Kitabı oxu: «Osterläuten»

Şrift:

Friederike Schmöe

Osterläuten

Kriminalroman


Zum Buch

Das letzte, was ich tue. Mia freut sich auf Ostern. Besonders das Glockenläuten in der Osternacht liebt sie sehr. Doch ihre Freude wird jäh getrübt: Als Waldarbeiter einen weiblichen Schädel finden und Forensiker das Aussehen der toten Frau rekonstruieren, trifft sie die Erkenntnis wie ein Schlag. Die Tote ist ihre beste Freundin Monika, die vor 11 Jahren spurlos verschwand. Schnell ist klar, dass sie ermordet wurde. Zusammen mit Monikas Mann André will Mia herausfinden, wer einen Grund hatte, sie zu töten. Die Spur führt schnell zu Monikas früherer Clique, zu der auch Mias Eltern gehörten. Aus deren Dunstkreis ist Jahre zuvor bereits einmal ein junges Mädchen verschwunden. Mia vermutet einen Zusammenhang. Doch mit ihren Nachforschungen wirbelt sie Staub auf und als sie feststellt, dass der Mörder all die Jahre unbemerkt ganz in der Nähe lebte, überschlagen sich die Ereignisse. In der Osternacht muss Mia eine folgenschwere Entscheidung treffen …

Geboren und aufgewachsen in Coburg, wurde Friederike Schmöe früh zur Büchernärrin – eine Leidenschaft, der die Universitätsdozentin heute beruflich nachgeht. In ihrer Schreibwerkstatt in der Weltkulturerbestadt Bamberg verfasst sie seit 2000 Kriminalromane und Kurzgeschichten, gibt Kreativitätskurse für Kinder und Erwachsene und veranstaltet Literaturevents, auf denen sie in Begleitung von Musikern aus ihren Werken liest. Ihr literarisches Universum umfasst unter anderem die Krimireihen um die Bamberger Privatdetektivin Katinka Palfy und die Münchner Ghostwriterin Kea Laverde.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © manfredxy / shutterstock.com

ISBN 978-3-8392-6778-3

Zitat

Ostern besagt, dass man die Wahrheit ins Grab legen kann, dass sie aber nicht darin bleibt.

Clarence W. Hull

Prolog

Sie rannte. Ihre Füße hämmerten auf den Asphalt.

Er war nicht so fit wie sie, besaß aber eindeutig die längeren Beine. Sie hielt nach rechts, überquerte den menschenleeren Parkplatz. Nur eine einzige Laterne verstreute ihr gelbliches Licht, das ab und zu flackernd erlosch, um kurz darauf wieder aufzuleuchten. Sie lief in den Wald.

Hatte er ihren Kurswechsel mitbekommen?

Der Waldweg war uneben und matschig, voller Wurzeln. Wenn sie stürzte, wäre das ihr Todesurteil. Er würde nicht zögern, sie umzubringen. So wie er anscheinend nie gezögert hatte, wenn es eng wurde für ihn.

Tatsächlich kannte er sich mit einsamen Stellen in Wäldern aus.

Stockfinster hockte die Nacht über ihr, vor ihr, neben ihr. Sie hörte seinen Atem hinter sich.

»Warte doch!« Seine Stimme, brutal nah.

Alles, nur das nicht. Der Weg machte eine Biegung. Zweige schlugen ihr ins Gesicht. Sie duckte sich. Weiter!

Er besaß mehr Kondition, als sie gedacht hatte. Sie strauchelte. Fing sich. Rannte.

Hinter sich hörte sie einen Schmerzensschrei. Der Wald lichtete sich. Ausgerechnet jetzt gaben die Wolken den Mond frei. Silbern schien er auf die Lichtung, zwei Bänke standen da, eine morsche Holzfigur. Rechts lag der steile Hang, der rettende Weg zurück in die Stadt. Quer über die Wiese, sie lief, stolperte, stürzte, rollte sich ab, stechender Schmerz im Knie, sie kullerte zehn, 20 Meter die Steigung hinunter. Rappelte sich auf. Das Knie!

Er war da. Irgendwo, nahe. Sie konnte seine Anwesenheit spüren. Flog beinahe über die Wiese, bis sie wieder einen Weg erreichte.

Kein Mond mehr, alles still und dunkel. Keine Schritte hinter ihr. Sie keuchte, fiel in einen langsamen Trab. Wo war er? Er würde nicht aufgeben. Nicht jetzt. Wo es um alles für ihn ging. Ihre Lungen schmerzten. Der Weg war steinig, auf dem Kies geriet sie ins Rutschen, rechts gurgelte ein Bach.

Und weit unten, in der Stadt, begann eine Glocke zu läuten.

Eine Hand berührte sie an der Schulter.

»Warte!«

Sie roch seinen säuerlichen Atem, hörte, wie er nach Luft rang. Sein Griff war fest, die Finger krallten sich in ihre Jacke.

»Nein!« Sie riss sich los. Rannte. Das schmerzende Knie gab kurz nach. Sie lief, nicht hier sterben, in der Einsamkeit.

»Jetzt warte doch!« Irgendwie musste er Kraft gesammelt haben, kam wieder näher. Griff nach ihrer Jacke. Sie ließ sie von den Schultern gleiten, nutzte den Moment der Überraschung, als er stehen blieb, verblüfft. Ein Vorsprung, knapp.

»Lass mich!«, schrie sie. Unnötigerweise, sie brauchte all ihren Atem, aber sie schrie um Hilfe, hörte ihre eigene Stimme, dann seine, seine Schritte auf dem Kies, sie rutschte aus, fing sich, rannte.

Sie würde es nicht schaffen. Er hatte zu viel zu verlieren. Er würde nicht lockerlassen. Er hatte Kraft. Mehr als sie. Er würde sie einholen.

Aber ich habe auch was zu verlieren! Mein Leben!

5 Tage vorher – Montag der Karwoche

1.

Es war zu dunkel, um viel zu erkennen. Die Straßenlaterne an der Ecke war immer noch ausgefallen. Irgendwo kläffte ein Hund, und ein Lkw donnerte in der Ferne über den Berliner Ring. Ein Windstoß drückte gegen das Fenster. In der Nachbarschaft mühte sich jemand mit dem widerwilligen Motor eines Motorrades ab. Schließlich gab er auf. Die Nacht, die eben von ein paar harmlosen Sounds aufgescheucht worden war, sackte zurück, legte sich über die Straße.

Rein wettermäßig von Ostern keine Spur.

Die Stille schmerzte. Mia lehnte die Stirn gegen die eiskalte Scheibe. Die Heizung würde sich frühestens um 6 Uhr einschalten. Sie wollte keinen Frühling. Die dunklen Wintertage vermittelten ihr die Geborgenheit, die sie brauchte.

Seufzend schlurfte Mia in die Küche. Das Tablet lag noch auf dem Tisch. Eine Rotweinlache hatte sich daneben ausgebreitet. Sie stellte das Radio an, suchte den Lappen, fand ihn im schmutzigen Abwaschwasser. Rasch wischte sie den Tisch sauber und aktivierte den Browser. Im Radio lief Schumann, die Auslaufrille des Nachtprogramms.

In ihrem Feed waren die neuesten Nachrichten aufgelaufen. Sie hatte alle möglichen Seiten abonniert und scannte in der Regel sämtliche Meldungen gewissenhaft, bevor sie diejenigen auswählte, die sie genauer lesen wollte. Meistens blieb sie bei Neuigkeiten zu Theater, Kinofilmen, Büchern und Ausstellungen hängen. Politik ließ sie nur wohldosiert an sich heran, Regionales mied sie beinahe ganz.

Dies nicht:

Schädelfund bei Tiefenellern.

Mia vergrößerte den Artikel.

Anfang April fanden Waldarbeiter einen skelettierten weiblichen Schädel im Wald bei Tiefenellern. Mittlerweile haben Forensiker mit Hilfe der Weichteilrekon­struktion das Aussehen der Frau am Computer generiert. Gesucht werden nun Zeugen: Wer kennt die Frau, die seit etwa zehn Jahren tot ist und zum Zeitpunkt ihres Todes zwischen 30 und 40 Jahren alt war? Die Gesichtssimulation wurde absichtlich ohne Haare angefertigt, um nicht von den individuellen Zügen der Frau abzulenken. Bitte bedenken Sie, dass das Gesicht auch hagerer oder fülliger sein könnte. Weitere menschliche Knochen wurden nicht gefunden. Sachdienliche Hinweise …

Mia blinzelte. Sie klickte auf das Gesicht. Es sah aus wie eine Bleistiftzeichnung, irgendwie unfertig. Augen, Nase, Mund, Kinn, Halsansatz. Keine Haare.

Sie zoomte den Ausschnitt.

Ihr Herz schlug schneller. Sie rieb sich die Wangen, stand auf, goss Wasser in ein Glas. Trank.

Griff nach dem Handy und tippte Andrés Nummer.

Natürlich ging er nicht ran.

Sie drückte die rote Taste und wählte sofort wieder. Starrte durch das Fenster, in dem sie sich spiegelte, im bläulichen Licht des Tablets.

»Was ist denn!«, meldete er sich endlich.

»André? Ich bin’s, Mia.«

»Bist du verrückt? Weißt du, wann ich gestern ins Bett kam? Nicht gestern. Heute. Vor einer halben Stunde ungefähr.« Seine Stimme klang missmutig und alarmiert, beides zugleich.

»Hör mir zu, André: Ich schicke dir jetzt einen Link auf dein Handy. Versprich mir, dass du den gleich anklickst. Sofort, ja?«

»Ich surfe nie im Internet, und wenn, dann sicher nicht morgens um 5 Uhr.«

Wie zur Bestätigung der unchristlichen Uhrzeit ertönte in Mias Radio der Nachrichtenjingle.

»Bitte. Sieh. Dir. Diesen. Artikel. An.«

Sie legte auf. Griff nach dem Tablet und klickte auf »Teilen«.

Ging zum Fenster. Ein wenig Licht sickerte durch das Schwarz am Himmel.

Immerhin, wir haben April.

Direkt unter ihr startete jemand ein Auto und fuhr davon. Jemand, der zur Arbeit musste. Der eine Aufgabe hatte, mit der er den Tag füllen konnte. Womöglich ein ungeliebter Job, aber zumindest irgendeine Art von Sinn.

Mia stöhnte leise. Die Unentschlossenheit. Die Ängste. Die vielen Reisen, Fluchtwege durch die Welt, teuer bezahlt, und doch landete sie immer wieder bei sich selbst. In ihren eigenen Grenzen, die sich jeden Tag enger um sie schnürten. Unruhig setzte sie sich wieder vor das Tablet. Starrte das haarlose Gesicht an. Speicherte den Link ab.

Seit etwa zehn Jahren tot.

Verdammt. Zehn Jahre.

Zwischen 30 und 40 Jahre alt.

Kommt hin.

Das kommt verflucht noch mal hin.

2.

Sie konnte nicht auf Andrés Rückruf warten. Mia hastete ins Schlafzimmer, wühlte in den Kartons nach einem frischen Shirt, zog sich an. Sie wohnte seit fünf Monaten in dieser winzigen Wohnung im Bamberger Osten. Immer noch steckten ihre Anziehsachen in den Umzugskisten. Pro forma hatte sie im Netz nach einem günstigen Schrank gesucht. Ohne sich je für einen zu entscheiden. Worin sie ihre Klamotten aufbewahrte, war ihr herzlich egal.

Wie das meiste.

Schnell war sie zur Tür draußen.

Die kalte Luft wischte den letzten Rest von Müdigkeit weg, während sie in die Innenstadt radelte. Allmählich erwachte der Tag. Schwarz hoben sich die Doppeltürme der Gangolfskirche gegen den rötlichen Himmel ab. Hinter Andrés Fenstern brannte Licht. Sie drückte auf die Klingel.

»Mia?« Er trug einen Wollpulli mit Reißverschluss, Jeans und Crocs und ein bemüht freundliches Lächeln im Gesicht.

»Ich musste kommen.«

Damit du nicht wieder anfängst mit: du weißt schon, was.

Ihre Stimme zitterte, als sie hinzufügte: »Hast du das Phantombild gesehen?«

»Es ist … grauenvoll.«

Er ging ihr voraus in die Küche. In einem Glas schimmerte eine bernsteinfarbene Flüssigkeit.

»Nein, André! Du machst das nicht.«

»Der Schock. Mein Gott. So ein Schock.« Er griff nach dem Glas.

Sie nahm es ihm weg und trank die zwei Finger breit in einem Zug aus.

Die Verzweiflung. Die Panikattacken. Die Vernehmungen. Der Kampf gegen das eigene Gedächtnis. Die Angriffe der Medien. Der Alkohol. Alles kehrte zurück wie eine Meereswoge, die sie unter sich begrub.

»Ach. Du darfst?« Er stemmte die Hände in die Hüften. Nach Monikas Verschwinden hatte er zuerst abgenommen, aber mittlerweile wieder zugelegt. Mia war froh drum. Sie musste an den Spruch denken, wonach man niemals einem knochigen Koch trauen sollte.

Sie stellte das Glas ab.

»Für dich ist also der Brandy genau das passende Frühstück, wie?« André ließ nicht locker.

Schwindelig vom Alkohol, zog Mia sich einen Stuhl heran. Essensreste standen auf dem Tisch, der Boden war seit Wochen nicht gewischt worden. Resigniert ließ André sich ebenfalls auf einen Stuhl fallen.

»Ich hätte das Restaurant verkaufen sollen, als sie mich darum bat. Unsere Arbeitszeiten waren zu unterschiedlich. Wir haben uns praktisch nicht mehr gesehen.«

»Das Restaurant war dein Leben.«

»Nein. Mein Leben war Monika.«

Er war abgestürzt. Nach Monika. Hatte das Lokal aufgegeben und arbeitete heute in einer Kantine. Was er verdiente, reichte für die winzige Erdgeschosswohnung, in die nie ein Lichtschimmer drang. Er hatte keine Ambitionen mehr, keine Pläne, keine Wünsche. Außer dem einen: durchzuhalten, der Schlaflosigkeit Paroli zu bieten. Von der Straße drangen die Geräusche des allmählich anschwellenden morgendlichen Verkehrs herein.

Mia sah, dass André geweint hatte. Seine Augen waren gerötet, die weichen Gesichtszüge umschattet. Damals hatten sie gegenseitig ihre Krisen kennengelernt. Sich in allem gestützt.

Ich war zu jung. Ich war erst 18.

»Warum ist ihr Kopf in dem Wald? Warum nur der Kopf? Und da oben am Ellerberg, meine Güte. Warum hätte sie dorthin fahren sollen? Oh mein Gott.«

Sie sahen einander an. Seinerzeit hatten sie sich die Köpfe zermartert, versucht, sich an etwas zu erinnern, an einen kleinen Baustein nur, der den Gedankengebäuden, die die Polizei um sie herum errichtete, irgendetwas Sinnhaftes hinzuzufügen hätte. Vergebens. Es gab nichts, an das sie sich zu erinnern vermochten, denn Monika hatte nie etwas erzählt.

»Wo war noch mal dieser Wanderparkplatz?«, fragte Mia, als ihr die Stille zu tief und zu gefährlich wurde.

André stand auf und schlurfte aus der Küche. Sie hörte ihn mit Schranktüren klappern und Schubladen auf- und zuziehen. Schließlich kam er wieder, eine Landkarte in der Hand.

»Räum mal den Kram da weg.«

Mia kannte die Karte. Sie hatten sie gemeinsam mit Markierungen versehen, immer wieder neu, immer wieder aktuell, wobei es nichts zu aktualisieren gab. Alles nur Aktivismus, nur Vermutungen, nur ausgebrütete Geschichten. Wie der Plot für einen Film, der nicht von der Stelle kam. Mia stellte die Essensreste und das Brandyglas weg. »Zeig.«

Er breitete die Karte aus.

»Hier. Der Wanderparkplatz in der Fränkischen Schweiz. Im Aufseßtal. Da hat sie das Auto abgestellt.«

Mia starrte auf den Fingernagel mit dem Trauerrand. »Sie selbst. Oder jemand.«

»Jemand. Richtig. Irgendwer.« Sein Zeigefinger fuhr über die Karte. Wald. Höhenlinien. »Und dort …«

Der Kopf. Dort lag ihr Kopf. Mia spürte Brechreiz. »Das sind 30, 40 Kilometer.«

Sie sahen einander an.

»Was meinst du, wie lange hat er da gelegen?«, fragte André. »Der Schädel, meine ich.«

Sie zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht.« Tränen kullerten aus ihren Augen. Sie wischte sie weg.

»Hast du Hunger?«

»Nach dem Brandy …«

»Macht Appetit. Ich weiß.« Er ging zum Kühlschrank. »Croque Monsieur?«

»Hm.«

Er schaltete den kleinen Grill an und ging zum Kühlschrank. Verquirlte Ei. Tunkte die Brotscheiben hinein. Belegte sie mit Emmentaler und Kochschinken.

»Béchamel?«

»Bitte!«

Er nickte, als habe er Mia ganz richtig eingeschätzt, kleckste Béchamelsoße auf die Sandwiches, deckte sie mit einer weiteren Toastscheibe zu und packte sie in den Grill.

»Kaffee?«

»Schwarz.«

Er mahlte Bohnen. Goss Kaffee auf. Obwohl Mia ahnte, dass er sich allzu oft gehen ließ, achtete er auf hochwertige Zutaten und sorgfältige Zubereitung. Mit Essen hudeln, das hatte er nicht einmal damals getan. Als Monika verschwand. Mit ihrem Auto. Als man das Auto an dem besagten Wanderparkplatz fand. Und keine Spur von ihr. Seit elf Jahren. Als habe es sie nie gegeben.

Und jetzt ein Schädel. Ein Phantombild ohne Haare. Ein wenig zu füllig gezeichnet, Monika war zierlich gewesen.

Keine anderen menschlichen Überreste. Zumindest nicht an dieser Stelle im Wald. Aber irgendwo musste doch der Rest sein.

Der Kaffeeduft belebte Mias Sinne. André stellte ihr eine Tasse hin.

»Danke!« Sie sog tief das Aroma ein. »Deine üblichen Keniabohnen?«

Er nickte. »Also. Wieso ist da der Kopf? Und sonst nichts?«

Rasch trank Mia einen Schluck Kaffee und verbrühte sich die Lippen. »Vielleicht war ein durchgeknallter Schädelsammler am Werk?«

»Wenn einer sammelt, ist der Schädel ja nicht im Wald, sondern bei dem Typen zu Hause.«

Sie drehten sich schon jetzt im Kreis. Monika war weggefahren, am Nachmittag des 11. April 2008, um welche Uhrzeit genau, hatte man nicht feststellen können, und genauso wenig, was ihr Ziel gewesen war. Fest stand nur, dass sie sich zuvor im Büro freigenommen hatte. Nur für diesen einen Nachmittag.

»Sie hatte was vor. Aber was? Keine ihrer Freundinnen hatte die leiseste Ahnung, und den Arbeitskollegen hat sie auch nichts gesagt.«

Sie hatten fantasiert. Mia und André. Vielleicht ein Arzttermin mit einer ungünstigen Diagnose, die sie erschüttert hatte? Doch bei keinem ihrer Ärzte hatte Monika für jenen Nachmittag einen Termin gehabt. Auch keiner der vielen anderen Erklärungsversuche – eine Affäre, eine neue Freundschaft – brachte irgendetwas über Monikas Verbleib ans Licht.

»Ich will den Schädel sehen«, sagte André.

»Mach das nicht.«

»Wieso denn nicht? Sie war meine Frau. Und jetzt kann ich sie endlich für tot erklären lassen. Damit sie ihren Frieden hat.«

Er nahm die Toasts aus dem Grill und servierte sie. Mit einer gelben Papierserviette.

»Stilvoll geht die Welt zugrunde«, murmelte er.

Zugrunde gegangen ist sie schon, dachte Mia. Hat sich aufgelöst in diffuse Schatten, zusammen mit Monika.

3.

Es regnete leicht, als Mia sich aufs Rad schwang und Richtung Berggebiet fuhr. Sie trat kräftig in die Pedale.

Ihre Eltern würden in einer guten halben Stunde zur Praxis aufbrechen, da blieb noch Zeit für ein kurzes Gespräch. Keinesfalls wollte sie ihnen die Neuigkeit am Telefon zumuten. Und vielleicht, hoffte sie irgendwo tief drin, hatten sie und André sich getäuscht. Womöglich war es nicht Monika. Sondern eine Frau, die ihr ähnlich sah. So etwas gab es.

Ihr Handy klingelte, als sie einem Taxi auswich, das knapp vor ihr nach rechts in die Lange Straße einbog. Sie geriet ins Schlingern.

»Idiot!«

Eine Frau, die Monika dermaßen ähnlich sah und genauso wie sie verschwunden war? Wer sollte das sein?

Das Klingeln brach ab, um gleich darauf wieder loszulegen. Mia rollte mit dem Verkehr mit. Er schwoll jeden Tag zwischen 7.30 und 8 Uhr an, lärmte, beschwor Abgaswolken hervor, verquirlte sie mit Hektik und Stress und löste sich dann in nichts auf. Zwar begannen heute die Osterferien, dennoch herrschte das übliche Chaos. Endlich verstummte der Klingelton.

Sie strampelte den Kaulberg hoch. Der Schweiß rann ihr den Rücken hinunter. In der Morgenkälte fühlten sich ihre Hände ganz taub an.

Ich hätte Handschuhe mitnehmen sollen.

Als sie das Rad vor dem Gartentor ihrer Eltern an den Zaun lehnte, klingelte das Handy erneut.

Sie kramte es aus der Tasche. »Hallo?«

»Morgen, mein Name ist Lars. Sie hatten sich für den Schrank interessiert?«

Die Kleinanzeige im Internet! Die hatte sie völlig vergessen.

»Ja, das stimmt.«

»Könnten Sie die Tage vorbeikommen? Es haben sich noch andere gemeldet.«

Alter Trick. Hochdruckverkauf. Aber sie brauchte endlich einen Schrank.

»Wann hätten Sie Zeit?«

»Heute muss ich um halb neun bei einer Haushaltsauflösung sein. Wird länger dauern. Geht es morgen? Am Nachmittag? Ich wohne in der Pödeldorfer Straße.«

»Okay.«

Mia legte auf.

Wie kommt es, dass ich mich um einen Schrank kümmere, wenn ich zugleich …

Sie klingelte. Das angelaufene Messingschild hing hier seit Jahr und Tag. »Wagner«. Schlicht und einfach. Keine Vornamen. Kein »Familie«. Nur »Wagner«. Rasch warf Mia einen Blick auf das Nachbargrundstück. Hier hatten Monika und André gewohnt. Ein Jahr lang. Bis Monika mit dem Auto fortfuhr und nicht wiederkam. Danach hatte André es in dieser Wohnidylle nicht mehr ausgehalten.

Der Türöffner summte. Mia drückte das Tor auf und spazierte zum Haus hoch. Ihre Mutter lehnte in der Tür.

»Hi, Mama.«

»So früh schon unterwegs?«

Klar, ich bin schlaflos. Ich gehöre zu denen, die noch früher auf sein könnten. Wie früh, das kannst du dir gar nicht vorstellen.

»Sieht so aus.«

»Wir frühstücken gerade. Magst du einen Kaffee?« Simone Wagner ging auf die 60 zu, und man sah es ihr an. Das Make-up verbarg kaum die vielen Fältchen rund um die schmalen Lippen. Sie wirkte immer ein wenig gehetzt, als könne sie einfach nicht Schritt halten mit ihrem Leben. Ihr gertenschlanker Körper steckte in einem dunkelblauen Hosenanzug.

»Gern.«

Mia kickte die Boots von den Füßen und folgte ihrer Mutter in die offene Küche.

»Hallo, Papa!«

»Sei mir gegrüßt, Sonnenschein. Was macht die Kunst?«

Mia ersparte sich eine Antwort und setzte sich.

»Hast du auf deine Bewerbungen hin was gehört?«, fragte Simone Wagner.

»Nein, leider nicht.«

Danke, dass du mich mal wieder verunsicherst.

»Habt ihr heute schon ins Internet geguckt?«

»So früh am Morgen?« Carsten Wagner stand auf und küsste seine Tochter auf die Wange. Obwohl ein Jahr älter als seine Frau, wirkte er jugendlicher. Einer, der gern mal ein Glas Wein trank und ein großes Schnitzel vertilgte. Der oft wandern ging und mit ein paar Freunden regelmäßig Volleyball spielte.

Mia zog ihr Handy hervor. »Hier.« Sie klickte im Browser auf »Synchronisieren«. Wenige Sekunden später baute sich das haarlose Gesicht auf.

Carsten Wagner nahm Mia das Telefon ab, fischte seine Lesebrille aus der Hemdtasche. »Ach du lieber Himmel. Kann das wahr sein?«

Mia zuckte die Achseln.

»Simone? Schau dir das mal an!«

Simone Wagner trug gerade eine Kanne Kaffee und eine Tasse für Mia herein. »Bediene dich, Mia. Was ist?«

Beim Blick auf ihren fassungslosen Ehemann nahm sie alarmiert das Handy.

»Sie ist es, oder?«, fragte Carsten Wagner.

»Was soll das bedeuten? Was heißt das? Mia?« Simone ließ das Handy sinken.

»Jemand hat im Wald bei Tiefenellern einen skelettierten menschlichen Schädel gefunden, daraufhin hat die Polizei mit Hilfe einer Weichteilrekonstruktion diese Zeichnung generiert.«

Simone und Carsten sahen einander an.

»Monika«, seufzte Carsten schließlich. »Mein Gott!«

Er goss sich Kaffee ein. »Mia, du auch?«

»Ich war eben bei André.« Mia schob ihm ihre Tasse hin.

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Ich verstehe das nicht. Nur ein Schädel? Und was hat Monika dort im Wald gemacht? Ich dachte, das Auto war irgendwo im Aufseßtal.«

»Entscheidend ist im Moment nur, dass es Monika ist.«

Mia trank ihren Kaffee.

»Entschuldigt. Ich … das muss ich erst mal verdauen.« Simone hastete aus dem Zimmer.

Ich habe mich nicht getäuscht. Es ist Monika.

Monika und André Böhme, langjährige Freunde der Wagners und dann sogar deren Nachbarn. Für ein Jahr, ehe alles zerbrach. Ein Jahr, in dem Mia und Monika zusammenfanden. Monika, die mütterliche Freundin und Ratgeberin. Mia, die Tochter, die Monika sich wünschte. Monika war 16 Jahre älter als Mia, aber in vielerlei Hinsicht tickten sie ähnlich. Sie teilten Interessen, verstanden einander ohne viele Worte.

Mia stand auf, ging zum Fenster. Blickte auf das Nachbarhaus. Auf die Pergola, die mittlerweile komplett umwachsen war. Die Kletterpflanzen hatte André gesetzt.

Ein Jahr nach Monikas Verschwinden war er ausgezogen. Nachdem er seinen Job aufgegeben hatte, war ihm das Haus zu teuer gewesen. Und es erinnerte ihn zu sehr an die gemeinsamen Träume. Die er nie mehr verwirklichen würde.

Im selben Jahr war Mia zum Studium weggezogen.

»Wer wohnt jetzt eigentlich dort?«

»Das Haus hat eine Hallstadter Firma gekauft und stellt es ausländischen Mitarbeitern zur Verfügung«, sagte Carsten. »Bis Neujahr wohnte ein Paar mit zwei kleinen Jungs dort. Die sind inzwischen wieder in Alabama.«

»Es steht leer?«

»Im Moment schon.« Er trat neben seine Tochter.

Sie roch sein Aftershave. Der Zahnarzt. Der sich makellos gekleidet und gepflegt über seine Patienten beugte. Der Mann, der immer einen Weg wusste. Halb erwartete sie, dass er sie auf ihre berufliche Planlosigkeit hinweisen würde. Stattdessen sagte er: »Und jetzt?«

»André wird zur Polizei gehen.«

Ihr Vater drückte sie kurz an sich. Mia schloss die Augen.

Sag mir, dass das alles nicht wahr ist. Oder bring mich weg von hier.

»Wir müssen in die Praxis. Wenn du willst, trink in Ruhe aus. Um 9 Uhr kommt Frau Röder zum Aufräumen.«

»Geht klar.«

»Bis die Tage.«

4.

Jemand hatte den Garten in all den Jahren gepflegt. Die Sträucher zurückgeschnitten, die Beete in Schuss gehalten. Hie und da spitzten Krokusse aus dem Rasen, und der Weißdorn in der Hecke bildete erste grüne Blättchen aus. Der Regen hatte aufgehört, der Himmel riss ein Stück auf. Mia schritt langsam durch den Garten. Unter ihren Boots schmatzte der Boden. Vor der Pergola standen große Terrakottatöpfe, in denen Reste von Tomatenpflanzen kompostierten.

Sie war nie wieder hier gewesen, seit André ausgezogen war. Das Studium hatte sie abgelenkt, Bamberg lag seinerzeit in weiter Ferne. Dann war sie zurückgekehrt. Wahrscheinlich, weil jeder irgendwann zurückkehrte und die Konfrontation mit irgendetwas suchte. Und wenn es nur die Konfrontation mit der Wirklichkeit war, dass sie keinen Job fand mit ihrem Abschluss. Jedenfalls nicht so schnell und nicht so leicht, wie sie es sich erhofft hatte.

Damals, zu Ostern, hatte Monika die Sträucher mit selbst bemalten Ostereiern geschmückt. Einen Strauch mit gelben, einen mit blauen. Sie hatte Spaß daran gehabt. Eine Macherin, die andere an ihrer Kreativität gern teilhaben ließ.

Mia blieb stehen. Die Fenster sahen sauber aus, als hätte jemand sie gerade erst geputzt. Bestimmt würde das Haus nicht allzu lange leerstehen. Nicht in der Lage. Sie trat in die Pergola. Stühle und Tisch duckten sich unter einer Plastikfolie. Bald würde man wieder draußen sitzen können. Wie damals, in jenem Sommer, als Mia und Monika beratschlagt hatten. Was soll ich studieren?, war Mias drängendste Frage gewesen. Sie hatte so viele Interessen. Jede Entscheidung für ein Studienfach bedeutete eine Entscheidung gegen ein anderes.

Eine Hummel surrte durch die Luft.

So früh im Jahr?

»Aber es ist doch bald Ostern«, hörte Mia eine Stimme.

Sie fuhr herum. Da war niemand. Das Haus lag leer und still. Kein Lebenszeichen.

Mias Herz hämmerte. Es tat ihr nicht gut, hier zu sein. Monika war tot. Das bewies der Schädel. Sie und André hatten eine Aufgabe vor sich: herauszufinden, was mit Monika geschehen war.

Jemand hatte sie umgebracht. Suizid kam einfach nicht infrage. Monika Böhme war ein lebensbejahender, offener, praktischer Mensch gewesen. Sie und André hatten Träume und Pläne: Dieses Haus, anschließend eine Familie, möglichst zwei Kinder, ein Hund. Das hatte Monika oft gesagt und dabei herzlich gelacht. Weil der Hund unbedingt zu dem Bild einer perfekten Familie dazugehörte. Genauso wie das Haus mit Garten.

Auch im Job gab es keine Probleme. Als Monika verschwand, hatte sie längst eine Festanstellung in einem großen Architekturbüro. Eine kluge, ehrgeizige Frau, die ihr Job mit Freude erfüllte.

Nein. Sie hatte sich nicht umgebracht. Sie war getötet worden, und der Mörder lief seit elf Jahren da draußen in der Welt herum, ohne je belangt worden zu sein. Ein Mensch, den niemand als Täter in Betracht gezogen hatte. Und Monika Böhme bestand nur noch aus einer Datenspur in der Vermisstenkartei der Polizei.

Ich muss herausfinden, was passiert ist. Wenigstens das.

Die Wolken zogen sich weiter zurück, Sonnenstrahlen brachten den nassen Garten zum Glitzern. In Kürze würden Büsche und Bäume üppig blühen. Mia schluckte die Tränen hinunter. Sie drückte die Nase gegen die Fensterscheibe. Im Wohnzimmer, von Monika und André so liebevoll eingerichtet, standen nun schlichte Möbel, frisch aus dem IKEA-Katalog: Tisch und Stühle, ein Sofa, eine Schrankwand. Wahrscheinlich vermietete besagte Firma das Haus möbliert.

Ich muss Monikas Mörder finden.

Mia hatte das Gefühl, der Satz sei tief aus ihrem Inneren hervorgekrochen. Ein unumstößlicher Entschluss. Eine Entscheidung, an der sie sich festhalten konnte.

Tief durchatmend wandte sie sich vom Haus ab und ging langsam zum Grundstück ihrer Eltern zurück.

Die Meldung im Internet – die würden nicht nur sie und André gesehen haben.

Sondern sehr wahrscheinlich auch der Mörder.

5.

»Merkst du was? Das ist eine Behörde«, flüsterte André Mia zu. »Trostlos wie damals.«

Sie hockten auf grünen Stühlen. In einem Gang mit grauen Türen.

Mia zuckte mit den Achseln. »Die kennen uns hier nicht mehr.«

Sie waren Stammgäste in der Polizeidirektion gewesen. Über Monate. Damals. 2008. Mit einem Mal kam es Mia so vor, als sei sie wieder in diese Phase des Suchens und Niemals-Findens zurückkatapultiert worden.

»Es ist, als wären wir gestern erst hier gewesen«, murmelte sie.

Wie aus dem Nichts materialisierte sich eine junge, durchtrainierte Frau vor ihnen. Cargohosen, Pullover. Hochgestecktes braunes Haar.

»Hauptkommissarin Hanne Schuster. Ich leite die Vermisstenabteilung.«

Damals war es ein Mann gewesen. Ein runder, gemütlicher Herr Ende 50 mit Glatze. Der genoss vermutlich mittlerweile seine Pension.

André erhob sich.

»André Böhme. Und das ist Mia Wagner. Eine Freundin unserer Familie.«

Mia schüttelte Frau Schusters Hand. Sie bewunderte, wie André so sachlich reden konnte. In dieser Situation. Wo sie gleich offiziell aussagen würden, dass die Internetzeichnung Monika abbildete.

»Kommen Sie bitte mit. Darf ich Ihnen Kaffee anbieten?«

Sie bejahten beide. Nahmen Platz in einem Büro, durch dessen Fenster sich ein wenig Sonne bemühte. Auf dem Sims standen Töpfe mit Kräutern, dazwischen ein Osternest mit bunten Eiern.

»Ich habe die Kräuter nur wegen ihres Duftes«, erklärte die Kommissarin. »Zum Kochen komme ich selten. Also: Sie sind hier wegen unseres Aufrufs.«

»Mia hat mich heute Morgen angerufen, weil …« André schluckte.

»Sie haben Monika Böhme erkannt?« Hanne Schuster warf einen Blick auf einen Stapel Unterlagen auf ihrem Schreibtisch. Es hörte sich an, als lobte sie ihre Besucher wegen der korrekten Antwort auf eine Quizfrage.

»Genau.« André räusperte sich. Er war blass im Gesicht.

Die Tür ging auf, ein Mann brachte drei Tassen und eine Kanne, Milchtüte und Zuckerdose.

»Danke.« Hanne Schuster nickte ihm zu. »Bedienen Sie sich bitte.«

Sie bemühte sich um eine freundliche, empathische Atmosphäre. Deshalb der Kaffee, und Koriander und Rosmarin auf der Fensterbank. Für all die Leute, die ihr Leben lang auf der Suche sein würden. Nach dem Menschen, der ihnen am meisten bedeutet hatte. Mia roch den Duft des Kaffees. Nicht so gut wie bei André, aber akzeptabel.

Die Kommissarin reichte ihnen ein Blatt. Die Zeichnung. Ausgedruckt. Gestochen scharf.

»Wir hatten anfangs absichtlich keine Haare hinzugefügt. Nach Ihrem Anruf hat ein Mitarbeiter ein Foto von Monika Böhme unterlegt und eine konkretere Zeichnung angefertigt.«

Sie hielt ihnen ein weiteres Papier hin.

Mia nahm es. Eine Zeichnung von Monika. Schmaler. Mit den kurzen krausen Locken. Sogar den Ohrringen. Verblüffend.

»Charakteristisch an einem menschlichen Gesicht ist vor allem das Verhältnis zwischen Augen- und Nasenpartie. Außerdem natürlich die Länge und Breite.«

»Meine Frau war sehr zierlich. Die erste Zeichnung im Netz«, sagte André mit neuerlichem Räuspern, »wirkte etwas zu rund.« Seine Stimme brach. »Verzeihung«, brachte er hervor.

Hanne Schuster goss Kaffee ein. André starrte auf seine Tasse. Seine Hände zitterten. Er verkrampfte sie auf seinem Schoß.

»Mir ist bewusst, dass Ihnen diese Situation viel abverlangt«, sagte die Kommissarin. »Gibt es etwas, was ich zunächst für Sie tun kann?«

Mia berührte behutsam Andrés Arm. »Wir fragen uns«, sagte sie, »warum nur der Schädel gefunden wurde.«

»Da stehen wir bisher vor einem Rätsel.« Sie blätterte in den Akten. »Vom Zustand des Schädels her zu schließen, wurde er mit einem scharfen Messer oder einer Axt vom Rumpf getrennt. Es ist allerdings nicht mehr zu erkennen, ob dies vor oder nach ihrem Tod erfolgte. Sie hatten also recht, als sie damals Suizid kategorisch ausschlossen.«

»Ja«, sagte André. Seine Hautfarbe wurde eine Spur fahler.

»Sie sagten auch, Ihre Frau wäre niemals allein im Wald wandern gegangen.«

»Nein. Sie war ein Stadtmensch.« André schluckte hart. »Hat jemand ihr im Wald aufgelauert? Um ihr den Kopf abzutrennen? Glauben Sie das? Wer würde so etwas tun?«

»Der Fundort muss nicht der Tatort sein. Zunächst werden wir einen DNA-Abgleich machen, um den eindeutigen Beweis zu erbringen, dass es sich wirklich um den Schädel Ihrer Frau handelt, Herr Böhme. Vergleichsmaterial haben wir, das stellt kein Problem dar.«

»Wann wissen Sie Bescheid?«

»In wenigen Tagen, noch vor dem Osterwochenende.«

»Und dann? Was geschieht dann?« Endlich griff André nach der Kaffeetasse. Verschüttete ein klein wenig. Trank.

Mia beobachtete ihn aus dem Augenwinkel. Als er die Tasse abstellte, merkte sie, dass sie die Luft angehalten hatte.

Hanne Schuster faltete die Hände. »Dann übernimmt die Mordkommission. Die Kollegen werden zunächst versuchen, einen Bezug zum Fundort herzustellen.«

»Ich möchte die Stelle sehen.« André sah die Kommissarin fest an.

»Das lässt sich einrichten. Ich bringe Sie hin.«

»Was für ein Bezug sollte das sein?«, fragte Mia.

»Wie gesagt, der Fundort muss nicht der Tatort sein. Daher gilt es zu klären, wie der Schädel in dieses Waldstück kam. Wurde sie in der Nähe umgebracht? Oder an einem völlig anderen Ort, und der Mörder hat den Leichnam im Wald abgelegt? Dies sind Fragen, die wir hoffentlich klären werden.«

»Und wo sind die anderen Überreste?« André klang wütend.

Hanne Schuster ließ sich davon nicht aus der Fassung bringen.

»Wir wissen nicht, wo Ihre Frau umgebracht wurde. Ob es überhaupt in dem Waldstück war. Wir sind dabei, das Gebiet, in dem wir den Schädel gefunden haben, weiträumig und gründlich abzusuchen. Allerdings verschleppen Tiere Knochen oft über viele Kilometer.«

Mias Magen rebellierte. Ihr wurde bewusst, dass sie außer Kaffee heute noch nichts in den Magen bekommen hatte. Es war schon nach 2 Uhr.

»Tiere?«, krächzte sie.

»Das wäre die wahrscheinlichste Erklärung. Wenn der Leichnam im Wald liegt, wird er zur Beute der Natur, so grauenvoll der Gedanke uns auch vorkommt.«

Wolken schoben sich vor die Sonne, im Büro wurde es unversehens dunkel. Hanne Schuster knipste die Schreibtischlampe an. Eine Weile sagte niemand etwas.

»Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«

Mia starrte auf die Kaffeekanne.

»Ich glaube nicht«, antwortete André. »Vielen Dank.«

»Wenn es Ihnen passt, würde ich Sie morgen Vormittag zum Fundort begleiten. Kann ich Sie in Ihrer Wohnung in der …«, sie blätterte in den Dokumenten, »Königsstraße abholen?«

»Sicher.« André stand auf. »Wiedersehen.«

Mia folgte ihm.

An der Tür sah sie sich um. Hanne Schusters linke Gesichtshälfte lag im Schatten. Die andere Seite wurde von der Schreibtischlampe beleuchtet. Sie notierte etwas.

»Ihr Vorgänger, der den Fall damals bearbeitete …«, begann sie.

»Pius Geuter?«

»Ja. Er ist nicht mehr im Dienst?«

»Er ist fast 70. Nein, nicht mehr im Dienst.« Die Kommissarin lächelte. Im scharfen Licht der Lampe und nur halb zu sehen, wirkte ihr Gesicht düster und streng.

Dienstag der Karwoche

6.

Der Hang war steil. Mia begann zu schwitzen. Der Tag hatte verregnet begonnen, doch nun schien seit einer Stunde die Sonne und brachte die feuchten Äste und Zweige zum Glitzern. Es roch nach vermoderndem Laub. Hinter ihr keuchte André. Er war nie sehr sportlich gewesen, eher die typische Couchkartoffel. Vor Mia bahnten sich die langen Beine eines Polizisten den Weg, der sich als Chef der Mordkommission Harald Eyrich vorgestellt hatte. Ein groß gewachsener, drahtiger Mann mit kurzen blonden Haaren, aber auffallend langen Koteletten. Ganz am Ende ging Hanne Schuster. Auf der Fahrt durch das Ellertal hatte Mia die meiste Zeit geschwiegen und mit verhangenem Blick aus dem Beifahrerfenster geblickt.

»Hier wurden Fichten gefällt, die durch die Trockenheit der letzten beiden Sommer abgestorben sind.« Eyrich blieb stehen und deutete in den Wald hinein, wo vereinzelt Baumstümpfe zu sehen waren. ».Dabei haben die Waldarbeiter den Schädel gefunden.«

Weder Mia noch André hatten zu fragen gewagt, es war auch so klar genug: Eyrichs Anwesenheit in diesem Wald bedeutete, dass Monika Böhmes Fall von der Vermisstenabteilung zur Mordkommission gewechselt hatte. Jemand hatte Monika ermordet. Mia biss sich auf die Lippen. Jetzt war es amtlich.

In diesem Wald? Was hatte Monika hier gesucht? Sie war ganz bestimmt kein Mensch gewesen, der freiwillig mit Rucksack und Wanderschuhen durch das Gestrüpp gestreift wäre. Monika war der Typ, der es sich im Café gemütlich machte, um Zeitung zu lesen oder einfach Löcher in die Luft zu gucken.

»Dass es keine anderen menschlichen Überreste in dem Gebiet gibt, muss zunächst einmal nichts heißen. Ihre Frau«, Eyrich sah André offen an, »starb vor elf Jahren. Tierverbiss ist bereits in einem kürzeren Zeitraum ein Thema.«

Obwohl ihr Eyrichs Direktheit einen Schauder über den Rücken jagte, war Mia dankbar, dass er nicht groß um das Furchtbare herumredete.

»Ist es noch weit?«, ächzte André.

»Nur ein paar Minuten.« Eyrich marschierte weiter.

Der dicht bewaldete Hang links fiel steil ab. Felsbrocken lagen im Laub, Totholz hatte sich daran verkeilt. Ein Eichhörnchen flitzte vorbei, Mia verlor es rasch aus den Augen. An manchen Stellen wagten sich Schneeglöckchen und Märzveilchen ans Tageslicht. Rechts neben dem Fußweg erkannte Mia die Spuren eines schweren Fahrzeugs. Wahrscheinlich der Traktor der Waldarbeiter. Regenwasser hatte sich in den Furchen gesammelt. Mia zog die Jacke aus und lockerte ihren Schal. Wartete auf André, der zurückgefallen war. Er warf ihr einen dankbaren Blick zu.

»Bist du okay?«, fragte sie halblaut.

Er zuckte die Achseln.

»Und du?«

»Geht schon.«

Sie stapften weiter. Wenig später sah Mia das rot-weiße Absperrband.

»Das Gebiet ist gestern weiträumig abgesucht worden«, erläuterte Eyrich, während er das Band anhob und die anderen hindurchschlüpfen ließ. »Außer dem Schädel gab es keine brauchbaren Spuren.«

»Ist sie hier umgebracht worden?« Außer Atem sah André sich um. Sie hatten eine Art Plateau erreicht, der Hang zur Linken fiel nun fast senkrecht ab. Ein paar Sträucher krallten sich daran fest.

»Um das mit Sicherheit sagen zu können, ist zu viel Zeit vergangen.« Eyrich streckte den Arm aus. »Bitte, nur noch ein paar Schritte.«

Eine Markierung steckte im Boden.

»Hier lag der Schädel.«

Mia biss sich auf die Lippen. Es klang so normal. Da liegt ein Schädel. Na gut, kann passieren. Doch statt schockiert und traurig fühlte sie sich einfach nur wütend.

»Wenn wir nur wüssten, was genau passiert ist«, flüsterte sie.

»Das wird Gegenstand der Ermittlungen sein«, erwiderte Hanne Schuster. Ihre Stimme klang weich und rauchig. »Wir tun unser Möglichstes.«

»Elf Jahre … mein Gott, Monika!« André verbarg sein Gesicht in den Händen.

Mia machte einen Schritt auf ihn zu.

»Ich bin da«, sagte sie leise.

Er mochte es nicht, berührt zu werden, wenn er ex­trem aufgewühlt war. Aber der Klang ihrer Stimme drang zu ihm durch.

»Danke«, wisperte er.

7.

»André braucht noch ein bisschen Zeit.« Mia rutschte unruhig auf dem Stuhl vor Kommissar Eyrichs Schreibtisch herum. Dort stand der gleiche Teller mit Ostereiern wie auf Hanne Schusters Fensterbank. Allerdings gab es hier keine Kräuter.

»Das ist mehr als verständlich. Wenn Sie nichts dagegen haben, stelle ich Ihnen ein paar Fragen zum Tag von Monika Böhmes Verschwinden.«

Also begann es von vorn. Mia unterdrückte ein Stöhnen. Die Polizei hatte alles in den Akten, was ihr Gedächtnis damals hergegeben hatte. Mehr war da nicht.

»Ich bin mir bewusst, dass elf Jahre eine lange Zeit sind«, fuhr Eyrich fort.

Mia meinte, so etwas wie Mitgefühl in seinen Augen zu sehen.

»Allerdings spielt die Zeit einem Ermittler manchmal in die Hände. Menschen sehen Dinge anders, gewichten sie differenzierter als zu dem Zeitpunkt, an dem das Verbrechen geschah.«

»Ich mache mir Sorgen!«, platzte Mia heraus. »Wurde sie am Tag ihres Verschwindens umgebracht? Oder hat jemand sie über längere Zeit festgehalten? Solche Sachen gibt es doch, oder?«

»Der pathologische Befund sagt uns, dass sie bereits seit mehr als zehn Jahren tot sein muss. Natürlich kann man nichts ausschließen. Bisher allerdings gibt es keine Anhaltspunkte, dass jemand sie gefangen gehalten hat. Wir müssen ganz von vorn anfangen.« Eyrich legte die Hand auf einen Stapel Papiere. »Ich will ehrlich mit Ihnen sein. Ein Durchbruch wäre am wahrschein­lichsten, wenn wir einen neuen Zeugen oder neue Beweise gegen eine bestimmte Person auftreiben könnten.«

»Aber niemand stand damals wirklich unter Verdacht!«

»Sie waren 18 und wohnten mit Ihren Eltern in unmittelbarer Nachbarschaft der Böhmes?« Eyrich schlug eine Akte auf.

»Ja. Ich stand kurz vor dem Abitur.«

»Ihre Eltern, Simone und Carsten Wagner, waren mit den Böhmes befreundet?«

»Schon lange. Schon bevor Monika und André ins Nachbarhaus zogen.«

Eyrich machte sich einen Vermerk.

»Welchen Eindruck hatten Sie damals von der Ehe der Böhmes?«

Mia strich sich das Haar aus der Stirn. Du liebe Zeit, jetzt ging das wieder los. Die Ermittlungen hatten sich festgefahren. André hatte als Hauptverdächtiger gegolten, allerdings war diese Spur bald fallen gelassen worden. Tatsächlich schien nichts absurder als der Gedanke, dass André seine Frau umgebracht haben könnte.

»Sie waren ein Herz und eine Seele.«

»André Böhme gab seinerzeit zu Protokoll, dass er seine Frau selten sah. Aus beruflichen Gründen.«

»Er hatte ein Restaurant übernommen und arbeitete bis in den späten Abend, und Monika als Architektin hatte tagsüber zu tun und musste früh raus.«

»Das muss frustrierend gewesen sein.«

Mia dachte an Andrés Gewissensbisse. Die heute so harsch schienen wie damals: »Ich hatte keine Zeit mehr für Monika. Wir haben uns praktisch nicht mehr gesehen.«

»Monika war eine Zeit lang arbeitslos und jobbte nur freiberuflich. Sie suchte dringend eine Festanstellung und war froh, als sie die endlich hatte. Sie hätte diesen Beruf nicht freiwillig aufgegeben.«

»Und Herr Böhme?«

»Er liebte das Restaurant. Es war sein Traum.«

»Nach dem Verschwinden seiner Frau hat er es verkauft.«

Mia zuckte die Achseln. »Er war völlig fertig und konnte nicht mehr so viel schuften.«

Eyrich nickte.

»Sie scheinen gut befreundet mit Herrn Böhme.«

»Ich war mit Monika befreundet. Wir haben uns gut verstanden, und sie hat mir viel geholfen. Als ich mich für ein Studium interessierte und nicht wusste, ob es das Richtige für mich ist, haben wir stundenlang diskutiert. Über Gott und die Welt.«

»Was haben Sie denn studiert?« Eyrich betrachtete sie ehrlich interessiert. Seine blauen Augen schienen Mia ausgerechnet jetzt zum ersten Mal richtig anzusehen.

»Kunstgeschichte und Ethnologie.«

Die brotlosen Fächer, die nur echte Idealisten anstreben.

»In Bamberg ist Kunstgeschichte ja beinahe ein Muss. Bei der Historie!« Er lächelte. Zum ersten Mal. Wahrscheinlich hatte er in der Mordkommission nicht viel zu lächeln.

»Das liegt nahe. Im Moment habe ich allerdings keinen Job. Ich habe darüber nachgedacht, eine Lehre als Restauratorin anzuhängen. Für die praktische Seite.«

Und weil ich sonst nichts zu tun habe.

»Was hält Sie davon ab?«

»Nichts«, entgegnete Mia kurz angebunden. »Ich bin gerade dabei, alles zu organisieren.« Ihre persönliche Misere ging den Kommissar nichts an.

»Herr Böhme war am Tag, als seine Frau verschwand, vormittags mit seinem Beikoch auf dem Großmarkt und danach im Restaurant.«

Ich weiß, dachte Mia. Das perfekte Alibi. Als hätte André Monika jemals Schaden zufügen können. Er hat sie auf Händen getragen.

»Aus dem Protokoll geht hervor, dass er, nachdem er nach Hause kam und seine Frau nicht vorfand, bei Ihren Eltern klingelte. Obwohl es sehr spät war.«

»Ja. Ich schlief schon. Es war nach Mitternacht.« Mia fror plötzlich.

»Ihre Eltern haben eine Zahnarztpraxis.«

»Genau.«

Muss ich wirklich jedes Detail bestätigen?

»Sie wurden wach, als Herr Böhme kam, nicht wahr?«

Mia schwieg.

»Bitte schildern Sie mir, woran Sie sich entsinnen.«

Als könnte jemand so einen Moment vergessen. Andrés Stimme, die sie aus dem Schlaf gerissen hatte. »Monika ist weg!« Seine Verzweiflung, die rasch in lautes Weinen überging. Er war völlig aus dem Häuschen.

Die Erinnerung an jene Nacht erwischte Mia kalt. Sie hoffte, ihre Stimme würde nicht zittern, als sie sagte:

»André stand total unter Schock. Kam heim, Monika war nicht da. Er dachte, sie würde schlafen, deswegen war er ganz leise reingegangen und hatte erwartet, sie im Schlafzimmer zu finden. Das war leer, das Bett gemacht, nirgends auch nur eine Spur von ihr.«

»Fiel ihm nicht auf, dass ihr Auto nicht da war?«

»Die Böhmes wollten damals ein Carport bauen. Monika hatte es geplant. Die entsprechende Stelle war schon betoniert. Solange sie ihre Autos nicht auf das Grundstück fahren konnten, parkten sie an der Straße. Das klappte nicht immer vor der Haustür, weil eben viele Anwohner ihre Autos am Gehsteig abstellen.«

Ich klinge wie auswendig gelernt.

»Fahren Sie fort.«

»André war aufgeregt, sprach laut, weinte. Davon wachte ich auf. Als ich hörte, worüber er und meine Eltern sprachen, rannte ich runter zu ihnen. André packte mich an den Schultern und fragte mich, ob ich wüsste, wo Monika wäre. Ich hatte keine Ahnung.«

»Ich nehme an, Sie haben sich mittlerweile oft gefragt, ob Frau Böhme Ihnen nicht doch einen Anhaltspunkt gegeben hat, was sie an jenem Tag vorhatte?«

»Ich habe mich Millionen Mal genau das gefragt. Ich weiß es nicht.« Mia starrte auf ihre Hände, die verkrampft auf ihrem Schoß lagen. Ihr Handy klingelte. Sie ignorierte es.

»Gehen Sie ruhig ran.«

Genervt kramte Mia es aus der Jackentasche.

»Hallo?«

»Lars hier. Du wolltest doch den Schrank anschauen?«

Dieser beknackte Schrank.

»Es ist was dazwischengekommen. Können wir das auf später verschieben?«

»Ich habe dir ja gesagt, es interessieren sich mehrere Leute dafür.«

Ein Kleiderschrank für 30 Euro, kaum gebraucht. Ihre Sachen lagerten seit Monaten in Kartons. Sie hatte kein Einkommen. Zumindest keines, das man so nennen könnte.

»Hör mal, ich habe gerade einen wichtigen Termin. Ich schaue später vorbei, in Ordnung?«

»Wie du willst, aber wenn das Teil dann weg ist …«

Mia legte auf.

Eyrich betrachtete sie nachdenklich.

»Ich habe auf eine Kleinanzeige geantwortet. Es geht um einen Schrank.« Sie steckte das Smartphone weg.

»Was geschah noch an jenem Abend?«

»Wir gingen mit André zu ihm rüber. Dabei fiel uns auf, dass Monikas Handy auf dem Nachttisch lag. Ausgeschaltet. Vielleicht war auch der Akku leer.«

Eyrich starrte in seine Unterlagen.

»War das ungewöhnlich? Dass sie ihr Handy zu Hause ließ, wenn sie wegfuhr?«

»Eventuell brach sie kurz entschlossen oder in Eile auf. Es stellte sich raus, dass sie sich den Nachmittag spontan freigenommen hatte.«

Eyrich nickte. »Könnte sein.«

»Sie war ein bisschen schusselig. Verlegte öfter ihren Schlüssel. Verwechselte Termine. Manchmal trug sie zwei verschiedene Socken. Rot und rosa. Oder so.«

»Ein sympathischer Zug.«

Sie sehen mir nicht so aus, als wenn Ihnen das passieren würde, dachte Mia. Der Mann war akkurat gekleidet. Edeljeans, Hemd, Pullunder. Nur an seinen Budapestern klebte noch Laub vom Wald.

»Nehmen Sie es mir nicht übel«, fuhr er fort. »Monika Böhme war zum Zeitpunkt ihres Verschwindens 34 Jahre alt. Sie waren 18. Eine ungewöhnliche Konstellation für eine so enge Freundschaft.«

»Warum?« Mia fragte nur pro forma. Auf dem Altersunterschied war die Polizei damals schon herumgeritten.

Eyrich hob die rechte Hand, als wollte er sich entschuldigen. »Nun, junge Menschen treffen sich doch eher mit Leuten ihrer Altersgruppe.«

»Das heißt ja nicht, dass ich keine anderen Freunde in meinem Alter hatte. Aber ich mochte Monika sehr, und wir haben uns einfach gut verstanden. Ich konnte ihr alle meine Sorgen erzählen. Zum Beispiel, dass ich mit Mathe auf Kriegsfuß stand. Monika hat mir oft geholfen, sie war ein Mathe-Crack.«

Womöglich schluckte der Kommissar eine praktische Erklärung besser als das, was Mia damals so glücklich gemacht hatte: eine Freundin zu finden, der sie durch und durch vertraute und die nicht so oberflächlich war wie die Mädchen in Mias Schule, sondern eine Frau mit Reife und Tiefgang, die aber nicht die Härte und Autorität ihrer Mutter ausstrahlte.

Ich muss ihren Mörder finden. Es gibt nichts, was ich sonst für sie tun kann.

»Bevor die Böhmes in Ihre Nachbarschaft zogen, kannten Sie die Eheleute bereits?«

Das hatte er vorhin schon gefragt.

»Ja, meine Eltern und die Böhmes waren befreundet.«

»Aber Ihre enge Beziehung zu Monika begann erst, als die Böhmes nebenan wohnten?«

»Das stimmt«, antwortete Mia.

8.

»André, ich muss noch wegen eines Kleiderschranks aus zweiter Hand in die Pödeldorfer Straße«, sagte Mia.

André hockte auf dem Gang, die Schultern hochgezogen, den Blick auf den Boden gerichtet.

»Schon gut, warte nicht auf mich. Das dauert sicher wieder ewig. Kennt man ja schon. Die werden mich in die Mangel nehmen. Mord. Da ist doch der Ehemann sofort unter Verdacht, stimmt’s?«

Mia blickte zu Kommissar Eyrich, der in der Tür zu seinem Büro lehnte und wartete, dass er mit Andrés Vernehmung loslegen konnte.

»Wir telefonieren, in Ordnung?«

»Klar.«

Sie ging den Gang hinunter. Fühlte sich wie in einem Albtraum, aus dem sie in Kürze aufwachen musste. Wie in den Nächten, in denen sie spürte: Ich träume doch, verdammt. Jetzt allerdings fehlte die Erleichterung, die sie sonst empfand, wenn sie aus dem Schlaf hochfuhr und feststellte: alles nur ein Traum.

Eyrich würde André grillen. Er würde umsichtig vorgehen, höflich, immerhin hatte André sich auf das Phantombild hin selbst bei der Polizei gemeldet. Doch schließlich würde er immer mehr Druck machen, denn André war nun einmal der Ehemann, und ein Großteil der Tötungsdelikte waren Beziehungstaten. Eyrich würde nach Details suchen, in denen man sich verheddern könnte, die dunklen Ecken der Erinnerung abtasten. Absurd nur, sich einzubilden, André könnte irgendjemandem den Kopf abhacken. Noch dazu seiner Frau!

Mia spürte Brechreiz in sich hochkommen. Welcher Mensch war überhaupt dazu imstande?

Sie musste das alles ausblenden, wenigstens für kurze Zeit. Irgendetwas Normales tun, und nicht an den Wald denken, an das Flatterband und an den Schädel. Der Schrank kam ihr da gerade recht.

Entschlossen stieg Mia auf ihr Rad und trat in die Pedale. Fünf Minuten später hielt sie vor der angegebenen Adresse in der Pödeldorfer Straße, einem mehrstöckigen Wohnhaus. Sie läutete bei »Obenhaus«. Tief drin im Haus hörte sie die Glocke schellen. Endlich riss jemand die Tür auf.

»Sorry, der Türöffner ist kaputt. Bist du Mia?«

»Die bin ich.«

»Lars. Du bist spät dran.«

Der Typ trug Cargohosen, ein ausgeleiertes Shirt und hielt seine blonden Locken mit einem bunten Stirnband zurück. Er mochte um die 30 sein, Typ Naturbursche.

Mein Gott, es geht um einen Schrank, dachte Mia. Nicht ums Überleben.

»Ging nicht anders. Tut mir leid.«

»Du hast Glück. Die anderen Interessenten haben abgesagt. Wegen der Maße. Die haben nicht gepasst.«

»Aha.«

Erzähl mir doch nichts. Du hast von Anfang an geblufft.

»Also komm mit.«

Mia folgte Lars durch einen engen Hausflur hinaus in einen Hinterhof.

»Im Hinterhaus liegt meine Werkstatt.«

Die typischen Bamberger Hinterhäuser, dachte Mia. Manche waren bessere Schuppen, andere zu Wohnhäusern ausgebaut. Man ahnte von der Straße aus oft nicht einmal, dass es diese Höfe gab, geschweige denn, was sich in ihnen verbarg.

Hier war es ein würfelförmiges Hinterhaus. Ein Schild, »Lars Obenhaus, Haushaltsauflösungen und Entrümpelungen«, war ein wenig schief auf das grün gestrichene Tor genagelt worden. Zum ersten Stock führte eine Außentreppe aus Holz. Auf der untersten Stufe hockte mit verschmitztem Grinsen ein aus Schrottteilen zusammengebastelter Osterhase. Hinter dem Gebäude ragte eine Birke auf und streichelte mit ihren zartgrünen Zweigen das Dach.

Er kramte in seinen Hosentaschen. »Eigentlich habe ich was Hochgeistiges studiert, aber die praktische Arbeit macht mir mehr Spaß. Ich habe ganz schön viel zu tun, beinahe zu viel für einen Ein-Mann-Betrieb. Man möchte nicht glauben, wie viele Haushalte gerade aufgelöst werden.«

Mia nickte. Ihre Höflichkeit war lange genug antrainiert, um ein Gespräch aufrechtzuerhalten, das sie nicht interessierte. Sie wusste nicht einmal, ob sie den Schrank überhaupt noch wollte. Allenfalls, um sich darin zu verkriechen und unsichtbar zu werden. Für Hauptkommissar Eyrich vor allem. Ihr Magen krampfte sich beim Gedanken an neue polizeiliche Vernehmungen zusammen. Die Ermittlungen hatten sich damals festgefahren. Es würde wieder so sein. Wo sollte man schließlich elf Jahre nach Monikas Tod neue Zeugen oder Beweise auftreiben?

Die Sonne lugte durch die Wolken, schien ihr mitten ins Gesicht. Mit einem Mal merkte Mia, wie warm die Strahlen schon waren. Sie kniff die Augen zusammen, während Lars ein Vorhängeschloss löste und die Tür aufschob. Im Halbdunkel lagerten Möbel über Möbel. Der Raum war groß und nahm die komplette Fläche des Gebäudes ein. Lars betätigte einen Lichtschalter. Rechts an der Wand befanden sich Stühle in allen Formen und Macharten. Das Fenster an der Seitenwand war beinahe zugestellt. Es folgten im Uhrzeigersinn Tische, Sitzbänke, Bettgestelle. Und Schränke. Der Geruch nach Lack und Holzleim hing in der Luft. An der hinteren Wand befand sich eine Werkbank mit allerlei Werkzeug und Farbeimern. Daneben stand ein pinkfarbener Kühlschrank.

»Verkaufst du das alles?«

»Klar. Der weiße Kleiderschrank da, das ist der, für den du dich interessiert hast.«

Er deutete auf einen schmalen Schrank. Nur zwei Türen. Als er sie öffnete, flackerte die Lampe und erlosch. Es wurde dämmrig in dem vollgestellten Raum.

»Entschuldige.« Lars kramte eine Taschenlampe aus einer seiner vielen Hosentaschen. Der Lichtkegel fiel in den Schrank. Die linke Seite war in Fächer eingeteilt, rechts gab es eine Kleiderstange. »Gefällt er dir?«

Mia berührte das billige Furnier. Besser als nichts. Besser als die Umzugskartons, in denen ihre Klamotten seit Monaten lagerten. Und er würde garantiert in ihr winziges Schlafzimmer passen.

»25. Mehr ist er nicht wert.«

Lars lachte. »Komm, das Teil kostet neu an die 200 Euro. 30 muss ich schon dran verdienen.«

Mia zog die Augenbrauen hoch.

»Quatsch. Davon ziehe ich gleich mal 100 ab!«

»Nee, echt, ich verarsche dich nicht.« Lars knipste die Taschenlampe aus. »Bist du mit dem Auto da? Ich baue dir das Ding auseinander und helfe dir beim Verladen.«

Plötzlich begannen sich die Möbel um Mia zu drehen. Sie streckte die Arme aus und hielt sich an dem Schrank fest. Er wackelte.

»Ist alles okay mit dir?«

Verdammt noch mal, nein. Die haben den Schädel meiner besten Freundin im Wald gefunden, nach elf Jahren.

Lars reagierte sofort. Blitzschnell brachte er einen Stuhl.

»Setz dich erst mal. Bist du schwanger, oder was?«

»Spinnst du?« Sie ließ sich auf den Stuhl fallen.

Er hob die Hände. »Okay, tut mir leid. Ich dachte nur, wenn Frauen mit einem Mal schlecht wird, also …«

»Das wäre echt harmlos.« Es rutschte ihr einfach raus.

»Was?«

»Wenn mir wegen einer Schwangerschaft schlecht wäre.«

»Warum ist dir denn dann schlecht?«

Weil wieder alles von vorn beginnt. Weil ich aus dieser verdammten Geschichte nicht rauskomme. Weil ich nicht imstande war, Monika zu helfen. Weil ich gar nichts tun konnte. Und jetzt wieder nicht.

»Ich vertrage den Lackgeruch nicht.«

Lars starrte sie an. »Ach so.« Er schien fast ein wenig enttäuscht. »Echt nicht?«

Mia krümmte sich zusammen. Sie musste einfach nach Hause, was essen, wenigstens eine Kleinigkeit, der viele Kaffee machte sie fertig. Und sie wollte ins Bett, sich verstecken, von niemandem mehr angesehen werden.

Würde die Polizei annehmen, dass sie etwas mit Monikas Verschwinden zu tun hatte?

Damals gab es die Unterstellung, sie hätte jemanden decken wollen. Der sich in Luft aufgelöst hatte. Doch wen hätte sie decken sollen? Man war allen möglichen Verdachtsmomenten nachgegangen, weil man nichts in der Hand hatte. Gar nichts.

»Ich hole dir ein Glas Wasser.« Lars setzte sich in Bewegung.

Sie sah ihm zu, wie er aus dem Kühlschrank eine Flasche Mineralwasser nahm. Er goss ein Glas voll und kam zu ihr zurück.

»Hier.«

»Danke.« Mia trank ein paar Schlucke. Das eiskalte Wasser tat unerwartet gut.

Sie betrachtete Lars näher. Zarte Lachfältchen krümmten sich um seine Augen. Grüne Augen, ungewöhnlich. Seine Hände, die immer noch die Flasche hielten, waren groß und schwielig mit schmutzigen Rändern unter den Fingernägeln.

»Was hast du studiert?«, fragte sie.

»Psychologie. Und du, was machst du?«

»Ich bin im Moment arbeitslos.«

»Mist. Aber du findest sicher was. Was bist du denn von Beruf?«

»Ich habe studiert.«

Er grinste. »Ist ja nicht ganz falsch.«

»Kunstgeschichte und Ethnologie.«

Sein Grinsen wurde breiter. »Ehrlich gesagt, das würde mich auch jucken. Alte Kirchenfresken restaurieren und so.«

»Ich kann den Schrank nicht nehmen. Ich bin mit dem Rad da. Ich habe kein Auto.«

»Pass mal auf.« Lars stellte die Flasche zurück in den Kühlschrank. »Ich liefere dir den Schrank nach Hause und stelle ihn dir auf. Ist alles im Preis inbegriffen. Was meinst du?«

Mia nickte stumm.

9.

Sein Sohn hatte den Kontakt vor sechs Jahren abgebrochen. Damals war er 13. Jungs in der Pubertät, das war eine üble Sache, sogar, wenn die Familie intakt war. Bei Scheidungskindern wurde alles noch komplizierter. In seinem Fall kam hinzu, dass seine Ex, davon war er überzeugt, den Jungen gegen ihn aufhetzte, ihm den Kontakt mit dem Vater vergällte. Jakob hatte die Vater-Wochenenden boykottiert, und er, der Erzeuger dieses widerwilligen Kindes, hatte sich gefügt. War ja auch bequem gewesen.

Dennoch hatte es ihn gewurmt, so vollkommen abgeschrieben zu sein. Doch seit Jakob 18 geworden war, hatte sich dieser wieder für seinen Vater interessiert, und sie hatten sich einige Male getroffen. Nun gut, nicht allzu oft, vier Mal im vergangenen Jahr. Meist am Abend in einer Kneipe. Entweder in Bamberg oder auf dem Land, im Sommer auf einem der vielen Bierkeller, und einmal hatten sie sogar einen Spaziergang in der Fränkischen Schweiz gemacht und anschließend in Ebermannstadt in einem Lokal, das als Geheimtipp gehandelt wurde, gegessen. Seitdem machte er sich Hoffnungen, dass er im Lauf der Zeit mit seinem Sohn eine annähernd normale Beziehung pflegen könnte. Seit einigen Wochen fragte er sich, ob er Jakob erzählen sollte, dass er im Sommer ein Geschwisterchen bekäme. Noch zögerte er. Natürlich würde Jakob diese Neuigkeit brühwarm seiner Mutter weitererzählen. Die würde erneut durchdrehen vor Eifersucht. Wie er das alles satt hatte. Vielleicht war es besser, wenn er seinem Sohn nichts erzählte. Natürlich sprachen sich die Dinge herum, seine Ex würde früher oder später sowieso erfahren, dass er erneut Vater wurde. Bamberg war ein Nest, jeder kannte jeden. Zu gegebener Zeit erführe er wiederum von dem Gift, das die Frau, die er einst geheiratet hatte, in anderer Leute Ohren träufelte.

Doch jetzt hatte er andere Sorgen.

Ihm brummte der Kopf. Draußen brach der Frühling los. Die Hecke trug weiße Häubchen. Schlehen und Weißdorn explodierten förmlich, und aus der Wiese spitzten Krokusse. Nur der Wald oberhalb des Hangs wirkte weiterhin winterlich und abweisend. Der Wald. Der Wald. Mein Gott.

Er rieb sich das Gesicht. Damit würde er leben müssen. Und wie er gedachte zu leben! Und zwar nicht im Knast. Sondern mit Nadja und dem kleinen Hosenscheißer, der in ein paar Monaten zur Welt käme und im dann blühenden Garten in einer Wiege schliefe. So stellte er sich das vor. Und vorher hatte er Nadja ein gemütliches Osterfest versprochen, zu Hause, sie war ja schon so unbeweglich mit dem dicken Bauch. Trotzdem schmückte sie eifrig Haus und Garten. All diese Osterhasen und Eier und sonstiges Zeug lagen ihm nicht so, aber Nadja hatte Spaß dran.

Jetzt jedoch musste er herausfinden, ob seine Ex Bescheid wusste. Dazu blieb ihm Jakob als einziger Informant. Er würde sich mit dem Jungen treffen. Die ehemaligen Freunde hatte er seit Jahren nicht mehr gesehen, hatte die Beziehungen lange vor der Sache mit Monika auf Eis gelegt.

Es war besser so.

10.

»Okay, wo soll’s hingehen?«

Lars hatte ruckzuck den Schrank in seine Einzelteile zerlegt und diese mitsamt Mias Fahrrad in seinem Lieferwagen verstaut. Nun sprang er energiegeladen hinters Steuer. Mia stieg auf den Beifahrersitz.

»Moosstraße.«

»Ist nicht dein Ernst. Kann man da wohnen?«

»Gewerbe-Mischgebiet.« Sie hatte sich die Gegend nicht ausgesucht. Nicht freiwillig. Wohnen in Bamberg war teuer geworden, und sie konnte sich nichts leisten, was näher an der Innenstadt lag. In den letzten Monaten hatte sie jedoch die Vorzüge dieser Lage schätzen gelernt. Es gab ein Café mit Konditorei ein paar Meter die Straße runter. Manchmal frühstückte sie da. In der Nähe lag ein Biomarkt. Am Wochenende herrschte Ruhe, Touristen waren in interessanteren Stadtteilen unterwegs. Und es war auf alle Fälle besser, in einer eigenen Wohnung zu wohnen, als bei den Eltern unterzukriechen.

Lars legte den Gang ein. Der Motor zickte, bevor er ansprang.

»Man merkt, dass Osterferien sind, finde ich. Weniger Verkehr als sonst.« Lars schaltete das Radio ein. BR-Klassik. Violinenklänge. »Tschaikowsky. Ich wette, das ist Tschaikowsky.«

Mia schielte auf das Radiodisplay.

»Stimmt. Bist du Klassikfreund?«

»Ich habe sogar ein Abo bei den Symphonikern. Hättest du nicht gedacht, was?« Er summte ein paar Takte mit. »Klassik habe ich schon immer geliebt. Meine Oma hatte ein Album mit Schellackplatten. Klassische Musik. Aufnahmen, die sie als Jugendliche gesammelt hatte. Als ich ungefähr 14 Jahre alt war, habe ich das entdeckt und bin in eine neue Welt eingetaucht.«

»Ungewöhnlich für einen Jungen in der Pubertät.«

»Wahrscheinlich habe ich sie deshalb ohne Drogen überstanden. Die Musik war meine Droge. Vor allem die Russen. Tschaikowsky. Rachmaninow. Das zweite Klavierkonzert von ihm hat mich umgehauen.«

Mia musste zugeben, dass dieser Mann in seinen Cargohosen sie neugierig machte. »Wieso?«

»Das ging mir wahnsinnig tief. Ist heute noch so. Die Musik trägt einfach immer. Wie eine Arznei ohne Nebenwirkungen.« Er lachte. »Ist das hier die Moosstraße?«

»Ja, fahr einfach noch 100 Meter weiter und halte vor dem Haus mit den gelben Fensterläden an.«

»Klar doch. Hier?«

»Hm.«

Er hielt und drehte den Zündschlüssel. Die Musik brach ab.

»Schade«, murmelte Mia.

»Wenn du willst, überspiele ich dir mal was. Wobei ich ja am liebsten Platten höre. Vinyl. Auf meinem guten alten Dual-Plattenspieler.«

»Ich habe mir sagen lassen, Vinyl wäre wieder im Kommen, vor allem bei den echten Musikliebhabern.«

»Es war nie aus der Mode, genau genommen.« Lars sprang aus dem Wagen. »Welche Etage?«

»Erste.« Mia drückte die Haustür auf.

»Nimm die Bretter.« Lars drückte ihr einen Stapel Einlegeböden in die Arme.

Mia stieg die Treppen nach oben, stellte die Bretter ab und steckte den Schlüssel ins Schloss. In der Wohnung roch es muffig. Rasch stieß sie die Fenster im Wohnzimmer auf.

Ein paar Minuten später hatte Lars alles andere nach oben geschleppt.

»Wo soll der Schrank hin?«

Sie führte ihn ins Schlafzimmer. »An die linke Wand .«

»Räum doch zuerst mal die Kartons beiseite.« Er machte sich an seinem Werkzeugkasten zu schaffen.

Ich muss ihm mehr bezahlen, dachte Mia, während sie die Umzugskisten an die andere Wand schob. Er ist jetzt schon eine Stunde lang mit mir zugange. Und mit dem Schrank natürlich. Sie musste unwillkürlich grinsen. Es tat gut, eine Weile nicht an den Schädel zu denken. Aber gerade jetzt drängte sich das ganze Elend wieder in ihre Gedanken. Ob André noch bei der Polizei war? Jetzt rief sie ihn lieber nicht an, für den Fall, dass Eyrich noch nicht mit ihm fertig war.

»Willst du was trinken?«, fragte Mia.

»Ehrlich gesagt schon: Hast du ein Bier?«

»Habe ich.« Sie ging in die Küche. Nur eine winzige Nische, in der kaum zwei Personen nebeneinander stehen konnten. Aber ihre Küche. Mit zwei Flaschen kam sie zurück.

»Danke.« Er nahm einen tiefen Zug. »Schön kalt. Seit wann wohnst du hier?«

Die Hinterwand des Schranks stand bereits.

»Ein paar Monate.«

»Wo hast du denn studiert?«

»In München und Florenz.«

»Nein, echt?«

»Wirklich!« Mia lachte. »Wo sonst sollte man Kunstgeschichte studieren? Wenigstens zwei Semester Italien mussten sein.«

Lars betrachtete ihr Gesicht einen Moment. Es kam ihr vor, als gefiele ihm, was er sah. Er lächelte. »Nee, da hast du echt recht.« Er stellte die Flasche ab. »Ich mache mal weiter.«

Im Nu hatte er das Möbelstück montiert. Mia reichte ihm die Einlegeböden zu. Fast tat es ihr leid, dass sie so schnell fertig waren.

»Warum bist du nicht in Italien geblieben? Da gibt es bestimmt eine Menge Arbeit für Kunsthistoriker.«

»Dort ist auch nicht alles Gold, was glänzt.« Mia würde ihm nicht sagen, dass sie im Hinblick auf einen Job nie richtig in die Gänge gekommen war. Sie hätte mehr tun können: Kontakte ausnutzen, sich breiter bewerben.

Hätte, hätte, Fahrradkette.

»Kann ich mir vorstellen.« Er griff wieder zum Bier.

Mias Handy klingelte. André.

»Entschuldige, da muss ich ran.«

»Klar.«

»Hallo, André? Wie geht’s dir, ist alles in Ordnung?«

Sie verließ das Schlafzimmer, wo Lars nun mit einem Lappen über die Einlegeböden fuhr und die Türen auf Leichtgängigkeit testete.

»Verdammt, Mia, ich halte das nicht aus.«

»Hat er dich in die Mangel genommen?«

»Ich gelte denen nach wie vor als Verdächtiger Nummer eins.«

Mia konnte Andrés Verzweiflung deutlich hören.

»Das ist Unsinn. André, du hast ein bombensicheres Alibi.«

»Vielleicht habe ich einen Killer angeheuert.«

»Das ist doch nicht dein Ernst.«

»Meiner nicht.«

Mia ging ins Wohnzimmer, setzte sich an ihren Schreibtisch. Dort lag die zweite Zeichnung von Monika. Die mit Haaren, die ganz eindeutig Monika war.

»Sie haben nicht den geringsten Hinweis dafür«, versuchte sie, André zu beruhigen.

»Bisher nicht. Sie haben auch sonst nichts. Wo, bitte, soll Eyrich neue Zeugen hernehmen? Neue Beweise? Da ist nichts zu holen. Bloß: Irgendjemand hat Monika ermordet. Elf Jahre sind ins Land gegangen. Ich muss mich damit abfinden, dass ich nie erfahren werde, was wirklich passiert ist.« Er holte tief Luft. »Das werde ich nicht mehr los, Mia. Ich komme nicht klar. Alles bricht wieder auf.«

Mir geht es genauso, dachte Mia müde. Mit dem Zeigefinger fuhr sie über die feinen Linien von Monikas Gesicht. Die Stupsnase, das spitzbübische Lächeln, die Ohrhänger.

»Sollen wir uns treffen? Ich komme zu dir.«

»Sei mir nicht böse, Mia. Ich muss eine Runde schlafen. Habe die halbe Nacht wach gelegen. Ich bin hundemüde.«

»Wo bist du jetzt? Bist du inzwischen zu Hause?« Sie merkte selbst, wie kontrollierend sie sich ihm gegenüber verhielt.

»Ich stehe vor der Polizeidirektion.«

»Wir könnten uns in der Nähe treffen. Auf eine Pizza?«

»Nicht jetzt.«

»Du wirst doch nicht trinken, André?«

Er legte auf.

»Shit.« Mia ließ das Smartphone sinken.

»Dein Freund?« Lars lehnte in der Tür, die Bierflasche lässig in der Hand.

Wütend starrte sie ihn an. Was ging ihn das an?

»Entschuldige. Ich wollte nur sagen, ich bin fertig.«

»Danke. Was bin ich dir schuldig?« Die Frage fühlte sich falsch an. Eben noch hatte Mia seine Gesellschaft genossen, nun war sie sie leid.

»Gib mir 25 für den Schrank. Er steht wie eine Eins. Ich habe ein bisschen was untergelegt. Der Boden ist nicht ganz gerade.«

Mia nahm wortlos ihren Geldbeutel aus der Tasche.

»Das war nicht mein Freund«, sagte sie leise.

»Schon okay, es geht mich nichts an. Du hast keinen Freund.«

Sie sah auf, drei Zehner in der Hand. »Wie kommst du …«

»Du lebst allein, und es ist niemand da, der dir mit einem Schrank helfen könnte. Außerdem wirkst du einsam.«

Mia stieß ein ärgerliches Lachen aus.

Er hob die Hände in einer defensiven Geste. »Sorry. Ich …«

»Kennst du diese Frau?« Mia hielt ihm die Zeichnung von Monika hin.

Neugierig griff er danach. »Nie gesehen. Wer ist sie?«

»Monika Böhme. Sie ist vor elf Jahren spurlos verschwunden. Vor Kurzem haben Waldarbeiter ihren Schädel in der Nähe des Ellertals gefunden.«

»Du nimmst mich auf den Arm.«

»Leider nicht.« Mia legte die Hand auf ihren Magen. Der Krampf ebbte ab, bevor er richtig begonnen hatte. »Sie ist ermordet worden.«

Lars schluckte. »Wer ist sie? Deine Schwester?« Er legte das Blatt auf den Schreibtisch.

»Wieso denkst du das?«

»Also, nicht, dass ihr euch ähnlich seht …«

»Aber?«

»Da ist so ein Ausdruck. In deinem Gesicht. Und in ihrem hier auch. Was Hintergründiges. Schwer zu greifen. Ich kenne dich ja erst seit ein paar Stunden.«

»Monika war meine Freundin. Die beste, die ich je hatte. Als sie starb, war sie 34. Verflucht jung, oder?« Mia blinzelte, um die Tränen zurückzuhalten. »André, der eben angerufen hat … er ist ihr Mann. War ihr Mann. Die beiden haben sich wirklich geliebt. Ein Traumpaar. Die Polizei sagt, es sei nicht mehr nachzuvollziehen, ob der Schädel nach ihrem Tod vom Körper getrennt oder ob sie sozusagen geköpft wurde.«

»Ach du Scheiße!« Lars setzte sich aufs Sofa.

»Kann man wohl sagen.«

»André ist damals zusammengebrochen. Er hat zu trinken angefangen, sein Restaurant aufgegeben.«

Ihr Handy gab Laut. Sie ignorierte die Nachricht.

»Zum Glück kam er weg vom Alkohol. Ich habe Angst, dass er rückfällig wird. Die Polizei hat keine neue Spur. Die haben mich heute wieder befragt. Sie meinen, die beste Chance, Monikas Mörder zu finden, wäre, neue Zeugen aufzutreiben. Leute, an die man seinerzeit nicht gedacht hat. Bloß, woher nehmen und nicht stehlen?«

Lars zog das bunte Stirnband herunter und band damit seine Locken zu einem Pferdeschwanz zusammen.

»Man müsste ein Detail finden. In der Persönlichkeit des Opfers.«

»Was meinst du damit?«

»Irgendeine Variable, etwas Individuelles, das dieses Opfer von allen anderen Menschen unterscheidet.«

Mia verstand nicht ganz, worauf er hinauswollte, aber seine Worte gaben ihr das Gefühl, dass von irgendwo frische Luft herbeiströmte.

»Eine Kleinigkeit, die bei den Ermittlungen bisher niemandem ins Auge fiel oder nicht bekannt war. Nein, warte: Diese Kleinigkeit war bekannt, sie lag wahrscheinlich sogar offen vor den Augen aller da, und gerade deshalb hat sie niemand beachtet.«

»Was sollte das sein?«

Lars strich sich über die Stirn. »Jeder Kriminalfall weist etwas Einzigartiges auf. Schwer zu präzisieren, wenn man gar keine Anhaltspunkte hat. Oft handelt es sich um einen speziellen Charakterzug des Opfers, der schließlich zu einer Eskalation führt.«

»Eskalation?«

»Wenn ein Mord geschieht, brennen alle Sicherungen durch.«

Mia lehnte sich zurück. »Müsste man, um das zu beurteilen, nicht die Persönlichkeit des Mörders kennen?«

»Das wäre natürlich einfach. Aber da uns das nicht möglich ist, müssen wir uns auf die Wesenszüge des Opfers konzentrieren.«

Ein individuelles Charaktermerkmal des Opfers. Mia schüttelte den Kopf. »Ich stehe da wie der Ochs vorm Scheunentor. Mir fällt absolut nichts ein.«

»In der Theorie klingt es immer einfacher, als es in der Praxis ist. Um ehrlich zu sein, ich habe nur ein Semester lang ein Seminar in Operativer Fallanalyse belegt.« Er legte den Kopf schief. »Du willst ihn finden, oder?«

»Wen?«

»Den Mörder.«

Sie verschränkte die Arme. »Wie soll ich den Mörder finden? Nach so vielen Jahren! Wenn die Polizei es nicht geschafft hat …«

»Sie war deine Freundin. Du kanntest sie besser als die Ermittler.«

Womit er recht hatte.

»Deswegen bist du diejenige, die den entscheidenden Hinweis liefern kann.«

Vielleicht lag er richtig. Mia nickte langsam.

»Ich glaube, da ist was Wahres dran.«

Pulsuz fraqment bitdi.

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