Kitabı oxu: «Aus dem Dunkel»

Şrift:

Friedrich Lotter

Aus dem Dunkel

Wie Juden aus Frankfurt/Oder den Nazis entkamen

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort 1

Vorwort 2

Leben und Sterben im Dritten Reich

Die Kontrahenten. Ignaz Maybaum und Hermann Gerson

Schleichende Entwurzelung. Die Geschwister Neumark

Flucht mit Gestapo-Hilfe. Salo Glass

Rauch und splitterndes Glas. Curtis Cassell

1933. Zwölf Thesen wider den undeutschen Geist

Luftkrieg über China. Gerhard Neumann

Pioniere in Palästina. Die Geschwister Lapidas

Zurück ins Reich. Familie Rosenbaum

Die rettende Ausweisung. Familie Fellert

1935. Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre

Steine und Kamele. Die Familie Fürst

Die Stimme des Tages. Die Brüder Gebhardt

Schwierige Brasilienfahrt. Lilo Holzheim

Die Kinderrepublik. David Meyer

1938. Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben

Keinen Augenblick Reue. Joachim Simon

Der rastlose Architekt. Konrad Wachsmann

Jagd auf Eichmann. Die Brüder Aronheim

1938. Sühneleistung der Juden

Durchbeißen in London. Die Brüder Baruch

Rückkehr im Panzer. Gerd Stein

Vom Zahnarzt zum Butler. Familie Gumpert

Tod im Obstgarten. Familien Hirschberg und Knopf

Der Untergang der 'Patria'. Die Schwestern Naftaniel

Erziehung im Konzentrationslager. Familie Nehab

1939. Über den Einsatz jüdischen Vermögens

Frankfurt wird arisiert. Familien Hirsch und Bendit

Einsam in Schweden. Die Brüder Berlowitz

Zwist im Kibbuz. Die Brüder Chone

Selektion für Palästina. Familie Czerninski

Flucht durch Heirat. Die Geschwister Gordon

Umweg über Südamerika. Familie Katz

Kibbuz ohne Kinder. Familie Pincus

Lehrer und Waffenschmuggler. Werner Segall

1940. Der Madagaskar-Plan

Widerstand in Frankreich. Familie Simon

Bleibende Erinnerung an Sachsenhausen. Heinz Wollmann

Lillygold of London. Familie Meyerheim

Eine Villa für die Partei. Familie Guttstadt

1941. Erlasse zur Judenfrage

Keine Zähne für die Lazarette. Familie Lewek

Der Lateinlehrer. Familie Satz

Die Odyssee. Familie Ufer

Überleben im Keller. Familie Vater

1942. Endlösung

Den Juden eine Stadt. Hans-Werner Heilborn

Diebstahl einer Fabrik. Familie Stein

Bilanz nach einem Kibbuzleben. Karl Stein

Adressen und Lebensdaten

Quellen

Literaturverzeichnis

Impressum neobooks

Vorwort 1

Ein Staat beginnt Minderheiten zu drangsalieren. Die Situation wird lebensbedrohlich. Doch kein Land ist bereit, Flüchtlinge aufzunehmen. Die politische Lage ist gerade angespannt. Die Wirtschaft verträgt jetzt keine Belastung. Die Bevölkerung will keine Migranten. Das Boot ist voll.

In Frankfurt/Oder gab es 1933 etwa 800 Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft. Sie verloren in den folgenden Jahren nacheinander ihre Rechte, ihre Existenzgrundlage, ihre Freiheit, schließlich ihr Leben. Das Problem war nicht, aus Deutschland heraus-, sondern in irgendein anderes Land hineinzukommen. Einigen gelang die Flucht dennoch, allen Widrigkeiten zum Trotz, unter teils abenteuerlichen Umständen.

Mein Vater, der in Frankfurt/Oder aufwuchs, forschte in den 1990er Jahren zur jüdischen Geschichte dieser Stadt. Er hat die Entkommenen in Israel, England, den USA, Australien und Brasilien ausfindig gemacht. Bei seinem Tod 2014 hinterließ er 35 Tonbandkassetten mit Interviews, umfangreiches Archivmaterial und ein Rohmanuskript. Dieses Buch basiert auf den von ihm aufgeschriebenen Erzählungen der Überlebenden.

Verfolgung und Holocaust sind Teil der deutschen Geschichte und den Deutschen damit als Erbe mitgegeben. Nicht im Sinne einer Kollektivschuld, denn schuldig werden kann man nur durch eigene Taten oder Unterlassungen. Doch zumindest als Verpflichtung, die Erinnerung wachzuhalten und Konsequenzen daraus zu ziehen. Nicht für 50 und nicht für 100, sondern vielleicht für 1000 Jahre. So lange, bis Rassismus und Antisemitismus den Menschen in einer fernen Zukunft dermaßen fremd und unvorstellbar geworden sind, dass sie jede Bedeutung verloren haben.

Johann Christian Lotter

Ronneburg 2021

Vorwort 2

Dies ist keine weitere Beschreibung des Holocaust, der Leiden, der Verzweiflung und des Sterbens der Juden in den Vernichtungslagern. Vielmehr geht es um die, die davongekommen sind. Der Verfasser, selbst zwischen 1926 und 1942 in Frankfurt/Oder aufgewachsen, stellte nach der Wende bei ersten Besuchen in seiner früheren Heimatstadt fest, dass dort über die Schicksale der ehemaligen jüdischen Mitbürger so gut wie nichts bekannt war. Im Rahmen der araberfreundlichen Politik der DDR war die Judenverfolgung dort tabuisiert. Die Akten der Synagoge sind verloren, im Stadtarchiv gab es nur spärliche Zeitungsnotizen oder Polizeiakten im NS-Jargon.

Mein Wunsch, den Lebensgeschichten der jüdischen Mitbürger nachzugehen, wurde geweckt durch die Frage nach dem Schicksal von Eugen Berlowitz, einem ehemaligen Klassenkameraden, der 1938 eines Tages verschwunden war. Während die Mitabiturienten des Jahrgangs 1942/43 des Frankfurter Friedrichsgymnasiums - inzwischen über ganz Deutschland verstreut - in jährlichen Treffen zusammenkamen, schien es lange aussichtlos, über den Verbleib des ehemaligen Mitschülers etwas zu erfahren. Erst das 300-jährige Jubiläum des (inzwischen aufgelösten) Gymnasiums 1994 bot unerwartet einen Ansatzpunkt. In der Jubiläumsschrift, zu der zahlreiche ehemalige Schüler Beiträge geliefert hatten, fand sich auch der Erinnerungsbericht eines anderen jüdischen Mitschülers, Zvi Aharoni, dem Sohn des Frankfurter Rechtsanwalts Heinrich Aronheim.

Als langjähriger Agent des israelischen Geheimdienstes, später Privatdetektiv, hatte Aharoni Zugriff auf Informationsquellen, die für andere nicht einfach zugänglich waren. Durch ihn erhielt ich nicht nur Nachricht über das Schicksal des Gesuchten, der den Nazis entkommen und 1992 in Schweden verstorben war. Ich bekam auch Kontakt mit weiteren ehemaligen Mitbürgern in Israel, darunter dem Bruder Eugens, Gad Berlowitz, sowie Ada Brodski, Tochter des Kinderarztes Hermann Neumark, und Heinz Wollmann, Sohn des Schneidermeisters Ignaz Wollmann.

Diesen inzwischen verstorbenen Zeitzeugen habe ich für ihre tätige Mithilfe zu danken, hielten sie doch Verbindungen zu zahlreichen ehemaligen Frankfurtern aufrecht. Deren Adressen teilten sie mit mir und unterstützten mich in jeder Weise bei der Suche. So konnte ich bei meinem nächsten Besuch in Jerusalem die Kontakte ausweiten. Die herzliche Aufnahme und Bereitschaft fast aller Angesprochenen, mir jede Auskunft zu geben, ließ bald den Plan reifen, mit allen in Israel und anderswo noch lebenden ehemaligen Mitbürgern Kontakt aufzunehmen und ihre Lebensläufe festzuhalten.

Wer sich eingehender über das Schicksal der Überlebenden informieren möchte, muss sie soweit möglich selbst aufsuchen und befragen. Zu diesen Erhebungen war es allerdings höch­ste Zeit, denn die hier noch zu ermittelnden Informationen wären aufgrund biologischer Fakten bald unwiderruflich verloren gegangen. Schon im Laufe der Aufarbeitung der Interviews sind inzwischen viele der Mitte der 90er Jahre noch befragten Zeitzeugen verstorben. Immerhin habe ich in Israel noch zahlreiche ehemalige Frankfurter befragen können und wurde über die oft spannenden Umstände ihrer Flucht und ihre sehr unterschiedlichen weiteren Lebensläufe unterrichtet. Dazwischen flog ich auch nach London, wo zehn weitere ehemalige Mitbürger lebten, von denen ich ebenfalls Interviews aufnehmen konnte. Außerdem erhielt ich weitere Adressen und Nachrichten über andere Mitbürger, die in aller Welt, so den USA, in Südamerika oder Australien, verstreut lebten und daher nur brieflich oder telefonisch zu erreichen waren.

Meine Recherchen stützen sich überwiegend auf Berichte der Überlebenden selbst, seltener auf die von deren Kindern. Die direkten Mitteilungen wurden meist auf Band aufgenommen, doch gab es auch Auskünfte durch telefonische Kontakte oder Übersendung von Dokumenten und Disketten. Hinzu kommen Berichte, die von Zeitzeugen schon früher verfasst oder an anderer Stelle bereits veröffentlicht wurden. Dies war vor allem bei der Anlage von „Stolpersteinen“ 2006 in Frankfurt/Oder der Fall, wobei die Zusammenarbeit mit dem hier besonders aktiven Carsten Roman Höft für beide Seiten äußerst ergiebig war.

Alle diese Recherchen erfassten natürlich nur einen Teil der seinerzeit in Frankfurt wohnenden jüdischen Mitbürger. Die aufgenommenen Gespräche sind Erinnerungen an Ereignisse, die viele Jahrzehnte zurückliegen. In Einzelheiten enthalten sie gewiss auch Irrtümer und Widersprüche. Auch waren die Erfahrungshorizonte sehr unterschiedlich. Manche der Betroffenen konnten schon kurz nach der Machtübernahme unter teilweiser Mitnahme des Vermögens, mitunter sogar des Mobiliars emigrieren. Andere erfuhren noch lange bis in die Kriegszeit hinein die sich ständig steigernden Erniedrigungen und Schikanen und retteten schließlich nur das nackte Leben. Doch sie alle waren keine passiv leidenden Opfer, sondern aktiv Handelnde, die ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen.

Abschließend sei hier neben den bereits Genannten all denen gedankt, die durch ihre Mitarbeit das Werk aktiv gefördert und überhaupt erst ermöglicht haben. In diesem Zusammenhang habe ich neben den befragten Überlebenden selbst vor allem Prof. Nicholas de Lange in Cambridge zu danken, der mir seine Veröffentlichung über den Gemeinderabbiner Ignaz Maybaum und eine Auswahl aus dessen Schriften zugänglich machte. Darunter auch die von Maybaums Tochter Alisa Jaffa verfasste Biographie, deren freie Verwendung sie mir dankenswerterweise ebenfalls zugestand. Ganz besonders habe ich auch Frau Ilana Michaeli, der Archivarin im Kibbuz Hasorea zu danken, die mir unbegrenzt Zugang zu den Unterlagen und Dokumenten über die Gründung und Entwicklung Hasoreas und vor allem auch über den Gründer, Hermann Gerson, und andere Persönlichkeiten gewährte. Dank schulde ich auch Andrea Morgenthaler, die mir ihren ausgezeichneten Film “Die Kinder von La Guette“ und Material über die Hilfsorganisation OSE bereitwillig überließ; und natürlich Carsten Roman Höft, der mir im Rahmen der „Stolpersteine“ ausführliche Texte zur freien Benutzung überließ. Gewidmet sei das Buch all denen, die nicht überlebt haben.

Prof. Dr. Friedrich Lotter

Kassel 2009

Leben und Sterben im Dritten Reich

Wer sich mit dem Schicksal von Juden unter dem NS-Regime befasst, kann zur Beschreibung bestimmter Phänomene Begriffe der rassistischen NS-Ideo­logie wie "Jude" als Gegensatz zum "Deutschen", "jüdische Herkunft", "Volljude", "Mischling" oder "Halbjude" kaum vermeiden. Nach aufgeklärtem Verständnis ist dies natürlich ein Unsinn, denn "Jude" bezeichnet die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft, die keinen Gegensatz zum "Deutschen" darstellt und schon gar nicht gemischt, hal­biert oder viergeteilt sein kann. Nach der Nazi-Ideo­logie und deren Blut- und Rassenverständnis weist die Bezeichnung „Jude“ den Betreffenden jedoch ganz unabhängig vom Religionsbekenntnis als Angehörigen einer angeblichen „Rasse“ aus. Deshalb galten auch zur protestantischen oder katholischen Konfession übergetretene Juden für die Nazis weiterhin je nach „Blutsanteil“ als Voll-, Halb- oder Vierteljuden und unterlagen den entsprechenden Gesetzen. Ein „arischer Blutsanteil“ rettete dem Betroffenen vorerst das Leben, sofern nicht andere Beschuldigungen dazu kamen. Sogenannte „Volljuden“ hatten dann eine Chance, in Deutschland zu überleben, wenn der „arische“ Ehepartner trotz oft massivem Druck die Scheidung verweigerte.

Die Existenz von Proselyten (Konvertiten zum Judentum), Konvertiten zum Christentum und "Mischlingen“ ist Zeichen der weitgehenden Assimilation und Integration der Juden in die deutsche Gesellschaft. Auch in Frankfurt lebte eine ganze Anzahl Juden in "Mischehen", wo also die Ehepartner aus christlichen Familien stammten und ein Ehepartner mitunter zur Religion des anderen, zur christlichen oder jüdischen, übergetreten war. Die Kinder aus „gemischten“ Ehen wussten oft nichts von ihrer jüdischen Herkunft. Dennoch galten sie als "Mischlinge" und waren den sich ständig steigernden gesetzlichen Einschränkungen unterworfen.

Es gibt kaum einen Zweifel, dass man gegen Kriegsende auch die Ermordung der sogenannten „Mischlinge ersten Grades“ plante. Bis dahin wurden sie wegen der „arischen Blutbeimischung“ noch geschont. Kinder aus gemischten Ehen, die der jüdischen Religionsgemeinschaft angehörten, die sogenannten „Geltungsjuden“, standen eine Stufe unter den christlichen "Mischlingen". Außer den Proselyten gab es auch nicht wenige Juden, die keiner Gemeinde angehörten und, ohne getauft zu sein, sich selbst nicht mehr als jüdisch betrachteten. Ihre Kinder, ihrer Herkunft oft nicht bewusst, galten jedoch ebenfalls als „Volljuden“.

Ich bitte also stets bei diesen Begriffen sich die Anführungsstriche, falls sie fehlen sollten, und den inneren Vorbehalt dazu zu denken. Die erwähnten Umstände erklären auch, dass die für die NS-Zeit angegebenen Zahlen der Juden in Frankfurt schwanken, je nachdem, ob nur die Listen der jüdischen Gemeinde­mitglieder zu Grunde gelegt werden, oder ob alle Personen mit jüdischer Familiengeschichte, nichtjüdi­sche zum Judentum übergetretene Ehepartner und "Mischlinge" einbezogen wurden oder nicht. So erklärt es sich wohl, dass schon die Zahl der für Anfang 1933 in Frankfurt festgestellten Juden zwischen 568 und rund 800 schwankt.

Genauere Daten ergibt kurz vor Kriegsbeginn die Volkszählung vom Mai 19391. Sie unterscheidet zwischen Voll-, Halb- und Vierteljuden ohne Rücksicht auf die jeweilige Konfession. Insgesamt zählt sie nur noch 298 Personen auf, von denen 126 „Mischlinge“ und 172 „Volljuden“ sind, also drei oder vier jüdische Großeltern hatten. Da die Zahl der "Volljuden" 1933 gewiss 600 überstieg, ist zu folgern, dass die Hälfte von ihnen Frankfurt schon vor dem Krieg verlassen hatte. Allerdings konnten nur die wenigsten ins Ausland emigrieren. Viele siedelten nach Berlin über, wo sie sich in der Anonymität der Großstadt sicherer fühlten. Deutsche Juden, die in die Niederlande, Frankreich oder andere im Krieg später besetzte Gebie­te geflohen waren, fielen später wieder in die Hände der Gestapo. Andererseits konnten Juden unter bestimmten Voraussetzungen noch bis in die ersten Kriegsjahre emigrieren oder fliehen, so dass auch einige der 1939 in Frankfurt lebenden Juden noch bis 1941, teilweise - sicherlich durch massive Bestechung – sogar noch 1942 außer Landes gelangten.

Tatsächlich war die Politik der Nazis vor 1941 darauf gerichtet, die Juden durch Nötigung zur Emigration aus Deutschland zu entfernen. Dies gelang nicht, denn praktisch alle Länder hatten sich mit Einreisesperren oder -Beschränkungen gegen jüdische Flüchtlinge abgeschottet. Um die Wende 1941/1942 wurde schließlich mit dem Verbot der Auswanderung die physische Vernichtung der Juden zur „Endlösung“. Die Zahl der „Volljuden“, die durch den nichtjüdischen Ehepartner geschützt waren - falls er sich nicht scheiden ließ - betrug bei Kriegsende in Frankfurt noch 19 Personen. Bekannt ist das Schicksal der Ärztin Dr. Lilly Jahn, die durch Heirat mit dem „arischen“ Dr. Ernst Jahn, mit dem sie fünf Kinder hatte, in Immenhausen bei Kassel in einer privilegierten „Mischehe“ lebte. Nachdem sich ihr Mann 1942 von ihr getrennt hatte, wurde sie aus dem Ort vertrieben, schließlich nach Auschwitz deportiert und 1944 ermordet.

Die Aufgliederung der Frankfurter Liste vom Mai 1939 nach Altersstufen führt zu auffälligen Ergebnissen. Von den 126 Mischlingen sind 67 jünger als 26 Jahre, von 178 Volljuden aber nur noch elf. Das bedeutet, dass in Frankfurt schon vor Kriegsausbruch eine große Zahl „rein“ jüdischer Kinder und Jugendlichen außer Landes gebracht worden war. Für die Aufgliederung nach Berufen geben ebenfalls Listen Auskunft, die von der Stadtverwaltung herausgegeben wurden, um die jährliche Abnahme jüdisch geführter Geschäfte zu dokumentieren. Sie sind heute noch im Stadtarchiv zu finden. Die früheste mir zugängliche stammt aus dem Jahre 1935. Um die Gesamtzahl jüdischer Geschäfte und Betriebe Anfang 1933 festzustellen, bedarf diese Liste sicher der Ergänzung, da die bereits angelaufene Auswanderung und die "Arisierung" die Zahl der jüdischen Geschäfte, Betriebe und Praxen inzwischen vermindert hatte und laufend weiter verminderte. Beispielsweise war die Zahl der jüdischen Apotheker schon von sieben auf drei zurückgegangen. Die korrigierte Liste ergibt mit dem vorläufigen Stand der Ergänzungen 135 Berufszuordnungen, davon Akademikerberufe 24; praktische Ärzte 7; Zahnärzte 2; Apotheker 7; Rechtsanwälte 8; Kultus und Loge 8; Fabrikbesitzer 4; Handwerker 9; Handel 77, davon Konfektion und Bekleidung 34; Lebensmittel 7; Kleinhandel 11; Angestellte 8; Kreditwesen 4. Diese Liste lässt bereits erkennen, dass jüdische Mitbürger das Wirtschaftsleben Frankfurts ganz entschei­dend mitgetragen haben, ebenso wie sie in öffentlichen Dienstleistungsberufen etwa als Ärzte, Apotheker, Rechtsanwälte hohes Ansehen genossen.

Wenn man den Prozentsatz der Juden von weniger als 1% innerhalb der Stadtbevölkerung mit dem ihrer Vertretung innerhalb bestimmter Berufe vergleicht, bestätigt die Liste auch, dass sie in bestimmten Berufszweigen stark überre­präsentiert waren. Eine derartige Aussage setzt freilich vor­aus, dass Juden innerhalb der deutschen Nation als eine Sondergruppe betrachtet werden, eine Vorstellung, die zwar von Antisemiten ebenso wie auch von Zionisten vertreten wurde, die aber nicht der Wirklichkeit vor der Machtergreifung Hitlers und erst recht nicht der vor dem 1. Weltkrieg entsprach. Allerdings gab es schon in den 1920er Jahren in Deutschland Bestrebungen des Hechaluz, der weltweiten zionistischen Jugendorganisation, durch die Hachscha­­­ra, der landwirtschaftlichen Ausbildung im Hinblick auf spätere Einwanderung nach Palästina, die Berufsgliederung an die der nichtjüdischen Bevölkerung stärker anzupassen und Juden einen Zugang zu handwerklichen und bäuerlichen Berufen zu öffnen.

Aufschlussreich ist auch die Herkunft der Frankfurter Juden. Ein beachtlicher Teil der jüdischen Familien Frankfurts, insbesondere der in akademischen Berufen, ist erst unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg aus den an Polen abgetretenen Teilen der Provinzen Posen und Westpreußen zugewandert, weil sie für das Deutschtum votierten und nicht Polen werden wollten. Neben dieser Gruppe der aus den polnisch gewordenen Ostprovinzen zugewanderten jüdischen Deutschen gab es die eigentlichen "Ostjuden", die während des ersten Weltkriegs oder danach aus Polen und Russland einwanderten. Zu ihnen gehören auch eine Anzahl russisch-jüdischer Kriegsgefangener, die sich nach ihrer Entlassung in Frankfurt niederließen. Die Ostjuden waren eher orthodox, während die große Mehrheit der Frankfurter Juden wie überall in Deutschland, soweit sie überhaupt ihre jüdische Identität wahrten, der liberal-reformerischen Richtung zuzurechnen sind.

Harry Lapidoth, Sohn des Kultusbeamten, schildert anschaulich, wie die hohen Fest­tage in der Synagoge als gesellschaftliche Veranstaltungen begangen wurden. Die Damen kamen in großer Toilette, die Herren mit Zylinder. Der äußere Eindruck dürfte diese Gesellschaft kaum von der der deutschen gehobenen Mittelschicht unterschieden haben, wenn man von der in Frankfurt stark vertretenen militärischen Komponente absieht.

In diesem Zusammenhang verdienen die Juden aus Posen/Westpreußen besondere Aufmerksamkeit. Von dort kamen die Frankfurter Familien Aronheim, Baruch, Glass, Gumpert, Hirschberg, Naftaniel, Nehab, und Neumark. Die Familienväter waren häufig Akademiker und hatten vor allem in der Provinz und der Stadt Posen, wo neben der deutschen Beamtenschaft und dem Militär einheimische Deutsche nur eine kleine Minderheit darstellten, das deutsche Bürgertum vertreten. Besonders aufschlussreich sind die hier in Auszügen veröffentlichten Jugenderinnerungen des Frankfurter Rechtsanwalts Leo Nehab, der besonders lebendig die Lebensumstände in Posen während des Kaiserreichs beschreibt. Er schildert zugleich die Entwicklung einer jüdischen Familie vom streng orthodoxen hin zum liberalem Judentum, dann vom Judentum zum national bewussten Deutschtum, aus einer Kaufmannsfamilie hin zum Akademikerstand. In Posen wäre es um die Jahrhundertwende undenkbar gewesen, die Juden als eigenen Bevölkerungsteil abzuheben. Sie waren Deutsche und wollten nur dies sein. Ihr Judentum war für die meisten eine „Konfession“, deren Abstand vom Christentum ihnen nicht größer erschien als der zwischen Katholiken und Protestanten. Die Juden hatten als der wirtschaftlich tragende Teil der Bevölkerung bei dem in Preußen geltenden Dreiklassenwahlrecht maßgebenden Einfluss im Wahlkörper und Stadtrat, die Stadtverordnetenvorsteher waren fast durchweg Juden. Auch der Oberbürgermeister war jüdischer Herkunft, wenn auch getauft, denn das war immer noch die Voraussetzung, um ein solches Amt ausüben zu können.

Leo Nehab beschreibt auch die Faszination, die das in Posen stark vertretene Militär auf die heranwachsende jüdische Jugend ausübte. Das gleiche geht aus dem Bericht des letzten Synagogendieners Salo Glass hervor, der aus der Provinz Posen stammt. Im Jahr 1995 93-jährig und erblindet, beginnt er seinen von den Töchtern auf Diskette vermittelten Bericht mit der Feststellung, dass Posen zu dem angesehenen V. Armeekorps gehörte, sein Vater dort bei den Grünen Jägern, sein Onkel in Danzig bei den Schwarzen Husa­ren diente. Derselbe Glass schildert, wie er nach der Pogromnacht von einem Gestapo-Kommissar beauftragt wurde, Juden, die Selbstmord begangen hatten, abzuholen und beizusetzen. Darunter war ein ehemaliger Feldwebel des kaiserlichen Garderegiments, der sich die Uniform angezogen, seine Orden, EK I und II, angelegt und sich erschossen hatte. Ich glaube, nichts belegt deutlicher als dieser Vorgang den absoluten Bruch zwischen der Stellung der Juden im deutschen Kaiserreich und der NS-Epoche. Natürlich gab es auch in Frankfurt eine Ortsgruppe des "Bundes jüdischer Frontsoldaten" mit einer entsprechenden Jugendorganisation.

Kurz nach der Machtergreifung, spätestens mit dem Boykott vom 1. April 1933, begann die Drangsalierung der Juden, die in der Folge ständig zunahm. Besonders aufschlussreich sind die von Gerda Stein beschriebenen Machenschaften, mit denen die Nazis die Enteignung der Fabrik ihres Vaters in Drossen betrieben. Ein neues Stadium erreichte die Judenverfolgung in der Nacht vom 9./10. November mit den Ereignissen, die als "Reichspogromnacht" bzw. damals „Kristallnacht“ in die Geschichte und in die Erinnerung der noch lebenden Juden eingegangen sind. Es ist übrigens nicht richtig, diese Bezeichnung als verharmlosende Sprachregelung der Nazis zu werten. Eher lässt sie auf den makabren Humor der Berliner Bevölkerung schließen und dürfte von dort her auch von den betroffenen Juden übernommen worden sein. Die Synagoge wurde in Brand gesteckt, die jüdischen Geschäfte geplündert und zerstört, die jüdischen Familienväter in der Nacht verhaftet und bald darauf ins KZ Sachsenhausen eingeliefert, wo sie, wie in einigen der hier veröffentlichten Schilderungen beschrieben, unsäglichen Schikanen und Quälereien ausgesetzt wurden. Offensichtlich waren die Nazis mit dem Verlauf der jüdischen Auswanderung aus Deutschland nicht zufrieden und wollten diese durch die Verfolgung beschleunigen. Obwohl auch eine Anzahl von Morden zu verzeichnen ist, stand der Massenmord noch nicht auf dem Programm. Bekannt ist auch die über den wirtschaftlichen Schaden empörte Reaktion von Hermann Göring.

Noch in Frankfurt wurden einige jüdische Kaufleute wie Max Berlowitz nach Hause geschickt, um ihr zerstörtes Geschäft aufzuräumen und wiederherzustellen, offenbar um den verheerenden Eindruck der zerstörten Geschäfte nach außen zu beseitigen. Entlassungen aus Sachsenhausen erfolgten unter der Bedingung, dass die Ausreiseformalitäten geregelt waren. Dies war aber in vielen Fällen unmöglich geworden, nicht nur, weil es praktisch kaum noch Aufnahmeländer und damit Visen gab, sondern auch, weil die Juden durch Berufsverbot, Plünderung, Vermögenssperre und Enteignung gar nicht mehr die Mittel besaßen, die für eine Einwanderung nach Palästina und für die Bestechung der Konsulatsbeamten erforderlich waren.

Während England mit dem Palästina-Weißbuch die Einwanderung in das Mandatsgebiet Palästina ebenso wie nach England massiv erschwert hatte, beschloss das englische Parlament unter dem Eindruck der Kristallnacht immerhin, 10000 jüdische Kinder aus dem damaligen Deutschland mit Österreich und Deutsch-Böhmen in England aufzunehmen2. In Frankreich startete die Baronin Germaine de Rothschild und die OSE in kleinerem Rahmen ähnliche Aktionen3. So kam es innerhalb eines knappen Jahres zu einer neuen Ausreisewelle von minderjährigen Kindern, von denen damals auch in Frankfurt die meisten noch Verbliebenen von ihren Eltern in die Fremde geschickt wurden. Was es bedeutet, dass Eltern in dieser Existenznot sich von Kindern dieses Alters trennen und sie in eine ungewisse Zukunft schicken mussten, kann ein Außenstehender wohl kaum ermessen. In England gab es bei weitem nicht genug jüdische Familien, die imstande und bereit waren, diese Kinder aufzunehmen. So kamen sie häufig in christliche Familien, die teilweise strenggläubig waren - Pietisten, Baptisten, Methodisten, Quäker – und sich bemühten, sie taufen zu lassen. Bei den Jüngeren hatten sie oft Erfolg, die Älteren wurden jedoch in einen fast unerträglichen Zwiespalt versetzt. Hilde Naftaniel beschreibt, wie sie als zwölfjähriges Mädchen nach England kam und bei einem strenggläubigen, aber auch herzensguten Ehepaar eine neue Heimat fand. Hier wurde sie christlich erzogen und musste sich schließlich das Recht erkämpfen, in die Synagoge gehen zu dürfen. Auch der Synagogendiener Glass musste seine beiden Töchter, Ruth und Margot, mit verschiedenen Kindertransporten noch im Frühjahr und Sommer 1939 nach England schicken, da er sie auf seinem eigenen illegalen Palästinatransport nicht mitnehmen konnte. Abraham Baruch konnte alle seine Kinder, fünf an der Zahl, noch 1939 nach England schicken, und schließlich gelang es diesen, auch die Eltern noch herüberzuholen.

Das schwere Schicksal der von der Baronin Rothschild in Frankreich aufgenommenen Kinder schildert der ehemalige Frankfurter David Meyer sowie der Fernsehfilm „Die Reise der Kinder von La Guette“ von Andrea Mogenthaler. Mit der deutschen Besetzung Belgiens und Frankreichs wurden auch diese Kinder wieder dem Zugriff des Nazistaates ausgesetzt, entweder unmittelbar im deutschbesetzten Teil Frankreichs, aber auch im „freien“ Vichy-Frankreich, wo die französische Polizei kaum weniger rigoros den Transporten in die Vernichtungslager zuarbeitete. Die im Untergrund arbeitende OSE und christliche Organisationen bemühten sich, die elternlosen Kinder zu retten.

Die Stellung der sogenannten "Ostjuden" war doppelt schwierig, weil sie nicht nur dem Antisemitismus von deutscher Seite in besonderem Maße ausgesetzt waren, sondern auch von den assimilierten deutschen Juden abgelehnt wurden, ja ihnen vielfach die Schuld am Antisemitismus zugeschrieben wurde. Der Gegensatz zwischen „deutschen“ und Ostjuden hat allerdings in der jüngeren Generation keine große Rolle mehr gespielt. Hier war es eher so, dass unter dem Einfluss zionistischer Ideen die deutschen Juden gegenüber den Ostjuden gewisse Minderwertigkeitskomplexe entwickelten, da diese die jüdische Tradition weit besser bewahrt hatten als sie.

Wie tüchtig diese Ostjuden tatsächlich waren, zeigt das Beispiel des Schneidermeisters Wollmann. Er stammte aus einer jüdischen Familie in Minsk, in der zu Hause, wie dies in bürgerlichen jüdischen Familien Russlands anscheinend nicht selten der Fall war, deutsch gesprochen wurde. Im ersten Weltkrieg gelangte er als russischer Kriegsgefangener nach Frankfurt. Nach seiner vorzeitigen Entlassung blieb er wie auch andere russisch-jüdische Kriegsgefangene in Frankfurt und kam hier mit einer Schneiderei zu Erfolg und Reichtum. Seine Bemühungen um die deutsche Staatsbürgerschaft wurden freilich trotz bester Gutachten und Fürsprache durch angesehene Persönlichkeiten nach über einem Jahrzehnt dauernder Verzögerung 1932 abschlägig beschieden. Dies kann als ein Zeichen eines beginnenden Antisemitismus in der damaligen Beamtenschaft gewertet werden.

Allerdings bestätigen praktisch alle Aussagen der älteren Frankfurter Juden, dass bis zur Machtergreifung, jedenfalls im Umgang der Menschen miteinander, von Antisemitismus in Frankfurt wenig zu spüren war. Den jüdischen Ärzten fehlte es nicht an Patienten, den Rechtsanwälten nicht an Klienten, den Kaufleuten nicht an Kunden. Der Kinderarzt Neumark betreute die Säuglingsstation des Stadtkrankenhauses, der Zahnarzt Gumpert die umfangreiche Garnison, Offiziere gingen bei ihm ein und aus. Das änderte aber nichts daran, dass der von der Nazipartei propagierte Antisemitismus 1933 bei einem Teil der Bevölkerung sofort auf fruchtbaren Boden fiel. Neben den Gestapo-Beamten und der SA waren es häufig die Lehrer an den Schulen, vor allem aber Kinder und Jugendliche und deren Eltern, die sich nun antisemitische Ausfälle erlaubten: "Ich darf mit Dir nicht mehr spielen, Du bist Jude!" Gerda Stein erzählt, wie sie in der Schule mit steingefüllten Schneebällen beworfen wurde, doch ein Mitschüler vermittelt habe: "Lass die, die ist nur eine Halbe!" Der Knirps wusste also, dass sie nur „Halbjüdin“ war.

Mit den sich ständig verschlechternden Lebensumständen in Frankfurt wurde schon 1933 der Besuch von Universitäten für Juden wegen ihrer „Überrepräsentation“ erschwert. Leo Lapidas studierte in Berlin an der Humboldt-Universität. Im Juli 1933 entschied die Universität nach Begutachtung eines umfangreichen Fragebogens: "Gegen ein Weiterstudieren bestehen keine Bedenken, da der Vater als Frontkämpfer anzusehen ist". Dennoch musste Lapidas die Universität bald darauf verlassen, da er, wie er schildert, in der dort herrschenden antisemitischen Atmosphäre kaum atmen, geschweige denn studieren konnte.

Viele jüdische Kinder wurden bereits 1935 von den höheren Schulen verwiesen, denn im Gefolge der Nürnberger Gesetze wurde per Numerus Clausus der Anteil der Juden in den Gymnasien dem an der Gesamtbevölkerung angeglichen. So musste Jachin Simon 1935 das Friedrichsgymnasium verlassen, obwohl der Direktor den Verlust des begabten Schülers bedauerte. Auch im Verkehr der Erwachsenen änderte sich viel, bei Ärzten, Rechtsanwälten, Geschäftsleuten nahm die Zahl der Kunden ab. Nachbarn und frühere Freunde wechselten bei Begegnungen auf die andere Straßenseite. Der Boykott am 1. April 1933 traf alle schwer. Dr. Benno Baswitz, Angehöriger einer seit Jahrhunderten in Frankfurt ansässigen Druckerfamilie, und ein Kaufleuteehepaar nahmen sich damals schon das Leben. Der beliebte Zahnarzt Gumpert wurde von SA-Leuten gezwungen, das mit Farbe auf den Bürgersteig vor seinem Haus geschmierte Wort "Jude" auf den Knien zu beseitigen.

Dennoch gibt es auch zahlreiche Gegenbeispiele. Ada Neumark betont, dass sie, solange sie das Lyzeum besuchte, bis 1938 von keiner ihrer Klassenkameradinnen jemals ein beleidigendes Wort gehört habe, einige sie auch nach wie vor zu Hause besuchten, gemeinsam Schul­arbeiten machten, Bücher tauschten oder Kanons sangen. Nicht nur unter der Bevölkerung, sondern auch unter Beamten und auch der Polizei und sogar der SA gab es immer wieder Beispiele von Sympathie oder gar Freund­schaft mit und Hilfsbereitschaft für Juden. So wurde der Synagogendiener Salo Glass noch einige Zeit vor der Kristallnacht von einem SA-Sturmführer zusammen mit SA- und SS-Leuten zu dessen 50. Geburtstag eingeladen. Leo Nehab betont, dass die Verhafteten nach der Kristallnacht im Frankfurter Gefängnis von den dort tätigen Beam­ten, meist älteren Leuten mit preußischer Tradition, freundlich behandelt wurden, ein absoluter Gegensatz zu dem schrecklichen Empfang in Sachsenhausen. Als Arnold Naftaniel Betrieb und Haus in der Dammvorstadt eingebüßt hatte, zur Zwangsarbeit rekrutiert war und seine beschränkten Lebensmittelrationen kaum noch zum Leben ausreichten, kamen seine früheren Arbeiter nachts in seine Wohnung und versorgten ihn.

Immer wieder berichten die Überlebenden von ihren Eltern, dass diese entschieden antizionistisch und meist deutschnational oder nationalliberal eingestellt waren. Die Väter waren stolz auf ihre Kriegsauszeichnungen und vertraten die Ansicht, die Judenhetze meine nicht sie, sondern nur die Ostjuden, und Hitler sei ohnehin nur eine Episode. Besonders tragisch ist die Schilderung von Ruth Naftaniel über ihre Eltern. Trotz aller schlimmen Erfahrungen, Berufsverbot, Hausenteignung, Plünderungen, Verhaftungen und Rekrutierung zu Zwangsarbeit fühlte sich ihr Vater noch immer als Deutscher, dem dies alles eigentlich nicht galt. Obwohl ihn seine Frau und seine bereits ausgewanderte Schwester beschworen, Deutschland sofort zu verlassen, weigerte er sich, bis es zu spät war. So zog er auch seine Frau mit ins Verderben.

In der Regel waren es die Frauen, die ihre Männer dazu bewogen, zunächst die Kinder in Sicherheit zu bringen und dann auch selbst endlich die Konsequenzen zu ziehen. Den jüdischen Familienvätern war der Zionismus und der Gedanke an eine jüdische Zukunft in Palästina 1933 weitgehend fremd. Auch die Frankfurter Rabbiner, Maybaum ebenso wie Cassell, standen dem Zionismus kritisch gegenüber und sahen die jüdische Zukunft weiterhin in der Diaspora. Immerhin haben Vertreter der jüdischen Gemeinde die Eltern schon früh zu überzeugen versucht, ihre Kinder ins Ausland zu schicken. Tatsächlich erkannten viele Familien schon 1933, spätestens nach den Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte am 1. April, dass es ratsam sei, ältere Kinder mit abgeschlossener Berufsausbildung nach Palästina zu schicken. So kam es schon 1933 zu einer ersten Auswanderungswelle, an der nicht nur die wenigen Zionisten beteiligt waren.

Zu den Zionisten der ersten Stunde gehörte der Rechtsanwalt Hirschberg vom Wilhelmsplatz. Er hatte sich 1919 in Frankfurt als Anwalt und Notar niedergelassen, gehörte der orthodoxen Synagoge an und besaß ein großes Villengrundstück mit Garten und Gärtner am Buschmühlenweg. Obwohl er als Kriegsversehrter des ersten Weltkriegs mit EK noch gewisse Rechte besaß, gab er bereits 1933 das Notariat auf, verkaufte sein Grundstück und wanderte bereits im August nach Palästina aus. Dort baute er sich ein neues Leben als Farmer in Pardes Hannah in der Scharon-Ebene zwischen Tel Aviv und Haifa auf.

Pardes Hannah ist eine typische Rothschild-Siedlung, 1929 gegründet. Pardes bedeutet Zitrusplantage, Hannah ist der Name einer Nichte des französischen Barons Edmond de Rothschild, dem großen Förderer der ersten Alijah (Einwanderungswelle) zwischen 1881 und 1896. Aufgrund der autoritären Führung durch französische Agrarexperten wurde das auch wegen seiner Monokulturen umstrittene Unternehmen um 1900 von der ICA, später PICA (Palestine Jewish Colonisation Association) übernommen. Sie kaufte Land in großem Rahmen und verkaufte es weiter an jüdische Siedler. Die von ihr gegründeten Siedlungen trugen oft Namen von Angehörigen der Rothschildfamilie. Hier erwarb Hirschberg bewässertes Land und verwandelte sich vom Rechtsanwalt in einen Plantagenbesitzer. Sein Sohn Michael Hirschberg, der 1933 in Frankfurt noch die Sexta des Friedrichsgymnasiums besucht hat, baute hier bis vor wenigen Jahren noch Avocados und Zitrusfrüchte an.

Diese Fälle der Emigration wurden durch "Kapitalisten-Zer­ti­fikate" ermöglicht, wobei der Einwanderer den Besitz eines Vorzeigegeldes in Höhe von 1000 Palästina-Pfund nachweisen musste. Von deutscher Seite wurde diese Form der Auswanderung durch das im August 1933 abgeschlossene Haavara-Abkommen zwischen der Jewish Agency, der zionistischen Vereinigung für Deutschland und dem Reichswirtschaftsministerium unterstützt4. Danach konnten die Auswanderer einen Großteil ihres Vermögens über Clearingstellen transferieren. Damals war die NS-Regie­rung vor allem an der Auswanderung der Juden interessiert, diese Politik wurde bis zum Kriegsbeginn verfolgt. Die transferierten Gelder wur­­den durch entsprechende Wareneinkäufe palästinensischer Importeure in Deutschland ausgeglichen. So wurde ebenso die deutsche Wirtschaft durch Exportlieferungen wie die Wirtschaft des Jischuw, der jüdischen Siedlung in Palästina, durch den Transfer beachtlicher Vermögen gefördert.

Für diejenigen, die keine Mittel besaßen, bestand die Möglichkeit der Auswanderung durch den Erwerb von Zertifikaten für Handwerker und Arbeiter. Dies erforderte den Nachweis entsprechender Ausbildung. Diese wurde wiederum vom Hechaluz, dem zionistischen Pionierverband durch den großzügigen Ausbau des Systems von Hachschara-Betrieben ermöglicht, in denen die jüdische Jugend in landwirtschaftlichen und handwerklichen Berufen ausgebildet wurde. Dass der größte Teil der jüdischen Jugendlichen (über 18 Jahren) aus Frankfurt durch Absolvierung der Hachschara noch vor Kriegsbeginn gerettet werden konnte, ist vor allem der Tätigkeit des deutsch-jüdischen Wanderbundes "Die Kameraden" bzw. dem aus ihnen hervorgegangenen zionistischen Jugendbund "Werkleute" und ihrem aus Frankfurt stammenden Leiter, Hermann Gerson zu verdanken5.

Die "Kameraden", später die "Werkleute" waren durch Gerson die Organisation, die in Frankfurt einen Großteil der jüdischen Jugend nicht nur auffing und organisierte, sondern auch aus der bürgerlich-natio­nal­deutschen Haltung ihrer Eltern löste und zum Judentum zurückführte. Jeden Sonntag ging es fort vom Elternhaus zur Fahrt, in der Woche fanden Heimabende statt. Die Werkleute gingen auch eifrig zum Hebräischunterricht, den in Frankfurt der Rabbiner Ignaz Maybaum erteilte. Anfangs ging es nur darum, innerhalb Deutschlands eine landwirtschaftliche Siedlung zu errichten. Erst 1933 wurde auf Gersons Initiative hin der Beschluss gefasst, nunmehr einen Kibbuz, also eine landwirtschaftliche Kollektivsiedlung, in Erez Israel, in Palästina selbst, zu gründen. Gerson wusste, dass die städtische Jugend nicht ohne vorherige Schulung ein solches Experiment wagen konnte. Deshalb wurde ein ganzes System geschaffen, um möglichst schnell die Jugendlichen auf ihre neuen Aufgaben vorzubereiten. Die vom Hechaluz bereits eingerichteten Hachschara-lager wurden nun auch von den Werkleuten in Anspruch genommen.

Durch diese Lager ist auch ein Teil der heute in Israel lebenden ehemaligen Frankfurter gegangen. Es waren Güter wie etwa das Rittergut des jüdischen Verlegers Schocken in Winkel bei Fürstenwalde oder Schniebinchen-Jessen bei Sommerfeld, wo die Jugendlichen meist halbtägig in der Landwirtschaft arbeiteten, um nachmittags und abends dann in Schulungskursen mit der hebräischen Sprache, Geographie Palästinas, jüdischer Geschichte und Religion vertraut gemacht zu werden. Vielfach leisteten die Jugendlichen auch bei Bauern der Umgebung schwere und schlecht bezahlte Arbeit. Neben den Lagern für landwirtschaftliche Ausbildung gab es auch die städtische Einrichtung des Beth Chaluz, des Pionierhauses. Dies waren Wohnungen, in denen die Jugendlichen ähnlich wie in den späteren Kommunen lebten, allerdings strikt nach Geschlechtern getrennt. Tagsüber gingen sie zur Ausbildung bzw. zur Arbeit, die Jungen meist in Handwerksbetriebe, die Mädchen in Kinder- und Säuglingsheime, Krankenhäuser oder Hauswirtschaftsschulen. Nach der Arbeit waren auch hier Unterrichtsstunden vorgesehen. Für den, der die strenge Disziplin und die Strapazen der Hachschara-Lager nicht ertragen konnte oder wollte, bot sich auch die Möglichkeit, in „Einzelhachschara“ bei einem Bauern oder Handwerker sich ausbilden zu lassen. So verließ etwa Eugen Berlowitz das Lager in Schniebinchen und ging nach Dänemark, wo er bei einem Bauern arbeitete, bis der drohende Zugriff der Gestapo ihn wie die meisten anderen in Dänemark befindlichen Juden in Schweden Zuflucht suchen ließ.

Gerson jedoch wollte nicht warten, bis alle „Werkleute“ durch die Hachscharalager geschult ausreisen konnten. Die ersten "Werkleute" waren 1933 schon bereit, sofort nach Palästina zu gehen. Gerson organisierte es, dass diese die Hachschara im Lande selbst in dort bereits bestehenden Kibbuzim absolvieren konnten. Er bestimmte im Übrigen, dass auch die in Deutschland Ausgebildeten erst in befreundeten Kibbuzim sich an die Bedingungen der Arbeit im Lande gewöhnen, vor allem auch lernen sollten, sich schon hebräisch zu verständigen, bevor die Gründung eines eigenen Kibbuz eingeleitet wurde. Zu den ersten Werkleuten, die mit der Jugend-Alijah schon im Oktober 1933 nach Palästina gingen, gehörte Ernst Nehab, Sohn des uns bereits bekannten Rechtsanwalts. In seinen Berichten schildert er anschaulich die schwie­rige Eingewöhnung in das Kibbuzleben.

Man muss sich in der Tat vorstellen, wie schwer es den oft verwöhnten Kindern großbürgerlicher Familien fiel, die zuhause an Kindermädchen, Köchin und Chauffeur gewöhnt waren, sich nun an das raue Leben, die schwere Arbeit und das ungewohnte Klima in Palästina anzupassen. Im Gegensatz zu den Ostjuden und anderen Gruppen von Einwanderern gab es in Palästina noch kein Netz von einheimischen deut­schen Juden, welches die Neuankömmlinge auffangen und mit den Gegebenheiten einigermaßen vertraut machen konnte. Bis 1933 hatten sich nur etwa 2000 deutsche Juden in Palästina niedergelassen, viel zu wenig, um den Scharen der Neuankömmlinge eine Stütze sein zu können.

Diese waren vielmehr auf die Ostjuden angewiesen, die den Stamm der Kibbuzniks, der Kibbuzgründer ausmachten. Sie sprachen jiddisch in verschiedenen Dialekten oder hebräisch, was die Deutschen entweder nur mit Mühe oder gar nicht verstanden. Schon von der Herkunft her war die Mentalität eine ganz andere, sie kamen aus dem städtischen oder ländlichem Proletariat Osteuropas und begegneten den bürgerlichen deutschen Juden zumeist mit Herablassung. Dass diese dennoch die schwere und ungewohnte Arbeit der Urbarmachung meist unkultivierten oder versumpften Landes unter unbeschreiblich schwierigen Bedingungen gemeistert und eine staunenswerte Aufbauarbeit geleistet haben, hat sie mit Recht stolz gemacht. Dies betrifft nicht nur die Männer, die jungen Frauen sahen sich den gleichen Anforderungen gegenüber.

Was hier geleistet wurde, erkennt jeder, der heute den von den "Werkleuten" 1936 gegründeten Kibbuz Hasorea im westlichen Jesreel-Tal südöstlich von Haifa besucht. Als die Werkleute hier ankamen, gab es keinen Baum, nur Steine, Geröll und Morast. Sechzig Jahre später ist eine parkähnliche Anlage mit hübschen Einfamilienhäusern, Schwimmbad und blitzsauberen Gemeinschaftshäusern entstanden. Der Stolz auf das Geleistete glich den nach herkömmlichen Maßstäben sozialen Abstieg der Einwanderer aus. Doch waren die Maßstäbe der israelischen Gesellschaft andere. Auch die Arbeiter, die Kibbuzniks, wahrten und wahren dort stets ein kulturelles Niveau, das Standesunterschiede einebnet.

Überraschend ist die Zahl der Frankfurter Juden, die nach ihrer Emigration außergewöhnliche Karrieren machten. Der Frankfurter Rechtsanwalt Heinrich Aronheim, mit der größten Kanzlei in Frankfurt, war Zionist und hatte schon früh ein Grundstück in Palästina erworben. Er nahm seinen ältesten Sohn, den vierzehnjährigen Hans Josef schon 1933 aus dem Friedrichsgymnasium und schickte ihn nach Palästina, wo er die Schule fortsetzen konnte. Während der arabischen Unruhen errictete dieser 1938 mit andern Studenten deutsch-jüdischer Herkunft eine Turm-und-Palisaden-Siedlung6, das Kibbuz Alonim in Westgaliläa. Diese Siedlungen wurden in einer Nacht aus Fertigteilen mit Wachtturm und Pallisade erbaut, um arabischen Angriffen oder englischen Maßnahmen zuvorzukommen. Hans besuchte dann die hebräische Universität in Jerusalem und wurde als Jochanan Aharoni ein berühmter Archäologe, Direktor des archäologischen Instituts der 1956 neu gegründeten Universität von Tel Aviv. Der zweitälteste Sohn, Hermann, ging zur englischen Armee und später zum Moschad, dem israelischen Geheimdienst. Nach 1960 wurde er als Zvi Aha­roni der Welt bekannt als derjenige, der nach früheren fehlgeschlagenen Versuchen Eichmann endlich aufspürte und nach Israel vor Gericht brachte. Heinrich Aronheim selbst sah Erez Israel nicht mehr, er starb 1937 an Krebs.

Viele junge Juden verließen freiwillig das Gymnasium, um ein Handwerk zu lernen, doch auch unter ihnen gab es beachtliche Fälle eines außergewöhnlichen Aufstiegs. So ging etwa der Sohn von Bettfedern-Neumann, Gerhard, schon 1933 mit dem Einjährigen, der Versetzung in die Obersekunda, vom Friedrichsgymnasium ab, um eine zweijährige Lehre als Automechaniker zu absolvieren. Wie Neumann beschreibt, waren diese Lehrjahre Grundlage seiner Karriere, die über die Wartung amerikanischer Kampfflugzeuge in Nationalchina zur Konstruktion von Strahltriebwerken führte. Welche Rolle deutsch-jüdische Emigranten bald in ihrer neuen Heimat spielen sollten, verdeutlicht auch der Lebenslauf des jungen Rechtsanwalts Hermann P. Gebhardt. Von Frankfurt aus gelangte er mit seiner Frau Margarethe nach Montevideo in Uruguay, wurde dort Journalist und erwarb bald Rechte am Rundfunk, wo er eine Sendung für deutsche Emigranten, die „Voz del día“, gründete und Jahrzehnte lang betrieb. Die während des Krieges und noch in der Nachkriegszeit blühende deutsche Theaterkultur in Südamerika trug ebenso wie seine Sendung entschieden dazu bei, den Emigranten die Eingliederung in die neue Heimat zu erleichtern.

Nach der Kristallnacht setzte eine neue Ausreisewelle ein, da viele bis dahin in Frankfurt Verbliebene jetzt erkannten, dass bei der wachsenden Brutalität der Nazis und dem seit der Annexion des Sudetenlandes drohenden Kriegsausbruch nur die Emigration noch Rettung versprach. Doch wurde es im letzten Vorkriegsjahr immer schwieriger und teurer, noch Visa zu erhalten. Der Schneidermeister Wollmann musste sein großes Mietshaus seinem Nachbarn, einem bekannten SA-Sturm­führer, gegen die Garantie überschreiben, mit seiner Familie nach Palästina ausreisen zu dürfen. Außer den Einreisesperren beschnitt auch die zunehmende Verarmung der Juden fast alle Möglichkeiten, ein Visum zu bekommen. Schließlich organisierte der Leiter des Judenreferats im Reichssicherheitshauptamt, Adolf Eichmann, in Verbindung mit der zionistischen Organisation im Rahmen der sogenannten Alijah Beth auf der Donauroute illegale Transporte nach Palästina. Gleichzeitig mit den Transporten verbreiteten deutsche und italienische Rundfunksender die Nachricht, dass auf britische Einladung hin Schiffe voll mit Juden kämen, um die Araber aus Palästina zu vertreiben. Die Engländer waren fest entschlossen, den Einwanderern den Zutritt zu verwehren, schon weil sie die Einschleusung von Spionen fürchteten. Für die Transporte wurden alte Flussdampfer und Seelenverkäufer, meist mit griechischen Kapitänen gechartert, die dann von Wien aus die Donau abwärts über Rumänien und den Bosporus nach Palästina fuhren. Mit einem dieser Transporte konnte Salo Glass mit seiner Frau noch nach Kriegsbeginn Ende 1939 nach Palästina gelangen. Doch verliefen diese Transporte nicht immer so glimpflich.

Ruth Naftaniel schildert anschaulich die dreimonatelange qualvolle Fahrt, auf der zuletzt auch die Bettgestelle zum Feuern verheizt wurden und die Nahrungsmittel ausgingen. Als zwei der kaum noch seetüchtigen Schiffe schließlich vor Haifa anlangten, wurden sie von den Engländern gestoppt und die Insassen, 1700 Menschen, auf den Truppentransporter "Patria" umgeladen, der sie in Internierungslager nach Mauritius bringen sollte. Die jüdische Verteidigungsorganisation der Haganah wollte dies um jeden Preis vereiteln und ließ am Schiff eine Sprengladung anbringen. Die Detonation war jedoch so stark, dass das Schiff sank, bevor alle Passagiere das Schiff verlassen konnten, etwa 260 Flüchtlinge ertranken. Ein schlimmeres Schicksal ereilte den Dampfer „Struma“. Mit 769 jüdischen Flüchtlingen an Bord wurde ihm vor Istanbul die Weiterfahrt und den Insassen auch die Landung verweigert. Am 24. Februar 1942 wurde das Schiff dann nahe der Bosporusmündung von einem sowjetischen U-Boot torpediert7, nur ein Passagier überlebte die Katastrophe.

Im November 1941 wurde durch Erlass die weitere Auswanderung von Juden verboten, die "Endlösung" kündigte sich an. Dennoch war es in Einzelfällen durch Bestechung auch später noch möglich, aus Deutschland herauszukommen. Den Eltern von Eva Gumpert gelang durch Einsatz des gesamten Ver­mögens noch 1942 die Ausreise nach Kuba. Sie waren wohl die letz­­ten, die aus Frankfurt noch in die Freiheit gelangen konnten.

Auch für zahlreiche andere Juden aus Frankfurt war das Ziel der Ausreise nicht Palästina, sondern ein anderes westliches Land, vorzugsweise Nord-, aber auch Mittel- und Südamerika. Dies war auch bedingt durch die zunehmende Abschließung der westlichen Länder gegen die jüdische Einwanderung. Bekannt ist die Irrfahrt der "St. Louis" mit 937 Juden, denen überall die Landung verweigert wurde. Eine ähnliche Odyssee, allerdings mit glücklicherem Ausgang, findet sich im Bericht der damals 8-jährigen Lilo Holzheim über ihre Dampferfahrt nach Brasilien. Von der tödlichen Gefahr, welche die trotz Visum verweigerte Aufnahme durch den Diktator Vargas heraufbeschwor, ahnte das Kind nichts.

In den von Deutschland inzwischen besetzten Gebieten waren die Juden, die sich zunächst gerettet glaubten, erneut höchster Lebensgefahr ausgesetzt. In Holland war auch der Frankfurter Jachin Simon wieder in den Machtbereich der Gestapo gelangt. Nach der deutschen Besetzung betreute er vor allem die in Holland verbliebenen Kinder und Jugendlichen und wurde schließlich damit beauftragt, Fluchtwege für sie zu organisieren. Da Frankreich und die Schweiz jüdische Flüchtlinge an Deutschland auslieferten, leitete er die Transporte nach Spanien. Auf einem dieser Wege verhaftete ihn die holländische Polizei. Um der Auslieferung an die Gestapo zuvorzukommen, wo er womöglich unter der Folter Mitstreiter hätte verraten können, nahm er sich am 23. Januar 1943 im Gefängnis das Leben.

Mehr Glück hatten die Flüchtlinge in Dänemark, insgesamt etwa 1500. Dänemark hatte in großzügiger Weise jungen deutschen Juden schon in den 30er Jahren Arbeitsstellen bei Bauern angeboten. Von dieser Möglichkeit machten auch mehrere Frankfurter Ge­brauch. So ging schon 1935 Susi Pincus mit anderen Jungen und Mädchen nach Dänemark auf "Einzelhachschara". Zu Kriegsbeginn befanden sich von den Frankfurtern noch die Söhne von Arnold Naftaniel und Max Berlowitz in Däne­mark. Dort lebten damals etwa 8000 Juden. Als im Oktober 1943 auch die dänischen Juden deportiert werden sollten, gelang es dank gezielter Warnung von deutscher Seite der dänischen Widerstandsbewegung in einer Nacht-und-Nebel-Aktion, mit Fischerbooten 7200 Juden zu retten. Nur etwa 500 konnten noch verhaftet werden. Auch diese wurden aufgrund der energischen Proteste von dänischer und schwedischer Seite schließlich geschont. Zu den mit Fischerbooten Geretteten gehörten auch Herbert Naftaniel und Eugen Ber­lowitz aus Frankfurt.

Inzwischen erfüllte sich auch das Schicksal der letzten noch in Frankfurt verbliebenen Juden. Einige jüdische Frauen aus dem Altersheim, die in den ersten Kriegsjahren starben, wurden noch im Kriege auf dem jüdischen Friedhof in der Dammvorstadt beigesetzt. Der nichtjüdische Friedhofsgärtner Billerbeck beerdigte die Toten nach jüdischem Ritual mit den entsprechenden Gebeten, die er als langjähriger Augen- und Ohrenzeuge beherrschte. Die letzten "Volljuden", die nicht durch "arische" Ehepartner geschützt waren, wurden in zwei Transporten, im August 1942 24, im Juni 1943 noch 3 Personen, nach Theresienstadt deportiert. Von diesen sind nur zwei zurückgekehrt.

Damit rundet sich das Schicksal der Frankfurter Juden in der NS-­Zeit zu einer Geschichte von extremen Tiefen und Höhen mensch­lichen Verhaltens. Superlative nutzen sich hier rasch ab. Jeder Schritt, den ich in Israel oder London in die Häuser der einst Verfolgten tat, führte zu Begegnungen mit tüchtigen und erfolg­reichen Menschen, die sich aus dieser so unendlich entwürdigenden und erniedrigenden Situation Wege in eine neue Zukunft gebahnt haben. Mit Menschen, die sich nicht in Hass verzehrten, sondern dem Besucher aus dem Land, das ihnen so Schlimmes angetan hat, in der Regel mit freundlicher Offenheit begegneten.

Letztlich haben sie auch für die gesprochen, die nicht mehr reden können, von denen nicht einmal Gräber geblieben sind. Ich möchte dieses Vorkapitel nicht schließen, ohne auch an diese oft alten und hilflosen oder auch ganz jungen Menschen zu erinnern, denen der Ausweg verschlossen blieb. Angesichts dieses Geschehens ist alles Gerede von „Wiedergutmachung“ oder „Verzeihung“ ebenso hohles Geschwätz wie die Forderung nach einem "Schlussstrich". Das Geschehene kann nicht wieder gut gemacht, den Schuldigen kann kein Leben­der verzeihen. Wenn wir eines tun können, so dies, die Schicksale nie in Vergessenheit geraten zu lassen. Diese Verpflichtung gilt auch für die Generationen derer, die persönlich keine Schuld auf sich geladen haben.

Die Kontrahenten. Ignaz Maybaum und Hermann Gerson

Alisa Jaffa, Memories of my Father, in Nicholas de Lange, Ignaz Maybaum – A Reader, New York/Oxford 2001.

Ignaz Maybaum wurde 1897 in Wien geboren, im gleichen Jahr, als in Basel der erste Zionistenkongress stattfand. Sein aus Ungarn stammen­der Vater betrieb eine Schneider­werkstatt im 9. Distrikt. Dort besuchte Maybaum auch das Gymnasium. Moderne Fremdsprachen, wie Englisch, gehörten nicht zum Programm; eine Schulregel verpflichtete die Schüler, in den Pausen Griechisch zu sprechen. Nach dem Abitur meldete Maybaum sich zur Armee, wurde im 1. Weltkrieg Leutnant der Kavallerie und erhielt drei Tapferkeits­medaillen, eine davon persönlich von Kaiser Franz Joseph. Eine Gelb­sucht beför­derte ihn ins La­­za­rett und rettete ihm das Leben, denn seine Kompanie wurde in der Zwi­schenzeit fast völlig aufgerieben.

Nach seiner Entlassung 1919 entschloss er sich, Rabbiner zu werden. Das Erste, das er im Seminar in Wien zu sehen bekam, war das Schaubild einer Kuh mit Markierung der koscheren und nicht-koscheren Anteile. War das die Essenz des Rabbinertums? Maybaum hielt nichts von der in Österreich vorherrschenden traditionellen Ortho­doxie. Jedenfalls ver­ließ er bald Wien und ging nach Berlin an die Hochschule für die Wissenschaft des Juden­tums.

In Berlin wohnte er bei seinem Onkel, Siegmund Maybaum, der selbst an der Hochschule Homiletik (Predigtlehre) unterrichtete. Der Onkel war als Prediger und Gelehrter angese­hen und ein entschiedener Gegner des Zionismus. Im Haus des Onkels traf Maybaum seine spätere Frau, Frances Schor, damals ein 16-jähriges Schulmädchen. Er heiratete sie 1925, als er nach abgelegtem Examen seine erste Stelle in der Gemeinde von Bingen am Rhein antrat. Von hier aus wurde er 1928 nach Frankfurt/Oder berufen.

Die Machtergreifung Hitlers bedeutete einen tiefen Ein­­schnitt. Bei einer Konferenz von jüdischen Honoratioren Ende 1935 wurden Bemerkungen Maybaums über Hitler von einem der Teilnehmer weitergegeben. Die Gestapo verhaftete ihn prompt wegen staatsschädigender Äußerungen und hielt ihn sechs Wochen im Berliner Columbia-Haus fest. Einmal wurde er zur Einschüchterung vor ein Hinrichtungspeleton gestellt. Nach öffentlichem Druck, auch durch die ausländische Presse, ließ man ihn schließlich ohne Prozess und Ur­teil frei­.

In Frankfurt profilierte sich Maybaum als entschiedener Geg­ner des politischen Zionismus in Reden und Buchveröffentlichungen. Seiner Auffassung nach sollten Juden ihren Platz in Deutschland nicht aufgeben. 1936 wurde er zum Gemeinderabbiner von Berlin berufen. Seine Predigten dort erfuhren großen Zulauf. Inzwischen aber hatten sich die Bedingungen für die jüdischen Gemeinden verschlechtert. Jüdische Stu­denten konnten nicht länger die Univer­sitäten besuchen. Als Aus­gleich nah­men viele junge Leute jüdische Studien auf. Maybaum unter­richtete Klassen dieser Studenten in rabbi­nischer Lehre.

In der Pogromnacht im November 1938 entging er nur mit Glück der erneuten Verhaftung. Um von der Gestapo nicht zu Hause angetroffen zu werden, ließ er sich nächtelang von einem befreundeten Rabbiner durch die Vorstädte Ber­­lins chauffieren, bis sich die Lage beruhigt hatte. Nach dieser Erfahrung war auch Maybaum zur Emigration bereit. Sein Plan, nach New York überzusiedeln, war wegen der US-Einwanderungsbeschränkungen nicht zu verwirk­lichen. Auf Empfehlung des Chief Rabbi von London, J.H. Hertz, erhielt er jedoch ein Visum für England. Der neun­jährige Sohn Michael ging noch vor den Eltern mit einem Kinder­transport dorthin. Die Eltern folgten mit der dreijährigen Tochter Alisa im März 1939. Maybaums jüngerer Bruder war bereits 1938 nach Palästina ausgereist, seine Eltern und Schwestern aber blieben im Land und sollten später der Nazi-Verfolgung zum Opfer fallen.

Bei seiner Ankunft in London sprach Maybaum kein Englisch. Er wurde daher zunächst als Prediger der deutschsprachigen Gemeinde in Hampstedt ein­­gesetzt. Bald nach Kriegsbeginn begann man auch die deut­schen Flüchtlinge pauschal als „feindliche Ausländer“ anzusehen und von der Polizei zu internieren. Maybaum entzog sich der Verhaftung mit der gleichen Taktik wie in Berlin. Da die englische Polizei, im Gegensatz zur deutschen, stets tagsüber kam, verbrachte er die Tage in der örtlichen Bibliothek mit Zei­tungslesen. So entging er der Internierung und erwarb nebenbei seine Englischkenntnisse.

Von 1941-1945 unterrichtete er jüdische Flücht­lings­kinder in einem Internat in Hind­head. Trotz der einge­schränk­ten Lebens­umstände fan­den sich häufig Gäste am Tisch des Hauses ein, Kollegen, Schüler und Stu­denten. Die Tochter erinnert sich an häu­fi­ge und hit­zige poli­tische Diskus­sionen. 1948 übernahm Maybaum die Stel­le des Rab­biners in der Gemeinde der Edgware&Dis­trict Reform Synagogue, ab 1956 unterrichtete er vergleichende Religionsge­schichte, Theologie und Ho­mi­letik am Jewish Theolo­gical Seminary in London. Generationen von Rabbinerstudenten wurden dort durch ihn geprägt. 1957 berief ihn die Uni­versität Frankfurt/Main für ein Se­mes­ter als Gastdozent. Nur in Israel wurde ihm wegen seiner antizionistischen Haltung die Ehre einer Ein­ladung nicht zuteil.

Ignaz Maybaum starb 1976 in London. Seitdem ist seine Bedeutung als Theologe, insbesondere als Theologe der Schoah noch gewachsen, kein Fachbuch kann ihn verschweigen8. Sein Vermächtnis an die Nachwelt sind, neben zahllosen Arti­keln in Zeitschriften, zwölf Buchveröffentlichungen zu Proble­men, die sich zwischen Theo­lo­gie, Philosophie und jüdischen Lebens­fragen bewegen und die Gedan­kenwelt und inhaltliche Ausrichtung seiner Lehren verdeutlichen. Maybaum vertrat einen der zwei Pole in der teilweise erbitterten Auseinandersetzung zwischen den Verfechtern der zionistischen Idee und denen, die die Berufung in der Diaspora sehen. Bei aller Anerkennung des Idealismus der zionistischen Pioniere in Palästina glaubte er die jüdische Zukunft in den Gemeinden der Diaspora besser gewährleistet - trotz Unterdrückung und Verfolgung.

Hermann Gerson: Eine Jugend in Deutschland, unveröffentlichte Autobiographie 1970.


Die entgegengesetzte Position vertrat Hermann Gerson, 1908 in Frankfurt geboren. Er besuchte dort das Friedrichsgymnasium, machte 1926 Abitur und ging dann zum Studium nach Berlin. Zunächst studierte er Jura, dann Philosophie und Psychologie an der Humboldt-Universität. Ebenso wie Maybaum einige Jahre vor ihm besuchte auch er die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. 1932 erwarb er den Doktorgrad der Philosophie.

Seit seinem 18. Lebensjahr leitete Gerson die Frankfurter Ortsgruppe der "Kameraden", einem Ver­band jüdi­scher Wan­der-, Sport- und Turn­vereine9. Zwei Jahre später war er zum Bundesführer aufgestiegen. Die "Kame­raden" wollten die religiösen und sitt­lichen Werte des Judentums mit der deutschen Geistes- und Gemütswelt verknüpfen. Sie be­kann­ten sich zum deut­schen Volks­tum und ­bekämpften ebenso den Antise­mi­tismus wie alle natio­naljü­dischen Bestrebungen. Zwi­schen deut­schem Vater­land und deut­scher Kultur und der Be­sin­nung auf ihre jüdi­sche Her­kunft strebten sie danach, einen neuen Men­schen­typ zu schaf­fen. Sie fügten sich damit nahtlos in die vielseitige Umwelt der deutschen Jugendverbände in den 1920er Jahren ein.

Die "Kameraden" waren jedoch in der jüdischen Gemeinde umstritten. Der Frankfurter Rabbi­ner - Ignaz Maybaum - wetterte von der Kanzel herab gegen den Jugendverführer Gerson und rief die Eltern zum Widerstand auf. Infolge der poli­ti­schen Ent­wick­lung in Deutschland kam es 1932 zur Spal­tung. Deutschna­tional ge­sinnte Mit­glie­der gründe­ten das "Schwarze Fähn­lein", eine radikal linke Ab­spaltung ­bil­de­te die "Freie deutsch-jüdi­sche Ju­gend", und der Groß­teil der "Ka­me­ra­de­n" tat sich unter Füh­rung Ger­sons zum Bun­d der "Werk­leu­te" zu­sammen. Sie wählten ihren Namen nach einem alten Spruch des Rabbi Tarphon: "Der Tag ist kurz, das Werk ist groß".

Die "Werk­leu­te" erstrebten die Her­aus­bil­dung eines jüdi­schen Men­schen­typs im Sinne des Zionis­mus­. Kurz nach Hitlers Macht­über­nahme be­schlossen sie, ihre Ausbildungen und Berufe aufzugeben und einen Kib­buz zu gründen - eine radikale Entscheidung, die in der Folge manchen das Leben kosten, vielen aber das Leben retten sollte. Ein Kibbuz ist eine in Palästina entstandene neue Art der Gemeinschaftssiedlung, eine zumeist ländliche Genossenschaft mit kollektivem Landeigentum und basisdemokratischen Strukturen. Nachdem er mehrmals von der SA verhaftet und misshandelt wurde, begann Gerson Gelder für die Auswanderung zu sammeln.

Die britische Mandatsbehörde gab nur eine begrenzte Zahl von Visa für Palästina aus. Man konnte als "Kapitalist" oder als "Arbeiter" immigrieren. Als Arbeiter musste man eine landwirt­schaftliche Ausbildung nachweisen, als Kapitalist benötigte man tausend engli­sche Pfund (nach heutigem Wert ca. 50.000 EUR). Die erste Grup­pe der Werkleute wander­te 1933 als "Kapi­ta­listen" aus. Gerson folgte mit einer weiteren Gruppe ein Jahr später, um im Tal von Megiddo in Nordpalästina den Kibbuz Hasorea ("Der Sämann") aufzubauen.

Nach ihrer Ankunft waren die Einwanderer mit einer primitiven und grau­samen Wirk­lich­keit kon­fron­tiert. Wer heute durch Israel fährt, erlebt grüne Landschaften; in Palästina der 1930er Jahre erwarteten den Einwanderer kahle Einöden, ein mörderi­sches Klima, schwer­ste körperli­che Arbeit. Manche der Pioniere erlagen kurz nach der Ankunft Typhus, Fieber und Er­schöp­fung. Intel­lektueller Scharfsinn und theologische Argumentation waren nicht mehr gefragt, ganz andere Füh­rungsquali­täten als in Deutsch­land waren erfor­derlich. Als Doktor der Philosophie tat Gerson sich schwer.

Zunächst galt es, Land für den Kibbuz zu erwerben. Der Boden gehörte stets einem Emir, einem arabischen Großgrundbesitzer, der in Beirut saß oder in Paris. Auf dem Land lebten nur seine Arissim, die Pächter mit ihren Familien. Sie beackerten den kargen Boden mit Holz­pflügen. Vom Ertrag hatten sie zwei Drit­tel an den Emir abzuliefern. Beim Kauf von Land mussten per Gesetz alle Pächter abgefunden und ihnen neue Parzellen zugewiesen werden. So zog sich der Landkauf für den Kibbuz Hasorea jahrelang hin.

Schließlich besaßen die Pioniere einen schmalen Streifen Land und ein paar verstreute Felder. Die Urbarmachung erwies sich als schwierig. Sie hat­ten kaum Erfahrung in der Landwirtschaft. Die Felder waren großenteils Sümpfe. Das Kapital war schnell aufgebraucht. Teilweise mussten sich die Kibbuzniks als Lohnarbeiter verdingen. Kurz, die wirtschaftliche Situation war ein Desas­ter. Um Geld zu beschaffen, musste Gerson tief in die Trickkiste greifen. Er eröffnete Konten bei mehreren Banken und stellte wechselweise Schecks auf sich selbst aus, die er dann einlöste und das Geld sofort abhob. Mit diesem Schneeballsystem wurde auch der Kauf eines 22-PS-Traktors finanziert. Andere Kibbuzim arbeiteten mit ähnlichen Methoden. Als die Finanzierung schließlich platzte, griff die Jewish Agency ein und konsolidierte die aufgelaufenen Schulden durch Umwandlung in lang­fristige Kredite. Ende der 1940er Jahre stand der Kibbuz auf eigenen Beinen. Die landwirtschaftliche Grundlage wurde mit der Zeit ergänzt durch eine Möbelfabrik und eine Produktionsanlage für Polyäthylenfasern. Zu den deutschen Gründern kamen bald Gruppen von Juden aus Bul­ga­rien und Syrien hinzu.

Hermann Gerson hat mit seinen "Werkleuten" einen erheblichen Teil der jüdischen Jugend Frankfurts - und mitunter auch deren Eltern - nach Palästina geführt und damit gerettet. Er blieb bis an sein Lebensende Mitglied des Kibbuz Hasorea. Ab 1938 kümmerte er sich im Auf­trag des Kibbuzverbands um die Er­zie­hung und Aus­bil­dung jun­ger Kib­buzniks. 1940 wurde er Sekre­tär der Erzie­hungsab­tei­lung, 1942 auch Mitglied der Exeku­tive. Er hielt Vorlesun­gen am Kibbuz-Seminar in Tel Aviv. In London hat er 1960 noch einmal ein Sabba­tical, ein Stu­dien­jahr, an der School of Eco­no­mics verbracht und im Bereich der Sozial­psycholo­gie ge­forscht. 1965 gründete er in Tel Aviv eine eige­ne Fakul­tät für Kib­bu­zer­zie­hung und leitete sie bis zu seiner Entpflich­tung 1974. Gerson starb am 14. April 1989 in Hasorea und wurde ebendort beigesetzt.

Schleichende Entwurzelung. Die Geschwister Neumark

Bericht von Ada Brodski, geb. Neumark, in Jerusalem am 5. 11. 1995

Meine Eltern waren vollkom­men in der deutschen Kultur verwurzelt. Mein Großvater mütterli­cher­seits, Max Bern­hard, kam aus dem Burgenland, aus Eisenstadt, nach Posen, wo er meine Groß­mutter, Fanny Friedländer, heiratete. Er hatte dort einen Weinkel­ler und ein Weingeschäft. Die Groß­eltern väter­licher­seits waren Kaufleute in Posen. Woher der Name Neumark stammt, weiß ich nicht. Es kam vor, dass ei­n Leh­rer mich als Bei­spiel für einen guten deut­schen Namen aufrief und dann entsetzt war, als sich heraus­stell­te, dass ich jüdisch war.

Meine Eltern haben nach dem ersten Welt­krieg in Posen geheira­tet. Mein Vater hat dort als Kinderarzt prakti­ziert. Meine Mutter war Sängerin, hat aber um der Familien­pflichten willen auf eine Konzertkar­riere verzichtet. ­Um 1920 verließen meine Eltern Posen, wie alle Mit­glie­der unserer weit­ver­zweig­ten Fami­lie, weil sie auf kei­nen Fall auf ihr Deutsch­tum ver­zich­ten und Polen wer­den woll­ten. Sie gin­gen nach Frank­furt, wo schon ande­re Familien aus Po­sen lebten, die Hirsch­bergs, die Ne­habs. Man wuchs damals in richti­gen Clans auf, Großfa­milien, die alle mögli­chen Vet­tern, Cousinen, Onkels und Tanten, auch 2. und 3. Grades, einschloss, und traf sich häufig zu Fami­lienfe­sten mit Aufführun­gen, Konzerten und Lie­dern.

Mein Vater war als Kinderarzt sehr beliebt. Er hatte eine große nicht­jüdi­sche Kund­schaft. Im städtischen Krankenhaus leitete er die Säug­lings­ab­tei­lung. Er hat auch unterrichtet und Kurse für Schwestern und Kranken­pfleger gegeben. Ich erinnere mich, dass wir Kinder zwei­mal im Jahr Rech­nungen für die Krankenkasse austragen mussten. ­Da­durch kann­te ich die Stadt recht gut. Bei den vielen Besu­chen meines Vaters in den Arbei­tervierteln der Stadt - beson­ders der Dammvor­stadt, wo es viel Armut gab - nahm er mich oft mit, damit ich "das Leben kennen lerne". Noch Ende 1933, als die neuen Macht­haber die "Winterhilfe" veranstalteten, bat die Stadt­verwaltung meinen Vater um eine Liste der bedürftigen Mitbürger, und mein Bruder und ich wurden offiziell mit der Vertei­lung der Lebens­mittel an die betreffenden Familien beauftragt. Ob Juden­kinder oder nicht, wir wurden dort mit Umarmungen und Dankeshym­nen emp­fangen. Un­se­re Woh­nung mit der Pra­xis lag am Wil­helms­platz neben einem Blumenge­schäft und dem Café Kyritz. Auf der an­dern Seite des Plat­zes, vor­bei am Kai­ser­denk­mal, befand sich die Harden­berg-­Lo­ge. Vom Balkon aus konn­ten wir die Postuhr an der Ecke der Logenstraße sehen, nach der wir im­mer un­se­re Uhr stell­ten. Schräg gegen­über war die große Wald­orf-Buch­hand­lung. In der Richt­stra­ße trafen wir uns oft bei Luigi's Eis­die­le. Für 10 Pfennig bekam man ein Eis im Glas. Unsere Eltern durften nichts davon wissen. Ein­mal kam ich dort­hin, und da saß mein Bru­der. Ich hatte Angst, dass er mich ver­riet, aber er aß ja auch selbst ein Eis.

Neben uns hatte Hirschberg sein Rechtsanwaltsbüro. Neben der Synagoge wohn­te der Kultusbeamte Lapi­das, seine Frau ver­kauf­te dort koschere Würst­chen. Von der Leihbücherei an der Ecke holte ich mir immer Kriminalroma­ne, manchmal dreimal am Tage. Die deutsche Kultur hat mich als kleines Mädchen geprägt. Ich sehe mich noch in meinem Bett in dem schmalen Raum neben dem Musikzimmer, über mir an der Wand der Sämann von Van Gogh, mit selbstver­dien­tem Geld er­standen, gegenüber das Schulpult, neben dem Bett ein wir­res Durchein­ander von Büchern - Karl May, Martin Buber, "Der Kampf der Tertia", "Die Buddenbrooks", "Professors Zwil­linge", "Wüste und gelobtes Land". Vom Musikzimmer nebenan dringen die Klänge von Schubertlie­dern herüber, der Mez­zo­so­pran mei­ner Mut­ter, be­glei­tet von mei­nem Bru­der. Es war wie eine Rückzahlung einer Schuld an meine Kindheit, als ich vor einigen Jahren Über­setzun­gen dieser Lieder ins Hebräische veröffentlichen konnte.

Von den Nazis wusste ich lange nichts. Ich besuchte seit 1931 die Volks­schule, übersprang dort eine Klas­se und kam so 1934 in die Sexta des Kleist-Lyzeums. ­Ein­mal, wohl 1933 nach der Macht­über­nahme, beka­men wir die Auf­gabe, aus der Zei­tung Bil­der unserer Staatsführer auszu­schneiden. Mein Vater half mir und hat Bilder ausge­schnitten, lauter Bil­der von Hin­den­burg, immer nur Hinden­burg. Ich habe ge­sagt: "Aber wir brau­chen auch Hit­ler!". Er sagte nur: "Nein, Hit­ler nicht." Ich woll­te aber unbe­dingt das berühmte Bild haben, wo Hin­den­burg dem Hit­ler die Hand gi­bt. Da hat mein Vater die Sche­re genommen und Hit­ler abge­schnit­ten. Die halbe Hand war noch drauf. So hatte ich nur Bil­der von Hin­den­burg und ging sehr un­glücklich ­zur Schule, doch hat sich der Klassen­lehrer dann gar nicht für mein Heft in­ter­essiert.

Ich erinnere mich auch noch gut an ein besonders unerquick­li­ches Erleb­nis zu etwa der gleichen Zeit, in der vierten Klasse der Grund­schu­le. Unser Klassenlehrer war ein schneidiger junger Mann, oft in brauner Uniform, der aber trotzdem die jü­di­schen Schülerinnen meistens freund­lich behandelte. Aber ein­mal rief er mich während einer Deutschstunde zu­sammen mit der "rein­ras­si­gen" Kriem­hild vor die Klas­se. Er forderte die Schülerinnen auf, uns genau anzusehen: "Sehr ihr, das ist Kriemhild, ein klas­sischer germanischer Typ, groß, blond, mit Langschädel, aber etwas lang­sam im Denken. Daneben Ada, bei der alle Kräfte auf typisch jüdi­sche Art in den Kopf gegangen sind - auf Kosten aller anderen Fähigkeiten, wie ihr an dem verkümmerten Körper deutlich sehen könnt!" Das behagte mir keineswegs, zwar war ich klein, aber eine gute Turnerin, sehr begehrt beim Völkerball und im Hochsprung eine der Besten in der Klasse. Auch Kriemhild war nicht begeistert von der Charakterisierung. In der Pause standen wir auf dem Schulhof und schmollten gemeinsam, sie in ihrer hochaufgeschossenen germanischen Den­klangsamkeit, ich in meiner kör­perverkümmerten jüdischen Intellektua­lität.

Ich konnte bis zu den großen Ferien 1938 zum Kleist-Lyzeum ge­hen. Irgendwann war ich die einzige Jüdin in der Klasse. In der Par­allel­klas­se waren noch drei oder vier, die Gum­perts, die Lach­mann, die gingen etwas früher ab als ich. ­In der Klasse selbst hatte ich keine Schwierigkei­ten, doch blieben Diskri­minationen und Ein­schüchterungen seitens der Lehrer nicht aus. Fräulein Kunze, die feingeistige Direkto­rin - zur Un­ter­scheidung von einer gleichna­migen Lehrerin "Ober­kunze" gen­annt - verschwand nach der Macht­übernahme von der Bild­fläche. An ihre Stel­le trat ein SA-Mann in Stiefel und Sporn. Bei seinen kurzen Visi­ten in den Klas­sen lief es mir kalt den Rücken herun­ter­. ­Man hörte dau­ernd die NS-Lie­der, vie­le Mäd­chen kamen bei uns auch mit BDM-Kluft in die Schule. ­Wir jüdi­schen Kin­der wur­den nicht vom Fah­nenap­pell be­freit, sondern mussten teil­neh­men, mit an die Seite gepressten Ar­men, denn wir ­durf­ten ja nicht mit den an­dern die Hand heben. Wir durf­ten zwar das Deutsch­land-Lied, aber nicht das Horst-Wes­sel-Lied mit­singen. Für uns Kin­der war das schwierig. Besser wäre gewesen, man hätte uns ganz befreit. Von den christ­li­chen An­dach­ten waren wir aber dispensiert und durf­ten dann Schular­bei­ten ma­chen.

In der Deutschstunde gehörte ich jetzt nicht mehr zu den zwei oder drei Erwählten, die ihre Aufsätze der Klasse vorlesen durf­ten. Als einmal der Musiklehrer fragte, wer bereit sei, ein Ge­sangstück vom Blatt zu singen, und ich mich meldete, rief er entrüstet: "Was, keine ein­zige in der ganzen Klasse?" Da bekam er es aber mit mei­nen Mitschülerinnen zu tun, die ihn energisch auf meine erhobene Hand auf­merksam machten. Ich denke öfter und mit Gefühlen des Dankes an all diese blonden Mädchen in ihren Jungmädelblusen, die sich ohne viel Überlegung, aus spon­tanem Gefühl für Recht und Unrecht, auf meine Seite stellten – an meine Freun­din Marianne, das freundliche Ilschen Schä­fer, das kohl­schwarzzopfige Mohrchen, die sanfte Ruth Bunge, die ari­stokra­tische Ingeborg Hermsmayer oder die tem­pera­mentvolle Anne­lore Maushacker, die Tochter des Chef­redakteurs der Oder-Zeitung. Nie habe ich ein beleidi­gendes Wort von einer von ihnen gehört. Einige kamen nach wie vor zu mir nach Hause, um gemeinsam Schul­ar­bei­ten zu ­ma­chen, Bücher zu tauschen oder einen Kanon zu sin­gen. Die hübsche Alice Wolf mit dem Bubi­kopf stand jeden Morgen zum gemeinsamen Schulweg vor unserm Haus. Ihr Bruder, ein hünenhaf­ter Hitler­jugendführer, trat als Beschützer des mei­nen auf, indem er ras­sebe­wuss­tere Mitschüler des Fried­richs­gym­na­si­ums streng­stens verwarnte, sich an ihm zu ver­greifen.

Prüfungen für uns waren demgegenüber die Anpöbelungen auf der Stra­ße. Ich habe noch eine Narbe an der Stirn von einem solchen Vorfall. Als ich einmal die Straße entlang ging, mar­schier­te eine HJ-Ab­tei­lung mit Fahne vorbei. Da sprangen ein paar Jungen auf mich zu und stießen mich gegen die Wand, weil ich die Fahne nicht ge­grüßt hatte. Als Jüdin durfte ich aber die Fahne gar nicht grü­ßen, im Ge­gen­satz zu "deutschen" Mädchen. Ich habe furcht­bar geblutet.

Schon 1933 wurde mein Vater als Leiter der Säuglingssta­tion ent­lassen. Auch die Krankenkasse bedurfte seiner Dienste nicht mehr. Bei immer schwä­cher werdender Privatpraxis wurde das Ver­dienen des Le­bensunterhalts für die vierköpfige Familie immer mehr zum Problem. Als mein Vater keine nicht­jüdi­schen Pa­tien­ten mehr hat­te, gab meine Mutter Eng­lisch-Kurse. Die ganze Ge­meinde hat bei ihr Englisch gelernt, sie woll­ten ja alle auswandern. Meine Mut­ter musste die Lek­tio­nen vor­her erst selbst ler­nen, war den Schü­lern immer gera­de eine Lek­tion vor­aus.

Wir haben auch ein Zim­mer an einen nichtjüdischen Geigen­leh­rer ver­mietet. Er war ent­schiedener Anti­na­zi und hat bis zum Som­mer 1938 in diesem Zimmer in unserer Wohnung Geigenstunden gegeben. Eines Tages kam er dann zu mei­nen El­tern und er­öff­nete ih­nen, dass er nicht mehr bei ihnen unter­rich­ten dürfe. Er bat sie um Verständ­nis, er ­sei ganz außer sich, aber er hätte große Schwie­rig­kei­ten, die Schüler durften nicht mehr kom­men. Bis dahin konnte auch die Klavierlehrerin noch in unser Haus zum Unterricht kommen, auch das war nun nicht mehr ­mög­lich. Auch sie musste uns ab­sagen, es tat ihr schreck­lich leid.

Mein Vater gehörte dem Vor­stand der jüdischen Gemeinde an. Daneben war er auch in der ­Har­den­berg-Loge tätig. Dies war eine jüdische Loge, die nach dem Verbot der anderen Logen noch fort­be­stand. Sie be­fand sich in einem schönen Gartenhaus am Wilhelms­platz. Wir hat­ten dort auch unse­re Heim­aben­de von den "Werk­leu­ten". Wir haben dort einen Chor ge­habt und viel Musik ge­macht. Wäh­rend der Ver­samm­lun­gen kam mit­unter ein SA-Mann und kon­trol­lier­te. Wir waren jedoch infor­miert, wor­über wir dann zu sprechen hatten, und was wir zu sin­gen hatten. Das Thema wurde so­fort ge­wech­selt.

Wir sind schon als junge Mäd­chen zu den "Werkleuten" gegan­gen, die aus den "Ka­meraden" hervorgegangen waren. Mein Bru­der, der drei Jahre älter war, ge­hörte schon lange dazu. Die "Ka­me­ra­den" waren noch in kei­ner Weise zio­ni­stisch aus­ge­rich­tet, sie stan­den dem Wan­der­vo­gel nahe, ver­anstal­te­ten Heim­aben­de, hatten La­ger, san­gen Lands­knechts­lie­der wie die an­dern deut­schen Bünde. Der Wan­dervo­gel wurde jedoch zuneh­mend anti­semi­tisch. Daher waren rein jüdische Wander­bünde gegrün­det worden. Die "Werkleute" waren bereits zio­nistisch aus­gerichtet, M­artin Buber hat sie stark beeinflusst. Sie sorgten auf die best­mögliche Weise für die Stärkung unsere­s Selbstbewusstseins. Wir pilger­ten sonn­tags hin­aus zu einer Wiese im Eich­wald, hielten Völ­ker­ball­tur­niere ab, sangen Lands­knechts- und hebräische Pionierlieder durchein­ander, saßen im Krei­se auf dem Gras, im Schnei­der­sitz, diskutierten über die Welt­pro­bleme, ­den Chas­si­dismus und die Kibbuz-Bewegung. Wenn wir durch die Wälder radelten, immer auf der Hut, zu zweit oder zu dritt, um nicht Auf­merksamkeit zu erregen, träumten wir von der judäi­schen Wüste, den Bergen Galiläas und der wunderbaren Frei­heit, die uns dort erwartete. Wir fühlten uns inzwischen als Fremde in dem Land unserer Geburt, das so sehr darauf aus war, uns loszuwerden.

Gleichzeitig mit den wachsenden Einschränkungen und Schikanen der Nazi-Zeit intensivierte sich das kulturelle Leben. Da zahl­lose ­jü­di­sche Künstler entlassen waren und sozusagen auf der Stra­ße lagen, ­konn­ten sie nur noch im ei­ge­nen Rah­men wir­ken. So erschienen jetzt in unserer Provinzstadt angese­hene Musiker, Schauspieler und Schrift­steller, um im Saal der Hardenberg-Loge, und nach der Beschlagnahme dieses schönen Hau­ses in dem nüchternen Gemeinde­saal über der Synagoge ihre Kunst darzubieten. Alle wurden in unserm Haus empfangen, dort wurde musiziert, rezitiert, disku­tiert, und so konnte man immer etwas Neues hören und erleben. Meine Eltern führten ein offe­nes Haus, es gab viel Gesellig­keit. Hausmusik wurde veranstaltet, meine Mutter hat gesungen. Ich wurde als unentbehrliche Notenum­blät­te­rin in diesen Kreis hineingezogen und hatte mei­nen An­teil an dem Applaus für die Klaviervirtuosen. Wesentli­cher war aller­dings der Bei­trag meines Bruders, der sich als Beglei­ter, Solo­pianist und sogar als Komponist hervortat. Sein erster größerer Auftritt erfolgte bei den Kinder­szenen von Schu­mann, diesen Ton­dichtungen von den Freuden und Leiden, Äng­sten, Grü­be­leien und Träumen einer heilen Kindheit. Eben der, die unsere Eltern für uns geplant hatten, bevor ein böser, mäch­tigerer Wille ein­griff.

Aus dem Sprechzimmer meines Vaters hörte man immer seltener Baby­ge­schrei, manchmal verstummte es für ganze Stunden, be­sonders, wenn der SA-Mann auf der Straße patrouillierte und je­den, der mit einem Kind ins Haus trat, nach Namen und Anliegen fragte. Die weni­gen, die der ruhigen Autori­tät meines Vaters zuletzt noch die Treue hielten, kamen oft erst nach An­bruch der Dunkelheit oder baten ihn telefonisch um einen abendlichen und nächtli­chen Besuch. Meine Mut­ter, von Jugend auf zionistisch orientiert, drängte auf Auswanderung nach Palästina. Mein Vater pflegte auf schlim­me Geschichten stets mit dem Ausspruch zu reagieren: "Das glau­be ich nicht!"- In der Emigra­tion - und die Ali­jah, der "Auf­stieg" ins Land Isra­el war für ihn nichts anderes - sah er ­nichts als ein Kapi­tu­lieren, ein fatales Ak­zeptieren des Sieges des Bösen über das Gute. Seine Gäste führ­te er nach wie vor in die alten Frankfurter Messehäu­ser, zum Geburtshaus von Hein­rich von Kleist, zeigte ihnen das Kunersdor­fer Schlachtfeld oder den exo­tischen Baum, Gingko bilo­ba, den er in den Anlagen ent­deckt hat­te, und dekla­mierte dazu das Gedicht, das Goethe einst bei der Betrach­tung eines Baumes dieser Art in Heidel­berger Schlosshof nieder­geschrie­ben hatte.

Doch war meine Kindheit keine glückliche. Nicht wegen des sich immer mehr verfinsternden Himmels, denn was wusste ich schon von dem Grauen, das in der Zukunft wartete, sondern weil über ihr die große, schwarze Wolke des Abschieds lag. Mein Vater hatte be­schlossen, nicht auszuwandern. Ande­re, viele nahe Ver­wandte und Freunde, entschie­den sich anders. Häuser, in die wir gewohnt waren einzutreten, wur­den zu abweisenden Fassaden. Um den Weg­gezogenen in ihre neuen Wohn­orte zu folgen, mussten wir, neben der Palä­stina-Karte, Knaurs großen Weltatlas zu Rate ziehen. Oft bedurfte es der Wanderung über mehrere Länder, um die verstreu­ten Mitglieder einer bis vor kurzem noch glücklich vereinten Familie aufzufinden.

­ Hirsch­bergs waren die er­sten, die weg­gin­gen, schon 1933, ohne zu zö­gern. Onkel Josef und Tante Else, wie wir sie nannten, waren die besten Freunde unserer El­tern gewesen. Onkel Josef besaß ein Riesen­grundstück mit Gar­ten, Wiese und Wald am Rande der Stadt, ein Para­dies unserer Kind­heit, bald ein ver­lorenes Paradies. Damals war Traud­chen Lapi­das noch da, die unzertrennliche Ge­fährtin meiner frühen Kind­heit, die Tochter des Kultusbeamten der jüdi­schen Gemeinde. Unter seinen verschiedenen Ämtern und Pflich­ten fiel ihm auch die Aufgabe zu, an den hohen Feiertagen den Scho­far, das uralte Wid­derhorn, zu blasen. In den letzten Monaten vor ihrer Abreise waren wir sehr aktiv. Ich schrieb Ge­schichten, sie illustrierte sie und band sie ein, und dann ver­kauften wir sie für teures Geld an wohlmeinende Be­kannte, eine Mark oder 1,50 pro Buch. Dann ging sie mit ihren Eltern nach Palästina, und ich schloss mich für eine Woche in mein Zimmer ein und war für nieman­den zu spre­chen.

In den ersten Jahren predigte unser Rabbiner, Ignaz Maybaum, der angesehe­ne und auto­ritäre Seelsorger unserer Gemeinde, noch gegen die Klein­gläubi­gen, die nicht standhalten wollten. Eines Tages verschwand aber auch er, zunächst nur ins Ge­fängnis, und wir mussten uns für seinen kleinen Sohn Mi­scha alle möglichen Ablenkungen ausdenken, damit er nicht zu oft nach sei­nem Vater frag­te. Irgendwann packte auch er seine Sie­bensachen, nahm seine Frau, den krausköpfigen Mischa und das Ba­by, und suchte das Weite.

Im Laufe der Zeit wurde es eine Ge­wohn­heit, auf den Bahn­hof zu ge­hen, wenn jemand abfuhr. Wir wink­ten, bis der Zug außer Sicht war, dann gingen wir nach Hause und brü­teten. In den letz­ten zwei Frank­fur­ter Jahren, 1937/38, hatten alle unsere gro­ßen Brü­der und Schwe­stern von den "Werkleu­ten" die Stadt ver­las­sen. Wir elf- bis dreizehnjährigen Jungen und Mädchen versuchten, unsere Verwaistheit mit gesteiger­ter Aktivi­tät zu verdrängen. Führerlos zurück­geblieben mussten wir uns nun selbst führen, auch nach außen hin. In be­stimmten Abstän­den musste ich mich als klei­nes Mädchen mit Pony und Stupsnase, doch "Orts­grup­pen­lei­te­rin der Werkleu­te", bei der Kri­mi­nal­poli­zei melden. Das war immer ein allgemei­nes Gaudium, und keiner von den jovialen Be­amten sprach anders mit mir als mit amüsiertem Augenzwin­kern.

Anders war es bei der Gestapo, wohin ich einmal, mitten aus der Ge­schichtsstun­de her­aus, abge­holt wurde - zum Entsetzen mei­ner Mit­schüle­rin­nen. Man brachte mich in einen großen kahlen Raum. Dort traf ich eine Reihe von Bekannten, alles ältere Herren, die irgendwelche öffentli­chen Ämter in der jüdischen Gemeinde beklei­deten. Wir mussten uns alle mit dem Gesicht zur Wand stellen, sehr lange, ohne dass et­was geschah. Ich sah, wie dem alten Herrn neben mir die Knie zitte­rten und sein Körper hin und her zu schwanken begann. Irgendwan­n fing eine Stimme hinter uns zu schreien an, zu toben, zu fluche­n, zu drohen. Ich verstand nichts, war nur beschäftigt mit der Fra­ge, ob ich den alten Herrn auffangen sollte, wenn er umfiel, oder feige an der Wand stehen bleiben würde. Aber irgendwann war alles zu Ende. Wir durften den Raum ver­las­sen, vorbei an dem Schrei­er, der unseren Auszug mit bösen Au­gen verfolgte. Kei­ner hatte Hand an mich gelegt, aber der Ton, den man mir ge­genüber an­schlug, das unsin­nige Ge­schimp­fe, Gebrüll und die offe­ne Dro­hung, das Thea­ter, das man in­szenier­te, hätte mich trotz aller Nai­vität damals schon leh­ren müssen, was sich da vorbe­rei­tete. Doch ich erzählte nie­mandem ein Ster­bens­wört­chen.

Als auch mein Vater endlich erkannte, dass sein Glaube an das "gu­te" Deutschland verfehlt war, wandte er seine ganze geistige und seelische Kraft der neuen Heimat zu, dem Land Israel. Wenn er etwas tat, tat er es ganz. Er erweiterte seine hebräi­schen Sprach­kenntnisse, las die Bibel mit Hilfe der Buber-Übersetzung, versuchte sich an neuhebräischen Schrift­stellern und Dich­tern wie A­gnon und Bialik, be­schäftigte sich mit Geografie und Geschichte von Palästina und ver­tief­te sich in die Briefe von Freun­den und Verwandten, die von den Schwierig­keiten erzählten und den Bemühungen, mit ihnen fertig zu wer­den. Be­trüblich an der neuen Orien­tierung war nur, dass sie zu spät kam. Infolge der gespannten Lage hatten die britischen Be­hörden die Ein­wan­de­rungs­poli­tik geändert. Es gab nur noch eine begrenzte Zahl von Zertifikaten, hauptsächlich für Jugend­liche und für Kapita­listen. Meinen Eltern aber war es aber unmöglich, nach fünf Jahren Hitlerregierung noch die verlangten 1ooo Pfund aufzubrin­gen.

Im Spät­som­mer 1938 erhielt ich jedoch aus Berlin ein Auswan­de­rungs­zer­ti­fi­kat für die Jugend-Alijah. In der Jüdi­schen Rund­schau für Kin­der war eine Ge­schi­chte von mir ge­druckt wor­den, dafür gab mir die Jugendhilfe ein Sti­pendi­um für das Kin­der­dorf ­Be­n She­men, das für drei Jahre galt. Ich war da­mals drei­zehn Jahre alt. Als meine Mutter mich bei dem Direk­tor des Lyzeums abmelde­te, sah er sie un­gläubig an: "Sie wollen doch nicht sagen, dass Sie ein drei­zehnjähriges Kind ohne Eltern in die weite Welt schicken?" "Was schlagen Sie denn vor, Herr Direktor?" fragte meine Mutter. Der Direktor schwieg.

­Am letzten Schultag vor dem Ab­schied kam meine Freundin Ingeborg auf mich zu und sagte: "Ich wün­sche dir viel Glück, aber glau­be mir, es ist gut, dass du uns verlässt. Denn die Kluft, die uns voneinander trennt, ist wohl doch nicht zu überbrücken". "Ja, da wirst du wohl rech­t haben", ant­wortete ich. Am Tag, bevor ich Frank­furt für im­mer, wie ich glaub­te, ver­ließ, an einem der letz­ten Sep­tem­ber­ta­ge, nahm ich mit mei­ne­m Bru­der auf einem Spa­zier­gang durch die An­lagen Ab­schied. In Frankfurt war damals schon niemand mehr von meinen früheren Freun­den. Alle waren entweder schon ausge­wandert oder zeitweilig nach Berlin gezogen.

Zunächst fuhr auch ich nur nach Berlin. Ich meldete mich bei der Ju­gend­hil­fe in der Mei­ne­ke-Stra­ße. Die­ser Kom­plex beher­berg­te alle mög­li­chen zio­ni­sti­schen In­stitu­tio­nen. Zunächst wurden wir auf einem Gut unweit von Berlin auf unsere neue Zukunft in Palästina vorberei­tet. Wir arbeiteten in Haus, Garten und Feld, lernten Hebräisch, sangen und tanzten palästinensi­sche Volkstän­ze und diskutierten das Blaue vom Himmel herunter. Als das Lager zu Ende war, enthüllte man uns, dass für uns fünfzig Kinder nur 25 Zertifikate bereit lagen. Die Leiter des Lagers, junge Leute von 21, 22 Jahren, mussten entscheiden, wer fuhr und wer blieb. Zu ihrem Glück wussten sie damals nicht, dass sie über Tod oder Leben zu beschließen hatten. ­N­ach­her ging alles sehr schnell. Jetzt war ich die­je­ni­ge, die am Anhalter Bahn­hof im Zuge saß, und die an­dern stan­den unten am Fenster. Mein Bruder Alfred rei­ste einen Monat später aus, er bekam ein Studen­ten­zer­tifi­kat für die Mu­sik­schu­le in Jeru­sa­lem, die damals ge­gründet worden war. Gleich nach sei­ner Ab­fahrt kam die "Kri­stall­nacht".

Ich fuhr auf dem Schiff zusammen mit der verwitweten Frau Aron­heim und deren beiden jüngeren Söhnen Hermann und Peter nach Palästina. Als knapp Vier­zehn­jäh­rige kam ich in ein neues Land - kein frem­des, denn ich hatte ihm schon jahre­lang entgegen­ge­träumt. Dennoch war alles anders, das Licht, die Far­ben, Gerü­che, Stim­men, Ge­sichter, man aß andere Speisen, kleidete sich anders, las ande­re Bücher. Bäume und Blumen hatten keine Namen, und die neue Sprache reichte trotz der jah­relan­gen Studien nur für gerade das Allernötig­ste. Ich stand vor der Fra­ge, ob ich, um die­ses Neue und Fremde mir anzueignen, all das biss­chen Wissen, das ich von meinem ersten Zuhause mitgebracht habe, hin­ter mich werfen, es verges­sen, mit der Vergangen­heit bre­chen muss.

An den er­sten Tag im neuen Land er­inne­re ich mich noch ganz ge­nau. Am Abend unserer Ankunft gab es Schieße­reien, das Land war unru­hig, die Fahrt vom Hafen zum Jugend­dorf Ben Schemen leg­ten wir in einem ge­panzer­ten Wagen zu­rück. Einige der jüngeren Lehrer waren gegen Angrei­fer ausgezo­gen, wir lagen mit unseren neuen Gefährten im Dunkeln auf dem Fußboden und zit­terten um ihre Si­cherheit. Aber als uns die Kin­der am Morgen den Hügel herauf zum wöchentli­chen Schabbat­­konzert führten, war davon nichts mehr zu spüren. Die große Essba­racke, in der das Kon­zert stattfand, war vollgestopft mit jugend­lichen Zuhörern. Die beiden Musikleh­rer des Dor­fes spielten Violinsonaten von Mozart und Beet­ho­ven, ein Mädchenchor sang Duette von Mendels­sohn mit hebräi­schem Text und Lieder der Dichterin Rachel, die wir schon kann­ten. An diesem Morgen muss ich wohl glücklich gewe­sen sein, weil Mozart und Beet­hoven für die Gebor­genheit und das Zuhause Sein standen, und weil sie so schön und richtig klan­gen auf dem Hügel im neuen Land, und weil sich die hebräischen Worte so schön ein­fügten in die Melo­dien von Mendelssohn, und weil all das eine feste Brücke bildete zu den zurückgebliebenen Eltern und dem Land der Ge­burt, und weil sich plötzlich heraus­stell­te, dass etwas neu begin­nen kann und zugleich auch weiterge­hen, ohne Bruch.

Unser Vater wurde in der Kristallnacht mit vielen anderen ver­haf­tet und kam nach Sach­sen­hau­sen. Da­mals hieß es, wer ein Ein­reise­visum für irgend­ein Land ­vor­wei­sen kann, wird entlas­sen. Zu die­ser Zeit woll­ten sie die Juden nur los wer­den, noch nicht um­brin­gen. Aber wie an ein Zertifikat kommen, das für die Einreise in Palä­stina ­erforderlich war? Ei­ne Schwe­ster unse­rer Mut­ter, Lucy Nel­ken, Frau eines ange­sehe­nen Arztes hier in Jerusa­lem, im Grunde eine sehr schüch­ter­ne, zurück­hal­ten­de Frau, ist damals von Haus zu Haus gepil­gert, um von allen Bekannten, Freunden und Patienten ihres Mannes Geld zu er­bit­ten. So hat sie tat­säch­lich die erforderlichen 1000 Pfund zu­sam­men­gebet­telt. Was sie das geko­stet haben muss, kann man sich gar­ nicht vor­stel­len.

Nun war das Pro­blem, wie man dieses Geld sicher nach Deutsch­land brin­gen konnte, denn meine Mutter musste der britischen Botschaft einen Bankbe­leg vorweisen. Wir hatten eine Ver­wandte, eine Cousine zweiten Grades meiner Mutter, die Tochter des sephar­dischen ­Chief Rab­bi von London, Irene Gaster. Sie hat sich in Isra­el für geist­esschwache Kin­der enga­giert und Heime und eine Gesell­schaft für behinderte Kinder, Akim, gegrün­det. Sie kam als eng­li­sche Staats­bürgerin mit dem Geld nach Deutsch­land. Tat­säch­lich erhielt meine Mutter dann das letzte Zer­tifikat, das da­mals aus­gege­ben wurde. Sie stand in der Reihe vor der Visumaus­ga­be, und gerade als sie dran war, ging der Schal­ter zu. Sie war völlig ver­zwei­felt und prote­stier­te so ener­gisch, dass sie schließ­lich das Zerti­fikat doch noch bekam. Später wur­den keine Zer­ti­fikate mehr aus­gegeben.

­Auf­grund dieses Zerti­fi­kats wurde ­dann mein Vater freigelassen. Im März 1939 kamen die Eltern nach Palästina. Mein Bruder und ich durften sie im Hafen von Tel Aviv in Emp­fang nehmen. Der neue Hafen war wegen der arabi­schen Unruhen in aller Hast instandgesetzt und ausge­baut worden. Mein Vater kam völ­lig verändert ins Land, ein gebrochener Mann. Er hatte schon im Lager einen Parkinson-Anfall bekommen, vor­her war er kerngesund gewesen. Er konnte hier auch zunächst nicht mehr praktizie­ren. Als er nach längerer Zeit doch die Lizenz be­kam, war er bereits zu krank und wurde immer kränker. Mei­ne Eltern hatten es sehr schwer. Wir waren auch zu jung, um ihnen hel­fen zu können.

In Ben Shemen gab es ein Kinder- und ein Jugenddorf, geleitet von dem berühmten Erzieher Dr. Sieg­fried Lehmann, einer großen Persönlichkeit. Wir hat­ten auch sonst die be­sten Lehrer, einer von ihnen wurde später einer der berühm­testen israelischen Schriftsteller. Wir hatten auch Orches­ter und Chöre, es war ein Kulturpa­radies. Mit dem Jugenddorf war auch eine landwirtschaftliche Schule ver­bunden. Ich wollte aber schrecklich gern weiter auf das Gymnasium gehen, und so wurde mir schließlich das dritte Jahr von Ben Shemen ausbe­zahlt, damit ich in Jeru­salem ein Gymnasium besuchen konnte.

Ich erhielt dann noch ein Stipendium, das mir den weite­ren ­Be­such des Gymnasiums ermöglichte. Das war schon wäh­rend des Krie­ges. Für mich war es eine große Sache, denn das Gymna­sium zu besuchen war sonst bei den Neuein­wande­rern nicht üb­lich. Die an­dern Kinder stammten aus eta­blierten Familien. Ich mach­te auch immer die Schul­ar­bei­ten, wäh­rend die an­dern Schüler fau­lenz­ten. Aber sie hatten Ver­ständ­nis dafür, dass bei mir die Dinge anders lagen. Nach drei Jahren, 1943, habe ich das Ab­itur abge­legt. An­schlie­ßend lebte ich ein Jahr in dem Kib­buz Dorot in der Negev, öst­lich von Gaza. Das war ein jun­ger Kibbuz, damals erst ein Jahr alt. ­Dann ging ich an die Uni­ver­sität in Jeru­sa­lem, studierte Ju­dai­stik und jüdische Geschichte. Ich hatte dort berühmte Leh­rer, Baer, Al­lon, Dinur. Ich habe auch hebräi­sche Literatur ge­hört und schließ­lich an einem Kurs für engli­sche Litera­tur teilge­nommen. Den hielt ein Pro­fes­sor Isaacs, der ei­gens aus Lon­don kam. Die ganze Universität wollte zu ihm, er nahm aber nur zwölf Schü­ler, ich war da­bei - ein ganz großes Privileg.

Das Studium habe ich jedoch nicht beendet. Kurz vor dem Ab­schluss wurde ich nach Zypern geschickt, wo die großen Lager für die inter­nierten Immi­granten waren, welche die Engländer nicht ins Land lie­ßen. Vor allem Dinur schickte seine Schüler nach Zy­pern. Die Je­wish Agency küm­mer­te sich um die Inter­nierten und gab Geld für deren Ausbil­dung. Wir haben dort ein Seminar für Jugend­liche aufge­baut, die die Schule ver­lassen und nichts zu tun hatten. Es gab ein Som­mer- und ein Win­ter­la­ger. Es war eine gute Sa­che, die Schüler waren vor­bild­lich, sie sogen jedes Wort auf.

Auf Zypern habe ich gehei­ra­tet. Mein Mann, David Brodski, war aus Polen am Anfang des Krieges über Russland und Japan nach Ame­rika geflüchtet. Er wurde dann ame­ri­ka­ni­scher Sol­dat und bekam bei der Ent­las­sung eine Geld­summe von der Armee. Für Sol­daten, die stu­die­ren wol­lten, gab es die GI-Bill, monat­lich eine reich­liche Summe für das Stu­dium. Er stu­dierte in Jeru­salem, ging jedoch dann wie ich nach Zypern, und dort haben wir uns kennen gelernt.

Ich erinne­re mich noch an die Nacht, als der Staat Israel ausge­rufen wurde. Als ich von Zypern zu­rück­kam, war schon der Be­frei­ungs­krieg im Gange. Ich ging nicht mehr an die Uni­ver­sität, sondern auf die Musikaka­demie. Musik zu studie­ren war mein ei­gentlicher Wunsch. Auch mein Bruder war Musi­ker. Musik war ein wichtiger Bestandteil unserer Jugend­zeit gewe­sen, sie steht für das, was uns das Land unserer Ge­burt nicht nehmen konnte, als es uns verstieß, dahin, wo wir hingehö­ren, und wohin wir ohne den Druck der Verfolgung wahrscheinli­ch nie ge­langt wären.

Ich habe dann ­l­ange Zeit in der Mu­sik­ab­tei­lung am is­rae­li­schen Rund­funk gear­beitet. Ich wurde durch Serien über Komponi­sten be­kannt, die mit Schau­spie­lern und Musi­kern gestaltet wurde. Eine ganze Gene­ration hat ihre musika­lische Bil­dung aus die­sen Pro­gram­men bezo­gen. Ich habe mich dann 1986 frühzei­tig pen­sio­nie­ren las­sen. Ich wollte mich noch meinen literarischen Interessen widmen, einige Bücher schreiben. Jahrelang habe ich dann an einer Rilke-Bio­gra­phie gear­beitet, mit Gedichten und Briefen. Etwas Derarti­ges gab es in Ivrit, in Neuhebräisch, über­haupt nicht. Dann habe ich noch eine Anthologie deutscher Lieder her­ausge­geben, Texte in Ivrit zu der entsprechenden Musik. 1994 er­hielt ich in Weimar vom Goethe-Institut eine Me­dail­le für meine Aktivitäten auf dem Gebiet des literarischen und künst­lerischen Kulturaustausches zwischen Deutschland und Israel. Jetzt (1995) ar­beite ich an der Bio­gra­phie eines is­raeli­schen Kom­poni­sten, der auch aus dem Ge­biet von Posen stammt.

Bericht von Eldad (Alfred) Neumark, London, 23.6.1996.

Ich wurde 14 Tage nach der Ankunft meiner Eltern in Frankfurt geboren. Seit Ostern 1930 besuchte ich das Friedrichs­gym­nasium und hatte dort auch nach der Machtergreifung keine besonderen Schwierigkeiten mit Mitschülern. Das Problem war nach 1933 ganz allgemein, sich als Jude auf der Straße zu bewegen. Vor allem im ersten Jahr nach der Machtübernahme zogen dauernd Abteilungen der SA oder Hitler­jugend mit Fahnen die Straßen entlang. Wenn man die Hand nicht zum Hitlergruß hob, war das gefähr­lich, wenn man es aber tat und dann stellte sich heraus, dass man Jude war, war es noch gefährlicher.

Im Friedrichsgymnasiums hatte ich nur einmal ein unschönes Erlebnis. Während des Potsdamer Tages am 21. März war ein großer Fackelzug der gesamten Frankfurter Jugend geplant. Auch die Schüler des Friedrichs­gymnasiums sollten geschlossen daran teilnehmen. Meine Eltern waren damals noch verwirrter als viele andere und schickten mich mit. Ich marschierte also mit den andern mit einer Fackel. Natürlich wussten viele, wer ich war, und meine Hintermänner verpassten mir dauernd Fußtritte. Ich war völlig konfus.

Damals, mit zwölf Jahren, verstand ich nicht, warum ich an der deutschen Erhebung keinen Anteil haben sollte. Was hatte mein Judentum damit zu tun? Die Eltern konnten mir nicht helfen, sie waren selbst ratlos. Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis ich durch die Jugendbewegung der "Werkleute" all-mählich meine jüdische Identität fand und verstand, dass ich ein anderer war. Ich begriff auch, dass dieses Anderssein keineswegs etwas Negatives war, dass ich im Gegenteil auf mein Jüdischsein stolz sein konnte.

Die Schule selbst vertrat keine anti­semi­tische oder prosemitische Haltung. Sie war sozusagen neutral. Es hing völlig von den einzelnen Lehrern ab. Ich erinnere mich gut an unsern Klas­sen­lehrer Dr. Schmidt, der zu sagen pflegte: "Ihr HJ-Jungen arbei­tet alle nicht, ihr geht raus, marschiert, schwenkt Fahnen. Was soll aus dem armen Deutschland werden, wenn nur die Juden hier arbeiten, denn das sind die einzigen, die noch etwas tun!" Zu uns war er jedenfalls sehr nett. Es gab nur zwei Juden in der Klasse, Herbert Cohn und mich. Ein Mitschüler und hoher HJ-Führer, Wolf, hat die Klas­se gewarnt, mir auch nur ein Haar zu krümmen. Erst später habe ich erfahren, dass seine Schwester und Ada gute Freundinnen waren.

Trotzdem spürte auch ich immer deutlicher, dass ich isoliert war, dass der kamerad­schaftliche Umgang innerhalb der Klasse mich ausschloss. Wir gingen mit zu allerhand Veranstaltungen, Wandertagen, besuchten Manöver der Wehrmacht, aber wir gehörten nicht wirklich mehr dazu. Unsere Eltern pflegten ihre verschiedenen Interessen. Der Vater liebte die Berge, die Mutter das Meer. So fuhr mein Vater in den Ferien ins Gebir­ge, meine Mutter mit uns an die See, und der Vater kam dann vielleicht noch für eine Woche zu uns. Er liebte Bäume und Blumen, kannte sie alle. Die Mutter war sehr musikalisch, sie fuhr jede Woche nach Berlin zum Gesangsunterricht. Auch ich fuhr nach Berlin zu Klavierstunden. In Berlin lebten auch meine Großeltern. Bei unsern Besu­chen dort wohnten wir bei ihnen.

Mit der Übersiedlung unserer Eltern nach Berlin bin ich 1936 an die jüdi­sche Schule im Siegmundshof übergewechselt. Die Schule war sehr fromm. Wir Schüler, die von deutschen Gymnasien kamen, waren das nicht. Die Lehrer versuchten zunächst, auch aus uns fromme Juden zu machen. Wir mussten täglich Talmud und Rabbinerschriften lernen. Irgendwann haben die Lehrer aufgegeben. Im Übrigen war es eine ausgezeichnete Schule. Die Nazis hatten damals die Oberprima abgeschafft, weil sie Soldaten für die Wehrmacht brauchten, und so habe ich mit 17 Jahren 1938 dort noch regulär das Abitur abgelegt. Die Prüfung wurde unter Aufsicht einer vom Kultus­ministe­rium entsandten Kommission vorgenommen. Das Abitur war völlig in Ordnung, die Anforderungen entsprachen denen deutscher Gymnasien.

Die "Kameraden" haben mir unendlich viel bedeutet. Gerson muss eine faszi­nierende Persönlichkeit gewesen sein. Er versuchte, aus den Werkleuten eine liberal-religiöse Gemeinschaft zu machen. Im Harz, im Riesen­gebirge wurden Lager veranstaltet, jeweils eine Woche, am Vormittag Wandern oder Ski­fahren, am Nachmittag Vorträge und Seminare. ­Wir hat­ten Win­ter- und Som­mer­lager mit Bi­bel- und Bub­er-Studien, aber auch Jack London und Rosa Luxemburg wurden gelesen. Die Hälf­te haben wir nicht ver­stan­den. Wir soll­ten uns da auch mit Mäd­chen treffen, aber nur, um über Kunst, Reli­gion, Juden­tum zu disku­tie­ren. Es gab einen sozialistischen Trend, ande­rer­seits war auch noch der Einfluss der Wander­vogel­bewegung spür­bar. Es verging kein Mo­nat, ohne dass man am Lager­feuer am Frei­tagabend den "Kor­nett" von Rilke zu hören bekam. Später allerdings, im Kibbuz, brauchte man keine Philosophen mehr.

Bis Oktober 1938 war ich noch in Berlin. Dort war das Leben bis zur Kri­stall­nacht noch er­träg­lich. Ich konnte noch in Konzerte und die Oper gehen, mich stun­den­lang anstellen, ohne belästigt zu werden. Das war alles spä­ter nicht mehr möglich. Nach dem Abitur in­ter­es­sier­te mich nur noch, ob ich in Israel Musik studieren konnte, ob der Kibbuz das zuließ. Man sagte mir, dass ich erst einmal eine Hachschara ma­chen und dann in einen Kibbuz gehen müsste. Nach ein paar Jahren würde man dann sehen, ob man mich Musik studie­ren ließe. Das hat mich nicht begeistert.

Ich bewarb mich nun um ein Stipendium für das Jerusalemer Kon­servatori­um, das Palestine Music Conservatory, das Emil Hauser 1933 gegründet hatte. Heute ist es die Israel Aca­demy of Music. Hauser bekam jedes Jahr 30-40 Zer­ti­fi­ka­te von der britischen Mandatsregierung für Stu­denten und prüfte die Be­wer­­ber in Ber­lin. Ich hatte das Glück, die Prüfung zu bestehen, und konnte im Oktober 1938 ausreisen. Unsere Eltern kamen erst An­fang 1939. Unser Vater war krank, er bekam auch jahre­lang keine Er­laub­nis, als Arzt zu arbeiten, denn es gab in Palästina einen Numerus clau­sus für Ärzte. Ich habe drei Jahre am Konservatorium Klavier und Flöte studiert und er­hielt 1941 mein Abschlusszeug­nis. 1949 hei­ratete ich eine Französin, die ich in Tel Aviv kennen gelernt hatte.

Bit 1980 gehörte ich dem Israel Phil­harmo­nic Orchestra an, dann ging ich in Pension. Ich habe viel Kammermusik gemacht, etwa Barockmusik, in Quar­tetts und Trios mitgespielt. Neben Klavier und Flöte spiele ich auch Cembalo. Nach der Pensionierung gin­gen wir nach Pa­ris, wo die Mut­ter mei­ner Frau pfle­ge­be­dürf­tig war. Wir lebten wechsel­weise in Paris und in Tel Aviv. ­Mei­ne Frau hatte den Krieg in Frank­reich er­lebt, teil­weise in Pa­ris, teil­weise in Südfrank­reich. Ihr Vater kam aus Indien, und die Eltern hatten sich getrennt, als der Vater dorthin zu­rück­keh­ren wollte.

Nach dem Tod meiner Schwie­germutter vor etwa 10 Jahren sind wir nach Eng­land gezogen. Meine Frau arbeitet als englisch-französi­sche Dol­metscherin. Ich habe hier viele Freunde und gebe gelegent­lich auch noch Kon­zerte. Ich fühle mich aber als Israeli und bin in Israel zu Hause. Wir verbringen jedes Jahr zwei bis drei Monate in Tel Aviv. Ich lese Hebräisch und Eng­lisch, aber wenn ich die Wahl habe, lese ich lieber und besser Deutsch.

Flucht mit Gestapo-Hilfe. Salo Glass

Bericht von Salo Glass, im Alter von 92 Jahren, nahezu blind, 1995 in New York auf Band gesprochen. Ergänzende Informationen durch seine Tochter.

Ge­bo­ren bin ich 1903 in Go­llantsch, im Kreis Won­gro­witz in der Pro­vinz Posen. Posen gehör­te zum V. Ar­mee­korps, und auch in mei­ner Familie gab es viele Sol­daten. Mein Vater hat bei den Grünen Jägern ge­dient, sein jün­gerer Bru­der bei den Schwarzen Husaren in Danzig. Auch der ältere Bruder meiner Frau war Sol­dat, er fiel 1918 wenige Tage vor Kriegsende. Ich war seit meinem 10. Lebens­jahr Mitglied der Ju­gend­wehr. Im Krieg haben wir in Laza­retten bei der Be­treu­ung der Verwundeten geholfen.

Ich lebte bis 1920 in Po­sen, votierte nach Abtretung der Provinz an Polen für Deutschland und siedel­te nach Frankfurt/Oder über. 1938 wohn­te ich dort mit mei­ner Frau und zwei Töch­tern im Haus von Rechts­anwalt Broh in der ­Richt­stra­ße. Zwei Wochen vor den Novemberereignis­sen war der zweite Kantor und drei Tage später der alte Syn­agogen­diener gestor­ben. Rabbi Curtis Cassel fragte mich den Tag dar­auf, ob ich nicht ein­sprin­gen wollte. Es passte mir schlecht, aber ich bin seiner Bitte nach­gekom­men.

Im Herbst 1938 war die Mehrzahl der jüdi­schen Ge­schäfte in Frank­furt schon in "arische" Hände über­führt worden. Viele Juden, vor allem jüngere, hatten die Stadt be­reits verlassen. Am 8. No­vem­ber 1938 nach­mit­tags hörte ich von einem Freund, dass etwas im Gange sei. Ich solle am Abend besser nicht zu Hause blei­ben. Ich bin spät nach Hause gekommen und habe gehört, wie man mei­nen Nach­barn zur Rech­ten und meinen Nachbarn ge­gen­über abge­holt hat. Bei mir hat man nicht ange­klopft - ich glau­be, man hat noch nicht ge­wusst, dass ich hier eingezo­gen war.

Um Viertel vor Zwölf bin ich hin­ausgegan­gen zur Synago­ge. Dort habe ich alles in Trümmern vorge­fun­den. Ich konnte nur noch zwei Thora-Rollen ret­ten. Plötzlich stand ein Gestapo-Kommissar mit seinem Assistenten vor mir. Was ich hier tue? Ich erwiderte, ich versuche zu ret­ten, was ich kann. Er: Sie haben kein Recht dazu! Ich erklärte ihm, dass ich nach dem Tod des alten Synagogendieners des­sen Amt übernommen habe. Im gleichen Moment kam die SA-Ab­tei­lung in die Synagoge, Sturmbann­füh­rer ­Schi­low10 mit sei­nen 60 Mann. Er redete kurz mit dem Kommis­sar, und die Sache war geklärt. Nach­her fragte mich der Kommissar nach mei­ner Bezie­hung zu Schi­low. Es war eine alte Freund­schaft. Ich war zu seinem 50. Ge­burtstag ein­ge­laden. Dort waren 60 SA-Leute, 12 SS-Leute und meine Wenig­keit.

Der Kommissar hat mich noch zehn Minu­ten lang verhört und dann gehen lassen. Kurz vor Eins war ich zu Hause. Früh am nächsten Morgen ging ich noch einmal zur Synagoge, um nachzuse­hen, ob noch etwas zu retten war. Die Synagoge war völlig niedergebrannt. Die Leute, die dort zu­schauten, gaben sich gleichgültig. Mir war klar, dass ich auf der Straße nicht mehr sicher war. Ich bin dann mit der Stra­ßen­bahn zum Juden­fried­hof ge­fahren und blieb dort unge­fähr zwei Stun­den. Der Friedhofsauf­seher Biller­beck hat mich dann mit sei­nem Auto zu meinem – nichtjüdischen - Freund Lauten­sack gefahren. Ich wusste, dort war ich vorerst außer Gefahr.

Später erfuhr ich, dass der Kommissar sich Einlass zu unserer Woh­nung verschafft und mit mei­ner Frau gesprochen hatte. Er sagte zu ihr: "Lass dei­nen Mann allein, komm mit den Kin­dern, du be­kommst eine schöne Woh­nung, und wir werden für dich sorgen. Du bist doch nicht jü­disch." Sie sagte mit Nach­druck­: "Ich bin jü­disch!" Sie zeigte ihm auch das Bild ihres Bruders, der 1918 gefallen war. Er gab dann mei­ner Frau noch eine Bescheinigung und versprach ihr, sie könne sich auf ihn berufen, wenn je­mand sie be­drängen sollte. Eine Woche später allerdings hat der Kommis­sar noch einmal zwei Leute zu mei­ner Frau ­ge­schickt, um sie zu einer Trennung zu überreden.

Ich war sehr vor­sich­tig, als ich nach Hause gin­g. Mit mei­ner Frau hatte ich ver­abre­det, dass sie ein Hand­tuch aufs Fen­ster legt, damit ich wissen konnte, ob jemand oben war. Ich ging hinauf, müde und ka­putt von allem, was ich gehört und gesehen hatte, und be­stürzt darüber, wer alles verhaftet wor­den war. Später habe ich ge­hört, dass die Verhafte­ten, etwa 35 Männer, ­ins KZ Sach­sen­hausen trans­portiert ­wor­den waren. Mich sel­bst hat man nicht belä­stigt.

Der Kommissar bat mich tags darauf um meine Hilfe. Ein jüdischer Feld­webel in Für­sten­berg hatte sich die Uniform angezo­gen mit dem Eisernen Kreuz 1. und 2. Klasse und sich dann er­schossen. Ich sollte den Toten identifizieren und dann bestatten. Ich habe in ihm einen alten Bekann­ten wie­dererkannt, der vier Jahre im kai­ser­li­chen Hauptquartier ge­dient hat­te. Wir haben getan, was wir konn­ten, um ihn auf­zu­bahren und ins Grab zu legen.

Mit dem Gestapo-Kommissar bin ich meistens gut ausgekommen. Eines Tages wurde ich wieder zu ihm bestellt. Er hat dage­standen mit erhobener Faust, wie um mich zu schla­gen. Es ging darum, dass ich den vorgeschriebenen Vornamen "Israel" nicht führ­te. Er nahm schließlich aus sei­ner Schub­la­de die Verordnung heraus und ­stellte dann fest, dass ich den Namen Isra­el nicht tra­gen müs­se, denn mein Name Salo rei­che zur Kenn­zeichnung als Jude ­aus. Von der Zeit an hatte ich Ruhe.

Als meine Abreise feststand, ging ich zu ihm, um ihm mitzuteilen, dass ich das Land ver­las­se. Er hat mich aufge­for­dert, wahr­heits­widrig zu un­ter­schrei­ben, dass ich der kom­mu­ni­sti­schen Par­tei angehört habe. Ich habe mich ge­wei­gert. Er be­stand darauf und hat sich aufge­regt, als ich dies nicht tat. Aber als ich mich verab­schie­dete, wünschte er mir gute Reise.

Meine Frau und ich sollten im Spätsommer 1939 mit einem von der Gestapo organisierten Trans­port nach Palästina ausreisen. ­Mei­ne bei­den Töch­ter konn­ten nicht mit uns fahren, da Kinder unter 12 Jahren nicht legal ein­reisen durf­ten. Ich konnte für sie jedoch Plätze in Kinder­trans­porten nach Eng­land beschaf­fen. Es gab keine andere Möglich­keit, wir mussten uns von ihnen tren­nen. Meine jün­ge­re Toch­ter Ruth fuhr so mit 6 Jah­ren im Fe­bruar 1939, meine Älte­re, Mar­got, mit 11 Jahren etwas später nach Eng­land.

Wir Eltern reisten zunächst in Begleitung von zwei Beamten zusammen mit vielen anderen, die verhaftet und inzwischen frei­ge­lassen worden waren, per Bahn nach Wien. Als wir dort an­kamen, wer hat da ge­ses­sen? Der Kommis­sar mit seinem Assi­sten­ten! Der Transport ging über die Donau. Es waren insgesamt 400 Leu­te, die auf das Schiff soll­ten. Alle sind un­ter­sucht worden. In der letzten Minute befahl der Kommissar mich zu sich. Er forderte mich auf, mein Jacket zu öff­nen, er wolle wissen, was ich noch ver­steckt habe. Er hat mein Jacket und meine Hose durch­sucht. "Ich habe nichts ver­steckt, ich habe hier nur das erlaubte Geld. Weiter nichts!". "Wieso hat er noch Geld?" "Ich woll­te mei­ner Frau noch eine Uhr kaufen, aber wir sind zu­rückge­rufen wor­den, und daher hatte ich das Geld noch in der Ta­sche". Es waren 150 Mark und etwas Kleingeld. Er sagte, das Klein­geld könne ich be­halten, die 150 Mark müssten zurück­geschickt werden, an die Mut­ter oder einen Ver­wand­ten. Ich sagte, das Geld solle dann an eine jüdische Familie gehen, wo der Mann gefallen ist. In dem Moment habe ich geglaubt, er wolle mich erschießen. Doch er nahm mir nur das Geld ab und ging weg. Wir sind dann abge­fah­ren.

Wir fuhren hinunter nach Rumänien und sollten von dort per Schiff in die Türkei weiterreisen. Da ich in Kon­stan­ti­nopel einen Ver­wand­ten hat­te, wollte ich mich er­kun­di­gen, ob ich te­le­fo­nie­ren könne. Plötzlich stand wie­der der Kom­missar vor mir. Er hatte das Schiff gar nicht ver­lassen, son­dern war mit uns ­ge­fah­ren und hatte in der Kapitänskajüte über­nach­tet. Er gab mir etwas engli­sches Geld und ­meinte, es sei nicht ganz recht ge­wesen, dass er mir das Geld wegge­nommen habe. Schließ­lich würden wir noch viele Wochen unter­wegs sein. Er gab mir auch eine Karte mit einer Brief­mar­ke. Von Palästina aus soll­te ich ihm schrei­ben. Er woll­te über­prü­fen, ob der Damp­fer angekom­men ist. Es war ein sehr altes Schiff, ein frühe­rer Pferde­damp­fer.

In Rumä­nien verließ uns der Kommissar also endgültig. Wir waren noch zwei Monate unterwegs, bis wir endlich in Palä­sti­na ankamen. In Frankfurt waren bei unserer Abreise noch etwa zwanzig jüdische Familien zurückgeblieben.

Rauch und splitterndes Glas. Curtis Cassell

Interview mit Rabbi Curtis Cassell am 21.6.1996 in London ; sowie C. Cassell , Die Liste : Erinnerungen an die Pogromnacht in Frankfurt .

Mein Abitur habe ich in Oppeln abgelegt, dann drei Semester in Breslau studiert und mein Studium in Berlin an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums fortgesetzt. Meine Lehrer waren hier Leo Baeck und Ismar Elbogen, dessen Tochter an seiner Vorle­sung teilnahm. 1936 traf ich eines schönen Tages auf dem Weg zum Bahnhof Dr. Ignaz Maybaum. Der fragte mich, ob ich sein Nachfolger als Rabbiner in Frankfurt/Oder werden wollte. Maybaum war damals gerade zum ersten Gemeinderabbiner von Berlin berufen worden. Er war ein großer Wissenschaftler, aber auch ein Querkopf: Zunächst Zionist, dann entschiedener Antizionist, als der Zionismus modern wurde.

Das Angebot Maybaums nahm ich nach Rücksprache mit meinen Professoren an. Ich musste jedoch zunächst noch fast täglich von Frankfurt nach Berlin fahren, um das Studium abzu-schließen. Die jüdische Gemeinde in Frankfurt war sehr geschlossen. Vom Antisemitismus habe ich dort zunächst nicht allzu viel gespürt, doch hatte ich auch wenig Kontakt mit Nichtjuden. Allerdings gab es schon vor der Kristall­nacht 1938 einige antisemitische Vorfälle. Darunter eine Vorladung zur Gestapo, als ich 1938 aus dem Urlaub von Prag zurückkehrte. Eingehend befragte man mich nach den Gründen meines Besuchs in Prag, und dann forderte mich der vernehmende Beamte auf, ihm eine Liste sämtlicher Juden des Regierungs­bezirks auszuhändigen. Den Zweck dieser Liste fand ich erst später heraus, durch die Ereignisse der „Kristall­nacht“.

Am 28. Oktober 1938 wurden 17000 Juden polnischer Herkunft in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus Deutschland deportiert, wobei sie all ihren Besitz verloren. Da Polen sie nicht hereinließ, irrten sie unter unsäglichen Bedingungen im deutsch-polnischen Grenzgebiet umher. Damals bat mich die Zentralstelle der Reichs­ver­tretung deutscher Juden, nach Bent­schen an die Grenze zu fahren, um Hilfe für die gestran­de­ten Juden zu organisieren. Doch als ich in Bentschen ankam, wurde ich sofort von der Gestapo verhaftet und mit dem nächsten Zug nach Frankfurt zurückgeschickt. Am 7. November erschoss Herschel Grünszpan, dessen Eltern zu den Ausgewiesenen gehörten, den Ange­stellten von Rath der Pariser Botschaft. Dies wurde zum Anlass der „Kristallnacht“ und der Ereignisse des 9. November 1938 genommen.

Dieser Tag war auch mein Geburtstag. Meine Schwiegereltern aus Berlin waren zu Besuch gekommen, und ich begleitete sie abends zum Bahnhof. Dabei fielen mir schon zahlreiche Polizisten auf, die sich dort aufhielten. Später gingen wir schlafen, wurden jedoch bald vom Geräusch zerschla­genen Glases und Brandgeruch geweckt. Die Synagoge brann­te. Fenster und Schaufenster der Geschäfte wurden einge­worfen. Noch heute leidet meine Frau unter dem Schock dieser schrecklichen Nacht, wenn sie das Geräusch split­tern­den Glases hört. Wir riefen den befreundeten Rechtsanwalt Leo Nehab an, der in der gleichen Straße wohnte. Wir fürchteten, dass man auch unser Haus nicht verschonen würde, da es ja der Synagoge angeschlossen war. Nehab forderte uns auf, sofort zu ihm zu kommen.

Die Synagoge hatte zwei Ausgänge, den Haupteingang in der Richtstraße, einen Nebenausgang in der Wollenweberstraße. Dass die Gestapo uns am Haupteingang erwartete, wussten wir nicht. Glückli­cherweise verließen wir das Haus durch den Nebenausgang und entgingen so der Verhaftung. Ungefähr um elf Uhr abends waren wir sicher in der Wohnung unseres Freundes. Um vier Uhr früh klingelte es dort an der Tür. Es war die Gestapo, die Nehab verhaftete. Ich konnte mich mit meiner Frau unter dem Schreibtisch verstecken. Es war uns klar, dass wir Frankfurt schleunigst verlassen müssten. Da der Bahnhof, wie ich am Abend gesehen hatte, von Polizei bewacht wurde, gingen wir zu Fuß zur nächsten Bahnstation und bestiegen dort den Zug, der uns zu den Schwiegereltern nach Berlin führte. Am übernächsten Tag erschien die Gestapo auch hier und verhaftete meinen Schwiegervater. Ich stand neben ihm, doch mir passierte nichts, denn ich stand nicht auf ihrer Liste.

Die Beamten gingen mit preußischer Gründlichkeit vor, verhaftet wurde nur, wer auf der Liste stand. Erst später wurde mir bewusst, dass auch die Gestapo in Frankfurt die Verhaftungen nach einer solchen Liste vornahm, eben der Liste, die ich für sie im Sommer 1938 hatte anfertigen müssen. Tatsächlich sah ich meine Liste bei einem der Verhöre nach der Kristallnacht bei der Gestapo auf dem Schreibtisch liegen. Da wurde mir klar, dass die Aktion schon lange vorbereitet worden war und wenig mit von Raths Tod zu tun hatte, der nur als Vorwand diente.

Mein Schwiegervater, Werner Mosse, wurde mit vielen anderen in das Konzentrationslager Sachsen­hau­sen gebracht, wo er mehrere Wochen blieb. Als er ent­lassen wurde, war sein Gesundheits­zu­stand äußerst schlecht. Er war im ersten Weltkrieg Stabsarzt gewe­sen und hatte immer geglaubt, dass die Berichte über deutsche Untaten in Belgien und anderswo Gräuelmär­chen sein mussten. Nun war er eines anderen belehrt. Inzwischen war meine Frau nach Frankfurt zurückgefahren, um nach der Wohnung zu sehen. Sie fand sie versiegelt vor. Um die Siegel entfernen zu lassen, musste sie bei der Gestapo vorsprechen. Dort sagte man ihr, ich solle sofort nach Frankfurt zurückkehren. Als ich dort ankam, war die „Aktion“ vorüber. Ich wurde nicht verhaftet, doch unter Hausarrest gestellt. So aber konnte ich meine Gemeinde nicht betreuen, obwohl die Frauen besonderen Beistand benötigten, da ihre Männer verhaftet waren. Als ich mich darüber bei der Gestapo beschwerte, wurde der Hausarrest aufgehoben. Übrigens kam nach der „Kristall­nacht“ ein protestantischer Geistlicher zu mir, um mir sein Mitgefühl auszudrücken.

Das Innere der Synagoge war zum großen Teil demoliert, die Orgel völlig zerstört. Die Orgelpfei­fen waren beschlagnahmt worden, da sie aus Blei waren. Aus meiner Wohnung war eine neue Reiseschreib­maschine verschwunden. Bei einem weiteren Verhör bat ich die Gestapo um eine entsprechende Bescheinigung, da ich auswandern woll­te und diese für die Behörden benötigte. Daraufhin er­hielt ich die Schreibmaschine zurück, denn sie sei nicht recht­mäßig entfernt worden. Die Gestapo trug mir auf, weiterhin Gottes­dienste abzuhalten, denn es sollte so aussehen, als ob weiter nichts geschehen sei.

Neben den Gottesdiensten begann ich für die wenigen jüdischen Schüler, die noch in Frankfurt verblieben und nun aus den allgemeinen Schulen herausgeworfen worden waren, Schulunterricht zu organisieren. Die Frauen der in die KZ eingelieferten Männer baten mich immer wieder, sich bei der Gestapo für sie zu verwenden, doch hatte ich damit nur wenig Erfolg. Mir war inzwischen eine Stelle in Australien angeboten worden. Ich wollte im März 1939 auswandern und beantragte bei der Gestapo einen Reisepass mit Visum nach England hin und zurück. Diesen verweigerte man mir mit der Begründung, ich sollte erst dafür sorgen, dass auch die übrigen Mitglieder der jüdischen Gemeinde aus Deutschland verschwänden. Erst dann dürfe auch ich gehen.

Die verhafteten jüdischen Männer kamen seinerzeit fast alle wieder frei, doch konnten nur wenige vor Kriegsbeginn ausreisen. Alle Verbliebenen wurden später in Ghettos nach Warschau oder Posen deportiert. Im Mai 1939 wurde mein erster Sohn geboren, und als ich seinen Namen registrieren lassen wollte, musste ich aus einer Liste einen jüdischen Namen wählen. Ich wählte Elias, doch hieß er später in England Charles. Immerhin konnte ich am 25. August 1939 mit meiner Frau und dem Sohn Frankfurt verlassen und nach England reisen. Den Krieg über blieb ich in England.

Nach drei Monaten meldete ich mich zum Militär, war erst bei den Pionieren, wo ich beim Straßenbau eingesetzte wurde, dann konnte ich zur Artillerie überwechseln. Allerdings hatte ich dort Schwierig­kei­ten, denn statt der für die Ballistik nötigen Mathematik hatte ich im Seminar nur jüdische Kabbalistik gelernt. So wurde ich als Dolmetscher eingesetzt. 1947 erhielt ich mit der Entlassung zugleich die englische Staatsbürgerschaft. Ich war eine Zeitlang Rabbiner in London und wurde dann nach Bulawayo in Südrhodesien, dem heutigen Zimbabwe, berufen. Dort amtierte ich von 1957 bis zu meiner Pensionierung 1977 als Rabbiner. Seitdem lebe ich wieder in London.

Erst 56 Jahre nach der „Kristallnacht“, am 9. November 1994, kam ich wieder nach Frankfurt. Dort erlebte ich gemeinsam mit dem OB Pohl, mit Ignaz Bubis, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, dem Ministerpräsident Stolpe und anderen die Wiederauf­stellung des Gedenksteins an die ehema­lige Synagoge am Brunnenplatz.

1933. Zwölf Thesen wider den undeutschen Geist

Plakat in fetter roter Frakturschrift, im April 1933 überall angebracht in Fluren, Vorlesungsräumen und Mensen deutscher Universitäten.

1. Sprache und Schrifttum wurzeln im Volke. Das deutsche Volk trägt die Verantwortung dafür, dass seine Sprache und sein Schrifttum reiner und unverfälschter Ausdruck seines Volkstums sind.

2. Es klafft heute ein Widerspruch zwischen Schrifttum und deutschem Volkstum. Dieser Zustand ist eine Schmach.

3. Reinheit von Sprache und Schrifttum liegt an Dir! Dein Volk hat Dir die Sprache zur treuen Bewahrung übergeben.

4. Unser gefährlichster Widersacher ist der Jude, und der, der ihm hörig ist.

5. Der Jude kann nur jüdisch denken. Schreibt er deutsch, dann lügt er. Der Deutsche, der deutsch schreibt, aber undeutsch denkt, ist ein Verräter! Der Student, der undeutsch spricht und schreibt, ist außerdem gedankenlos und wird seiner Aufgabe untreu.

6. Wir wollen die Lüge ausmerzen, wir wollen den Verrat brandmarken, wir wollen für den Studenten nicht Stätten der Gedankenlosigkeit, sondern der Zucht und der politischen Erziehung.

7. Wir wollen den Juden als Fremdling achten, und wir wollen das Volkstum ernst nehmen. Wir fordern deshalb von der Zensur: Jüdische Werke erscheinen in hebräischer Sprache. Erscheinen sie in Deutsch, sind sie als Übersetzung zu kennzeichnen. Schärfstes Einschreiten gegen den Missbrauch der deutschen Schrift. Deutsche Schrift steht nur Deutschen zur Verfügung. Der undeutsche Geist wird aus öffentlichen Büchereien ausgemerzt.

8. Wir fordern vom deutschen Studenten Wille und Fähigkeit zur selbständigen Erkenntnis und Entscheidung.

9. Wir fordern vom deutschen Studenten den Willen und die Fähigkeit zur Reinerhaltung der deutschen Sprache.

10. Wir fordern vom deutschen Studenten den Willen und die Fähigkeit zur Überwindung des jüdischen Intellektualismus und der damit verbundenen liberalen Verfallserscheinungen im deutschen Geistesleben.

11. Wir fordern die Auslese von Studenten und Professoren nach der Sicherheit des Denkens im deutschen Geiste.

12. Wir fordern die deutsche Hochschule als Hort des deutschen Volkstums und als Kampfstätte aus der Kraft des deutschen Geistes.

Die Deutsche Studentenschaft

Luftkrieg über China. Gerhard Neumann

Gerhard Neumann, Herman The German (Autobiographie), Neuauflage Bloomington 2004.

Gerhard Neumann wurde im Oktober 1917 in eine wohlhabende Frankfurter Unternehmerfamilie geboren. Sein Vater, Siegfried Neumann, besaß die „Norddeut­sche Bettfedernfabrik“ in der Gubener Straße, wo jetzt noch (2009) auf den Backsteingebäuden die verblichene Aufschrift zu lesen ist. Beide Eltern entstammten jüdischen Familien, praktizierten jedoch ihr Judentum nicht. Der Vater hatte sich gleich zu Beginn des ersten Weltkrieges freiwillig zum Mili­tär­dienst gemeldet. Die Erziehung im Elternhaus war streng preußisch.

Von 1927 bis 1933 besuchte Neumann das Friedrichsgymnasium in der Gubener Straße nahe der väterlichen Fabrik. Er baute Radios, unternahm ausgedehnte Touren mit seinem Faltboot und flog mit 15 Jahren Segelflugzeuge im Rahmen eines Sportprogramms – eine unbeschwerte Kindheit in der Weimarer Republik. Nach bestandenem Einjährigenexamen ging er zu dem Automechaniker Alfred Schroth in der Dammvorstadt in die Lehre. Dieser Mann besaß nur eine winzige Werkstatt, war jedoch ein wahrer Meister im Umgang mit Metall, Motoren und Schweißtechnik. Es sollte sich erweisen, dass Neumann diesen Lehrjahren nicht nur viel für seine spätere Laufbahn verdankte, sondern möglicherweise auch sein Leben.

1935 legte Neumann das Gesellenexamen ab und besuchte eine der renommiertesten technischen Schulen Deutschlands, die Ingenieurschule Mittweida in Sachsen. Er und zwei andere Juden durften dort studieren, weil ihre Väter Frontsoldaten gewesen waren. Selbst spürte Neumann zu dieser Zeit noch kaum etwas vom Antisemitismus. Schulfreunde und Lehrlingskollegen fanden nichts dabei, das Neumannsche Haus mitunter auch in brauner oder schwarzer Uniform zu besuchen. SS-Leute brachten ihre Wagen zur Reparatur in jüdische Werkstätten, und in Frankfurt fanden öffentliche Boxturniere zwischen dem örtlichen Verein und dem jüdischen Boxclub „Maccabi“ statt.

Mit der Pogromnacht 1938 änderte sich das. Neumann wurde klar, dass es für einen jüdischen Ingenieur in Deutschland keine Zukunft gab. Er erfuhr, dass die chinesische Nationalregierung deutsche Techniker suchte. Inzwischen waren allerdings die Japaner in China eingefallen und hatten die Küstenregionen besetzt. Der neue chinesische Regierungssitz Chongqing im Landesinneren war schwierig zu erreichen. Unter Mühen bekam Neumann die nötigen Transitvisen für 16 Länder zusammen. Im Mai 1939 flog er von London aus in acht Tagen über Marseille, Tunis, Alexandria, Beirut, Basra, Karachi, Kalkutta, Bangkok und Saigon nach Hongkong. Doch dort saß er fest.

Alle Verbindungen nach Nationalchina waren auf japanischen Druck hin gekappt worden. Inzwischen brach der Krieg auch in Europa aus. Wie alle Deutschen in Hongkong wurde Neumann von den Briten interniert. Doch im Juni 1940 erreichte er durch ein glückliches Zusammentreffen mit einem US-Manager eine Freistellung. Seine neue Arbeitsstelle war Kunming, Hauptstadt der Südwestprovinz Yunnan, und sein neuer Arbeitgeber der amerikanische Chefberater Oberst Lee Chen­nault.

Neumann erledigte verschiedene Aufträge für die Amerikaner und eröffnete dann in Kunming eine Autowerkstatt. Sie lief hervorragend. Doch ein ruhiges Leben als Automechaniker in der chinesischen Provinz war ihm nicht beschieden. Am 9. Dezember 1941 griffen die Japaner Pearl Harbour an. Ein US-Jagdgeschwader wurde noch im Dezember nach China verlegt und Chennault unterstellt – die „Flying Tigers“. Neumann wurde als Flugzeugingenieur rekrutiert. Er war nun Sergeant der US-Army, zugleich staatenlos, „feindlicher Ausländer“ und ohne Pass.

Nach anfänglichen Erfolgen gegen die japanischen Bombergeschwader sahen sich die US-Piloten mit den neuen Zero-Jägern konfrontiert. Sie waren den amerikanischen Kampfflugzeugen überlegen. Ein Luftkampf mit einer Zero bedeutete oft das Todesurteil für den US-Piloten. Neumann, der mittlerweile als Chefingenieur die Flugzeugwartung mit 60 Mitarbeitern leitete, ließ Trümmerteile von abgestürzten Zero-Jägern aus ganz China zusammentragen. Es gelang ihm, die Teile zu einer flugfähigen Maschine zusammenzubauen und ihre Stärken und Schwächen zu testen. Die Zero war durch ihre Leichtbauweise extrem wendig, aber auch verwundbar. Ein einziger Treffer genügte oft zum Abschuss. Die Konsequenz war, Luftkämpfen fortan auszuweichen und das Flugzeug stattdessen aus weiter Entfernung im Sturzflug zu beschießen. Diese neue Taktik wendete das Blatt im Luftkrieg über China. Durch seinen Beitrag zum Erfolg und durch weitere Aktionen – so spionierte er, als chinesischer Kuli verkleidet, feindliche Flugfelder aus - wurde Neumann als "Herman the German" zur Legende unter den US-Piloten.

Nichtsdestotrotz bedurfte es eines Sondergesetzes durch den US-Kongress und der Unterschrift durch Präsident Truman, um ihm nach dem Krieg die Einbürgerung in den Vereinigten Staaten und den Erwerb einer Flugzeugmechanikerlizenz zu ermöglichen. Nach einem Aufenthalt in Shanghai und einer abenteuerlichen Rückreise durch halb Asien mit einem alten Militärjeep begann Neumann, inzwischen mit einer Amerikanerin verheiratet, eine neue Karriere als Triebwerkskonstrukteur bei General Electric in Massachusetts.

Zu diesem Zeitpunkt war GE einer der ersten Hersteller von Strahltriebwerken. Neumann stieg schnell in der Karriereleiter auf. Seine erste patentierte Erfindung waren verstellbare Leitschaufeln, die die Leistung der Triebwerke erhöhten und gleichzeitig den Kraftstoffverbrauch senkten. In der Folge entwickelte er, nun Leiter des Geschäftsbereichs Strahl­triebwerke, das Atomtriebwerk X-39 und das konventionelle Triebwerk J-79. Letzteres brach bei seiner Erprobung 1954 fünf Höhen- und Geschwindigkeitsrekorde und war für Jahrzehnte das zuverlässigste militärische Triebwerk, das auch von den anderen NATO-Streitkräften, Israel und Japan eingesetzt wurde.

1961 übernahm Neumann den gesamten Geschäftsbereich Flugantriebe und wurde 1963 schließlich Vizepräsident des GE-Konzerns. Er behielt diese Position bis zu seiner Pensionierung 1980. 1986 wurde er in der National Aviation Hall of Fame neben Charles Lindbergh und Neil Armstrong verewigt, 1987 mit der Ehrendoktorwürde seiner früheren Hochschule Mittweida ausgezeichnet. Das Luftfahrtmuseum im bayerischen Niederalteich wurde ihm zu Ehren Gerhard-Neumann-Museum benannt.

Erstmals sah er Frankfurt 1976 wieder. Sowohl die Fabrik seines Vaters in der Gubener Straße wie auch die elterliche Villa und sogar die Autowerkstatt seines ehemaligen Meisters Schroth hatten den Krieg überstanden. 1981 lud ihn die Volksrepublik China zu einem Besuch an den Stätten seiner Tätigkeit bei den Flying Tigers ein. So schloss sich der Kreis. Am 2. November 1997 ist Gerhard Neumann an Knochenmarkleukämie verstorben.

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9783754179819
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