Kitabı oxu: «Blind am Rande des Abgrundes»
Fritz Krebs
BLIND AM RANDE DES ABGRUNDES
Erinnerungen eines Altenburgers 1924 – 1949
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2014
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Zweite erweiterte Auflage
Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“
Sören Kierkegaard
Vorwort zur Erstausgabe
Mit dieser Niederschrift maßt sich der Verfasser keinesfalls einen besonderen oder gar professionellen Über- oder Einblick in die historischen Ereignisse des nun zu Ende gehenden Jahrhunderts an. Dazu ist er stets ein zu unbedeutendes Glied der diversen einander widersprechenden Gesellschaftsordnungen gewesen, die im Laufe der vergangenen Jahrzehnte über die Menschen in Deutschland gekommen sind. Es war vielmehr der Blickwinkel des einfachen Menschen auf die selbst erlebte Geschichte, der dem Verfasser Anreiz gab, seine Biographie niederzuschreiben. Sie wird an geeigneter Stelle mit den Erinnerungen seiner späteren Ehefrau verbunden werden, um schließlich als gemeinsame Erinnerungen zweier Menschen an eine politisch außerordentlich bewegte Zeit weitergeführt zu werden. Beflügelt wurde dieses Vorhaben insbesondere durch die Erkenntnis, dass die nachfolgende Generation zu wenig über das Leben ihrer Groß- und Urgroßeltern erfahren hat, was zu Missverständnis und mitunter auch zu ungerechter Beurteilung führte.
Der Blick zurück lässt manche Situation des Lebens schärfer überblicken. Aus der Distanz und mit dem Wissen späterer Jahre gesehen, mussten auch die Verstrickungen deutlicher werden, mit denen der Verfasser selbst in das Geschehen eingebunden war.
Fritz Krebs
Windischleuba im Dezember 1999
Vorwort zur Neuauflage
Das weiterhin vorhandene Interesse an Erlebnisberichten aus der Zeit des zweiten Weltkrieges, sowie diesbezügliche Nachfragen beim Autor ließen den Gedanken an eine Neuauflage der nicht mehr auf dem Markt befindlichen ersten Ausgabe entstehen.
Die nun vorliegende Neuauflage wurde insbesondere auch im Interesse der Familie des Autors durch Abbildungen und Fotos ergänzt. Am Text erfolgten nur geringfügige Veränderungen zur Ausgabe vom Jahre 2001.
Fritz Krebs
Windischleuba im März 2014
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort zur Erstausgabe
Vorwort zur Neuauflage
Zitat
1. Ein neuer Jahrgang und eine neue Hoffnung
2. Gewalt
3. Die ersten Schuljahre
4. Dienst
5. Die Klugen und die Törichten
6. Die Tore in die Zukunft
7. Aufstieg
8. Non scholae, sed vitae discimus
9. Freunde
10. Zwei Mädchen vom Jahrgang 1929
11. Blind vor dem Rand des Abgrundes
12. Die Zeit der Siege
13. Suche nach dem eigenen Weg
14. Auf dem Wege der Pflichterfüllung
15. Im Reichsarbeitsdienst
16. Die Ostfront wartet auf den Jahrgang 1924
17. Reserveoffiziersbewerber
18. Zur Bewährung an die Ostfront
19. Vom Soldatenleben in den Cholmer Sümpfen
20. Die 12. Infanteriedivision auf dem Marsch
21. Einsatz bei Newel
22. Ruhe vor dem Sturm
23. Aufreibende Gegenangriffe bei Witebsk
24. Im Lazarett
25. Vom Genesungsurlaub zur Genesungskompanie
26. An der Kriegsschule in Hagenau
27. An der Westfront
28. Letzter Fronteinsatz
29. Die Heimat im totalen Krieg
30. Der Kriegsgefangenschaft erster Teil
31. Die Heimat am Ende des Krieges
32. Juttas Erinnerungen an das Jahr 1946
33. Das Ende meiner amerikanischen Kriegsgefangenschaft
34. Im Konzentrationslager Oranienburg
35. In Moskau
36. Die Heimat im Jahre 1947
37. Im Steinkohlenbergbau bei Stalinogorsk
38. Das vorletzte Lager
39. Heimkehr nach Altenburg
Literaturverzeichnis
1. Ein neuer Jahrgang und eine neue Hoffnung
Ich kam am 13. August des Jahres 1924 in dem vogtländischen Städtchen Auerbach zur Welt. Sechs Jahre waren seit dem Ende des Ersten Weltkrieges vergangen. Die Mehrzahl der Menschen in Deutschland schlug sich mehr schlecht als recht durch die bestehenden schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse jener Zeit, die von hohen deutschen Reparationszahlungen an die Siegermächte und den Auswirkungen einer Weltwirtschaftskrise geprägt war. Ein Hoffnungsschimmer auf eine Veränderung ihrer Situation ergab sich im selben Monat als das durch den verlorenen Krieg verarmte Land ein Münzgesetz erhielt, mit dessen Wirksamwerden die Flut an inflationären Geldscheinen verschwinden sollte. Per Gesetzesbeschluss verwandelte man damit jede Billion Reichsmark in jeweils eine Rentenmark. Für mich, den neuen Erdenbürger, blieben einige Tausenderscheine von wertlos gewordenem Papiergeld übrig, um mich später an die denkwürdigen Ereignisse im Monat meines Erscheinens zu erinnern.
Das sichtbare Licht dieser Welt wird mir wohl zunächst aus einer elektrischen Stubenlampe entgegengestrahlt sein. Sie hing über dem großen runden Tisch in der Mitte des Wohnzimmers meiner Großeltern und war, wovon ich mich später überzeugen konnte, mit schönen bunten Perlenschnüren bekränzt. Das Liegen unter ihrem Lichtkegel, aus dem auch die Stimmen der mit mir beschäftigten Menschen zu kommen schienen, dürfte zu den ersten schwach erinnerlichen Wahrnehmungen meines Lebens gehören. Man hat mir später erzählt, ich sei auf diesem Tisch gewindelt worden, wobei gewöhnlich außer meiner Mutter auch ihre beiden Schwestern und meine Großeltern anwesend waren. Mein Vater dürfte damals selten zugegen gewesen sein. Als gelernter Schlosser befand er sich in der Gegend von Leipzig, um an einer weiterführenden Berufsausbildung für Lokomotivpersonal teilzunehmen. Meine Mutter arbeitete als Weißnäherin in einer der zahlreichen Auerbacher Textilfabriken. Meine Eltern waren also im Begriffe, für sich und für mich an einer hoffnungsvolleren Zukunft zu arbeiten.
Da meine Mutter mit mir noch bei ihren Eltern wohnte, wurde ich während ihrer Abwesenheit von den beiden Tanten und der Großmutter betreut. An Fürsorge und lieben Menschen hat es mir damit von Anfang an nicht gefehlt. Besonders fühlte ich mich zu meiner Tante Marie hingezogen. Sie hatte im ersten Weltkrieg den Verlobten verloren und war unverheiratet geblieben. Sie führte Heimarbeit aus und konnte deshalb bei Bedarf jederzeit für die Betreuung des neuen Erdenbürgers zur Stelle sein.

Auf dem Schoße der Mutter, Foto 1924
Mein Großvater, der seinen Sohn und Geschäftsnachfolger durch den Krieg verloren hatte, übte seinen Beruf als Schmiedemeister noch aus, obwohl er dafür eigentlich schon zu alt war. Der Krieg und die nachfolgende Inflation hatten ihn wirtschaftlich ruiniert. Als Kleinkind habe ich ihn noch gemeinsam mit einem Gesellen in seiner Schmiede hantieren gesehen. Sie befand sich im Parterre unseres Hauses. Wenn man in das obere Stockwerk gelangen wollte, musste man auf einem mit Fließen belegten Gang an den drei nebeneinander aufgestellten Amboss Steinen vorbeigehen. Man sagte mir später, ich sei wie alle in diesem Hause geborenen Kinder, täglich in dem durch das Abschrecken von glühendem Stahl erwärmten Wasser aus Großvaters Schmiede gebadet worden. Noch zu einem viel späteren Zeitpunkt, als ich schon in Altenburg die Schulbank drückte und meinen Geburtsort nur noch in den Ferien aufsuchen konnte, begrüßte mich ein alter Nachbar jedes Mal mit den Worten: „D’r eis’nwass’rgebodene Fritz is wieder do!“
Dieser „eisenwassergebadete“ Nachwuchs im alten Schmiedehaus wuchs zu einem lebhaften und auch recht sensiblen Burschen heran. In dem alten Haus gab es genug Nischen, Treppen und Truhen, wo sich ein Dreikäsehoch verkriechen, wo er herumklettern und Unbekanntes aufstöbern konnte. Sein Temperament wurde nur gebremst, wenn er von den Erwachsenen einmal wieder eine jener Schauergeschichten aufgeschnappt hatte, die manchmal bei den abendlichen Gesprächen zum Besten gegeben wurden. Dann bekam das alte Haus für ihn ein gespenstisches Innenleben, sodass er sich nicht mehr sorglos in jeden Winkel zu kriechen traute. Viele Frauen in jener damals besonders armen Gegend waren oft bis in die tiefe Nacht hinein mit Heimarbeiten beschäftigt, um ihren Lebensunterhalt verdienen zu können. Da verband man gern die Pflicht zur Arbeit mit dem Angenehmen einer Unterhaltung, indem man sich reihum in den Wohnungen traf. Während die Frauen mit sicherer und flinker Hand feine Spitzenmuster aus Stoffbahnen ausschnitten, wozu kleine sehr scharfe Scheren benutzt wurden, liefen die Neuigkeiten aus der Stadt, manche Erinnerung an frühere bessere Zeiten und manchmal auch die schaurigsten Geschichten in der Runde. Je mehr ich davon mithörte, umso neugieriger wurde ich auf eine Fortsetzung des Geschichtenerzählens. Mein Widerstand gegen ein rechtzeitiges Zubettgehen wuchs dabei immer mehr, jedoch nicht allein wegen meiner Neugier, sondern auch deshalb weil ich mich vor dem Alleinsein in der dunklen Kammer fürchtete. Die Schlafkammern befanden sich nämlich unter der Dachschräge. Sie hatten keine elektrische Beleuchtung. Man erreichte sie über eine knarrende Stiege. Dabei führten die Erwachsenen eine brennende Kerze mit. Nach dem Nachtgebet lag ich dann jedes Mal allein unter meinem dicken Federbett während meine Mutter oder die Tante mitsamt dem Kerzenlicht über die alte Holztreppe nach unten verschwand. Gespenstische Schatten drehten sich dabei noch einige Male um das rohe Gebälk des Dachbodens. Dann lag alles im tiefen Dunkel. Gelegentliches Knacken eines Balkens oder das Rütteln des Windes am Dach bewirkten, dass meine Phantasie oft noch lange an dem Faden aus der gehörten Erzählung weiterspann ehe ich endlich einschlief. Daran erinnere ich mich noch heute sehr gut, weil ich auch zu späterer Zeit noch häufig und für längere Dauer bei meinen Großeltern in Auerbach sein durfte, als meine Eltern schon längst eine gemeinsame Wohnung in Altenburg bezogen hatten.
Bis in die Gegenwart hinein hänge ich mit einer besonderen Zuneigung an meiner Geburtsstadt und ihren Bewohnern, obwohl nun keiner mehr von denen am Leben ist, die ich einst kannte. Meine Tante Marie nahm mich fast immer mit, wenn sie Besuche oder Besorgungen zu machen hatte. Dadurch lernte ich alsbald die meisten Geschäfte und viele Menschen kennen. Beim Fleischer Müller um die Ecke, dessen Grundstück an das Unsere grenzte, erhielt ich manchmal ein warmes Würstchen aus dem stets angeheizten silberglänzenden Metallkessel vom Ladentisch. Aus dem Laden des Kaufmannes, in dem es geheimnisvoll nach Gewürzen, Kaffee und anderen Düften aus aller Welt roch, ging ich nie wieder heraus, ohne dass er mir ein paar Bonbons schenkte. Kolonialwarenladen nannte man damals diese Art Lebensmittelhandlungen. Der Besitzer, Herr Knoll, betrieb auf seinem Grundstück eine eigene Heringsräucherei und röstete auch den von ihm angebotenen Kaffee selbst. Er war ein rühriger liebenswürdiger Mann. Seine Frau beeindruckte mich wegen ihres alemannischen Dialektes. Sie hatten einen Sohn, der zwei Jahre älter war als ich, weshalb ich öfter zu ihm eingeladen wurde. Gottfried wuchs in einem wirtschaftlich gut gesicherten Hause auf. Sein Spielzeug war vom solidesten und teuersten. Wenngleich ich den Unterschied zu meiner eigenen häuslichen Umgebung wohl fühlen mochte, so war ich doch fest davon überzeugt, dass es mir am allerbesten ging. Diese meine ersten Jahre waren durchaus ein guter Anfang für mich. Ich wurde von vielen Menschen verwöhnt und von meinen Verwandten sehr nachsichtig behandelt. Besonders meine Großmutter konnte mir nie einen Wunsch abschlagen. Gemessen an den Kinderwünschen der heutigen Zeit waren meine Wünsche allerdings recht bescheiden. So brachte mich im Sommer der Eismann mit seiner Handglocke in Bewegung. Ein Fünfpfennigstück war bei Großmutter immer drin, trotz ihrer sehr kleinen Rente. Ihre besondere Nachsicht mir gegenüber hatte bei Großmutter einen besonderen Grund, den ich erst viel später erfahren sollte. Als sie nämlich ihren einzigen Sohn durch den Krieg verloren hatte, da verfiel sie in eine schwere Gemütserkrankung und interessierte sich nicht mehr für ihre Umwelt. Dieser Zustand besserte sich erst seit meiner Geburt nach und nach. Das führte bei den Mitgliedern der Familie zu der Ansicht, dass die Geburt ihres ersten Enkels den Beginn ihrer Genesung ausgelöst habe. Dazu mag auch mitgeholfen haben, dass man mir den Vornamen „Fritz“ gegeben hat. So hieß jener Onkel, den ich nicht mehr kennenlernen konnte. Ich war in eine Umwelt hineinversetzt, die sich wohl für die Erwachsenen in einem recht betrüblichen Zustand befand, jedoch für ein Kind in ausreichendem Maße Geborgenheit bereithielt. Deutschland litt an den Folgen des größten Massengemetzels, das die Menschen bis dahin je erfunden und nicht ohne Grund als „Weltkrieg“ bezeichnet hatten. Die einfachen Menschen in diesem Land befassten sich mit den lebensnotwendigen Dingen und versuchten, ihre eigene kleine Welt in Ordnung zu halten. Ich habe es immer als einen besonderen Glücksumstand angesehen, dass ich als Vogtländer geboren wurde. Die Menschen in meiner Umgebung waren ziemlich anspruchslos gegenüber den materiellen Dingen aber in ihrer Nähe entwickelte sich ein Empfinden von Wärme und Geborgenheit wie ich es andernorts und später nur selten erlebt habe.
Im Hause meiner Großeltern gab es zwei Haustiere, einen Hund von der Rasse der Pekinesen und eine schwarze Katze. Sie unterschieden sich für mich vor allem darin, dass sich der Hund streicheln ließ so lange ich das wollte, die Katze dagegen bestimmte selbst wann ihr das zusagte. Trotzdem hatte gerade sie ein ganz besonderes Verhältnis zu mir. Man sagte mir, sie habe sich zum Bewacher meines Babyschlafes aufgeschwungen und jeden Fremden angefaucht, der meinem Korbwagen zu nahe gekommen ist. Leider habe ich sie später durch meine Derbheit ungewollt so vergrault, dass sie sich hinfort nur noch in Gegenwart Erwachsener von mir anfassen lassen wollte. Trotzdem habe ich Katzen immer eine große Zuneigung entgegengebracht. Man sagt der Katze Charakter nach, weil man ihr nichts befehlen kann. Vielleicht wäre es für mich gut gewesen, wenn ich die Reaktion unserer damaligen Hauskatze schon so hätte verstehen können. Eine solche Lehre hinsichtlich des „Befehls von oben“ fand leider bei mir wie bei den meisten anderen Deutschen erst nach den schlimmen Erlebnissen im zweiten Weltkrieg den geeigneten Nährboden.
Als meine Eltern in Altenburg ihren eigenen Hausstand gründen konnten, war das für sie bestimmt ein Anlass zur Freude, hatten sie doch gemeinsam ein erstes wichtiges Ziel erreicht.

Das Schmiedehaus meiner Großeltern; Am Mühlberg 1 in Auerbach/Vogtl Bei mir löste die Ankündigung des bevorstehenden Wegganges der Familie aus Auerbach einen inneren Widerstand gegen das neue Zuhause aus, der noch Jahre anhalten sollte.
Als Zweijähriger musste ich mich dennoch in die beschlossene Zusammenführung der Familie an einem anderen Ort fügen. Ich hatte mich allerdings schon zu sehr an die Menschen in meinem Geburtshause gewöhnt, als dass ich die Rechte und Pflichten meines Vaters hinsichtlich meiner Erziehung nun ohne weiteres hätte akzeptieren wollen. Ihn kannte ich bis dahin nur von seinen Wochenendbesuchen und mag dabei schnell gemerkt haben, dass er etwas strenger mit mir verfuhr als die anderen Erwachsenen. Er stammte nicht allein aus Preußen, er war auch Preuße hinsichtlich seiner Vorstellungen von Ordnung, Disziplin und Gehorsam. In meinem Gemüt aber war wohl schon die Saat sächsischer Gemütlichkeit aufgegangen, was unausweichlich einen ernsten Interessengegensatz zwischen Vater und Sohn heraufbeschwören sollte. Ich kleiner Sachse musste dabei der Unterlegene bleiben, wenngleich ich wohl merkte, dass die Sympathien meiner sächsischen Verwandten auf meiner Seite waren. So ging es im Kleinen ebenso wie schon einmal in der großen Politik. Die preußische Disziplin besiegte die sächsische „Gemütlichkeit“. Ich verlor mit einem Male eine vertraute Umgebung und wurde vorerst einmal von den Menschen getrennt, mit denen ich bislang zu tun gehabt hatte. Vermutlich hat mein Vater lange Zeit sehr darum gekämpft, dass aus mir kein verzogenes Bürschchen wurde aber solche Überlegungen sind einem Kind nicht plausibel zu machen. In Altenburg war ich erst einmal ein Fremder. Ich erinnere mich noch deutlich an den ungewohnten Duft von frischem Holz und neuer Farbe in der neueingerichteten Wohnung. Unter den Kindern der Nachbarschaft wirkte ich selbst wie ein Exot denn sie hatten einen ganz anderen Dialekt und amüsierten sich über mein vogtländisches Deutsch. Ich war wie aus dem Nest gefallen und sehr traurig. Die Eingewöhnung wurde mir glücklicherweise dadurch sehr erleichtert, dass man mich noch häufig und über Wochen hinweg nach Auerbach schickte, so dass mir bei jeder Rückkehr nach Altenburg die Hoffnung auf ein früheres oder späteres Wiedersehen mit Auerbach erhalten bleiben konnte. Allmählich lernte ich auch den Dialekt der Altenburger Kinder sprechen, ich wurde gewissermaßen „zweisprachig“, womit das Heimischwerden langsam Fortschritte machte.
Ich war drei Jahre alt und befand mich gerade wieder einmal im Hause meiner Großeltern, als ganz plötzlich mein Großvater verstarb. In der Erinnerung an dieses für meine Großmutter und die beiden Tanten folgenschwere Ereignis sehe ich noch deutlich vor mir, wie der Großvater in einem offenen Sarg unter Blumen auf den Amboss Steinen seiner Schmiede aufgebahrt lag. Das war das Ende der alten Schmiede, in die kein neuer Meister mehr einziehen wollte. Das alte Schmiedehaus blieb noch lange Jahre hindurch von den drei zurückbleibenden Frauen bewohnt und konnte somit der beliebteste Ferienaufenthalt meiner Kinder- und Jugendzeit werden.
Altenburg, die ehemals herzoglich-sächsische Residenzstadt, gehörte in der Weimarer Republik zum Land Thüringen und bildete das Zentrum des östlichsten der Thüringer Kreisgebiete. Am Rande der Leipziger Tieflandbucht gelegen ließ hier der fruchtbare Ackerboden gute Ernten und reiche Bauern gedeihen. Die Stadt selbst war ein kulturelles Kleinod, was wesentlich der Hinterlassenschaft ihrer einstigen fürstlichen Herrscher zu verdanken war. So besaß Altenburg ein sehr bekanntes Theater, verschiedene Museen und zahlreiche wertvolle Architekturdenkmäler, darunter viele Kirchen und mittelalterliche Türme. Die Stadt hatte unter ihren zahlreichen Schulen auch drei sogenannte höhere Schulen und mehrere Fachschulen. Das rege kulturelle Leben in dieser Stadt berührte mich zunächst noch nicht. Die Schönheit Altenburgs mit seinem auf einem Porphyr Felsen weiträumig angelegten Schloss und den winkligen mittelalterlichen Gassen sollte ich erst nach und nach kennenlernen. Wir wohnten nämlich im nördlichen Vorort Kauerndorf, der sich direkt an das Bahnhofsgelände anschloss. Er leitet in die der Stadt vorgelagerten Randbereiche der hier beginnenden Leipziger Tieflandbucht über. In unserer Straße gab es viele Kinder. So fand ich nach und nach auch genügend Spielgefährten meiner Altersgruppe. Das Milieu war hier kleinbürgerlich mit einem starken Anteil aus der Arbeiterschaft. Auch hier war das Leben der Menschen von der allgemein schwierigen Wirtschaftslage geprägt. Das konnte ich aus meiner damaligen Perspektive zwar noch nicht beurteilen, doch selbst Vorschulkinder wussten seinerzeit, dass es unter ihren Vätern solche gab, die keine Arbeit hatten. Die anderen Väter waren in einer der renommierten Nähmaschinenfabriken, der weltbekannten Spielkartenfabrik oder in einer ebenfalls nicht unbekannten Hutfabrik beschäftigt.
Andere arbeiteten auch in den Betrieben der Braunkohlenindustrie, die sich in der Umgebung nördlich und westlich der Stadt befanden. Arbeit gab es für die damals 45 Tausend Einwohner Altenburgs auch noch bei Post und Bahn, im Druckereiwesen, in der Zigarrenfabrik oder in einer der hier ansässigen Maschinenfabriken beziehungsweise in der Brauerei. Unser Haus lag in einer Straße, die parallel zum Bahngelände lief.

Fritz 1926
Wir wohnten damals im obersten Stockwerk des zweigeschossigen Doppelhauses. Wenn ich aus dem Fenster schaute, konnte ich die Fernzüge vorbeifahren sehen, die auf der Strecke Leipzig Zwickau verkehrten. Diese Strecke war noch nicht elektrifiziert und so lernte ich nach und nach die verschiedensten Arten von Dampflokomotiven kennen. Es stampften schwere Güterzüge vorüber, deren Lokomotiven wegen der Ausstattung mit drei Zylindern schon von der Ferne an ihrem besonderen Rhythmus zu erkennen waren. Ich konnte lange im Fensterbrett lehnend zuschauen, wie die verschiedenartigen Waggons vorüberzogen und dabei mit markantem Schlagen ihrer Räder über die Schienenstöße hopsten. Das Geschehen auf dem Bahnkörper war uns so nahe, dass beim Vorüberdonnern von Schnellzügen jedes Mal ein leichtes Klirren des Geschirrs in unseren Schränken zu hören war. Daran gewöhnten wir uns allmählich so, das es nur noch auffiel wenn Gäste darauf aufmerksam machten. Alles in allem wurde die neue Wohnung in Bezug auf ihre Nähe zur Bahn für mich ein sehr anregendes Zuhause. Verglichen mit den Straßen heutiger Wohngebiete war die, in der ich nun aufwuchs, für Kinder fast schon ein Spielplatz. Sie hatte einen Belag aus Kopfsteinen. Darüber rumpelten die Pferdewagen der Bauern aus dem benachbarten Dorf und auch die Gespanne einiger Fuhrunternehmer. Es gab nur wenige Autos in diesem Stadtrandviertel. Manchmal kam der Arzt vom unteren Ende der Straße mit seinem Hanomag vorbei oder das sogenannte „Konsumauto“, das die Konsumgeschäfte der Stadt belieferte. Es gab auch ein Postauto und in größeren Zeitabständen erschien ein Fahrzeug der Stadtreinigung. Letzteres wurde von allen Leuten kurz als „Kehrmaschine“ bezeichnet. Es bereitete uns Kindern im Sommer viel Vergnügen wegen seiner Spritzdüsen, aus denen das Wasser bis über die Bordsteine spritzte. Wir nutzten solche Gelegenheiten, um die nackten Füße darunter zuhalten. Ich erinnere mich noch recht gut an die bunten Regenbogenfarben, die dabei von der Sonne in den Wassernebel hineingezaubert wurden. Das Konsumauto umlagerten wir häufig dann, wenn es frische Brote im Konsumladen ablieferte. Der Duft nach frischgebackenem Brot konnte unseren Appetit mächtig entfachen und mancher lief dann schnell, um sich bei seiner Mutter eine „Bemme“ in die Faust stecken zu lassen. Häuser gab es in dieser Straße nur auf einer Seite. An der anderen Seite führte ein Zaun entlang dem Bürgersteig und grenzte den Fuß des hochgelegenen Bahngeländes vom Geschehen auf der Straße ab, soweit das eben möglich war. Wir hatten jedenfalls bald genügend lose Latten entdeckt, um jederzeit den mit dichtem Buschwerk bewachsenen, uns streng verbotenen Bahndamm mit in unser Spiel einbeziehen zu können. Besonders an Sommernachmittagen war unsere Straße von vielen Kindern bevölkert.

Das Mietshaus, in dem ich aufwuchs; Rasephaser Straße 11 in Altenburg/Thür.
Es wurde dann mitten auf der Fahrbahn Völkerball, Fußball, Fangspiele aller Art oder „Räuber und Gendarm“ gespielt. Bei letzterem oder beim Versteckspiel wurden auch noch alle Anliegergrundstücke mit in das Geschehen einbezogen, denn zu jedem der Häuser gehörten noch Hof und Gartengrundstücke. Das ging zwar nicht ab ohne gelegentliche Kollisionen mit den Hausbesitzern aber es gab keinen Erwachsenen, der das wirklich unterbinden konnte. Auf dem Bürgersteig schoben die kleineren Mädchen ihre Puppenwagen, die Jungs fuhren Trittroller oder mit dem Selbstfahrer, einem nur wenigen Kindern verfügbaren Holzfahrzeug, das mit einem Hebelmechanismus per Hand fortbewegt wurde. Zunächst war ich unter den Kindern, die den Bürgersteig und die nächstgelegenen Nachbargrundstücke bevölkerten. Wie schnell aber vergeht die Zeit, wenn man täglich so viel erleben kann wie es für uns Kinder in der kleinen Welt einer solchen Vorstadtstraße der Fall war. Die Grenzen, an die man da stößt, lassen sich ja auch immer weiter nach außen verschieben. Unsere Straße war dafür so recht geeignet, weil sie ebenso wie die daneben liegende Bahnstrecke in eine uns unbekannte Ferne zu führen schien. Sie kam zu uns in einer rechtwinklig verlaufenden Kurve aus einer Bahnunterführung heraus, bevor sie das erste der nebeneinander aufgefädelten Häuser erreichte. Nach dem zwölften der zwei- und dreistöckigen Häuser verließ sie wieder den Parallellauf zum Bahngelände, um einige hundert Meter davon entfernt in das nahegelegene Dorf Rasephas hineinzuführen. Kurz davor musste sie noch eine kleine Brücke überqueren, unter der ein schmutziger Bach mit dem bemerkenswerten Namen „Blaue Flut“ hindurchfloss. Derselbe schlängelte sich durch Gärten und Wiesen hindurch, plätscherte weiter mit den Abwässern unserer Stadt durch freies Land nach Norden, bis er sie an seine größere Schwester mit dem schon bekannteren Namen „Pleiße“ weitergeben konnte. Wer in dieser Straße aufwuchs musste eines Tages zwangsläufig entlang dieses Wasserlaufes den Weg in ein grünes Paradies finden, das ideale Möglichkeiten für alle Arten von Kinderspielen bot. Wiesen, der gewundene Lauf des Baches, eine Sandgrube, zwei Gehölze und ein alter verlassener Bahndamm konnten uns manchmal jedes Zeitgefühl verlieren lassen. Es kam vor, dass wir dort die rechtzeitige Rückkehr zum Abendessen verpassten, was natürlich seine Konsequenzen nach sich zog. Wer jemals einen Nachmittag lang als Winnetou, Old Shatterhand oder Nibelungenheld durch den Busch gesprungen ist, der weiß nur zu gut, wie schwer man sich dabei nach einem Terminplan von Erwachsenen in das pünktlich zuhause erwartete Kind zurückverwandeln kann. Heute scheint es mir, als hätte ich seitdem nie wieder Wiesen mit so hohem Gras und so vielerlei Arten von Pflanzen gesehen wie gerade hier. Als ich älter wurde, begann ich mich für Botanik zu interessieren. So weiß ich, dass die nun selten gewordene Pechnelke, die Kuckuksnelke und viele Arten von Glockenblumen hier blühten. Im Frühling suchten wir an den Rändern der Gehölze Buschwindröschen, Veilchen und Primeln. Selbstverständlich wurden die Blumensträuße zum Muttertag von den Kindern damals in freier Natur selbst gepflückt.
2. Gewalt
Unserem Wohngebiet war im Osten eine Anhöhe vorgelagert, über die eine Fernverkehrsstraße von Leipzig her auf die Stadt zuführt. Sie ging an den früheren Kasernen vorbei, in deren gelben Backsteingebäuden man nach dem Ersten Weltkrieg Notwohnungen für die Ärmsten der Stadt eingerichtet hatte. Der Bedarf war so groß, dass man zusätzlich dazu noch Baracken aufstellen musste. Die Kinder der dort zusammengepferchten Menschen wurden von denen anderer Wohngebiete gemieden. Auch die Erwachsenen grenzten sich ab. Es waren damals wie heute dieselben Gründe, die dazu führten: Die Armut der einen und die Verständnislosigkeit der anderen. Zwischen den Halbwüchsigen beider Lager entstanden daraus Feindschaften, die sich zu regelrechten „Kriegszuständen“ entwickeln konnten. Sie wurden ziemlich oft brutal gegeneinander ausgetragen.
Es kamen die letzten Jahre vor Hitlers Machtergreifung. Die zunehmenden Spannungen und Aggressionen in der Gesellschaft wirkten sich zum Teil auch auf die Kinder und Jugendlichen aus. Mit meinen sechs oder sieben Jahren begriff ich in Wirklichkeit nicht, weshalb man sich prügelte. Natürlich wusste ich, dass Nazis, Sozis und Kommunisten nicht gut aufeinander zu sprechen waren. Es gab ja in unserer Straße auch eine große Plakatwand, auf der die Parteien ihre Gehässigkeiten sehr anschaulich gegeneinander vortrugen. Die gegensätzlichen politischen Meinungen der Erwachsenen konnte man manchmal mit anhören ohne mehr zu verstehen als, dass alle gegen alle waren. Eines Tages lernte ich auch die besondere Art Feindschaft zwischen Sozis und Nazis fürchten. Ich spielte mit Wolfgang Rank, einem Nachbarsjungen, der mit mir 1931 eingeschult worden war, auf dessen elterlichen Grundstück. Das Scheppern eines Blechgefäßes vor dem Gartentor weckte unsere Neugier und wir liefen auf schnellen Füßen dahin, von wo das Geräusch kam. Voller Schrecken drehten wir wieder bei, als wir sahen, dass sich zwei Männer prügelten. Beide schlugen mit Zaunlatten aufeinander ein. Sie bluteten schon. Es war das erste Mal, dass ich mit ansah wie sich Erwachsene prügelten. Der Vorfall war am nächsten Tag Straßengespräch der Erwachsenen. Dadurch erfuhren wir, welche politischen Parteien in diesem Zweikampf vertreten waren.
Es kam der 30. Januar des Jahres 1933 heran. Wir hatten schneelose Wintertage. Ich kann mich noch deutlich daran erinnern, dass mich eines Tages die seltsame Art der Beflaggung der Häuser in unserer Straße beeindruckte. Als Achtjähriger nahm ich damals auch sonst nur die äußeren Erscheinungen des Geschehens wahr. Ich hatte ja schon viele Tage erlebt, an denen die Häuser Flaggenschmuck trugen. An diesem Tage fand ich es sehr merkwürdig, dass sich allein die Hakenkreuzfahnen in den kaltblauen Himmel reckten. Sonst waren jedenfalls die fahnenreichen Tage viel bunter. Da hob sich gewöhnlich ein Haus in unserer Straße durch besondere Farbenvielfalt heraus. In seinem ersten Stockwerk zeigte es sonst eine schwarz-weiß-rote und im zweiten Stockwerk eine schwarz-rot-goldene Fahne. Aus den beiden Wohnungen im obersten Stock hingegen wurden an Feiertagen jeweils eine rote Fahne mit und eine rote ohne Hakenkreuz nebeneinander gezeigt. Diesmal fehlte diese vertraute Vielfalt. Vielleicht hatte ich schon damals ein Gefühl für Beständigkeit, vielleicht fand ich es einfach nur langweilig. Jedenfalls gefiel mir die kalte Straße mit ihren vielen kalten Hakenkreuzen nicht sonderlich. Ich wusste noch nicht, wie leicht man sich an sowas gewöhnen kann, wenn es einem lange genug vor die Nase gehalten wird. Jedenfalls kannte ich die Bewohner jenes sonst so farbenprächtig geschmückten Hauses alle recht gut. Herr K., dessen Hakenkreuzfahne heute als einzige aus der oberen Etage wedelte, schnitt mir manchmal in seiner Wohnstube die Haare. Er war arbeitslos und hatte mehrere erwachsene Söhne. Familie Boost nebenan lebte in denselben ärmlichen Verhältnissen. Ihre Fahne fehlte heute. Die alten Leute lebten mit einer unverheirateten erwachsenen Tochter und deren Sohn Herbert zusammen. Mit ihm ging ich in die gleiche Schulklasse. Ich weiß noch, dass er gut zeichnen konnte. Besonders gern malte er Pferde, die er sehr liebte. Die Leute mit den beiden anderen Fahnen hielt ich für „vornehm“. Dieses Eigenschaftswort hatte ich bei den Erwachsenen aufgeschnappt, ohne dass ich recht wusste ob es mehr den Verstand oder den Besitzstand bezeichnen sollte. In die genannte Kategorie gehörte für mich jedenfalls der Hausbesitzer mit seiner schwarz-weiß-roten Fahne. Sie war später noch häufig neben der Hakenkreuzfahne zu sehen, bis sie sich eines Tages in eine ebensolche umgewandelt hatte. Jetzt schien sie noch als Ausnahmefall geduldet. Ein kalter Wind pfiff mir entgegen, als ich durch die Bahnunterführung ging, um irgendeine Besorgung zu erledigen. Von ferne trug der Wind Marschmusik aus der Stadt herüber. Lange hat mich der beobachtete Flaggenwechsel sicher nicht beschäftigt. Auch die Erwachsenen taten in den folgenden Tagen was sie immer schon getan hatten. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass die Menschen, wie sonst ihre Ansichten zum Geschehen dieser Tage untereinander austauschten. Bestimmt wichen ihre Meinungen darüber ebenso weit voneinander ab wie ihre eingerollten Fahnen, die sie von nun an nicht mehr sehen ließen. Was meine Eltern vom Tage der Machtergreifung durch Hitler hielten, erfuhr ich ebenso wenig. Sie sprachen in meiner Gegenwart nicht über Politik. Mein Vater, inzwischen Lokheizer bei der Deutschen Reichsbahn geworden, war sicher froh, noch Arbeit zu haben. Eine Fahne besaß er jedenfalls nicht. Für einen angehenden Beamten war das vermutlich auch das Vernünftigste. Aus einem Vorfall, der sich einige Jahre vorher zugetragen hatte, möchte ich schließen, dass Hitler und seine Leute bei Wahlen wahrscheinlich nicht die Favoriten meiner Eltern gewesen sind. Ich war vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, da zeigte mir der jüngste Sohn der Familie K., wie man Hakenkreuze malt. Schließlich stiftete er mich dazu an, mit diesem mir unverständlichen Zeichen die Zaunlatten vor unserem Nachbarhause zu verzieren. Da ich den Jungen gut leiden konnte, tat ich was er verlangte. Die Reaktion meiner Mutter auf diese mühsame Kreidemalerei war ungewohnt heftig. Ich verstand meine sonst milde und gütig reagierende Mutter damals überhaupt nicht.
Ostern 1933 beendete ich mein zweites Schuljahr. Den täglichen Gang zur Schule nahm ich als einen Auftrag hin, der mir von den Erwachsenen zugewiesen und deshalb nicht zu umgehen war. In der Klasse saßen wir Schüler so lange still wie der Lehrer im Raum war. An seiner Autorität zweifelten wir nicht. Es war uns bewusst gemacht worden, dass Lehrer zu mächtig sind als dass man sich ihren Forderungen widersetzen durfte. Der Rohrstock gehörte seinerzeit noch zu den Arbeitsgeräten des Pädagogen. Er wurde erforderlichenfalls auch eingesetzt. Wie oft sich ein solches Erfordernis ergab, war von unserem Verhalten aber auch von der Mentalität des Lehrers abhängig. Mit diesem Instrument klassischer Knabenerziehung hatte ich schon im ersten Schuljahr nähere Bekanntschaft machen dürfen. Ursache war mein noch unterentwickeltes Bedürfnis zum Stillsitzen und das Bedürfnis des Klassenlehrers, von Beginn an seine Autorität unantastbar zu machen. Dieser Lehrer, den ich in der Folgezeit sehr schätzen lernte, schaffte eben einfach klare Beziehungen zwischen sich und seiner Klasse, indem er rasch und unmissverständlich zur Tat schritt. Aus meiner Kindheit habe ich noch immer den hierzu passenden Sinnspruch parat: „Was ein Häkchen werden will, das krümmt sich beizeiten.“ Ich konnte zwar nie begreifen, wozu ich ein Häkchen werden musste. Damals mochte ich wohl gedacht haben, dass dies die Erwachsenen schon wüssten, zumal selbst alte Leute diesen Spruch aufsagten. In dieser Hinsicht waren Eltern und Lehrer durchaus einer Meinung. Auch mein Vater huldigte dieser damals gängigen Erziehungsmethode, was bei seiner Neigung zum Jähzorn für mich manchmal sehr unangenehm werden konnte.

Klasse 1a der Nordschule in Altenburg; Foto: 1931
3. Die ersten Schuljahre
In unserer Schule umfasste mein Jahrgang etwa 100 bis 120 Kinder. Sie waren auf je eine Klasse für Jungen und eine für Mädchen aufgeteilt. Das restliche Drittel musste in einer gemischten Klasse unterrichtet werden. Ich befand mich in Klasse a, in der ausschließlichen Gesellschaft von Jungen. Unsere Ausrüstung bestand im ersten Schuljahr vor allem aus einer Schiefertafel, Schieferstiften zum Schreiben und einer Schwammdose, in der sich stets ein gut angefeuchteter Gummischwamm zu befinden hatte. Das Stillsitzen während des Unterrichts lernten wir ja einigermaßen schnell. Dagegen wurde das Kratzen der Buchstaben und Zahlen auf die Schiefertafeln anfangs recht beschwerlich für mich. Im zweiten Jahr verließen wir zum Glück diese steinzeitliche Methode und schrieben mit Bleistiften in richtige Schreibhefte. Am meisten gefielen mir die Fächer Lesen, Zeichnen und Turnen. Alles Übrige erforderte fleißiges Üben, wovon ich nicht viel hielt. Ich sah nicht ein, dass man von seiner Freizeit allzu viel für eine solche Dressur opfern sollte. Als größtes Übel empfand ich das sogenannte „Kleine Einmaleins“. Es gelangte vermutlich in der dritten Klasse auf den Unterrichtsplan, ohne dass mir die Nutzanwendung klargeworden war. Es ist ja bis heute so geblieben: Wenn Kinder etwas nicht einsehen können, dann stemmen sie sich dagegen. Meinen inneren Widerstand überwand mein Vater durch die einfache Aufforderung zum täglichen Üben. Das wurde bei jeder sich bietenden Gelegenheit durch Abfragen einer sogenannten „Reihe“ kontrolliert und zog bei Nichterfüllung der Norm Spielverbot außer Haus nach sich. Letzteres nannte man damals „Stubenarrest“. Es stellte sich alsbald der gewollte Erfolg auch ohne meine tiefere Einsicht in den Sinn der Sache ein. Zu meinem Besten hatte ich einen notwendigen Fortschritt gemacht. Man wird vermutlich über Methoden der Erziehung noch mancherlei bedenken müssen. Eines steht für mich heute fest, dass nämlich der den Deutschen meiner Generation nachgesagte unbedingte Gehorsam gegenüber der Obrigkeit auch von einer solchen Art der Erziehung herrührt. Kinder, die autoritär erzogen werden und nachträglich die für sie positiven Ergebnisse eines vormals ausgeübten Zwanges feststellen können, sind im Erwachsenenalter leichter geneigt die gute Absicht auch hinter den Härten einer staatlichen Obrigkeit zu vermuten.
Meine Mitschüler in der Volksschule kamen ebenso wie ich aus einfachen Verhältnissen. Wir hatten jedoch auch Kinder aus sehr armen Elternhäusern bei uns. Sie erschienen ohne Frühstück in der Schule und liefen fast das ganze Jahr über barfuß. Es betraf dies etwa drei bis vier Jungen. Als ich davon zu Hause erzählte, gab mir meine Mutter öfter ein doppeltes Frühstück mit, das ich nicht lange anbieten musste, um es an den Mann zu bringen. Unser Klassenraum mit seinen drei Bankreihen, deren Schülerpulte mit Klappsitzen fest verbunden und unverrückbar auf eiserne Schienen aufgeschoben waren, machte einen sehr nüchternen Eindruck. Deshalb durften wir ihn in der Adventszeit mit Tannengrün und selbstgebastelten Papierketten ausschmücken. An einer Seitenwand prangte das ganze Jahr über ein Schild mit einer Art Leitspruch. Er drang mir während der Dauer meiner vier Volksschuljahre so unausrottbar in das Gedächtnis, dass ich ihn noch jetzt wortwörtlich aufsagen kann. Er lautete: „Wer behauptet Deutschland sei am Kriege schuld, lügt. Und diese Lüge ist die Wurzel unserer Not!“
Vielleicht gelang mir das zwanghafte Aufsagen dieser Zeilen schon zu einer Zeit, als ich gerade Lesen gelernt aber den Sinn derselben noch nicht begreifen konnte. Lange Zeit stand das Fach Zeichnen auf Platz eins unter meinen Lieblingsfächern. So „malte“ ich mit großer Geduld auch zu Hause, ohne dass eine Aufgabenstellung des Lehrers dies erforderte. Es regte dazu schon ein Blick aus dem Fenster an. Da ich, wie schon gesagt, vom Wohnzimmer aus das Bahngelände einsehen konnte, brachte ich anfangs serienweise Eisenbahnzüge zu Papier. Bald interessierte ich mich auch für die Häuser und Gärten, die man von unserem Küchenfenster aus überschaute. Es entstanden neue Bildserien mit Häusern, die teilweise mit Fachwerk verziert waren. Ich machte mir gewissermaßen zeichnend meine nähere Umgebung zu Eigen und fühlte ein wohliges Vertrautsein mit den vielen kleinen Details in dieser heimatlichen Landschaft. Zwar habe ich später mein Talent nicht weiterentwickelt, als Hilfsmittel zur Aneignung von Kenntnissen über meine Umgebung hat es mir in meinem Leben jedoch oft gute Dienste geleistet. Besonders bei meiner späteren Beschäftigung mit Naturwissenschaften konnte ich noch häufig davon profitieren. Es verhalf mir, wie ich meine, sehr zur Verinnerlichung von Naturerlebnissen weil Zeichnen sowohl den Blick für das Detail schärft als auch die Fähigkeit entwickeln hilft, Gesehenes zu gliedern und zu reflektieren. Heute weiß ich, dass ich unzählige Male hieraus Kraft schöpfen konnte wenn manchmal das Rohe und Primitive in meiner Umgebung überhandnehmen wollte.
Wir wurden regelmäßig auch im Fach Religion unterrichtet. Die biblischen Geschichten, besonders die aus dem Alten Testament hörte ich gewöhnlich gern, was damals schon nicht mehr für alle meine Klassenkameraden zutraf. Sobald aber das Auswendiglernen von Bibelsprüchen gefordert war, sträubte ich mich wie alle meine Mitschüler dagegen. Es half nichts denn auch in diesem Fach herrschte die übliche Strenge der Pädagogen. So blieb einiges in meinem Gedächtnis hängen, was später zu meinem Vorteil manchmal wie ein innerer Kompass wirkte. In jener Zeit musste auch täglich vor der ersten Unterrichtsstunde von allen Schülern gemeinsam das sogenannte Thüringer Schulgebet aufgesagt werden. Es begann mit den Worten: „Schütze Herr mit starker Hand unser Volk und Vaterland …“
Dieser von uns gleichmütig unbeteiligt und neben unseren Bänken stehend heruntergeleierte Text hinterließ in mir keinen besonderen Eindruck. Eine Langzeitwirkung rechne ich ihm dennoch zu. Durch seine ständige Wiederholung dürfte er in unseren Hirnen zur festen Verknotung der Begriffskombination „Gott“ und „Vaterland“ beigetragen haben. Später schaffte Hitler das Beten vor Unterrichtsbeginn ab und führte an seiner Stelle die militärisch exakte Meldung des Klassenältesten vor dem Lehrer ein. Ich wage nicht die Behauptung, dass die Schulbehörde der Weimarer Republik mit diesem Schulgebet dem zweiten Weltkrieg bewusst Vorschub leisten wollte. Aber es steht für mich außer Zweifel, dass es für Hitler und seine Leute leicht war, ein solcherart bestelltes Feld in den Köpfen einer gegenüber der Obrigkeit unkritischen deutschen Jugend raffiniert auszubeuten.
Mein Klassenlehrer in den ersten vier Schuljahren war ein junger Lehrer mit Namen Karl Demut. Ich habe ihn nur mit Knickerbockerhosen bekleidet in Erinnerung. Er hatte einen eigenartig federnden Gang, als befände er sich ständig auf einer ausgedehnten Wanderung. Er stammte aus dem Thüringer Glasbläserort Lauscha. Für die damaligen Verhältnisse war er sicher der Typ des progressiven Pädagogen.
Ich mochte ihn wegen seiner offenkundigen Gerechtigkeit und vor allem deshalb, weil er sehr phantasievoll unterrichtete. Wir hatten bei ihm Deutsch, Zeichnen, Rechnen und Werken. In unserer Klasse gab es anfangs Probleme mit dem fehlerfreien Lesen, die dieser findige Pädagoge auf eine heute merkwürdig anmutende Weise zu beheben verstand. Eines Tages stellte er einen Sandkasten ins Klassenzimmer und baute darin Zinnsoldaten auf. Es waren darunter auch stattlich anzuschauende Reiterfiguren und wir trauten unseren Augen nicht, dass die Schule uns mit des damaligen deutschen Jungen liebstem Spielzeug beglücken sollte. Es gab seinerzeit kaum einen unter uns, der nicht in irgendeiner Weise mit militärischem Spielzeug umging. Mancher besaß selbst eine kleine Armee von „Bleisoldaten“, die durch Einschmelzen alter Bleirohre und mittels überkommener Gussformen hergestellt wurden. Die Armee unseres Lehrers zog aber nicht für das Vaterland, sondern im pädagogischen Dienst in den Krieg. Herr Demut sagte uns zu, dass derjenige, der einen Text vorgegebener Länge fehlerfrei lesen würde, mit einer Reiterfigur belohnt werden solle. Fortan übten wir das Lesen mit einer Inbrunst wie ich sie nie wieder unter Schülern erlebte. Es war eine regelrechte Leseschlacht entbrannt und täglich meldeten sich mehrere Schüler zum Lesen vor der Klasse. Immer jedoch, wenn wir schon dachten es habe einer das Ziel erreicht, kam der obligatorische Versprecher. So zog die Armee des Herrn Demut nach einigen Wochen ohne Verluste wieder in ihre Quartiere. Wir aber hatten im Lesen enorme Fortschritte gemacht. Bemerkenswert an dieser Geschichte ist noch, dass keine einzige Figur gestohlen wurde. Es sei auch gesagt, dass dieser Lehrer alles andere als ein Militarist war. Er aber kannte seine Umwelt und die von ihr geprägten Kinder.
Die große Schülerzahl erforderte an unserer Schule die Einhaltung einer strengen Pausendisziplin. Wir mussten dazu auf dem Schulhof getrennt nach Geschlecht in je einem großen Kreis um einen aufsichtsführenden Lehrer herumspazieren. Das fiel besonders den unteren Klassen schwer denn dieses Verfahren der Pausengestaltung verstieß gegen den natürlichen Bewegungsdrang von Kindern. So verging keine Pause, ohne dass mehrere Delinquenten im Kreis neben dem Lehrer stehen mussten ,um darauf zu warten bis sie am Schluss die Butterbrotpapiere auflesen durften, die jedes Mal wenn die Klingel das Pausenende verkündete auf dem Schulhof herumlagen. Natürlich hatte diese Methode ihre Vorteile für die Sauberhaltung des Schulobjektes. Man durfte nur nicht zu den Schülern gehören, denen öfter das Temperament durchging weil man dann dauernd mit Papierauflesen dran war.
Im Werkunterricht lernten wir bei Herrn Demut, wie man aus anscheinend unnützen Dingen das schönste Spielzeug basteln konnte. Anstatt uns aufzutragen, Material für den Unterricht zu kaufen, was unseren Eltern ohnehin nicht möglich gewesen wäre, schickte er uns zu Schuhmachern, in Fotogeschäfte und Konsumlager oder in Mutters Küche. Dort lernten wir alsbald, Pappkartons aller Art, Filmspulen, Blechdosen und anderes Verpackungsmaterial für den jeweiligen Unterrichtszweck ausfindig zu machen. Als Klebstoff diente uns ein Kleister, den wir aus Wasser und Mehl zusammenrührten. Mir machte das Verwandeln dieser Dinge in Häuser, Wagen, Eisenbahnen, Brücken, Fahrstühle, Türme, Burgen und dergleichen einen solchen Spaß, dass ich zeitweise meine Freizeit nur noch mit der Umwandlung profanen Abfalls in Produkte meiner Phantasie verbrachte. Besonders in den nasskalten Tagen vor Einbruch des Winters wurde dies zu einer Beschäftigung, bei der ich die Zeit vergessen konnte. Dabei entstanden manchmal in Erwartung des baldigen Schneefalls auch Landschaften im Winterkleid, in denen man den Schnee durch erstarrten dicken Mehlkleister darstellte. So schön das alles auch sein mochte, wenn eines Tages die ersten echten weißen Flocken vom Himmel herabschwebten, dann war es mit der Stubenhockerei vorbei. Jubelnd pflegten an solchen Tagen die Kinder unserer Straße die glitzernden weißen Sterne zu begrüßen. Sie wussten, nun konnten bald die Schlitten herausgeholt werden. Es begann die Zeit, wo wir in Scharen vom nahen Steinberg oder vom Weißen Berg herabrodelten. Damit kam aber auch die Zeit der kribbelnden Zehen und des großen Appetits auf Fett Bemmen. Bis es dunkel in den Straßen wurde, hatte sich jedes Mal genügend Schnee an unseren Wollstrümpfen verklumpt oder war in die Schnürschuhe gestiebt, dass es schließlich höchste Zeit wurde, den elterlichen Wohnungen entgegen zu zuckeln. Dort brachten wir vor der geöffneten Bratröhre des Küchenherdes manchmal mit tränenden Augen wieder Leben in die Glieder von Händen und Füßen. Wenn Mutter dann das selbstgemachte Griebenfett aus dem Schrank holte, um uns damit unser Brot zu bestreichen, dann kuschelten wir uns wohlig in der kleinen Wohnküche zusammen, die seinerzeit zu fast allen Haushaltungen in unserer Straße gehörte. In einem Monat Heimatkunde hätten wir nicht besser lernen können, was der Begriff „Heimat“ beinhaltet, als in diesen Stunden. Es ist mit den Kindern so wie mit den Katzen: Sie müssen das Schnurren lernen, wenn sie heimisch werden sollen.
War erst einmal der erste Schnee gefallen, dann dauerte es gewöhnlich nicht lange bis zum Weihnachtsfest. Die Schule bereitete uns auf ihre Weise darauf vor, indem sie im nahen Gasthof Rasephas regelmäßig eine Weihnachtsfeier ausgestaltete. Alle Klassen beteiligten sich entsprechend ihrer Kenntnisse und Befähigung daran, indem sie kleine Theaterstücke einübten. Die entsprechenden Vorbereitungen liefen über viele Wochen hinweg und wurden teilweise mit dem Unterricht verbunden. In der zweiten Klasse übten wir das Lesestück „Abenteuer im Walde“ als Bühnenstück ein, wobei alle Schüler mitwirkten. Unser Klassenlehrer hatte entsprechende Dialoge verfasst. Im Werkunterricht bastelten wir die Kulissen. Sie bestanden aus Pappbäumen, von denen jeder einen Holzstiel bekam, damit man den Baum anfassen und festhalten konnte. Ich gehörte zu den Statisten, die den wackelnden Wald auf der Bühne vorzustellen hatten und für die unwissenden Zuschauer im Chor erklären mussten: „Wir sind die Bäume“. Ich war zufrieden, keine Hauptrolle übernehmen zu müssen, wie etwa der Darsteller eines wichtigtuerischen Hirschhornkäfers oder die einiger anderer Waldbewohner, die unter einem großen Fliegenpilz in Regenschirmformat ihre Dialoge zu sprechen hatten. Die Elternschaft applaudierte am Schluss voller Rührung und ich hastete von der Bühne, die mir damals nicht die Welt bedeutete. So traten nach und nach alle Klassen mit irgendwelchen Darbietungen vor der zahlreich versammelten Elternschaft auf. Ich war jedenfalls froh, dass ich wieder unter den Zuschauern Platz nehmen durfte. Wenngleich mir selbst der öffentliche Auftritt als Schauspieler nicht lag, so war ich doch von den Vorführungen der älteren Schüler so sehr beeindruckt, dass ich noch auf dem Heimweg wie aufgezogen herumzappelte. Dabei ging ein Erinnerungsstück an meinen Auerbacher Großvater zu Bruch, das meine Eltern als Requisite für den Auftritt des Hirschhornkäfers zur Verfügung gestellt hatten. Es war eine sehr schöne Tabakspfeife mit einem buntbemalten Porzellankopf.
4. Dienst
Das Jahr 1933 sollte in unserem Land alles anders werden lassen als es bislang gewesen war. Erwachsene mochten das vorausahnen oder auch nicht. Für Kinder, deren Welt sich ununterbrochen erweitert und damit auch immer neu und anders wird, war das damalige politische Geschehen jedenfalls nicht durchschaubar. Es scheint mir deshalb angebracht, von hier ab meinen Bericht gelegentlich durch Informationen zu ergänzen, wie sie die damals Erwachsenen der „Altenburger Landeszeitung“ oder einem anderen regionalen Tageblatt entnehmen konnten. Wie alle Kinder meines Alters, fand ich noch keinen Gefallen am Zeitunglesen. Das bedeutete jedoch nicht, dass wir die Ereignisse auf der großen Weltbühne nicht wahrnahmen und auf unsere Weise reflektierten. Wir waren alsbald sogar zu Mitwirkenden gemacht, ehe wir überhaupt verstanden hatten welche Tragödie in den nächsten Jahren aufgeführt werden sollte. Für mich begann das an einem sehr warmen Frühlingstag, als ich aus Neugier einen folgenreichen Entschluss fasste. An diesem Tage hatte ich mit einigen Spielgefährten lustlos an einer Stelle des Bahndammes herumgesessen, die uns zu bestimmten Zeiten als Palaverplatz diente. An diesem Stück Damm waren alte Holzschwellen senkrecht in den Boden gerammt, um ein Abrutschen des Hanges zu verhindern. Wenn wir darauf hockten und die Beine baumeln ließen, dann kamen wir manchmal auf die seltsamsten Einfälle. An diesem Tage hatten wir wohl schon eine geraume Zeit so herumgehangen, als sich uns eine Gruppe von Jungen näherte, unter denen auch einer aus unserer Straße war. Werner Quilitzsch löste sich aus dem Trupp. Er wohnte unweit von unserem Palaverplatz und kam nun zu uns heran, um uns ins Staunen zu versetzen. Das gelang ihm allein schon durch sein Äußeres. Er trug, wie auch die anderen uns aber nicht bekannten Jungen, ein weißes Hemd. Seine kurze schwarze Hose war mit einem Sportgürtel zusammengeschnürt, dessen Schnalle eine Fahne mit dem Hakenkreuz vorstellte. Solcherart Gebrauchsgegenstände wurden einige Zeit später in Deutschland verpönt und als „nationaler Kitsch“ bezeichnet. In dieser Phase des politischen Wandels war aber noch mancherlei erlaubt und möglich. Wortlos und ein wenig herausfordernd postierte sich Werner vor uns auf den Gehweg. In seiner zusammengezurrten Hose sah der ohnehin schon schlanke Kerl noch erheblich dünner aus als gewöhnlich. Natürlich konnten wir uns nicht verkneifen zu fragen, woher er denn käme. Was wir erfuhren, machte neugierig. Quilitzsch war in das Deutsche Jungvolk eingetreten und hatte gerade an einer sogenannten „Fahrt“ teilgenommen. Was es damit auf sich hatte, erklärte er uns nun, nach Jungenart froh darüber, sich mit seinen Neuigkeiten interessant machen zu können. Dabei verwendete er Begriffe, die uns nicht geläufig waren, wie zum Beispiel: Lagerfeuer, Geländespiel, Heimabend usw. Der nächste von diesen Heimabenden fände am kommenden Mittwoch statt, sagte er. Es würden dort spannende Geschichten vorgelesen und auch Lieder gesungen. Die Sache mit den Liedern hätte er sich von mir aus sparen können. Da reichte mir schon der Musikunterricht in der Schule. Die Aussicht auf eine Abenteuergeschichte war aber verlockend genug, um bei mir den Wunsch nach einem Probebesuch eines dieser Heimabende zu wecken. Ein anderer Junge, Heinz Geißler, zeigte ebenfalls Interesse. Werner Quilitzsch erbot sich, uns am kommenden Mittwoch abzuholen. Eine solche Absprache hatte für mich damals natürlich noch so lange keine Wirksamkeit, bis nicht die Erlaubnis meines Vaters dazu eingeholt war. Wie sich herausstellen sollte, war sie aber leichter zu erhalten als ich es erfahrungsgemäß hätte erwarten müssen. Ich kann heute nur Vermutungen darüber anstellen, was meinen Vater dazu bewogen haben mag, mir seine Einwilligung zu diesem Vorhaben zu geben. Vielleicht wollte er mich nur von der Straße weghaben, auf der ich oft genug herumlungerte. Möglicherweise gehörte er damals zu den Leuten, die meinten, Hitler werde im Lande nun doch vielleicht besser als seine Vorgänger die Arbeitslosigkeit bekämpfen und für mehr Sicherheit im Alltag der Menschen sorgen. Unbestritten ist jedenfalls, dass ich selbst einen der schwerwiegendsten Entschlüsse in meinem Leben an diesem schönen Frühlingstage des Jahres 1933 gefasst habe. Das geschah im Alter von acht und ein halb Jahren.
Während der ersten Monate nach Hitlers Machtübernahme in Deutschland berichtete die „Altenburger Landeszeitung“ unter anderem folgendes über die damalige politische Situation im Lande und in unserer Stadt:
Mittwoch, 1. Februar 1933
Gewaltige Kundgebung in Altenburg für die neue Regierung. Fackelzug von Stahlhelm und SA.
Dienstag, 28. Februar 1933
Das Reichstagsgebäude von Kommunisten in Brand gesteckt.
Mittwoch, 1. März 1933
Hilfspolizei aus SS und Stahlhelm in Altenburg. Das Ernestinum als Kaserne.
Dienstag, 7. März 1933
Die nationalen Fahnen auf dem Rathaus. Gestern Nachmittag wehte auf dem Rathause sowie auf dem Turm des Schlosses die Hakenkreuzfahne.
Sonnabend, 25. März 1933
Konzentrationslager für politische Gefangene in Dachau.
Freitag, 7. April 1933
Führertreffen des Jungvolks auf der Leuchtenburg … für die Führer der im Jungvolk organisierten 150 000 Mitglieder.
Sonnabend, 8. April 1933
Der Ausschluss der Juden aus den öffentlichen Ämtern.
Montag, 10. April 1933
Altenburg. Werbeabend des Bundes Deutscher Mädel und des Deutschen Jungvolks …Jungbannführer Karl Seele legte die Ziele und die Arbeit klar …Unter Ablehnung der Konfessionsunterschiede schreite das Jungvolk zur Überwindung des Klassenbegriffs. Keine Parteipolitik, aber Erziehung zum deutschen Gedanken sei der Weg des Jungvolks.
Mittwoch, 12. April 1933
Das Arbeitsamt Altenburg berichtet …Die Zahl der Arbeitsuchenden betrug am Monatsende Februar 1933 15072.
Das Jungvolkheim, in das uns Werner Quilitzsch am folgenden Mittwoch führte, lag an der „Neuen Sorge“, einer steilen Straße, die am Schlossgarten entlang hinauf zum Schloss führt. Das Haus, in dem sich das Heim befand, erkannte ich als dasjenige wieder, wo ich im Jahr vor meiner Einschulung einen Kindergarten besuchte -vermutlich damit ich lernen sollte stillzusitzen. Nun befand sich in den gleichen Räumen das Deutsche Jungvolk. Eigentlich war es noch immer eine Art Kindergarten denn, wie ich bald feststellen konnte, trafen sich hier nur die Jüngsten. Als wir eintraten, hatte der Heimabend soeben begonnen. Im Raum saßen etwa 15 Jungen an einer langen Tafel, an deren Stirnseite der Führer dieser Truppe stand. Er überprüfte gerade die Anwesenheit und so kamen wir noch rechtzeitig, um unsere Namen zu nennen und uns auf die nächststehenden Stühle zu schieben. Wie jener erste Heimnachmittag im Einzelnen ablief, weiß ich heute nicht mehr aber mit großer Begeisterung habe ich daran sicher nicht teilgenommen. Jedenfalls musste man auch hier stillsitzen wie in der Schule. Die Geschichte, die vorgelesen wurde, war eine Fortsetzungslesung. Die Lieder, die gesungen wurden, kannte ich nicht und viele Begriffe, die man verwendete, waren so neu, dass ich nichts damit anfangen konnte. Interessant fand ich den Jungzugführer. Das war der große sympathische Junge an der Stirnseite des Tisches. Er führte das Wort, nahm zum Schluss meine Personalien auf und gab allen irgendwelches Werbematerial aus, das wir bis zum nächsten Mal verteilen sollten. Schließlich mussten wir auf dem Hof in einer Linie Aufstellung nehmen. Man nannte das „Antreten“. Der nächste „Dienst“ sollte am Wochenende sein. Da gehe man ins „Gelände“. Solch neuen Begriffe schafften in meinem Kopf keine Klarheit über den Sinn des Ganzen. Weshalb ich aber von diesem Tage an immer wieder am Jungvolkdienst teilnahm, kann ich bis heute nicht genau beantworten. Jedenfalls hat Richard Köhler, der Jungzugführer, den wir „Hardchen“ nannten, mit seinen damals 16 Jahren großen Eindruck auf mich gemacht. Je mehr ich ihn kennenlernte, umso mehr entwickelte er sich zu einem Vorbild für mich, das er jedenfalls auch für seine übrigen Schützlinge war.
Ich ging fortan mit zunehmendem Interesse Woche für Woche zum Jungvolkdienst, ohne zu begreifen wem ich eigentlich damit diente. Hardchen sagte uns, dass wir unserem Vaterlande dienten. Aber sowas sagte er nur selten und in ganz bestimmtem Zusammenhang. Er schien vielmehr darauf orientiert zu sein, uns während der Heimabende interessante und spannende Jungengeschichten oder Abenteuergeschichten vorzulesen. Noch heute weiß ich einige Titel zu nennen, die ich an jenen Mittwochnachmittagen hörte, so zum Beispiel: „Die Jungen von der Feuerburg“, „Tom Sawayers Abenteuer“, „Die Schatzinsel“ und andere sehr spannende Geschichten, in denen immer ein oder mehrere gewitzte Jungen im Mittelpunkt des Geschehens standen. Die Lieder, die wir sangen, handelten von Abenteuer und Seefahrt aber auch vom Landsknechts- und Soldatenleben. Auch in dieser Hinsicht wurden mir die Heimabende nach und nach interessant. Diese Lieder hatten Melodien, die sich in der Gruppe gut singen ließen und das Gemüt anrührten. Aus heutiger Sicht scheint mir, dass damals bei uns noch manche Übereinstimmung mit dem Leben in der bündischen Jugend bestanden hat. Lieder wie: „Die alten Männer von der hohen Wart, die haben alle das Krieg spielen satt …“ haben wir später jedenfalls nicht mehr gesungen. Es gab noch manche Lieder, die ich auch heute noch für alles andere als militaristisch halten kann. So zum Beispiel: „Wilde Gesellen vom Sturmwind durchweht …“, „Wenn die bunten Fahnen wehen, geht die Fahrt wohl übers Meer …“, „Frei liegt das Meer und die Eisberge ziehn …“ Ein von uns oft gesungener Liedtext wurde von dem Altenburger Landadeligen und bekannten deutschen Balladendichter Börries Freiherr von Münchhausen gedichtet. Es besingt den deutschen Bauernaufstand. Der Text der betreffenden Ballade beginnt mit den Worten: „Die Glocken stürmten vom Bernhardsturm“. Diese Lieder identifizierten uns mit der Geschichte unseres Landes. Ihre romantische Note entsprach unserer Gefühlswelt.
Die an Wochenenden stattfindenden Ausflüge in die Umgebung unserer Stadt unterstützten unseren Hang nach Abenteuer und Erkundung der uns erreichbaren Teile der Welt, in die wir hineingeboren waren. Ob man diese Unternehmungen nun Spaziergang, Wanderung oder, wie im Jungvolk üblich, Fahrt nannte, war uns damals bestimmt gleichgültig. Nicht gleichgültig wurde uns jedoch immer mehr, ob wir mit dabei sein konnten oder nicht. Wir zogen in Gruppen von 10 bis 15 Jungen bei jedem Wetter mit unserem bunten Wimpel, einem Aluminiumkessel, den wir „Hordentopf“ nannten, sowie mit einem Vorrat an Suppenwürfeln , Erbswürsten und Puddingpulver ausgerüstet, über die Straßen unseres Heimatkreises. Was wir erlebten, kam unseren Vorstellungen vom Abenteuer nahe. Wir rasteten an einem Teich oder in einer Sandgrube, sammelten Brennholz, lernten eine Feuerstelle zum Kochen herzurichten und holten Wasser. Manche kleinen Gewässer führten seinerzeit noch klares und im abgekochten Zustand genießbares Wasser. Wenn es kochte, kamen die von zu Hause mitgebrachten Suppenwürfel oder Erbswürste in den Kessel. Manchmal war auch geplant Nudeln zu kochen. Da spielte es keine Rolle, ob jemand versehentlich Makkaroni mitgebracht hatte. Alles gelangte in den Hordentopf und was da wieder herauskam, hatte zu schmecken. Nudeln waren meistens versalzen aber niemand vergaß seinen Kochgeschirrdeckel zum Füllen hinzuhalten, wenn Hardchen die große Kelle schwang. Die Erwachsenen nannten uns den „Puddingzug“, weil bei der Vorbereitung von Fahrten fast immer zum Mitbringen von Puddingpulver aufgefordert wurde. In einem „Spezialtopf“ wurde ein Pudding von undefinierbarer Farbe gekocht, den wir noch warm als Nachspeise verdrückten. Darauf freuten wir uns jedes Mal ganz besonders. So gesehen, hatten wir ein primitives Essvergnügen. Man darf aber nicht vergessen, dass wir nicht so verwöhnt waren wie die uns nachfolgende Generation. Zum Frühstück oder bei der Rast war es üblich, dass nicht jeder sein mitgebrachtes belegtes Brot aß, sondern es wurden alle Brote auf eine Zeltplane gelegt. Davon verteilte Hardchen dann reihum an die im Kreis sitzenden Jungen. Ich muss gestehen, dass ich ganz schön bedeppert war, als ich die gut belegten Brote meiner Mutter zum ersten Mal gegen einen ziemlich dürren Brotkanten vertauscht sah. Solcherart lernten wir ein Verhalten in der Gemeinschaft, das wir mehr und mehr als etwas Selbstverständliches ansahen. Schließlich entwickelten wir sogar mit der Zeit ein ausgesprochenes Misstrauen solchen Jungen gegenüber, die bei jeder Gelegenheit zuerst an sich selbst dachten und ihren persönlichen Vorteil unter allen Umständen zu wahren suchten. „Kameradschaft“ wurde für uns allmählich zu einem festen Begriff für lobenswertes Verhalten in der Gemeinschaft. Was wir nicht bedachten: Kameradschaft konnte Menschenmassen eng zusammenschweißen, sie wurde zur Führung großer Menschenmassen gebraucht und sie sollte zur Verführung dieser Jugend missbraucht werden. Das wusste vermutlich auch unser selbstloser damaliger Jungzugführer nicht. Hardchen lebte uns einfach vor, was er unter Kameradschaft verstand. Wenn wir bei nasskaltem Regen auf der Landstraße wieder nach Hause zogen, dann kam es nicht selten vor, dass er einen der Schwächsten auf seinen Schultern trug. War jemandem von uns ein Missgeschick passiert - Hardchen war zur Stelle, um zu helfen. Das übertrug sich mit der Zeit auf jeden von uns. Rückschauend darf ich gestehen, ich empfand allmählich in dieser Gemeinschaft eine ziemliche Geborgenheit. Ich konnte noch nicht unterscheiden zwischen individuellen Persönlichkeitsmerkmalen, die sich mit dem Fortschreiten des Erkenntnisprozesses entfalten und der Züchtung von Gruppenmerkmalen, die bestimmten Zwecken dienen sollen.
In dieser Zeit begann eine neue Phase meiner Kindheit, die ich als die uniformierte bezeichnen möchte. Zunächst noch in schwarzer Hose und einem neuwaschenen weißen Hemd, auf das ein schwarzes Halstuch mit einem geflochtenen Lederknoten gebunden war, begab ich mich zweimal wöchentlich in die buntschillernde Welt des Deutschen Jungvolks. Während ich sie zu entdecken und zu erobern trachtete, ergriff sie stückweise von mir selbst Besitz.
Die Absichten der neuen Machthaber waren aus heutiger Sicht leicht zu durchschauen. Leider kann man das immer nur im Nachhinein mit größter Bestimmtheit sagen. Den Zeitgenossen fällt es jedes Mal schwer, die Lüge von der Wahrheit analysenrein zu trennen. Ich möchte dazu kommentarlos wieder einige Zitate aus der Altenburger Landeszeitung einfügen. Dort war zu lesen:
Montag, 24. April 1933
Der Thüringer Lehrerverein gleichgeschaltet.
Mittwoch, 3. Mai 1933
Die Gleichschaltung der Gewerkschaften.
Freitag 23. Juni 1933
SPD verboten. Aufbau der Reichsjugendorganisation.
Montag, 3. Juli 1933
Auflösung der Zentrumspartei in Altenburg.
Dienstag, 4. Juli 1933
Der Jungdeutsche Orden in Thüringen verboten, Katholische Verbände aufgelöst.
Freitag, 14. Juli 1933
In vier Monaten 1,7 Millionen von den Fesseln der Arbeitslosigkeit befreit.
Sonnabend, 15. Juli 1933
Alle Erziehungsorganisationen Thüringens im NS-Lehrerbund.
Montag, 24. Juli 1933
Hitlergruß in Thüringen … Verordnung des Thüringischen Staatsministeriums: Sämtliche Beamten, Angestellten und Arbeiter von Behörden grüßen im Dienst durch Erheben des rechten Armes.
Eine unaufhaltsame Entwicklung zur Vereinheitlichung der Organisierung des öffentlichen Lebens und der Denkweise überzog das Land. Diejenigen, die uns kleine Pimpfe führten, schienen wirklich zu wissen, wie alles zu aller Zufriedenheit laufen musste. Wir selbst wurden Zeuge davon, dass sich immer mehr Menschen dieser großen Welle der sogenannten „nationalen Erhebung“ anscheinend freiwillig unterwarfen. Eines Tages stand ich in Reih und Glied auf dem Sportplatz der „Wilhelm-Frick-Schule“ angetreten, um die Eingliederung der Jungmannen des Scharnhorstbundes in das Deutsche Jungvolk mitzuerleben. In meiner Erinnerung an die damalige Situation sehe ich uns in großer Zahl zu einem Appell angetreten. Es war wohl das gesamte damalige Altenburger Jungvolk dort aufmarschiert. Vom Rand der Rasenfläche, etwa aus Richtung der Herzogin-Agnes-Gedächtniskirche, zogen in guter Ordnung die Jungen von der Scharnhorstjugend schweigend hinter ihren Fahnen auf den Platz. Die Situation hatte schon etwas Beklemmendes an sich. Das konnte auch ein Junge meines damaligen Alters empfinden. Schließlich gaben diese Jungs ihre bisherige Gemeinschaft auf, um in eine andere ihnen fremde Gemeinschaft einzutreten. Wir aber waren nun einmal in der Überzahl, und wie es schien, deshalb wohl auch dazu berechtigt, die anderen in unsere Reihen einzugliedern. Eines Tages, nach durchgängiger Uniformierung durch das Braunhemd, konnten wir keine Unterschiede mehr zwischen uns und den Jungen vom ehemaligen Scharnhorstbund erkennen.
Was diesen „Eingliederungen“ tatsächlich an brutaler Gewalt seitens der damaligen Reichsjugendführung vorausgegangen war, wussten wir Jungvolkpimpfe nicht. Es war aber in der Altenburger Landeszeitung für jedermann nachlesbar:
Montag, 24. Juli 1933
Scharnhorstbund muss sich in die Hitlerjugend eingliedern …
Weimar, 23. Juli:
Der Landesbeauftragte des Reichsjugendführers richtete an den Scharnhorst folgende Mahnung: „Trotz meiner bereits gegebenen Anordnungen und Ausführungsbestimmungen … laufen wiederholt Meldungen ein, dass sich Stahlhelmführer an ihre Scharnhorstformationen wenden, und die von der Thüringer Jugendführung erlassenen Anordnungen sabotieren … Sollten diese Quertreibereien nicht sofort ein Ende finden, so werde ich beim Ministerium des Innern entsprechende Maßnahmen beantragen.“
Es gibt für Kinder keine unnatürlichere Bewegungsart als das Marschieren. Deshalb empfand ich zu jener Zeit auch kein Interesse an Appellen und Aufmärschen. Besonders wir Kleinsten mussten für solche Veranstaltungen beharrlich vorbereitet werden. Die Ansprüche, denen wir genügen mussten, waren recht groß. Ich habe miterlebt, wie einem Jungen, dessen Hose nicht die vorgeschriebene Handbreit über dem Knie endete, nach der zweiten Ermahnung sie sich kürzen zu lassen, einfach das Zuviel an Stoff durch einen höheren Jungvolkführer abgeschnitten wurde. Langsam aber unaufhaltsam wurden wir an die „Ordnungsübungen“, wie man das Exerzieren bei uns damals nannte, gewöhnt. Es ist wie bei der Hundedressur. Wenn der Gebrauchshund lange genug mit den Befehlen „Sitz!“, „Platz!“, „Bei Fuß!“ bekannt ist, dann freut er sich, von seinem Herrchen für prompte Ausführung belobigt zu werden und fühlt sich vielleicht unter seinesgleichen als besonders gelungenes Exemplar. Ausrichten, Wendungen auf der Stelle und in der Bewegung, Einhaltung von Abstand und Gleichschritt lernt man nicht an einem Tag. Es mussten immer häufiger derartige Ordnungsübungen in den Dienstplan eingebaut werden, bis wir in einen Zustand versetzt waren, der uns Deutschen vom Ausland mitunter als ein typisch deutscher bescheinigt wird. Dabei hängt doch alles vom vorgesehenen Verwendungszweck ab, und den kannte nicht einmal Richard Köhler. Unser „Hardchen“ wollten wir nicht blamieren. So strengten wir uns an, alles richtig klappen zu lassen.
In der Altenburger Landeszeitung konnte man schon eher erfahren, woran man bei unserem Erziehungsprogramm an höherer Stelle dachte. Da stand zu lesen:
Donnerstag, 17. August 1933
Günther Blum über die Aufgaben der Hitlerjugend (Anm.: Der Gebietsführer der Thüringer HJ sprach aus Anlass eines für den 16. u.17. September 1933 in Rudolstadt geplanten Gebietsaufmarsches der Hitlerjugend): „Wenn in einigen Wochen die Einigung der Jugend vollzogen ist, werden wir das beste Material heranziehen und eine Elite schaffen, die in kurzer Zeit die HJ so weit gebracht hat, dass es mit den Gruppen der Reichswehr, SA und SS in Ehren konkurrieren kann. Ein Befehl und sofort steht die Hitlerjugend.“

Zeitungsausschnitt aus der Jungvolkbeilage des „Altenburger Beobachter“; Jahrgang 1934

Zeitungsausschnitt aus der Jugendbeilage des „Altenburger Beobachter“ Ausgabe Nr. 305 vom 31.12.1034
Dienstag, 22. August 1933
Aufruf des Deutschen Jungvolks und der HJ … Deutscher Junge , stehe nicht weiter abseits, wenn deine Kameraden marschieren, komme heute aus freiem Entschluss aus jenen Jugendgruppen zu uns, die doch aufgelöst werden. Viele Kameraden warten auf dich, damit du mit ihnen auf Fahrt Heimat und echte Kameradschaft erlebst. Willst du ein Stubenhocker oder ein „Musterknabe“ sein und später einmal Spießbürger werden, dann bleibe weg. Willst du aber ein frischer, froher und gesunder Junge werden, der Achtung vor Elternhaus und Vaterland hat und später einmal seinen Mann stellt, dann komme zu uns in das Deutsche Jungvolk. Anmeldungen werden wochentags von 5 bis 6 Uhr im Heim, Neue-Sorge 43 entgegengenommen.
Ich wurde ein treuer und gewissenhafter Jungvolkjunge und war in zunehmendem Maße von der Richtigkeit der von übergeordneter Stelle kommenden Anordnungen überzeugt, auch wenn ich Gründe und Hintergründe nicht kannte. Das geheimnisvolle Wort, das dies bewirkte, war der „Befehl“. Ich lernte, dass ein solcher unter allen Umständen auszuführen sei. Die Ursache für eine solche Kritiklosigkeit kann ich nur in dem bedingungslosen Vertrauen sehen, das wir zu Hardchen hatten. Wenn er uns schon makellos erschien, dann mussten es diejenigen erst recht sein, die in der Rangliste über unserem Jungzugführer standen. Wir Pimpfe waren nun für den Weg in die Abgründe präpariert.
5. Die Klugen und die Törichten
Die Mitgliederstärke im Deutschen Jungvolk und in den anderen Gliederungen der Hitlerjugend wuchs jetzt ständig. Uniformen begannen das Stadtbild zu prägen, weil immer häufiger umhermarschiert wurde. Dazu dienten auch die ins Leben gerufenen Feste und Feiern. Es gab jetzt genügend Anlässe, uns, - die „Zukunft der Nation“ -, allen Leuten vorzuführen. Noch hatte sich in mir nicht jener dumme Stolz eingestellt, Teil einer in militärischer Exaktheit funktionierenden Marschkolonne zu sein. Wir zogen hinter den phantasievoll gestalteten Fahnen und Wimpeln unserer Einheiten her, wobei wir unsere Landsknechts - und Fahrtenlieder sangen. Es waren aber auch schon einige neue Lieder hinzugekommen. Wir Küken vom Jungzug 4 hatten manchmal noch unsere Mühe damit, die zu kurzen Beine in den Marschtakt einzupassen, den die voranziehenden Landsknechts Trommler angaben.
Die Regierung rief bereits im Juni 1933 erstmalig zum „Fest der Jugend“ auf. Äußerer Anlass dazu wurde künftig die Sommersonnenwende am 24. Juni. Daran nahmen 1933 letztmalig auch die Scharnhorstjugend, die Turnerjugend und die Christliche Jugend teil bevor sie dann bald danach aufgelöst wurden. Wie stark bereits zu dieser Zeit versucht wurde, die Schulen in das Erziehungsprogramm der Hitlerjugend zu integrieren, zeigen einige Zitate aus der Altenburger Landeszeitung zu dieser Veranstaltung:
Sonnabend, 1. Juli 1933
Heute Fest der Jugend … Leiter und Vorsitzender der Veranstaltung ist Pg. Studienrat Otto, Träger der Veranstaltung ist die Hitlerjugend … Sie beginnt um 8 Uhr (Anm.: 20 Uhr) … Es treten an: Sämtliche Jugendverbände bis inkl. Schulen.
Montag, 3. Juli 1933
Glänzender Verlauf des Festes der Jugend … Das Sonnenwendfeuer auf der Kampfbahn … Auf der Hindenburgpromenade sammelte sich die Schuljugend, die von der Siegerverkündung auf der Kampfbahn zurückgekehrt war, die Hitlerjugend, Scharnhorst, Turnerjugend und Christliche Jugend, ferner die SA und der Stahlhelm zum Werbemarsch durch die Stadt. … Auf der Kampfbahn (Anm.: Sportstadion vor dem Herzog-Ernst-Wald) war unterdessen ein mächtiger Holzstoß aufgetürmt worden, um den herum sternförmig die am Umzug beteiligten Verbände Aufstellung nahmen. Ihre Zahl dürfte mit 4000 nicht zu hoch geschätzt sein. Dazu kommt die Riesenzahl der Zuschauer, die sich ringsherum angesammelt hatten. Mit dem Liede „Der Gott, der Eisen wachsen ließ“ wurde die Feier eröffnet. Darauf wurde das Manifest der Gebietsführung Thüringen der Hitlerjugend verlesen, in dem es u.a. heißt: Die Form , in der sich die deutsche Jugend zusammengefunden hat zum Feuerfest, ist nicht die Form der Bünde und Grüppchen, sondern die Form der großen Volksgemeinschaft, wie sie die Staatsjugend des Deutschen Reiches erlebt, die mit vollstem Bewusstsein den Namen des Führers und Kanzlers führt ….Unter den Klängen des Liedes „Flamme empor!“ wurde dann der Holzstoß in Brand gesetzt, dessen heller Schein die Umgebung in ein zauberhaftes Bild verwandelte. Kreisleiter Panzer hielt eine Ansprache … Die Feuersprüche der Hitlerjugend, des Bundes Deutscher Mädchen, der Stahlhelm-Scharnhorstjugend, des Notwerkes der deutschen Jugend, der Christlichen Jugend und der Turnerjugend … Zum Schluss sprach die Hitlerjugend den Rütlischwur. Nach dem Liede „Wir treten zum Beten“ sprach Studienrat Otto, der Leiter des Festes der Jugend. Er führte aus, dass sich die Jugend selbst ehrt, wenn sie die gefallenen Brüder und Väter nicht vergisst …
An jenem Tage erlebte ich erstmals eine Sonnwendfeier. Verstand ich die gehaltenen Reden auch nur bruchstückhaft, so imponierte mir umso mehr der riesige brennende Holzstoß, der die mir bekannten Lagerfeuer in seiner Flammengewalt um ein Vielfaches übertraf. Von da an erlebte ich viele solche archaische Riten mit Feuersprüchen und dem anschließenden Durchspringen der kleiner gewordenen Flammen. Solche Veranstaltungen machten nicht klüger aber gefügiger. Wir erlebten etwas und waren immer zur Stelle wenn man uns rief. Auch im Festumzug zum Erntedankfest marschierten die Hitlerjugend, das Jungvolk und der Bund Deutscher Mädel als zukunftweisende Werbeträger der neuen Machthaber fröhlich durch die Stadt.
Ständig war in Altenburg etwas los. Einen besonderen Eindruck hinterließen bei vielen Menschen die Altenburger National- und Heimatfestspiele, die in den Monaten Juni und Juli 1933 mit großem Aufwand durchgeführt wurden. Die Betonung der nationalen und regionalen Geschichte beim großen Festumzug mit all den vorbeiziehenden glänzend ausstaffierten Fürsten, Rittern und Trachten versetzten nicht nur uns Jungen in einen Zustand heller Begeisterung. Auf dem Schlosshof hatte man eine Freilichtbühne errichtet, um die Geschichte vom „Prinzenraub zu Altenburg“ aufzuführen. Das vor der prächtigen Kulisse des Schlosshofes von Schauspielern des hiesigen Landestheaters dargebotene Stück wurde in vielen Wiederholungen aufgeführt. Wir Kinder verfolgten das Geschehen voller Spannung und innerer Erregung. In den Schulpausen, zu Hause und auf der Straße gab es in diesen Tagen unter Jungen meines Alters nur ein Thema: Ritter, ihre Burgen und Waffen .Natürlich wurde intensiv über den Ritter Kunz von Kauffungen diskutiert. Wir hatten ihn während der Freilichtaufführung hoch zu Ross über den Hof des gleichen Schlosses reiten gesehen, aus dem er vierhundert Jahre zuvor die kurfürstlichen Prinzen geraubt hatte, um die Einhaltung eines vom sächsischen Kurfürsten gegebenen Versprechens zu erzwingen. Wer von uns schon Mitglied im Deutschen Jungvolk war, wusste, dass er als Altenburger zum Jungstamm „Kauffungen“ gehörte. Kein Wunder, wenn man da schon ein Wenig stolz darauf war, in der Tradition eines solchen Kämpen zu stehen. Mit einem so abgeklärten Satz wie: „Torheit und Stolz wachsen auf einem Holz“, sofern man ihn auf das Erwachen eines kindgemäßen Nationalstolzes überhaupt anwenden konnte, hätte uns in diesem Zusammenhang niemand beeindrucken können.
Am Festumzug waren auch die Handwerkerinnungen und viele örtliche Vereine beteiligt. Auch mein Vater nahm daran mit seinen Sportsfreunden vom Deutschen Schäferhundeverein teil, verkleidet als mittelalterlicher Jäger und mitsamt seinem Hund Alf. Für die historisch passende Einkleidung aller Mitwirkenden hatte das Altenburger Landestheater gesorgt.
Von der Stimmung der Altenburger und den Eindrücken dieses Ereignisses mag die Wiedergabe eines Ausschnittes aus dem Bericht in der Altenburger Landeszeitung einen treffenderen Eindruck vermitteln als ich ihn aus meiner Erinnerung heute noch zu geben vermag:
Montag, 3. Juli 1933
Altenburger National- und Heimatfestspiele … Der Sonntag brachte den großen historischen Festumzug, ….Fanfarenbläser ritten dem Zug voraus; ein Reiter, der die Standarte des Kurfürsten trug, folgte. Stadtpfeifer, Musikanten in den schönen Trachten geleiteten den Wagen des kurfürstlichen Hofes durch die Stadt …. Ritter, Reisige, … die Gruppe der Köhler. Die Gruppen der Richter, der Geschworenen, der Nonnen und Mönche beschlossen den ersten Teil des Zuges. Der zweite brachte die Innungen in den alten Trachten … Fleischer, Schmiede, …Schneider, …Schuhmacher..die Bäckerinnung. Die Jäger kamen zu Fuß und zu Pferd und brachten ihre laut kläffende Meute mit. Die Falknerin saß zu Pferde … Der dritte Teil des Zuges brachte hinter den Spielleuten Kunz von Kauffungen und schließlich den Wagen, auf dem die Burg Kauffungen zu sehen war. Die Freunde und Verwandten des Kunz von Kauffungen saßen vor dem Tore ihrer Burg. Der Wagen hinterließ einen sehr guten Eindruck … Zum vierten Teil des Festzuges, der die Mitwirkenden des Festspieles „Deutschlands Erwachen 1813“ vorführte, ritt hinter den Kapellen Oberst Bauer …
Wie klug hätte wohl ein einfacher Bürger dieser Stadt sein müssen, um zu erkennen, dass auch hinter einem solch bunten und fröhlichen Heimatfest die nüchterne Berechnung politischer Machthaber an den Fäden zog. Die kritischen Stimmen waren damals wohl schon sehr leise geworden. Ich hörte sie nirgends. Vielleicht hatte die Mehrheit der Menschen einfach keine Lust mehr, sich ihre erwachenden Hoffnungen auf ein besseres Leben zerstören zu lassen. Jedenfalls billigten in der Volksabstimmung am 12. November 1933 95,1 % der Deutschen durch ihr „Ja“ die Politik der Nationalsozialisten. Von den 4,9 % klügeren Neinsagern las man manchmal negative oder warnende Berichte in der Zeitung wie beispielsweise diesen:
Donnerstag, 16. November 1933
Landesverräter im Gewand der „Bibelforscher“. Die verbotenen „Bibelforscher“ hatten anlässlich dieser Wahl unter den bedauernswerten Anhängern die Parole verbreitet, nicht an der Wahl teilzunehmen.
Noch wusste ich nicht, dass auch eine in unserer Straße ansässige Familie zu der genannten Glaubensgemeinschaft gehörte. Es war die Familie Rank, deren Sohn Wolfgang mit mir in die gleiche Schulklasse ging. Er war ein kräftiger aber sehr stiller Junge. Mit ihm hatte ich früher häufig gespielt. Dabei waren wir wie schon berichtet einmal Zeugen einer Prügelei von zwei Männern vor dem Eingang zu Ranks Grundstück. Wolfgang selbst war und blieb die Friedfertigkeit in Person. Ich sollte erst nach dem Zweiten Weltkrieg, nach meiner Heimkehr aus langer Gefangenschaft erfahren, dass ihn diese Friedfertigkeit und seine Glaubenshaltung im Reiche Adolf Hitlers das Leben gekostet hat. Man hatte ihn erschossen, weil er sich weigerte eine Waffe zu tragen. Bei Wahlen hielten sich seine Eltern von der Wahlurne fern. Ich erfuhr dies aus Bemerkungen meiner Eltern, die ich unbeabsichtigt mithörte. Auf der Straße hörte ich dazu schon eher herabsetzende Worte zum Thema „Bibelforscher“. Selbst die Kirche wollte von diesen Leuten nichts wissen. Eigenartigerweise machte es den Eindruck, als hätte es in der Öffentlichkeit zunächst keine Probleme zwischen Kirche und Nationalsozialismus gegeben. Das stimmte zwar nicht, scheint aber aus der folgenden Notiz in der Altenburger Landeszeitung hervorzugehen:
Dienstag, 21. November 1933
Gemeinsamer Kirchgang der NSDAP am Bußtag … Morgen, den 22. November, am Bußtage, findet in allen Kirchen vorm. 1/2 10 Uhr ein gemeinsamer Kirchgang der NSDAP statt, und zwar nehmen auf Anordnung der Kreisleitung die Formationen nach folgendem Plane an den einzelnen Gottesdiensten teil.
Bartholomäikirche: Amtswalter, SS-Sturm Streubel und SA-Reserve.
Brüderkirche: Übrige SS, SS-Motorsturm, SA und Stahlhelm.
Agneskirche: Nachrichtensturm, Hitlerjugend, Jungvolk und BDM.
Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich an einem solchen Gottesdienst teilnahm. Unsere Gemeindekirche war außerdem die im genannten Aufruf nicht erwähnte kleine Katharinenkirche des Ortsteiles Rasephas.
Rückschauend auf jene Jahre denke ich, dass es mehr sensible und gleichermaßen auch kluge Leute in unserm Land gegeben hat als es das Wahlergebnis vom 12. November 1933 ausdrückt. Vielleicht waren sie nur zu feige, dieser Mischung aus politischer Ungereimtheit und rigoros agierender Dummheit der neuen Machthaber durch ihre Neinstimme entgegenzutreten. Für mich ist es kein Trost, damals zu den törichten Kindern gehört zu haben, denen man die Gnade der späten Geburt gewähren darf. Dazu hat meine Generation einen zu hohen Preis für die Mitwirkung bei der Aufführung des Dramas vom Dritten Reich zahlen müssen.
Ich bin allerdings auch nicht bereit, mich für meine Kindheit zu entschuldigen, nur weil sie zufällig in die Jahre von Hitlers Regierungszeit fiel. Die Welt der Kinder ist immer eine andere als die Gleichzeitige der Erwachsenen. Auch die Unsere war, so wie wir sie damals sehen konnten, schön, bunt und voller Erlebnisse. Wir wurden hart gemacht im Ertragen von Strapazen. Man machte uns stolz und opferbereit für die Gemeinschaft. Das alles entsprach Idealen, die wir zu bejahen lernten. Wir fragten ja nicht danach, woher sie kamen. Meine Erziehung im Elternhaus verhinderte zu meinem Glück, dass ich Härte und Hass gegenüber anderen Menschen oder Gruppen entwickeln lernte. Auch die Schule bahnte bei mir Interessen und Neigungen an, die trotz aller Dominanz der NS-Politik in den Lehrplänen nicht in das zweckorientierte Erziehungsprogramm der Hitlerjugend passten. So ließ die dreifache Aufteilung meiner Zeit zwischen Elternhaus, Schule und Hitlerjugend noch genug Spielraum dafür, eine glückliche Kindheit zu haben.
6. Die Tore in die Zukunft
Die Sommerferien 1934 verbrachte ich ausnahmsweise einmal nicht in meinem geliebten Auerbach, sondern bei meinen Großeltern väterlicherseits in Stendal. Dort lebten auch die Geschwister meines Vaters, Tante Gertrud, Tante Martchen und Onkel Otto. Es war recht abwechslungsreich für mich denn Onkel Ottos Söhne waren in einem zu mir passenden Alter. Der Älteste, ebenfalls mit dem Namen Otto getauft, war nur einen Monat nach mir geboren. Mein 10. Geburtstag fiel in die Zeit jenes Ferienaufenthaltes, weshalb an diesem Tage eine große Familienfeier stattfand. Ich bekam sehr viele Geschenke von Onkel und Tanten, darunter auch ein reichhaltiges Sortiment an sogenannten Elastolin-Soldaten. Sie waren seit einiger Zeit ein von Jungen begehrtes Spielzeug. In den Schaufenstern der Spielwarenläden baute man damals mit diesen ca. 6 Zentimeter großen Figuren ganze Kriegsschauplätze auf, um die Kinder anzulocken. Ich war überwältigt denn meine Geburtstage erlebte ich sonst nur im Kreis der Kleinfamilie. Von meinen Großeltern bekam ich eine vollständige Jungvolkuniform geschenkt. Bis dahin ging ich noch immer mit einem weißen, statt einem braunen Hemd zum Dienst. Nun bekam ich sogar das Koppelzeug noch dazu. Großvater war sichtlich stolz auf mich und es musste die Uniform gleich anprobiert werden. Ein Fototermin war auch schon im Vorgarten seines Einfamilienhauses arrangiert. Das Bild zeigt das Geburtstagskind jedoch mit einem Gesicht, das nicht zu den vielen Geburtstagsgeschenken passte, weil es immer dann bockte wenn es sich in eine beachtenswerte Positur setzen sollte. Das war schon Ostern 1931 in Altenburg beim Einschulungsfoto mit Zuckertüte so gewesen. Dieser Auftritt trübte nur für Minuten mein Wohlbehagen. Mein Großvater, der Typ eines korrekten preußischen Bürgers, war Werkmeister bei der Deutschen Reichsbahn. Er hatte unter dem Kaiser gedient und war als Unteroffizier ausgemustert worden. Ich vermute, dass für ihn die tägliche Pflichterfüllung und die Treue zum Vaterland zu den wichtigsten Kriterien bei der Beurteilung eines Menschen zählten. In diesem Sommer war ich sicher der Favorit unter seinen Enkeln weil ich als Erster bereit war, im Jungvolk eine vaterländische Pflicht zu erfüllen. Ich hatte mächtigen Respekt vor diesem Manne, an dessen Haltung man auch äußerlich sah, dass er eine längere Zeit beim Militär zugebracht hatte.
Wieder in Altenburg eingetroffen, konnte ich endlich in einer richtigen Jungvolkuniform zum Dienst gehen. Die Meisten von uns hatten inzwischen schon ein Braunhemd und es wurden ständig mehr, die sich der Hitlerjugend anschlossen. Es bestand ein erheblicher Mangel an Heimen für unsere Zusammenkünfte, weshalb unserem Fähnlein die Räume der ehemaligen Wache im Altenburger Schlosshof zugewiesen wurden. Wir saßen dort an rohgezimmerten Tischen, auf denen mangels elektrischer Beleuchtung mehrere Kerzen brannten. Unter den dunklen Deckengewölben des Gemäuers flackerten Licht und Schatten hin und her, ein passendes Umfeld für unsere aufgewühlte Phantasie, während wir Hardchens Geschichtenlesungen mit glänzenden Augen folgten… Trotz aller Primitivität war das unser schönstes Heim in all den Jahren.
Anfang 1934 zählte die Hitlerjugend schon weit über vier Millionen Mitglieder und sie wuchs anscheinend unaufhaltsam weiter. Die Staatsführung hatte sie bereits fest im Griff und nutzte das Potential an diesen willigen und hingebungsbereiten jungen Idealisten skrupellos aus. Hierzu sei wieder ein Zitat aus der Altenburger Landeszeitung angeführt:
Sonnabend / Sonntag , 10. / 11. Februar 1934
HJ im braunen Kleid. Es ist der Stolz eines jeden deutschen Jungen und eines jeden deutschen Mädels, ihr angehören zu dürfen. Diese Jugend leistet freudig Verzicht auf jegliche Nebensächlichkeiten und Vorteile des Lebens, leistet Verzicht auf manche Jugendfreuden, mit denen Geschlechter vor uns gesegnet waren, da sie sich, erfüllt von der Idee ihres Führers diesem mit Leib und Leben verschworen und sich schon früh zu einem harten Weg des Opferns und Dienens bekannt hat … Sie kennt und will nichts anderes kennen, als Dienst am Volk. Hierin liegt ihre Ehre, das nur ist der Inhalt ihres Lebens.
Wenn zu dieser Zeit solche Ausführungen auch noch zum Teil die Wunschvorstellungen der Mächtigen widerspiegelten, so trafen sie doch in ihrer Tendenz durchaus auf die Gesinnungsentwicklung dieser Jugend mehr und mehr zu. Eines vertrug die Partei Hitlers überhaupt nicht, kritische Intelligenz. Da man der Massenbegeisterung so große Wertschätzung entgegenbrachte, ohne intelligente Menschen aber keinen Staat erhalten konnte, suchte man den Fanatismus besonders unter der noch unkritischen Jugend fest zu installieren. Im Mai 1934 hatte in Altenburg ein großes Treffen des Deutschen Jungvolks stattgefunden, an dem 3000 Pimpfe teilnahmen. Hier konnte man dazu sehr deutliche Worte hören und anschließend mit der Altenburger Landeszeitung schwarz auf weiß ins Haus geliefert bekommen:
Montag, 28. Mai 1934
Kundgebung des Jungvolks …Jungbannführer Rudolf Brauer begrüßte die Erschienenen … Gebietsführer Blum sagte in der folgenden Ansprache: „Diese 6 Millionen Jungen müssen gegen das Feige und Schleimige kämpfen, das die Jugend nicht versteht. Manches mag bei uns noch mangelhaft und falsch sein, eines aber hat die Jugend: Einen Fanatismus und eine Begeisterung, die von keinem kalten Guss mehr gelöscht werden kann …Wir wollen in dieser Zeit als Brücke von gestern zu morgen der Sauerstoff sein. Diese Bewegung wird alle Meckerer und Kritikaster vernichten. … Eines nur kann dieser junge Staat nicht vertragen, die Eiseskälte des nüchternen Verstandes, des Intellekts. Nicht diese soll das kommende Zeitalter beherrschen, sondern die Begeisterung, die seelische Bereitschaft zu Opfer und Tat … Die Jungens haben in ihren jungen Jahren schon eine Pflicht zu tun, der Dienst wird ihr ganzes Leben über andauern. Die Pflicht ist überall und immer zu erfüllen …“
Es ist heute kaum vorstellbar, mit welcher Deutlichkeit bei derartigen Veranstaltungen der Jugend die Ungeheuerlichkeiten vor Augen gestellt wurden, die sie in der Zukunft erwarten würde. Vermutlich war es auch der Mehrzahl der Zeitgenossen nicht denkbar, dass alles so ernst gemeint sein konnte, was hier mit äußerster Kälte angekündigt wurde. Dazu sei aus dem obigen Zeitungsbericht noch ein Ausschnitt über die in einer Morgenfeier vorgenommene Fahnenweihe vorgestellt. Dabei führte der Gebietsführer der Thüringer HJ folgendes aus:
Wenn nun heute eure Fahnen geweiht werden sollen, so denkt daran, dass der Tag, an dem diese Fahnen nicht mehr über euch wehen, nicht kommen darf. Ihr sollt euch um sie scharen, und sie soll euch voranwehen. Wenn euer Fahnenträger jetzt die Fahne entrollt, so weihe ich sie dem Reichsjugendführer Baldur von Schirach, in dem wir die Verkörperung des jungen kämpfenden Menschen sehen. Ihr Fahnenträger aber merkt es euch: „Wenn ich vorangehe, folgt mir, wenn ich zurückgehe, tötet mich, wenn ich falle, rächt mich.“
Am ersten August 1934 gab der Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Unterricht die Einführung des Staatsjugendtages bekannt. Diese Einrichtung sorgte in der Folge zunehmend dafür, dass es kaum noch eine Möglichkeit für eventuelle Zweifler gab, aus den einmal in Gang gesetzten Marschkolonnen der Hitlerjugend auszuscheren. Das Tor in die Zukunft war das Kasernentor. Was dahinter noch verborgen lag, ahnte keiner von uns. Im genannten Abkommen heißt es:
Für die Erziehung der Schuljugend im nationalsozialistischen Staate sind Schule, Reichsjugendführung (HJ - Bewegung) und Elternhaus nebeneinander berufen ….
1. Der Sonntag der Jugend gehört grundsätzlich dem Elternhaus und der Familie.
2. Für die Erziehungsarbeit der Reichsjugendführung (HJ-Bewegung) wird den ihr unterstellten Schülern der Sonnabend als schulfreier Tag eingeräumt (Staatsjugendtag). Daneben steht der Reichsjugendführung (HJ - Bewegung) der Mittwochabend als Heimabend zur Verfügung …
In ihrer Ausgabe Nr. 186 bringt dazu die Altenburger Landeszeitung einige bemerkenswerte Erläuterungen:
Der Mittwochnachmittag dient der weltanschaulichen Schulung, der Sonnabend der körperlichen Ertüchtigung der Jugend … Vier Gebiete werden besonders gepflegt: Allgemeine Leibesübungen, Geländesport, Schwimmen und Luftgewehrschießen. Jugend erzieht sich selbst zu gesteigerter Leistung, zu neuem, stärkeren Einsatz …
Die Militarisierung im ganzen Lande nahm einen raschen Fortgang und trotzdem war für uns Jungen alles noch wie ein emotionsgeladenes Spiel. Im September 1934 erlebten wir auf dem Markt eine Brandbombenvorführung. Einige Tage danach, in der Nacht vom 22. zum 23. September folgte für die Altenburger eine große Luftschutzübung mit Verdunkelung in der Nacht. Es gab viele Veranstaltungen, in denen über und zur Jugend Reden gehalten wurden.
Offenbar gab es unter den Eltern manche Bedenken und Ängstlichkeiten bezüglich der Jugendpolitik. Hitler hatte auch in der Augustwahl 1934 5% weniger Ja-Stimmen erhalten als im November 1933. Mag sein, dass unter den Erwachsenen allmählich einige Ängste aufkamen hinsichtlich der Zukunft. So sprach am 14. November 1934 der Reichsstatthalter Sauckel über den Reichssender Leipzig zur Jugend. Diese Rede war den Machthabern anscheinend so wichtig, dass man zuvor in der Altenburger Landeszeitung die folgende Notiz erscheinen ließ:
Mittwoch, 11. November 1934
Die Abteilung R (Rundfunk) der HJ Gebietsführung Thüringen gibt durch die Gebietspressestelle bekannt: „Wir weisen nochmals darauf hin, dass alle HJ-Einheiten(HJ, DJ und BDM) am Mittwoch, dem 14. November von 20.10 Uhr bis 20.30 Uhr die Rede des Reichsstatthalters Sauckel über den Reichssender Leipzig abzuhören haben.“
Bemerkenswert ist die Art und Weise, in der diese Forderung an die Jugend herangetragen wird. Sie ist an den Befehlston schon gewöhnt. Einige Tage später erscheint in der Altenburger Landeszeitung die Wiedergabe einer Rede, die offensichtlich an die Adresse der Eltern gerichtet ist:
Freitag, 16. November 1934
Fragen deutscher Jugenderziehung. Reichsminister Dr. Rust nimmt zu den dringendsten Fragen Stellung … Grundsätzlich sei es ihm immer bewusst gewesen, dass sofort nach der Machtergreifung die Umstellung der gesamten Erziehung auf den Gemeinschaftsgedanken erfolgen musste. In der Gemeinschaft musste durch körperlichen Einsatz bis zum Äußersten der neue Vollmensch gebildet werden, und das gelte besonders, wenn man eine Führerschicht schaffen wolle, sonst bekäme man eine Intelligenz, die dann fortliefe wie 1918 wenn die größten Aufgaben zu leisten seien .. .Der blasse , mit philologischen Kenntnissen überlastete Schülertyp solle verschwinden, um einem vollwertigen Menschen Platz zu machen. Abschließend wendete sich der Minister gegen die im Auslande manchmal vorkommende Umdeutung der neuen Erziehung als einer Erziehung zum Krieg. Die Jugend hänge am Wort des Führers, und der Führer wolle nichts anderes als den Frieden in Ehren, aber nicht den Krieg.

Feier meines 10. Geburtstages im Hause meiner Großeltern in Stendal Foto: 1934
7. Aufstieg
Das Jahr 1935 brachte Hitlers ehrgeiziger Militär- und Außenpolitik sichtbare Fortschritte. Der neue „Volksempfänger“, den Goebbels im August 1933 auf der großen Funkausstellung in Berlin als besonderen Schlager herausgestellt hatte, trug jetzt schon die Erfolgsmeldungen in viele Haushalte. Wir hatten noch kein Rundfunkgerät und waren deshalb auf die Zeitungen angewiesen. Mit sensationellen Meldungen begann schon der Januar. In diesem Jahr hatte die Altenburger Landeszeitung auch noch manch weitere Gelegenheit, uns mit Schlagzeilen zu versorgen:
Dienstag, 15. Januar 1935
Die Saar ist heimgekehrt. … Die Altenburger Kundgebung beginnt heute Abend um 7.45 Uhr.
Selbstverständlich war die Hitlerjugend wieder mit auf dem Marktplatz, die Reichswehr jedoch diesmal auch. Nicht lange danach stand das Militär sogar bevorzugt im Blickfeld der Presse:
Montag, 18. März 1935
Allgemeine Wehrpflicht … Altenburg ehrt die gefallenen Helden. … Heldengedenkfeier auf dem Marktplatz … von Neindorff, Major und Standortältester hielt Ansprache … Parademarsch und Vorbeimarsch der Soldaten der Reichswehr … Gedenkfeier mit Pfarrer Löbe auf dem Heldenfriedhof.
Es war bei unserer Erziehung kein Wunder und auch nicht zu übersehen, dass wir Jungen beim Anblick paradierender Soldaten in Begeisterung gerieten. Solch ein Ereignis kannten wir ja nur von Bildern. Die Machthaber nutzten diese Gelegenheit geschickt aus, um die Jugend noch fester auf den Kurs der Militarisierung einzuspuren, wie die folgende Zeitungsnotiz zeigt:
Dienstag, 19. März 1935
Der thüringische Minister für Volksbildung, Fritz Wächtler, hat am 18. März folgende Anordnung erlassen: „Der Führer und Reichskanzler hat mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht die deutsche Wehrfreiheit wieder aufgerichtet ….Unter dem Eindruck dieser großen geschichtlichen Wende … ordne ich folgendes an: Bis zum Ende des laufenden Schuljahres ist in allen mir unterstellten Schulen vom 6. Schuljahr ab, das Reichsgesetz für den Aufbau der Wehrmacht vom 16. März 1935 in den Mittelpunkt des Geschichtsunterrichts zu stellen … Es muss in der Jugend das tiefbeglückende Bewusstsein wachgerufen werden, dass ihr das Erleben größter und welthistorischer Entscheidungen beschieden ist …“
Diese „welthistorischen“ Entscheidungen waren damit verbunden, dass bereits im Juni zur Musterung der Jahrgänge 1914 und 1915, also der 20- und 21-Jährigen aufgerufen wurde. Im gleichen Monat verordneten neue Gesetze die Arbeitsdienst - und die Luftschutzpflicht. Altenburg wurde auch bald wieder eine Garnisonstadt. In seine Kasernen an der Leipziger Straße zog, wie schon im zweiten Deutschen Kaiserreich, die Infanterie ein. Das Leben der Menschen in der Stadt verband sich von nun an immer enger mit dem Leben der hier stationierten Soldaten. Wie alles Neue, zog uns Kinder dieses Geschehen an. Wir rannten anfangs überall hin wo Soldaten übten und marschierten. Das ließ mit der Zeit wieder etwas nach, wie alles was zur Gewohnheit wird. Zur Gewohnheit wurden auch bald das Knattern der Platzpatronen auf den Wiesen vor der Stadt, das Marschieren der zur täglichen Übung ausrückenden Marschkolonnen und ihr lauter Gesang in unserer Straße. Das Interesse der heiratsfähigen jungen Mädchen blieb groß. An den Wochenenden sah man immer mehr von ihnen mit ihrem schmucken Soldaten spazieren gehen. Größere Militärveranstaltungen zogen allerdings auch die übrige Bevölkerung in ihren Bann. Die Uniform als Repräsentation höchster Macht im Staate hatte unter den Deutschen leider noch nichts von ihrer Faszination eingebüßt.
Hierzu wieder ein paar Notizen aus der Altenburger Landeszeitung, die zeigen, dass man dieses Interesse wachzuhalten gewillt war:
Montag, 1. Juli 1935
Rückkehr des II. Bataillons … Von unserem II. Bataillon erhalten wir die Nachricht, dass die Übungen auf dem Truppenübungsplatz beendet sind. Das Bataillon wird einen Teil des Rückweges, und zwar von Mittweida bis Altenburg im Fußmarsch zurücklegen.
Dienstag, 24. September 1935
Willkommen im neuen Standort! Die Ankunft der IV. Abteilung des Artillerieregiments Naumburg. Gestern sind zwei Batterien des Art. Rgt. Naumburg in Altenburg, ihrem neuen Standort eingetroffen. Die offizielle Begrüßung wird am 30. September stattfinden.
Das war etwas für uns Jungen. Es gab nun auch noch Kanonen in unserer Stadt. Für die Artillerie war in Altenburg eine Erweiterung des Kasernenkomplexes vorgenommen worden. Außerdem hatte man eine ehemalige Fabrik im Ortsteil Kauerndorf für die zu Kurzübungen einberufenen Reservisten der Infanterie eingerichtet. Das war jenes oben genannte II. Bataillon. Sie hießen bei allen Leuten nur „die 8-Wochen-Soldaten“. Aus der Reichswehr der Weimarer Republik wurde die Deutsche Wehrmacht. Die Presse jubilierte:
Donnerstag, 7. November 1935
Die neuen Flaggen der Wehrmacht … Altenburgs Rekruten schwören Treue der Reichskriegsflagge …
Von der Entwicklung Deutschlands zu einem Militärstaat blieb keine Organisation der Partei unberührt. Damit ging auch für das Deutsche Jungvolk die Phase des romantisch eingefärbten Jugendlebens zu Ende. Es verschwanden bald die bunten, selbst entworfenen Wimpel und Fahnen .Die farbig geflammten Landsknechts Trommeln wichen den einheitlich schwarz-weiß geflammten. Außerdem erhielten wir Dienstgrade und Rangabzeichen. Der Dienst wurde straffer, es wurde geschult und gedrillt. Wir versuchten beim Exerzieren mit der Wehrmacht zu wetteifern. Die Leute sahen uns alsbald mit Staunen durch die Straßen ziehen. Manch alter Frontsoldat wird in den folgenden Jahren die Disziplin unserer Marschkolonnen mit Wohlgefallen betrachtet haben. Ja, es war so - diese Jugend tat in ihrer Mehrzahl mit Hingabe, was man von ihr erwartete. Sie bereitete sich darauf vor, „Den aufhaltsamen Aufstieg und Fall des Arturo Ui“ mit all ihren Kräften zu vollenden. Wir glaubten wirklich, es diene alles zum Besten unseres Landes. Als Zeitdokument möchte ich dazu wieder die Altenburger Landeszeitung zitieren:
Dienstag, 9. Juli 1935
Neue Dienstränge in der HJ … Als neuer und unterster Dienstrang wird bei der Hitlerjugend der Rottenführer eingeführt. Entsprechend erhält das Deutsche Jungvolk den neuen Rang des Hordenführers. Als Kennzeichen trägt der HJ-Rottenführer eine silberne Litze auf beiden Schulterklappen, der DJ-Hordenführer einen silbernen Winkel auf dem linken Unterarm.
Sonnabend / Sonntag, 10. / 11. August 1935
Das Führungsorgan der nationalsozialistischen Jugend „Wille und Macht“ bringt in seinem Heft vom 1. August einen Aufsatz „Der Soldat von morgen“. Er umreißt die Gestalt des Offiziers, des Unteroffiziers und des Dienstpflichtigen … In dem Dienstpflichtigen erkennt Helmcke (Anm.: Verfasser des Artikels) den Mann, der weiß, worum es geht. „Den Willen zum letzten soldatischen Einsatz ist diese Jugend entschlossen, der Welt zu zeigen“. Der Aufsatz …wird gerade in der Hitlerjugend ein gutes Echo finden, weil hier zum ersten Male das Gesicht des Soldaten von morgen gezeigt wird, der Vorbild der Nation ist.
Mittwoch, 28. August 1935
Jungvolklager Thräna. Mit dem 1. September wird das Führerlager Thräna wieder in Betrieb genommen werden. Dort werden jede Woche 50 Jungenschaftsführer und Hordenführer des Deutschen Jungvolks körperlich und geistig geschult. Aller 14 Tage finden Lehrgänge für Jungzugführer statt …
In dieser Zeit begann mein Aufstieg über die Leiter der Dienststellungen und Rangstufen im Deutschen Jungvolk. Im Grunde war ich überrascht, als man mir sagte, ich solle den Dienst eines Hordenführers übernehmen. Das war weiter nichts, als bei fünf bis sechs Jungen, die in meiner Nachbarschaft wohnten, den Beitrag zu kassieren und Benachrichtigungen für den Dienst zu überbringen. Ich tat es so gewissenhaft wie ich es konnte. Das war anscheinend gut genug, um mich eines Tages in jenes Führerlager nach Thräna zu schicken, damit ich mir den dazugehörenden Dienstrang mit dem Silberwinkel am Ärmel erstrampeln konnte. Das hielt ich damals für einen Vertrauensbeweis und eine Ehre. Was mich und die mit mir dort angereisten Kameraden erwartete, war so strapaziös , dass mir der zuständige HJ-Arzt bei der abschließenden Untersuchung riet, ich solle mich wegen meines Herzens in ärztliche Nachkontrolle begeben. Wir wurden dort von einem äußerst unsympathischen Jungvolkführer bis zur Erschöpfung geschliffen. Es war das erste Mal, dass ich gegen einen Jungvolkführer eine tiefe Abneigung empfand. Das barackenähnliche Backsteingebäude für dieses Führerlager war bereits im September 1933 dem Altenburger Jungbann von den Niederlausitzer Kohlenwerken zur Nutzung übergeben worden. Es gehörte bis dahin zum Braunkohlentagebau - und Brikettfabri k- Komplex in Thräna und lag an der sächsisch - thüringischen Grenze. Ein Tagebauloch lag direkt vor unserer Führerschule. Wenn irgendetwas nicht klappte, jagte uns jener Sadist von Ausbilder mit dem Befehl: „In den Tagebau marsch-marsch!“ über den Schräghang des oberen Abraums. Das geschah mitunter mehrmals hintereinander, so dass wir zum Schluss mit zitternden Knien und völlig k.o. wieder den oberen Tagebaurand erreichten. Natürlich lernten wir auch viele andere Dinge, die wir für recht interessant und nützlich hielten. So zum Beispiel den Umgang mit Karte und Kompass, Geländebeschreibung, Entfernungsschätzen, Tarnen und den vielen militärischen Kram, der einem im Laufe der Jahre dann in Fleisch und Blut überging. Diese Führerschule erlebte ich vermutlich Anfang des Jahres 1936. Ich war zum ersten Mal froh, eine Jungvolkveranstaltung hinter mich gebracht zu haben. Begeisterung hatte das Erleben nicht erzeugt. Dafür stellte sich als Nachwirkung ein eigenartiger Effekt ein: Ich merkte bald, dass ich nun mehr gefordert und gefragt war in meinem Fähnlein. Auf einmal war der kleine Pimpf herausgehoben aus der Masse der Anderen weil er einen Einsatz mit ganz besonderen Anforderungen ehrenvoll bestanden hatte. Ein Ehrgeiz zu etwas Besonderem war mir bis dahin so gut wie fremd gewesen. Jetzt war ich zwar nur um ein Weniges herausgehoben, doch im Laufe der Jahre veränderten sich meine Rangabzeichen weiter. Führer Schnüren kamen eines Tages auch dazu. Sie zeigten die Dienststellung an, die man einnahm. Daran konnte jeder erkennen, über wieviel Jungen der betreffende Träger das Kommando führte. Es bedeutete allerdings auch, dass der Betreffende in der Lage sein musste, den Dienstbetrieb für seine ihm unterstellte Einheit zu organisieren und zu lenken. Zunächst war daran bei mir noch nicht zu denken denn ein Bestreben aufzusteigen war bei mir kaum vorhanden. Allmählich entwickelte sich unter der Führerschaft des Jungvolks ein gewisses Elitebewusstsein und eine Eitelkeit von der besonderen Art, wie ich sie schließlich bei allen uniformierten Formationen dieser Zeit beobachtete. Uns war das durchaus bewusst und wir frozzelten darüber. War einer in eine höhere Dienststellung aufgerückt, dann wurde von den Anderen manchmal gewitzelt, er drücke die linke Brusthälfte zu weit nach vorn. Linksseitig trug man nämlich die Führer Schnüren vom Jungzugführer an aufwärts.
Mit der Beseitigung der jugendgemäßen Vielfalt im Erscheinungsbild des Deutschen Jungvolks zu Gunsten einer militärischen Einheitlichkeit wurde bereits im Januar 1935 begonnen, als in Marienburg 600 Jungbannfahnen geweiht wurden. Davon kamen 21 nach Thüringen. Eines Sonntagvormittags erfolgte am Altenburger Bahnhof durch uns die feierliche Einholung unserer Jungbannfahne. Etwas später bekamen wir die ebenfalls „geweihten“ Fähnleinfahnen, alle vom gleichen Format, mit weißer Siegrune auf schwarzem Grund und mit eingestickter Fähnleinnummer. Die nach uns in einem demokratischen Staatswesen lebenden Menschen werden es nicht für möglich halten, in welchem Ausmaße 33 Monate nach Hitlers Machtübernahme nicht allein die Jugend, sondern auch die Erwachsenen auf ein militaristisches Gehabe eingeschwenkt waren. Dazu noch eine Notiz aus der Altenburger Landeszeitung:
Sonnabend / Sonntag, 20. Oktober 1935
Thing des Stammes Kauffungen. Dumpfe Schläge der Landsknechts Trommeln hallen durch die Straßen der Stadt, und dazwischen erklingen die hellen Fanfaren. Die Leute auf den Straßen bleiben stehen und grüßen mit erhobener Rechten die Fahnen der jüngsten Gliederungen der nationalsozialistischen Bewegung. Der Marsch geht auf den Platz vor der früheren Nikolaikirche … Es ist zum ersten Male, dass das Altenburger Jungvolk seinen Thing nicht draußen im nächtlichen Wald abhält, sondern hier mitten in der Stadt, in einem der ärmsten Viertel …

Zeltwache, Pfingstlager 1934

Entrollen der Fahnen für den Abmarsch ins Pfingstlager 1941
Aus romantischem Spiel wird schrittweise die Vorbereitung auf den kriegerischen Ernstfall.
Ich muss gestehen, eine Vorstellung über meine Zukunft und berufliche Entwicklung habe ich erst ziemlich spät, in meinem sechzehnten Lebensjahr erlangt. Dann aber war ich mir sehr sicher und verfolgte dieses Ziel mit großer Hartnäckigkeit gegen alle Widerstände und Misslichkeiten meines Lebens.
Bis dahin tat ich, was der Tag von mir verlangte und verbrachte den Rest der Zeit mit dem, was gerade mein Interesse gewonnen hatte. Die Pflichten des Tages trugen Schule und Jungvolkdienst an mich heran. Das Angenehmste in meinen Beschäftigungen ergab sich aus persönlichen Neigungen und vielfältigen Anregungen aus meiner Umgebung. Daran gewannen Beobachtungen in der Natur ebenso ihren Anteil wie Bücher, Filme und alle möglichen Erlebnisse in unserer Stadt.

8. Non scholae, sed vitae discimus
Mein Vater hatte vermutlich schon lange ziemlich klare Vorstellungen über die Grundlagen meines Fortkommens. Er war in seinen Jugendjahren zu der Erkenntnis gelangt, dass einzig und allein eine solide Schulbildung den Weg in eine gesicherte Existenz eröffne. Nachdem er seine Schlosserlehre in Stendal beendet hatte, war er von zu Hause weggegangen und hatte versucht aus eigener Kraft voranzukommen. Das brachte ihn auf der Grundlage seiner Berufsausbildung mit der Zeit bis zum Lokomotivführer. Sein Wunsch, durch ein Fernstudium noch das Abitur nachholen zu können, überforderte ihn, weil er sehr früh eine Familie ernähren musste. Damit endete sein weiterer gesellschaftlicher Aufstieg. Der Beweis für sein damaliges Streben befindet sich in Gestalt einer kompletten Sammlung von Selbstunterrichtsbriefen des Rustinschen Lehrinstituts, Verlag von Bonneß & Hachfeld, heute in meinem Bücherschrank. Darin dokumentiert sich ein Streben meines Vaters, das sein Handeln als Erzieher zweier Kinder wesentlich beeinflusste und vor allem sein Verhalten mir gegenüber prägte. Ich sollte nach seinen Vorstellungen einmal erreichen, was ihm nicht vergönnt war, das Abitur. Dabei war ich überhaupt nicht der Typ eines Aufsteigers, eher der eines einigermaßen begabten Träumers. Nach dem pädagogischen Verständnis meines Vaters gab es für mich zwei Grundregeln: Ich hatte unbedingt zu gehorchen und außerdem meine Hausaufgaben ordentlich zu machen. Ansonsten genoss ich eine ziemlich weitgehende Verfügbarkeit über meine Zeit. Als jedoch die Zeit heranrückte, wo sich die Kinder meines Alters auf die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium oder das Realgymnasium vorbereiten mussten, da lehnte ich ab die Schule zu wechseln. Man meldete mich trotzdem im Herzog- Ernst-Realgymnasium der Stadt Altenburg an. Im Winterhalbjahr trainierte mich mein Klassenlehrer, gemeinsam mit vier anderen zur Aufnahmeprüfung bestimmten Klassenkameraden so gut, dass weder er noch unsere Väter ein Misslingen besagter Aufnahmeprüfung zu Jahresanfang 1935 befürchten mussten. Ein kritischer Moment trat dann doch noch ein, als ich in Marsch gesetzt werden sollte, um mich dieser Prüfung auch wirklich zu unterziehen. Ich weigerte mich dorthin zugehen. Es war das aber gerade die Zeit, in der ich mich intensiv für das Spiel mit jenen schon beschriebenen Elastolin-Soldaten interessierte. Eine bestimmte Figur, es war ein MG-Schütze, hatte ich im Schaufenster des Spielwarenladens auf dem Markt oft bewundert und begehrt. Leider bestand außerhalb von Geburtstagen keine Chance, ihn zu erhalten. So fand meine sparsame Mutter einen interessanten Ausweg: Sie versprach mir, dass ich bei Bestehen der Aufnahmeprüfung ihr altes Bügeleisen bekäme, womit ich beim Schrotthändler sicher die paar Groschen erhalten könnte, die zur Anschaffung des begehrten Stückes erforderlich sein würden. Ich willigte ein und gehörte zu den Anwärtern, die ihre Prüfung bestanden. Alle waren zufrieden, ich bekam meinen MG-Schützen und fand mich kurze Zeit danach in Klasse Sexta des Realgymnasiums wieder. Diese Schule war gerade einer Reform dahingehend unterzogen worden, dass die Schüler sich am Ende der Obertertia entscheiden konnten, ob sie mit einer Lateinausbildung bis zur Oberprima mit Abiturabschluss bleiben oder mit einer Realabschlußprüfung aus der Untersekunda abgehen wollten. Dies dürfte für die Väter minderbegabter Schüler einige Sicherheit bedeutet haben, ihr Geld auch dann noch vernünftig angewendet zu haben, wenn ihre Sprösslinge nur den halben Weg durch die Klassenstufen schaffen sollten. Wenn ich mich recht erinnere, betrug das von meinem Vater zu berappende Schulgeld 200 Reichsmark im Jahr, das war ein ganzes Monatsgehalt.
An dieser Stelle möchte ich wieder einige Passagen aus der Altenburger Landeszeitung zum Thema Schule einfügen, weil damals der Staat auch hier seinen Einfluss auf die Erziehung der jungen Generation mit Nachdruck geltend machte. Zunächst soll noch eine Notiz der Altenburger Landeszeitung zur erwähnten Reform unserer Schule wiedergegeben werden:
Dienstag, 29. Januar 1935
Aufbau des Ernst-Realgymnasiums … der amtliche Name der Schule wird wie folgt festgelegt: „Reformrealgymnasium - Ernst-Realgymnasium“ … Die eingeführte und weiterhin genehmigte Schülermütze ist die weiße mit grünweißgrünem Band …
Es gab in diesen Jahren noch für jeden Schultyp eine spezielle Mützenfarbe, an der man sofort erkennen konnte, welche Schule von ihrem Träger besucht wurde. Die Volksschüler trugen, wenn sie das wollten, dunkelblaue Schirmmützen, die Gymnasiasten rote, die Mädchen der höheren Mädchenschule blaue mit goldener Litzenecke, die Schüler der Landwirtschaftsschule grüne und so fort. Bei uns hatte jede Klassenstufe noch bestimmte Farbkennzeichnungen an den Mützenbändern. Man konnte sofort erkennen wenn ein Schüler versetzt war. Dem Mützenwesen aus alter Zeit wurde allerdings etwas später von der neuen Obrigkeit ein Ende gesetzt. Die Uniformen der HJ verdrängten dann wenigsten äußerlich die Unterschiede im sozialen Stand der Schüler. Das entsprach den Vorstellungen über nationalsozialistische Jugenderziehung. Den Weg in diese Richtung zeichnete man in der Presse wie folgt vor:
Donnerstag, 7. November 1935
So soll die Jugend erzogen werden. Nationalsozialistische Lehrertagung weist neue Wege …
Freitag, 15. November 1935
Schülervereinigung des Reform-Realgymnasiums aufgelöst …, um allen Schülern dieser Anstalt Gelegenheit zu geben, in die Hitlerjugend einzutreten …
Dienstag, 10. März 1936
Heldengedenkfeier im Ernst-Realgymnasium. Lehrer und Schüler in der Aula. Nach dem gemeinsam gesungenen Liede „Befiehl du deine Wege“ trugen zwei Schüler Gedichte vor. Zwei Lieder des Schulchores leiteten würdig zur feierlichen Ansprache über, die Realoberlehrer Kühn hielt … Feierlich klang leise das Lied vom guten Kameraden am Schluss der Rede durch den Raum … Karl Brögers Gedicht „Liebe der Toten“ rief noch einmal die Gefallenen vor die Seelen der Jugend. Goethes Beherzigung „Feiger Gedanken“ mahnte zu Mannesmut und Tapferkeit. Darauf verteilte der Direktor die Gaben an fünf Schüler, deren Väter Opfer des Weltkrieges geworden sind, zwei Geldspenden und drei Büchergaben … und ging nochmals in einer kurzen Ansprache auf die Bedeutung des 7. März ein: Neben Trauer stehe mit Recht der Jubel; denn Deutschland ist nun durch des Führers Tat ganz frei geworden, alle Schande hat nun ein Ende. Mit dem Gruß an den Führer und den Nationalliedern klang die Feier aus.
Donnerstag, 12. März 1936
Zusammenarbeit von Schule und Staatsjugend. Gebietsführer Karl Seele vor der Lehrerschaft des Kreises. Der Redner (sagte): „Jene Eltern, die noch heute Bedenken dagegen tragen, ihre Kinder in das JV und die JM zu lassen, die die nationalsozialistischen Grundsätze ablehnen, bedenken nicht, dass sie in den Herzen ihrer Kinder eine furchtbare Gewissensnot hervorrufen.“
Sonnabend / Sonntag, 8. / 9. August 1936
Der Reichs- und preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hat angeordnet, dass zur Teilnahme am schulplangemäßen Religionsunterricht, an Schulgottesdiensten, Schulandachten und ähnlichen religiösen Schulveranstaltungen kein Schüler gezwungen werden darf.
Dienstag, 29. September 1936
Neue Erziehungsmethoden für unsere Jugend. Nur noch 12-jährige Höhere Schule.
Freitag, 4. Dezember 1936
Reifeprüfung für Unterprimaner im März. 12-jährige Schulzeit wird durchgeführt. , dass die jetzigen Schüler der Unterprima der Höheren Schulen für Jungen bereits am Schluss dieses Schuljahres die Reifeprüfung ablegen und zwar in der Woche vom 15. bis 20. März 1937. Dabei fällt die schriftliche Prüfung weg … Auch für die Schüler der jetzigen Oberprima, die in der Woche vom 1. bis 6. Februar 1937 die Reifeprüfung ablegen, fällt die schriftliche Reifeprüfung fort. Durch diese Anordnung, die naturgemäß den Charakter von Übergangsmaßnahmen tragen müssen, wird die 12-jährige Schulzeit praktisch eingeführt.
Den betroffenen Examinanten war eine solche Regelung vermutlich eine frohe Botschaft. Sie werden in der Mehrzahl wohl kaum auf Gedanken gekommen sein, die sich einem Leser dieser Bekanntmachung nach dem Ende des Zweiten Weltkriege aufdrängen muss: Hitler verschaffte sich hierdurch zwei Jahre vor Kriegsausbruch den schnellen Zugriff auf zwei gut qualifizierte Jahrgänge für die Einberufung zum Wehrdienst. Wie sich bald zeigen sollte, waren darunter tatsächlich viele, die später als Offiziere an allen Fronten dieses wahnwitzigen Krieges standen und fielen.
Die folgende Zeitungsmeldung belegt noch einmal diesen Sachverhalt. Die darin am Schluss genannten beiden Jahrgänge sind die Jahrgänge der Schüler von Unterprima und Oberprima des Schuljahres 1936/37:
Dienstag, 15. Juni 1937
Gestellungsaufruf: Auf den in der Ausgabe vom 12. Juni 1937 erschienenen Gestellungsaufruf zur Musterung und Aushebung der Geburtsjahrgänge 1913, 1914, 1915, 1916 und 1917 wird nochmals verwiesen.
So ging ich also nun in die höhere Schule. Sie lag auch geografisch gesehen hoch über der Stadt. Das mochte noch angehen wenn sie nur nicht auch noch in ziemlicher Distanz zu unserer Wohnung gelegen hätte. Die ersten Jahre, bevor ich über ein Fahrrad verfügte, brauchte ich täglich etwa anderthalb Stunden für Hin- und Rückweg zusammen. Nur bei eindeutig starkem Regen erhielt ich von meiner Mutter Zehn Pfennig für den Bus, der am Bahnhof abfuhr und in zehn Minuten zu erreichen war. Natürlich gab es Schüler, die täglich mit dem Bus hin und zurück fahren konnten aber das betraf nur ganz wenige. Darunter Heinz Apel, einen Bauernsohn aus dem nördlich der Stadt gelegenen Ort Knau. Er musste von dort ohnehin schon dreißig Minuten gehen bis zur Bushaltestelle am Bahnhof. Es gab in Sexta recht viele Söhne aus den reichen Altenburger Bauernhöfen. Arbeiterkinder waren bei uns in der Schule noch eine große Ausnahme. Die meisten meiner Klassenkameraden entstammten dem Mittelstand und dem gehobenen Bürgertum. Ich war froh, dass es außer mir noch zwei Söhne von Lokomotivführern bei uns gab: Horst Weinrich und Joachim Voigt. Ich kannte sie von meiner Volksschule her und war froh, nicht nur unter Sprösslingen von Steuerinspektoren, Prokuristen, Ingenieuren, Lehrern, Ärzten, Großbauern und Geschäftsleuten zu sein. Unser Schulgebäude gefiel mir recht gut. Vor dem ansehnlichen Backsteinbau, über dessen Haupteingang die Bibelworte eingemeißelt waren: „Die Furcht des Herrn ist aller Weisheit Anfang“, breitete sich ein gepflegter Schulpark aus. Es gab darin viel Rasenfläche aber auch Buschwerk und einige hohe Bäume. Rechtwinklig zum Schulgebäude schlossen sich rechter Hand eine Turnhalle und links das Wohngebäude für den Direktor an. Oberstudiendirektor Dr. Fritzsche bewohnte das Obergeschoß des einstöckigen Gebäudes. Darunter befanden sich die Biologiekabinette und die dazugehörenden Fachunterrichtsräume. Im Hauptgebäude befanden sich alle Klassenräume, eine ansehnliche Aula mit geschnitzter Wandtäfelung, Dienst- und Konferenzräume und - was mich später sehr beeindrucken sollte - ein Chemiehörsaal mit dazugehörenden Kabinetten für Gerätschaften und Chemikalien, sowie einem richtigen Praktikumsraum für Schüler. Zwei Stockwerke darüber befanden sich eine ähnlich große Raumanordnung für den Physikunterricht. Vorerst blieben diese Räume für mich verschlossen. Dafür konnte ich mich am Zeichensaal begeistern, in dem Zeichenoberlehrer Max Koepke regierte.
Als Sextaner erhielten wir in der Pause den Platz vor der Turnhalle zugewiesen, auf dem es zwar eine Lehreraufsicht aber keine Bewegungseinschränkungen wie in der Hans-Schemm-Schule gab, wie die Nordschule jetzt hieß, aus der ich kam.
Je weiter man in den Klassenstufen aufstieg, umso mehr wanderte man mit seiner Klasse im Schulpark auf das Direktorgebäude zu. Dort stand auf einer kleinen Erhöhung eine riesige Trauerweide, unter der einige Bänke aufgestellt waren. Auf ihnen saßen in den Pausen die Oberprimaner und betrachteten gelassen und mit einem gewissen Abstand das temperamentvollere Geschehen unter den übrigen Schülern. In ähnlich kluger Weise waren die Klassenräume auf das Schulgebäude verteilt. Natürlich befanden sich die höheren Klassenstufen in den oberen Stockwerken. Bemerkenswert war jedoch, dass die Klassen für die Jahrgänge der Flegeljahre unmittelbar gegenüber dem Direktorzimmer lagen. Das hat mir zur Zeit als mein Jahrgang in die Periode unkontrollierbarer Temperamentsausbrüche gelangte, einmal eine schallende Ohrfeige vom „Rex“ eingebracht. „Rex“ war die Kurzbezeichnung für den Obersten Chef des Hauses. Ein König war dieser lebhafte, von Statur kleine Mann tatsächlich für uns. Seinen Geschichtsunterricht konnte man eher als Vorlesung bezeichnen und die hielt er sehr souverän. Wir lauschten auf seine Darstellung geschichtlicher Abläufe und Zusammenhänge und waren gefesselt von seinem Vortrag. Das allerdings sollte ich erst von der Mittelstufe ab erleben dürfen. Zunächst zollte ich ihm noch den alleinigen Respekt als dem, der hier das große Sagen hatte. In meinem ersten Jahr auf dieser Schule gelang es mir am ehesten bei Herrn Koepke mit meinem Zeichentalent Eindruck zu machen. Wie so oft in unserem vom Krieg gezeichneten Land, gab es auch um diesen Lehrer eine traurige Geschichte aus hingebungsvoll vaterlandstreuer Jugendzeit.
Koepke Max, wie wir sagten, war Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg gewesen. Wir erfuhren bald aus seinem Erzählen, dass ihn ein Granateinschlag sehr schlimm im Bauchraum verletzt hatte. Obwohl man ihn schon fast aufgegeben hatte, war er im Lazarett doch einigermaßen wieder hergestellt worden. Danach hatte er Zeichnen und Kunstgeschichte studiert und wurde schließlich ein ausgezeichneter Pädagoge auf diesem Gebiet. Als wir etwas älter waren, erfuhren wir allmählich, dass sein Körper als schlimmste Folge seiner Kriegsverletzung irreparable Schäden im Unterleib davongetragen hatte. Seine Ehe blieb deshalb kinderlos und voller Probleme. Dieser Mann war äußerst sensibel, temperamentvoll und fantasiereich. Ich hatte diesen Lehrer sehr gern. Sein Unterricht war sehr abwechslungsreich. Manchmal erzählte er selbsterfundene Geschichten, aus denen wir dann nach freier Wahl Bilder malen sollten. Seine Geschichten hatten gewöhnlich einen düsteren - geheimnisvollen Schluss. Heute neige ich zur Ansicht, dass dieser Lehrer als schlimmstes Übel aus dem Krieg auch noch eine Gemütserkrankung mitgebracht hatte. Er war übrigens ein leidenschaftlicher Verehrer seines Führers. Seine Bemerkungen über Hitler hatten schon manchmal etwas Skurriles an sich, besonders wenn er so tat, als kenne er die geheimsten Überlegungen unseres Kanzlers. Eines Tages, schon mitten im zweiten Weltkrieg, fand man ihn erhängt auf dem Boden unserer Schule. Ich sehe ihn heute als ein spätes Opfer des ebenso sinnlosen Ersten Weltkrieges.
Wie Herr Koepke, so waren noch viele unserer Lehrer als junge Männer in den Ersten Weltkrieg gezogen. Die meisten von ihnen trugen davon zumindest irgendwelche Schrullen mit sich herum, über die wir gelegentlich lachen konnten. Da war zum Beispiel Oberstudienrat Dr. Doelle, ein mächtiger Mann als Vertreter des Direktors, als souveräner Mathematiklehrer und auch von seiner Statur her. Wir nannten ihn „Bobby“. Im Ersten Weltkrieg hatte er bei der schweren Artillerie gedient. Wenn wir es schafften, ihn davon erzählen zu lassen, dann mussten wir uns mächtig das Lachen verkneifen. In seinem Bericht triumphierte über den Feind gewöhnlich die Fähigkeit zu genauer mathematischer Berechnung einer Geschoßbahn. Der Clou kam für uns immer dann, wenn sein Bericht den Punkt erreicht hatte wo Bobby als Ballonbeobachter aufsteigen musste, um die Stellung eines französischen Eisenbahngeschützes ausfindig zu machen, die gerade durch Verlegen von Eisenbahngleisen eingerichtet wurde. Vor unseren tränenden Augen stieg Bobby in seiner derzeitigen Gestalt in den Korb des Ballons und ließ das Luftgefährt gefährliche Schwingungen vollführen. Wenn dieser Bericht den zielgenauen Einschlag der von einem Elefantengroßen Ballonbeobachter gesteuerten Artilleriesalve mit dem sächsisch singenden „… genau uff de Weiche!“ beendete, hatten wir alle aufgeblasene Backen. Im Gemüt eines alten Turnlehrers, der schon während meiner Unterstufenzeit in den Ruhestand ging, hatten sich die Soldatenjahre in der Gestalt von Marschliedern verhakt. Bei ihm begannen die Turnstunden jedes Mal damit, dass wir in der Turnhalle herummarschieren und Marschlieder singen mussten. Immer kam dabei das Lied des früheren Altenburger Regiments zum Einsatz: „Wir sind die Füsiliere, des Königs Grenadiere, wir ziehen in das Feld, …hurra, hurra, hurra 153 Regiment.“
Auch unser langjähriger Deutsch- und Klassenlehrer Herr Studienrat Löbe hatte als Offizier am Ersten Weltkrieg teilgenommen. Von ihm hörten wir kaum etwas über diese Zeit. Er war ein nationalgesinnter Mann, den wir recht gern hatten. Zu den Nationalsozialisten zog es ihn nicht hin. Er trug kein Parteiabzeichen. Seine Neigung zur Milde im Umgang mit uns nutzten wir kaum einmal wirklich aus. Sein Bruder war Pfarrer an der Altenburger Brüderkirche. Wie diese Beispiele zeigen, war die ältere und mittlere Generation unserer Lehrer vom Erleben des Krieges mehr oder weniger geprägt, manchmal auch davon gezeichnet. Unter den Lehrern der jüngeren Generation hob sich unser späterer Turn-, Biologie- und Erdkundelehrer als forscher Pädagoge des neuen NS-Typs heraus. Wir nannten ihn Winnetou. Diese respektvolle Bezeichnung war aus unserer Sicht berechtigt denn er scheute sich im Turnunterricht nicht, uns jede Übung auch selbst vorzuturnen. Dafür konnte er einem Angsthasen ganz schön zusetzen wenn dieser sich vor einem Turngerät scheute. Als wir etwa 15 Jahre alt waren, ließ er uns zum Beispiel eines Tages beim Schwimmunterricht im Städtischen Freibad in einer Reihe antreten und hintereinander die Treppe zum Sprungturm hinaufklettern. Ohne es vorher besprochen oder gar geübt zu haben, musste jeder in der Reihenfolge wie er über die Treppe heraufkam zum Ende des Dreimeterbrettes treten, sich mit dem Rücken zur Wasserfläche stellen und von dort einen Abfaller rückwärts in das Becken machen. Winnetou stand im Sprungturm am vorderen Ende des Sprungbrettes und sagte jedem, er solle die Arme hochnehmen und ein Hohlkreuz machen. Tat er das nicht und sah sich nur ängstlich um, trat Winnetou auf das Brett, bis dem armen Kerl nichts weiter an Platz übrigblieb und er notgedrungen rückwärts ins Wasser musste. In diesen Fällen war die Mutprobe verfehlt und endete sehr schmerzhaft. Das sah ich sehr schnell ein und ließ mich lieber von selbst fallen. Ein Erlebnis mit Bauchkribbeln, ein sich drehender Wolkenhimmel und ein Plumps ins Wasser, der nicht schmerzte, war die Belohnung. So lernten wir, dass Mutig Sein weniger Schmerz bereitet als Feige Sein. In Winnetous Biologieunterricht wurden wir ebenso hart herangenommen. Wir bekamen dadurch ein recht ordentliches Fachwissen, natürlich auch in den Grundlagen der Vererbungslehre. Von den Mendelschen Gesetzen gerieten wir leider auch, wie im Lehrplan vorgeschrieben, zur nationalsozialistischen Rassentheorie. Ich kann diesem Lehrer zwar nicht persönlich die grauenhaften Folgen des Rassenwahns vorwerfen aber zweifellos legte er durch seinen im Übrigen guten Biologieunterricht in unseren Köpfen eine scheinwissenschaftliche Basis für unsere Kritiklosigkeit gegenüber der diesbezüglichen Tagespropaganda.
Mein erster Klassenlehrer in der neuen Schule war Herr Heimerdinger. Für ihn gab es keinen Spitznamen, vielleicht hatte er keine beachtenswerten Schwächen. Seine Stärke lag vermutlich in seiner Gewissenhaftigkeit. Er führte uns auch in die Grundlagen der französischen Sprache ein. Ich hatte dieses Fach bald recht gern und bekam auch zunächst gute Noten. Studienrat Heimerdinger verkörperte den Typ eines humanistisch gebildeten Pädagogen, von denen es noch mehrere gab. Auch Studienrat Löbe gehörte dazu. Ich bin sehr froh, dass ich meine Schulzeit unter dem Einfluss von Deutsch- und Sprachlehrern der alten Schule verbringen konnte. Als Schüler war ich zu solchem Urteil natürlich nicht fähig und versuchte, wie übrigens fast alle meine Klassenkameraden, den Schmerz des Lernens so gering als möglich zu halten. Trotzdem ist zum Glück noch genug Wirkung des Einflusses dieser Männer geblieben.
Unser Verhältnis zu den Lehrern hing sehr von ihrem eigenen Können ab. Den meisten brachten wir die gebotene Achtung entgegen, wobei auf die Trix und Schabernacks bei kaum einem Lehrer verzichtet wurde. Ein Lehrer, den wir in späteren Jahren vorübergehend einmal bekamen, ist davon auszunehmen. Es war ein phrasenhaft und lautstark die Ideologie der NSDAP vertretender Mann. Wir merkten sehr bald, dass er nur sehr dünne Fachkenntnisse besaß und nahmen ihn nicht ernst. Das brachte ihn eines Tages so auf, dass er quasi entschuldigend aber lautstark erklärte:

Heimweg von der Schule
„Während andere in Ruhe studierten haben wir für Deutschland gekämpft!“ Er blieb für uns ein unbeliebter Lehrer.
Ich denke, dass bei aller Indoktrination der herrschenden Ideologie und bei all unserer ehrlichen Vaterlandsliebe, das Parteiabzeichen auf uns keinen besonders großen Eindruck machte. Umso mehr imponierten uns Soldaten und Offiziere, Sportler, Abenteurer, Entdecker und große Forscher.
9. Freunde
Hatte es mir in unserem Wohnbereich schon nicht gerade an Spielgefährten gefehlt, so erweiterte sich die Zahl der Jungen, mit denen ich Umgang hatte noch wesentlich durch meine Jungvolkkameraden und meine Schulkameraden. Ich möchte hier nur auf einige wenige kurz zu sprechen kommen, zu denen ich eine ganz besondere Zuneigung empfand oder mit denen mich eine Freundschaft über viele Jahre hinweg verband.
Unter ihnen ist Hans Fedoroff einer besonderen Erwähnung wert. Wir begegneten uns schon bald nach meinem ersten Eintreffen in Altenburg, spielten also schon in unserer frühen Kindheit miteinander. Als wir uns kennenlernten wohnte er in der gleichen Straße wie ich. Hans war ein Jahr älter als ich. Wir verstanden uns von Anfang an so gut, dass uns auch ein späterer Wohnungswechsel seiner Eltern nicht voneinander trennen konnte. Sein Vater, ein Exilrusse, war schon vor dem Ersten Weltkrieg nach Deutschland gekommen und hatte in Altenburg eine deutsche Frau geheiratet. Unsere Gemeinsamkeit wurde zunächst nur unmerklich gelockert als ich begann, das Realgymnasium zu besuchen. Da zwangen mich immer häufiger einmal meine vermehrten Schulaufgaben, in der Wohnung zu bleiben wenn Hans vor unserem Fenster nach mir rief. Trotzdem fanden wir auch dann noch immer Gelegenheit, miteinander durch die Fluren vor der Stadt zu stromern. Im Laufe der Jahre gab es wohl kaum eine Stelle am Ufer der Blauen Flut, an der wir nicht schon einmal den Bach übersprungen hatten. Auch kannten wir alle hohen Bäume der Umgebung und wussten wie sie zu erklettern seien. Jedes Buch von Karl May und jeder Schmöker über Trapper und Indianer, den wir gelesen hatten, war von uns in den Wäldchen und Wiesen unserer nahen Umgebung nachgespielt worden. Alles was uns bewegte, konnten wir miteinander besprechen und jede Neuigkeit tauschten wir miteinander aus. So hörte ich zum Beispiel von Hans erstmals in meinem Leben eine Schilderung der Nibelungensage, die er früher als ich im Schulunterricht kennenlernte. Dann kam für Hans mit seinem 14. Lebensjahr das Ende der Schulzeit und er trat eine Lehre als Kaufmannsgehilfe an. Für mich nahmen zu dieser Zeit nun auch die Anforderungen von Schule und Jungvolk immer mehr zu. So lockerte sich unsere Beziehung zwangsläufig. Als Halbrusse konnte Hans nicht dem Deutschen Jungvolk beitreten. Uns hatte dies die ganzen Jahre seiner Schulzeit keineswegs auseinanderbringen können. Ich denke heute aber, dass es seine Familie damals nicht leicht gehabt haben musste. Darüber sprachen wir kaum miteinander. Vielleicht wusste er selbst auch nicht allzu viel darüber. Aus heutiger Sicht vermute ich, dass die Eltern von Hans aus Gründen der persönlichen Sicherheit wenig über ihre Situation redeten und alle Konfrontation mit der offiziellen politischen Linie zu vermeiden trachteten. Ich erinnere mich jedoch deutlich daran, dass Hans einmal meine vom Jungvolk her nazistisch indoktrinierten Vorstellungen über Russland mit großer Bestimmtheit zu korrigieren suchte. Wir hatten viel zu viel Gemeinsames, als dass eine solche Meinungsverschiedenheit irgendwelche Konsequenzen hätte haben können. Ein ernsthaftes Nachdenken über Hitlers Politik wurde allerdings bei mir durch die Freundschaft mit Hans Fedoroff nicht ausgelöst. Der Vater meines Freundes war ein sympathischer Mann, der eine große Ruhe ausstrahlte. Er arbeitete in einer Gießerei und war von kräftiger Statur. Als wir noch in den Anfängen unserer Schulzeit steckten, nahm er uns beiden Jungen an Sonntagen mit zum Fußballplatz denn er war ein ausgesprochener Fußballfan. Herr Fedoroff hatte auch eine besondere Begabung zum Malen und Zeichnen. Er arbeitete oft an Ölgemälden, auf denen er meist Landschaften darstellte. Frau Fedoroff sah es offensichtlich nicht ungern, dass sich ihr Sohn mit mir befreundete. In ihrem Hause fühlte ich mich jedenfalls stets willkommen. Ich denke, diese Freundschaft zu Hans und meine Kontakte mit seinen Eltern haben mit dazu beigetragen, dass ich später nicht imstande war, den extremen Äußerungen offizieller Hetzpropaganda über russisches „Untermenschentum“ innerlich zuzustimmen. Deshalb messe ich dieser gemeinsamen Jugendzeit mit Hans eine besondere Bedeutung für mein Leben bei.
Eine ebenfalls sehr enge Freundschaft verband mich in meiner Geburtsstadt Auerbach mit den „Dungers Bu´m“. So nannten meine Verwandten die beiden Söhne eines dort ansässigen Futtermittelhändlers namens Dunger. Während meiner Schulzeit wurde ich von ihnen immer schon erwartet wenn die Sommer- oder Herbstferien heranrückten, weil ich aus Altenburg jedes Mal eine neue Idee für unsere Ferienunternehmungen nach Auerbach mitbrachte. Erich Dunger war drei Jahre älter als ich, während sein Bruder Johannes in meinem Alter war. Wir Drei bildeten den Kern einer Gruppe von etwa acht Jungen, die in den Schulferien gemeinsam ihre freie Zeit in Auerbach und seiner näheren Umgebung verbrachten. Diese Jungen hatten mich schon während meiner frühen Kinderjahre auf eine bemerkenswerte Art in ihre Gruppe aufgenommen, indem sie es fertigbrachten, mich vom Spiel mit einem Mädchen abzubringen. Am Mühlberg, wo sich das Haus meiner Großeltern befand, gab es in meiner Altersgruppe zwei Mädchen mit denen ich spielen konnte. Besonders hatte ich mich mit der Tochter eines Böttchers am unteren Ende der Straße angefreundet. Wir waren häufig in dem kleinen Garten des Böttcheranwesens, in dem es auch eine schöne von wildem Wein umrankte Holzlaube gab. Else Walther, so hieß die liebenswerte Böttcherstochter, besaß viele kleine und größere Holzwannen und -bottiche, in denen sich herrlich mit Wasser matschen ließ. Wir badeten darin alle ihre Puppen. Ich habe mich überhaupt im Vorschulalter noch gern mit dem Puppenspiel befasst. Die Dungers Bu´m wurden jedoch zu den Urhebern der ersten Tränen, die ich in meinem Leben bei einem weiblichen Wesen verursachte. Es war ein echter Treubruch, den ich an Else beging. Ich denke, dass auch ich ein bisschen darunter gelitten habe, dies aber nicht so deutlich merken ließ. Das ereignete sich etwa folgendermaßen: Eines Tages, ich mochte vielleicht fünf Jahre alt gewesen sein, hatten uns die Jungen in Walthers Garten beobachtet und ließen von da an nun nicht mehr ab, mich zu hänseln weil ich mit einem Mädchen und seinen Puppen spielte. Das mag einige Tage so gegangen sein. Schließlich schien sich in der ständigen Wiederholung dieses Vorwurfs wohl für mich eine Wahrheit zu verstecken. So ging ich denn, wie von der Meute vor dem Gartenzaun erwartet, ins gegnerische Lager über. Unter diesen Jungen wurde ich im Laufe der Zeit zum spiritus rex der meisten gemeinsamen Unternehmungen. In meiner Erinnerung habe ich noch die folgenden präsent: Als ich in Altenburg auf dem Jahrmarkt die erste Gespensterbahn in meinem Leben kennenlernte, wurde von uns während der nächsten Ferien in der alten stillgelegten Schmiede meines Großvaters eine Gespensterbahn aufgebaut. Die wichtigsten Requisiten dazu waren ausgehöhlte Kürbisse, in die brennende Stearinkerzen gestellt wurden. Einmal haben wir auf meine Anregung hin in Dungers Garten ein großes Zirkuszelt errichtet und darin für die Kinder der Nachbarschaft zum Preise von einem Pfennig pro Besucher ein mehrfach wiederholtes Zirkusprogramm vorgeführt. Natürlich haben wir auch im Zirkus übernachtet. Der Dungersche Garten lag an einem Berghang hinter der Katholischen Kirche. In dieser Gegend konnten wir an Wochentagen so viel Lärm machen, wie wir wollten denn unsere Zirkusvorstellung war vor allem sehr laut. Laut ging es dort auch zu, als wir einmal die Sommerferien mit der Vorführung der Kreuzzüge verbrachten. Wir hatten tagelang zu hämmern und zu nageln, bis die erforderlichen Schilde und Schwerter aus Herrn Dungers Holzvorräten fabriziert waren. Aus vorgefundenen Farbtöpfen erfolgte schließlich weniger lautstark die Bemalung der Schilde mit Kreuzen für die Partei der Ritter beziehungsweise mit Stern und Halbmond für die Türken. Bald darauf ertönte tagelanger Kampflärm im Dungerschen Garten bis endlich auch die weiter entfernt wohnende Nachbarschaft energischen Protest einlegte. Einmal hatte ich die Idee, Blasrohre zu fertigen aber uns fehlte das geeignete Material. Nach langem Herumstreunen ergab sich ein besonderes Abenteuer für uns. Wir durchwateten die Göltzsch an einer dem Gaswerksgelände gegenüberliegenden Stelle, um auf den Materiallagerplatz zu gelangen. Einer von uns hatte herausgefunden, dass dort Kisten mit langen Glasrohren lagerten, vermutlich waren sie als Labormaterial beschafft worden. Hier versorgten wir uns mit reichlich Blasrohren von einem Durchmesser, durch den man Vogelbeeren pusten konnte. Das verschaffte uns über Wochen hinweg die schönsten Vergnügen. Als wir uns genügend lange gegenseitig mit den kleinen roten Beeren vollgepustet hatten, bekamen arglose Erwachsene das zweifelhafte Vergnügen, herauszufinden aus welchem Hinterhalt ihnen die Vogelbeeren gegen die Mütze geschnippt wurden. Einmal gruben wir auf meine Veranlassung in einen Wiesenhang oberhalb der Straße nach Rodewisch eine Höhle nach Art eines Bunkers. In diesem Unterschlupf fanden etwa vier Jungen Platz. Das Bauwerk war hangansteigend mit Grassoden abgedeckt, so dass es von der Höhe aus nicht erkennbar war. Trotzdem denke ich, dass der Besitzer der Wiese unsere Aktivitäten auf seinem Grundstück wohl bemerkt haben mag. Die Weidefläche für seine Ziegen dürfte aber durch uns kaum geschmälert worden sein und der Mann hatte wohl auch Rücksicht auf einige ihm wohlbekannte Rabauken nehmen wollen. Die Dungers Buben hatten, im Gegensatz zu mir, im elterlichen Hause sehr viele Pflichten zu erfüllen. Manchmal musste von ihnen noch ein Tafelwagen mit Mais oder anderem Körnerfutter zu einem Kunden gefahren werden, ehe wir mit unseren eigenen Unternehmungen beginnen konnten. Ich half ihnen dann den schweren Wagen die bergigen Straßen der Stadt hinanzuschieben, damit der lästige Zeitaufschub so klein als irgend möglich blieb. Es war schon mitunter ein ziemlicher Plack und wir schwitzten bei warmem Wetter ganz gewaltig dabei. Ich sah wohl, dass ich es diesbezüglich mit meinem eigenen Zuhause recht gut getroffen hatte. Die Dungers kannten es nicht anders, als dass sie tüchtig mit anpacken mussten wenn das elterliche Geschäft laufen sollte. Sie waren geduldig und zähe. Wir konnten mancherlei voneinander lernen. Johannes ist leider aus dem Krieg nicht wieder heimgekehrt. Erich, der den Krieg überstand, zog von Auerbach weg. Wir haben uns nie wieder gesehen aber ich denke, auch er wird sich noch mit Schmunzeln an die Zeit der Schulferien in Auerbach erinnert haben.
Einen Freund ganz anderer Art gewann ich durch meinen Schulwechsel in das Realgymnasium. Eines Tages kam ein neuer Schüler in unsere Klasse, gerade als wieder einmal die Schulferien zu Ende waren, die ich in Auerbach verbracht hatte. In meiner Schultasche befand sich eine Tüte Bonbons, wie ich sie jedes Mal von meiner Großmutter mit auf den Weg nach Altenburg zugesteckt bekam.

Unsere Zirkustruppe in Dungers Garten (Erich Dunger 2. v. rechts, Johannes Dunger 5. v. rechts), Foto um 1937/38
In der Pause bot ich davon, wie üblich, den mir zunächst sitzenden Klassenkameraden an. Da der Neue einen Platz schräg hinter mir besetzt hatte, war auch er unter den Glücklichen, die in meine Tüte langen durften.
Damit war für mich die Angelegenheit eigentlich erledigt. Günter Rottmann, so hieß der Neue, schien aber meine Freigebigkeit so beeindruckt zu haben, dass er sich bei der nächsten Sitzverteilung um den Platz neben mir bewarb, was auch tatsächlich gelang. So wurden wir Banknachbarn und nach und nach gute Freunde für die ganze weitere Dauer unserer gemeinsamen Oberschulzeit. Dieses Ereignis fiel etwa in die Zeit, als sich die Wege von Hans Fedoroff und mir wegen dessen beginnender Berufsausbildung zu trennen begannen. Mit Günter Rottmann spielte ich in der Freizeit die Periode der Trapper- und Indianergeschichten zu Ende. Er kam aus einem mir bis dahin einigermaßen fremden Milieu. Sein Vater arbeitete als Oberingenieur beim Aufbau des Schwelwerkes in Regis. Seine Mutter, eine ehemalige Sängerin, war nicht mehr berufstätig. Die Familie bewohnte in der Leipziger Straße eine für meine damaligen Vorstellungen riesengroße Wohnung. Ich betrat sie mit der seinerzeit üblichen Ehrfurcht von Kindern kleiner Leute, die Zutritt in ein Villengrundstück bekommen. Günter hatte noch zwei jüngere Brüder, mit denen ich wenig zu tun bekam. Er selbst war schon daran gewöhnt mit Erwachsenen Konversation zu machen, konnte höflich und sehr geschickt verhandeln und schrieb seine Aufsätze, ohne viel am Ausdruck zu feilen, sehr flüssig aufs Papier. Das beeindruckte mich ebenso wie die Zuverlässigkeit, mit der er fortan mit mir verbunden war. Bei Herrn Studienrat Löbe, unserem Klassen- und Deutschlehrer hatte er einen besonderen „Stein im Brett“. Sein Redetalent befähigte ihn übrigens sogar dazu, selbst über Themen reden zu können, von denen er nicht viel wusste. Das unterschied uns wesentlich voneinander. Einmal sollten wir irgendein Drama zu Hause lesen und zur Diskussion im Deutschunterricht vorbereiten. Günter kam zur nächsten Deutschstunde völlig unvorbereitet und hatte das Pech, als Erster aufgerufen zu werden. Er schoss aus der Bank hoch und begann ohne Stocken mit allgemeinen Vorbemerkungen, während er mit nervösen Handbewegungen auf meine aufgeschlagene Literaturbroschüre deutete. Indem ich ihm ständig einige Stichworte daraus lieferte, gelang ihm das Husarenstück, ununterbrochen zu reden. Er erhielt die Note „sehr gut“. Wie immer Freundschaften begründet werden mögen, sie haben auch mit gegenseitiger Vorteilsnahme zu tun, was mir recht spät in meinem Leben wirklich klar wurde. Wir halfen uns jedenfalls gegenseitig in schulischen Angelegenheiten so gut das möglich war. Günter war ein großzügiger und fairer Kamerad. Durch den Umgang mit ihm wurde ich erstmals aus den mir vertrauten Verhältnissen meines Wohnumfeldes heraus an die Welt des sozial bessergestellten und kulturell anspruchsvolleren Bürgertums herangeführt. Dabei erkannte ich, dass trotz Proklamierung eines angeblich nationalen „Sozialismus“ und der vielbeschworenen Gleichstellung der Menschen im Dritten Reich, große Standesunterschiede vorhanden waren. Im selben Ausmaß wie sich diese Erkenntnis bei mir festigte, beherrschten mich mitunter eine ziemliche Unsicherheit und innere Hemmnisse. Als wir sechzehn Jahre alt wurden und traditionsgemäß die Schülertanzstunde der bekannten Altenburger Tanzschule Schaller zu besuchen war, musste mir zum Beispiel Günter Rottmann sehr ins Gewissen reden, dass ich mich dort anmeldete. Ich habe es nicht bereut, dass wir dort außer den Tanzschritten bei Tango, Foxtrott, Rheinländer und Walzer auch mancherlei über manierliches Verhalten in der Gesellschaft lernen konnten. Von unseren Tänzerinnen kamen viele aus gutsituierten Verhältnissen. Wir kannten sie mehr oder weniger gut aus den Hitlerjugendveranstaltungen und vom Altenburger Freibad. Manche waren zickig, andere waren sehr liebenswert. Mit meiner Tanzstundendame hatte ich Glück. Ruth Lindig stammte zwar aus begütertem Hause aber sie war ein durch und durch natürliches Mädchen. Ich kannte sie schon als Führerin einer Jungmädelschar. Bei ihr habe ich meinen ersten Hausball erlebt, mit Küsschen auf dem im nächtlichen Dunkel liegenden Balkon. Ihr Passbild habe ich später mit noch einigen anderen in meiner Uniformjacke durch die schrecklichsten meiner Jahre getragen.
Pulsuz fraqment bitdi.