Kitabı oxu: «Im Sog der Nacht»

Şrift:

Fred­rik Ska­gen

Wir sterben, weil wir die Kräfte

nicht mehr tragen können, die uns tragen.

Stein Mehren

1

Dienstag, 31. Januar 1995

Gegen drei Uhr nachmittags fegten die ersten eiskalten Windböen über die Stadt. Ein silbergrauer Toyota Corolla hielt vor dem Britannia Hotel in der Dronningens gate. Der Mann, der aus dem Wagen stieg, verließ diesen eigentlich nie, ohne abzuschließen, doch jetzt wollte er sich nur einiger Briefe entledigen. Rasch überquerte er die Straße und eilte auf das Hauptpostamt zu. Dort warf er die Umschläge in den in die Wand eingelassenen Schlitz, machte auf dem Absatz kehrt und lief zu seinem Auto zurück. Die Wetternachrichten kündigten einen Sturm an, und er freute sich darauf, pünktlich zum Essen zu Hause zu sein.

Die Vorfreude erstarb augenblicklich, als er bemerkte, dass sein Wagen verschwunden war. Er war sich nicht sicher, ob er ihn mit laufendem Motor abgestellt hatte, musste sich jedoch verärgert eingestehen, dass der Schlüssel im Zündschloss stecken geblieben war. Die unangenehme Erkenntnis, dass jemand die günstige Gelegenheit genutzt hatte, sein geliebtes Auto zu stehlen, sowie die Angst, durch diesen unverzeihlichen Fehler seinen Versicherungsschutz eingebüßt zu haben, erzeugte ein merkwürdig taubes Gefühl in seinem Körper. Er warf verzweifelte Blicke in beide Richtungen, obwohl es sich um eine Einbahnstraße handelte. Eine Frau mit Kinderwagen meinte, es könne sich um das Auto gehandelt haben, das unter Missachtung der roten Ampel in die Søndre gate abgebogen war, wollte sich aber nicht festlegen. Den Fahrer habe sie nicht erkennen können.

Der unglückliche und wütende Autobesitzer verständigte die Polizei binnen zwei Minuten, doch es brauchte natürlich seine Zeit, bis die Hüter der Gesetze sich ernsthaft um die Auffindung des Wagens bemühten – zu spät, denn zu diesem Zeitpunkt hatte Roger, ein Zwanzigjähriger, die Søndre gate bereits hinter sich gelassen und war in westliche Richtung weitergefahren, bis er eine Garage in der Sandgata erreichte, in der Frank, dreißig Jahre alt, schon auf ihn wartete. Frank begann sofort damit, die Nummernschilder abzuschrauben und durch andere zu ersetzen. Er benötigte fünf Minuten, um VE 56362 gegen VE 89755 auszutauschen. Das war im Grunde alles, was erforderlich war, um sich eventueller polizeilicher Ermittlungen zu entziehen. In Trondheim wimmelte es nur so von silbergrauen Fahrzeugen desselben Fabrikats.

Roger fühlte sich obenauf, als er Franks anerkennenden Blick wahrnahm. Er hatte den ersten Teil des Jobs mühelos erledigt, zweifelte allerdings nicht daran, dass Frank ihn ebenso gut bewältigt hätte; bestimmt hatte sein neuer Freund erst einmal prüfen wollen, wozu er taugte. Er hatte die Prüfung bestanden, und das gab ihm die Sicherheit, die er brauchte. Roger wäre nie in den Sinn gekommen, dass sich Frank für den Fall eines Scheiterns bewusst außerhalb der Gefahrenzone aufgehalten hatte. Für Roger war Frank ganz klar der Chef, der das Spiel beherrschte.

»Ausgezeichnet. Er hat dich doch nicht gesehen?«

»Nein, nein, ich war um die Ecke, bevor er sich umdrehen konnte.«

»Wie heißt der Typ? Doch wohl kein Promi.«

Roger öffnete das Handschuhfach und sah sich den Fahrzeugschein an. »Anders Krogness.«

»Sicher ein gesetzestreuer Tölpel mit Frau und Kindern. Adresse?«

Roger wusste, warum Frank fragte. Vielleicht wohnte der Halter des Wagens ja zufällig ganz in der Nähe der Bankfiliale, der sie einen Besuch abstatten wollten, und Frank war keineswegs bereit, ein Risiko einzugehen.

»7052 Jakobsli.«

»Ausgezeichnet.« Sein Lieblingswort.

Sie selbst wollten in die entgegengesetzte Richtung. Am Vormittag hatte Frank ihm klar gemacht, wie wichtig es war, auch mit dem Unerwarteten zu rechnen. Sollte alles glatt gehen, durfte nichts dem Zufall überlassen werden. Oft scheiterten brauchbare Vorhaben an ihrer fehlerhaften Planung. Bittere Erfahrung habe ihn gelehrt, dass man aktiv werden musste, solange man noch Ressourcen besaß und bevor Hirn und Geldbeutel leer waren. Hatte Frank gesagt.

Roger stand bereits unter Hochspannung. Die ganze Geschichte war einfach unglaublich. In nicht einmal einer Woche hatte sich sein Lebensgefühl vollkommen gewandelt. Vor sechs Tagen war kaum noch Leben in ihm gewesen. Da hatte er nur noch sterben, sich selbst auslöschen wollen, um sich von den quälenden Gedanken zu befreien, die ihm das Hirn zermarterten. Die ganze Welt schien aus den Fugen geraten und Gott ebenso fern zu sein wie die Frau, die sich seine Mutter nannte. Willentlich hatte er sich ins Dunkel gleiten lassen. Niemand konnte ihm einreden, dass es Mut erfordere, seinen Plan in die Tat umzusetzen. Es erforderte größeren Mut, sich weiterhin ans Leben zu klammern. Sein Dasein war unerträglich geworden und sein früher Tod schien unausweichlich. In der erbärmlichsten aller erbärmlichen Wohnungen hatte er die Musikkassette abgespielt, die ihm am meisten bedeutete, und die er – wegen Heidi – am meisten hasste, ließ seinen Tränen freien Lauf und schüttete den Inhalt der Flasche in sich hinein. Wie in Trance ging er zu der Hölle, die ihn umgab, auf Distanz. Er hatte die Patrone in die Kammer geschoben, einige Worte zu Papier gebracht, ohne zu wissen, an wen sie sich richteten, und die Musik nach und nach immer weiter aufgedreht. Dann ließ er sich in den Sessel sinken, die Flasche im Schoß, die Waffe zwischen den Knien, und gab sich dem betäubenden Heavy Metal hin. Wenn er spürte, dass die Zeit reif war, wenn er aufhörte zu zittern und Dumpfheit und Gleichgültigkeit die Oberhand gewannen, musste er sich nur noch den Lauf in den Mund schieben. Ein leichter Druck mit dem Zeigefinger – mehr war nicht nötig, um die hauchdünne Grenze zwischen Leben und Tod zu überschreiten. Das Blutbad, das er damit anrichten würde, ging ihn nichts mehr an. Vor weniger als einem Jahr hatte Jøran gezeigt, wie einfach es war; er hatte sicher keine Zeit gehabt, Schmerz zu empfinden, als er sich das Licht ausblies. Roger hatte Jøran gefunden.

Rache? Auch das. Wenn sie später nach Gründen suchten, würden sie vielleicht begreifen, dass sie es waren, die sein Leben zerstört hatten, und an dieser Erkenntnis eine Weile zu knabbern haben, Heidi inklusive. Doch vor allem konnte er selbst dieses Leben nicht länger ertragen. Jøran hatte ihm den Weg gewiesen.

Genau in dem Moment, als er den Mund öffnete und darauf gefasst war, den metallenen Lauf der abgesägten Waffe an Lippen und Zähnen zu spüren, hatte das Schicksal eingegriffen. Wie sollte man das sonst nennen? Von Gott konnte keine Rede sein, denn sein Lebensretter, das war ihm sofort klar gewesen, hatte mit einem Engel nichts gemein.

Dass Frank, den er nie zuvor gesehen hatte, ins Zimmer stürmte und ihm das Gewehr aus der Hand riss, geschah aus dem einfachen Grund, weil dieser in der Nachbarwohnung mit seiner Freundin Lisa, fünfundzwanzig war sie, gevögelt hatte und danach wegen der dröhnenden Musik nicht einschlafen konnte.

»Ich glaube, du hast es wirklich ernst gemeint«, sagte Frank am Morgen, nachdem Roger wieder einigermaßen bei Sinnen war und sie ihn dazu überredet hatten, dem Leben eine neue Chance zu geben.

Sie hatten ihn zum Reden gebracht, und er hatte sich ihnen anvertraut. Zunächst widerstrebend und stammelnd, dann zunehmend flüssiger und mit hasserfüllter Stimme. Lisa hatte verständnisvoll genickt, während Frank ihn rauchend gemustert hatte. Beide waren entrüstet gewesen, vor allem Lisa. Immer wenn sich seine Augen erneut mit Tränen füllten, hatte sie ihm den Kopf gestreichelt, und Frank hatte es geschehen lassen, obwohl ihm Sentimentalitäten zuwider waren. Hinterher fühlte sich Roger vollkommen leer, aber auch erleichtert. Es tat unglaublich gut, zwei Menschen, die bereit waren, ihm zuzuhören, sein Herz auszuschütten und sein ganzes Elend vor ihnen auszubreiten. Alles Peinliche und Peinigende konnte er endlich loswerden. Nie im Leben hätte er sich Heidi mit derselben Schonungslosigkeit ausliefern können. Ihr gegenüber hatte er stets versucht, den Anschein von Selbstsicherheit und Selbstrespekt aufrechtzuerhalten. Dennoch hatte sie ihn rausgeschmissen, und diese unerwartete Demütigung hatte das Fass zum Überlaufen gebracht. Nach drei Tagen in seiner jämmerlichen neuen Bude in der Sandgata war er am Ende gewesen.

Lisa hatte ihn zu trösten versucht: »Du wolltest dich nicht wirklich töten. Das war nur ein Hilferuf. Du hast die Musik so laut aufgedreht, damit jemand auf dich aufmerksam wird.«

Dieses Gewäsch kannte er von neunmalklugen Psychologen aus Büchern und Zeitungen. Natürlich hatte er sich umbringen wollen! Genau wie Jøran war er so weit unten gewesen, dass er nur noch den Wunsch verspürt hatte, seinem Elend ein Ende zu setzen. Doch er widersprach Lisa nicht; sie meinte es ja nur gut mit ihm. Und alles in allem verstand sie ihn besser als die meisten anderen. Kein Zweifel, dass auch sie und Frank einiges durchgemacht hatten, wenngleich Frank die innere Stärke zu haben schien, alles zu verdrängen, was sein Selbstwertgefühl beeinträchtigen könnte:

»Es gibt nur einen Weg, Roger! Wieder aufzustehen und es noch mal zu versuchen.«

»Denkst du, das hätte ich nicht getan? Aber ich bin so fertig gemacht worden, dass ich am Ende keine Kraft mehr hatte. Hast du verloren, dann hast du verloren!«

»Okay. Aber ein Gewehr kannst du immer auch in die andere Richtung halten. Nenn es meinetwegen Schicksal, aber auf genau so eine Knarre habe ich noch gewartet. Außerdem werde ich dafür sorgen, dass du eine anständige Bezahlung bekommst.«

»Die ist unverkäuflich.«

Frank brach in schallendes Gelächter aus. »Du verstehst mich völlig falsch, ich suche einen Assistenten! Mit zwei Knarren können wir den Bruch machen, den Lisa und ich schon geplant haben.«

»Ich habe noch nie ...«

»Aber ich! Hab sogar dafür gesessen. Doch diesmal werde ich keinen Fehler machen. Schicksal, mein Junge. Schicksal!«

Seine Nachbarn hatten ihm, beide auf ihre Weise, ein wenig Selbstvertrauen zurückgegeben. Das musste doch irgendeinen Sinn haben. In größter Not war Frank erschienen und hatte ihm Hoffnung auf bessere Zeiten gemacht. Man musste sein Schicksal selbst in die Hand nehmen, war sein Credo.

Und damit hatten sie bereits angefangen!

Der enge Hinterhof kam ihm nicht weniger deprimierend als seine Wohnung vor. Die meisten Holzhäuser in der Sandgata, die zur Straße hin eine zusammenhängende Fassade bildeten, waren jüngst renoviert worden, nur die verwahrloste Bruchbude des Hausbesitzers T. Olsen blieb eine Schande für das gesamte Viertel. Während der Eigentümer noch halbwegs standesgemäß im ersten Stock mit Seeblick wohnte, lagen die beiden anderen Wohnungen in dem Flügel, der sich entlang des Hinterhofs erstreckte. Sie verfügten zwar über separate Eingänge, dafür aber weder über eine Aussicht noch nennenswertes Tageslicht. Die bräunlich gelben Farbreste, die sich an der Fassade befanden, ließen Roger an getrocknete Tierexkremente denken. Dazu passte der Geruch im Inneren des Gebäudes: muffig, schimmelig und verfault. Vielleicht drangen die Abwässer der Kanalisation ins Erdreich und waren für den ekelhaften Gestank verantwortlich, über den auch die günstige Miete nicht hinwegtrösten konnte. Doch jetzt wollten sie von hier verschwinden, sie alle drei. Ein neues Dasein lockte. Wenn, besser gesagt falls sie jemals zurückkehrten, dann nur, um ein paar Gegenstände mitgehen zu lassen und Olsen Bescheid zu geben, dass er sich neue Mieter suchen konnte.

Lisa verstaute einige Taschen mit Proviant und Klamotten im Kofferraum. Dann nahm sie mit der Adidastasche, in der sich drei schwarze Jogginganzüge befanden, auf dem Rücksitz Platz. Als Roger den Wagen aus der Einfahrt rollen ließ, saß Frank sichtlich entspannt neben ihm.

»Fahr du«, hatte er gesagt. »Ich muss ein paar Monate ohne meinen Lappen auskommen, und wer weiß, ob wir nicht in eine Kontrolle geraten.«

Allein die Tatsache, dass sie sich von dem Gebäude entfernten, empfand Roger als Befreiung. Sie hatten sich die letzten Tage im Schutz der Wohnungen aufgehalten, und niemand hatte nach ihnen gefragt. Lisa hatte die nötigen Einkäufe erledigt, während Frank das Gerücht in Umlauf gesetzt hatte, sie befänden sich in Oslo. Dorthin waren sie am Sonntagabend vorgeblich abgereist. Der stocktaube Olsen ahnte nicht, dass sich seine Mieter immer noch in ihrer Wohnung aufhielten. Solange sie pünktlich bezahlten, war ihm das auch vollkommen gleichgültig. Frank hatte einen Kumpel in Torshov, der ihnen gegebenenfalls ein Alibi verschaffen konnte. Aber das würde nicht notwendig werden. Diesmal war alles so perfekt geplant, dass die Bullen keine Spuren finden konnten. Und falls doch, dann würden sie in die falsche Richtung weisen. Dafür hatte Frank gesorgt.

»Ah, was für ein Sturm!«, rief er aus und deutete über den Fjord, als sie bei Skansen über die Eisenbahnbrücke fuhren. Sie erblickten einen Frachter, der durch die hohen Wellen schlingerte.«

»Hilft der uns weiter?«

»Ja, der kommt wie gerufen.«

Roger fuhr den Osloveien hinunter, der aus der Stadt herausführte. Sie passierten die Eisenbahnreparaturwerkstatt in Marienborg und fuhren am Fluss namens Nidelv entlang. Er fühlte sich in der Form seines Lebens. Einen solchen Höhenflug hätte er nach dem dunkelsten Kapitel seines Daseins nicht für möglich gehalten. Noch vor wenigen Wochen hätte er die Beteiligung an einem so wahnwitzigen Vorhaben wie einem Banküberfall strikt verweigert. Doch jetzt fand er nichts Außergewöhnliches mehr daran. Natürlich hatte er sich eine Weile geziert, aber nachdem ihm Lisa, die im Grunde ganz normal und Vertrauen erweckend aussah, klar gemacht hatte, wie leicht es war, eine Bankfiliale auszurauben, hatte er Blut geleckt. Sie hatte ihn darüber aufgeklärt, wie wenige es waren, die sich erwischen ließen – »Profis kommen immer durch« –, hatte ihn mit ihren klaren, hungrigen Augen fixiert und ihm erläutert, dass Franks Plan mit neunzigprozentiger Sicherheit gelingen würde. »Die restlichen zehn Prozent riskiere ich eben, und das solltest du auch tun. Was haben wir schon zu verlieren!« Er hatte genickt und eingesehen, wie Recht sie hatte. Und als Frank daraufhin eine Skizze zu Papier brachte und die Vorgehensweise erläuterte, begriff Roger, dass dies seine große Chance war. Hatte er davon nicht immer geträumt, es allen zu zeigen und sich ein für alle Mal auf die Sonnenseite des Lebens zu schlagen?

Zwar bebte er innerlich, aber das taten die anderen sicherlich auch. Vor gespannter Erwartung natürlich, nicht vor Angst.

»Nein, nicht die E6, wir nehmen die alte Landstraße Richtung Heimdal«, sagte Frank, als Roger abbiegen wollte.

Vor ein paar Tagen hatte es heftig geschneit, zum ersten Mal in diesem Winter. Aber das Auto hatte gute Reifen und Roger keine Probleme, die kurvige Straße bergauf zu fahren, obwohl er mit dem Wagen nicht vertraut war. Das ziemlich neue und gut ausgestattete Fahrzeug fuhr wie von allein. Er hatte seinen Führerschein beim Militär gemacht, bevor ihn ein Arzt wegen gewisser »psychischer Auffälligkeiten« für nicht fahrtauglich erklärte. Hätten seine verhassten Vorgesetzten nur gewusst, was für einen Gefallen sie ihm damit taten!

Frank fingerte an einem kleinen Radio herum, das in seinem Schoß lag. Er hatte es in Schweden mitgehen lassen und behauptete, es könne, im Gegensatz zum Autoradio, auch Polizeifunk empfangen. Auf diese Weise würden sie erfahren, wie viel Arbeit die Bullen darauf verwendeten, den Corolla aufzuspüren. Hin und wieder hörten sie schwer verständliche Anweisungen, und Roger begriff, dass Frank nicht gelogen hatte. Dass der Empfang so schlecht war, lag sicher an dem hügeligen Gelände.

Sie brauchten zwölf Minuten bis zum Bahnhof von Heimdal. Dank Rogers schneller Arbeit bei der Beschaffung des Wagens waren sie eine halbe Stunde früher dran als geplant, doch Frank meinte, es sei in jedem Fall richtig gewesen, sofort loszufahren, falls Olsen doch früher nach Hause käme und bemerkte, dass seine Mieter erst heute nach Oslo aufbrachen. Die Bankfiliale schloss um 16 Uhr. Erst danach wollten sie zuschlagen. Dieser Überfall sollte aus dem Hinterhalt stattfinden und dem Personal keine Gelegenheit bieten, den Alarm auszulösen. Zumindest nicht, bevor die Bankräuber die Filiale wieder verlassen hatten. Frank hatte zugegeben, dass er rein zufällig auf die Idee gekommen war. Im Herbst, bevor er zu Lisa gezogen war, hatte er sich in Heimdal eine Wohnung gemietet, die dem Hintereingang der Bank gegenüberlag. Ihm war aufgefallen, dass die Bankangestellten die Filiale nach Geschäftsschluss immer in einer bestimmten Reihenfolge verließen. Ob dies geplant oder ein Zufall war, spielte keine Rolle. Die drei weiblichen Angestellten gingen zuerst, manchmal nacheinander, manchmal gemeinsam, und verschwanden zu Fuß oder auf ihren Fahrrädern. Es dauerte immer ein paar Minuten, bis der Filialleiter ihnen folgte und in seinen alten Audi stieg. Vermutlich benötigte er die Zeit unter anderem, um die Geldkassetten im Safe unterzubringen.

Die äußeren Bedingungen waren Frank zufolge ganz ausgezeichnet. Um 16 Uhr war es immer noch hell, doch dank der vorspringenden Fassade war der Hinterausgang von den Fenstern, die sich auf der anderen Seite des Platzes befanden, nicht zu sehen. Unter diesem Vorsprung konnten sie sogar unbemerkt den Corolla parken. Als Kunde der Bank – zwei der weiblichen Angestellten kannten ihn persönlich – hatte Frank auch den Schalterraum unter die Lupe genommen. Er wusste, wo sich die Videokameras befanden und hatte durch eine offene Tür gesehen, dass der Safe in die Wand eines Hinterzimmers eingelassen war.

Roger lenkte den Wagen an der Bank vorbei und ließ sich von Frank in eine Seitenstraße dirigieren, die ihnen Gelegenheit gab, einen Blick über den offenen Platz zu werfen.

»Schau genau hin, aber halt nicht an!«

Einige Autos parkten am Straßenrand, doch es waren keine Menschen zu sehen. Weil Frank zuvor eine Skizze des Bankgebäudes gezeichnet hatte, erkannte Roger sofort den Vorsprung in der Fassade, ohne das Tempo nennenswert drosseln zu müssen. Er erhaschte sogar einen Blick auf den Audi des Filialleiters.

»Okay, wir fahren ein bisschen spazieren und rauchen erst mal eine.«

Sie parkten auf dem Weg nach Byneset hinter einem Stapel aufgeschichteter Holzstämme. Dort öffnete Lisa die Adidastasche, in der sich die schwarzen Jogginganzüge befanden. Später sollte sie mit Geldbündeln gefüllt werden. Sie stiegen aus, zogen sich um und sahen danach aus wie drei durchtrainierte junge Sportler. Die Buchstaben auf ihren Rücken wiesen darauf hin, dass sie einem bekannten Osloer Sportverein angehörten. Das passte zwar nicht unbedingt zu den Zigaretten, die sie sich drehten und anzündeten, doch es waren ohnehin keine Leute in ihrer Nähe.

»Nervös, Roger?«

Franks Stimme klang ein wenig angespannter als zuvor.

»Ein bisschen.«

»Denk dran: Entschlossenes Auftreten und Osloer Dialekt! Wir machen eine Probe.« Frank pikste Roger mit dem Zeigefinger in die Brust. »Du zuerst.«

»Was soll ich sagen?«

»Hände hoch!«

»Hände hoch!«, wiederholte Roger.

»Herrgott, du hörst dich an wie ein kleiner Junge, der um Süßigkeiten bittet.«

»Hände hoch, ihr Wichser, sonst schieß ich euch die Eier weg!«, rief Lisa.

»Siehst du, Roger? So muss sich das anhören.«

Sie lachten alle drei, und Roger spürte, wie sie sich entspannten. Er wollte gar nichts sagen, wenn es so weit war. Das konnten die beiden anderen erledigen. Ein Windstoß veranlasste sie, wieder Zuflucht im Wagen zu suchen. Die Bank würde bald schließen, doch Frank wollte nicht, dass sie früher dort auftauchten als unbedingt nötig.

»Die Gewehre«, sagte er, während er seine Zigarette ausdrückte. »Wo hast du die Gewehre, Lisa?«

»Das fragst du mich?«, kam es nervös vom Rücksitz.

Roger zuckte zusammen. Ohne Waffen konnten sie alles vergessen. Erst als er in Franks grinsendes Gesicht blickte, begriff er, dass er sie zum Narren hielt.

»War nur ein Test. Was würdet ihr ohne mich machen? Du müsstest dich doch zumindest erinnern, dass ich die Knarren in den Kofferraum gelegt habe, Roger.«

Jetzt erinnerte er sich daran. Offensichtlich hatte er für Franks Humor mehr übrig als Lisa.

»Lass den Quatsch!«, sagte sie scharf.

Eine Weile saßen sie schweigend da, während Frank den Polizeifunk abhörte. Inzwischen hatte jemand den Diebstahl eines Toyota Corolla XLi gemeldet, doch ansonsten schien sich die Polizei hauptsächlich um die Verkehrsüberwachung zu kümmern. Selbst ohne heftigen Niederschlag gab es offenbar Probleme durch Schneeverwehungen auf den Fahrbahnen. Frank erzählte einen lausigen Witz, und Roger begriff, dass sein neuer Freund nur eines im Sinn hatte – ihnen die Nervosität zu nehmen. Vielleicht wollte er auch bloß sich selbst beruhigen. Lisa hatte Roger gestern Abend zugeflüstert, dass ihr Freund ziemlichen Schiss vor dem Überfall habe, auch wenn er nach außen hin so gelassen tat. Was allerdings nur von Vorteil sei, meinte sie, denn das würde ihn davon abhalten, unnötige Risiken einzugehen. Jeder einzelne Schritt sei wohl überlegt.

»Los geht’s!«, sagte Frank.

Roger drehte den Zündschlüssel und enthielt sich weiterer Kommentare.

2

Im Übereifer würgte er den Motor ab. Er fürchtete, Frank würde ihn zurechtweisen, doch dieser schwieg. Fünf Minuten später sahen sie die Rückseite des Bankgebäudes, auf der es nur ein Fenster gab. Als Roger auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes – nur wenige Meter von Franks früherer Wohnung entfernt – anhielt und den Motor abstellte, zeigte die Uhr am Armaturenbrett genau 16 Uhr. Es hatte bereits zu dämmern begonnen, doch was ihnen in erster Linie zugute kam, war der Wind. Die wenigen Passanten, die sich auf der Straße aufhielten, waren vollauf damit beschäftigt, sich durch das Schneegestöber zu kämpfen, und achteten nicht auf parkende Autos.

Alle drei fassten das Ziel ihres Vorhabens ins Auge.

»Da kommt schon die erste Schlampe.«

Eine stämmige Frau tauchte unter dem Vorsprung auf und drückte sich eng an der Wand entlang, bis sie die Ecke des Gebäudes erreichte, an der sie ein Windstoß erfasste und sofort auf die Straße trieb.

»Da kommen die beiden anderen.«

Die Frauen zogen ihre Mäntel eng um sich und gingen auf einen kleinen Fiat neueren Datums zu.

»Da schau her, Frau Berg hat wohl eine Gehaltserhöhung bekommen. Hoffentlich wird die nicht rückgängig gemacht, wenn wir hier fertig sind.«

Roger beobachtete die beiden Frauen, die im Wagen Platz genommen hatten. Sie fummelten eine Ewigkeit an den Sicherheitsgurten herum, bevor endlich die Scheinwerfer aufflammten.

»Jetzt, Frank?«

»Wart, bis sie weg sind. So eilig haben wir’s auch wieder nicht.«

Roger startete den Wagen und ließ ihn auf den kleinen Parkplatz rollen, der sich neben der Bank befand. Der alte Audi war nicht das einzige Auto, das dort parkte, was zu dieser Tageszeit nicht verwunderlich war. Er hatte die Kurve zwar richtig berechnet, jedoch Schwierigkeiten mit dem Zurücksetzen und musste umständlich rangieren, um schließlich so nah an der Wand zu stehen, wie Frank es von ihm verlangte. Als die hintere Stoßstange ungefähr einen halben Meter von der Tür entfernt war, stellte er den Motor ab und entriegelte von innen den Kofferraumdeckel. Frank strich sich mit dem Finger über die Lippen. Er und Roger stiegen aus, schlossen die Türen so leise wie möglich und eilten zum Heck des Wagens. Nachdem Frank den Kofferraumdeckel geöffnet hatte, konnten sie beinahe aufrecht stehen, ohne vom Parkplatz aus gesehen zu werden. Und wenn der Filialleiter uns bereits durch das Fenster beobachtet hat?, dachte Roger. Im Kofferraum lagen die Wollmasken neben den schwarzen Handschuhen und den Waffen. Sie zogen sich die Masken über den Kopf. Lisa hatte die Öffnungen so weit verengt, dass nur noch die Augen sichtbar waren. Sie saß immer noch im Wagen, weil hinter diesem gar nicht genug Platz für alle war, wenn der Filialleiter nach draußen trat, um die Tür abzuschließen. Sie waren darauf angewiesen, dass er durch diese Tür kommen würde, denn eine andere Gelegenheit, ins Haus einzudringen, hatten sie nicht. Jetzt blieb ihnen nur eines zu tun: abzuwarten, bis der Filialleiter seine Aufräumarbeiten beendet hatte und endlich geruhte, nach Hause zu fahren. Frank hatte gesagt, dies dauere in der Regel nur fünf Minuten, doch für Roger schien die Zeit stillzustehen. Was ist, wenn der Filialleiter heute Überstunden macht?, ging es ihm durch den Kopf. Bisher war alles gut gegangen, doch jetzt spürte er, wie sein Puls in die Höhe schnellte. Eigentlich sollte ich gar nicht hier sein. Eigentlich wäre ich schon tot. Er konnte immer noch Nein sagen, das Gewehr wegwerfen und sich aus dem Staub machen. Sich von Frank und seinem wahnwitzigen Vorhaben distanzieren. Ein neues und besseres Leben beginnen. Aber wie nur? Hatte er denn schon vergessen, dass er Frank die Möglichkeit auf ein besseres Leben verdankte? Sie standen auf verschiedenen Seiten des Wagens und schauten sich in die Augen. Der Mann, den er anblickte, sah mit seiner schwarzen Kleidung und dem Gewehr in der Hand ziemlich bedrohlich aus. Vermutlich so wie er selbst: vermummt, gefährlich und Furcht einflößend – fast wie im Film. Der einzige Unterschied zwischen ihnen war, dass Frank zehn Zentimeter größer war als er und ein doppelläufiges Gewehr hatte. Seine Hand krampfte sich um den Schaft der eigenen Waffe, und je härter er zupackte, desto heftiger schlug sein Herz. Wann kam der verdammte Geschäftsführer endlich heraus?

Dann hörten sie ein Geräusch. Ein Geräusch, das lauter war als das Pfeifen des Windes und nicht aus dem Inneren der Bank, sondern vom Platz her kam.

Herrgott, die Operation verlief alles andere als nach Plan. Auch Frank war auf das Brummen des Motors aufmerksam geworden. Roger überließ es ihm, der Ursache auf den Grund zu gehen, und sah Frank durch den Spalt zwischen Auto und Hauswand spähen. Lisa hatte vom Rücksitz aus die beste Sicht. Sie selbst war wegen des geöffneten Kofferraumdeckels nicht zu sehen, hatte aber zweifellos die Tür einen Spalt breit geöffnet, denn er hörte sie etwas flüstern. Frank nickte und stellte sich wieder an seinen alten Platz gegenüber von Roger. Er schüttelte schwach den Kopf, um zu signalisieren, dass keine Gefahr im Verzug war. Das Auto hatte ein anderes Ziel als die Bank.

Im nächsten Augenblick hörte er ein weiteres Geräusch, und diesmal kam es von innen. Wie gebannt starrte er auf die sich senkende Türklinke. Es war so weit. Jetzt war es für einen Rückzug zu spät. Nun würde sich zeigen, wozu er taugte. Der perfekte Überfall. Ausgerechnet in diesem Moment begann er so sehr zu zittern, dass er fast das Gewehr hätte fallen lassen.

Er trat unwillkürlich einen Schritt zurück, um die aufschwingende Tür nicht gegen den Kopf zu bekommen. Es war Frank, der auf der richtigen Seite stand. Er, der sah, wie die Tür sich immer weiter öffnete. Er, der die Initiative ergreifen musste.

»Hände hoch!«, rief er erwartungsgemäß. Roger tat es ihm nach, darauf vorbereitet, einem verschreckten Mann mit ängstlichem Blick zu begegnen. Doch zu seiner Überraschung erschien in der Türöffnung ein kleines Mädchen mit marineblauem Anorak, das kaum älter als sieben, acht Jahre sein konnte. Das unnatürlich braune Gesicht wirkte mehr verwundert als ängstlich.

»Papa, da will jemand mit dir sprechen!«, rief es.

Frank drehte sich zu Roger und fauchte: »Hol Lisa!«

Roger gehorchte verwirrt, öffnete die Tür zum Rücksitz und rief: »Komm raus, der Filialleiter hat offenbar seine Tochter dabei!«

Lisa zog sich augenblicklich ihre Maske über den Kopf, griff sich die Adidastasche und sprang aus dem Wagen. Als sie den schmalen Gang betraten, sahen sie, dass Frank sein Gewehr auf das Kind richtete. Ein korpulenter Mann mit halb zugeknöpftem Mantel tauchte in der Türöffnung auf. Auch sein Gesicht war braun gebrannt – Vater und Tochter kamen offensichtlich direkt aus dem Urlaub.

»Hände hoch!«

Der Filialleiter kam der Aufforderung nur zögerlich nach, als könne er nicht glauben, dass so etwas in seiner Bank möglich war. »Wenn dies ein Scherz sein soll ...«

»Du kannst Gift darauf nehmen, dass dies ein Überfall ist!«, schrie Frank.

Erst jetzt bekam das Mädchen wirklich Angst. Sie drückte sich an den Vater und starrte ihn mit großen Augen flehentlich an.

»Geh zu Mama«, sagte der Filialleiter. »Ich kümmere mich um die Herrschaften.«

Die Mutter ist auch da, dachte Roger erschrocken. Frank hatte ihnen versichert, dass der Mann allein sein würde. Stattdessen schien sich der Überfall zu einer grotesken Familienangelegenheit zu entwickeln. Am liebsten hätte er sich klammheimlich verdrückt, doch Lisa hatte die Hintertür schon geschlossen. Sie flüsterte ihm ins Ohr:

»Lauf hinter ihr her und pass auf, dass die Mutter nicht die Bullen anruft.«

Doch Frank hatte sich bereits an ihre Fersen geheftet, woraufhin Roger seine Waffe auf den Filialleiter richtete. Der hatte offenbar den Ernst der Lage erkannt und streckte die Hände über den Kopf. Die Bräune war aus seinem Gesicht gewichen. Roger fühlte sich obenauf. Der Typ war ein Waschlappen, ein verdammter Kapitalist, der einen Denkzettel verdiente. Er machte eine Geste mit dem abgesägten Lauf, und der Mann gehorchte auf der Stelle, bewegte sich mit vorsichtigen Seitenschritten in das angrenzende Büro, dessen Fenster auf den Platz hinausging. Wie leicht alles war!

Die Mutter, ebenfalls mit sonnengebräuntem Gesicht und einem moosgrünen Mantel, drückte sich an einen Aktenschrank und hatte ihre Armen beschützend um das Mädchen geschlungen.

»Sind noch mehr von euch hier?«, knurrte Frank.

Der Filialleiter schüttelte den Kopf.

»Also rück das Geld raus. Jede einzelne Krone.«

»In der Kasse sind keine großen ...«

»Ich scheiß auf das Kleingeld. Ich meine den Safe!«

»Tu, was er sagt, Jens.« Das resolute Kommando kam von der Frau.

»Ja, tu, was Mama dir sagt, Jens. Und wenn du versuchst, den Alarm auszulösen, dann knallt’s!«

Als der Mann gehorsam nickte, begriff Roger, dass ihnen der Zufall in die Hände spielte. In Gegenwart von Frau und Kind würde der Filialleiter gar nicht erst versuchen, den Helden zu spielen. Von nun an waren Vater, Mutter und Kind hilflose Marionetten, die an den Fäden der Puppenspieler hingen. Frank und er konnten sie nach Belieben tanzen lassen.

»Der Safe ist im Raum nebenan.«

»Weiß ich, also los!«

Frank stieß ihm sein Gewehr in den Rücken. Der Filialleiter stolperte auf den Gang hinaus. Lisa folgte ihm mit der Tasche. Roger stellte sich neben das Fenster. Dank seiner zwei Komplizen hatte er den leichtesten Job. Eigentlich hatte Lisa am Fenster stehen und den Parkplatz kontrollieren sollen. In regelmäßigen Abständen warf er einen Blick nach draußen, behielt aber in erster Linie Mutter und Tochter im Auge. Sein Zeigefinger lag am Abzug, doch er zielte nicht auf sie. Die Mutter stand stocksteif da und starrte ihn an. Ihre Haare wirkten ebenso sonnengebleicht wie die ihrer Tochter, doch ihre Augen waren dunkel und hasserfüllt. Er vermutete, dass ihr Herz vor Angst raste. Sein eigenes Herz pochte ebenfalls ziemlich rasch. Würde sie später in der Lage sein, eine genaue Beschreibung des bedrohlichen Manns mit dem Gewehr abzugeben? Nein, die Maskierung war so perfekt, dass sich jeder darunter hätte verbergen können. Zwei blaue Augen in den Schlitzen verrieten so gut wie nichts.

Draußen rollte ein Ford Sierra vom Parkplatz. Ein Windstoß fegte den Schnee beiseite, der darunter gelegen hatte. Er hörte Franks Kommando aus dem Nebenzimmer. Niemand wäre darauf gekommen, dass Frank aus Trondheim stammte, so perfekt imitierte er den Osloer Dialekt. Das Mädchen begann zu weinen.

»Wird er uns erschießen, Mama?«

»Hab keine Angst, Merete, er will uns nichts tun. Bleib ganz ruhig, dann geht alles gut.«

»Du hast gesagt, dass wir nach Hause fahren!«

»Bald, Merete, bald.« Die Mutter hob den Kopf und schaute Roger flehentlich an. »Kann sie nicht solange draußen warten?«

Fast musste er lachen. Was bildete sich diese Frau nur ein? Glaubte sie etwa, alles sei nur ein Scherz? Er antwortete nicht, schüttelte aber entschieden den Kopf. Verlieh seiner Ablehnung Nachdruck, indem er die Waffe ein wenig hob. Die Frau zog das Mädchen enger an sich und strich ihr über den Kopf. Dennoch redete sie weiter. Ihre Stimme zitterte nicht einmal:

»Warum tun Sie so etwas? Wissen Sie nicht, was für einen Schaden Sie bei einem kleinen Kind anrichten können?«

Als das nichts nutzte, versuchte sie es anders:

»Ich bin sicher, dass Sie noch jung sind. Das ganze Leben liegt vor Ihnen. Warum zerstören Sie Ihre Möglichkeiten? Sie wissen doch genauso gut wie ich, dass die meisten Bankräuber geschnappt werden und im Gefängnis landen.«

Die Frau in dem grünen Mantel war offenbar mutiger als ihr Mann. Oder sie begriff nicht, wie gefährlich ihr Verhalten in dieser Situation war. Höchste Zeit, sich Respekt zu verschaffen.

»Wenn Sie Ihr Gewehr weglegen, wird man das zu Ihren Gunsten auslegen«, argumentierte sie.

Da verlor Roger die Geduld und schrie sie an: »Halt die Schnauze, du alte Schlampe!«

Das wirkte. Die Frau zuckte zusammen und presste die Lippen aufeinander. Verstand offensichtlich, dass ihr weitere Argumente nichts einbrachten. Schweigend streichelte sie ihrer Tochter den Kopf. Erneut warf Roger einen Blick aus dem Fenster. Der Wind schien sich fast gelegt zu haben. Es war auch ein wenig dunkler geworden. Nur ein wenig, aber es führte doch dazu, dass die Straßenlaternen angeschaltet wurden. Ihm war nicht wohl in seiner Haut. Lieber wäre er im Nebenzimmer gewesen, in dem etwas geschah, in dem der Filialleiter inzwischen hoffentlich den Safe geöffnet hatte. Er musste darauf vertrauen, dass Frank und Lisa gute Arbeit leisteten. Wie groß würde ihre Beute sein? Eine halbe Million? Eine ganze? Vielleicht noch mehr? Vielleicht genug, um ...

Er zuckte zusammen.

Ein unheilschwangeres Geräusch kam näher und gellte in seinen Ohren, das schlimmste aller Geräusche, das, vor dem er am meisten Angst gehabt hatte. Eine Sirene. In seinen Träumen hatte er sie gehört. Die Sirene eines Polizeiautos. Rasch wurde sie lauter, dröhnte in seinem Kopf und trieb ihm kalten Schweiß auf die Stirn. Die Bullen kamen. Der verdammte Filialleiter musste unbemerkt den Alarm ausgelöst haben.

Lisa erschien in der Türöffnung.

»Siehst du was?«

»Nein.«

Als ginge ihnen in diesem Moment derselbe Gedanke durch den Kopf, wandten beide ihre Köpfe ruckartig zur Frau des Filialleiters um. Diese schien nicht minder erschrocken, und Roger begriff, warum. Sie hatte gedacht, dass die Bankräuber sie in Ruhe lassen und sich aus dem Staub machen würden, sobald sie die Beute verstaut hatten. Jetzt rechnete sie offenbar mit einem möglichen Geiseldrama mit den schlimmsten Folgen für ihre kleine Familie.

Während Lisa sich ans Fenster stellte, um hinauszusehen, war Roger wie gelähmt und konnte seinen Blick nicht von Mutter und Tochter wenden. Eigentlich wollte ich gar nicht mitmachen. Er krümmte die Zehen zusammen, während das Geräusch zu einem ohrenbetäubenden Crescendo anschwoll.

3

Als das Heulen schwächer wurde und einen völlig anderen Charakter annahm, wurde Roger beinahe übel vor Erleichterung. Das nannte man Dopplereffekt, so viel wusste er. Der Einsatzwagen war an der Vorderseite der Bank vorbeigefahren und entfernte sich. Dass ihm der Schweiß nicht in die Augen lief lag daran, dass er von dem Stoff über der Stirn aufgesaugt wurde. Das Mädchen hatte aufgehört zu weinen. Es glotzte Lisa an, die sich zu Roger umdrehte und ihm einen freundschaftlichen Stoß gab. Aus Erleichterung, glaubte er. Roger schluckte den Kloß hinunter, der sich in seinem Hals gebildet hatte, und spürte die Feuchtigkeit seiner Handflächen in den Handschuhen. Und als er von einem Bein auf das andere trat, bemerkte er, wie weich seine Knie geworden waren. Er verfluchte denjenigen, der die Polizei oder einen Krankenwagen verständigt hatte. Beim nächsten Schreck würde er vor Angst umkommen.

Lisa lief aus dem Zimmer, war aber im nächsten Moment zurück und winkte die Geiseln mit der Hand zu sich. »Schnell jetzt!«

Die Frau legte dem Kind den Arm um die Schultern und führte es zur Tür. Sie folgten Lisa auf den Flur und in das Nebenzimmer hinein. Roger, der hinter ihnen herging, blieb in der Türöffnung stehen. Der Anblick, der sich ihm bot, war keineswegs überraschend. In dem spärlich eingerichteten Raum war nur sehr wenig Platz. Die hellgrünen Wände hatten keine Fenster. Die Tür des Tresors stand offen. Der untersetzte Filialleiter hatte seinen Mantel über den einzigen Stuhl des Raumes gelegt. Er stand kerzengerade da und ließ die Hände schlaff herunterhängen, als müsse er sich von schwerer Arbeit erholen. Frank hatte sicher nur zugeschaut, während der Mann die Geldbündel aus dem Safe geholt hatte. Dem Filialleiter huschte ein Lächeln übers Gesicht, als er sah, dass Frau und Tochter unversehrt waren. Sie stellten sich neben ihn. Frank nahm die Tasche und trug sie auf den Gang hinaus. Sie schien nicht mehr leer zu sein.

»Schieß, wenn sie Schwierigkeiten machen!«, sagte er zu Roger.

Zusammen mit Lisa trat er auf den Gang hinaus. Roger rechnete damit, dass sie noch das Geld, das sich möglicherweise in den Kassen im Schalterraum befand, mitgehen lassen wollten. Frank hatte anfangs zwar gesagt, er scheiße auf das Kleingeld, aber jetzt schien er es sich anders überlegt zu haben. Weil die Ausbeute bisher enttäuschend war? Weil seine Gier überhand genommen hatte? Herrgott, sie sollten sehen, dass sie die Kurve kriegten, bevor doch noch jemand Alarm auslöste und ihre Träume zunichte machte. Die nächste Sirene konnte ihnen gelten.

Glücklicherweise schienen die drei Menschen, die sich eng aneinander drückten, um ihr Leben zu fürchten. Er sah keinen Anlass mehr, sie zu zwingen, die Hände nach oben zu halten. Das Mädchen hatte aufgehört zu schluchzen. Es stellte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte seinen Eltern etwas zu. Sie erschießen? Nein, es würde nicht einmal notwendig sein, einen Warnschuss abzugeben. Frank konnte das unmöglich ernst gemeint haben. Doch wusste er eigentlich, wie weit dieser in einer prekären Situation gehen würde? Dieser Gedanke ließ ihn frösteln. Er respektierte und bewunderte Frank, der ihn vor dem sicheren Tod bewahrt hatte. Dennoch lag etwas Finsteres und Bedrohliches in seinem Blick, das ihm Angst machte. Was war mit ihm selbst, Roger Dalvang? War er viel besser? Vor nicht einmal einer Woche hatte er – nach reiflicher Überlegung – das Gewehr auf sich selbst gerichtet, um seinem Leben ein Ende zu machen. Aber das war etwas ganz anderes gewesen. Eigentlich sollte er nicht zulassen, dass Eltern und Tochter miteinander tuschelten; der Filialleiter konnte dies als Zeichen der Schwäche deuten.

»Was sagt die Kleine?«

Der Klang seiner Stimme ließ sie zusammenschrecken, was ihm gut gefiel. Er hatte sie unter Kontrolle.

»Sie sagt nur, dass die Frau Lisa heißt«, antwortete die Mutter.

»Hm.«

Das Mädchen hatte offenbar gut aufgepasst, als sie unvermutet in der Tür gestanden und Frank ihn aufgefordert hatte, Lisa zu holen. Doch erst als der Filialleiter seiner Frau einen warnenden Blick zuwarf, begriff Roger, was es bedeutete, dass Frank in seiner Erregung den Namen einer Komplizin ausgeplaudert hatte. Damit hatte die Polizei einen ersten Anhaltspunkt bei der Fahndung nach ihnen. Frank war bei weitem nicht so professionell, wie er vorgab. Er hatte sie zu größter Wachsamkeit angehalten, und dann beging er selbst bei der ersten Gelegenheit einen so kapitalen Fehler. Dieses eine Wort konnte ausreichen, um sie alle hinter Schloss und Riegel zu bringen.

Jetzt hatte er nicht nur kalten Schweiß auf der Stirn, sondern spürte, wie ihm kleine Bäche aus den Armhöhlen hinunterliefen. Ihm war klar, dass er Frank, der gesagt hatte Schieß, wenn sie Schwierigkeiten machen, warnen sollte. Er blieb im Türrahmen stehen und trippelte auf der Stelle, vor Unschlüssigkeit – und vor Angst. Was war, wenn Frank beschloss, die drei wegen seines Leichtsinns – seines eigenen Leichtsinns! – einfach umzubringen?

Der Filialleiter hatte den Kopf gehoben und blickte ihn mit sonderbarem Ausdruck an. Ahnte er, dass Roger in diesem Moment mit seinem Gewissen rang?

Roger entschloss sich zu schweigen, zumindest vorläufig. Lisa war doch ein ziemlich geläufiger Name. Wenn sie nur endlich fertig würden und die verdammten Münzen liegen ließen. Die ganze Aktion war sehr viel schlimmer, als er sie sich vorgestellt hatte. Obwohl sie als Angreifer die Oberhand hatten, piesackte ihn die Angst wie eine Horde aufgeschreckter Ameisen. Innerhalb der Familie wurde kein Wort mehr gewechselt. Sie schauten ihn bloß ernst und anklagend an, starrten so, dass sein Zwerchfell schmerzte und die Wut in ihm hochkochte. Kein Laut war zu hören. Keine Uhr tickte, um zu signalisieren, dass die Zeit verstrich. Nicht ein Laut ... Eine neue Angst hatte ihn im Nacken gepackt – was war, wenn Frank und Lisa gar nicht nach Kleingeld suchten? Wenn sie die Bank durch den Vordereingang verlassen hatten und sich längst im Auto befanden, um von hier zu verschwinden? Für den Bruchteil einer Sekunde sah er den Corolla in Richtung Süden fahren, Frank lächelnd am Steuer, Lisa lächelnd neben ihm und die Geldtasche auf dem Rücksitz. Lächelnd, weil sie keine Verwendung für den Amateur Roger Dalvang mehr hatten. Er umfasste die Waffe noch fester, packte zu, um nicht die Besinnung zu verlieren. Aber das reichte nicht aus. Er musste nachschauen, ob sie ihn nicht im Stich gelassen hatten. Schon wollte er Frank! rufen, hütete sich aber im letzten Moment davor, dessen Fehler zu wiederholen. Im Grund konnte er sich bei dem kleinen Mädchen bedanken, das plötzlich die Stille gebrochen hatte:

»Mama, ich muss aufs Klo.«

Im selben Moment hörte er rasche Schritte näher kommen. Es war vorbei. Endlich konnten sie fahren.

Frank, die Adidastasche in einer, das Gewehr in der anderen Hand, stieß ihn zur Seite und auf den Gang hinaus.

»Gibt es einen Schlüssel zu diesem Raum?«, fragte er.

Der Filialleiter deutete auf die Tür.

»Der Schlüssel steckt. Aber bitte schließen Sie uns hier nicht ein. Wir kriegen keine ...«

»Für wie blöd halten Sie uns eigentlich?«

»Ich bitte Sie. In diesem Raum gibt es keine Frischluftzufuhr. Wir werden ersticken.«

»Ein Kerl wie Sie wird die Tür schon irgendwann aufbekommen.«

»Ich flehe Sie an! Die Kleine muss mal ...«

»Nur zu.«

Frank gab Roger die Tasche. Mit der freien Hand begann er die Tür zuzuziehen. In diesem Moment machte die Frau des Filialleiters einen unüberlegten Sprung nach vorne, um ihn daran zu hindern. Frank trat einen Schritt zur Seite, ließ die Klinke los und riss die Waffe hoch. Der kurze Doppellauf der Flinte traf die Frau genau an der Nahtstelle zwischen Mantelkragen und nacktem Hals. Sie sank zu Boden und blieb reglos auf dem Bauch liegen.

»Verdammte Schlampe!«, schrie Frank.

Während sich der Filialleiter zu seiner Frau hinunter beugte, knallte Frank die Tür zu und drehte den Schlüssel um. Roger brachte keinen Ton heraus und wollte nichts wie weg.

Als Lisa die Tür nach draußen öffnete, blies ihnen der Wind ins Gesicht, der in der Zwischenzeit den Kofferraumdeckel zugeschlagen hatte, aber das spielte jetzt keine Rolle mehr. Lisa warf die Tasche auf den Rücksitz und sprang hinterher, während sich die beiden anderen ebenso schnell auf ihre Sitze warfen. Auf dem offenen Platz waren keine Menschen zu sehen. Nur der Audi stand neben zwei anderen Wagen am Straßenrand. Rogers Hände zitterten so sehr, dass er sie nicht klar erkennen konnte. Sein ganzer Körper schien unter Strom zu stehen. Es wunderte ihn, dass er überhaupt in der Lage war, den Autoschlüssel ins Zündschloss zu stecken.

»Runter mit den Masken!«, kommandierte Frank. »Weg mit den Anzügen und Handschuhen.«

Sie gehorchten wie gedrillte Soldaten, bevor Roger Gas gab.

»Nach rechts, nicht zu schnell!« Franks Stimme zitterte unmerklich.

Roger, dem klar war, dass er keine absolute Kontrolle über seine Bewegungen hatte, steuerte den Wagen mit größter Sorgfalt. Er bog zwei weitere Male nach rechts ab, bevor sie an der Vorderseite der Bank vorbeifuhren, so, wie sie es bereits vor einer Stunde getan hatten. Es war beinahe 16 Uhr 30; kaum zu glauben, dass sie höchstens zwanzig Minuten in der Bank zugebracht hatten. Alles schien unverändert. Von draußen betrachtet, wäre niemand auf die Idee gekommen, dass diese Bank soeben ausgeraubt worden war.

»Glückwunsch, Jungs!«, kam es von Lisa.

Frank war dies offenbar zu voreilig. »Weiter geradeaus«, sagte er zu Roger. »Am Klett-Kreuz fahren wir auf die Autobahn.«

Die Dämmerung war nun weit fortgeschritten. Sie gerieten nicht in Versuchung, zu schnell zu fahren, da sie sich bald im dichten Feierabendverkehr befanden, der nur langsam vorankam.

»Glaubst du ... du hast sie ... getötet?«, stotterte Roger.

»Ach was! Einen kleinen Stoß wird die Alte schon vertragen. Ich muss erst mal eine rauchen.«

»Aber ... wenn sie wirklich keine Luft kriegen da drinnen?«

»Das war doch alles nur Gerede. Außerdem können sie von Glück sagen, dass die Knarre nicht losging.«

»Haste echt super gemacht, Frank«, sagte Lisa.

»Bin ja schließlich nicht auf den Kopf gefallen.«

»Abgesehen davon, dass du Lisas Namen laut gesagt hast«, warf Roger ein.

»Ach, wirklich?«

»Ja, und ich glaube, das Kind hat das mitbekommen.«

»Na und?«

»Sie könnte doch ...« Roger hielt inne. Jetzt hatte er Frank zumindest informiert.

»Hast du wirklich meinen Namen gesagt?«, fragte Lisa ängstlich.

»Und wenn schon. Ich bin doch der Einzige, der dich Lisa nennt. Du heißt schließlich Elisabeth.«

Roger fand diese Antwort alles andere als beruhigend. Der Chef hatte einen Fehler gemacht, wollte dies aber nicht einräumen. Frank wechselte das Thema. »Der Stau gefällt mir nicht. Wir kommen viel zu langsam voran.«

Roger musste ihm Recht geben. Selbst für diese Uhrzeit ging es ungewöhnlich schleppend vorwärts.

»Die Sirene, die wir vorhin gehört haben ...«, begann Lisa. »Vielleicht ist irgendwo ein Unfall passiert.«

»Das werden wir gleich wissen«, sagte Frank. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und begann am Radio zu fummeln. Hielt es an sein Ohr und lauschte.

Eigentlich sollten sie in lauten Jubel ausbrechen, dachte Roger. Sie hatten doch gerade einen nahezu perfekten Bankraub begangen. Niemand folgte ihnen. Niemand wusste, wo sich die Bankräuber jetzt aufhielten. Doch die Anspannung war immer noch spürbar. Dachten auch die beiden anderen daran, dass Franks Versprecher sie um den Lohn ihrer Arbeit bringen konnte? Und was war, wenn Frank wirklich so hart zugeschlagen hatte, dass die Frau starb, noch ehe ihr jemand zu Hilfe eilen konnte? Die Bremslichter des Wagens vor ihnen leuchteten auf, und im nächsten Augenblick kam der Verkehr vollständig zum Erliegen.

»Verdammte Scheiße!«, rief Frank. »Die Bullen sagen, dass die Zufahrt zur Autobahn wegen des Unwetters gesperrt ist. Auf der Autobahn steht schon jetzt der Verkehr still.«

Es bestand kein Zweifel, dass der Wind wieder zugenommen hatte. Aber war er wirklich so stark, dass die frei liegenden Straßen durch Schneeverwehungen nahezu unbefahrbar geworden waren? Die Autoschlange bewegte sich nur hin und wieder ein paar Meter weiter.

»Haben sie was vom Überfall gesagt?«, fragte Lisa.

»Nein, das ist noch zu früh. Die werden noch nicht mal die Tür aufgekriegt haben.«

Nach weiteren hundert Metern stand der Verkehr wieder völlig still. Roger gefiel der Gedanke nicht, der Fahrer hinter ihnen könne sich womöglich die Autonummer des Corolla einprägen. Auf der gegenüberliegenden Fahrspur kamen ihnen nur wenige Fahrzeuge entgegen. Vielleicht hatten sie die Geduld verloren und gewendet. Gesetzt, dass ... Frank schien in diesem Moment derselbe Gedanke zu beschäftigen:

»Mir gefällt das hier nicht. Die Sache mit dem Unwetter könnte ein Bluff sein.«

»Aber du hast doch gerade gesagt, dass ...«

»Vielleicht hat der Typ Alarm ausgelöst, ohne dass wir es bemerkt haben. Außerdem könnten Bullen inzwischen nach dem Wagen fahnden.«

»Scheiße. Sollen wir umdrehen?«

Frank zögerte. »Was meinst du, Lisa?«

»Weiß nicht. Aber ich glaube, es ist keine gute Idee, wieder in Richtung Bank zu fahren. Andererseits ... könnten wir dann wieder in die Stadt zurück, auf die Hütte pfeifen und es uns in unserer schönen Wohnung gemütlich machen.«

»Tja, vielleicht ließe sich das bewerkstelligen, ohne dass Olsen es merkt; sonst wäre nämlich unser Alibi futsch. Und wenn das Auto in Trondheim entdeckt wird, wissen die Bullen, dass die Bankräuber nicht aus Oslo sind.«

»Also kehren wir nicht um?«

»Nein«, sagte Frank. »Am besten wir biegen irgendwo in eine Seitenstraße ab und warten, bis es hier weitergeht. Mach mal das Radio an, Roger. Vielleicht erwischen wir die Lokalnachrichten.« Seine Stimme war hörbar unsicherer geworden.

Roger gehorchte – und schauderte. Die Autos vor ihnen rollten langsam wieder an; er nahm den Fuß vom Bremspedal. Franks Argumente waren nicht gerade überzeugend. Der erste Teil des Plans hatte gut funktioniert, doch Roger hegte wachsende Zweifel, was dessen Fortsetzung betraf. Eine leer stehende Hütte in Oppdal aufzubrechen, um sich dort für ein paar Tage aufzuhalten, ehe sie nach Oslo wollten, um so richtig die Sau rauszulassen, oder auch für eine Weile ins Ausland zu verschwinden, kam ihm etwas vage vor. Konnten sie nicht ebenso gut gleich nach Oslo fahren, um das Auto dort abzustellen, wo man es finden sollte? Auf Rogers Vorschlag hin hatte Frank eingewandt, dass die Polizei im Laufe der Nacht möglicherweise nach dem gestohlenen Wagen Ausschau hielt. Vielleicht war der Austausch des Nummernschilds kein ausreichender Schutz. Falls schon am Klett-Kreuz eine Falle für sie aufgestellt worden war, würden sie direkt hineintappen. Andererseits mussten sie dort vorbei, um zu der weiter südlich gelegenen Hütte zu gelangen.

»Dort«, sagte Frank, »dort geht’s rechts ab.«

»In Ordnung.«

4

Nach wenigen Minuten, die Roger wie eine Ewigkeit vorkamen, hatte sich die Autoschlange so weit fortbewegt, dass er das Steuer hart nach rechts einschlagen und abbiegen konnte. Die Straße führte ziemlich steil bergauf, an einigen Villen vorbei bis auf eine kleine Anhöhe, wo sie sich zusehends verengte. Als sie einen Bauernhof passiert hatten, forderten die beiden Roger auf, anzuhalten.

»Hier sind wir für eine Weile in Sicherheit.«

Roger stellte den Motor ab. Der Wind zerrte an der Karosserie. Es gab keinen Niederschlag; nur der lockere Schnee wirbelte auf und wurde wie Puderzucker über die Straße geweht. Sie hatten eine schöne Aussicht über Leinstrand und Klett. Die langen Schlangen der gelben Autolichter und Straßenlampen, die in der Dunkelheit leuchteten, ließen Roger an den glatten Bernstein denken, aus dessen Stücken sich Heidi eine Kette gemacht hatte.

Es war unschwer zu erkennen, dass der Verkehr immer noch stillstand. Während sie darauf warteten, dass er wieder in Gang kam, lauschten sie beiden Radios. Noch war der Überfall nicht erwähnt worden, doch nach einer Weile, während der Lokalnachrichten, bekam der Sprecher offenbar eine Eilmeldung hereingereicht. Roger stellte lauter:

»Soeben erreicht uns die Meldung, dass vor einer halben Stunde ein bewaffneter Überfall auf eine Bankfiliale in Heimdal stattgefunden hat. Unmittelbar nach Geschäftsschluss drangen drei maskierte Männer durch einen Hintereingang in die Bank ein. Eine weibliche Angestellte wurde beim Versuch, sich zur Wehr zu setzen, brutal niedergeschlagen und schwebt seitdem in Lebensgefahr. Den Bankräubern gelang mit den vollständigen Kassenbeständen die Flucht. Um wie viel Geld es sich handelt, ist bislang unbekannt. Personen, die auffällige Vorkommnisse in der Nähe der Bank beobachtet haben, werden gebeten, mit der Polizei Kontakt aufzunehmen. Wir informieren Sie umgehend, sollten weitere Einzelheiten des Überfalls bekannt werden.«

Nach dieser nicht ganz korrekten Zusammenfassung war Frank der Erste, der die Sprache wiederfand, und er tat es mit lachender Stimme: »Nicht einmal wir wissen, wie viel Kohle wir haben! Vielleicht sollten wir die Pause benutzen, um uns einen ersten Überblick zu verschaff...«

»Dazu haben wir keine Zeit!«, fiel ihm Lisa ins Wort. »Wir sind immer noch viel zu nah an Heimdal. Lass uns sehen, dass wir hier wegkommen.«

Roger schwieg. Während er immer noch die stehende Autoschlange anstarrte, die einige Kilometer von ihnen entfernt war, und seine feuchten Hände sich abwechselnd öffneten und schlossen, wirbelten die Worte durch seinen Kopf: ... und schwebt seitdem in Lebensgefahr. Frank und Lisa schien dies völlig kalt zu lassen. Frank hatte ihm von Anfang an versichert, dass die Waffen nur der Einschüchterung dienten. Dass sie geladen waren, bedeutete nicht, dass sie zu schießen beabsichtigten; es sollte nur ihre Moral stärken und ihnen das nötige Selbstbewusstsein verleihen. Zwar hatte Frank sein Versprechen, nicht zu schießen, eingehalten, die Frau des Filialleiters jedoch auf eine Art und Weise niedergeschlagen, die lebensbedrohlicher sein konnte als eine Ladung Schrot. Warum akzeptierte Lisa sein Verhalten so kritiklos? Weil sie glaubte, die Verletzung sei nicht allzu schwer? Heidi wäre in solch einem Fall durchgedreht. Er selbst nahm offenbar eine Zwischenposition ein.

Es ärgerte ihn, dass er in diesem Moment an Heidi dachte, die nichts mehr von ihm wissen wollte. Vermutlich hatte es an den bernsteinfarbenen Lichtern gelegen. Heidi wollte Schmuckherstellerin werden, und Roger hatte ihr dabei helfen sollen, obwohl er keine Ahnung von diesem Metier hatte. Doch irgendwas war plötzlich schief gelaufen. Vielleicht hatte sie geahnt, dass sie auf ihn nicht bauen konnte, dass seine Psyche zu labil war. Oder sie hatte sich einfach einen anderen Kerl geangelt, der besser zu ihr passte.

Die Bernsteinkette im Tal setzte sich langsam wieder in Bewegung.

»Frank!«

»Schrei nicht so, Roger. Ich sitze direkt neben dir.«

»Ich glaube, der Stau löst sich langsam auf.«

»Ja, sieht so aus.«

Alle drei richteten ihre Blicke auf das Verkehrskreuz bei Klett. Die Autolichter bewegten sich mit zunehmender Geschwindigkeit. Dafür konnte es nur eine Erklärung geben: Die Wegsperre hatte nichts mit ihnen zu tun. In Trøndelag provozierte man wegen eines gewöhnlichen Bankraubs doch kein Verkehrschaos. Die Polizei kannte weder die Identität der Täter noch das Auto, in dem sie sich auf der Flucht befanden. Und sie konnte in der Hoffnung, die Verbrecher zu finden, schließlich nicht jedes einzelne Fahrzeug aufs Geratewohl kontrollieren.

An der nächsten Hofeinfahrt wendete Roger den Wagen. Bald konnten sie sich in Kattedamsdalen in den Verkehr einordnen, der sich jetzt flüssig durch die Kurven schlängelte, und wenige Minuten später befanden sie sich wieder auf dem flachen Land, wo sich der stürmische Wind mindestens so stark bemerkbar machte wie in der Höhe. Aufgrund der Wetterverhältnisse fuhr kaum ein Auto schneller als sechzig Stundenkilometer, was ihnen nach dem Bummeltempo von vorhin ziemlich rasch vorkam. Da am windumtosten Verkehrskreuz keine Streifenwagen zu sehen waren, nur ein Räumfahrzeug stand am Straßenrand, ordnete sich Roger in den Kreisverkehr ein und bog auf die E6 Richtung Oslo ab.

Frank hatte sich die nächste Zigarette angezündet. Roger begnügte sich mit Passivrauchen. Wagte nicht, sich eine eigene anzuzünden, solange er am Steuer saß, denn hin und wieder wurde der Wagen von Windböen zur Seite gedrückt. Dennoch war der Corolla ein warmes Gehäuse auf vier Rädern, das sie sicher durch die Dunkelheit beförderte. Ihre Anspannung ließ langsam nach, und als sie Melhus hinter sich gelassen hatten, wurden sie von einer überschäumenden, kindlichen Freude erfasst. Zumindest Frank und Lisa.

»Na, was sagst du nun, Kleine?«

»Lief doch alles wie am Schnürchen.«

»Da müssen Vollprofis am Werk gewesen sein.«

»Bestimmt Leute aus Oslo.«

»Worauf du dich verlassen kannst.«

Nach diesem Wortwechsel schütteten sie sich aus vor Lachen. Roger ließ sie in Ruhe, bis er entdeckte, dass ein orangefarbenes Lämpchen am Armaturenbrett aufleuchtete.

»Wir haben fast kein Benzin mehr«, sagte er.

»Können wir uns ein paar Liter Benzin leisten, Lisa?«, fragte Frank.

»Da muss ich erst in meiner Banktasche nachschauen ... Hey, sieht aus, als hätte ich gerade im Monopoly gewonnen.«

»Geht klar, Roger.«

In Lundamo hielten sie an einer Tankstelle. Roger öffnete von innen den Tankdeckel und stieg zögerlich aus.

Während er den Zapfhahn in die Tanköffnung steckte, spähte er über das Auto hinweg in Richtung Kasse. Erblickte dahinter einen Mann in roter Uniform, sonst niemanden. Nachdem das Zählwerk bei 40 Litern stehen geblieben war, hängte er den Zapfhahn wieder an seinen Platz.

Lisa hatte sich einen Tausend-Kronen-Schein aus der Tasche geangelt. Sie kurbelte das Seitenfenster herunter und gab ihn Roger. »Zieh die Jogginghose aus, ehe du reingehst und bezahlst.«

»Und bring ein paar Päckchen Tabak mit«, fügte Frank hinzu.

Er begriff, dass es keinen Zweck hatte zu protestieren und vorzuschlagen, einer von ihnen solle bezahlen. Er war eben doch nur der Juniorpartner, der Anfänger, der Assistent. Er zerrte sich die dunkle Hose von den Beinen und schmiss sie wortlos in den Wagen, als wolle er zeigen, dass er sich nicht alles gefallen ließe. Dann ging er um den Wagen herum und trottete zur Kasse. Der Mann in der roten Uniform hatte einen kupferfarbenen Schnurrbart. Er hob den Kopf und lächelte zuvorkommend.

»Mistwetter, was?«

»Ja, nicht zum Aushalten.« Roger versuchte weiterhin, den Osloer Dialekt nachzuahmen.

»Sind Sie auf Reisen?«

»Nein, nein, ich will nur nach Støren.«

»Glück für Sie. Im Raum Oppdal ist der Sturm wieder in vollem Gang.«

Roger nickte ungeduldig. Das launische Wetter in dieser Gegend kannte er vom Hörensagen. Erst vor wenigen Wochen hatte der Sturm mehrere Hausdächer abgedeckt. Und natürlich wollten sie genau dorthin!

Nachdem er den Tabak sowie drei Flaschen Cola an sich genommen hatte, stopfte er das Wechselgeld in die Jackentasche und verabschiedete sich mit einem Kopfnicken.

»Schönen Abend noch«, sagte der Mann mit dem dekorativen Bart gewohnheitsmäßig.

Die Cola wurde im Auto mit ungeteilter Begeisterung quittiert, und kurz darauf waren sie wieder unterwegs. Die Verkehrsdichte nahm ab. In Soknedalen war vom Unwetter nur wenig zu spüren, doch nachdem sie Ulsberg passiert hatten, frischte der Wind gewaltig auf. Obwohl Roger es eilig hatte weiterzukommen, traute er sich nicht, zu stark aufs Gaspedal zu treten. Die beiden anderen schienen zu verstehen, dass er sich ganz aufs Fahren konzentrieren musste, und Roger war erleichtert, dass ihm weitere kindische Wortwechsel erspart blieben. An einer Stelle war ein Lastwagen in den Graben gerutscht, doch sie hielten nicht an, um sich zu erkundigen, ob der Fahrer Hilfe brauchte. Frank hatte es aufgegeben, den Polizeifunk abzuhören. Vermutlich befanden sie sich dazu schon zu weit von der Stadt entfernt. Die nächsten Radionachrichten brachten im Großen und Ganzen keine Neuigkeiten. Die Bullen waren sicherlich zu sehr mit der Fahndung beschäftigt, um weitere Pressemeldungen herauszugeben. Es wurde jedoch erwähnt, einer der Bankräuber sei vermutlich eine Frau gewesen und alle drei hätten ausgeprägten Osloer Dialekt gesprochen – eine Mitteilung, die Frank vergnügt grinsen ließ. Es hieß ferner, die verletzte Frau – von einer Angestellten war nicht mehr die Rede – habe gemeinsam mit ihrer Tochter zufällig ihrem Mann einen Besuch abgestattet, bevor der Überfall geschah. Der unter Schock stehende Filialleiter hatte ausgesagt, es sei ihm, unmittelbar bevor seine Frau niedergeschlagen wurde, gelungen, den Alarm auszulösen, was seine Frau leider nicht bemerkt habe. Das Kreiskrankenhaus in Trondheim vermeldete, die Frau sei immer noch bewusstlos, schwebe aber vermutlich nicht mehr in Lebensgefahr. Die letzte Meldung nahm Roger mit stummer Erleichterung auf; ebenso die Tatsache, dass die Polizei offenbar keine konkreten Spuren verfolgte. Lisa würde offenbar Recht behalten: Diesmal musste Franks sorgsam durchdachter Plan einfach zum Erfolg führen. Zum ersten Mal seit langer Zeit spürte er ein euphorisches Kribbeln im Körper, ein kindliches Gefühl unbezähmbarer Freude. Im Moment erfüllten ihn nur die heftigen Windstöße mit Sorge. Nicht so sehr, weil sie die Karosserie erzittern ließen, sondern weil die stärksten Sturmböen den Wagen immer wieder von der Fahrbahn zu wehen drohten. Kein Wunder, dass sie sich fast allein auf der Straße befanden. Zusätzlich zu den Schneeverwehungen machte ihnen der wieder einsetzende Schneefall zu schaffen. Roger fragte Lisa, wie weit es noch bis zur Hütte sei.

»Sie liegt ein paar Kilometer von Oppdal entfernt. Wir müssen zunächst ins Zentrum und dann rechts in Richtung Sunndalsøra.«

Man konnte die Lichter des Wintersportzentrums erkennen; rechterhand zeichneten sich Slalomhänge ab, und bald hatten sie die ersten Häuser des Ortes erreicht. Als sie die von Lisa erwähnte Kreuzung ansteuerten, lief es Roger kalt über den Rücken. Das blinkende Blaulicht des Streifenwagens, der am Straßenrand stand, war nicht zu übersehen. Im dichten Schneegestöber, den Rücken an den Wagen gelehnt, stand ein Polizist da und streckte die Hand aus.

Frank nickte bekräftigend, als Roger abbremste. Es kam nicht infrage, einfach vorbeizufahren. Frank kurbelte das Fenster herunter, woraufhin ihm und Roger ein Schauer eiskalter Stecknadeln ins Gesicht schlug. Der Polizist, dessen Bart vollkommen weiß war, bot ihnen einen gewissen Schutz vor dem Wind, als er sich zu ihnen herunterbeugte und fragte:

»Alles in Ordnung?«

»Danke, alles bestens«, entgegnete Frank.

»Ich möchte Ihnen empfehlen, mit allergrößter Vorsicht durch den Ort zu fahren. Dies ist das schlimmste Unwetter seit Jahren. Überall lösen sich Dachlawinen. Am besten, Sie brechen die Tour ab und nehmen sich eine Unterkunft.«

»Das haben wir auch vor. Wir sind gleich bei unserem Hotel.«

Der Polizist nickte, trat zurück und musste hinter dem Streifenwagen in Deckung gehen, als ihn ein gewaltiger Windstoß umzuwerfen drohte.

»Volltrottel«, sagte Frank, nachdem er die Seitenscheibe wieder nach oben gekurbelt hatte und sie weiterrollten. »Wie nett von den Hütern des Gesetzes, sich bei den Ganoven zu erkundigen, ob alles in Ordnung ist. Hätte er uns festnehmen wollen, hätte ich die Flinte genommen und ihm mitten in die Visage geschossen.«

Roger lief ein weiterer Schauer über den Rücken. Seine Erleichterung paarte sich mit Widerwillen. Franks Stimme erlaubte keinen Zweifel, dass er es ernst meinte. Seine Waffe lag griffbereit unter dem Vordersitz. Er hatte seinen Fuß auf den Griff gestellt, als der Polizist den Kopf durch das Fenster gesteckt hatte.

Das Nächste, was sie sahen, war das Erlöschen sämtlicher Lichter des Ortes, und als sie an der Hauptkreuzung rechts abbogen, geschah das, wovor sie der Polizist gewarnt hatte. Von irgendeinem Dach flog ihnen etwas entgegen, das sich als flache Metallplatte erwies. Es wirbelte durch die Luft, veränderte seine Form und krachte auf der anderen Straßenseite gegen eine Hauswand. Nicht viel hatte gefehlt, und ihr Auto wäre von der scharfkantigen Dachplatte getroffen worden. Unter anderen Umständen hätten sie einen Riesenschreck bekommen, doch jetzt blieben sie ruhig. Die Vorgänge der letzten Stunden, inklusive die Begegnung mit dem Polizisten, hatten einen noch stärkeren Eindruck auf sie gemacht. Kaum vorstellbar, dass ihnen so etwas Banales wie das Wetter einen Strich durch die Rechnung machen sollte.

Dennoch war Roger erleichtert, als sie das Zentrum von Oppdal hinter sich ließen. Außerdem brachte dies eine Kursänderung mit sich, die sie aus der unmittelbaren Gefahrenzone brachte. Wenn die Polizei damit rechnete, dass sich die Bankräuber auf dem Weg nach Oslo befanden, würden sie die Straßen in Richtung Westen sicher weniger stark kontrollieren.

»Du weißt doch genau, wo sich die Hütte befindet, oder?«, fragte er Lisa nach einer Weile.

»So ziemlich. Ich bin öfter da gewesen, das letzte Mal vor drei Jahren. Sie gehört einer Kusine von mir und ihrem Freund. Die sind Sonntag in Urlaub gefahren. Deshalb können wir die Hütte benutzen, ohne dass sie davon erfahren. Ich hoffe nur, der Schlüssel liegt immer noch an derselben Stelle ...«

»Für richtige Profis kein Problem«, schaltete Frank sich ein. Roger hätte ihn am liebsten aufgefordert, die Schnauze zu halten. Er war mittlerweile ziemlich erschöpft. Fünf Minuten später gab Lisa das Signal zum Abbiegen. Auf dem Schild stand Gjevilvasshütte.

»Gleich sind wir da«, sagte sie.

Der Weg war ziemlich schmal, aber die Schneeverwehungen hinderten den Corolla nicht am Weiterfahren. Der Stromausfall war offensichtlich behoben, doch sahen sie nur hin und wieder ein paar Lichter und begegneten keinem einzigen Auto. Lisa bat Roger, langsamer zu fahren, während sie nach einem bestimmten Kuhstall Ausschau hielt, neben dem die Zufahrt zur Hütte lag.

Sie hatte Recht. Die Zufahrt war nicht geräumt, doch die frische Schneedecke relativ dünn, sodass Roger keine Schwierigkeiten hatte, zwischen den Birkenstämmen den Verlauf des Weges zu erkennen. Noch eine scharfe Linkskurve, dann erblickten sie mehrere Laternen an einer dunklen Bretterwand. Nachdem er auf der Rückseite der Hütte angehalten hatte, atmete er tief durch und zog den Zündschlüssel ab.

»Bingo«, sagte Frank. »Bist super gefahren, Roger.« Ein kleines Lob aus Franks Mund, das Roger ein stimulierendes Prickeln bescherte.

Sie stiegen aus und befanden sich mit einem Mal in windumtoster Dunkelheit. Frank erinnerte sich daran, dass sich in einer der Taschen eine Taschenlampe befand, doch sie brauchten nicht nach ihr zu suchen, weil der Autobesitzer namens Krogness so zuvorkommend gewesen war, eine weitere im Handschuhfach zu deponieren. Lisa benötigte nicht eine Minute, um den Schlüssel zu finden, der unter dem vorspringenden Dach des Toilettenhäuschens an einem Nagel hing. Sie schloss die Haustür auf, trat in den Flur und bat Frank, die Taschenlampe auf den kleinen Sicherungskasten zu richten. Sie drehten an einigen Sicherungen – und waren in die Zivilisation zurückgekehrt.

Die Hütte übertraf Rogers Erwartungen. Sie bestand aus einem großen Wohnraum mit Kochnische und drei kleineren Zimmern. Zwar gab es kein fließendes Wasser, dafür aber sowohl einen Kühlschrank als auch einen Elektroherd. Neben dem rustikalen Kamin stand ein Farbfernseher auf einem niedrigen Tisch. Kleine Wandleuchten sowie eine Deckenlampe tauchten die Einrichtung, die größtenteils aus Kiefernholz bestand, in ein warmes Licht. Dass es drinnen immer noch eiskalt war, brauchte sie nicht zu verwundern. Lisa schaltete die Elektroheizung ein und entfachte ein Kaminfeuer. »Schlaue Hüttenbesitzer verlassen ihre Hütte niemals, ohne alles für den nächsten Besuch vorzubereiten.« Lisa sagte dies, als handele es sich um ein Zitat ihrer Kusine. Die Fensterläden waren verriegelt, und sie einigten sich darauf, sie nicht vor dem morgigen Tag zu öffnen.

Frank hatte sich am Fernseher zu schaffen gemacht, sodass sie noch den größten Teil der Hauptnachrichten sehen konnten. Zunächst gab es eine längere Reportage aus den Niederlanden, in denen die Hochwassersituation so angespannt war, dass die Leute mit Schlauchbooten durch die Straßen schipperten. Das letzte Hochwasser war erst ein Jahr her, doch die Experten rechneten damit, dass die Situation diesmal noch dramatischer werden könnte. Auch in Teilen Deutschlands und Frankreichs standen Häuser und ganze Dörfer unter Wasser. Nach einem kurzen Bericht aus Tschetschenien, wo die russische Armee immer noch Widerstandskämpfer in der Hauptstadt niedermetzelte, wurden Bilder aus Trondheim gezeigt. Die automatischen Videokameras hatten Frank und Lisa aufgenommen, während diese die Kassen im Schalterraum plünderten. Der Schriftzug VIF auf den Rücken ihrer Trainingsanzüge war deutlich zu lesen. Ein Kumpel von Frank hatte sie vor Jahren in einer Fußballerkabine mitgehen lassen, ohne zu wissen, was er eigentlich damit anfangen sollte. Sie bekamen auch eine Videoaufzeichnung aus dem Tresorraum zu sehen; dabei hatten sie in diesem Raum gar keine Kamera bemerkt. Sie war die ganze Zeit auf den Safe gerichtet gewesen, und Frank gluckste triumphierend, als zu beobachten war, wie er den Filialleiter zwang, den Safe zu öffnen. Nicht zu sehen war hingegen, wie Frank dessen Frau niederschlug – entweder weil dies in einem toten Winkel der Kamera geschehen war, oder weil das norwegische Fernsehen diese Szene den Zuschauern sowie den Angehörigen des Opfers nicht zumuten wollte. Roger zitterte, während er die Bilder betrachtete, obwohl er selbst auf dem Film nicht erschien. Danach wurde ein kurzes Interview mit einem ernst dreinblickenden Hauptkommissar namens Christian Rønnes gesendet, der aussagte, der Überfall sei professionell durchgeführt worden, ohne die Anwendung von Sprengstoff oder anderen Hilfsmitteln. Die rücksichtslose Entschlossenheit der Bankräuber lasse darauf schließen, dass sie sich durch nichts hätten aufhalten lassen. Die Frau des Filialleiters liege immer noch bewusstlos im Kreiskrankenhaus von Trondheim. Ein gestohlener Toyota Corolla XLi mit dem Kennzeichen VE 56362, der bislang nicht wieder aufgetaucht sei, stünde mit dem Bankraub möglicherweise in Verbindung. Im Großen und Ganzen hätten die Verbrecher nur wenige Spuren hinterlassen. Man sei auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen und müsse sich darauf einrichten, so Rønnes, dass die Aufklärung des Verbrechens geraume Zeit in Anspruch nehmen könne. Als sich die Reporterin am Ende des Interviews nach der Höhe der Beute erkundigte, antwortete der Polizeibeamte, es handele sich in etwa um anderthalb Millionen Kronen.

»Eineinhalb Mille!«, rief Frank aus. Er drückte Lisa so hart an sich, dass diese protestierte, während Roger sich im Moment nicht auszumalen traute, was eine so hohe Summe eigentlich bedeutete.

Danach trugen sie alle Gegenstände, die sich im Wagen befanden, ins Haus. Nachdem Roger das Auto abgeschlossen hatte – in gewisser Weise fühlte er sich inzwischen für den Wagen verantwortlich –, hatte er das Gefühl, es sei in der Hütte bereits wärmer geworden. Frank wollte das Geld nachzählen und zur Feier des Tages eine Flasche Wodka springen lassen, doch Lisa meinte, sie sollten zuvor etwas essen. Dennoch öffnete Frank schon einmal die Flasche, leerte den Inhalt der Geldtasche über dem Esstisch und begann mit dem Sortieren und Zählen. Die beiden anderen schienen für ihn nicht mehr zu existieren. Roger stand mit dem Rücken zum lodernden Kaminfeuer und sah ihm zu. Zunächst war er von dem Gedanken an das Drittel der Beute besessen, das ihm zustand, doch dann fühlte er sich von Franks primitiver Gier nur noch abgestoßen. Er ging zur Kochnische, wo Lisa damit beschäftigt war, Eier und Speck zu braten.

»Kann ich dir helfen?« Die Frage kam ihm nicht sonderlich originell vor.

Lisa drehte sich erstaunt um, schien freudig überrascht und entgegnete, er könne Brot schneiden und den Tisch decken. »Frank ist zwar der Älteste von uns, aber seine Kinderstube lässt immer noch zu wünschen übrig.«

Sie setzten sich an den kleinen Küchentisch, schenkten sich Bier ein und begannen zu essen. Roger mit Heißhunger, Lisa langsam und genüsslich.

»Tut gut, was zu essen, nicht?«, sagte sie lächelnd.

»Großartig.«

»Frank wird bestimmt auch gleich kommen. Sein Onkel-Dagobert-Benehmen wollen wir ihm heute verzeihen. Er hat wirklich sein Herzblut für diese Aktion gegeben. Kein Wunder, dass er jetzt schier aus dem Häuschen ist. Ich dagegen bin ziemlich müde.«

»Ich auch«, entgegnete Roger.

In Wahrheit fühlte er sich so müde, dass er nur noch ins Bett sinken wollte, obwohl er das erste Mal mit Lisa allein war und erst jetzt bemerkte, wie hübsch sie war. Hübscher als Heidi sogar. Ihre langen blonden Haare ließen ihn an ein klassisches Musikstück denken, dessen Titel er sich nie merken konnte, und ihre großen Augen mit dem offenen Blick erinnerten ihn an eine berühmte Schauspielerin, deren Name ihm ebenfalls entfallen war. Doch in ihrem Blick lag auch ein beunruhigender Hunger, der ihn verunsicherte.

»Die Hütte ist klasse.«

»Ja, nicht wahr? Früher war ich mit Lillian hier. Wir waren gute Freundinnen, haben Bergtouren unternommen und ...« Sie hielt inne und zuckte die Schultern. »Das war, bevor sie sich diesen Typen geangelt hat, der meinte, ich sei als Kusine nicht der richtige Umgang für Lillian. Ich bin ziemlich ausgeflippt, ist doch logisch, bin ja wohl keine Schande für meine Familie. Und dann hat sich dieser Typ in der Stadt auch noch an mich rangemacht, also hab ich ihn gezielt wohin getreten ... na, du weißt schon. Ich habe Lillian klar zu machen versucht, dass er es war, der mich angebaggert hat, aber von da an wurde ich nicht mehr eingeladen.«

Roger nickte stumm.

»Wenn wir wieder wegfahren, müssen wir dafür sorgen, dass alles so aussieht wie vorher. Frankie Boy ist so was egal, aber dafür hat er andere Qualitäten ...«

Sie hatte sicherlich nicht den unartikulierten Jubelschrei gemeint, der ihr Gespräch unterbrach. Frank tänzelte mit dem Wodkaglas um den Kamin herum. Seine Augen unter dem dunklen Pony strahlten, wie Roger es nie zuvor bei ihm gesehen hatte.

»Ich hab’s doch immer gesagt. Auf Banken ist kein Verlass, nicht mal in Geldsachen. Eine Million sechshundertachtzigtausend! Die Geldrollen hab ich noch gar nicht mitgezählt.«

Roger, der in den letzten Stunden ständig in Angst gelebt hatte, hob die Arme über den Kopf und klatschte enthusiastischer, als ihm eigentlich zumute war. Jetzt durften auch er und Lisa sich den Wodka nicht länger entgehen lassen. Roger brannte er ungewöhnlich stark in der Kehle, genauso wie die Zigarette nach dem Essen. Dann saß er glücklich, aber völlig erschöpft im Sessel vor dem Kamin und zitterte nicht länger. Als eine Frau in einer Fernsehreportage begann, über die Gründe ihres Selbstmordversuchs zu sprechen, bemerkte er kaum, dass Lisa rücksichtsvoll den Fernseher ausschaltete. Aus irgendeinem Grund ließ ihn Franks Gesicht nicht los. Es war mager und asketisch, gleichzeitig gierig und träumerisch und erinnerte ihn an ein Porträt von Chet Baker aus der Zeit, bevor der Drogenkonsum die hübschen Züge des Trompeters verzerrt und in eine Grimasse mit toten Augen verwandelt hatte. War Frank auch drogenabhängig? Er wusste es nicht. Sein Blick schien Lichtjahre entfernt, vor allem wenn er die Geldbündel mit den benutzten sowie unbenutzten Hundert- und Tausendkronenscheinen streichelte. Gleichzeitig ahnte Roger, dass er selbst nicht mehr in der Lage war, seine Umgebung objektiv zu beurteilen. Die Einrichtung, die ihn umgab, nahm irreale Proportionen an.

Zu fortgeschrittener Stunde dieses denkwürdigen Abends, nach weiteren Zigaretten und noch mehr Wodka, mussten ihn die beiden anderen förmlich ins Schlafzimmer schleifen und aufs Bett verfrachten, wo er auf der Stelle in Schlaf fiel.

»Braver Roger.«

»Mach dich nicht über ihn lustig, Frank. Ohne ihn wären wir vielleicht niemals mit heiler Haut hierher gekommen.«

»Weiß ich doch.«

»Aber du hast alles geplant ...«

»Stimmt, und jetzt gibt’s einen Belohnungsfick, oder?«

»Na klar. Aber zuerst will ich noch mal richtig in dem Geldhaufen baden.«

»Ausgezeichnete Idee«, sagte Frank.

Nachdem sie mit ihren Armen eine Zeit lang durch den Geldhaufen gefahren waren, benutzten sie ihre Hände, um sich die Kleider vom Leib zu reißen.

5

Mittwoch, 1. Februar 1995

In wirkliche Hochstimmung geriet Roger erst nach dem Erwachen. Als er die Augen öffnete, war der neue Tag erst fünf Stunden alt, und er hatte beinahe sieben Stunden geschlafen. Er erwachte vermutlich wegen der ungewohnten Wärme und des Windes, der an Schornstein und Dachtraufe rüttelte.

Er selbst glaubte, es habe an seinem Traum gelegen, obwohl er nur vage Erinnerungen an ein großes Schiff hatte, das ihn nach New York bringen sollte. Deutlich konnte er sich hingegen daran erinnern, dass sein Vater bei der Freiheitsstatue auf ihn warten sollte. Er war nicht tot, so wie man Roger immer erzählt hatte. Als er an Land ging, winkte sein Vater ihm zu, doch die berühmte Statue befand sich plötzlich gar nicht mehr in New York, sondern war auf das stillgelegte Trondheimer Bahnhofsgelände in Skansen verlegt worden. Er lief über die Schienen seinem Vater entgegen, doch ein einfahrender Zug zwang ihn zu warten. Der schrille Pfiff der Lokomotive gellte in seinen Ohren, und dann war der Traum vorbei.

Als er das Heulen der Sturmböen hörte und spürte, dass er völlig verschwitzt war, wusste er sofort, dass er sich in einer Berghütte befand. Dennoch musste er sich zwicken, um sich klar zu machen, dass er wirklich an einem gelungenen Banküberfall teilgenommen und selbst den Fluchtwagen gesteuert hatte. Den unangenehmen Geschmack im Mund verdankte er sicher dem Alkohol sowie dem Umstand, dass er sich nicht die Zähne geputzt hatte. Erst jetzt bemerkte er, dass er vollständig angezogen unter der Decke lag – daher die Wärme –, und ihm dämmerte, dass Lisa und Frank ihn ins Bett gebracht hatten. Nicht weil er betrunken gewesen wäre, sondern vor allem wegen seiner physischen Erschöpfung. Zuvor hatte er alles getan, was sie von ihm verlangt hatten, und mehr als das. Zur Belohnung war er reich geworden. In seiner grünen Tasche befand sich über eine halbe Millionen Kronen. Das entsprach drei bis vier Jahreseinkommen, nach Steuerabzug. Eine großartige Ausbeute für einen jungen Mann, der sich vor einer Woche noch das Leben hatte nehmen wollen. In diesem Augenblick schätzte er sich glücklich, Nachbarn gehabt zu haben, die nicht so stocktaub waren wie sein Vermieter.

Und damit nicht genug. Das gewohnte Gefühl, dass alles, was er anpackte, misslang, zerbrach, pulverisiert wurde und ihm wie Sand durch die Finger lief, hatte sich verflüchtigt. Jetzt konnte ihm alles gelingen, sogar, die Welt aus den Angeln zu heben. Er war überglücklich.

Eine Weile blieb er liegen und überließ sich seinen Fantasien: wohin er reisen, wozu er das Geld benutzen wollte. Er konnte schließlich nicht damit rechnen, dass seine beiden Wohltäter ihn weiterhin mit sich herumschleppen würden, was er auch nicht wollte. Sollte er sich nach einiger Zeit wieder in Trondheim niederlassen, seiner Mutter einen Batzen Geld zustecken und Heidi signalisieren, dass sie jetzt die eigene Schmuckwerkstatt, von der sie immer geträumt hatte, realisieren konnte? Nein, nichts dergleichen. Sie verdienten es einfach nicht. Sie waren es doch, die ihn um den Verstand gebracht hatten. Doch gleichzeitig war es verlockend, ihnen zu zeigen, wie gut es ihm jetzt ging, wie stark er sich fühlte. Der kleine Roger hatte eine Woche in Oslo verbracht und das Geld auf der Trabrennbahn gewonnen. Frank zufolge war dies die sicherste Art und Weise, den frisch erworbenen Reichtum zu erklären. Die Gewinner der Pferdewetten blieben anonym, und ihre Prämien ließen sich nicht so leicht nachprüfen ... Nein, er würde den Teufel tun, vor Heidi zu Kreuze zu kriechen! Außerdem war es trotz all des Geldes keineswegs sicher, dass sie ihn zurückhaben wollte. Immerhin war sie es gewesen, die sich von ihm getrennt hatte. Und wie stand es eigentlich um ihre Beziehung, wenn sie ihn wegen des Geldes zurücknahm? Es gab doch so viele andere Möglichkeiten. Vielleicht sollte er nach New York reisen. Warum nicht? Dort gab es eine schier unerschöpfliche Anzahl von Nachtklubs, und er konnte sich die Musik anhören, die ihm am besten gefiel. Nicht den dröhnenden Heavy Metal, den Heidi bevorzugte, sondern differenzierten Bebop. Er konnte sich einen professionellen Jazzpianisten als Lehrer suchen, der ihm mehr über Harmonien beibrachte. Dann würde er vielleicht selbst ein guter Pianist werden, der CDs einspielte und mit der Zeit so berühmt wurde, dass man diese auch in Norwegen kaufen konnte. Die klassische Geschichte des jungen Mannes, der nach Amerika auswandern musste, um zu Hause als Künstler Anerkennung zu finden. Das Schicksal hatte es gut mit ihm gemeint. Warum sollte es nicht so weitergehen? Jetzt lag doch alles in seiner Hand.

Eigentlich war er immer noch müde, verspürte jedoch ein ungewohnt angenehmes Kribbeln unter der Haut. Die gestern noch empfundene Unsicherheit hatte sich in ein positives Gefühl verwandelt. Er strampelte sich frei, schaltete das Licht ein und zwinkerte mit den Augen.

In dem kleinen Schlafzimmer stand nur ein Bett. Aus der Einrichtung ließ sich schließen, dass normalerweise ein Junge hier wohnte, vermutlich der Sohn von Lisas Kusine. An den Wänden hingen Poster der Fußballer Alan Shearer und Romario sowie eine Aufnahme der aktuellen Mannschaft von Rosenborg Trondheim.

Es gab auch ein Foto von Diego Maradona, der seine Karriere während einer WM wegen Kokainmissbrauchs hatte beenden müssen. Roger streckte ihm die Zunge raus und spürte erneut den ekelhaften Geschmack in seinem Mund. Er selbst hatte sich – von gelegentlichen Joints abgesehen – nie an Drogen herangewagt. Nicht die ahnungslos moralisierenden Lehrer hatten ihn abgeschreckt, sondern die vielen amerikanischen Jazzmusiker, die allzu jung gestorben waren. An besagtem Abend in der letzten Woche hätte er sich eine starke Dosis gewünscht, hatte sich aber mit einer Flasche Wodka begnügen müssen. War wohl auch gut so gewesen.

Er schauderte, schwang die Beine aus dem Bett und drehte sich ein paarmal um die eigene Achse, bevor er ins Wohnzimmer ging. Dort brauchte er kein Licht anzuschalten, weil sie einige Lampen angelassen hatten. Wusste nicht, warum er in aller Herrgottsfrühe aufstand und woher das angenehme Prickeln unter der Haut stammte. Eine Tasse Tee würde sein Wohlbefinden noch steigern. Doch keiner von ihnen hatte bisher Wasser aus dem Brunnen geholt. Er schnitt sich eine Scheibe Brot ab, aß sie im Stehen und spülte mit einem Glas Orangensaft nach. Da er immer noch den ekelhaften Geschmack im Mund verspürte, beschloss er, Wasser zu holen, um sich die Zähne zu putzen. Er hatte auch das Bedürfnis, sich zu waschen.

Unter der Spüle fand er einen Plastikeimer, schlich sich auf den Gang, zog Jacke und Joggingschuhe an, schaltete die Taschenlampe ein und trat hinaus ins Dunkel. Es gab immer noch kräftige Böen, obwohl der Wind ein wenig nachgelassen hatte. Er ging um das Auto herum und ließ den Lichtkegel wandern. Der Brunnen lag angeblich gegenüber dem Plumpsklo, weniger als zehn Meter von der Hütte entfernt. Er entdeckte ihn sogleich, doch der schwere Brunnendeckel, der, wie Roger vermutete, aus isolierendem Material bestand, ließ sich nicht ohne weiteres wegheben. Er kratzte den Schnee weg und gab dem Deckel einen Tritt, worauf entlang der Kante ein Spalt sichtbar wurde. Er stellte fest, dass er genau dort gezogen hatte, wo sich die Scharniere befanden, entdeckte einen Handgriff auf der anderen Seite des Deckels, und jetzt ging es relativ leicht. Als er in die zylindrische Öffnung leuchtete, sah er, dass die Oberfläche von Eis bedeckt war und sich mindestens einen Meter unter dem Niveau des Erdbodens befand. Doch Roger war nicht zum ersten Mal auf dem Land und machte sich auf die Suche nach einem langen Stab, der sich irgendwo in der Nähe befinden musste. Es zeigte sich, dass dieser, gemeinsam mit einer Leiter, quer an der Hüttenwand hing. Der Stab war an einem Ende mit einer Spitze und einem Haken versehen, und als er ihn mehrmals in die Tiefe stieß, gelang es ihm, ein Loch in die Eisfläche zu schlagen, das groß genug war, damit der Eimer hindurchpasste. Nachdem er einen Eimer Wasser heraufgezogen hatte, musste er ihn neben dem Brunnen abstellen und sich verpusten. Er streckte den Rücken, legte den Kopf in den Nacken – und sah über sich den Sternenhimmel.

Der Anblick war so überwältigend, dass er nicht wusste, ob er Furcht oder Bewunderung empfinden sollte. Myriaden funkelnder Sterne schlugen ihn so in Bann, dass er für den Bruchteil einer Sekunde die unfassbare Weite spürte, die sich zwischen ihm und dem Lichtermeer befand. Diese überraschende Empfindung hatte nichts mit Andacht zu tun. Religiöse Gefühle waren ihm fremd.

Als er dreizehn war, hatte er sich viel mit Astronomie beschäftigt und gespannt Jørans Ausführungen über mögliches Leben auf anderen Planeten gelauscht. Vielleicht gab es sogar hoch zivilisierte Wesen, die der menschlichen Rasse überlegen waren – was für eine Vorstellung, dass sie in diesem Moment von ihnen beobachtet würden! Er hatte seiner Mutter damals Geld gestohlen, sich über einen Postversand das lachhaft billige, doch angeblich »unübertroffene« Teleskop Komet II bestellt und nach acht Tagen beinahe unerträglichen Wartens ein in der Länge verstellbares Papprohr erhalten, an dessen einem Ende sich eine große, am anderen eine kleine Linse befand. Mithilfe solcher Fernrohre, hatte Jøran ihn aufgeklärt, entdeckten Astronomen ständig neue Objekte im Weltraum, die in der Regel nach ihren Entdeckern benannt würden. Sein Pappteleskop ermöglichte es Roger, einige graue Mondkrater zu studieren, jedoch konnte er niemals etwas entdecken, das auf außerirdisches Leben hingewiesen hätte.

Zwar hatte er schon am ersten Abend ein diffuses Objekt ausgemacht, das er sogleich »Rogers Fleck« taufte, musste bei näherer Betrachtung jedoch feststellen, dass es sich um ein Staubkorn auf der Linse handelte.

Als er begann, in seinen dünnen Joggingschuhen an den Zehen zu frieren, riss er sich vom Anblick des Sternenhimmels los.

Es tat gut, wieder in die Hütte zu kommen. Wie schon das Auto empfand er sie als behagliche Höhle, die ihn vor den Gefahren der Umwelt schützte. Er putzte sich die Zähne, setzte Wasser auf, wusch sein Gesicht und bereitete sich eine Tasse Tee zu. Danach entfachte er ein Feuer im Kamin, setzte sich in den Sessel davor und rollte sich eine Zigarette. Hier konnte ihm niemand etwas anhaben. Er lauschte dem Wind und dem Summen zweier Fliegen, die von der Wärme zum Leben erweckt worden waren, und fragte sich, ob er noch ein wenig schlafen sollte. Oder sollte er sein Geld noch mal durchzählen? Er tat keines von beidem, sondern studierte das Buchregal. Als Kind hatte er Bücher sehr gern gehabt und war später von Jøran animiert worden, einige norwegische und ausländische Romane zu lesen. »Nahrung für die Fantasie«, hatte Jøran gesagt. Er hatte anfangs nicht genau verstanden, was Jøran damit meinte, doch Bücher hatten ihm stets zu denken gegeben und ihm gezeigt, dass es auch andere Formen der Kindheit gab als die ärmliche, die er selbst erlebte. Doch nach und nach waren die Bücher von Videos abgelöst worden. Nun ließ er seinen Blick über die unbekannten Titel der Hüttenbibliothek wandern und begann sich, da er nichts über Musik oder Astronomie entdeckte, in ein Buch über Salzwasserfische zu vertiefen. Nach einer Weile fühlte er sich so entspannt und zufrieden, dass er sich in Anbetracht des gestrigen Tages wunderte, wie gut es ihm ging. Das Leben war plötzlich herrlich, und so sollte es für immer bleiben. Der Gedanke an Frank und Lisa rief in ihm ein Gefühl der Dankbarkeit hervor. Mehr Wasser zu holen und das Frühstück zu machen war das Mindeste, das er für sie tun konnte.

Während er vor der Arbeitsfläche stand und Brot schnitt, empfand er das dringende Bedürfnis, sich jemand anzuvertrauen und zu zeigen, wie gut es ihm ging. Es war fast acht Uhr, doch sollte es bereits dämmern, bekam er davon nichts mit, weil die Fensterläden nicht das geringste Licht durchließen. Er hatte das Radio angestellt, zur Musik mitgesummt und die Nachrichten gehört. Dann erschrak er, als er plötzlich einen Schatten hinter sich wahrnahm.

Es war Lisa. Sie trug nur Slip und BH und betrachtete ihn freimütig. Ihr langes Haar war zerzaust und von der Farbe eines Weizenfelds im Spätsommer. Sie lächelte, als sie den gedeckten Frühstückstisch erblickte.

»Ach, Roger, wie nett von dir.«

»Ich ...«

Er hatte Heidi oft in Unterwäsche gesehen, aber dies war etwas anderes. Er kannte Lisa ja fast gar nicht. Sie war fraulicher, üppiger. Er wusste nicht, wo er seine Hände lassen sollte, als sie zu ihm kam und ihn auf die Wange küsste. War ein wenig enttäuscht, als er ihre Wodkafahne wahrnahm, doch als er ihre Brüste spürte, hoffte er inständig, dass Lisa nur aufgestanden war, um mit ihm zu flirten und sich von einem athletischen jungen Mann vögeln zu lassen, der fünf Jahre jünger war als sie selbst. Noch mehr enttäuscht war er, als sie sich den Zeigefinger vor ihre vollen Lippen hielt und auf das Radio zeigte. Gemeinsam lauschten sie dem Nachrichtensprecher:

»Aus Trondheim wird soeben vermeldet, dass Nina Mogård, die Ehefrau des Filialleiters, die während des gestrigen Banküberfalls in Heimdal niedergeschlagen worden war, heute Morgen ihren Verletzungen erlag, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.«

Blass vor Schreck starrten sie einander an.

6

Es war offensichtlich, dass ihnen das Frühstück nicht schmeckte.

Frank kaute stumm vor sich hin und versuchte nicht einmal, sich wichtig zu machen. Das Wissen, dass ihr Überfall einer unschuldigen Frau das Leben gekostet, ihren Mann in Schock versetzt und ein kleines Mädchen mutterlos gemacht hatte, war schwer zu ertragen. Frank, der hierfür die Verantwortung trug, vergoss keine Tränen, war aber offensichtlich nahe daran. Hin und wieder verbarg er sein Gesicht in den Händen. Legte seine Brotscheibe auf den Teller und drehte sich eine Zigarette. Seine Hände zitterten, als sie ihm Feuer gaben.

»Scheiße, scheiße, scheiße!«

Lisa, jetzt in Baumwollhose und rot-weiß kariertem Hemd, stand auf und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Es war ihre eigene Schuld!«, sagte sie eindringlich.

»Mmh.«

»Die Frau hätte sich zurückhalten sollen, so wie ihr Mann.«

»Ja.«

»Du wolltest sie doch schließlich nicht ...«

»Natürlich nicht!«

Roger stand am Kamin und beobachtete sie aus der Distanz. Er kam sich wie ein riesiger Eiszapfen vor, obwohl die Birkenscheite loderten. Für ein paar Stunden war es ihm gelungen, alle Widrigkeiten des Lebens zu verdrängen und so etwas wie das vollkommene Glück zu empfinden, im Bewusstsein, dass ihm keiner etwas anhaben konnte und dass sich alles zum Besten ordnen würde. Das Schicksal hatte ihm eine neue Chance gegeben. Die Konfrontation mit der Realität war umso härter, vor allem, weil diese plötzlich mit einschloss, dass sie ein Menschenleben auf dem Gewissen hatten. Alles hatte sich seit gestern verändert. Der Überfall war nicht mehr ein alltägliches Verbrechen, jetzt handelte es sich um vorsätzliche Tötung. Vorsätzlich! Dieses Wort hatte der Nachrichtensprecher benutzt. In solch einer Situation nutzte es nichts mehr, zu behaupten, man habe es nicht gewollt. Wenn man sie schnappte, würden sie für viele Jahre ins Gefängnis wandern. Warum, zum Teufel, hatte Frank auch so viel Kraft in den Schlag legen müssen? Gerade er, der ihnen versichert hatte, dass Gewalt ausgeschlossen wäre. Er, der angeblich so viel aus seinen früheren Fehlern gelernt hatte. Nur deshalb hatte Roger sich zum Mitmachen überreden lassen.

Es war wie auf seinem Geburtstag vor vielen Jahren, als sie ein großes Fest hatten feiern wollen und er den Auftrag seiner Mutter, den Topf mit der dampfenden Kochschokolade im Auge zu behalten, vernachlässigt hatte. Er hatte den klassischen Fehler begangen, dem Herd für einen Moment den Rücken zuzukehren und den verdächtigen Augenblick der Stille nicht wahrzunehmen, der in der letzten Sekunde eintrat, bevor der Kakao überkochte und sich über die Herdplatte ergoss.

Jetzt war es für Reue zu spät. Am Geburtstag hatte es statt Feier und Kakao eine Standpauke und Tränen gegeben, und auch diesmal nutzte es nichts, so zu tun, als könne man die Zeit zurückdrehen und die Entscheidung, an dem Überfall teilzunehmen, rückgängig machen. Er war wie gelähmt, senkte den Kopf und spürte, wie ihm Tränen in die Augen traten. Es war ihm egal, ob die anderen ihn beobachteten. Außerdem schienen die mit sich selbst beschäftigt zu sein.

»Du hast einfach Pech gehabt«, sagte Lisa zu Frank und verbesserte sich: »Wir haben einfach Pech gehabt.«

»Ja.«

»Aber sie wissen nicht, wo wir sind.«

»Nein.«

»Also dürfen wir uns nicht aus dem Konzept bringen lassen. Keep cool. Wir müssen Zusammenhalten. Die Bullen haben doch überhaupt keine Ahnung, wer wir sind.«

Roger schaute erstaunt auf. War Lisa, wenn es darauf ankam, die Kaltblütigste von ihnen allen? Sie hatte gesagt, die Chancen für ein Gelingen stünden bei 90 Prozent. Bedeutete das, dass sie eine Tote in Kauf nahm?

Frank schien einen Teil seines alten Wesens wiedererlangt zu haben: »Das stimmt, verdammt noch mal. Die Bullen haben keinen blassen Schimmer.« In seinen Augen glomm der Anflug eines Triumphs auf. Lisas Worte schienen ihm neues Selbstvertrauen eingeflößt zu haben.

»Ich meine ja nur«, sie fuhr ihm durch sein dunkles Haar, »dass wir überhaupt keinen Grund haben, den Kopf in den Sand zu stecken. Geschehen ist geschehen.«

»Recht hast du.«

»Vielleicht bluffen die Bullen ja bloß. Wollen uns dazu bringen, uns freiwillig zu stellen.«

»Ja, von so was hab ich auch schon gehört«, pflichtete Frank ihr bei.

Roger wandte sich ab. Er fühlte sich nicht in der Lage, an dem Versöhnungsfest teilzunehmen. Sie konnten doch nicht einfach so tun, als wäre nichts geschehen. Auch für sie war der Topf übergekocht, doch anstatt zu jammern, taten sie das Ganze als Kleinigkeit ab. Taten so, als würden sie den Geruch des Angebrannten, der in der Luft hing, nicht bemerken. Wie konnten sie nur?

Er ging in sein Schlafzimmer. Setzte sich auf das Bett und betrachtete die siegessicheren Gesichter des Teams von Rosenborg Trondheim. Unter ihnen befand sich kein einziger Versager, aber sie hatten auch Glück gehabt. Sportjournalisten wussten zu berichten, dass einzelne Talente besonders hart dafür gearbeitet hatten, ihr Ziel zu erreichen. Aber das war doch wohl das Mindeste. Schließlich wurden sie von niemand gezwungen. Fußballer waren ein merkwürdiges Volk. Jeder von ihnen erzählte gerne, welche Widerstände er hatte überwinden müssen, um in die erste Mannschaft zu kommen. Widerstände? Die wussten doch gar nicht, was das bedeutete. Wussten nicht, was für ein Gefühl es war, als Einziger in der Sportstunde nicht über den Bock springen zu können. Deren Mütter und Väter spornten sie doch unentwegt an, unterstützten sie und ebneten ihnen in jeder Hinsicht den Weg. Die konnten sich erlauben, nach dem Spiel über die Stränge zu schlagen, sich mit aalglatten Sponsoren zu besaufen, um bei nächster Gelegenheit weitere Auszeichnungen entgegenzunehmen, Berichte über sich in der Zeitung zu lesen und hochnäsig zu werden, ohne einen Grund dafür zu haben. In der Regel konnten sie sich bei ihrem Trainer für den Erfolg bedanken. Und beim Glück.

Leute wie Roger Dalvang hatten nie einen Trainer und schon gar keine Sponsoren gehabt. Er hatte nicht einmal einen Vater gehabt. Nur eine versoffene Mutter, die in ihren lila Klamotten durch die Gegend schlurfte und ihn bei jeder Gelegenheit anschnauzte. Und Glück hatte er nie kennen gelernt. Über mangelndes musikalisches Talent brauchte er sich hingegen nicht zu beklagen. Er hatte ein Ohr für Töne, Klänge und Harmonien wie nur wenige, doch niemand hatte ihm geholfen, aus seiner Begabung etwas zu machen.

Im nächsten Augenblick schämte er sich für seine Gedanken. Der Vergleich hinkte. Es hatten sich ihm schon hin und wieder Chancen geboten, doch er hatte versäumt, sie beim Schopf zu packen. Du bist einfach ein bisschen zu weich, genau wie ich, hatte Jøran gesagt.

Als er wieder aufstand, wunderte er sich darüber, wie sehr er zitterte. Das Gewehr lag in der Kommodenschublade, aber er rührte es nicht an. Er wankte auf den Gang hinaus und zog seinen Anorak an. Es stand ihm frei, zwischen den Birken durch den Schnee zu stapfen und aufs Geratewohl den Snauberg hinaufzusteigen. Wenn er nur weit genug ging, gab es kein Zurück mehr. Und wenn er erst einmal die Orientierung verloren hatte, konnte er sich auch freiwillig in den Schnee legen und unter dem offenen Himmel, im Angesicht der unerreichbaren Sterne, erfrieren. Es musste ein angenehmes Gefühl sein, wenn die Glieder so steif geworden waren, dass man keinen Schmerz mehr empfand. Als Zehnjähriger war er einmal so wütend auf seine Mutter gewesen, dass er sich im Park in den Schnee gelegt hatte, um von dieser Welt Abschied zu nehmen. Doch nach einer Viertelstunde war das Sterben so langweilig geworden, dass er wieder nach Hause trottete, sich auf sein Zimmer schlich und eine Patience legte. Wenn die Mutter gewusst hätte, wie nah er dem Tod gewesen war! Doch damals war alles anders gewesen, damals hatten die Schläge noch ausgestanden, die ihn später auf die Bretter geschickt hatten, damals war er noch nicht angezählt worden. Es gab natürlich auch weniger eisige Lösungen: Er konnte sich in den Corolla setzen und mit Vollgas und geschlossenen Augen auf eine Bergwand zurasen. Jøran hatte sich für das Gewehr entschieden und gezeigt, wie einfach es war. Doch nicht einmal das war ihm gelungen. Er öffnete die Tür, ließ sich den Wind ins Gesicht wehen und stellte fest, dass es inzwischen hell geworden war. Die Birkenstämme wirkten jungfräulich und nackt.

Eine Hand legte sich unerwartet auf seine Schulter.

»Was hast du vor, Roger?«

Er drehte sich um und begegnete Franks fragendem Blick.

»Pinkeln gehen, Holz holen.«

»Gutes Stichwort. Vielleicht sollte ich endlich mal mit anpacken. Wo liegen die Holzscheite?«

»Unter dem Dach hinterm Klo.«

Im Schutz des Schuppens pinkelten sie gemeinsam.

Frank sagte: »Dumme Geschichte, das mit der Frau.«

»War doch keine Absicht.«

»Nein. Wollte ihr nichts antun. So was geschieht einfach.«

»Kein Wunder, dass dich das ziemlich mitgenommen hat.«

»Ja, ging mir ziemlich dreckig vorhin. Hab vorher noch nie jemand umgebracht. Hätte ja genauso gut dir passieren können.«

»Ist es aber nicht!«, sagte Roger rasch.

»Nein, aber du könntest der Täter sein. In den Jogginganzügen waren wir doch gar nicht voneinander zu unterscheiden.«

»Wie meinst du das?«

»Wenn sie uns schnappen ... dann wäre es möglich, dass wir uns gegenseitig beschuldigen.«

»Warum sollten wir das tun?«

»Dann können sie keinen von uns verurteilen.«

Roger verstummte.

»Ganz ruhig, wir werden ja nicht geschnappt.«

»N...nein.«

»Das gefällt dir nicht, was, Roger? Bin früher bei den Pfadfindern gewesen. Einer für alle, alle für einen war die Parole. So muss das zwischen uns auch sein, sonst funktioniert es nicht.«

»Ich hätte doch niemals ...«

»Aber natürlich hättest du! Wenn du angegriffen worden wärst, hättest du genau dasselbe getan.«

»Sie wollte dich nur daran hindern, die Tür zuzumachen.«

Sie zogen ihre Reißverschlüsse nach oben und schauten sich an. Roger senkte den Blick.

»Enttäusch mich nicht, Junge! Dir ist doch wohl von Anfang an klar gewesen, das wir Zusammenhalten müssen, was auch geschieht. So wie Lisa das tut.«

»Sie ... sie ist deine Freundin.«

»Freundin? Hab noch nie eine Freundin gehabt. Lisa fickt gut. Kannst sie dir gerne ausleihen, wenn du willst. So wie wir auch die Beute geteilt haben. Einer für alle, alle für einen.«

Roger suchte erneut Franks dunkle Augen. Was das Geld anging, hatte er sein Versprechen gehalten. Er hatte von Anfang an gesagt, dass sie die Beute durch drei teilen würden, und so war es auch geschehen.

»Verstehst du?«

»Ja ... aber ich habe die Frau nicht getötet!«

»Okay, okay, aber du hast trotzdem etwas vergessen.«

»Und das wäre?«

»Dass ich dir das Leben gerettet habe.«

»Das habe ich nicht vergessen, Frank.«

»Ist das etwa nichts wert?«

Roger nickte und fühlte sich vollkommen leer. War nicht imstande, Frank zu erklären, dass dessen Worte für ihn einen anderen Sinn hatten, dass er sich beinahe wieder am Nullpunkt befand. Sein Leben war schließlich überhaupt nichts wert. Aber Frank konnte das nicht verstehen, dachte vor allem an sich selbst und daran, was geschehen würde, wenn sie doch festgenommen würden.

Sie trugen beide einen Arm voll Holz in die Hütte und öffneten danach sämtliche Fensterläden. Frank behielt Recht – auf diese Weise wurde es drinnen schon etwas gemütlicher; und da das Auto nun mal vor der Hütte stand, machte es einen merkwürdigen Eindruck, wenn die Läden geschlossen blieben.

Roger nahm wieder das Buch über Salzwasserfische zur Hand, konnte sich jedoch nicht in die behagliche Stimmung zurückversetzen, die er vor dem Hören der Radionachrichten empfunden hatte. Er versuchte, alle düsteren Gedanken zu verdrängen, doch er las, ohne etwas zu verstehen: Der Körperbau des Lumb, einer Schellfischart, erinnert an den Leng; er ist allerdings etwas rundlicher und hat außerdem nur eine zusammenhängende Rückenflosse. Sein Maul weist einen leichten Überbiss und eine Reihe scharfer Zähne auf. Die kleinen Schuppen sitzen tief in der Haut. Die lange Rücken- und Afterflosse ist mit der Schwanzflosse verbunden. Der Lumb kann über einen Meter lang und bis zu 15 Kilo schwer werden.

Wie merkwürdig, dass Lisas Kusine beziehungsweise deren Mann in ihrer Berghütte ein Buch über Salzwasserfische stehen hatten. Noch viel merkwürdiger war es, dass er hier war und sich solche Gedanken machte, während die Polizei vermutlich den Tatort untersuchte und Hinweisen nach dem Verbleib der drei brutalen Bankräuber nachging.

Nein, brutal war noch untertrieben, und Roger befürchtete, dass es bei Frank immer wieder zu unkontrollierten Gewaltausbrüchen kommen konnte. Hätte er uns festnehmen wollen, hätte ich das Gewehr genommen und ihm mitten in die Visage geschossen. Was hatte Frank so hart werden lassen?

Frank stand am Fenster und starrte schweigend hinaus. Das schien Lisa zu irritieren, denn plötzlich fragte sie, ob jemand mit ihr Karten spielen wolle. Als Roger traurig den Kopf schüttelte, ging Frank zu ihm, zog ihn aus dem Sessel, legte ihm den Arm um die Schultern und führte ihn zum Tisch. »Ich glaube, wir brauchen alle ein bisschen Ablenkung. Vor allem du, Roger. Ich sehe dir doch an, dass du mein Missgeschick ziemlich schwer nimmst, schwerer als ich sogar.«

Vielleicht war Frank doch sensibler, als er gedacht hatte. Roger fühlte sich schon besser. Lisa holte drei kleine Gläser, füllte sie mit Wodka und brachte die Flasche weg. Frank gewann die meisten Spiele, ohne sich anzustrengen. Zumindest verbesserte sich dadurch seine Laune.

»Komisch«, sagte er. »Die Situation erinnert mich immer mehr an gemütliche Osterferien. Als würden wir nur hier drin hocken, weil wir auf besseres Wetter warten.«

»Draußen im Schuppen stehen mindestens drei Paar Langlaufskier«, warf Lisa ein.

»Wenn ich passende Schuhe finde, mache ich eine kleine Tour und teste meine Fitness. Die hat in letzter Zeit doch ziemlich zu wünschen übrig gelassen.«

Der sanfte Unterton in Franks Stimme ließ Roger zu ihm aufblicken. Frank kam ihm plötzlich empfindsamer vor; seine dunklen Augen strahlten sogar eine gewisse Wärme aus.

»Was meint ihr, wie lange wir hier bleiben sollten?«, fragte Roger.

»Och, ein paar Tage vielleicht. Was meinst du, Lisa?«

»Schwer zu sagen. Hängt auch von den Bullen ab. Bald kommen die nächsten Nachrichten.«

Sie hörten die Nachrichten zu jeder vollen Stunde. Der Bankraub wurde jedes Mal erwähnt, aber es war offensichtlich, dass die Ermittlungen auf der Stelle traten. Die Polizei ging davon aus, dass zwischen dem gestohlenen Toyota Corolla und dem Überfall auf die Bankfiliale ein Zusammenhang bestand, doch konkrete Hinweise in Bezug auf die Täter lagen anscheinend nicht vor. Gleichzeitig wurde ihnen bewusst, dass dem Fall wegen des Todes von Nina Mogård nun eine ungleich höhere Aufmerksamkeit zuteil wurde und die Polizei weitere Einsatzkräfte hinzugezogen hatte. Selbst die Meldungen über die Hochwasserkatastrophe in Teilen Europas traten in den Hintergrund.

»Wie interessant wir plötzlich geworden sind«, sagte Frank grinsend.

Roger fragte sich, ob ihr Anführer wirklich so unbekümmert war, wie er vorgab. Zumindest schien er die unmittelbaren Folgen seiner Tat, die eine Familie ins Unglück gestürzt hatte, verdrängt zu haben. Während Lisa den Vorfall einfach nicht mehr erwähnte, hatte Roger das Gefühl, in seinem Zwerchfell habe sich ein unförmiger Klumpen gebildet, der ihm das Atmen erschwerte. Dennoch empfand er wieder etwas von der Geborgenheit des Morgens. Das Kartenspiel, das Tageslicht, die ruhigen Beschäftigungen in der Hütte vermittelten auch ihm das Gefühl, sich auf einer Ferienreise zu befinden. Und sonderbarerweise gelang es ihm sogar, die bedrückendsten Gedanken auf Distanz zu halten. Es kam nur darauf an, die Kontrolle über sich nicht zu verlieren, sich bewusst zu machen, dass der Überfall geglückt und er reich war, dass sich ihm jetzt phänomenale Möglichkeiten boten. Es ging ganz einfach um die Fähigkeit, sich mit etwas abzufinden.

Es ließ sich auch nicht leugnen, dass er die Spannung bis zu einem gewissen Grad genossen hatte. Zum ersten Mal in seinem Leben war er an Vorgängen beteiligt, die ihm Bedeutung verliehen. Begann zu begreifen, dass auch er es erhebend fand, in den Radionachrichten eine Rolle zu spielen.

Nach den Dreiuhrnachrichten öffnete Lisa zwei Konservendosen für sie, und während sie aßen und Bier tranken, bemerkten sie, dass der Wind sich gelegt hatte. Er heulte nicht mehr, wenn er um die Hütte herumfegte, und Roger fühlte sich zufriedener denn je. Genau in dem Moment, als Frank sich auf den Bauch klopfte und lautstark rülpste, worauf Lisa ihm einen tadelnden Blick zuwarf, klopfte es an der Tür. Sie starrten einander an.

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