Kitabı oxu: «Fallout»
Zum Buch
Gekündigte Atomabkommen, drohendes Wettrüsten, marode Kernkraftwerke - der Geist der Radioaktivität schwebt weiter über uns. Aber was genau wissen wir über die Folgen von Verstrahlung und die Gefahren, die von stillgelegten Meilern ausgehen? Wie leben die Menschen in und um die Sperrzonen? Und wohin mit dem ganzen Atommüll? Eine fesselnde Reportagereise durch das nukleare Zeitalter.
Hiroshima, Bikini Atoll, Sellafield, Tschernobyl, Fukushima, Gorleben – Namen, die nicht mehr nur Orte bezeichnen, sondern Katastrophen und immense materielle wie immaterielle Kosten. Sie erinnern an das Zusammentreffen von menschlicher Genialität, Machtmissbrauch und schlimmstem Versagen. Dabei hat ein jeder dieser Orte seine eigene ernüchternde Geschichte zu erzählen. Zusammen ergeben sie die Chronik des nuklearen Zeitalters.
In seiner fesselnden und hervorragend recherchierten Reportage untersucht Fred Pearce die größten atomaren Desaster der letzten 70 Jahre und bereist die ikonisch gewordenen Orte. Er besichtigt mit Wissenschaftlern und Ingenieuren stillgelegte Reaktoren und verlassene Testareale, entdeckt auf verseuchtem Brachland radioaktive Wölfe und mutierte Pflanzen, aber auch eine überraschende Widerstandskraft der Natur. Überlebende, Ärzte und Aktivisten erzählen ihm, was staatliche Verschleierungen, Täuschungen durch Konzerne und die Vertuschung medizinischer Erkenntnisse physisch und psychisch angerichtet haben.
Mit seinem Buch ruft Pearce uns ins Gedächtnis, was wir nicht vergessen sollten: das ganze Ausmaß und die Folgen der zerstörerischsten Technologie, die die Menschheit je erfunden hat.
Über den Autor
Fred Pearce, geboren 1951, ist der Umweltberater des »New Scientist« Magazins und schreibt u.a. für den »Guardian« und »Yale e360«. Er ist Autor von fünfzehn Büchern und hat für seine internationalen Reportagen zu Umwelt- und Entwicklungsfragen in den vergangenen dreißig Jahren zahlreiche Preise erhalten; 2001 wurde er zum britischen Umweltjournalisten des Jahres gekürt und 2011 von der Association of British Science Writers für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Fred Pearce lebt in London.
Fred Pearce
FALLOUT
Das Atomzeitalter – Katastrophen, Lügen und was bleibt
Aus dem Englischen von Tobias Rothenbücher
Verlag Antje Kunstmann
INHALT
Zu den verwendeten Maßeinheiten
Einleitung: Unterwegs ins Anthropozän
Erster Teil: Zerstörer der Welten
Kapitel 1 Hiroshima: Eine unsichtbare Narbe
Kapitel 2 Kritische Masse: MAUD im Garten der Atome
Kapitel 3 Las Vegas: Silberstreifen am strahlenden Horizont
Kapitel 4 Kernwaffentests im Pazifik: Godzilla und Glücklicher Drache
Kapitel 5 Semipalatinsk: Die Geheimnisse der Steppe
Kapitel 6 Der Plutoniumberg: Greifen Sie nur zu!
Zweiter Teil: Kalter Krieg – heiße Teilchen
Kapitel 7 Majak: »Unter Zeitdruck« im Schatten des Urals
Kapitel 8 Metlino: Wo sogar die Samoware strahlten
Kapitel 9 Rocky Flats: Plutonium in der Schlangengrube
Kapitel 10 Die Silos von Colorado: Uncle Sams nukleares Kernland
Kapitel 11 »Broken Arrows«: Dr. Seltsam und die radioaktiven Kaninchen
Kapitel 12 Das Feuer von Windscale: »Vertuschung, wie sie im Buche steht«
Dritter Teil: Atomkraft für den Frieden
Kapitel 13 Three Mile Island: Wie man ein Kraftwerk besser nicht betreibt
Kapitel 14 Tschernobyl: Eine »wunderschöne« Katastrophe
Kapitel 15 Tschernobyl: Wodka und Fallout
Kapitel 16 Tschernobyl: Im Rudel jagen
Kapitel 17 Fukushima: Die Entdeckung des Skorpions
Kapitel 18 Fukushima: Herr Baba kommt nach Hause
Kapitel 19 Radiophobie: Der Geist von Fukushima
Kapitel 20 Millisievert: Eine Dosis Vernunft
Vierter Teil: Aufräumarbeiten
Kapitel 21 Sizewell: In der Wäschekammer
Kapitel 22 Sellafield: Steinkreise und nukleares Erbe
Kapitel 23 Hanford: Die Stilllegung einer Industrie
Kapitel 24 Gorleben: Eintrittskarte für eine atomfreie Zukunft?
Kapitel 25 Atommüll: Sicher verstaut
Zum Schluss: Friedensarbeit in Nagasaki
Glossar
Danksagung
Quellen
Index
Zu den verwendeten Maßeinheiten
Die Maßeinheiten der Atomwissenschaft sind ein wahrer Albtraum; als hätte man sich untereinander verschworen, mit Becquerel (und auch Kilo-, Mega-, Giga-, Tera- und sogar Petabecquerel), Rem, Rad, Sievert, Curie, Röntgen, Gray und Coulomb alles möglichst kompliziert zu machen. Was bezeichnen all diese Einheiten überhaupt?
Letztlich werden meistens nur zwei Dinge gemessen: erstens die Menge an Radioaktivität, die bei einem Unfall frei geworden ist oder auch von einer bestimmten Boden-, Wasser- oder Luftmenge ausgeht. Und zweitens die Strahlendosis, die von einem lebenden Organismus wie Ihnen aufgenommen wird. Im zweiten Fall wird es häufig kompliziert, weil uns die verschiedenen Strahlungsarten radioaktiver Stoffe (Alpha-, Beta- oder Gammastrahlung) auf unterschiedliche Weise erreichen. Wir können eine Dosis durch äußere Strahlenexposition erhalten, wenn wir uns in einer radioaktiv belasteten Umgebung bewegen, oder durch innere Strahlenexposition, wenn wir radioaktives Material eingeatmet oder mit der Nahrung aufgenommen haben.
Wenn ich im Folgenden etwa den Unterschied zwischen dem Maß für »absorbierte Strahlendosen« und »Strahlenexposition« ignoriere, werden einige Puristen vermutlich nervös. Aber ich habe beschlossen, alles so einfach wie möglich zu halten. Ich habe mich auf eine Maßeinheit für Radioaktivität und auf eine andere für eine bestimmte erhaltene Strahlendosis festgelegt und lasse den ganzen statistischen Hokuspokus einfach bleiben.
Im Fall der frei gewordenen Radioaktivität habe ich mich für Curie entschieden. Das ist eine alte, aber noch immer verbreitete Maßeinheit. Manche Wissenschaftler ziehen Becquerel vor. Ein Becquerel ist jedoch so winzig, dass wir dabei schnell ins Reich der Giga-, Tera- und Peta-Größen geraten. Das finde ich furchtbar. Es ist, als würde man die Strecke einer Autofahrt in Zentimetern angeben. Ein Curie entspricht sagenhaften 73 Milliarden Becquerel. In den meisten Fällen ist die Einheit Curie pragmatischer; daher also Curie. In ganz seltenen Fällen, wenn es um winzige Konzentrationen geht, habe ich auf Picocurie zurückgegriffen – also den billionsten Teil eines Curie.
Bei Strahlendosen habe ich mich für die moderne Maßeinheit der – wie Radiologen sagen – »effektiven Dosis« entschieden, die entsprechend gewichtet ist, um den unterschiedlichen Schäden, die unterschiedliche Strahlungsarten verursachen, Rechnung zu tragen. Diese Einheit heißt »Sievert«. Ein Sievert ist schon eine größere Sache. Bereits eine Strahlendosis von vier Sievert wird Sie wahrscheinlich das Leben kosten. Die Einheit »Millisievert«, also ein Tausendstel Sievert, eignet sich für unsere Zwecke gut. Daher verwende ich sie im ganzen Buch. Geigerzähler messen die Strahlendosis meistens in Mikrosievert pro Stunde. In der Regel habe ich die Werte, wenn es für die Aussage keine Rolle spielt, in Millisievert pro Jahr umgerechnet.
Als Daumenregel gilt also, dass eine Strahlendosis von 4.000 Millisievert in der Regel tödlich ist. Von 1.000 Millisievert bekommt man wahrscheinlich Verbrennungen und eine Reihe anderer potenziell tödlich wirkender Symptome, die zusammengefasst als akute Strahlenkrankheit bezeichnet werden. 100 Millisievert hingegen ist die geringste Dosis, bei der es ernst zu nehmende Anhaltspunkte für Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit gibt, etwa eine erhöhte Krebsrate innerhalb der Bevölkerung. Zum Vergleich: Auf rund zwei bis drei Millisievert beläuft sich die typische Jahresdosis durch natürliche Strahlenquellen; ähnlich hoch ist auch die Dosis bei einer Mammografie. Ein Millisievert pro Jahr gilt als maximale vertretbare Strahlendosis durch Kraftwerke und andere nicht-medizinische Strahlenquellen für die allgemeine Bevölkerung.
Außerdem habe ich alle Währungs-Angaben in US-Dollar umgerechnet. Zum Zeitpunkt der Umrechnung war ein Euro 1,15 Dollar und ein Pfund 1,30 Dollar wert. Die ursprünglichen Summen gehen häufig aus den im Anhang aufgeführten Quellen hervor.
Einleitung
UNTERWEGS INS ANTHROPOZÄN
An einem sonnigen Morgen im September 1957 fuhr im Vorgebirge des Urals, der Gebirgskette, die das europäische Russland von Sibirien trennt, ein Konvoi Militärlastwagen eine schmale Straße am Ufer eines Sees hinunter. In dem kleinen Dorf Satlykowo hielt er an. Soldaten der Roten Armee klopften an die Türen und befahlen den wenigen Hundert Einwohnern, sich zu entkleiden, die Ersatzkleidung aus den Wagen überzuziehen und einzusteigen. Die Dorfbewohner wurden evakuiert. Ihr Eigentum durften sie nicht mitnehmen, nicht einmal Geldscheine. In aller Eile ließen sie ihren weltlichen Besitz zurück, und um ihre Rückkehr zu verhindern, rissen die Soldaten ihre Häuser nieder und erschossen Haustiere und Vieh.
Gründe für die Evakuierung nannten die Soldaten nicht. Selbst wenn sie informiert gewesen wären, hätten sie nicht preisgeben dürfen, dass es eine Woche zuvor in den Abfalltanks der größten russischen Plutoniumfabrik in der nahe gelegenen geschlossenen Stadt, die heute Osjorsk heißt, eine Explosion gegeben hatte. Sie durften auch nicht erklären, dass die seltsame dunkle Wolke, die sich nur Stunden danach auf Satlykowo herabgesenkt hatte, lebensbedrohlichen Fallout aus dem Unfall enthielt.1 Höchstwahrscheinlich war er verantwortlich für den Tod der zehn Monate alten Tochter von Iran Chaersamanow, die nach dem Erscheinen der Wolke mit ihrer Großmutter im Garten gewesen war, anschließend schweren Durchfall bekam und wenige Stunden später starb. Sie war die Letzte, die auf dem Friedhof des Dorfs begraben wurde.2
Die Soldaten konnten deshalb nichts dazu sagen, weil die bloße Existenz der Kernwaffenanlage ein Militärgeheimnis war, das nur die innerhalb der Sperrzone beschäftigten Arbeiter kannten. Kein Außenstehender durfte jemals davon erfahren.
An einem ebenso sonnigen Morgen sechzig Jahre später besuchte ich Satlykowo als erster westlicher Journalist seit dem Unfall. Ich fuhr durch ein Tor, das noch immer von bewaffneten Soldaten bewacht wurde, und folgte einer langen ausgefahrenen Straße. Den Ort fand ich, doch die Überreste der fünfundsiebzig hastig eingerissenen Häuser waren von Pflanzen überwuchert. Überall wuchsen Brennnesseln. Unmengen riesiger Libellen schwirrten durch die stickig heiße Luft. Der See jenseits der zugewachsenen Felder war voller Fische, aber niemand durfte sie fangen. In dem Wald, der sich links und rechts des Weges ausbreitete, lebten Hirsche, Wildschweine und Füchse. Er mochte radioaktiv belastet sein, war aber alles andere als eine öde Mondlandschaft.
Das war der Beginn meiner Entdeckungsreise auf der Suche nach dem radioaktiven Erbe des nuklearen Zeitalters; eines Zeitalters, das wahrscheinlich und hoffentlich bald zu Ende geht. In diesem Buch erkunde ich die unheimlichen, durch Atomunfälle verseuchten Landstriche – manche so bekannt wie Tschernobyl oder Fukushima, andere weitgehend unbekannt wie das Gebiet um Satlykowo. Ich besuche Orte, an denen im Namen der Wissenschaft oder im Krieg Atombomben abgeworfen wurden und wo heute radioaktiv belastete Wölfe umherstreifen, während kein Mensch sie zu betreten wagt. Dabei versuche ich, unsere vielfältigen individuellen und gesellschaftlichen Reaktionen auf die entfesselte Macht der Atome zu verstehen, auf die düsteren Ahnungen und auf die tatsächliche Gefahr, dass sie uns alle auslöschen könnte. Gerade dieses junge psychologische Terrain erweist sich in vielerlei Hinsicht als besonders befremdlich.

Meine Reise hat auch eine ganz persönliche Seite. Von der Kerntechnik hörte ich zum ersten Mal 1962, während der Kubakrise. Ich war zehn Jahre alt und machte mich gerade für die Schule fertig, als mein Vater mir aus heiterem Himmel mitteilte, wenn ich während der Pause eine Pilzwolke sähe, solle ich zurück ins Klassenzimmer gehen und mich unter meinem Tisch verstecken. Ich weiß noch, dass ich ganz durcheinander war, vor allem, weil ich nicht wusste, wie so eine Pilzwolke aussehen sollte. Doch während der Pause betrachtete ich eine Zeit lang den Himmel – nur für alle Fälle. Ich kann den blauen Himmel hinter dem großen Baum auf der anderen Straßenseite immer noch vor mir sehen und erinnere mich, dass ich ein bisschen enttäuscht war, als keine Pilzwolke erschien.
Die Tatsachen des Atomzeitalters waren damals für alle neu: unheimlich und irgendwie geheim – sogar für die Erwachsenen. Ich glaubte noch, Erwachsene wüssten alles, doch vor dieser Atomsache hatten sie ebenso viel Respekt wie wir Kinder und wussten genauso wenig darüber. Da ich im Südosten Englands groß geworden bin, habe ich mich wohl selbst einmal unter einer unsichtbaren radioaktiven Wolke befunden. Nach dem Feuer in der Plutoniumfabrik von Windscale 1957 zog sie über die Insel. Doch niemand wusste davon, denn welche Richtung sie genommen hatte, war ein Staatsgeheimnis. Der Bevölkerung wurde gesagt, die Wolke sei aufs Meer hinausgezogen und ohnehin nicht stark radioaktiv gewesen. Das war gelogen; erwachsene Menschen wurden angelogen, als wären sie Kinder.
Wie alle anderen musste auch meine Familie damals für das Privileg bezahlen, im Atomzeitalter zu leben. Während meiner ersten Lebensjahre besaß in Großbritannien jeder eine Lebensmittelkarte. Sie begrenzte die Menge, die wir kaufen durften. Nur durch Rationierung und Entbehrungen konnte das bankrotte Großbritannien es sich leisten, mit den USA Schritt zu halten und eigene Atombomben zu bauen. So gut sich das anfühlte, so sehr machte uns die eigene Bombe zum bevorzugten Ziel, hätte sich die Sowjetunion – die die Pläne für ihre Bombe von dem in Deutschland geborenen britischen Wissenschaftler und Spion Klaus Fuchs bekommen hatte – zum Erstschlag entschlossen. Oder auch zu einem Zweitschlag.
Glücklicherweise hat seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs niemand mehr in kriegerischer Absicht eine Atombombe auf ein Land abgeworfen. Einzig die Japaner in Hiroshima und Nagasaki erlitten dieses Schicksal. Gleichwohl habe ich, wie jeder Mensch in den 1950er- und den frühen 1960er-Jahren, Luft geatmet, die mit radioaktiven Stoffen aus Atomwaffentests an so entlegenen Orten wie Semipalatinsk im heutigen Kasachstan und dem Bikini-Atoll im Pazifik belastet war. Und auch ich nannte die herrlich minimalistischen zweiteiligen Badeanzüge, wie Brigitte Bardot und andere unerreichbare Frauen sie trugen, »Bikinis«. Denn um ehrlich zu sein, fand man es in meiner Jugend nicht nur Furcht einflößend, im Atomzeitalter zu leben, sondern mindestens ebenso aufregend. Atomkraft war »in«. Und falls wir nicht irgendwann in die Luft flogen, versprach die Nukleartechnik unser Leben zu verändern und, wie es hieß, so billige Elektrizität zu erzeugen, dass sich »Stromzähler nicht mehr lohnen«.
Das war damals, doch schon von Beginn an trug diese schöne neue Atomwelt das Potenzial in sich, sich selbst zu zerstören. Ich glaube, es sind gar nicht so sehr die Strahlung oder die riesige Sprengkraft, die seit jeher ihr negatives Image ausmachen, sondern die Geheimniskrämerei und all der Betrug. Die Sache mit dem billigen Strom war natürlich immer schon gelogen. Das Gleiche gilt für die Legende, die »friedliche Nutzung der Atomenergie« habe nichts mit ihrer kriegerischen Nutzung zu tun.
Vor mir liegt der schmale Band Die britischen Atomfabriken: Geschichte der Atomenergieerzeugung in Großbritannien aus dem Jahr 1954, herausgegeben vom Ministry of Supply. Schon der Name »Beschaffungsministerium« war ein George-Orwell-würdiger Euphemismus, denn in Wirklichkeit war es ein Kriegsministerium. Der Umschlag zeigt zwei der »Meiler« von Windscale, die damals in aller Eile Plutonium für britische Bomben herstellten. Doch das einhundert Seiten starke Buch gibt auf neunundneunzig Seiten vor, die Meiler seien konstruiert worden, um »grenzenlose Energie« zu erzeugen. Tatsächlich produziert haben sie keine. Erst auf der letzten Seite wird eingestanden, ihr eigentlicher Zweck sei es, Plutonium herzustellen, welches »als Sprengstoff in Atombomben […] verwendet werden kann«.3
Ein doppeltes Spiel wie dieses war bei Regierungen in aller Welt verbreitet. Niemandem von den Zehntausenden, die in den 1950er-Jahren das Wasser des schmalen sibirischen Flusses Tetscha tranken, wurde gesagt, dass er lebensbedrohliche Mengen radioaktiven Abfalls aus einer Bombenfabrik wenige Kilometer flussaufwärts mit sich führte und dass die Ärzte vor Ort heimlich die Gesundheitsfolgen für ihre Patienten dokumentierten. Menschen aus dem Umland von Denver, Colorado, glaubten die offizielle Darstellung, dass die hell erleuchtete Fabrik auf dem Hügel Haushaltsreiniger herstellte und nicht Plutoniumkerne für Bomben. Und erst recht erzählte ihnen niemand, dass das radioaktive Metall nach einem Brand schon einmal auf sie herabgeregnet war.
Ob nach dem Feuer im britischen Windscale oder der Katastrophe von Tschernobyl, ob in Rocky Flats oder Three Mile Island in den USA, ob im sowjetischen Majak oder in Fukushima – überall herrschen seit jeher dieselbe zwanghafte Geheimhaltung, Hinterhältigkeit und Verantwortungslosigkeit, und sie überdauern selbst den Wandel von einer militärischen zu einer zivil genutzten Technologie. Arglistige Verschleierungen rund um die Atomkraft haben das Vertrauen der Gesellschaft untergraben und der öffentlichen Debatte und Entscheidungsfindung sehr geschadet.
Das erklärt auch die Entstehung einiger besonders kämpferischer Umweltschutzbewegungen. Greenpeace etwa hat seinen Ursprung im Don’t Make a Wave Committee (»Mach keine Welle«), einer Gruppe aus der kanadischen Provinz British Columbia, die 1969 gegen unterseeische Atomtests der Amerikaner vor den Aleuten im Pazifik protestierte. Den Grünen, Vorreiter vieler ähnlicher Parteien weltweit, war schon bei ihrer Gründung der Kampf gegen Atomkraft auf deutschem Boden genauso wichtig wie die Säuberung des Rheins.
Der Abschottungshaltung der Kerntechniker steht die Hysterie mancher Kernkraftgegner gegenüber. So stützte sich das Don’t Make a Wave Committee bei seiner Kampagne auf das Argument, die Atomtests vor den Aleuten würden ein Erdbeben und einen Tsunami auslösen – was selbst die Organisatoren, wie sie heute zugeben, nie für möglich hielten.4 Wer sich für die Wurzeln der postfaktischen Argumentation in der heutigen Politik interessiert, ist sicher nicht schlecht beraten, deren Vorläufer in der Atompolitik zu untersuchen. Es ist kein Wunder, dass die meisten nichts von dem glauben, was man uns im Zusammenhang mit Kerntechnik erzählt, und immer vom Schlimmsten ausgehen.

Unabhängig davon, wie man zur Kerntechnik steht, herrscht Einigkeit darüber, dass die Welt nach der Detonation der ersten Atombombe nicht mehr dieselbe war. Seit diesem Augenblick liegt das Schicksal der Erde und unserer Spezies in unseren Händen – oder genauer gesagt: in den Händen derjenigen, die Zugriff auf den Atomknopf haben. Dieser Augenblick hat unsere Überlegungen zu vielen Themen verändert. Die Globalisierung wurde zu einer Tatsache, die über Leben oder Tod entscheiden kann. Auf einmal war kein Ort mehr sicher vor »der Bombe« und ihrem Fallout. Diese Erkenntnis ist beispielhaft für unser neues Verhältnis zur Erde.
Nach Ansicht vieler Wissenschaftler leben wir heute in einer neuen geologischen Epoche, dem Anthropozän, in der die Menschen den Planeten Erde und seine wichtigsten Prozesse beherrschen, indem sie sein Klima, seine Biodiversität und seine chemische Zusammensetzung beeinflussen. Vermutlich wird die für derartige Fragen zuständige Organisation – die Internationale Kommission für Stratigrafie – bald erklären, dass das Holozän, dessen Beginn mit dem Ende der letzten Eiszeit zusammenfällt, vorüber ist und das Anthropozän begonnen hat. Das »Primärsignal« dieses neuen Zeitalters der Menschheit, so sagt sie bereits heute, ist der »Plutonium-Fallout« der ersten Atombomben.5
Plutonium ist ein ursprünglich in der Natur äußerst seltenes Element, das wegen seines Potenzials zum Bombenbau von Atomwissenschaftlern künstlich erzeugt wird.6 Da es durch den Fallout der Kernwaffentests über die ganze Erde verteilt wurde, kommt es inzwischen sowohl an Böden gebunden als auch in Pflanzen vor und sammelt sich am Grund der Ozeane an. Es ist unsere einzigartige Signatur auf der Erde und wird im Verlauf seines Zerfalls noch über Millionen Jahre hinweg radioaktive Strahlung aussenden. Der Beginn des Anthropozäns ist damit auf den 16. Juli 1945 bei Sonnenaufgang datiert, auf den Tag, an dem die erste Plutoniumbombe über der Wüste von New Mexico zur Explosion gebracht wurde. Der Anbruch eines neuen Zeitalters. Kein Wunder, dass die Kernkraft solche Emotionen in uns weckt.
Das Atomzeitalter wühlt unsere Gefühle auf und schafft Durcheinander im Kopf. Jeder hat eine Meinung dazu: Man ist entweder dafür oder dagegen, optimistisch oder pessimistisch, Panikmacher oder Technikgläubiger. Der Grund ist nicht allein die überwältigende Macht, die die Atomenergie uns verleiht. Das ist, je nach persönlicher Einstellung, verführerisch oder eben Furcht einflößend. Es liegt auch an der Strahlung. Sie ist unsichtbar, geruchlos und unberührbar. Wie ein Gespenst. Sie ist offen für alle Interpretationen, und das nutzen wir aus.
Wenn wir über Atomkraft sprechen, reden wir häufig großen Unsinn. Die Macht der Wissenschaft, Atome steuern zu können, hat offenbar unsere Unvernunft entfesselt. Und das betrifft beide Seiten. Atomkraftgegner wollen nichts Gutes darüber hören, Befürworter nichts Schlechtes. Manche Gegner attackieren die etablierte Wissenschaft zum Strahlenschutz mit derselben Vehemenz und derselben Missachtung anerkannter Fakten wie Skeptiker, die den wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Klimawandel widersprechen. Befürworter hingegen reagieren mit einer technikgläubigen Hybris, wie sie sich heute in anderen Bereichen kaum mehr beobachten lässt.
Nach den Recherchen zu diesem Buch habe ich mich gefragt, ob wir es jemals richtig machen können, oder ob unser Verhältnis zur Nukleartechnik unwiederbringlich zerrüttet ist. Nach mehr als sieben Jahrzehnten mit der Atomkraft sollten wir allmählich gelernt haben, sie zu verstehen. Alle Anzeichen sprechen jedoch dagegen. Nichts deutet darauf hin, dass der Fallout in unseren Köpfen wieder verschwindet.
Erster Teil
ZERSTÖRER DER WELTEN
Plötzlich war das nukleare Zeitalter da. Selbst die physikalischen Grundlagen, auf die sich die Kerntechnik stützt, waren Anfang der 1930er-Jahre noch unbekannt. Doch bereits Ende des Jahres 1945 hatten Atombomben zwei japanische Städte ausradiert und um ein Vielfaches stärkere waren in Entwicklung. Die Tests dieser »Superbomben« machten im Laufe der 1950er-Jahre Teile Zentralasiens, der Pazifikregion, der Arktis, Australiens und des nordamerikanischen Westens unbewohnbar – und kosteten viele Menschen das Leben oder ihre Gesundheit. Trotzdem faszinierte uns diese Neuheit. Der Atompilz wurde nicht nur zum Symbol der Zerstörung, sondern auch der Hoffnung. Nichts war mehr en vogue, als bei Sonnenaufgang aufzustehen und sich das jüngste Spektakel in der Wüste von Nevada anzusehen. Meine Reise zu diesen frühen Schauplätzen des Atomzeitalters beginnt – unweigerlich – in Hiroshima.
Kapitel 1
HIROSHIMA: EINE UNSICHTBARE NARBE
Am Ground Zero in der Stadtmitte von Hiroshima, dort, wo die erste Atombombe der Welt explodiert war, die alle Gebäude hinweggefegt und einen Feuersturm ausgelöst hatte und Tausende Menschen verglühen ließ, hatte ich wohl eine größere Gedenkstätte erwartet. Doch der Ort der umfassendsten Zerstörung war nur durch eine kleine Gedenktafel auf einem parkuhrhohen Marmorsockel gekennzeichnet, den man auf den Gehweg einer Seitenstraße vor die nackte Mauer neben einer Waschanlage gequetscht hatte. Es war der Gedenktag, einundsiebzig Jahre nach der Detonation. Jemand hatte ein paar Blumen abgelegt. Von der anderen Straßenseite aus sah ich zu, wie eine amerikanische Familie einige Minuten stehen blieb und die Tafel las. Die Leute machten ein Selfie für die Daheimgebliebenen, doch alle anderen gingen vorbei, ohne überhaupt Notiz zu nehmen.
Offenbar möchte sich Hiroshima von seiner Vergangenheit bewusst ungerührt zeigen. Heute hat die Stadt mehr als eine Million Einwohner, viermal so viele wie an dem Tag, als die Bombe fiel. Das riesige Mazda-Werk am Stadtrand ist zum Symbol der wirtschaftlichen Erneuerung geworden, der Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen rast auf seinem erhöhten Schienenstrang vorbei, die Einkaufszentren sind voll von amerikanischen Markenprodukten. Die Straßenbahnen fahren noch immer auf denselben Strecken wie 1945 – ein gespenstisches Andenken an die Vergangenheit. Doch nur fünf Gebäude im gesamten Stadtzentrum von Hiroshima haben die Detonation überstanden. Sie sind bis heute erhalten. Eines davon, die alte Halle zur Förderung der Industrie mit ihrer Stahlskelettkuppel, steht am Flussufer. Sie ist heute Teil des UNESCO-Weltkulturerbes und gleichzeitig das bekannteste Symbol der Ereignisse. Hier versammeln sich die Touristen. Eine junge Frau bat mich, ein Foto von ihr zu machen, und reckte den Daumen in die Höhe, im Arm ein Kuscheltier.
Einem der anderen Gebäude, der ehemaligen örtlichen Zentrale der Bank von Japan, stattete ich einen spontanen Besuch ab. Der massige Steinbau mit seiner klassischen Fassade steht nur vierhundert Meter vom Ground Zero entfernt. Heute werden dort Kunstausstellungen gezeigt. Eine kleine Tafel erinnert daran, dass das Gebäude nicht zerstört wurde. Wie sie sachlich bemerkt, wurde »der Bankbetrieb zwei Tage nach der Bombenexplosion in vermindertem Umfang wieder aufgenommen, und andere Finanzinstitute der Stadt verlegten ihre Büros vorübergehend in das Gebäude«. Das verschlug mir die Sprache. Als es noch überall brannte, Tausende Menschen auf der Straße an der Strahlenkrankheit starben und Leichen herumlagen, war das Geschäft rund ums Geld offenbar bereits wieder im Gange. Ich liebe Japan, aber seine Menschen sind mir sehr fremd.
Etwas Vergleichbares hatte die Welt noch nicht erlebt. Am 6. August 1945 um 8 Uhr 15 morgens flog ein amerikanischer B-29-Bomber die Südküste der japanischen Insel Honshu entlang. Er warf eine einzige Bombe ab, welche die Handvoll Menschen, die zu dem Flugzeug aufsahen und anschließend davon berichten konnten, als winzigen dunklen Fleck im strahlend blauen Himmel wahrnahmen. Die Bombe trug den Codenamen »Little Boy« und war gut drei Meter lang. Sie sollte die Welt verändern.1 Zuerst stürzte sie fünfundvierzig Sekunden auf Hiroshima zu. Dann, in etwa 600 Metern – der Höhe, in der sich gemäß den Berechnungen des britischen Mathematikers William Penney die größte Zerstörungskraft entfalten würde –, schoss ein Sprengstoff-Auslöser einen Zylinder mit 38 Kilogramm Uran-235 in einen zweiten Zylinder mit 25 Kilogramm des gleichen Materials hinein. Diese Kollision löste eine rasante nukleare Kettenreaktion aus, bei der die rasch gespaltenen Uranatome enorme Energiemengen freisetzten – das Äquivalent einer Explosion von 13.000 Tonnen TNT.
Dem Bomber folgten zwei weitere Flugzeuge, bestückt mit Kameras und anderer Ausrüstung, um den Fortgang der Verwüstung zu beobachten. Es muss ein erschütterndes Bild gewesen sein. Alles begann mit einem weißen Blitz, der so hell war, dass Menschen am Boden erblindeten. In Sekundenbruchteilen schoss durch die Hitze der Explosion ein fast vierhundert Meter großer Feuerball in Richtung Boden. Bei Temperaturen von rund 7.000 Grad Celsius schmolzen Dachziegel, und menschliches Fleisch verdampfte. Nach wenigen Sekunden blieb von vielen morgendlichen Pendlern nichts als ein Schatten an einer Mauer, wo ihr Körper die Hitzestrahlung abgefangen hatte. Auf den Feuerball folgten die Druckwellen der Explosion, die Gebäude zerstörten und Straßenbahnen umstürzten, und ein Stoß radioaktiver Strahlung, die innerhalb weniger Stunden zahllose Menschen tötete.
Brände breiteten sich aus. Innerhalb von zwanzig Minuten war ein Feuersturm von drei Kilometern Durchmesser entstanden, genährt von Gas aus geborstenen Leitungen. Staub und Rauch verhüllten die Stadt. Durch das Inferno ausgelöste Wirbelwinde entwurzelten Bäume im Stadtpark, wohin sich viele, die vor dem Feuer Schutz suchten, geflüchtet hatten. Es fiel schwarzer Regen: riesige, murmelgroße Tropfen aus radioaktivem Ruß, vermischt mit Wasser.2 Drei Tage lang brannte es. Der erste Strahlungsstoß der Bombe war rasch vorbei, doch Staub und Trümmer am Boden nahe dem Detonationsort strahlten noch wochenlang. Sie verursachten Verbrennungen bei den Menschen, die sie berührten – unter ihnen Rettungskräfte –, töteten die Fische im Fluss Ota und kontaminierten die Brunnen, aus denen die Menschen ihr Trinkwasser bezogen.
Damals lebten in Hiroshima rund eine Viertelmillion Menschen. Die meisten wohnten und arbeiteten im eng bebauten Zentrum, dem gezielt ausgewählten Ort der Zündung. Etwa 60.000 von ihnen starben am ersten Tag, darunter 90 Prozent derjenigen, die sich innerhalb eines 450 Meter weiten Radius um den Ground Zero aufgehalten hatten. Im Laufe der folgenden Wochen starben weitere 40.000. Die meisten Menschen wurden durch die Detonation getötet und durch die Feuer, die durch die Stadt fegten. Fast möchte man sagen, dass sie noch Glück hatten. Andere waren horrenden Strahlungsmengen ausgesetzt – mehr als 10.000 Millisievert, wie akribische amerikanische Forscher später schätzten – und starben innerhalb weniger Tage an inneren Blutungen, Verletzungen der Organe oder Schädigungen des Immunsystems, wofür die Medizin später die Bezeichnung »akute Strahlenkrankheit« prägen sollte.
Menschen, die durch geringere Strahlendosen belastet waren, starben über einen Zeitraum mehrerer Wochen oder Monate, häufig weil ihr verstrahlter Körper kein frisches Blut mehr herstellen konnte. Wer jedoch weniger als 4.000 Millisievert erhalten hatte, überlebte in der Regel, und diese Menschen erwartete ein überraschend mildes Schicksal. Die amerikanisch-japanische Forschungskommission Radiation Effects Research Foundation geht heute davon aus, dass jemand, der an diesem Tag einer Strahlung von 150 Millisievert oder mehr ausgesetzt war, ein erhöhtes Risiko hatte, an Leukämie oder anderen Krebsarten zu erkranken.3 Das betrifft die Mehrheit der Einwohner der Stadt. Allerdings wurden bis zum Jahr 2000 nur 573 Todesfälle mehr verzeichnet, als ohnehin statistisch wahrscheinlich waren, was nur einen zusätzlichen Prozentpunkt ausmacht.4 Ebenfalls im Gegensatz zu früheren Erwartungen der Wissenschaft – und im Widerspruch zu den andauernden Befürchtungen der breiten Öffentlichkeit – haben Forscher bei den folgenden Generationen bis heute keine Anzeichen genetischer Mutationen festgestellt. Wenn es für Hiroshima eine gute Nachricht gibt, dann ist es diese.

Die Bombe, die auf Hiroshima fiel, kam nicht nur für die Stadt aus heiterem Himmel, sondern im übertragenen Sinn auch für die ganze Welt. Eine Warnung gab es nicht. Einzelne Zeitungsartikel waren erschienen, in denen berühmte Physiker wie Albert Einstein zur Entwicklung von Nuklearwaffen aufriefen. Doch vor Hiroshima wussten nur wenige, dass solche Waffen bereits entwickelt, geschweige denn zum Abwurf auf eine Stadt vorbereitet wurden.
Dass selbst zu Kriegszeiten eine derart hohe Geheimhaltung fortbestehen konnte, kann man sich heute nur noch schwer vorstellen. Fünf Jahre lang hatte die US-Regierung diese Waffen im Rahmen eines gigantischen Geheimunternehmens entwickelt. Drei Wochen zuvor hatte es einen einzigen, unangekündigten Bombentest in New Mexico gegeben. Doch an dem Tag, als Hiroshima getroffen wurde, wussten selbst gut informierte Reporter nur wenig. Die Zeitungsberichte des folgenden Tages mussten einen großen Informationsrückstand ausgleichen. Der Artikel im englischen Manchester Guardian begann mit den Worten: »Japan wurde von einer atomaren Bombe getroffen, die eine 2000-mal stärkere Sprengkraft hatte als die Zehntonner, die die Royal Air Force über Deutschland abwarf […]. Britische und amerikanische Forscher haben seit mehreren Jahren daran gearbeitet.«5
Die Gesamtzahl der rund 170.000 Toten von Hiroshima und Nagasaki, dem Ort des zweiten Atombombenabwurfs, sticht in den Annalen des Krieges nicht besonders heraus. Auf dem Höhepunkt des Ersten Weltkriegs hatten bei dem belgischen Dorf Passchendaele durch ein fünf Monate andauerndes Bombardement mehr als eine halbe Million Soldaten ihr Leben verloren. In Hiroshima starben wahrscheinlich weniger Japaner als in Tokio Opfer von Feuerstürmen wurden, nachdem amerikanische Flugzeuge in zwei früheren Nächten des gleichen Jahres die Stadt unerbittlich bombardiert hatten. Erschütternder war vielmehr die Tatsache, dass ein einziges Flugzeug mit einer einzigen Bombe ausreichte, um eine ganze Stadt zu zerstören.
Noch größere Aufmerksamkeit bekam die neue Wirklichkeit des Krieges in den darauffolgenden Jahren durch die nach und nach veröffentlichten Geschichten der Überlebenden, der Hibakusha. Den meisten Außenstehenden wurden sie erst durch den 1946 veröffentlichten Buchklassiker des amerikanischen Journalisten John Hersey mit dem schlichten Titel Hiroshima zugänglich.6 Darin verfolgte Hersey das Schicksal von sechs Hibakusha. Seither haben viele andere öffentlich ihre Geschichte erzählt – damit, wie sie sagen, die Welt nicht vergisst. Während meines Besuchs anlässlich der Gedenkfeiern 2016 nahmen mehrere von ihnen an einem Treffen teil. Keine Statistik kann den Geschichten, die ich dort gehört habe, gerecht werden.
Etwa der von Keiko Ogura, einer kleinen, quirligen Frau von neunundsiebzig Jahren. Sie war erst acht und auf dem Weg zur Schule gewesen, als sie durch die Detonation das Bewusstsein verlor. Nachdem sie wieder zu sich gekommen war, lief sie benommen durch die Straßen. Sie erinnerte sich, dass sie an Hunderten Toten und Sterbenden vorbeikam, deren verbrannte Haut sich vom Körper schälte. »Was mich am meisten verängstigte, waren die Leute, die mich am Fuß packten und sagten: ›Gib mir Wasser‹«, erzählte sie. »Von einem Brunnen bei einem Shinto-Schrein holte ich welches und gab es ihnen. Doch als sie es tranken, mussten sie sich übergeben und starben. Später hat mein Vater mir erzählt, Menschen mit Verbrennungen dürfe man kein Wasser geben. Noch Jahre danach hatte ich Albträume und machte mir Vorwürfe dafür, dass ich den Leuten Wasser gegeben hatte. Ich glaubte, ich hätte sie umgebracht. Bis mein Vater starb, habe ich niemandem davon erzählt. Es war eine unsichtbare Narbe.«
Kazuhiko Futagawa erzählte, dass er als ungeborenes Kind der Strahlung ausgesetzt war, weil seine Mutter über Tage die bombardierte Stadt durchstreifte. Sie suchte nach ihrem Mann, der im Hauptpostamt, nur zweihundert Meter vom Ground Zero entfernt, beschäftigt gewesen war, und nach ihrer dreizehnjährigen Tochter, die in fünfhundert Metern Entfernung Brandschneisen geschlagen hatte. Wie er berichtete, verloren Tausende Eltern aus den Vororten ihre Kinder, weil der Stadtrat von Hiroshima an diesem Tag die Jugendlichen ins Zentrum hatte bringen lassen, um dort Gebäude abzureißen und so das Risiko eines Feuersturms bei Bombenangriffen zu reduzieren.
Nach dem Treffen besuchte ich das Friedensmuseum von Hiroshima, das an einem Platz im Friedenspark steht, und fand Futagawas Geschichte bestätigt. Hiroshima ist eine Hafenstadt an der Trichtermündung des Ota und war eine von nur zwei Städten, die 1945 von den Amerikanern noch nicht bombardiert worden waren. (Die andere war die alte Hauptstadt Kyoto, deren sagenumwobene Tempel ein amerikanischer General früher einmal besichtigt hatte und deshalb vor der Zerstörung retten wollte.) Es gab Gerüchte – die sich bewahrheiten sollten –, wonach die Amerikaner womöglich etwas »Besonderes« mit Hiroshima vorhatten. Rund 8.400 Jugendliche arbeiteten am fraglichen Tag an den Brandschneisen; 6.300 von ihnen starben.
Im Museum waren mehrere Uniformen ausgestellt, die Schülerinnen und Schüler an diesem Tag zu Hause gelassen hatten, als sie die Brandschneisen anlegen gingen. Dort hing das Kleid von Noriko Sado, damals in ihrem ersten Jahr an der höheren Schule, gestiftet von ihrer Mutter Mieko, sowie Hose, Stiefel und Hut von Koso Akita, einem fünfzehnjährigen Jungen, dessen Eltern ihn gerade noch in den Trümmern fanden, ehe er starb. Außerdem sah ich eine Schuluniformbluse, gestiftet von Herrn Futagawa, dessen Vortrag ich zuvor gehört hatte. Sie war das Eigentum seiner älteren Schwester gewesen, die bei der Arbeit verglühte. Er hatte geweint, als er erzählte, wie er die Bluse nach dem Tod seiner siebenundachtzigjährigen Mutter sorgfältig gefaltet hinten in einer Schublade gefunden hatte. Ihr ganzes Leben lang habe seine Mutter sich geweigert, über die Katastrophe zu sprechen, die ihrer Familie widerfahren war. Die Bluse, sagte er, »war das Einzige, was ihr von ihrer Tochter blieb, doch erzählt hatte sie uns davon nie. Ich kann mir das Leid nicht vorstellen, das hinter diesem Geheimnis verborgen lag.«
Mit ergreifender Sorgfalt geben die Kuratoren des Museums die Identität jedes Opfers an, dessen persönliche Dinge dort ausgestellt sind. Daher wissen wir, dass das verbogene Dreirad in einem der Räume dem dreijährigen Shinichi Tetsutani gehörte und dass sein Vater es mit ihm bestattet hatte, sich dann aber anders entschied und es für das Museum exhumierte. Wir erfahren, dass Tsuneyo Okahara nach der Explosion der Bombe das Büro aufsuchte, in dem ihr achtundvierzig Jahre alter Mann Masataro damals arbeitete. Auf der verzweifelten Suche nach seinen Überresten durchsuchte sie das zerstörte Gebäude. Schließlich fand sie auf einem Schreibtisch seine Lunchbox und seine Pfeife aus Elfenbein – und Knochen auf dem Schreibtischstuhl. Der Anblick der Knochen bleibt uns erspart, aber die geschmolzene Lunchbox und die Pfeife sind ausgestellt.
Begonnen hatte mein Tag in Hiroshima mit der jährlichen Gedächtniszeremonie im Friedenspark, der dort angelegt ist, wo früher das dicht bevölkerte Innenstadtviertel Sarugaku-cho stand. Sie war kurz, aber ernst und fand zum Zeitpunkt des Bombenabwurfs statt. Die Familien der Hinterbliebenen schlugen die Friedensglocke an. Der Bürgermeister, der Premierminister und andere hielten kurze Reden, dann stiegen Friedenstauben auf, und es wurden Tausende von den Teilnehmern gefaltete Papierkraniche aufgehängt, die für die verstorbenen Kinder stehen.
Abseits der Zeltdächer für die geladenen Gäste stand eine stille Menschenmenge und folgte dem Ereignis auf Bildschirmen; die Musik und die Reden wurden von den Zikaden auf den Bäumen fast übertönt. Viele Besucher hatten Anstecker mit der Aufschrift »No Nukes« (Stoppt Atomwaffen) und Fächer mit der gleichen Botschaft mitgebracht. Einige alte Menschen standen in stummer Erinnerung mit ausdruckslosen Gesichtern da. Die meisten jedoch waren viel jünger. Für sie war das Ereignis ein erschütternder Teil der Geschichte. Es folgten einige – in meinen Augen – ausgesprochen sonderbare Formen des Gedenkens. Eine Frau im weißen Abendkleid sang mit zitternder Stimme, während eine andere – ebenfalls in Abendgarderobe – sie auf einem ramponierten Klavier begleitete, das die Detonation überstanden hatte. »Das bombardierte Klavier der verstorbenen Akiko« stand in englischer Sprache auf einem Schild.
Mich beeindruckte, wie die Menschen den Tatsachen ins Auge schauten. Niemand versuchte, seinen Kindern die Schrecken der Bombe zu ersparen. Während der Gedächtniszeremonie wurde von einem Jungen erzählt, der sah, wie »verkohlte Leichen die Straße blockierten. Ein unheimlicher Gestank drang mir in die Nase. So weit ich sehen konnte, erstreckte sich ein Feuermeer. Hiroshima war die Hölle auf Erden.« Zwei Sechstklässler trugen eine Friedenserklärung vor, die mit den Worten begann: »Ich roch die brennenden Körper. Die Haut der Menschen war geschmolzen. Sie sahen nicht mehr menschlich aus.« Im Museum zeigten Eltern ihren kleinen Kindern großformatige Bilder von verbrannten und entstellten Menschen und lasen ihnen die Texttafeln vor, auf denen die Symptome der Strahlenkrankheit ausführlich aufgelistet waren. »Zahnfleisch- und Nasenbluten durch Zerstörung der Schleimhäute, Haarausfall, Knochenmarksversagen, Verminderung der roten Blutkörperchen, Darmblutungen« und so weiter. Manche Opfer, so erfuhren die Kinder, hatten buchstäblich ihre Eingeweide ausgehustet.
Während meiner Forschungsreise um die Welt zu den Schauplätzen nuklearer Katastrophen habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen sich ihre Vorstellungen von den unsichtbaren Schädigungen durch die Kerntechnik zurechtlegen. Hier, wo die Menschen mit den schlimmsten Folgen eigene Erfahrungen gemacht hatten, ging man verstörend schonungslos und direkt damit um.
Ebenso eindrucksvoll war, wie wenig Groll gegen die Amerikaner es hier gab – was angesichts der Fernsehberichte über rüpelhafte ausländerfeindliche Äußerungen im US-Präsidentschaftswahlkampf 2016, die ich am Abend zuvor gesehen hatte, kein Wunder gewesen wäre. Doch nichts dergleichen. Manche zeigten sich vielmehr dankbar darüber, dass in diesem Jahr Präsident Barack Obama das Museum besucht hatte. Auch in Privatgesprächen äußerte sich niemand kritisch über die amerikanischen Touristen, die die Zeremonie still verfolgten. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass sich die Amerikaner auf ähnliche Weise jede harsche Kritik verkneifen würden, hätten die Japaner eine vergleichbare Bombe über dem amerikanischen Festland abgeworfen.
Doch da war noch etwas anderes. Wenngleich das Museum in Hiroshima sich sehr direkt mit der Bombe und ihren schrecklichen Folgen beschäftigte, erwähnte weder dieses Haus noch sein Pendant in Nagasaki die Kapitulation Japans wenige Tage nach den Bombenabwürfen, die das Ende des Zweiten Weltkriegs eingeläutet hatten. Mein Eindruck ist, dass Japan auf das Bombardement mit stoischer Ruhe und mit Würde zurückblicken kann. Die Niederlage hingegen war zu viel.
Als ich das Museum verließ, gab die lächelnde Mitarbeiterin am Ausgang jedem eine abschließende Botschaft mit auf den Weg. »Bitte denken Sie immer daran«, sagte sie, »dass schon innerhalb eines Monats nach der Bombe das Gras in Hiroshima wieder zu wachsen begann.« Archivaufnahmen hinter ihr zeigten, wie sich entlang des Flussufers Pflanzen schnell wieder ausgebreitet und durch die Risse im Straßenbelag gedrängt, wie sie die Asche überdeckt und sich zwischen die Trümmer der Gebäude geschoben hatten. Das sei eine »Hoffnungsbotschaft«, sagte sie. Eine solche Botschaft hatte ich nötig, als ich an dem Hügeldenkmal vorbeiging, das die Überreste von 70.000 Menschen enthält, deren Leichen überall in der Stadt gefunden worden waren, aber nie identifiziert werden konnten. Die Widerstandskraft der Natur gegenüber atomarer Strahlung wurde zu einem weiteren Leitgedanken auf meiner Reise zu den nuklear belasteten Landschaften der Erde.
Kapitel 2
KRITISCHE MASSE: MAUD IM GARTEN DER ATOME
Von allen moralischen Fragen einmal abgesehen, war die Entwicklung der beiden auf Japan abgeworfenen Atombomben eine wissenschaftliche Glanzleistung des 20. Jahrhunderts. Nach Hiroshima und Nagasaki wirkte die dampfgetriebene industrielle Revolution plötzlich reizend altmodisch. Doch das Atomzeitalter hatte ganz unvermittelt begonnen. Es war das Ergebnis einer wahren Flut neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse über den Aufbau der Atome und darüber, wie unbeständig diese vermeintlich soliden Bausteine der Materie in Wirklichkeit waren.
Begonnen hatte alles Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Entdeckung, dass die anscheinend so klar voneinander zu unterscheidenden Atome jedes Elements – Sauerstoff oder Uran, Kupfer oder Kohlenstoff – verschiedene Formen annehmen konnten: Isotope mit unterschiedlicher Anzahl Neutronen, die ihrerseits zu den Bausteinen der Atome zählen. Das Beunruhigende daran war die Instabilität vieler Isotope. Ein Isotop eines bestimmten Elements konnte sich in ein Isotop eines anderen verwandeln und dabei Energie freisetzen.
Als man verstand, dass sich manche Atome gezielt spalten ließen, indem man sie mit den Neutronen eines anderen radioaktiven Elements beschoss, wurde aus einer spannenden wissenschaftlichen Erkenntnis eine Entdeckung, mit der sich die Kriegsführung revolutionieren ließ. Als Erstem gelang eine solche Atomspaltung oder »Kernfission« 1917 dem neuseeländischen Physiker Ernest Rutherford. Doch erst 1933 äußerte der Ungar Leó Szilárd die Vermutung, man könne damit eine explosive Kettenreaktion auslösen, bei der jedes gespaltene Atom viele weitere Neutronen freisetze, die wiederum mit anderen Atomen kollidieren würden. Jede Stufe dieser nuklearen Kettenreaktion würde enorme Energiemengen erzeugen.
Am besten, so Szilárd, eigne sich für eine solche Kettenreaktion Uran, ein Metall, das aufgrund der Größe seines Atomkerns mit jedem Schritt die meisten Neutronen freisetze. Dazu müsse das Uran stark komprimiert vorliegen, damit bei der Spaltung möglichst viele frei gewordene Neutronen weitere Uranatome träfen. Und könne man eine »kritische Masse« Uran im Inneren einer Bombe zusammenführen, so würde sie mit einer Sprengkraft von Tausenden Tonnen TNT explodieren.
Beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs waren die wenigen Atomwissenschaftler vom europäischen Festland nach Großbritannien und in die USA geflohen, wo sie an ihren Ideen weiterarbeiteten. Ende 1939 traf sich der inzwischen in Amerika lebende Szilárd mit Albert Einstein, dem damals berühmtesten Physiker weltweit. Gemeinsam schrieben sie Präsident Franklin Roosevelt und schlugen vor, dass Amerika, wenngleich neutral, eine solche Bombe entwickeln sollte – nicht zuletzt für den Fall, dass Deutschland dasselbe täte.1
Roosevelt schien anfangs wenig interessiert. In Großbritannien aber, das sich von einer deutschen Invasion bedroht sah, erhielten zwei weitere emigrierte Physiker eine ganz andere Resonanz. Wenige Wochen nachdem Szilárd von Roosevelt einen Dämpfer bekommen hatte, wandten sich der österreichische Physiker Otto Frisch und sein deutscher Kollege Rudolf Peierls in einem Brief mit derselben Idee an Winston Churchill. Er enthielt eine wichtige Ergänzung. Nach ihren Berechnungen war zur Herstellung einer Kernspaltungsbombe nur eine kritische Masse von 22 Pfund Uran nötig, viel weniger als die meisten Physiker erwartet hatten. Doch es gab eine Voraussetzung: Für die Bombe musste ein bestimmtes Uran-Isotop verwendet werden, Uran-235, das nur einen sehr geringen Anteil des natürlich vorkommenden Urans ausmacht.2 Unter dieser Voraussetzung jedoch versprachen sie Churchill eine Explosion, die »in einem großen Gebiet alles Leben zerstören würde […], wahrscheinlich das ganze Zentrum einer Großstadt«.
Das war im Sommer 1940. Die Luftschlacht um England war in vollem Gang. Täglich bombardierten die Deutschen London, und eine Invasion stand womöglich kurz bevor. Innerhalb weniger Tage ernannte Churchill eine geheime Kommission mit dem Namen MAUD Committee, die die Umsetzbarkeit des Vorschlags prüfen sollte – und wie schnell eine solche Bombe bereitgestellt werden konnte.3 Es war der Beginn eines politischen Prozesses, der auf der anderen Seite des Atlantiks das Manhattan-Projekt ins Leben rufen und nur fünf Jahre später zum verhängnisvollen Abwurf zweier Atombomben auf das bereits geschwächte Japan führen sollte.
Schon bald nahmen zwei weitere emigrierte Wissenschaftler mit der MAUD-Kommission Kontakt auf: der Österreicher Hans von Halban und der Russe Lew Kowarski. In ihrem gemeinsamen Labor in Cambridge hatten sie nach Möglichkeiten gesucht, aus der freigesetzten Energie nuklearer Kettenreaktionen nutzbare Elektrizität zu gewinnen. Anstelle einer unkontrollierten Explosion war es nach ihrer Überlegung auch möglich, die Kettenreaktion in einem von ihnen so bezeichneten Kernreaktor kontrolliert ablaufen zu lassen.4 Die dabei gewonnene Energie könne zu nicht-zerstörerischen Zwecken genutzt werden. Bei ihren Forschungen erkannten sie allerdings auch, dass bei der Spaltung von Uranatomen unter anderem das Element Plutonium entstand. Plutonium kam allem Anschein nach in der Natur nicht vor, doch ihre Berechnungen ergaben, dass eines seiner Isotope, Plutonium-239, sogar noch leichter spaltbar war als Uran-235. Für eine Bombe reichten daher womöglich noch kleinere Mengen aus. In Kriegszeiten interessierte sich natürlich niemand für die Möglichkeiten der Stromerzeugung durch Kernspaltung, aber die Idee einer Plutoniumbombe ließ die MAUD-Kommission aufhorchen.
Um die Bestandteile einer Atombombe herstellen zu können, hätte man entweder eine Quelle für Uranerz finden müssen, um daraus Uran-235 zu isolieren, oder Reaktoren bauen müssen, um Plutonium zu gewinnen. Beides waren gewaltige technische Vorhaben, die Großbritannien sich nicht leisten konnte. Nur die Amerikaner waren in der Lage, sie zu stemmen.
Kurz geriet das Projekt ins Stocken, doch dann traten die USA nach dem Angriff auf Pearl Harbour Ende 1941 in den Krieg ein. Churchill wies seine Wissenschaftler an, die führenden Köpfe der Atomforschung in den USA in die Ergebnisse der MAUD-Kommission einzuweihen. Wenige Wochen später gab Präsident Roosevelt grünes Licht für das Vorhaben, das heute als Manhattan-Projekt bekannt ist.5 Bald schon investierte Amerika Hunderte Millionen Dollar und ließ die Erkenntnisse europäischer Forschung in Bomben umsetzen, mit denen der Krieg gewonnen werden sollte.
Für den Fall, dass eine der Konstruktionen nicht funktionierte, entschied die US-Regierung vorsorglich, aufs Ganze zu gehen und sowohl eine Uran- als auch eine Plutoniumbombe bauen zu lassen. Unter strenger Geheimhaltung wurde Ende 1942 Uranerz aus der praktisch einzigen Quelle erworben, der Shinkolobwe-Mine tief im Süden von Belgisch-Kongo, und die Gewinnung von Uran-235 lief an.6 In der Zwischenzeit war in einem Reaktor in Chicago eine nukleare Kettenreaktion geglückt und Plutonium-239 gewonnen worden.
Mit ihrem Plutonium verband die Wissenschaftler des Manhattan-Projekts eine eigenartige Hassliebe. Zwar konnte es Welten zerstören, doch es hatte auch verführerische Eigenschaften. Dank seiner Strahlung fühlte es sich »warm an, wie ein lebendiges Kaninchen«, sagte Leona Marshall Libby, eine der wenigen beteiligten Wissenschaftlerinnen.7 Andere berichteten von einem metallischen Geschmack.
Mitte 1943 war ein großes Halbwüstengebiet am Columbia River im US-Staat Washington requiriert worden, um dort das Isotop Plutonium-239 herzustellen, das so leicht spaltbar ist, dass man sich von wenigen Kilogramm eine Explosion mit der Sprengkraft von 20.000 Tonnen TNT versprach.
In einem gigantischen Unternehmen mit Tausenden Arbeitern wurden für die Anlage von Hanford neun riesige Atomreaktoren errichtet, in denen durch Neutronenbeschuss aus Uran kleine Mengen Plutonium gewonnen wurden. In einem chemischen Prozess, der sogenannten Wiederaufbereitung, wurde anschließend das entnommene »verbrauchte« Uran in Salpetersäure gelöst, um so das Plutonium für die Bomben zu extrahieren.
Das intellektuelle Zentrum des Manhattan-Projekts jedoch war das viel weiter südlich gelegene Los Alamos in der Wüste von New Mexico. Hunderte Wissenschaftler arbeiteten hier in einem ehemaligen Internat an den Plänen für die Bomben und versuchten, ihre Wirkung zu maximieren. Ihr Durchschnittsalter betrug fünfundzwanzig Jahre. Nahezu alle britischen Forscher, die an dem Bericht der MAUD-Kommission beteiligt gewesen waren, stießen hier zu der Gruppe junger US-amerikanischer Koryphäen um Robert Oppenheimer, so auch Peierls und Frisch sowie einer ihrer engen Mitarbeiter, der in Deutschland geborene Mathematiker Klaus Fuchs. Neben seiner täglichen Arbeit behielt Fuchs stets auch das Gesamtprojekt im Auge. Er hatte ein fotografisches Gedächtnis und leitete, wie später ans Licht kommen sollte, alle Geheimnisse, von denen er Kenntnis bekam, an Igor Kurtschatow weiter, den leitenden Atomwissenschaftler Josef Stalins.8 Während er ein Jahrzehnt lang in britischen und amerikanischen Atomforschungseinrichtungen ein und aus ging, trug der zurückhaltende, aber umgängliche und aufgeschlossene Auswanderer eine Unmenge Informationen zusammen.
Bald wusste Kurtschatow, dass in Los Alamos sowohl eine Uranals auch eine Plutoniumbombe gebaut wurde. Quelle der Neutronen, die in beiden Bauprinzipien die Kettenreaktion in Gang setzen sollten, war ein eingebauter »Initiator« aus Polonium- und Beryllium-Isotopen. Davon abgesehen aber war der Aufbau völlig unterschiedlich. In der Uranbombe wurden zwei relativ kleine Uran-235-Pakete durch konventionellen Sprengstoff ineinandergeschossen, sodass die für eine Kettenreaktion nötige kritische Masse entstand. Im Fall der Plutoniumbombe entschieden sich Oppenheimer und seine Kollegen für die kompliziertere »Implosionsmethode«. Das Plutonium hatte die Form einer Kugel, etwa so groß wie ein Tennisball. Eine sie umgebende Sprengstoffhülle sollte zur Explosion gebracht werden, wodurch die Kugel komprimiert und so die kritische Masse erreicht würde. Es fiel in Fuchs’ Spezialgebiet, die physikalischen Voraussetzungen für diese Implosion zu berechnen und die ideale Konfiguration der Sprengstoffhülle festzulegen.
Die Uranbombe wurde vor dem Abwurf auf Hiroshima nie getestet. Da aber bei der Plutoniumbombe mehr schiefgehen konnte, fand im Juli 1945 in der Wüste bei Los Alamos eine Testzündung statt. Mit einem Vierfachen der erwarteten Sprengkraft erwies sich der Test als großer Erfolg. Nur drei Wochen später wurde auf Nagasaki eine identische Bombe abgeworfen. Wenige Tage darauf erklärte der japanische Kaiser Hirohito die Kapitulation. Die Aufgabe war erledigt. Ein gespenstisches Detail: Nach offiziellen Angaben arbeiteten im Rahmen des Manhattan-Projekts 175.000 Menschen – das entspricht fast genau der Zahl der Toten durch die beiden Bomben.

Viele Wissenschaftler des Manhattan-Projekts erschraken vor dem, was sie geschaffen hatten. Ihr Leiter, Robert Oppenheimer, sagte in den Worten der Hindugottheit Krishna: »Jetzt bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten.« Daneben herrschte große Verärgerung, vor allem über die Entscheidung des Militärs, die beiden japanischen Städte zu bombardieren. Szilárd, der Entwickler der Grundidee, hatte sich für eine Demonstration der mächtigen neuen Waffe an einem entlegenen Ort ausgesprochen. Er wurde jedoch von Politikern und Generälen überstimmt, die wissen wollten, was beim Abwurf auf eine echte Stadt passieren würde.9
Da das Vorhaben gelungen war, wussten die Wissenschaftler, dass andere es ihnen gleichtun konnten. Manche riefen öffentlich dazu auf, Atomwaffen internationaler Kontrolle zu unterwerfen, um ein atomares Wettrüsten zu verhindern. Auch von dieser Idee hielten die Generäle nicht viel. Der Gedanke, »Welten zerstören« zu können, gefiel ihnen besser. Eine Zeit lang hoffte Amerika, die Technologie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs für sich behalten zu können. Daher wurden sogar die britischen Forschungspartner aus Kriegszeiten nach Hause geschickt – nicht ohne die absurde Anweisung, ihr erworbenes Wissen nicht anzuwenden, sollte sich Großbritannien selbst zum Bau einer Bombe entschließen.
An Fuchs jedoch dachte niemand. Über Jahre hatte er sich bewusst über die Arbeit jedes Einzelnen auf dem Laufenden gehalten. Sein Wissen teilte er mit seinen britischen Kollegen in Harwell, Oxfordshire, das sich schon bald zu einem britischen Los Alamos entwickelte, und leitete kontinuierlich wissenschaftliche Artikel und Konstruktionspläne an Kurtschatow weiter. Angespornt von dem Wissen, dass die Technologie ganz offensichtlich funktionierte, war die Sowjetunion schließlich in der Lage, ein eigenes Waffenprogramm ins Leben zu rufen. Bereits Ende 1948 lief in einem Nachbau der Anlage von Hanford – in der eilig hochgezogenen geschlossenen Atomstadt im Schatten des Urals, die heute Osjorsk heißt – die Plutoniumproduktion auf Hochtouren. Im August 1949 wurde die erste sowjetische Plutoniumbombe in der kasachischen Steppe getestet.
Ein Wettrüsten hatte begonnen. Während jedoch Russland, Großbritannien und später auch Frankreich und andere in aller Eile ihre eigenen Kernspaltungsbomben entwickelten, hatten die Beteiligten des Manhattan-Projekts weit explosivere Pläne – für einen Apparat, der anfangs »Super-Gadget« genannt wurde. Dahinter stand mit Edward Teller ein weiterer ungarischer Physiker sowie der polnische Mathematiker Stanisław Ulam. Physikalisch gesehen war das »Super-Gadget« fast das Gegenteil einer Kernspaltungs- oder Fissionsbombe. In Fissionsbomben werden schwere Elemente wie Uran oder Plutonium gespalten. Die neue Waffe aber war eine »Fusionsbombe«, in der Atomkerne der beiden leichten Wasserstoff-Isotope Deuterium und Tritium zur Fusion gezwungen werden sollten, daher der populäre Name »Wasserstoffbombe«. Wenn Tellers und Ulams Überlegungen stimmten, sollte sie ein Vielfaches der Energie einer Fissionsbombe freisetzen.
Um eine Fusionskettenreaktion in Gang zu setzen, bedurfte es jedoch einer Menge Energie – einer so großen Menge, wie sie nach Tellers und Ulams Berechnungen nur eine Fissionsbombe liefern konnte. Im Inneren einer Wasserstoffbombe befand sich also immer auch eine Kernspaltungsbombe. So schrecklich die auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfenen Kernwaffen auch gewesen waren, im Vergleich zu den neuen Wasserstoffbomben waren sie nichts. Entsprechend war die Wüste New Mexicos für ihre Sprengkraft und ihren Fallout nicht groß genug. Daher wurde die erste echte Wasserstoffbombe im März 1954 auf dem Bikini-Atoll gezündet, in einer entlegenen Region des Pazifischen Ozeans. Sie hatte die tausendfache Stärke der Bombe von Nagasaki. Für die Größe einer Wasserstoffbombe gab es offenbar keine Grenzen.
Bereits vor dem Abwurf der ersten Kernspaltungsbombe war in Los Alamos an der Konstruktion einer Wasserstoffbombe geforscht worden. Zu den Entwicklern in dieser frühen Phase zählte auch Fuchs. Im Mai 1946 reichte er ein Patent für den exakten Zündmechanismus einer Kernfusionsbombe ein, das bis heute der Geheimhaltung unterliegt. Wem diese Geheimhaltung nutzt, ist unklar, da wir heute wissen, dass alle Einzelheiten, kaum dass das Patent erteilt war, ohnehin durch Fuchs’ sowjetische Kontaktleute an Kurtschatow und den »Vater« der sowjetischen Wasserstoffbombe, Andrei Sacharow, weitergeleitet worden waren. Als in den 1990er-Jahren die Archive des sowjetischen Atomenergieministeriums geöffnet wurden, fand der britische Militärhistoriker Mike Rossiter Kopien von Mitschriften zur Wasserstoffbombe, die 1945 bei Vorträgen in Los Alamos entstanden waren, sowie Berichte über die Entwicklung aus den Jahren bis 1948.10
Bei seinem Marsch durch die britischen und amerikanischen Atomforschungseinrichtungen hatte das Genie Fuchs eine Unmenge Informationen zusammengetragen. Er spionierte für die Briten ebenso wie für die Sowjets. Das könnte erklären, warum seine britischen Vorgesetzten – trotz eines frühen Verdachts auf der anderen Seite des Atlantiks – ihm bis zum Eingeständnis seiner Verbindungen zur Sowjetunion 1950 freien Zugang zu allen Einrichtungen gewährten. Anschließend wurde er von den Briten wegen Spionage verurteilt, aber bereits nach neun Jahren wieder freigelassen.
Als Fuchs schließlich in ein Flugzeug mit Ziel DDR gesetzt wurde, waren die Atompilze der sowjetischen Wasserstoffbomben aus der Steppe Kasachstans bereits nicht mehr wegzudenken. Und als Sinnbild des jungen Atomzeitalters hatte sich der Atompilz längst im globalen Bewusstsein verankert.
Kapitel 3
LAS VEGAS: SILBERSTREIFEN AM STRAHLENDEN HORIZONT
Die Nevada National Security Site ist Nordamerikas Atomlandschaft schlechthin: ein umzäuntes und weitgehend verlassenes Gebiet aus nichts als Sand, Kakteen und Joshua Trees, größer als der Bundesstaat Rhode Island. Damals, als auf dem Gelände noch die US-amerikanischen Kernwaffentests stattfanden, ließ man hier die Korken knallen. Alles, was in Amerika neu und aufregend war, trug die Bezeichnung »atomic«, und in Nevada konnte man das neue Zeitalter an vorderster Front miterleben.
Zu sehen war das Leuchten noch im 560 Kilometer entfernten San Francisco. In dem jungen, aufstrebenden Wüstenressort Las Vegas jedoch, weniger als 120 Kilometer vom Testgelände entfernt, waren die Bombenexplosionen eine regelrechte Attraktion für Wochenendtouristen. Die Handelskammer vermarktete Las Vegas als »Atomic City, USA« und gab Gratiskalender mit den Zeiten der geplanten Atomtests heraus. Es war der letzte Schrei, mit Atom-Cocktails die Nächte durchzufeiern und dann den Highway 95 hinunterzufahren, um in der Morgendämmerung die Detonation aus der Nähe zu beobachten. Oder man erlebte den Atompilz und das Beben der Erde vom Hotelzimmer aus. Für Suiten, die Fenster in Richtung des Testgeländes besaßen, wurde ein Aufpreis verlangt.1
Auch die Stars erlagen der nuklearen Versuchung. Als der junge Elvis Presley in Las Vegas auftrat, wurde er als »Amerikas einziger Sänger mit der Power des Atoms« angepriesen. Um den Glamour noch zu steigern, kürte man eine Zeit lang alljährlich eine »Miss Atomic Bomb«. Atombomben, Elvis und Showgirls – mehr Las Vegas ging nicht! Was hätte ein mächtigeres Sinnbild für das moderne Amerika sein können?
Zur Blütezeit der Atomtests in der Wüste von Nevada wurde vier Mal, von 1952 bis 1957, eine junge Frau zur Miss Atombombe gekrönt. Die erste war Candyce King, eine Tänzerin im Last Frontier Hotel von Las Vegas – die »vor Liebreiz anstelle tödlicher Atomteilchen strahlt«, wie es ein Journalist formulierte. Ihr offizieller Titel war »Miss Atomic Blast«, und einen Schönheitswettbewerb hatte es gar nicht gegeben, lediglich ein Werbefoto, auf dem sie eine atompilzförmige Kappe trägt.
Die nächste war Paula Harris, die bei einem Festumzug auf einem der Wagen neben einer Atompilzwolke saß, eine Anspielung auf den Oscar-nominierten Film Die Stadt der tausend Gefahren (The Atomic City). In dem Film von 1952 wird der Sohn eines Wissenschaftlers der geheimen Atombombenstadt Los Alamos Opfer einer Entführung. Auf Harris folgte Anfang 1955 Linda Lawson, die als Sängerin im Sands Hotel arbeitete. Sie soll »Miss Cue« genannt worden sein, eine ironische Anspielung auf die mehrfach verschobene Testreihe »Operation Cue«, bei der die Auswirkungen einer atomaren Explosion auf Häuser, Brücken und die städtische Infrastruktur getestet werden sollten.
Die berühmteste Miss schließlich war ein weiteres Showgirl aus dem Sands Hotel; sie trat 1957 unter dem Namen Lee Merlin auf. Auf einem Foto trägt sie einen Badeanzug, der weitgehend aus einem großen Baumwoll-Atompilz besteht. Mit diesem Bild war alles klar. Blonde Locken im Wind, die Arme hochgereckt, rote Lippen – und ein weißer Atompilz. Seltsamerweise weiß niemand, was aus ihr geworden ist und ob sie tatsächlich so hieß. Fast genauso schnell wie die Pilzwolken war sie wieder verschwunden.
Die Bombe war so sexy, dass nicht nur Frauen nach Bomben benannt wurden, sondern auch umgekehrt. Ein Atomtest im Juni 1957 – bei dem siebenhundert Schweine hoch radioaktiver Strahlung und umherfliegenden Glaspartikeln ausgesetzt wurden, um herauszufinden, wie es ihnen danach ging – trug den Namen »Priscilla«. Gerüchten zufolge war das der Name einer beliebten Prostituierten aus Pahrump, einer Kleinstadt nahe dem Testgelände, in der zahlreiche dort beschäftigte Arbeiter untergebracht waren.2
Auch Kinder ließ man die Bombe feiern. In St. George, Utah, einer Mormonenstadt, die in Hauptwindrichtung vom Testgelände lag und in der später vermehrt Krebserkrankungen auftraten, wurde 1954 ein kleines Mädchen mit Atompilz auf dem Kleid zu »Unserer kleinen A-Bombe« gekürt. Die erste Miss Atombombe aber wurde skurrilerweise gar nicht in Nevada ernannt, wie der damalige Strahlenschutztechniker Robert Friedrichs zu erzählen weiß, der später für das Zeitzeugenprojekt der Testanlage recherchierte. Ja, nicht einmal in Amerika. Gekürt wurde sie bei einem 1946 von den amerikanischen Besatzungstruppen organisierten Schönheitswettbewerb in Nagasaki, nur wenige Monate nachdem die amerikanische Bombe diese Stadt zerstört hatte.3 Auf Fotos, die damals in einem Frauenmagazin erschienen, sieht man die vier Finalistinnen in Kimonos statt Badeanzügen und hinter ihnen einen Haufen grinsender GIs.4

Nevada war ein Nachzügler in Sachen Nuklearwaffentests. Die allererste, zunächst geheim gehaltene Atombombendetonation fand in den frühen Morgenstunden des 16. Juli 1945 statt. (Atomtests wurden in der Regel in der Morgendämmerung angesetzt, weil meist Windstille herrschte, was die Ausbreitung des Fallouts minimierte und die Wolke besonders pilzförmig erscheinen ließ.) Schauplatz des Trinity-Tests war die Wüste Jornada del Muerto, wörtlich »Marsch des Toten«, südlich von Albuquerque in New Mexico. Durch die Detonation der tennisballgroßen Plutoniumkugel verdampfte der gut dreißig Meter hohe Stahlturm, an dem die Bombe aufgehängt war, und zurück blieb ein dreihundert Meter breiter Krater im Sand. Die Pilzwolke über der Wüste erhob sich bis in eine Höhe von mehr als zwölf Kilometern. Nach vierzig Sekunden erreichte eine dröhnende Druckwelle die knapp zehn Kilometer entfernten nächsten Beobachter und riss viele von ihnen um. Der Sand rings um den Krater schmolz zu grünem Glas, dem Geologen später den Namen Trinitit gaben.5
1952 füllten Pioniere der US-Armee den Krater auf und errichteten einen Obelisken mit Gedenktafel. Der Ort der Detonation gehört heute zum Raketentestgelände White Sands Missile Range und ist zweimal im Jahr für die Öffentlichkeit zugänglich. Wer versucht ist, einen der Trinititsplitter aufzuheben, die man immer noch rund um den Obelisken finden kann, wird ermahnt, dies sei verboten – das Glas ist mit radioaktiven Plutoniumspuren bedeckt, deren Zerfall noch Zehntausende Jahre andauern wird.
Nach dem Krieg hatten die Bombenmacher zunächst beschlossen, amerikanischen Boden nicht durch Atomtests zu beschmutzen. Für weitere Versuche mit noch mächtigeren Bomben fiel ihre Wahl auf die Marshallinseln im Pazifik, die man jüngst von den Japanern befreit hatte, genauer auf eines ihrer entlegensten Atolle, das Bikini-Atoll. Das bescherte der Welt den Bikini. Das erste zweiteilige Badeanzugmodell bekam den Namen atome und wurde 1946 von dem französischen Modeschöpfer Jacques Heim begeistert als »der kleinste Badeanzug der Welt« angepriesen. Nach dem ersten US-Kernwaffentest in jenem Sommer jedoch brachte ein französischer Kfz-Ingenieur namens Louis Réard, der kurz zuvor das Dessous-Unternehmen seiner Mutter übernommen hatte, einen noch winzigeren Zweiteiler auf den Markt, den er Bikini nannte. Der Vatikan nannte ihn »sündig« – den Badeanzug wohlgemerkt, nicht den Atomtest.
Als auch die Sowjetunion 1949 zur Atommacht aufgestiegen war, nahm die Häufigkeit der Tests zu, und weil die Wüste von Nevada so gut dafür geeignet war, testeten die Atombombardiere nun wieder auf heimischem Grund und Boden. Nachdem sie am 27. Januar 1951 den »Apparat« ABLE über dem ausgetrockneten See Frenchman Flat auf dem neuen Testgelände von Nevada zur Detonation gebracht hatten, wurde der frühmorgendliche Himmel nun häufiger von Atomtests erhellt, die oft sogar im Fernsehen übertragen wurden.
Schon bald verfolgte das ganze Land begeistert das nukleare Spektakel. Alles Mögliche, von Uhren über Lampen bis hin zu Firmenlogos, wurde plötzlich im »Atomstil« gestaltet, etwa mit Pilzwolken oder einem Atomkern, umkreist von Elektronen. Highschool-Football-Teams bekamen neue Namen wie »The Atoms«. (Eine Schulmannschaft aus der Umgebung des Nuklearkomplexes von Hanford verwendet bis heute das Atompilzsymbol.6) Doch unter die Begeisterung mischte sich Angst. Es war die Amtszeit von Senator Joe McCarthy, und die von ihm geleiteten öffentlichen Verhöre zur Aufdeckung einer befürchteten Unterwanderung der Regierung durch Kommunisten führten in der Politik zu einem Klima der Paranoia. Dabei gab es durchaus echte Spione, wie den jüngst inhaftierten Klaus Fuchs. Und aufgrund der Furcht vor einem totalen Atomkrieg zwischen den USA und den Sowjets wurden erschreckend systematische Vorkehrungen getroffen.
Unheimlicher noch als die Atomtest-Gaffer in den Luxussuiten von Las Vegas waren die sogenannten Survival Towns. Auf dem Testgelände errichteten Soldaten Abbilder amerikanischer Vorstädte mit vollständig eingerichteten Häusern, bewohnt von Schaufensterpuppen. Ihre Zerstörung wurde detailgenau auf Film festgehalten, denn man wollte wissen, was passierte, wenn das Land apfelkuchenseliger Heimeligkeit in Grund und Boden gebombt würde.7
Nicht weit davon entfernt, ebenfalls auf dem Testgelände, lag eine beinahe genauso surreal anmutende Stadt. Mit Mercury, einem alten, etwa acht Kilometer vom Highway 95 entfernten Bergbauort, bekam nun auch Amerika eine geschlossene Atomstadt. Sie bildete den Zugang zum Testgelände, war aber zugleich durch militärische Bewachung von der Außenwelt abgeschnitten. Zeitweise hatte Mercury eine Bevölkerung von über zehntausend Angestellten und kam damit fast an die ständige Bevölkerung von Las Vegas heran. Es gab eine Bowlingbahn, ein Kino, ein Schwimmbad, eine Kirche, ein Krankenhaus, eine Bibliothek und das Atomic Motel – ganz zu schweigen von der Desert-Rock-Landebahn, eigens errichtet für den Besuch von Präsident John F. Kennedy im Jahr 1963. Auch Mercury war ein perfektes Imitat einer amerikanischen Vorstadt – und endete als einziges nicht in Trümmern. Wenngleich auf nur noch fünfhundert Seelen geschrumpft, besteht diese Zeitkapsel der 1950er-Jahre bis heute.

Zwischen 1951 und 1962 wurden in Nevada rund einhundert oberirdische Tests durchgeführt. Broschüren der Atomenergiekommission sollten jegliche Ängste beschwichtigen, dass es gefährlich sei, die Tests zu beobachten. Anwohnern und Touristen wurde versichert: »Obwohl manche von Ihnen einem potenziellen Risiko durch Lichtblitz, Detonation oder Fallout ausgesetzt gewesen sind«, sei die von den Tests ausgehende Strahlung »nur geringfügig höher als die normale Strahlung […] unabhängig von Ihrem Wohnort« und »stellt für alles Leben außerhalb des Testgeländes keine ernsthafte Gefahr dar«.8
Auf jeden Fall sei es patriotisch, Zeuge zu sein. »Sie nehmen damit ganz konkret aktiv am Atomtestprogramm unserer Nation teil«, hieß es in der Broschüre. Ja, natürlich, aber zugleich waren die Zeugen unfreiwillige Versuchskaninchen in einem staatlichen Experiment. Als die Pilzwolken vom Wind auseinandergetrieben wurden, verteilten sie radioaktive Partikel über das ganze Land. In späteren Jahren sollten Forscher Gesundheitsstatistiken studieren, um herauszufinden, wie gefährlich dieser Fallout womöglich gewesen war. Viele US-Bürger klagten vor Gericht auf Ausgleichszahlungen für körperliche Schäden, die sie angaben, erlitten zu haben.
Anwohner hakten bereits früh nach, ob die Tests wirklich so unbedenklich für sie waren, wie die Atomenergiekommission es stets erklärte. Anfang 1953 starben rund viertausend Schafe, darunter neugeborene Lämmer, auf einer achtzig Kilometer entfernten Weide in Hauptwindrichtung vom Testgelände. Damals wurde der Vorfall vertuscht. Tote Lämmchen waren schlechte PR, doch zwanzig Jahre später stellten Forscher – obwohl die Kommission einen Zusammenhang immer zurückgewiesen hatte – fest, dass die Tiere durch den Fallout radioaktiv belastetes Gras gefressen hatten und daran gestorben waren. Als einige Wochen nach dem Vorfall mit den Schafen kurz nach der Detonation des Tests »Simon« der Fallout niederging, waren die Behörden so alarmiert, dass Straßen jenseits der Grenze zu Kalifornien gesperrt und Dutzende Fahrzeuge dekontaminiert wurden. 1958 mischte sich eine Fallout-Wolke mit dem Smog über Los Angeles.9
Die Wissenschaft hinkte den Ängsten der Bevölkerung stets hinterher. Als Erstes widmete man sich den Armeeangehörigen. Wie eine Studie aus den späten 70er-Jahren befand, waren unter den dreitausend Soldaten, die man im August 1957 hatte antreten lassen, um dem Test »Smokey« beizuwohnen, später doppelt so viele Leukämiefälle zu verzeichnen als statistisch erwartbar. War das nun Zufall, das Ergebnis einer besonders genauen Erhebung oder eine tatsächliche Auswirkung? Möglich sind alle drei Erklärungen. Die Amerikanische Krebsgesellschaft gab später bekannt, dass die Zahl der Leukämiefälle unter Militärangehörigen, die den Tests im Rahmen ihrer Dienstpflicht beigewohnt hatten, im Durchschnitt dreimal höher gewesen sei; andere Studien hingegen erkannten keinen vergleichbaren Zusammenhang.10 Da weitreichende Entschädigungen bereits flossen, ehe wissenschaftliche Belege vorlagen, ist die Motivation, die Wahrheit herauszufinden, gesunken. Die Zusammenhänge sind bis heute unbewiesen.
Als Nächstes befassten sich Forscher mit der Zivilbevölkerung, die in Windrichtung vom Testgelände lebte. In den 1980er-Jahren stellte der Epidemiologe Carl Johnson aus Colorado eine um 60 Prozent erhöhte Krebsrate bei den viertausend Mormonen der Kleinstädte in Südwest-Utah fest; darunter auch die Stadt St. George, in der 1954 »Unsere kleine A-Bombe« gekrönt worden war und die weniger als 250 Kilometer vom Detonationsort in Nevada entfernt liegt.11 In St. George war man in die Bombe vernarrt, und die Behörden setzten die eigenen Bürger einigen Gefahren aus. Schulen veranstalteten Ausflüge zu Aussichtspunkten, von denen man die Atompilze im Süden gut sehen konnte.
Im Mai 1953 wurde die Stadt direkt getroffen, denn der Wind drehte und bescherte ihr den Fallout einer Bombe namens »Harry« – die ihren Spitznamen »Dirty Harry« der Tatsache verdankt, dass sie mehr Fallout generierte als jeder andere oberirdische Test auf dem Festland der Vereinigten Staaten.12 Die Strahlendosis, der ein Mensch dort an diesem Tag ausgesetzt war, wurde auf 60 Millisievert geschätzt, das ist mehr als das Dreifache des damaligen Grenzwerts für die Öffentlichkeit. Der Strahlenbiologe, der die Messungen durchführte, gab später vor Gericht an, er sei angewiesen worden, die gemessenen Werte zu verschweigen. Außerdem sei sein offizieller Bericht von Dritten manipuliert worden.13 Eine Dosis von 60 Millisievert liegt noch unter dem Wert, bei dem eine Zunahme von Krebserkrankungen und anderen Schädigungen sicher nachgewiesen wurde; er wird im Allgemeinen bei rund 100 Millisievert angesetzt. Allerdings waren die Menschen in Südwest-Utah dem Fallout vieler Tests ausgesetzt. Wie der Strahlenexperte John Gofman von der Atomenergiekommission 1984 vor einem Bezirksgericht aussagte, schätzte er die kumulierte Belastung der Einwohner während der 1950er-Jahre auf rund 360 Millisievert, also deutlich in dem Bereich, der Schädigungen wahrscheinlich macht.14
Unter anderem aufgrund von Gofmans Aussage entschied der Richter, dass zehn Menschen aus dem Bundesstaat aufgrund des Fallouts an Krebs gestorben seien, darunter auch Sheldon Nisson aus St. George und Sybil Johnson aus dem benachbarten Cedar City, beide dreizehn Jahre alt. Außerdem befand er die Regierung der Fahrlässigkeit bei der Durchführung der Tests für schuldig und bemängelte, dass sie die in Hauptwindrichtung lebende Bevölkerung (»downwinders«) nicht über die Gefahren informiert habe. Der Richterspruch wurde von einem Berufungsgericht und danach vom Obersten Bundesgericht aufgehoben, doch in beiden Verfahren lediglich unter der Begründung, dass das Gesetz nicht bei Fällen greife, die die nationale Sicherheit beträfen.15
Viele vermuten, dass auch der Schauspieler John Wayne zu den Opfern der Kernwaffentests in Nevada zählt. In der Nähe von St. George drehte er 1974 Der Eroberer, einen Film über Dschingis Khan, den die Kritik verriss. Zwar fanden die Dreharbeiten lange nach dem Ende der Tests statt, doch wahrscheinlich wirbelte Wayne dabei jede Menge durch den Fallout kontaminierten Sand auf. Fünf Jahre später starb er an Magenkrebs. Auch drei weitere beteiligte Filmgrößen – Dick Powell, Susan Hayward und Agnes Moorehead – fielen Krebserkrankungen zum Opfer. Insgesamt erkrankten einundneunzig der zweihundertzwanzig Schauspieler und Crewmitglieder an Krebs, sechsundvierzig starben daran.16 Da allerdings damals etwa die Hälfte aller Amerikaner irgendwann im Leben an Krebs erkrankte und ein Viertel durch Krebserkrankungen sein Leben verlor, bleibt der Zusammenhang, bestenfalls, unbewiesen.
Nachdem die USA und andere Atommächte 1963 das Moskauer Atomteststoppabkommen unterzeichnet hatten, wurden in Nevada keine weiteren oberirdischen Tests mehr durchgeführt. Unterirdische Tests in Bohrlöchern und Tunneln fanden aber weiterhin statt. Dabei verdampfte oder schmolz zwar Gestein, doch in der Regel gelangte kein radioaktives Material in die Erdatmosphäre. Allerdings gab es Ausnahmen. Der in geringer Tiefe durchgeführte »Sedan«-Test ließ mit bis zu 390 Metern Durchmesser und bis zu 98 Metern Tiefe einen der größten Krater menschlichen Ursprungs entstehen und verteilte mehr radioaktives Material über das Land als jeder andere oberirdische Test der Vereinigten Staaten. Mehr sogar als »Dirty Harry«.17 Niemand riet den Downwinders, in Deckung zu gehen.
Solange Sie nicht selbst fürchten, an einer durch Strahlung verursachten Erkrankung zu leiden, kommt es Ihnen wahrscheinlich so vor, als läge all das lange zurück. Mehr als ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit der letzte Atompilz über der Wüste von Nevada aufgestiegen ist. Aber wenn man von Las Vegas aus den Highway 95 hinunterfährt, kann man Anzeichen einer moderneren Kriegsführung erkennen. Kurz vor der Abfahrt zu der »Zeitkapsel« namens Mercury kommt man an der Air-Force-Basis »Creech« vorbei. Den ganzen Tag über sitzen hier »Piloten« der Luftwaffe in Containern und steuern die wachsende Kampfdrohnenflotte der USA bei ihren tödlichen Missionen in den Tausende Kilometer entfernten Kampfgebieten von Syrien, Afghanistan und Somalia.18
Las Vegas boomt natürlich weiterhin, aber die Faszination für die Bombe, die anfangs zu seiner Blüte beigetragen hat, ist geschwunden. 2016 hatte ein schlauer Produzent die Idee, im Londoner West End eine Musical-Komödie mit dem Titel Miss Atomic Bomb auf die Beine zu stellen, die in Las Vegas spielt: »wo stets am Horizont ein Silberstreif erstrahlt und der Fallout dein Freund ist«. Er muss es für ein todsicheres Erfolgsrezept gehalten haben: Nostalgie, aber mit einer schrägen Note. Das Stück hielt sich jedoch nur wenige Wochen. Sogar die Bikini-Martinis an der Bar des St. James Theatre waren ein Reinfall.
Kapitel 4
KERNWAFFENTESTS IM PAZIFIK: GODZILLA UND GLÜCKLICHER DRACHE
Es geschah am 1. März 1954, kurz vor Sonnenaufgang. Der japanische Trawler Daigo Fukuryu Maru (Glücklicher Drache V) war auf Thunfischfang bei den Marshallinseln im tropischen Pazifik, knapp zweitausend Kilometer von seinem Heimathafen entfernt. Der Mann im Ausguck wartete darauf, dass die Sonne aufging, als er plötzlich zu seinem Erstaunen in der entgegengesetzten Richtung, am westlichen Horizont, eine grellorangefarbene Kugel erblickte. Er rief die übrigen zweiundzwanzig Mitglieder der Crew an Deck, und bestürzt beobachteten sie, wie die »Sonne« verblasste und eine riesige Pilzwolke am Himmel erschien.
Zwei Stunden später, beim Netze-Einholen, begann weiße Asche auf das Deck zu rieseln. Fünf Stunden lang ging der Fallout nieder. Die überraschten Fischer zerrieben die geheimnisvolle Asche zwischen den Fingern, einer probierte sie sogar. Nach einer Weile lag auf dem Deck eine so dicke Schicht, dass sie Fußspuren darin hinterließen. Sie wussten es nicht, aber was da als weiße Asche herunterkam, waren die radioaktiv verseuchten Überreste der Koralleninsel Namu, die zum 160 Kilometer entfernten Bikini-Atoll gehörte. Ihr Korallenring war in Stücke gerissen worden, als »Bravo«, die erste echte amerikanische Wasserstoffbombe, detonierte. Mit einer Sprengkraft von 15 Megatonnen, tausendmal stärker als die Bombe von Hiroshima, ist sie bis heute die größte Kernwaffe, die die USA je gezündet haben. Die »Sonne« war der mehr als sechs Kilometer breite Feuerball der Explosion gewesen.1
Auf der Rückreise mussten die Fischer sich übergeben. Durch die Strahlung bildeten sich Verbrennungen und Wundstellen auf ihrer Haut. Das Haar fiel ihnen aus. Das Zahnfleisch begann zu bluten. Als sie zwei Wochen später in der südjapanischen Stadt Yaizu anlegten, hatte sich ihr Zustand noch immer nicht gebessert. Manche gingen nach Hause, andere suchten das örtliche Krankenhaus auf. Da die Befunde aus Hiroshima und Nagasaki den Ärzten noch deutlich vor Augen waren, begriffen sie schnell, was passiert sein musste. Die Seeleute waren radioaktiver Strahlung ausgesetzt gewesen und litten an akuter Strahlenkrankheit. Rasch wurden auch die übrigen Crewmitglieder ins Krankenhaus gebracht.
Die japanischen Seeleute hatten zwischen 2.000 und 6.000 Millisievert erhalten, eine potenziell tödliche Strahlendosis.2 Als einer der Ärzte aus Yaizu an die Atomenergiekommission der US-Regierung schrieb und um Behandlungsempfehlungen bat, erhielt er keine Antwort. Offenbar fürchteten die Bombenbürokraten, dass jegliche Informationen über die Isotopenzusammensetzung des Fallouts Rückschlüsse auf die geheime Bauweise der Bombe zuließen. Der Vorsitzende der Kommission, Lewis Strauss – ein Selfmade-Millionär und glühender Antikommunist, bekannt dafür, den Entzug von Robert Oppenheimers Sicherheitsberechtigung vorangetrieben zu haben –, ließ vielmehr verlauten, dass er die Fischer für einen »Haufen roter Spione« hielt.3
In Wirklichkeit war der Glückliche Drache V mit seiner Besatzung schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Bei der Detonation von »Bravo« hatte sich das Schiff ein gutes Stück außerhalb der offiziellen Gefahrenzone befunden. Doch kurz zuvor hatte der Wind gedreht, wodurch es sich genau in der Richtung befand, in die sich der Fallout ausbreitete. Bald wurde bekannt, dass insgesamt rund hundert japanische Thunfischtrawler in Gefahr gewesen waren. Panisch nahmen Fischhändler überall in Japan den Thunfisch aus der Auslage. Im ganzen Land flammte die Furcht vor Nuklearwaffen wieder auf, die seit dem Trauma von Hiroshima und Nagasaki weitergeschwelt hatte. Als Reaktion auf die Tragödie entstand der japanische Film Godzilla, der sieben Monate später ins Kino kam und ein großer Erfolg werden sollte. Er schildert den Kampf des Landes gegen ein marodierendes Mutantenmonster, das durch Atomtests auf einer japanischen Insel entstanden ist.
Während sich ganz Japan an diesem nuklearen Horrorszenario weidete, lagen die Seeleute noch immer im Krankenhaus und bekamen zur Dekontamination regelmäßige Bluttransfusionen. Der Funker Aikichi Kuboyama starb an Hepatitis, nachdem er sich bei einer Transfusion infiziert hatte. Die anderen überlebten, und einige erreichten sogar ein Alter über achtzig Jahre, litten aber unter der Ausgrenzung durch Freunde und Nachbarn, die glaubten, dass Strahlenkrankheit ansteckend sei.

»Bravo« stand am Anfang einer ganzen Ära von Tests mit Bomben, die weit mächtiger als die von Hiroshima und Nagasaki waren und oft auch viel zu mächtig für eine Detonation in der Wüste von Nevada oder sogar in der kasachischen Steppe, dem bevorzugten Testgebiet der Sowjetunion. Als Schauplatz für diese Detonationen in Megatonnenstärke wählten die USA – und später auch Großbritannien und Frankreich – die augenscheinlich so entlegenen Atolle des Pazifiks, Tausende Kilometer entfernt von größeren Siedlungsgebieten. Die Sowjetunion entschied sich für die Arktis. Tatsächlich aber war niemand mehr vor ihnen sicher. So schien es jedenfalls. Eine einzige Wasserstoffbombe war nun in der Lage, jede beliebige Stadt der Welt zu zerstören – sogar New York, wie sich Strauss einmal im Interview mit einem amerikanischen Journalisten brüstete. Und da der Schutt in weit größere Höhen geschleudert wurde, erreichte ihr Fallout die ganze Erde.
Bei einer nuklearen Explosion entsteht ein enormer Feuerball, der alles in seiner Reichweite mit in die Luft reißt – auch Boden, Wasser und, im Fall des Bikini-Atolls, die Trümmer des Korallenriffs am Ort der Detonation. Irgendwann erreicht diese Wolke schließlich ihre größte Höhe und breitet sich nach allen Seiten aus, was zu der charakteristischen Pilzform führt. Dann wird sie durch die Winde zerstreut, und das Material sinkt nach und nach zu Boden. Ein Teil dieses Fallouts erreicht den Grund bereits nach wenigen Minuten, wie es die Fischer auf dem Glücklichen Drachen erleben mussten. Der Anteil jedoch, der hoch in die Atmosphäre geschleudert wird, kann mehrere Monate in der Luft bleiben.
Je größer die Explosion, desto höher hinauf gelangt der Staub, desto länger dauert es, bis er zu Boden fällt, und desto weiter breitet er sich aus. Bei den frühesten Atombomben fiel der gesamte Schutt innerhalb von siebzig Tagen zu Boden. Der von »Bravo« ausgelöste Feuerball jedoch erreichte eine Höhe von nahezu 14.000 Metern; das ist mehr als die Reiseflughöhe eines Passagierflugzeugs. Die radioaktive Wolke dehnte sich mit einer Höhe von erstaunlichen 33.500 Metern sogar bis in die Stratosphäre aus. Ein Großteil ihrer Bestandteile ging erst im Lauf von achtzehn Monaten nieder. Einerseits bedeutete das, dass einige der aggressiveren radioaktiven Isotope mit kürzeren Halbwertszeiten bereits zerfallen waren, ehe sie den Erdboden erreichten, andererseits breitete sich der Fallout über den gesamten Globus aus und bedeckte die Erde mit einer dünnen radioaktiven Schicht. Er sorgte für die höchste Strahlenbelastung durch Fallout in der gesamten Geschichte der weltweiten Atombombentests.4
Auf der ganzen Welt wuchs der Ärger über dieses Vergehen an der Menschheit. Die Angst wuchs, ein Krieg könne einen nuklearen Holocaust auslösen und alles Leben auf der Erde zerstören. In seinem Roman Das letzte Ufer aus dem Jahr 1957 erzählt Nevil Shute von einer Gruppe Australier, die den Tod durch den Fallout eines Atomkriegs erwarten, der bereits allen Bewohnern der Nordhalbkugel das Leben gekostet hat.5 Zum ersten Mal wurde sich die Menschheit bewusst, dass sie einer existenziellen Bedrohung gegenüberstand, die sie selbst geschaffen hatte. Für manche Bevölkerungsgruppen des Pazifikraums allerdings war diese Bedrohung ganz unmittelbar.

Die Korallenatolle der Marshallinseln zählen zu den entlegensten Orten der Erde. Schon bald nachdem die Vereinigten Staaten am Ende des Zweiten Weltkriegs die Kontrolle über den Archipel von den besiegten japanischen Soldaten übernommen hatten, erklärten die Generäle zwei der Atolle, Bikini und Eniwetok, als geeignet für Atomtests. 1946 wurden dort die ersten Kernwaffenversuche nach den Abwürfen von Hiroshima und Nagasaki durchgeführt, ehe die Dringlichkeit aufgrund des Wettrüstens 1951 eine Rückkehr nach Nevada nötig erscheinen ließ. Später, von 1954 bis 1958, fanden auf den Inseln die noch viel zerstörerischeren Wasserstoffbombentests mit ihren insgesamt 109 Megatonnen statt – dem rund Fünfundsiebzigfachen der Sprengkraft, die über die Wüste von Nevada gekommen war.6
Um den Weg für die ersten Tests frei zu machen, besuchte 1949 der Militärgouverneur der Marshallinseln, Kommodore Ben H. Wyatt, die 167 Bewohner des schmalen Inselrings rund um die Lagune von Bikini. Er »forderte sie freundlich auf«, die Inseln zu verlassen, und erklärte, es käme der gesamten Menschheit zugute und bedeute das Ende aller Kriege.7 Sie glaubten, was ihr Befreier ihnen sagte, und rechneten damit, nach kurzer Zeit wieder zurückzukehren. Wie es ihr Oberhaupt Dretin Jokdru kurz vor seinem Tod im Exil 2006 formulierte: »Sie sagten uns […]: ›Auch wenn ihr auf einer Sandbank lebt, werden wir für euch sorgen, als wäret ihr unsere Kinder.‹ […] In gewisser Weise freute es uns, dass sie für uns sorgen wollten. Die Welt kam uns damals eigenartig vor. Aber wir konnten einfach nicht verstehen, warum sie unsere Insel haben wollten.«8
Wie dann tatsächlich für sie »gesorgt« wurde, war schockierend. Sie wurden auf dem fast 250 Kilometer östlich gelegenen Rongerik-Atoll abgesetzt, wo sie fast verhungerten, ehe man sie auf der Insel Kwajalein neben der Landebahn eines US-Stützpunkts in Zelten unterbrachte. Von dort wurden sie auf die Insel Kili gebracht, wo es keine Lagune gab, sodass sie nicht einmal ihre traditionellen Fischfangtechniken einsetzen konnten.
Wenigstens hatte man sie überhaupt evakuiert. Als »Bravo« detonierte, waren achtzehn Bewohner der nur gut 140 Kilometer entfernten Insel Rongelap gerade dabei, auf einem anderen Atoll Kopra zu sammeln. Wie auf die japanischen Fischer, regnete auch auf sie radioaktiv belasteter Korallenstaub herab. Zwei Stunden später erreichte der Fallout Rongelap selbst und überraschte weitere achtundsechzig Bewohner in ihren Häusern. Am nächsten Tag erschienen amerikanische Soldaten in Schutzanzügen und nahmen Messungen vor. Zu diesem Zeitpunkt litten die meisten Bewohner, wie schon die Fischer, bereits an Verbrennungen und mussten sich übergeben – klare Anzeichen von Strahlenkrankheit. Eilig wurden sie nach Kwajalein evakuiert, und die Atomenergiekommission veröffentlichte eine Pressemitteilung, wonach die Evakuierung »als geplante Vorsichtsmaßnahme« erfolgt sei, »[…] Verbrennungen traten nicht auf. Offenbar geht es allen gut.«9
Nachdem 1963 die oberirdischen Tests eingestellt worden waren, hatte Amerika keine weitere Verwendung für die Inseln und wollte die Evakuierten wieder dort ansiedeln. 1968 erklärte Präsident Lyndon Johnson das Bikini-Atoll für sicher, und vier Jahre später kehrten über hundert Menschen aus Kili zurück. Im Zuge von Gesundheitsüberprüfungen wurden bei den Rückkehrern allerdings erhöhte Werte von radioaktivem Cäsium-137 durch den Fallout der Bombe festgestellt. Also evakuierte man sie erneut.10
Cäsium-137 hat eine Halbwertszeit von dreißig Jahren – das bedeutet, dass die Hälfte einer bestimmten Menge nach dieser Zeitspanne zerfallen und verschwunden ist. Heute dürfte der Strahlungswert also nicht viel mehr betragen als ein Viertel des nach den Tests gemessenen Werts. Trotzdem kam eine Studie noch im Jahr 2016 zu dem Schluss, dass Bikini »vermutlich noch nicht wieder bewohnbar ist«. Der im Boden verbleibende Fallout konzentriere sich demnach in den Kokosnüssen und in den Krabben, die sich von ihnen ernähren.11 Manche behaupten, die radiologischen Gefahren würden übertrieben hoch dargestellt. Eine Studie gibt die auf Bikini durch eine Ernährung mit lokal erzeugten Lebensmitteln erhaltene Strahlendosis mit 15 Millisievert pro Jahr an. Das ist zwar das Sechsfache der weltweit durchschnittlichen natürlichen Umgebungsstrahlung, liegt aber weit niedriger als alle Werte, die jemals nachweislich zu Gesundheitsschäden geführt haben. Die psychologischen Komplikationen eines Lebens im Exil sind wohl schlimmer als die radiologischen Gefahren nach einer Rückkehr.12 Dennoch nehmen die Menschen von Bikini den Amerikanern – verständlicherweise – nicht ab, dass eine Rückkehr gefahrlos möglich sei. Sie haben immer noch den Eindruck, dass man sie wie Kinder behandelt.
Noch größeres Chaos erlebten die vom Fallout betroffenen Bewohner von Rongelap, die nach dem »Bravo«-Test evakuiert worden waren. 1957, nur drei Jahre später, brachten die Amerikaner sie zurück auf ihre Insel, ohne sich zuvor um eine Dekontamination gekümmert zu haben.13 Dort lebten die Menschen dreißig Jahre lang und ernährten sich zum größten Teil von dem, was ihr verseuchtes Land hervorbrachte. Nachdem aber unter den Kindern eine erhöhte Anzahl an Schilddrüsenkrebsfällen und bei den Erwachsenen vermehrt Leukämie aufgetreten war, baten sie eindringlich darum, wieder evakuiert zu werden. Greenpeace kam zu Hilfe und brachte sie per Schiff nach Kwajalein. Dort litten sie unter den beengten Lebensverhältnissen und an Arbeitsplatzmangel, außerdem kam es zu einer Selbstmordwelle.14
1998 rief die US-Regierung endlich ein Programm zur Reinigung der radioaktiv kontaminierten Böden von Rongelap ins Leben. Seither sind einige Bewohner zurückgekehrt, und offenbar geht es mit ihnen wieder deutlich bergauf. Es gibt eine befestigte Landebahn, die Inseln betreiben Ökotourismus und handeln mit vor Ort gezüchteten schwarzen Perlen.15
Neben den Tests auf dem Bikini-Atoll führten die USA dreiundvierzig weitere Versuche auf dem evakuierten Eniwetok-Atoll durch. 1979 erschien das Aufräumkommando. Rund 100.000 Kubikmeter des am stärksten radioaktiv belasteten Bodens wurden abgetragen und unter eine Betonkuppel gepackt, den sogenannten Runit Dome. Glaubt man den Versprechungen, wird durch den weiteren Zerfall der Isotope, etwa von Cäsium-137, der größte Teil des Atolls Ende der 2020er-Jahre wieder für Menschen bewohnbar sein. Doch die Kuppel, die wie ein halb im Sand vergrabenes Ufo aussieht, hat bereits Risse, und laut einer Folgebegutachtung des US-Energieministeriums aus dem Jahr 2012 tritt möglicherweise ein Teil ihres Inhalts bereits wieder aus und gelangt zurück in den Boden.16
Es sind traurige Geschichten. Keiner kommt gut dabei weg. Im großen Ringen um die emotionale wie rationale Beurteilung der Risiken radioaktiver Strahlung sind die Inselbewohner viel zu oft die Bauernopfer gewesen.17 Und mangels einer angemessenen Entschädigung wurde ihre Not noch verschlimmert. Während US-Bürgern, die den Folgen von Atombombentests ausgesetzt waren, eine Milliarde Dollar ausgezahlt wurde, ist den Bewohnern der Marshallinseln, von denen viele wesentlich höhere Strahlendosen erhalten haben, weniger als ein Zehntel dieser Summe zugekommen.
Aber wie steht es um die Natur? Sind die Inseln zur nuklearen Todeszone geworden? Die Kernwaffentests haben in erheblichem Ausmaß Korallenriffe zerstört und Böden und Lagunen kontaminiert. Doch wie an vielen anderen radioaktiv belasteten Orten der Welt erholt sich die Natur bereits und gedeiht womöglich sogar, dank der Abwesenheit des Menschen. Als Meeresbiologen 2008 in den Krater hinabtauchten, den »Bravo« ein halbes Jahrhundert zuvor in den Meeresboden gerissen hatte, fanden sie neu gewachsene Korallenriffe von mehr als 7,5 Meter Höhe vor. Das Riff wurde von Korallen aus den benachbarten Atollen zurückerobert. »Ich wusste nicht, was mich erwarten würde – ich vermutete, eine Art Mondlandschaft. Aber es war unglaublich«, sagte Zoe Richards von der australischen James Cook University gegenüber der Agentur Reuters.18
Auf dem Grund der Lagune von Bikini liegt eine Armada alter Kriegsschiffe, die die US-Marine dort vor der Detonation von »Bravo« versenkt hatte, um die Zerstörungskraft der neuen Waffe zu testen, darunter auch die Nagato. Ihre Symbolkraft ist offensichtlich: Sie war das japanische Flaggschiff, auf dem Admiral Isoroku Yamamoto den Befehl zum Angriff auf Pearl Harbour gegeben hatte. Im Jahr 2010 erklärte die UNESCO das Bikini-Atoll zum Weltkulturerbe, da es »den Beginn des Atomzeitalters symbolisiert«.

Die Briten führten ihre ersten Atomwaffentests in Australien durch, verlegten die Versuche mit Wasserstoffbomben dann aber auf Inseln im Pazifik. Unter den abgelegenen Besitzungen des Empires fiel ihre Wahl auf die Weihnachtsinsel und die Insel Malden, die heute zu dem unabhängigen Staat Kiribati gehört. Da die Briten viel weniger Tests durchführten als die USA und die Sowjetunion, wollten sie aus jedem einzelnen so viele Informationen wie möglich gewinnen; keine günstigen Voraussetzungen für die Armeeangehörigen und die örtlichen Bewohner, die zur Unterstützung einberufen wurden.
Die größte Bombe, die über der Weihnachtsinsel zur Explosion gebracht wurde, »Grapple Y«, hatte drei Megatonnen Sprengkraft. Gleichwohl erhielten Piloten den Befehl, dicht an den Detonationsort heran- und durch die Pilzwolke hindurchzufliegen, um Proben des radioaktiven Fallouts zu nehmen. Der Rat, bei der Detonation die Augen zu schließen, nützte nicht viel. Einer berichtete, sie hätten »das Licht sogar durch die Augenlider gesehen. Es war unfassbar. Das hat uns richtig umgehauen.«19 Diejenigen, die nicht in ein Flugzeug gesetzt wurden, ließ man am Strand antreten, und sie erhielten, wie sich der damals neunzehnjährige Kenneth McGinley erinnert, die Anweisung, »Fäuste zu machen und sie in die Augenhöhlen zu drücken«, während knapp zwanzig Kilometer entfernt die Bombe detonierte.20 Anschließend nahmen sie Obst und Wasser von der Insel zu sich und schwammen in der Lagune. Ehe sie wieder abgezogen wurden, erhielten sie noch den Befehl, Wildvögel zu töten, die durch die Explosion blind geworden waren.21
Die Bewohner der Weihnachtsinsel waren nicht evakuiert worden, obwohl »Grapple Y« dort radioaktive Niederschläge verursachte. Eine unter ihnen, Suitupe Kirotomi, erinnerte sich, wie sie »zu der schwarzen Explosionswolke aufschaute, die direkt über uns war, dann begann es zu nieseln«. Später bildete sich auf ihrer Stirn eine rötliche Verbrennung und die Haare begannen ihr auszufallen. Im Jahr 2006 erzählte sie Journalisten: »Die Narbe habe ich bis heute.«22
Es ist nach wie vor umstritten, wie sehr es Soldaten und Einwohnern geschadet hat, Strahlung und Fallout so unvermittelt ausgesetzt zu sein. Im Jahr 2015 zahlte die Republik Fidschi siebzig ihrer Bürger, die damals vor Ort gewesen waren, eine Entschädigung. Im Rahmen einer Studie mit fünfzig neuseeländischen Soldaten allerdings, die an den Tests auf der Weihnachtsinsel beteiligt gewesen waren, beurteilte Al Rowland von der Massey University, Neuseeland, die Daten zur Entwicklung von Krebserkrankungen als wenig aussagekräftig.23 Der britische Soldat McGinley gab an, er leide unter wiederholt auftretenden Hautproblemen und Unfruchtbarkeit. Um für eine Entschädigung zu kämpfen, gründete er den Betroffenenverband Britischer Antomtest-Veteranen.
Die britische Regierung argumentiert, Armeeangehörige hätten keine ausreichenden Beweise für Schädigungen vorgelegt. Wissenschaftlich betrachtet ist sie womöglich im Recht, doch dass ihre Bürokraten offenbar vorsätzlich auf die Erfassung solcher Beweise verzichtet haben – trotz aller Warnungen staatlicher Wissenschaftler, dass ihnen das Ärger einbringen könne –, macht einen schon stutzig: Wie das Protokoll einer Sitzung am britischen Atomwaffeninstitut in Aldermaston vom Juli 1958, einen Monat vor einem der Grapple-Tests, offenbart, wollten die dortigen Wissenschaftler bei den beteiligten Soldaten zuvor Blutproben entnehmen. So hätte geprüft werden können, ob die Anzahl der weißen Blutkörperchen im Anschluss gesunken wäre – ein mögliches Vorzeichen für Leukämie.
Wie das Protokoll festhielt, waren die Wissenschaftler außerdem »besorgt darüber, welche politischen Rückschläge drohen, sollte der Vorwurf der Fahrlässigkeit laut werden, und sei er noch so unbegründet. Falls keine Blutproben genommen werden und eine Person später tatsächlich erkrankt, würde das den Ausgang von vornherein ungünstig beeinflussen.«24 Militärangehörige, die an der Sitzung teilnahmen, lehnten den Vorschlag ab. Die befürchteten Rückschläge wurden vierzig Jahre später Wirklichkeit, als die Europäische Kommission für Menschenrechte entschied, die britische Regierung habe gegenüber ihren Soldaten rechtswidrig und unredlich gehandelt.25
Die Franzosen führten ihre oberirdischen Kernwaffentests zunächst in der algerischen Wüste durch. Doch nach der Unabhängigkeit Algeriens wandte sich auch Frankreich seinen Inseln im Pazifik zu. Zwischen 1966 und 1974 verursachten einundvierzig Tests auf den unbewohnten Atollen Mururoa und Fangataufa Fallout, der über großen Teilen Polynesiens niederging. Die Tests verstießen gegen das internationale Verbot von Kernwaffenversuchen gemäß dem Vertrag von 1963, den Frankreich nicht hatte unterzeichnen wollen. Wie die Amerikaner und Briten vor ihnen, betrachteten die Franzosen die Bewohner vor allem als lästig. Sie praktizierten eine hartnäckige Politik der Geheimhaltung und Leugnung und wiesen lautstark alle Vermutungen zurück, dass der Fallout eine Gefahr darstellen könne.
Im ersten Jahr der Tests wurde auf den Gambierinseln, vierhundert Kilometer von Mururoa entfernt, das Fünffache der zugelassenen jährlichen Strahlendosis gemessen. Keiner der mehreren Hundert Bewohner war evakuiert worden. Im folgenden Jahr mussten zwei französische Meteorologen, die gut hundert Kilometer entfernt stationiert waren, ins Krankenhaus gebracht werden, nachdem Fallout auf sie niedergegangen war. Die sechzig Bewohner dieses Atolls untersuchte trotzdem niemand.26
Nach dem Ende der oberirdischen Tests setzten die Franzosen das Programm unterirdisch fort. Als 1985 das Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior in die Sperrzone des Testgebiets eingedrungen war, zog der französische Geheimdienst andere Saiten auf. Nachts versenkten Agenten das Schiff in einem neuseeländischen Hafen, wobei unbeabsichtigt ein Fotograf ums Leben kam, der noch einmal zurück an Bord gegangen war. 1996 wurden die Tests ganz beendet; sie hinterließen ein zerrissenes Atoll, übersät mit radioaktivem Material, darunter auch 18 Kilogramm Plutonium, das beim Auseinanderbrechen einer Bombe in die Lagune gefallen war.27

Nach 1945 wurden auf den dreizehn wichtigsten Testarealen mehr als fünfhundert Atomwaffen mit einer Sprengkraft von insgesamt 440 Megatonnen getestet, das entspricht der erschütternden Menge von 29.000 Hiroshima-Bomben. Die Gesamtmenge ihres Fallouts betrug das rund Sechshundertfache dessen, was 1986 beim Unfall von Tschernobyl, der größten nicht-militärischen Nuklearkatastrophe, frei wurde. Mehr als die Hälfte dieser 440 Megatonnen – 239 – wurden auf die gebirgige Insel Nowaja Semlja in der russischen Arktis losgelassen.
Dort wurde auch am 30. Oktober 1961 die bis heute größte Testbombe gezündet. Mit ihren 50 Megatonnen Sprengkraft war die Zar-Bombe mehr als dreimal so stark wie ihr größtes amerikanisches Gegenstück. Sie hatte das Zehnfache der Sprengkraft aller im Zweiten Weltkrieg abgeworfenen Bomben zusammen, und ihr Atompilz erreichte bei einem Durchmesser von fast 100 Kilometern die siebenfache Höhe des Mount Everest. Ihre Hitze verursachte 110 Kilometer entfernt Verbrennungen dritten Grades, und noch in fast tausend Kilometern Entfernung gingen Fensterscheiben zu Bruch. Nie wieder haben Menschen etwas Vergleichbares getan. Mit einem Viertel der beim Ausbruch des Vulkans Krakatau frei gewordenen Energie erinnerte die Explosion mehr an ein geologisches Ereignis als an eine Bombe. Ähnliches könnte man auch von den 133 unterirdischen Tests behaupten, die nach 1963 auf Nowaja Semlja durchgeführt wurden. Einer löste einen Erdrutsch aus, der zwei Gletschern den Weg versperrte, und ein mehr als anderthalb Kilometer langer See entstand. Durch einen weiteren Test taute der Permafrostboden bis zu einer Tiefe von über 90 Metern auf.28
Alle Erdbewohner haben vom Fallout der großen Tests aus dem Jahrzehnt zwischen 1954 und 1963 etwas abbekommen; niemand wurde verschont. Er lässt sich in den Wachstumsringen der Bäume ebenso nachweisen wie in den Korallenriffen, den Böden und den Küstensedimenten jedes Kontinents. Auf dem Höhepunkt im Jahr 1963 erhielt jeder Mensch im Durchschnitt eine Dosis von 0,15 Millisievert, was nur etwa vier Prozent einer typischen Jahresdosis aufgrund der natürlichen Umgebungsstrahlung entspricht. Nur in wenigen Gegenden erreichten die Dosen eine Höhe, die wohl zu Schädigungen führen konnte, doch wie wir in Kapitel 20 noch sehen werden, herrscht große Unsicherheit darüber, wie viele Menschen der Weltbevölkerung durch kleinste Strahlendosen ums Leben kommen. Kann sein, dass der Fallout niemanden das Leben gekostet hat, es kann aber auch sein, dass er für den Tod Zehntausender verantwortlich ist.
Während solche Fragen selbstverständlich wichtig sind, sollten wir darüber nicht die vielen weitaus unmittelbareren Probleme der Menschen aus den Augen verlieren, die das Pech hatten, in der Nachbarschaft von Kernwaffentestgebieten zu leben. Um mir ein besseres Bild davon zu machen, habe ich die bruchstückhaften, aber zunehmend überzeugenden Dokumente durchforstet, die zeigen, was rund um das sowjetische Testareal von Semipalatinsk in der ostkasachischen Steppe geschah, dort, wo früher häufig ein tödlicher radioaktiver Nebel übers Land trieb.
Kapitel 5
SEMIPALATINSK: DIE GEHEIMNISSE DER STEPPE
»All das war viele Jahre lang geheim«, schrieb mir Kazbek Apsalikow, der Direktor des Instituts für Strahlenmedizin und Ökologie (IRME), einer kasachischen Regierungsbehörde. Ich hatte ihn per E-Mail kontaktiert, weil er Mitverfasser eines Artikels über die sowjetischen Kernwaffentests war, die vor einem halben Jahrhundert in Semipalatinsk stattgefunden hatten. In einem hochinteressanten Absatz hatte der Text aus dem Jahr 2014 von einer tödlichen Falloutwolke berichtet, die 1956 über eine Großstadt in Kasachstan hinweggezogen sei. Die 250.000 Einwohner von Ust-Kamenogorsk (heute Öskemen), eines Zentrums der Schwerindustrie, gut vierhundert Kilometer vom Detonationsort entfernt, »waren durch nuklearen Fallout teils Strahlendosen ausgesetzt, die so hoch waren, dass sie akute Strahlenkrankheit auslösten«, hatte Apsalikow geschrieben. In der Folge »[wurden] 638 an Strahlenkrankheit leidende Menschen in ein Spezialkrankenhaus gebracht, das Dispensarium Nr. 3 […] Moskau schickte eine von einem Minister geleitete ›Sonderkommission‹, die herausfinden sollte, was geschehen war.«1
Apsalikow selbst war in den ehemals geheimen Archiven seines Instituts auf dieses spannende Fitzelchen Information gestoßen. »Leider sind keine weiteren Daten über das Schicksal dieser Leute zugänglich«, erklärte er mir. Vermutlich seien die Akten größtenteils nach Moskau gebracht worden, entweder damals schon oder dann 1991, als die Sowjetunion zerfiel. Was an jenem Tag geschehen war, sollte geheim bleiben. So wissen wir noch immer nicht, wie viele Menschen, die mit akuter Strahlenkrankheit eingeliefert worden waren, am Ende daran starben. Bekannt ist jedoch, dass weitaus mehr erkrankten als nach dem Unglück von Tschernobyl; dort litten 134 Menschen an ähnlichen Symptomen, und achtundzwanzig von ihnen starben wenig später. Überträgt man das Zahlenverhältnis auf Ust-Kamenogorsk, wären dort 130 Menschen ums Leben gekommen. Aber das ist reine Spekulation.
Nach seiner Inbetriebnahme 1949 hatte sich das Areal von Semipalatinsk zum geschäftigsten Bombentestgelände weltweit entwickelt. Außerdem unterlag das von den Sowjets Polygon genannte Gebiet der strengsten Geheimhaltung. Insgesamt wurden 619 Tests dort durchgeführt, davon 122 oberirdisch. Die in Hauptwindrichtung lebenden Menschen wurden nicht über die Pläne der Bombentester informiert. Viele spürten die Erde beben und sahen das Leuchten und die pilzförmigen Wolken, doch in den Zeiten Josef Stalins stellte man besser nicht zu viele Fragen. Ganz besonders nicht in einer geschlossenen Stadt, wo Uran für die Atomindustrie gefördert und verarbeitet wurde.
Dennoch war die Fallout-Wolke über einer so großen Stadt ein Weckruf für die Sowjetbehörden. Sie müssen sich gedacht haben, dass es hier um mehr ging als nur ein paar entbehrliche Bauern.2 Daher forderte die »Sonderkommission«, die sich vor allem aus Wissenschaftlern des Moskauer Instituts für Biophysik zusammensetzte, wissenschaftliche Messungen der Radioaktivität, um die Strahlenbelastung der rund eine Million Menschen zu bestimmen, die in Hauptwindrichtung nahe dem Testareal lebten.
Das unter dem Namen »Dispensarium Nr. 3« eilig eingerichtete Krankenhaus wurde zu einer dauerhaften Forschungsanstalt, aus der später das IRME hervorging, das Apsalikow heute leitet. Seit damals erfasst und dokumentiert das Institut das Schicksal der Atomtestopfer, zuerst in seiner Funktion als geheime sowjetische Forschungsstelle, seit 1991 als öffentliche Einrichtung. Selbst andere vor Ort ansässige Wissenschaftler erfuhren vor 1991 nur wenig von den gewonnenen Erkenntnissen. Danach wurde das Archiv offenbar aufgelöst – bis auf diesen einen Bericht, auf den Apsalikow jetzt gestoßen war.
Geschrieben hatten ihn 1957 die Wissenschaftler des Moskauer Instituts für Biophysik, und er schildert die »Expedition« der Sonderkommission nach Semipalatinsk. Er ist auf Russisch verfasst und als »streng geheim« gekennzeichnet, Apsalikows Mitarbeiter haben ihn für mich übersetzt. Angesichts seiner Mischung aus Pedanterie, Vagheit und einzelnen atemberaubenden Enthüllungen bin ich mir so gut wie sicher, dass er echt ist.
Die Forscher berichten von einer großflächigen und dauerhaften radioaktiven Kontamination der Städte und Dörfer Ostkasachstans. Mitte September 1956 betrug die Strahlendosis durch das Einatmen der Luft in und um Ust-Kamenogorsk 1,6 Mikroröntgen pro Stunde, was ungefähr 140 Millisievert pro Jahr entspricht. Das war das Hundertfache des damals »zulässigen Werts« und offenbar die Folge einer »vor kurzer Zeit erfolgten Kontamination«, so der Bericht.3
Einen Monat später hatte die Expedition in einigen Dörfern Proben genommen. Am schlimmsten stand es um Snamenka auf dem halben Weg zwischen dem Polygon und Ust-Kamenogorsk. Es hatte wohl genau in der Bahn des Fallouts gelegen. »Nahe Snamenka fiel über mehrere Jahre wiederholt ein Niederschlag aus radioaktiven Substanzen, die Menschen und Umwelt schadeten«, hielt der Bericht fest. Dieser Fallout sei »eine Gefahr für die Gesundheit«. Die Bedrohung sei »ernster und gefährlicher als im Bezirk Ust-Kamenogorsk«. Bei ihrem Besuch des Dorfs hatten Armeeärzte drei Personen mit Schädigungen des Blutkreislaufs und des Nervensystems angetroffen und diese als Symptome einer akuten Strahlenkrankheit diagnostiziert.
Außerdem kam die Expedition zu dem Ergebnis, dass Kara-aul, ein landwirtschaftlicher Bezirk südöstlich des Polygons, nach wie vor durch den »gefährlichen« Fallout eines drei Jahre zuvor durchgeführten Tests kontaminiert sei. Am 12. August 1953 war er genau über Karaaul hinweggezogen.4 Die Ermittler fanden im Umkreis weitere offenkundige Fälle von akuter Strahlenkrankheit, doch laut Bericht hatte das medizinische Personal Schwierigkeiten, zwischen den Symptomen der Strahlenkrankheit und der Brucellose, einer durch Kontakt mit Vieh übertragenen Erkrankung, zu unterscheiden. In jüngerer Zeit haben Forscher die Vermutung geäußert, diese »Verwechslung« sei vielmehr Teil einer skrupellosen Strategie gewesen. Wie Cynthia Werner von der texanischen A&M University erläutert, wurde das »Dispensarium Nr. 3« in »Anti-Brucellose-Dispensarium Nr. 4« umbenannt, um seinen wahren Auftrag zu verschleiern: die Auswirkungen der Strahlenexposition auf die Ortsbevölkerung zu beobachten.5
Wer in der Hauptwindrichtung des Polygons lebte, atmete nicht nur strahlendes Material in besorgniserregendem Maß ein, sondern nahm es auch mit der Nahrung zu sich. Die Autoren des Berichts von 1957 stellten eine »beträchtliche Kontamination der Böden, der Vegetation und der Nahrung« fest. Stuhlproben der Arbeiter einer südlich des Polygons gelegenen Kolchose wiesen eine hohe Radioaktivität auf, was sich aber änderte, nachdem die Familien von außerhalb herbeigeschaffte, saubere Nahrung bekommen hatten. Die Expedition forderte ein Verbot des Konsums von lokal angebautem Getreide, »das am stärksten kontaminiert war«. Außerdem sei »davon abzuraten, Atomtests (besonders Explosionen am Boden) durchzuführen, ehe die ganze Ernte der Felder eingebracht und Getreide und Gemüse in Lagern, Schuppen, Kellern etc. eingelagert« sei. Wie die Termine der folgenden Tests beweisen, wurde diese Empfehlung nicht befolgt.6

Zwischen 1949 und 1962 führte die Sowjetunion im Polygon mehr als einhundert oberirdische Kernwaffentests durch. Auf nur vier dieser Tests – jeweils im August 1949, im September 1951, im August 1953 und im August 1956 – gehen insgesamt 95 Prozent der Strahlendosis zurück, der die örtliche Bevölkerung ausgesetzt war.7 Der erste – bei dem die Welt entsetzt feststellen musste, dass nicht nur Uncle Sam die Bombe besaß, sondern auch Onkel Josef – war womöglich zugleich der schlimmste. Er fand am Morgen des 29. August 1949 statt. Die Wirkung der Bombe wurde dadurch noch vergrößert, dass sie in nur 36 Metern Höhe zur Detonation gebracht wurde. Der Feuerball traf mit enormer Wucht auf den Boden und riss riesige Mengen Erdreich in die Luft, das dadurch radioaktiv kontaminiert wurde und in einer dichten Wolke über Dutzende kasachischer Dörfer hinweg in Richtung Nordosten über die Grenze und bis in den russischen Teil des Altai-Gebirges zog.
Direkt vom Fallout betroffen war das Dorf Dolon, das rund 110 Kilometer entfernt am Ufer des Flusses Irtysch liegt. Niemand wurde evakuiert. »Wegen der offiziellen Geheimhaltung wurden die Leute nicht gewarnt, in ihren Häusern zu bleiben. Sie waren sich selbst überlassen«, erzählte Leonid Iljin, der Direktor des russischen Instituts für Biophysik, meinem Kollegen Rob Edwards mehr als vierzig Jahre später, als sich in der Sowjetunion der Schleier der Geheimhaltung hob.8 Allerdings hätte es ohnehin wenig genützt, drinnen zu bleiben, denn die Holzhäuser boten kaum Schutz vor der Strahlung. Jüngste wissenschaftliche Schätzungen anhand der alten Messungen aus Sowjetzeiten ergaben, dass die Bewohner von Dolon wohl allein durch diesen Test eine durchschnittliche Dosis von 1.300 Millisievert erhielten – genug, um eine wahre Epidemie akuter Strahlenkrankheit auszulösen, die wohl viele Todesopfer forderte. Eine Strahlenbelastung in ähnlicher Höhe erlitten die Einwohner von Sarzhal, 120 Kilometer südöstlich des Testgeländes, als ihr Ort am 12. August 1953 direkt vom Fallout getroffen wurde.9 Und die zwanzigtausend Bewohner des Landkreises Uglowskoje, kurz hinter der russischen Grenze, waren laut Iljin wohl rund 800 Millisievert ausgesetzt.10 Die Studien sind zu dem Ergebnis gekommen, dass im Lauf der Jahre rund zehntausend Menschen in der Umgebung des Polygons vermutlich Strahlendosen von über 70 Millisievert erhalten haben, und damit einem potenziellen Gesundheitsrisiko ausgesetzt waren.11
Kaischa Atachanowa gehört zu den Leuten, die sich gut an diese Zeit erinnern, denn sie ist in Karaganda aufgewachsen, einer Stadt mit einer halben Million Einwohner, vierhundert Kilometer westlich des Polygons. Später, als Biologin, forschte sie an den Fröschen, die in den radioaktiv belasteten Tümpeln des Polygons leben, und wurde schließlich Umweltschützerin. Ich interviewte sie in London, als sie gerade mit dem angesehenen Goldman Environmental Prize für Umweltschutz ausgezeichnet worden war. »Die Leute sahen diese riesigen Pilzwolken am Himmel, wussten aber nicht, was das war«, erzählte sie mir. Nach 1956 wurden ein paar halbherzige Anstrengungen zum Schutz der Menschen unternommen: »Soldaten kamen in die Dörfer und sagten ihnen, sie sollten ins Freie gehen, sich in Gräben legen und sich mit weißen Sachen zudecken, etwa mit Laken oder Handtüchern, und nicht nach oben schauen. [An anderen Tagen] gaben sie den Leuten Rotwein, angeblich ein Gegenmittel gegen die Strahlung.«
Es gab sogar Evakuierungen: »für ein paar Tage, bis der Staub sich gelegt hatte. Aber das Vieh und die Hühner blieben in den Dörfern. Danach wohnten die Menschen wieder in ihren radioaktiv verseuchten Häusern, zusammen mit ihren radioaktiv verseuchten Tieren.« Sie schwammen sogar in dem See, der durch einen Bombentest entstanden war, und fingen die darin lebenden Fische; dort, wo Atachanowa später an radioaktiv belasteten Amphibien forschen sollte. »Sie wussten nicht, dass es gefährlich war.«12
Die Auswirkungen der Bombentests im Polygon auf die Gesundheit der Menschen sind im Lauf der Jahre oft übertrieben dargestellt worden. Nachdem der gerade unabhängig gewordene Staat Kasachstan 1991 das Testgelände geschlossen hatte, schwor er den Nuklearwaffen ab und erfand sich als Opfer des sowjetischen Atomwaffenprogramms neu.
Einige Jahre lang war auf der Website seiner diplomatischen Vertretung in den USA ein Banner mit dem Schriftzug »Der nukleare Albtraum von Kasachstan« zu sehen.13 Reporter sollten dazu animiert werden, ein Gruselkabinett in Formaldehyd konservierter deformierter Föten an der Staatlichen Medizinischen Akademie Semei zu besuchen und in die Dörfer hinauszufahren, wo die Leute allzu bereit waren, ihre Horrorgeschichten zu erzählen und ihre kranken Kinder vorzuführen.14
Wie glaubhaft ist all das? Kranke und missgebildete Kinder leben überall auf der Welt; schrecklich aussehende Föten aus Abtreibungen und Fehlgeburten gibt es in jedem Krankenhaus. Die Frage ist, ob sie in diesem bestimmten Gebiet zahlreicher sind als statistisch zu erwarten, und ob das in irgendeiner Form auf die Strahlung aus den Atomwaffentests zurückgeführt werden kann.
In den 1990er-Jahren begannen die Forscher um Apsalikow am IRME, Informationen über die Menschen, die im Schatten der Falloutwolken gelebt hatten, in einer Datenbank zu sammeln. Die daraus gezogenen Schlüsse sind umstritten. Manche Wissenschaftler sind überzeugt, Auswirkungen der Strahlung erkennen zu können. Laut Marat Sandybajew, dem Leiter des Onkologischen Zentrums von Semei, sind Krebserkrankungen in den Gebieten in der Hauptwindrichtung doppelt so häufig wie statistisch zu erwarten.15 Eine andere Studie ermittelte eine erhöhte Zahl von Leukämiefällen unter den Kindern, die in den 1980er-Jahren weniger als 190 Kilometer von dem Testgelände entfernt gelebt hatten.16 Manche Forscher schließen nicht immer klar aus, ob etwa Störvariablen wie schlechte Lebensbedingungen oder Mangelernährung daran schuld sind, und nicht radioaktive Strahlung.17 Gleichwohl machen die hohen Strahlendosen, denen die Menschen der ganzen Region um Semipalatinsk ausgesetzt waren, diese Schlussfolgerung sehr plausibel.

Heute zieht das Polygon die Fans des sogenannten Dark Tourism an. Es gibt Führungen zu den Betontürmen, in denen die Instrumente zur Messung der Sprengkraft installiert waren. In ihrer Nähe ist die Strahlung bis heute recht hoch. Das führt zu der Frage, ob die Bewohner der Steppenregionen Ostkasachstans hier ein halbes Jahrhundert später überhaupt schon wieder gefahrlos Fische fangen, ihre Schafe weiden lassen, die Luft atmen, Brot und Milch aus der Gegend verzehren und in ihrem Garten Gemüse anbauen können.
Ein großer Teil der radioaktiven Isotope ist zerfallen. Die Strahlenbelastung bewegt sich selbst bei denjenigen, die Lebensmittel aus der Region zu sich nehmen, in einer geringeren Größenordnung als zu der Zeit der Atomwaffentests. Aber weiterhin liegt Material herum, das die Geigerzähler zum Knattern bringt. 2006 stießen japanische Forscher in den Böden rings um das Dorf Dolon, über das 1949 die Falloutwolke niedergegangen war, auf Plutonium.18 Sergej Lukaschenko, als stellvertretender Direktor des Nationalen Nuklearzentrums von Kasachstan zuständig für die Verwaltung des Polygons, ist dennoch optimistisch. Wie er mir sagte, könnten nach weiteren Reinigungsmaßnahmen bis zu 80 Prozent des Geländes »der Gesellschaft zur gewöhnlichen wirtschaftlichen Nutzung zurückgegeben werden«.
Das bedeutet im Umkehrschluss, dass er die übrigen 20 Prozent – ein Gebiet so groß wie Israel – in absehbarer Zukunft weiterhin als unsicher betrachtet. Wie Apsalikow es formuliert, ist das Testareal »nicht die endzeitliche Katastrophenzone, zu der es manchmal erklärt wird, aber es ist auch klar, dass ein Teilgebiet nie wieder zu einem natürlichen Zustand zurückfinden wird, dass die Lage in anderen Gebieten ungeklärt und potenziell gefährlich ist und dass die Menschen vor Ort bis heute Gesundheitsrisiken und psychologischem Stress ausgesetzt sind«.19
Gerade dieser psychologische Stress ist bedeutsam. Wie die Strahlung ist auch er eine Folge der Atomwaffenversuche. Die Vorstellung, dass man selbst oder das eigene Kind aufgrund von Bombentests, die vor Jahrzehnten im eigenen Land stattfanden, eine Erkrankung in sich trägt, ist beängstigend. Ebenso beängstigend ist es, nicht zu wissen, was aus der nächsten Umgebung überhaupt bedenkenlos verzehrt oder verwendet werden kann und was einen das Leben kosten könnte.
Eine solche Angst kann einen zerfressen. Bei einer regionalen Untersuchung kam zutage, dass zwei Drittel der Menschen, die die Zeit der Atomwaffentests selbst erlebt haben, glauben, der Fallout sei verantwortlich für die schlechte Gesundheitslage in ihrem Umfeld. Womöglich irren sie sich. »Offenbar führen viele Ortsansässige alle möglichen Probleme auf das nukleare Erbe zurück«, sagt Apsalikow. Doch von der radiologischen Wirkung der Strahlung ganz abgesehen, »sind psychologischer Stress und Angst ein bedeutendes und andauerndes Erbe der Kernwaffenversuche«.20
Das glaubt auch Atachanowa. Ihrer Ansicht nach waren wohlmeinende Forscher durch die Art und Weise ihres Umgangs mit Menschen, die als Falloutopfer galten, oft wenig hilfreich. »Wissenschaftler untersuchten die Leute und schrieben Fachartikel über sie. Aber geholfen hat ihnen keiner«, erzählte sie mir. »Sie kamen sich vor wie Versuchskaninchen.«
Vielleicht aber steht diese passive Opferrolle, sei sie nun radiologisch oder psychologisch begründet, zu sehr im Fokus. Forscher, die Zeit bei den Menschen in der Öde von Semipalatinsk verbracht haben, berichten von einer zwiespältigen Haltung gegenüber den Risiken. Viele Leute sind entschlossen, wieder selbst Herr der Lage zu werden. Scheinbar furchtlos widersetzen sich viele den staatlichen Vorschriften und ziehen durch die radioaktiv belastete Steppe, bauen Futterpflanzen an und pflücken wild wachsende Erdbeeren. Schafe und Rinder lassen sie zu Zehntausenden in der Nähe der kontaminierten Testareale und vollgelaufenen Krater weiden.
Die Dorfbewohner verfügten über eine ganz eigene psychologische Überlebensstrategie, sagt die Ethnologin Magdalena Stawkowski von der Universität Stanford. »Viele behaupten, sie seien ›Mutanten‹ und hätten sich an die Strahlung gewöhnt. Sie betrachten ihr verstrahltes Erbgut als genetisch weiterentwickelt und perfekt an ihr Ökosystem angepasst. Sie halten sich für verbesserte Menschen, die auch in toxischer Umgebung überleben können.« Auf Außenstehende möge eine solche Haltung befremdlich wirken, sagte sie, doch einem ewigen Selbstbild als geschädigtes Opfer sei sie womöglich vorzuziehen.21
Kapitel 6
DER PLUTONIUMBERG: GREIFEN SIE NUR ZU!
Auf den meisten Testgeländen war es nach dem Moskauer Atomteststoppabkommen von 1963 vorbei mit oberirdischen Kernwaffentests. Doch wie in Nevada bedeutete das auch in Semipalatinsk nicht das Ende der Versuche an sich, sie gingen lediglich in den Untergrund. Sie wurden in einen Granitberg in einer entlegenen Ecke des sowjetischen Testareals verlegt, den Geografen unter dem Namen Degelen kennen und viele Mitglieder der Atomgemeinde den »Plutoniumberg« nennen. Er heißt so, weil man das spaltbare Metall, das das Herzstück der meisten Atomwaffen bildet, nur hier und nirgendwo sonst auf der Welt fördern könnte, wenn man wollte. Das Plutonium ist allerdings nicht das Ergebnis geologischer Prozesse. Plutonium ist im Wesentlichen ein vom Menschen hergestelltes Element. Es existiert hier, weil sowjetische Atomingenieure fast drei Jahrzehnte lang, zwischen 1961 und 1989, in 181 in den Berg getriebenen Stollen Experimente durchführten.1
Viele davon waren gewöhnliche unterirdische Atomexplosionen, bei denen spaltbares Material verdampfte. Allerdings hatten die russischen Bombenbauer eine Vorliebe dafür, die Wirkung konventioneller Sprengstoffe auf Plutonium und dessen Verhalten in verschiedenen möglichen Kampfszenarien zu testen. Bei diesen Experimenten, häufig »Nebentests« genannt, verdampfte das Plutonium nicht und es wurde auch nicht zerstreut. Vielmehr blieben ganze Brocken davon in den Stollen zurück. Die Umweltfolgen sind daher alles andere als nebensächlich.
Derartige Experimente gab es nicht nur in der Sowjetunion. In der Anfangszeit gingen die USA in der Wüste von Nevada auf ganz ähnliche Weise vor. Die amerikanischen Forscher allerdings kamen bald zu dem Schluss, dass sie damit eine große Schweinerei anrichteten und dass dabei eine unvertretbare Menge Plutonium vernichtet würde. Daher gingen sie schon früh dazu über, derartige Experimente in kleinerem Maßstab und unter kontrollierten Bedingungen im Labor durchzuführen. Die sowjetischen Atomwissenschaftler und Waffeningenieure hatten solche Skrupel nicht. Fast drei Jahrzehnte lang war der Berg Degelen ihr Spielplatz. Als die Forscher 1991 nach dem Ende der Sowjetunion abzogen, ließen sie Hunderte Kilogramm waffenfähiges Plutonium in den Stollen zurück: eine wahre Fundgrube für jeden, der auf der Suche nach radioaktivem Material ist, um damit Unfug anzustellen.
Vorhang auf für Siegfried Hecker, einen der berühmtesten Atomwaffenforscher Amerikas und den früheren Direktor des National Laboratory in Los Alamos. Anfang der 1990er-Jahre – als Boris Jelzin im Kreml regierte und die ehemaligen Sowjetbehörden sich gegenüber technischen Beratern, Geldgebern und Wissenschaftlern aus den USA öffneten – wurde Hecker zur zentralen Figur eines Kraftakts der amerikanischen Nuklearinstitutionen, die sich vom sowjetischen Atomerbe ein Bild machen wollten.2
Hecker und die anderen Ermittler waren zum einen neugierig. Sie wollten herausfinden, was ihre Gegner während des fast fünfzig Jahre andauernden Kalten Krieges getrieben hatten. Außerdem wollten sie sicherstellen, dass es in Zukunft keine Unfälle mit der nuklearen Hardware der Sowjets gab. Vor allem aber wuchs ihre Sorge darüber, wer sich sonst noch für das spaltbare Material der Russen interessieren könnte. Sie wussten, dass Terroristen, Schurkenstaaten und einfache Kriminelle in den Weiten der früheren Sowjetunion auf eine wahre Wunderkammer strahlender Scheußlichkeiten stoßen könnten. Womöglich würden die Übeltäter außerdem bereitwillige Unterstützung von den Kadern der staatlichen Wissenschaftler und Techniker erhalten, die während der frühen Neunzigerjahre oft noch nicht einmal ihr Gehalt bekamen.
Durch den Zusammenbruch der Sicherheitssysteme im gesamten sowjetischen Netzwerk von Laboren, Testgeländen, Armeegerätelagern und Kraftwerken »war die Lage im russischen Nuklearkomplex der 1990er-Jahre so gefährlich wie nie zuvor in der Geschichte der Atomenergie«, schreibt Hecker in seinem Buch Doomed to Cooperate. Das Risiko eines Atomkriegs zwischen den Supermächten mochte zwar geringer geworden sein, »aber die Wahrscheinlichkeit eines Einsatzes von Atomwaffen irgendwo auf der Welt hatte zugenommen, weil es möglich wurde, Nuklearwaffen oder nukleares Material zu stehlen oder zur Seite zu schaffen«.3
1995 brachte seine Reise durch das unbekannte Sowjetsystem Hecker nach Kurtschatow, der eigens zum Unterhalt des Testgeländes errichteten Stadt, benannt nach dem Atompionier Igor Kurtschatow. Früher war sie fast ein zweites Las Vegas gewesen, nur ohne die Hotels. Mitten im Nirgendwo der ostkasachischen Steppe hatte man sie aus dem Nichts hochgezogen, und zu ihrer Blütezeit wohnten hier 40.000 Einwohner auf dem höchsten Lebensstandard, den das Sowjetsystem zu bieten hatte.
Als Hecker dort eintraf, herrschten andere Zeiten. Anstelle eines lebendigen Orts, bewohnt von den militärisch-industriellen Eliten der Sowjetunion, fand er eine Art Geisterstadt vor, mehr wie Mercury denn wie Las Vegas. Ein paar Tausend Einwohner waren noch da, die meisten angestellt beim Nationalen Nuklearzentrum von Kasachstan, einer damals neuen Behörde, die sich noch in ihre Rolle einfinden musste. Doch die Stadtränder waren zum großen Teil verwaist, und der grandiose Kulturpalast stand verlassen da. Aus der Villa, die einst Lawrenti Beria bewohnt hatte, Leiter der Atomwaffenproduktion unter Stalin, war kurioserweise eine russisch-orthodoxe Kirche geworden.
»Es war nichts zu hören als eine Herde Pferde, die am Stadtrand frei durch die Straßen lief, und zahllose Raben«, schreibt Hecker. Auch in der Steppe weiter südlich, wo sich das Polygon erstreckt, herrschte Stille. Die Straßen und Türme, Büros und Abschussrampen, die für Hunderte Atomwaffentests erbaut worden waren, lagen verlassen da. Am meisten aber erschreckte ihn der Berg Degelen.
Er hatte gehört, er sei schlecht gesichert, und die Menschen aus der Gegend würden darin nach Altmetall graben, das zum Teil bereits im benachbarten China aufgetaucht sei. Das allein war schon schlimm genug. Jedes Stück Schrott war potenziell mit Plutoniumpartikeln kontaminiert. Womöglich war manch einer sogar auf der Suche nach Plutonium, das sich verkaufen ließe. Was ihn jedoch überraschte, war das Ausmaß der Aktivitäten. »Ich hatte Kerle mit Kamelen erwartet, die Kupferkabel aus dem Boden ziehen«, schrieb er 1998 in einem Bericht. Stattdessen sah er »meilenlange Gräben, die nur mithilfe schwerer Baumaschinen angelegt worden sein konnten«. Auf dem ganzen Gelände wurde in industriellem Ausmaß nach Metallen gegraben.4
Durch den Wegfall der Arbeitsplätze auf dem Testgelände blieb den Einheimischen wenig anderes übrig, als den nuklearen Müll nach allem zu durchforsten, was sich verkaufen ließ. Da sie die Stollen ja selbst angelegt hatten, wussten sie ganz genau, wo etwas vergraben lag. Sie hatten sogar ein Vorbild. Der letzte russische Bürgermeister der Stadt Kurtschatow war 1993 wegen Plünderungen gefeuert worden.
Solche Plünderungen waren in den 1990er-Jahren weit verbreitet. Die Täter hatten sich an den zurückgelassenen sowjetischen Bergbaumaschinen bedient und trugen Waffen. Es ist nicht bekannt, dass Plünderer Plutonium aus dem Berg entnommen oder in ernstem Maß Kontaminationen erlitten hätten, aber niemand kann mit Sicherheit sagen, was diese Leute in den Jahren der Gesetzlosigkeit haben verschwinden lassen. Hecker schätzt, in dem Berg könnten 200 Kilogramm Plutonium liegen. Angesichts der offenen Tore und der Abwesenheit von Wachpersonal hätte man das Material »leicht aufsammeln können, [es war] für jeden leicht zugänglich«.
Kaischa Atachanowa, die Biologin und Umweltschützerin, erzählte mir 2005, wie Dorfbewohner, die sie kannte, regelmäßig Halden aufgruben, in denen die abziehenden Russen militärische Ausrüstung vergraben hatten. Sie fanden Flugzeuge und Panzer, die man während der Atomtests im Freien hatte stehen lassen, um herauszufinden, welche Schäden sie davontragen würden. Während ihrer Forschungen an Wildtieren »haben wir diese Halden regelmäßig aufgesucht, und dabei habe ich beobachtet, dass sie immer kleiner wurden«. Die Stollen im Berg Degelen waren ein bevorzugtes Ziel der Plünderer. »Mit der Hilfe der Amerikaner wurden die Eingänge zu den Stollen, in denen unterirdische Tests stattgefunden hatten, versperrt, aber die Leute vor Ort öffneten sie wieder, um an den wertvollen Schrott zu kommen.«5
Über zehn Jahre lang kämpfte Hecker unter nahezu vollständiger Geheimhaltung gegen das Misstrauen und die Verschwiegenheit, bis das 150-Millionen-Dollar-Projekt, den Plutoniumberg abzusichern, vollendet war. Es war eine anstrengende und manchmal gefährliche Aufgabe.
Mit einem Picknick vor Ort wurde im Oktober 2012 das Ende der Sanierungsarbeiten gefeiert. Nun sei alles sicher, die Stollen seien zubetoniert und das Sicherheitspersonal tue seinen Dienst, versicherte Sergej Lukaschenko, der neue kasachische Verantwortliche für die Sicherheit des Bergs, den Anwesenden. Sogar amerikanische Militärdrohnen standen ihm zur Verfügung, um Eindringlinge aufspüren zu können. Es sei immer noch Plutonium im Berg, ein Zugang jedoch nun »unmöglich«, sagte Lukaschenko.6 Das ist beruhigend. Doch Plutonium hat eine Halbwertszeit von Tausenden Jahren. Wie lange wird es Wachpersonal und Drohnen geben? Wie lange wird der Beton halten? Wird das Wissen um die Schätze im Berg das Pflichtbewusstsein der Wächter überdauern?
Womöglich ist es schon bald so weit. Nur Monate nach dem feierlichen Picknick berichtete das Belfer Center der Universität Harvard, ein kasachisches Vermessungsteam habe fünf weitere Areale in der Umgebung des Bergs gefunden, wo bislang unbekannte Experimente mit Plutonium stattgefunden hätten. Es gebe dort so viel Plutonium in ausreichend hoher Konzentration, dass ein großes Risiko der Proliferation bestehe. Das Center zitiert Byron Ristvet von der Defense Threat Reduction Agency, einer Dienststelle des Pentagon, wonach »an manchen Stellen […] jemand mit einem Kleinlaster und einer Schaufel schon genug [für eine Bombe] zusammenbekommen würde«. Anscheinend hat der Plutoniumberg noch nicht alle seine Geheimnisse offenbart.7
In den westlichen Ländern diskutieren die Behörden mit Umweltschützern, wie Atommüll, der Plutoniumspuren enthält, während der langen Zerfallsdauer sicher gelagert werden kann. Wie tief unter der Erde muss er liegen? Unter welchen geologischen Voraussetzungen? Welche Risiken bergen Erdbeben, steigende Meeresspiegel und der Klimawandel? Im Plutoniumberg hingegen liegt das Metall – von dem bereits ein bisschen Abrieb tödlich ist und eine Handvoll für eine Bombe ausreicht – brockenweise und nahe der Oberfläche herum, mit einer maroden Betondecke als einzigem Schutz. Kein schöner Gedanke.

Auf den früheren britischen Testgeländen in Südaustralien ist die Lage vermutlich kaum besser. Dort habe man »viel Schindluder getrieben«, schrieb Ian Anderson, mein Melbourner Kollege vom New Scientist, 1993 in einem Exklusivbericht: »Wie neue Anhaltspunkte nahelegen, wusste Großbritannien schon in den 1960er-Jahren, dass die radioaktive Belastung seines ehemaligen Testgebiets in Australien höher war als zuerst angenommen. Doch Australien wurde nicht informiert.« Mit Sicherheit nicht informiert wurden auch die Maralinga Tjarutja, das Aborigine-Volk, auf dessen 3.300 Quadratkilometer großem Gebiet die Tests durchgeführt wurden. Gleiches gilt aber auch, wie sich jetzt herausgestellt hatte, für die Regierung in Canberra.8
Damals noch britisches Hoheitsgebiet, hatte Australien Großbritannien während des Kalten Krieges bereitwillig bei der Entwicklung eigener Nuklearwaffen unterstützt. Es gestattete den Briten zuerst, Atombomben auf den unbewohnten Montebello-Inseln vor der australischen Nordwestküste zu testen, dann auf dem Gelände Emu Field im entlegenen Bundesstaat South Australia, und schließlich, nach 1957, im benachbarten Maralinga. Die örtlichen Aborigines bemerkten schon bald den Fallout. Sie nannten ihn puyu, »schwarzer Nebel«. 1953 gerieten etwa fünfundvierzig Aborigines nach einem Emu-Test in eine puyu-Wolke. Manche erlitten Hautverbrennungen, doch offenbar hat sich kein Wissenschaftler je um die Pressemeldungen gekümmert, die von etwa fünfzig Todesopfern berichteten.9 Bis heute ist nicht bekannt, was mit den Menschen dort geschah.
Neben den Bombentests führten die Briten auch Experimente mit Plutonium durch, ähnlich denen der Sowjets im Berg Degelen. Sie fanden zwar in kleinerem Maßstab statt, dafür aber an der frischen Luft und nicht in Stollen wie bei den Sowjets oder im Labor wie bei den Amerikanern. Dabei schossen, wie Anderson es ausdrückt, »Fontänen aus geschmolzenem Plutonium« durch die Luft. Bis heute hat kaum jemand auch nur davon gehört. Gleichwohl waren sie Auslöser der meisten Probleme, die Anderson in seinem Scoop für den New Scientist herausstellt. Während sich nämlich der Fallout der Bomben über ein großes Gebiet ausbreitete, hinterließen diese »kleineren Tests« toxisches Restmaterial in potenziell tödlicher Dosis, häufig als Anhaftung an militärischer Ausrüstung, die nach dem Ende der Experimente zurückgelassen wurde. Nach den fünfzehn »kleineren Tests«, die zwischen 1961 und ’63 unter dem Namen »Vixen B« durchgeführt wurden, blieben in der Gegend um Maralinga rund 23 Kilogramm Plutonium zurück. Angeblich wurden anschließend Säuberungsarbeiten durchgeführt. Man deponierte kontaminierte Ausrüstung in einundzwanzig Gruben, die mit Beton verschlossen wurden. Die britischen Waffenentwickler in Aldermaston gaben an, 90 Prozent des Plutoniums sei auf diese Weise entsorgt worden.10
Als aber 1984 die Regierung in Canberra das dekontaminierte Land dem Volk der Tjarutja zurückgeben wollte, wurde bei einer letzten Überprüfung überall Plutonium gefunden, vor allem an kontaminierter Ausrüstung, die nicht in einer der Gruben entsorgt worden war. Peter Burns vom Australian Radiation Laboratory schätzte damals, es sei das bis zu Zehnfache der von den Briten angegebenen Plutoniummenge am Boden verblieben – insgesamt rund drei Millionen Bruchstücke: »Man könnte sie einfach aufheben.« Wie der nach Burns’ Entdeckung von Australiern, Amerikanern und Briten gegründete technische Beratungsausschuss festhielt, könne angesichts der Halbwertszeit von Plutonium ein Kind, das irgendwann in den kommenden Jahrtausenden in dem kontaminierten Staub spielt, womöglich mehr als 460 Millisievert pro Jahr mit der Atemluft aufnehmen.11
Die Erkenntnisse wurden mehrere Jahre geheim gehalten, während offenbar die australische Regierung die Briten dazu überredete, eine zweite Säuberung zu bezahlen.12 1993, nachdem der Deal vereinbart worden war, wurden sie Anderson zugespielt.
Die zweite Säuberung begann 1995. Hunderttausende Tonnen kontaminierter Boden wurden abgetragen und in Gräben deponiert. Berichten zufolge wurde das Plutonium in den Gruben zusätzlich verglast, also durch elektrischen Strom in hartes, glasartiges Gestein verwandelt und so gebunden. Nach den 100 Millionen Dollar teuren Maßnahmen war die potenzielle Dosis, der das Kind in einer hypothetischen Zukunft ausgesetzt wäre, auf unter fünf Millisievert pro Jahr gesunken, was nicht viel höher ist als die weltweit durchschnittliche Umgebungsstrahlung.13
2014 gab man schließlich im Rahmen einer Zeremonie in Maralinga die letzten 1.800 Quadratkilometer Testareal an die Tjarutja zurück. Und für uns alle gibt es jetzt Besichtigungstouren mit dem Minibus. Doch selbst die letzte Säuberungsaktion war begrenzt. Am Rand eines 116 Quadratkilometer großen Gebiets warnen heute Schilder, hier lägen »Artefakte aus der Ära der Kernwaffentests, darunter leicht radioaktiv kontaminierte Gegenstände«.14 Innerhalb dieses Bereichs würde ein Kind der Zukunft 65 Millisievert pro Jahr erhalten, kommentierte verärgert Alan Parkinson, der Vorsitzender des ersten technischen Beratungsausschusses gewesen war und die zweite Säuberung gefordert hatte. Der jetzige Status sei eine »billige und widerliche Lösung, die man für das Land von Weißen nie akzeptieren würde«. Ein Teil des verbliebenen Plutoniums hat eine Halbwertszeit von 24.000 Jahren. Das sei, so Parkinson bissig, wahrscheinlich länger, als die schicken neuen Warnschilder halten werden.
Zweiter Teil
KALTER KRIEG – HEISSE TEILCHEN
Der Kalte Krieg war eine verstörende Zeit. Das Wettrüsten war in vollem Gang und das Risiko eines nuklearen Flächenbrands hoch. Alle lebten in Angst vor der »mutually assured destruction«, der wechselseitig zugesicherten Zerstörung, kurz MAD, wie sie der Film Doktor Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben 1964 satirisch aufs Korn nahm. Hinter den Kulissen wurde fieberhaft in hastig hochgezogenen Atomstädten das für die meisten Atomwaffen benötigte Plutonium hergestellt. Geradezu zwangsläufig musste es dabei zu Unfällen kommen. Innerhalb von nur vier Wochen erschütterten drei Großbrände und Explosionen die Plutoniumfabriken und Aufbereitungsanlagen der drei Atommächte USA, Sowjetunion und Großbritannien. Der Fallout dieser Unfälle beschäftigt die Atomwelt bis heute – vor allem im Schatten des Urals, wo Josef Stalins Antwort auf Hanford steht.
Kapitel 7
MAJAK: »UNTER ZEITDRUCK« IM SCHATTEN DES URALS
Als das Wettrüsten begann, inszenierten die Supermächte ein Versteckspiel um ihre Bombenfabriken. Während die USA ihre in den High Plains und an noch entlegeneren Orten außerhalb der Reichweite feindlicher Bomber errichteten, siedelte Stalins brutaler Scherge Lawrenti Beria seine in Atomgulags jenseits des Urals an. Die Bauarbeiten begannen 1946 in einem fernen Marschland, etwa eine Autostunde entfernt von Tscheljabinsk, der weit und breit einzigen Großstadt dieser dünn besiedelten Region an der südlichen Grenze Russlands. Praktischerweise waren es von dort nur rund 1.600 Eisenbahnkilometer quer durch die Steppe bis zum geplanten Kernwaffentestareal im kasachischen Semipalatinsk.
Wie die Briten und danach die meisten anderen Atommächte der Welt entschied sich auch Beria für Plutoniumbomben. Nach Nagasaki war klar, dass Plutonium im Vergleich zu Uran mehr Durchschlagskraft hatte und leichter herzustellen war. Berias Plutoniumstadt war ein Abbild von Hanford. In ihren Reaktoren wurde aus Uran Plutonium hergestellt, das durch chemische Wiederaufbereitung extrahiert werden konnte. Um das Ausland zu verwirren, kursierten verschiedene Bezeichnungen für den Standort der Anlage, darunter Kyschtym, Basis Nr. 10, Tscheljabinsk-40, Tscheljabinsk-65 und heute – für Fremde nach wie vor gesperrt, aber zumindest auf Karten eingezeichnet – Osjorsk. Bis heute hat die Stadt nur einen Hauptarbeitgeber, das Staatsunternehmen »Produktionsverbund Majak«. Bereits 1949 hatte es ausreichend Plutonium produziert, um die erste sowjetische Atomwaffe herstellen zu können, die im August desselben Jahres in Semipalatinsk gezündet wurde.
Der Preis dafür war jedoch hoch. Selbst nach damaligen Maßstäben war die Plutoniumanlage nur grob zusammengezimmert und ohne jede Rücksicht auf die Sicherheit der Arbeiter, ihrer Familien oder der umliegenden Natur gebaut. Unfälle waren an der Tagesordnung. Ständig gingen Behälter mit todbringender Plutoniumlösung verloren. Wehrpflichtige mussten ausgelaufenes radioaktives Material mit Lappen und Eimern aufputzen.1 Regelmäßig waren Arbeiter absurd hohen Strahlungsmengen ausgesetzt. Es gab wenigstens sieben Kritikalitätsunfälle, bei denen in ausgetretenem Plutonium kurzzeitig Kettenreaktionen abliefen, die tödliche Radioaktivität freisetzten.2
Das meiste, was wir darüber wissen, verdanken wir der Arbeit der russischen Kardiologin Mira Kosenko. Erst 1966 wurde sie beauftragt, sich ein Bild von den gesundheitlichen Folgen der Plutoniumfabrik zu machen. Es war ein Geheimauftrag. Sie erstattete ihren Vorgesetzten am Forschungszentrum für Strahlenmedizin in Tscheljabinsk Bericht über die horrenden Folgen der Strahlung, durfte aber mit den von ihr untersuchten Opfern nicht offen darüber reden. Um ihr Gewissen zu beruhigen, sammelte sie über die Jahre heimlich Zeugenaussagen über die früheren Arbeitsbedingungen in der Fabrik. Erst 1989 konnte sie von ihren Erkenntnissen frei berichten – zuerst nach einem Besuch am Radiobiologischen Forschungsinstitut der US-Armee, einer »Universität« des Pentagon in Bethesda, Maryland, und schließlich, als sie dauerhaft nach Kalifornien gezogen war.3
Wie sie enthüllte, waren die Fabrikarbeiter in ihrem Alltag regelmäßig Strahlungsmengen ausgesetzt, die alles, was von anderen Orten bekannt ist, übertrafen. Die Behörden wussten das durchaus, doch da es Produktionsziele zu erfüllen galt, wagten sie nicht, einzuschreiten. Besonders schlimm waren die Bedingungen in dem Schuppen, wo der abgebrannte Kernbrennstoff aus den Reaktoren »wiederaufbereitet« wurde, um das Plutonium zu extrahieren. Rund vierhundert Arbeiter haben dort erwiesenermaßen mehr Plutonium mit der Atemluft aufgenommen, als es von den schlimmsten Fällen unter amerikanischen Arbeitern bekannt ist.4
Laut den Informationen, die Angelina Guskowa, zu Anfang leitende Ärztin der Fabrik, zusammengetragen hat, starben bei einem Unfall drei Menschen, die einer Strahlung von 130.000 Millisievert ausgesetzt gewesen waren. Bei seiner alltäglichen Tätigkeit erhielt der Arbeiter Alexandr Aliew in sechs Monaten 6.700 Millisievert, was zu einem dramatischen Rückgang seiner Leukozytenzahl führte. Zwei Jahre später starb er an Leukämie. Ein anderer, Alexandrowitsch Karatygin, erhielt 10.000 Millisievert. Er überlebte die Strahlenkrankheit, aber beide Beine mussten ihm amputiert werden. »Damals konnte es passieren, dass ein Arbeiter an einem einzigen Arbeitstag einer Belastung von 250 Millisievert ausgesetzt war«, erfuhr Kosenko von Guskowa. Sie selbst und die anderen Ärzte der Stadt behandelten mindestens dreißig Arbeiter, die später an akuter Strahlenkrankheit starben, und hatten mit mehr als 1.500 Fällen von chronischer Strahlenkrankheit zu tun, einer auszehrenden Erkrankung, die sich nur an sehr wenigen Orten der Welt beobachten lässt. Allein 1952 gab es fünfhundert solcher Fälle. Und viele Arbeiter starben einen schleichenden Tod, der sich noch länger hinzog. Mit Stand 2003 hatten Ärzte insgesamt 239 Todesfälle infolge einer Krebserkrankung der Lunge, der Leber oder der Knochen auf die Wirkung von Plutonium zurückgeführt.5
Diese menschliche Tragödie ist eine wahre Fundgrube für Strahlenforscher. Die erfahrene amerikanische Epidemiologin Ethel Gilbert vom Nationalen Krebsinstitut der USA, die sich ausführlich mit der medizinischen Dokumentation von Majak beschäftigt hat, ist der Ansicht, die Geschichte seiner Opfer sei »die einzige verlässliche Datenquelle für eine Evaluation der Krebsrisiken aufgrund einer Strahlenexposition durch Plutonium«. Frauen waren in der Belegschaft von Majak etwa zu einem Viertel vertreten, und in den Bereichen, wo man mit Plutonium in Kontakt kam, war ihr Anteil noch höher. Gilbert zufolge litten sie am meisten.6

Ich bekam keine Erlaubnis, Osjorsk zu besuchen. Die Atommetropole mit rund 100.000 Einwohnern ist bis heute eine geschlossene Stadt, selbst für die meisten Russen. Also mietete ich mir ein Hotelzimmer in Tscheljabinsk, dem Oberzentrum der Region, und verabredete mich dort mit Sergej Romanow, dem weltgewandten und Schach spielenden Direktor des Instituts für Biophysik Süd-Ural, das seinen Sitz in Osjorsk hat. Seit 1952 dokumentiert das Institut den Gesundheitszustand der Arbeiterschaft von Majak. »An keinem anderen Ort der Welt ist die Strahlenbelastung je so hoch gewesen«, gestand er ein. »Bis 1955 arbeiteten sogar Schwangere in der Plutoniumproduktion.« Die Frauen, die er »die Plutonium-Mädchen« nannte, erkrankten an Leber- und Knochenkrebs. Männer »starben zu Hunderten an Lungenkrebs […] Die Leukämierate war um das Sechsfache erhöht.« Wie er mir erzählte, sind Hunderte von Arbeitern an einer Erkrankung gestorben, die Ärzte als Tuberkulose diagnostizierten, bei der es sich wohl aber um die sogenannte Plutonium-Pneumosklerose gehandelt hat, eine Wucherung des Lungen-Bindegewebes, ausgelöst durch Plutoniumstaub.7 Diese Todesfälle seien zu den offiziellen Zahlen hinzuzurechnen.
Der Produktionsverbund Majak, der die Fabrik von Anfang an leitete, hatte also so einiges zu verantworten. Als Nächstes besuchte mich Juri Mokrow, der langjährige Berater für Forschung und Ökologie des Unternehmens, in meinem Hotelzimmer. Er war überraschend fröhlich und zeigte keine Scham, als er mir zu erklären versuchte, was in den Anfangstagen schiefgelaufen sei. »Alle standen dort sehr unter Zeitdruck und es fehlte an technischem Fachwissen. Das Umland wurde stark verseucht«, sagte er. Außerdem habe man versucht, die Bomben anhand der Blaupausen für die US-Anlage zu bauen, die der britische Atomspion Klaus Fuchs geliefert hatte, fügte er auf entwaffnende Art hinzu. Das Problem sei gewesen, dass man weder das nötige technische Know-how noch das sicherheitstechnische Fachwissen besaß, diese Pläne auch umzusetzen. Vieles musste daher im laufenden Prozess improvisiert werden. Diese Mischung aus Unwissenheit und Ungeduld war tödlich.
Eigentlich hätten die Uranbrennstäbe aus dem Reaktor, ehe man Plutonium aus ihnen gewann, sechs Monate in Abklingbecken gelagert werden müssen. So hätten die gefährlichsten radioaktiven Isotope, größtenteils mit Halbwertszeiten im Rahmen von Tagen oder Wochen, zerfallen können. Stattdessen ordneten die Leiter von Majak an, dass die Brennstäbe sofort in die Wiederaufbereitung kamen. »Manchmal fiel ein Brennstab im Reaktorgebäude auf den Boden und zerbrach«, sagte Romanow. »Sie waren hoch radioaktiv. Aber die Arbeiter nahmen einfach eine Schaufel und kehrten die Bruchstücke auf.« Aufgrund der schlechten Planung wurden Abwässer aus der Wiederaufbereitungsanlage, die »große Mengen kurzlebiger Radionukleide« enthielten, durch unabgeschirmte Rohrleitungen an den Arbeitsplätzen vieler Beschäftigter vorbei zu den Lagertanks geleitet.
Diese radioaktiven Flüssigkeiten, die bei der Plutoniumaufbereitung in großen Mengen anfallen, waren es auch, die 1957 zu einer Explosion in der Fabrik führten. Dabei entstand der radioaktive Fallout, der in der Umgebung zu Boden sank, was zu der Einrichtung des weltweit ersten Sperrgebiets aufgrund eines Atomunfalls führte. Sechzig Jahre später beginnt dieses Buch mit meinem Besuch in dieser Zone.
Die bei der Wiederaufbereitung entstehenden Flüssigkeiten gehören zu den gefährlichsten Abfallstoffen der Kerntechnik. Durch ihre extrem hohe Radioaktivität erzeugen sie eine große Wärme. Damals wusste man zudem überhaupt noch nicht, wie man damit umgehen sollte. Mangels einer besseren Lösung wurden sie in riesigen Edelstahltanks in der Nähe der Wiederaufbereitungsanlage gesammelt. 1957 reihten sich bereits zwanzig dieser Tanks, jeder von der Größe eines durchschnittlichen Klassenzimmers, in einem riesigen unterirdischen Betonbunker. Die von ihnen ausgehende Hitze war so groß, dass ein Überkochen nur durch konstant in den Zwischenräumen und den Bunkermauern zirkulierendes Kühlwasser verhindert werden konnte.
An einem Sonntagnachmittag im September 1957 bemerkten Techniker, dass gelber Rauch aus dem Bunker austrat. Sie vermuteten einen Defekt in der Stromversorgung, fanden aber nichts. Ehe sie entschieden hatten, was zu tun war, gab es eine enorme Explosion. »Tank Nr. 14 wurde völlig zerstört«, sagte Mokrow. Die Sprengkraft sei so groß gewesen, dass die neunzig Zentimeter starke und 1.700 Tonnen schwere Betondecke des Tanks weggesprengt und etwa 25 Meter in die Luft geschleudert wurde. »Wir schätzen, dass die Explosion etwa eine Sprengkraft von 70 Tonnen TNT hatte.«8
Mit Elektrizität hatte das Problem nichts zu tun. Vielmehr war aus unbekanntem Grund die Wasserversorgung des Kühlkreislaufs von Tank Nr. 14 unterbrochen worden. Die Flüssigkeiten im Tank waren rasch verkocht, sodass nur Sedimente zurückgeblieben und wie Schießpulver explodiert waren.9 Der größte Teil des hochgeschleuderten radioaktiven Materials mit einer Aktivität von 20 Millionen Curie regnete gleich wieder als tödlicher schwarzer Schnee auf die umliegenden Straßen herab. Aus dem Rest (mit einer Aktivität von etwa zwei Millionen Curie) bildete sich eine Wolke, die der böige Wind aufs offene Land nordöstlich der Stadt hinauswehte, wo auch das Dorf liegt, das ich später besuchte: Satlykowo.
Einen Notfallplan gab es nicht, und die Arbeiter, die in den radioaktiven Fallout geraten waren, hatten keine Möglichkeit, sich zu dekontaminieren. Es war Wochenende, und es dauerte einige Zeit, bis Michail Demjanowitsch, der Direktor der Anlage, bei einer Zirkusvorstellung in Moskau ausfindig gemacht wurde. Erst am frühen Morgen des folgenden Tages ordnete er die Evakuierung der unmittelbaren Umgebung des Tanks an. Doch noch während die Wissenschaftler von Majak und die leitenden Maschinisten das Gelände verließen, wurden rund 20.000 wehrpflichtige Soldaten und Gefangene aus einem Arbeitslager in der Nähe herbeigekarrt, um die großflächig kontaminierte Umgebung zu säubern.10
In den folgenden Tagen vergruben diese Arbeiter, die sogenannten Liquidatoren, den radioaktiven Schutt überall im Stadtgebiet in Gräben und versenkten die Überreste des explodierten Tanks Nr. 14 in einem nahe gelegenen Sumpf.11 Es war eine todbringende Arbeit. Wie Mokrow erklärte, erhielten viele Liquidatoren eine Strahlendosis von 1.200 Millisievert – ein Wert weit über der offiziellen Obergrenze, der höchstwahrscheinlich zu Strahlenkrankheit geführt hat.12 Während jedoch der Gesundheitszustand der festen Arbeitskräfte von Osjorsk in Romanows Institut genau überwacht wurde, hat sich bis heute niemand um den Zustand der eingezogenen Liquidatoren gekümmert.13 Als ihre Aufgabe erledigt war, wurden sie zurück in ihre Gulags und Kasernen gebracht und vergessen. Die Leiter der Anlage Majak hatten Order, die Bombenproduktion so schnell wie möglich wieder anlaufen zu lassen. Zwei Monate später standen die neuen Tanks, und das Kühlsystem war instand gesetzt. Die Aufbereitung des Plutoniums lief wieder an.
Auch sechzig Jahre danach wird weiter produziert. Ich durfte es nicht sehen, doch Mokrow zufolge ist die Stelle, an der früher Tank Nr. 14 stand, mit Beton aufgefüllt. »Die radioaktive Kontamination und die hohen Dosisleistungen an manchen Stellen in der Anlage bestehen bis heute«, erzählte er mir. »Aber wir planen, den Komplex vor 2030 stillzulegen.« Na, dann ist es ja gut …

Der Kyschtym-Unfall war die bis dato schlimmste Atomkatastrophe. Der Fallout bildete eine schmale, lang gezogene Wolke, die sich Hunderte Kilometer weit Richtung Nordosten erstreckte. Einige Tage später fiel den Leitern von Majak ein, dass die Dörfer in der näheren Umgebung des Explosionsorts womöglich nicht mehr bewohnbar waren. Daher rückten eine Woche nach dem Unfall Soldaten in den drei nächsten in Windrichtung gelegenen Dörfer ein – Satlykowo, Berdjanisch und Galikajewo – und ordneten ihre sofortige Evakuierung an: keine Fragen, alle raus. Dabei musste alles zurückgelassen werden, auch die Kleider. »Der Vorteil des Sowjetsystems war, dass wir bei dringendem Handlungsbedarf schnell agieren konnten«, sagte mir Mokrow mit einem schmalen Lächeln. »Leider konnten wir die Bevölkerung nicht über die Gründe der Umsiedlung informieren. Darum hatten sie Angst.«
Den Bewohnern der etwas weiter entfernten Dörfer wurde zunächst noch gestattet, in ihren Häusern zu bleiben, aber ihnen wurde mitgeteilt, sie dürften die diesjährigen Erträge ihrer Felder und Gärten, die bereits gut herangereift waren, ehe die Wolke kam, nicht verzehren. Die Dorfbewohner bekamen den Befehl, die Feldfrüchte auszugraben und alles in Gruben zu werfen.14 Als im Mai des darauffolgenden Jahres immer noch erhöhte Strahlungswerte gemessen wurden, beschlossen die Leiter der Anlage, vier weitere Dörfer evakuieren zu lassen. Noch ein Jahr später wurden Tausende irritierte Menschen aus siebzehn weiteren Dörfern fortgebracht. Schließlich ließ Majak eine zehn Kilometer breite verbotene Zone, die sich über mehr als 112 Kilometer Länge erstreckte und das am schlimmsten vom Fallout betroffene Land umfasste, als »Naturschutzgebiet« einzäunen. Selbst über 320 Kilometer entferntes Land wurde für die Agrarnutzung als ungeeignet erklärt oder tiefgepflügt, um das radioaktive Material unter die Erde zu bringen.
Die Öffentlichkeit wurde nicht darüber informiert, dass sich im Ural eine Katastrophe ereignet hatte. Auch den Evakuierten wurde nicht erklärt, warum sie gehen mussten. Westliche Geheimdienste hingegen bekamen offenbar Wind davon, dass etwas passiert war. 1958 berichtete eine dänische Zeitung von Gerüchten über eine nukleare Explosion im Ural und bezog sich dabei auf »diplomatische Quellen«. Später fiel westlichen Geografen auf, dass mehrere Dörfer auf mysteriöse Weise von den offiziellen russischen Karten verschwunden waren. Etwa zur gleichen Zeit stießen Forscher in medizinischer Fachliteratur aus Russland vermehrt auf Ergebnisse aus »Studien« über die Wirkung von radioaktiver Strahlung, die anscheinend entweder auf einem äußerst umfangreichen Experiment oder, was wahrscheinlicher war, auf einem tatsächlichen Unfall beruhten.
Erst 1976 kam alles ans Tageslicht und das nur aus Versehen. Der vier Jahre zuvor aus der Sowjetunion ausgebürgerte Biologe Schores Medwedew verfasste für die Zeitschrift New Scientist, für die ich arbeite, einen Artikel über die aktuelle Lage der Wissenschaft in der Sowjetunion.15 Gegen Ende des Textes erwähnte er beiläufig eine »tragische Katastrophe« im Ural, bei der eine »Explosion radioaktives Material hoch in den Himmel beförderte«. Die Geschichte ging um die ganze Welt. Später sagte Medwedew, er sei davon ausgegangen, der Westen wüsste längst darüber Bescheid. Eigentlich hätte er wissen müssen, dass alles, was mit Atomwaffen und -energie zu tun hatte, im Westen fast genauso streng geheim gehalten wurde wie auf seiner Seite des Eisernen Vorhangs. Medwedews Schilderungen stützten sich auf Erinnerungen von Liquidatoren und stellten sich in einer ganzen Reihe von Details als falsch heraus. Er gab an, die Explosion habe 1958 stattgefunden, nicht 1957, und zwar in einer Mülldeponie einige Hundert Kilometer von Osjorsk entfernt. Auch seine Angabe, unmittelbar nach dem Unfall seien »Hunderte gestorben«, war womöglich weit von der Wahrheit entfernt. Wegen solcher Ungenauigkeiten konnten die Atomchefs des Westens die Geschichte leicht als »reine Science-Fiction« abtun.
Schließlich gelang es amerikanischen Forschern, die zwischen den Zeilen der sowjetischen Fachliteratur gelesen hatten, sich ein grobes Bild davon zu machen, was passiert sein musste.16 Die russische Bevölkerung jedoch wurde zuletzt informiert. Ehe die Sowjetunion 1991 zusammenbrach und die Archive geöffnet wurden, hatten sie von nichts gewusst. Könnte es jetzt, da sie die Wahrheit kennen und nicht mehr unter dem alten Sowjetregime leben, den Dorfbewohnern nicht gestattet werden, ihr Land wieder zu besiedeln? Wären sie außer Gefahr?
Meine Führer vom Produktionsverbund Majak hatten auf unserer Reise nach Satlykowo einen Geigerzähler dabei. Mit rund drei Millisievert pro Jahr lag der in der Luft gemessene Wert nur wenig über dem der natürlichen Umgebungsstrahlung. Sie rieten mir, einen weißen Schutzanzug, Stiefel und einen Hut zu tragen, wenn wir ausstiegen, aber nur gegen die Enzephalitis übertragenden Zecken. Doch im Boden und in der Vegetation sowie im See hinter den überwucherten Feldern des verlassenen Dorfs lauerte radioaktive Strahlung.
Da die eher kurzlebigen aggressiveren Isotope, die bei dem Unfall freigesetzt wurden, heute zum größten Teil zerfallen sind, ging in und um Satlykowo die größte Gefahr von Cäsium-137 aus. Es hat eine Halbwertszeit von rund dreißig Jahren, und daher waren drei Viertel der Menge bereits zerfallen. »Eine signifikante Dosis bekommt man hier nur ab, wenn man große Mengen Beeren, Pilze oder Fisch aus dem See verzehrt«, sagte einer meiner Führer, Oleg Tarasow, der junge Forschungsleiter des Naturschutzgebiets. Diese Nahrungsmittel nehmen radioaktive Stoffe aus der Umgebung auf und lagern sie im Gewebe ein, wie er erklärte, als wir das zugeschüttete Dorf verließen und durch das hohe Gras wateten, wo früher die Dorfbewohner ihr Vieh geweidet hatten.
Das Paradoxe war, dass die Natur aller Radioaktivität zum Trotz in Abwesenheit des Menschen offenbar prächtig gedieh. In dem eingezäunten Gebiet lebten laut Tarasow mehr als zweihundert Vogelarten, darunter Adler und Falken. Er hatte 455 Pflanzenspezies gezählt, darunter die in dieser Region so seltenen Frauenschuh-Orchideen. »Hier herrscht eine größere Biodiversität als in anderen Naturschutzgebieten des Urals«, sagte er. »Die Tiere begreifen, dass sie hier nicht gejagt werden, und sie vermehren sich hier besser als anderswo.« Eine Ausnahme bilden offenbar kleine Säugetiere wie Maulwürfe und Wühlmäuse, die zum großen Teil in der Erde leben. »Sie sind viel höheren Strahlendosen ausgesetzt und daher stärker betroffen.« Für die Übrigen aber ist die Strahlung die geringste Sorge.
Aufgrund der im Boden schlummernden Radioaktivität werde das Verbot einer Wiederbesiedlung wahrscheinlich noch mindestens hundert Jahre aufrechterhalten, sagte Mokrow. Zutritt zu dem Naturschutzgebiet haben nur die Wissenschaftler, die dort die Tier- und Pflanzenwelt erforschen, und die Feuerwehrleute, die Brandschneisen instand halten, um die Gefahr großer Feuer zu bannen, durch die womöglich eine neue radioaktive Wolke entstünde. Doch die Wissenschaftler selbst machten einen ziemlich unbesorgten Eindruck, selbst was ihre Familien anbelangte.
Ein paar Hundert Meter vom Zugangstor zu dem radioaktiv belasteten Schutzgebiet stand ein einzelnes noch bewohntes Haus. Wir hatten dort gemeinsam gepicknickt, ehe wir das verbotene Areal betreten hatten. Bei unserer Rückkehr erzählte mir Tarasow, in dem Haus habe früher der berühmte russische Umweltforscher Gennadij Romanow gelebt. Es sei ihm nach dem Unfall als Basisstation für seine Forschungen zugeteilt worden. Seine Witwe wohnte immer noch dort und genoss das ruhige Leben auf dem Land. Als wir wieder vorbeikamen, begrüßte sie uns. Und wie sich schnell herausstellte, gehörte sie zu Tarasows Verwandtschaft. Sie war seine Schwiegermutter. Für Tarasows Familie, darunter sein kleiner Sohn, war dieser Ort ein Zuhause.
Ich war verblüfft. Wie konnte jemand zulassen, dass seine eigenen Kinder sich hier aufhielten, nur ein paar Meter von dem Gebiet entfernt, das er selbst als zu gefährlich für die Rückkehr der Dorfbewohner erachtete? Tarasow schien unbeeindruckt. »Was radioaktive Strahlung angeht, ist es hier recht sicher, trotz der nahen Sperrzone«, sagte er mit Nachdruck. »Das Obst und Gemüse aus dem Garten hat keine erhöhten Strahlenwerte. Und auch nicht die Pilze und Beeren aus dem Wald rings um das Haus. Man kann sie ohne Einschränkung essen. Unser Labor hat das bestätigt.« Er hatte keine Angst um seinen Sohn. Solange er außerhalb der eigentlichen Sperrzone bliebe, sei er in Sicherheit.
Als wir uns wieder nach Tscheljabinsk aufmachen wollten, sagte er, er wolle über Nacht bleiben. Er winkte uns zum Abschied und kuschelte mit seinem Sohn, der sich hier wie zu Hause fühlte. Ich wusste nicht recht, ob ich beruhigt oder entsetzt sein sollte.
Pulsuz fraqment bitdi.