Kitabı oxu: «Gesammelte Werke von Friedrich de la Motte Fouqué»

Şrift:

Friedrich de la Motte Fouqué

Gesammelte Werke von Friedrich de la Motte Fouqué

Undine + Aslauga's Ritter + Die Saga von dem Gunlaugur + Der Zauberring + Der Held des Nordens


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musaicumbooks@okpublishing.info

2017 OK Publishing

ISBN 978-80-272-0702-2

Inhaltsverzeichnis

Romane:

Alwin

Das Schauerfeld

Der Zauberring

Die wunderbaren Begebenheiten des Grafen Alethes von Lindenstein

Die Versuche und Hindernisse Karls

Erzählungen:

Undine

Eine Geschichte vom Galgenmännlein

Aslauga's Ritter

Sage:

Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Drama:

Der Held des Nordens

Gedichte:

An eine Flötenspielerin

An eine Sängerin

An Naidion

Briefe:

Brief des Barons Wallborn an den Kapellmeister Kreisler

An Ebendenselben von Fouqué

An Fouqué von Hitzig

Autobiografie:

Lebensgeschichte des Baron Friedrich de La Motte Fouqué

Alwin

Inhaltsverzeichnis

Erster Teil

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Eilftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Zweiter Teil

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Eilftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Funfzehntes Kapitel

Sechszehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Dritter Teil

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Eilftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Funfzehntes Kapitel

Sechszehntes Kapitel

Vierter Teil

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Eilftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Erstes Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Die Nacht wird kalt, sagte der alte Rudolph. Von dem Wettterfähnlein kreischt es herunter, die Eichen fangen zu rauschen an. Lege mehr Holz an den Heerd, Alwin. Der schöne Jüngling that, wie ihm geheißen war, und indeß er sich über die Flamme hinbog, sagte die Mutter: lauter Gluth ist's doch, so ein Jünglingsgesicht. Man sollte denken, in den Wangen und in den Augen sei das Feuer. Das auf dem Heerde nähre sich nur davon. Du sprichst ja wie die alte, wunderliche Handschrift, erwiederte der Greis. Soll ich draus vorlesen? fragte Alwin. Die Aeltern nickten ihm zu, und er hohlte aus einem eichnen Wandschrank die Papiere hervor, daran der kleine Cirkel sich bisweilen zu ergötzen pflegte, vorzüglich zur Herbst- und Winter-Zeit, wenn die Abende lang wurden. Alwin zeigte sich alsdann besonders vergnügt, und die Mutter hatte oft ihre Bemerkungen darüber, wie ein so jugendliches Gemüth, lieber die fallenden Blätter sehen möge als die knospenden. Der Alte pflegte darauf zu erwiedern: Jedermann seine eigne Weise, und im Grunde war es der Mutter nicht unlieb. So blieb Alwin ihr gerne daheim, und wenn er sich auch einmal in das nahe Harzgebirg verstieg, pflegte er doch nicht um die gesellige Abendstunde zu fehlen, wenn es ans Lesen der alten Handschrift ging. Diese hatte man zufällig in dem alten Schlosse gefunden, in demselben Wandschrank, woraus sie Alwin jetzt hervor nahm, und zu lesen begann:

Es war aber seines Stammes Geist über den jungen Herrn Kunrath gekommen, daß er sich auch als einen der Stauffen zu erkennen gäb, die in fremden Landen umgezogen waren, und mit ihrer ritterlichen Faust viel Ehr und Gut gewonnen hatten. Manche vermeinen, daß ob allen Fürsten und Herrn Deutscher Nation ein wunderlicher Engel walte, welches die alten Griechen und Römer Dämon geheißen, der sie nach dem Mittag hinunter treibe, davon auch ehmals die Römische Weltherrschaft zerfallen. Herrn Kunraths Mutter soll den Stammgeist auch bald erkannt haben, als ihr ritterlicher Sohn sie um Vergunst zum Auszug gebeten; auf gleicher Weis' wohl verstanden, wie er spät oder nimmer heim kehren möge. Doch hat sie als eine kluge und gottesfürchtige Frau der göttlichen Lenkung nichts in den Weg legen wollen, sondern ihren viel lieben Sohn vielmehr aus ganzem Herzen geseegnet und ihn fortziehn lassen mit Rittern und Knappen in die Italienischen Länder.

Seht, lieber Vater und liebe Mutter, unterbrach sich Alwin, da nehmen sie eben Abschied. Die beiden Alten beugten sich über das Bild, welches zwischen die zierlichen Schriftzüge hinein gemahlt war, und beschauten es mit vieler Achtsamkeit.

Da hörte man an das Burgthor klopfen. Es ist der Wind, der sich erhebt, sagte Alwin, und wollte weiter lesen. Nein, nein, lieber Sohn, rief die besorgte Mutter. Ich habe es ganz eigentlich gehört. Drei Schläge, oder vier, und von der Nordseite herauf, wo die Fußpfade aus dem dicksten Harzwalde zu uns führen. Du kannst mir glauben. Wenns nur was Gutes bedeutet. Rudolph war indeß an das Bogenfenster getreten, und sah über die Schloßmauer hinab, so scharf es die finstre Sturmnacht vergönnte. Jemand ist am Thor, sprach er in's Zimmer zurück; das hat seine Richtigkeit. Und zugleich rief er dem Knechte, der eben über den Hof ging: mach nicht auf, bis wir wissen, woran wir sind. Der Krieg hat manches umirrende Raubgesindel losgelassen.

Seid unbesorgt, scholl eine männliche Stimme von aussen herauf. Ich bin ein einzelner Mann zu Pferd, und des Herzogen Christian von Braunschweig Secretarius.

Der Alte rief des Jünglings hellern Blick zu Hülfe, und als sie Beide deutlich wahrnahmen, daß wirklich nur ein Einzelner auf seinem Roße draussen halte; bekam der Knecht Befehl das Thor zu öffnen. Trau' schau' wem, sagte zwar die Mutter. Es ist schon mancher kühne Freihart ganz allein in bewohntre Burgen eingebrochen. Aber Rudolph entgegnete: da hat man ihn auch todtgeschlagen, oder hätt' es wenigstens thun sollen. Hier sind wir unser Drei, Ich, Alwin und der Knecht; Waidewuth, den braven Hund, nicht einmal mitgerechnet.

Alwin war indeß dem Fremden entgegen gegangen, und begrüßte ihn sehr höflich am Fuß der Wendelsteige, worauf er ihm über die veralterten Stufen vorleuchtete. Verargt uns nicht, sagte er, daß wir Rath hielten, eh wir Euch einließen. Man weiß jetzt nicht immer, mit wem man zu thun hat, und muß schon der bösen Zeit fröhnen. Der Fremde äusserte, wie viel lieber es ihm sei, von verständigen und vorsichtigen Menschen aufgenommen zu werden, als von einem luftigen Thoren, dessen Dach nicht viel sichrer wahre, als ein Baumgipfel im Gewitter.

Sie waren unterdeß in's Wohnzimmer getreten, und Alwin beschaute, während der Bewillkommungen des Vaters und der Mutter, den unvermutheten Gast. Eine große, hagere Gestalt, ernst und sicher in allen Bewegungen, scharfe, aber nicht blitzende Augen unter der weit vorliegenden Stirn. Er mochte etwa vierzig Jahre alt sein. Thorwald, sagte er, nenne man ihn, und er habe sich verirrt, indem er von Halberstadt, das sein Herr administrire, nach Braunschweig zurückreisen, und im Harz unterwegs einige Geschäfte habe abmachen wollen. Von hier gehe er nun grade auf Braunschweig. Darauf fing er an sich aufs umständlichste wegen der morgenden Tagereise zu erkundigen. Alwin empfand während all dieser weitläuftigen Unterhandlungen eine Art von Widerwillen gegen den Fremden. Er konnte es ihm nun gar nicht verzeihn, daß er die Geschichte Herrn Kunraths von Stauffen unterbrochen hatte; noch unlieber aber wär' es ihm gewesen, sie in seiner Gegenwart weiter fortzusetzen. Deshalb legte er die alte Handschrift wieder in ihren Wandschrank, und suchte dies aufs unbemerkteste zu thun, welches ihm um so leichter gelang, da der Fremde wenig oder gar keine Notiz von ihm nahm. Mit dem alten Rudolph unterhielt er sich jedoch desto fleissiger, und fragte ihn, wie es komme, daß er hier so gar abgelegen wohne, und ob die Gegend wirklich so einsam sei, als sie scheine, oder irgendwo Stadt und Dorf hinter den Abhängen und Gebüschen verborgen liege?

Dort das Thal weiter hinunter, antwortete Rudolph, giebt es ein Dörflein, nicht allzufern von hier. Die Leute sind gutmüthig, aber ich habe mit keinem eben viel zu schaffen. Selten auch, daß ein verirrter Wandrer hier herauf kommt, und so erfahre ich dann wenig von einer Welt, deren Neuigkeiten mir zum Ueberdruß geworden sind.

Das kann doch, meinte der Fremde, nicht gleiche Bewandniß mit dem rüstigen Jünglinge dort haben.

Warum nicht? sagte Rudolph. Zu den Waffen wär' er gebohren, denn wir sind untadelichen Ritterstammes, und Burgen und Städte, weitum durch's ganze Land, waren meinen Ahnen unterworfen. Die Zeiten wechseln. Wir sind arm geworden; was mag ein Knabe ohne Mittel in der Welt anfangen? Ich hab' solch keckes Treiben in meiner Jugend selbst versucht. Was half's? Aermer als ich ausritt, nur reich an Narben, mismuthig, betrübt zog ich in das verfallende Schloß zurück. Es geht nicht mehr zu wie ehedem, wo ein junger Ritter an Schwerdt und Roß genug hatte, um sich Preis und Glück zu erwerben. Heut zu Tage will man die wackern Männer nur in blanken Rüstungen und auf kostbaren Roßen sehn. und wer dergleichen nicht auftreiben kann, bleibt klüger zu Hause.

Von seinen ehemaligen Vortheilen, erwiederte der Fremde, hat der Adel freilich manches eingebüßt. Das Leben fügt sich zum sichern Gebäu in einander, man hält die wilden Thiere zahm im Hofbezirk, und schließt vor Räubern und überlästigem Besuch die wohlverwahrten Thüren. Da gilt nun das Waffenhandwerk nicht mehr in der alten Nothwendigkeit. Greife jedoch ein Jeder mit an, wie es Stimmung und Gedeihen des Ganzen erfordern, und ändre seine Weise, nach den Aendrungen seiner Zeit, so wird er nichts in der neuen Ordnung der Dinge vermissen.

Rudolph ging mit starken Schritten auf und ab, indem der Fremde fortfuhr: dem Adel sind keinesweges die Mittel zu gesetzmässigem und sicherm Fortkommen versperrt. Schon seid langer Zeit studiren junge Herren Eures Standes mit uns in die Wette, und bekleiden – Nehmt's mir nicht übel Herr Secretarius, unterbrach ihn hier Rudolph, ich bin noch in dem neuen Bau, wovon Ihr sprecht, gar nicht eingewohnt, und halt' es mit der alten Sitte. Meinen Alwin gönne ich nur den Waffen; geht das nicht, so mag er lieber bei uns alten Leuten hausen, und uns die Zeit mit seinem Citherspiel vertreiben. – Auch gut, sagte Thorwald, und lobenswürdig. Es ist eine schöne Sache um's Citherspiel. Ließt Ihr nicht auch mich etwas davon hören? Er wandte sich bei diesen Worten lächelnd zu Alwin, dem sein ganzes Thun in der Seele zuwider war, und ihm vorzüglich jetzt, nicht viel anders vorkam, als heimlicher Spott. Er hatte eine Entschuldigung auf den Lippen, als die Mutter ihn unterbrach, und ihn mit der gewohnten Freundlichkeit um ihr Lieblingslied bat. Alwin sang:

Von dem Seegestade

Stieß ein Schifferkahn

Fort durch nasser Pfade,

Ungewisse Bahn.

Drüben auf den Auen

Steht ein Klosterhaus,

Schöne Nönnlein schauen

Abends oft heraus.

Eine schön vor Allen

Schrieb mit weißer Hand,

Ließ das Blättlein fallen

Uebern Fensterrand.

Knabe hat's gefunden,

Nahm's in treuer Huth,

Kommt in nächt'gen Stunden

Durch die wilde Fluth.

Regt die Arme kräftig,

Rudert keck und kühn,

Doch umsonst so heftig,

Sehnendes Bemühn!

Ihm zur Seite bleiben

Baum und Felsen stehn.

Nebel vor ihm treiben

Sich im düstern Wehn.

Sagt Ihr Meeresfeyen,

Höhnt Ihr meine Gluth?

Sagt was soll' ich weihen?

Lieder, Gaben, Blut?

Schon ist Euch verschrieben

Was Eu'r Sinn begehrt.

Nur daß Ihr zur Lieben

Nicht den Gang mir wehrt.

Kraft die nicht erbitten,

Nicht erflehn sich läßt

Hält in Wassers Mitten

Ihm den Nachen fest.

Da zum Venussterne

Sieht er bittend auf,

Ist Verliebten gerne

Hülfreich ja Dein Lauf.

Schon mit günst'gem Funkeln

Blitzt der grüne Schein,

Doch der Nebel Dunkeln

Wirft sich zwischen ein.

Nonne sah voll Sorgen

Zu den Fenstern aus,

Ach es kam der Morgen

An das Klosterhaus,

Kam auf die Gewässer,

Wo der Schiffersmann

Bänger stets und blässer

Nach der Lieben sann.

Heim nun mußt' er lenken

Vor dem hellen Tag,

Ging, sich still zu kränken,

Nach dem Hüttendach.

Und bekannte Töne

Rauschen an sein Ohr:

Knabe, lieb' und schöne,

Richt' Dein Haupt empor,

Auch nun zu gesunden

Schüttle ab die Pein.

Wer Dich hielt gebunden,

War die Mutter Dein.

Hat dir aufgehoben

Eine andre Braut,

Jene war dort oben

Christo angetraut.

Laß sie Gott vereinigt,

Bleib von ihr getrennt,

Bis Ihr zwei gereinigt

Euch als Engel kennt.

Wo die Bächlein rinnen

Ew'ger Seeligkeit,

Ist für all' ein Minnen

Rein und fromm bereit.

Holder Sohn, drum halte

Rein dich für und für.

Und der Klang verhallte

An der Kirchhofsthür.

Thorwald hatte während des Liedes wie zerstreut vor sich hingesehen, und mit dem Schaupfennige gespielt, der ihm an einer goldenen Kette auf der Brust hing. Nun sagte er, noch ehe der letzte Vers geendigt war: der junge Mann singt recht gut. Es ist Schade, daß Ihr so fest entschlossen seid, ihn nicht von Euch zu lassen. Ich wüßte sonst wohl noch etwas für ihn, wobei er eben nicht die Feder zu führen braucht, und was ihn doch auf eine gute Laufbahn helfen möchte. Wie so? fragte Rudolph. Mein Herzog, fuhr der Geheimschreiber fort, liebt Musik, artige Sitte und Galanterie. Viel schöne und ehrbare Frauen sind an dem Braunschweiger Hofe versammelt, und obgleich der Herr jetzt abwesend ist, geht doch das heitre Leben, mit Citherspiel und Gesang durchflochten, den gewohnten Weg fort. Der junge Adel sucht von allen Seiten dort Zutritt, und ich würde Euern Sohn gern einführen, wo man ihn willkommen hieße, und er wenigstens den Winter hindurch mit, und in der Welt leben könnte.

Rudolph schwieg nachdenklich, und Alwin verließ, beleidigt durch Thorwalds wenige Aufmerksamkeit auf seinen Gesang, das Zimmer.

Zweites Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Man war still und frühzeitig auseinander gegangen. Alwin und die Mutter gefielen sich nicht in des Fremden Gesellschaft, und dieser eilte selbst zur Ruhe, weil er vor Tagesanbruch weiter zu reisen gedachte.

Aus dem tiefsten Schlafe ward Alwin durch heiße Thränen erweckt, die über sein Antliz flossen, und indem er aufsah, beugte sich seine Mutter über ihn, die Lampe in der Hand, wie um ihn recht achtsam zu beleuchten. Liebes Kind, sagte sie schmerzlich weinend, ich muß dich aufwecken, so gern ich dich auch schlafen sehe. Du kommst mir immer noch im Schlummer wie ein freundlicher Knabe vor; so frisch athmest Du, so roth glühen Deine Wangen. Ach, ich soll das nun in langer Zeit nicht sehn, vielleicht niemals wieder.

Wie ist Euch denn Mutter? fragte der noch halb schlaftrunkne Jüngling. Ich würde meinen, es sei ein Traum, wenn mir die Strahlen Eurer Lampe nicht so hell in's Auge fielen. Was ist denn begegnet?

Der Fremde, sagte die Mutter, indem sie sich auf's Bett niedersetzte, ist uns recht zum Unheil in's Haus gekommen. Ich mochte ihn gleich nicht wohl leiden, unterbrach sie Alwin. Und dennoch, erwiederte sie, sollst Du mit ihm reisen. Du hast es vielleicht gemerkt, wie still und gedankenvoll der Vater nach dem letzten Vorschlage ward, den der Secretarius gestern that. Kaum waren wir in unserm Schlafgemach, so fing er wieder davon an, und meinte, ein junger Fant müsse in die Welt hinaus. Dies sei die erste, vielleicht die einzige Gelegenheit für dich, und man dürfe dergleichen nicht von der Hand stoßen. Ich weinte, und wir haben bis jetzt darüber gesprochen. Zwischendurch hörte ich Dich immer so ruhig athmen – es wollte mir das Herz brechen.

Liebe Mutter sagte Alwin, ist das meines Vaters Wille, und bleibt er dabei, wie ich nicht zweifle, so laßt uns freudig thun was er gebietet und zu meinem Besten taugt. Wirft doch der Adler seine Kleinen aus dem Neste, sobald sie flügge sind. Laßt mich immer ein wenig zeigen, daß auch mir des Vaters Blick und Flügelschwung angebohren sind.

Du sprichst wie ein guter Sohn, antwortete die Mutter, und wie ein braver junger Edelmann. Aber eben deswegen thut es mir so weh, daß ich vielleicht nun auf immer von Dir Abschied nehmen soll. Erwiedre mir nichts, versuche nicht, mir Trost einzusprechen; es wird sich Alles finden, wie Gott will. Schlafe nun noch ein wenig, mein liebes Kind; Du hast eine starke Tagereise vor Dir. Ich packe indessen Deine Sachen zusammen, und nehme die Lampe mit hinaus, damit Dich ihr Schein nicht störe. Schlafe mir ja noch ein Stündchen; hörst Du?

Sie war mit diesen Worten aus der Thür, und Alwin vernahm nur noch, wie sie im Nebengemach die Schränke öffnete, und Kleider und Wäsche herausnahm, alles leise, um den lieben Sohn nicht zu stören. Da traf das Gefühl der Trennung und der letzten mütterlichen Sorgfalt recht wehmüthig an sein Herz. Er weinte still für sich in die Nacht hinein, und seufzte immer ganz leise in seine Kissen: ach liebe Mutter! Liebe, liebe Mutter! Stirb nur nicht, bis ich wiederkomme, und Dir sagen kann, wie traurig mir in dieser Stunde zu Muthe gewesen ist.

Er hörte bald seinen Vater in der untern Halle mit Thorwald sprechen, und besann sich, daß er nicht wie ein weichherziger Knabe vor dem fremden Manne erscheinen müsse, dessen Mitleid ihm ein brennendes Gefühl der Schaam erweckt haben würde. Er sprang aus dem Bette, weinte die letzten Thränen auf die mütterliche Hand, welche ihm Licht hinein reichte, sobald er sich regte, und suchte nun allen Stolz und alle Kraft in sich hervor, um der immer wiederkehrenden Wehmuth zu begegnen. Es war, als riefe ihm die vertraute Kammer aus allen Seiten ein Lebewohl zu, aber er strebte es zu überhören. Im Forteilen streifte er an seine Cither, die er gestern Abends mit heraufgenommen hatte, und die Saiten gaben einen klagenden Ton. Nein, nein, weine nicht, sagte er aufs freundlichste. Du wenigstens sollst mit mir. Er nahm sie unter den Arm, und eilte in die Halle.

Rudolph und Thorwald gingen mit einander im ernsten Gespräche auf und ab. Der Letztre betrachtete den Jüngling, wie er mit der Cither hereintrat, voll sichtlichen Wohlgefallens, und fragte ihn, ob er gern mit ihm gehe. Ihr seht mich reisefertig, antwortete Alwin. Ganz recht, sagte Thorwald. Ihr erinnert mich, daß ich eben eine lächerliche Frage gethan habe, die aber mit vielen andern, bedeutungslosen so gäng und gebe geworden ist, daß man sich ihresgleichen kaum abwehren kann. Auf die That kommt es an. Denn natürlich müßt ihr die Reise wenigstens lieber vornehmen, als Alles andre, was Ihr in diesem Augenblick thun könntet, sie zu vermeiden. Ihr hättet ja sonst leichte Wahl.

Mein Sohn, sagte Rudolph, Du hast Dich vielleicht gewundert, daß ich Dich so schnell fortschicke. Und doch denke ich auch wieder, es könne in diesem Entschluß nichts Neues für Dich liegen. Wir haben oft des Abends am Feuer von der Welt geplaudert und meinen ritterlichen Zügen durchhin. Da ist mir öfters aufgefallen, wie es nicht der Wiederschein von der Flamme auf dem Heerde war, wovon Dein Gesicht so wunderhell aufglühte, sondern von einer tiefern, heiligern in Deiner Brust. Zieh hin mit Gott, mache Deinem Namen Ehre, und mir und der Mutter jetzt das Herz nicht zu weich.

Ihr sollt hoffentlich Euern Sohn an mir nicht verkennen, erwiederte Alwin, und die Drei schritten nun schweigend neben einander her, während die Mutter ab und zu ging, dies und jenes besorgend, ihre rothgeweinten Augen unter mancherlei Vorwand abwendend. Man fühlte das Drückende des Abschiedes recht schmerzlich, und sah mit einer Art von Ungeduld nach dem Fenster, ob die Pferde der Reisenden noch nicht da seien. Demungeachtet schrack die Familie zusammen, als sie Roßhufe über den gepflasterten Hof heran kommen hörten. Schnell fort, und glückliche Wiederkehr, sagte Thorwald. Die Mutter wandte sich von ihm, und legte ihr Gesicht an Alwins Brust. Dann erhob sie sich, und indem er vor ihr niederkniete, legte sie die Hände seegnend auf sein Haupt. Rudolph trat auch heran, und es fiel dem Jüngling ein, daß sie an demselben Tische waren, wo sie gestern Abends die Geschichte vom jungen Kunrath gelesen hatten. Wer soll Euch denn nun aus der alten Handschrift vorlesen? fragte er, und die Thränen drangen unaufhaltsam in sein Auge. Ach, rief die Mutter, laut weinend, wer hätte gedacht, das Bild sollte sobald an uns selber wahr werden! Rudolph hielt die Hand vor's Gesicht, und sagte mit gebrochner Stimme: zu Roß, junger Edelmann! Zu Roß!

Als sie schon aus dem Thore waren, blickte Alwin noch einmal um, und sah, wie der alte Knecht den getreuen Waidewuth am Halsbande hielt, der sich vergeblich mühte, seinem jungen Herrn nachzukommen.

Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
13 noyabr 2024
Həcm:
2664 səh. 41 illustrasiyalar
ISBN:
9788027207022
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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