Kitabı oxu: «Der Weltenschreiber»

Şrift:

Heike Schwender, Frederik Offen

Der Weltenschreiber

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Zum Geleit

Prolog

Erster Teil - Paris

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Zweiter Teil - Bücherwelt

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Dritter Teil - Bücherwelt

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Ende

Epilog

Übersetzung 1

Übersetzung 2

Karte

Danke

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Impressum neobooks

Zum Geleit

Sie sind der Sinn meines Lebens.

Meines Handelns.

Mein Vermächtnis.

Nur durch sie lebe ich.

Sie sind meine Verbündeten.

Meine Freunde,

die mir die Seele entlasten.

Ich brauche sie.

Die Worte.

Alfred, Weltenschreiber

Prolog

Paris

1982

Alles begann mit einem Buch.

Von außen erschien es ihm klein, alt und farblos. Der dunkle Ledereinband wies bereits deutliche Gebrauchsspuren auf und ein paar der darin liegenden Seiten schienen sich vom Leim gelöst zu haben und lugten unter dem Einband hervor. Sie waren an manchen Stellen eingerissen und hatten sich gelblich verfärbt. Das ganze Buch wirkte so … unscheinbar. Zumindest so lange man es von außen betrachtete. Ein Buch unter vielen in einem Antiquariat, das selbst schon bessere Zeiten gesehen hatte. Doch Monsieur Dupoit ließ sich nicht beirren. Die äußere Hülle, das Erscheinungsbild – er wusste, dass dies alles nur Fassade war. Eine äußerst clevere Art und Weise, nicht aufzufallen und weiterhin unbeachtet in dem hölzernen Regal in der hintersten Ecke des düsteren Verkaufsraums stehen zu bleiben. Wirklich, sehr clever.

Monsieur Dupoit lächelte. Er wusste es besser. Monatelang hatte er in Bibliotheken Nachschlagewerke gewälzt und die Untiefen zahlloser privater Büchersammlungen erkundet. Beim Stadtarchiv kannten sie ihn inzwischen beim Namen. Der Einband des schwarzen Notizbuchs, das in Monsieur Dupoits linker hinterer Hosentasche steckte, war vom ständigen Gebrauch fettig und quoll über vor losen Blättern, auf denen er seine zahllosen Theorien sowie historischen und literarischen Verweise verewigt hatte. Er hatte sich in seiner Wohnung regelrecht vergraben. Zeitungsstapel und Bücher, die er aus Bibliotheken ausgeliehen und dann vergessen hatte, bedeckten sämtliche Möbel und den Boden. Angefangen hatte es mit dem Schreibtisch, aber der war schnell zu klein geworden für all die Nachforschungen, die er betrieb. Heute wusste er schon gar nicht mehr, unter welchen Bücher- und Papierstapeln der Tisch überhaupt stand. Als nächstes hatten dann alle weiteren Ablageflächen in seiner Wohnung dran glauben müssen. Küchen- und Esstisch, die Kommode im Flur, der Schrank im Wohnzimmer und schließlich Stühle und die grüne fleckige Couch. Hatte er nicht auch irgendwann einmal ein Klavier besessen? War das nur im Papierchaos untergegangen oder hatte er es versetzen müssen, um Geld für seine Nachforschungen aufzutreiben?

Marie, seine Frau, hatte anfangs noch über sein liebenswertes Chaos gelächelt und stillschweigend versucht, wenigstens ein Mindestmaß an Ordnung aufrechtzuerhalten. Aber aus dem Lächeln war irgendwann ein gequälter Gesichtsausdruck geworden, schließlich ein Stirnrunzeln und dann war Marie mitsamt ihrem Gesichtsausdruck und ihrer beider Tochter aus der gemeinsamen Wohnung verschwunden und hatte ihn alleine zurückgelassen. Er konnte es ihr nicht verdenken. Vor allem da er ihren Auszug erst nach einigen Tagen bemerkte, dann nämlich, als er endlich realisierte, dass er keine Mahlzeiten mehr vorgesetzt bekam und beißender Hunger bereits seinen Verstand vernebelte. Er ernährte sich anschließend von Kaffee, Zigaretten und belegten Baguettes. Den Schritt aus der Tür, um zu dem kleinen Lebensmittelladen an der Ecke zu gehen, tat er immer dann, wenn er sich daran erinnerte, dass es solch ein Gefühl wie Hunger in der Realität, aus der er sich inzwischen meilenweit entfernt hatte, immer noch gab.

Und nun war er hier. Er hatte sein Ziel erreicht. Monsieur Dupoits Lächeln vertiefte sich. Ein letztes Mal holte er sein Notizbuch hervor, um es zu konsultieren. Er las die letzten paar Zeilen, die er geschrieben hatte – mit euphorischer Hand und dick unterstrichen. Anschließend fand das Buch wieder Platz in der bereits unförmig verbeulten hinteren Hosentasche. Die paar losen Seiten, die beim Wegstecken auf den Dielenboden flatterten, bemerkte Henri Dupoit in seiner Aufregung nicht. Dies war sein Augenblick. Sein Ruhm. Sein Vermächtnis.

Langsam streckte Monsieur Dupoit eine zitternde Hand nach dem Buch aus. Da war es. Unter seinen Fingern konnte er jede Unregelmäßigkeit des dunkelbraunen Ledereinbands spüren. Fast liebevoll glitten sie sanft über die zerfurchte Oberfläche, die ihm auf seltsame Weise vertraut vorkam. Dann wurde sein Griff fester. Monsieur Dupoit schickte sich an, das Werk aus seinem langen Dornröschenschlaf zu erlösen und das Buch aus dem Regal zu ziehen. In diesem Moment verschwand er.

Erster Teil - Paris

2012

Kapitel 1

Das durchdringende Klingeln des Telefons riss sie aus ihren Gedanken. Oder aus ihrem Schlaf? Sarah war sich nicht sicher. Ihr Kopf fühlte sich schwer an. Ob das in ihm aufgestaute Wissen daran schuld war? Die Biographie, die sie sich am vorherigen Tag zu Gemüte geführt hatte, war nicht unbedingt das gewesen, was sie als leicht verdauliche Kost bezeichnen würde. Andererseits konnte natürlich auch die Flasche Rotwein an ihrem vernebelten Verstand schuld sein. War es wirklich nur eine Flasche gewesen? Fast kam es ihr so vor, als hätte sie eine zweite geöffnet...

Das Läuten des Telefons verstummte und Sarah seufzte erleichtert auf. Wohlig ließ sie sich in die Kissen zurückfallen und begann, in einen neuen Traum abzudriften. In dem Traum klingelte das Telefon. Sarah fuhr zusammen. Nicht schon wieder! Wieso ließ man sie nicht einfach in Ruhe schlafen? Es konnte doch noch nicht so spät am Tag sein, oder? Sarah stellte insgeheim fest, dass sie im Laufe der letzten Tage – oder Wochen? – jegliches Zeitgefühl verloren hatte. Sie öffnete mühsam ihre Augen und wurde mit einem grellen Licht belohnt, das es ohne Zweifel darauf abgesehen hatte, ihr für immer das Augenlicht zu rauben. Rasch ließ sie ihre Lider wieder zufallen und fühlte Erleichterung, als sie sich erneut der friedlichen Dunkelheit anvertrauen konnte. Wenigstens wusste sie jetzt, dass es in der Welt dort draußen Tag war.

Das nervtötende Klingeln des Telefons verstummte abermals, doch mit Sarahs innerer Ruhe war es vorbei. Nun lag sie angespannt im Bett und wartete nur darauf, dass das Läuten ein drittes Mal begann. Lange dauerte es nicht, dann erklang der rhythmische grelle Ton, der ihre Nackenhaare zu einem zitternden Tanz veranlasste, erneut. Sarah biss die Zähne zusammen. Das war es also mit ihrem Schlaf! Sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass sich dieser Anrufer nicht zufrieden geben würde, bis sie ihm persönlich gesagt hatte, was sie von dieser penetranten Störung und unerwünschten Einmischung in ihr gewohntes Einsiedlerdasein hielt.

Mit einem leichten Stöhnen richtete sich Sarah auf, strich sich ungeduldig die langen braunen Haare aus dem Gesicht und versuchte ihr Glück ein weiteres Mal mit dem grellen Licht, das durch ihr unverhülltes Schlafzimmerfenster drang. So viel Licht ... wie lange war es her, dass sie so viel Licht gesehen hatte? Wann war sie überhaupt das letzte Mal dort draußen gewesen? Nur gut, dass sie nun immerhin wusste, worauf sie sich einzustellen hatte. Sie war vorgewarnt. Und so schaffte sie es auch, die Augen einen Spalt breit zu öffnen. Diese Welt dort draußen war wirklich anstrengend; stellte ständig Ansprüche an sie und setzte sie Zwängen aus, die sie sich geschworen hatte, nicht weiter zu befolgen. Sarah runzelte missmutig die Stirn.

»Zu viel negative Energie am Morgen!«, entschied sie insgeheim. Jetzt brauchte sie erst einmal dieses verflixte Telefon!

Sie stolperte durch ihr Schlafzimmer, stieg vorsichtig über aufgeschlagene und durcheinander geworfene Bücher und betrat den Flur ihrer kleinen Wohnung. Dort, auf dem Tischchen neben der Garderobe, stand das Telefon. Zumindest stand es normalerweise dort. Jetzt allerdings war auf dem Tischchen nur ein weiterer Bücherstapel immerhin recht ordentlich drapiert. Sarah starrte ihn einen Augenblick lang verwirrt an. Dann registrierte sie etwas. Waren das die Memoiren von Lizzy Körner, die sie schon so lange gesucht hatte? Irgendetwas hatte sie darin nachschlagen wollen. Was war das noch gleich gewesen? Das durchdringende Läuten des Telefons, nein, der Basisstation, die auf dem Boden hinter dem Tischchen stand, riss sie aus ihren abschweifenden Gedanken. Wo zum Teufel war nur der dazugehörige Telefonhörer?

Sarah hielt einen Moment lang inne und versuchte sich daran zu erinnern, wann sie das Telefon zuletzt gebraucht hatte. Die Vermutung lag nahe, dass sie damit eine Pizza oder irgendein Nudelgericht bestellt hatte. Vielleicht auch asiatisch? Wieder ertappte sie ihre Gedanken dabei, wie sie sich verselbständigten und sich eigene, unabhängige Wege suchten. In ihrem Verstand musste es genauso chaotisch aussehen, wie in ihrer kleinen Mansardenwohnung. Seufzend schüttelte Sarah den Kopf. So kam sie nicht weiter. Stattdessen würde sie den Telefonhörer eben auf die altmodische Art suchen – nach dem Gehör und ohne dabei ihr Gehirn unnötig zu beanspruchen.

Sie wandte sich in dem kleinen Flur nach links und verhielt kurz vor der Tür zum Badezimmer. Alles ruhig. Dann blieben das Wohnzimmer und die Küche. Falls sie den Hörer tatsächlich im Wohnzimmer suchen musste, würde sich das überaus schwierig gestalten. Das Wohnzimmer war der Raum, in dem dieses ganze Chaos seinen Anfang genommen hatte. Dementsprechend sah es dort am Schlimmsten aus. Die gestapelten Bücher waren ein Anblick, den man in der ganzen Wohnung genießen konnte. Aber hier kamen noch scheinbar sinnlos durcheinander geworfene Zeitungen hinzu. Zwischen denen wiederum lagen handbeschriebene, lose Notizzettel. Sarah überlegte angestrengt. Hatte sie nicht auch einmal ein Notizbuch besessen? Sie erinnerte sich vage daran, dass ihr das Buch irgendwann zu klein geworden war und sie in ihrer Eile, verschiedene Dinge schriftlich festzuhalten, damit begonnen hatte, einfach Blätter aus einem Block herauszureißen und ihre Notizen darauf festzuhalten. Allerdings waren diese losen Zettel nun in der gesamten Wohnung verteilt und sie würde Tage brauchen, sie alle wieder einzusammeln und entsprechend der Reihenfolge ihrer Nachforschungen anzuordnen.

Sarah schüttelte grinsend den Kopf. Sie war wirklich der chaotischste Mensch, den sie kannte! Ihr Blick glitt über leere bis halbvolle Kaffeetassen und blieb an diversen Pizzakartons hängen.

»Ich muss unbedingt ein bisschen Ordnung in dieses Durcheinander bringen!«, dachte sie nicht zum ersten Mal.

Es war nicht so, dass sie sich nicht nach einem aufgeräumten Wohnzimmer sehnte. Nach einem Wohnzimmer, in dem man sich die gemütliche Couch nicht mit diversem Schreib- und Papierkram teilen musste – immer vorausgesetzt, man fand das Sitzmöbel unter dem ganzen Durcheinander überhaupt! Aber Sarah wusste auch, dass sie in der näheren Zukunft nicht zum Aufräumen kommen würde. Stattdessen käme es irgendeinem wichtigen Buch genau in einem solch seltenen Moment der Arbeitswut und Motivation in den Sinn, ihr in die Hände zu fallen. Dieses Buch würde ihr dann weismachen, dass es genau das eine wäre, auf das sie die ganze Zeit gewartet hatte und das ihr die finalen Erkenntnisse liefern würde, die sie so unbedingt brauchte und schon so lange suchte! Das Buch würde sie auf die Art und Weise für einige Zeit so sehr fesseln, dass sie alles andere darüber vergaß. Anschließend würde sie genau im falschen Moment das nächste Buch finden, und das nächste ... Aber ihre Nachforschungen waren es doch auch wert, alles andere darüber zu vergessen! Oder? In letzter Zeit allerdings waren ihr Zweifel an dieser Ansicht gekommen. Immer häufiger meldeten sie sich zu Wort und es fiel Sarah zunehmend schwerer, sie wieder verstummen zu lassen.

Die junge Frau riss sich von diesen Gedanken los. Gott sei Dank entschloss sich das Telefon just in diesem Augenblick zu einem vierten Klingelmarathon und nahm ihr damit die Möglichkeit, im ewigen Kreislauf des Zweifelns und Mutfassens zu versinken. Für heute war sie gerettet. Und noch etwas Positives konnte sie feststellen. Das Klingeln des Telefonhörers kam eindeutig nicht aus ihrem Wohnzimmer. Demnach blieb nur noch die Küche.

Sie wandte sich zur letzten Tür und öffnete sie vorsichtig. Erleichtert stellte sie fest, dass das Chaos vor ihrer Küche zwar nicht Halt gemacht hatte, aber doch weit weniger ausgeprägt war als im Rest der Wohnung. Und das Klingeln wurde lauter. Sarah atmete hörbar auf, als sie den Hörer auf ihrem Kühlschrank liegen sah, neben einem Teller, dessen undefinierbaren Inhalt sie lieber nicht allzu genau betrachten wollte. Rasch griff sie nach dem Telefon und nahm den Anruf entgegen: »Sarah Leconte.« Ihre schon in natura recht raue Stimme klang nach der tagelangen Zwangspause noch kratziger als sonst. Im Hörer herrschte kurz Stille, wahrscheinlich hatte sie den Anrufer damit, dass sie ihn nun doch persönlich sprechen wollte, aus dem Konzept gebracht.

Dann hörte Sarah die aufgeregte Stimme ihrer Mutter: »Sarah, Schatz, wir haben uns Sorgen gemacht! Geht es dir gut?« Die so Angesprochene schloss ergeben die Augen und unterdrückte einen Seufzer. »Ja, Mutter, es geht mir gut. Es ist alles in Ordnung.«

»Wir haben dich nun schon seit drei Monaten nicht mehr gesehen!« Drei Monate war es also her, dass sie die Welt dort draußen besucht hatte? »Und vor zwei Wochen haben wir das letzte Mal telefoniert. Hast du etwa unsere Abmachung vergessen? Du wolltest dich doch jede Woche melden und dafür würden wir dich in Ruhe deiner Arbeit nachgehen lassen.«

Die Art und Weise, wie sie das Wort Arbeit sagte, verriet Sarah, dass sie dabei pikiert die Nase rümpfte. Die Arbeit. Damit war Sarahs Doktorarbeit gemeint, die sie momentan an der Universität bei Professor Valière verfasste. Nun ja, die sie dort bis zu jenem schicksalshaften Moment verfasst hatte, in dem ihre Nachforschungen begannen, sich um einen anderen, ihr wichtigeren Gegenstand zu drehen. Seitdem befand sich ihre Doktorarbeit, freundlich ausgedrückt, in einem Zustand des Kräftesammelns. Aber davon wussten weder ihre Mutter noch ihr Stiefvater. Sie würden es auch nicht verstehen. Es gab Momente, in denen verstand Sarah es selbst nicht.

Sie ließ ihre Mutter am anderen Ende der Leitung weiter reden, hörte mit halbem Ohr zu und versuchte hin und wieder, möglichst in den passenden Momenten, eine verständnisvolle Zustimmung in das recht einseitige Gespräch einfließen zu lassen. Mit dem Hörer ging sie gemächlich zurück in den Flur und dachte insgeheim darüber nach, welchem Teil ihrer Nachforschungen sie heute weiter nachgehen sollte. Den Nachforschungen, die hiermit begonnen hatten ...

Sarah blieb vor drei Bilderrahmen stehen, die ihren Flur schmückten. Die darin eingefassten Notizblätter erschienen widersprüchlich im Vergleich zu dem Chaos, das in ihrer restlichen Wohnung herrschte. Aber dem war nicht so.

Diese Notizen hatten ihre ganz eigene Bedeutung. Sie waren der Anfang. Der Beginn.

Und während Sarah versuchte, ihrer Mutter das Gefühl zu geben, dass mit ihrer Tochter alles in Ordnung wäre und sie ein ganz normales Gespräch führen würden, war sie mit ihren Gedanken schon wieder weit weg, bei den Notizen ihres Großvaters, die sie vor gut einem halben Jahr in der Universitätsbibliothek gefunden und heimlich entwendet hatte. Heimlich, weil sie wusste, dass die Seiten offiziell der Bibliothek gehörten, aber auch irgendwie trotzig, da diese Notizen ursprünglich von ihrem Großvater stammten und sie das Gefühl hatte, dass sie ihr als Erbin eigentlich zustanden. Der Ursprung ihrer Nachforschungen befand sich in diesen drei Bilderrahmen, die so trügerisch unscheinbar den sonst kargen Flur ihrer kleinen Wohnung schmückten.

Die junge Frau stand in ihrem T-Shirt und den Boxershorts in dem chaotischen Flur ihrer kleinen Mansardenwohnung. Ihr Kopf war den drei Bilderrahmen zugewandt, aber ihre Augen blickten weit weg ins Leere. Dort sahen sie Notizen, Schriften, Buchstaben, Bücher und Zahlen.

Sarah gönnte ihrer Mutter ein verständnisvolles Knurren.

//Etwas geschah, was nicht hätte geschehen sollen. Was nicht hätte geschehen dürfen. Etwas Böses war dort draußen. Es breitete sich aus und kam näher. Und näher. Langsam, aber stetig. Und bei weitem nicht so vorsichtig, wie es sich für das Böse eigentlich gehört hätte. Hier war keine Unsicherheit zu spüren, nur ein furchtbares Wissen um das eigene Können und viel Selbstbewusstsein. Überheblichkeit fast. Das Böse kam näher und entpuppte sich als einer der anderen. Er kam näher und war nicht aufzuhalten. Es versuchte, eine Verbindung mit seinem anderen Ich einzugehen, aber irgendwie wurde es von dem Eindringling daran gehindert. Es war allein und das Böse kam näher.//

Kapitel 2

Als Sarahs Telefon das nächste Mal klingelte, war sie gerade dabei, die Wohnungstür hinter sich ins Schloss zu ziehen. Mit gerunzelter Stirn verhielt sie mitten im Schritt und starrte zurück in die läutende Wohnung. »Das darf doch nicht wahr sein«, dachte sie verärgert. Da hatte sie sich nun endlich dazu aufgerafft, ihre Wohnung zu verlassen und nun dachte dieses verflixte Telefon, es könne sie davon abhalten.

»Aber nicht mit mir!«, beschloss Sarah siegessicher, trat durch die Wohnungstür hinaus in das Treppenhaus und zog die Tür heftiger hinter sich zu, als nötig gewesen wäre.

Ihr Weg führte durch den nur spärlich beleuchteten Hausflur, während das Klingeln hinter ihr bei jedem ihrer Schritte leiser wurde und schließlich ganz verklang. Nachdem Sarah die weit ausladenden, knarzenden Holztreppen hinter sich gebracht hatte, stand sie im Erdgeschoss neben den säuberlich in einer Reihe befestigten Briefkästen. Nun trennte sie nur noch die zweiflügelige schwere Eingangstür von der Welt dort draußen. Sarah atmete einmal tief ein und wieder aus. Sie war wirklich schon zu lange nicht mehr hier gewesen.

Mit dieser gruseligen Feststellung griff sie nach dem goldfarbenen massiven Türknauf und zog die Eingangstür nach innen. Als sie so das letzte Hindernis aus dem Weg geräumt hatte, machte sie zwei große Schritte und stand in der Welt der Lebenden.

Die Welt der Lebenden begann in einem kleinen Nebensträßchen in Paris. Sarahs Wohnung lag zentral, aber ruhig in der Rue de Grenelle. Welchem glücklichen Umstand sie ihren bezahlbaren Mietpreis verdankte, wusste sie nicht. Im besten Fall war ihr Vermieter ein Philanthrop. Vielleicht war er aber auch nur äußerst zufrieden damit, eine derart ruhige Mieterin in einer seiner Wohnungen zu haben, die sich so gut wie nie außerhalb ihrer vier Wände blicken ließ.

Das Haus in ihrem Rücken, stand Sarah da und fühlte eine unerklärliche Angst in sich aufsteigen. So mussten sich Krieger gefühlt haben, die sich hinter ihren schützenden Barrikaden hervorwagten, um einem übermächtigen Feind entgegenzutreten. Sarah runzelte erneut die Stirn. Was zum Henker war nur los mit ihr? Wann genau hatte sie den Moment verpasst, in dem ihre Abneigung vor der hektischen Realität zu einem so starken Gefühl wie Furcht wurde? Fast schon wollte sie ob dieser Erkenntnis panisch werden, aber dann gab sie sich einen Ruck. Es half alles nichts. Sie musste sich diesen seltsamen Ängsten stellen. Es sei denn, sie hätte tatsächlich vor, den Rest ihres Lebens in ihrer kleinen Mansardenwohnung zu verbringen.

Sarah riss sich von dem Haus los, das ihr noch einen gewissen Schutz vor der wartenden Realität vorgegaukelt hatte, und ging die Straße hinunter in Richtung ihrer Universität.

Alles, was sie brauchte, war ein bisschen Zeit, um sich wieder in der eigentlichen Welt zurechtzufinden. Und um sich mit ihr abzufinden. Die Einsamkeit ihrer Wohnung schien sie in einem fast undurchdringlichen Kreislauf gefangen gehalten zu haben, aus dem sie nun erst wieder ausbrechen musste. Lange Zeit hatte sie sich vor der Welt dort draußen versteckt und zusammen mit unzähligen Büchern in ihrer Wohnung vergraben. Aber nun stand ihr Entschluss fest. Die Studien, die sie während der vergangenen Monate betrieben hatte, waren alle im Nichts verlaufen. Jetzt war es an der Zeit, sich wieder mit der Welt außerhalb ihrer vier Wände – ob sie damit ihre Wohnung oder ihren Verstand meinte, war Sarah selbst nicht ganz klar – zu befassen. Deshalb – zurück zu den Lebenden!

Sie verhielt ihren Schritt und sah sich um. Ihr Blick erfasste die lange, gerade Straße und die schnell an ihr vorbeirasenden Autos. Sie hörte euphorisches Gelächter und verfolgte es bis zu einer Gruppe Jugendlicher zurück, die inmitten des Gehwegs standen und sich unterhielten. Da waren Musikfetzen, die aus einer Seitenstraße drangen. Irgendwo vor ihr weinte ein Kind. Sie hatte ganz vergessen, wie laut und hektisch das eigentliche Leben war!

Ein raschelndes Geräusch machte sie auf den Wind aufmerksam, der neben ihr durch die Zweige eines Ahorns strich, der einer in Reih und Glied stehenden Ahornkompanie angehörte, die wohl dem grauen Gehsteig einen täuschend grünen Anstrich geben sollte. Eines der Ahornblätter löste sich vom Baum und segelte langsam nach unten. Sarah folgte dem herabfallenden Blatt mit den Augen. Es war ein seltsames Gebilde, das es nicht eilig hatte, seine Reise zu beenden und auf dem Boden der Tatsachen anzukommen. Kein einzelnes Ahornblatt, das zur Erde schwebte – stattdessen war es ein kleines Stückchen Ast, an dem noch zwei Ahornblätter saßen. Und diese Anordnung machte das Gebilde zu einer Kuriosität, die in unendlich langsamen Kreisen stetig tiefer sank. Immer rundherum. Rundherum. Tiefer und tiefer. Bevor es den Boden berühren konnte, wandte Sarah den Blick ab. Sie mochte den vorherbestimmten traurigen Ausgang dieses kreiselnden Dramas lieber nicht mitansehen. Zu sehr erinnerte er sie an ihr eigenes kleines Leben. Ihre eigenen kleinen Kreise.

Dieses Gebilde war anders. Aber dennoch würde es mit der gleichen unausweichlichen Gewissheit am Boden ankommen wie gewöhnliche Blätter, die der regelmäßig wehende Wind vom Baum rupfte. Nur ohne deren Leichtigkeit.

Sarah ließ ihren Blick über die Häuserzeile neben ihr gleiten. Die Gebäude waren fast durchgehend weiß gestrichen und strahlten eine renovierte Eleganz aus, die so manch anderem Häuserblock in dieser Gegend fehlte. Auch hier bestanden die Häuser weitgehend aus Wohnungen, nur im Erdgeschoss reihten sich mehrere Geschäfte aneinander. Sarah konnte ein kleines Café und ein Reisebüro ausmachen. Und dahinter – war das nicht eine Buchhandlung? Trotz ihres neu gefassten Vorsatzes, den Büchern keine so große Macht mehr über ihr Leben einzuräumen, fühlte sie sich von der Buchhandlung doch magisch angezogen. Die fünfzig Meter bis zu dem Schaufenster waren rasch zurückgelegt und sie sah hinein. Enttäuschung machte sich in ihr breit. Eine von diesen Buchhandlungen war das also.

Sie starrte auf die Auslage, die aus nicht viel mehr bestand als dem derzeitigen Bestseller, der natürlich in den eindrucksvollsten Posen zwischen schreiend bunten Plakaten zur Geltung gebracht wurde. Den unschuldig vorbeigehenden Passanten wurde dabei eingetrichtert, dass an diesem Buch kein Weg vorbeiführte. Entweder sie ackerten sich von Anfang bis Ende durch, oder sie waren eben nicht auf dem Laufenden mit ihrer Belesenheit. Sarah beugte sich vor und las erschauernd den Titel des nicht allzu dünnen Wälzers: Das Dunkel der Finsternis.

Ihr höflich interessiertes Lächeln gefror zu einem ungläubigen Gesichtsausdruck. War das etwa ihr Ernst? Anscheinend. Und wie es aussah, verkaufte sich das Machwerk auch nicht schlecht. Oder warum wäre die Auslage sonst völlig frei von alternativen Werken? Eine eigenständig richtige Entscheidung im Sinne des Verkäufers schien man den Kunden hier nicht zuzutrauen.

Sarah spürte so etwas wie Trauer in sich aufsteigen. Ihr guter Vorsatz, sich künftig in weniger Büchern zu vergraben, begründete sich ausschließlich auf dem Wissen, dass sie sonst nicht wieder in diese reale Welt zurückfinden würde. Reiner Überlebensinstinkt. Aber es hatte nichts damit zu tun, dass sie Bücher nicht zu schätzen wüsste. Im Gegenteil – sie liebte Bücher! Aber sie liebte vor allem die Auswahl, die Möglichkeiten. Das nicht zu haben, hatte sie während ihrer Studien oft zur Verzweiflung getrieben. Vorgeschriebene Werke, in denen sie etwas zu finden hoffte, das sich nie blicken ließ. Was sie wollte, war eine komplette Buchhandlung voller Bücher, von denen sie noch nie etwas gehört hatte. Unbekannte, fantastische Welten, die sie vor ihrem geistigen Auge auferstehen lassen konnte. Abenteuer, Mysterien und ein romantisches Treffen mit jenem Fremden, den sie in der Realität bis heute noch nicht hatte finden können, aber von dem sie sicher war, dass er in den romantischen Passagen diverser Bücher auf sie wartete. Immer und immer wieder. Wann sie wollte. Wo sie wollte. Und wie sie wollte. Sarah lächelte.

Und sie erinnerte sich daran, warum sie eigentlich hier war. Hier, auf dem Gehweg vor diesem verstörenden Schaufenster. Hier, auf dem Weg zu ihrer Universität, um ihrem Professor mitzuteilen, dass aus ihrer Doktorandenkarriere nichts werden würde. Und wenn sie ehrlich mit sich selbst war, hätte ihr das eigentlich schon längst klar sein müssen. Ihr Promotionsthema hatte sie damals einfach allzu leicht ad acta gelegt und für etwas aufgegeben, das ihr wichtiger war. Unbestimmter. Zielloser. Aber wichtiger.

Sarah seufzte. Sie hatte das Gefühl, als bestünde ihr Leben aus unzähligen Abzweigungen, die sich aneinander reihten und von ihr Entscheidungen verlangten, die sie oft nicht zu treffen wusste. Und nach jeder Entscheidung taten sich neue Wahlmöglichkeiten auf, die sich der von ihr veränderten Wirklichkeit angepasst hatten. Die Zeit ließ sich nicht zurückdrehen. Es war zu spät, um ihre Entscheidung für die Promotion rückgängig zu machen. Diese Abzweigung in ihrem Leben hatte sie genommen, war einige Zeit auf ihr entlanggegangen und dann abrupt auf einen anderen Pfad gewechselt, der ihre privaten Studien in den Mittelpunkt stellte. Dieser Pfad jedoch hatte sie auch nicht an das ersehnte Ziel gebracht. Welches Ziel?, fragte sich Sarah insgeheim. Hatte sie da überhaupt eines? Oder lag ihr Bestreben nur darin, ein lohnendes Ziel zu finden?

Stattdessen war sie auf diesem neuen, nicht unbedingt sehr gut ausgewiesenen kleinen Pfad immer im Kreis herumgelaufen, wie in einem Labyrinth ohne Ausweg. Und nun war sie unversehens auf ihren ganz persönlichen Minotaurus getroffen. Er hatte sie zum Anhalten gezwungen. Zum Nachdenken. In gewisser Weise hatte er ihr die Grenzen ihrer Suche aufgezeigt. Da stand sie nun also und versuchte, zu der Abzweigung von damals zurückzugelangen. Runter vom kreiselnden Pfad, die Promotionsstraße zurück und dann an der Kreuzung auf zu einer neuen Entscheidung! Keine weiteren Studien. Keine Doktorarbeit.

Sarah runzelte die Stirn, als sie in ihrem Bewusstsein auf Gedanken traf, die weniger euphorisch klangen und deshalb von ihr bis jetzt ausgeklammert und verdrängt worden waren. War sie sich denn wirklich sicher, dass sie mit dieser Entscheidung, die sie nun getroffen hatte, glücklich werden würde? Nicht ihre abgebrochene Doktorarbeit war das Problem. Aber das so rätselhafte Verschwinden ihres Großvaters beschäftigte sie immer noch. Egal wie sehr sie sich auch dagegen sträubte und versuchte, diesen Gedanken aus dem Weg zu gehen – was nicht leicht war, da sie nun einmal irgendwo in ihr selbst ihr Zuhause hatten. Und ihr Gewissen konnte sich einfach nicht so recht damit abfinden, dass sie die Suche nach ihrem Verwandten aufgeben und abhaken wollte.

Sarah stand versunken vor dem Schaufenster zu einer ihr unbekannten, oberflächlichen Welt und grübelte. Hatte sie denn die Suche wirklich einfach aufgegeben? Ihr kam es nicht so vor. Im Gegenteil – sie hatte viel Zeit mit einer Aufgabe verbracht, die ihr niemand aufgezwungen, aber zu der sie sich selbst verpflichtet gefühlt hatte. Nichts daran war einfach gewesen. Und einfach würde es jetzt auch nicht werden, wenn sie sich davon lossagte und Abstand von ihren Studien nahm. Aber ihr blieb keine Wahl. Wenn sie es jetzt nicht tat, würde sie es nie tun! Schon jetzt würde es ihr verdammt schwer fallen, in ein möglichst normales Leben zurückzufinden. Je länger sie damit wartete, umso schwerer wäre es. Und nicht nur das. Sie konnte es sich auch einfach nicht länger leisten, völlig auf das Leben um sie herum zu verzichten. Nicht nur der emotionale Faktor – Sarah wusste, dass sie emotional ein Wrack war – spielte dabei eine Rolle. Auch ihre finanziell nicht mehr allzu rosige Lage fing an, ihr Sorgen zu bereiten.

Sarah stand inmitten des lärmenden Pariser Lebens auf dem unebenen Gehweg und starrte auf das knallig bunte Schaufenster der Buchhandlung, die nur diesen verflixten Bestseller ausstellte. In der Scheibe sah sie eine verwaschene Version ihres Selbst. Runzelte dieser Schatten tatsächlich die Stirn? Sarah seufzte. Ihr Leben war genau wie dieses Spiegelbild – nicht echt. Nur ein Abglanz von dem, was es sein könnte.

Am Ende wusste Sarah gar nicht, ob sie sich jemals wieder von dem Schaufenster der kleinen Buchhandlung hätte losreißen können, das ihr sowohl die Oberflächlichkeiten der Welt als auch ihr eigenes unzureichendes Leben vor Augen führte. Auf eine seltsame, nicht nachvollziehbare Art und Weise schien sie dieses leere, aber dennoch vielversprechende Fenster in eine andere, angeblich bessere Welt, magisch anzuziehen. Sarah ertappte sich ungläubig bei der Überlegung, ob sie nicht doch dem Inneren des Ladens einen Besuch abstatten sollte, um sich den ausgestellten Bestseller einmal näher anzusehen.

Wahrscheinlich konnte man es deshalb als glückliche Fügung betrachten, dass sie einer der Passanten bei dem Versuch, sich an ihr vorbeizuschieben, heftig anrempelte. Sarah spürte den Stoß in ihrer Seite und kam ins Taumeln. Benommen, wie sie sowieso schon war, schaffte sie es gerade noch, ihr Gleichgewicht zu halten und nicht auf dem grau gepflasterten Gehweg zu landen. Nur kurz begegneten ihre Augen denen des Mannes, der sie so unsanft gestreift hatte. Der Ausdruck darin kam ihr seltsam vor. Alt, traurig und ein bisschen besorgt. Sie fand nicht die richtigen Worte, weder um den Mann, noch um dessen Blick treffend zu beschreiben. Allzu schnell wandte sich der Fremde ab, murmelte irgendetwas und lief eilig weiter die Straße hinunter. Sarah starrte dem unauffällig gekleideten Mann wütend nach. Und erst in diesem Moment fühlte sie eine tiefe Erleichterung, die sich in ihr ausbreitete und darin begründet schien, dass sie nicht länger in der Welt des Schaufensters gefangen war.

Sarah atmete tief durch. Sie war drauf und dran, sich erneut der Auslage der kleinen Buchhandlung zuzuwenden, aber irgendetwas hielt sie davon ab. Es war, als würde sie eine kleine Stimme in ihrem Kopf davor warnen, sich noch einmal in diesen unerklärlichen Bann ziehen zu lassen. Also ließ Sarah ihren Blick stattdessen nach vorne wandern, weiter die Straße hinunter. Hinter der nächsten Häuserzeile lag ihre Universität. Und dort würde sie nun hingehen, ihren Doktorvater suchen und ihm von ihrem Entschluss erzählen, die Sache mit der Promotion abzublasen. Dass sie sowieso schon seit Monaten anderen, unabhängigen Studien nachgegangen war, wollte sie aber lieber verschweigen.

//Ein harter unbeugsamer Griff umschloss es. Lückenlos und endgültig. Eine Brutalität ging davon aus, die unnötig und deshalb nur umso grausamer war. Noch nie hatte es etwas Derartiges gespürt. Noch nie war es auf solch abscheuliche Weise behandelt worden. Und hätte es auch nie für möglich gehalten, dass es einmal dazu kommen würde. Es erforschte seine Gefühle und fand Schmerz, Enttäuschung, Furcht und Verzweiflung. Es staunte ob dieser Ausbeute. Bis jetzt hatte es nicht gewusst, dass es überhaupt in der Lage war, solche Gefühle zu empfinden. Erneut versuchte es, eine Verbindung zu seinem anderen Ich herzustellen, aber vergeblich.//

Kapitel 3

Im Nachhinein wusste Sarah gar nicht mehr, wie sie an diesen Punkt gekommen war. Sie hatte doch eigentlich nur ein Gespräch mit ihrem Professor führen und die in eine Sackgasse geratene Doktorarbeit für alle Zeiten hinter sich lassen wollen. Und nun stand sie in diesem leeren Raum inmitten der von Studenten bevölkerten Universität und jagte einem ... ja – wem oder was jagte sie da eigentlich nach...?

Als sie am späten Vormittag die Universität erreicht hatte, war sie kurz davor gewesen, einfach wieder kehrtzumachen und ihre ganze Mission abzublasen. Das Gebäude an sich genügte schon, um sie eingeschüchtert in ihrem Schritt stocken und in ehrfürchtiger Entfernung anhalten zu lassen. Nicht nur die wuchtigen Säulen und Türmchen machten die Universität zu einem so eindrucksvollen Ort. Sarahs Zögern war vor allem dem Zwiegespräch geschuldet, das sie in Gedanken mit den vielen Statuen führte. Wie ein Bataillon waren sie aufmarschiert und hatten sich auf alle erdenklichen Vorsprünge und Zinnen verteilt, um von ihren erhabenen Aussichtspunkten kopfschüttelnd auf sie herabzublicken, während Arroganz ihre kalten steinernen Augen verdunkelte und ein hämisches Lächeln um ihre festgefrorenen Lippen spielte. Es war offensichtlich, dass sie wussten, weshalb Sarah hier war. Sie wussten um ihr Vorhaben, das Studium in diesen heiligen Hallen zu beenden. Sarah war ihrer weiteren Fürsorge nicht wert.

Und als wäre dieser Aufmarsch an Marmor nicht schon genug gewesen, stieß Sarah dazu noch an eine ganz andere – und weitaus realere – Barriere. Unzählige Stimmen, die sich in ihren lärmentwöhnten Ohren zu einem undefinierbaren Summen und Dröhnen verdichteten und zu ebenso vielen jungen Menschen gehörten, deren unbeirrbar wogender Strom in Sarah das Bild der Seine hervorrief. An manchen Stellen war sich das Wasser einig. Es floss schneller und zielgerichteter. An anderen jedoch traf es auf unerwartete Hindernisse, eine Untiefe, bestehend aus einem Grüppchen Studenten oder einem der kultivierten Bäume, die den Platz vor dem Universitätsgebäude schmückten.

Sarah stand da und ließ das unheimliche Bild auf sich wirken. Nach der Einsamkeit, in die sie sich während der vergangenen Monate regelrecht vergraben hatte, stieß sie das lärmende Leben gleichermaßen ab und faszinierte sie. Überall standen und saßen Studenten. Unter den in Reih und Glied gepflanzten Bäumen, zwischen den Säulen der Universitätskapelle, auf den Umrandungen der Springbrunnen. Vom munteren Plätschern der Fontänen war kein Laut zu hören, so sehr sich das Wasser auch anstrengte, seine Vorherrschaft an diesem von Menschen gezähmten Studienort wiederzuerlangen.

Später wusste Sarah gar nicht, wie lange sie einfach nur da gestanden und versucht hatte, mit den ungewohnten Menschenmassen und dem zermürbenden Lärmpegel zurechtzukommen. Ohne dass es ihr gelang. Also entschied sie sich dazu, ihre Aufgabe so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, um diesem Ort entfliehen und in die Abgeschiedenheit ihrer Wohnung zurückkehren zu können. Sie war noch nicht wieder bereit für dieses bunte, lärmende Leben, das den jungen Menschen hier so leicht von der Hand ging. Sie hoffte, sie würde eines Tages wieder zu ihnen gehören – hatte sie denn jemals zu ihnen gehört? – aber selbst wenn ihr das gelänge, war dieser Tag noch fern.

Mit dieser Erkenntnis holte sie einmal tief Luft und lief dann zielstrebig über den Platz in Richtung eines kleineren Eingangs. Zielstrebigkeit hatte in diesem Fall sehr viel mit Slalomlaufen gemein, aber Sarah schaffte es tatsächlich, in relativ kurzer Zeit den Platz zu überqueren, ohne allzu oft angerempelt zu werden oder gar andere Studenten mit einem versehentlichen Stoß aus deren philosophischen Gedanken und Diskussionen zurück in die Wirklichkeit zu holen. Das würde der Beginn der nächsten Vorlesung schon früh genug erledigen.

Sarah manövrierte sich also erfolgreich von dem Gedränge auf dem Vorplatz in das Gedränge innerhalb der Universität. Ein kurzer Blick hinaus auf den Innenhof hielt sie davon ab, diesen Weg einzuschlagen.

Auf dem Hof, der nicht allzu groß war und eingekesselt zwischen hohen Sandsteingebäuden mit grau gedeckten Zinnen lag, hatte sie sich sowieso immer gefangen gefühlt. Wie in einer von Türmen und Giebeln geschmückten, ausweglosen Falle. Und nun – vollgepackt mit Studenten – erweckte der Innenhof erst recht den Eindruck, als wäre er das geöffnete hungrige Maul einer riesigen unterirdischen Kreatur, die sich gerade ausgiebig am universitären Buffet bedient hatte. Der erschreckende Anblick genügte, um Sarah davon abzubringen, sich über den Hof auf die andere Seite des Universitätsgeländes zu kämpfen.

Sie hatte sich auch schon oft gefragt, ob man die hohen weißen Sprossenfenster in die umliegenden Sandsteingebäude eingesetzt hatte, um das Gefühl des Eingesperrtseins auf dem rechteckigen Innenhof zu verringern. Hätte sie jemals jemand nach ihrer Meinung dazu gefragt, hätte sie nicht gezögert, ihn davon in Kenntnis zu setzen, dass dieses Ansinnen gründlich fehlgeschlagen war. Die vielen Fenster vermittelten eher den Eindruck, als würden unsichtbare Gestalten den armen hilflosen Tropf, der sich da so wehrlos und ungeschützt über den Hof bewegte, von allen Seiten beobachten und kontrollieren.

Also blieb nur der Weg durch das Gebäude selbst. Sarah begann, sich zwischen den jungen Leuten im Inneren der Universität hindurch einen Weg zu bahnen. Das stellte sich als einfacher heraus als gedacht. Anscheinend hatte das angenehm frühsommerliche Wetter den Großteil der Studenten nach draußen gelockt.

Sarah erklomm weitläufige Treppen, schritt durch hallende Flure und erreichte schließlich ihr Ziel, das Büro ihres Doktorvaters.

Sie meldete sich im Sekretariat an. Professor Valière leitete noch ein Seminar und tauchte erst einige Minuten später vor seinem Büro auf. Die folgende Unterredung würde nicht in die Liste der wenigen tiefsinnigen Gespräche, die Sarah bisher in ihrem Leben geführt hatte, eingehen. Fast hatte es sogar den Anschein, als wäre auch Professor Valière froh darüber, die leidige Angelegenheit so schnell wie möglich hinter sich zu bringen und die sowieso nur mündliche Vereinbarung über die Anfertigung und Korrektur einer Doktorarbeit ad acta zu legen. So einfach löste sich eine Aufgabe in Luft auf.

Nach dem sehr kurzen Gespräch schüttelten sie sich einvernehmlich die Hand und gingen beide ihrer Wege. Der Professor auf zu neuen Taten und Ufern, Sarah hinaus aus dem Büro in einen langen Flur, dessen Nacktheit ihr auf einmal Angst machte.

Ziellos folgte sie dem Flur, nicht so recht wissend, was sie als nächstes tun sollte. Zurück in ihre Wohnung? Aber zu welchem Zweck? Na schön, sie könnte zum Beispiel mit dem Aufräumen und Saubermachen anfangen, aber immerhin hatte sie heute bereits die Generalüberholung ihres Lebens hinter sich gebracht. Die ihrer Wohnung konnte da ruhig noch bis morgen warten.

Ehe Sarah sich versah, landete sie in einem ganz anderen Teil der Universität. Vollkommen unbewusst fand sie ihren Weg zu dem Ort, der ihr der Liebste war: die Bibliothek. Und warum eigentlich nicht? Hier hatte sie schon immer Zeit zum Nachdenken gefunden. Also würde sie das auch heute tun können. Und vielleicht würde sie diesen Raum sogar – wie so oft in der Vergangenheit – mit einem Plan verlassen. Einem neuen Ziel.

Sarah schlenderte langsam durch die Reihen der Bücher. Zog manchen Band heraus, blätterte in ihm, stellte ihn wieder zurück. Ließ ein Regal hinter sich, um sich einem anderen, interessanteren zuzuwenden. Zog hier ein Buch heraus, stellte dort ein Buch wieder auf seinen vorgesehenen Platz inmitten der bibliothekarischen Kameraderie zurück.

Sie wusste nicht, wie viel Zeit sie dort zwischen ihren Freunden verbrachte. Und sie wusste auch nicht, wie lange sie das eine Buch in der Hand hielt. Sie hielt es in der Hand, aufgeschlagen, und starrte mit blinden Augen auf die Seite, die sich zufällig für sie geöffnet hatte. Es schien Ewigkeiten zu dauern, bis sie das Geschriebene auch wirklich bewusst las. Aber dann kamen ihr die Zeilen sofort wunderbar vertraut vor: Coleridges Rime of the Ancient Mariner. Die gesammelten Werke von Samuel Taylor Coleridge waren unter den Büchern gewesen, die sie vor einigen Jahren auf dem Dachboden ihrer Mutter entdeckt hatte. Schulterzuckend hatte diese erlaubt, dass Sarah die komplette Kiste mit Büchern einfach an sich nahm. Anscheinend handelte es sich dabei um Überbleibsel aus der Wohnung ihres Großvaters und waren nach dessen Verschwinden bei seiner Frau, Sarahs Großmutter gelandet. Nach deren Tod hatten sie ihren Weg auf den Dachboden von Sarahs Mutter gefunden.

Sarah erinnerte sich nur zu gut daran, dass sie all diese Bücher durchforstet hatte, in der Hoffnung, einen Hinweis auf das seltsame Verschwinden ihres Großvaters zu entdecken. Coleridges Gedichte hatten ihr so gut gefallen, dass sie einen Großteil von ihnen mehrmals gelesen hatte.

Sarahs Blick fiel wieder auf die Worte vor ihr: Like one, that on a lonesome road/ Doth walk in fear and dread,/ And having once turned round walks on,/ And turns no more his head;/ Because he knows, a frightful fiend/ Doth close behind him tread. Einsamkeit, Furcht und ein Gefühl der Ausweglosigkeit. Sarah war sofort versucht, das vollständige Gedicht erneut zu lesen, als sie auf einmal stutzig wurde.

Sie wusste nicht wieso, aber einzelne Wörter des gelesenen Absatzes schienen ihr auf einmal deutlicher als die übrigen. Immer wenn Sarah sich auf sie konzentrierte und den Absatz direkt ansah, fiel es nicht weiter auf. Die Worte fügten sich alle wunderbar zusammen und formten in eifriger Selbstverständlichkeit den kompletten Text. Aber als sie dann ihre Gedanken erneut wandern ließ und das Gedicht – die Worte, Verse, Strophen – vor ihren Augen unscharf zu werden begann und langsam verschwamm, so passierte dies nur mit einem Großteil des Textes. Einzelne Worte hingegen standen ihr nach wie vor deutlich umrissen vor Augen: lonesome, fear, dread, frightful fiend, close.

Sarah holte tief Luft. Wie war das möglich? Und was sollte das? Sie zögerte noch kurz und versuchte, sich davon zu überzeugen, dass sie eigentlich wichtigere Dinge zu tun hatte – zum Beispiel sich um ihr komplettes Leben zu kümmern – aber die Neugier siegte.

Bevor sie am heutigen Vormittag den Schritt aus der Einsamkeit ihrer Wohnung hinaus in die Welt gewagt hatte, hatte sie sich die Zeit genommen, nach ihrem verschollenen schwarzen Notizbuch zu suchen. Und das Glück war ihr hold gewesen. Unter einem unordentlichen Stapel Papier, das dem schiefen Turm von Pisa Konkurrenz machen konnte, hatte sie das kleine Büchlein entdeckt. Es einzustecken und wieder bei sich zu tragen, gab ihr seltsamerweise in der hektischen Welt, die vor ihrer Wohnung auf sie wartete, ein Gefühl der Sicherheit. Das Notizbuch war wie ein Anker, das sie noch immer mit ihrem bisherigen Lebensinhalt verband. Und nun konnte es sich sogar wieder nützlich machen.

Sarah griff in ihre Jackentasche und zog das schwarze Büchlein hervor, um die Worte darin festzuhalten, die in Coleridges Rime so seltsam hervorgehoben wurden.

Dann machte sie sich an den Rest des Textes. Ein paar Seiten weiter vorne stieß sie noch einmal auf einen Absatz, der auf die gleiche unerklärliche Weise mit den Wörtern spielte: Day after day, day after day,/ We stuck, nor breath nor motion;/ As idle as a painted ship/ Upon a painted ocean. Aufgeregt stellte sie fest, dass ihr der ganze Absatz vor Augen erschien, wenn sie die Worte nicht direkt ansah und las. Rasch wanderten die Sätze in ihr Notizbuch und die nächste Stunde verbrachte Sarah damit, den restlichen Text des Buches systematisch nach weiteren Hinweisen abzusuchen. Aber Fehlanzeige. Die bereits notierten Teile des Rime of the Ancient Mariner waren die einzigen, die sich so seltsam verhielten.

Sarah stellte sich mit ihrem Notizbuch ans Fenster und sah nachdenklich nach draußen. Der Tag war inzwischen schon fortgeschritten. Der Wind hatte an Stärke zugenommen und den Himmel mit Wolken bedeckt. Grauen Wolken. Regenwolken. Vor der Universität waren nur noch vereinzelte Studenten zu sehen. Irgendwie wirkten sie ziellos. Oder übertrug sie da nur ihre eigenen Gefühle auf unbeteiligte Dritte? Sie kamen ihr vor wie Nachzügler, die der Haupttrupp der studentischen Armee zurückgelassen und vergessen hatte, als er sich aufgemacht hatte, in Richtung Pariser Innenstadt zu rollen, um dort erst in den Abend und anschließend ins Nachtleben zu starten.

Sarah grübelte über den Sätzen aus ihrem Notizbuch ohne so recht zu wissen, was sie damit anfangen sollte. Das Ganze klang wie eine Warnung oder ... ein Hilferuf. So, als hätte jemand versucht, vor etwas wegzulaufen, das ihn verfolgte. Derjenige war einsam, hatte Angst und wurde von etwas Bösem gejagt, das ihm schon sehr nahe gekommen war. Oder war dieser Teil eine Warnung an eine andere Person und das Böse war diesem nahe gekommen? Oder stand es ihm vielleicht nahe? Sarah spürte, wie ihr bei diesen Überlegungen richtiggehend kalt wurde. Irgendwie berührte sie das, was sie aus den angegebenen Worten zu lesen glaubte. Aber weiter brachte es sie nicht.

Also wandte sie sich dem anderen Abschnitt zu. Hier waren nicht nur einzelne Worte hervorgehoben. Eher handelte es sich um die Beschreibung eines Zustandes. Eines immer gleichen Zustandes. Derjenige, der um Hilfe rief, steckte fest. Tagelang. Ohne sich bewegen zu können. War er etwa ein Gefangener? Hatte ihn das Böse aus dem anderen Teil des Gedichtes eingeholt? Aber ... der andere Abschnitt folgte eigentlich erst später in dem Gedicht. Also beschrieb jemand hier seine Gefangenschaft und warnte dann eine andere Person vor der Gefahr, die dieser von jemandem drohte, der ihr nahe stand?

Sarah stand so lange grübelnd am Fenster der Universitätsbibliothek, bis sie eine Dame mittleren Alters höflich aber bestimmt hinauskomplimentierte.

Immer noch nachdenklich ging sie die Flure entlang, ohne viel von ihrer Umgebung wahrzunehmen. Der Vergleich mit dem gemalten Schiff auf einem gemalten Ozean stellte sie vor ein Rätsel. Sollte hier nur die Gefangenschaft, die Bewegungsunfähigkeit verdeutlicht werden oder steckte noch mehr dahinter? Irgendwo in dem Text musste es doch auch einen konkreten Hinweis geben!

Und dann fiel es ihr so plötzlich ein, dass sie beinahe gegen eine unsichtbar vor ihr auftauchende Glastür gelaufen wäre. Natürlich! Das Bild war der Hinweis! Ein gemaltes Schiff auf einem gemalten Ozean! Wieso war ihr das nicht früher eingefallen?

Sarah hatte während ihres Studiums genug Zeit in diesen Fluren und Räumen verbracht und aufgrund ihrer Neigung, während des Lernens kurze oder auch lange Spaziergänge durch die Flure zu unternehmen, doch sehr viele Ecken und versteckte Winkel des Gebäudes kennen gelernt. Und dieses Bild ... sie hatte es schon einmal gesehen! Ein Schiff auf einem Ozean.

Rasch wandte sie sich um und eilte in die andere Richtung. Zwei Treppen nach oben, durch einen weiteren Gang und um eine Biegung. Dann blieb sie schweratmend vor dem Gemälde stehen, das ihr soeben wieder eingefallen war. Ein Schiff auf einem Ozean.

Ihrer Meinung nach handelte es sich um kein besonders gutes Gemälde, die Farben waren viel zu kitschig gewählt, so dass der beabsichtigte romantische Sonnenuntergang eher zu einem Stelldichein der unterschiedlichsten Lila- und Rosatöne wurde. Aber da war es! In einem verstaubten, goldenen Rahmen zeigte es ein Schiff, das über ein von Wellen zerrissenes Meer fuhr, hinein in den wartenden rosaroten Sonnenuntergang.

Sarah stand vor dem Bild und starrte die kitschige Farbgebung an. Da war sie also. Aber was nun?

Aus irgendeinem Grund war sie sich sicher, dass sie den Hinweis richtig verstanden hatte und sich an genau dem Ort befand, an den sie irgendwer bringen wollte. Wer?, fragte eine kleine Stimme irgendwo in ihrem Inneren, die sie erst einmal erfolgreich verdrängte. Alles zu seiner Zeit. Die junge Frau machte sich daran, das Bild genau unter die Lupe zu nehmen.

Da waren die sturmgepeitschten Wellen, deren Schaumkronen sich in perfekt arrangierter Harmonie rings um das Schiff brachen. Das Boot selbst war eines jener alten Segelschiffe, die einem sofort vor Augen standen, wenn man an eine romantisch verklärte Vergangenheit dachte, in der Piraterie nicht brutal und habgierig, sondern verwegen und ehrenhaft war. Aber das, was das gesamte Bild dominierte, war der Himmel. Der stürmische Sonnenuntergang, der bereits in den Wellen zu erahnen war, fand hier seinen Höhepunkt.

Zerrissene Wolken, die von den letzten Lichtfetzen des Tages durchdrungen wurden. Die allgegenwärtige Farbe war Rosa in unterschiedlichen – und oft auch undenkbaren – Variationen, von einem Rosa mit leichtem Blaustich bis hin zu einem mit orangenem oder rostbraunem Schimmer. Nicht nur, dass diese unglaubwürdige Farbgebung den Himmel in ihrer Gewalt hatte. Sie spiegelte sich auch in den Wellen wider und – in Sarahs Augen die größte Ungerechtigkeit – selbst die armen Matrosen auf ihrem hölzernen Segelschiff blieben nicht von ihr verschont.

Die junge Frau ließ ihren aufmerksamen Blick mitleidig über die schemenhaft dargestellten Matrosen wandern, die sich auf verschiedenste Weise an Bord des Schiffes betätigten und tapfer versuchten, nicht nur mit der grauenhaft überwältigenden Farbgebung, sondern auch mit Wind und Wetter zurecht zu kommen. Ihre Augen blieben schließlich an dem Matrosen hängen, der ihrer Meinung nach die schlimmste Aufgabe zu erfüllen hatte: In dem Korb am oberen Ende des größten Mastes stand er dem rosaroten Himmel am nächsten und war dafür verantwortlich, in der kitschigen Umgebung nach so realen Gefahren wie Untiefen oder feindlichen Schiffen Ausschau zu halten.

Der nur verschwommen gemalte Mann schien seine Arbeit aber dennoch ernst zu nehmen und auch gut darin zu sein – denn sein ausgestreckter rechter Arm wies warnend in die Ferne. Besser gesagt, nach hinten. Sarah stutzte. Der gemalte Arm zeigte nach rechts aus dem Bild, während das Schiff ganz offensichtlich nach links unterwegs war. Was nur hatte das zu bedeuten? Wurden die armen Matrosen etwa auch noch verfolgt? Oder steckte da womöglich noch etwas anderes dahinter?

Auf einmal spürte Sarah, wie sich Aufregung in ihr breitmachte. Das war er! Der Hinweis, nach dem sie hier gesucht hatte! Ohne noch mehr Zeit zu verlieren, ließ sie ihre Finger über den rechten Rand des Bildes gleiten, genau dort, wohin sie der ausgestreckte Arm des kleinen gemalten Matrosen führte.

An der Seite des Bilderrahmens fand sich nichts, aber als Sarah ihre Finger vorsichtig hinter das Bild gleiten ließ, stießen sie auf einen winzigen Hebel, der dort an der Wand befestigt war. Ein kurzes Zögern, dann zog die junge Frau den kleinen Widerstand zu sich nach vorne, entgegengesetzt zu der Richtung, in die er bis dahin gezeigt hatte.

Für einen kleinen, unsicheren Moment dachte Sarah, sie hätte sich geirrt. Hätte sich verrannt in seltsamen Hinweisen, die sie gemeint hatte, aus Büchern herauszulesen. Aber dann hörte sie es. Ein leises, gleitendes Geräusch, das seinen Ursprung irgendwo hinter der Wand zu haben schien, in der sich zu Sarahs Erstaunen eine schmale dunkle Öffnung zu bilden begann. Rein gar nichts hatte vorher darauf hingewiesen, dass sich hinter dieser Tapete ein geheimer Durchgang befand. Ein geheimer Durchgang – wohin?

Sarah hielt sich nicht lange mit dieser Überlegung auf und auch innere Mahnungen zur Vorsicht schob sie rigoros beiseite. Nun war sie schon hier. Sie war endlich auf irgendetwas gestoßen, nachdem sie so lange Zeit einem Phantom hinterher gerannt war. Nun wollte sie gefälligst auch wissen, was hinter dieser geheimen Tür lag! Mit einem tiefen, entschlossenen Atemzug näherte sie sich dem Durchgang und betrat gebückt den dahinter liegenden Raum.

//Es war in Bewegung. Nicht aus freiem Willen. Irgendetwas zerrte es vorwärts, ließ keinen Zweifel daran, dass es zu folgen hatte. Nie zuvor war es einem solchen Zwang ausgesetzt gewesen. Zwischen ihm und seinem anderen Ich hatte eine stille Verbundenheit geherrscht, begründet auf Respekt, Treue und Freundschaft. Es war eine gleichberechtigte Partnerschaft gewesen. Aber hier ... hier war alles anders. Drohungen, Schmerz, Hass. Es wurde nicht gefragt, sondern gezwungen. Nicht gebeten, sondern befohlen. Alles war trüb, sinnlos und leer. Bar jeden positiven Gefühls. Es wurde als Sklave gehalten. Wusste er denn nicht, was es in Wirklichkeit war?//

Kapitel 4

Der Geruch von Essen, frischem Kaffee und Tabak hing träge in der milden Nachtluft und erfüllte die kleinen Gassen entlang des Flussufers. Dank des ungewöhnlich warmen Frühsommertages saßen die Menschen auch weit nach Mitternacht noch auf den Terrassen der Cafés oder flanierten unter den Bäumen im Schein der Straßenlaternen am Wasser entlang. Paris zeigte sich in diesen Juninächten als verträumte Stadt jenseits aller Zeit und Hektik.

Matthew saß am Ufer der Seine unter einer Kastanie und stellte fest, dass er wieder nüchtern war. Er hatte sich den Platz auf der Bank am frühen Abend gesichert, ausgestattet mit einer Flasche Rotwein, einer Schachtel Zigaretten und dem festen Vorsatz, ihn nicht vor dem nächsten Morgen zu räumen. Tatsächlich hatte er sein Vorhaben nur zweimal kurz unterbrochen. Nach einer knappen Stunde – das leere Starren auf das Wasser hatte sich doch als noch eintöniger erwiesen, als er angenommen hatte – war er in den Kiosk gegenüber gegangen, um sich ein Exemplar des Le Mercure zu kaufen. Gegen elf Uhr hatte er sich schließlich zwei Becher Kaffee organisiert, die ihm beim Ausnüchtern helfen sollten.

Wenn seine Freunde zu Hause in England ihn fragten, warum um Himmels Willen er nach fünf Jahren seine Tage immer noch in Paris verbrachte, pflegte Matthew mit einem etwas schiefen Grinsen zu antworten »Ich kam wegen des Jobs, aber ich bleibe wegen des guten Essens.« Die Wahrheit sah etwas anders aus. Mary war der einzige Grund gewesen, warum er sich immer noch auf der falschen Seite des Kanals aufhielt. Und jetzt, da sie ging, waren ihm Job und Essen ziemlich egal. Normalerweise würde er sich unter der Woche auch nicht betrinken, anstatt pflichtbewusst überflüssige Präsentationen für seinen Vorgesetzten vorzubereiten.

Matthew blickte auf die Uhr. Halb zwei Uhr morgens. Sie war wahrscheinlich schon vor vier Stunden damit fertig gewesen, ihre Sachen aus der Wohnung zu holen, aber er wollte noch nicht dorthin zurück. Die Bank würde es noch etwas länger mit ihm aushalten müssen.

Der Wind frischte auf und trieb einige Blätter an der Bank vorbei. Eine vergessene Plastiktüte schwebte träge hinterher. Matthew betrachtete den nächtlichen Himmel. Die Lichter der Stadt wischten alle Sterne hinweg und ließen nur eine glühende Dunkelheit zurück. Noch war nichts von den Wolken zu sehen, die der Westwind von der Kanalküste heranbrachte, aber der Wetterbericht hatte für den Morgen kräftige Regenschauer angekündigt. Es hatte etwas Tröstliches, dass diese Wolken aus Richtung Großbritannien kamen. Wenigstens würde sich das Wetter Matthews Stimmung angleichen und er müsste auf dem Weg ins Büro keine händchenhaltenden Paare im Sonnenschein sehen.

Viertel vor zwei. Er konnte jetzt wahrscheinlich gefahrlos in seine Wohnung zurückgehen, seine halbleere Wohnung, in der nun ein halbleeres Bett stand. Matthew stand auf, stellte ungehalten fest, dass seine Beine vom stundenlangen Sitzen eingeschlafen waren und wartete leicht schwankend ab, bis dieses furchtbare Kribbeln einsetzte. In seiner Erinnerung waren Parkbänke wesentlich bequemer gewesen, aber mit fortgeschrittenem Alter (Fortgeschrittenes Alter? Reiß dich zusammen, Mann, du bist erst einunddreißig!) musste man sich wohl schon andere Orte suchen, um Trennung und Selbstmitleid im Wein zu ertränken.

Das vorsichtige Belasten des rechten Fußes signalisierte so etwas wie Gangbereitschaft. Matthew hängte sich seine braune Ledertasche über die Schulter, schlug den Kragen seiner Jacke hoch und wandte sich zum Gehen. Seine Wohnung lag westlich von hier, er würde also den Wolken entgegen gehen. Trotz der letzten Stunden und der quälenden Müdigkeit verspürte er plötzlich den Wunsch, viel weiter zu gehen. Aus der Stadt, die nun keine Bedeutung mehr für ihn hatte, hinaus. Vielleicht bis zur Küste oder gleich über das Meer.

»Vielleicht bis zum Rand der Nacht«, murmelte er und zündete sich eine Zigarette an. Leise kicherte er ob des pathetischen Satzes.

»Wohl eher nur bis zum Rand der Seite«, fügte unerwarteterweise eine kratzige Stimme hinter ihm hinzu. Matthew wirbelte auf dem Absatz herum und stolperte über seine eigenen Füße. Er konnte sich noch fangen, bevor er stürzte, aber zumindest seine Zigarette schickte er ungewollt auf einen langen Parabelflug in Richtung Fluss.

Auf der Bank saß ein älterer Mann in einer abgewetzten braun-karierten Tweedhose und einem Hemd, das sicherlich einmal weiß gewesen war. Matthew konnte sein Alter nicht schätzen, aber an den Schläfen hatten sich bereits graue Strähnen in das braune Haar gemischt.

Er schaute sich um, aber der Fremde musste buchstäblich vom Himmel gefallen oder aus einem Kanalschacht geschlüpft sein. Jetzt blickte er Matthew über die Ränder seiner Brille hinweg an. Als er sprach, klang die Stimme des Mannes nicht mehr nur kratzig. Eher schien es, als lagerten Generationen an Staub auf seinen Stimmbändern, so heiser war das Flüstern jetzt.

»Bitte, junger Mann – hätten Sie ein Glas Wasser?«

Kapitel 5

Schon als Kind lernt man einige elementare Regeln für das tägliche Überleben. Schau nach beiden Seiten, bevor du über die Straße gehst. Leg dich in der Schule nicht mit den Größeren an. Finger weg von Drogen. Und lass niemals, niemals einen Fremden in deine Wohnung.

Vielleicht war es weingetränkter Fatalismus, der Matthew dazu brachte, letztere Regel zu ignorieren. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass er die letzten vier Monate sowieso mit einer scheinbar völlig Fremden zusammengelebt hatte.

Matthew hatte nicht lange nachgedacht, bevor er ihn hierher gebracht hatte. Er hätte den Mann natürlich in ein Krankenhaus bringen können, aber es schien ihm weiter nichts zu fehlen. Die Polizei wollte er ebenso wenig rufen. Der Fremde wirkte leicht desorientiert, aber nicht auf eine bedenkliche Art – er konnte geradeaus laufen, deutlich sprechen und wusste zumindest, dass er in Paris war. Wie alt mochte er sein? Vielleicht fünfzig? Egal, auf alle Fälle wirkte er altmodisch. Er erinnerte Matthew an die Leute aus den verstaubten Politik-Gesprächsrunden im Fernsehen der Siebziger, die beige gemusterte Anzüge trugen, dazu überdimensionierte Brillen mit ständig kränklich wirkenden gelbgetönten Gläsern, und bei denen die bemitleidenswerten Kameraleute sich stets heroisch bemühten, die dicken Nebelbänke aus Zigarettenrauch im Studio überhaupt zu durchdringen.

Entscheidend war, dass der Mann sich viel zu schnell für irgendein Alter bewegt hatte. Nur Sekunden, bevor Matthew aufstand, war er nirgendwo in der Nähe der Bank zu sehen gewesen. Er war förmlich aus der Sitzfläche gewachsen. Das allein genügte, um Matthews Interesse zu wecken. Sein Job war ihm unwichtiger als jemals zuvor – hier gab es ein Rätsel zu lösen. Er konnte wahrlich etwas Abwechslung gebrauchen.

Matthews Wohnung lag in Petit-Montrouge, gerade fünfzehn Minuten Fußweg von der Bank entfernt. Es war eine Altbauwohnung im dritten Stock eines ruhigen Hinterhauses. Der Weg führte durch einen Innenhof, in dem sich Unkraut einen unablässigen Kampf mit den steinernen Bodenplatten lieferte und zwei längst reifenlose Fahrräder selig vor sich hin rosteten, während sie von besseren Zeiten träumten. Hinter der schweren Eingangstür führte eine enge Treppe nach oben. Essensgeruch hing in dem dunklen Flur.

Eigentlich konnte Matthew Altbauwohnungen nicht ausstehen. Selbst bei voll aufgedrehter Heizung schienen sie im Winter niemals richtig warm zu werden und die hohen Decken ließen jeden Raum wesentlich schmaler und enger erscheinen, was bei ihm regelmäßig ein beklemmendes Gefühl hervorrief. Irgendjemand auf Matthews Abschiedsfeier in London hatte behauptet, solche Wohnungen wären très chic und würden den Bewohner als dynamisch und geschmackvoll auszeichnen. Der selbe Jemand hatte auch behauptet, Prag sei die Hauptstadt Bulgariens. Nach allem, was Matthew wusste, war dieser Jemand ein Vollidiot.

Als er die Tür öffnete und nach ein paar Schritten das halbleere Wohnzimmer betrat, kroch Ernüchterung in sein Bewusstsein. Mary hatte ihren Auszug schnell und gründlich abgewickelt. Einer der beiden grauen Sessel war ebenso verschwunden wie die zwei Stehlampen und die Vorhänge. Statt des Regals, in dem sie ihre wenigen Bücher und CDs aufbewahrt hatte, stand nur ein schiefer Stapel alter Zeitschriften neben dem Sofa. Und ohne nachzusehen hatte er die Gewissheit, dass sie die exakte Zahl an Getränkegläsern mitgenommen hatte, die beim Einzug in ihren Kartons gewesen waren.

Matthew bat den Fremden, auf dem Sofa Platz zu nehmen und ging in die Küche. Er zog eine Flasche Wasser aus dem Korb neben dem Kühlschrank und holte ein Glas aus dem Schrank. Fast wieder im Flur, drehte er sich noch einmal um, streckte seinen Arm zum obersten Fach des Hängeregals und tastete das Brett ab. In der hintersten Ecke fand er tatsächlich noch eine Packung Kekse, bekam sie mit zwei Fingern zu greifen und balancierte sie langsam über den Handrücken auf sichere Höhe. Er war überzeugt, dass er einen bescheuerten Anblick lieferte, aber gemessen an der Menge des konsumierten Weins kam er sich doch recht geschickt vor.

Im Wohnzimmer saß der Fremde auf dem Sofa und blickte das gegenüberliegende Regal mit den verbliebenen Büchern an. Matthew stellte alles auf dem Tisch ab und goss seinem Gast ein Glas Wasser ein. Der Mann dankte ihm, hob das Glas an den Mund und nahm einen Schluck. Er verharrte einen Augenblick, stürzte das restliche Wasser dann aber gierig in einem Zug hinunter und stellte das Glas auf die Tischplatte.

»Das ist ganz sicher das Beste, was ich seit langer Zeit getrunken habe«, sagte der Mann lächelnd. Er schenkte sich selbst ein weiteres Glas ein, ließ es aber noch auf dem Tisch stehen.

»Ich danke Ihnen für Ihre Gastfreundschaft, Monsieur. Ich hätte wirklich nicht gewusst, wo ich hin sollte.«

»Gern geschehen«, antwortete Matthew und ließ sich in dem verbliebenen Sessel nieder. Nachdem er sich selbst etwas Wasser eingeschenkt hatte, beugte er sich vor, zog den Aschenbecher vom anderen Ende des Tisches zu sich heran und begann, in seiner Tasche nach den Zigaretten zu wühlen. »Übrigens, ich heiße Matthew Harlington.«

»Entschuldigen Sie bitte, ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt.« Der Mann lachte. »Da lassen Sie mich in Ihre Wohnung und kennen nicht einmal meinen Namen. Ich bin Henri Dupoit.«

Matthew fand die Zigaretten, zog eine aus der etwas zerknüllten Packung und zündete sie sich an. Er lehnte sich zurück. »Stammen Sie aus Paris?«

»Ja. Ich wohne nicht weit von hier, auf der anderen Seite der Seine.« Seine Stirn legte sich in Falten, als ob ihm gerade ein rätselhafter Gedanke in den Sinn kam. »Genaugenommen wohnte ich da«, fuhr er fort. »Entschuldigen Sie, aber welches Jahr haben wir?«

Matthew verschluckte sich an dem Wasser, das er gerade trinken wollte. Der folgende Hustenanfall bewahrte ihn zumindest davor, sofort antworten zu müssen. War der Mann vielleicht doch nicht mehr ganz richtig im Kopf? Oder hatte sich das Leben gerade in einen Science-Fiction-Film verwandelt? Matthew erwartete fast, dass Dupoit ihn als nächstes nach Sarah Connor fragen würde.

»Ist das Ihr Ernst?«, entfuhr es ihm, und noch im selben Augenblick biss er sich auf die Lippe und bereute die Frage. »Ich meine: Wissen Sie das nicht? Können Sie sich nicht erinnern?«

»Nein, leider nicht.« Dupoit wirkte keinesfalls gekränkt. Wahrscheinlich hatte er solch eine Reaktion erwartet. Das sprach zumindest dafür, dass er nicht völlig verrückt sein konnte.

»Es ist 2012.« Matthew warf einen Blick auf die Datumsanzeige seiner Uhr. »Mittwoch, der 6. Juni, um genau zu sein«, fügte er hinzu.

Der nachdenkliche Ausdruck in Dupoits Augen wich nun blankem Entsetzen. »Mein Gott«, flüsterte er und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. »Dreißig Jahre schon.«

Nun beugte Matthew sich vor. »Was meinen Sie?«, fragte er.

Der Mann blickte auf. Er war merklich bleich im Gesicht und konnte kaum verbergen, dass ihm Tränen in den Augen standen. Als er sprach, klang seine Stimme plötzlich sehr brüchig.

»Ich kann Ihnen das nicht erzählen. Sie werden es mir sowieso nicht glauben.« Seine Lippen zitterten leicht. »Ich kann es ja selbst kaum glauben.«

Jetzt wollte Matthew die Geschichte natürlich unbedingt hören. »Nun, nach dem, was ich die letzten Tage durchgemacht habe«, sagte er, »bin ich mir sicher, dass mich nichts mehr wirklich schockieren wird.« Er musste unwillkürlich lächeln. Erinnerungen blitzten auf, wie seine Mutter ihm Lewis Carroll vorgelesen hatte, als er noch klein war. »Und sollte man nicht noch vor dem Frühstück an sechs unmögliche Dinge glauben?«

Matthew meinte, ein leichtes Lächeln um Dupoits Mund spielen zu sehen. Zumindest wirkte er jetzt nicht mehr so, als ob er jeden Augenblick bewusstlos werden könnte.

»Nun, vielleicht schulde ich Ihnen tatsächlich eine Erklärung. Vor dem Morgen kann ich sowieso nichts unternehmen.« Er zögerte. »Aber sind Sie sich da ganz sicher? Es wird lange dauern.«

Matthew lehnte sich wieder zurück und lachte. »Wissen Sie, mein Leben hier hat sich sowieso schon in Nichts aufgelöst. Meine Freundin ist weg und mit ihr auch mein kleiner Freundeskreis hier, auf den wird sie nämlich genauso Anspruch erheben wie auf ihre scheußliche Bettwäsche. Morgen werde ich also meinen furchtbaren Job kündigen. Ich werde alles packen, meine Erinnerungen an diese Stadt so gut wie nur möglich begraben und den Umzug nach London vorbereiten.« Oh ja, in eine moderne Wohnung mit niedrigen Decken und einer echten Heizung.

Er schlug die Beine übereinander und zündete sich noch eine Zigarette an.

»Was mich angeht – ich habe die ganze Nacht Zeit.«

***

Über dem weiten Hügelland versinkt die Sonne allabendlich mit der Konsequenz eines wiederkehrenden Traumes. Die wenigen Wolken glimmen in zarten Rottönen vor einem Himmel, dessen klares Blau sich dunkelnd der Nacht entgegenschleicht. Die ersten Sterne stehen schon hoch, aber ihre Konstellationen sind ihm vollkommen unbekannt.

Von einer Anhöhe aus – seiner Anhöhe, denn er sitzt hier an jedem einzelnen dieser unzähligen Abende – beobachtet er, wie der Nebel über die hohen Gräser zieht und die Ruine eines kleinen Turmes erreicht. Er war nur ein einziges Mal zu diesem Turm hinabgestiegen, im freundlichen Licht eines Vormittags, nachdem der Nebel versunken und die Sicht wieder klar war. Aber es war tatsächlich nur eine Ruine. Das Dach war längst eingefallen und bis auf einige faulende Holzmöbel konnte er nichts hinter den bröckelnden Mauern finden. Die Zeit hatte gleichgültig an Steinen und Holz gearbeitet. Und das an einem Ort, an dem es sonst keine Zeit zu geben scheint. Wie lange ist er schon hier? Und was genau bedeutet hier?

Abgesehen von dem Turm gibt es keine Gebäude in der Umgebung. Er hat viele ausgedehnte Wanderungen unternommen, aber stets darauf geachtet, bei Einbruch der Nacht wieder auf der Anhöhe zu sein. Zwischen den Grashalmen zu sitzen, den Rücken an einen großen und angenehm flachen Stein gelehnt, gibt ihm ein Gefühl von Sicherheit, das er auf seinen Erkundungsgängen niemals spürt. Seltsam in diesem kargen und so leeren Land.

Der Wind frischt auf und es wird merklich kühler. Er würde gerne ein Feuer machen, aber es gibt in der näheren Umgebung kein Holz und den Turm möchte er nicht noch einmal betreten. Er tröstet sich mit dem Gedanken, dass er sowieso keine Streichhölzer hat. Sicher, er könnte lernen, wie man ein Feuer auf andere Art entfachen kann. Zeit genug hätte er.

Es gibt auch kein Essen oder wenigstens Wasser. Seit er hier ist, plagen ihn ein nie gekannter Hunger und Durst, auch wenn es seinem Körper nichts auszumachen scheint, dass er weder das eine noch das andere stillen kann. Manchmal – wenn er Glück hat an zwei, drei Tagen die Woche – regnet es, und obwohl er durchnässt noch stärker friert, öffnet er begierig den Mund, um wenigstens den schlimmsten Durst zu löschen. Wenn er doch nur ein paar Eimer oder Flaschen hätte ...

Alte Zeilen kommen ihm in den Sinn: ein gemaltes Schiff auf einem gemalten Ozean. Der sanfte Wind täuscht nicht über die Flaute hinweg.

Die Nächte sind lang unter dem unbekannten Sternenhimmel. Allein der Alabastermond wirkt vertraut, auch wenn er jede Nacht als Vollmond kommt und nur eine flache Bahn über den Himmel zieht, niemals hoch über dem Horizont. Er verbringt die dunklen Stunden mehr dämmernd als schlafend, mit halbgeöffneten Augen in den Himmel blickend, wo sich manchmal eine Sternschnuppe zeigt, silbern blitzend oder in einem kräftigen Jadegrün. Dann sinkt er etwas tiefer in den Halbschlaf, während er auf den Morgen wartet.

Er ist allein und ohne Kompass.

Kapitel 6

Sarah blickte sich in dem kleinen Raum um. Ihr erster Eindruck war der von Leere gewesen. Aber Kargheit traf es besser. In dem Zimmer befanden sich ein Schreibtisch und ein Stuhl. Sonst nichts. Die Wände waren kahl, bar jeden Details. Keine Bilder, keine Lichtschalter, keine Tapete. Die vielleicht einst weiße Farbe wirkte schmutzig. Das wenige Licht, das es schaffte, in den kleinen Raum vorzudringen, kam von einem winzigen vergitterten Fenster, das sich fast in Höhe der Decke an einer Seite des Zimmers befand.

Sarah näherte sich langsam dem Schreibtisch. Der Raum kam ihr trostlos vor, als wolle er ihr eine traurige Geschichte erzählen und fände nur nicht die richtigen Worte. Der Schreibtisch war aus dunklem Holz und übersät mit Kerben und Brandlöchern. Das Ganze hatte mehr Ähnlichkeit mit einem Schlachtfeld als mit dem Mobiliar eines Schriftstellers. Sarah erschauerte bei dem Anblick, ohne genau zu wissen, weshalb.

Neben den Einkerbungen und Löchern hatte auch blaue Tinte ihre Spuren auf dem Schreibtisch hinterlassen. Auf seiner Platte bildeten die unterschiedlich geformten Flecken ein Muster, dessen Bedeutung nicht zu erraten war. Oder doch?

Ein paar von ihnen zogen mit einem Mal Sarahs Aufmerksamkeit auf sich. Es war, als würden sich unter den Flecken Buchstaben verbergen, die grob übermalt worden waren. Sie versuchte, die Schriftzeichen darunter zu erraten und kam zu dem Schluss, dass es sich bei zweien um ein R handeln müsse. Ein weiterer könnte einmal ein A gewesen sein. Und in der Zeile darüber – noch ein R? Und davor ein O? Sarah hielt inne. Die Buchstabenkombination kam ihr vage bekannt vor. Sie dachte angestrengt nach, aber die Erinnerung ließ sich nicht greifen.

Um sich abzulenken und dem Gedanken Zeit zu geben, sich unbewusst in ihr zu formen, unterzog sie den Schreibtisch und auch den Stuhl einer näheren Prüfung. An dem Stuhl war nichts Besonderes. Einfach, hölzern, grob geschnitzt. Die Sitzfläche war sichtbar abgenutzt, was Sarah stutzig machte. Ein derart abgenutzter Holzstuhl war ihr noch nicht untergekommen. Er musste über Jahrhunderte hinweg in Gebrauch gewesen sein! Die Universität von Paris war zwar alt, aber so alt? Vermutlich war der Stuhl ursprünglich nicht für diesen Raum angefertigt, sondern erst später hierher geschafft worden.

Sarah wandte sich dem Schreibtisch und vor allem der einzelnen Schublade zu, die direkt unter der Tischplatte mittig angebracht war. Das Schloss schien verbogen, so als wäre schon einmal jemand hier gewesen und mit Gewalt in die Geheimnisse der Lade eingedrungen. Dieser Gedanke traf Sarah unvorbereitet und auch der nachfolgende warf sie für einen kurzen Moment aus der Bahn. Ihr Großvater! Wie hatte sie nur so blind sein können?

Seit Monaten hatte sie fast täglich einen Blick auf die drei Notizzettel geworfen, die eingerahmt in ihrem Flur hingen. Die Notizen ihres Großvaters, die sie aus dem Fundus der Universitätsbibliothek ungefragt entwendet hatte. Und dort – auf einem der Papiere – standen einzelne Buchstaben, die ihr Großvater notiert hatte. Deshalb war ihr die Buchstabenfolge so bekannt vorgekommen! Auf dem Notizzettel stand Le Morte Darthur. Sarah merkte, wie ihr Herz anfing, schneller zu schlagen. War das möglich? Hatte sie endlich eine Spur gefunden, die es ihr erlaubte, die Nachforschungen zu verfolgen, die ihr Großvater vor seinem Verschwinden betrieben hatte? Eine Spur, der sie – wie damals ihr Großvater – nachgehen konnte? Würde sie nun endlich erfahren, was aus ihm geworden war?

Sarah zwang sich selbst zur Ruhe. Zwar hatte sie – vielleicht – einen Teil der Notizen ihres Großvaters entschlüsselt, aber noch war nicht klar, ob sie das wirklich weiter brachte. Sie wusste ja nicht einmal, wie viele solcher Notizen es ursprünglich gegeben hatte! Die drei losen Zettel, die sie, nun ja, gefunden hatte, waren sicher nicht alles gewesen.

Trotzdem nahm sie sich vor, diesem Hauch einer Fährte nachzugehen. Sie zog ihr eigenes Notizbuch hervor und schrieb den Titel von Sir Thomas Malorys Buch hinein, wobei sie die Buchstaben, die sie meinte, unter den Tintenflecken erkannt zu haben, unterstrich.

Anschließend wandte sie sich wieder der Schreibtischschublade zu. Mit wenig Hoffnung, darin etwas zu finden, zog sie den Schub langsam heraus und blickte gespannt hinein. Sie behielt recht damit, dass kein Gegenstand darin lag. Dennoch aber war die Lade nicht direkt leer. Auf den hölzernen Unterboden hatte irgendjemand mit Tinte eine Skizze gezeichnet, die Sarah nun verwirrt ansah. War das eine Karte? Wenn ja, hatte sich niemand die Mühe gemacht, sie zum besseren Verständnis mit Namen zu versehen.

Dort, die gestrichelte Linie könnte eine Grenze darstellen. Und der Strich, der sich in Schlangenlinien um sie herum bewegte war dann vielleicht ein Fluss? Sarah merkte schnell, dass sie mit dieser Karte nichts anfangen konnte. Dennoch wollte sie diesen Hinweis nicht einfach unbeachtet zurücklassen, also übertrug sie die Zeichnung so genau wie möglich in ihr Notizbuch und schloss anschließend die Schublade.

Zum Nachzeichnen der Karte hatte sie auf dem hölzernen Stuhl Platz genommen, der trotz seiner harten Sitzfläche erstaunlich bequem war. Nun blieb sie noch einen Augenblick lang sitzen und verinnerlichte die Atmosphäre, die in diesem kargen, dämmerigen Zimmer herrschte. War hier tatsächlich jemand gesessen, stundenlang vielleicht, um zu schreiben? Sarah schloss die Augen und rief sich den Notizzettel ihres Großvaters in Erinnerung, auf dem Malorys Buchtitel vermerkt war. Dort stand noch etwas anderes, sie sah es im Geiste direkt vor sich:

Theorie:

Arbeitsplatz eines Weltenschreibers, Malorys Muse?

Schöpferische Unterstützung bei Arthus-Saga?

Frage:

Warum die Hinweise auf diesen Ort in Coleridges Werk?

Nächster Schritt:

Malorys Darthur unter die Lupe nehmen

Sarah dachte angestrengt nach. Natürlich war sie diesem Hinweis nachgegangen. Unter den Büchern ihres Großvaters war sie auch auf Malorys Werk gestoßen und hatte es zweimal gründlich gelesen. Ihrer Meinung nach hätte das nicht nur aufgrund des ungewohnten Schreibstils Anerkennung verdient gehabt, sondern auch wegen der nicht allzu knapp bemessenen Seiten. Aber Fehlanzeige. Sie hatte keinerlei Hinweise in dem Buch gefunden. War es ihrem Großvater auch so ergangen? Hatte diese Spur ins Leere geführt? Auf seinem Notizzettel hatte er jedenfalls nichts weiter festgehalten.

Langsam erhob sich Sarah und ging zurück in Richtung der versteckten Tür, die sie in diesen Raum geführt hatte.

Ein letztes Mal wandte sie sich um und erfasste das ganze Zimmer in seiner klösterlichen und geheimnisvollen Kargheit mit einem nachdenklichen Blick. Der Arbeitsplatz eines Weltenschreibers? Was zum Teufel war ein Weltenschreiber? Und konnte wirklich irgendjemand in einem solchen Raum, der weit mehr Ähnlichkeit mit einer Gefängniszelle als mit einem Büro hatte, arbeiten?

Sarah verließ das Zimmer und schloss sorgfältig die Tür hinter sich. Sie verschwand vollständig im Muster der Tapete, während der Raum dahinter in der Vergangenheit verschwand.

Sarah blieb in Gedanken versunken stehen. Um sie herum war alles still. Es musste bereits später Abend sein, die Studenten waren sicherlich schon alle gegangen und die meisten Lehrkräfte ebenfalls. Sie hoffte nur, dass die Eingangstür so eingestellt war, dass man das Gebäude von innen jederzeit verlassen konnte, auch wenn man keinen Schlüssel besaß.

Kurz erwog sie, nach Hause zu gehen, aber die Aussicht auf eine leere unordentliche Wohnung war nicht besonders verlockend. Außerdem wusste sie, dass sie der Schlaf noch eine ganze Weile meiden würde.

Also – was blieb ihr dann? Wie von selbst setzte sie sich in Bewegung, ihre Schritte richteten sich auf das gewohnte Ziel: die Bibliothek. Als ihr bewusst wurde, wohin sie ging, folgte auch die nächste Erkenntnis.

Sie hatte im falschen Buch nach Hinweisen gesucht! Malorys Morte Darthur war zwar der richtige Titel, aber die Ausgabe ihres Großvaters konnte ihr nicht weiterhelfen. Auch Coleridges Gedicht hatte erst in der Bibliotheksausgabe seinen versteckten Inhalt preisgegeben. Was, wenn dies auch bei Malory der Fall war?

Sarah beschleunigte ihre Schritte und stand schon bald vor der Tür zur Bibliothek.

Verschlossen, natürlich! Die Bibliothekare waren längst in den verdienten Feierabend verschwunden. Aber Sarah hatte noch einen Trumpf im Ärmel. Während ihres Studiums hatte sie eine Zeitlang in der Bibliothek ausgeholfen und sich auf diese Weise ein bisschen Geld hinzuverdient. Den Schlüssel hätte sie danach eigentlich wieder abgeben sollen, aber irgendwie fand sie den Gedanken unerträglich, sich von einem Bibliotheksschlüssel trennen zu müssen. Deshalb hatte sie ihn vor der Rückgabe heimlich nachmachen lassen und die Kopie behalten. Vorgeblich als Andenken und weil sie das insgeheime Wissen genoss, jederzeit Zugang zu den Büchern zu haben. Tatsächlich gebraucht hatte sie den Schlüssel bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Sarah holte ihren Schlüsselbund aus der kleinen braunen Umhängetasche und suchte nach dem Objekt, das nun zu seinem ersten Einsatz kommen würde. Sie fand den Schlüssel und steckte ihn ins Schloss. Als sie ihn drehte und die Tür sich öffnen ließ, verspürte sie Erleichterung. Dieses Hindernis wäre überwunden.

Die Bibliothek war dunkel und Sarah brauchte einen Moment, um diesen ungewohnten Anblick mit der Bücherei in Einklang zu bringen, die sie bis ins Detail kannte. Das nächtliche Licht, das durch die großen Fenster drang, hüllte die in Regalen aufgereihten Bücher in einen gespenstisch schimmernden Mantel.

Für Sarah hatten Bücher von jeher etwas Lebendiges ausgestrahlt, versprachen sie doch ein Geheimnis, das sich in ihnen befand und gelesen werden wollte. In dem düsteren Licht, das nun von draußen hereinkam und ein Gemisch aus Mondschein und Straßenlaternen war, wirkten die Bücher jedoch mit einem Mal tot. Leblos. Verstaubt. Sarah hatte fast den Eindruck, in einer Gruft zu stehen und fuhr erschrocken zusammen, als der grelle Lichtkegel eines vorbeifahrenden Autos über die aufgereihten und gefangen gesetzten Bücher glitt.

Hektisch tastete Sarah nach dem Lichtschalter neben der Tür, um ihn zu betätigen und das Zimmer in helles Kunstlicht zu tauchen, doch im letzten Moment hielt sie irgendetwas davon ab. Vielleicht war es die Unrechtmäßigkeit ihres Handelns. Sarah hatte das Gefühl, als sollte sie sich auch dementsprechend benehmen und es tunlichst vermeiden, bei ihrem nächtlichen Ausflug ertappt zu werden.

Entschlossen drückte sie die Tür hinter sich zu und bahnte sich dann ihren Weg durch die spärlich erleuchtete Bibliothek. Sie wusste, wo sie fündig werden würde. Sie kannte den Raum, das Regal und das Fach.

Sarah nahm Malorys Morte Darthur und zog sich in eine Ecke des Raumes zurück, in der ein Schreibtisch stand. Sie knipste das kleine Leselicht an und setzte sich auf den unbequemen modernen Stuhl, während ihr ein anderes Bild noch allzu deutlich vor Augen stand – der grob gezimmerte Stuhl, der hölzerne Schreibtisch, der karge Raum.

Sarah holte ihr Notizbuch hervor und machte sich daran, das gesamte Werk durchzuarbeiten. Mit Erleichterung stellte sie fest, dass sie die richtige Ausgabe vor sich hatte. Und sie wusste nun auch bereits, wonach sie suchte: Die Hinweise waren auf genau dieselbe Art und Weise hervorgehoben wie in Coleridges Rime.

Als sie das Buch von vorne bis hinten durchgeblättert hatte, Seite für Seite, immer auf der Suche nach betonten Worten und Sätzen, ließ sich bereits leichtes Dämmerlicht durch die großen Fenster der Bibliothek fallen und verkündete den kommenden Tag. Sarah lehnte sich zurück und blickte lange Zeit auf die neun Abschnitte, die sie in Malorys Werk gefunden hatte.

Sie hatte die Teile zuerst in chronologischer Reihenfolge abgeschrieben, aber sie dann umgestellt, weil sie den Text so für verständlicher hielt.

For thy love I have left my country, ...

... the letters ... said in this wise: Never shall man take me hence, but only he by whose side I ought to ... be

Es war wie bei Coleridge. Ein Hilferuf? Eine Warnung? Irgendwer hatte mit einer zweiten Person sein Land verlassen und war nach Frankreich gekommen. Anscheinend gehörten die beiden zusammen. Keiner sonst sollte sich zwischen sie drängen. Sarah starrte den zweiten Abschnitt an. Er kam ihr seltsam vor. Fast schien es, als würde hier ein Gegenstand sprechen und kein Mensch. Aber wahrscheinlich lag das daran, dass sich derjenige, der diese Hinweise gelegt hatte, mit dem vorhandenen Text hatte begnügen müssen. Und dieser handelte nun einmal von einem Schwert.

... the land and water had flamed all of fire. ... the hot blood made all the sea red of his blood. ... thou art like to fight with some giant thyself, being horrible and abominable ... dreadful dream

Es war die Rede von einem bösen Traum, in dem vergossenes Blut eine Rolle spielte. Ein See, der sich von vergossenem Blut rot färbte... Sarah fühlte sich an das Bild erinnert, das sie erst zu dem verborgenen Raum geführt hatte. Ein Schiff, das über rosarote Wellen in einen rosaroten Sonnenuntergang fuhr. Und dann war da noch eine Warnung – an die Person, mit der er aus einem anderen Land gekommen war? Es hieß, dass ein Kampf gegen einen schrecklichen Riesen bevorstehen würde.

... he was almost out of his mind

... and then he unlaced his armour, and ... would go into the wilderness, and brast down the trees and boughs; ... And then was he naked ... And when he did any shrewd deed they would beat him with rods, and so they clipped him with shears and made him like a fool.

Der vierte Abschnitt ging Sarah besonders nahe. Jemandem wurde Gewalt angetan. So sehr, dass er darüber verrückt wurde.

... for now have ye lost him, for I saw and heard by his countenance that he is mad for ever. ... for now I wot well we have lost him for ever.

Dieser Absatz bestätigte nur ihre vorherige Schlussfolgerung. Derjenige, der um Hilfe rief, hatte durch die Folter seinen Verstand eingebüßt.

How nigh was I lost, and to have lost that I should never have gotten again, that was my virginity, for that may never be recovered after it is once lost.

... deadly sin ...

... the master fiend of hell, the which hath power above all devils ...

Seinen eigenen Angaben zufolge war der Hilfesuchende für immer verloren. Verloren auch deshalb, weil etwas zerstört worden war, was unantastbar hätte sein sollen. Irgendwer hatte eine Todsünde an ihm begangen. Vielleicht dieser Typ aus der Hölle, der als Herr über alle Teufel bezeichnet wurde?

... the soul departed from the body.

Seele und Körper desjenigen, der um Hilfe rief, trennten sich voneinander, alles war zu Ende.

... and there is the mad man. ... Take that naked man with fairness, and bring him to my castle. ... and there they bathed him, and washed him, and gave him hot suppings till they had brought him well to his remembrance; ... blessed be God ye have your life, and now I am sure ye shall be discovered ...

Sarah saß in der langsam hell werdenden Bibliothek und starrte auf den letzten Abschnitt, den sie in ihr Notizbuch übertragen hatte. Es schien, als hätte jemand den verrückt gewordenen Gefangenen gerettet, sich um ihn gekümmert und in Sicherheit gebracht. »... and now I am sure ye shall be discovered ...«

Sarahs Augen waren auf den letzten Satz gerichtet, aber ihr Blick ging ins Leere. Ein Hilferuf. Derjenige, der die Hinweise in den Büchern hinterlassen hatte, wollte gerettet werden.

War ihr Großvater zu demselben Schluss gekommen? Hatte er den Gefangenen gefunden? Oder war er selbst zum Gefangenen geworden? War das die wichtige Mission, auf die er sich begeben hatte und durch die er alles verlor – seine Familie, sein Zuhause, sein Leben? Und wenn ihr Großvater den Gefangenen nicht gefunden hatte, was war dann aus ihm geworden? Das Verschwinden ihres Großvaters lag dreißig Jahre zurück. So lange konnte doch wohl niemand darauf warten, dass er gefunden wurde? Und wer wusste schon, seit wann es diese Hinweise in den Büchern gab! Sarah runzelte die Stirn. Aber auf irgendetwas musste ihr Großvater gestoßen sein. Sonst wäre er doch wohl nicht so plötzlich verschwunden!

Als sie spürte, wie ihr Tränen der Verzweiflung in die Augen stiegen, brach sie ihre Gedankengänge ab. Sie war todmüde und saß am frühen Morgen unerlaubterweise in der Universitätsbibliothek. Das waren wirklich keine guten Voraussetzungen, um tiefgründige Schlussfolgerungen aus den bisherigen Anhaltspunkten zu ziehen.

Mit zitternder Hand knipste sie die kleine Leselampe, die sich vom langen Gebrauch bereits erhitzt hatte, aus und steckte ihr Notizbuch ein. Dann stellte sie Malorys Buch zurück ins Regal und verließ die Bibliothek. Sarah verschloss die Tür mit ihrem Schlüssel und machte sich auf den Weg nach Hause. Es war höchste Zeit für ein bisschen Schlaf. Morgen – oder später am Tag, berichtigte sie sich automatisch – würde sie weiter über die Hinweise nachdenken, auf die sie so unverhofft gestoßen war.

//Trostlosigkeit. Kein Ausweg, kein Entkommen. Alleine würde es niemals fort können. Zurück zu seinem anderen Ich. Zurück in die Freiheit. Freiheit ... das Wort enthielt einen hohlen Unterton, der erschreckend war. Es wurde Zeit, dass es sich irgendetwas einfallen ließ. Irgendeine Möglichkeit musste es doch geben, mit seinem anderen Ich in Kontakt zu treten. Es um Hilfe zu bitten. Hilfe ... die hatte es dringend nötig. Die Tage hier waren dunkel, angefüllt mit Schmerz und Leid. Es konnte bereits spüren, wie sein Wille schwächer wurde. Das Böse weitete seinen Einfluss aus. Das Böse fing an, es zu bezwingen.//

Kapitel 7

Als Dupoit seine Erzählung beendet hatte, war es früher Morgen gewesen; der Himmel vor dem Fenster hatte bereits ein zaghaftes Grau angenommen und Paris, das sowieso nie besonders tief schlief, erwachte im warmen Licht der Straßenlaternen. Der fremde Mann hatte sich auf dem Sofa ausgestreckt und war erstaunlich schnell eingeschlafen. Matthew hingegen hatte kaum Schlaf gefunden, zu aufgewühlt war sein Kopf von den Worten des seltsamen Gastes gewesen. Gegen neun hatte er es nicht mehr in seinem Bett ausgehalten und war ins Badezimmer gegangen.

Dupoit war kurz darauf erwacht und da Matthew nichts im Haus hatte, was für ein Frühstück geeignet gewesen wäre, hatte er ihm vorgeschlagen, gemeinsam ein kleines Café aufzusuchen, das nur ein paar Straßen entfernt lag. Es war seltsam gewesen, Dupoit dabei zu beobachten, wie er mit ihm auf dem Weg zum Café durch die schmalen Gassen gegangen war. Der Weg schien ihm vertraut zu sein, aber er hatte angespannt und etwas verloren gewirkt. Einmal war er deutlich zusammengezuckt, als ein Motorroller grell hupend an ihnen vorbei fuhr, ein anderes Mal, als eine Katze den Deckel einer Mülltonne umstieß und dieser scheppernd auf den Boden fiel.

Paris mochte eine pulsierende Metropole sein, aber auf der Terrasse des Cafés wirkte der Lärm der Autos weit entfernt. Eine kleine Gruppe junger Frauen, die schon ihre Sommerkleider aus dem Schrank befreit hatten, schlenderte lachend an ihnen vorbei und der Postbote ging gelassen von Haus zu Haus. Am Himmel hatten sich inzwischen graue Wolken versammelt, aber die Luft war immer noch angenehm warm.

Matthew hatte das Frühstück kaum wahrgenommen. Auch während der zweiten Tasse Kaffee war er sich noch nicht schlüssig, ob er Dupoits Geschichte glauben sollte oder überhaupt glauben konnte. Rational betrachtet war es natürlich unmöglich und klang wie die Handlung eines Buches, aber irgendetwas war an dem Fremden, das Matthew die Schilderung nicht einfach als Fantasie abtun ließ. Mehr noch, was Dupoit erzählt hatte, vielleicht auch die Art, wie er es erzählt hatte, der Blick in seinen Augen, die weit entfernt zu weilen schienen, hatte ihn seltsam erschüttert; fast so, als hätte eine Hand nach ihm gegriffen und, mit einem einzelnen ausgestreckten Finger, den innersten Kern seines Wesens berührt. Etwas hatte sich verändert, auch wenn er es vorerst nur wie einen leisen Windhauch spürte. Was auch immer es war, Vernunft spielte dabei ganz klar nur eine untergeordnete Rolle.

Glauben oder nicht, er würde dem Mann helfen, seine Familie zu finden, soviel stand für Matthew fest. Und wenn das bedeutete, sich einem Verrückten anzuschließen, war das nur umso besser. Hier war vielleicht das neue Leben, von dem ihm letzte Nacht klar geworden war, dass er es suchen müsse. Dann konnte er mit dem alten auch gleich richtig brechen.

»Ich würde vorschlagen, wir fangen ganz simpel mit dem Telefonbuch an«, sagte er, während er die Tasse zum Mund hob. »Und wenn das nicht hilft, können wir immer noch ein Internetcafé aufsuchen und sehen, ob sich da etwas findet.«

Dupoit sah ihn fragend an. »Entschuldigung, Sie möchten was aufsuchen?«

Matthew hätte sich fast an die Stirn gefasst, aber glücklicherweise fiel ihm die Tasse in seiner Hand noch rechtzeitig ein.

»Ein Computernetzwerk. Da findet sich wirklich ein ganzer Haufen an Informationen. Ich denke, wir sollten damit Glück haben.«

Dupoit nickte und schien sich für den Moment damit zufrieden zu geben, auch wenn er noch immer etwas ratlos aussah.

***

Wie viele Jahre braucht die schiere Stille des Kosmos, die Eintönigkeit der Leere, um einen Geist zu zermürben?

Er vollendet mit einem Strich ein Rechteck im Erdreich, steht auf und tritt einen Schritt zurück. Eine neue Seite unter vielen. Fein säuberlich hat er jeden Grashalm auf diesem Feld herausgezogen und es dann mit dutzenden Seiten gefüllt. Er schreibt auf den Knien vornübergebeugt und gibt den Buchstaben und Zeichen behutsam mit einem Zweig ihre Gestalt. Am Anfang waren es nur kurze Sätze, nicht mehr als zwölf Wörter, die er immer neu zusammensetzte. Nach der vierten Seite schrieb er einige einfache Rechnungen dazu. Dann zeichnete er Formen, erst Figuren, dann Körper. Inzwischen ist er bei der zweiundsiebzigsten Seite angelangt. Der Wind hat bereits Löcher in den ersten Seiten hinterlassen. Aber er hat Zeit; er kann sie später erneut füllen. Wie viel Zeit? Sicher nicht genug, um die ganze Bibliothek von Babel hier zu seinen Füßen in den Staub zu bannen.

Dann geschieht das unmöglich Geglaubte. Als er zu der Ruine blickt, sieht er eine lange Reihe aus fremdartigen Tieren, die ihn an Bisons erinnern und vor hölzerne Wagen gespannt sind. Und bei ihnen, teils zu Fuß, teils auf den Wagen oder Pferden sitzend, sind Menschen.

Nachdem der erste Schock verflogen ist, möchte er rufen, aber der staubige Wind hat seine Stimme längst in Sand verwandelt.

***

Die Suche im Telefonbuch hatte nichts ergeben; nirgends hatte sich der Name Dupoit gefunden. Sie hatten es mit dem Mädchennamen von Dupoits Ehefrau versucht, aber auch eine Marie Martin war nicht verzeichnet gewesen.

Der Weg ins Internetcafé erschien Matthew vielversprechender. Als sie durch die Tür in den modernen Raum traten, der so gar nicht zu der Fassade des alten Gebäudes passte, war Dupoits Erstaunen angesichts der vielen glänzenden Flachbildmonitore und blau leuchtenden Rechner nicht zu übersehen. Von den knapp zwanzig Plätzen waren nur die drei besetzt, die direkt an dem großen Schaufenster lagen. Auf der Theke neben der Tür blubberte eine altmodische Kaffeemaschine vor sich hin und aus den kleinen Lautsprechern an der Decke drang getragener, ruhiger Trip Hop.

Die Angestellte, eine junge Frau Anfang zwanzig, wies ihnen einen Computer in der hintersten Ecke des Raumes zu. Dort würden sie wenigstens ungestört sein. Matthew bestellte zwei Tassen Kaffee und sie nahmen Platz.

Als er den Browser geöffnet hatte und die Startseite erschien, entfuhr Dupoit ein leises Pfeifen. »Ein Freund von mir hatte in seinem Büro einen Heimcomputer, mit einer klobigen grauen Tastatur und so einem Gerät, mit dem er die Daten auf Kassetten sichern konnte. Aber das hier...«

Matthew musste lächeln. Er erinnerte sich noch gut an den vorsintflutlichen Computer seines Vaters.

Er versuchte mehrere Schlagwörter, aber er konnte Dupoits Ehefrau nicht finden. Die wenigen Personen dieses Namens entdeckte er allesamt mit Bild, und keine passte von ihrem Alter her. Auch die Suche nach seiner Tochter Michelle brachte keine brauchbaren Ergebnisse, aber das verwunderte ihn nicht allzu sehr. Nach dreißig Jahren war anzunehmen, dass sie verheiratet war und dabei vielleicht ihren Familiennamen abgelegt hatte.

»Was nun?«, fragte Matthew mehr zu sich selbst. »Wir könnten Ihre alte Wohnung aufsuchen und die Nachbarn fragen. Vielleicht lebt ja noch jemand dort, den Sie kennen.«

Dupoit schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist. Ich denke nicht, dass ich denen erklären könnte, wo ich die letzten Jahrzehnte war.« Dann hob er abrupt den Kopf. »Aber Sie könnten doch hingehen, Matthew. Wenn Sie denen erzählen, Sie seien hier, um nach meiner Frau zu forschen wegen ... einer Erbschaft oder so etwas. Sie müssten sie ausfindig machen. Das wäre wirklich nicht allzu auffällig.«

Matthew nickte. Das könnte tatsächlich klappen. In dem Augenblick kam ihm jedoch noch ein anderer Gedanke. »Wenn Sie damals so plötzlich verschwunden sind, wird es doch sicherlich eine Vermisstenmeldung gegeben haben. Dann sollten wir auch in der Presse etwas finden.«

»Ja, das wäre natürlich möglich«, antwortete Dupoit. »Die Bibliothèque nationale hat Zeitungen auf Mikrofilm archiviert, da könnten wir es versuchen.« Er lachte kurz. »Daran wird sich ja hoffentlich nichts geändert haben.«

Über die Suche hatten sie nicht gemerkt, wie schnell die Zeit vorangeschritten war. Die Uhr des Computers zeigte bereits eins an und draußen begann es zu regnen, erst langsam, dann prasselten die Tropfen immer lauter gegen die Scheibe.

Matthew lehnte sich zurück und nahm einen Schluck Kaffee. Es war bereits die dritte Tasse, die er hier bestellt hatte. »Wir können es auch erstmal hier versuchen«, sagte er und blickte aus dem Fenster. »Ich glaube Le Mercure hat ein Archiv, das vollständig über das Internet zugänglich ist.«

»Natürlich«, sagte Dupoit grinsend, »Zeitungen kann man mit diesem Ding auch noch lesen.«

Kapitel 8

Als Sarah die Tür zu ihrer Wohnung aufsperrte, war sie so müde, dass sie mehrere Anläufe brauchte, bis sie das Schloss endlich aufbekam. Sie wankte in den Flur, warf die Haustür mit einem lauten Knall, der ihr selbst nur gedämpft bewusst wurde, hinter sich zu und begab sich ohne weitere Umstände in ihr Schlafzimmer. Es hatte keinen Zweck, sich in ihrem Zustand noch weitere Gedanken zu machen. Erst einmal brauchte sie ein wenig Schlaf. Im letzten Moment dachte sie daran, sich ihren Wecker zu stellen, um nicht den ganzen Tag zu verschlafen und dann vollends die Tage und Nächte durcheinanderzubringen. Vier Stunden Schlaf sollten genügen. Dann würde sie sicher irgendwie bis zum Abend durchhalten und sich anschließend zu einer normalen Uhrzeit schlafen legen können.

Als der Wecker Sarah nach vier Stunden aus einem traumlosen Schlaf riss, überdachte sie griesgrämig ihre zuvor so vernünftig klingende Entscheidung. Hätte sie nicht einfach den ganzen Tag verschlafen und dafür die nächste Nacht durcharbeiten können? Es fiel ihr überraschend schwer, aufzustehen, um sich mit diesem neuen Tag abzugeben, aber sie riss sich zusammen und quälte sich stöhnend aus dem Bett – nichts, was eine ausgiebige Dusche und eine heiße Tasse schwarzer Kaffee nicht wieder in Ordnung bringen könnten!

Eine halbe Stunde später stand Sarah barfuß und mit nassen Haaren, nur eingehüllt in ihren abgetragenen dunkelgrünen Bademantel, vor den Notizen ihres Großvaters. In der Hand hielt sie eine dampfende Tasse Kaffee, dessen wohltuender Duft schon ausreichte, damit ihre Lebensgeister, nun ja, zumindest die Nasen unter der Bettdecke hervorstreckten.

Sarahs Blick hing an dem ersten Zettel, auf dem genau die Sätze standen, die sie in dem kleinen versteckten Raum inmitten der Universität so deutlich vor sich gesehen hatte. Die junge Frau nahm einen vorsichtigen Schluck von dem heißen Kaffee und wandte sich der nächsten Notiz zu.

Weltenschreiber sind alles,

stand dort in der Schrift ihres Großvaters,

- die Muse, der Wind, der die Harfe spielt, das innere Auge,

der Traum, die Eingebung.

Aber sie sind noch mehr. Sie schreiben selbst.

Über Gefühle, Gegebenheiten, Gespräche, Gedanken.

Es scheint, als würden sie schreibend das Schicksal

beeinflussen.

Zum Guten oder zum Schlechten?

Sarah las die Worte, die sie schon so oft gelesen hatte. Sie waren der Grund dafür, dass sie sich mit solch langweiligen Büchern wie der Biographie von Lizzy Körner herumschlug. Nicht, dass die ihr irgendwie weiter geholfen hätte. Aber die Frau war nun einmal der festen Überzeugung, dass irgendjemand ihr Schicksal bestimmte. Und Sarah – auf der Suche nach den Weltenschreibern, die ihr Großvater in seinen Notizen erwähnte – fühlte sich bemüßigt, der Sache nachzugehen. Diese Frau hatte demjenigen, der angeblich ihr gesamtes Leben lenkte, sogar einen Namen gegeben: Clifford. Sarah grinste belustigt. Als hätte eine Muse, ein Weltenschreiber, solch einen gewöhnlichen Namen!

Sie nippte erneut an ihrem Kaffee und blieb vor der Notiz stehen, während sich ihre Gedanken verselbständigten. Das, was ihr Großvater da aufgeschrieben hatte, brachte sie nicht weiter. Gut, sie hatte jetzt eine ungefähre Ahnung von dem, was ein Weltenschreiber vielleicht war. Na ja, auch das war schon übertrieben. Sie wusste ja nicht einmal, ob hier überhaupt noch von einem Menschen die Rede war. Vielleicht war das Ganze auch eine unsichtbare Macht, eine Droge, ein Außerirdischer?

Sarah seufzte. Sie kam einfach nicht weiter. Und dieses Mal fiel es ihr leicht, sich einzugestehen, dass das auch vorher bereits der Fall gewesen war. Die Notizen ihres Großvaters hatten vor einem halben Jahr ihr Interesse geweckt und ihr die Hoffnung vermittelt, sie könnte vielleicht herausfinden, was aus ihm geworden war. Was ihm zugestoßen war. Aber – Fehlanzeige!

Erst während der vergangenen Nacht war sie zufällig auf etwas gestoßen, das sie tatsächlich einen Schritt weitergebracht hatte. Und das – ganz nebenbei – neue Fragen aufgeworfen hatte. Was war das für eine Karte, die sie in dem kleinen versteckten Raum abgemalt hatte? Wo kam dieser Raum überhaupt auf einmal her? Wer hatte ihn genutzt? Und wer hatte in den Bibliotheksbüchern Hinweise darauf hinterlassen, was mit ihm geschehen war? Was wollte er damit bezwecken? Dass man ihn fand? Aber einen Hinweis auf den Verbleib des Gefangenen hatte Sarah beim besten Willen nicht entdecken können!

Wieder entrang sich ein Seufzer ihrer Brust. Sie nahm einen weiteren Schluck von dem Kaffee und verzog angewidert das Gesicht. Großartig! Jetzt hatte sie bei all den Überlegungen ihren Kaffee kalt werden lassen! Sie stand vor den Notizzetteln ihres Großvaters und spürte, wie die Sinnlosigkeit ihrer Überlegungen sie zu übermannen drohte. So kam sie nicht weiter! Sie würde sich anziehen und einen Spaziergang machen. Vielleicht konnte sie so wieder Ordnung in ihre Gedanken bringen!

Sarah verließ das Haus und wandte sich in Richtung des kleinen Parks, der in der Nähe ihrer Wohnung für ein bisschen Grün inmitten der Pariser Innenstadt sorgte. Der Tag war grau. Gegen ein Uhr hatte es geregnet und nun wehte ein ungemütlicher Wind, den Sarah insgeheim begrüßte, da er dafür sorgte, dass sie den kleinen Park fast für sich hatte.

Im geschäftigen Pariser Treiben fristete die unscheinbare grüne Oase ein Schattendasein. Sarah aber war das egal. Ihre Fantasie reichte aus, um sich aus dem kleinen Park einen natürlichen Rückzugsort zu basteln, in dem sie zusammen mit ihren Gedanken frei sein konnte. Den sie jetzt brauchte, um wieder mit ihren belastenden Überlegungen ins Reine zu kommen. So wurde aus dem lärmenden Verkehr, der sich mühsam unter der Brücke hindurchbewegte, die Sarah passieren musste, um in den Park zu gelangen, ein rauschender, lebendiger Fluss.

Tief in Gedanken versunken überquerte die junge Frau den Fluss, der sich gnadenlos durch den pulsierenden Pariser Tag schlängelte, mithilfe der massiven Steinbrücke, die sich aufrecht über dem sich windenden Wasser hielt.

Sarah musterte geistesabwesend den wolkenverhangenen Himmel. Obwohl noch nicht spät, schaffte es der grau bedeckte Tag, einen abendlichen Eindruck zu vermitteln.

Sie betrat den Park. Ihr Blick wanderte über das hohe Gras, das den Fußweg zu beiden Seiten umgab. Obwohl erst Juni, war es kein frisches, helles Grün mehr. Diese Wiesen waren bereits einige Male abgemäht worden und hatten sich jedes Mal aufs Neue mühsam wieder aufrichten müssen. Ihre Erschöpfung und Verärgerung ob dieser Ungerechtigkeit des Lebens sah man den dunkelgrünen und braunen Gräsern an.

Sarahs Gedanken spiegelten die grau verhangene und untätige Müdigkeit des Tages wider. Sie kämpfte innerlich mit dem dritten Notizzettel ihres Großvaters. Zuerst hatte sie den gar nicht aufhängen wollen. Aber irgendwie hatte sie doch das Bedürfnis dazu verspürt. Er gehörte nun einmal dazu. Genau wie die ersten beiden Blätter die kuriosen, zeitraubenden Studien ihres Großvaters wiedergaben, die Suche nach dem Gefangenen und die Frage nach der Existenz der Weltenschreiber, drückte der dritte Zettel das aus, was ihrem Großvater durch seine Studien verloren ging. Nein, berichtigte sich Sarah insgeheim, es ging ihm nicht verloren. Es war ganz allein seine Entscheidung gewesen. Er hatte sich dazu entschlossen, auf seine Familie, sein Leben, zu verzichten. Ihr, seiner Enkelin, hatte dieses dritte Blatt die meisten Schwierigkeiten bereitet. Denn es hatte die Frage aufgeworfen, was ihr Großvater eigentlich für ein Mensch gewesen war. Eigentlich war es erst dieses dritte Papier gewesen, das Sarah dazu verleitet hatte, die Zettel aus dem Archiv der Universitätsbibliothek zu entwenden und mit der Suche nach ihrem Großvater zu beginnen. Dabei standen auf dem Blatt Papier nur drei Worte:

Liebe Marie, verzeih.

Sarah hatte die Zettel zu spät gefunden. Ihre Großmutter war vor fünf Jahren gestorben und konnte ihrem Mann nicht mehr verzeihen. Ob sie dazu überhaupt in der Lage gewesen wäre, wusste Sarah nicht. Aber sie selbst, mit ihrer Distanz zu den Geschehnissen in der Vergangenheit, mit ihrer Sehnsucht nach einem Menschen, der ihr ähnlich war und der sie verstand, hatte beschlossen, ihrem Großvater zu verzeihen. Und ihn zu suchen.

Unversehens sah sich Sarah aus ihrer Gedankenwelt gerissen. Die hohen Gräser, die sie blicklos angestarrt hatte, erwachten so plötzlich zum Leben, dass ihre ahnungslose Beobachterin erschrocken zusammenfuhr. Ein Flügelpaar, dann das nächste. Und auf einmal hatten sich wie auf Kommando hunderte Vögel aus dem hohen Gras erhoben und flatterten wie eine einzige riesige Wolke aus kleinen befiederten Körpern über das Land. Zogen kreischend ein paar Kreise und landeten in wortloser Übereinkunft nur ein paar Meter von ihrem vorherigen Startplatz entfernt.

Sie verschwanden so plötzlich zwischen den grünen Halmen, wie sie zuvor aufgetaucht waren. Sarah stand da und starrte auf die nun wieder leblos daliegende Landschaft – den Fußweg gesäumt von braun-grünen Frühsommerwiesen.

Aber sie ließ sich nun nicht mehr täuschen. Der ihr gegönnte Blick hinter die Kulissen hatte ihr gezeigt, dass diese Landschaft keineswegs so leblos war, wie sie es den eilig vorbeigehenden Menschen weismachen wollte. Nichts war so, wie es schien.

Als Sarah in ihre Wohnung zurückkehrte, hatte sie zwar noch immer keine Ahnung, wie ihre Suche weitergehen sollte, aber sie hatte ihre Gedanken wieder unter Kontrolle. Und sie war vernünftig genug, mit sich selbst einen Kompromiss zu schließen. Nach den Hinweisen der vergangenen Nacht würde sie die Suche nach ihrem Großvater doch noch nicht aufgeben. Aber sich selbst aufgeben würde sie auch nicht. Sie wollte, dass ihr Leben wieder in geordneten Bahnen verlief. Sie musste sich darüber klar werden, wie ihre Zukunft aussehen sollte. Welcher Arbeit sie nachgehen wollte. Was sie dann in ihrer Freizeit trieb, war allein ihre Sache. Und wenn sie – statt joggen zu gehen oder sich mit Freunden auf ein Eis zu treffen – lieber in alten Büchern seltsamen Hinweisen über den Verbleib ihres Großvaters nachjagte, dann war das ihre Entscheidung und ging niemanden etwas an.

Zufrieden mit sich selbst und ihrem vernünftigen Kompromiss, machte sich Sarah sogar daran, die Küche in ihrer kleinen Mansardenwohnung aufzuräumen. Sie war gerade dabei, ein paar überaus unappetitliche Essensreste zu entsorgen, als es an ihrer Wohnungstür klingelte.

//Es hatte einen Weg gefunden. Zumindest glaubte es das. Sein Geist war nicht mehr so zuverlässig wie einst. Dinge, Gefühle, Worte die es gestern noch kannte, hatte es heute vergessen. Alles floss ineinander, vermischte sich und trennte sich anders, als es ursprünglich gewesen war. Worte verbanden sich, die nichts miteinander zu tun hatten. Sätze tauschten ihren Platz ohne Rücksicht auf den sich dadurch verändernden Inhalt zu nehmen. Schwierig, in einem solchen Zustand seine Sinne beisammen zu halten und nach einer Möglichkeit zu suchen, mit der Außenwelt Kontakt aufzunehmen. Schwierig. Aber nun hatte es einen Weg gefunden. Zumindest glaubte es das.//

Kapitel 9

Sie brauchten mehr Zeit für die Suche im Archiv, als Matthew erwartet hatte. Anscheinend hatte ein André Dupoit mehrere Jahre für Le Mercure geschrieben und sie mussten sich durch dutzende Seiten arbeiten, auf denen seine Artikel als Ergebnis angezeigt wurden.

Der Regen hatte inzwischen an Kraft verloren und sich in ein sanftes Nieseln verwandelt. Dafür vertrieb jetzt ein kalter Wind auch die letzten Passanten aus den engen Gassen. Matthew und Monsieur Dupoit saßen alleine in dem Café. Die junge Frau hinter dem Tresen war in ein Buch vertieft und sah höchstens auf, um nach einem Keks aus der Packung neben ihr zu greifen.

Auf Seite 72 angekommen, fanden sie endlich, wonach sie suchten. Matthew führte den Mauszeiger über das Suchergebnis und es erschien ein kurzer Text vom 17. Juni 1982. Eine Vermisstenmeldung der Polizei, erst fünf Wochen nach Dupoits Verschwinden gedruckt, die aber keinerlei Hinweis auf seine Familie enthielt.

Dupoit seufzte und rieb sich die Augen, unter denen sich dunkle Schatten abzeichneten.

»Ich habe damals nicht einmal realisiert, dass sie auszogen, so vertieft war ich in meine Suche.« Er deutete auf den Bildschirm. »Denken Sie, dass wir noch etwas anderes finden können? Einen weiteren Artikel aus einer späteren Ausgabe vielleicht?«

Matthew hatte eigentlich längst die Hoffnung aufgegeben, aber ihnen blieb im Grunde nichts anderes übrig. Er blätterte weiter durch die Seiten. Zumindest im Moment mangelte es ihm an weiteren Ideen, was er auf die Müdigkeit schob. Wie lange hatte er nicht mehr richtig entspannt geschlafen? Zwei Monate? Sein Schlaf war schon seit geraumer Zeit nur noch ein unruhiges Dösen, durchsetzt mit wirren Träumen. Wenn er im Bett lag und durch das Fenster in den Nachthimmel blickte, spürte er oft, wie er rasch in Richtung Schlaf sank, manchmal so schnell, dass er das Gefühl hatte zu fallen. An der Schwelle des Schlafes trieben dann seltsame Gedanken durch seinen Geist, so schwer zu fassen wie Bilder im Augenwinkel. Sie schienen so lange ganz natürlich und vollkommen logisch zu sein, bis er versuchte, sich auf sie zu konzentrieren; dann zerplatzten sie und er blieb verwirrt zurück. Verwirrt, aber wieder hellwach. Wann hatte das angefangen?

Und dann wurde Matthews Aufmerksamkeit schlagartig wieder auf den Bildschirm gelenkt, auf dem eine Meldung von vor fünf Jahren erschienen war. Er spürte sein Herz im Hals pulsieren und die Finger seiner rechten Hand umklammerten die Maus unwillkürlich fester. Das Geräusch des Regens verstummte mit einem Mal für seine Ohren, aber der Wind schien nun umso lauter zu sein. Er hatte eine Traueranzeige für Marie Dupoit gefunden.

Matthew starrte eine gefühlte Ewigkeit ungläubig auf die Buchstaben. Dann blickte er nach rechts, aber Dupoit war bereits aufgestanden. Als er an der teilnahmslosen Frau vorbei zur Tür hinausging, stützte er sich kurz an einem der Tische ab.

Matthew wollte schon aufspringen, blickte aber nochmal auf die Anzeige (geliebte Schwester und Mutter) und dann sah er ihn, den Hinweis, den sie brauchten inmitten dieser furchtbaren Nachricht. Dupoit hatte erwähnt, dass seine Tochter Michelle hieß. Michelle Leconte mit Sarah. In Windeseile öffnete er ein neues Fenster, tippte eine kurze Suche ein und schrieb ein paar Wörter auf einen hastig aus seiner Tasche gekramten Zettel. Dann klemmte er sich seine Tasche unter den Arm, warf der jungen Frau auf dem Weg zur Tür einen Geldschein auf den Tresen und eilte auf die Straße hinaus.

***

»Wer einen Weg hinein findet, kommt auch wieder hinaus«, sagt die Frau und lacht. Sie zieht kräftig an dem Schlauch ihrer Wasserpfeife, aber das Gurgeln des Wassers geht in dem Stimmenorchester, das aus dem großen Zelt dringt, unter. Sie öffnet ihre dunklen Augen und lässt milde lächelnd Nebelschwaden aus ihrem Mund in die warme Nachtluft aufsteigen. Über dem sandigen Marktplatz hängt träge der Vollmond am Himmel. Dupoit rutscht tiefer in die Kissen und fühlt, wie seine Augen schwer werden. Sein Bauch ist prall gefüllt mit den fremdartigsten und wohlschmeckendsten Gerichten, die er in seinem Leben gekostet hat. Neben ihm steht eine halb geleerte Karaffe Wasser und in seiner Hand liegt kühl eine Flasche Wein. Er hat Essen in all der Zeit, die er auf seinem Hügel festsaß, vermisst, aber erst jetzt, nach der ersten Mahlzeit, wird ihm klar, wie sehr es ihm gefehlt hat.

Der Anführer der Karawane hat ihn zu Melinda gebracht; hier soll er Antworten finden. Die Fremde scheint noch jung zu sein, höchstens in den frühen Zwanzigern. Unter einem farbenreichen Kopftuch fallen dunkle Locken bis auf ihre Schultern, die nur ansatzweise von ihrem ebenso bunten Kleid bedeckt werden. Sie ließ ihn erst ausgiebig von den aufgetischten Speisen kosten – »Ich sehe den Hunger in deinen Augen, und Hunger ist ein schlechter Gesprächspartner« – bevor die Unterhaltung begann. Melinda hörte schweigend zu und bereitete ihre Pfeife vor, während er erzählte. Jetzt, da er fertig ist, fühlt er sich müde und schwer. Der Lärm tritt zunehmend in den Hintergrund und Dupoit glaubt, langsam durch die Nacht zu treiben. Melindas leise Stimme jedoch dringt klar verständlich durch den Schleier. Sie spricht Französisch, aber es scheint ihm mit einem leichten Akzent, den er nicht klar ausmachen kann.

»Wer einen Weg hinein findet ... Aber wo lag dein Weg?« Melinda schüttelt kaum merklich den Kopf. »Du bist keiner der indigènes, aber du hast auch keine Verbindung zur Gilde, so viel ist klar.« Sie lächelt wieder. »Ein verirrter Wanderer; und dann auch noch im wahrhaft verlassensten Teil dieser Welt gestrandet.«

Als Dupoit spricht, kommt ihm seine eigene Stimme seltsam unwirklich vor. »Wenn Custodio mich nicht mit seiner Karawane gefunden hätte, wäre ich auf diesem Hügel gestorben.«

»Ja, möglich. Aber so wie die Zeit hier rinnt, hätte das noch eine Weile gedauert. Dir wäre es sicherlich wie zweihundert Jahre vorgekommen.« Für einen Augenblick werden ihre Augen ernst. »Manche Dinge hier können einem den Verstand rauben, und es müssen nicht immer bösartige sein. Der zähe Fluss der Zeit reicht vollkommen aus.« Das Lächeln kehrt langsam zurück auf ihre Lippen. »Das ist wahrscheinlich am schwersten, wenn man hier ankommt. Der größte Unterschied zu unserer Welt.«

Er nimmt einen tiefen Schluck aus der Flasche. Der süße Wein fühlt sich angenehm warm in seiner Kehle an. »Bist du auch von der...« Er will Erde sagen und kommt sich noch im selben Moment vollkommen idiotisch vor.

Melinda lacht. »Limoges. Allerdings wurde ich in Budapest geboren. Meine Eltern und ich wanderten erst aus, als ich zwölf war.« Sie zieht an der Pfeife. »Das war 1907. Ich habe mich ganz gut gehalten, findest du nicht?«, fügt sie zwinkernd hinzu.

Dupoit nickt schläfrig. Speisen und Wein fordern ihren Tribut am Ende dieses Tages und er sinkt noch etwas tiefer in die Kissen. Seine Augen schließen sich und auf den letzten Schritten Richtung Schlaf hört er Melindas Stimme aus der Ferne.

»Es gibt immer einen Weg hinaus.«

Sein Kopf senkt sich auf seine Brust. Der Platz, das Zelt, der Lärm in der Nacht schleichen sich aus seinem Bewusstsein.

»Wir müssen dir nur zuerst eine Karte finden.«

Kapitel 10

Matthew wartete abseits auf dem Weg. Er hatte den Kragen seiner Jacke hochgeschlagen, um sich wenigstens etwas vor dem schwachen aber stetigen kühlen Wind zu schützen, der unter dem wolkenverhangenen Himmel in den Bäumen flüsterte. Dupoit stand seit einer Stunde am Grab seiner Frau auf dem Cimetière de Montmartre. Ohne ein Wort hatte er den Weg dahin gefunden. Die Kälte schien er nicht einmal wahrzunehmen und Matthew wollte ihn nicht aus seiner Trauer reißen.

In seiner Hand hielt er den Zettel, auf dem er den Namen von Dupoits – wie er annahm – Enkeltochter notiert hatte. Sie war die einzige ihres Namens im Telefonbuch gewesen und er hatte eilig ihre Nummer und Adresse neben den Namen gekritzelt, bevor er seinem neuen Begleiter gefolgt war. Wie würde sie wohl reagieren, wenn ihr Großvater, der ohne eine Nachricht aus dem Leben ihrer Familie – aus der Welt – verschwunden war, plötzlich vor ihr stand? Sicherlich kannte sie sein Gesicht von alten Fotografien, also würde sie ihn zumindest nicht voreilig als Verrückten abtun. Aber dann?

Der Regen hatte die Luft merklich abgekühlt und der Wind tat sein Übriges, damit sich Matthews Finger wie Eiszapfen anfühlten. Sein Kopf schmerzte. Er wünschte sich sehnlichst einen warmen Kaffee und etwas zu essen. Der Gedanke erschien ihm ziemlich pietätlos angesichts der Vorstellung, vor welcher Leere Dupoit jetzt stand. Kurz dachte er daran, die Nummer auf dem Zettel anzurufen, nur um zu sehen, ob die Frau überhaupt zu Hause war. Er könnte dann immer noch behaupten, er habe sich nur verwählt.

In diese Gedanken brach unvermittelt Dupoits Stimme.

»Ich denke, wir können jetzt gehen. Ich habe ihr gesagt, was notwendig war.«

Sie hatten auf dem Weg zum Friedhof geschwiegen und Matthew erzählte ihm jetzt, was er herausgefunden hatte. Dupoit hörte ihm ruhig zu und die geröteten Augen musterten den Zettel in Matthews Hand aufmerksam. Dann nickte er. Sie hatten ein neues Ziel.

Sie wählten den Weg in Richtung des westlichen Ausgangs.

»Am besten wir nehmen ein Taxi«, sagte Matthew nach ein paar Minuten, um die Stille zu brechen. »Die Straße, in der sie wohnt, liegt ein ganzes Stück südlich von hier, auf der anderen Seite der Seine.«

Dupoit war ernsthaft erstaunt und konnte sich auch ein Lächeln nicht verkneifen. »Offensichtlich kennen Sie als Engländer die Pariser Straßen besser als ich. Und Sie haben sicher nicht mal als Taxifahrer gearbeitet?«

Matthew lachte. Seiner Meinung nach hatte er diesem Mann aus einer anderen Zeit mit den Wundern des Internets schon genug Zukunft für einen Tag zugemutet. Von Mobiltelefonen würde er ihm ein anderes Mal erzählen.

***

Während er den Hügel hinaufgeht, umklammert er das dünne Buch mit seiner rechten Hand. Obwohl der Mond nicht am Himmel steht, leuchtet der weiße Schotterweg hell zwischen den Gräsern, die sich im Wind wiegen. Der Hügel ist nicht sehr steil aber langgezogen, und er spürt den Schmerz in seinen Beinen. Beinahe zwei Wochen ist er nun schon zu Fuß unterwegs. Seine Begleiter hatten ihn mit ihrem Pferdewagen bis zu einer kleinen Zeltsiedlung an einem Fluss gebracht, aber es gab keine Brücke über das tiefe Wasser und er musste in einem morschen Boot übersetzen und den Rest des Weges alleine antreten. Vor drei Tagen hat er seinen letzten Proviant verbraucht und in seinem Magen tut sich wieder diese nagende Leere auf, die ihn in all den Jahren auf der Anhöhe begleitet hat. Aber er weiß, dass das Ziel jetzt ganz nahe ist.

Die Sterne funkeln kalt in der klaren Nachtluft, als er endlich den höchsten Punkt erreicht. Vornübergebeugt, die Hände auf die Oberschenkel gestützt, atmet er einen Augenblick lang tief durch und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Dann lässt er seinen Blick über die weite Ebene unter ihm gleiten.

Er stellt sich wieder aufrecht hin und öffnet das Kartenbuch auf der vorletzten Seite. Ja, er ist am richtigen Ort, daran hat er keinen Zweifel. In der Ebene, vielleicht fünfhundert Meter entfernt, erkennt er die drei Bäume. Weit ab zu seiner Linken schlängelt sich der Fluss aus Richtung des Gebirges im Norden kommend; auf einer kleinen Insel im Wasser sieht er einen schwarzen Obelisken stehen.

Er hebt das Buch und fährt die Linien auf der vergilbten Seite mit seinem Finger nach. Obelisk, Fluss, Bäume. Die ersten zweiunddreißig Seiten des Buches sind alt und fleckig, aber bestehen eindeutig aus Papier. Nicht so dieses letzte Blatt. Es ist Pergament. Vielleicht hat jemand es zugeschnitten, um es der Größe der anderen Blätter anzupassen, aber Dupoit ist überzeugt, dass es genau andersherum ist, dass vielmehr die anderen Seiten angepasst wurden, dass das Buch in seiner Gesamtheit gewissermaßen um dieses Pergament herum gebaut wurde. Sein Finger bleibt in der Mitte der Seite stehen. Hier ist der Hügel verzeichnet und im Zentrum des Kreises formen die Buchstaben in einer ungleichmäßigen Capitalis Quadrata ein Wort: Lutetia. Darunter hat ein anderer Schreiber in einer schwungvollen, fließenden Kursive eine Anmerkung gesetzt: La Ville Lumière. Dupoit erinnert sich, dass dieser Name jung ist, noch keine zweihundert Jahre alt. Gemessen an dieser Welt kann es noch nicht lange her sein, dass jemand diese Wörter hinzugefügt hat. Wessen Buch hält er hier?

Er hebt den Kopf und blickt noch einmal über die Ebene unter ihm. Seine Finger zittern, als er nach der Ecke der Seite greift, um sie umzublättern. In dem Augenblick, als er das raue Pergament anhebt, frischt der Wind plötzlich auf, und als er halb umgeblättert hat, nimmt er ein dumpfes Grollen wahr. Durch das Grasland unter ihm scheint eine Welle zu laufen, das Land hebt sich und mit einem Mal bricht die Welt vor ihm einfach weg und fällt in die Tiefe. Erstarrt steht Dupoit auf der Kuppe eines nur noch halben Hügels und betrachtet zwischen seinen Füßen hindurch den Sternenhimmel unter ihm.

Aber es verändert sich auch der Boden, der ihm noch geblieben ist. Das Gras und der weiße Stein des Weges werden dunkler und verfärben sich braun, so als ob unter ihnen eine Flamme brennt. Feine Risse durchziehen die Erde zwischen den Halmen. Als wieder das tiefe Grollen ertönt, wie von einem nahenden Gewitter, überkommt ihn Furcht. Aber dann versteht er, was hier passiert. Die eben noch frische Nachtluft nimmt einen vertrauten Geruch an – den Geruch alter Bücher, wie er ihn aus den hintersten Regalen unzähliger Bibliotheken kennt.

Es ist das Pergament. Ich stehe auf dem Pergament.

In diesem Augenblick ist er überzeugt, dass er den richtigen Weg eingeschlagen hat. Bald wird er zu Hause sein.

Wieder blickt er nach unten, als sich der Boden in einer rollenden Bewegung hebt und ihn in einem weiten Bogen von der Seite wirft, kopfüber in das Firmament taumelnd.

Kapitel 11

Sarah stand in ihrer kleinen Küche und lauschte dem ungewohnten Klang der Türglocke hinterher. In der einen Hand hielt sie eine Mülltüte und in der anderen einen großen weißen Teller, den sie gerade erst von einigen undefinierbaren Überbleibseln befreit hatte. Das helle Geräusch war längst verklungen, aber Sarah brauchte einen Moment, um überhaupt zu begreifen, wo der Ton hergekommen war. Dass sie jemand in ihrer Wohnung besucht hatte, war schon sehr lange her. Ein Leben lang. Sarah seufzte und stellte Mülltüte und Teller beiseite. Dann würde sie eben mal nachsehen, wer da aus einer anderen Zeit vor ihrer Tür auftauchte.

Auf ihrem Weg durch den Flur ertönte die Türklingel ein zweites Mal. Sarah zuckte unwillkürlich zusammen. So laut war das nervige Ding also, wenn man direkt davorstand! Um einer weiteren Ruhestörung zuvorzukommen, legte sie die letzten beiden Schritte schneller zurück und riss die Wohnungstür auf, ohne weiter über die ungewöhnliche Einmischung in ihr Einsiedlerdasein nachzudenken.

Vor der Tür stand eine kleine ältere Dame, eingehüllt in einen dunkelbraunen Mantel, der schon bessere Zeiten gesehen hatte. Auf dem Kopf trug sie einen rundlichen braunen Hut. Damit wirkte sie noch kleiner, als sie es sowieso schon war. Von Sarahs stürmischem Auftritt überrascht, wich die Frau erschrocken einen hastigen Schritt zurück, wobei sich ihre schwarzen Schnallenschuhe beinahe in dem grünen Fußabtreter verheddert hätten, der Sarahs Eingangstür schmückte.

Sarah musterte die ältere Frau, konnte sie aber beim besten Willen nicht einordnen. Falls sie diese Dame schon einmal gesehen hatte, dann sicherlich in einem Moment, in dem sie nicht wirklich am Leben teilgenommen hatte. Vielleicht war sie gerade dabei gewesen, ein Buch zu lesen. Das war zumindest sehr gut möglich. Ein kleines Lächeln machte sich bei diesem Gedanken auf Sarahs Lippen breit. Derart ermutigt entschloss sich die kleine ältere Dame zu einem Frontalangriff.

»Ich möchte zu Marie-Belle«, forderte sie mit hoher, aber nichtsdestotrotz entschlossener Stimme. Sarahs Lächeln verschwand, während sich ihre Augenbrauen verwirrt zusammenzogen. »Zu wem?«

Die Frau vor der Tür musterte sie aus verwaschenen blauen Augen mit einem Ausdruck, der Sarah klar machte, dass sie sich selbst mit dieser dämlichen Frage ins Abseits gespielt hatte. Schluss mit dem Überraschungsangriff, den sie mit ihrem stürmischen Auftreten in der Tür eröffnet hatte.

»Zu Marie-Belle!« Der herablassende Tonfall wurde durch die hohe Stimme noch verstärkt.

Sarah öffnete schon den Mund, um ein weiteres Mal ihr Unverständnis kundzutun, als ihr Gedächtnis auf eine Episode aus der Vergangenheit stieß. Ach was – Vergangenheit! Etwa zwei Wochen war es her, dass sie im Treppenhaus beinahe mit einer Nachbarin zusammengestoßen war.

Sarah erinnerte sich dunkel an eine ebenfalls recht kleine Person, die mit zwei braunen Einkaufstüten beladen gewesen war, die ihr komplett die Sicht versperrten. Eigentlich erinnerte sie sich nur an die beiden braunen Tüten und an Beine, die unter ihnen hervorlugten. Die Tüten waren auf dem Weg nach unten gewesen, während Sarah von eben dort kam. Ihre eigene Entschuldigung dafür, dass sie von dem nahenden Unheil nichts mitbekommen hatte, war – wie sollte es anders sein – ein Buch, das sie aus ihrem Briefkasten geholt hatte. Ungeduldig wie sie war, hatte sie es bereits auf dem Weg nach oben zu ihrer Wohnung aus seinem Kartongefängnis befreit und angefangen, in ihm zu blättern. Dass sie beide – ihre Nachbarin und sie selbst – vor dem unvermeidlichen Zusammenprall gerettet worden waren, hatten sie einem älteren Mann zu verdanken, der die Gefahr erkannt und sich daraufhin heldenhaft von oben über die Brüstung gelehnt hatte. Der tiefe, rauchige Warnruf hatte nicht nur die Einkaufstütenbeine zum Halten gebracht, sondern auch Sarah gerade noch rechtzeitig aus ihrem Buch gerissen und zurück in die Welt mit all ihren anderen Menschen und Gefahren katapultiert. Die heisere Stimme des Mannes hatte nur den Namen der Frau hinter den Tüten gerufen: »Marie-Belle…!«

Sarah lächelte. Und schon war das Rätsel gelöst. Natürlich konnte sie die kleine Frau, die da vor ihrer Wohnungstür stand, nirgendwo einordnen. Sie hatte sie noch nie zuvor gesehen! Sarah spürte, wie ihre Überlegenheit zurückkehrte. Neuer Angriff, Schuss und Tor!

Mit einem überaus freundlichen Lächeln schüttelte sie also den Kopf und erklärte der verirrten Besucherin, dass sie es an einer anderen Tür probieren müsse. Ohne abzuwarten, ob die Dame ihr auch Glauben schenkte, schloss Sarah die Wohnungstür und kehrte zurück in ihre Küche und zu der unangenehmen Aufgabe, die sie dort noch immer erwartete.

*

Der frühabendliche Verkehr hatte sich nur als halb so schlimm herausgestellt wie ursprünglich erwartet – was in Matthews Augen immer noch übel genug war. Sie ließen sich vom Taxifahrer am Eingang zur Rue de Grenelle absetzen. Matthew hielt es für eine gute Idee, noch ein paar Meter zu laufen, bevor sie endlich das Haus betreten würden. Er hoffte, dass die Frau überhaupt in ihrer Wohnung war. Und insgeheim hoffte er auch, dass sie Kaffee hatte.

Sie gingen zwischen den hoch aufragenden Häusern entlang. Die Straße war schmal und auf der gegenüberliegenden Seite parkte eine lange Reihe Autos. Nur wenige Menschen waren unterwegs; vereinzelt standen zwei oder drei Leute vor den Eingängen von Geschäften zusammen und unterhielten sich, aber der kalte scharfe Wind zwischen den Gebäuden lud nicht unbedingt zu Spaziergängen ein.

Dann hatten sie die richtige Adresse gefunden. Die Haustür lag neben dem Eingang eines Geschäfts mit ausladenden roten Markisen, passend zu den roten Blumen, die die direkt darüber liegenden Fenster zierten. Die helle Fassade des Gebäudes reihte sich unscheinbar in den gleichförmigen Anblick der anderen Häuser ein, der nur von einem Baugerüst einige Meter die Straße hinunter unterbrochen wurde.

Matthew drehte den Kopf, um Dupoit anzusehen. Dieser stand wie versteinert neben ihm und blickte zu den Fenstern hinauf. Er murmelte etwas – nur ein Wort – aber Matthew konnte es nicht verstehen. Dann stürmte er plötzlich los und kreuzte den Weg eines Rollerfahrers, der wütend hupend einen Schlenker fuhr und alle Mühe hatte, nicht auf dem Gehsteig zu landen. Matthew hob entschuldigend die Hand und rannte dann selbst über die Straße. Als er die offene Tür erreichte, stand Dupoit bereits im Eingang und musterte die Klingelschilder.

»Der oberste Stock«, sagte er, und die Aufregung in seiner Stimme war nicht zu überhören. »Hier steht ihr Name!«

Er blickte Matthew an und seine Augen waren voller Erwartung. Im Taxi hatte noch drückende Stille geherrscht, unterbrochen nur von den gelegentlichen Flüchen des Fahrers, aber jetzt war etwas in Dupoit erwacht. Hoffnung, meinte Matthew zu erkennen, ein neuer Lebensfunke.

Er nickte und deutete auf die Treppe.

»Nach Ihnen.«

*

Als es das nächste Mal an der Tür klingelte, stand Sarah inmitten der Küche in einem Durcheinander von Geschirr, Abfall und Notizen, das einfach unbeschreiblich war.

Sie hatte sich selbst mit einem inneren Vortrag davon überzeugt, dass eine solch chaotische Ordnung, wie sie in ihrer Wohnung bis dato geherrscht hatte, durch das Aufräumen eben nun mal zuerst noch schlimmer werden musste. Schließlich nahm sie dem Ganzen die Ordnung und hinterließ nur das Chaos.

Aber als sie nun durch das Läuten an ihrer Wohnungstür erneut in ihrer Arbeit gestört wurde und einen etwas objektiveren Blick auf das Durcheinander werfen konnte, das sie umgab, war sie sich ihrer so vernünftig klingenden Argumente nicht mehr sicher. Ausschlaggebend für ihre Zweifel war auch die unpraktische Tatsache, dass ihr der Weg aus der Küche, der zuvor, wenn nicht frei, so doch begehbar gewesen war, nun durch die verschiedensten Stapel und Haufen versperrt wurde.

Sarah seufzte. Wieso nur klingelte es an diesem seltsamen Tag schon wieder an ihrer Tür? Ob es noch einmal die alte Dame war, die sich ein zweites Mal verlaufen hatte? Aber was sollte sie dann in der Zwischenzeit getrieben haben? Sie hätte locker alle anderen Türen durchprobieren und deren Bewohner kennenlernen können. So viele Leute wohnten nicht in diesem Haus!

Sarah schüttelte den Kopf. Das war nun wirklich zu weit hergeholt. Obwohl sie auch die nächstgelegenste Erklärung, dass nämlich jemand anderes an ihrer Tür klingelte, nicht wirklich zufriedenstellte. Erstens konnte sie sich nicht im Entferntesten vorstellen, wer sie da besuchen wollte. Und zweitens würde das die durchschnittliche Anzahl von Personen, die täglich an ihrer Tür klingelten, einfach allzu dramatisch in die Höhe treiben. Zwei Personen an einem einzigen Tag? Sarah war sich nicht sicher, ob sie ihre Entscheidung, wieder am realen Leben teilzunehmen, nicht bereits anfing zu bereuen. Und wie bitteschön hatte sich das dort draußen so schnell herumgesprochen?

Die junge Frau merkte, dass sie nicht weiter kam. Sie würde sich wohl einen Weg aus der Küche und zur Wohnungstür bahnen müssen, um zu erfahren, wer sie da erneut bei ihrer Aufräumaktion störte.

Gedacht, getan. Aber als Sarah die Tür öffnete und zwei Männer vor ihr standen, die sie noch nie zuvor in ihrem Leben gesehen hatte, bedauerte sie ihren Eifer fast ein wenig. Gleich zwei Besucher! Das ging ihr eindeutig zu schnell! Hastig ließ sie ihren Blick über die beiden Unbekannten schweifen. Einer der beiden war wohl ungefähr in ihrem Alter, also Anfang dreißig. Seine Haare waren braun und Sarah hatte den Eindruck, als suchten sie sich selbst die Richtung, in die sie am liebsten standen, ohne von ihrem Besitzer allzu oft daran gehindert zu werden. Das gab dem jungen Mann ein zerstreutes, aber sympathisches Aussehen. Auch seine Augen waren braun. Der andere Mann war schwieriger einzuordnen. Der Ausdruck in seinen Augen zeugte von einem fortgeschrittenen Alter, aber sein Gesicht widersprach dieser Zuordnung. Keine einzige Falte war darauf zu entdecken. Stattdessen wirkte es wie eine sorgfältig angelegte Maske auf eine unbekannte Art und Weise zeitlos.

Sarah war vollkommen überfordert mit diesen Besuchern, die sie nicht einzuordnen wusste. Sie wartete darauf, dass einer von ihnen irgendetwas sagte, ihr vielleicht den Grund für diese Störung verriet, aber es verging eine lange Zeit, in der sie einander einfach nur gegenüberstanden. Es war, als wollte keiner der Anwesenden diesen Moment stören oder als wüsste keiner von ihnen einen Anfang, den ein darauf folgendes Gespräch jedoch gebraucht hätte.

*

Matthew hatte im Taxi lange überlegt, wie sie am besten dieses Gespräch anfangen sollten. Keine der Möglichkeiten, die er sich zurechtgelegt hatte, klang in seinen Ohren wirklich überzeugend. Was sollte die Frau also davon abhalten, ihnen gleich die Tür vor der Nase zuzuschlagen oder sogar die Polizei zu rufen? Mit jeder Treppenstufe nach oben waren seine Zweifel an dem Erfolg ihres Unternehmens gewachsen.

Der Türgriff drehte sich, als Matthew noch hastig nach einem passenden Einstiegssatz suchte. Gerade glaubte er, etwas gefunden zu haben, da wurden die Worte auch schon hinweggerissen von dem Anblick, der sich ihm bot. Nicht etwa von dem Anblick der jungen Frau, die mit einem zu gleichen Teilen fragenden wie genervten Gesichtsausdruck vor ihnen stand. Nein, Matthews erster Blick fiel an ihr vorbei auf die der Tür gegenüberliegende Wand. Dort ächzte eine kaum zu erahnende Holzpinnwand unter der Last eines aberwitzigen Kunstwerks aus dutzenden kleinen Zetteln und Haftnotizen, die in mehreren Lagen übereinander befestigt waren. Auf der linken Seite bildeten gut zehn aneinander geklebte Zettel einen Ausläufer, der nach unten bis zu einem schiefen Stapel leerer Pizzakartons reichte.

Matthew wurde sich bewusst, dass jetzt schon viel zu lange Stille herrschte.

Er blickte die junge Frau kurz an und drehte sich dann zu Dupoit, aber auch der stand nur wie versteinert da. Also blieb es wohl doch an ihm hängen, das unangenehme Schweigen zu brechen.

»Entschuldigen Sie bitte die Störung, aber ist Ihr Name…« Großartig, vergiss ruhig ihren Namen. Matthew kramte hastig in seiner Hosentasche und brachte den zerknüllten Zettel ans Licht. »…Sarah?«

Ein Nicken mit zunehmend skeptischem Blick folgte.

Matthew versuchte es mit einem gewinnenden Lächeln, aber er spürte, dass sein Mund das nicht problemlos umsetzte.

»Könnten wir vielleicht kurz reinkommen?« Er biss sich auf die Lippe. Ja, genau, frag die Fremde, ob du ihre Wohnung betreten darfst. Du wirkst jetzt sicher sehr vertrauenswürdig.

Sarah zögerte und Matthew konnte sehen, dass die Finger ihrer linken Hand, mit der sie die Tür offen hielt, fester das Holz umklammerten. Sie würde sicher gleich die Tür schließen.

Wieder blickte er zu Dupoit, verzweifelt auf ein helfendes Wort des Mannes hoffend, aber der stand immer noch festgewachsen, wie in Trance.

Die Frau räusperte sich. »Ich denke, Sie haben gerade einen schlechten Zeitpunkt...«, begann sie.

Matthew holte tief Luft und entschied sich, alle Versuche eines sinnvollen Einstiegs über Bord zu werfen. Sicherlich gab es keinen passenden Weg, das auszusprechen, was an sich schon verrückt genug war.

Er legte die Hand auf die Schulter des Mannes neben ihm.

»Sarah, das hier ist Henri Dupoit. Es tut mir leid, dass wir Sie so überfallen, aber ich denke es wäre gut, wenn wir drinnen in Ruhe reden könnten.«

*

Sarah hörte den jungen Mann irgendetwas sagen, aber es war so unglaublich, dass sich ihr Verstand schlichtweg weigerte, es überhaupt in Erwägung zu ziehen. Sie stand nur da und sah die beiden Besucher an, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Ihr Blick ging an ihnen vorbei in die Ferne, während sie einen inneren Kampf ausfocht.

Er hat etwas Wichtiges gesagt. Du solltest ihm zuhören!, verlangte ein inneres Gefühl. Unsinn!, widersprach die Vernunft. Das ist alles Unsinn! Da will dir jemand einen riesengroßen Bären aufbinden!

Es dauerte lange, sehr lange, bis Sarah endlich in der Lage war, sich aus ihrer Erstarrung zu lösen und erneut mit der Umwelt auseinanderzusetzen. Ach was, Umwelt! Mit diesen beiden Eindringlingen vor ihrer Wohnungstür, die drohten, ihre ganze kleine Welt komplett durcheinander zu bringen!

Sarah merkte, dass der jüngere Mann anfing, Zeichen von Ungeduld zu zeigen. Das alles ging ihm wohl zu langsam! Hah! Sollte man ihn doch mal mit einem Geist aus seiner Vergangenheit konfrontieren, einem Geist, der sein ganzes Leben bestimmte! Sie war drauf und dran, ihm aus lauter Irritation einen wütenden Blick zuzuwerfen, als ihr auf einmal etwas klar wurde. Der junge Mann wusste Bescheid! Er wusste von ihrem Großvater und kannte auch ihren Namen. Vielleicht war er ja bereits mitten in einer Geistergeschichte gefangen und war sich dessen auch bewusst?

Und was hatte es mit diesem anderen Mann auf sich, der angeblich ihr lange verschollener Großvater sein sollte? Sarah wagte einen vorsichtigen Blick in seine Richtung. Zwei blaue Augen trafen sie völlig unerwartet. Blau. Ihre eigenen Augen waren auch blau, wenn auch in einem dunkleren Ton als die des Fremden. Die junge Frau verspürte den stürmischen Drang, diesem Mann ein Wort zu entreißen. Irgendeines. War er wirklich ihr Großvater? Warum sprach er dann nicht mit ihr? Warum ließ er das seinen Begleiter erledigen, der ihr doch völlig unbekannt war?

Und auf einmal begriff Sarah, dass es diesem Fremden genauso ging wie ihr. Er wusste nicht, wie er mit der Situation umgehen sollte. Vielleicht sprach gerade das dafür, dass er wirklich ihr Großvater war.

Die junge Frau sah ein, dass sie so nicht weiterkommen würden. Es lag wohl an ihr, auf die unerwartete Enthüllung zu reagieren. Weil sie sich ihrer Stimme nicht sicher war, räusperte sie sich ausführlich. Die banale Handlung gab ihr ein willkommenes Gefühl für die Wirklichkeit zurück. Dann blickte sie die beiden Männer mit entschlossenem Gesichtsausdruck an. Sie würde nicht herausfinden, ob die beiden die Wahrheit sprachen, wenn sie nicht erst einmal auf ihre Geschichte einging!

»Kommen Sie doch bitte herein«, lud sie die Fremden mit einer fahrigen Handbewegung zum Betreten ihrer Wohnung ein und trat einen Schritt zur Seite, um sie hindurchzulassen. Ganz kurz meinte sie eine kleine innere Stimme fragen zu hören, ob das denn wirklich so klug sei, aber sie gab dieser Stimme keine Möglichkeit, zu ihr durchzudringen. Sie hatte sich dazu entschieden, das Wagnis einzugehen. Also würde sie einfach abwarten müssen, was dabei herauskam.

Die beiden Männer schienen überrascht darüber, dass sie keine weiteren Erklärungen zwischen Tür und Angel abgeben mussten, um sie zu dieser Einladung zu überreden. Sarah bemerkte mit innerer Belustigung, dass der jüngere Mann dem Älteren einen leichten Schubs versetzen musste, damit sich dieser aus seiner Erstarrung löste und in Bewegung setzte.

Erst als die beiden in ihrem kleinen Flur standen und nicht so recht wussten, wohin mit sich selbst, fiel Sarah wieder ein, dass es noch einen anderen Grund gegeben hätte, die Fremden nicht hereinzubitten. Sie spürte, wie sich eine brennende Röte auf ihrem Gesicht breitmachte, als ihr bewusst wurde, wie schlimm es für Außenstehende in ihrer Wohnung eigentlich aussehen musste. Sie selbst war daran gewöhnt und nahm die chaotische Unordnung gar nicht mehr wahr, aber diese beiden Fremden …

Sarah räusperte sich erneut. Dann ertappte sie sich bei einer weiteren fahrigen Handbewegung, die den Flur und irgendwie auch die noch unsichtbare restliche Wohnung mit einschloss.

»Verzeihen Sie das Chaos. Ich war gerade dabei, ein wenig Ordnung…« Ihre Stimme driftete ab. Wozu der Aufwand. Diese Ausrede hätte nun wirklich jeder in einer solchen Situation gebraucht.

*

Drinnen. Wir sind wirklich drinnen.

Matthew konnte es noch nicht vollkommen glauben. Irgendwie hatte er sich das alles schwieriger vorgestellt und sich schon gefragt, wie sie es nur schaffen könnten, die Frau davon zu überzeugen, dass es sich bei Dupoit tatsächlich um ihren Großvater handelte. Gerade sein Aussehen ließ ja nicht sein Alter erahnen.

Doch sogleich wurde Matthews Aufmerksamkeit wieder weg von der Fremden und hin zu ihrer Wohnung gelenkt. Das bizarre Zettelkunstwerk am Eingang war eindeutig nur ein Vorgeschmack gewesen. Auf beiden Seiten des kleinen Flurs drängten sich schiefe Stapel kopierter Blätter, auf denen leere Wasserflaschen balancierten. Ein runder Papierkorb hatte wohl schon vor Tagen ächzend unter der Last rechteckiger Pizzakartons kapituliert, die als wütende Horde über ihn hergefallen sein mussten. Gleich daneben bemühte sich eine Plastiktüte, die leeren Verpackungen von Fertigsuppen und einigen Schokoriegeln im Zaum zu halten. Der Blick in das Wohnzimmer war nicht wesentlich besser. Überall im Raum war schmutziges Geschirr verteilt, aber zahlreicher noch waren die unzähligen Türme aus Büchern und Notizzetteln, die sich auf schier unmögliche Weise der Schwerkraft trotzend in die Höhe wanden. Sie belegten sämtliche Tische sowie die Sitzflächen der meisten Stühle, das Sofa und auch einen Teil des Bodens. Jetzt bekam Matthew eine Vorstellung davon, warum die Wohnung so aussah und sich überall die Spuren von Fertignahrung stückchenweise durch die Räume zogen. Sarah war nicht etwa von Natur aus zu unordentlich oder zu faul zum Kochen. Nein, die Bücher und Blätter sprachen deutlich: Das hier war die Wohnung einer Person, die wie besessen an einer Sache arbeitete und darüber die Welt um sich herum vergaß. Noch etwas fiel ihm auf. Diese Wohnung bildete das beste Abbild seines eigenen Geistes, das er sich zur Zeit vorstellen konnte.

Die Bücher und Notizen waren es auch, die Dupoit ins Auge sprangen. Als sie seiner Enkelin ins Wohnzimmer folgten, fiel sein Blick auf drei Notizzettel auf einer Kommode, und obwohl er die hastig hingekritzelten Worte nur überflog, legte sich eine düstere Ahnung auf sein Herz. Es war genauso wie damals. Sie war auf der gleichen Spur, der er einst gefolgt war. Sie war wie er...

Dupoit hob den Kopf und blickte Sarah an.

*

Sarah spürte den Blick des älteren Mannes in ihrem Nacken und drehte sich zu ihm um. Stahlblaue Augen sahen sie an. Sarah hatte das Gefühl, als blickten sie ihr direkt in die Seele.

Sie schluckte hart und bemerkte hinter dem Mann die drei eingerahmten Notizzettel, die inmitten des unsäglichen Chaos, das in ihrer Wohnung herrschte, seltsam ordentlich an der Wand hingen.

Ihre Augen wanderten zurück zu dem inquisitorischen blauen Blick, der kompromisslos ihr Innerstes nach außen kehrte.

Sie wusste plötzlich, dass dieser Mann das Chaos in ihrer Wohnung verstand. Und wenn sie vorher noch an seiner Identität gezweifelt hatte, nun war sie sich ihrer sicher. Dieser Mann mit dem dichten Haar, das an den Schläfen bereits grau wurde, den blauen Augen und dem faltenlosen, maskenhaften Gesicht, war ihr Großvater! Dieser scheinbar Fremde war trotz seines zeitlosen Aussehens Henri Dupoit, der vor über dreißig Jahren spurlos verschwunden war.

Sarah öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber die Worte verharrten ihr im Hals und wollten nicht heraus. Stahlblaue Augen beobachteten sie, als sie sich mühsam räusperte und einen erneuten Anlauf unternahm. Die Worte kamen. Leise und begleitet von einem unsicheren Zittern, aber sie fanden ihren Weg hinaus in die Welt und in die Wirklichkeit:

»Ich habe dich gesucht, grand-père.«

//Müde ... es war so ... müde. Es musste ... sich konzentrieren. Die Antwort ... sie war da, beinahe greifbar. Verschwunden. Dort ... hinter der nächsten Seite. Ganz unten. Das Kapitel ... was machte es hier? Es kam doch erst später. Die Zeilen ... sie verschwammen vor seinen Augen. In dem Moment, in dem es sie ansah, verschoben und versteckten sie sich. Es hätte sich auch gerne versteckt. Denn es konnte spüren, wie der Moment näher kam. Der Moment, in dem das Böse gewinnen würde. Es würde letztendlich triumphieren. Länger ... länger konnte es diesem Druck einfach nicht mehr standhalten. Schon jetzt kam es ihm so vor, als hätte es nie einen anderen Zustand gegeben. Dieser hier würde ewig dauern. Hatte bereits ewig gedauert. Blieb nur ... der Weg. Bis Hilfe eintraf, würde es zu spät sein. Es konnte das Böse nicht länger abwehren. Es würde zerbrechen. Heute, vielleicht morgen. Dennoch musste es die Möglichkeit wahrnehmen. Musste seinem anderen Ich mitteilen, wo es zu finden war. Wo es den Kampf gegen das Böse verloren hatte. Wo sein Innerstes vernichtet worden war. Die Antwort lag ... in seiner Art. Seinem Ursprung. Seiner Herkunft. Den Büchern.//

Kapitel 12

Das Schweigen dauerte an. Zu umfassend war das, was ihnen Henri Dupoit über seine Zeit in der Bücherwelt erzählt hatte. Zu … weltbewegend.

Sie saßen alle drei in Sarahs Wohnzimmer. Die Nacht war wie in einem Traum vergangen und vor den Fenstern wurde es bereits wieder hell. Um sie herum standen, lagen und stapelten sich eine Unmenge an leblosen Zuhörern. Da waren Dokumentenstapel, die mehr oder minder geordnet wirkten, Kaffeetassen, deren braun gesprenkelter Boden und Rand von nützlicheren Zeiten träumten, lose herumfliegende Zettel, von hastiger Handschrift überzogen und Bücher, jede Menge Bücher. Ein jeder der drei anwesenden Menschen hing seinen eigenen Gedanken nach. Jeden hatte ein anderer Teil von Henri Dupoits Geschichte in den Bann gezogen und über das Gehörte wurde nun nachgesonnen. Schweigsam. Allein.

Für Sarahs Großvater war die Erzählung Erleichterung und Schmerz zugleich. Erleichterung darüber, das Erlebte mit jemandem teilen zu können. Und nicht nur mit irgendjemandem. Sein Blick streifte die junge Frau, die ihm schräg gegenüber auf einem Sofa saß. Er hatte es nach Hause geschafft und konnte nun die Geschichte, seine Geschichte, mit seiner Familie teilen. Natürlich lag auf der Realität ein schmerzlicher Schatten. Und er machte sich nichts vor. Es war sein Schatten, der darauf lag. Die Entscheidung, die er vor über dreißig Jahren getroffen hatte, wirkte sich bis in die Gegenwart aus. Es war nicht seine Frau Marie, mit der er das Erlebte teilen konnte. Ein dunkler, schmerzlicher Schatten.

Und doch war sie hier – seine Enkelin. Seine Enkelin, die nach ihm gesucht hatte! Die sich nicht mit seinem plötzlichen Verschwinden abgefunden hatte. Als Dupoit bei diesem Gedanken angekommen war, fühlte er einen Druck hinter seinen Augen, dem er kaum standhalten konnte. Was war das, was er fühlte? Rührung? Oder Trauer bei dem Gedanken, dass sich seine Entscheidung bis hierher in das Leben dieser jungen Frau ausgewirkt hatte?

Und dennoch. Ihre Suche nach ihm hatte vieles erleichtert. Hier musste er sich nicht rechtfertigen für die Entscheidung, die er getroffen hatte. Und sie glaubte ihm. Hatte ihm sofort jedes Wort geglaubt, vom Beginn seiner unfreiwilligen Reise bis hin zu seiner langwierigen und abenteuerlichen Rückkehr nach Paris. Dupoit hatte es in ihren Augen gesehen. Diesen unerschütterlichen Glauben, den sie seiner unglaublichen Geschichte entgegenbrachte.

Diese Fähigkeit in ihr wiederzuerkennen, hatte ihn mehr als alles andere erschüttert. Er selbst war genauso gewesen. Vor über dreißig Jahren. Begeisterungsfähig. Und offen für das Unbegreifliche. Ein müdes Lächeln zog über sein Gesicht.

Sarah sah dieses Lächeln und ließ die Gedankenfäden los, denen sie bis dahin gefolgt war. Stattdessen musterte sie den Mann, der ihr schräg gegenüber saß. Henri Dupoit. Ihr Großvater. Obwohl – sehr großväterlich sah er im Grunde gar nicht aus. Na schön, seine Haare zeigten an den Schläfen bereits ein leichtes Grau. Aber seine Haltung war gerade, seine Haut bar jeder Falten oder anderer Hinweise auf sein hohes Alter. Sarah rechnete kurz zurück. Ihr Großvater musste doch bereits älter als siebzig sein! Sie sah erneut auf die durchtrainierte Gestalt, die dort ruhig in ihrem Sessel saß und den Blick in die Ferne gerichtet hatte. Der Blick! Sarah fuhr es kalt den Rücken hinunter. Da war er – der Beweis für sein Alter. Henri Dupoits Augen sprachen von einem ganzen Leben, das hinter ihm lag. Einem ganzen, langen Leben. Sarah konnte nicht umhin, ein Frösteln zu verspüren. Gänsehaut machte sich auf ihren Armen breit.

Matthew, der neben Sarah auf dem Sofa saß, spürte das Zittern der jungen Frau und tauchte aus seinen Gedanken auf. Er warf der Frau mit den langen braunen Haaren einen Blick zu. Sie sah verloren aus. Aber wer würde das nicht – nach dieser Wendung, die ihr Leben gerade genommen hatte! Matthews Augen wanderten zu dem hochgewachsenen Mann, der ihnen gegenüber auf einem Sessel saß. Henri Dupoit. Auch Matthews Leben war durch diese überraschende Bekanntschaft aus den Fugen geraten. Ob das nun gut oder schlecht war, wusste er nicht. Aber was hatte er schon zu verlieren?

Matthew stutzte. Irgendetwas war anders. Irrte er sich oder sah Dupoit tatsächlich ein wenig älter aus als noch am gestrigen Morgen? Matthew konzentrierte sich auf das seltsam zeitlose Gesicht des Mannes, konnte sich aber nicht erklären, wie er nun plötzlich auf eine solche Idee kam. Und wenn Henri Dupoit ein wenig müde wirkte nach einem Tag, an dem er nicht nur erfahren hatte, dass seine Frau tot war, sondern an dem er auch noch seine Enkeltochter kennengelernt hatte, so war das doch nur verständlich! Oder?

Sarah war die Erste, die das lange Schweigen brach. Ihre Stimme war leise, die Frage, die ihr auf der Seele brannte, kam stockend. »Wer war es…? Ich meine, hast du ihn gefunden … den Gefangenen?«

Gespannt sah sie ihren Großvater an. Der brauchte ganz offensichtlich eine Weile, bis er aus seinem gedanklichen Aufenthalt in der Bücherwelt zurück zu seinem Pariser Leben fand. Seinem Leben, das lange vorbei war.

Sarah bemerkte den Schmerz in Henris Augen. Von seinen Erlebnissen in der Bücherwelt hatte Dupoit ihnen zumeist flüssig erzählt. Natürlich hatte es auch da Passagen gegeben, deren Erwähnung ihrem Großvater ganz offensichtlich aus den verschiedensten Gründen schwerfiel. Vielleicht existierten sogar Erlebnisse, die er ihnen verschwiegen hatte, sei es, um seine Zuhörer nicht vollends zu überfordern oder um die Geschehnisse nicht ein weiteres Mal durchleben zu müssen. Aber insgesamt hatte Sarah den Eindruck gewonnen, die ganze Geschichte sei mit einer gesunden Distanz zu den Ereignissen erzählt worden. Als wenn das Erlebte, das ja eigentlich noch nicht lange her war, doch aus einer anderen Welt stammte und mit dieser hier nichts zu tun hatte. Aber ihr nun davon zu erzählen, was ihn dazu gebracht hatte, sich für das Unbekannte und gegen seine Familie, also im Grunde auch gegen sie, zu entscheiden, das war hier und jetzt für ihren Großvater real. Und es war schmerzhaft.

Sarah blickte ihn dennoch erwartungsvoll an. Sie musste es wissen! Sie hatte ein Recht darauf, es zu wissen! Schließlich hatte sie selbst viel Zeit mit ihrer Suche verbracht. Erst hatte sie das Verschwinden ihres Großvaters aufklären wollen und dann war sie über diese seltsamen Buchtexte gestolpert, die von einem gefolterten Gefangenen zu stammen schienen. Henri Dupoit war dieser Spur vor ihr gefolgt. Er konnte ihre Suche zu einem Ende bringen. Oder, konnte er? Sarah war nervös.

Ihr Großvater musterte seine ungeduldige Zuhörerin und seufzte tief. Sein Brustkorb hob und senkte sich, während er kurz die Augen schloss, um sich zu sammeln. Dann öffnete er sie langsam wieder und sein Blick richtete sich in die Ferne. Zurück in vergangene Zeiten. Er nickte einmal, als stünde ihm das gewünschte Bild wieder deutlich vor Augen, und begann seine nächste, seine eigentliche Geschichte. Er erzählte ihnen von seinem ersten Fund und der daran anschließenden Recherche.

»Vor über dreißig Jahren war ich Professor an der Pariser Universität. Ich war jung, ungeduldig und wollte mir einen Namen machen. Ich war verbissen auf der Suche nach einem Forschungsprojekt, das neu und weltbewegend war.« Dupoit schüttelte während seiner Erzählung den Kopf, um Unverständnis gegenüber seinem früheren Ich mit dem heute unsinnig erscheinenden jugendlichen Ehrgeiz auszudrücken.

»Mein Büro befand sich in genau dem Flur, in dem auch das Bild hängt.« Sein Blick streifte Sarah. Sie würde wissen, welches Bild er meinte. »Ich fand den geheimen Raum eher zufällig, als ich wieder einmal in Gedanken versunken vor dem Bild stand und dem ausgestreckten Arm des Matrosen im Ausguck mit den Augen folgte.« Dupoits Stimme schweifte ab. Fassungslos schüttelte er den Kopf. »Ich weiß nicht einmal mehr, was mich letztendlich dazu brachte, über den Rand des Rahmens zu fahren. Eine Spinnwebe? Eine Unebenheit, die mir auffiel? Vielleicht war es auch ganz einfach Schicksal.« Trauer klang in seiner Stimme mit. Trauer über das, was er durch diesen einen Moment verloren hatte. Er musste sich merklich zusammenreißen, um sie über den Fortgang der Ereignisse zu informieren.

Dupoit war wie Sarah in dem kleinen Raum auf den Hinweis zu Le Morte Darthur gestoßen und hatte aus diesem von dem Hilferuf des Gefangenen erfahren. Dass er im Anschluss auch über Coleridges Rime gestolpert war, hatte er nur seiner überaus gründlichen Recherche in der Universitätsbibliothek zu verdanken.

Sarah sah ihren Großvater gespannt an. Jetzt kam der spannende Teil seiner Geschichte. Bis hierher war sie auch gekommen. Aber wie ging es weiter? Wer war der Gefangene? Hatte ihr Großvater ihn befreit? Oder war er gescheitert und bei dem Versuch, einem anderen zu helfen, selbst gefangen genommen worden?

Als Dupoit die innere Anspannung seiner Enkeltochter bemerkte, warf er ihr einen verständnisvollen Blick zu. Er war in ihrem Alter genauso gewesen.

Dann erzählte er seinen beiden Zuhörern von anderen Räumen. Geheimen Verstecken, die er in der ganzen Stadt verteilt gefunden hatte. Sie waren allesamt leer und verlassen gewesen, obwohl man ihnen eine Nutzung während vergangener Zeiten angesehen hatte. Hölzerne Schreibtische waren das einzige Mobiliar dieser Räume.

Dupoit war über vergessene Schreibwerkzeuge gestolpert und über einzelne unbeschriebene Blätter. Aber nirgends hatte er mehr irgendwelche Hinweise entdecken können.

Über dem Nutzen der Karte, die er dort in der Schreibtischschublade abgedruckt gefunden und in sein Notizbuch übertragen hatte, brütete er wochenlang, ohne in irgendeiner Weise voranzukommen. Er ahnte, dass sie nicht vollständig war. Aber ein weiteres Stück war in keinem der anderen Räume zu finden. Und auch die Buchstaben auf der Oberfläche des hölzernen Schreibtisches, die ihn erst zu Mallorys Werk geführt hatten, wiederholten sich nicht. Er stand in leeren, versteckten Räumen, die ihn in seiner Suche nicht weiterbrachten.

»Ich hoffte immer, ich würde auf einen von ihnen stoßen.« Dupoits Augen begannen auf einmal in einem Feuer zu leuchten, das Sarah verriet, dass sie sich nun dem eigentlichen Antrieb seiner Recherchen näherten. »Einen Weltenschreiber. Einen, dessen Arbeit im Formen der Worte besteht. Das wäre wirklich ein neues Forschungsprojekt gewesen! Das hätte mich im Leben weitergebracht!« Seine Augen erloschen so plötzlich, wie sie zuvor begonnen hatten zu leuchten. »Aber stattdessen hat mich die ganze Recherche um mein Leben gebracht!«

Eine Weile war alles still. Matthew warf Sarah einen Blick zu, in dem sich sein Unwohlsein mehr als deutlich abzeichnete. Auch Sarah wusste nicht, was sie dem Ausbruch ihres Großvaters entgegensetzen sollte. Er hatte ja recht! Und dennoch – sie war sich auf schockierende Weise sicher, dass sie ebenso gehandelt hätte.

Dupoit hatte nach dem dramatischen Ende seiner Erzählung die Augen geschlossen und sich resigniert in seinen Sessel zurücksinken lassen. Er atmete schwer. Als er nach endlos scheinenden Minuten wieder seinen Blick auf sie richtete, war der Ausdruck in seinen Augen müde.

»Erzähl mir von ihnen«, forderte er Sarah mit brüchiger Stimme auf. »Bitte.« Seine Enkelin brauchte ihn nicht zu fragen, wen er meinte. Ihr Großvater wollte von ihr, dass sie ihm alles über seine Familie erzählte. Von Marie, seiner Frau und ihrer gemeinsamen Tochter Michelle, Sarahs Mutter.

Die junge Frau nickte und schluckte einmal schwer. Und wieso auch nicht. Das war das Mindeste, was sie für ihn, den Zurückgekehrten, tun konnte.

//Es war soweit. Der Moment war da. Es konnte spüren, wie seine allerletzte Barriere zerbrach und das Böse sich brutal durch die entstandene Lücke zwängte. Es einnahm und bis in sein Innerstes ausfüllte. Es hatte verloren. Es war verloren. Es war ... nicht mehr.//

Kapitel 13

Er schrieb. Und schrieb. Nichts würde ihn jemals davon abbringen können. Schreiben war sein Leben.

Alfreds noch junge Stirn war aufgrund der Konzentration, die von ihm Besitz ergriffen hatte, in tiefe Falten gelegt. Sein Geist befand sich nicht mehr in dieser Welt. Was kümmerte ihn sein Aussehen! Was kümmerte es ihn, wie er auf die Menschen wirken mochte! Noch dazu verirrte sich niemand freiwillig in diese kleine, heruntergekommene Bar, deren Eingangstür nur über eine Treppe zu erreichen war, die von einer einsamen Gasse aus in den Keller eines alten Mehrfamilienhauses führte. Genau diese schattenhafte Existenz, die das Etablissement zu einem Leben abseits der belebten Kneipen und Cafés verdammte, hatte Alfred überhaupt erst auf die Idee gebracht, hier seinem Tagewerk nachzugehen.

Als wäre er in einem Traum gefangen, bewegte Alfred seine Hand und den Stift, den er darin hielt, über das Papier. Oh, natürlich war das nicht nur irgendein Stift! Die Schreibfeder, die er gebrauchte, um aus Buchstaben Wörter und aus Wörtern Sätze zu bilden, war ohne jeden Makel und strahlte in vollkommenem Weiß. Die blaue Tinte, in die er die Feder in regelmäßigen, eingeübt wirkenden aber schon unbewusst ausgeführten Abständen tauchte, war eigens für diese besondere Aufgabe gemischt worden.

Auch das Material, auf dem er schrieb, war nicht gewöhnlich. Es war alt. Vor Jahrhunderten angefertigt, hatte es einen Herstellungsprozess durchlaufen, der nur wenigen Angehörigen seiner Gilde bekannt war. Natürlich wurde das Pergament auch heute noch auf die gleiche Art und Weise gefertigt. Aber bis man dieses dann wieder verwenden konnte, würden noch mehrere Jahrhunderte vergehen.

Die Feder, mit der Alfred Wort an Wort reihte, kratzte leise über das Pergament. Kein federleichtes Streicheln. Eher ein bestimmtes Niederschreiben, Formen und Festhalten. Bestimmung war überhaupt das richtige Wort für das, was er tat. Seine Aufgabe war seine Berufung, sein Lebensinhalt, sein Daseinszweck. Und die Bestimmung trug er durch sein Schaffen auch in die Welt der Menschen. Gab ihnen ein klitzekleines Stück vom Universum. Schenkte ihnen für einen Augenblick den Seelenfrieden, nach dem sie, ohne es zu wissen, ihr ganzes Leben lang suchten.

Wieder tauchte Alfred die Feder in das kleine gläserne Gefäß mit der blauen Tinte. Zog sie heraus. Ließ sie nur einen Moment lang abtropfen. Bewegte sie von dem Tintenfass in Richtung der Buchseite, die leer vor ihm lag. Es war die rechte Seite. Die linke war bereits gefüllt mit Wörtern, Sätzen, Bedeutungen. Die Feder berührte das Papier an genau der von ihm vorgesehenen Stelle. Ein kurzes Innehalten, um Feder und Pergament aneinander zu gewöhnen, ihnen Zeit zu geben, sich zu begrüßen und einander willkommen zu heißen. Dann die Schriftzüge.

Alfred hatte jahrelang an dem Ausdruck seiner Buchstaben gefeilt, ihre Linien und Kurven zu einem vollkommenen Abbild seines Selbst werden lassen. Das, was er dort schrieb, war sein Inneres. Seine Träume, Wünsche, Sehnsüchte. Sie alle flossen auf wunderbare Weise in sein Werk, ausgedrückt durch die Bedeutung des Geschriebenen und durch die Form seiner Schriftzeichen.

Wieder erklang das leise Kratzen, als die Feder über das noch unbeschriebene Pergament glitt. Alfred war völlig in seine Arbeit versunken. Lebte in ihr. Die Wahrheit der Menschen um ihn herum war für ihn nicht wichtig und für seine Arbeit nicht greifbar. Seine Schrift war etwas Besonderes. Er war etwas Besonderes. In diesem Wissen sagte er sich in den Momenten, während derer er arbeitete, völlig von seiner Umwelt los. Nur das Kratzen der Feder erinnerte an eine Welt außerhalb seines Buches und seiner Gedanken.

Etwas ungünstig wirkte sich auf Alfreds Arbeitsweise allerdings die Tatsache aus, dass er selbst in dieser von ihm so erfolgreich verdrängten Welt festsaß.

*

Als die Tür zu der kleinen, dunklen Bar plötzlich aufgerissen wurde, bekam Alfred das zuerst gar nicht bewusst mit. Zu sehr war er in seine Arbeit, seine Berufung, vertieft. Feder, Tinte, Pergament. Buchstabe, Wort, Satz. Das leichte Kratzen der Feder während des Schreibens.

In der Welt außerhalb seiner eigenen fing der Fremde, der soeben stürmisch das kleine Café betreten hatte, in lautem und drängendem Tonfall ein Gespräch mit dem alten Wirt an, der bis dahin friedlich hinter seinem Tresen gesessen hatte, völlig zufrieden damit, in dieser hektischen Welt eine Zeitung lesen und dabei eine Zigarette rauchen zu können.

Erst versuchte Alfred, den nervigen Neuankömmling einfach auszublenden, um seine Arbeit konzentriert fortführen zu können. Aber dann riss ihn doch etwas aus seiner abgeschotteten kleinen Welt.

Später wusste er gar nicht mehr genau, welches Wort oder welcher Teil der Erzählung des Fremden es geschafft hatte, bis zu ihm durchzudringen. Aber das war auch nicht wichtig. Wichtig war, was der zerzauste Mann zu erzählen hatte.

Alfred hörte sich sämtliche Verwirrungen der durcheinander geworfenen Geschichte bis zum panisch herausgebrüllten Ende an, während der in höchstem Maße überforderte Wirt keinerlei Regung zeigte. Endlich begriff auch der unangemeldete Eindringling, dass er vom Barmann nicht ernst genommen wurde. Mit einem wütenden Knurren beendete er seine Erzählung und stürmte genauso plötzlich hinaus, wie er gekommen war.

Alfred verharrte noch einige Sekunden in genau derselben Pose, in der er auch während des Schreibens gesessen hatte. Die Feder über dem Tintenfass hängend, den rechten Ellenbogen auf dem Tisch leicht abgestützt, die linke Hand schützend neben dem Buch.

Dann packte er so schnell wie möglich all seine Sachen zusammen und verließ die Bar. Er weigerte sich, an irgendetwas zu denken, bis er das Haus erreicht hatte, in dem er ein kleines Zimmer gemietet hatte. Von einem Vermieter, der ihn im Laufe der Jahre vollends vergessen zu haben schien. Und erst als er das Buch und seine Schreibutensilien sorgfältig in dem kleinen hölzernen Schreibtisch verstaut hatte, ließ er es zu, dass die schmerzliche Erinnerung ihn übermannte.

Er sah es noch vor sich, als wäre es gestern gewesen. Nach einem ausgiebigen Spaziergang durch die Pariser Innenstadt hatte er sich in sein kleines Dachbodenzimmer begeben, um seine Sachen zu ordnen und diese Welt hinter sich zu lassen. Nicht für lange, nur für eine Weile. Der Spaziergang sollte eine Art vorübergehender Abschied von der Stadt sein, die ihn mit ihrer eleganten und historischen Schönheit so faszinierte, dass er schon mehr Zeit in ihr verbracht hatte, als ursprünglich geplant gewesen war.

Er war – wie er dachte, zum letzten Mal – die enge Stiege nach oben ins Dachgeschoss und in das kleine Zimmer gegangen, das dahinter lag. Er brauchte nicht viel zum Leben und das war auch heute noch so. Alfred blickte sich in dem kleinen Zimmer um. Es sah noch aus wie damals, vor gut vierzig Jahren. War es wirklich schon so lange her? Oder so kurz? Er hielt inne. Müßig, sich über so etwas wie Zeit Gedanken zu machen. Sie bedeutete ihm nichts. Alfred sah hinüber zu dem kleinen Schreibtisch und erinnerte sich an die Geschehnisse, als lägen sie nicht schon Jahrzehnte zurück.

*

»Ich sitze fest.« Das war der erste Gedanke, der ihm durch den Kopf schoss, als er das Buch nicht fand. Der erste und der einzige, der zählte. Ein verstörender Gedanke. Ein Gedanke, der sich nicht verdrängen und nicht beschönigen ließ. Ein Gedanke, der – kaum gedacht – in der Leere des Zimmers hängen blieb und keine weiteren Gedanken mehr zuließ. Was sollte es auch für weitere Gedanken geben! Er saß fest. Das war verstörend. Furchterregend. Endgültig.

Alfred stand reglos vor seinem kleinen Holzschreibtisch, die linke Hand immer noch am Knauf der obersten Schublade, die halb herausgezogen war. Sie hing genau an der Stelle, an der sie immer klemmte. Jetzt müsste sein Blick, der in das Innere der Lade gerichtet war, bereits das Buch vor sich sehen. Das Buch. Sein Buch. Sein Leben.

Alfred musste feststellen, dass dies eine Situation war, die er nicht so gelassen hinnehmen konnte, wie er das normalerweise mit Überraschungen – gleich welcher Art – mühelos schaffte. Aber das hier war anders. Das war etwas, das nicht sein durfte. Nicht sein konnte. Wer hatte es geschafft, sein Buch zu entwenden? Und warum hatte er nicht gespürt, dass etwas nicht stimmte?

Alfred zwang sich dazu, die Schreibtischschublade loszulassen – sie blieb halb in der Luft hängen und sah genauso hilflos aus, wie er sich fühlte – und wankte die paar Schritte zu seinem Bett hinüber, das unter einem nicht mehr ganz sauberen Dachfenster stand. Niedergeschlagen ließ er sich auf dem Bett nieder und stützte den Kopf in beide Hände. Sein auf eigenartige Weise jung wirkendes Gesicht war leer, hoffnungslos.

Wie konnte das passieren? Genau wie die anderen aus der Gilde hatte er eine so enge Bindung zu seinem Buch, dass es einfach nicht möglich war, dem einen etwas anzutun, ohne dass der andere es merkte! Er hätte spüren müssen, dass jemand hier war und seine Hand auf das Buch gelegt hatte. Es hätte ihn so stark treffen müssen, als hätte jemand ihn mit der Hand umschlossen und mit aller Kraft zugepackt.

Alfred schüttelte hilflos den Kopf. Sein Buch war weg und er saß hier fest. Es schien, als müsste er diesen Tatsachen ins Auge sehen. Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust. Er war sich nicht einmal sicher, ob es für ihn überhaupt weitergehen würde. Was geschah mit seiner Art, wenn sie von ihrem persönlichen Buch getrennt wurde? Soweit er wusste, war so etwas noch nie zuvor passiert. Nicht nur die enge Bindung zwischen Schreibendem und Buch hatte das verhindert, auch ein unausgesprochener Ethos, das Wissen um die Wichtigkeit eines jeden Buches für ein Mitglied ihrer Gemeinschaft, hatte es völlig undenkbar werden lassen, sich an diesen Büchern zu vergreifen.

Alfred richtete sich kerzengerade auf und sah blicklos in Richtung des Schreibtisches. Es musste jemand aus seiner Welt gewesen sein! Jemand, der die Macht besaß, ein persönliches Buch an sich zu nehmen, ohne dass der Verbundene etwas davon mitbekam!

Alfred merkte, wie ihm auf einmal schwindelig wurde. Jemand aus seiner Welt! Wie konnte jemand aus seiner Welt absichtlich ein solches Verbrechen begehen? Er spürte tiefe Trauer in sich aufsteigen. Enttäuschung. Verbitterung. Wut. Gefühle, die er so nicht kannte. Gefühle, die ihn von innen heraus verzehrten. Und als er bei dem Gefühl der Wut angekommen war, wusste er, dass er nicht aufgeben durfte.

Er saß fest. Na schön, und wenn schon. Während seines langen Lebens hatte er sich bereits in ungemütlicheren Welten aufgehalten! Dann würde er eben hier bleiben. Er musste nicht einmal völlig auf seine Gabe verzichten, da er sich für seine Reise in diese Welt fünf leere Bücher mitgenommen hatte. Auch wenn keines von ihnen seinem eigentlichen Buch in Macht und Bedeutung gleichkam. Sie waren Teil seiner Arbeit, aber nicht Teil seiner Persönlichkeit. Erst eines von ihnen hatte er bisher begonnen, so gefangen war er von der Beobachtung des Lebens, das um ihn herum tobte. Seine Studien über die Menschen hatten ihn völlig von der eigentlichen Arbeit abgehalten. Aber die würde er nun nachholen. Diese fünf Bücher würden die besten werden, die er jemals geschrieben hatte. Er saß fest und hatte Zeit. Er würde sich jedes Wort zweimal überlegen, bevor er es niederschrieb. Jedes Wort wäre auf die anderen abgestimmt und jeder Satz in sich schon ein sprachliches Meisterwerk.

Alfred musste beinahe über sich selbst lachen, als er bei diesem Gedanken angekommen war. Was hatte er nur schon wieder für hochfliegende Pläne! Aber seine Heiterkeit war nur von kurzer Dauer. Zu schnell war er sich wieder des Ernstes seiner Lage bewusst. Und dann lächelte er grimmig. Warum eigentlich nicht. So konnte er die Zeit, die er hier verbringen musste, am besten nutzen. Und immer dann, wenn seine Arbeit von ihm verlangte, sich neue Geschehnisse und Gefühle zu suchen, über die er schreiben konnte, oder hinauszugehen und sich anzusehen, was mit dem Geschriebenen geschah, würde er nach seinem Buch suchen. Sein Buch war klug. Und treu. Wenn es ihm irgend möglich war, hatte es sicher Hinweise auf seinen Verbleib hinterlassen. Die Frage war nur, wo er nach solchen Hinweisen suchen sollte.

Alfred seufzte. Aber er musste sie ja nicht gleich morgen finden. Es schien, als würde er noch eine Weile existieren, als wäre der Verlust seines Buches noch nicht sein Ende. Er würde es suchen und er würde es sich wiederbeschaffen. Wenn nicht morgen, dann vielleicht in einer Woche, in einem Monat, in einem Jahr, in einem Jahrzehnt oder in einem Jahrhundert. Was war schon Zeit! Er saß hier fest und hatte alle Zeit der Welt. Alle Zeit dieser Welt.

*

Alfred erhob sich schwerfällig von dem Bett, auf dem er – völlig in Gedanken versunken – gesessen hatte. Sein Blick war noch immer auf den kleinen hölzernen Schreibtisch gerichtet, der ihm während der vergangenen Jahrzehnte so nützlich gewesen war. Er hatte damals nicht gewusst, wie lange es dauern würde. Genau genommen wusste er immer noch nicht, wann er sein Buch endlich wiederhaben würde. Aber zumindest schien es, als hätte er eine Spur. Und der würde er nun folgen.

Zu lange schon hatte er sich einsam gefühlt. Leer. So, als hätte jemand ein Stück aus ihm herausgebrochen, das ihm seither fehlte. Und dieses Stück würde er sich nun wieder beschaffen. Und dann würde er denjenigen, der ihm das angetan hatte, zur Verantwortung ziehen. Er war bereit.

Kapitel 14

Als Sarah in ihrer Erzählung zum Ende kam, fühlte sie sich, als wäre sie einen emotionalen Marathon gelaufen. Ihr Großvater hatte sie immer wieder aufgeregt unterbrochen, um Details aus ihrem Leben noch genauer unter die Lupe zu nehmen. Er wollte alles darüber wissen, was sich während seiner Abwesenheit ereignet hatte. Da Sarah selbst keine allzu enge Bindung zu ihrer Mutter hatte und den Kontakt nur noch lose pflegte, war es ihr nicht leicht gefallen, objektiv von den vergangenen Erlebnissen zu berichten.

Aber irgendwie gelangte sie an ein Ende, das sich in der Gegenwart befand. Ihr Blick traf sich mit dem ihres Großvaters. Auch er sah aus, als hätte ihn das Gehörte stark mitgenommen. Was für ein Gefühlschaos! Der Einzige, dem man die emotionale Müdigkeit nicht anmerkte, war Matthew. Aber wie sollte man auch. Schließlich war es in Sarahs Geschichte nicht um die Vergangenheit seiner Familie gegangen. Die junge Frau warf ihm einen vorsichtigen Blick zu. Da hatte sie über so viele private Dinge gesprochen und kannte diesen Mann doch eigentlich gar nicht. Ihr wurde ein wenig flau im Magen. Und wie gut dieser Fremde nun wiederum sie kannte.

Ihre Augen blieben an Matthews Gesicht hängen. Sein Blick war in die Ferne gerichtet und wirkte irgendwie abwesend. Abwesend und verloren. Und auf einmal wurde Sarah klar, dass er sich zwar gefühlsmäßig aus ihrer Familiengeschichte hatte heraushalten können, aber dass er sicherlich seine eigene schwierige Geschichte mit sich herumtrug. Ein Mensch, der mit beiden Beinen fest im Leben stand, hätte sich auf ein derart unglaubliches Abenteuer, das ihm mit der plötzlichen Wiederkehr von Sarahs Großvater beschert worden war, niemals eingelassen.

Als sie sich daran erinnerte, was ihr Großvater in der vergangenen Nacht über seine Ankunft in Paris erzählt hatte, dem überraschenden Auftauchen neben Matthew, wusste sie ihre Schlussfolgerungen bestätigt. Wer verbrachte schon die Nacht auf einer Holzbank am Ufer der Seine! Doch nur jemand, der das dringende Bedürfnis hatte, irgendetwas mit diesem Fluss auf eine nie enden wollende Reise zu schicken.

Sarah erhob sich mit steifen Gliedern von dem Sofa, auf dem sie nun schon den ganzen Vormittag hindurch gesessen hatte. »Ich mache uns Kaffee«, verkündete sie und bahnte sich einen Weg durch ihre Recherchen in Richtung Küche. »Ich helfe dir!«, hörte sie Matthew hinter sich rufen. Zu Boden fallende Bücher und raschelndes Papier auf dem Boden verrieten, dass er ihr in die Küche folgte. Sarah hatte nichts dagegen. Vielleicht war es ganz gut, wenn ihr Großvater ein bisschen Zeit hatte, um über das Gehörte nachzudenken und sich wieder zu sammeln.

In der Küche kümmerte sich die junge Frau um den Kaffee, während Matthew eine Packung Zigaretten zückte.

»Darf ich?«, fragte er vorsichtshalber. Sarah zögerte. Eigentlich war ihr der Zigarettenrauch in der Wohnung gar nicht recht, aber wie sollte sie das bei dem miserablen Zustand ihrer Behausung rechtfertigen? Wohl kaum mit einem angeblichen Reinheitswahn. Also zuckte sie nur die Achseln. Matthew sah sie noch einen Augenblick lang an, aber als nichts weiter folgte, beschloss er, dass ihm ein Achselzucken genügte.

Er angelte sich eine Zigarette aus der verknautschten Packung und hielt ein Feuerzeug daran. Nichts geschah. Matthew schüttelte das Plastikteil ein paar Mal, aber das Ding hatte anscheinend den Geist aufgegeben. Fragend blickte er zu Sarah. »Du hast nicht zufällig ein Feuerzeug?«

Die junge Frau sah sich in der Küche um. Natürlich hatte sie ein Feuerzeug. Die Frage war nur – wo? Wortlos begann sie zu suchen. Zog Schubladen auf, räumte Teller beiseite, schaute unter Notizzetteln nach und öffnete Schränke. Es dauerte gut fünf Minuten, bis sie das Ding endlich gefunden hatte. Noch dazu an einem völlig unmöglichen Ort. Ohne ihren Begleiter anzusehen, reichte sie ihm das Feuerzeug.

»Danke.« Matthews Stimme klang belustigt. »Die Ordnung in deiner Küche entbehrt wirklich jeglicher Logik.« Nun blickte Sarah ihm doch ins Gesicht. War das etwa der Dank für ihre Suche? Oder dafür, dass er in ihrer Wohnung rauchen durfte? Irritiert zog sie eine Augenbraue hoch. Hätte sie gewusst, dass ihr Großvater mit diesem Fremden etwa dreißig Jahre nach seinem Verschwinden unvermittelt hier auftauchen würde, hätte sie natürlich vorher Ordnung gemacht!

Sarah beschloss, dass sich eine Entgegnung nicht lohnen würde – außerdem war sie ihr zu spät eingefallen – und wandte sich wieder dem Kaffee zu.

Als sie mit den dampfenden Tassen zurück ins Wohnzimmer kamen, stand Henri Dupoit mit dem Rücken zur Tür am Fenster und blickte nach draußen. Sarah und Matthew mussten sich mehrmals bemerkbar machen, bis er aus seinen Tagträumen auftauchte und sich ihnen langsam zuwandte. Ein trauriger Ausdruck lag auf seinem Gesicht. Ohne irgendetwas zu sagen, setzte sich Dupoit wieder auf seinen Sessel.

Sarah reichte ihm eine Tasse mit heißem Kaffee und deutete mit dem Kopf auf ein Tablett, das sie tatsächlich wohlbehalten durch den im Chaos versunkenen Raum balanciert hatte. »Ich wusste nicht, ob du Milch oder Zucker nimmst«, meinte sie erklärend. Ihr Großvater schüttelte dankend den Kopf.

»Nur schwarzer Kaffee ist richtiger Kaffee«, deklarierte er mit dem Anflug eines leichten Lächelns. Anscheinend war ihm daran gelegen, die getrübte Stimmung wieder ein wenig aufzulockern. Sarah grinste und pflichtete ihm rasch bei. Dann warf sie einen provozierenden Blick auf Matthew, aber der ließ sich nicht in eine Debatte verwickeln. Seelenruhig hob er seine Tasse gezuckerten Milchkaffees und nahm einen großen Schluck. Sarahs Grinsen wurde breiter.

Dupoit beobachtete die wortlose Unterhaltung der beiden jungen Leute und nahm selbst einen tiefen Schluck aus seiner Tasse. Ein wohliger Seufzer kam über seine Lippen.

Matthew runzelte die Stirn. »Sagen Sie bloß, es gab keinen Kaffee in dieser anderen Welt?« Seine Stimme klang ehrlich schockiert.

Sarahs Großvater schüttelte wehmütig den Kopf. »Händler, die ich dort getroffen habe, konnten mir etwas Ähnliches verkaufen. Aber Kaffee … echten Kaffee … nein.«

Sarah beschloss, dass sie nun lange genug auf die Fortsetzung – oder in ihren Augen eher den Höhepunkt – seiner Geschichte gewartet hatte. Sie wollte endlich wissen, wie ihr Großvater verschwunden war.

»Du hast uns von den geheimen Räumen erzählt, die du gefunden hast«, begann sie vorsichtig. Dupoit sah sie an und nickte. Ein wissendes Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen. Sarah war froh, dass er ihre Neugier zu verstehen schien und sie auch nicht lange auf die Fortsetzung seiner Geschichte warten ließ.

»Keiner von denen brachte mich in meiner Suche weiter«, begann Dupoit erneut zu erzählen. »Also brütete ich monatelang über der Karte und den Textpassagen, die ich in Coleridges und Malorys Werk fand.« Sarahs Großvater schenkte seiner Enkelin einen bezeichnenden Blick, bevor er in seiner Geschichte fortfuhr. »Ich kam an einen Punkt, an dem mir die ganze Suche sinnlos erschien. So sinnlos, dass ich bereits überlegte, die ganze Sache aufzugeben und mir ein anderes Forschungsthema zu suchen.« Ein bitterer Zug spielte um Dupoits Mundwinkel. »Hätte ich das nur getan!«

Sarah konnte nicht anders. Sie beugte sich vor, ergriff die Hand ihres Großvaters und drückte sie fest. Dupoit standen Tränen in den Augen, als er sie ansah. Sarah erwiderte den Blick. Sie wusste genau, wie ihm damals, vor dreißig Jahren, zumute gewesen war. Sie wusste, welche Gedanken ihn bewegt und welche Gefühle in ihm gerungen hatten. Dupoit erwiderte den Händedruck und sammelte sich, um fortfahren zu können. »Malorys Text ist der Schlüssel.« Sarah starrte ihn an. Sie kannte diesen Text! Aber wo bitte war der Schlüssel? Sie hatte keinen direkten Hinweis auf den Verbleib des Gefangenen gefunden. Hatte sie etwas übersehen?

Dupoit hielt es nicht länger auf seinem Sessel. Er erhob sich und sah auf seine beiden Zuhörer hinunter. Mit ausdruckslosem Gesicht begann er, einen der hervorgehobenen Textabschnitte aus Malorys Werk auswendig zu rezitieren:

»... and there is the mad man. ... Take that naked man with fairness, and bring him to my castle. ... blessed be God ye have your life, and now I am sure ye shall be discovered ...«

Sarah fühlte ihren Hals trocken werden. Die Zeilen klangen schicksalsträchtig. Und sie waren es auch! Dupoit ließ die Worte einen Augenblick lang auf sie wirken und fuhr dann fort: »Den Gefangenen habe ich nicht gefunden.« Das einzugestehen, fiel ihm sichtlich schwer. »Aber einen weiteren Hinweis. Im Text ist die Rede davon, dass der Gefangene in ein Schloss gebracht wird, wo man ihn umsorgt und er in Frieden darauf warten kann, dass er gefunden wird.« Dupoit sah seine Enkeltochter an. Das einzige, was er sagte, war ein Name: »Le château des livres.«

Sarah erstarrte. War das etwa sein Ernst? Sie kannte Le château des livres. So, wie sie jede Buchhandlung und jedes Antiquariat in Paris kannte. Eine kleine Stimme in ihrem Kopf erinnerte sie hinterhältig an die Buchhandlung, die sie vor ein paar Tagen auf ihrem Weg zur Universität entdeckt hatte. Sarah stutzte. Die hatte sie dort tatsächlich noch nie zuvor gesehen!

Sie bemerkte, dass ihre Gedanken abschweiften und konzentrierte sich wieder auf das, was ihr Großvater gesagt hatte. »Das Antiquariat am anderen Ende der Stadt?«, fragte sie aufgeregt. Dupoit nickte. Ein leichtes Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen, als er sich in seiner Ahnung bestätigt sah. Seine Enkeltochter konnte mit dem Namen etwas anfangen!

»Ich machte mich auf den Weg«, erzählte er mit leiser, schwerer Stimme, »ohne zu wissen, dass es das Letzte sein würde, was ich hier in Paris zu sehen bekam.« Seine Stimme brach. Sarah sah ihn besorgt an.

»Was ist passiert?«, fragte sie ängstlich, ihre eigene Stimme nur noch ein Flüstern. Matthew hatte sich auf dem Sofa nach vorne gebeugt und blickte gespannt auf Dupoit. Der musste ein paarmal tief durchatmen, bevor er ihnen das Ende seiner Geschichte, das Ende seines Lebens auf der Erde, erzählen konnte. »Ich betrat das Antiquariat. Eine kleine Glocke über der Ladentür kündigte mich an, aber niemand erschien, um mich nach meinen Wünschen zu fragen. Ich ging langsam durch den Verkaufsraum. Da waren … so viele Bücher!«

Sarahs Großvater hatte die Augen geschlossen. Seine Stimme klang furchtsam, als er sich an das Geschehene erinnerte. »Als ich am hinteren Teil des Raumes angekommen war, spürte ich es plötzlich.« Dupoits Finger umklammerten das Fensterbrett, vor dem er stand. Seine Knöchel waren weiß.

»Es war … wie ein Ruf. Ein Zwang. Irgendetwas wollte, dass ich mich ihm näherte. Wie in Trance ging ich weiter durch den düsteren Verkaufsraum, bis ich an ein hölzernes Regal kam. Bücher. Das gesamte Regal war voller Bücher. Ich stand davor und auf einmal hörte ich ihn wieder. Diesen Ruf. Und da wusste ich es.«

Sarahs Großvater öffnete plötzlich die Augen und starrte an seinen Zuhörern vorbei ins Leere. »Ich wusste, dass ich etwas Großes vor mir hatte. Etwas Einmaliges. Da war ein Buch, das zu mir sprach. Nicht wirklich natürlich. Aber in meinen Gedanken konnte ich es hören. In meinen Gefühlen konnte ich es spüren. Es war da. Und es wollte, dass ich es an mich nahm.«

In Dupoits Augen trat ein Schmerz, der so groß war, dass Sarah ihn kaum ertragen konnte. »Ich streckte meine Hand nach dem Buch mit dem dunkelbraunen Ledereinband aus. Fühlte es auf meiner Haut. Es fühlte sich richtig an. Besonders.« Die Stimme von Sarahs Großvater war heiser vor Schmerz. »Aber es war eine Falle. Gerade als ich es berührte, nahm es mich mit.«

Über Dupoits Wangen rannen Tränen, die er nicht mehr zurückhalten konnte. Sein Verlust war einfach zu groß. »Es setzte mich gefangen. Dreißig verdammte Jahre lang!«

Kapitel 15

Schweigen folgte diesem Ausbruch. Tiefes, gedankenverlorenes, trauriges und wütendes Schweigen. Etwas anderes konnte dem nicht folgen.

Es dauerte lange, sehr lange, bis sie neben der andauernden Stille auch wieder Teile der Wirklichkeit zuließen. Seltsamerweise war es Matthew, der das Schweigen schließlich brach: »Wie geht es jetzt weiter? Was wollen wir tun?«

Sarah und Henri blickten ihn völlig verdutzt an. »Wir?«, fragte Sarah erstaunt. »Tun?«, hakte Dupoit zur selben Zeit nach. Sie hielten inne und sahen sich gegenseitig an, sahen ihre verwirrten Gesichter – so unterschiedlich und doch in ihrem Ausdruck so gleich – und grinsten einer über den anderen. Aus dem Grinsen wurde ein Lachen. Vorsichtig erst. Dann mutiger und lauter. Matthew stimmte erleichtert mit ein. Gelächter war ihm auf jeden Fall lieber als diese völlige Schweigsamkeit! Und selbst wenn er, wie es schien, der Auslöser für das Gelächter war … egal! Hauptsache, diese seltsame Stille war aus dem Raum verschwunden!

Sarah war die Erste, die sich wieder fing. Allerdings nicht freiwillig. Irgendetwas war in ihrem Geist aufgetaucht, als sie den verwirrten Gesichtsausdruck ihres Großvaters erblickt hatte. Irgendetwas, das nicht ganz greifbar war. Etwas … Seltsames …

Dann fiel es ihr ein. Plötzlich und ohne Vorwarnung. Ihr Gelächter stoppte abrupt, als sie sich an die Begegnung vor zwei Tagen erinnerte. Ihr Blick wanderte in die Ferne.

Es dauerte nicht lange, bis Dupoit und Matthew merkten, dass irgendetwas nicht stimmte. Ganz und gar nicht stimmte. Ihr Gelächter verstummte und sie blickten Sarah fragend an. »Was ist los?«, wollte Matthew wissen. Die junge Frau hatte Mühe, sich aus ihren Gedanken zu befreien. Aufgeregt sah sie ihren Großvater an. »Dein Gesicht!« Dupoit zog fragend eine Augenbraue in die Höhe. Matthew zuckte unwillkürlich zusammen, als er das sah. Nun hatte er auch noch den letzten Beweis dafür, dass die beiden verwandt waren! Er unterdrückte ein Grinsen.

Sarah hatte ganz offensichtlich Mühe, ihre Gedanken in eine verständliche Erklärung zu bringen. »Vor ein paar Tagen, ich war auf dem Weg zur Uni, da stand ich vor einer Buchhandlung. Das war irgendwie seltsam…« Vorausschauend warf sie Matthew einen warnenden Blick zu. Der hatte auch tatsächlich bereits den Mund geöffnet, wahrscheinlich, um sie ihre ungeschickte Formulierung noch weiter erklären zu lassen. Auf ihren Blick hin beeilte er sich aber, ihn wieder zu schließen.

Sarah fuhr fort: »Der Laden war eigentlich nichts Besonderes. Ich habe schon weit schönere oder besser ausgestattete Buchhandlungen gesehen. Aber dennoch … ging irgendwie eine Anziehungskraft von dem Laden aus. Ich stand einfach nur da, starrte ins Schaufenster und hatte das dringende Bedürfnis, dem Geschäft einen Besuch abzustatten.« Sarah schüttelte verwirrt den Kopf. »Dabei lag dort nicht mal ein Buch, das mich interessiert hätte!«

Das war an und für sich schon eine Seltenheit. Die junge Frau warf ihren Zuhörern einen Blick zu und vergewisserte sich, dass sie auch wirklich die volle Aufmerksamkeit der beiden besaß. Sie atmete einmal tief durch und kam dann zum eigentlichen Teil ihrer Geschichte.

»Ich weiß nicht, was geschehen wäre, wenn mich nicht ein Passant plötzlich angerempelt hätte. Wahrscheinlich wäre ich in den Laden gegangen…« Ihre Stimme verlor sich für einen Moment und kehrte dann zurück. »Aber als er mich anrempelte, war es, als hätte er mich aus einem Bann befreit. Die Anziehungskraft des Ladens verschwand ganz plötzlich. Der Stoß war so heftig, dass ich ins Taumeln geriet und alle Mühe hatte, auf den Füßen zu bleiben.«

Dupoit und Matthew sahen sie immer noch an. Verständnislos. Sarah grinste innerlich. Dann würde sie mal zum eigentlichen Kern der Erzählung kommen. »Den Mann, der mich angerempelt hat, konnte ich nur ganz kurz sehen. Aber sein Gesicht … war einmalig. Es war wie deines«, fügte sie mit einem Blick auf ihren Großvater hinzu. »Maskenhaft und irgendwie zeitlos. Wie der Ausdruck in seinen Augen.«

Sarah stellte befriedigt fest, dass ihre beiden Zuhörer sie immer noch ansahen. Die Verständnislosigkeit in ihren Gesichtern wich und machte Erkenntnis Platz. Erkenntnis und Aufregung.

Und wieder war es Matthew, der die anderen beiden mit dem, was er sagte, überraschte. »Na, dann ist es ja klar, wo wir jetzt hingehen«, stellte er mit ruhiger Entschlossenheit fest. »Wir werden dieser Buchhandlung einen Besuch abstatten.«

*

Die späte Vormittagssonne schien von einem wolkenlosen Himmel zwischen den Häusern hindurch und es wehte nur ein sanfter Wind. Im Gegensatz zum vorherigen Nachmittag waren die Straßen um sie herum wieder voll lärmender Geschäftigkeit. Aber das alles wirkte nach der vergangenen Nacht seltsam unwirklich auf Matthew. Sarah und ihr Großvater unterhielten sich, aber er nahm ihr Gespräch nur am Rande wahr. Während die kleine Gruppe sich ihren Weg auf den gut gefüllten Gehsteigen bahnte, kreisten seine Gedanken um Dupoits Erzählung von dem Antiquariat. Gab es noch mehr Orte wie diesen in der Stadt? War die Buchhandlung auch so ein Ort?

Matthew wurde jäh durch ein schneidendes Klingeln aus seiner Jacke aus seinen Gedanken gerissen. Er blieb überrascht stehen und begann, in den Taschen nach seinem Mobiltelefon zu wühlen. Sarah und Dupoit merkten erst nach einigen Metern, dass sie nur noch zu zweit waren, und drehten sich um. Als Matthew endlich das Telefon in der Hand hatte, bedeutete er ihnen, einen Moment zu warten. Er warf einen Blick auf das Display. Großartig. Die Büronummer.

»Sieh einer an, wer da noch unter den Lebenden weilt«, meldete sich die unangenehm hohe Stimme von James Carmush am anderen Ende. Matthew kannte die cholerischen Anfälle seines Vorgesetzten nur zu gut, aber noch schien der Australier in seiner üblichen Laune zu sein – herablassend, aber beherrscht.

»Ja, hallo Jim«, begann Matthew. Er biss sich auf die Lippe. Hatte er nicht eigentlich gestern schon kündigen wollen? »Es tut mir leid, aber...«

»Was tut dir leid? Dass du zwei Tage lang nicht im Büro erscheinst? Oder dass mir Zürich im Nacken sitzt, weil die ihre Zahlen noch nicht haben? Außerdem erwartet die Chefetage morgen eine Präsentation von mir, die du...«

Matthew kramte mit der freien Hand nach einer Zigarette. Wenn sich Seine Heiligkeit erst mal warm geredet hatte, konnte das dauern. Sarah warf ihm einen fragenden Blick zu und als er die Augen verdrehte, legte sich ein breites Grinsen auf ihr Gesicht.

Tatsächlich dauerte die Tirade noch gute zwei Minuten.

»...und deshalb würde ich vorschlagen, dass du pronto deinen Hintern hierher bewegst. Ich will auch gar nicht wissen, welche lahme Ausrede du diesmal...«

»Weißt du, Jim«, unterbrach ihn Matthew, »eigentlich wollte ich dir das ja in Ruhe mitteilen, aber nachdem ich dich schon mal am Telefon habe, können wir das auch jetzt machen.« Er holte tief Luft. Vieles hatte sich in den Jahren, die er in dieser Firma verbracht hatte, aufgestaut, aber er sollte sich kurz fassen. »Die Zahlen kannst du selbst abliefern, du musst dazu nur den Computer anschalten. Das geht an diesem großen runden Knopf in der Mitte. Wenn du ihn schon laufen hast, kannst du natürlich auch gleich deine Präsentation erstellen, ich werde nämlich eine sehr lange Zeit nicht da sein. Aber ich bin mir sicher, du schaffst das schon, irgendeine Qualifikation musst du für deine Stelle ja mitgebracht haben.« Jetzt konnte auch er ein Grinsen nicht mehr unterdrücken.

Carmushs Stimme klang jetzt weit weniger selbstsicher. »Wie bitte? Sag mal, hast du...«

»Tut mir leid, Jim, aber ich muss auflegen. Sollte es aber nicht zu dir durchgedrungen sein: Ich kündige. Ihr braucht mir meine Sachen nicht zu schicken.«

»Du kündigst? Warum?« Die Stimme war jetzt lauter, angefüllt mit der aufkommenden Panik eines Menschen, in dem die Erkenntnis wächst, dass auf ihn jetzt sehr viel mehr Arbeit zukommt.

»Ich bin euch entwachsen.«

»Wann?«

»In diesem Augenblick.« Matthew legte auf und atmete erleichtert aus. Er hatte nicht erwartet, dass es sich so gut anfühlen würde. Sofort klingelte sein Telefon wieder. Er schaltete es aus, überlegte einen Augenblick, öffnete dann die hintere Abdeckung, entfernte die SIM-Karte und zerbrach sie. Dann nahm er das Telefon und warf es in den nächstgelegenen Mülleimer. Dupoit sah ernsthaft erstaunt aus, aber Sarah lachte lauthals.

»Also so kündigt man in England, was?«

Kapitel 16

Alfred irrte die ganze Nacht durch die Pariser Straßen. Manche waren überraschend belebt und ihre festliche Straßen- und Geschäftsbeleuchtung vermittelte den flanierenden Menschen einen trügerischen Eindruck einer bereits lange vergangenen Tageszeit. Andere wiederum waren düster und nur spärlich beleuchtet von einzelnen Lichtquellen, die ihre schwachen Strahlen beinahe entschuldigend in die Dunkelheit hinausschickten. Alfred war das egal. Seine Schritte waren gleichmäßig, ohne dass er darüber nachdenken musste. Seine Überlegungen hingen mit ganz anderen Dingen zusammen. Wichtigeren Dingen.

Zuerst dachte er darüber nach, was er in der kleinen heruntergekommenen Bar aufgeschnappt hatte, in der er den gestrigen Tag verbracht hatte. Schreibend, wie immer. Der verwirrte Mann, der da so überraschend in den Gastraum gestürmt war, hatte ihn völlig unangekündigt aus der Eintönigkeit seines Daseins gerissen und ihm eine Möglichkeit aufgezeigt, die ihn trotz seiner äußeren Gelassenheit innerlich aufgewühlt und bis in seine Grundfesten erschüttert hatte.

So lange! So lange hatte er auf diesen Augenblick gewartet! Hatte eine Nachricht wie diejenige, die er glaubte, aus dem Gestammel des Mannes herausgehört zu haben, herbeigesehnt! Konnte es wirklich wahr sein? War das die Spur, auf die er so lange gehofft hatte? Wann genau hatte er eigentlich aufgehört zu hoffen? Er wusste es nicht mehr. Aber es lag schon geraume Zeit zurück.

Irgendetwas in Alfred sträubte sich dagegen, das Gehörte für wahr zu halten und sich erneut der Hoffnung hinzugeben. Er dachte an den Mann mit dem verstrubbelten Haar, der in die Bar gestolpert war und angefangen hatte, in hysterischem Tonfall auf den alten Barbesitzer hinter der Theke einzureden. Der hatte ihn nur wortlos angegafft, die Zigarette hing ihm dabei in einem Mundwinkel fest. Er hatte nicht einmal die Zeitung sinken lassen, in der er bis dahin gelesen hatte. Stattdessen war sein Gesicht immer ausdrucksloser geworden, als er dem so aufgeregten Neuankömmling schweigend zugehört hatte. Es war ihm ohne weiteres anzusehen gewesen, dass er den Fremden insgeheim für verrückt hielt. Und es war ja auch eine verrückte Geschichte, die der Mann auf seine verwirrte Art und Weise erzählt hatte. Es musste eine verrückte Geschichte sein für die Menschen dieser Welt! Aber eben nicht für Alfred.

Der großgewachsene Mann mit dem maskenhaft jugendlichen Gesicht, das von dichtem, blondem Haar umrahmt wurde, trat durch einen düsteren Torbogen und kam in eine weitere schmale Gasse, die nur spärlich beleuchtet war. Ohne auch nur zu merken, wo er sich gerade aufhielt, ging er einfach weiter. Immer weiter.

Der Fremde in der Bar hatte Schwierigkeiten gehabt, seine Geschichte klar darzulegen. Verworrene Gedanken und Erzählmomente wechselten einander ab. Unmöglich für den Barmann, da mitzukommen. Aber für Alfred war das nicht weiter schwierig. Er lebte für Wörter. Für Sätze. Für Geschichten. Nichts, was damit erzählt werden wollte – und auch das, was zwischen den Zeilen stand – blieb ihm verborgen.

Der Mann hatte von einer Bäckerei erzählt, die er zuvor in einer kleinen Seitenstraße entdeckt hatte. Und dort, vor dem Laden, hatte er als Straßenmusikant die vergangenen zwei Stunden verbracht. Er hatte seine Gitarre ausgepackt, den Gitarrenkasten aufgeklappt vor sich auf den Gehweg gestellt, seinen alten Hocker in die richtige Position gerückt und angefangen zu spielen. Die Bäckerei war nicht sehr gut besucht gewesen, aber hin und wieder kamen ein paar Kunden und betraten den Laden. Sehnsüchtig hatte der Musiker dann darauf gewartet, dass die Einkäufer wieder herauskamen und ihn mit einer Kleinigkeit bedachten. Er stellte sich vor, dass sie ihm sicherlich ein paar Münzen vom Wechselgeld zukommen lassen würden. Die Überlegung hatte nur einen Haken. Die Kunden, die in die Bäckerei gingen, kamen nicht mehr heraus.

Bei diesem Gedanken angekommen, gerieten Alfreds Schritte nun doch ins Stocken. Die Erzählung des Musikers war immer unübersichtlicher geworden. Klar war, er war nicht in die Bäckerei gegangen, sondern hatte durchs Schaufenster nach drinnen geblickt. Und was er dort gesehen hatte, brachte ihn beinahe um den Verstand. Dort drin war keine Bäckerei. Keine Ladentheke, keine Angestellten, die eine wartende Kundenschlange bedienten, kein frisch gebackenes Brot.

Stattdessen hatte der Straßenmusikant etwas gesehen, das eigentlich nicht sein konnte. Und diese unheimliche Tatsache war es, die seinen Geist verwirrt hatte und seine Geschichte in den Augen des Barmannes so verrückt erscheinen ließ. Der Musiker sprach von Feldern, Wiesen und Wäldern. Vor seinen Augen hatte sich ein Land erstreckt, so weit, dass es erst ganz in der Ferne an den Horizont gestoßen war. Dort, ganz am Ende seines Blickes, hatte er gemeint, Berge erkennen zu können. Und dann hatte noch etwas seine Aufmerksamkeit gefesselt. Ein dunkles, massives Gebäude, das er nur aus den Augenwinkeln hatte erkennen können. Als er seinen entsetzten Blick in diese Richtung hatte wandern lassen wollen, war er von einer Woge des Entsetzens überspült worden, die ihm keine klaren Gedanken mehr erlaubt, sondern nur den Wunsch in ihm geweckt hatte, so weit und so schnell wie möglich davonzulaufen.

Ohne noch irgendeine Kontrolle über sich selbst zu haben, hatte er seinen Platz vor dem Laden aufgegeben und war kreuz und quer durch die Straßen gerannt, bis er dann zufällig in besagter Bar gelandet war.

Alfred hatte seine Schritte wieder unter Kontrolle. In gleichmäßiger Geschwindigkeit ging er weiter. Es war sowieso schon ein außergewöhnlich großer Zufall gewesen, dass der Fremde den Weg in genau diese Bar gefunden hatte. Aber vielleicht hatte er sich auch nur auf der Suche nach einem Versteck befunden und da war ihm die Treppe, die auf den ersten Blick in den Keller führte, gerade recht gekommen. Oder aber es war gar kein Zufall gewesen … Alfred wischte diesen Gedanken fort. Im Grunde war es egal. Worauf es ankam, war das, was der Musiker hinter dem Schaufenster der Bäckerei gesehen hatte. Ein unheimliches Kribbeln machte sich in Alfred breit. Wenn hier etwas derart Unwirkliches geschah, dann lag die Schlussfolgerung nahe, dass dessen Ursprung nicht in dieser Welt zu finden war. Sondern in seiner. In der Welt der Büchergilde.

Aber was sollte er nun mit diesem Wissen anfangen? Alfred war davon überzeugt, dass es zwecklos war, nach besagter Bäckerei zu suchen. Das Eindringen des Menschen in die Machenschaften desjenigen, der diese Fassade erschaffen hatte, war bestimmt nicht unbemerkt geblieben. Entweder der Laden hatte sofort aufgehört zu existieren oder aber er war wieder zu der normalen Bäckerei geworden, die er vorher gewesen sein mochte. Je nachdem, auf welche Art das ganze fremdartige Ding erschaffen worden war.

Alfred graute vor der Frage, was mit den Menschen, die jene Bäckerei betreten hatten, passiert war. Wozu jemand das Gebilde überhaupt in diese Welt gesetzt hatte. Irgendwann würde er sich mit eben jenen Fragen auseinandersetzen müssen, aber jetzt noch nicht. Um sich in eine Position zu bringen, von der aus er sich einmischen konnte, musste er sein Buch wiederfinden. Im Moment war er nur ein Gestrandeter, der nirgendwohin gelangte. Auf diese Weise war es ihm unmöglich, in die Geschehnisse einzugreifen. Aber wenn er sein Buch wieder hätte …

Der Weltenschreiber spürte ein schmerzhaftes Ziehen in seiner Magengegend. Für einen Moment war es, als fehlte ihm jegliche Luft zum Atmen. Wieder stockten seine Schritte und er musste sich mit der rechten Hand an einer kalten Steinmauer abstützen, um nicht vollends das Gleichgewicht zu verlieren.

Eine Weile kämpfte er um jeden Atemzug und spürte, wie sich ein dünner Schweißfilm auf seiner Stirn zu bilden begann. Dann war der Moment vorbei. So schnell, wie er gekommen war.

Alfred ließ seine zitternde Hand noch einen Augenblick auf der kalten Steinmauer liegen, froh um den Kontakt zur menschlichen Realität, die durch seinen langen Zwangsaufenthalt auf der Erde zum Teil auch die seine geworden war. Dann richtete er sich langsam wieder auf und machte ein paar zögernde Schritte. Es dauerte eine ganze Weile, bis er zur gewohnten Gleichmäßigkeit seines Ganges zurückgefunden hatte. Sein Atem ging immer noch schwer. Und zurück blieb eine innere Sehnsucht, die er nicht mehr unterdrücken konnte.

So lange hatte er es geschafft, sich von diesem Gefühl zu distanzieren! Die Bindung, die zwischen seinem Buch und ihm bestand, war seit dem Tag, an dem es verschwunden war, nicht mehr fühlbar gewesen. Nur ein unbestimmtes Sehnen war zurückgeblieben, das er ignorieren musste, um sich nicht vollends aufzugeben, sondern um weitermachen zu können mit dem Wenigen, was ihm geblieben war. Dem Studium des menschlichen Lebens. Den leeren Büchern. Dem Schreiben.

Aber nun schaffte er das nicht mehr. Die Erzählung des Fremden in der Bar hatte ihm Hoffnung geschenkt. Ob sich das nun zum Guten oder zum Schlechten wenden würde, musste sich erst noch herausstellen. Aber da war sie – die Hoffnung. Und mit ihr die stetige Sehnsucht nach seinem Buch, seinem anderen Ich, die zu unterdrücken er jetzt nicht mehr in der Lage war.

Also musste er mit ihr zurechtkommen. Musste sie ertragen, ohne sich von ihr übermannen zu lassen. Sie durfte ihn nicht in seinen Gedanken stören oder seine Entscheidungen beeinflussen. Er musste sich jetzt ohne weitere Ablenkung mit dem Gehörten auseinandersetzen und überlegen, wie ihm das auf der Suche nach seinem Buch helfen konnte.

Alfred ging durch mehrere kleine Straßen, ohne weitere Überlegungen anzustellen. Nur mit sich selbst und seinem inneren Befinden beschäftigt, bestrebt, seine Gefühls- und Gedankenwelt wieder in Einklang zu bringen. Erst als ihm das in zufriedenstellender Weise gelungen war, setzte er seine Überlegungen fort.

Die Bäckerei würde ihn also nicht mehr direkt weiterbringen. Aber immerhin war er nun davon überzeugt, dass etwas im Gange war. Etwas, das möglicherweise aus seiner Welt kam. Etwas, das nichts Gutes im Schilde führte. Aber das alles war ihm seit jenem Tag bekannt, an dem er in sein Zimmer zurückgekehrt war, um feststellen zu müssen, dass jemand oder etwas das Unbegreifliche, Undenkbare getan hatte; dass sein Buch entführt worden war.

Jahrzehntelang hatte er sich Gedanken über den Grund dieser Entführung gemacht. Wozu brauchte jemand sein Buch? Und nun hatte er zumindest eine leise Ahnung davon. Aber diese Gedanken waren noch reine Spekulation. Er musste sich jetzt auf das Wesentliche konzentrieren. Nach dem, was er gestern in der Bar gehört hatte, kannte er nun die Art und Weise, wie jemand Teile dieser Welt manipulierte. Ein Laden, der wie eine gewöhnliche Bäckerei aussah und Menschen, die ihn ahnungslos betraten, um dann für immer darin zu verschwinden … Alfred blieb abrupt stehen. Irgendeine zaghafte Erinnerung wollte verzweifelt angehört werden. Er stutzte. Da war doch etwas gewesen … erst vor kurzem … Unbewusst fuhr er sich mit der Hand an die Stirn und begann, kreisende Bewegungen über seiner Schläfe zu vollziehen.

Er erinnerte sich an ein Gefühl. Ein Gefühl, das ihn unsicher werden ließ. Er war eine Straße entlang gegangen, als ihn dieses Gefühl überkam. Eigentlich war er nur zwei Menschen gefolgt, deren Beziehung zueinander er sich näher anschauen und für sein Buch verwenden wollte. Und dann war es plötzlich über ihn gekommen. Etwas Undefinierbares, Wurzelloses. Er wusste mit absoluter Sicherheit, dass irgendetwas falsch war. Aber er konnte beim besten Willen nicht sagen, was.

Alfred erinnerte sich vage, dass er in seiner damaligen Verwirrung mit jemandem zusammengestoßen war – mit einer Frau? – und dann weitergeeilt war, ohne den Grund für seine seltsamen Gefühle verstanden zu haben.

Alfred ließ die Hand sinken. Seine Gedanken rasten. Warum nur war er so schnell von dort verschwunden? War das etwa beabsichtigt gewesen? Hatte ihn etwas dazu gebracht, diesen Ort rasch wieder zu verlassen? War das vielleicht eine Art Sicherheitsvorkehrung gewesen, um die geheimen Machenschaften, die dort vor sich gingen, zu schützen? Und wusste er denn jetzt im Nachhinein noch, wo dieses dort war?

Er ging in Gedanken die Schritte durch, die er an jenem Tag getan hatte und entschied, dass er die Stelle wiederfinden würde. Und wenn ihn nicht alles täuschte, musste sich dort ein weiterer veränderter Laden befinden. Ein Ort, der die Menschen genauso hinters Licht führte – und schlimmstenfalls verschwinden ließ – wie jene Bäckerei. Und vielleicht war dieser getarnte Laden noch immer das, wozu er gemacht worden war. Dann konnte Alfred dort vielleicht etwas herausfinden, was ihm bei seiner Suche weiterhelfen würde.

Der Weltenschreiber spürte förmlich, wie sich die Hoffnung erneut in ihm regte. Und mit ihr der sehnsuchtsvolle Schmerz, der den Teil von ihm betraf, auf den er so lange hatte verzichten müssen. Entschlossen verabschiedete sich Alfred von seinen Gedanken und wandte sich wieder der Wirklichkeit zu. Er lenkte seine Schritte in die Richtung, aus der er Stimmen zu hören meinte. Nur kurze Zeit später befand er sich auf einer breiten Straße, die trotz der fortgeschrittenen Stunde noch überaus belebt war. Zu belebt. Und zu hell. Der hochgewachsene Mann, der da aus einer Seitenstraße kam, nahm die Tatsache, dass es bereits früher Morgen war, mit einem grimmigen Lächeln zur Kenntnis. Er musste wirklich vorsichtiger sein, wenn er sich so völlig von der Realität lossagte, um seinen Gedanken nachzugehen. Sollte er irgendwann einmal stundenlang reglos inmitten des Gehwegs stehen bleiben, würden die Menschen vermutlich doch misstrauisch werden.

Durch seinen jahrzehntelangen Aufenthalt in dieser Stadt dauerte es nicht lange, bis Alfred nach seinem nächtlichen Irrgang durch die Pariser Straßen die Orientierung wieder fand. Dann ging er gleichmäßigen Schrittes in die Richtung, in der er den Laden wusste, den er sich ansehen wollte. Der Weltenschreiber misstraute allen Dingen, die sich mechanisch oder elektrisch fortbewegten. Er war sich auch nicht sicher, ob er sich deren Hilfe bedienen konnte, ohne Aufsehen zu erregen. Zu wenig hatte er sich mit der menschlichen Technik befasst. Ihn interessierten Gefühle. Gedanken. Gespräche.

So dauerte es eine ganze Weile, bis Alfred endlich sein Ziel erreichte. Inzwischen war es bereits später Vormittag und die Straßen voller Menschen. Dennoch erkannte Alfred sie sofort wieder. Dort stand sie, direkt vor der Buchhandlung, genau wie vor zwei Tagen, als er sie aus Versehen angerempelt hatte. Er stutzte. War es denn ein Versehen gewesen? Hatten die Schritte des Musikers ihn gestern zufällig in die Bar geführt? Alfreds Augen wanderten kurz in die Ferne, so, als suchten sie dort nach einer anderen Welt, seiner Welt. Hatte er womöglich Hilfe? Hatten sie alle womöglich Hilfe?

Dann blickte er wieder nach vorne und hatte gerade noch Zeit, festzustellen, dass er nicht der Einzige war, der sich die Buchhandlung ansehen wollte. Die Frau mit den langen braunen Haaren, die sie unachtsam zurückgebunden hatte, war bereits auf dem Weg zur Tür. Wie es schien, folgte sie einem älteren Herrn, der seltsam zeitlos aussah. Alfred stutzte. Was ging hier vor? Wer war dieser Mann? Er sah aus wie ein Mensch, aber sein Gesicht … erinnerte an eine andere Welt. Alfreds Welt.

Der Weltenschreiber beobachtete verwirrt, wie der ältere Mann die Tür zur Buchhandlung öffnete und im Inneren des Ladens verschwand. Die Frau, die er von seinem Zusammenstoß her kannte und ein zweiter Mann, der ungefähr im gleichen Alter war, folgten ihm durch die offene Ladentür.

Erst als die drei Menschen die Buchhandlung betreten hatten, kam wieder Leben in Alfred. Während sich die Tür mit einem scheinbar zufriedenen Schwung, begleitet von einem hämischen Knarzen, schloss, begann der Weltenschreiber zu rennen.

Kapitel 17

Sie standen seit gut zwei Minuten vor der Buchhandlung, während der Verkehr hinter ihnen träge entlang zog. Durch die beiden Schaufenster war nicht viel zu erkennen. Die Auslagen hatten sich seit Sarahs letztem Halt hier nicht verändert; nur eine kleine Kreidetafel pries jetzt ein »Frühsommersonderangebot« an – vier Bücher für den Preis von drei. Matthew war sich angesichts des einzigen Titels, der das Schaufenster dominierte, nicht mal sicher, ob er hier überhaupt eines kaufen würde.

Die lautstarke, aber offensichtlich gut gelaunte Diskussion zweier älterer Damen, die ein Stück den Gehweg hinab standen, wurde nur gelegentlich von einem kräftigen Hupen übertönt. Hin und wieder war ein Vogelzwitschern weit über ihnen zu hören, aber ansonsten erfüllte nur der Klang einer Stadt zur Mittagszeit die Luft.

»Also, was ist nun? Gehen wir rein?« Sarah klang gleichermaßen ungeduldig wie unsicher. Matthew konnte deutlich seine eigenen Gedanken in ihrer Stimme wiedererkennen. Wie sollten sie das angehen? Der Fremde, von dem Sarah gesprochen hatte, war nirgends zu sehen. Dupoits Antwort war simpel – er öffnete die Tür und trat ein. Sarah und Matthew folgten ihm, ohne weiter zu zögern.

Ein Glöckchen über der Tür kündigte mit einem kurzen, hektischen Klingeln ihre Ankunft an. Der Raum schien rechteckig zu sein, aber genau war das nicht auszumachen. Nicht nur die Wände waren von dunklen, raumhohen Holzregalen gesäumt, auf der linken Seite des Ladens standen zwei davon quer und versperrten die Sicht. Zu ihrer Rechten waren vier lange Tische mit spiralförmig angeordneten Bücherstapeln bedeckt. Matthew trat einen Schritt vor und versuchte, an den Regalen vorbei tiefer in den Raum zu blicken. An der Rückwand verdeckte ein persisch anmutender Vorhang scheinbar einen Durchgang. Davor stand ein Tisch mit einer alten Registrierkasse und einem wesentlich moderneren Telefon. Weder der ausladende Leuchter an der Decke noch die grünen Wandlampen zwischen den Regalen waren eingeschaltet und das schräg einfallende Sonnenlicht wurde durch die Scheiben getrübt, als ob es sich nicht weiter in den Laden traute. Außer ihnen schien niemand hier zu sein.

Während Dupoit sich den Regalen links von ihnen zuwandte, ging Sarah an den Tischen vorbei in den hinteren Teil des Raumes. »Hallo?«, rief sie zaghaft. Sie drehte sich um und warf Matthew einen fragenden Blick zu. Dann rief sie wieder, diesmal bestimmter: »Ist jemand hier?«

Matthew hatte den Eindruck, als wäre bereits länger nicht mehr gelüftet worden. Die Luft war nicht wirklich drückend, aber roch etwas modrig – und es war mit Sicherheit nicht der Geruch alter Bücher, den er aus seiner Studienzeit nur zu gut kannte. Er blickte zu Sarah, die jetzt wie ihr Großvater angefangen hatte, die Regale genauer in Augenschein zu nehmen. Matthew ging zu einem der Tische. Die Bücher hier im vorderen Teil waren ausnahmslos neueren Datums: Thriller, Liebesromane, Selbsthilfebücher, Geschenkbände, Biographien. Nichts davon sah älter als ein halbes Jahr aus und Matthew erkannte einige von den Bestsellerlisten des Mercure wieder.

Er nahm das erstbeste Buch in die Hand. Auf dem Schutzumschlag in dramatischem Rot und Schwarz prangte in obszön großen Lettern Das Dunkel der Finsternis. Matthew legte es grinsend wieder auf den Stapel, doch als er schon weitergehen wollte, blieb sein Blick wieder an dem Umschlag hängen. Auf dem glatten Kunststoff war jetzt deutlich sein Handabdruck zu sehen. Er beugte sich vor und betrachtete die anderen Bücher auf dem Tisch. Ausnahmslos alle Bände, die oben auf den Stapeln lagen, waren mit einer feinen grauen Schicht überzogen. Matthew ging zügig zu den Regalen. Auch hier lag Staub auf jeder freien Fläche. Als er zu Dupoit blickte, der die Bücher nahe am Fenster inspizierte, sah er, dass bei jedem seiner Schritte winzige Staubwölkchen aus dem Teppich aufstiegen und im Sonnenlicht tanzten.

»Findet ihr es nicht auch seltsam, dass ein vollkommen neuer Laden so dick mit Staub eingedeckt ist?« Matthew sah, dass Sarah die Bücher, die vor ihr lagen, jetzt ebenfalls näher unter die Lupe nahm. Sie wandte sich Matthew zu und öffnete schon den Mund, um etwas zu sagen, drehte dann aber den Kopf etwas zur Seite und verharrte konzentriert ins Leere blickend. »Hört ihr das auch?«, fragte sie nach einigen Sekunden.

Matthew blickte nach unten und schloss die Augen. Zunächst hörte er nichts außer den gedämpften Geräuschen der Straße vor dem Laden, aber dann vernahm er tatsächlich ein leises Summen. Es erinnerte ihn an den Klang eines Generators, aber er konnte nicht bestimmen, woher es kam.

»Wir sollten gehen. Irgendetwas verändert sich. Ich kann es spüren und ich denke, das heißt nichts Gutes.« Es war Dupoit und seine Stimme klang auf einmal wieder schwach und brüchig, so wie an dem Abend, als er auf der Bank am Flussufer aufgetaucht war.

Matthew wollte ihm beipflichten, aber bevor er etwas sagen konnte, spürte er ein ungewohntes Kribbeln im Gesicht. Es kam ihm vor, als lade sich die Luft um ihn herum mit knisternder Elektrizität auf. Das Summen des Generators wurde plötzlich vom Rauschen einer toten Radiofrequenz abgelöst.

Inmitten des Rauschens erhob sich ein dumpfes Dröhnen. Matthew konnte es in seinem Bauch und hinter seinen Augen spüren. Dann gaben seine Knie nach und er knickte ein. Während der Boden auf ihn zukam, schien er nicht einfach nur zu stürzen; vielmehr hatte er das Gefühl des abrupten und schnellen Fallens, das ihn manchmal heimsuchte, wenn er bereits halb schlafend im Bett lag. Doch da war noch etwas anderes. In dem Maße, in dem er fiel, sagte ihm sein Kopf, dass er eigentlich nach oben stieg.

Seine Hände berührten den Boden. Auch jetzt, da er auf allen vieren war, hörten diese widersprüchlichen Empfindungen nicht auf. Um sie herum veränderte sich das Licht. Die wenigen Sonnenstrahlen, die in den Laden fallen konnten, zogen sich langsam zurück, und der Schatten aus dem hinteren Teil des Raumes kroch über den staubigen Teppichboden auf ihn zu. Er hob den Kopf und blickte zu Sarah. Sie stand noch auf ihren Füßen, eine Hand klammerte sich an eines der Regalbretter vor ihr, aber er konnte sehen, dass ihre Beine bereits nachgaben. Ihre Augen waren zusammengekniffen und Schweiß glänzte auf ihrer Stirn. Dupoit zu seiner Linken war ebenfalls auf den Knien und presste beide Hände gegen sein Gesicht. »Es ist ein Tor«, schrie er, und seine Stimme überschlug sich dabei vor Panik. »Es passiert schon wieder!«

Dann war es, als ob jemand schweigend den Raum betrat. Innerhalb eines Augenblicks verstummten alle Geräusche und zwei schwere, kalte Hände legten sich um Matthews Herz, mehr noch, um seinen Geist, und schienen jedes gute Gefühl, jede glückliche Erinnerung, jeden Anflug von Hoffnung aus ihm herauszupressen. Nie hatte er es für möglich gehalten, so viel Boshaftigkeit und Hass zu spüren, ein Hass, der ihn wie eine gewaltige schwarze Welle traf, abgrundtiefer Hass in einem weiten, leeren Raum ohne Zuflucht. Für einen Moment war er überzeugt, dass dies sein Ende war, dass sein Geist einfach verwelken und er als leere Hülle tot in diesem Staub zurück bleiben würde.

War er überhaupt noch auf dem Boden? War er noch in dieser Stadt? Seine Umgebung war jetzt nicht viel mehr als ein schwaches Echo der Wirklichkeit, das verschwommen hinter diesen immer neuen Wellen lag. So schwach es auch war, er konnte es spüren. Aber es fühlte sich fremd an, genauso fremd wie das unsichtbare Wesen, das so unvermittelt in diesen Raum und in seine Seele eingedrungen war. Was war mit Sarah und Dupoit? Er konnte sie nicht mehr sehen, so getrübt war sein Blick von dem Schmerz und der plötzlichen Verzweiflung.

Aber dann wurde der Griff schlagartig schwächer und die Wellen ebbten ab. Wieder veränderte sich etwas. Erst zaghaft, dann immer deutlicher, spürte er hinter sich eine zweite Präsenz. Matthew öffnete die Augen und er konnte wieder den Teppich erkennen, der jetzt nur Zentimeter von seinem Gesicht entfernt war. Die Kälte kroch langsam aus seinem Herzen, während die Schatten sich wieder zurückzogen. Was er nun hinter sich wahrnahm, fühlte sich ebenso fremd an wie die erste Präsenz, aber statt Verzweiflung durchströmte ihn jetzt wärmende Hoffnung. Es war kein Hass, sondern Mitgefühl, das dieses Wesen antrieb. Sein Blick wurde klarer und er sah, dass Sarah wieder aufrecht stand. Sie hielt ihre Augen noch geschlossen, aber der Ausdruck auf ihrem Gesicht wirkte jetzt entspannt. Matthew sah besorgt zu Dupoit, aber auch er war schon wieder dabei aufzustehen.

Das Gefühl kehrte in Matthews Knie zurück. Er stützte sich mit einer Hand auf und drückte sich nach oben. Leicht schwankend stellte er sich hin. Die Regale und Tische waren verschwunden und dort, wo vorhin noch ein Vorhang einen Durchgang verdeckt hatte, sah er jetzt nur die nackte Wand. Sie standen in einem leeren, staubbedeckten Raum. Aber sein Gefühl verriet Matthew, dass sie noch nicht wieder alleine waren.

Er drehte sich um und blickte zur Tür. Der junge Mann, der dort mit geschlossenen Augen und halb erhobenen Händen stand, sprach mit einer tiefen, aber keineswegs bedrohlichen Stimme.

»Mein Name ist Alfred. Ich denke, wir sollten uns unterhalten.«

Kapitel 18

Er stand an dem Fenster, an dem er jeden Abend zu stehen pflegte und sah hinaus auf die weite Fläche unterhalb seiner Burg. Früher jedenfalls war diese Fläche weit gewesen. Unbebaut und eben – eine Graslandschaft, die sich in der Ferne in Hügeln und einem Wald verlor und erst an den kantigen Gebirgszähnen endete, die am Horizont einen Ring um sein Reich bildeten. Er lächelte grimmig. Dabei verrutschte sein ausgesprochen makelloses Gesicht in eine zähnefletschende Maske, die wenig vorteilhaft war. Aber das störte ihn nicht. Er war mächtig. Und unantastbar. Zwar konnten die unreinen Gestalten, die dort unten für ihn das Land urbar machten und ihm sein eigenes Reich bauten, ihn oben am Fenster stehen sehen, aber er wusste genau, dass es keiner von ihnen wagen würde, aufzublicken. Schemenhafte Wesen waren sie in seinen Augen. Nicht real, aber real genug, um ihm zu Diensten zu sein. Seine Menschensklaven.

Ein weiteres grimmiges Lächeln verzog sein Gesicht. Sein Plan war einfach so wunderbar aufgegangen. Aber anders war es schließlich auch nicht zu erwarten gewesen. Alles, was er anpackte, formte er nach seinen Vorstellungen und brachte es an das von ihm gewünschte Ziel. Die Mitglieder der Gilde waren Wachs in seinen Händen gewesen. Natürlich hatte es ihn Zeit gekostet, ihnen allen das wertvolle neue Mitglied vorzuspielen, den Sohn, der nach seinem berühmten rechtschaffenen Vater kam. Aber was war das schon – Zeit. Für ihn nichts. Ein relatives Phänomen, das er nach Belieben biegen und brechen konnte.

Für einen kurzen Augenblick tauchte eine vage Erinnerung in seinen Gedanken auf, die er lieber nicht dort gehabt hätte. Das Buch. Er hatte ein Buch gebraucht, das ihm bei der Verwirklichung seines Planes helfen musste. Sein eigenes Buch hatte sich bereits so sehr seinem unmoralischen Charakter angepasst, dass es ihm für dieses Vorhaben nicht von Nutzen sein konnte. Er furchte unwillig die Stirn. Wie oft hatte er zuvor sein Buch ermahnt und es gebeten, die Veränderung seines Charakters nicht so schnell vonstatten gehen zu lassen. Es hatte alle Zeit der Welt und sollte seine Entwicklung erst beschleunigen, nachdem es ihn bei seinem Plan unterstützt hatte. Aber nein!

Er seufzte. Dieses Buch war genauso starrsinnig wie er selbst. Hatte seine Charakterstärke und seine Abneigung, Befehle zu befolgen. Kurz, es war wie er. Dieser Gedanke löste ein Lächeln aus, das es fast geschafft hätte, seinem makellosen Gesicht die unwirkliche Schönheit zu erhalten.

Aber das Buch! Dieses verflixte Buch von dem Schreiberling, dessen Namen er sich nie die Mühe gemacht hatte, herauszufinden. Beinahe hätte es alles zunichte gemacht, worauf er so lange hingearbeitet hatte. Sein ganzes Lebenswerk!

Bei diesem Gedanken begannen seine eleganten Hände, die er lässig auf dem Fenstersims abgestützt hatte, unkontrolliert zu zittern. Wieso nur hatte er ausgerechnet an ein Buch geraten müssen, das einen so starken Gerechtigkeitssinn und so hohe Moralvorstellungen hatte!

Wütend umklammerte er mit den Händen das Sims und starrte hinab in den Burghof. Die eilig dahinhuschenden Gestalten schafften es tatsächlich, ihn von diesen ärgerlichen Überlegungen abzulenken. Ihre so offenkundige Nichtigkeit stimmte ihn heiter und gab ihm das für einen kurzen Moment abhanden gekommene Überlegenheitsgefühl zurück. Vielleicht sollte er das armselige Dasein ein paar dieser Menschen mit einem Federstrich beenden, nur um sich besser zu fühlen. Er beobachtete die unwichtigen Schemen noch eine Zeitlang und verließ dann seinen Beobachtungsposten.

Letztlich hatte doch alles geklappt. Er hatte das so unerwartet wehrhafte Buch gebrochen und es gezwungen, bei der Ausführung seines Planes mitzuwirken. Sein nächstes Lächeln war echt. Boshaft, aber echt. Er hatte das verdammte Ding von seiner moralischen Warte heruntergeholt und es gezwungen, ihm bei seinen abscheulichen Machenschaften zu helfen. Kein Buch konnte eine solche Misshandlung überleben. Er hatte es vernichtet und war als Sieger aus diesem Kampf hervorgegangen.

Wie er es immer getan hatte. Wie er es immer tat. Wie er es immer tun würde.

Kapitel 19

Der graubraune Mischlingshund tollte über die frisch gemähte Wiese, als gäbe es kein Gestern und kein Morgen. Nur das Hier und Jetzt. Nur ihn und diese wunderbare Spielwiese. Er rannte einige Male in einem kleinen Kreis, den Schwanz dabei fest zwischen die Beine geklemmt und in den leuchtenden Augen einen verwirrt ausgelassenen Blick. Dann ein plötzlicher Stopp, ein Wälzen zur Seite und auf den Rücken. Genießerische Laute unterstrichen das schabende Geräusch des Hunderückens auf dem stoppelig gemähten Gras. Anschließend ein abruptes Zögern, alle vier Beine in der Luft. Plötzlich den Körper in einer fließenden Bewegung herumgeworfen. Und wieder ab über die Wiese. Dieses Mal die Schnauze dicht über dem Boden.

Da – ein Grashüpfer, der fluchtartig das Weite suchte. Ein kurzes Innehalten und dann ein zielgerichteter Sprung des Hundes. Die Schnauze wieder zwischen die Grashalme gesteckt – wo war nur der flüchtige Grashüpfer? Der kleine Kerl hatte sich bereits ein weiteres Mal vor der schnüffelnden feuchten Hundeschnauze in Sicherheit gebracht. Endgültig diesmal. Denn ein gewagter, rekordverdächtiger Sprung hatte ihn quer über den geduckten, angespannten Hundekörper direkt neben das linke Hinterbein befördert. Außer Reichweite der gefährlich suchenden und – aus seiner Sicht – riesigen Hundeschnauze. Nun musste er nur noch achtgeben, dass er dem pelzigen Hinterbein nicht zu nahe kam und in diesem Spiel, in das er so ungefragt mit eingebunden worden war, höchst ungewollt und nebenbei noch unbemerkt, zertrampelt wurde.

Sarah, Matthew, Henri und Alfred standen in dem kleinen Park inmitten von Paris und beobachteten schweigend das Schauspiel, das sich ihnen dort auf der Wiese bot.

Der ausgelassene Hund war nur eines von vielen Lebewesen, die sich in dem Park aufhielten. Das Wetter war im Laufe des Tages immer freundlicher geworden und es schien, als würde es die Pariser regelrecht nach draußen drängen, um die wenigen Sonnenstrahlen, die sich durch die grauen Wolken mogelten, mit eigenen Augen zu sehen und freudig auf der Erde willkommen zu heißen.

Die vier standen inmitten des Pariser Lebens und fühlten sich so fehl am Platz, als wären sie Außerirdische, denen der erste Kontakt mit diesen fremden Wesen noch immer bevorstand. Sie nahmen ihre Umwelt zwar wahr, doch mit ihren Gedanken waren sie weit entfernt. Ein jeder in einer anderen Richtung.

Der unheimlichen Buchhandlung waren sie entkommen, aber dafür hatten sie einen Preis gezahlt. Einen Preis, wie er höher nicht hätte sein können. Sie hatten ihre Unwissenheit eingebüßt. Selbst Dupoit, der doch schon so viele Dinge in seinem außergewöhnlichen Leben gesehen und durchgestanden hatte, begann nun erst zu ahnen, dass sein ungewollter Aufenthalt in der Bücherwelt nur ein winziges Detail im Plan eines anderen gewesen war. Nein, nicht einmal das!

Dupoits Gesichtsausdruck war bitter. Nichts von seinem verpfuschten Leben war geplant gewesen. Wenn er nur wenigstens der Teil eines großen bösen Spiels gewesen wäre! Aber er war nur das unschuldige Bauernopfer. Sein Aufenthalt in der Bücherwelt und damit die vergangenen dreißig Jahre seines Lebens waren vollkommen unnötig gewesen.

Henri Dupoit spürte, wie es hinter seinen Augen unerbittlich zu brennen begann. Bei dem Gedanken, er könnte vor seinen Begleitern, vor allem vor seiner Enkeltochter, anfangen zu weinen, wurde ihm bange. Alles, nur das nicht! Er war doch wohl nicht den langen Weg nach Paris zurückgekehrt, um seiner Enkelin vor Augen zu führen, dass sich die Suche nach ihm nicht gelohnt hatte? Dass er nur ein weinerlicher alter Mann war, der mit seinem Leben und seiner eigenen Entscheidung – jawohl, seiner eigenen Entscheidung! – grollte? Rasch fuhr sich Dupoit mit einer fahrigen Handbewegung über die Augen und versuchte, seinen Gedanken eine positivere Richtung zu geben. Erschwert wurde sein Vorhaben allerdings aufgrund des durchdringenden Blicks, den ihm dieser Fremde, dieser Alfred, zuwarf. Der Blick ging geradewegs durch ihn hindurch, so als wüsste dieser Mensch ganz genau, was er dachte…!

Sarah und Matthew wurden von einem lauten Gelächter aus ihren Gedanken gerissen. Das Gelächter war schockierend nahe und klang, als befände es sich am Rande der Hysterie. Schockierend war für Sarah besonders die Feststellung, dass es von ihrem Großvater kam.

Sie und Matthew standen da und starrten Dupoit an, der sich ganz offensichtlich nicht mehr unter Kontrolle hatte. Sein Gesicht, das noch vor kurzem so maskenhaft zeitlos gewesen, in den letzten zwei Tagen aber seltsam rasch gealtert war, hatte er in einem grauenvoll hemmungslosen Lachen verzerrt. Seine Augen jedoch teilten das Gelächter nicht. Sie blickten starr auf Alfred, der, wie Sarah verwirrt feststellte, mit einem empfindungslosen Gesichtsausdruck neben ihnen stand und Dupoit lediglich interessiert musterte.

Rasch blickte sich Sarah um, doch die befürchtete Menge Schaulustiger blieb aus. Zwar blickten einzelne Menschen in ihre Richtung – und war das etwa ein Hund, der sie anstarrte? – aber mit einem teilnahmslosen Gesichtsausdruck, der zeigte, dass sie vor allem mit ihrem eigenen Leben beschäftigt waren und nicht vorhatten, das in nächster Zukunft zu ändern. Geschehe, was da wolle.

Sarah wandte sich wieder ihrem Großvater zu. »Was ist los? Ist alles in Ordnung?«, fragte sie besorgt. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich Henri Dupoit so weit gefasst hatte, dass er mit dem gruseligen Gelächter aufhören und auf die Frage seiner Enkelin eingehen konnte. Von der unkontrollierbaren Anstrengung rannen ihm Tränen über das Gesicht. Als er sich zu Sarah umwandte, sah die in seinen Augen ein Feuer, das sie bisher noch nicht darin erkannt hatte. Irgendetwas war geschehen. Etwas Wichtiges.

Sie starrte ihren Großvater wie gebannt an und hing förmlich an seinen Lippen, als er ihr endlich auf ihre naive Frage eine Antwort gab. »Er ist es«, waren die ersten Worte, die sie von Dupoit hörte, ohne sie jedoch zu verstehen. Anscheinend war ihr das Unverständnis ins Gesicht geschrieben, denn ihr Großvater hob einen Arm und wies mit einer Geste auf Alfred, die beinahe anklagend wirkte. »Er ist einer von ihnen. Einer von denen, die ich so lange versucht habe, zu finden.« Dupoits Stimme schraubte sich auf der Tonleiter nach oben. »Er ist ein Weltenschreiber!«

Die Stille, die auf diese Enthüllung folgte, war förmlich mit Händen zu greifen. Da standen sie alle vier inmitten des dahin plätschernden Pariser Lebens, zwischen der Familie, die versuchte, in dem eher mäßigen Wind einen selbstgebastelten Drachen steigen zu lassen, dem Vater, der mit zwei Jungs Fußball spielte, der Frau, die sich angeregt über das Wetter unterhielt, während ihr Hund auf der Wiese seinem Freiheitsdrang nachgab und unschuldigen Grashüpfern hinterherstellte, und wurden mit einer Erkenntnis konfrontiert, die sie alle noch weiter vom alltäglichen Leben distanzierte.

Keiner der drei Menschen sagte ein Wort. Sie standen alle nur da, Dupoits Arm ein wenig herabgesunken, aber nichtsdestotrotz immer noch auf den anderen gerichtet. Auf ihn. Den Fremden. Den Weltenschreiber. Alfred.

Sarah fragte sich insgeheim, wie sie so blind hatte sein können. Natürlich war er ein Weltenschreiber! Und wenn nicht das, dann doch auf jeden Fall aus dieser anderen Welt, in die es ihren Großvater vor dreißig Jahren verschlagen hatte.

Sein Gesicht war genauso maskenhaft jugendlich, wie es das ihres Großvaters bei dessen Rückkehr gewesen war. In seinem Nacken trug er ein verschnörkeltes Zeichen, das Sarah zuerst für eine Tätowierung gehalten hatte. Erst bei näherem Hinsehen hatte sie sich darüber gewundert, dass das Symbol nicht schwarz, sondern blau war. Und der zeitlose Ausdruck in den Augen des blonden Mannes sprach diese andere Sprache. Eine Sprache, die nicht menschlich war. Oder … nicht nur menschlich. Sondern allumfassend.

Und er wusste Bescheid! Er hatte sie alle aus dieser Buchhandlung wieder wohlbehalten nach draußen gebracht, dessen war sie sich plötzlich sicher. Sie waren da in eine Sache hineingestolpert, die sie nicht durchblickten. Und sie wären in dieser Sache verloren gegangen, hätte er sie nicht auf irgendeine Art und Weise wieder hinausbefördert.

Alfred hatte sich unterdessen seiner Lieblingsbeschäftigung hingegeben: Dem Studium der menschlichen Mimik. Das Ganze war für ihn eine knifflige Angelegenheit. Da er sich selbst traditionsbedingt keine großen Gefühle erlaubte, seine Lebensaufgabe aber von ihm verlangte, sich in andere Wesen hineinzuversetzen und sie möglichst vollständig zu verstehen – denn, so fand er, nur über die Gefühle, Gedanken und Geschehnisse konnte man schreiben, die man wenigstens im Geiste selbst erlebt hatte – war dies der Teil seiner Arbeit, dem er die meiste Zeit widmete. Egal in welcher Welt er sich befand. Und diese drei Menschen waren trotz ihrer erst kurzen Bekanntschaft eine ungeahnte Ausbeute für seine Studien.

Aber dann sah er ein, dass sie auf die Art nicht weiterkommen würden. Und er musste weiterkommen. Dies war die erste richtige Spur, die er seit dem Verschwinden seines Buches hatte! Also beschloss er, das andauernde Schweigen zu brechen. Ohne den anklagenden Arm zu beachten, der da noch immer auf ihn gerichtet war. Hatte er nicht irgendwo einmal gelesen, dass eine solche Geste sich nicht schickte? Alfred stoppte seine Gedanken, bevor diese begannen um das nächste Thema zu kreisen, und wandte seine ungeteilte Aufmerksamkeit wieder den drei Menschen zu.

»Er hat recht«, war seine einfache Antwort auf eine unglaublich klingende Anschuldigung. »Ich bin ein Weltenschreiber.« Dann hielt er seine Augen eindringlich auf Dupoit gerichtet. »Sie haben nach mir gesucht?«

Dupoits Arm fiel nach unten, als wäre er das hölzerne Glied einer Marionette, deren Puppenspieler ganz plötzlich beschlossen hatte, das Spiel zu unterbrechen, um eine Kaffeepause einzulegen. Auf einmal wirkte er alt. Alt und müde. Sarah blickte ihren Großvater besorgt an und auch Matthew war einen Schritt näher gekommen. Es schien, als rechnete er damit, dass er den Mann, den er nun schon seit fast zwei Tagen durch Paris begleitete, auffangen oder doch zumindest stützen müsste. Sarah fand diesen Gedanken seltsam tröstlich. Ihr Großvater und sie waren nicht allein. Sie waren zu dritt in diese Sache verwickelt. Oder vielleicht auch zu viert? Die junge Frau warf einen kurzen Blick auf Alfred, der in seinem abgetragenen braunen Mantel neben ihnen stand und geduldig auf eine Antwort wartete.

Henri Dupoit schloss für einen Moment seine Augen. Er war müde. So müde. Als er wieder aufsah, war sein Blick traurig und sein Gesicht trostlos. »Das war in einem anderen Leben«, lautete seine gleichmütige Antwort auf die Frage desjenigen, dem er nun endlich, nach so langer Zeit, begegnete. »In meinem einzig wirklichen Leben, das zu lange her ist, um es nun zurückzuholen.«

Alfreds Augen ruhten einen ewig scheinenden Moment auf dem alten Mann, der da vor ihm stand. War sein Name nicht Dupoit gewesen? Henri Dupoit? Und plötzlich spürte er es. Eine vertraute Aura, die versteckt lag. Zu viel war in der Zwischenzeit geschehen. Zu viel für ein Menschenleben. Aber da war sie. Zaghaft schlummernd und vergeblich auf andere, bessere Zeiten wartend. Alfred kannte diese Aura! Er hatte sie schon einmal gespürt. Vor Jahren … Jahrzehnten. Der Weltenschreiber kniff die Augen zusammen und vertiefte sich in das vertraute Gefühl. Begab sich in der Zeit zurück bis zu jenem Moment, den er suchte. Und da war er!

Alfred spürte etwas Neues in sich. War das etwa Aufregung? Er war versucht, dieses unbekannte Gefühl zu erforschen, konnte sich aber nicht dazu durchringen. Da gab es eine andere Sache, die ihm wichtiger war. Lebenswichtig. Die Aura des alten Mannes, die ihm so vertraut vorkam, hatte er schon einmal gespürt. Vor ungefähr drei Jahrzehnten. Aber nicht er war dem Mann begegnet, sondern sein anderes Ich. Sein Buch! Er hatte gespürt, wie der Mann in das Buch ging!

Das unbekannte Gefühl in ihm wurde stärker, aber Alfred hatte keine Zeit, dem nachzugehen. Stattdessen wandte er sich an den Mann, der da so trostlos vor ihm stand und ganz offensichtlich nichts mehr mit irgendwelchen Weltenschreibern zu tun haben wollte. Und das, nachdem er ihn als solchen erkannt hatte! Alfred hatte noch nie von einem Mitglied der Büchergilde gehört, das von anderen Wesen als das, was es war, erkannt worden wäre. Es sei denn natürlich, es wollte erkannt werden. Hatte er gewollt, dass diese Menschen ihn als Weltenschreiber erkannten?

»Sie haben mein Buch gefunden.« Die Feststellung hing in der Luft und schien zuerst keinen Empfänger zu finden. Dann regte sich Dupoit doch. »Ihr Buch?« Seine Augen schienen von irgendwoher einen letzten Rest Leben zu holen, denn auf einmal versprühten sie Zorn. »Ihr verdammtes Buch hat mir dreißig Jahre meines Lebens gestohlen!«

Alfred starrte ihn an. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich kein bisschen. »Sie hätten sich nicht in Dinge einmischen sollen, die Sie nicht verstehen.«

Dupoits Gesicht nahm einen erschreckenden Rotton an. Sarah und Matthew wechselten einen Blick, der klarmachte, wie unwohl sie sich beide in dieser Situation fühlten. Dabei hatte Sarah noch nicht einmal den Eindruck, als wenn dieser andere, dieser Alfred, ihren Großvater hatte bevormunden wollen. Ihr schien es eher so, als hätte er ganz einfach eine Tatsache festgestellt. Ohne dass Gefühle für ihn dabei eine Rolle spielten. Seien es nun seine eigenen oder die ihres Großvaters.

Dupoit wusste während eines sehr langen Moments nicht, wie er auf die Feststellung des Fremden reagieren sollte. Und dieser Moment half ihm, zu dem gleichen Schluss zu kommen wie seine Enkeltochter. Die Augen des Mannes in dem maskenhaft gleichmütigen Gesicht blickten ihn immer noch an, warteten auf eine Fortsetzung ihres Gesprächs. Da war keine Schuldzuweisung in ihnen zu lesen, keine Überheblichkeit. Dieser Mann hatte ihm nur gesagt, was er dachte. Ohne irgendeinen Hintergedanken. Ohne die große menschliche Welt der Gefühle mit in das Gesagte einzubeziehen.

Dupoit erwiderte den zeitlosen Blick. Eine Frage drängte sich ihm auf die Lippen. Eine Frage vor all den anderen, die danach noch folgen mochten. »Können Sie es rückgängig machen?«

Alfred betrachtete Henri Dupoit.

Zuerst hatte das Gesicht des Menschen am Rande eines Wutausbruchs gestanden, für den wohl er selbst, der Weltenschreiber, verantwortlich gewesen wäre. Weshalb, wusste Alfred allerdings nicht. Hatte er etwas Falsches gesagt? Aber anstatt des versprochenen Zorns, war die Mimik seines Gegenübers wieder in diesen seltsamen Gleichmut zurückgesunken. Einen Gleichmut, der nicht davon zeugte, dass er über den Geschehnissen stand. Und der auch nicht die Folge seines Aufenthaltes in der Welt der Büchergilde war. Sondern einen Gleichmut, den Alfred als sehr viel gefährlicher erachtete. Denn er bestand aus Müdigkeit, Trostlosigkeit, Wehmut und Trauer.

Dieser Mann hatte sich mit seinem Schicksal abgefunden. Und das bedeutete normalerweise, dass das Ende sehr nahe war. Ob nun das eine das andere bedingte oder nicht, war egal. Alfred hatte die Erfahrung gemacht, dass ein Mensch, der nichts mehr vom Leben erwartete, dem Leben alsbald den Rücken kehrte.

Deshalb tat es ihm fast ein wenig leid, als er Dupoit auf seine Frage eine Antwort geben musste.

»Nein«, erklärte er mit einem leichten Kopfschütteln und konnte direkt sehen, wie sich die Enttäuschung im Gesicht des anderen noch verstärkte. Auch der jungen Frau und dem jungen Mann, die noch bei ihnen standen, schien das aufzufallen. Die Besorgnis in ihren Augen nahm zu und der Mann war ganz offensichtlich hin- und hergerissen zwischen seiner Sorge für den alten Mann und für die junge Frau. Alfred seufzte innerlich. Diese Menschen! So kompliziert und doch so einfach!

Er wandte sich wieder an Dupoit: »Könnten Sie mir vielleicht sagen, wo ich mein Buch finde? Ich brauche dieses Buch. Es gehört zu mir. Es ist … ein Teil von mir.«

Henri Dupoit brauchte eine Weile, um die Worte des Fremden zu verarbeiten. Konnte das tatsächlich sein? Er bat ihn um Hilfe? Der Weltenschreiber brauchte ihn – Dupoit?

Diese Vorstellung war fast zu schön, um wahr zu sein. Nein, natürlich war es nicht schön, dass jemand anderes in Not und auf Hilfe angewiesen war. Aber wenn er, Dupoit, ihm helfen konnte … vielleicht hatte das alles dann doch einen Sinn gehabt? Vielleicht war das alles doch Teil eines größeren Plans?

Alfred sah erstaunt, wie das Leben in die Augen des alten Mannes zurückzukehren schien. Wo nahm er nur diese neue Kraft her? Und wieso kam sie jetzt zu ihm zurück? Eben noch war er dem Leben resigniert gegenüber gestanden und nun schien es fast so, als hätte er einen neuen Sinn darin gefunden.

Der Weltenschreiber dachte über das nach, was er gerade gesagt hatte. Es war ehrlich gewesen. Vielleicht ein wenig zu ehrlich. War es klug, den Menschen zu erzählen, dass ein Weltenschreiber und sein Buch zusammengehörten? Verhalf er ihnen damit denn nicht zu einem Wissen, das sie auch gegen ihn verwenden konnten?

Alfred spürte, wie sich seine Gedanken verwirrten. Die Mitglieder der Büchergilde waren immer ehrlich zueinander. Nun ja, es gab Ausnahmen. Natürlich gab es die. Mitglieder, die sich nicht daran hielten; deren Gedanken geprägt waren von verborgenen Motiven und so verschachtelt, dass ihnen die anderen nicht folgen konnten. Aber Alfred hatte die Ehrlichkeit bei seinen Leuten immer besonders hoch geschätzt. Sie war ihm viel wert. Und in einer Welt, in der man Gefühle weitgehend gezähmt hatte, war Ehrlichkeit nur nützlich. Aber hier, in der Welt der Menschen, wurden die Dinge anders gehandhabt. Er sollte vielleicht aufpassen, was er wem sagte.

Alfred merkte, dass das alles komplizierter werden würde, als er ursprünglich gedacht hatte. Und er wusste immer noch nicht, wie er Henri Dupoit aus seinem Gleichmut geholt hatte. Konnte es wirklich nur daran liegen, dass er ihm eine Aufgabe gegeben hatte? Dass er einen sinnvollen Part in einem viel größeren Plan spielen sollte? Alfred war verwirrt. Und neugierig. Wenn das wirklich so zutraf, sollte er dieses Wissen vielleicht in seinen Schriften verwenden.

Dupoit hingegen fühlte sich besser. Möglicherweise konnte er noch etwas bewirken. Und war er nicht auch endlich am Ziel seiner Suche angekommen? Schließlich hatte er einen Weltenschreiber gefunden! Das erinnerte ihn an …

»Der Gefangene!« Nichts in Alfreds Gesicht verriet ihm, dass dieser ihn verstanden hatte. Aber würde ihm das von diesem Gesicht denn irgendwie verraten werden? Nun merkte auch Dupoit, dass die ganze Sache schwieriger werden würde, als gedacht. Er sah sich in dem kleinen Park um und deutete mit dem Kopf auf zwei Holzbänke, die neben der Wiese standen und begleitet von einem großen wuchtigen Holztisch zum gemütlichen Verweilen einluden.

»Setzen wir uns. Dann können wir reden.« Matthew blickte sich suchend im Park um und seufzte erleichtert auf, als er fündig wurde.

»Ich hole uns Kaffee!«, rief er und war auch schon verschwunden.

Sarah, Henri und Alfred nahmen auf den Holzbänken Platz. Sie warteten, bis Matthew mit vier Bechern heißen Kaffees zurückgeeilt kam. Er stellte die Becher vor ihnen ab: »Verzeihen Sie«, meinte er dabei, an Alfred gewandt, »ich wusste nicht, wie Sie…«

Der restliche Satz verschwand im Nirgendwo, als der Fremde einfach nach dem Becher griff und einen großen Schluck des schwarzen Kaffees zu sich nahm.

Sarah, die ihre Hände bereits um ihren eigenen Becher geschlungen hatte, um sie zu wärmen, schnappte nach Luft. Der Kaffee war brühend heiß! Doch Alfred schien das nicht das Geringste auszumachen. Er blickte Matthew an und nickte: »Danke.« Dem stand von seinem unvollendeten Satz noch immer der Mund offen. Jetzt erst schloss er ihn und erwiderte das Nicken. Er setzte sich und warf Sarah einen entgeisterten Blick zu, den sie nur erwidern konnte.

Dupoit jedoch schien von alldem nichts mitbekommen zu haben. Er hielt sich mit seinen Gedanken bereits wieder irgendwo in seiner Vergangenheit auf. Und sobald sie alle um ihn herumsaßen, begann er erneut mit seiner Geschichte. Dupoit erzählte Alfred von den Hinweisen, die er in den Büchern gefunden hatte. Ab und zu machte er eine Pause und blickte Sarah auffordernd an. Die sprang dann ein und ergänzte seinen Bericht mit ihren eigenen Erkenntnissen.

Alfred hörte ihnen unbewegt zu. Doch in seinem Inneren sah es nicht so ruhig aus. Sein Buch hatte nach ihm gerufen! Es hatte versteckte Hinweise in Büchern hinterlassen, in der Hoffnung, dass er sie finden würde. Und er … er hatte versagt. Er hatte seinem Buch nicht helfen können. Und doch … durch die Hinweise waren andere auf sein Buch aufmerksam geworden. Menschen. Und denen war er selbst nun begegnet. Manche mochten das Schicksal nennen, aber er wusste es besser. Dankbar richtete er seinen Blick nach innen. Es gab jemanden, der sich um die Dinge sorgte. Der aus der Ferne auf ihn aufpasste. Der versuchte, seine Schritte zu lenken. Jemanden, der seine Schritte niederschrieb und so viel Einfluss nahm, wie er konnte und durfte.

Als Sarah ihm die Textpassagen von Coleridges Rime möglichst getreu wiedergab und Dupoit auswendig die Stellen aus Malorys Werk aufsagte, fühlte Alfred plötzlich etwas Unbegreifliches in sich aufsteigen. Wer nur hatte es gewagt, seinem Buch so etwas anzutun…?

Einen Augenblick lang musste er die Augen schließen und sich auf sein Inneres konzentrieren. War das etwa Entsetzen? Trauer? Wut? Sorge? Er wusste es nicht. Kannte es nicht und konnte es deshalb nicht einordnen. Aber es war fürchterlich. Er fühlte sich fürchterlich.

Als er die Augen wieder öffnete und in den Blicken der drei Menschen Sorge und Mitleid las, wurde ihm klar, dass sich etwas von den Gefühlen in seinem Inneren auch auf seinem Gesicht gezeigt haben musste.

Hastig korrigierte er diesen Ausrutscher. Was war nur los mit ihm? Er durfte sich solche Gefühle nicht erlauben. Und doch hörte er eine kleine Stimme in ihm, die ihn aufsässig fragte, warum das denn eigentlich so war. Noch dazu konnte er selbst doch gar nichts dafür. Und auch diese Menschen trugen keine Schuld an dem, was hier vor sich ging. Stattdessen war einer seiner eigenen Welt, die den Gefühlen entsagt hatte, dafür verantwortlich. Hatte ihn dazu gebracht, zu empfinden!

Alfred riss sich zusammen und widmete sich wieder seinen neuen Bekannten. Die hatten ihre Erzählung unterbrochen – oder vielleicht war sie auch zu Ende – und blickten ihn erwartungsvoll an. Sein kurzer Anflug von Menschlichkeit, als die zeitlose Maske seiner Miene verrutschte und sie die Wirkung, die ihre Erzählung auf ihn hatte, in seinem Gesicht sehen konnten, hatte ihnen gezeigt, dass hinter dieser ganzen Geschichte noch mehr steckte. Viel mehr, als sie es sich bisher hatten vorstellen können.

»Der Gefangene«, kam es zögernd von Sarah, »kannten Sie ihn?«

Alfred wurde schlagartig bewusst, dass diese Menschen nicht in seinen Bahnen dachten. Ihre Vorstellungen waren zu menschlich. Sie würden sie erweitern und über ihre kleine Welt hinauswachsen müssen. Seine Augen trafen die Dupoits. Und waren sie nicht schon ein wenig über ihre Welt hinausgewachsen?

Alfred schaute Sarah mit einem melancholischen Blick an, als er auf ihre Frage antwortete. »Ich kenne den Gefangenen. Aber er ist nicht das, was ihr denkt.«

Henri Dupoit runzelte die Stirn: »Er ist nicht wie ich in das Buch gesogen worden?«

Alfred schüttelte den Kopf, seine Augen wanderten in die Ferne und nahmen einen zeitlosen Ausdruck an. »Er ist das Buch. Mein Buch.«

Eine Zeitlang blieb alles still, als die drei Menschen diese Neuigkeit aufnahmen und versuchten, sie in das große Ganze einzuordnen.

Sarah konnte das Gehörte kaum glauben. Kein Gefangener, den man befreien musste? Und doch … sie warf Alfred aus den Augenwinkeln einen Blick zu. Für diesen eigenartigen Fremden schien das Buch überaus lebendig zu sein. Sarah hörte ein hämisches Schnauben in ihrem Kopf, das ihr zuflüsterte: Es gibt also tatsächlich jemanden, für den Bücher noch lebendiger sind, als für dich? Sie schüttelte diese Gedanken ab und konzentrierte sich wieder auf das Gehörte. Wenn der Gefangene wirklich das Buch selbst war, dann sprach auch einiges dafür, dass es kein gewöhnliches Buch war (wieder diese kleine Stimme: Gab es gewöhnliche Bücher überhaupt?). Schließlich hätte das Buch dann selbst diese Hinweise gelegt, oder? Aber – weshalb?

Als hätte Alfred ihrem inneren Monolog gelauscht, versuchte er sich an einer Erklärung: »Mein Buch wurde vor langer Zeit entführt. Von wem, weiß ich nicht. Aber es muss jemand aus meiner Welt gewesen sein.« Er überlegte kurz, wie viel er diesen Menschen erzählen sollte, aber dann stellte er fest, dass sie schon zu tief in dieser Geschichte steckten, um sie noch mit Halbwahrheiten abspeisen zu können.

»Noch nie zuvor ist so etwas geschehen. Und es hätte auch dieses Mal nicht passieren dürfen. Es ist … ein Unding.« Alfred wusste nicht, wie er den Menschen einen Sachverhalt vermitteln sollte, der für ihn so selbstverständlich war. Aber sie sahen ihn an, ohne Verwirrung zu zeigen. Ja, es schien fast so, als würden sie ihm einfach glauben. Also fuhr er in seiner Erzählung fort: »Mein Buch ist … nicht nur ein Teil von mir. Es ist auch eine Art Pforte.«

Dupoits Schnauben entlockte Sarah und Matthew ein kurzes Grinsen. »Ohne das Buch kam ich nicht mehr zurück in meine Welt. Und auch mein Buch … saß hier fest. Anscheinend hat es versucht, mir Hinweise über seinen Verbleib zukommen zu lassen. Allerdings habe ich diese nie gefunden.« Alfred hielt inne und schüttelte dann ungläubig den Kopf. »Ich wusste natürlich von den versteckten Räumen auf der Erde. Und ich habe sie alle nach und nach besucht, in der Hoffnung, dort einen Hinweis auf mein Buch zu erhalten. Dieser Raum in der Universität…«, Alfreds Stimme schweifte einen Moment lang ab und kehrte dann zurück, um den begonnenen Satz zu beenden, »…das ist der einzige Raum, von dem ich nichts wusste. Von dem meine Welt nichts weiß. Und in diesem scheint jemand mein Buch gefangen gehalten zu haben.«

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9783754173572
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