Kitabı oxu: «Der Teufelstritt - Magische Geschichten und Rundgänge zu Sagenorten in München»
Fritz Fenzl

Magische Geschichten und Rundgaänge
zu Sagenortan in München

Impressum
Vollständige eBook-Ausgabe der im Stiebner Verlag erschienenen Printausgabe (4. Neuauflage 2013; ISBN 978-3-8307-1059-2).
Weitere Information zum Thema auf den Webseiten des Autors:
www.magische-kraftorte.de
www.magisches-muenchen.de
Umschlaggestaltung: Pierre Sick
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2013 Stiebner Verlag GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags.
ISBN 978-3-8307-3002-6
www.stiebner.com
Inhalt
Vorwort
Erst einmal die Kette durchbeißen!
Die eiserne Kette um München herum
Von Geistern, Gespenstern und spukhaften Erscheinungen
Der Schlafhaubenkramer
Das Fausttürmlein und der Raubritter
Das Fausttürmlein, das rote Licht und der Spuk der unschuldig Hingerichteten
Die Isar-Nixe war ein hochmütiges Fräulein von der Burg Grünwald!
Das versunkene Dorf bei Riem oder: Nicht nur Flughäfen verschwinden! (Auch Omnibusse in unseren Tagen)
Wenn der Teufel selbst mit im Spiel ist
Die drei Raben oder: Wie der Teufel sich die Seele eines Münchner Advokaten holte!
Der Teufel, der Blitz und der Petersturm
In der Residenz geht etwas Schwarzes um!
Der verborgene Schatz in der Michaelskirche existiert im Kopf als geistiges Gut
Die Teufelsgrube bei Holzkirchen
Ein schreckliches Fisch-Ungeheuer, das im Walchensee ruht, bedroht die Landeshauptstadt München!
Von sagenhafter Frömmigkeit
Das Bild mit den gesenkten Händen
Die Toten streiten für einen Frommen
Die Braut, die Monstranz der Asamkirche und der Tod
Die stille Beterin an der Mariensäule
Die Gründung der Dreifaltigkeitskirche und die »fromme Seherin«
Historische Sagen
Der Mönch im Wappen oder: Wie der Name »München« entstand
Unser König Ludwig II. spukt immer noch im Nymphenburger Schloss umher!
Münchner Originale, Viecher und Ur-Viecher
Diez von Schaumburg
Das Wurmeck
Die diebische Dohle
Der Türmer und der Komet
Herzog Christophs Stein in der Residenz
Von Häusern und Gebäuden
Die Hundskugel
Der Schöne Turm
Der Schöne Turm, der Goldschmied und die diebische Dohle
Der Spuk am Isartor
Die Bronzelöwen an der Residenz
Der Jungfernturm
Der Geisterstundenschlag von der Ramersdorfer Kirchturmuhr
Der dreigesichtige Götze am Neuhauser Tor
Aus den Stadtteilen
Der ewige Jude in Haidhausen
Pestsagen aus Giesing
Der fromme Wandermönch Winthir kommt nach Neuhausen
Sagenhaftes aus Pasing: Von der Spiegelwiese und den schwebenden Hexen
Gespensterwege von Pasing nach München
Von Bräuchen, Sitten, Meinungen, Urteilen und Vorurteilen
Die Tauben im Rathausturm
Der Schäfflertanz
Das Bäckerschnellen oder: Wie es einem im Mittelalter »nass ’neigeh’« konnte
Das Aha-Bergerl in Nymphenburg: der Berg der Weisheit!
Sagen um die Frauenkirche
Der Teufelstritt
Der Wind um die Frauenkirche
Der Balken in der Frauenkirche
Die Sage von der Gründung des Münchner Domes
Wie aus einem tiefen Brunnen
Der Spiegelbrunnen
Das Hungerbrünndl am Dom
Bittere Tränen in der Magdalenenklause haben die Augen geöffnet
Magische Orte im Umkreis der Stadt
Das Schlossgespenst bei Erding
Irrlichter im Erdinger Moos
Das versunkene Schloss bei Trudering
Das Gnadenbild von Maria Eich
Maria in der grünen Senke
Die Pippinger Glocke
Die betenden Schwestern von Leutstetten
Die Birg bei Höhenschäftlarn oder: »Das Birgweibl«
Die weinende Madonna von Bernried
Das »Münchner Bier« von Andechs, der Schatz und das Mäuschen
Sage ist: Wissen um Magie
Fürstengruft in der Michaelskirche: Ein fehlender König Ludwig II. – und ein gewaltiger Raum-Zeit-Tunnel!
Onuphrius, der Riese vom Marienplatz, den keiner sieht, weil er so sichtbar ist!
Die Reismühle und die Geburt Karls des Großen
Statt jemandem einen Bären aufzubinden, hat Korbinian dem armen Bären die Last aufgebunden!
Die lange Agnes
Das Schnarchermandl in den Isarhöhlen
Die Insel Wörth im Wörthsee
Hexenprobe in Stockdorf!
Drei sagenhafte Rundgänge durch München – und die Kultführung durchs Mühltal
Erster Sagen-Rundweg: Marienplatz – Frauenkirche – Residenz
Zweiter Sagen-Rundweg: Marienplatz – Alter Peter – Schöner Turm – Neuhauser Tor – Dreifaltigkeitskirche
Dritter Sagen-Rundweg: Marienplatz – Asamkirche – Michaelskirche – Spuk am Isartor
Die Mühltalführung
Literaturverzeichnis
Vorwort zur 4. Auflage
Münchner Stadt-Sagen? Sie denken gleich an den Teufelstritt, das Wurmeck am Rathaus, den Riesen Onuphrius, die Blitzeinschläge am Alten Peter …
Irgendwie haben Sie alles schon einmal gehört. Jetzt aber wissen Sie: Erst das Hingehen und Da-Sein am Ort der Sage erschließt die verborgenen Wirklichkeiten.
Der vorliegende Band, nunmehr die vierte Ausgabe des neuauflagenstarken Klassikers »Münchner Stadtsagen«, will erzählend »hinführen«. Tauchen Sie ein, nicht nur in Folklore, Legende und Historie; sondern in eine faszinierende, seelengreifende »Welt hinter der Welt«. Entdecken Sie den »Sitz im Leben«, denn die Sagen-Geschichten, das sind …, eben: Das sind Sie selbst!
Es werden im vorliegenden Buch bewusst jene Sagen gewählt, die heute noch ergehbar sind, an die ein historisches »Beweisstück« erinnert. Wie etwa der drohende Lindwurm am Rathaus, der die Stadt München betretende Riese; oder jener geheimnistragende, in die Fußgängerzone gemauerte Grundriss des Schönen Turms, der eine Zeitenschleuse mitten in München markiert.
Die Sage komprimiert Wirklichkeit, sie bringt auf den Punkt. Die Erlebnis-Kausalität von Natur-, Götter-, Helden-Sagen, besonders der historischen Stadtsagen sind genau das, was andere den »Gral« nennen.
Sie verstehen bald, wenn Sie die Orte erfahren und erfühlen, jene sich aus dem Halbdunkel der Historie erschließende höhere Notwendigkeit, ja Determination der Agierenden, die auf der Jahrtausende alten Bühne des wuchtigen Weltentheaters so agieren, wie das Leben es will. Und wie es das Leben selbst dem Überlebens-Willigen zwingend vorschreibt.
In dieser sonst selten noch sagbaren, durchaus sozio-darwinistischen Archaik, die so mancher heutigen »Political Correctness« widerspricht, dort wo es nicht nur Gut gibt und Böse, sondern das Leben eben, – da liegt das Geheimnis, das Mysterium des Lebens selbst.
Sagen bewahren uraltes Einweihungswissen, sie entschlüsseln das Unterbewusst-Sein der gesamten Menschheit. Letztlich ist ein »hinführendes« Sagenbuch wie dieses ein »Überlebenstrainer« für das, was kommt.
Eine sagenhafte Zukunft!
Der Autor, im Frühjahr 2013

Wer Freude und neue Weltensicht aus diesem Buch gewonnen hat und seine Erlebnis-Touren bayernweit ausdehnen will, dem sei der dem Erfolg des »Teufels tritt« entsprungene Band »SAGEN UND MYTHEN AUS BAYERN« (Stiebner-Verlag, München 2009, ISBN 978-3-8307-1048-6) ans Herz gelegt.
Erst einmal die Kette durchbeißen!
Die eiserne Kette um München herum
Wie einem bald auffallen wird, führt dieses Buch gerne zu diesem und jenem magischen Ort, der an die Sage erinnert, es geleitet zu irgendeinem Bauwerk, einem Brunnen…, vor dem man dann stehen kann, sich gescheit mit dem Finger an die Stirn tippt und zu den lieben Begleitern sagt: »Soso. Aha. Ja da schau her.« Sodann hat man seine gebildete Pflicht und Schuldigkeit getan, darf das Buch zuklappen und sich ins nächste Wirtshaus begeben.
Erstmal aber haben wir es mit einer zauberwirksamen Kette zu tun, die um das »ursprüngliche München« herum gespannt ist.
Oder, sagenhaft schwer, davor liegt.
»Ja was denn«, wird so mancher ausrufen, »…diese Kette gibt es einfach nicht!«
So ist es auch. Man kann so lange außen um die Stadt herumlaufen, wie man will. Man findet einen »Innen oder Altstadt«-, einen »Mittleren« und gar einen »Äußeren« Ring, ein jeder von diesen stinkt mehr als der andere, aber eine Kette kann man lange suchen.
Es gibt sie aber. In der Sage und im Herzen! Wollen wir sehen:
Zunächst erzählt uns die Sage, dass in früheren Zeiten die Kinder und überhaupt die Leichtgläubigen »von draußen«, vom Lande also oder von anderswoher, wenn sie nach München herein haben wollen, gesagt bekamen:
»Nach München? Da darfst du aber sauber zur heiligen Apollonia beten.«
Der Angesprochene hat dies dann recht gut verstanden. Denn in Zeiten (das ist noch gar nicht so lange her), in denen ein ordentlicher Mensch genau gewusst hat, wo jeder Heilige hingehört, wie er zu Tode gefoltert worden ist und für welches Wehwehchen er also zu helfen vermag, da war bei dem Namen Apollonia ganz klar: Zähne!

Wer nach München herein will, der muß erst die schwere eiserne Kette durchbeissen: Das heißt, er muss lernen, die Stadt mit dem Herzen zu sehen!; 17
Und so war’s auch gemeint, denn man hat den Kindern gesagt, sie müssten »eine Kette durchbeißen«, wenn sie denn nach München herein wollten. Da haben die nicht wenig Angst gehabt vor der großen, fremden Stadt. Meiner Oma selbst ist es noch so ergangen, die hat bei den Bauern gewohnt und ist lange schon tot.
»Die Kette«, das ist natürlich ein aussagekräftiges Symbol, wie sich das für eine g’scheite Sage so gehört. Denn von einem ordentlichen Kerl, der nach München herein wollte, hat man schon erwarten dürfen, dass er Manns genug ist, den Kraftakt zu tun. Er hat sich »durch etwas durchbeißen müssen«, sich die Stadt sozusagen erst mal verdienen, erarbeiten und, vor allem: mit dem Herzen erschließen müssen*.
Wenn man sich nun einmal mit dem Finger ans Herz tippt, dann findet man vielleicht die Kette!
Wenn nicht, dann muss man halt noch eine Zeitlang danach suchen, dann ist einer »im Herzen« noch kein rechter Münchner, wenn er auch noch so angestrengt so tut.
Es ist erstaunlich, was Max Rohrer in einem Buch vom Jahre 1949 schreibt, also kurz nach Kriegsende, als es noch recht lange hin war zur Olympiade, der U-Bahn, dem Großflughafen, der »Szene München« und all dem modischen Schnickschnack, der uns mit »Münchnern« segnet, die von der Kette nichts wissen und selbst wie eine Kette aus Kletten das Stadtbild verkitten:
»Aber wann sie in den Straßen und den Ausstellungen und den ›Bräus‹, wie sie sagen, eine Weil umeinander spekulieren, oder gar wann sie sich in der Stadt heimisch einnisten wollen, da merken dann die mehreren doch, dass zwischen ihnen und dem wirklichen München eine eiserne Kette ist, die durchbissen sein will. Das sind aber die Bessern und Gescheitern unter den Zugereisten; die ganz Siebengescheiten meinen nämlich, dass sie mitten darinnen sind, und spannen durchaus nichts von einer Kette.«**
Übrigens ist es eine magische Kette, die München umgibt: Ein zauberwirksamer Kreis, dem keiner sich entziehen kann …
*Ganz schön viel Menschen, die aus einer Notlage heraus in der Stadt ihr Glück gesucht haben, die mussten sich tatsächlich sauber durchbeißen! Das ist heute nicht anders.
**Max Rohrer, Alt-Münchner Geschichten, München 1949, S. 8.
Von Geistern, Gespenstern und spukhaften Erscheinungen
Der Schlafhaubenkramer
Wer den Liebfrauendom, das Wahrzeichen unserer Stadt München, besucht, der möge nicht nur den Teufelstritt unter der Orgelempore besichtigen und die grimmigen Winde des Teufels um die Ecken pfeifen hören, sondern auch daran denken, dass hier vor Zeiten ein Friedhof bestand, der »Frauenfreithof«, so wie er in alten Büchern genannt wird.
Darüber nun gibt es eine der lebendigsten und schaurigsten Sagen, die unsere Stadt zu bieten hat. Das ist die Sage vom »Schlafhaubenkramer«.
»Vor hundert und etlichen Jahren…«, wie wundersam doch altehrwürdige Überlieferungen sich auszudrücken vermögen! Also, sagen wir: Es war einmal, damals, als der alte Frauenfreithof noch bestand.
Dieser Ort galt damals als ganz und gar nicht geheuer, und jedermann mied die Stätte des Grauens. Die Stelle war so sehr verschrien, dass die schauerlichsten Spukgeschichten darüber in der Stadt herumerzählt wurden.
Eine davon ist die, dass ein Geist mit einer weißen Schlafhaube (so etwas trug man damals, wenn man zu Bette ging) den Friedhof beherrscht und unsicher gemacht haben soll:
Man muss wissen, in der Weinstraße, gegenüber dem alten Polizeigebäude, gab es damals einen Kramladen. Der Krämer, dem dieses Geschäft gehörte, der war in etwa das, was man heute einen »Gschaftlhuber« nennen würde. Immer und überall, wenn es g’schaftig etwas auszutragen galt, dann musste dieser Mensch mit der eingebauten inneren Unruhe mit dabei sein.
Der Krämer war, sobald er in seinem Geschäft stand, ein tüchtiger, geflissentlicher Kaufmann, nicht weniger tüchtig und pünktlich aber eilte er nach Ladenschluss zu seinen Trinkspezln, mit denen zusammen er beim Wirt tüchtig dem Biere zusprach. Und was dabei herauskommt, das weiß man ja.

Als der Kramer dann endlich das Gespenst auf dem gottverlassenen Friedhof erblickte, da rannte er um sein Leben.
Bald wurde die Runde immer lustiger und ausgelassener, man darf ruhig sagen: blöder im Denken, und bald, wenn der Geist vernebelt ist, sieht man Gespenster und redet von ebensolchen.
»Ich sage euch: Das Gespenst mit der weißen Schlafhaube soll wieder auf dem Friedhof umtriebig geworden sein…!« so sprach einer.
Den anderen gruselte, ihnen gefror das Lachen am Bierglas, denn der »Freithof« war ja nicht weit weg, und Gespenster gab es zu der Zeit tatsächlich.
(Es gibt sie, übrigens, auch heute noch, nur wird nicht mehr so viel davon geredet, denn wir sind ja, ach, so gescheit geworden in unserer sogenannten »aufgeklärten Neuzeit«.)
Nun denn. Den Trinkkumpanen schauderte, der Kramer von der Weinstraße aber, der riss sein Maul noch weiter auf, als man es eh schon von ihm gewohnt sein durfte. Um diese Zeit halt! Die Zeiger der Uhr standen kurz vor Mitternacht.
»So ein Geist käme mir gerade recht«, höhnte er, »der soll nur hergehen. Ich werde es ihm schon zeigen.«
»Geh doch du zu ihm!« so ein anderer.
»Ich geh schon«, prahlte der Kramer. Und damit stand er im Wort.
Er nahm Hut, Stock und Laterne und eilte zum Friedhof, der in unheildrohender Dunkelheit lag. Nicht einmal der Mond schien, und das Friedhofstor knarzte gotterbärmlich.
Er schritt über den Kies, stolperte über Gräber, stieß sich an einem Stein und verfluchte seine Angeberei und die Lage, in die er sich gebracht hatte.
Da! Etwas Weißes!
Das Gespenst. Ein hagerer weißer Kerl, der ihn anstarrte. Der Kramer lief hin und schlug dem untoten Wesen mitten ins Gesicht. Die Schlafhaube kullerte zu Boden.
Das hätte er nicht tun sollen! Jetzt hieß es Reißaus nehmen. Er vorneweg, der Geist hinterher. Der Vordere rannte jetzt um sein Leben. Doch sein Verfolger blieb ihm auf den Fersen, durch Straßen und Gässchen und Tore, treppauf, treppab…, und noch bis vor das Haus, in dem der Kramer wohnte.
Im allerletzten Augenblick schlüpfte er durch die Tür und verriegelte von innen, rannte die Treppe hoch…
… doch er spürte, dass das Gespenst weiterhin dicht bei ihm blieb. Denn es kletterte außen die Fassade hoch. Zur Tür konnte es nicht herein, denn diese war mit drei Kreuzen bezeichnet. Der Kramer gelangte schweißgebadet in sein Zimmer. Und etwas Weißes schaut schon zum Fenster herein!
Da wirft er dem aufgebrachten Zwischenwesen, das tot ist und doch nicht ruhen kann, ein Bildnis der Muttergottes von Altötting entgegen.
Weg ist der Geist.
Das war zuviel der Aufregung. Der Kramer, halbtot, verfiel in einen tiefen Schlaf, der einige Tage gedauert haben mag (heute würden wir sagen: Heilschlaf), und als er wieder erwachte, da hing sogar das Madonnenbild ruhig an seinem Nagel an der Wand.
Sicherlich hat sich alles ganz genau so zugetragen, wie soeben berichtet. Zumindest in des »Schlafhaubenkramers« verwirrtem Geist war alles so.
Und einen Spitznamen hatte er auch weg für sein Lebtag.
Das Gespenst hat man nie mehr gesehen, vielleicht, wenn es wirklich eins war, ist es wohl durch die wuchtige Watsch’n des Altmünchner Originals von einem jahrhundertealten Fluch erlöst worden. Und muss nun nicht mehr umgehen.
Vielleicht.
Das Fausttürmlein und der Raubritter
Steht man am Sendlinger-Tor-Platz, sollte man es nicht versäumen, das Sendlinger Tor und sein dunkles altes Mauerwerk zu betrachten. In der Phantasie fällt es nun gar nicht so schwer, das efeuumrankte Gemäuer zu erweitern, bis es die ehemaligen Ausmasse, die es in Zeiten des Mittelalters hatte, wieder erreicht, und vor seinem inneren Auge die »innere Stadtringmauer« erneut entstehen zu lassen.
Inmitten dieser alten Stadtringmauer, unfern vom Sendlinger Tore – da stand dereinst ein Türmchen mit einer drohenden Faust auf der Dachspitze. Damit hatte es die folgende nachtfinstere Bewandtnis:
Dereinst, als die Menschen noch an den Teufel glaubten, der Alchimie Glauben schenkten und öffentliche Hinrichtungen ein rechtes Volksspektakel waren, da hat ein Raubritter, dessen Namen allerdings nicht überliefert ist, der Stadt München »Fehde angekündigt«, wie das in altehrwürdigen Büchern so genannt wird.
Man darf sich das aber nicht wie eine offene Kriegserklärung vorstellen, weil der nun folgende Fortgang der Geschichte zeigen wird, dass in der Verfahrensweise des unedlen Raubritters von »offen« in keiner Weise die Rede sein kann.
Wir wollen innehalten und ein Wort über Raubritter verlieren. Dieser erst durch spätere Abenteuerromane zu Ehren gekommene Ritter hatte es wohl nicht leicht zu Lebzeiten, sonst nämlich hätten die Herren Raubritter ganz sicherlich nicht die immer schon anrüchige Lebens- und Existenzform »Raubritter« als die Ihrige erkoren.
Vielmehr ist das Raubrittertum ein sicheres Zeichen für den Niedergang des »klassischen« Rittertums mit all seinen edlen Tugenden: manheit, zuht, mâze, milte, güete, êre, staete.
Überhaupt Beständigkeit! Denn beständig ging es mit dem Tugendkatalog bergab, und ab der Mitte des 13.Jahrhunderts hatten es die Ritter, die König Artus noch an seinen runden Tisch gebeten hätte, wahrlich schwer! Denn damals kam das merkantile Bürgertum zu Ehren und Reichtum. Siehe: Alter Adel war schon damals nicht mehr das, was er einmal gewesen!
Man darf sagen, dass mit dem Raubrittertum die Neuzeit beginnt, zumindest aber unsere geliebte freie Marktwirtschaft.
Nun denn. Der Raubritter von damals, um den es hier in unserer Schauersage geht, der war sogar noch etwas moderner, denn er lieferte der Stadt den allerersten Bestechungsskandal.
Weil nämlich er mit einem Ratsherren gegen hohen Lohn ein heimliches Bündnis einging, dass dieser Ratsherr ihm zu einer bestimmten und ausgemachten Zeit eines der wuchtigen Tore der Stadtmauer auftun würde. Alsdann wollte der strategisch gewitzte Raubritter die Stadt überfallen und »mit Brand anstoßen«.

Wenn eine unschuldige arme Seele hingerichtet wurde, dann stand über dem Falltürmchen und dem Scharfrichterhaus ein feuerroter Lichtschein… (Aquarell von 1874)
Aber! Gottlob! Die verräterische Tat ward rechtzeitig entdeckt und der enttarnte Ratsherr lebendig in eben diesen Faustturm eingemauert.
Elendiglich musste er im finstersten Verliese, unentrinnbar seinem Ende entgegensehend, verhungern und verdursten, wenn nicht ein gnädiger Wahnsinn, eine durch Auszehrung einsetzende Umnachtung der Sinne seinem bewussten Ende und Endleiden einen milderen Schlusspunkt gesetzt haben möge.
So schändlich die Tat des hinterlistigen Verrates wider die Stadt München gewesen ist, so grausam und unmenschlich war der Tod im kaltfinsteren Verliese.
Und zur Warnung an alle Verräter wurde daraufhin eine drohende Faust auf die Spitze des Turmes gesetzt, die für alle Vorübergehenden als grausige Mahnung da oben prangte.
Möge der Liebe Gott des im Turme verdorrten Ratsherren gnädig sein.
Das Fausttürmlein, das rote Licht und der Spuk der unschuldig Hingerichteten
Alle, die immer noch am Sendlinger-Tor-Platz stehen und denen das Fausttürmchen partout nicht aus der Phantasie verschwindet, mögen sich die Zeit der grausigen Hinrichtungen im Mittelalter vergegenwärtigen und daran denken, dass immer, wenn das Blutgericht auftritt, auch Unschuldige dran glauben müssen. So war es auch damals. Aber dann hat es hier in dieser Gegend, die zu einem »besetzten Ort« wurde, sauber gespukt…
Nun hat es mit diesem Fausttürmlein aber noch eine ganz besondere Bewandtnis gehabt, die nicht weniger schauerlich zu nennen wäre:
Denn damals existierte das Scharfgericht, und wie schon das obige Schicksal des durch Gerichtsbeschluss eingemauerten Ratsherren zeigt, war man mit derlei Urteilen damals nicht gerade zimperlich oder zurückhaltend.
Da kam es dann schon das eine oder andere Mal vor, dass die Richter sich in ihrem Urteilsspruch irrten.
Nun denke keinesfalls, lieber mitfühlender Leser, dass dieser Irrtum allen miteinander nicht ganz besonders leid getan hätte; für eine Begnadigung war es dann halt ein für allemal zu spät. Denn der Betroffene hing unschuldig am Strick, er ward unschuldig einen Kopf kürzer gemacht oder unschuldig eingemauert. (Unser verräterischer Ratsherr, der hat sozusagen noch Glück gehabt, denn er musste wenigstens verdientermaßen den Tod erleiden!)
Musste aber ein ganz und gar Unschuldiger dran glauben, dann war zwar sein Gewissen heil (solange er noch lebte), und sein ewiges Leben war ebenfalls zum Guten hin gerettet. Für sein irdisches Dasein jedoch war dies ein sogenannter irreversibler Schaden.
Immer aber, wenn solcher Justizirrtum passierte, zeigte sich das ganze Grauen des Geschehens in folgender Szene:
Denn dann erglomm in der darauffolgenden Nacht das Fausttürmlein in blutrotem Lichte, und zugleich tat es drei schwere gewaltige Schläge, von dumpfer todbringender Wucht, die das entsetzliche Niedersausen des Schwertes auf dem Richtblock wiedergaben. Dies dreimalige Pochen geschah an der Tür des Scharfrichterhauses, das früher innerhalb der Stadtmauer auf einem kleinen Platz, der sich unter dem gruseligen Turmbauwerk öffnete, lag.
Der Scharfrichter, also von Gespensterhand aus dem Bette geholt, eilte gleich zur Türe, um diese tüchtig abzusperren, wusste er doch seit Urgroßvaters Zeiten nur zu genau, was der ernste Spuk zu bedeuten habe!
Zugleich fragte der Henker durch die geschlossene Türe nach draußen, wer denn da klopfe?
Dann kniete er nieder und betete mit lauter Stimme ein Vaterunser und ein Ave Maria ums andere, so lange, bis es ein Uhr von der inneren Stadt herüberschlug und die Geisterstunde, wie das so üblich ist, endlich beendet schien. Das alles mag an dunkle Einweihungen erinnern. Vielleicht ist es auch so?
Mit dem Vorüberziehen der Geisterstunde war auch das rote Licht verschwunden, der Scharfrichter versuchte nun zu schlafen, was ihm natürlich nach dem zuvor Erlebten nicht gelang.
Gleich am Morgen eilte er nun zum Rat der Stadt, zeigte an, was geschehen, und sogleich begab sich die Münchner Bevölkerung in Kirchen und Kapellen und betete inständig für die ungerecht hingerichtete arme Seele.
Denn nichts anderes hatte der Spuk zu bedeuten, als dass ein Unschuldiger von Henkershand vom Leben zum Tode befördert worden.
Das kam leider immer wieder vor.
Einmal erwischte es den Goldschmied vom Schönen Turm (Man findet die Sage auch in dieser Sammlung), ein andermal musste eine bildhübsche junge Dienstmagd, die ihr Stüblein »zuhöchst« in einem Hause unweit der Dienergasse hatte, unschuldig dran glauben.
In diesen beiden Fällen waren eine Dohle und ein Rabe »die Schuldigen«, denn diese schwarzen Galgenvögel hatten glitzernden Schmuck »von oben«, also aus der Luft und durch offene Fenster, fort genommen.
Als man dies merkte, da konnte man die enthaupteten Opfer aber auch nicht wieder zum Leben erwecken. Was mit den »wahrhaft Schuldigen«, den beiden Vögeln geschah, das weiß keiner. Wahrscheinlich sind sie eines ganz natürlichen Todes gestorben, und nicht einmal das Gewissen hat die gefiederten Freunde sonderlich geplagt.
Wie auch?
Die Isar-Nixe war ein hochmütiges Fräulein von der Burg Grünwald! Oder: Das Isar-Ufer hatte schon immer etwas Magisches an sich.
Die folgende Geschichte soll den Leser, zu einem Spaziergange an der Isar verführen. (»Verführen« ist hier genau das richtige Wort, wie man bald sehen wird!) Zwischen Harlaching und Thalkirchen mag das sein, am besten beginnt man an der Marienklause nahe dem Tierpark Hellabrunn, denn hier waren, noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts, verschiedene Marterl aufgestellt, die an den Tod zahlreicher Flößer in den Stromschnellen der Isar erinnerten.
Und schuld war stets eine Nixe, die mit ihrem lockenden Ruf die Vernunft und den Orientierungssinn der Männer in jeder Hinsicht aus dem Lot gebracht hat.
Also, das war so:
Dereinst, da lebte auf der Burg Grünwald – es war just die Zeit, als noch die »Geister von densölben / Nachts in den Gewölben…« spukten – ein ganz wunderschönes Burgfräulein.
Allerdings sollte man sich nicht allzu schnell in die hier geschilderte Person verlieben. Denn leider ist es nicht immer so, dass äußerliche Schönheit auch einer inneren Schönheit und Feinheit des Charakters entsprechen muss.
Dagegen mag man zwar einwenden: »Halt! Ist es nicht die moderne Psychologie unserer Tage und gar die Esoterik, die uns da lehren mögen, dass der Körper und damit ›das Äußerliche‹ die Vermittlerfunktion der ›Innenwelt‹ zur ›Außenwelt‹ darstellen und also das äußere Erscheinungsbild eben genau dem ›inneren Zustand‹ zu entsprechen habe?
Und ist nicht gerade in den Sagen des Mittelalters ›Schönheit‹ mit ›schön im Geiste‹ gleichzusetzen?«
Wir wissen es nicht. Vielleicht war dieses Burgfräulein gar nicht so schön, wie wir wohl annehmen sollen.
Für einen jungen, hübschen Spielmann aber, von dem wir gleich hören werden, war sie die Schönste der Welt. Diese Absolutsetzung einer leichten Verwirrung des Geschmacks und das, dadurch ausgelöste, von allen Sinnen verlassene Gebaren im Minnedienst sollten für ihn tödlich enden.
So hört:
Vor über 500 Jahren, es war um das Datum 1487 herum, da vermählte sich der Bayernherzog Albrecht IV. mit Kunigunde, der Schwester des späteren Kaisers Maximilian I.
War das eine mittelalterliche Prunkhochzeit! Wer etwas galt im Lande, der ward geladen und kam auch prompt angereist, all die Großen und Mächtigen erschienen in München (wie heute doch auch, wenn man gesehen wird) zum großen Hoffest.
Fast alle Künstler, Spielleute, fahrenden Sänger, die einen Namen hatten zur damaligen Zeit, waren da. Und des Fressens, Saufens, Grölens war schier kein Ende. Daneben gab es natürlich die vornehmen und höfischen Darbietungen und Wettbewerbe, wie etwa das Lanzenstechen.
So befand sich unter der Gästeschar auch ein junger Edelmann, der war als Musikant angereist gekommen (er besaß eine ausgesprochen musische Ader, war aber träumerisch und nicht besonders den Finessen des Lebens gewachsen), der verstand es wirklich vortrefflich, den Dudelsack zu pfeifen und fremde Vogelstimmen nachzuahmen.
Als dieser Schöngeist das stolze Burgfräulein von Grünwald sah, da war es, als hätte ihm eine fremde Macht jeden Verstand aus dem Schädel gerissen.
Nur noch ein einziges Ziel hatte er: Sie.
Die merkte das bald. Kein Wunder. Denn bei jeder sich bietenden Gelegenheit stammelte er ihr von seiner Minne.
Wir sehen ja gerne ein, dass die Macht der Liebe besonders stark daherkommen mag, das steht dieser Macht zu, allein schon der Gedichte und Gesänge wegen, die daraus entstehen. Geht es bei diesem Spiel doch immerhin um den Fortbestand der Menschheit! Aber muss das Manöver denn gleich Todesopfer verlangen!
Nun also. Der junge Spiel- und Edelmann gestand seine Liebe. Immer und immer wieder tat er das, gerade überall, wo er das stolze Fräulein erwischen konnte.
Das schmeichelte dem Ding, selber empfand sie aber keinerlei Gefühle für ihn. Da war sie in ihrer Auffassung ganz modern: Kühler Blick nach vorn und warten auf den Märchenprinzen.
So begann sie, geschmeichelt, aber doch ärgerlich, weil sie ihren Verehrer als zu gering für sich erachtete, mit ihm, seinen Gefühlen und, weil der Teufel sie ritt, mit seiner Seele zu spielen:
»Der Mann, den ich liebe, der muss durchaus sein Leben für mich riskieren wollen!«
(Oh, du Dummkopf! Jetzt hättest du merken müssen, wie es mit der »inneren Schönheit« der jungen Herrin bestellt war. Aber er sah nur die roten Haare unter der Spitzhaube, die ergossen sich wie glühende Lava aus ihrem bösen Haupte, flammend, Verderben signalisierend, aber gleichzeitig verführerisch, und brannten ein schlimmes Loch ihm in Herz und Verstand.)
»Mein Leben, es gehört Euch. Alles tue ich, was Ihr verlangt.«
Da kokettierte das üble Weib, zierte sich spielerisch, aber gekonnt, rückte die Haube zurecht, überlegte aber mit messerscharfer Genauigkeit, was wohl die schlimmste Gemeinheit sei, die sie dem Spund jetzt antun könne: Und sie warf, weit ausholend, ihren Ring in die Isar, die an dieser fürchterlichen Stelle besonders reißend sich durch Untiefen ergoss. Für jedermann ersichtlich, ein Todesurteil.

Das hochmütige Ritterfräulein warf den Ring in die tiefsten Strudel der Isar, die sich unterhalb der Burg ergossen. (Ansicht von Grünwald nächst München, Radierung, Mitte 19. Jahrhundert); 12
»So spring hinein und hol ihn mir!« befahl sie.
Schon war er im eiskalten Flusse, mitsamt Kleidung, Schwert und Kopfbedeckung, für Überlegungen hatte er keine einzige Gehirnzelle zur Verfügung. In dem Moment, da er aufs Wasser klatschte, riß es ihn hinab und dort blieb er für immer.
Ertrunken in tiefer Sehnsucht. So wie es um ihn stand, war dieser schnelle Tod vielleicht noch eine Gnade gewesen.
Seine Leiche hat man bis heute nicht gefunden. Schade um ihn. Schade?
Hier soll angemerkt werden: Zu den klassischen Rittertugenden zählt neben Zucht, Ehre, Milde, Stete, Frömmigkeit, Mannhaftigkeit, Treue… eben, und vor allem, auch die »Maße«.
Die Mäßigung also. Und damit auch das Maßhalten mit den Gefühlen. Damit war es bei dieser besinnungslosen Hingabe des Minnerekruten natürlich nicht weit her. Maßlosigkeit ist oft eine tödliche Untugend. Schon mancher angesehene Ritter der Artusrunde hat wegen Unmäßigkeit (auch mit Frauen), also wegen des Verlustes der Mitte, eine lange und beschwerliche Aventiure-Fahrt auf sich nehmen müssen. Denken wir an Erec und Enite! Doch der Sänger war kein Erec. Für Läuterung blieb ihm keine Gelegenheit. Eines Burgfräuleins Schabernack willen in die tiefsten Untiefen der wütenden Isar zu springen, das eben war nicht Man-nheit, sondern schlicht Blödheit.
Sie aber hätte es wissen müssen. Sah sie doch von Anfang an in seinen Augen, dass er mit sich machen ließ, was sie wollte. Mag auch der übrigen Menschheit ihre Missetat verborgen geblieben sein, der höheren Macht blieb nichts verborgen.
Sofort tat sich die Erde auf, viele Klafter tief, und weg war das lose Ding.
Wer an einsamen Abenden, vor allem im Spätsommer und Frühherbst, wenn die Jahreszeit des Vergessens erste Schleier über das Land zu breiten beginnt, wer dann dort am Isarstrande spazierengeht, der vernimmt gar oft das sehnend-lockende Gesäusel des verwunschenen Fräuleins.
»Das ist der Lockvogel«, sagen die einen.
»Die verwunschene Nixe!« die anderen.
Und keiner traut der Geschichte so recht.
Wahr ist, dass die hochmütige Evastochter augenblicklich in eine Nixe verwandelt wurde, mit einem glitschigen Fischschwanz statt langer Beine, und dass sie fortan bei einem stets grantigen Wassermann leben muss in einer finsteren Wassergrotte, gleich bei Großhesselohe. Dem alten Lustgreis muss sie dauernd die hässliche Glatze kraulen, aber schlecht aufgelegt bleibt der trotzdem und hat kein gutes Wort für sie übrig. Er lässt sich nur bedienen, erachtet dies als selbstverständlich, und sie, das ehedem so hochnäsige Geschöpf, kann nichts dagegen tun.
Ihr Hass auf Männer ist dadurch nicht besser geworden. Im Gegenteil!
Da sie besser aussieht denn je (Beobachter, denen man Glauben schenken darf, berichten: strahlend hellgrüne Nixenaugen, grüne, lang wallende Nixenhaare – nur einige wenige erzählen, sie hätten rote Haare gesehen –, Traumfigur, anmutig langer Hals), da sie also nach wie vor so blendend mit Blend-Werk ausgestattet ist, nützt sie die Magie ihres Körpers, um biedere Flößer ganz gemein und hinterlistig in den Tod zu locken. Denn diese verblendeten Herren übersehen dann die Gefahren und die Stromschnellen.
Die Flößer wissen dies und haben Angst. Dabei ist Angst überhaupt nicht das richtige Mittel gegenüber so einem Wesen, Vorsicht wäre besser.
Denn Angst ist letztlich das missratene Kind des Stolzes, und da ist die Neugierde gar nicht weit weg. Wer aber neugierig ist und diese Neigung, zusammen mit seiner Angst, zu einer Art Sehnsucht verbindet, der sehnt sich nach der Nixe, wird geradezu süchtig nach dem, was ihre Erscheinung verspricht und nie hält. Sucht aber kann tödlich sein.
Die Flößer bekreuzigen sich deshalb, tragen Amulette bei sich oder fromme Beigaben. Doch kaum singt die Nixe, »sind sie weg«.
Wer sollte die Nixe erlösen? Erlösung geschieht durch Liebe. Sie aber tritt Gefühle mit Füßen. Kein Wunder, dass sie nur begehrt, nie aber geliebt wird. Das macht ihren Zorn aus.
Und sie singt weiter. Drum Obacht geben, lieber Leser, nicht links und nicht rechts schauen, wenn die Nixe auftaucht. Wie immer hilft beten zu Gott am allermeisten. Denn: »Sie« verdreht sofort den Kopf.
Das ist ihr Dreh.
Das versunkene Dorf bei Riem oder: Nicht nur Flughäfen verschwinden! (Auch Omnibusse in unseren Tagen)
Bisweilen verschwinden Dinge und Einrichtungen, die uns über viele Jahre hinweg vertraut sind, mit sagenhafter Plötzlichkeit. So ist in der Umgegend von und im Luftraum über Riem im Mai 1992 von dem einen auf den anderen Tag der dröhnende Lärm der Flugzeuge verschwunden, weil die triebwerkspolternden Düsenriesen es plötzlich vorgezogen haben, den neuen Großflughafen in Erding anzusteuern beziehungsweise anzufliegen.
Jeder kann selbst raus nach Riem gehen und sich überzeugen, wie der sandsteinrote »Tower« unvergessen in den Himmel ragt, von allen Frequenzen verlassen.
Da steckt aber keine Sage im Hintergrund, sondern ein sehr detailliert vorbereiteter Umzug.
Ganz anders erging es dem nahegelegenen Ort Pachem, der, wenn man dem Stoff, aus dem die Sagen sind, Glauben schenken will, zwischen Riem und Berg am Laim gelegen haben muss.
In alten Urkunden, die aus dem 14. und dem 15. Jahrhundert stammen, wird dieses Dorf noch erwähnt, es soll Bachheim geheißen haben oder Pachem. Warum, das weiß weder der liebe Gott, die Sage noch die Urkunde, und der liebe Gott, der täte es dann am Ende vielleicht doch wissen, aber er verrät es uns nicht, damit die Sage recht geheimnisvoll bleibt und spannend.
Der Name »Bachheim« deutet darauf hin, dass ein Bach geflossen sein könnte, aber es ist da dort kein Bach gewesen, weder damals noch heute…
Oder doch! Denn wir wissen, dass das »Höllwasser«, ein unterirdischer Flusslauf, die schreckliche Buskatastrophe, nämlich das Einbrechen eines Linienbusses in den »Truderinger Krater« vor wenigen Jahren, ausgelöst hat.
Man hätte aus der Sage lernen können und sollen!
Damals nämlich ging das ganze Dorf »den Bach runter«, und davon wollen wir hören.
Denn die Sage berichtet, dass der Ort mit allem, was dazugehörte, im Erdboden versunken ist. Man stelle sich das vor: Da liegen eben noch Häuser, Ställe, Wirtshaus und natürlich die Kirche, mitsamt den dazugehörigen und in ihr Leben eingebundenen Menschen, geschäftiges Dasein breitet sich aus vor dem staunenden Betrachter und, plötzlich!
Alles ist weg! Irgendjemand muss damals zugeschaut haben, wie alles verschwand, sonst würden wir es ja nicht wissen. Oder?
So schrecklich die Mär auch sein mag, ein wahres Schreckgespenst ist so ein Verschlucktwerden eines gesamten Dorfes samt Infrastruktur aus der Sicht heutiger moderner Bodenspekulanten: Wie sollen denn die Preise stabil bleiben oder, wie viele sich ausrechnen, zusehends steigen im Raume Münchens, wenn Bauland so urplötzlich »frei« wird, anstatt sich beständig zu verknappen!
Aber um die Menschen, die damals mit dem Dorfe »untergegangen« sind, war’s schade. Ob die jämmerlich umkommen mussten dabei, oder im Untergrund als Untote oder Gespenster weiter existieren durften, davon weiß man nichts. Die Sage weiß nichts, und wir wissen es auch nicht.
Aber…
Manchmal, an windstillen Tagen, vor allem, seit der Fluglärm weggefallen ist, da war an diesem Orte bisweilen Gespenstisches zu hören: Laute Zurufe, Peitschenknallen sowie das Rollen, Ächzen und Knarren schwerer Wagenräder, dazu das Blöken von Schafen und Muhen der Kühe…
Aber zu sehen ist rein gar nichts. Hat man solche Gespenstertöne schon seit alters her gekannt an dem Ort, so hört man sie jetzt vermehrt wieder!
Vielleicht ist Bachheim in einem der zahlreichen Kriege des 15. und 16. Jahrhunderts bei einer Brandschatzung dem Erdboden gleichgemacht worden; vielleicht ist es tatsächlich durch bösen Fluch in tausend Klüften und Abgründen verschwunden. Nichts Gewisses weiß man nicht.
Nur: Wer die Sage ernst nimmt und den »wahren Kern« erkennt, der würde dort niemals eine U-Bahn bauen …
Wenn der Teufel selbst mit im Spiel ist

Die drei Raben oder: Wie der Teufel sich die Seele eines Münchner Advokaten holte!
Wenn man durch die Maximilianstraße spaziert oder die in geldaristokratischem Jugendstil bebauten Sträßchen Alt-Bogenhausens durchwandert, dann dauert es selten lange, bis einem an den Eingangspforten der verwöhnten und verwöhnenden Domizile golden oder silbern glänzende Namensschildchen auffallen, prunkend montierte Visitenkarten renommierter Anwaltskanzleien, hinter deren Fenster flinke Erfolgsjuristen schalten und walten und die Welt so gestalten, dass ohne juristische Entwirrung nichts mehr läuft.
Alles, was recht ist, mag man da gerne einwenden, das Recht jedoch ist den Herren bevorzugt recht, denn mit dem Recht lässt sich recht gut verdienen. Wer verdient, der verdient Achtung, und in unseren Tagen haben sich die Anwälte, Justitiare, Notare, Steuerberater und alle sonstigen Rechtsbeistände so unersetzlich gemacht, dass jedermann froh sein darf; wenn er »einen hat«, also eine gute Adresse kennt.
Man sieht sie in München bevorzugt im Zentrum oder in guter Gegend, sie tragen »Nadelstreifen«, im Winter Lodenmäntel und -hüte und stets eine gute Gesinnung vor sich her. Das Leben gerinnt ihnen zum »Fall«, und das gefällt ihnen so.
Die meisten sind anständig.
»Der Sage nach« soll es in dieser Stadt aber einmal ein recht schwarzes Schaf jener Innung gegeben haben:
Zu Ende des 18. Jahrhunderts, da lebte in München ein Advokat, der war verschlagen und hinterlistig.
Dem war alles recht.
Denn vom Recht lebte er. Seine Seele hatte er längst verloren, er besaß nichts mehr davon, dafür aber hatte er tausend krumme Winkelzüge im Gehirn. Und er dachte an nichts anderes, als wie er seinen Geldsack füllen könnte.
Mit der sogenannten »inneren Ethik« dieses Mannes kann es nicht allzu weit her gewesen sein, denn er handelte stets nur zu seinem eigenen Vorteil, auch wenn es dem Recht zu leid und dem Unrecht zu lieb geschah.
Mit seinen Klienten führte er »Beratungsgespräche«, wie man sie auch heute so kennt, aber das muss schon eine saubere Beratung gewesen sein!
Niemals besänftigte er seine Kunden, wenn diese gegeneinander aufgebracht waren, vielmehr stachelte er sie auf zu unvernünftigem Handeln und Prozessieren, so lange, bis sie endlich alles verloren und er ihnen den letzten Heller aus der Tasche gezogen hatte. Auch machte er sich, wie man das damals benannte, »kein Gewissen daraus«, selbst arme Witwen und Waisen um ihr Recht und um ihr letztes Schärflein zu bringen.
Den Menschen, die mit ihm zu tun haben mussten, denen konnte er die Worte im Munde umdrehen, eher noch, als diese ihre eigenen Worte überhaupt gedacht hatten!
»Rabulist«, so nannte man einen derartigen Wortteufel und Winkeladvokaten damals. Heute täte man sagen: »…ein gewandter Redner, erfolgreich im Denken und Auftreten, zielorientiert, praxisbezogen«.
Wir wissen als aufmerksame Leser einer Sage und als Erkenner der inneren Wirklichkeit längst, dass solche Gewissenlosigkeit niemals ungestraft bleibt. Dem Advokaten ging es so ähnlich wie dem herzlosen und ausschließlich profitorientierten »Jedermann«: Mitten aus dem Leben heraus traf ihn der Schlagfluss (Gehirnschlag). Und mausetot waren sowohl er selbst als auch sein geöltes Mundwerk.
Dies möge keine Abhandlung über Bestattungsriten in München sein, aber Beerdigungsunternehmen und das, was wir »Trauerhilfe« nennen, das gab es damals noch nicht in der Form, wie wir es heute gewohnt sind. Wenn einer tot war, dann musste er sich schon selber helfen. Auch die Trauernden konnten nicht einfach zum Telefonhörer greifen und die Bestattungs-, Formal-, und sogar Trauerarbeit einem städtischen oder privaten Dienstleistungsunternehmen übergeben.
Es gab dafür, neben den Totengräbern vor Ort, sogenannte »Seelnonnen«, die sich um die Leiche kümmerten und diese zur Aufbahrung aufbereiteten. So auch hier.
Die Seelnonne also hatte den Leichnam hergerichtet, ihm zwei brennende Lichter an die Seite gestellt und ein Kruzifix am Haupte aufgerichtet, so lag er in seinem Saal, ehrbar und prunkhaft aufgebahrt. Und wie es der Brauch ist, kamen Leute aus der Nachbarschaft, um den Toten zu beschauen, ihn mit Weihwasser zu besprengen und um für ihn ein Vaterunser zu beten. »Und vergib uns unsere Schuld…!«
Geweint hat allerdings kein Mensch um den Kerl, ganz im Gegenteil; manches böse Wort wurde laut. Aber was da alles an Abfälligkeiten gesagt wurde, das soll hier nicht wiedergegeben werden. Nur die Einsichtigen und Mildgesinnten meinten: »Gott möge seiner armen Seele gnädig sein!«
Aber da!
Plötzlich war ein unheilverkündendes Rauschen in der Luft, ein bösartig knarrendes Flügelschlagen!
Da hörten die im Totenzimmer Versammelten sowie das Volk, das gaffend ums Haus herumlungerte, etwas durch die Luft daher rauschen, und man sah alsbald zwei mächtige Raben an das geschlossene Fenster fliegen.
Hat man je zuvor Vögel mit so teuflisch intelligenten und wissenden Augen gesehen! Die pickten mit ihren starken Schnäbeln an die Scheiben, bis das Glas zerbrach und die Scherben klirrend auf den Boden fielen.
Das war der Teufel selber und ein Spießgeselle, der Seelenfänger in Persona war da, der den Unglücklichen, der da unvorbereitet hat sterben müssen, ohne je etwas von seinem ichbezogenen Leben bereut zu haben, durch die Luft abgeholt hat. Im selben Augenblick, zu aller Staunen und Grauen, entflog dem Munde des Toten ein ebensolcher schwarzer Vogel, schwirrte zum Fenster hinaus und mit den beiden anderen davon.
Wir wissen, dies war die Seele des Erfolgsanwalts, die zum Teufel ging.
Im Totengemach aber war es stockdunkel jetzt.
Fassungslos standen die Menschen da, alle Lichter waren verlöscht, und das Kruzifix lag umgestürzt am Boden: Ein eindeutiges Zeichen, dass die Macht des Bösen über den bösen Juristen gesiegt hatte. Doch der hat es, wie wir gesehen haben, der Schwarzen Macht recht leicht gemacht.
Der Teufel hat ihn einfach nur abzuholen brauchen.
Das heißt, seine Seele war schutzlos den höllischen Vögeln preisgegeben. Der Körper lag immer noch da und ist nachher, vor den Augen der Umstehenden und zu Tode Erschrockenen, über und über schwarz geworden.
Wollen wir im Lesen innehalten und für ihn beten, dass er doch noch irgendwann einmal erlöst werden möge. Der liebe Gott kennt, Gott sei Dank, andere Gesetze und Gesetzmäßigkeiten, als Juristen und Pharisäer sie kennen. Er verzeiht - wenn der Mensch ihm auch nur einen einzigen Schritt entgegenkommt. Für den hinterlistigen und wortverdreherischen Advokaten ist es dafür zu spät gewesen.
Der Teufel, der Blitz und der Petersturm
Kaum ein Turmbauwerk Münchens prägt sich so typisch für allezeit dem Auge des Betrachters ein wie der kantige Turm der Peterskirche.
Und die acht Uhren! Wie war das doch gleich?
Der Turm von St. Peter hat acht Uhren, damit zweimal vier Münchner von vier Seiten gleichzeitig doppelt nachschauen können, wann es denn achtmal vierseitig einmal zwölfmal Zwölfe schlägt…
Valentin lässt grüßen, so teuflisch ist das. Teuflisch?
Dereinst, da wollte Luzifer höchstpersönlich, weil er über die geistige Macht an diesem Kraftort sehr verärgert war, unserer geliebten Peterskirche recht übel zusetzen. Und er hat es auch fast geschafft…
Unser Peter, das muss man wissen, ist das älteste Münchner Gotteshaus und hat »früherszeit« nicht einen, sondern zwei Kirchtürme gehabt, die sind rechts und links vom Hauptportal gestanden, wie das so üblich ist bei braven Kirchentürmen. Ein altes Buch beschreibt die beiden Türme so: »Die sind auf dem höchsten Fleck von der Stadt droben gestanden wie zwei Schwurfinger, die das fromme München zum Himmel streckt.«*
Nun ist der Vergleich vielleicht doch etwas weit hergeholt. Denn erstens ist München weniger fromm als bierselig und zweitens: Auf was hätten diese Schwurfinger denn schwören sollen? So oder so, es hatte seine Ordnung mit diesen beiden Türmen, und ihr Glockenhall drang weit über die damalige Stadtgrenze hinaus.
Wie kann dem Teufel so etwas schmecken?
Den kennen wir ja inzwischen. kaum steht etwas da zum Lobe des Herren und der Schöpfung, schon wird der (alte) höllische Neidhammel fuchsteufelswild. Und wenn’s hoch hergehen soll in München, dann ist immer der Föhn recht.
Das ist ein teuflisch aufgedrehter Fallwind, dem es von Zeit zu Zeit einfällt, ebendann, wenn’s dem Teufel gefällt, den Münchnern das teuflisch verdrehte Denken zu lehren.
Oh, was gibt es alles zu beobachten, wenn »Föhn« herrscht! Manche Münchner meinen dann gar, es ginge ihnen besonders gut, und sie wähnen sich in Champagner-Laune, wie sie das so nennen. Doch denke dran: Hochmut kommt vor dem Fall!
Auch hier, wenn föhniger Hochmut das Zepter schwingt, ist immer ein schlaues Teuferl am Werk, das nichts anderes vorhat, als dem wackeren, aber allzu gut gelaunten Erdenbürger ein Bein zu stellen.
Nun hat damals der Teufel einen ganz besonders sauberen Föhn blasen lassen, hat damit gewichtige Gewitterwolken über die Münchner Stadt und über die Peterskirche geschoben – und dann einen gewaltigen, krachenden Blitz in die Doppeltürme des Gotteshauses hineinfahren lassen: zackbum!
Mein Gott, hat das geschnalzt, geknallt und gescheppert! Der Blitz war so teuflisch heiß, dass sogleich die Glokken geschmolzen sind und die Türme bis zum Kirchendach heruntergebrannt.
(Die Kraftfeld-Expertin Ingrid Sand weist darauf hin: dieser »männliche« und bereits römische Kultplatz war dem Jupiter geweiht und zieht zugleich Wasser und Blitz an. – In: Münchner Palette, Winter 2000, 42. Jhrg., S. 46)
Weiter hat der feuerspeiende Widersacher an das dem lieben Gott geweihte Haus nicht herankönnen und diesem schaden, sonst hätte er sich gleich selber ganz sauber die Finger verbrannt.
Was hilft besser gegen teuflische Hektik und Panik, sogar dann, wenn »Feuer auf dem Dach« ist, was hilft da besser denn Gelassenheit?
Die Münchner jedenfalls haben sich durch den Teufelsstreich keineswegs irr machen lassen gemäß dem Spruch: »Was die Bosheit niederreißt, das baut der gute Wille doppelt so gut wieder auf!«
Jeder hat für den Neubau gestiftet und seinen »Peterspfennig« abgegeben, diesmal aber nicht für den römischen Stuhl Petri, sondern für den Münchner Dachstuhl der Peterskirche und deren Türme.
»Die Münchner sind aber damals noch nicht so gewesen, dass sie sich gegen alles, was neu ist, zuerst einmal richtig ausschleimen, bevor sie’s loben, sondern sie haben gesagt: »Schön anders ist auch schön!. und haben eine Abwechslung mögen.«*
Man kann es gar nicht glauben, wenn man sich die Münchner so anschaut, dass sie einmal derart zu loben gewesen wären, aber das Buch, in dem das drinsteht, ist auch schon recht alt. So gesehen. Weil in der neuesten Zeit sind die Münchner nur noch gegen alles, und jeder ist gegen jeden, und heraus kommt lange überhaupt nichts. Siehe Fußballstadion-Neubau …
Damals aber haben diejenigen Münchner, die sich eben nicht vom Teufel dreinreden ließen, etwas Gutes auch als etwas Gutes empfunden.
Und bei der Peterskirche hat man daraufhin die zwei übriggebliebenen Turmstümpfe schräg abgeplattet und eingedeckt und dazwischen überm Hauptportal einen ganz extrigen Turm – an zwei Seiten breit, an zweien schmal – aufgesetzt. Diesem Turm haben die Münchner zwei steile Spitzhauben nebeneinander gegeben.
Oben hinauf kam ein Rundgang für den Wächter und, was inzwischen wieder gute Weihnachtstradition ist, eine Plattform für die Turmbläser.
Der Wächter oben droben, der hat aber diesmal ganz extrem aufpassen müssen, ob nicht eine Feuersbrunst oder gar der Sparifankerl selber haben Hand anlegen wollen an unsere geliebte Münchner Stadt.
Der Teufel hat einige Höllenminuten gewartet (das sind in unserer Zeitrechnung etliche hundert Jahre) und schon war er wieder da!
Zeit hat er ja.
Diesmal hat er mit Feuer und Blitz die beiden Turmhauben zerfetzt.
Aber wie haben die stets gelassenen Münchner reagiert: »Ist schon recht so. Die Dinger waren eh nicht besonders hübsch!« Diese Gelassenheit fehlt heute ganz. Man denke nur an den Denkmalschutz.
Verdammt! – Der Teufel war außer sich vor Zorn. Nach Pech und Schwefel hat er ihm gestunken und geraucht. Nach irdischer Zeitrechnung schrieb man das Jahr 1607, und der Alte Peter hat halt ein neumodischeres Häubchen bekommen.
Was macht der Teufel, wenn er ihm so recht stinkt?
Er denkt nach, was er wieder anstellen könnte, um all das Menschenwerk, das dasteht zum Lobe des Herrn, kaputt zu kriegen! Oh, was ist der Teufel eigentlich für ein armer Teufel! Dauernd muss er niedrig sein, missgünstig, berechnend, seelenfängerisch und, vor allem: eifersüchtig!
Weiß er doch nur zu genau, dass er nur der Abklatsch der Schöpfung ist, dass der liebe Gott lange vor ihm da war, dass der Weltenschöpfer ihn, den aufmüpfigen und tief gefallenen Lichtbringer, sogar mit erschaffen hat und ihm nun, da er als aufrührerischer Erzengel von seinem großen Schöpfer und Gönner abgefallen ist, sogar die Freiheit lässt, so grandios herumzuspinnen auf der Welt und all die Wirrnis anzustiften, die jeder von uns Menschen kennt und die uns, unseren Ahnen und unseren Nachkommen das Leben so schwer macht, gemacht hat und machen wird.

Fast hätten fürchterliche Windböen, die Spießgesellen des Teufels, den tapferen Türmer in die Tiefe gerissen! (Historische Ansicht des Alten Peter Richtung Südosten); 2
Aber der Teufel muss auch täglich zuschauen, wie Menschen, die dann doch nicht so blöd sind, wie er geglaubt hat und die das Zaubermittel »Demut«, den Weg des Herzens entdeckt haben, sich zu Gott bekennen, ein Vaterunser beten oder irgendetwas Schöpferisches tun. Etwa einen Turm wieder aufbauen. Da grämt er sich so, dass er sich tagelang in der Hölle vergräbt, und nicht einmal die Liste der verführten Seelen interessiert ihn mehr. Für einige Tage.
Und die Menschen, die sich von ihm so bereitwillig verführen lassen, das sind die Hochmütigen, die Stolzen, Raffgierigen und Furchtsamen. In einer so miserabligen Gesellschaft von Menschen muss er existieren und durch Tricks, Kniffe und Schliche auch die Rechtschaffenen zu verblenden suchen, damit er sie dann, zumeist geschieht es über den teuflischen Fliegenfänger »Hochmut«, in seine abgründigen Gefilde lockt.
Was aber tut er, wenn ein Mensch echt bereut?
Dann muss er die mühselig eingefangene Seele wieder freilassen, muss zusehen, wie sich dem ehedem Verblendeten die Augen öffnen und wie der Betreffende seinen Gott sucht und auch findet und den Teufel links liegen lässt.
Oh armer Teufel du!
So sehr hat er ihm gestunken über die hübsche neue Haube der Peterskirche, dass er schier einen teuflischen Koller gekriegt hat. Jetzt wollt er’s wirklich wissen und ist wie von Sinnen mit all seinen Sturmwinden hin zur Peterskirche gefahren. Oben der Türmer, das war damals der Glassl Sepp.
Der steht eines Tages frohgemut auf dem Turm und wundert sich noch, dass alles so ruhig ist. Ruhig?
Das war es! Die Ruhe vor dem Sturm!
Der Mond ist klar und freundlich am Himmel gestanden, kaum aber hat’s Mitternacht geschlagen, oh weh!
Da packt den wackeren Türmer ein Windstoss am Bart, und wie er sich’s versieht, hat er es mit dem fuchsteufelswildesten Höllenfürsten zu tun.
Aus war’s mit dem freundlichen mildhellen Mondlicht, nun herrschte schwarze Finsternis. Dafür gab es ein widerliches Gaulswiehern und Ziegengemecker, dürre, baumlange Arme haben sich wie böse Spinnenglieder nach ihm gestreckt, höllische Fratzen ihn angebleckt, und ein schwarzes Gewurl war das in der Luft wie in einem Forellenteich bei der Fütterung.
Aber der tapfere Türmer, der hat schnell das Kruzifix aus der Stube geholt und dann mit dem Satan mitsamt dem seinen windigen Spießgesellen einen tollen Streit angefangen.
Und unterkriegen lassen wollte er sich schon überhaupt nicht.
»Schleich di, Deifi!«
»I schmeiß di mitsamt deim Ang’nagelten aufn Rindermarkt obi!«
»Du hab mi doch gern, du…!«
Nun sind Ausdrücke gefallen, die, wiewohl historisch, in diesem seriösen Bande niemals wiedergegeben werden können. Denn da standen sich schlichtweg zwei Bodenständige gegenüber. Und Höflichkeit spielte zu der nächtlichen Zeit auf dem hohen Turme eh keine Rolle.
Der Teufel, der ist bei diesem hagelbuchenen Türmer und Christenmenschen eben gerade an den Richtigen gekommen, und zuallerletzt hat der Glassl dem Höllenfürsten das eiskalte Kruzifix in den glühend heißen Teufelsbauch gerammt.
Der hat gequietscht wie ein junges Schwein und laut »Ja pfui Deifi!« geschrien, so kalt ist ihm bei der unverhofften Berührung mit dem Heiland geworden.
Wenn es dem Teufel graust, dann schreit er immer »pfui Deifi!«. Daher kommt auch der Ausdruck.
Aber lockergelassen hat der sture Höllenfürst nicht. Und er war schließlich in der Überzahl mit all seinen Hilfsteufeln. Die haben am Glassl gezerrt, gezogen und geschoben, und jetzt wollte der hinterlistige Oberteufel den Türmer vom Rücken her packen!
Der aber druckt sich mit dem Rücken an die Turm-wand, da reissen die Sturmteufel ihm die Füße unterm Leib weg – er strauchelt und fällt – sie wollen ihn übers Geländer zerren…!
»Hilf, Heiland!«
Da schlägt die Uhr eins.
Die Luft um den Turm rum wird ruhig, der Vollmond steht wieder beschaulich am Himmel, und der Turm steht so still da, wie ein Turm nur dastehen kann.
Die Turmhaube allerdings zeigte etwas schief in den Münchner Himmel. Abgebrochen war sie nicht, denn dumm, wie die Teufel sind, hat jeder von denen von einer anderen Seite gedrückt, geschoben oder gezogen.
Wie können auch Kreaturen, die ständig Streit und Zerwürfnis in der Welt säen, selbst fähig sein, sich abzusprechen und »an einem Strang zu ziehen«.
Das Böse bestraft sich immer selbst.
Der Türmer aber hat tags drauf seine Geschichte den Leuten erzählt.
Ist sie wahr?
Wieviel Bier der Fromme um Mitternacht getrunken hat, das weiß kein Mensch.
Aber etwas schief sitzt die oberste Haube vom Petersturm heute noch da droben…, geh nur gleich hin und schau nach!
*Max Rohrer, Alt-Münchner Geschichten, München 1949, S. 176.
*Max Rohrer, Alt-Münchner Geschichten, München 1949, S. 176f.
In der Residenz geht etwas Schwarzes um!
Die Residenz ist nun wirklich nicht zu übersehen. Im Sommer 1992 beherbergte sie gar den »Weltwirtschaftsgipfel«, ein Spit-zenpolitiker-Treffen der gesamten politischen Weltelite von solch hoher Wichtigkeit, dass keinerlei Kosten noch Mühen gescheut wurden und die Residenz samt aller einliegenden Geschäfte für den Rest der Welt, die normalsterblichen Münchner also, gesperrt blieb. Aus Sicherheitsgründen.
Wenn die Verantwortlichen vom »Schwarzen Pudel« gewusst hätten, der dort umherspukt…!
Die Residenz war Sitz der Wittelsbacher Regenten bis 1918. Sie wuchs in vier Jahrhunderten in vier verschiedenen Bauphasen zusammen und gibt ein imposantes Zeugnis ab von »höfischer Kultur in Europa«* (so ein seriöser München-Führer).
Von Europa? Uns genügt schon die höfische Kultur in München. Alljährlich treffen sich die »Großkopferten« zu den stehimbissseligen Neujahrsempfängen und schütteln dem jeweiligen Minis terpräsidenten und sich gegenseitig selber tüchtig die Hand. Dies geschieht zumeist im Antiquarium, dem größten profanen Rennaissancebau des Nordens oder aber im Kaiser- beziehungsweise Vierschimmelsaal.
Doch die Protokollbeamten sehen tüchtig zu, dass »vor Zwölf« ein jeder draußen ist und jeder Dienstwagen seine ichsüchtige Fracht weggekarrt hat.
Mit gutem Grund:
Denn um Mitternacht, da geht in der Residenz ein grauenerregendes Gespenst um!

»… In der Residenz geht etwas Schwarzes um …« Die nun benachbarte Staatskanzlei hat daran nichts geändert. (Ansicht der kurfürstlichen Residenz von der Seite des Hofgartens, Kupferstich von Johann August Corvinus, Anfang 18. Jahrhundert); 3
Das ist so schwarz wie der Teufel selbst und fürchtet sich vor den vielen »Schwarzen«, die sonst so die Residenz beleben, kein bisschen. Bei einem schwarzen Pudel, da ist stets der Teufel mit im Spiel, das weiß man ja. Siehe des »Pudels Kern« bei Meister Faust!
Die schauderliche Vorgeschichte des Residenz-Pudels ist diese: Einstmals wurde München von den Österreichern besetzt. Heute wird es von Touristen aus der ganzen Welt besetzt, die Münchner ihrerseits besetzen die österreichischen Seen und Skiberge. So ändern sich die Zeiten.
Damals jedenfalls, zur Zeit der Besetzung durch die Österreicher, da hat ein habgieriger Diener das Versteck der Schätze des Kurfürsten an die Feinde verraten.
Das war recht unfein und gegen jegliche Ethik eines treuen Dieners seines Herrn, noch dazu, weil in Kriegszeiten Schätze um so wertvoller sind, um »Rüstungsausgaben« bezahlen zu helfen. Oder Lösegelder. Oder einfach, um den Landesherrn persönlich zu bereichern.
Der Verräter hatte nicht viel Freude am Goldlohn seines Verrats, er ward erkannt, überführt und hingerichtet. Und man möchte meinen, nun habe die arme Seele ihre Ruhe gehabt.
Aber nichts da.
Der Verrat des Dieners muss tatsächlich aus sehr niedrigen Motiven heraus geschehen sein, denn dem Unglücklichen ward nach seinem gewaltsamen Ableben keine ewige Ruhe gegönnt.
Er musste in der Hölle, in die er augenblicklich gestürzt ward, den Lohn des Verrats, nämlich das viele Gold, eingeschmolzen und glühend heiß in sich hineinfressen.
So gierig und hastig, wie er zu Lebzeiten danach gegriffen hatte.
An dieser Speise hat er sich elendiglich den höllischen Magen verdorben.
Man darf es ruhig auch psychologisch deuten: Wer habgierig ist und süchtig alles in sich hineinstopft, der leidet Höllenqualen. Auch wenn er das lange selber nicht wahrhaben kann und besinnungslos den »Wohlstand« hinausbrüllt.
Zum Pudel verwandelt spukt der Verdammte durch die Residenz und ist für den, der ihm begegnet, eine tödliche Gefahr. Denn das Vieh ist bösartig. Aus seinem Maul schlagen lodernd die Flammen der Hölle und quillt die Hitze des eingeschmolzenen Mammons.
Vielleicht als Warnung an eben die Personengruppe, die auffallend oft in die Residenz geladen ist.
Doch das Grauen währt nur um Mitternacht. Da weilt eh keine Menschenseele mehr in den Räumen der Residenz.
Bis auf…
Siehe Staatsempfänge! Da ist mancher »Hockenbleiber«, der, voll von Frankenwein, Bier und dem politisierenden Blabla, nicht zeitig genug den Weg nach draussen findet, gar oft schon einem schwarzen Höllenhund begegnet.
*Lilian Schacherl und Josef H. Biller, München, München 1987, S.44.
Der verborgene Schatz in der Michaelskirche existiert im Kopf als geistiges Gut
Wem der Krach der »stillen« Fußgängerzone zu viel wird und das Gedudel der Straßenmusikanten, der Politmarktschreier und der Interessenverbände zu aufdringlich, der möge schnell in die Michaelskirche fliehen, und schon kommt er auf innigere Gedanken. Zuvor aber sollte noch, außen über dem Portal, ein Blick auf den imposanten »Höllensturz«geworfen werden und darüber nachgedacht, wie wohl in unseren Tagen dem Teufel und all seinen Spießgesellen zu begegnen sei.
Und der Widersacher fühlt sich in der Nähe dieses Sakralbaues tatsächlich nicht besonders wohl: Denn der Erzengel Michael stößt ihn in der genialen und bombastischen, von Hubert Gerhard gestalteten Plastik so fulminant vom Sockel, dass einem schon vom bloßen Zuschauen schlecht wird! - Nicht nur das: Genau der Punkt, auf den die Lanze Michaels zeigt, das ist ein »magischer Ort«. Hier wird die Erde gepfählt, ähnlich wie bei Darstellungen des Heiligen Georg als »Drachenstecher«.
Dann die mächtige Tonnenwölbung im Inneren mit einem Durchmesser von zwanzig Metern, die sich über die Köpfe der frommen Münchner Christenheit spannt! Damit hat diese grösste Rennaissancekirche des Nordens, die wegweisend für den Barock ist, das zweitgrösste Tonnengewölbe nach St. Peter in Rom.
Da muss es ja dem Teufel schlecht werden.
Als um 1773 das Jesuitenkollegium aufgehoben ward und die Mitglieder des Societas Jesu abziehen mussten*, da sollen sie, der Sage nach, einen ganz besonderen Schatz in den Mauern des gottbefohlenen Hauses zurückgelassen haben. Vielleicht als Zeichen, dass sie hier immer, zumindest ideell, »zu Hause« sein würden!
Da gibt es eine romantisch-schauerliche Geschichte, die ein alter, im Sterben begriffener Maurer und Jesuitenfreund auf dem Sterbebett erzählte:
»Sie haben mir die Augen verbunden und mich, ich weiß nicht wie lange, durch dunkle, hallende Gänge der Kirche und des Kollegiums geführt. An einem geheimen, nur ihnen bekannten Orte habe ich dann den prächtigen Schatz in uraltes Steingemäuer eingefügt.
Für mich selber habe ich ein geheimes Zeichen gesetzt, ein kleines Kreuz im Mörtel, aber den Ort, da dieses geschah, den habe ich niemals verraten und werde es auch jetzt nicht tun, im direkten Angesicht meines Todes.
Das bin ich einfach den Jesuiten und meiner Hochachtung ihnen gegenüber schuldig.«
Er schwieg, lächelte, fühlte den Frieden des ewigen Angenommenseins und schied hinüber in die andere Welt.
Der Schatz, der wurde nie gefunden. Weiß man, ob er je existiert hat?

»… wie wohl in unseren Tagen dem Teufel und all seinen Spießgesellen zu begegnen sei?« (Bronzestatue des Erzengels Michael von Hubert Gerhard, 1588, an der Fassade der Michaelskirche); 4
Oh ja, das hat er. Es muss doch nicht alles materieller Natur sein, wovon eine Sage zu berichten weiß:
Der spirituelle Schatz, den die Jesuiten uns hinterließen, jene Männer, die, in der Art des Denkens verfeinert und in der »Betrachtung Jesu« geschult wie keine anderen, täglich ihre Exerzitien betreiben und so lehren, wie man nach und nach seine eigenen Gedanken unter Kontrolle zu bringen vermag und zu Gott hin ausrichtet - dieser Schatz wiegt weit schwerer und leuchtet heller und funkelnder, als irgendwelche irdischen Pretiosen das vermöchten.
Den Schatz der Jesuiten hat bereits ihr Gründer, der heilige Ignatius von Loyola, herbeigeschafft, indem er sein Umkehrerlebnis ernst nahm, die »geistlichen Übungen ersann« und diese Feinheit des Nach-Sinnens perfektionierte und weitergab.
Es bleibt dem Menschen letztlich nur das an Gütern, was er verschenkt hat. Vielleicht liegt das wahre Gold in der Bereitschaft des »Weitergebens« begraben?
*Mit dem als Machtdemonstration geplanten Bau wollte der fromme wie prunksüchtige Herzog Wilhelm V. der Gegenreformation im Norden, dem jungen Jesuitenorden und sich selber ein Denkmal setzen.
Pulsuz fraqment bitdi.