Kitabı oxu: «Faktencheck Ernährungsdschungel»
Über das Buch
Nüsse sollen vor Darmkrebs schützen, Fertigprodukte machen uns angeblich chronisch müde und mit Wasserstoff angereichertes Quellwasser bekämpft gleichzeitig Falten und Entzündungen. Ernährungstipps wie diese finden wir zuhauf in Zeitschriften und im Internet. Doch welche basieren auf wissenschaftlichen Studien und welche sind frei erfunden? In diesem Buch erfahren Sie, was unseren Darm reizen kann, warum wir auf regionales Superfood wie Karotten und Leinsamen setzen sollten und warum Erdbeeren und Brokkoli wahre Magenfreunde sind. Auch die Tricks der Lebensmittelindustrie werden entlarvt. Und Sie erfahren, wie Sie Lebensmittelmüll vermeiden und klimaschonend einkaufen können.
Inhalt
Willkommen im Ernährungsdschungel
Vorwort oder ein Appetithappen kommt selten allein
Aber halt – wie funktioniert eigentlich Wissenschaft?
Warum wir essen, trinken und verdauen müssen
Unsere Verdauung – einfach erklärt
Auf den Zahn gefühlt
Welche Stoffe schaden unseren Zähnen und warum?
Schlechte Zähne – kürzeres Leben?
Die Speiseröhre – oft benutzt und selten beachtet
Wie kann ich Speiseröhrenkrebs vorbeugen?
Schlechte Gene, heiße Getränke und Mikroben
Schluckbeschwerden im Alter – ein häufiges Problem
Der Magen – ein saurer Geselle
Unerwünschte Mitbewohner
Erdbeeren und Brokkoli sind Magenfreunde
Die Bauchspeicheldrüse – viele Funktionen in einem Organ
Unentdeckt, mittendrin und schwer zu erreichen
Das Böse ist immer und überall
Der Dünndarm – das unbekannte Land
Bitterstoffe – eine Bremse im Dünndarm
Der Reizdarm – viele Betroffene, wenige Lösungen
Die Darm-Gehirn-Achse
Der Dickdarm – das Schlaraffenland der Mikroorganismen
Dickdarmkrebs und die westliche Ernährung
Essen bei Dickdarmkrebs: Was könnte Besserung bringen?
Nahrungsmittel mit Potenzial und weiterer Forschungsbedarf
Zusatzstoffe mit Folgen?
Die Leber – ein Organ mit unglaublichen Nehmerqualitäten
Weniger Zucker oder die fette Leber auf Diät!
Da fliegt einem das Fett weg!
Wieder auf die Maus gekommen
Himmel Schimmel – das Aflatoxin
Gesundheit und Ernährung
Von der Biene zum Wunderhonig
Die Biochemie des Honigs
Honiggrüße aus Beijing
Faktencheck: Honig und Gesundheit
Gelée royale – ein Honiggenuss für Königinnen
CBD-Honig bringt Entspannung aufs Butterbrot
Manukahonig – aber bitte mit UMF 25+ und MGO >1200
Keluluthonig – das Gold der stachellosen Bienen
Histamin – Genuss mit unangenehmen Folgen
Was gilt es bei Histamin-Problemen zu meiden?
Was darf ich ohne Sorge essen?
Fermentierte Lebensmittel
Kimchi – ein Superfood aus Korea
Die Zähmung des widerspenstigen Brokkoli und andere Fragen zur Fermentation
Präbiotika – ein Festmahl für unser Mikrobiom?
Probiotika – Wundertrunk und Kapselzauber?
Synbiotika – eine Symbiose von Pro & Prä?
Gicht und unsere westliche Ernährung
Was darf bei Gicht gegessen werden und was nicht?
Fleisch – Lebenselixier oder Henkersmahlzeit?
Hausverstand und Lebensstil
Nose to tail – nachhaltig, aber schädlich für den Körper?
Wovon radikale Tierschützer träumen
Das Ende ist der Anfang ist das Ende. Ist die mediterrane
Diät die Rettung der Fleischtiger?
Vegane Ernährung – kritisch betrachtet
Rank und schlank durch vegane Kost
Mangelerscheinungen durch vegane Ernährung
Mögliche Nachteile einer veganen Ernährung
Veganismus – der Weg ist das Ziel?
Lifestyle und Ernährung
Verschwörungstheorien und die Selleriesaftsekte
Sportsocken, Corona und die Tulabeerenschlange
Das Fräulein Hildegard ist äußerst desperat …
Was teuer ist, muss auch gut sein bzw. gut schmecken
Wasser – mehr als nur H2O?
Superfood – wenig Fakten, viel Trara
Das Wundersalz – einfach entzaubert!
Salzkonsum in wissenschaftlichen Studien
Salz und Lifestyle
Salzverschwörung der Industrie – zurück zum Ursalz
Beauty Food – iss dich einfach schöner
Basische Ernährung oder Säuretod?
Industrie und Ernährung
Ultra-hochprozessierte Lebensmittel – was ist das schon wieder?
Empfehlungen aus der Welt der Wissenschaft
Phosphat und Nitrat – ein gefährliches Duo?
Ohne Nitrat wäre die Wurst recht fad
Glutamat – des Teufels liebster Zusatzstoff
Positive Funktionen des Glutamats
Freispruch im Sinne des angeklagten Moleküls
Klimawandel und Ernährung
Lebensmittelmüll als massiver Klimatreiber
Restlessen einmal anders
Haltbarkeitsdatum richtig lesen und verstehen
Das Schnitzel aus der Petrischale
Sind Insekten und Schnecken die Lösung?
Was kann ich im Hinblick auf den Klimawandel tun?
Nachwort oder Hilfe, was darf ich überhaupt noch essen?
Danksagung
Verwendete Literatur
WILLKOMMEN IM ERNÄHRUNGSDSCHUNGEL
Statt Kochsalz wird Kaliumcitrat empfohlen, um den Blutdruck zu senken. Aber schaden an Kalium reiche Gemüse nicht den Nieren? Fleischkonsum soll unbedenklich sein, aber jeder Biss von einer Wurst erhöht das Risiko für Darmkrebs. Heidelbeeren bekämpfen Falten im Gesicht und schützen vor Demenz. Ernährungsratschläge wie diese sind mittlerweile in vielen Magazinen zu finden. Auch im Internet und auf Social-Media-Plattformen wimmelt es nur so davon. Aber was stimmt? Verschiedene Ernährungsweisen gleichen oft schon fundamentalistischen Glaubensgemeinschaften. Regional und saisonal ist erste Bürgerpflicht! Flexitarierinnen versuchen die Umwelt zu schonen, essen aber trotzdem Fleisch von glücklichen Freilandschweinen. Vegan ist Trend bei jungen Menschen, aber der pflanzliche Fleischersatz aus Erbsenprotein leider doch nicht so nachhaltig und gesund wie gedacht. Werden bald auch Ernährungsweisen die Gesellschaft spalten?
In diesem Buch nehme ich Sie mit auf eine Expedition durch den Ernährungsdschungel der Gegenwart. Wir schauen uns die Verdauung des Menschen an und sehen, welche Faktoren unserer Ernährung sich positiv oder negativ auf den Körper auswirken. Danach gilt es zu erkunden, welche Nahrungsmittel wirklich gesund sind – auf Basis wissenschaftlicher Tatsachen. Sogenannte Lifestyle-Produkte, die viel versprechen und wenig halten, werden unter die Lupe genommen, wie das Ursalz aus den Karpaten oder mit Wasserstoff angereichertes Mineralwasser. Wir klopfen bei Fertigprodukten kräftig auf den Busch und schauen, was uns die Industrie so alles vorsetzt. Auch dem Klimawandel ist ein kleiner Abschnitt gewidmet. Wie trägt unser Konsum zur CO2-Bilanz bei und warum ist der Lebensmittelmüll ein gewaltiger Klimatreiber?
Mit diesem informativen Buch möchte ich über die größten Ernährungsirrtümer aufklären sowie nützliche Tipps zu gesunden Nahrungsmitteln geben. Aber bitte nicht vergessen: Am Ende muss es dennoch schmecken – der Genuss darf nie zu kurz kommen!
VORWORT ODER EIN APPETITHAPPEN KOMMT SELTEN ALLEIN
Liebe Leserin, lieber Leser! Das Vorwort eines Buches ist oft eine verzwickte Sache für den Autor. Zu viel soll nicht vorweggenommen werden, damit es sich später nicht wiederholt. Zu kurz soll es nicht sein und zu lange schon gar nicht. Seitenweise Danksagungen an Leute, die Ihnen unbekannt sind, helfen bei der Lektüre ehrlicherweise auch nicht weiter. Und wenn es Ihnen auf den ersten drei Seiten des Buches schon langweilig wird und Ihnen bei dem Gedanken an die Seitenzahl ein leiser Seufzer entwischt, dann habe ich als Autor etwas falsch gemacht.
Einen biografischen Einstieg finde ich immer recht nett, so erfährt man etwas über den Verfasser und auch über seine Beweggründe, warum er dieses Werk verfasst hat. Keine Angst, es wird keine Autobiografie werden, dafür bin ich noch zu jung – obwohl, einige lustige Geschichten habe ich auf der Universität und in den Laboren schon erlebt. Erst unlängst schaffte es eine Gruppe meiner Studierenden bei der Laborübung „Experimente in der Ernährung“, im Backrohr Backpapier zum Brennen zu bringen. Als nicht minder geniale Draufgabe wollten sie es durch Ausblasen löschen. Und da muss ich meinem Kollegen Walter Gössler von der analytischen Chemie recht geben: Im Ernährungsstudium braucht es mehr Chemie. Passiert ist niemandem etwas, auch die Feuerwehr musste nicht kommen und der Zusammenhang zwischen Feuer und Sauerstoffzufuhr ist den vier Studierenden jetzt auch geläufig.
Das Interesse für Speis und Trank wurde mir eigentlich schon in die Wiege gelegt. Und diese stand in Falls Church in Virginia. Born in the USA, wie Bruce Springsteen vor zig Jahren trällerte, gilt auch für mich. Meine Eltern waren nämlich Gastarbeiter in den USA. Mit der Green Card geschätzt, erwünscht und auch willkommen. Nach ihrer Lehre in Österreich zogen beide hinaus in die Welt, um Erfahrung zu sammeln – ein Credo in der Gastronomie, damals wie heute. Meine Eltern arbeiteten auch auf Kreuzfahrtschiffen und sahen so die ganze Welt.
Sie hatten Zwischenstopps in Indien, Bali, Japan, Brasilien und noch einigen Ländern mehr, zu einer Zeit, da Massentourismus dort noch unbekannt war. Diese Eindrücke spiegelten sich auch Jahre später in unserer Wohnung wider. Die Offenheit für die verschiedenen Kulturen unserer Welt war bei uns daheim immer gegenwärtig. Wenn Spielkameraden aus der Volksschule zu mir nach Hause kamen, glaubten diese, sich in einem Völkerkundemuseum wiederzufinden. Meine Mutter arbeitete auch mehrere Jahre als Köchin bei einer jüdischen Millionärsfamilie in New York. Gefillte Fisch und Mazza-Brot waren mir daher keine unbekannten Speisen. Mein Vater war u. a. Sommelier im Watergate Hotel. Ja, genau dort, wo sich der Abhörskandal von Richard Nixon zutrug. Auch Henry Kissinger, der Mann mit der tiefen Stimme – sofern ihn noch jemand kennt –, war Gast bei meinem Vater und immer sehr zuvorkommend und höflich. Wer ein Fan von Ivan Rebroff ist – auch dieser dinierte bevorzugt im Watergate Hotel-Restaurant, wenn er in Washington weilte, und bestellte immer einen Château Lafite-Rothschild 1962. Den teuersten Wein im gesamten Weinkeller. Ich war auch schon einmal im Pentagon. Als Passagier im Bauch meiner Mutter, als sie Apfelstrudel dorthin ausgeliefert hat.
Irgendwann im Kleinkindalter, und ohne eigene Erinnerung daran zu haben, ging es dann zurück nach Österreich. Der Anlass war eher traurig: Mein Großvater war an Krebs erkrankt und meine Mutter wechselte sich mit meiner Großmutter bei der Pflege ab. In jungen Jahren war mein Opa Johann Bierbrauer und Nebenerwerbslandwirt. Mein Onkel Hansi war Braumeister und Jahrzehnte später braute ich mit den Burschen vom Braucampus Graz, Gunter und René, mein erstes Bier im Geschmackslabor. Mit 16 Jahren durfte ich mehrere Wochen als Ferialpraktikant im Tagesweinkeller des Drei-Sterne-Restaurants meines Nenn-Onkels Heinz arbeiten. Eine beeindruckende Erfahrung, aber auch ein Grund, warum die Gastronomie nicht meine Berufung wurde. Diese gehört zu den anspruchsvollsten, stressigsten und familienfeindlichsten Berufsfeldern und es wundert mich nicht, dass heute Jugendliche nicht mehr in dieser Branche arbeiten wollen. Von der relativ geringen Bezahlung gar nicht zu sprechen. „Darum, liebe Brüder, tut desto mehr Fleiß, eure Berufung und Erwählung festzumachen; denn wo ihr solches tut, werdet ihr nicht straucheln.“ (2 Petrus 1,10).
Das Zitat aus der Bibel wird mancher Leser bzw. manch aufmerksame Leserin erkannt haben und sich fragen, ist der Autor gar ein fleißiger Beter? Das kann ich gleich verneinen, obwohl meine Tante Minnerl aus der schönen Oststeiermark mich immer überzeugen wollte, doch Pfarrer zu werden, weil ich ihrer Ansicht nach so gut reden kann und der geistliche Beruf doch eine sichere Partie wäre. Leider kamen Wein, Weib und Gesang sowie die Evolutionslehre, alte Geschichte und Philosophie dazwischen. Aber Zitate aus der Bibel finde ich gut, da sie vieles auf den Punkt bringen und leicht zu verstehen sind.
Wie kam es also zu meiner Berufswahl – Molekularbiologe mit Schwerpunkt Ernährung? Klingt doch etwas exotisch. In der AHS-Unterstufe war mein Lieblingsfach Geschichte. Daher auch der frühe Wunsch, Geschichte zu studieren. In der AHS-Oberstufe wurde der Bezug zu Geld und Ausgaben realer, da jeder verfügbare Schilling in Heavy-Metal-Alben investiert wurde. Hier kam ich zur Erkenntnis, dass Geschichte doch ein brotloses Studium sein dürfte. Da ich damals auch technisch sowie elektronisch sehr interessiert war: warum nicht technische Physik studieren? Ein frommer Wunsch, denn da wusste ich noch nicht, dass das Physikstudium zu einem Großteil aus Mathematik besteht. Und wer mit Mathematik auf dem Kriegsfuß stand, so wie ich damals, bei dem wäre eine solche Studienwahl fatal ausgegangen.
Warum mir die Mathematik nicht am Herzen lag, daran war mein Lehrer schuld. Acht Jahre unbedingt in der Mathematikhölle hatte ich ausgefasst. Aus fachdidaktischer Sicht war der Herr Prof. H. H. nicht die Lichtgestalt im Zahlenuniversum, das daher den meisten Kolleginnen und Kollegen aus der Klasse ein ewiges Rätsel blieb. Wie kann man sich den Herrn vorstellen? Von der Tonart wie Gunnary Sergeant Hartman aus dem Film Full Metal Jacket, immer mit Krawatte und Sakko sowie silbergrauem Haupthaar. Für die Mathematik-Matura habe ich einige Monate gelernt, mehr als für die schwersten Prüfungen im Studium der Mikrobiologie. Und dieses Studium zählt zu den anspruchsvollsten unseres Landes. Da ist das Geschichtestudium im Vergleich eine kleine Vorspeise und, ja, ich kann das sagen, weil ich berufsbegleitend auch ein Geschichtestudium begonnen habe. Wenn ich im jetzigen Berufsleben oft stressige Termine vor mir habe, träume ich hin und wieder von der bevorstehenden Mathematik-Matura. Falls Psychotherapeuten und -innen dies hier jetzt lesen, kommt sicher ein Aufschrei. Der Mann braucht Hilfe, um ein Trauma zu verarbeiten! Ich halte es eher so: „Wie man Eisen durch Eisen schleift, so schleift ein Mensch den Charakter eines anderen“ (Sprüche 27,17). Rückblickend bin ich auf meinen Mathe-Lehrer nicht böse. Didaktisch hat er versagt, mich dadurch aber abgehärtet und im Studium hatte ich nie Probleme vor oder mit Prüfungen.
Es gibt aber auch positive Beispiele aus dieser Oberstufenzeit, wie meine Biologielehrerin Prof. Waltraud Stracke. Diese hat die Zellbiologie und Genetik so interessant vermittelt, dass ich für die Matura fast nichts lehren musste, da ich schon im Unterricht alles aufgesaugt hatte wie ein Schwamm. Was war dann der ausschlaggebende Grund für meine Wahl, Mikrobiologie zu studieren? Eine Fernsehserie, nämlich Akte X. Die ungelösten Fälle des FBI. Dort wurde ein Alien-Embryo in einem mikrobiologischen Labor untersucht. Eine Epiphanie sondergleichen. Daher meine Wahl, Mikrobiologie in Graz zu studieren, und diese Entscheidung war die richtige, auch wenn nicht an Alien-Embryonen geforscht wurde.
Während des Studiums lernte ich von meiner Mutter die Grundlagen der Kochkunst. Irgendwie fiel mir das Kochen sehr leicht, da ich auch im mikrobiologischen Labor immer genau Substanzen abmessen, erhitzen oder abkühlen musste. Für Freunde habe ich dann einmal im Jahr die „Schlemmerstunden“ veranstaltet: ein achtgängiges Menü, das sich über Stunden zog. Alle Gänge wurden von mir allein zubereitet. Hier habe ich für mich viel über Speisenabfolgen, Zutatenmanagement und Servier- bzw. Küchenlogistik gelernt.
2007 habe ich im Rahmen meiner „Schlemmerstunden“ erstmals molekularen Kaviar serviert. Die Freude war groß bei den Anwesenden und ich hatte auf einmal drei Küchenhelferinnen, die eifrig Kaviar aus Campari produzierten. Das chemische Prinzip dahinter war recht einfach und daher habe ich meinem damaligen Kollegen Helmut Jungwirth einen Floh ins Ohr gesetzt bzw. eine Kaviarvariation auf seinem Schreibtisch deponiert. Er war ebenso begeistert wie meine Gäste und daher haben wir den Kaviar bei der langen Nacht der Forschung an der Uni Graz präsentiert. Unsere Station mit Molekularer Küche verzeichnete über 3000 Besucherinnen in knappen acht Stunden. Die „Speisung der 3000“, wie ich sie nun rückblickend nenne, führte dazu, dass wir begannen, uns wissenschaftlich mit der Molekularen Küche auseinanderzusetzen.
Bald darauf veranstalteten wir eine wissenschaftliche Tagung dazu, mit den führenden Köpfen zu dieser Thematik im deutschsprachigen Raum wie Thomas Vilgis vom Max-Planck-Institut in Mainz sowie dem Schweizer Kreativkoch Rolf Caviezel. Seit 2010 gaben wir dann Grundkurse zur Molekularen Küche, 2012 wurde das Geschmackslabor gegründet. 2017 haben wir die jahrelange Erfahrung und unsere gesammelten Rezepte in einem Kochbuch namens Science Schmankerln verewigen können. Seit 2016 bin ich in regelmäßigen Abständen als Ernährungsexperte auf ORF 2 zu Gast, zuerst war ich bei der Sendung heute leben und jetzt bei der Nachfolgesendung Studio 2 zu sehen, in der ich Tipps zur Ernährung und Warenkunde auf Basis wissenschaftlicher Fakten gebe. Zudem bin ich derzeit Koordinator für das Studium Ernährung, Gesundheit und Konsum an der Karl-Franzens-Universität Graz. Hier halte ich für meine Studierenden Seminare in Bezug auf die Geschichte der Ess- und Tischkultur bzw. koche wissenschaftlich mit diesen im Geschmackslabor. Privat beschäftige ich mich derzeit sehr intensiv mit der japanischen Küche. Die wissenschaftlichen Kooperationen mit der Uni Hiroshima und der Uni Nagasaki sind dabei überaus hilfreich.
So, nun hoffe ich, Sie haben dieses Vorwort gut verdaut und sind bereit für mehr aus dem spannenden Bereich der Molekularbiologie und den Ernährungswissenschaften.
Aber halt – wie funktioniert eigentlich Wissenschaft?
Keine Sorge, dies wird kein knochentrockener Ausflug in die Wissenschaftstheorie, wo ein Satz oft über zehn Buchzeilen geht und man fast fünf Minuten grübeln muss, was der Autor oder die Autorin dieses Satzes eigentlich mitteilen will. In diesem Buch muss ich immer wieder auf wissenschaftliche Studien verweisen, was diese bedeuten und wie sie in weiterer Folge zu interpretieren sind. Dazu gleich ein Beispiel aus der Realität unter dem Titel „Wenn am Berggipfel der Grüne Veltliner ruft“.
Bei der letzten Bergtour habe ich unmittelbar nach dem Gipfelsieg ein Glas Grünen Veltliner getrunken. Ein Stifterl Wein und ein Glas habe ich immer im Rucksack dabei. Dieser schmeckte so anders als sonst – aber warum? Eine Beobachtung von mir wirft eine Frage auf. Diese will ich wissenschaftlich aufklären. Wie gehe ich nun weiter vor?
Ich formuliere eine Hypothese. Das ist eine in Form einer logischen Aussage formulierte Annahme, deren Gültigkeit noch nicht bewiesen ist, die aber geeignet ist, Erscheinungen oder Beobachtungen zu erklären. Am leichtesten ist sie mit der „Immer, wenn ..., dann …“-Verknüpfung zu erklären. Ein Beispiel dazu: Immer wenn ich am Gipfel eines Berges ein Glas Grünen Veltliner genieße, dann schmeckt dieser deutlich anders als zu Hause in der Gartenlaube meiner Großmutter Adele. Immer wenn Wein einem niedrigen Luftdruck ausgesetzt wird, verändert sich die Flüchtigkeit der Aromastoffe. Immer wenn ich mich in großer Höhe befinde, nehme ich Geschmacksstoffe schlechter wahr als sonst. Die Hypothese ist die Vorstufe zur Theorie.
Nun gilt es, das Experiment zur Aufklärung der Fragestellung zu entwerfen. Die eigentliche Frage lautet: Warum schmeckt der Wein am Berg anders als im Tal? Dabei tun sich neue Fragen auf. War der Wein verdorben? Ist der Wein im Rucksack durchgeschüttelt worden und hat so seinen Geschmack verändert? Ist die Freude über den Gipfelsieg für eine Veränderung der Geschmackswahrnehmung verantwortlich, spielt die Psyche dem Geschmackssinn einen Streich? Schmeckt der Wein nur für mich anders oder nehmen dies auch andere Menschen so wahr? Eine Arbeitshypothese entsteht. Bei der Planung meiner Experimente muss ich unbedingt darauf achten, dass sich die Hypothese im Laufe des Experiments nicht verändert. Etwa: Im Geschmackslabor haben wir keinen Grünen Veltliner mehr, dann muss eben ein Weißburgunder herhalten. Dies wäre dann eine Fehlerquelle!
Habe ich meine Experimente erfolgreich und für andere Wissenschaftler nachvollziehbar abgeschlossen, stehe ich nun vor dem nächsten Problem: Ich habe nur eine Person (mich) und eine Flasche Wein untersucht. Die Fehlerquellen sind hier noch zu groß, um eine solide Theorie aufstellen zu können. Ich wiederhole die Experimente mit 1000 Studierenden und zehn verschiedenen Weißweinsorten. Die Daten werden analysiert, Fehlerquellen beseitigt. Was wären in so einem Experiment realistische Fehlerquellen? Zum Beispiel ein Student, dem Wein überhaupt nicht schmeckt, macht bei der Untersuchung mit, oder eine Studentin, die zur Zeit des Experimentes an Geruchsverlust leidet, verkostet den Wein.
Nach Bereinigung der Ergebnisse formuliere ich meine Theorie. Aufgrund des verminderten Luftdrucks verlassen mehr Geruchsmoleküle den Wein und dieser bekommt ein anderes Bouquet als im Tal.
Ich möchte meine Studie in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlichen. Aber bevor sie gedruckt wird, geht meine Arbeit an drei anonyme Kolleginnen oder Kollegen, die auf demselben Fachgebiet forschen. Diese begutachten meine Arbeit, schauen, ob Fehlerquellen zu finden sind, und geben erst dann ihr Ok, wenn sauber gearbeitet wurde. Diesen Vorgang nennt man in der Fachsprache peer reviewed (durch Fachkollegen begutachtet). Erst dann wird die Arbeit gedruckt und steht online auch anderen Fachkollegen zur Verfügung. Jetzt wiederholen Forscher in Peru, Japan und Russland mein Experiment. Kommen sie auf das gleiche Ergebnis, ist meine Theorie richtig.
Sie sehen also, es ist ein weiter Weg, bis eine Idee bzw. Beobachtung Eingang in eine wissenschaftliche Zeitschrift und später in ein Lehrbuch findet. Dabei können viele Fehler passieren, absichtlich oder unbewusst, denn Wissenschaftler sind auch nur Menschen.
Warum wir essen, trinken und verdauen müssen
Leben heißt fressen oder gefressen werden. Wir sind nackte Affen. So wie andere Tiere müssen wir unserem Körper jeden Tag Flüssigkeit und Nahrung zuführen. Jeden Tag stimmt auch nicht. Einen Fastentag oder auch zwei überleben wir ohne Probleme, auch wenn die Werbung uns etwas anderes einreden will. Verdursten geht aber relativ schnell. Schon nach drei Tagen könnte der Tod eintreten. In manchen Extremsituationen haben Menschen auch länger ohne Wasser überlebt. Aber bitte probieren Sie es nicht aus! Mit drei Wochen wird die ungefähre Zeitspanne angegeben, nach der ein Mensch verhungert. Wir sterben dann meist an Herzversagen, weil die Energie für diesen hart arbeitenden Muskel fehlt.
Diese Energie beziehen wir aus der Nahrung. Pflanzen sind hier viel anspruchsloser. Sie brauchen nur Kohlendioxid, Wasser und Sonnenlicht. Gut, ein paar Mineralstoffe müssen auch dabei sein, aber das ist es dann auch schon. Wir sind keine Pflanzen, brauchen Sonne für unser Gemüt bzw. für die körpereigene Produktion von Vitamin D. Es gibt verrückte Mitmenschen, die glauben, sie seien Pflanzen und könnten von sogenannter „Lichtnahrung“ satt werden. Wer es mit Lichtnahrung übertreibt, der landet schnell mit einem Schwächeanfall im Krankenhaus oder, wie in einigen dokumentierten Fällen, auf dem Friedhof. Auch wenn sofort ein indischer Yogi genannt wird, der schon zwei Jahre nichts mehr gegessen hat, scheitert eine wissenschaftliche Überprüfung meist in den ersten drei Wochen. Sprich, der Yogi trickste und hat doch irgendetwas gegessen oder musste die Studie wegen „schlechter Schwingungen“ abbrechen. Auch so kann man Hunger bezeichnen.
Bakterien und Pilze müssen sich ebenfalls ernähren. Pilze sind mit den Tieren näher verwandt als mit Pflanzen. Sie können pflanzliche und tierische Nahrungsquellen nutzen und leben manchmal mit Pflanzen bzw. deren Wurzeln in einer Symbiose. Ein Geben und ein Nehmen von produzierten Nährstoffen. Bakterien können sich auf viele verschiedene Arten ernähren, waren sie doch die ersten Lebewesen auf diesem Planeten. Manchen reicht eine heiße Quelle oder ein Vulkan am Meeresboden mit genug Schwefelverbindungen und der Tisch ist für sie reich gedeckt. Andere können auch Photosynthese betreiben und ernähren sich wie Pflanzen. Sehr viele nehmen Nährstoffe aus der Umgebung auf und leben manchmal in Gemeinschaften zusammen, die Biofilme genannt werden. Eine Art Schleimhülle, in der die Bakterien dicht zusammensitzen und die diese etwas vor Umwelteinflüssen schützt. Bakterien leben auch auf unserer Haut und in unserem Darm, ohne uns zu schaden. Es gibt aber manche Arten, die haben uns zum Fressen gern. Bei einer bakteriellen Halsentzündung etwa leben diese im zerstörten Gewebe, vermehren sich und können nur durch unser Immunsystem entfernt werden. Manchmal muss sogar mit einem Antibiotikum nachgeholfen werden, wenn das Immunsystem mit der großen Anzahl von Bakterien nicht fertig wird. Gewinnen die Bakterien, sind wir tot und werden am Friedhof nach einer Erdbestattung von Pilzen und Bakterien wiederum abgebaut.
Multiresistente Keime werden zu einem immer größeren Problem, da die gängigen Antibiotika bei diesen nicht mehr wirken. Da reicht dann eine infizierte Wunde, entstanden bei der Gartenarbeit, und wir sehen unsere anstehende Kartoffelernte bald wirklich von unten. Der massive Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung trägt viel dazu bei. Beides gehört schnellstens überdacht, um Tierleid zu vermeiden und auch menschliche Leben zu retten!
Tiere gewinnen ihre Energie durch das Verspeisen von Pflanzen (Herbivore) oder anderen Tieren (Carnivore). Wir Menschen dagegen sind Mischköstler (Omnivore) bzw. gibt es reichlich Hinweise, dass unsere Vorfahren Aasfresser waren. Mit den ersten Steinwerkzeugen konnten diese das Mark aus den Knochen holen bzw. die Schädelknochen zertrümmern und so das energiereiche Gehirn der verendeten Tiere genießen. Hirn mit Ei war übrigens auch ein beliebtes Gericht in der österreichischen Küche und ist dann ab den frühen 1980er-Jahren langsam von den Speisekarten verschwunden.
2020 war das Jahr der Viren, kaum je zuvor wurde so viel über diese berichtet. Bleibt aber die Frage, was essen Viren eigentlich? Gar nichts. Diese zählen gar nicht zu den Lebewesen. Sie besitzen keinen eigenen Stoffwechsel und können sich nicht eigenständig fortpflanzen. Sie brauchen eine Wirtszelle für ihre Vermehrung, bringen ihren Bauplan mit, schummeln diesen in die zelleigene Produktionsmaschinerie und statt zelleigenen Proteinen werden dann Virenpartikel gebaut.
Jetzt lade ich Sie zu einem kurzen Ausflug in die Tiefen unseres Verdauungssystems ein. Zahlreiche wissenschaftliche Leckerbissen erwarten uns dabei.
UNSERE VERDAUUNG – EINFACH ERKLÄRT
Auf den Zahn gefühlt
Unsere Mahlzeit und die darin enthaltenen Nährstoffe, die uns Energie liefern, starten ihre lange Reise im Mund. Hier sorgen die Zähne im wahrsten Sinne des Wortes für den richtigen Biss und sind in weiterer Folge für das Zerkauen der Speisen zuständig. Wo wir schon bei Sprichwörtern sind: „Gut gekaut ist halb verdaut“ hat meine Oma immer zu mir gesagt und auch aus wissenschaftlicher Sicht ist dies richtig. Die Speisen werden zu einem Nahrungsbrei verarbeitet. Der Speichel enthält Amylase, ein Enzym (Protein mit Arbeitsaufgabe), welches komplexe Kohlenhydrate wie die Stärke in einfache Zucker aufspalten kann. Die Zunge hilft übrigens kräftig mit bei der Bearbeitung dieses Nahrungsbreis. Dieser wird geschluckt und kommt über die Speiseröhre in den Magen. Aber mehr dazu später. Bleiben wir im Mund und hier bei den Zähnen. Der Gang zur Zahnärztin ist eigentlich selten mit Freude verbunden. Meistens schmerzt es irgendwo im Kiefer, im schlimmsten Fall steht eine Wurzelbehandlung an.
Krokodile brauchen im Gegensatz zu uns nie einen Zahnarzt. Diese haben einen der stärksten Bisse im Tierreich und müssen in der Lage sein, hart zu beißen, um ihre Nahrung wie Schildkröten, Gnus und andere große Beutetiere zu fressen. Im Gegensatz zu Menschen reinigen Krokodile ihre Zähne nicht, um den Verschleiß zu verlangsamen. Stattdessen werden sie diese los und ersetzen sie durch neue Kopien.1 Ein Wunschtraum für viele Menschen und eine Herausforderung für die Biotechnologie. Der Ersatzzahn aus der Zellkultur ist nicht mehr in weiter Ferne. Aber viele Studien sind zuvor noch nötig, wie diese von einer japanischen Arbeitsgruppe am Fugu, dem Kugelfisch.
Der Kugelfisch (Takifugu vermicularis), giftig und beliebt in der japanischen Küche, hat mit uns Menschen einiges gemeinsam. Menschliche Zähne haben sich aus denselben Genen entwickelt, die auch für die Bildung der Zähne von Kugelfischen verantwortlich sind. Die Forschungsergebnisse zu diesen Genen könnten verwendet werden, um Zahnverlust beim Menschen zu verlangsamen oder ganz aufzuhalten.2
Wenn Anthropologinnen der Zukunft unsere versteinerten Zähne finden, was können sie dann über unser Leben schließen? Warum haben die Menschen damals, in einer Zeit des Überflusses, so einseitig und ungesund gegessen? Mit Unverständnis werden sie die Köpfe schütteln, und dies zu Recht. 99 % der Evolutionsgeschichte des Menschen wurden damit verbracht, Lebensmittel zu essen, die gejagt oder gesammelt wurden. Unsere derzeitige Ernährung mit weichen, verarbeiteten und zuckerhaltigen Lebensmitteln passt daher eigentlich nicht zu unseren Zähnen.3 Wir haben Zähne, die für eine ganz andere Ernährung angepasst wurden als die, die wir heute essen, zumindest in westlichen Gesellschaften.4 Weiche Diäten stimulieren das Kieferwachstum nicht und die Zähne, insbesondere unsere dritten Backenzähne (Weisheitszähne), werden beeinträchtigt. Tatsächlich traten Weisheitszähne nach der Industriellen Revolution zehnmal häufiger auf als zuvor. Probleme wie Löcher (Karies) und Plaque-Bildung sind heute beim Menschen enorm verbreitet. Die natürliche Auslese hat uns nicht gut auf die Art von Lebensmitteln vorbereitet, die wir heute essen.
Genau wie Baumringe können wir uns unter dem Mikroskop „Zahnringe“ ansehen; das sind kontinuierlich wachsende Gewebeschichten auf der Zahnwurzeloberfläche. Diese Ringe sind ein originalgetreues Archiv der physiologischen Erfahrungen und Stressfaktoren eines Menschen, von Schwangerschaften und Krankheiten bis hin zu Inhaftierungen und Wechseljahren. Diese Ereignisse hinterlassen eine unverwechselbare, dauerhafte Marke.5 6
Welche Stoffe schaden unseren Zähnen und warum?
Der Zahn besteht aus drei Schichten: dem äußeren Zahnschmelz, einer darunterliegenden Dentinschicht und Bindegewebe, das die Wurzeln an das Zahnfleisch bindet. Unser Zahnschmelz ist das härteste Gewebe im Wirbeltierkörper. Es ist seit Langem bekannt, dass Fruchtsäfte und Limonaden einen hohen Säuregehalt haben und die Schmelzhärte negativ beeinflussen können. Geschwächter und erodierter Zahnschmelz kann den Verschleiß des Zahns beschleunigen und das Risiko erhöhen, dass sich Karies entwickelt und schnell ausbreitet. Die meisten alkoholfreien Getränke, einschließlich Limonaden und Fruchtsäfte, sind von Natur aus sauer. Einige Studien haben gezeigt, dass zum Beispiel Orangensaft eine signifikante Erosion der Zähne verursachen kann. Eine im klinischen Journal der Academy of General Dentistry veröffentlichte Studie ergab, dass ein alarmierender Anstieg des Konsums von Sport- und Energiegetränken (Energy Drinks) insbesondere bei Jugendlichen irreversible Schäden an Zähnen verursacht – speziell erodiert der hohe Säuregehalt in den Getränken den Zahnschmelz, die glänzende äußere Schicht des Zahns. Menschen, die über 20 Minuten langsam an ihren Getränken nippen, haben mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Zahnerosion als Menschen, die ein Getränk schnell zu Ende trinken. Also gilt beim Konsum der süßen Wachmacher auf ex trinken, das ist gesünder für den Zahnschmelz, dank des hohen Zuckergehalts aber nicht für den Körper. Forscherinnen bemerkten dazu, sie hätten noch kein wirksames Instrument, um die erosiven Effekte dieser Getränke abzuwenden, obwohl es einige Anzeichen dafür gibt, dass höhere Fluoridspiegel den ungewollten Abbau verlangsamen können. Weniger Konsum – weniger Abbau.
Auch der häufige Verzehr bzw. das kontinuierliche Naschen von Lebensmitteln mit niedrigem pH-Wert wie Smoothies, Gurken, frischem Obst, Joghurt, Honig und Rosinen kann zu irreversibler Zahnerosion führen. Es ist wichtig, auch auf Gewohnheiten wie das Zitronenaussaugen zu achten. Den Biss in die Zitrone nach dem Wienerschnitzel-Genuss kannte ich noch von meiner Oma. Während meiner Studienzeit war dieser Biss in die Zitrone nach dem Tequila-Genuss angesagt. Dadurch wird allerdings die Zeit verlängert, in der Zahnschmelz und Dentin den Säuren ausgesetzt sind, und die strukturellen Schäden können so erhöht werden. Aber Obst als Teil einer ausgewogenen Ernährung zu essen, ist wichtig. Aufpassen muss man nur, wie oft man saures Essen konsumiert. Über den Tag verteilt in kleinen Portionen ist nachweislich am schlechtesten für den Zahnschmelz. Aber bitte nicht gleich nach dem Konsum von sauren Dingen die Zähne putzen gehen. Denn nach dem Säureangriff können wir den Schaden durch zu starkes Putzen noch vergrößern. Hier ist es ratsamer, Wasser zu trinken oder einen Kaugummi zu kauen. Auch der Speichelfluss verdünnt die Säuren im Mund und auf den Zähnen. Muss es Kaugummi mit einem hohen Xylitanteil sein? Xylitol ist ein beliebter Zuckerersatz in Süßigkeiten und es ist bekannt, dass es die Zähne weniger schädigt als Zucker. Es wurde früher auch davon ausgegangen, dass die Zugabe von Xylit zu Produkten dazu beitragen kann, Karies zu verhindern, indem das Wachstum von Karies produzierenden Bakterien gestoppt wird. Nach neuen Erkenntnissen, die in der Cochrane Database7 veröffentlicht wurden, gibt es jedoch nur wenige qualitativ hochwertige Beweise dafür, dass Xylit im Kampf gegen Karies von Vorteil ist. Wenn zu viel von diesem Zuckerersatzstoff konsumiert wird, landet man mit Durchfall am Klo.
Es gibt aber auch Lebensmittel, die sich positiv auf den Zahnschmelz auswirken, wie etwa Käse. Der hohe Gehalt an Kalzium, das in reifen Käsen kleine Kristalle bildet, trägt zur schützenden Wirkung der Zähne bei. Frühes Anzeichen einer Zahnerosion ist eine Dentinüberempfindlichkeit. Mit anderen Worten, wenn warme oder kalte Speisen und Getränke Schmerzen, Kribbeln oder Stechen verursachen, ist dies ein Hinweis auf eine beginnende Erosion. Zahnärzte können auch die tägliche Verwendung einer fluoridierten Zahnpasta mit einem neutralen pH-Wert empfehlen, um den erweichten Zahnschmelz wieder zu härten.8
Welche anderen Substanzen schaden unseren Zähnen ebenfalls? In den USA geben Menschen jedes Jahr mehr als eine Milliarde Dollar für Zahnweißprodukte aus. Obwohl diese Produkte das Lächeln etwas heller machen können, zeigen neue Forschungsergebnisse, dass sie auch Zahnschäden verursachen. In drei neuen Studien fanden die Forscher heraus, dass Wasserstoffperoxid, der Wirkstoff in rezeptfreien Bleaching-Streifen, das proteinreiche Dentingewebe unter dem Zahnschmelz schädigen kann. Die Forscherinnen weisen darauf hin, dass in ihren Experimenten nicht untersucht wurde, ob Kollagen und andere Proteine in den Zähnen danach regeneriert werden können. Daher ist nicht bekannt, ob der Zahnschaden dauerhaft ist. Zahnverfärbungen, die durch den Genuss diverser Lebensmittel wie Kurkuma oder grünem Tee ganz natürlich entstehen, machen die Zähne nicht kaputt. Wenn der Wunsch nach weißeren Zähnen besteht, bitte professionellen Rat bei der Zahnärztin des Vertrauens einholen. Durch Laserlicht können die eingelagerten Farbmoleküle am besten zerstört werden. Bitte die Zähne nicht mit Backpulver oder Aktivkohle abschrubben, wie es einige YouTuber im Internet machen. Hier ist der angerichtete Schaden viel größer als der Nutzen.
Schlechte Zähne – kürzeres Leben?
Ein schlechter Allgemeinzustand der Zähne ist auch eine mögliche Ursache für schwere Erkrankungen, wie einige Studien belegen. Diese legen nahe, dass eine schlechte Mundhygiene vermehrt zu Bakterien im Blut führt, die Entzündungen im Körper verursachen können. Eine solche Entzündung erhöht das Risiko von Vorhofflimmern (unregelmäßiger Herzschlag) und Herzinsuffizienz (die Fähigkeit des Herzens, Blut zu pumpen oder sich zu entspannen und mit Blut zu füllen). Eine Studie in Südkorea untersuchte den Zusammenhang zwischen Mundhygiene und dem Auftreten dieser beiden Zustände. Diese erbrachte folgende Ergebnisse: Das dreimal tägliche Zähneputzen war mit einem um 10 % geringeren Risiko für Vorhofflimmern und einem um 12 % geringeren Risiko für Herzinsuffizienz während des 10,5-jährigen Nachbeobachtungszeitraums verbunden. Die Ergebnisse waren unabhängig von einer Reihe von Faktoren wie Alter, Geschlecht, sozioökonomischer Status, regelmäßige Bewegung, Alkoholkonsum, Body-Mass-Index und Komorbiditäten wie Bluthochdruck.9
Dass Rauchen nicht gesund ist, steht auf jeder Zigarettenpackung. Der blaue Dunst schadet aber auch den Zähnen! Studien ergaben, dass Erwachsene, die aus nichttraumatischen Gründen (Unfall oder Raufhandel zählen nicht dazu) Zähne verloren hatten, ein höheres Risiko aufwiesen, an Herz-Kreislauf-Krankheiten zu erkranken. Regelmäßige Raucher haben ein signifikant erhöhtes Risiko für Zahnverlust, bestätigt eine neue Studie. Männliche Raucher verlieren bis zu 3,6-mal häufiger ihre Zähne als Nichtraucher, Raucherinnen 2,5-mal häufiger als Nichtraucherinnen.10
Die Zähne fallen aus, das Herz wird geschädigt und nun bekommt auch noch das Hirn seinen Anteil ab. Und alles wegen unserer Zähne! Forscher in Norwegen haben einen klaren Zusammenhang zwischen Mundgesundheit und Alzheimer entdeckt. Die Bakterien, die Gingivitis (Entzündung des Zahnfleischs) verursachen, können vom Mund zum Gehirn gelangen, wo die schädlichen Enzyme, die sie ausscheiden, die Nervenzellen zerstören können. Die Forschergruppe konnte zum ersten Mal einen DNA-Beweis für diesen Prozess im menschlichen Gehirn erbringen. Die Wissenschaftlerinnen von der Universität Bergen untersuchten 53 Menschen mit Alzheimer und entdeckten in 96 % der Fälle das Enzym. Aufgrund dieses Befundes kann nun an möglichen neuen Ansätzen zur Bekämpfung der Alzheimer-Krankheit gearbeitet werden. Dennoch muss darauf hingewiesen werden, dass diese Bakterien allein nicht Alzheimer verursachen, das Vorhandensein dieser Bakterien erhöhte aber das Risiko für die Entwicklung dieser Krankheit erheblich und ist auch mit einem schnelleren Fortschreiten verbunden. Daher der Tipp der Wissenschaftlerinnen: Wenn Sie an Zahnfleischentzündung leiden und Alzheimer in Ihrer Familie haben, gehen Sie regelmäßig zum Zahnarzt und putzen Sie Ihre Zähne richtig.11
Zahngesundheit: Vermeiden Sie den Konsum von Energy Drinks und Limonaden. Verzichten Sie auf Zwischenmahlzeiten mit sauren Lebensmitteln und Naschereien. Regelmäßiges Zähneputzen und Besuche beim Zahnarzt sind wichtig.
Genug gekaut, jetzt geht es ab mit dem Nahrungsbrei in den Magen. Der Weg dorthin wird oft vergessen, aber ohne unsere Speiseröhre, einen der wenigen Ringmuskeln in unserem Körper, wäre eine Nahrungsaufnahme für uns nicht möglich.
Die Speiseröhre – oft benutzt und selten beachtet
Der Nahrungsbrei macht sich auf den Weg in den Magen. Die Ringmuskulatur drückt den Speisebrei immer weiter hinunter, bis dieser im Magen ankommt. Dieser Muskel arbeitet, ohne dass er von uns bewusst gesteuert werden kann. Manchmal kommt auch etwas Magensäure wieder zurück. Das Sodbrennen ist ein Leiden, das vielen von uns nur zu gut bekannt ist. Auf Dauer kann es zu einem sogenannten Barrett-Ösophagus (BÖ) führen (benannt nach dem britischen Chirurgen Norman Rupert Barrett), wenn sich die Zellen der unteren Speiseröhre durch die Säurebelastung verändern. Erfolgt spätestens dann keine Ernährungsumstellung ist die Endstation Speiseröhrenkrebs. Hier ein paar erschreckende Daten dazu:
Speiseröhrenkrebs ist die achthäufigste Krebsart und die sechsthäufigste Todesursache bei Krebserkrankungen weltweit. Die Inzidenz von Speiseröhrenkrebs hat sich seit den 1970er-Jahren versechsfacht – sprich, keine Krebsart hat sich in der westlichen Welt in den letzten 50 Jahren so vermehrt wie diese! Da die Krankheit oft erst im fortgeschrittenen Stadium entdeckt wird, liegen die Fünfjahresüberlebensraten weltweit zwischen 15 und 25 %. Es besteht ein dringender Bedarf an neuen Wegen der Prävention und Früherkennung.
Ich möchte kurz darauf eingehen, wie es dazu kommt, welches Essverhalten dies eventuell fördert und wie eine Prävention aussehen kann.
Tatsächlich tritt bei etwa 40 % der Erwachsenen mindestens einmal im Monat Sodbrennen auf. Chronische Entzündungen im Zusammenhang mit gastroösophagealer Refluxkrankheit (GERD) können, wie schon erwähnt, zur Entwicklung des Barrett-Ösophagus führen, einer Krebsvorstufe. Laut einer Studie von Forschern des National Cancer Institute in Bethesda, USA, können Menschen, die in den Zwanzigern übergewichtig sind und später im Leben fettleibig werden, dreimal häufiger an Krebs der Speiseröhre oder des oberen Magens erkranken.12 Übergewicht kann langfristige Refluxprobleme und Sodbrennen auslösen, die zu Krebs führen können. Es kann auch den Spiegel von Sexualhormonen wie Östrogen und Testosteron verändern, einen Anstieg des Insulinspiegels verursachen und zu Entzündungen führen. All dies sind Faktoren, die mit einem erhöhten Krebsrisiko in Verbindung gebracht wurden. Die Studie bündelte Daten von mehr als 400.000 Menschen. Die Forscherinnen verfolgten die Krankheitsgeschichten dieser Menschen 30 Jahre lang, um zu sehen, welche von ihnen Krebs der Speiseröhre oder des oberen Magens entwickelten.13 Eine weitere Studie zeigte, dass Menschen mit Typ-2-Diabetes einem höheren Risiko für Barrett-Ösophagus ausgesetzt sein können, unabhängig von anderen Risikofaktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum, Fettleibigkeit oder gastroösophageale Refluxkrankheit (GERD).
Auch exzessiver Genuss von harten Getränken sowie das Rauchen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, an Speiseröhrenkrebs zu erkranken. Wie sieht es aber mit mäßigem Genuss aus? Die erste und größte bevölkerungsbasierte Studie, die sich mit dem Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und Risiko für BÖ beschäftigt hat, wurde zum Teil von den National Institutes of Health finanziert und untersuchte zwischen 2002 und 2005 953 Männer und Frauen in Nordkalifornien. Dabei stellte sich heraus, dass Menschen, die täglich ein oder mehrere Gläser Rotwein tranken, weniger als die Hälfte des Risikos hatten, einen BÖ auszubilden. Keine Verringerung des BÖ-Risikos gab es bei Menschen, die Bier oder Schnaps tranken. Die Forscher sind sich nicht sicher, warum Wein das Risiko für BÖ und Speiseröhrenkrebs verringert. Eine Theorie besagt, dass die Antioxidantien des Weins den oxidativen Schaden neutralisieren, der durch die gastroösophageale Refluxkrankheit, einem Risikofaktor für BÖ, verursacht wird. Eine andere Theorie besagt, dass Weintrinker normalerweise Lebensmittel zu ihrem Wein konsumieren, statt reinen Alkohol ohne Lebensmittel zu trinken, wodurch die potenziell schädliche Wirkung von Alkohol auf das Gewebe der Speiseröhre verringert wird. Bitte nicht vergessen, dass Alkohol trotzdem noch ein Zellgift ist. Mag er in Bezug auf die Speiseröhre auch nicht schaden, kann dies in einem anderen Zelltyp oder Organ schon wieder anders aussehen. Neue Untersuchungen haben ergeben, dass sich die Überlebensraten von Patienten mit BÖ, der eine Vorstufe für Speiseröhrenkrebs sein kann, nicht von den Überlebensraten der Allgemeinbevölkerung unterscheiden.
Wie kann ich Speiseröhrenkrebs vorbeugen?
Nehmen Sie Gewicht ab, wenn Sie leicht bis stark übergewichtig sind. „Nach dem Essen sollst du ruhen oder 1000 Schritte tun“ – Legen Sie sich nach dem Essen nicht hin, sondern entscheiden Sie sich, was dieses Sprichwort betrifft, immer für die Schritte! Bei Patienten mit saurem Reflux funktioniert die Klappe zwischen Speiseröhre und Magen nicht richtig, sodass der Mageninhalt in die Speiseröhre zurückkehren kann. Das Hinlegen kann dieses Problem verschlimmern und zu Sodbrennen führen. Achten Sie darauf, früh zu essen, damit sich Ihr Magen vor dem Schlafengehen entleert. Wenn Sie Reflux haben, sollten Sie die Kissen so anordnen, dass Ihr Kopf und Ihre obere Brust im Schlaf erhöht sind. Magensäure fließt wie Wasser nicht bergauf.
Verzichten Sie einige Zeit auf fetthaltige Speisen wie Wurstwaren oder Speck. Fertiggerichte und Fast Food sollten ebenfalls gemieden werden. Kohlensäurehaltige Getränke können den Schließmuskel zwischen Speiseröhre und Magen dazu bringen, dass dieser sich öffnet und die Säure in die Speiseröhre aufsteigen kann. Auch Zitrusfrüchte, die viel Säure enthalten, wie Zitronen, Orangen und Grapefruits sollten für eine bestimmte Zeit vom Speiseplan gestrichen werden. Weißweine und Schaumweine haben es ebenfalls in sich. Der Alkohol bewirkt eine Öffnung des Schließmuskels und die Säure des Weißweins gesellt sich zur Säure des Magens. Auch scharfe Gewürze wie Chili, Curry und Pfeffer regen die Säurebildung im Magen an – da hilft nur der Verzicht auf bestimmte Zeit. Zudem muss eine fachärztliche Kontrolle erfolgen. Mittlerweile gibt es einige Möglichkeiten, den Barrett-Ösophagus zu diagnostizieren, etwa mittels Endoskopie und Biopsie der Speiseröhre.14 15 Vergessen Sie bitte nicht: Speiseröhrenkrebs kann geheilt werden, wenn er früh diagnostiziert wird.16
Eine spannende Studie in Bezug auf Zink und Speiseröhrenkrebs wurde unlängst veröffentlicht. Zink ist ein wichtiges Element und als Cofaktor für die richtige Funktion von Proteinen und vielen Enzymen verantwortlich. Das Fehlen von Zink macht es den Zellen oft unmöglich, zu funktionieren. Diese Studie untersuchte die selektiv hemmende Wirkung von Zink auf Krebszellen im Vergleich zu nicht-entarteten Epithelzellen der Speiseröhre. Bisher wusste man noch nicht, warum die gleichen physiologischen Zinkkonzentrationen das Wachstum von Krebszellen hemmen, nicht jedoch das normaler Zellen. Diese Studie zeigte zum ersten Mal, dass Zink überaktive Kalziumsignale in Krebszellen hemmt, die in normalen Zellen fehlen, und Zink somit selektiv das Wachstum von Krebszellen hemmt. Laut Studienleiter könnte eine unzureichende Menge an Zink zur Entwicklung von Krebs und anderen Krankheiten führen.
In welchen Lebensmitteln ist viel Zink zu finden? Austern sind der Spitzenreiter, aber nicht überall erhältlich. Innereien wie Leber, aber auch rotes Rindfleisch enthalten relativ viel davon. Bei pflanzlichen Produkten sind Hülsenfrüchte und Zink-Spitzenreiter wie Kürbiskerne und Weizenklee zu nennen. Leider bilden verschiedene Inhaltsstoffe der Pflanzen feste Komplexe mit dem Zink, die vom Körper nicht so gut aufgenommen werden wie das Zink aus tierischen Produkten. Geflügel und Eier liefern ebenfalls sehr viel Zink. Bei Milchprodukten sind Gouda und Edamer zu empfehlen.
Schlechte Gene, heiße Getränke und Mikroben
Manchmal kommen zu einer schlechten Ernährungsweise noch schlechte Gene. Erstmals konnten genetische Variationen identifiziert werden, die mit dem Auftreten des Barrett-Ösophagus einhergehen. Diese genetischen Variationen befanden sich in der Nähe eines Gens – FOXF1 –, von dem bekannt ist, dass es an der Entwicklung des Magen-Darm-Trakts (Speiseröhre, Magen und Darm) beteiligt ist.17 Eine andere Studie zeigte die Verbindung zu einem Virus auf. Das humane Papillomavirus (HPV) verdreifacht das Risiko für Menschen, an Speiseröhrenkrebs zu erkranken.18
Heiße Getränke wie Tee oder Kaffee sind mit Vorsicht zu genießen und können dem Mund sowie der Speiseröhre auf Dauer bzw. bei übermäßigem Konsum Schaden zufügen. Wissenschaftlerinnen untersuchten die Trinkgewohnheiten von 300 Personen, bei denen Mund- bzw. Speiseröhrenkrebs diagnostiziert wurde, und eine entsprechende Gruppe von 571 gesunden Kontrollpersonen aus demselben Gebiet (Iran). Fast alle Teilnehmer tranken regelmäßig über einen Liter schwarzen Tee pro Tag. Verglichen mit dem Konsum von warmem oder lauwarmem Tee (65 °C oder weniger) erhöhte sich das Risiko für Speiseröhrenkrebs bei Konsum von heißem Tee (65–69 °C) auf das Doppelte und bei Konsum von sehr heißem Tee (70 °C oder mehr) auf das Achtfache.
Eine Analyse der im Mund vorhandenen Bakterien zeigte, dass einige Arten von Bakterien, die zu Parodontitis (bakterielle Zahnfleischentzündung) führen, mit einem höheren Risiko für Speiseröhrenkrebs verbunden waren. In einer prospektiven Fall-Kontroll-Studie extrahierten die Forscher DNA und sequenzierten orale Waschproben, sodass die oralen Mikrobiome der Fälle von Speiseröhrenkrebs und der krebsfreien Fälle verglichen werden konnten. Eine höhere Anzahl bestimmter Bakterientypen war mit einem höheren Risiko für Speiseröhrenkrebs verbunden. Folgende Arten konnten bestimmt werden: Tannerella forsythia und Porphyromonas gingivalis. Beide Bakterienarten sind mit einer häufigen Zahnfleischerkrankung verbunden.19 Auch hier zeigt sich wieder die immense Bedeutung einer guten Mundhygiene.
Schluckbeschwerden im Alter – ein häufiges Problem
Um das Kapitel zu komplettieren, dürfen die Schluckbeschwerden nicht vergessen werden, die in Zukunft immer mehr Menschen betreffen werden, da die Menschen in Österreich immer älter werden. Fast die Hälfte aller 75-Jährigen leidet schon heute an mehr oder weniger ausgeprägten Schluckbeschwerden. Eine sogenannte Dysphagie schränkt die Menschen in ihrer Lebensfreude sehr ein. Flüssigkeits- oder Elektrolytstörungen sind Begleiterscheinungen. Jedes Schlucken fühlt sich an wie ein Verschlucken und führt zu massivem Hustenreiz. Im schlimmsten Fall kommen Nahrungsstücke so in die Luftröhre und führen dort zu einer Lungenentzündung (Aspirationspneumonie). Für viele ältere Menschen ist dies ein fast sicheres Todesurteil.
Wie kommt es zu einer Dysphagie? Die Ursachen sind vielfältig. Ein Schlaganfall sowie Alzheimer, Parkinson oder Multiple Sklerose im fortgeschrittenen Stadium können die Regionen im Gehirn schädigen, die für den Schluckreflex zuständig sind. Was kann man dagegen tun?
Flüssigkeiten müssen Verdickungsmittel zugesetzt werden. Zunehmend werden Techniken aus der Molekularen Küche eingesetzt, um, abgesehen von der Konsistenz, Speisen geschmacklich interessant zu gestalten. Bunte Gelwürfel etwa kommen zum Einsatz, um Menschen Flüssigkeit zuzuführen, denn diese bestehen aus 99 % Wasser und 1 % Agar-Agar. Ein gutes Buch zu dieser Thematik haben Thomas Vilgis, Ilka Lendner und Rolf Caviezel geschrieben: Ernährung bei Pflegebedürftigkeit und Demenz – Lebensfreude durch Genuss. Empfehlenswert!
Auch die Gabe von Pfefferminzöl vor einer Mahlzeit kann hilfreich sein. Bei Behandlung mit Pfefferminzöl gaben 63 % der Patienten mit Erkrankungen der Speiseröhre bzw. Schluckbeschwerden an, sich viel oder etwas besser zu fühlen. 83 % der Patienten mit spastischen Erkrankungen der Speiseröhre gaben an, sich besser zu fühlen. Pfefferminze ist eine attraktive Erstbehandlung, da sie nur wenige Nebenwirkungen hat und von Patientinnen nach Bedarf eingenommen werden kann.
Einer der Nachteile der Studie war, dass die Forscher die genaue Dosierung der Pfefferminze nicht kannten, da es sich um eine kommerzielle Süßigkeit handelte. Zudem wurden Selbstberichterstattungen der Patientinnen ausgewertet. Obwohl die vorläufigen Ergebnisse dieser Studie vielversprechend sind, müssen sie in weiteren Studien bestätigt werden, wobei dann Patienten eine bestimmte Dosis Pfefferminzöl erhalten und andere nur ein Placebo. Der Vergleich der beiden Gruppen sollte dann solidere Ergebnisse liefern.20
Speiseröhre: Verzichten Sie bei Sodbrennen auf fetthaltige, kohlenhydratreiche Speisen sowie saure Lebensmittel. Schränken Sie Ihren Alkoholkonsum massiv ein. Vermeiden Sie Mahlzeiten zwei Stunden vor dem Schlafengehen. Heiße Getränke vor dem Genuss unbedingt etwas abkühlen lassen. Übergewicht abbauen.
Der Magen – ein saurer Geselle
Ich hoffe, Sie sind nicht zu hungrig, um meinen weiteren Ausführungen folgen zu können. Unser Magen ist ein Hohlorgan aus Muskelgewebe, in dem der Nahrungsbrei mit dem Magensaft vermengt wird. Das ungefähre Fassungsvermögen beträgt 1,5 Liter. Der Magensaft besteht hauptsächlich aus Salzsäure und dem Enzym Pepsin. Dieses Verdauungsenzym, eine Peptidase, ist am aktivsten, wenn der pH-Wert zwischen 1,5 und 3 liegt. Und die einzige Aufgabe dieses Enzyms ist es, Proteine abzubauen, zu zerkleinern. Der Nahrungsbrei wird durch Muskelkontraktion (Peristaltik) weiter zum Pförtner transportiert und von dort geht die Reise in den Zwölffingerdarm. Warum ist der Magen so sauer und macht uns damit eigentlich nur Probleme – siehe Sodbrennen und dessen Folgen im vorangehenden Kapitel?
Eine Analyse der Daten zum Säuregehalt und zur Ernährung des Magens bei Vögeln und Säugetieren legt nahe, dass sich der hohe Säuregehalt des Magens nicht entwickelt hat, um Tieren beim Abbau von Nahrungsmitteln zu helfen, sondern um sie gegen Lebensmittelvergiftungen zu schützen. Die Arbeit wirft interessante Fragen zur Entwicklung der Magensäure beim Menschen sowie dazu auf, wie das moderne Leben sowohl unsere Magensäure als auch die mikrobiellen Gemeinschaften, die in unserem Darm leben, beeinflusst. Die Forscher fanden heraus, dass Aasfresser oder Arten, die Lebensmittel mit einem hohen Risiko für mikrobielle Kontamination essen, einen saureren Magen haben. Diese Säure ermöglicht es dem Magen, als Filter zu wirken und effektiv zu steuern, welche Mikroben durch den Magen zum Darm gelangen können.21 Doch werden nicht alle Bakterien durch die Salzsäure abgetötet – und auf diese zähen Gesellen müssen wir noch ein Auge werfen, können sie doch großen Schaden anrichten.
Unerwünschte Mitbewohner
Im Mund leben über 600 verschiedene Bakterienarten, von denen einige Krankheiten verursachen können. Es wurde durch wissenschaftliche Analysen gezeigt, dass Helicobacter pylori Magengeschwüre verursacht und auch für einen großen Anteil von Magenkrebs verantwortlich ist. Wissenschaftler schätzen, dass zwischen 20 und 80 % der Menschen in den Industrieländern und über 90 % der Menschen in den Entwicklungsländern das Bakterium im Magen tragen. Bakterien, die Magengeschwüre und Krebs verursachen, könnten laut einer im Journal of Medical Microbiology veröffentlichten Studie auch Mundgeruch verursachen. Zum ersten Mal haben Wissenschaftlerinnen festgestellt, dass Helicobacter pylori im Mund von Menschen lebt, die keine Anzeichen einer Magenerkrankung aufweisen. Mundgeruch ist ein häufiges Problem beim Menschen. Dieser wird hauptsächlich durch Parodontitis, schlechte Mundhygiene und schlecht sitzende Zahnfüllungen verursacht. Bakterien produzieren flüchtige Verbindungen, die unangenehm riechen, einschließlich Schwefelwasserstoff, Methylmercaptan und Dimethylsulfid. Ärzte messen häufig die Spiegel dieser Verbindungen, um das Problem zu diagnostizieren. Es wird auch allgemein angenommen, dass gastrointestinale Erkrankungen Mundgeruch verursachen.
Patienten, bei denen Helicobacter pylori in der Mundhöhle nachgewiesen wurde, hatten mehr Blut im Speichel und auch mehr von einer anderen Bakterienart, genannt Prevotella intermedia. Dies sind die maßgebenden Bakterien in Bezug auf Zahnfleischentzündung. Obwohl das Vorhandensein von Helicobacter pylori im Mund nicht direkt Mundgeruch verursacht, ist es mit Parodontitis verbunden, die ihrerseits Mundgeruch hervorruft.22 23
Gastritis oder Entzündungen der Magenschleimhaut hängen mit exzessivem Alkoholkonsum und Fehlernährung zusammen, können aber auch durch Virusinfektionen, nichtsteroidale, entzündungshemmende Medikamente (wie Aspirin) oder Bakterien verursacht werden.
Dem Bakterium Helicobacter pylori müssen wir jetzt kurz unsere Aufmerksamkeit schenken. Woher kommt es und warum kann es uns schaden, wenn es im Magen vorkommt?
Helicobacter pylori ist ein spiralförmiges Bakterium, das in der Schleimschicht wächst, die das Innere des menschlichen Magens bedeckt, und Geschwüre verursacht. Es wird angenommen, dass mehr als 50 % der Weltbevölkerung an der Infektionskrankheit leiden, die die Hauptursache für Magenkrebs ist. Laut der Weltgesundheitsorganisation war Magenkrebs 2015 die vierthäufigste Todesursache bei Krebs und tötete weltweit über 750.000 Menschen.24
Wissenschaftler haben entdeckt, dass die allgegenwärtigen Bakterien, die schmerzhafte Magengeschwüre verursachen, im menschlichen Verdauungssystem bereits vorhanden waren, als der moderne Mensch vor über 60.000 Jahren aus Afrika einwanderte. Sie verglichen DNA-Sequenzmuster von Menschen und die Helicobacter pylori-Besiedelungen, von denen heute bekannt ist, dass sie die meisten Magengeschwüre verursachen, und stellten fest, dass sich die genetischen Unterschiede zwischen menschlichen Populationen, die bei der Ausbreitung aus Ostafrika über Tausende von Jahren entstanden sind, auch in Helicobacter pylori widerspiegeln.
Wissenschaftlerinnen entdecken anhand der mumifizierten Überreste von Ötzi, dem Mann aus der Kupferzeit, der 1991 in einem Gletscher entdeckt wurde, auch ständig neue Fakten über uns Menschen. Forscherinnen ist es nun gelungen, das Vorhandensein von Helicobacter pylori in Ötzis Mageninhalt nachzuweisen.
Ein weiteres prominentes Opfer dieses Keimes war Napoleon. Eine 1938 durchgeführte Studie ergab, dass Napoleons Vater an Magenkrebs starb. 1961 wurde in den Haaren Napoleons ein erhöhter Arsengehalt festgestellt, was Gerüchte über eine Arsenvergiftung aufkommen ließ. Autopsie- und Arztbeschreibungen ergaben allerdings keine verräterischen Anzeichen einer Arsenvergiftung. Der pralle Kaiser hat in den letzten sechs Monaten seines Lebens mindestens zehn Kilogramm abgenommen, ein Zeichen für Magenkrebs. Die Autopsieberichte zeigen, dass Napoleons Magen mit einem dunklen Material gefüllt war, das Kaffeesatz ähnelte, ein Hinweis auf gastrointestinale Blutungen, die wahrscheinlich die unmittelbare Todesursache waren.
Kommen wir zurück in die Gegenwart. Viele Menschen unter 60, die an Magenkrebs erkranken, haben eine schlechte Prognose, wieder gesund zu werden. Im Vergleich zu Magenkrebs bei älteren Erwachsenen wächst und breitet sich diese neue, früh einsetzende Form häufig schneller aus, hat eine schlechtere Prognose und ist resistenter gegen herkömmliche Chemotherapie-Behandlungen, so die Studie. Normalerweise wird bei Patienten in den 70ern Magenkrebs diagnostiziert. Während die Rate an Magenkrebs bei älteren Patienten seit Jahrzehnten zurückgeht, nimmt der früh einsetzende Krebs zu und macht heute mehr als 30 % der Magenkrebsdiagnosen aus. Ein Zusammenhang in Bezug auf die drastisch veränderte Ernährungsweise der letzten Jahrzehnte wird angenommen.
Wenn es darum geht, den brennenden Schmerz einer Gastritis oder einer entzündeten Magenschleimhaut zu lindern, scheint es eine gute Idee zu sein, die Säuremenge im Magen zu reduzieren. Zwei neue Studien mit Labormäusen, die von Wissenschaftlern des Howard Hughes Medical Institute an der University of Michigan Medical School durchgeführt wurden, zeigen jedoch, dass dies genau das Falsche sein könnte. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass Antibiotika der beste Weg sind, um die Gastritis verursachenden Bakterien abzutöten und Magenentzündungen bei ihren experimentellen Mäusen zu beseitigen. Mäuse, die mit verschreibungspflichtigen Medikamenten behandelt wurden, die als Protonenpumpenhemmer oder PPI bezeichnet werden und die Säureproduktion blockieren, erwarben mehr Bakterien und entwickelten mehr entzündliche Veränderungen in ihrer Magenschleimhaut als unbehandelte Mäuse. Diese Studie wurde zwar „nur“ an Mäusen durchgeführt, es gibt aber bereits weitere Hinweise, dass Protonenpumpenhemmer, über längere Zeit eingenommen, negative Effekte haben. Eine Ernährungsumstellung würde sich auch hier positiv auswirken und die Länge der Medikation verringern!
Forscher der University of Nottingham haben gezeigt, dass Helicobacter pylori die körpereigene Produktion von menschlichem Beta-Defensin 1 (hβD1), einem antimikrobiellen Faktor in der Magenschleimhaut, der zur Verhinderung einer bakteriellen Infektion beiträgt, unterdrücken kann. Anhand der Entnahme von Magengewebe-Biopsien von 54 Patienten im Queens Medical Center in Nottingham zeigte das Team, dass mit Helicobacter pylori infizierte Patienten zehnmal weniger hβD1 hatten als nicht infizierte Patienten. Jene mit der geringsten Menge an hβD1 hatten die meisten Bakterien in ihrer Magenschleimhaut.25 26
Erdbeeren und Brokkoli sind Magenfreunde
In einem Experiment an Ratten haben europäische Forscherinnen nachgewiesen, dass der Verzehr von Erdbeeren den Schaden verringert, den Alkohol an der Magenschleimhaut verursachen kann. Die Studie kann zur Verbesserung der Behandlung von Magengeschwüren beitragen. Die Schlussfolgerungen der Studie besagen, dass eine erdbeerreiche Ernährung einen positiven Effekt auf die Vorbeugung von Magenerkrankungen, die mit der Bildung freier Radikale oder anderer reaktiver Sauerstoffspezies zusammenhängen, haben kann. Diese Frucht könnte die Bildung von Magengeschwüren beim Menschen verlangsamen. Behandlungen von Geschwüren und anderen Magenerkrankungen benötigen derzeit neue Schutzmedikamente mit antioxidativen Eigenschaften. Die in Erdbeeren enthaltenen Verbindungen könnten die Antwort sein.27
Die Entdeckung, dass Sulforaphan, ein Inhaltsstoff, der in großer Konzentration in Brokkoli vorkommt, gegen Prostatakrebszellen wirkt, wurde schon detailliert weitererforscht. Jetzt gibt es Hinweise, dass diese Verbindung auch ein wirksames Mittel gegen Helicobacter pylori ist. Brokkolisprossen haben eine viel höhere Konzentration an Sulforaphan als reife Brokkoliköpfe. Was wir nicht wissen, ist, ob es verhindern kann, dass Menschen an Magenkrebs erkranken. Die Tatsache, dass das Ausmaß an Infektionen und Entzündungen verringert werden konnte, legt allerdings nahe, dass die Wahrscheinlichkeit, an Gastritis, Geschwüren und folglich an Krebs zu erkranken, vermutlich verringert wird. So die Kernaussage dieser Studie.28 Frische Erdbeeren, in der Erntesaison genossen, können sich bei Magenleiden positiv auswirken, weitere Studien am Menschen müssen aber noch folgen. Die gesundheitsfördernde Wirkung von Brokkoli und dessen Sprossen ist wissenschaftlich schon sehr genau erforscht; daher meine Empfehlung: Essen Sie mehr davon!
Magen: Verzichten Sie auf Alkohol und wenn möglich auf Aspirin. Protonenpumpenhemmer bringen kurzzeitige Linderung, sind auf Dauer aber nicht zu empfehlen. Frische Erdbeeren in der Saison sowie Brokkoli über das ganze Jahr genossen wirken positiv auf Ihren Magen!
Die Bauchspeicheldrüse – viele Funktionen in einem Organ
Diesen Abschnitt starte ich mit einem spannenden Erfahrungsbericht. Der Bassist von Guns N’ Roses, Duff McKagan, war Anfang der 1990er-Jahre dem Alkohol sehr zugetan. Besonders ausgeprägt war seine Vorliebe für Hochprozentiges auf der Welttournee 1992. Es gab Tage, an denen er zwei Flaschen Wodka trank. An das Konzert in Prag konnte er sich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Er stieg dann von Wodka auf Weißwein um, da dieser nicht so viel Alkohol enthält. Aber sechs Flaschen pro Tag waren dann doch zu viel. Ihm explodierte die Bauchspeicheldrüse, er wurde notoperiert und überlebte. Dieses Erlebnis machte ihn vom Saulus zum Paulus. Er hörte mit dem Trinken auf, trainierte Kickboxen bei Benny Urquidez, studierte Betriebswissenschaften, machte den Masterabschluss und investierte geschickt in Google-, Apple- und Amazon-Aktien, als die Firmen noch klein waren. Mittlerweile ist er wieder auf Tournee mit seiner alten Band. Alles nachzulesen in seiner Autobiografie It´s So Easy (and other lies).29
Doch was macht dieses Organ genau in unserem Körper – außer, wie im Fall von Duff McKagan, zu explodieren? Die Bauchspeicheldrüse bildet zum einen die Verdauungssäfte, die in den Zwölffingerdarm abgegeben werden. Im Verdauungssaft befinden sich Enzyme, die Proteine, Kohlenhydrate und Fette aus der Nahrung aufspalten können. Nur so können diese später im Dünndarm aufgenommen werden. Diese Funktion ist die einer exokrinen Drüse, es werden Stoffe nach außen abgegeben. Die zweite nicht minder wichtige Funktion ist die Bildung von Insulin. In der Bauchspeicheldrüse gibt es spezielle Zellareale, die Langerhans-Inseln genannt werden. Diese sind sogenannte endokrine Zellen (nach innen abgebend) und produzieren das Hormon Insulin sowie Glucagon. Bei Typ-1-Diabetes bekämpft unser Immunsystem diese Zellen und zerstört sie. Bei Typ-2-Diabetes reagieren die Zellen nicht mehr auf das Insulin. Die Bauchspeicheldrüse muss immer mehr produzieren und stellt schließlich die Arbeit ein. Ein Team der Newcastle University, Großbritannien, hat gezeigt, dass Typ-2-Diabetes durch Fettansammlung in der Bauchspeicheldrüse verursacht wird – und dass der Verlust von weniger als einem Gramm dieses Fettes durch Gewichtsverlust den Diabetes umkehrt!
Schauen wir uns kurz an, auf welchen Wegen dieses wichtige Organ Schaden erleidet. Pankreatitis ist eine Erkrankung, bei der sich die Bauchspeicheldrüse entzündet und starke Bauchschmerzen verursacht. Dieses Krankheitsbild wird oft durch übermäßigen Alkoholkonsum ausgelöst, der dazu führt, dass Verdauungsenzyme einen Teil der Bauchspeicheldrüse verdauen.
Kann der Mensch auch ohne Bauchspeicheldrüse leben? Das Entfernen der gesamten Bauchspeicheldrüse bei Patienten mit Krebs oder Krebsvorstufen in einem Teil des Organs führt nicht zu unüberschaubarem Diabetes, wie viele Ärzte zuvor angenommen haben. Die Studie, die in der Zeitschrift HPB Surgery veröffentlicht wurde, bewertet, wie gut Patienten, bei denen die gesamte Bauchspeicheldrüse entfernt wurde, den daraus resultierenden Diabetes kontrollieren zu können. Wenn das Organ weg ist, muss Insulin ersetzt werden, normalerweise durch eine externe Pumpe oder Injektionen. 30 31 Die künstliche Bauchspeicheldrüse ist ein automatisiertes System, das die normale Bauchspeicheldrüse simuliert, indem die Insulinabgabe kontinuierlich an Änderungen des Glucosespiegels angepasst wird.32 33 Neueste Forschungsergebnisse zeigen, dass Diabetes Typ 2 durch eine radikale Ernährungsumstellung sogar rückgängig gemacht werden kann. Auf das Spritzen bzw. die tägliche Einnahme von Tabletten kann dann in vielen Fällen verzichtet werden. Eine Absprache mit einer Ernährungsmedizinerin und einem Diätologen ist hierbei sehr wichtig. Wird die schmackhafte Diät eingehalten, mehr Bewegung gemacht und das Körpergewicht reduziert, bleibt auch der Diabetes Typ 2 fern. Während eine Pankreatitis sowie Diabetes Typ 1 und 2 noch relativ gut zu behandeln sind, ist eine Krebserkrankung der Bauchspeicheldrüse meist ein Todesurteil.
Unentdeckt, mittendrin und schwer zu erreichen
Bauchspeicheldrüsenkrebs ist der vierthäufigste Krebs in den USA und einer der tödlichsten, der nach Angaben der National Institutes of Health für mehr als 33.000 Todesfälle pro Jahr verantwortlich ist. Prominente Opfer dieser Krankheit sind Patrick Swayze, Luciano Pavarotti und Steve Jobs. Bis 2030 wird Bauchspeicheldrüsenkrebs voraussichtlich die zweittödlichste Krebsart der Welt sein.
Bauchspeicheldrüsenkrebs gilt als der Krebstyp mit den niedrigsten Überlebensraten. Weniger als sieben von 100 Patienten überleben die ersten fünf Jahre nach der Diagnose. Ärzte führen diese verheerende Prognose auf zwei Umstände zurück: Bauchspeicheldrüsenkrebs verursacht häufig keine Anzeichen oder Symptome und hat zum Zeitpunkt der Entdeckung in den meisten Fällen bereits ein sehr fortgeschrittenes Stadium erreicht. Außerdem breitet er sich sehr früh außerhalb der Bauchspeicheldrüse aus.34 Exzessiver Alkoholkonsum und Tabakrauch scheinen diese Art von Krebs extrem zu fördern. Ein neuer Bluttest kann Bauchspeicheldrüsenkrebs in den frühesten Stadien der Krankheit erkennen. Da das Immunsystem als Erstes auf Bedrohungen etwa durch komplexe Krankheiten wie Krebs, Autoimmunerkrankungen und Infektionen reagiert, wurde ein Microarray (parallele Nachweise von mehreren Hundert Molekülen) entwickelt, um diese frühe Reaktion widerzuspiegeln. Dieses liefert Informationen über die Entwicklung von Tumoren, lange bevor sie im CT sichtbar sind oder mit herkömmlichen Tests im Labor nachgewiesen werden können. Aus diesen Hunderten von Markern wurden 29 ausgewählt, um Bauchspeicheldrüsenkrebs in Stadium I und II mit einer Genauigkeit von 96 % zu erkennen.35
Die Bauchspeicheldrüse liegt zwischen Magen, Zwölffingerdarm, Milz und Leber. Der Krebs kann daher schnell andere Organe befallen. Chemotherapeutika wirken oft nur sehr schlecht, weil sie oft nicht die entarteten Zellen erreichen. Es wird angenommen, dass Stromagewebe (bindegewebiges Stützgerüst eines Organes) Faktoren enthält, die das Überleben und Wachstum des Tumors unterstützen. Von Bedeutung ist, dass diese Dichte bei Bauchspeicheldrüsenkrebs ein Faktor ist, der verhindert, dass krebszerstörende Medikamente den Tumor erreichen.36
Das Böse ist immer und überall
Das Mikrobiom ist in den Medien häufig positiv besetzt und auch in der Werbung werden zahlreiche Mittelchen angepriesen, die das Mikrobiom stärken und die Taschen der Hersteller füllen sollen. Mikroben sind aber weder gut noch böse. Sie verbreiten sich dort am schnellsten, wo die Bedingungen für sie am besten sind. Bestimmte Pilze wandern vom Darm in die Bauchspeicheldrüse, vergrößern ihre Population um mehr als das Tausendfache und fördern das Wachstum von Bauchspeicheldrüsenkrebs. Die in der Zeitschrift Nature Online veröffentlichte Studie ist die erste, die starke Beweise dafür liefert, dass die verschiedenen Pilzarten die lokale Mischung (Mykobiom) in der Bauchspeicheldrüse stören und Veränderungen auslösen, die normale Zellen dann in Krebszellen (PDA) verwandeln. Diese Form von Krebs ist normalerweise innerhalb von zwei Jahren tödlich. Ein Ziel für die Zukunft besteht darin herauszufinden, wie das Tumorwachstum mit gezielten Antimykotika verlangsamt werden kann und Nebenwirkungen dabei möglichst gering gehalten werden können.37
Forscherinnen fanden heraus, dass das Vorhandensein von bakterieller DNA bei Patienten, die sich einer invasiven Pankreasendoskopie unterzogen hatten, höher war. Dabei wurde ein flexibler Schlauch in den Mund eingeführt, um Pankreaserkrankungen zu untersuchen und zu behandeln, wodurch möglicherweise orale Bakterien in die Bauchspeicheldrüse übertragen wurden. Vielleicht könnte das Risiko einer Übertragung oraler Bakterien auf die Bauchspeicheldrüse verringert werden, indem der Mund mit einem antibakteriellen Mittel ausgespült wird.38
Doch die Bakterien kommen anscheinend auch ohne Verschleppung in die Bauchspeicheldrüse. Die Population von Bakterien in der Pankreas nimmt bei Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs um mehr als das Tausendfache zu und wird von Arten dominiert, die das Immunsystem daran hindern, Tumorzellen anzugreifen. Oral verabreichte Antibiotika verdreifachten die Wirksamkeit von Checkpoint-Inhibitoren, einer Form der Immuntherapie, die zuvor in klinischen Studien mit Bauchspeicheldrüsenkrebs gescheitert war, um eine starke Verschiebung der Immunität gegen Tumore zu bewirken.39 Antibiotika wirken hier bei einer Behandlung direkt, aber woher kommen diese Bakterien? Das Vorhandensein bestimmter Bakterien im Mund kann ein erhöhtes Risiko für Bauchspeicheldrüsenkrebs aufzeigen und eine frühere, präzisere Behandlung ermöglichen, berichten Forscher. Patientinnen mit Bauchspeicheldrüsenkrebs sind bekanntermaßen anfällig für Zahnfleischerkrankungen, Karies und schlechte Mundgesundheit im Allgemeinen. Insbesondere fanden die Forscherinnen heraus, dass Männer und Frauen, deren orale Mikrobiome Porphyromonas gingivalis enthielten, ein um insgesamt 59 % höheres Risiko hatten, an Bauchspeicheldrüsenkrebs zu erkranken, als Männer und Frauen, deren Mikrobiome das Bakterium nicht enthielten. Die gleiche Schlussfolgerung konnte gezogen werden, wenn Patienten im Mund den Keim Aggregatibacter actinomycetemcomitans hatten.40 41
Auch eine chronische Zahnfleischentzündung (Parodontitis) kann den Körper stark belasten und einige Folgeerkrankungen auslösen. Dies kann man sich so vorstellen: Das entzündete Zahnfleisch ist wie ein Kohlekraftwerk. Aus dem Schornstein kommen jeden Tag Tausende von Bakterien, die den Körper ohne Unterbrechung oft jahrelang belasten. Krebs kann die Folge sein. Eine große Studie hat zudem gezeigt, dass die Kombination aus Rauchen, langjährigem Diabetes und einer schlechten Ernährung das Risiko für Bauchspeicheldrüsenkrebs über das Risiko eines dieser Einzelfaktoren hinaus erhöht.
Bauchspeicheldrüse: Rauchen und übermäßiger Alkoholkonsum fördern die Krebsentstehung. Bakterien aus dem Mundraum scheinen ein weiterer Faktor zu sein – Mundhygiene nicht vernachlässigen. Diabetes Typ 2 kann durch Ernährungsumstellung unter ärztlicher Aufsicht rückgängig gemacht werden.
Der Dünndarm – das unbekannte Land
Mit einer Länge von drei bis fünf Metern ist der Dünndarm der längste Teil unseres Verdauungstrakts. Seine Hauptaufgabe ist die Aufnahme von Nährstoffen aus der Nahrung. Auch die Wasseraufnahme erfolgt hier. Die Oberfläche des Dünndarms ist mit zahlreichen Zotten und Krypten versehen. Damit wird die Oberfläche enorm vergrößert, was wiederum hilfreich für die Aufnahme von Nährstoffen ist. Durch die Kontraktion des Dünndarms wird der Nahrungsbrei durchmischt und an die Oberfläche gedrückt. Je nach Zusammensetzung des Nahrungsbreis kann eine Passage durch diesen Teil des Darms zwei bis zehn Stunden dauern. Durch die Verdauungsenzyme werden die Kohlenhydrate, Proteine und Fette aufgespalten. Die Proteine werden dabei nicht in einzelne Aminosäuren zerlegt, sondern nur in Di- oder Tripeptide. Der Gallensaft dient zur Emulgierung der Fette. Über verschiedene Transportsysteme gelangen die zerlegten Nährstoffe so ins Blut. Weiters erfolgt hier die Aufnahme von Vitaminen und Mineralstoffen. Normalerweise enthält der Dünndarm im Gegensatz zum Dickdarm eine relativ geringe Anzahl von Bakterien.
Der Lebensmitteltransit durch den Dünndarm ist ein komplexer Balanceakt, bei dem der Darmschleimhaut Zeit gegeben werden muss, um Nährstoffe aufzunehmen, ohne dass pathogene Bakterien genügend Zeit haben, den Dünndarm zu besiedeln. Die Entdeckung, dass die Transitzeit von Nahrungsmitteln durch das Hormon GLP-1 reguliert wird, zeigt neue Wege auf, um die intestinale Aufnahme von Nährstoffen zu erhöhen und damit möglicherweise Mangelernährung zu behandeln.42
Es kann aber nicht nur sein, dass zu wenig Nährstoffe aufgenommen werden, auch zu viele können aufgenommen werden – und schuld daran sind wieder die Darmbakterien! Eine neue Studie, die sich auf Mikroben im oberen Gastrointestinaltrakt konzentriert, zeigt, wie die typische kalorienreiche westliche Ernährung die Expansion von Mikroben bewirken kann, welche die Verdauung und Absorption fettreicher Lebensmittel fördern. Im Laufe der Zeit kann das ständige Vorhandensein dieser Mikroben zu Überernährung und Fettleibigkeit führen. Diese Ergebnisse legen nahe, dass Präoder Probiotika möglicherweise eingesetzt werden können, um die Nährstoffaufnahme für Menschen mit Absorptionsstörungen bei wie Morbus Crohn zu verbessern. Ein anderer Weg wäre die Entwicklung sogenannter Post-Biotika (von Bakterien abgeleitete Verbindungen), um auf diese neue Weise die Fettleibigkeit zu verringern.43
Eine Untersuchung der Mechanismen, die an menschlicher Fettleibigkeit beteiligt sind, ist besonders auf der Ebene des Jejunums interessant, einem Teil des Dünndarms, der eine wichtige Rolle bei der Absorption von Lipiden und Kohlenhydraten spielt. Aufgrund seiner Lage im Körper ist das Jejunum schwer zu untersuchen.44 45 Wissenschaftlerinnen haben erst vor Kurzem herausgefunden, dass schwere Fettleibigkeit mit einer Entzündung des Dünndarms und einer verstärkten Immunantwort in dieser Region einhergeht. Dieses Phänomen verringert die Insulinsensitivität von Enterozyten (Dünndarmzellen) und erhöht die Aufnahme von Nährstoffen, wodurch die Krankheit verschlimmert wird.
Bitterstoffe – eine Bremse im Dünndarm
Unsere Vorfahren waren Allesfresser und die Nahrung war meistens ziemlich knapp. Daher mussten auch viele Pflanzen als Nahrungsquelle herhalten. Diese waren oft giftig oder schmeckten stark bitter – als Schutz vor Fressfeinden. Der Mensch hat so gelernt, diese rechtzeitig auszuspucken, um zu überleben. Der bittere Geschmack kann in Speisen durchaus als angenehm empfunden werden und nicht alles, was bitter schmeckt, muss auch gleich giftig sein. Ein Fall wurde in den Medien bekannt, bei dem ein 78-jähriger Pensionist in Deutschland nach einem Zucchinigericht verstarb. Zucchini produzierten in ihrer Urform Giftstoffe; diese wurden weggezüchtet, um das Gemüse genießbar zu machen. Der Pensionist hatte anscheinend über Jahre seine eigenen Zucchini kultiviert und eine spontane Rückkreuzung geschaffen, die wieder Giftstoffe enthielt.46
Neue Forschungsergebnisse haben ergeben, dass Bitterkeit auch den Verdauungsprozess verlangsamt und bitteres Essen länger im Magen bleibt. Wenn bittere Stoffe verschluckt werden, detektieren die Rezeptoren den bitteren Geschmack im Darm und lösen die Produktion eines Hormons namens Cholecystokinin aus, das sowohl den Appetit unterdrückt als auch die Bewegung der Nahrung vom Magen zum Dünndarm verlangsamt. Eine natürliche Reaktion des Körpers, dass von dieser Nahrungsquelle nicht mehr aufgenommen werden soll. Mit diesem Wissen könnten Wissenschaftler Medikamente weniger bitter machen, was wiederum eine erhöhte Schmackhaftigkeit und eine schnellere Absorption ermöglichen würde. Medikamente zur Behandlung von Krebs enthalten manchmal Moleküle, die bitter schmecken. Eine Änderung der Essgewohnheiten der Patientinnen könnte auch die Wirksamkeit solcher Medikamente verbessern.
Aber Bitterstoffe sind auch wichtig für den Körper. Diese dienen etwa als Essensbremse. Wer Süßes isst, wird oft nach zwei Stunden schon wieder hungrig. Mit einem gewissen Bitteranteil in den Speisen kommt der Hunger erst später wieder. In diesem Sinne sind Bitterstoffe eine sinnvolle Ergänzung bei Diäten. Auch braucht unsere Gallenblase den Reiz der Bitterstoffe, um ordentlich arbeiten zu können. Diese regen die Produktion von Gallensaft an. Es kommt daher auch seltener zu einer Gallensteinbildung. Folgende Lebensmittel sind für ihre Bitterstoffe bekannt: Löwenzahnblätter, Bittergurken, Artischocken, Brokkoli, Radicchio, Rucola und Chicorée. Zu viele Bitterstoffe können die Magenwand reizen – eine Bitterstoffkur mit Aloe-Vera-Direktsaft um dem Darm zu sanieren ist Geldverschwendung und schadet unserem Körper mehr, als sie nützt. Darmsanierung und Entgiftung sind, einfach gesagt, Unfug – hier will jemand nur Ihr Geld haben. Ballaststoffreiche Ernährung mit einigen Bittergemüsen ist für einen gesunden Darm zu empfehlen!
Der Reizdarm – viele Betroffene, wenige Lösungen
Das Reizdarmsyndrom fasst verschiedene gastrointestinale Symptome wie Blähungen, Gasentwicklung, Bauchschmerzen, Verstopfung und Durchfall zusammen. Die Darmmuskulatur reagiert in diesem Fall stärker auf Reize als bei gesunden Menschen. Das vegetative Nervensystem reguliert die Kontraktion der Darmbewegung und nach neuesten Studien können auch die Stoffwechselprodukte der Darmbakterien hier negativ eingreifen. Wenn das vegetative Nervensystem empfindsamer ist, reagiert es auch viel stärker auf alle Reize, beispielsweise aus dem Darm, sowie auf die Psyche, Stress und Ärger.
Ein Reizdarmsyndrom liegt dann vor, wenn folgende drei Punkte erfüllt sind: chronische, länger als drei Monate andauernde Beschwerden, die mit Stuhlgangsveränderungen einhergehen; die Beschwerden sind so stark bzw. häufig, dass die Lebensqualität beeinträchtigt wird; keine für andere Krankheitsbilder charakteristische Veränderungen liegen vor, welche die Symptome verursachen könnten. Eine medizinische Abklärung (auch möglicher anderer Ursachen) ist jedenfalls immer zu empfehlen. Diese wird in der Regel aus einer Stuhldiagnostik bestehen, bei der nach krankheitsverursachenden Keimen wie Salmonellen und Clostridien gesucht wird, einer Darmspiegelung, um entzündliche Darmerkrankungen, Zöliakie oder Tumore auszuschließen sowie Tests auf Laktose- und Fructose-Unverträglichkeit.
Sind alle Untersuchungen negativ und die Beschwerden halten an, kann Besserung mittels Ernährungstherapie versucht werden. Das schwierigste Feld der Ernährungstherapie betrifft den Reizdarm, da unterschiedliche Typen vorliegen: Durchfalltyp, Verstopfungstyp und der Typ, bei dem beides abwechselnd vorkommt. Zu schnelle Darmbewegungen führen zu Durchfall, zu langsame zu Verstopfung. Sie müssen ein Ernährungsprotokoll führen und wirklich alles notieren, was Sie essen oder trinken. Zudem notieren Sie die Beschwerden, die danach auftreten, so genau wie möglich. Vielleicht finden Sie so schon einige Lebensmittel, die sie einfach nicht vertragen, und können diese in Zukunft meiden.
In der Fachliteratur wird dazu geraten, kurzkettige Kohlenhydrate zu reduzieren. Diese werden als FODMAPs bezeichnet – Fermentierbare Oligo-, Di-, Monosaccharide und Polyole. Diese Stoffe können von Darmbakterien verwertet werden, diese vermehren sich, scheiden ihrerseits wieder Stoffe aus und produzieren Gas. Diese sind beispielsweise in Brot zu finden, das nur kurze Zeit hatte, um zu gären. Die Hefe konnte diese Stoffe noch nicht abbauen. Vollkornprodukte sind gesund, können aber aufgrund des hohen natürlichen FODMAP-Anteils ebenfalls zu Beschwerden führen. Betroffene müssen eine klare Verbindung zwischen aufgenommenen Lebensmitteln und Beschwerden herstellen. So können die Symptome mit einer Art Ausschlussdiät maßgeblich gebessert werden. Beim Durchfalltyp des Reizdarms haben sich Flohsamenschalen als hilfreich erwiesen. Diese verdicken den Darminhalt und helfen so gegen Durchfall.
Die Darm-Gehirn-Achse
Die Parkinson-Krankheit ist dadurch gekennzeichnet, dass das Gehirn aufgrund der Akkumulation des Proteins Alpha-Synuclein und der anschließenden Schädigung der Nervenzellen langsam zerstört wird. Die Krankheit führt zu Zittern, Muskelsteifheit und charakteristischen langsamen Bewegungen der Betroffenen. Das pathologische Alpha-Synuclein ist im Darm bis zu zwanzig Jahre vor der Diagnose nachzuweisen. Nur wenn die Ursache für diese Krankheit bekannt ist, ist eine medizinische Behandlung möglich, die die Krankheit letztendlich stoppen kann.47
Die Darm-Gehirn-Achse ist übrigens eine biologische Realität, da der Darm und seine mikrobiellen Bewohner Signale an das Gehirn senden und umgekehrt. Die Erforschung dieser Achse steckt noch in den Kinderschuhen. Bis jetzt war es unbekannt, wie Informationen im Dünndarm über Nährstoffe oder irgendetwas anderes zum Gehirn gelangen und kognitiv-emotionale Prozesse beeinflussen können und wie diese Prozesse dann umgekehrt auch wieder den Darm beeinflussen können. Durch mehr Forschung können wir endlich verstehen, wie Hunger uns grantig (hangry) macht oder ein stressiger Tag zu einem gereizten Darm führen kann.48
Dünndarm: Bei Verdacht auf einen Reizdarm, führen Sie unbedingt ein genaues Ernährungsprotokoll. Vermeiden Sie Fastfood und Fertiggerichte. Vollkornprodukte sind gesund, können aber auch FODMAPs enthalten. Backen Sie Ihr Brot (Sauerteig) selbst. Genießen Sie Lebensmittel, die Bitterstoffe enthalten.
Der Dickdarm – das Schlaraffenland der Mikroorganismen
Der Dickdarm nimmt den Speisebrei vom Dünndarm auf. Dabei entzieht er diesem Wasser und reguliert den Natrium-, Kalium- und Chloridionen-Austausch. Nur mehr wenige Nährstoffe sowie kurzkettige Fettsäuren werden im Dickdarm aufgenommen. Letztere werden häufig von Mikroorganismen hergestellt, welche die Darmflora bilden und Mikrobiom genannt werden.
Der Dickdarm ist nicht nur ein Verdauungs-, sondern auch ein Immunorgan. Unser Mikrobiom beginnt sich im Moment der Geburt auszubilden und entwickelt sich im Laufe unseres Lebens weiter. Es ist wichtig für das Wachstum und die Reifung des erworbenen Immunsystems in unserem Körper. Wenn es nicht gut entwickelt ist, funktioniert es nicht wie es sollte, was zu Krankheiten führen kann. Im menschlichen Darm leben Mikroorganismen, die unsere Zellen um den Faktor 10 : 1 übersteigen. Wissenschaftlerinnen der Oklahoma Medical Research Foundation haben nun neu definiert, wie das sogenannte Darmmikrobiom funktioniert und wie unser Körper mit den Billionen Bakterien koexistiert.49
Die Ernährung wird als ein Hauptfaktor angesehen, der Einfluss auf die Struktur der mikrobiellen Gemeinschaft im Darm hat, was wiederum die Fähigkeit nützlicher oder schädlicher Mikroben, sie zu besiedeln, erheblich beeinflusst. Das Mikrobiom des menschlichen Darms beeinflusst auch die Nährstoffaufnahme, die Vitaminsynthese, die Energieausbeute, chronische Entzündungen sowie die Immun- und Stoffwechselreaktion des Körpers, Faktoren, die auch das Krankheitsrisiko beeinflussen können.50 Laut einer neuen Studie, die im Journal des National Cancer Institute veröffentlicht wurde, korreliert eine verminderte Diversität in der mikrobiellen Gemeinschaft im menschlichen Darm mit Darmkrebs.51 Jüngste Studien haben gezeigt, dass das Darmmikrobiom ein diagnostisches Potenzial für Gesundheit und Krankheit aufweist. Die Forscherinnen fanden spezifische Marker, die Fälle von Darmkrebs von gesunden Proben unterscheiden könnten. Dies setzt voraus, dass Darmkrebs nicht nur eine genetische, sondern auch eine mikrobielle Erkrankung ist.52 Wissenschaftler haben auch gezeigt, dass etwa ein Drittel der Darmkrebserkrankungen mit einem gemeinsamen oralen Bakterium namens Fusobacterium nucleatum assoziiert ist.53 54 55 Weitere Studien zeigten einen Zusammenhang zwischen chronischer Verstopfung – diese ist jedoch nicht die Ursache – und sowohl Darmkrebs als auch gutartigen Neubildungen. Der postulierte ursächliche Zusammenhang zwischen Verstopfung und erhöhtem Darmkrebsrisiko besteht darin, dass längere Transitzeiten die Kontaktdauer zwischen der Dickdarmschleimhaut und konzentrierten Karzinogenen wie Gallensäuren oder anderen verlängern.56
Dickdarmkrebs und die westliche Ernährung
Wissenschaftlerinnen haben dramatische Auswirkungen auf Risikofaktoren für Darmkrebs festgestellt, als amerikanische und afrikanische Freiwillige nur zwei Wochen lang ihre Ernährung wechselten. Es wird angenommen, dass westliche Diäten, die reich an Eiweiß und Fett, aber arm an Ballaststoffen sind, das Darmkrebsrisiko im Vergleich zu afrikanischen Diäten mit hohem Ballaststoff- und niedrigem Fett- und Eiweißgehalt erhöhen. Eine neue Studie, welche in Nature Communications veröffentlicht wurde, bestätigt, dass eine ballaststoffreiche Ernährung das Risiko für Dickdarmkrebs erheblich reduzieren kann, und zeigt, dass im Darm lebende Bakterien eine wichtige Rolle bei diesem Effekt spielen. Zu Beginn, als die Gruppen ihre normale Ernährung zu sich nahmen, hatte fast die Hälfte der amerikanischen Probanden Polypen, d. h. abnormale Wucherungen in der Darmschleimhaut, die harmlos sind, aber zu Krebs führen können. Keiner der Afrikaner hatte diese Anomalien. Nach zwei Wochen afrikanischer Ernährung hatte die amerikanische Gruppe signifikant weniger Entzündungen im Dickdarm und reduzierte Biomarker für das Krebsrisiko. In der afrikanischen Gruppe nahmen die Messwerte, die auf ein Krebsrisiko hinweisen, nach zwei Wochen westlicher Ernährung dramatisch zu.
Die Ergebnisse legen nahe, dass Menschen ihr Darmkrebsrisiko erheblich senken können, indem sie mehr Ballaststoffe essen. Dies ist an sich nicht neu, wirklich überraschend aber ist, wie schnell und dramatisch die Risikomarker in beiden Gruppen nach einer Ernährungsumstellung wechseln können. Diese Ergebnisse lassen ernste Bedenken aufkommen, dass die fortschreitende Verwestlichung afrikanischer Gesellschaften dazu führen könnte, dass Darmkrebs auf diesem Kontinent zu einem wichtigen Gesundheitsproblem wird.57
Eine weitere Studie legt nahe, dass fettreiche Diäten das Wachstum von Darmkrebs fördern, indem sie das Gleichgewicht der Gallensäuren im Darm stören und ein hormonelles Signal auslösen, das potenziell krebsartige Zellen gedeihen lässt. Die Ergebnisse könnten erklären, warum Dickdarmkrebs, dessen Entwicklung Jahrzehnte dauern kann, heute gehäuft bei jüngeren Menschen auftritt, die in einer Zeit aufwachsen, in der fettreiche Diäten allgegenwärtig sind.58 59
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