war Kaplan und wurde von den Spaniern auf der Kuhl nicht gerade freundlich empfangen. Die Sprache verschlug es ihm nicht: Hasard hörte amüsiert zu, wie der Bursche etwas von „gerechter Strafe des Himmels“, Fluchen und Saufen und einem halben Dutzend anderer Sünden faselte, die die jetzige Katastrophe verursacht hätten. Unterdessen war das Boot längsseits gegangen, und die Seewölfe enterten auf. Sir John hockte sichtlich zufrieden auf Ed Carberrys Schultern, und Arwenack fegte keckernd über die Kuhl, in der vergeblichen Hoffnung, seinen Freund Dan zu entdecken.
Der Kaplan warf einen Blick auf das braune, zottige Biest, bekreuzigte sich und jumpte außenbords.
Wie ein Hund paddelte er in Richtung auf die Landzunge. Hasard lächelte den Capitan an und wies einladend auf das Schanzkleid.
„Sie dürfen schwimmen“, sagte er trocken. „Auf der Insel haben wir Waffen zurückgelassen. Ihr erster Offizier weiß, wo sie liegen. Es gibt Trinkwasser, und Sie werden nicht verhungern, bis man Sie findet. Ferris, wirf zwei Balken außenbords, damit die Gentlemen ihre Toten und Verwundeten mitnehmen können.“
Tucker nickte nur.
Minuten später klatschten zwei Balken ins Wasser, und die ersten Spanier sprangen mit grimmigen Gesichtern über das Schanzkleid. Es hatte nur einen Toten gegeben, und die meisten von den Verletzten waren lediglich zerschrammt und mehr oder weniger benommen. Die meisten schienen froh zu sein, daß sie überhaupt mit dem Leben davonkamen. Der einzige, der jammerte und protestierte, war der Capitan. Aber als Jeff Bowie die Absicht erkennen ließ, ihn ein bißchen mit seinem Haken zu kitzeln, raste auch er wie angestochen über die Kuhl und jumpte außenbords.
Mit ein paar langen Schritten stand Philip Hasard Killigrew wieder auf dem Achterkastell, warf das schwarze Haar zurück und witterte in den Wind. Hatte es wirklich aufgebrist, oder erschien ihm das nur so, weil er endlich wieder Planken unter den Füßen hatte? Sein Blick glitt über das Schiff, über die funkelnden Augen seiner Männer, und mit einem tiefen Atemzug reckte er die Schultern.
„Übernimm das Ruder, Pete! Klar bei Anker, klar bei Brassen und Fallen! Na los, hoch mit dem Anker, oder wollt ihr hier übernachten?“
Die Männer grinsten.
Ed Carberry begann in gewohnter Weise zu toben, lüftete die Ankergasten an und brüllte, ob sich Stenmark und Bob Grey einbildeten, der verdammte Besan setze sich von selber – was, wie?
„Auf und nieder!“ ertönte Ben Brightons Stimme von der Back. „Aus dem Grund!“
Bob Grey und Stenmark hingen am Besanfall, die Brassen waren zum Laufen klargelegt. Knatternd entfaltete sich das große dreieckige Lateinersegel, Pete Ballie legte Ruder, und der einfallende Wind drückte das Heck der Karavelle über Steuerbordbug von der Landzunge weg.
„Hoch mit der Fock! Anluven auf den anderen Bug, Pete! Recht so!“
Die „Santa Monica“ ging über Stag, knarrend schwangen Fockrah und Gaffelrute herum. Mit halbem Wind zog die Karavelle an der vorspringenden Landzunge vorbei, die Insel blieb achteraus, und Hasard ließ Blinde, Groß- und Marssegel setzen.
Wie eine verlorene Hammelherde standen die Spanier zwischen den Felsen und starrten ihrem Schiff nach.
Die „Santa Monica“ rauschte mit halbem Wind über Backbordbug nordwärts. Der Kurs war klar. Chiapas! Das geheimnisvolle Land der Maya! Dorthin wollten die Piraten Jean Morros mit der „Isabella“ segeln, und dorthin würden ihnen die Seewölfe mit der gekaperten „Santa Monica“ folgen.
Der Kutscher nahm sofort die Kombüse in Besitz, um endlich wieder eine ordentliche Mahlzeit zu kochen.
Bill enterte in den Großmars. Hasard hatte ihm eingeschärft, die Augen offenzuhalten. Denn noch bestand die Möglichkeit, einem weiteren versprengten Schiff des spanischen Verbandes zu begegnen, und die „Santa Monica“ war alles andere als eine schwimmende Festung.
Eine Viertelstunde später klang Bills helle Stimme aus dem luftigen Ausguck.
„Deck!“ schrie er erregt. „Schiff Steuerbord voraus! Ich glaube, es ist ein Viermaster!“
Hasard hob den Kopf.
Ein Viermaster? Hatte der schwarze Segler sie am Ende doch noch gefunden? Mit einem Sprung setzte der Seewolf auf die Kuhl, enterte in den Hauptmars und suchte mit dem Spektiv die Kimm ab.
Ein paar Sekunden später atmete er tief durch.
Es war der schwarze Segler. Unverkennbar, schon weil er fast mit der Nacht verschmolz. Er glitt über das Wasser wie ein unheimlicher dunkler Schatten. Hasard enterte wieder ab und nickte Ben Brighton zu, der ihm gespannt entgegenblickte.
„Na bestens!“ sagte der Bootsmann zufrieden.
Hasard lächelte. „Oder auch nicht! Abwarten, Ben!“
„He, verdammt! Wieso …!!
Ben Brighton brach ab.
Denn auch ihm war eingefallen, daß sie sich schon einmal in einer ganz ähnlichen Situation befunden hatten. Damals, bei der Insel der Steinernen Riesen war ihnen um eine Kleinigkeit zu spät eingefallen, daß Siri-Tong und der Wikinger sie nicht auf einem spanischen Schiff vermuteten. Und ehe sie den Irrtum aufklären konnten, hatte ihnen der schwarze Segler schon die Beutegaleone unter den Füßen weggeschossen.
Damals war das nicht sonderlich schlimm gewesen, weil die „Isabella“ beigedreht auf sie wartete.
Diesmal durfte es nicht passieren. Hasard seufzte leicht.
„Streicht die Flagge!“ befahl er. „Und dann mannt ein paar Laternen an Deck! Aber ein bißchen plötzlich, sonst geht der Kahn hier gleich auf Tiefe.“
„Klar Schiff zum Gefecht!“ gellte die Stimme der Roten Korsarin durch die Dunkelheit.
„Klar Schiff, ihr müden Kakerlaken!“ brüllte Juan, der Bootsmann, drüben auf dem Vordeck. „Cookie, das Kombüsenfeuer aus! Klar bei Backbord- und Steuerbordgeschützen! Hilo, Jonny, Diego – wollt ihr wohl die verdammten Kugeln und Kartuschen mannen, oder glaubt ihr, die kriegen Beine und kommen von selbst, ihr Idioten?“
Der Wikinger grinste. Neben ihm starrte Siri-Tong geradeaus, das Gesicht hart und gespannt wie eine Marmormaske. Vor ein paar Minuten hatte Mike Kaibuk im Großmars das Holzkreuz entdeckt, das unter dem Bugspriet der fremden Karavelle baumelte. Für den schwarzen Segler mit seinen zwölf schweren Geschützen an jeder Seite war der Dreimaster dort vorn nur ein Schiffchen, ein weit unterlegener Gegner. Aber auch ein unterlegener Gegner konnte eine Menge Kleinholz verursachen, bevor er auf Tiefe ging – und Siri-Tong hatte noch mehr als genug von der Begegnung mit der „Isabella“.
„Alle Geschütze klar?“ fragte sie scharf.
„Klar!“ schrie der Boston-Mann.
„Klar!“ echoten Eike, Olig, Arne und der Stör, die an der Backbordseite als Geschützführer fungierten.
„Gut, Männer! Wir laufen unter Vollzeug auf die Karavelle zu. Sie werden versuchen, an unserem Bug vorbeizuscheren, um uns aus der Luvposition anzugehen. Dem kommen wir zuvor, indem wir abfallen und ihnen eine volle Breitseite servieren. Arne, Stör, Boston-Mann – ihr stanzt ihnen ein paar Löcher mittschiffs in die Wasserlinie. Die anderen halten auf die Stückpforten. Sie werden schneller auf Tiefe gehen, als sie denken können.“
„Bei Odin, das werden sie“, murmelte der Wikinger. „Wenn sie nicht schon vorher alle vor Schrecken umfallen, diese lausigen Kastanienfresser!“ Er setzte das Spektiv an und schüttelte den Kopf. „Drei Kanönchen an jeder Seite! Und vorn sehe ich zwei lächerliche Serpentinen. Diese armen Irren!“
„Abentern, Mike!“ rief die Rote Korsarin zum Großmars hinauf.
„Aye, aye, Madam!“
Mike Kaibuk verließ seinen luftigen Posten. Siri-Tong ließ noch einen prüfenden Blick über das Geschützdeck wandern. Der Wikinger spähte angestrengt durch das Spektiv – und plötzlich ging ein Ruck durch seinen mächtigen Körper.
„Ha!“ schrie er. „Der Don streicht die Flagge!“
„Er streicht die Flagge? Zeig her!“
Siri-Tong schnappte sich das Spektiv und starrte zu der Karavelle hinüber. Tatsächlich: Der vermeintliche Spanier hatte die Flagge gestrichen. Seine Stückpforten blieben geschlossen, jetzt flammten auf Achterdeck und Kuhl ein paar Laternen auf. Die Karavelle schien sich kampflos ergeben zu wollen, aber als Siri-Tong das Spektiv absetzte, funkelten ihre schwarzen Mandelaugen vor Mißtrauen.
„Das ist ein schmutziger Trick“, erklärte sie kategorisch. „Laß die Stückpforten öffnen, Thorfin. Wir werden …“
Der riesige Wikinger warf ihr einen Blick zu und kratzte seinen Kupferhelm.
„Eh!“ knurrte er. „Und wenn er sich nun wirklich ergeben will?“
„Sollen wir riskieren, daß er uns auch noch die letzte Rah abrasiert, die wir an Bord haben?“
„Hölle und Verdammnis! Und einen wehrlosen Gegner in Fetzen schießen – sollen wir das, in drei Teufels Namen?“
Siri-Tong preßte die Lippen zusammen. Ihre Mandelaugen funkelten den Wikinger an. Aber sie sagte nichts, sondern starrte statt dessen wieder durch das Spektiv nach vorn, wo die Karavelle inzwischen deutlicher zu erkennen war.
„Und ich sage dir, es ist ein Trick!“ stieß sie durch die Zähne.
„Klar“, erwiderte Thorfin Njal. „Und die Laternen zünden sie an, damit wir besseres Licht zum Zielen haben.“
„Es ist ein Trick! Sie wollen uns in Sicherheit wiegen, nahe genug heransegeln und …“
Sie verstummte.
Thorfin warf ihr einen Seitenblick zu. Er sah, wie sich ihre Züge von einer Sekunde zur anderen entspannten und die dunklen Augen plötzlich aufleuchteten. Als die Rote Korsarin endlich ihre Sprache wiederfand, konnte sie den Wikinger schon nicht mehr überraschen.
„Die ‚Isabella‘-Crew“, sagte sie tonlos. Und lauter: „Klar bei Brassen und geitauen! Es sind die Seewölfe! Sie haben sich ein spanisches Schiff unter den Nagel gerissen!“
Einen Augenblick war es still, dann brandete jäher Jubel auf. Ein Jubel, der von Bord der Karavelle erwidert wurde.
„Arwenack!“ dröhnte es wie Donnerrollen über das Wasser.
„He, ho!“ brüllte der Wikinger begeistert und schwenkte die Arme.
In den nächsten Minuten schien mitten in der Stille der Nacht ein Naturereignis abzurollen und die Besatzungen der beiden Schiffe nur noch aus Verrückten zu bestehen. Nur die Rote Korsarin starrte reglos durch das Spektiv.
Ihr Blick suchte den Mann, der hoch aufgerichtet auf dem Achterkastell der Karavelle stand.
Den Seewolf!
Sein schwarzes Haar flatterte im Wind, die Augen funkelten. Für einen Moment glaubte die Rote Korsarin, den Blick dieser eisblauen Augen ganz deutlich zu fühlen, und sie konnte nicht verhindern, daß ihr Herz plötzlich wie ein gefangener Vogel zu flattern schien.
Eine Viertelstunde später pullten Siri-Tong, Thorfin Njal, Juan und der Boston-Mann in einem Beiboot des schwarzen Seglers zu der Karavelle hinüber.
Die Rote Korsarin schwang sich als erste über das Schanzkleid. Der Seewolf war auf der Kuhl erschienen. Für eine endlose Sekunde tauchten ihre Blicke tief ineinander, aber weder Hasard noch Siri-Tong wären auf die Idee verfallen, sich hier und jetzt vor versammelter Mannschaft so zu begrüßen, wie sie es sich eigentlich gewünscht hätten.
Als sie sich die Hand reichten, waren sie, zumindest äußerlich, nichts weiter als zwei Verbündete, die sich nach langer Trennung wiedergefunden hatten.
Daß sich die Männer wesentlich stürmischer begrüßten, war etwas anderes. Der Wikinger hieb Hasard krachend seine Pranke auf die Schulter und röhrte, wieso, bei Odins Raben, er sich die „Isabella“ habe klauen lassen. Hasard verpaßte dem bärtigen Riesen einen freundschaftlichen Magenhaken, der ihm die Luft aus den Lungen trieb, und fragte ihn, seit wann der die Flöhe husten höre.
Daß eine Ration Rum für alle ausgeteilt wurde, verstand sich von selbst. Das allgemeine Begrüßungs-Hallo hatte sich immer noch nicht gelegt, als Siri-Tong, der Seewolf, Ben Brighton und Thorfin Njal wenig später in Hasards Kammer im Achterkastell saßen.
Der Wikinger nahm einen tiefen Schluck Rum und atmete auf.
„So“, brummte er. „Und jetzt erzählt mal, wer neuerdings mit der guten alten ‚Isabella‘ über den Pazifik segelt.“
„Ihr seid ihr begegnet?“ fragte Hasard erstaunt.
„Begegnet? Ha! Die hätten unseren ‚Drachen‘ beinahe zu Kleinholz verarbeitet. Das Verhältnis war etwas ungleich. Wir hatten Bierfässer und Rumbuddeln klargestellt, und die anderen waren gefechtsbereit.“
„Und was ist von der ‚Isabella‘ übriggeblieben?“ fragte Ben Brighton mit leicht belegter Stimme.
„Na, was wohl?“ Der Wikinger grinste. „Glaubt ihr vielleicht, wir zerschießen unseren alten Freunden das Schiff? Nein, die ‚Isabella‘ schwimmt noch! Sie konnte sogar ganz schön flott abhauen, während wir wie eine flügellahme Ente im Wasser lagen, sonst wären wir nämlich geentert und hätten Fischfutter aus den Kerlen gemacht. Nach Westen sind sie abgehauen. Aber das können sie natürlich auch getan haben, weil sie vor dem Wind verschwinden wollten, bevor wir sie doch noch auf Tiefe schickten.“
„Stimmt“, sagte Hasard. „Sie wollen nach Norden, nach Chiapas …“
In kurzen Worten erzählte er, was alles geschehen war, seit der Sturm die „Isabella“ von dem schwarzen Segler getrennt hatte. Thorfin Njal und die Rote Korsarin hörten schweigend zu, und Siri-Tongs Augen wurden sehr schmal, als Hasard von Dans und Batutis Entführung berichtete.
Danach war die Besprechung im Achterkastell ebenso schnell zu Ende wie die Wiedersehensfeier im Vorschiff.
Sie alle brauchten keine Worte, um sich zu verständigen. Der Kurs war klar. Und klar war auch, daß sie sich beeilen mußten, wenn sie noch eine Chance haben wollten, Jean Morros Piratenbande einzuholen.
Siri-Tong und ihre Leute setzten wieder mit dem Boot über.
Auf beiden Schiffen wurden Segel gehißt, schallten Kommandos, flitzten die Männer über die Decks, und wenig später liefen der große, düstere Viermaster mit den schwarzen Segeln und die kleine Karavelle bereits mit halbem Wind über Backbordbug nach Norden.
Jean Morro, der Bretone, hatte den Kampf schon so gut wie verloren …

1.
Donegal Daniel O’Flynn lag reglos in der Hängematte und lauschte.
Er hörte nicht das Klatschen der Wellen gegen die hölzerne Bordwand, er hörte auch nicht das Knarren der Rahen und Blöcke, das die stampfenden, schlingernden Bewegungen des Schiffes wie eine vertraute Melodie begleitete. Dan O’Flynn konzentrierte sich mit jeder Faser auf die Atemzüge der Männer, die rechts und links von ihm im Mannschaftslogis des Vorschiffs schliefen. Fremde Atemzüge. Und Männer, die Dan erst seit ein paar Tagen kannte. Denn auf der Dreimast-Galeone „Isabella VIII.“ führte im Augenblick nicht der Seewolf das Kommando, sondern ein größenwahnsinniger bretonischer Piratenkapitän.
Dan richtete sich vorsichtig auf und schwang die Beine aus der Hängematte.
Er biß die Zähne zusammen. Sein Rücken brannte, die Peitschenstriemen, die er dem verdammten Bretonen verdankte, waren immer noch nicht verheilt. Auch Batuti, der riesige Gambia-Neger, hatte zwanzig Hiebe mit der Neunschwänzigen über sich ergehen lassen müssen.
Jean Morro, dem Bretonen, war es schließlich gelungen, seine beiden Gefangenen zum Borddienst auf der unterbemannten Galeone zu zwingen. Aber nicht, weil er sie etwa mit seiner Drohung eingeschüchtert hätte, sie sonst an der Rahnock aufzubaumeln oder in der Vorpiek verhungern zu lassen – das ganz gewiß nicht.
Dan und Batuti hatten sich nur zum Schein gebeugt.
Sie wußten, was das Piratengesindel nicht einmal ahnte: daß die Seewölfe ganz sicher nicht lange auf der Insel bleiben würden, auf der man sie zurückgelassen hatte. Der schwarze Segler war in der Nähe. Ein knüppelharter Sturm hatte ihn von der „Isabella“ getrennt, aber Siri-Tong und Thorfin Njal würden die Seewölfe suchen – und finden, davon war Dan O’Flynn überzeugt.
Irgendwann würde „Eiliger Drache über den Wassern“ die „Isabella“ einholen – und bis dahin wollten Dan und Batuti nicht mehr an Bord sein, damit die Piraten sie nicht als Geiseln benutzen konnten.
Aber verschwinden konnten sie nicht, wenn sie gefesselt in der Vorpiek lagen oder nach einer zweiten Abreibung mit der Neunschwänzigen nicht mehr fähig waren, sich auf den eigenen Beinen zu halten.
Deshalb hatten sie sich geduckt, hatten gehorcht und die Schikanen und Quälereien ihrer Gegner ertragen. Auch so blieb das Unternehmen schwierig genug. Dan und Batuti waren verschiedenen Wachen zugeteilt und ständig von Männern umgeben, die auf sie aufpaßten. Die Chance, etwa unbemerkt ein Boot abzufieren, war gleich Null. Aber inzwischen hatte die „Isabella“ die Höhe von Managua passiert, lag dicht unter Land auf Nordwestkurs, und gestern nachmittag hatten die beiden Seewölfe ein paarmal die Küste gesehen.
Sie würden schwimmen.
Daß sich Jean Morro damit aufhalten würde, die Küste von Nueva España nach ihnen abzusuchen, wenn er ihre Flucht entdeckte, bezweifelten sie. Aber Siri-Tongs Crew und die Seewölfe würden zum Beispiel Rauchzeichen richtig zu deuten wissen, wenn sie vorbeisegelten. Oder vielleicht war es auch möglich, irgendwo ein Boot aufzutreiben, mit dem sie den Kurs des schwarzen Seglers kreuzen konnten.
Dan O’Flynn warf noch einen letzten Blick auf die schlafenden Männer, die er in der Dunkelheit des Vorschiffs nur schattenhaft zu erkennen vermochte. Vorsichtig stieg er aus der Hängematte, glitt auf nackten Sohlen zum Schott und tastete nach dem Riegel. Schweiß stand auf seiner Stirn, als er – unendlich behutsam, um kein Geräusch zu verursachen – den Durchlaß öffnete. Wie ein Schatten huschte er nach draußen, und genauso behutsam wie vorher schloß er das Schott wieder.
Für ein paar Sekunden verharrte er auf dem Niedergang und lauschte.
Das stete Knarren, Knirschen und Ächzen der Takelage hatte sich verstärkt. Schritte erklangen: bedächtige Schritte, nicht das rastlose Klatschen nackter Sohlen auf den Decks, das man bei böigem Wind und unruhiger See hörte. Die „Isabella“ lag über Backbordbug und empfing den gleichmäßigen Ostwind raumschots. Sanft schob er sie dahin, unermüdlich, einschläfernd – in einer solchen Nacht brauchten die Männer an Deck kaum eine Hand zu rühren.
Dan wußte, daß Batuti die Steuerbordwache auf der Kuhl ging, zusammen mit Esmeraldo, diesem einäugigen Hundesohn.
Lautlos glitt Dan O’Flynn über den Niedergang. Sein Blick flog über die geblähten, fahl schimmernden Segel, über die Wanten und Pardunen, in denen der Wind sang. Eine Gestalt lehnte am Schanzkleid, noch schwärzer als die Nacht. Aber sie hob sich von dem bewegten, im Sternenlicht glitzernden Spiegel des Pazifik ab, und deshalb konnte Dan die Umrisse des hünenhaften Negers deutlich erkennen.
Batuti rührte sich nicht. Und Dan kümmerte sich vorerst nicht um ihn. Er schob sich auf dem Niedergang noch eine Kleinigkeit höher, wandte den Kopf – und jetzt hatte er auch den einäugigen Esmeraldo im Blickfeld.
Der lehnte lässig am Großmast und betrachtete angelegentlich die überlangen Rohre der Culverinen, von deren Reichweite und Treffsicherheit er sich bei dem Gefecht mit dem ahnungslosen schwarzen Segler hatte überzeugen können.
Auch das Ruderhaus der „Isabella“ erregte immer von neuem das Interesse der Piraten. Überhaupt war ihnen inzwischen klargeworden, was für ein außergewöhnliches Schiff sie da in ihre Hand gebracht hatten. Nur die gut verborgenen Schätze in den Frachträumen hatten sie noch nicht gefunden. Und auch nicht die Brandsätze, die die „Isabella“ an Bord hatte und mit denen die Piraten ohnehin nichts anzufangen wußten.
Dan O’Flynn packte den Belegnagel fester, den er bei seiner letzten Wache heimlich eingesteckt hatte.
Niemand war auf die Idee verfallen, ihn oder Batuti zu durchsuchen. Wahrscheinlich glaubten die Piraten, ihren Gefangenen endgültig das Rückgrat gebrochen zu haben.
Dan erschien es, als hätten die Kerle in ihrer Aufmerksamkeit sogar etwas nachgelassen, und er hoffte, daß das auch auf den einäugigen Esmeraldo zutraf, auf ihn – und auf die beiden Kerle drüben auf der Backbordseite.
Es waren die beiden Burgunder. Und die steckten dauernd die Köpfe zusammen und tuschelten über das Bordell, das sie in ihrer Heimat gründen wollten, wenn ihr Beuteanteil groß genug war, um mit einem eigenen Schiff den weiten Weg um Kap Horn und quer über den Atlantik zurück in die alte Welt segeln zu können. Nach den Gesprächen der beiden würde das ein Bordell werden, gegen das sich der Palast der Königin von England bescheiden ausnahm.
Dan grinste leicht, während er auf die flüsternden Stimmen horchte, die der Wind herübertrug. Ja, die Burgunder waren vollauf damit beschäftig, an ihrem Traum weiterzuspinnen. Dan glitt lautlos über die Kuhl, schlug einen Bogen und näherte sich dem einäugigen Esmeraldo von hinten.
Der Pirat hörte nichts.
Er schien mit offenen Augen zu träumen.
Dan holte aus, nahm Maß – und hieb dem Einäugigen den Belegnagel auf den Schädel.
Es klang hohl, fand Dan. Auf jeden Fall ziemlich leise, genau wie das gedämpfte Röcheln, das der Einäugige noch hervorbrachte. Rasch fing Dan den stürzenden Körper auf und ließ ihn vorsichtig auf die Planken gleiten.
Batuti hatte sich umgedreht.
Das Weiß seiner Augäpfel schimmerte, und die prächtigen Zähne blitzten im Dunkeln, als er die Lippen zu einem breiten Grinsen verzog. Lautlos huschte Dan zu ihm hinüber. Kein Wort fiel. Irgendwie hatte es der hünenhafte Neger bereits geschafft, eine Leine auszubringen. Dan nickte ihm zu, schwang sich geschmeidig über das Schanzkleid und hangelte sich Hand über Hand nach unten.
Behutsam ließ er sich ins Wasser gleiten, schwamm ein Stück zur Seite und legte den Kopf in den Nacken.
Batutis Hünengestalt erschien über dem Schanzkleid.
Auch er hangelte sich an der Leine nach unten und glitt vorsichtig ins Wasser. Mit dem Daumen wies er zur Küste. Dans blaue Augen funkelten. Er nickte und wollte sich von der Bordwand lösen. Im nächsten Moment erstarrte er.
Jäh wurde es über ihnen an Deck lebendig.
Schritte polterten. Jemand stürmte hastig aus dem Vorschiff. Und dann dröhnte bereits die Donnerstimme des bulligen Barbusse, der eigentlich auf Dan hatte aufpassen sollen.
„Vermaledeiter Bengel!“ brüllte er. „Dieser Giftzwerg ist getürmt, aus dem Logis verschwunden! Verdammt, wo steckt diese Wanze?“
Dan und Batuti wechselten einen raschen Blick.
„Wegtauchen“, flüsterte Dan O’Flynn.
Batuti nickte nur, weil er wußte, daß sie so oder so keine andere Wahl hatten.
Düster und majestätisch glitt der „Eilige Drache über den Wassern“ nach Norden.
Der stetige Ostwind blähte die schwarzen Segel an den vier Masten. Das Schiff verschmolz fast mit der Dunkelheit. Jetzt, im fahlen Mondlicht, bot es einen unheimlichen Anblick – ein großer, stolzer Segler, gegen den sich die Karavelle, die in seinem Kielwasser segelte, fast wie ein Zwerg ausnahm.
Ein gefährlicher Zwerg allerdings. Und ein Zwerg, der von einer Mannschaft gefahren wurde, die das seemännische Handwerk im Schlaf beherrschte. Philip Hasard Killigrew, der Seewolf, hatte jeden Fetzen Tuch gesetzt, den die drei Masten der „Santa Monica“ zu tragen vermochten.
Die Karavelle war rank und wendig gebaut, leicht auf Kosten der Armierung: drei Geschütze auf jeder Seite, Vierpfünder mit gegossenen Bronzerohren, außerdem je zwei Serpentinen in drehbaren Gabellafetten an Bug und Heck. Verglichen mit der Bewaffnung des schwarzen Seglers war das lächerlich. Aber dafür war die „Santa Monica“ schnell, konnte das Tempo des „Eiligen Drachen“ mithalten, und nichts anderes zählte im Augenblick für die Seewölfe.
Sie waren auf der Jagd, auf der Jagd nach ihrem eigenen Schiff, der „Isabella“, das ihnen eine Bande von Südsee-Piraten abgejagt hatte. Und auf der Jagd, um Dan O’Flynn und Batuti zu befreien, die sich in der Gewalt der Piraten befanden.
Jean Morro hieß der Anführer der Horde. Ein gefährlicher Mann, wie Hasard sich eingestehen mußte. Und dennoch würde er gegen die Verfolger keine Chance haben.
Mit zusammengepreßten Lippen stand der Seewolf auf dem Achterkastell und starrte in die Dunkelheit.
Der Verlust der „Isabella“ nagte an ihm. Vor allem die Frage nach dem Schicksal von Dan und Batuti. Wieder und wieder zog die Erinnerung an die letzte Woche in einer Folge messerscharfer Bilder an seinen inneren Augen vorbei. Wieder und wieder fragte er sich, ob er irgendwo einen Fehler begangen hätte.
Angefangen hatte es mit dem Irren, den sie auffischten: einem von seiner Mannschaft ausgesetzten Piratenkapitän, der den Verstand verloren hatte und nur noch von seiner Rache faselte. Eines nachts war der Verrückte verschwunden gewesen. Und mit ihm Dan und Batuti, die er wohl gezwungen hatte, ein Boot abzufieren und ihn zu der Insel zu pullen – jener Insel, auf deren Riff die Galeone der Piraten als zerschmettertes Wrack lag.
Als sie zurücksegelten, hatten die Seewölfe nicht ahnen können, daß sich sechzehn Überlebende der Katastrophe auf der Insel verbargen. Hasard selbst hatte den kleinen Suchtrupp angeführt, den die Piraten in einen gemeinen Hinterhalt lockte. Und danach brauchte Jean Morro, der Bretone, nur noch damit zu drohen, seine Gefangenen einen nach dem anderen umzubringen, wenn man seine Bedingungen nicht erfüllte.
Ben Brighton hatte sich in dieser Situation dafür entschieden, die „Isabella“ auszuliefern.
Und Hasard wußte glasklar, daß er an Bens Stelle genauso gehandelt und nicht einen einzigen seiner Männer geopfert hätte. Das Schicksal war gegen sie gewesen. Sie hatten eine Niederlage einstecken müssen – und sie waren unterwegs, um diese Niederlage wieder auszubügeln.
Denn sie kannten das Ziel der Piraten.
Chiapas war es, jenes kleine Stück grüner Hülle südöstlich der Landenge von Tehuantepec.
Maya-Land! Eine geheimnisvolle, unerforschte Wildnis, in der die Piraten einen legendären Schatz zu finden hofften. Das allerdings konnten die Seewölfe und die Männer der Roten Korsarin zu diesem Zeitpunkt nur ahnen. Denn Dan O’Flynn hatte nicht mehr als das Wort „Chiapas“ in einen Felsen ritzen können, bevor er von der Insel verschleppt wurde.
Der Seewolf lächelte grimmig, als er daran dachte, wie sie es geschafft hatten, die verdammte Insel wieder zu verlassen.
Die versprengte spanische Karavelle hatte wie gerufen die Insel angelaufen. Noch ehe der schwarze Segler die Insel entdeckte, hatten die Seewölfe die „Santa Monica“ gekapert. Und jetzt waren es die Spanier, die auf dem öden Eiland festsaßen und darauf hofften, daß man sie finden würde.
Der schwarze Segler und die kleine Karavelle waren bisher Nordkurs gelaufen. Aber jetzt hatten sie bereits die Höhe von Managua, und wenn die Karten nicht trogen, würden sie bald Land sehen. Hasard spähte unwillkürlich zum Großmars hoch, und Ben Brighton, der neben ihm auf dem Achterkastell stand, warf ihm einen Blick zu.
„Glaubst du immer noch, daß wir die ‚Isabella‘ vor Chiapas einholen?“ fragte er verhalten.
Der Seewolf schüttelte den Kopf.
Als sie von der Insel aufbrachen, war er überzeugt gewesen, daß sie die Piraten schnell erwischen würden. Die „Isabella“ war hoffnungslos unterbemannt, selbst wenn man Dan und Batuti dazuzählte. Aber die See, die ihnen in den letzten Wochen so oft die Zähne gezeeigt hatte, schien ihnen jetzt wie zum Hohn ihr freundlichstes Gesicht zu präsentieren.
Stunde um Stunde, Tag um Tag wehte dieser gleichmäßige, sanfte Ost. Nichts wies darauf hin, daß sich das Wetter ändern würde. Der Seewolf hatte mittlerweile ein sicheres Gespür für das Wetter in diesem Teil der Welt entwickelt. Unter solchen Bedingungen segelte sich die „Isabella“ fast von selbst. Da würde es schwer, wenn nicht unmöglich sein, ihren Vorsprung aufzuholen.
„Wenn wir sie nicht vor Chiapas erwischen, dann eben in Chiapas“, sagte Hasard hart. „Und wenn wir jede Bucht und jeden Fluß einzeln absuchen.“ Er schwieg einen Moment und zog die Brauen zusammen. „Vielleicht ist es ohnehin besser, bis Chiapas zu warten“, fuhr er fort. „Dort können wir die Kerle aufsplittern. Oder Dan und Batuti im Handstreich auf dem Landweg befreien. Wenn wir die ‚Isabella‘ in offener Seeschlacht stellen, werden die Piraten ihre Gefangenen vermutlich als Geiseln benutzen.“
„Auch wieder wahr“, murmelte Ben Brighton. „Wir könnten Fühlung halten und …“
Er wurde jäh unterbrochen.
„Land ho!“ sang Bob Grey im Großmars aus. „Land Steuerbord voraus!“
Hasards Blick suchte den schwarzen Segler, der weit voraus als Schatten zu erkennen war. Auch dort war der Großmars besetzt, und der Ausguck hatte die Küste sicher ebenfalls gesichtet. Der Seewolf enterte über den Niedergang ab, und wenig später stand er auf dem Vorkastell und spähte durch das Spektiv nach Nordnordost.
Ein unregelmäßiger schwarzer Streifen hatte sich zwischen den sternengespickten Himmel und das bewegte, im Mondlicht wie flüssiges Silber glitzernde Wasser geschoben.
Das war keine Insel mehr. Ganz davon abgesehen, daß die Karten in dieser Gegend südlich der Fonseca Bai ohnehin keine Inseln verzeichneten. Vor ihnen lag die Küste, die Landenge, die Nueva España mit dem südamerikanischen Kontinent verband. Hasard lächelte, als er sich umwandte und mit einem Blick den Stand der Segel prüfte.
In der nächsten Sekunde dröhnten seine Kommandos über das Deck: „Klar zum Anluven! Holt dicht alle Schoten! Pete, höher ran an den Wind!“
Längst hatten die Wachen auf Kuhl und Achterdeck ihre Stationen eingenommen. Der Besan wurde zuerst dichtgeholt, dann folgten Großsegel und Vorsegel.
„Höher ran“, wiederholte Pete Ballies ruhige Stimme, und Hasard verfolgte, wie die Karavelle an den Wind ging.
„Holt durch die verdammten Schoten, ihr lahmen Rübenschweine!“ brüllte Ed Carberry von der Kuhl. „Willig, willig, oder habt ihr keinen Mumm mehr in den Knochen, ihr kalfaterten Decksaffen, ihr …“
Der Profos stockte.
Nicht, weil ihm die Fluche ausgingen, sondern weil er in den Wind sprach. In einen sanften, stetigen Ostwind, den sie jetzt von Steuerbord voraus erhielten und der die Karavelle unter perfekt getrimmten Segeln laufen ließ wie Samt und Seide.
„Na also“, brummte Edwin Carberry. Er sah zum Vorkastell hoch und grinste breit, und Hasard wußte genau, was dieses Grinsen bedeutete.
Eine verdammte Teufelsbande ist das, sagte dieses Grinsen.
Die brauchte man nicht erst anzulüften, die beherrschte ihr Handwerk im Schlaf und mit links. Da waren Carberrys Flüche im Grunde ganz überflüssig.
Aber ein fluchender Profos gehörte nun einmal dazu. Und solange Edwin Carberry fluchte, war die Welt noch in Ordnung.
2.
Dan O’Flynn hatte das Gefühl, als würden im nächsten Augenblick seine Lungen platzen.
Er brauchte Luft. Er mußte auftauchen. Schon tanzten rote Feuerräder vor seinen Augen. Als sein Kopf die Wasseroberfläche durchstieß, mischte sich das Brausen des Blutes in seinen Ohren mit dem Plätschern und Gurgeln der Wellen und dem heiseren Geschrei an Bord der „Isabella“
„Du solltest aufpassen, du Bastard!“ Das war Pepe le Mocos Stimme, wahrscheinlich stauchte er Barbusse zusammen. „Wo ist der Nigger, verdammt noch mal? Wenn sie entwischt sind, laß ich dich kielholen, du Penner, du lausiger …“
Dan pumpte seine Lungen voll Luft und tauchte wieder.
Mit gestreckten Armen und Beinen glitt er durch das dunkle Wasser, die Augen weit geöffnet. Undeutlich spürte er eine Bewegung neben sich: Batuti. Der schwarze Herkules schwamm wie ein Fisch und hielt sich mit Dan auf gleicher Höhe. Sekunden verstrichen, und auch dieses Mal tauchten sie erst auf, als die Atemnot unerträglich wurde.
Dan keuchte und sog gierig die frische, salzige Luft ein. Wasser plätscherte neben ihm, Batutis Kopf tauchte auf. Der Neger schnappte nach Luft, grinste gleichzeitig, und in dem schwarzen Gesicht blitzten die Zähne.
„Da!“ brüllte jemand auf der Galeone. „Da sind sie! Steuerbord querab!“
Im nächsten Sekundenbruchteil ertönte Jean Morros Stimme: „Beiboot abfieren! Hopp-hopp! Ich will diese Bastarde wiederhaben!“
„O verdammt!“ flüsterte Dan mit Inbrunst, während Batuti schon wieder wegtauchte.
Der drahtige Dan tauchte hinterher. Dabei wurde ihm klar, daß es nicht den geringsten Sinn hatte, stur geradeaus zu schwimmen. Undeutlich sah er die schwarze Hünengestalt vor sich und wie sie nach oben schwenkte. Dan tauchte ebenfalls auf.
„Nach links!“ zischte er. „Wir müssen sie täuschen, Haken schlagen oder so was.“
„Wie Hase?“
„Ja, verflucht! Oder wie Haifisch oder …“
„Fier weg das Ding!“ gellte die Stimme des Bretonen. „Sechs Mann abentern! Nehmt Waffen mit, ihr dreimal verdammten Idioten!“
Dan warf sich im Wasser nach links, stieß tief nach unten und versuchte, so weit wie möglich von seinem ursprünglichen Standort wegzuschwimmen. Sein Herz hämmerte, und das Stechen und Brennen in seiner Brust bewies ihm, daß er für längere Tauchstrecken nicht mehr gut genug war. Das Salzwasser biß in den Wunden an seinem Rücken, aber das nahm er kaum wahr. Verzweifelt stieß er die angehaltene Luft aus, schluckte Wasser, und die blubbernden Blasen vor seinen Augen schienen sich in bunte, explodierende Sterne zu verwandeln.
Mit letzter Kraft tauchte er auf und schnappte nach Luft.
„Still!“ zischte Batutis Stimme dicht an seinem Ohr. „Kerle in Boot suchen Bewegung.“
Jetzt erst hörte Dan bewußt die rhythmischen Ruderkommandos, die in seinem Schädel widerzuhallen schienen wie Hammerschläge.
„Hool weg! Hool weg!“
Das Boot löste sich von der „Isabella“.
Vier Männer pullten, zwei spähten aufmerksam über das Wasser. Sie waren mit Pistolen, Belegnägeln und Bootshaken bewaffnet – letztere vermutlich, um ihre Opfer aus dem Bach zu fischen, wenn sie sie erst hatten. Vorerst suchten sie in der falschen Richtung. Aber Dan O’Flynn bezweifelte, daß das so bleiben würde.
„Weiter!“ flüsterte er.
Sehr behutsam ließ er sich diesmal unter Wasser gleiten, und auch Batuti vermied es, sich heftig zu bewegen. Dafür gelangten sie auch nicht so schnell vorwärts, und zusätzlich vermieden sie es, das letzte Quentchen Luftreserve zu verbrauchen, um nicht zu unkontrolliert und hastig auftauchen zu müssen.
Trotzdem rauschte das Blut in Dans Ohren, als er auftauchte.
„Scheiße!“ hörte er Batutis Stimme, warf einen Blick über die Schulter und zuckte zusammen.
Das Boot hielt auf sie zu.
Die Kerle mußten sie entdeckt haben.
An Bord der „Isabella“ wurde im selben Augenblick ein zweites Boot abgefiert, weil der Bretone offenbar keinerlei Risiko eingehen wollte.
Angriff ist die beste Verteidigung, dachte Dan.
Und Batuti kleidete den gleichen Gedanken in schlichtere Worte: „Nix hauen ab! Besser hauen drauf, rumms!“
„Ja, rumms! Wir tauchen, packen sie von zwei Seiten, schaukeln ein Bißchen, entern und hauen die Bastarde mit den Riemen zu Brei!“
„Rumms!“ wiederholte Batuti, begeistert.
Und mit dem nächsten Atemzug war er schon wieder verschwunden.
Dan tauchte ebenfalls. Sehr steil diesmal, so daß er sich im Wasser drehen konnte, denn die Kerle sollten ja annehmen, daß ihre Opfer an Abhauen und nicht an Draufhauen dachten. Mit aufgerissenen Augen glitt Dan auf den plumpen Schatten des Bootes zu. Batuti verschwand bereits hinter diesem Schatten, Dan hielt sich an der Backbordseite. Unmittelbar über ihm zogen die Riemenblätter durchs Wasser. Dan wartete, bis sie achtern waren, spannte die Muskeln und schnellte wie ein Tümmler dicht an der Bordwand hoch.
Jemand brüllte erschrocken.
Dans Körper blockierte die Riemen, seine Hände umklammerten das Dollbord, stemmten sich dagegen, gleichzeitig spürte er den Zug von der anderen Seite. Das Boot krängte nach Steuerbord. Mit fuchtelnden Armen versuchten die Kerle, die in Bug und Heck knieten, das Gleichgewicht zu halten.
„Hopp!“ schrie Dan gellend, und der jähe Gegenruck ließ das leichte Fahrzeug fast kentern.
„Du dreckige Wanze!“ brüllte einer der Rudergasten und riß den Riemen hoch.
Dan packte mit beiden Händen zu, um den Kerl außenbords zu ziehen. Das schaffte er auch: der Bursche nahm lieber ein Bad, als den Riemen fahren zu lassen. Der zweite Rudergast auf der Backbordseite hatte Dans Kopf aufs Korn genommen. Aber da war plötzlich kein Kopf mehr, der Hieb ging ins Leere, und auch dieser Kerl sprang dem im Wasser verschwindenden Riemen nach.
Damit war der Trimm beim Teufel.
Wie eine Nußschale schlug das Boot um. Gebrüll brandete auf. Auch Batuti schrie – ein kurzer, abgehackter Schrei. Er hatte die Kante des Dollbords an den Kopf gekriegt, aber das konnte Dan O’Flynn nicht sehen.
Drei Mann stürzten sich wie die Berserker auf Dan O’Flynn.
Er tauchte weg, bevor sie ihn zerquetschen konnten. Einem der Kerle rammte er von unten den Schädel in den Bauch. Der Bursche krümmte sich im Wasser. Dan glitt zur Seite, schnellte auf das Boot zu, das sie entern wollten, also wieder aufrichten mußten, aber er suchte Batuti vergeblich.
Eisiger Schrecken krampfte seinen Magen zusammen.
Blindlings schlug er um sich, als sich einer seiner Gegner von hinten über ihn warf. Nummer zwei erwischte er mit einem Fußtritt, aber der erste saß ihm wie eine Katze im Nacken und versuchte, seinen Kopf unter Wasser zu drükken. Dan stieß die Hand mit gespreizten Fingern nach oben. Er traf nicht und hörte grelles, triumphierendes Gelächter.
„Hierher!“ schrie jemand – und wie ein Schemen glitt das zweite Boot über das Wasser.
Mit der Kraft der Verzweiflung stieß Dan noch einmal zu. Diesmal fuhren seine gespreizten Finger dem Piraten ins Gesicht, und der Kerl schrie gellend auf. Der Würgegriff lockerte sich. Dan rang nach Luft, wollte wegtauchen und wußte zugleich, daß er keine Chance mehr hatte.
Nur verschwommen sah er den Rumpf des zweiten Bootes dicht vor sich.
Etwas krachte von oben auf seinen Schädel. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte er das Gefühl, sein Kopf fliege auseinander, dann fühlte er überhaupt nichts mehr.
Als er wieder zu sich kam, lag er bäuchlings auf den Planken der „Isabella“, und jemand bearbeitete seine Rippen mit Fußtritten.
„Rabenaas, verdammichtes!“ hörte er eine vertraute Stimme. „Wenn kleines O’Flynn umbringen, Batuti macht Picadillo aus dir …“
„Kleines O’Flynn, kleines O’Flynn!“ äffte Pepe le Moco wütend. „Dein kleines O’Flynn wird kielgeholt, du schwarzer Bastard!“
„Mistiges Hund! Sohn von verlaustes Wanderhure und triefäugiges Ziegenbock, du …“
Der nächste Tritt krachte in Batutis Rippen. Dan stöhnte vor Wut. Als er die Augen öffnete, sah er die hochgewachsene Gestalt von Jean Morro, der das Achterkastell verließ, und gleichzeitig sah er die Bewegung, mit der Pepe le Moco von neuem zutreten wollte.
Dan O’Flynn federte schneller hoch, als irgend jemand denken konnte.
Mehr war allerdings nicht drin, da sich sofort ein paar Mann an seine Arme hängten und ihm fast die Schultern auskugelten. Dan warf den Kopf in den Nacken. Er konnte hören, wie der Tritt in Batutis Rippen krachte. Mit einer wilden Bewegung spuckte der blonde O’Flynn Jean Morro an und fauchte erbittert, weil er nicht getroffen hatte.
„Mann!“ sagte der Bretone. Es klang beinahe anerkennend. „Dich müssen sie wirklich auf einer Kanonenkugel gezeugt haben.“
„Worauf du dich verlassen kannst, du feiger Bastard!“ fauchte Dan, dem jetzt alles egal war.
Der Bretone schüttelte den Kopf. Ein paar von seinen Leuten zerrten Batuti auf die Füße – oder besser, sie verhinderten, daß er auf die Füße und gleich auch noch Jean Morro ins Gesicht sprang. Der schwarze Herkules sah furchterregend aus. Eine tiefe Wunde klaffte an seinem Kopf, Blut lief über sein Gesicht. Es war ein Wunder, daß er sich überhaupt noch auf den Beinen halten konnte.
Pepe le Moco taumelte keuchend gegen das Schanzkleid.
Er hatte ebenfalls einiges abgekriegt, stellte Dan zufrieden fest. Wut und Rachsucht flackerte in den blutunterlaufenen Augen des Piraten wie ein Feuer.
„Auf was warten wir noch?“ schrie er. „An die Rah mit den Bastarden!“
„An die Rah! Zieht ihnen die Hälse lang!“
„Wer gibt hier eigentlich die Befehle?“ fuhr der Bretone dazwischen.
Pepe le Moco knirschte mit den Zähnen. „Du, Jean! Willst du sie etwa nicht aufknüpfen oder kielholen lassen?“
„Nein“, sagte der Bretone.
„Aber – aber du kannst doch nicht …“
„Nein!“ wiederholte Jean Morro schneidend. „Sperrt sie in die Vorpiek! Der nächste, der etwas an meinen Befehlen zu mäkeln hat, kriegt die Neunschwänzige zu spüren!“
Dan O’Flynn war immer noch ziemlich verdattert, als das Schott der Vorpiek hinter ihnen dichtgerammt wurde.
Er wurde nicht schlau aus dem Bretonen.
Aber er begann zu ahnen, daß sie den Kerl wohl irgendwie nicht ganz richtig eingeschätzt hatten.
Die Strahlen der Morgensonne tanzten über das Wasser wie glitzernde Pfeile.
Der schwarze Viermaster und die ranke Karavelle segelten dicht unter Land nach Nordwesten. Die Küste lag querab: Palmen, leuchtende Strände, wie ein dunkelgrüner Gürtel dahinter die üppige tropische Vegetation des Urwalds, und noch weiter landeinwärts die steil ansteigenden Berge, deren Gipfel bereits hinter Hitzeschleiern verschwammen.
Hasard stand am Steuerbord-Schanzkleid des Achterkastells und suchte die Küstenlinie mit dem Spektiv ab. Vor einer knappen Stunde hatte Siri-Tong die Fahrt des Viermasters verlangsamt und der aufsegelnden Karavelle signalisiert, auf Rufweite heranzudrehen.
In der tropischen Hitze waren sämtliche Wasservorräte des schwarzen Seglers verdorben. Die Rote Korsarin und der Wikinger wollten Frischwasser an Bord nehmen, möglichst bevor sie auf die „Isabella“ stießen und vielleicht in unvorhersehbare Verwicklungen gerieten. Das war vernünftig. Hasard fand es überdies ganz nützlich, sich an Land umzusehen und die Gegend ein wenig kennenzulernen, bevor es ernst wurde.
Jetzt luvte der schwarze Segler an und drehte auf die Küste zu.
Sein Bugspriet zielte auf eine Stelle, wo die Palmen zurückwichen. Hasard hatte den schmalen Einschnitt ebenfalls entdeckt, konnte jedoch noch nicht erkennen, um was es sich handelte. Aber wenn es eine Bucht war, die dem schwarzen Segler Platz bot, würde die kleine Karavelle es ebenfalls schaffen.
Der Seewolf setzte das Spektiv ab. „Klar zum Anluven! Dichter holen die Rahen! Gei auf Groß- und Marssegel! Ruder hart über!“
„Hart über!“ bestätigte Pete Ballie.
„Hoch mit den Lappen, ihr Säcke!“ rief der Profos, und „Aye, aye“, ertönte die Bestätigung von den Männern an Geitauen und Brassen.
Die „Santa Monica“ ging an den Wind und blieb unter Fock und Besan im Kielwasser des „Eiligen Drachen“.
Auch auf dem schwarzen Schiff wurden Segel weggenommen. Die Donnerstimme des Wikingers dröhnte über das Wasser, das Bugspriet des Viermasters verschwand im undurchdringlichen Grün des Dickichts.
Etwas wie ein gigantischer Rachen schien das Schiff zu verschlingen, aber das täuschte. Über den dunklen Buckeln des Buschwerks konnte Hasard die Mastspitzen des schwarzen Seglers sehen, dem Stand der Flögel, die wie kleine Wimpel über dem Gebüsch schwebten und sich tiefer ins Landinnere bewegten. Platz bot die Bucht offenbar genug. Auch der Bugspriet der Karavelle zielte jetzt auf den grün schimmernden Rachen, und Hasard ließ das Ankergeschirr klarlegen.
Minuten später glitt die „Santa Monica“ sanft durch die Einfahrt der Bucht.
Die Segel begannen sofort zu killen, da der Wald die Bucht wie mit dunkelgrünen Wänden umgab und den Wind wegnahm. Platz war genug: das ruhige Wasser lag schimmernd in der Sonne wie ein riesiger kreisrunder Spiegel.
Der schwarze Segler war mit der letzten Fahrt nach Steuerbord gelaufen, die Karavelle wandte sich nach Backbord. Pete Ballie legte Ruder, und die „Santa Monica“ beschrieb einen sanften Bogen, bis von See her allenfalls noch ihre Mastspitzen zu sehen waren.
„Fallen Anker!“ rief Hasard über Deck.
„Aye, aye“, erfolgte Ben Brightons Bestätigung.
Die Ankertrosse rauschte aus, und Minuten später lag die Karavelle wie ein Klotz auf dem Wasser.
Hasard ließ ein Faß im Boot verstauen, da er ebenfalls die Gelegenheit wahrnehmen wollte, die Wasservorräte zu ergänzen. Er nahm acht Mann mit, schwer bewaffnet: die Gegend sah zwar friedlich und ruhig aus, aber das konnte täuschen.
Auch auf dem schwarzen Segler wurde ein Boot abgefiert, und schließlich war es eine ziemlich starke Gruppe, die an der Ostseite der Bucht an Land ging und die beiden Fahrzeuge auf den schmalen Uferstreifen zog.
Siri-Tongs Mandelaugen leuchteten flüchtig auf, als sie dem Seewolf zulächelte. Thorfin Njal und die vier anderen Wikinger waren bereits dabei, den Waldsaum abzusuchen, dieses grüne, dampfende, vom ohrenbetäubenden Konzert der Vögel und Affen erfüllte Dickicht, das gerade die fünf Nordmänner ganz besonders verabscheuten.
Hasard mußte lächeln, als er Thorfins grimmig verzogenes Gesicht sah. Der bärtige Hüne murmelte etwas, das sich wie „dreimal verdammter Scheiß-Wald“ anhörte.
Und der Stör, der die Angwohnheit hatte, ständig die letzten Worte seines Kapitäns nachzuplappern, konnte es natürlich auch diesmal nicht lassen.
„Dreimal verdammter Scheiß-Wald!“ sagte er mit Inbrunst.
„Recht hat er“, knurrte Ed Carberry. „Da drüben scheint es übrigens so was wie einen Pfad zu geben.“
„Pfad? Du bist wohl nicht ganz dicht, Mann!“
Sam Roskill hatte das gesagt, und ehe ihn der Profos packen konnte, flitzte der schlanke schwarzhaarige Mann bereits über den Uferstreifen zu der Stelle, wo zwischen Gestrüpp und Schlinggewächsen eine dunkle Öffnung klaffte. Sam blieb verblüfft stehen, runzelte die Stirn und stieß schließlich einen Pfiff aus.
„Da ist wirklich ein Pfad! Ich werd verrückt!“
„Das bist du sowieso, du Stint“, grollte der Profos.
Genau wie die anderen trat er näher heran, um sich den Pfad – oder was immer es war – genauer anzusehen. Hasard tat ein paar Schritte und schob einige Ranken beiseite, die von einem der Baumriesen herunterhingen. Die schmale Lücke im Dickicht beschrieb eine Kurve und führte tiefer ins Landinnere. Es war ein Pfad. Und er mußte wohl auch regelmäßig benutzt werden, da der Urwald ihn mit seiner gierigen Vegetation sonst längst überwuchert hätte.
„Vielleicht ein Wildwechsel?“ fragte der Bootsmann des schwarzen Seglers gedehnt.
Siri-Tong schoß ihm einen vernichtenden Blick zu. „Wildwechsel? Kannst du mir erzählen, welche Art Wild wohl an den Strand kommen und Salzwasser saufen sollte?“
Dem war nichts entgegenzusetzen. Die Rote Korsarin zog die Unterlippe zwischen die Zähne und sah Hasard an. Der zuckte mit den Schultern.
„Die Bucht ist ein guter Ankerplatz“, meinte er. „Vielleicht wird sie regelmäßig von Leuten angelaufen, die ihren Schlupfwinkel im Landinneren haben. Oder die Indianer stellen hier Posten auf, damit sie gewarnt sind, wenn spanische Schiffe aufkreuzen. Ich könnte mir vorstellen, daß sich eine ganze Menge Mayas in den Regenwäldern versteckt hält.“
„Und Spanier gibt es garantiert in der Nähe“, sagte Ferris Tucker. „Die lassen doch nichts aus.“ Er schwieg einen Moment und kratzte in seinem roten Haarschopf. „Vielleicht sollten wir uns ein bißchen beeilen. Nicht, daß ich keine Lust hätte, mal wieder ein paar Dons zu verhackstücken, aber das würde uns jetzt nur unnötig aufhalten.“
„Richtig“, sagte Hasard ruhig. „Also folgen wir dem Pfad! Ferris, Matt – wir bilden die Vorhut. Ed, du suchst dir ein paar Leute und sicherst nach hinten. Fertig?“
„Aye, aye“, ertönte es im Chor.
Siri-Tongs Augen blitzten, aber sie sagte nichts. Sie war wütend – wie immer, wenn Hasard etwas über ihren Kopf hinweg bestimmte, das auch nur entfernt danach aussah, als wolle er sie absichern. Ihre Nasenflügel vibrierten leicht, mit einem Ruck warf sie das schwarze Haar auf den Rücken. Der Wikinger, der sie beobachtet hatte, grinste still vor sich hin.
Minuten später setzte sich der ganze Trupp in Bewegung.
Der Seewolf hatte die Spitze. Er lauschte und versuchte angestrengt, aus dem vielstimmigen Zirpen, Kekkern und Krächzen ringsum ungewöhnliche Geräusche herauszuhören. Viel sehen konnten sie nicht in der grünen Dämmerung. Hoch über ihnen bildeten die Kronen der riesigen Bäume ein fast undurchdringliches Dach, durch das einzelne Sonnenstrahlen wie Pfeile stachen. Der Boden war mit grüngoldenen Flekken gesprenkelt, die Luft so feucht, daß sie das Atmen erschwerte und sich wie eine zähe, klebrige Schicht über die Haut zu legen schien. Schon nach zwei Dutzend Schritten war Hasard in Schweiß gebadet. Die Kleidung klebte wie eine zweite, etwas faltenreichere Haut an seinem Körper, und den anderen ging es genauso.
Trotzdem verfiel keiner von ihnen auf den Gedanken, etwa Hemd oder Jakke auszuziehen. Die Lektion, daß man im Urwald den Myriaden summender Plagegeister möglichst wenig nackte Hautflächen bietet, hatten sie schon in der Fieberhölle von Guayana gelernt.
Und denjenigen unter Siri-Tongs Männern, die auf guten Rat nicht hatten hören wollen, war die gleiche Lektion im Amazonasgebiet auf ziemlich unangenehme Weise eingetrichtert worden. Jetzt kannten sie die Tücken dieser Landschaft und wußten sich auch im tropischen Urwald recht gut zu behaupten, wenn er ihnen deshalb auch um keinen Deut sympathischer geworden war.
Der Pfad wand sich in engen Biegungen weiter und führte immer tiefer ins Landinnere. Schwärme von bunten Vögeln stoben vor den Männern auf, Insekten umtanzten sie in ganzen Schwärmen. Affenherden, die in ihrer Ruhe aufgeschreckt wurden, veranstalteten ein Höllenkonzert, und es grenzte an ein Wunder, daß es Hasard trotz allem gelang, das Rauschen und Gurgeln eines nahen Bachlaufs wahrzunehmen.
Eine Viertelstunde später hatten sie die Quelle gefunden, eine ergiebige Quelle mit klarem, überraschend kühlem Wasser, das in Kaskaden über ein paar Steine sprudelte und sich in einem runden Becken sammelte, bevor es im Dickicht verschwand, um sich seinen Weg zu einem der größeren Flüsse zu suchen.
Hasard probierte mit der hohlen Hand – es gab nichts auszusetzen. Die Männer tranken und gingen dann daran, die mitgebrachten Fässer zu füllen. Der Seewolf spielte Kavalier und reichte der Roten Korsarin einen Becher von dem köstlichen Naß.
Über den Rand hinweg lächelten ihre Augen ihn an. Wenn man vom schrillen Konzert der Vögel, Affen und Insekten absah, war es bemerkenswert still. Nicht einmal Ed Carberry brüllte in der gewohnten Art herum, weil er in diesem unbekannten Gebiet so wenig Lärm wie möglich veranstalten wollte. Eine Viertelstunde später war die Kolonne wieder zum Abmarsch bereit. Jetzt gelangten sie mit den schweren Fässern wesentlich langsamer vorwärts als auf dem Hinweg.
Hasard glaubte bereits, die salzige See zu riechen. Auch Ferris Tucker schnupperte prüfend und grinste dann breit.
„Gleich haben wir’s geschafft“, verkündete er.
Ein peitschender Knall riß ihm das letzte Wort von den Lippen.
Erschrocken blieben die Männer stehen, Siri-Tong wirbelte herum, daß ihre Mähne flog. Der Seewolf kniff die Augen zusammen, lauschte – und in der nächsten Sekunde fielen in dichter Folge weitere Schüsse.
Irgendwo hinter ihnen im Urwald war die Hölle los.
Musketen und Pistolen knallten. Stimmen schrien durcheinander – spanische Stimmen. Die Dons schienen jemanden zu verfolgen, und dieser Jemand versuchte, sich über denselben Pfad zu retten, den auch Siri-Tongs Piraten und die Seewölfe benutzten.
Seine Schritte näherten sich.
Wie vom Teufel gehetzt jagte er weiter, und so mochte er sich wohl auch fühlen. Ein einzelner Mann, hinter dem die Spanier mindestens im Dutzend herwaren. Der Bursche stolperte, landete offenbar halb im Dickicht, raffte sich wieder auf, und im nächsten Moment erschien er stolpernd und taumelnd hinter der Biegung des Pfades.
Es war ein schlanker, braunhäutiger Mann in zerfetzter Kleidung.
Er trug eine Art Zopf, mit bunten Bändern umwickelt, aber daß er kein Chinese war, ließ sich auf den ersten Blick erkennen. Das dunkle, schweißbedeckte Gesicht verzerrte sich. Er prallte zurück, seine braunen, eigentümlich sanften Augen wurden so weit, daß das Weiße der Augäpfel gespenstisch schimmerte. Ein Maya, durchzuckte es Hasard — und im selben Moment versuchte der Mann, sich herumzuwerfen.
Sein Fuß verhakte sich irgendwo.
Mit einem Aufschrei stolperte er und stürzte.
Als habe die jähe Bewegung den letzten Rest seiner Kraft verbraucht, unternahm er keinen Versuch mehr, wieder aufzuspringen, sondern blieb einfach liegen.
Um dieselbe Zeit hatte auch die „Isabella VIII.“ eine Bucht an der Küste von Chiapas angelaufen.
Dan und Batuti erlebten das Ankermanöver in der Vorpiek. Sie wußten, was jetzt folgte: ein langer Marsch durch den tropischen Urwald, mit einer obskuren Schatzkarte als einzigem Hilfsmittel. Und sie wußten auch, daß sie bei diesem Marsch dabeisein würden, denn Jean Morro und seine Piratenbande hatten sie sicher nicht am Leben gelassen, damit sie sich auf die faule Haut legten.
Tatsächlich sprang ein paar Minuten später das Schott auf.
Pepe le Moco und der einäugige Esmeraldo – wie gehabt. Hinter ihnen waren die Mündungen von schußbereiten Musketen zu sehen, und Dan hörte das typische Schnaufen des bulligen Barbusse. Esmeraldos einziges Auge funkelte böse. Auch Pepe le Moco sah ausgesprochen unzufrieden aus, weil er seine Opfer viel lieber an die Haifische verfüttert hätte.
„Raus!“ knurrte er. „Ganz schnell, bevor ich euch anlüfte!“
Dan verzog das Gesicht, Batuti knurrte etwas Unverständliches. Da nur ihre Hände gefesselt waren, konnten sie dem Befehl folgen. Vor den Musketen, die Barbusse und der Burgunder auf sie richteten, marschierten sie über den Niedergang an Deck, und dort blieben sie stehen und warfen einen raschen Blick in die Runde.
Auf der „Isabella“ herrschte Aufbruchstimmung.
Jacko, Valerio und der fette Tomaso fierten bereits das zweite Boot ab, die Männer hatten sich mit Säcken und Seekisten bewaffnet: Behältnisse, die offenbar dafür bestimmt waren, das legendäre Maya-Gold zu transportieren.
Dan O’Flynn unterdrückte ein abfälliges Grinsen. Für seine Begriffe war es mehr als fraglich, ob die Kerle in der grünen Hölle dort drüben auch nur einen Schimmer von Gold finden würden. Dabei hätten sie nur die Augen zu öffnen und die gute alte „Isabella“ etwas genauer zu untersuchen brauchen, um direkt vor ihren Füßen unzählige Kostbarkeiten zu entdecken.
Sie hatten es nicht getan, und das war auch gut so. Dans Blick wanderte zum Achterkastell hinauf, wo der Bretone die Hände auf die Schmuckbalustrade stützte. Für ein paar Sekunden kreuzten sich ihre Blicke, und Jean Morro zog die Lippen von den Zähnen und lächelte.
„Hört zu“, sagte er hart. „Ich habe darauf verzichtet, euch kielholen zu lassen, weil ich jede Hand brauche. Wir haben einen langen Marsch vor uns, und ihr werdet so bepackt werden, daß euch sämtliche dummen Gedanken vergehen. Wer unterwegs quertreibt, erhält ein paar Kugeln in die Beine und wird zurückgelassen. Und diesmal ist es mir Ernst, darauf könnt ihr euch verlassen. Haben wir uns verstanden?“
„Du kannst mich“, sagte Dan. Er wußte, daß sie so oder so keine Chance mehr kriegen würden, also sah er auch keinen Grund, mit seiner Meinung hinter dem Berg zu halten.
Der Bretone grinste nur.
„Wir werden sehen“, sagte er trokken. „Schneidet ihnen die Fesseln durch! Und dann ab in die Boote!“
Ein paar Sekunden später hatten Batuti und Dan die Hände frei.
Allerdings zielten immer noch zwei Musketen auf sie. Sie wußten, daß es völlig sinnlos war, jetzt loszulegen. Vielleicht ergab sich später eine Möglichkeit, wenn sie durch den Urwald marschierten. Die grüne Hölle war dicht und undurchdringlich, und wenn in dieser Wildnis erst einmal jemand verschwand, würde es verdammt schwer sein, ihn wiederzufinden.
Der blonde Mann und der hünenhafte Neger wechselten einen Blick.
Dan drehte fast unmerklich den Kopf in Richtung Küste. Batuti nickte, genauso unmerklich. Sie hatten sich verstanden, und sie wehrten sich nicht, als sie jetzt zum Schanzkleid hinübergestoßen wurden, wo die Piraten eine Jakobsleiter belegt hatten.
Nur drei Männer blieben zurück: Valerio, Tomaso und ein spindeldürrer Bursche, der sich den Fuß verstaucht hatte und nicht laufen konnte.
Die beiden Boote legten ab. Batuti hockte im vordersten, Dan in dem zweiten Fahrzeug, das von dem Bretonen geführt wurde. Eine ganze Menge an Ausrüstung war zusammengekommen, und Dan fluchte lautlos, weil er bereits ahnte, daß sich Jean Morros Piratenbande nicht überanstrengen würde.
Er sollte recht behalten.
Er und Batuti wurden wie Maultiere bepackt. Jean Morro stand mit gezogener Pistole dabei, ein dünnes Lächeln auf den Lippen. Dan grinste ihn so unverschämt an, als habe er sein ganzes Leben lang nichts arideres getan, als Lasten durch den Urwald zu schleppen.
„Viel zu schwer für kleines O’Flynn“, murmelte Batuti grollend.
„Quatsch mit Soße!“ fauchte Dan. „Die lahmarschigen Kakerlaken werden sich umschauen, wenn sie glauben, daß einer von uns schlappmacht. Schau dir die Idioten doch an! In einem Urwald ist von denen noch keiner gewesen.“
Er hatte recht: Jean Morros Piraten hatten keine Ahnung von den Tükken des tropischen Regenwaldes. Der feuchten Hitze suchten sie dadurch zu begegnen, daß sie Jacken und Hemden ablegten. Ein paar von den Männern schienen sogar die Absicht zu haben, ihre Stiefel bei den Booten zurückzulassen, aber Jacahiro, der Maya, schüttelte den Kopf.
„Sitegel gegen Schlangen“, sagte er mit seiner dunklen, kehligen Stimme. „Und Kleider gegen Stechmükken.“
„Quatsch“, brummte Pepe le Moco. „Ein paar Mückenstiche werden uns ja wohl nicht schaden.“
„Mückenstiche nicht. Aber Insekten legen Eier in Wunden. Maden fressen Haut. Viel Eiter, viel Schmerzen.“ Der Maya wies mit dem Kopf auf Dan und Batuti, die sich so weit wie möglich vermummt hatten. „Sie kennen Urwald. Sie wissen.“
Pepe le Moco schnitt ein ziemlich zweifelndes Gesicht. Dan und Batuti schwiegen, ihnen war es völlig gleichgültig, ob sich ihre Gegner mit entzündeten Wunden würden herumschlagen müssen. Jean Morro traf die Entscheidung. Der Maya kenne das Land, meinte er, also habe man sich gefälligst nach seinen Ratschlägen zu richten.
Eine Viertelstunde später war die Kolonne abmarschbereit – dreizehn Männer, die in den dichten Dschungel von Chiapas eindrangen. Jacahiro übernahm die Führung und richtete sich nach der Karte, die der alte Valerio dem Bretonen überlassen hatte. Der Maya kannte das Land, er kannte auch die Legende von dem sagenhaften „Schatz der Götter“. Ohne ihn hätten sich die Piraten wahrscheinlich niemals auf die Suche begeben, sondern Valerios Karte und sein Geschwätz über das Maya-Gold als Humbug abgetan.
Dan O’Flynn erschien es zumindest sehr zweifelhaft, daß Valerios Schatzkarte echt war.
Während Batuti dem Schluß der Kolonne zugeteilt worden war, marschierte Dan O’Flynn, bewacht von Pepe le Moco und Esmeraldo, direkt hinter dem Bretonen. Noch war der Wald ziemlich licht, da es in der Nähe der Küste Felsen gab, die ein allzu üppiges Wuchern der Vegetation verhinderten. Aber weiter im Landesinneren schlossen sich Baumriesen, Unterholz und ein Gewirr von Schlingpflanzen zu dichten Wänden zusammen. Trotz aller Tükken und
Gefahren hatte diese Wildnis auch eine Ausstrahlung von dunkler, unwiderstehlicher Lokkung.
Das Land der Maya!
Es war genauso geheimnisvoll wie das legendäre El Dorado, das Goldland der Inkas, das die Seewölfe entdeckt hatten. Bei aller Wut auf Jean Morros Halsabschneider mußte Dan sich eingestehen, daß ihm das Abenteuer dieser Schatzsuche beinahe Spaß zu bereiten begann.
Pulsuz fraqment bitdi.