Kitabı oxu: «Unerschütterlich im Glauben»

Şrift:


Bei einer seiner Sendungen in Rundfunk und Fernsehen, in denen er den Glauben über die Medien verkündete (»Päpstliches Werk der Glaubensverbreitung«).

Unerschütterlich

im Glauben

Die Autobiografie von Erzbischof

Fulton J. Sheen



Bibliografische Information: Deutsche Nationalbibliothek.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Originaltitel der amerikanischen Ausgabe:

TREASURE IN CLAY

The Autobiography of Fulton J. Sheen

© 1980 by »Society for the Propagation of the Faith«

Vorwort © 2008 by Doubleday, a division of Randomhouse, Inc.

Die Bibelzitate stammen aus der revidierten Einheitsübersetzung der

Heiligen Schrift © Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart 2016.

UNERSCHÜTTERLICH IM GLAUBEN

Die Autobiografie von Erzbischof Fulton J. Sheen

Übersetzung: Susanne Held

© Media Maria Verlag, Illertissen 2021

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-9479311-9-4

eISBN 978-3-9479318-1-1

www.media-maria.de

Salve Regina

Inhalt

Vorwort

Ein Prophet, der schweigend litt

1. Es hängt alles davon ab, wie man es betrachtet

2. Das Modellieren des Tons

3. Die Gabe des Schatzes

4. Die Zeit nach dem Studium

5. Lehrtätigkeit und Vorträge

6. Evangelisierung über die Medien

7. Der Kommunismus

8. Vom Wunsch, Bischof zu werden

9. Mission und Missionare

10. Oft auf Reisen

11. Als Bischof in einer Diözese

12. Die Stunde, die mich glücklich macht

13. Gedanken zum Zölibat

14. Exerzitien

15. Papstaudienzen

Wo Petrus ist, da ist die Kirche

16. Bekehrungen

17. Das Zweite Vatikanische Konzil

18. Die heitere Seite

19. Unerwähnt Gebliebenes

20. Die Frau, die ich liebe

21. Drei Lebensabschnitte

Der erste Lebensabschnitt: Der erste Blick

Der zweite Lebensabschnitt: Bekenntnis trotz Staurophobie (Angst vor dem Kreuz)

Der dritte Lebensabschnitt: Der zweite Blick

Epilog

»Auf Wiedersehen, Fulton Sheen, Gott liebt Sie für immer und ewig«

Predigt zum Trauergottesdienst von Erzbischof Fulton J. Sheen

Vita

Erzbischof Fulton J. Sheen

Vorwort
Ein Prophet, der schweigend litt


Im Jahr 1957 begann für Bischof Fulton Sheen, den zu dieser Zeit bekanntesten Katholiken Amerikas mit einer noch nie da gewesenen Fernseh-Fangemeinde, die große Prüfung seines Lebens. Er verlor sehr viel mehr, als der Öffentlichkeit je bekannt wurde – und zwar ausschließlich wegen seiner Weigerung, dem Kardinal von New York, Francis Spellman, Geld für die Trockenmilch zu erstatten.

In den späten 1950er-Jahren spendete die Regierung Trockenmilch im Wert von mehreren Millionen Dollar an die Erzdiözese New York. Kardinal Spellman übergab die Milch an das »Päpstliche Werk der Glaubensverbreitung«, um sie an die Armen der Welt zu verteilen. Mindestens einmal verlangte er, dass der Leiter des »Päpstlichen Werkes der Glaubensverbreitung«, Bischof Sheen, der Erzdiözese einen Betrag für die gespendete Milch vergüten sollte. Er forderte eine Summe von mehreren Millionen Dollar. Trotz Kardinal Spellmans beträchtlichen Überredungskünsten und seines Einflusses in Rom weigerte sich Sheen.

Diese Gelder hatte die Öffentlichkeit für die Mission gespendet und Sheen selbst hatte dazu beigesteuert und über den Rundfunk zu diesen Spenden aufgerufen. Er fühlte sich verpflichtet, sie zu beschützen, auch vor den habgierigen Fingern seines eigenen Kardinals. Unbeeindruckt trug Spellman – in Anwesenheit Sheens – den Fall Papst Pius XII. persönlich vor. Nachdem er die Fakten zur Kenntnis genommen hatte, stellte sich Papst Pius auf die Seite von Sheen. Thomas C. Reeves, sein Biograf, berichtet, Sheen sei später von Spellman zur Rede gestellt worden, indem er zu ihm sagte: »Das werde ich Ihnen heimzahlen. Vielleicht dauert es sechs Monate, vielleicht auch zehn Jahre, aber jeder wird wissen, was Sie für ein Mensch sind.« Spellman brauchte hierfür weniger als zehn Jahre.

Im Herbst 1957 trat Bischof Sheen, der fast dreißig Jahre lang eine prägende Figur in der katholischen Medienlandschaft gewesen war, in den »Ruhestand« und beendete seine Sendereihe »Life is Worth Living«1 auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Man nimmt allgemein an, dass Kardinal Spellman Sheen aus den Rundfunk- und Fernsehprogrammen vertrieben hat. (Vor dem Zeitpunkt, an dem die Sendereihe eingestellt wurde, schalteten rund 30 Millionen Zuschauer und Hörer diese wöchentlich ein.) Plötzlich musste der berühmte Prediger feststellen, dass er in den Kirchen New Yorks nicht mehr gern gesehen war. Spellman setzte Sheens jährliche Karfreitagspredigten in der St.-Patrick’s-Kathedrale ab und riet Klerikern davon ab, freundschaftliche Beziehungen mit ihm zu unterhalten. 1966 versetzte Spellman Sheen nach Rochester, New York, und beendete seine Tätigkeit als Leiter des »Päpstlichen Werkes der Glaubensverbreitung«.

So spannend das alles ist (und das ist es in der Tat), so wird doch keine der Einzelheiten im Zusammenhang mit der Spellman-Affäre, ebenso wenig wie Sheens persönliche Gefühle im Zusammenhang mit dem Vorgehen des Kardinals in dieser Autobiografie erwähnt. Diese Auslassungen geben Anlass zu einer interessanten Frage.

An einer Stelle schreibt Sheen auf diesen Seiten: »Die Neugierigen sähen es gern, wenn ich verheilte Wunden wieder öffnen würde; vor allem die Medien würden sich auf ein Kapitel stürzen, in dem ein Urteil über andere gefällt würde … ›Wir leben in mörderischen Tagen‹ – in denen stärker nach dem Bösen im Leben der Menschen Ausschau gehalten wird als nach dem Guten, um eine Welt mit einem schlechten Gewissen zu rechtfertigen.« Auf den folgenden Seiten werden keine alten Rechnungen aufgemacht und keine Namen genannt. Wohl gibt es en passant Erwähnungen von »Heimsuchungen sowohl von innerhalb als auch von außerhalb der Kirche« und Nebenbemerkungen wie »Ich bin sicher, dass es Gott war, der veranlasste, dass gewisse Menschen Steine nach mir warfen …«. Aber diejenigen, die auf der Suche nach literarischen Vergeltungsaktionen sind, müssen sich anderweitig umschauen. (Spellman wird sogar lobend hervorgehoben!) Stattdessen haben wir hier eine einzigartige Autobiografie vor uns, die eher das innere als das äußere Porträt eines Mannes ist. Und was für ein Mann war Bischof Fulton Sheen!

Papst Pius XII. bezeichnete Sheen einmal als »einen Propheten unserer Zeit«. Er bündelte auf hinreißende Art sämtliche Facetten der Kultur. Als Autor von über sechzig Büchern und als Kolumnist setzte er seinen gut geschulten Verstand ein, um den Normalbürger anzusprechen. Wenn er auf seine originelle Art das Evangelium verkündete, bezog er häufig Inhalte aus der Lyrik, Philosophie, Geschichte, Architektur, Musik und der Kunst mit ein, um seine Botschaft zu verdeutlichen. In seinen sechzehn Jahren als Nationaldirektor des »Päpstlichen Werkes der Glaubensverbreitung« warb er Hunderte Millionen Dollar für die Armen der Welt ein und spendete selbst ungefähr zehn Millionen Dollar aus seinen persönlichen Einkünften den Missionswerken. Sheen baute Kirchen und Krankenhäuser für bedürftige Schwarze in Alabama, hielt unermüdlich Einkehrtage, besuchte die Gefangenen und Kranken, unterrichtete Konvertiten und feierte heilige Messen in der ganzen Welt.

Am bekanntesten ist er jedoch wegen seines Wirkens in den Medien, besonders im Fernsehen. Noch vor Mutter Angelica, Pat Robertson und Joel Osteen war Bischof Fulton Sheen in den Medien präsent. In seinem magentafarbenen Cape und mit seinem Pileolus auf dem Kopf war er ein medialer Wegbereiter, dessen Einschaltquoten der Zuschauer oft sogar Milton Berle und Frank Sinatra übertrafen. Mehr als fünfzig Jahre lang wandelte er anspruchsvolle Theologie in die Sprache der Massen um, indem er das Radio und dann das Fernsehen dazu benutzte, die Botschaft der Hoffnung zu den Menschen aller Glaubensrichtungen und zu jenen, die gar nichts glaubten, zu bringen.

Ich erinnere mich, dass ich vor ungefähr sechzehn Jahren einen geistlichen Rat benötigte. Ein priesterlicher Freund, der wusste, dass ich für das Fernsehen arbeitete, schlug mir vor: »Geh und triff eine Vereinbarung mit Erzbischof Sheen.« Ich folgte seinem Rat. Eines Nachmittags kniete ich vor der Krypta in der St.-Patrick’s-Kathedrale in New York und versprach dem Erzbischof, dass ich alles in meiner Macht Stehende tun würde, um seine Sendung wieder ins Fernsehen zu bringen, wenn er bei Gott für mich Fürsprache einlegte. Sheen reagierte auf meine inständige Bitte. Ich benötigte jedoch mehrere Jahre, um meinen Teil der Vereinbarung einzulösen. Während ich dies schreibe, wird Sheens Sendereihe »Life is Worth Living« jeden Freitagabend nach meiner eigenen Fernsehsendung auf EWTN ausgestrahlt.

Es kann heute eine etwas irritierende Erfahrung sein, sich die Wiederholungen anzusehen. Die dem 19. Jahrhundert angeglichenen Gesten, die dramatischen stimmlichen Crescendi, und dieses weit geöffnete Cape spiegeln nicht den Naturalismus wider, den wir inzwischen von den Menschen erwarten, die im Fernsehen auftreten. Wenn man jedoch über das Äußerliche hinwegsieht und sich auf die Botschaft konzentriert, stößt man auf viele Schätze.

Diese Autobiografie sollte Bischof Sheens letzter Schatz werden. Sie ist der Überblick über den Werdegang eines Apostels und zugleich eine Geschichte der katholischen Kirche im 20. Jahrhundert. Als Teilnehmer des Zweiten Vatikanischen Konzils kritisierte Sheen mit scharfen Worten, dass es nicht gelang, die Konzilsdokumente angemessen zu interpretieren. Und er stellte eine der überzeugendsten und vernünftigsten Erklärungen zum Zölibat (mit Bezug auf Gandhi und Dag Hammarskjöld) vor, die man je zu lesen bekam.

Der Professor in Sheen konnte nicht umhin, mittels seiner Autobiografie auch zu lehren, sodass Sie, während Sie ihn als Mensch näher kennenlernen, auch Erkenntnisse über das Wesen der Eucharistie, des Papsttums und der Gottesmutter vermittelt bekommen. Inbegriffen sind auch lustige und berührende Erinnerungen aus seinem langen Leben. Was das Buch allerdings wirklich einzigartig macht, sind die nachdenklichen persönlichen Offenbarungen – die geistlichen, im Leiden erfahrenen Lektionen.

Das Buch entstand während einer Phase, in welcher Sheen schlimme körperliche Leiden erdulden musste. Ab dem Jahr 1977 musste er sich einer Reihe von Operationen unterziehen, die ihn schwächten und sogar das Predigen erschwerten. Er muss gewusst haben, dass dies sein letztes Werk sein würde, denn man spürt eine Dringlichkeit auf diesen Seiten, einen Eifer, diese Lektionen weiterzugeben, vor allem an jene, die von Leid betroffen sind und hierin ein geistiges Geschenk finden können. Die letzten Kapitel knistern von demselben Eifer, von derselben Entschlossenheit wie sie aus seinen letzten Predigten aus den späten 70er-Jahren zu entnehmen sind: Sie sind prophetisch, leidenschaftlich und frei von einem verklärten Blick auf die Vergangenheit.

Allein das letzte Kapitel des Buches – »Die drei Phasen meines Lebens« – ist seinen Preis wert. Darin bekennt der Bischof sich aufrichtig zu seiner Eitelkeit, zu seiner Neigung zu den »Annehmlichkeiten des Lebens«, und er schreibt: »Ich musste durch Prüfungen gehen, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Kirche, bevor ich den ganzen Sinn meines Lebens verstehen konnte. Es reichte nicht, Priester zu sein; man musste auch Opfer sein.« Am Ende wurde Fulton Sheen zu einem Opfer. Teile des Buches, die Sie im Folgenden lesen werden, wurden mündlich von seinem Krankenbett aus diktiert, während er ein Kruzifix umklammerte. Seine letzte Meditation über das Kreuz, mit welcher das Buch endet, ist besonders bewegend.

Wie alle bedeutenden Biografien bietet uns dieses Buch die Chance, über unser eigenes Leben nachzudenken, indem wir uns an ihn erinnern, der uns vorausgegangen ist. In Sheens Fall leuchten sein Leben und Beispiel heute heller auf als bei seinem Tod vor fast dreißig Jahren.2

In der Mitte dieses Buches denkt Sheen über einige Fragen nach, die wir alle erwägen sollten: »Habe ich der Kirche wirklich so gut gedient, wie ich es hätte tun sollen? Habe ich die vielen Talente genutzt, die der Herr mir gegeben hat? Habe ich Feuer auf die Erde geworfen, wie der Herr es mir aufgetragen hat?« Ich glaube, dass wir all diese Fragen, was Fulton Sheen betrifft, bejahen können. Wenige Bischöfe und auch wenige Laien haben ihre Sache über eine so lange Zeit so gut gemacht und mit einem solchen Elan ausgeführt. Und die Geschichte geht weiter.

Der Antrag auf Sheens Seligsprechung3 liegt im Vatikan vor, und das ist völlig angemessen. Die Medien brauchen dringend einen Schutzpatron (vor allem die Produzenten der Realityshows und die Nachrichtenredaktionen), und unsere Kultur muss daran erinnert werden, dass die Heiligkeit und nicht die Sensationsgier überlebt. Im Unterschied zu vielen hier erwähnten bekannten Namen, die im Laufe der Geschichte in Vergessenheit gerieten (etwa Clare Boothe Luce, Heywood Broun und George Gobel), bleibt die Erinnerung an Sheen lebendig – nicht wegen seines Ruhms in den Medien, sondern wegen der Zeitlosigkeit der Wahrheit, die er vortrug, und wegen der Leidenschaft, mit der er dabei vorging. In diesem Tongefäß ist in der Tat ein Schatz zu finden: der Schatz überzeitlicher Wahrheit, vermittelt von einem echten Apostel.

Raymond Arroyo

Aschermittwoch 2008

Northern Virginia

1 »Das Leben ist lebenswert« (Anm. d. V.).

2 Fulton Sheen starb am 9. Dezember 1979 (Anm. d. V.).

3 Papst Franziskus hatte die Seligsprechung von Fulton Sheen auf den 21. Dezember 2019 festgesetzt. Sie wurde jedoch auf Bitten einiger Mitglieder der amerikanischen Bischofskonferenz auf unbestimmte Zeit verschoben (Anm. d. V.).

1. Es hängt alles davon ab, wie man es betrachtet


Wenn ein Bericht über ein Leben abgefasst wird, gibt es drei verschiedene Blickwinkel, aus denen man dieses Leben jeweils in einem anderen Licht sieht. Es gibt das Leben:

1. wie ich es sehe

2. wie andere es sehen

3. wie Gott es sieht

Gleich zu Beginn möchte ich feststellen, dass dies nicht meine eigentliche Autobiografie ist. Diese wurde vielmehr vor einundzwanzig Jahrhunderten verfasst, in drei Sprachen veröffentlicht und verkündet und jedem Angehörigen des westlichen Kulturkreises zugänglich gemacht.

Carlyle hatte nicht recht, als er sagte: »Es gibt kein Menschenleben, das getreu aufgezeichnet worden wäre.« Mein Leben durchaus! Die Tinte war Blut, das Pergament war Haut, die Feder war ein Speer. Das Buch besteht aus über achtzig Kapiteln, jedes steht für ein Jahr meines Lebens. Obwohl ich es jeden Tag aufschlage, lese ich nie dasselbe. Je öfter ich von seinen Seiten aufblicke, desto dringender empfinde ich das Bedürfnis, meine eigene Autobiografie zu verfassen, damit alle sehen können, was ich sie sehen lassen möchte. Je öfter ich jedoch meinen Blick darauf richte, desto deutlicher sehe ich, dass alles Wertvolle in meinem Leben ein vom Himmel empfangenes Geschenk war. Warum also sollte ich mich dessen rühmen?

Dieses alte autobiografische Werk war wie die Sonne. Je weiter ich mich davon entfernte, desto tiefer und länger wurden die Schatten, die sich vor meinen Augen zeigten: Reue, Gewissensbisse und Ängste. Wenn ich jedoch darauf zuging, konnte ich die Schatten hinter mir lassen – sie waren weniger Furcht einflößend, aber immer noch Mahnungen an das, was ich unterlassen hatte. Wenn ich das Buch jedoch in die Hand nahm, gab es keine Schatten, weder vor noch hinter mir, sondern nur die überirische Freude, von Licht umgeben zu sein. Es war, als würde man direkt in der Sonne gehen, keine Trugbilder, die man hätte erstreben, keine Phantome, denen man hätte folgen wollen.

Jene Autobiografie ist das Kreuz – die innere Geschichte meines Lebens, nicht wie es sich im Laufe der Zeit entwickelt hat, sondern wie es im Buch des Lebens aufgezeichnet, aufgenommen und geschrieben wurde. Es ist nicht die Autobiografie, die ich Ihnen erzähle, sondern die Autobiografie, die ich mir selbst vorlese. In der Dornenkrone sehe ich meinen Stolz, in den durchbohrten Händen mein Festhalten an irdischem Zeitvertreib, meine Flucht vor der Fürsorge als Hirte in den durchbohrten Füßen, meine vergeudete Liebe im verwundeten Herzen und meine lüsternen Begierden in dem Fleisch, das ihm als purpurne Fetzen vom Leib herunterhängt. Fast jedes Mal, wenn ich in diesem Buch eine neue Seite aufschlage, weint mein Herz über das, was Agape von Eros angetan wurde, was das »Ich« dem »Du« angetan hat, was der angebliche Freund dem Geliebten angetan hat.

Aber es gab auch Momente in dieser Autobiografie, als mein Herz vor Freude hüpfte, weil ich zu seinem letzten Abendmahl geladen war; als ich trauerte, wenn einer von denen, die mir gegeben waren, seine Seite verließ, um seine Lippen mit einem Kuss zu versengen; als ich ungeschickt versuchte, ihm dabei zu helfen, seinen Kreuzbalken auf die Schädelstätte zu schleifen; als ich einige wenige Schritte näher zu Maria rückte, um zu helfen, das Schwert aus ihrem Herzen zu ziehen; als ich hoffte, hin und wieder im Leben ein Jünger wie jener Jünger zu sein, welcher der, »den Jesus liebte«, genannt wurde; als ich mich darüber freute, dass ich andere Maria-Magdalenen zum Kreuz bringen konnte, damit sie der Liebe Ausdruck geben konnten, hinter der wir in aller Liebe zurückbleiben; als ich den Zenturion nachzuahmen versuchte und kaltes Wasser an durstige Lippen presste; als ich wie Petrus zu einem leeren Grab rannte und dann am Ufer eines Sees mein Herz in tausend Stücke brach, wenn er mich immer wieder in meinem Leben fragte: »Liebst du mich?« Das sind die erbaulicheren Augenblicke der Autobiografie, die als eine Art zweite und weniger authentische Ausgabe der eigentlichen Autobiografie verfasst werden kann, die vor zweitausend Jahren geschrieben wurde.

In dieser Ausgabe ist nicht die ganze Wahrheit enthalten – die Narben sind die ganze Wahrheit. Mein Leben, so wie ich es sehe, kreuzt sich mit dem Kreuz. Nur wir beide – mein Herr und ich – lesen es, und im Laufe der Jahre verbringen wir immer mehr Zeit damit, es gemeinsam zu lesen. Was es enthält, wird am Jüngsten Tag der Welt offenbar werden.

Was Sie lesen, ist trotzdem die Wahrheit, allerdings auf einer niedrigeren Ebene: die Erzählung eines Juwels und seiner Fassung, eines Schatzes und seiner Umhüllung, der Lilie und ihres Teiches.

Wie betrachte ich dann mein Leben? Ich sehe es als Priester. Das heißt, ich gehöre nicht länger mir, sondern handle in jedem Augenblick meiner Existenz in der Person Christi. Als Botschafter der Vereinigten Staaten wird man in einem fremden Land immer, egal ob in der Freizeit oder im Sitzungssaal, als Vertreter unseres Landes beurteilt, und ebenso ist ein Priester immer ein Repräsentant Christi. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Der Priester ist immer auch noch Mensch.

Daher lautet der Titel dieser Autobiografie Treasure in Clay4. Die Wendung stammt aus einem Brief, den der heilige Paulus an die Korinther über sich selbst und über andere Apostel des Herrn schrieb: dass sie doch nichts weiter seien als »zerbrechliche Gefäße«, in denen der Schatz enthalten ist. Das Vorbild könnten die Tonlampen gewesen sein, in die Öl gefüllt wurde, damit die Flamme brennen konnte. Ich habe diese Formulierung gewählt, um den Kontrast zwischen der Würde der Berufung zum Priestertum und der Gebrechlichkeit der menschlichen Natur zu bezeichnen, die diese Würde umgibt. Wir haben die Ehrfurcht gebietende Macht, in persona Christi zu handeln: die schlimmsten Sünden zu vergeben, das Kreuz von Golgatha auf den Altar zu versetzen, Tausenden von Kindern am Taufbrunnen eine Neugeburt zur Gotteskindschaft zu spenden und Seelen auf dem Sterbebett auf dem Weg in das himmlische Königreich zu begleiten.

Andererseits sehen wir aus wie jedermann. Wir haben dieselben Schwächen wie andere Männer – einige für die Flasche oder für eine Frau oder für Geld oder den Wunsch, in der Hierarchie höher aufzusteigen. Jeder Priester ist ein Mann mit einem Leib aus zerbrechlichem Ton. Um diesen Schatz rein zu halten, muss er auf einem Kreuz aus Feuer ausgestreckt werden. Unser Fall kann wegen der Höhe, aus der wir abstürzen, größer sein als der Fall jedes anderen Menschen. Von allen schlechten Menschen sind schlechte Priester und Ordensleute die schlechtesten, denn sie waren berufen, Christus näher zu sein.

Deshalb ist es für einen Mann mit einer solchen Berufung so schwer, eine Autobiografie zu verfassen, da sie doch die furchterregende Spannung zwischen der Würde seiner Berufung und der Zerbrechlichkeit des Tons zum Ausdruck bringen muss. Kardinal Newman schrieb: »Ich könnte nicht einmal die prüfenden Blicke eines Engels aushalten; wie kann ich dann dich sehen und leben? Ich würde versengt wie Gras, würde ich der Glut deines Antlitzes ausgesetzt.« Im höchsten Punkt dieser Spannung zwischen dem Auftrag Gottes und der armen schwachen menschlichen Verwirklichung gibt es jedoch immer die Ausgießung der Liebe Christi. Er lässt es auch nicht bei einem von uns zu, dass wir über unsere Kraft versucht werden; und selbst in unseren Schwächen liebt er uns, denn der Gute Hirte liebt die verlorenen Hirten ebenso sehr, wie er die verlorenen Schafe liebt. Die Spannung ist vielleicht am größten für jene, die ihn mit vollkommener Hingabe zu lieben versuchen.

Allerdings ist meine Art, mein Leben in Übereinstimmung mit meiner Berufung zu sehen, anders als die Art, wie andere es womöglich betrachten. Deshalb gibt es nicht nur Autobiografien, sondern auch Biografien. Und selbst Biografien können sich voneinander unterschieden: Das Leben Christi, das Johannes uns in seinem Evangelium hinterlassen hat, würde sich deutlich unterscheiden vom Leben, das Judas aufgeschrieben hätte, wenn er zur Feder statt zum Strick gegriffen hätte. Biografien werden meistens erst verfasst, wenn jemand berühmt geworden ist – oder wenn jemand, der nicht so bekannt ist, um über ihn zu reden, bekannt genug wird, dass über ihn geredet wird.

Shakespeare mutmaßte:

Was Menschen Übles tun, das überlebt sie,

das Gute wird mit ihnen oft begraben.5

Wenn es allerdings dazu kommt, dass über einen Bischof geschrieben wird, der auf seinem bischöflichen Stuhl ein ganzes Stück über den Leuten sitzt, besteht die Gefahr, dass man ihn nur in seiner Pracht und Würde sieht. Um noch einmal Shakespeare zu zitieren:

Der Mensch, der stolze Mensch,

In kleine, kurze Majestät gekleidet,

Vergessend, was am mind’sten zu bezweifeln,

Sein gläsern Element, wie zorn’ge Affen,

Spielt solchen Wahnsinn gaukelnd vor dem Himmel,

Dass Engel weinen.6

Wenn ein Mensch in der Welt einen gewissen Grad an Popularität erlangt hat, so wie der Herr sie mir in reichlichem Maß gegeben hat, wird man noch über die Nachspeisen hinaus gerühmt und gepriesen. Zu meinem 84. Geburtstag schrieb mir ein kleiner Junge: »Ich hoff, Sie haben einen schönen Geburtstag. Ich hoff, Sie werden lange leben, und ich hoff, Sie werden eines Tages Papst sein.«

Am Ende eines langen Lebens stellt man im Allgemeinen fest, dass zwei Dinge gesagt wurden: Dinge, die zu schön sind, um wahr zu sein, und Dinge, die zu schlimm sind, um wahr zu sein. Übertrieben wird im Hinblick auf die Anerkennung, was dem Umstand geschuldet ist, dass die Laien den Priester als das sehen, was er ja tatsächlich sein soll: »Ein zweiter Christus«.

Der Herr erwählt nicht die Besten. Ich wurde nicht berufen, weil Gott in seiner göttlichen Weisheit sah, dass ich besser sein würde als andere Männer. Sogar die Liebe Gottes ist blind. Tatsächlich kenne ich Tausende Männer, die es viel mehr als ich verdient hätten, Priester zu sein. Häufig wählt er die schwachen Werkzeuge, damit seine Macht offenbar werden kann. Sonst würde es so scheinen, als würde das Gute durch den Ton geschehen und nicht durch den Geist. Der Herr ritt auf einem Esel nach Jerusalem. Er kann durch New York und London und durch den Mittelgang einer Kathedrale in einer menschlichen Natur kommen, die nicht viel besser ist. Der Herr schätzt jene nicht hoch ein, die in den Beliebtheitsumfragen obenan stehen: »Wehe, wenn euch alle Menschen loben.«

Das scheint das Evangelium in ein abstoßendes Licht zu rücken, doch was unser Herr tatsächlich meinte, war: Wir könnten anfangen zu glauben, was in der Zeitung steht, und uns von dem hinreißen lassen, was die Welt über uns denkt. Je mehr wir uns allerdings die populären Einschätzungen zu eigen machen, desto weniger Zeit verbringen wir auf den Knien mit der Gewissenserforschung. Die äußere Welt füllt sich mit so viel Aufmerksamkeit und Rampenlicht, dass sie uns das innere Licht vergessen lässt. Lob lässt in uns häufig den falschen Eindruck entstehen, dass wir es verdienen würden. Unsere Reaktion darauf verändert sich im Laufe der Jahre: Zu Beginn ist man verlegen und verwirrt; dann finden wir es toll, während wir gleichzeitig behaupten, es würde von uns abperlen wie Wasser vom Rücken einer Ente – aber die Ente liebt Wasser! Im letzten Stadium schließlich neigt man zu Zynismus: Man fragt sich, was derjenige, der einen da lobt, eigentlich will.

Und dann gibt es noch mein Leben, wie Gott es sieht. Hier fällt das Urteil vollkommen anders aus. Der Mensch liest im Gesicht, Gott hingegen liest im Herzen. David wurde nicht wegen seines guten Aussehens auserwählt, Elias wurde nicht wegen seines Aussehens zurückgewiesen. Unser Herr hat eine zweifache Sichtweise auf uns: einerseits, wie er uns geplant hatte; andererseits, wie wir seiner Gnade entsprochen haben. Gott ist ein großes Risiko eingegangen, als er uns den freien Willen gab – ebenso wie Eltern, die ihen Kindern Freiheit zugestehen. Der Prophet Jeremia erzählt eine sehr schöne Geschichte über den Unterschied zwischen dem Ideal, das Gott für jeden von uns hat, und der Art, wie wir uns selbst entwickeln. Gott schreibt die letzte Grabinschrift – nicht auf ein Denkmal, sondern auf die Herzen. Ich weiß nur, dass diejenigen, die von Gott mehr Talente empfangen haben, von Gott strenger beurteilt werden. Wenn ein Mensch viel empfangen hat, wird viel von ihm erwartet, und je mehr einem Menschen anvertraut wurde, desto mehr kann von ihm als Erstattung verlangt werden. Gott hat mir nicht nur eine Berufung gegeben, sondern er hat mich mit Chancen und Gaben ausgestattet, was bedeutet, dass er am Jüngsten Tag viel Ertrag erwarten wird.

Ich weiß nicht, wie Gott urteilen wird, aber ich vertraue darauf, dass er mich mit Barmherzigkeit und Erbarmen betrachten wird. Ich weiß jedoch, dass es im Himmel drei Überraschungen geben wird. Erstens werde ich einigen Menschen begegnen, die ich dort nie erwartet hätte. Zweitens wird es einige geben, die ich erwartet hätte, die aber nicht da sein werden. Und trotz meinem Vertrauen auf seine Barmherzigkeit dürfte die größte Überraschung von allen diejenige sein, dass ich dort sein werde.

4 Dies ist der Titel des englischen Buches. Im Deutschen wurde der Titel Unerschütterlich im Glauben gewählt. Dieser Titel bezieht sich auf das Leben von Fulton Sheen (Anm. d. V.).

5 William Shakespeare, Maß für Maß, 2. Akt, 2. Szene (Anm. d. V.).

6 Ebd.

2. Das Modellieren des Tons


Ton muss modelliert werden, und das geschieht vor allem in der Familie, die heiliger ist als der Staat. Das bestimmende Modell meiner frühen Kindheit war die Entscheidung meiner Eltern, dass all ihre Kinder eine gute Ausbildung erhalten sollten. Dieser Entschluss rührte nicht daher, dass sie selbst gut ausgebildet waren, sondern das Gegenteil war der Fall. Mein Vater kam nie über die dritte Klasse hinaus, weil sein Vater ihn auf der Farm brauchte. Meine Mutter ging nur acht Jahre lang zur Schule – zu einer Zeit, als es für sämtliche Klassen nur einen Lehrer gab.

Beide Großeltern mütterlicherseits stammten aus Croghan, einem kleinen Dorf in der Grafschaft Roscommon in Irland in der Nähe der Stadt Boyle. Der Vater meines Vaters (den ich nicht kennenlernte, da er starb, als ich noch ganz klein war) war ebenfalls in Irland geboren. Die Mutter meines Vaters stammte jedoch aus Indiana. Leider starb auch sie, bevor ich alt genug war, um sie kennenzulernen.

Mein Vater, Newton Sheen, und meine Mutter, Delia Fulton, besaßen ein Eisenwarengeschäft in El Paso, Illinois, rund 45 Kilometer von Peoria entfernt. Eines Tages schickte mein Vater den Laufburschen des Ladens in den Keller, um Waren hochzuholen. Der Junge – der später als Bankangestellter in der Stadt arbeitete – sah, als er die Treppen heraufkam, dass sein Vater durch die Eingangstür hereinkam. Der Junge rauchte eine Zigarette, was für einen Jungen seines Alters damals buchstäblich einem Anathema7 gleichkam. Aus Angst vor seinem Vater warf er die Zigarette unter die Stufen. Sie fiel in ein Fass, das zweihundert Liter Benzin enthielt, und die gesamte Ladenzeile von El Paso brannte ab. Vielleicht um den Verlust wettzumachen und den Lebensunterhalt zu verdienen, zog mein Vater daraufhin auf eine Farm um, die er von seinem Vater geerbt hatte.

Seit meinen frühesten Jahren legte ich eine Abneigung gegen alles an den Tag, was mit dem Leben auf der Farm zusammenhing, und mein Vater erzählte gern, dass ich als kleiner Junge eine Säge genommen und die Ladeklappen seines besten Fuhrwerks zerstört hatte. Damals gab es in der Familie zwei Söhne: Ich war der älteste, und nach mir kam Joe, der zwei Jahre jünger war. Ich vermute, dass Armut in einigen Menschen den Wunsch weckt, reich zu sein. Bei meinen Eltern weckte ihre fehlende Ausbildung den Entschluss, dass ihre Kinder eine gute Ausbildung erhalten sollten. Deshalb zogen sie nach Peoria um, damit ich in der dortigen Schule der St.-Mary’s-Pfarrei angemeldet werden konnte, und so begann meine christliche Schulbildung.

Damals erhielt ich auch den Namen Fulton. Offenbar weinte ich während der ersten beiden Jahre meines irdischen Daseins fast ununterbrochen. Später, als Junge, war ich sehr verlegen, wenn wir Verwandte besuchten, und ein Arzt der Familie begann seine Unterhaltung mit meiner Mutter immer mit den Worten: »Oh, das ist der Junge, der nie aufhören konnte zu weinen.« Ich wurde für meine Mutter eine solche Belastung, dass ihre Eltern ihr oft tröstend beistehen mussten.

Verwandte und Freunde sagten häufig im Scherz zu meiner Mutter: »Oh, er ist Fultons Baby.« Bei der Anmeldung in der Schule fragte man meinen Großvater Fulton nach meinem Namen und er antwortete: »Fulton.« Ich war zwar in der St.-Mary’s-Kirche in El Paso, Illinois, auf den Namen Peter getauft worden, doch ab jetzt wurde ich Fulton genannt. Später wurde mein Bruder Joe Rechtsanwalt in Chicago und der nächste nach ihm, Tom, wurde Arzt in New York, und der vierte, Al, ging in die Industrie – die Kinder von Newton und Delia Sheen haben also tatsächlich eine solide Ausbildung erhalten. Dreißig oder vierzig Jahre später, als ich nach einem Zusammenbruch in einem Rundfunkstudio ins Krankenhaus gebracht worden war, entdeckte mein Bruder, der Arzt, dass ich als Kind Tuberkulose gehabt hatte, die die Tränenausbrüche verursacht hatte. Diese hatten ihrerseits die Kalziumproduktion angeregt, was zur Heilung der Krankheit beitrug und mir zu starken Lungen verhalf. Jedenfalls wurde ich – nachdem ich bei der Firmung noch den Namen John bekommen hatte – so zu Fulton John Sheen.


Geburtsort des Erzbischofs: Eisenwarenhandlung und Wohnung der Familie Sheen in 25 Front Street, El Paso, Illinois. Hier wurde Erzbischof Sheen geboren und sein Vater betrieb hier die Eisenwarenhandlung (Fulton J. Sheen Archiv).

Meine Lehrerin in der ersten Klasse war Schwester Alexine. Den Kontakt zu Schwester Alexine hielt ich nicht nur während der Schulzeit aufrecht, sondern auch noch nach meiner Priesterweihe und bis zu ihrem Tod. Sie schien nie auch nur einen einzigen Tag älter zu werden. Indem sie die Jugend unterrichtete, blieb sie selbst jung. Tugendhaftigkeit trägt mehr dazu bei, Jugendlichkeit zu bewahren, als sämtliche Cremes von Elizabeth Arden. Sie konnte sich nie daran erinnern, dass sie mich eines Tages einige Minuten lang im Klassenzimmerschrank eingeschlossen hatte, weil ich ungehorsam gewesen war. Vermutlich wollte sie sich nicht daran erinnern! Aber ich erinnere mich sehr gut daran – das Eingeschlossensein schien sich über Jahre hinzuziehen. Geschadet hat es mir nicht.

In einer der unteren Klassen, wahrscheinlich in der ersten, musste ich nach dem Unterricht dableiben, weil ich nicht wusste, wie man which buchstabierte. Ich versuchte es mit einem halben Dutzend, wenn nicht gar mehr Varianten, aber es nützte nichts. Ein kleines Mädchen hinter mir flüsterte »w-h-i-c-h« in mein Ohr. Später traf ich sie wieder als 83-Jährige in einem Altersheim und dankte ihr dafür, dass sie zu meiner Ausbildung beigetragen hatte, welche (which) ohne ihr Einflüstern sehr erschwert worden wäre.

Ich erinnere mich daran, dass ich während meiner ersten Schuljahre meiner Mutter eines Tages erzählen musste, dass ich den ersten Platz in einem Buchstabierwettbewerb an Margaret Kennedy verloren hatte. Ich hatte nicht gewusst, wie man thralldom buchstabiert. (Offiziell gilt nun auch die Alternativschreibung mit nur einem »l« – wie ich das Wort buchstabiert hatte.) Ich bemühte mich, Klassenbester zu sein, und so kam ich mit Heiligenbildchen und Medaillen nach Hause, doch von meinen Eltern bekam ich nie ein Wort des Lobes zu hören.


Fulton J. Sheen als Schuljunge im Herrensitz – wie ein erfahrener Veteran – auf seinem Pony Bob (Fulton J. Sheen Archiv).

Gelegentlich sagte meine Mutter beiläufig, dass ich das gut gemacht habe, mein Vater jedoch äußerte dergleichen in meiner Gegenwart nie. Einmal sprach ich meine Mutter darauf an und fragte sie, warum mein Vater mich nie lobte. Sie antwortete: »Weil er dich nicht verhätscheln will. Aber er erzählt es allen Nachbarn.«

Im Alter von ungefähr acht Jahren wurde ich Ministrant in der St.-Mary’s-Kathedrale in Peoria, Illinois. Eines frühen Morgens – ich war bei einer Messe mit dem großen Bischof John L. Spalding eingesetzt – ließ ich den kleinen Krug für den Wein auf den Marmorboden fallen. Es gibt keine Atombombenexplosion, die es an Lautstärke mit dem Krach und der Explosivkraft eines kleinen Weinkruges aufnehmen könnte, der in Gegenwart eines Bischofs auf den Marmorboden der Kathedrale fällt. Ich war zu Tode erschrocken. Was würde der Bischof sagen? Als die Messe beendet war, rief Bischof Spalding mich zu sich, legte seinen Arm um mich und fragte: »Junger Mann, in welche Schule wirst du gehen, wenn du groß bist?« Für einen achtjährigen Jungen bedeutete »groß« High School. Ich antwortete: »Ans Spalding Institute«, das war die High School, die nach ihm benannt war. (Man muss zugeben, dass das eine recht diplomatische Antwort war, aber das Diplomatische daran war mir damals nicht bewusst.) Er machte einen neuen Versuch: »Ich meinte, ›wenn du groß bist‹. Hast du je von Löwen8 gehört?« Ich antwortete: »Nein, Euer Gnaden.« – »Nun gut, wenn du nach Hause gehst, dann erzähle deiner Mutter, dass ich zu dir gesagt habe, dass du nach Löwen gehen sollst, wenn du groß bist, und irgendwann wirst du genau das werden, was ich bin.« Ich erzählte meiner Mutter, was der Bischof gesagt hatte, und sie erklärte mir, dass Löwen eine der bedeutendsten Universitäten weltweit war und in Belgien lag.

Ich habe nie wieder an diese Äußerung des Bischofs gedacht, bis ich zwei Jahre nach meiner Priesterweihe in Löwen eintraf, um mich an der Universität einzuschreiben. Ich dachte: »Ach, das ist ja der Ort, den Bischof Spalding genannt hat, als er sagte, dass ich dorthin gehen solle.« Und ich habe auch nie wieder an seine Prophezeiung mit dem Bischofsamt gedacht, denn ich wollte lediglich Priester werden.

Die fünfte Klasse war aufgeteilt in große Jungen und große Mädchen und in kleine Jungen und kleine Mädchen. Ich gehörte zu letzterer Gruppe.


Abschlussfeier an der St.-Mary’s-Schule der Pfarrei in Peoria, Illinois, ca. 1909. Der junge Fulton in der vorderen Reihe in der Mitte (Fulton J. Sheen Archiv).

Für einen Rechenwettbewerb zwischen den Davids und den Goliaths wurde ein Junge namens Ed als Vertreter der Goliaths ausgewählt, während ich die Davids vertreten sollte. Wir wurden in ein Klassenzimmer gebracht, wobei beide Klassen anwesend waren, um uns anzufeuern. Die Tafeln wurden in einem rechten Winkel voneinander aufgestellt, damit niemand abschreiben konnte. Eine Schwester aus der Goliath-Gruppe las eine Rechenaufgabe vor, anschließend daran eine Schwester aus der David-Gruppe. Der Wettbewerb dauerte ungefähr dreißig Minuten, und es wurde sehr spannend, da beide Gruppen Beifall klatschten. Sie klatschten weiter, nachdem wir beide gleichzeitig fertig geworden waren. Danach las die Schwester der Goliath-Gruppe eine Aufgabe vor, an die ich mich erinnern konnte, und ich fing sofort mit der Bearbeitung an. Ed wartete darauf, dass seine Aufgabe vorgelesen wurde. Ich hatte die Rechnung gelöst, bevor er auch nur angefangen hatte. Die Schwester im anderen Teil des Klassenzimmers war so wütend darüber, dass einer der Davids ihren Goliath besiegt hatte, dass sie das Rechenbuch nach mir warf, aber sie zielte schlecht und verfehlte mich.

Im Anschluss an die Konfessionsschule St. Mary’s meldete ich mich am Spalding Institute an, das von der Kongregation der Marianisten geleitet wurde. Sie waren ausgezeichnete Lehrer – sehr auf Disziplin bedacht und dennoch sehr beliebt. Einer meiner Klassenkameraden war Jimmy Jordan, der später im Rundfunk als Fibber McGee bekannt wurde. Gleich auf der anderen Straßenseite besuchte ein junges Mädchen die Mädchenschule Academy of Our Lady. Sie wurde später im Radio Fibbers Ehefrau Molly. Einen Block weiter, in der Peoria High School, gab es einen Jungen, den niemand von uns kannte, der aber später Andy aus dem berühmten Amos-and-Andy-Team wurde. Peoria brachte also drei berühmte Rundfunkstars hervor – ja sogar, einen gnädigen Leser vorausgesetzt, noch einen vierten.

Jedes Jahr führten die Schüler, um Geld für ihre Schule zu sammeln, ein Theaterstück auf. Ich hatte, wie es aus den Tests hervorgeht, kein Talent für Theateraufführungen, aber die Verantwortlichen meinten, dass ich auf die eine oder andere Art im Stück vorkommen sollte, weil mein Vater für das Programm Geld gespendet hatte. Ich erinnere mich noch heute an die eine Zeile, die ich aufsagen musste: Es war eine Fürsprache. Irgendjemand war kurz davor, meinen Vater in einem Wald umzubringen, und ich musste sagen: »Hab Erbarmen mit ihm um deines kleinen Angelos willen.«

Im vierten Jahr an der High School war ich Jahrgangsbester und derjenige, der die Abschiedsrede halten durfte, aber die Lehrer fanden mich als Abschiedsredner nicht sonderlich überzeugend. Am Ende des Schuljahres wurde eine Medaille für die beste Note im Fach Trigonometrie9 vergeben. Ralph Buechel und ich waren gleich gut, jeder hatte 100 Prozent für das Jahr erreicht. Um die Sache zu entscheiden, wurden uns in einer Sonderprüfung drei Aufgaben zur Trigonometrie vorgelegt. An die dritte Aufgabe erinnerte ich mich aus dem Lehrbuch. Kaum hatte der Lehrer begonnen, sie vorzulesen, schrieb ich die Lösung schon aus dem Gedächtnis nieder. Als die Arbeiten ausgewertet wurden, erhielt ich 66 2/3 Prozent, Ralph erhielt 100 Prozent und die Medaille. Ich sagte danach zu dem Lehrer: »Ich glaube, ich habe die dritte Aufgabe richtig gelöst, denn ich habe mich daran erinnert, dass sie im Buch vorkam.« »Ach ja«, sagte er, »stimmt, sie war richtig nach dem, was im Buch stand, aber du hast mir nicht zugehört. Ich habe nämlich den Winkel des Fahnenmasts verändert, deshalb hast du die Medaille nicht bekommen.«

Nach der High School schrieb ich mich am St. Viator College ein (das heute nicht mehr existiert, doch ich habe es in guter Erinnerung). Es wurde von den Viatoristen geleitet und zum Lehrkörper gehörten sehr gute Professoren, unter anderem Professor Kenyon aus Harvard, der uns ausgezeichneten Shakespeare-Unterricht erteilte … Pater Bergan, der Philosophieprofessor, eine der wichtigsten Inspirationsquellen meines Lebens …

Pater McGuire, der als anglikanischer Priester zum römischen Katholizismus übergetreten war und seinen Abschluss in Oxford gemacht hatte … und Dr. Potter, Absolvent der Wharton School of Economics.

Während des Semesters beteten die Studenten täglich den Rosenkranz. Bei schönem Wetter geschah das auf dem Fußballplatz, bei schlechtem Wetter in der Turnhalle. Die Studenten wählten mich zum Vorbeter. An einem Nachmittag fand das Gebet in der Turnhalle statt, und am anderen Ende der Halle war eine Bühne aufgestellt, auf der eine Diskussion mit einem College in Iowa stattfinden sollte. Ich gehörte zum Diskussionsteam. Der Gedanke daran, abends auf dieser Bühne zu sitzen, lenkte mich so stark ab, dass ich den Rosenkranz nicht zu Ende beten konnte. Ich glaube, dass die Nervosität meines ganzen Lebens sich auf diese wenigen Augenblicke konzentriert haben muss, denn nie mehr danach hatte ich Lampenfieber.


1913 bei seinem Abschluss am Spalding Institute in Peoria, Illinois (Fulton J. Sheen Archiv).

Die Modellierung des Tons geschah unter großen Opfern seitens meines Vaters und meiner Mutter. Sie versagten sich jede persönliche Bequemlichkeit und jeden Luxus, damit ihre Söhne gut gekleidet und gut versorgt waren. Unser Familienleben war einfach, die Atmosphäre zu Hause war christlich. Vor und nach jeder Mahlzeit wurde gebetet. Wenn Besuch kam, durften wir nicht ohne Jackett und Krawatte am Esstisch erscheinen. Jeden Abend wurde der Rosenkranz gebetet. Die Priester der Kathedrale besuchten uns jede Woche zu Hause und häufig kamen auch Verwandte zu Besuch.

Ich erinnere mich, dass ich von meinem Vater einmal eine Tracht Prügel bekam. Wir hatten ein Pferd, das in einem Stall hinter dem Wohnhaus untergebracht war. Es wurde für Familienausfahrten unter der Woche und am Sonntag benutzt. An jenem Tag war es meine Aufgabe, das Pferd Morgan zu füttern, was ich zur üblichen Zeit auch tat. Als mein Vater abends heimkam, fragte er mich, ob ich das Pferd gefüttert hätte, und ich bejahte es. Morgan muss an diesem Tag besonders hungrig gewesen sein, denn offensichtlich war im Futtertrog kein bisschen Heu mehr. Mein Vater dachte, dass ich gelogen hätte, und deshalb gab er mir eine Tracht Prügel. Er ließ seine Handfläche mit beträchtlichem Geschick auf meine Hose niedersausen. Nichts trägt zur Entwicklung des Charakters eines Jungen so effektiv bei wie eine Tracht Prügel, vorausgesetzt sie erfolgt oft genug, fest genug und tief genug. Ich beklagte mich später bei meiner Mutter, dass ich das Pferd doch gefüttert hätte, und sie bestätigte die Richtigkeit meiner Aussage. Mein Vater sagte: »Es tut mir leid – dann gilt das für das nächste Mal.« Ich erinnere mich nicht an ein nächstes Mal, denn ich verbrachte mein weiteres Leben ohne Prügel, allerdings nicht ohne Maßregelungen.

Im Rückblick auf diese frühen Zeiten erinnere ich mich an große Unterschiede in der Wirtschaftsordnung. Mein Vater verkaufte von seiner Farm Mais für fünfzig Cent pro Bushel10 und Weizen für einen Dollar pro Bushel, was in jenen Tagen, bevor Russland begann, unseren Weizen zu kaufen, als teuer galt. Ein besserer Anhaltspunkt für den Unterschied bei den Preisen war der Umstand, dass ich an fast jedem Tag außer Freitag zum Lebensmittelgeschäft geschickt wurde, um ein Lendensteak für dreißig Cent zu kaufen. Der Metzger packte zu jedem Kauf immer noch ein Wiener Würstchen dazu. Diese dreißig Cent machten meinen Vater, meine Mutter, die Großmutter und uns vier Jungen satt, ohne dass wir knausern mussten. Milch kostete pro Gallon11 fünf Cent.

Wir hatten in einem der Lebensmittelgeschäfte ein Anschreibkonto. Als ich ungefähr neun Jahre alt war, ließ ich eine Schachtel Nabisco-Kekse anschreiben, die damals ungefähr zehn Cent kostete. Mein Vater entdeckte diese List später, und ich erhielt eine ebenso knappe wie prägnante Lektion zum Thema Ehrlichkeit.

Eine weitere Lektion zum selben Thema erfuhr ich, nachdem ich eine Geranie gestohlen hatte, die vor einem Lebensmittelladen stand. Ich sah, dass diese Geranien für zehn Cent pro Pflanze verkauft wurden. Ich wusste, dass meine Mutter Geranien in Tomatendosen auf der Fensterbank aufstellte, und da ich annahm, dass ich ihr damit eine Freude machen würde, nahm ich eine der Blumen, brachte sie meiner Mutter nach Hause und sagte: »Hier habe ich eine Geranie für dich, Mutter.« Sofort begann die Inquisition: »Hast du sie gekauft?« – »Nein, Mutter.« – »Hast du sie gestohlen?« – »Ja, Mutter.« Dann schickte sie mich zu meinem Sparschwein und ließ mich fünfzig Cent herausschütteln. Ich wandte ein, dass die Pflanze doch nur zehn Cent gekostet habe und eine einzige Blume doch keine fünfzig Cent wert sei. Aber sie bestand darauf, dass ich eine Entschädigung in dieser Höhe leisten solle. Meine Unehrlichkeit, die mit einer Entschädigung meinerseits bestraft wurde, vermittelte mir die Lehre für mein ganzes Leben, dass Ehrlichkeit die beste Strategie ist. Jedenfalls gab mir Mr Madden, als ich ihm das Geld brachte, zwei Töpfe mit Geranien.

Während unserer gesamten Schulzeit schickten uns meine Mutter und mein Vater, die beide an den Wert harter Arbeit glaubten, auf eine der beiden Farmen, die ihnen damals gehörten, östlich und westlich der Stadt Peoria. Der Pächter akzeptierte an den Wochenenden und während der Sommermonate die Sheen-Jungen als Lohnarbeiter. In den frühen Zeiten saßen während einer Pause zwischen der schweren Farmarbeit mein Vater und einige seiner Freunde zusammen, und ein fröhlicher dicker Nachbar namens Billy Ryan sagte zu meinem Vater: »Newt, dein Ältester, Fulton, wird später mal keinen Pfifferling wert sein. Ständig steckt er die Nase in ein Buch.« Meine Brüder mochten die Arbeit auf der Farm, ich litt darunter. Wenn ich heute Tausende von jungen Leuten in Latzhosen herumlaufen sehe, erinnere ich mich daran, dass ich mich schämte, als ich einen Overall tragen musste – die Latzhosen der damaligen Zeit. Vom modischen Gesichtspunkt aus konnte man praktisch nicht tiefer sinken.

Diejenigen, die mich heute kennen, können sich kaum vorstellen, dass es einmal eine Zeit in meinem Leben gab, als ich den Maisacker umpflügte, bei sonnigem Wetter Heu machte, Fohlen anschirrte, Pferde striegelte, ihre schmutzigen Ställe ausmistete, morgens und abends bei feuchter und kalter Witterung Kühe melkte, Mais enthülste, die Schweine fütterte, Pfostenlöcher aushob, Pferde, die sich am Stacheldraht verletzt hatten, mit Salbe einschmierte, an dem Tag, als der Zirkus in die Stadt kam, gegen Kartoffelkäfer kämpfte und täglich meinen Vater zu überzeugen versuchte, dass eine Existenz als Farmer kein gutes Leben sei und dass man nur gutes Geld verdienen könnte, wenn man auf dem Feld auf Öl stieße.

Ohne viele Worte darüber zu machen, wurde ich nach der ethischen Norm des Wertes der Arbeit erzogen. In der Bibel wird Arbeit als Strafe für die Sünde beschrieben – der »uranfängliche Fluch«. Es war nicht die Arbeit an sich, die ich nicht mochte – es war die Arbeit auf dem Bauernhof. Sowohl mein Vater als auch meine Mutter arbeiteten schwer. Ich kann mich erinnern, dass ich unsere Verwandten, wenn wir sie besuchten, immer in der Küche sagen hörte: »Sag doch Tante Dee, sie soll die Arbeit uns überlassen« – Dee war die Abkürzung für Delia. Wenn mein Vater einen Besuch bei den Pächtern machte, half er ihnen, Schuppen zu bauen, die Ernte einzubringen und alles Mögliche zu machen, um nur ja nicht untätig zu sein. Nicht nur aufgrund der elterlichen Unterweisung, sondern vielleicht auch, weil es so tief in mir verwurzelt war – jedenfalls habe ich die Angewohnheit zu arbeiten nie abgelegt und ich danke Gott dafür, dass es so ist.

Einmal, als ich zehn Jahre alt war, spielte ich auf einem Platz im Freien in der Nähe unseres Hauses in Peoria Baseball. Meine Mutter rief mich und trug mir auf, etwas einzukaufen, was sie dringend für das Abendessen brauchte. Ich nörgelte: »Warum kann ich das Spiel nicht beenden? Wir müssen nur noch zwei Innings12 spielen.« Ihre Antwort lautete: »Du bist draußen, um zu trainieren. Welchen Unterschied macht es, ob du auf dem Spielfeld oder zum Lebensmittelladen rennst?« Jahre später, als ich mich in die Weisheit des Thomas von Aquin vertiefte, erhielt ich die Antwort auf ihre Frage. Dieser gelehrte Philosoph stellte die Frage: »Worin besteht der Unterschied zwischen Arbeit und Spiel?«, und er beantwortete sie: »Arbeit hat einen Zweck, das Spiel nicht, doch muss es im Leben eine Zeit für zwecklose Dinge, ja sogar närrisches Verhalten geben.« Als ich diese Unterscheidung kennenlernte, war es zu spät, um meiner Mutter eine altkluge Antwort zu geben. Und sie hätte mich damals auch sicher nie von einem Buch weggerufen.

Kommen wir zurück zum Thema Ausbildung. Das St. Viator College war auch ein Priesterseminar. Nachdem ich dort meinen Abschluss gemacht hatte, sandte Bischof Edmund Dunne von Peoria mich an das Priesterseminar St. Paul in St. Paul, Minnesota, um dort meine Studien für den priesterlichen Dienst abzuschließen. Damals wütete der Erste Weltkrieg: Es gab nur wenig zu essen und bei mir wurde ein Geschwür diagnostiziert, das operiert werden musste. Die Kurse am Seminar waren sehr gut, vor allem in den Fächern Heilige Schrift, Geschichte und Moraltheologie.

Der Musiklehrer musste uns alle im gregorianischen Choral ausbilden, unabhängig davon, ob wir Gesangsstimmen hatten oder nicht. Ich gehörte zu denen, die kaum zwei Töne halten konnten. Grace Moore hat mir das später bestätigt. Als ich allerdings zwanzig Jahre später zurückkam und im Auditorium von St. Paul einen Vortrag hielt, wurde ich von meinem Musiklehrer vorgestellt, der lobend meine Gesangskünste erwähnte. Ich bin sicher, dass der gute Mann nicht absichtlich eine Lüge erzählt, sondern nur ein schlechtes Gedächtnis hatte. Es wird allgemein behauptet, die Fähigkeit zu singen sei jedem Menschen angeboren, aber auf mich trifft das sicher nicht zu. Bei mir klingt es nicht mal unter der Dusche gut.


Abschlussfeier am St. Viator College in Bourbonnais, Illinois, ca. 1917 (Fulton J. Sheen Archiv).

Am Samstag, dem 20. September 1919, wurde ich durch die Gnade Gottes in der Kathedrale von Peoria zum Priester geweiht. Die Sehnsüchte, die der Heilige Geist meiner Seele schon früh eingegeben hatte, waren nun erfüllt – aber stimmte das wirklich? Ich war jetzt Priester. Ja. Aber ist das nicht nur die halbe Wahrheit? Damals, als ich geweiht wurde, stellte ich mir diese Frage nicht. Zu gegebener Zeit jedoch sollte ich, und zwar nicht auf die leichte Art und Weise lernen, dass ein Priester auch ein Opfer ist. Doch davon später.


Fulton J. Sheen bei seiner Priesterweihe im Jahr 1919 (Fulton J. Sheen Archiv).

Unmittelbar nach meiner Ordination wurde ich nach Washington an die Katholische Universität von Amerika gesandt, um in Philosophie zu promovieren, was es erforderlich machte, dass ich dort drei Jahre lang lebte und studierte. Einige Lehrer waren ausgezeichnet – Dr. Edward Pace und der berühmte Dr. John A. Ryan, ein führender Kopf des Landes auf dem Gebiet der Sozialethik. An den Wochenenden stellte ich mich für verschiedene Einsätze in einigen Pfarrgemeinden in Washington zur Verfügung, was die Universitätsleitung nicht gerne sah. Ich wurde von Msgr. Mackay eingeladen, in der St.-Paul’s-Kirche einen Kurs zur Fastenzeit zu halten. Damals war ich erst 24 Jahre alt, und als ich an der Haustür des Pfarrhauses anklopfte und der gute Monsignore einen Blick auf mich warf, sagte er: »Geh sofort zu den anderen Ministranten zurück in die Sakristei.« Im Regen und mit dem Mantelkragen über meinem Kollar hatte er nicht erkannt, dass ich Priester war.

Im selben Jahr sollte ich während der Karwoche die Eucharistie in der St.-Patrick’s-Kathedrale in Washington feiern. Die Liturgie der Karwoche unterscheidet sich etwas von der für die anderen Tage des Jahres üblichen Liturgie, und ich war etwas besorgt, ob ich es richtig machen würde. Eine der Anweisungen, die in Latein im Verlauf der Liturgie des Karsamstags vorkam, lautete, das Halleluja dreimal zu singen. Dieses Halleluja umfasst ungefähr neunundvierzig Noten, was selbst für Caruso eine Herausforderung gewesen wäre. Ich gab mein Bestes, um sämtliche schwarzen Noten im Messbuch wiederzugeben. Am Schluss seufzte ich erleichtert auf, doch der alte Monsignore Thomas, der Priester, der violette Socken trug, rief aus der Sakristei so laut, dass es alle Anwesenden hören konnten: »Singen Sie es noch mal!« Ich sang es noch einmal, einfach weil er es mir befohlen hatte. Als ich diesen zweiten Durchgang – etwas lauter – geschafft hatte, rief er: »Singen Sie es noch mal!«, was ich in einer Mischung aus Gehorsam und Widerstreben tat, wobei ich mir sehr dumm vorkam. Dann jedoch bemerkte ich am Ende der lateinisch formulierten Anleitung, wie das Halleluja zu singen war, das kleine Wörtchen ter, das dreimal bedeutet. Dieser Zwischenfall hat mich immer an die Geschichte eines Mannes erinnert, der die Wahl hatte, entweder ein hübsches, ganz unbekanntes Dienstmädchen oder eine hässliche, ziemlich berühmte Opernsängerin zu heiraten. Er entschied sich für die Opernsängerin. Am Morgen nach der Hochzeitsnacht schaute er sie an und sagte: »Um Himmels willen, sing!«

Nachdem ich zwei Jahre lang an der Universität studiert hatte, merkte ich, dass meine Ausbildung wohl noch nicht ausreichte, um den Grad eines Doktors der Philosophie zu verdienen. Ich vertraute meine Sorgen einem der Professoren an, und er fragte mich: »Was würden Sie sich denn sonst noch als Inhalte für Ihre Studien vorstellen?« Ich antwortete: »Ich möchte mein Wissen in zwei Dingen erweitern – erstens, worüber die moderne Welt nachdenkt, und zweitens, wie man auf die Irrtümer der modernen Philosophie im Licht der Philosophie des heiligen Thomas reagieren kann.« Er sagte: »Antworten darauf bekommen Sie hier nirgends, dazu müssen Sie an die Universität Löwen in Belgien gehen.«

Im September 1921 brach ich nach Löwen auf und schrieb mich an der Fakultät für Philosophie ein. Mein Bruder Tom kam mit mir, um an derselben Universität Medizin zu studieren. Ich werde mein ganzes Leben lang, unabhängig davon, wie lange ich lebe, nie in der Lage sein, meine tiefe Dankbarkeit dieser Universität gegenüber zum Ausdruck zu bringen für ihre exzellente Lehre, den belebenden Einfluss ihrer Führung und für die Ausbildung des Geistes, die dort ermöglicht wurde. Es gab keine Kurse, die ausgewählt werden konnten – jeder Kurs war obligatorisch. Wir mussten also Metaphysik, Experimentelle Psychologie, Rationale Psychologie, Kosmologie, Aristoteles, Moderne Raum- und Zeitvorstellungen belegen. Diese Kurse waren Teil des Studienplans für sämtliche Doktoranden. In jedem Wissensbereich wurden alle Gegenwartsfragen angesprochen. Sogar die Professoren der Medizinischen Fakultät hielten Hauptseminare in Naturwissenschaften für uns ab. Und neben dieser Ausrichtung am aktuellen Stand der Dinge wurden wir mit Aristoteles, Platon und den antiken Denkern überschüttet und eingetaucht in die Philosophie des Thomas von Aquin.


Sheen an der Universität Löwen in Belgien, frühe 1920er-Jahre (Fulton J. Sheen Archiv).

Die Professoren behandelten Thomas von Aquin, als gehörte er nicht zum Mittelalter, sondern wäre unser Zeitgenosse. Es gab keine Lektürelisten. Man ging davon aus, dass jedes Buch, das ein Professor zur Lektüre empfahl, in der mündlichen Abschlussprüfung vorkommen konnte.

Der brillanteste Professor war Dr. Léon Noël, dessen Nachname seinem Vornamen, wenn rückwärts buchstabiert, entsprach. Er gab unter anderem ein Seminar über Bergsons Philosophie, der damals der einflussreichste französische Denker war. Ein anderer Kurs behandelte den amerikanischen Pragmatismus. Einmal bestellte er mich in sein Büro und fragte: »Haben Sie die Gifford Lectures von Dr. Alexander gelesen?« Ich verneinte. Darauf er: »Nun, sie sind schon vor mindestens dreißig Tagen veröffentlicht worden. Ich rate Ihnen, beide Bände zu lesen und dann an die Universität von Manchester in England zu gehen, um sich mit Dr. Alexander zu besprechen.« Dr. Alexander hatte von König George V. eine Medaille für seine philosophische Abhandlung über Raum, Zeit und Gottheit erhalten. Seine These besagte, dass die Gottheit höhere Seinsstufen hervorbringe.

Ich fragte Dr. Alexander, ob er mir die Erlaubnis erteilen würde, einen seiner Kurse zu belegen. Ich erinnere mich nicht, ob er antwortete »Es geht nur um Kant« oder »Es ist nur Phrasendrescherei«. Jedenfalls lehnte er ab. Für den Nachmittag lud er mich zum Tee ein. Als ich zur vereinbarten Zeit zu dem Gebäude kam, sah ich außen einen Zettel hängen: »Heute Nachmittag zur Teezeit wird Dr. Alexander mit Dr. Sheen von der Universität Löwen diskutieren.« Ich hatte noch gar keinen Doktortitel von der Katholischen Universität Löwen und hatte auch nicht die Qualifikation, die Universität zu vertreten. Aber in der Mitte des Raums war bereits der Teetisch für Dr. Alexander und mich hergerichtet. Hunderte Studenten saßen an diversen Teetischchen im Raum, um der Diskussion zu folgen. Dr. Alexander begann: »Nun, was möchten Sie gerne wissen?« Ich merkte zum ersten Mal, wie es sein muss, wenn man der Allwissenheit Gottes zu Füßen sitzt. Ich antwortete: »Sie glauben nicht daran, dass Gott unendlich vollkommen ist, nicht wahr?« Er fragte: »Haben Sie meine Bücher gelesen?« Ich sagte: »Ja, zweimal.« »Nun«, sagte er, »wenn Sie sie mit einem gewissen Grad an Intelligenz gelesen haben, dann müssten Sie eigentlich wissen, dass ich durchaus daran glaube, dass Gott vollkommen ist.« Ich fragte: »Darf ich Ihnen Ihre Sicht der Dinge erklären, wie ich sie verstanden habe?« Und dann erklärte ich, dass Dr. Alexanders Auffassung für mich zu sein schien, dass Gott ein Drang oder Antrieb sei, der sich immer eine Ebene über der aktuellen Evolutionsebene befinde. »Als es nur Raum und Zeit gab, war Gott eine Chemikalie. Als Chemikalien entstanden, war Gott das Ideal einer Pflanze. Als Pflanzen im Universum auftauchten, war Gott der Idealzustand eines Tieres. Als es Tiere gab, war Gott der Idealzustand des Menschen. Jetzt, da es den Menschen gibt, ist Gott ein Engel. Eines Tages werden wir diesen Zustand erlangen. Gott wird sich weiterhin vorwärtsbewegen als der Antrieb des Universums.« Und er sagte darauf: »Ja, das ist meine Theorie; Sie haben sie ausgezeichnet verstanden.« Ich antwortete: »Nun, Dr. Alexander, Ihr Gott ist offenbar nicht vollkommen, sondern befindet sich auf dem Weg zur Vollkommenheit. Ein vollkommener Gott ist ein Gott, dem in jedem einzelnen Augenblick seines Seins die Fülle der Vollkommenheit zu eigen ist.« – »So hat es mir noch nie jemand dargestellt«, sagte er. Ich fragte ihn, ob er daran interessiert wäre, die Philosophie des Thomas von Aquin kennenzulernen. »Nein, das interessiert mich nicht, denn man wird in dieser Welt nicht durch die Wahrheit bekannt, sondern durch die Neuheit, und meine Lehre ist neu.«

Die Prüfungen für den Doktortitel an der Katholischen Universität Löwen fanden mündlich statt. Ungefähr zwanzig Studenten oder Kandidaten wurden gleichzeitig in einen großen Saal eingelassen, in dem zwanzig Professoren an zwanzig Tischen saßen. Als Student suchte man sich dann einen Tisch aus, der einem zusagte. Jeder strebte zum Tisch des Professors, von dem er dachte, seine Fragen wären die einfachsten. Der Professor stellte Fragen, bis man auf eine Frage nicht mehr antworten konnte. Dann schickte er den Betreffenden zu einem anderen Tisch. Die Prüfung dauerte den ganzen Tag. Am Ende des Tages gab jeder Professor seine eigene Benotung ab, und dann besprachen sich alle Professoren zusammen und gaben eine Abschlussnote.

Als ich zum Tisch von Dr. Noël kam, sagte er: »Sagen Sie mir, wie ein Engel einen Syllogismus vollzieht.« Ich antwortete: »Ein Engel muss den Schlussfolgerungsprozess nicht durchlaufen, da er über eine intuitive Intelligenz verfügt. Deshalb sieht er Schlussfolgerungen so klar wie wir die Tatsache, dass ein Teil nie größer ist als das Ganze. Ein Engel kann also keinen Syllogismus vollziehen.« Später, als wir uns sehr gut kannten, fragte ich ihn, ob er sich an diese Frage erinnere und warum er sie gestellt habe. Er antwortete: »Sie erinnern sich, als ich das Seminar über Bergsons Philosophie hielt, sagte ich zu den Studenten: ›Ich möchte, dass Sie jede einzelne Zeile lesen, die der hl. Thomas je über das Thema Engel verfasst hat, damit Sie die Intelligenz der Engel verstehen können.‹ Ich wollte einfach herausfinden, ob Sie dieser Aufforderung gefolgt sind.« Etwas später, als ich in Rom am Angelicum arbeitete, las ich jede Zeile, die der hl. Thomas geschrieben hatte, mindestens ein Mal.

Die Universität hatte noch einen höheren akademischen Grad zu vergeben, den eines Agrégé.13 Dies bedeutete, dass man zu einem Mitglied der Fakultät wurde. Man musste mehrere Bedingungen erfüllen, um diese Ehrung zu erhalten: Erstens musste die Universität die Einladung aussprechen, zweitens musste man ein Buch veröffentlicht haben und drittens musste man eine öffentliche Prüfung vor Professoren anderer Universitäten ablegen. Ich erhielt die Einladung, mich als außerordentlicher Professor zu bewerben. Da es nicht nötig war, sich in Löwen aufzuhalten, während man sich auf das Diplom vorbereitete, ging ich für ein Jahr zum Theologiestudium nach Rom und schrieb mich am Angelicum ein, das heute zutreffender als Päpstliche Universität Heiliger Thomas von Aquin bezeichnet wird, ebenfalls an der jesuitischen Päpstlichen Universität Gregoriana. Dann wurde ich eingeladen, am Theologischen Seminar Westminster in London einen Kurs in Theologie zu halten.

Der Zeitpunkt war gekommen, um die Prüfung zum außerordentlichen Professor vor den zu diesem Zweck eingeladenen Professoren der anderen Universitäten abzulegen. Die Prüfung begann um neun Uhr morgens und dauerte bis fünf Uhr am Nachmittag. Dann wurde aus den eingeladenen Professoren ein Gremium gewählt, das über die Benotung entscheiden sollte. Es war dieselbe wie für eine Promotion: genügend, gut, sehr gut und mit Auszeichnung. Am Abend gab die Universität für den erfolgreichen Kandidaten ein Abendessen und führte ihn in die Fakultät ein. Hatte man mit »genügend« bestanden, wurde zum Essen nur Wasser serviert. Für »gut« gab es Bier, für »sehr gut« Wein und für den Abschluss »mit Auszeichnung« Champagner. Der Champagner war an jenem Abend ausgezeichnet!

Ich erhielt zwei Lehrberufungen – die erste kam von Kardinal Bourne aus London, der mir vorschlug, nach Oxford zu kommen und mit dem Theologen und Priester Ronald Knox Seminare in katholischer Philosophie und Theologie abzuhalten, die zweite kam von Nicholas Murray Butler, damals Präsident der Columbia Universität von New York, der mich einlud, dort ein Seminar über scholastische Philosophie anzubieten.

Ich sandte die beiden Briefe an meinen Bischof: »Welches Angebot soll ich annehmen?« Seine Antwort: »Kommen Sie nach Hause.«

7 Verfluchung, Bann (Anm. d. V.).

8 Die Katholische Universität von Löwen ist eine der renommiertesten Universitäten in Louvain-la-Neuve, Belgien (Anm. d. V.).

9 Dreiecksberechnung (Anm. d. V.).

10 Getreidemaß in den USA, ca. 25 kg (Anm. d. V.).

11 Knapp 4 Liter (Anm. d. V.).

12 Innings sind Spielabschnitte, wobei in der ersten Hälfte die Auswärtsmannschaft Schlagmannschaft, in der zweiten Hälfte die Heimmannschaft Schlagmannschaft ist (Anm. d. V.).

13 Außerordentlicher Professor (Anm. d. V.).

3. Die Gabe des Schatzes


Während der ganzen Zeit meines Doktorandenstudiums war ich bereits Priester. Wie ist dieser Wunsch in mir aufgekommen? Wie hat er sich im Ton entwickelt und ist allmählich zur Blüte gekommen? Der Schatz kommt von Gott, der Ton gibt die Antwort. Unser Herr sagte zu seinen Aposteln beim letzten Abendmahl: »Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.« Und im Brief an die Hebräer heißt es: »Und keiner nimmt sich selbst diese Würde [des Priestertums], sondern er wird von Gott berufen.« Gott legt dieses heilige Pfand nicht in menschliche Wesen, die ihm gleich sind, und er tut es auch nicht auf dieselbe Weise. Er verändert seine Weise des Gebens von Individuum zu Individuum. Die Berufung kann früh erfolgen oder spät. Sie kann sich ereignen wie beim heiligen Franziskus, der in Apulien in den Krieg ziehen wollte, um Ritter zu werden, oder spät nach einem sündhaften Leben wie bei Augustinus, als er die Stimme eines Kindes hörte, das auf die Heilige Schrift hinwies und sagte: »Nimm und lies.«

In meinem Leben gab es nach meiner Erinnerung keinen Zeitabschnitt, an dem ich nicht Priester werden wollte. Als Teenager schickte mein Vater uns auf eine seiner Farmen, um dort zu arbeiten. Ich erinnere mich daran, wie ich den Acker im Frühjahr umpflügte und wie ich den jungen Mais wachsen sah. Wenn die schwere schwarze Erde umgepflügt war, betete ich den Rosenkranz und bat um eine Berufung. Anderen gegenüber habe ich meine Berufung nie erwähnt, nicht einmal gegenüber meinen Eltern, obwohl andere zu meinen Eltern häufig sagten, dass sie der Meinung seien, dass ich einmal Priester werden würde. Das Feuer der Berufung wurde durch meinen Dienst als Ministrant in der Kathedrale geschürt, außerdem durch die Inspiration von Priestern, die uns fast wöchentlich zu Hause besuchten. Und nicht zu vergessen ist der Rosenkranz, der in der Familie jeden Abend vor dem Zubettgehen gebetet wurde.

Meine Erstkommunion im Alter von zwölf Jahren war für mich der Anlass für eine besondere Bitte an den Herrn, mir die Gnade der Priesterschaft zu gewähren. Allerdings hatte ich immer einen Zweifel – und das betraf die Frage, ob ich dieser Gnade würdig wäre.

Mein Vater oder meine Mutter sagten nie, dass ich Priester werden sollte, und ich sprach mit ihnen auch nicht darüber – bis zu dem Tag, als ich ins Priesterseminar eintrat. Ihre einzige Antwort war damals: »Wir haben immer darum gebetet, dass du Priester wirst. Wenn es deine Berufung ist, dann werde ein guter Priester.« Häufig hörte ich, wie Verwandte und Freunde, die meine Eltern besuchten, über mich sprachen und sagten, dass ich sicher einmal Priester werden würde. Und mein jüngerer Bruder Joe erzählte mir, dass ich Besucher gern mit kleinen vorbereiteten Ansprachen unterhalten hätte. Ich selbst erinnere mich daran nicht.

Eine Berufung ist etwas so Heiliges, dass man nicht gerne darüber spricht. Ich habe sie nie gegenüber irgendjemandem erwähnt – nicht vor meinen Klassenkameraden, nicht vor meinen Eltern und auch nicht vor den Priestern (nur mit Pater Kelly sprach ich darüber, einem Vikar der Domgemeinde). Mit dem Gefühl, man habe einen Schatz empfangen, war immer die Zerbrechlichkeit des Tongefäßes verbunden, das diese Gabe aufnehmen sollte. Ich verscheuchte dieses Gefühl immer wieder aus meinem Denken, nur damit es wieder zurückkam. Meistens vollzieht sich die religiöse Berufung im Stillen wie ein anhaltendes Flüstern, das jedoch nach Antwort verlangt. Es ist kein gewaltsames Rütteln an den Bettpfosten oder lauter nächtlicher Lärm. Einfach nur: »Du bist berufen, Priester zu sein.«

Und die Berufung ist auch nicht so gebieterisch, dass die Zustimmung zwingend notwendig erscheint anstatt eines bereitwilligen Gehorsams. In der Geschichte im Alten Testament, als Gott zu dem jungen Samuel sprach, war die Stimme für niemand sonst zu hören, nur für das Kind. Und es gab auch nichts, das darauf schließen ließ, dass es die Stimme Gottes war. Deshalb ging Samuel, nachdem sein Name gerufen wurde, zweimal zu Eli: Er glaubte, Eli habe ihn gerufen. Es bedurfte der Erfahrung Elis, des alten Priesters, um den Jungen schließlich vom göttlichen Sprecher zu überzeugen: »Eli merkte, dass der Herr den Knaben gerufen hatte.« Samuel wusste zuerst nicht, dass es die Stimme des Herrn war. Und auch die meisten von uns erkennen diese Stimme, wenn sie zum ersten Mal gerufen werden, nicht als die Stimme des Herrn – erst durch die Beharrlichkeit, die Ruhe und den Frieden, mit der sie von der Seele Besitz ergreift.

Der Lauf des Lebens wird nicht von den trivialen Alltagsdingen bestimmt, sondern von einigen wenigen entscheidenden Augenblicken. In einem Menschenleben gibt es wohl nicht mehr als drei oder vier oder fünf solcher Momente. Für viele Menschen ist es die Entscheidung für die Ehe, für einen bestimmten Beruf oder einen anderen Wohnort. Für mich kam sicher ein Wendepunkt, als ich das College beendet hatte. Es fand eine nationale Prüfung für diese Absolventen statt. Der Preis war ein dreijähriges Universitätsstipendium. Ich nahm an der Prüfung teil und gewann eines der Stipendien. Irgendwann im Sommer wurde ich entsprechend informiert. Sofort danach fuhr ich zum St. Viator College, um Pater William J. Bergan zu besuchen, mittlerweile ein guter Freund. Er war auf dem Tennisplatz, als ich dort ankam. Völlig begeistert rief ich ihm zu: »Pater Bergan, ich habe das Stipendium bekommen!«

Er legte mir die Hände auf die Schultern, schaute mir in die Augen und fragte: »Fulton, glaubst du an Gott?« Ich erwiderte: »Sie wissen, dass ich das tue.« Er sagte: »Ich meine praktisch, nicht theoretisch.« Da war ich nun nicht so sicher und ich sagte: »Na ja, ich hoffe doch.« – »Dann zerreiß das Stipendium.« – »Aber Pater Bergan, dieses Stipendium ermöglicht es mir, drei Jahre an der Universität zu studieren, und alles wird bezahlt. Das ist ungefähr neun- oder zehntausend Dollar wert.« Er antwortete: »Du weißt, dass du eine Berufung hast. Du solltest ins Priesterseminar eintreten.« Daraufhin entgegnete ich mit einem Vorschlag: »Ich kann doch ins Priesterseminar eintreten, nachdem ich meinen Doktor gemacht habe, denn nach meiner Priesterweihe werde ich kaum mehr die Möglichkeit haben zu promovieren, und ich möchte doch unbedingt eine so gute Ausbildung wie möglich erhalten.« Er antwortete: »Zerreiß das Stipendium und geh ins Priesterseminar. Das ist es, was der Herr von dir will. Und wenn du das tust und ihm vertraust, wirst du nach deiner Weihe eine viel bessere Universitätsausbildung erhalten als zuvor vorgesehen.« Ich habe die Zusage für das Stipendium zerrissen und bin ins Priesterseminar eingetreten. Nie habe ich diesen Besuch und diese Entscheidung bereut.

Wenn ich auf die Jahre zurückblicke und mich näher mit den heutigen Berufungen befasse, dann stelle ich fest, dass es sowohl in meinem Fall als auch in vielen anderen Fällen drei Stadien gibt, die auch in der Berufung des Propheten Jesaja beschrieben werden. Heute behaupten viele, sie hätten eine Berufung zum Priestertum, weil sie »in der Innenstadt« arbeiten oder »die politischen Grundrechte der Gefangenen einfordern« oder »für die staatsbürgerlichen Rechte von Minderheiten einstehen« oder »sich um Menschen mit Behinderung kümmern« oder »eine religiöse Mission im politisch aktiven Südamerika erfüllen« wollen. Keine echte Berufung beginnt damit, »was ich möchte« oder mit »einer Arbeit, die ich gern tun möchte«. Wenn wir von Gott berufen werden, trägt er uns unter Umständen eine Arbeit auf, die uns nicht gefällt – und hier gilt: »Gehorsam ist besser als Opfer«. Wenn die Gesellschaft mich ruft, kann ich mit meinem Dienst aufhören. Wenn Christus mich beruft, bin ich für immer sein Diener. Wenn ich das Gefühl habe, dass meine Berufung einem Einsatz für die Gesellschaft gewidmet sein sollte, dann gibt es keinen Grund, weshalb ich in ein Priesterseminar eintreten sollte. Wenn ich überzeugt bin, dass eine Berufung bedeutet, mit der Welt gleichgestellt zu werden, dann habe ich vollständig ihn vergessen, der die Warnung aussprach: »Ich habe euch aus der Welt erwählt.«

Die erste Phase einer Berufung ist ein Bewusstsein von der Heiligkeit Gottes. Als Jesaja in den Tempel ging, hatte er eine Vision Gottes, des Herrn, der auf seinem Thron saß, umgeben von Engelschören, die sangen:

Heilig, heilig, heilig ist der HERR der Heerscharen.

Erfüllt ist die ganze Erde von seiner Herrlichkeit.

Eine Berufung beginnt nicht damit, »was ich gerne tun würde«; sondern mit Gott. Man wird mit seiner Anwesenheit konfrontiert, nicht so dramatisch wie Paulus bei seiner Bekehrung, doch mit dem Gefühl des Nicht-von-dieser-Welt-Seins, des Heiligen, des Transzendenten.

Das zweite Stadium, eine Reaktion hierauf, ist ein intensives Gefühl der Unwürdigkeit. Das Herz erschrickt, wenn es den Ton und den Schatz gleichzeitig sieht. Gott ist heilig, ich bin es nicht. »Weh mir.« Gott kann etwas anfangen mit denjenigen, die erkennen, wie sie wirklich sind und wie sehr sie der Reinwaschung bedürfen, jedoch nicht mit denen, die sich selbst als würdig empfinden.

Jesaja wurde von seiner Jämmerlichkeit durch einen Seraph erlöst, der eine brennende Kohle vom Altar nahm und damit seinen Mund berührte und sagte: »Siehe, dies hat deine Lippen berührt, so ist deine Schuld gewichen und deine Sünde gesühnt.« Diese Reinigung beginnt im Priesterseminar und setzt sich das ganze Leben hindurch fort in Form von körperlichen Leiden, Seelenqual, Verrat, Skandalen, falschen Anschuldigungen – all das fordert den Berufenen auf, sich des Schatzes immer würdiger zu erweisen.


Die Familie Sheen aus El Paso: Mr und Mrs Newton Sheen und ihre vier Söhne in den 1930er-Jahren (Fulton J. Sheen Archiv).

Das dritte Stadium ist die Antwort. Nach der Reinigung hörte Jesaja die Stimme des Herrn, der die Frage stellte: »Wen soll ich senden?« Und Jesaja antwortete: »Hier bin ich, sende mich!« Dies sagte ich am Tag meiner Priesterweihe.

Die Herausforderung zwischen der Erhabenheit der Berufung einerseits und der Zerbrechlichkeit des menschlichen Tongefäßes andererseits ist eine Art Kreuzigung. Jeder Priester ist gekreuzigt auf dem vertikalen Balken der gottgegebenen Berufung und dem horizontalen Balken der banalen Sehnsucht des Fleisches und einer Welt, die so häufig lockt, gleichförmig mit ihr zu werden. Manchmal wird sogar der beste Wein in Blechtassen serviert. Als Priester ist man dazu berufen, der glücklichste Mensch, gleichzeitig aber täglich dem schlimmsten aller Kriege ausgeliefert zu sein – dem Krieg, der im Inneren tobt.

Gott modelliert jedoch den Ton ständig neu, gibt ihm eine zweite, eine dritte, ja siebenmal siebzig Chancen. Der Prophet Jeremia wurde aufgefordert, eine Töpferwerkstatt aufzusuchen. Jeremia sagte:

So ging ich zum Haus des Töpfers hinab und siehe, er arbeitete gerade mit der Töpferscheibe. Missriet das Gefäß, das er aus Ton machte, in der Hand des Töpfers, so machte der Töpfer daraus wieder ein anderes Gefäß, ganz wie es ihm gefiel.

Womöglich hatte der Töpfer ursprünglich vor, eine Ming-Vase zu machen, doch als das Gefäß missraten war, gab er nicht auf: Er machte ein anderes Gefäß daraus.

Die Bemühung, die Liebe wiederherzustellen, ist selbst dann erfolgreich, wenn Gottes ursprünglicher Plan durch das Material, mit dem er arbeitet, durchkreuzt wird: »Wo jedoch die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden.« Am Ende des Lebens erkennt man die Absicht des Töpfers, einen Heiligen zu erschaffen. Gott hat aber nicht aufgegeben, sodass, wenn das Gefäß nicht dazu taugt, eine Rose aufzunehmen, es wenigstens als Blechdose für eine Geranie dienen kann. Der himmlische Töpfer kann die Verhältnisse des menschlichen Tons verändern, indem er beispielsweise hier und da etwas Leid hinzufügt. Wenn wir uns weigern, zu der Form modelliert zu werden, die uns ursprünglich zugedacht war, nämlich zur Heiligkeit und vollkommenen Nachahmung Christi, dann formt er uns zu nützlichen Krügen, aus denen er seine göttliche Gnade ausgießen kann. Gott schafft nichts mit dem Ziel, es zu zerstören. Es gibt keine Vergeudung im Leben. Die Kindheit ist keine Vergeudung. Sie hat einen Bezug zum ganzen übrigen Leben.

Der Teil in uns, der versucht und erprobt wird, der vielen Prüfungen unterworfen wird, ist keine Vergeudung. Die Tränen, die Torturen, die Enttäuschungen, die Qualen sind nicht verloren. All das, was gegen das Leben gerichtet zu sein scheint, wird in neue Formen umgearbeitet. Das Leben kann zu einer Ruine zerbrochen sein, doch Gott kann daraus etwas Schönes machen. Wenn ich also gefragt würde, ob ich, wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, mein Priestertum auf dieselbe Weise ausüben würde, dann wäre die Antwort: »Nein, ich würde versuchen, Christus mehr zu lieben.« Der einzige Schmerz in meinem Leben – in jedem Leben – besteht darin, ihn nicht genug geliebt zu haben. Denn ich weiß:

Dass nichts, wie sehr es auch geirrt,

dass kein noch so zerstörtes Leben

völlig von Gott verworfen wird

und der Vernichtung preisgegeben.

Es gibt sehr viel mehr Berufungen zum Priesteramt als jene, die dann letztlich zu einer Priesterweihe führen, ebenso wie mehr Samen ausgebracht werden, als letztlich Frucht tragen. Der heilige Thomas von Aquin war der Meinung, dass Gott der Kirche immer eine ausreichende Zahl an Berufungen gebe, »vorausgesetzt, die Unwürdigen werden abgewiesen und die Würdigen gut ausgebildet«. Die besten Führer zu Berufungen sollten die Priester selbst sein. Wir dürfen nicht auf die Kanzel steigen und die Eltern dazu aufrufen, Kinder zu bekommen, wenn wir Priester nicht unsererseits geistliche Kinder zur Welt bringen. Am Jüngsten Tag wird Gott uns Priester fragen: »Wo sind deine Kinder? Wie viele Berufungen hast du gefördert?« Zwar ist es keinem von uns gegeben, einem anderen eine Berufung einzupflanzen, doch liegt es in unserer Macht, die Aufnahmefähigkeit zu vergrößern. Wir düngen den Boden durch ein gutes Beispiel und durch Ermutigung.

Ich glaube, dass Gott einigen von uns das Gespür dafür verleiht, eine Berufung in anderen zu erkennen. Ich erinnere mich an eine Mitternachtsmesse im Heiligtum der Unbefleckten Empfängnis in Washington um das Jahr 1960. Als die Messe ungefähr um halb zwei Uhr morgens zu Ende war, sammelten sich mehrere Hundert Menschen um mich, um Grüße auszutauschen. Ich sah einen farbigen Jungen mit seinem Vater am Rand der Menge und rief ihn zu mir. »Junger Mann, hast du je daran gedacht, Priester zu werden?« Er bejahte es. Ich sagte zu ihm: »Ich glaube, du hast eine Berufung.« Ich legte meine Hände auf seinen Kopf und betete darum, dass er, wenn Gott ihn berief, dafür empfänglich sein würde. Der Vater sah, dass ich mit seinem Sohn sprach, und fragte: »Worüber haben Sie mit meinem Sohn gesprochen?« Ich antwortete, dass ich glaubte, sein Sohn werde eines Tages Priester werden. Der Vater erwiderte: »Seit dieser Junge auf die Welt kam, habe ich morgens und abends dafür gebetet, dass Gott ihm eine Berufung schenkt.« Ich weiß nicht, was sich aus dieser Begegnung schlussendlich ergeben hat. Es gehört zu den Dingen, die ich im Himmel erfahren werde.

Ein weiteres Vorkommnis war absehbarer. Ich aß allein im Speisesaal des Statler Hotels in Boston. Ein Schuhputzjunge mit einem schmutzigen T-Shirt, dem ein Schuhputzkasten von der Schulter hing, begann, die langen purpurroten Vorhänge zum Schwingen zu bringen, die den Eingang zum Speisesaal einrahmten. Sobald der Oberkellner dies bemerkte, brüllte er den Jungen an und scheuchte ihn aus dem Hotel. Ich ließ mein Abendessen stehen, ging vor das Hotel zu dem Jungen und fragte ihn, welche Schule er besuche. Er sagte mir, er gehe auf eine staatliche Schule. Ich fragte ihn: »Warum gehst du mit einem Namen wie deinem (es war ein irischer Name) nicht auf eine katholische Schule?« Er antwortete: »Ich wurde rausgeschmissen.« – »Wer hat dich hinausgeworfen?«, fragte ich. »Der Pfarrer und die Mutter Oberin der Schule.« Ich versprach: »Ich werde dich wieder hineinbringen.« Er fragte mich, wer ich sei, aber ich antwortete ihm, dass ich ihm das nicht sagen könne. Dann meinte er: »Nein, sie sagten, keinem würde es gelingen, mich wieder in eine katholische Schule zurückzubringen. Ich werde nicht mehr dorthin zurückgehen können.«

Ich suchte den Pfarrer und die Oberin der Schule auf und sagte ihnen: »Ich weiß von drei Jungen, die von Konfessionsschulen hinausgeworfen wurden: der eine, weil er ständig während des Geografie-Unterrichts Bilder malte, ein zweiter, weil er sich gern mit anderen prügelte; und der dritte, weil er unter seiner Matratze revolutionäre Bücher versteckt hatte. Niemand weiß heute, wer Klassenbester dieser Klassen geworden ist – aber der erste Junge war Hitler, der zweite Mussolini und der dritte Stalin. Ich bin sicher, wenn die Schulleitung diesen Jungen eine zweite Chance gegeben hätte, hätten sie sich später anders verhalten. Vielleicht wird dieser Junge sich Ihrer Entscheidung würdig erweisen, wenn Sie ihn wieder aufnehmen.« Sie erlaubten ihm, in die Schule zurückzukehren, und heute ist er Missionar bei den Eskimos.


Lake Champlain, Sommer 1935; Alfred E. Smith, ehemaliger Gouverneur von New York, ganz links (»Päpstliches Werk der Glaubensverbreitung«).

Als ich Bischof von Rochester war, kam ich, während ich den Mittelgang einer Kirche hinunterging, an einem Jungen in einer Bank vorbei, der mir recht ungewöhnlich vorkam. Ich hielt an und fragte ihn, ob er je daran gedacht habe, Priester zu werden. Er antwortete: »Manchmal bete ich dafür.« Und ich sagte: »Ich bin sicher, dass du eine Berufung hast. Bete weiter zur Gottesmutter, dass du darin bestärkt werden mögest.« Kürzlich erfuhr ich aus einem Brief von dem jungen Mann, dass er bei den Jesuiten eingetreten ist.

Wenn ich auf die rund sechzig Jahre meines Priester-Opfer-Seins zurückblicke – wie würde ich vor Gott die Frage beantworten: »Meinst du, du bist in deinem Leben ein guter Priester gewesen?« Wenn ich mich mit Missionaren vergleiche, die, indem sie ihr Land und ihre Familie verließen, um fremde Völker zu lehren, zu »trockenen Märtyrern«14 wurden; wenn ich an die Leiden denke, die meiner Brüder im Priesteramt in Osteuropa ertragen müssen; wenn ich die heiligmäßigen Gesichter einiger meiner Brüder im Priesteramt in den Klöstern und in der Mission sehe und die schöne Ergebenheit von Priestern in Krankenhäusern, die an Krebs leiden; und wenn ich einfach nur viele meiner Brüder in Christus in den Blick nehme, die ich so sehr bewundere, dann antworte ich: »Nein, ich war nicht der Priester, der ich hätte sein können oder der ich gerne gewesen wäre.«

Aber ich weiß, dass zur Antwort auf diese Frage noch mehr gehört. Wenn Sie ein Gemälde bei Kerzenlicht betrachten, bleiben die Unvollkommenheiten verborgen. Wenn Sie es aber dem vollen Sonnenlicht aussetzen, sehen Sie, wie schlecht die Farben gewählt, wie plump die Linien gezogen sind. Ebenso verhält es sich, wenn wir uns selbst an Gott messen – wir bleiben unendlich weit hinter den Erwartungen zurück. Wenn wir uns mit den vielen vergleichen, die uns inspiriert haben, dann empfinden wir ein tiefes Gefühl von Unwürdigkeit. Doch hinter alldem und trotz alldem gibt es das überwältigende Bewusstsein von der Barmherzigkeit Gottes. Er hat nicht Engel zu Priestern berufen, sondern Menschen. Er hat nicht Gold als Material für das Gefäß gewählt, in das er seinen Schatz gelegt hat, sondern Ton. Die bunte Schar der Apostel, die er um sich versammelte, war aufgrund seiner Barmherzigkeit und seines Erbarmens seiner würdig.

Ich weiß, dass ich keine Angst habe, vor ihn zu treten. Und zwar nicht, weil ich würdig wäre, auch nicht, weil ich ihn innigst geliebt habe, sondern weil er mich geliebt hat. Das ist der einzige Grund, aus dem heraus jeder Einzelne von uns wirklich liebenswert ist. Wenn der Herr uns seine Liebe schenkt, dann werden wir liebenswert.

14 Die unerbittlichen Angriffen auf den katholischen Glauben durch das, was Johannes Paul II. »die Kultur des Todes« nannte, ausgesetzt sind (Anm. d. V.).

4. Die Zeit nach dem Studium


Nach meiner Rückkehr aus Europa als Reaktion auf den »Komm nach Hause«-Brief meines Bischofs wurde ich in einer Pfarrgemeinde eingesetzt, in der die Straßen in jenem Teil der Stadt nicht gepflastert waren, der als »Unteres Ende« bezeichnet wurde, und aus dem die Bessergestellten in andere Stadtteile weggezogen waren. Pfarrer Patrick Culleton war ein wahrer Gottesmann. Ich begann, einen Kurs in der Fastenzeit zu geben, und diese arme Kirche, auf die die anderen Gemeinden oben auf dem Hügel herabsahen, füllte sich bald mit Menschen. Einige Priester verboten später ihren Gemeindemitgliedern, ins »Untere Ende« zu gehen, »wo dieser junge Priester predigt. Bleibt in eurer eigenen Pfarrgemeinde.«

Soweit ich es beurteilen konnte, sollte nun mein Leben so aussehen. Ich war intellektuell veranlagt, liebte die Lehrtätigkeit, jetzt aber war ich Mitarbeiter in einer Gemeinde. In den Zeitungen erschienen Artikel gegen den Bischof. »Warum verschwendet er ein derartiges Talent? Nachdem Geld dafür ausgegeben wurde, einen Mann auszubilden, warum steckt man ihn in ›eine solche Gemeinde‹?« Ich bat meine Eltern, nie in Gesprächen Partei gegen den Bischof zu ergreifen. Ich beklagte mich nie, und ich kann aus ganzem Herzen versichern, dass das für mich der Wille Gottes war. Ich sollte meinen Wunsch nach einer intellektueller ausgerichteten Berufung vergessen und mich damit zufriedengeben, Kaplan zu sein. Das verschaffte mir großen Seelenfrieden. Es war für mich als junger Priester die erste Prüfung meines Gehorsams. Der Wille Gottes kam durch den Bischof als Nachfolger der Apostel zum Ausdruck und das genügte mir. Ich begann, im Beichtstuhl die Beichtenden zu bitten, täglich die heilige Messe zu besuchen, und stellte glücklicherweise fest, dass die Zahl der Gläubigen an der Kommunionbank sich von vier auf neunzig erhöhte. Eine Erneuerung der Pfarrgemeinde fand statt, und ich war glücklich darüber. Nach ungefähr einem Jahr rief mich der Bischof an: »Vor drei Jahren habe ich Bischof Shahan von der Katholischen Universität von Amerika versprochen, dass Sie Mitglied der Fakultät werden.« Ich fragte: »Warum ließen Sie mich nicht dorthin gehen, als ich aus Europa zurückkam?« – »Weil Sie dort so viel Erfolg hatten, wollte ich einfach sehen, ob Sie gehorsam sind. Also machen Sie sich jetzt davon. Sie haben meinen Segen.«

Ich wurde an die Theologische Fakultät der Katholischen Universität von Amerika in Washington berufen und dem Lehrstuhl für Apologetik zugeteilt. Der Ruf ging von Bischof Shahan aus, dem brillanten, begabten, heiligmäßigen Rektor der Universität. Am Ende des zweiten Jahres lud Bischof Shahan die Theologische Fakultät zu einer Besprechung ein. Wichtig für das Verständnis der Geschichte ist der Umstand, dass Bischof Shahan schwerhörig war. Er benutzte ein kleines Hörrohr, um Unterhaltungen folgen zu können, die in seiner Nähe stattfanden. Bei der Diskussion ging es um die Frage, ob das Graduiertenkolleg der Theologischen Fakultät, das es damals an der Universität bereits gab, eine Einrichtung für das Grundstudium eröffnen und Seminaristen aufnehmen sollte. Die Maßnahme wurde damit begründet, dass das Graduiertenkolleg der Theologischen Fakultät nur wenige Doktoranden hatte. Man ging davon aus, dass die Professoren nicht genügend ausgelastet und herausgefordert seien. Um das zu ändern, sollte diese Einrichtung für das Grundstudium verschiedene Kurse für Seminaristen anbieten.

Bevor wir zur Konferenz gingen, brachte fast jeder Professor Einwände gegen eine solche Idee vor. Aber das geschah, bevor wir an der Konferenz teilnahmen. Als der Bischof den Vorschlag vorgebracht hatte, streckte er der Reihe nach jedem Professor sein Hörrohr entgegen, um dessen Meinung zu erfahren. Zu meiner Überraschung stimmten alle dem Vorschlag des Bischofs zu.


Auf der Rückreise von Europa an Bord der SS Normandie, Juni 1936 (Fulton J. Sheen Archiv).

Da ich der jüngste Professor war, wurde ich zuletzt gefragt. Ich nahm das Hörrohr des Bischofs und sagte zu ihm: »Exzellenz, scheinbar soll das Niveau der Universität gesenkt werden, um der momentanen Situation gerecht zu werden, anstatt die Universität auf ein höheres Niveau zu bringen in Bezug auf das Graduiertenkolleg. Warum verbessern wir nicht das Niveau der Lehre am Graduiertenkolleg? Dann werden die Bischöfe aus dem ganzen Land ihre Priester hierherschicken.«

Ich saß am unteren Ende des Tisches, an dem auch der Bischof saß. Er nahm sein Hörrohr ab, rollte es auf wie eine zusammengerollte Schlange und stieß es über die ganze Länge des Tisches zu mir hinunter. Dann stand er auf und sagte mit gerötetem Gesicht: »Wenn ich an diese Universität keine Professoren bekommen kann, die mit meiner Meinung übereinstimmen, dann entlasse ich sie und hole mir Professoren, die mir zustimmen.« Und er verließ den Raum.

Die anderen Professoren kamen anschließend zu mir und sagten: »Nun, Sie haben sich jetzt selbst extrem geschadet. Erst seit einem Jahr sind Sie hier an der Universität und schon sind Sie zu einem Ausgestoßenen geworden.« Ich war äußerst besorgt, setzte die Vorlesungen die nächsten ein oder zwei Wochen lang fort, ohne von Bischof Shahan etwas zu hören. Eines Tages, als ich über den Rasen zu meiner nächsten Vorlesung ging, fuhr der Bischof in seinem Auto vorbei. Er hielt an und forderte mich auf, neben ihm Platz zu nehmen. Aber er sagte nichts. Er bedeutete mir, ihm in sein Büro zu folgen. Wir gingen in den zweiten Stock des McMahon Hörsaals hinauf, dann ging er in das Schlafzimmer, wo er seine Soutane, sein Brustkreuz und das Zingulum anlegte und seinen Pileolus aufsetzte. Anschließend kam er heraus und nahm auf einem Stuhl Platz.

Dann sagte er zu mir: »Knien Sie nieder, junger Mann.« Ich kniete vor ihm nieder, und er legte mir die Hände auf den Kopf und sagte: »Junger Mann, diese Universität hat in den letzten Jahren niemanden in ihre Reihen aufgenommen, dem es bestimmt wäre, mehr Licht und Glanz in ihr zu verbreiten als Sie. Gott segne Sie.«

An der Theologischen Fakultät gab es auch weiterhin Probleme, eines davon hatte mit dem neuen Rektor, Bischof James H. Ryan, dem Nachfolger von Bischof Shahan, zu tun. Der berühmte John A. Ryan, der so viel über soziale Gerechtigkeit geschrieben hatte, war damals Professor für Moraltheologie an der Universität. Er wollte Dr. Haas als Nachfolger an seinem Lehrstuhl bestimmen, der später Bischof wurde. Bischof Ryan führte den Vorsitz bei der Versammlung. Er sagte, es sei seine Pflicht, das Niveau der Universität zu erhalten. Dr. Haas hatte an der Universität in Philosophie promoviert, Bischof Ryan bestand jedoch darauf, dass die Professoren der Theologischen Fakultät ein Doktorat in Theologie erworben haben mussten, um den akademischen Anforderungen gerecht zu werden. Wenn Dr. Haas somit nach Rom gehen würde, um eine Abschlussarbeit in Theologie vorzulegen und dort promoviert zu werden, würde Bischof Ryan seinem Ruf an die Theologische Fakultät zustimmen.

Dr. John A. Ryan stimmte dem Vorschlag, Dr. Haas zur Promotion nach Rom zu senden, bevor er an die Theologische Fakultät berufen wurde, nicht zu. Daraus entwickelte sich eine Spannung zwischen der Theologischen Fakultät und dem Rektor. Es war eine Frage von Ryan vs. Ryan. Letztlich verfasste die Theologische Fakultät ein Schreiben gegen Ryan, den Rektor. Kopien dieses Briefs wurden an mehrere Bischöfe und an Mitglieder des Kuratoriums gesandt. Bevor das Schreiben versandt wurde, erhielt jeder Professor der Theologischen Fakultät die Aufforderung, es zu unterzeichnen. Ich weigerte mich. Ich hielt es für unfair, eine Beschwerde über den Rektor der Universität an die Bischöfe zu senden, bevor er selbst angehört worden war. Ich schlug vor: »Warum können wir nicht, bevor wir den Brief versenden, ein Gespräch mit dem Rektor vereinbaren, bei dem ihm die Vorwürfe zur Kenntnis gebracht werden, die Sie formuliert haben, und ihm die Möglichkeit geben, darauf zu reagieren? Wenn er das nicht kann, dann versenden Sie den Brief, allerdings werde ich das Dokument nicht unterzeichnen, ohne dass Sie James H. Ryan die Möglichkeit gegeben haben, Rede und Antwort zu stehen.«

Am nächsten Tag hing am Schwarzen Brett der Theologischen Fakultät ein Aushang, dass sämtliche Seminare von Dr. Fulton J. Sheen an der Theologischen Fakultät ausgesetzt wurden. James H. Ryan, der Rektor, kannte den Grund – dass ich ihn nämlich verteidigt hatte. Er versetzte mich daraufhin an die Philosophische Fakultät, wo ich dann mehr als zwanzig Jahre lang lehrte.

In den Sommermonaten, die auf diesen Zwischenfall folgten, reiste ich nach Rom und war eines Abends zum Abendessen bei Kardinal Pacelli, dem späteren Papst Pius XII., eingeladen. Er war damals Kardinalstaatssekretär. Am nächsten Morgen besuchte ich ihn in seinem Büro. Er sagte zu mir: »Bitte erzählen Sie mir, was Sie über die Universität wissen und über die Opposition gegen den Rektor, James H. Ryan.« Ich antwortete: »Eminenz, bitte erlassen Sie es mir, einen Kommentar über die Universität und ihren Rektor abzugeben.« Daraufhin ließ der Kardinal das Thema fallen und zog aus einem Stapel mehrere deutsche Zeitungen heraus, die er vorzulesen und zu übersetzen begann. Über eine Stunde lang äußerte er sich mit beträchtlicher Heftigkeit gegen Hitler und den Nationalsozialismus.

Als ich nach einer Stunde das Büro des Kardinalstaatssekretärs verließ, wartete draußen kein anderer als Rektor James H. Ryan. Er fragte einen der Anwesenden nach dem Namen der Person, in deren Gesellschaft der Kardinalstaatssekretär eine solch lange Zeit verbracht hatte. Man sagte ihm, es sei Msgr. Fulton J. Sheen gewesen.

Was glauben Sie, musste wohl James H. Ryan gedacht haben, als er einige Zeit später von seiner geliebten Universität in das Erzbistum Omaha versetzt wurde? Hatte jemand in Rom sich negativ über ihn geäußert? Das musste ja dann wohl der Professor gewesen sein, der über eine Stunde lang mit dem Kardinalstaatssekretär gesprochen hatte. Bei Gott beteuere ich, dass ich mit Kardinal Pacelli nie über die Universität oder über Bischof Ryan gesprochen hatte, doch die Geschichte, dass ich es getan hätte, machte die Runde. Das Gerücht verbreitete sich so weit, dass Erzbischof McNicholas von Cincinnati später, als mein Name als möglicher Universitätsrektor fiel, dazu meinte: »Ich würde Sheen nicht einmal die Leitung einer Hundehütte anvertrauen.« Er war so erbittert wegen meines angeblichen unfairen Verhaltens gegenüber Bischof James H. Ryan, dass er beim Nationalen Eucharistischen Kongress in Cleveland, bei dem als Sprecher Mr Scott aus Los Angeles, Gouverneur Al Smith und ich auftraten, aufstand – er hatte mit uns in der Second Base15 des Stadions gesessen –, quer über das Innenfeld ging und das Baseballstadion verließ, um sich meine Rede nicht anhören zu müssen.

Ich wusste, dass er immer der Meinung war, ich hätte dem Rektor großes Unrecht zugefügt, indem ich mich bei Kardinal Pacelli über ihn beklagt hätte. Da ich jedoch ein reines Gewissen hatte, machte ich es mir zur Angewohnheit, Erzbischof McNicholas jedes Jahr einen Besuch abzustatten, wenn ich in Cincinnati Vorlesungen hielt. Er begrüßte mich immer herzlich, und jedes Gespräch endete, wie es unter Priestern üblich sein sollte. Das war allerdings nicht das einzige Zwischenspiel in den langen Jahren, in denen ich lehrte und Vorlesungen hielt.

15 Die Second Base oder 2B ist die zweite Station auf dem Baseballfeld, die ein Runner berühren muss, um einen Punkt zu erzielen (Anm. d. V.).

5. Lehrtätigkeit und Vorträge


Mehr als 25 Jahre lang war ich als Lehrender tätig. Diese Laufbahn begann nicht erst, als ich an die Theologische Fakultät der Katholischen Universität von Amerika berufen wurde, sondern bereits in England, als ich gebeten wurde, am Priesterseminar der Erzdiözese Westminster, dem St. Edmund’s College in Ware, Theologie zu lehren. Gleichzeitig arbeitete ich für meine Zulassung als außerordentlicher Professor an der Katholischen Universität Löwen. Ich sollte meine Lehrtätigkeit im Fach Dogmatik beginnen, obwohl mein Fachgebiet die Philosophie war. Obwohl ich viele Vorlesungen in Theologie an der Katholischen Universität Löwen und später am Angelicum und an der Gregoriana in Rom belegt hatte, war ich doch im wahrsten Sinne des Wortes ein Anfänger.

Einer meiner Freunde und ein hochgeschätzter Kollege von mir war der Priester Ronald Knox, der zum katholischen Glauben konvertiert und dessen Vater der anglikanische Erzbischof von Birmingham war. Er war ein Oxford-Absolvent und lehrte Heilige Schrift und Griechisch am Seminar. Später übersetzte er die gesamte Bibel aus dem Hebräischen und Griechischen ins Englische. Ein weiterer Kollege war Dr. Messenger, der mit mir in Löwen studiert hatte und in einem Frauenkloster ungefähr drei Kilometer vom Seminar entfernt lebte.

Jeden Tag verfasste Ronald Knox für seine Studenten ein lateinisches Gedicht, das die Ereignisse des Vortags thematisierte. Ein Zwischenfall, der ihm reiches Potenzial bot, war die Explosion der »Starlight«-Anlage im Seminar. Es handelte sich dabei um eine Art Leuchtgas, das in den geräumigen Toiletten gelagert wurde. Starlight-Gas pflegte in unsere Butter und unser Brot einzudringen, sodass wir es ständig zu uns nahmen. Von allen Nächten, an denen die Starlight-Anlage in einem englischen Priesterseminar in die Luft gehen sollte, wurde von den Starlight-Göttern die Nacht zum St.-Patrick’s-Tag gewählt. Wir hörten in der Nacht die Explosion. Als wir am St.-Patrick’s-Tag aus dem Fenster sahen, entdeckten wir, dass der Rasen des Seminars mit Toilettenschüsseln übersät war. Knox verfasste darüber ein brillantes Gedicht, doch der letzte Vers ärgerte Dr. Messenger besonders: Fragorem nuntius audivit (»Der Bote [im Englischen ›messenger‹] hörte die Explosion«).

Ich steckte viel Arbeit in die Vorbereitung der Vorlesungen, die ich für die Studenten im vierten Jahr hielt. An jenem Tag sollte die Vorlesung mit dem Titel »Theandrische Handlungen« stattfinden. Eine theandrische Handlung ist eine Handlung, in welcher sowohl die göttliche als auch die menschliche Natur unseres Herrn beteiligt ist. Ein Beispiel wäre, dass er Staub nahm, ihn mit Speichel vermischte, ihn auf die Augen des Blinden auftrug und diesen so heilte. Allerdings wird kein theologisches Thema dieser Art den Studenten so klar vermittelt, denn das Geschäft eines Professors besteht darin, die einfachen, gewöhnlichen Dinge des Lebens kompliziert darzustellen!

Ich verbrachte Stunden mit der Lektüre von Bonaventura, Thomas von Aquin, Suárez, Billot und anderen Theologen. Als ich den Seminarraum betrat, hätte ich eine theandrische Handlung nicht einmal dann erkannt, wenn sie sich vor meinen Augen abgespielt hätte, so verwirrend fand ich das Thema – trotzdem hielt ich eine Stunde lang eine Vorlesung. Beim Verlassen des Seminarraums hörte ich, wie ein Diakon zu einem anderen sagte: »Also Dr. Sheen ist ein ganz außerordentlicher Dozent, ganz außerordentlich.« Ich fragte ihn: »Was habe ich denn gesagt?« Und in tadellosem britischem Akzent gab er kurz zurück: »Ich weiß nicht recht.« Und ich antwortete: »Ich auch nicht.« An jenem Tag erfuhr ich, dass man manchmal, wenn man verwirrt ist, fälschlicherweise für gelehrt gehalten wird.

Fünf Jahre später traf ich einen ehemaligen Studenten des St. Edmund’s College, der jetzt als Priester in der Diözese Manchester tätig war. Er erkundigte sich danach, was ich jetzt mache. Als ich ihm sagte, dass ich jetzt an der Katholischen Universität von Amerika in Washington lehre, dachte er kurz nach und sagte: »Ich hoffe, dass Sie jetzt ein besserer Lehrer sind als damals.« Aber vielleicht kann zu meinen Gunsten gesagt werden, dass ich mein didaktisches Potenzial erst an den Engländern ausprobierte, bevor ich es bei meinen amerikanischen Landsleuten einsetzte.

Als ich die Bedingungen für den Grad des außerordentlichen Professors von Löwen erfüllt hatte, stattete ich Kardinal Mercier einen Besuch ab. »Eminenz, Sie waren immer ein brillanter Lehrer. Könnten Sie mir bitte einige Ratschläge zum Thema Lehrtätigkeit geben?« – »Zwei Ratschläge gebe ich Ihnen: Bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Bleiben Sie informiert darüber, was die moderne Welt beschäftigt. Lesen Sie ihre Dichtung, ihre Geschichtsschreibung, ihre Literatur. Behalten Sie Architektur und Kunst im Auge. Hören Sie ihre Musik und erleben Sie ihre Aufführungen im Theater. Und dann versenken Sie sich tief in den heiligen Thomas und in die Weisheit der Alten – so werden Sie dazu in der Lage sein, ihre Irrtümer zu widerlegen. Der zweite Rat: Zerreißen Sie Ihre Aufzeichnungen am Ende jedes Jahres. Nichts zerstört das intellektuelle Wachstum eines Lehrenden so sehr wie das Aufbewahren seiner Notizen und die Wiederholung desselben Kurses im folgenden Jahr.«

Ich versuchte, den weisen Ratschlägen des Kardinals zu folgen. Zusätzlich zu dem Bemühen, auf dem Laufenden zu bleiben, was das zeitgenössische Denken betraf, nahm ich mir auch vor, nie dasselbe Seminar zweimal abzuhalten. Als ich an der Philosophischen Fakultät zu lehren begann, unterrichtete ich Natürliche Theologie. Dabei stellte ich fest, dass ich einige Aufzeichnungen wieder verwendete, die ich schon einmal benutzt hatte, und mich deshalb intellektuell nicht weiterentwickelte. Daraufhin beschloss ich, jedes Jahr einen anderen Kurs zu geben, der aber immer einen Bezug haben sollte zur Natürlichen Theologie und zur Existenz und Natur Gottes. Die Kurse variierten also im Laufe der Jahre. Es gab einen Kurs über Geschichtsphilosophie, im nächsten Jahr einen über die Philosophie des Marxismus, dann über Religionsphilosophie, Wissenschaftsphilosophie und so weiter. Und sie alle wurden gehalten im Licht des Denkens des heiligen Thomas von Aquin.

Um mich auf diese neuen Themen vorzubereiten – ich war noch nicht wirklich bewandert darin –, begab ich mich jedes Jahr im Sommer nach London und verbrachte die zweite Junihälfte, die Monate Juli und August sowie den ersten Teil des Septembers damit zu lesen und mich für den bevorstehenden Kurs im kommenden Jahr vorzubereiten. Morgens, abends und an den Wochenenden hatte ich jeweils meinen Einsatz als Hilfspfarrer in der St.-Patrick’s-Kirche am Soho Square. Zusätzlich zu dieser zurückgezogenen Vorbereitung im Britischen Museum wendete ich auch wenigstens sechs Stunden zusätzlich für die Vorbereitung jeder einzelnen Vorlesung auf. Es ist leicht möglich, dass sich ein Professor ohne konstante Anregungen und weiteres Studium in einen staubtrockenen Intellektuellen verwandelt.

Ein perfektes Beispiel für einen Philosophen, der stecken blieb, ist Immanuel Kant. Nie verließ er die Stadt Königsberg. Er erzählte jedes Jahr, und zwar immer am selben Tag, denselben Witz. Dieser lautete: »Warum gibt es im Himmel keine Frauen?« Kants Antwort war: »In der Heiligen Schrift steht, im Himmel sei eine Stille von einer halben Stunde gewesen.« Kant unternahm jeden Tag denselben Spaziergang mit einer Pünktlichkeit, dass die Hausfrauen von Königsberg ihre Uhren danach stellen konnten. An einem Tag fiel der Spaziergang aus, und zwar als eines von Rousseaus Werken erschien, das Kants Einstellung stark veränderte und dazu führte, dass er sich der praktischen Vernunft zuwandte. Aber das ist ein anderes Thema.

Um auf die frühen Jahre des Lehrens zurückzukommen: Nach dem Präsidentschaftswahlkampf des Jahres 1928, in dem es viel Fanatismus gegen die katholische Kirche gab, beschlossen die Bischöfe, dass an der Katholischen Universität von Amerika ein Studienfach für Apologetik eingeführt werden sollte. Ich wurde vom Rektor, Bischof Corrigan, gebeten, einen Lehrplan für diese Kurse zu entwerfen. Ich legte den Plan in Form einer Pyramide an: Im unteren Teil befanden sich Themen wie Journalismus, Medien, Kommunikation, Religionspsychologie und weiter oben die mehr theologischen Themen, die sich auf die Verteidigung der Kirche bezogen. Der Rektor war zufrieden mit dem Plan und bat mich, hierfür Professoren zu suchen. Mir wurde die Erlaubnis gewährt, europäische Professoren auszuwählen. Ich fragte nach: »Habe ich die Befugnis, ihnen zu sagen, dass sie eingestellt sind?« – »Ja, wenn Sie Männer finden, die Sie für qualifiziert halten.« – »Wie hoch wird ihr Gehalt sein?« Und es wurde ein Betrag festgesetzt. Ich reiste nach Europa und fand rund zehn qualifizierte Professoren aus England, Frankreich und Deutschland – sie alle sprachen Englisch – als künftigen Lehrkörper für das neue Studienfach Apologetik.

Ich telegrafierte dem Rektor, berichtete ihm von den Professoren, die ich ausgesucht hatte, und bat ihn, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen und sie zu bitten, die Professuren anzunehmen. Bis August hatten sie noch nichts vom Rektor gehört und selbst im September noch nichts. Nun wurde ich mit Telegrammen von diesen Professoren überschwemmt: »Was ist aus dem Vorschlag geworden? Sollen wir an die Universität kommen?« Mir wurde bewusst, dass der Rektor nichts unternommen hatte, um sie einzustellen. Deshalb sandte ich ein Telegramm an alle Professoren und teilte ihnen mit, dass ich meine Kompetenzen überschritten hätte und sie deshalb um Verzeihung bitte.

Im Jahr darauf bestellte der Rektor mich wiederum ein und sagte: »Ich möchte, dass Sie die Leitung für das neue Studienfach Apologetik übernehmen.« Ich lehnte höflich ab – mir war klar, dass er den Zwischenfall des Vorjahres bereits vergessen hatte. Ein Studienfach mit einem Lehrstuhl für Apologetik kam nie zustande.

Viele Jahre lang war der Dekan der Philosophischen Fakultät Pater Ignatius Smith, ein Dominikaner, der nicht nur ein fantastischer Lehrer war, sondern auch ein berühmter Prediger. Mein Seminar fand immer nachmittags um vier Uhr statt. Bevor ich den Seminarraum betrat, der direkt neben dem von Dr. Smith lag, ging ich zu ihm und besuchte ihn für zehn Minuten. Er verließ mit mir den Raum und erzählte mir auf dem Weg zu meinem Seminarraum eine lustige Geschichte – sodass ich lachend dort ankam. Meine Verbindung mit Dr. Smith, die jahrelang währte, war eine der glücklichsten meines Lebens.

Einmal wurde ich von einer Fachschaft eingeladen, Teil der Prüfungskommission zu sein und die Seminaristen zum Abschluss des S. T. B. (Sacrae Theologiae Baccalaureus) zu prüfen. Da ich mich auf die Schnelle nicht an die Daten der frühen Konzile und anderer Details dieser Art erinnern konnte, musste ich anders vorgehen. Den ersten Studenten, der hereinkam, fragte ich: »Würden Sie zugestehen, dass als Folge der Ursünde eine Störung im Universum eintrat: Die Tiere wurden wild, Disteln wuchsen, und der Mensch musste sein Brot im Schweiße seines Angesichts verdienen?« – »Ja«, war seine Antwort. »Wenn Sie also einräumen, dass es zu einer allgemeinen Störung der Natur als Folge der Erbsünde kam – warum ist Gott dann Mensch geworden? Warum haben wir keinen Pantheismus anstelle einer Menschwerdung Gottes? Warum hat Gott sich nicht in die gesamte Natur eingelassen, die sich gegen ihn aufgelehnt hatte?« Die anderen Professoren protestierten, weil die Frage unfair sei, und man bat mich, den Prüfungsausschuss zu verlassen. Meine Verteidigung lautete: »Ich wollte lediglich herausfinden, ob der Student denken kann.« Die Antwort, die ich von ihm erhofft hatte, war: Da die niedere Natur durch den Menschen gefallen war, war es angemessen, dass die gesamte niedere Natur auch durch den Menschen mit Gott versöhnt werden sollte. Deshalb kam es zur Menschwerdung Gottes und nicht zum Pantheismus.

Zu lehren begeisterte mich. Ich liebte es, weil es so viel mit der Weitergabe des göttlichen Wortes zu tun hatte. Häufig kam mir an der Universität der Gedanke: »Warum haben wir Dozenten einen Kündigungsschutz, Fußballtrainer jedoch nicht?« In den Hörsälen und Seminarräumen kann es Mittelmäßigkeit geben. Ein Fußballtrainer, der keine Mannschaft zusammenstellen und trainieren kann, die gewinnt, kann gehen. Alte Generäle werden allmählich vergessen – schlechte Lehrer und Dozenten werden jedoch einfach weitergereicht. Lehren besteht häufig darin, dass ein Inhalt aus den Aufzeichnungen des Lehrers in die Aufzeichnungen des Studenten hinüberwechselt, ohne dass er mit dem Verstand von auch nur einem der beiden in Berührung gekommen wäre.

Ich fühlte mich den Studenten gegenüber zutiefst moralisch verpflichtet. Deshalb verbrachte ich so viel Zeit mit der Vorbereitung jeder Vorlesung. In einem Zeitalter sozialer Gerechtigkeit gerät ein Umstand leicht aus dem Blick: die moralische Pflicht der Professoren, ihren Studenten für die Studiengebühr, die sie bezahlen, einen angemessenen Gegenwert zu liefern. Das bezieht sich nicht nur auf die Lehrmethode, sondern auch auf den Inhalt. Ein Lehrer, der selbst nichts mehr lernt, ist kein Lehrer. Lehren ist eine der erhabensten Berufungen auf Erden, denn letztlich besteht der Sinn und Zweck aller Bildung in der Erkenntnis der Wahrheit und der Liebe zu ihr.

Einige Praktiken, die nach meiner Beobachtung für den Lehrbetrieb wichtig sind, lauten wie folgt: Meine erste Regel war: Nie hinsetzen. Im Sitzen entfacht man kein Feuer. Wenn die Studenten für das einstehen sollten, was ich ihnen vermittelte, dann sollte ich auch für sie stehen bleiben.

Ich habe Tausende Vorlesungen und Vorträge gehalten, aber kaum einmal habe ich einen schriftlich niedergeschrieben – weder für Studenten noch für ein größeres Publikum. Weder im Hörsaal noch im Seminarraum oder von der Kanzel las ich von Notizen ab, wobei ich immer daran denken muss, was eine alte irische Frau über einen Bischof gesagt hatte, der seine Rede ablas: »Um Himmels willen, wenn er selbst sich nicht daran erinnern kann, wie kann er das von uns erwarten?«

Würde man eine Umfrage unter Zuhörern anstellen, die Rednern zuhören, die ihre Rede ablesen, dann würde wohl entdeckt, dass die meisten an etwas anderes denken. G. K. Chesterton bemerkte nach einem Besuch in Amerika: »Meine letzte amerikanische Reise bestand darin, Menschen, die mir nie irgendetwas angetan hatten, nicht weniger als neunzig Vorträge aufzudrängen.« Auch ich stellte fest: Selbst wenn ich Vorträge ohne Skript hielt, begannen Frauen – sobald ich sagte »Abschließend lässt sich festhalten« – ihre Schuhe anzuziehen. Jedenfalls war die Vortragstätigkeit eine gute Vorbereitung für Rundfunk und Fernsehen.

Wenn ich Vorlesungen oder Vorträge vorbereitete, recherchierte ich zuerst zum betreffenden Thema. Dann ordnete ich das Recherchierte, indem ich, wenn möglich, mich auf einige klare Punkte konzentrierte. Der nächste Schritt bestand darin, mir dieses Material so sehr anzueignen, dass ich es den Studenten oder dem Publikum leicht vermitteln konnte. Das geschah durch einen Lernprozess, der wie folgt beschrieben werden könnte: Ich lernte den Vortrag von innen nach außen, nicht von außen nach innen. Ich eignete mir den Vortrag nicht dadurch an, dass ich meine Notizen über die Recherche durchlas. Ich schrieb aus der Erinnerung das nieder, was ich davon im Gedächtnis behalten hatte. Dann glich ich dies mit den Notizen meiner Recherche ab, um festzustellen, wie gut ich mir die Punkte angeeignet hatte. Das Papier, auf welchem ich vorab die Vorlesung oder den Vortrag zusammengefasst hatte, wurde zerrissen. Ein neuer Entwurf nach dem anderen wurde aufgesetzt und vernichtet. Ich wiederholte diesen Prozess immer wieder, um nicht zuzulassen, dass auch nur das winzigste Stückchen Papier meinen lebendigen Geist an die Kandare nahm.

So wie eine Mutter nicht das Kind ihres Schoßes vergessen kann, so kann auch ein Sprecher das Kind seines Geistes nicht vergessen. Warum sollte ein lebendiger Geist sich Forschungsoder Recherchenotizen unterwerfen? Was ist – abgesehen nur von ihrer Genauigkeit – so heilig an Aufzeichnungen? Der Geist kann ja diese Genauigkeit in sich aufnehmen. Wie häufig ich mir diese Punkte aufschrieb oder sogar mir selbst vortrug, hing von der Schwierigkeit des Themas oder von meinem Gedächtnis ab. Schließlich gelangte ich dann zu dem Punkt, an dem mir das Material wirklich zu eigen war. Es war wie verdaute Nahrung, nicht Nahrung aus dem Supermarktregal. Deshalb habe ich für einen Vortrag, eine Vorlesung oder eine Predigt nie Notizen benutzt.

Es war weniger wahrscheinlich, dass ich eine Sache vergaß, wenn ich diese Methode anwandte. Allerdings erinnere ich mich, dass ich einmal die Bühne für eine Fernsehaufzeichnung betrat und meine Ansprache komplett vergessen hatte. Ich machte ein paar spaßige Bemerkungen über das Vergessen und versuchte währenddessen, mich an das Thema meines Vortrags zu erinnern. Schließlich war es dann wieder da.

Ein tragischer Gedächtnisaussetzer ereignete sich beim Eucharistischen Kongress in Dublin. Wenn es je einen Augenblick in meinem Leben gab, an dem ich alles richtig machen wollte, dann beim Eucharistischen Kongress: weil er in Dublin stattfand, weil es ein Eucharistischer Kongress war und weil meine Großeltern mütterlicherseits nicht aus Bessarabien kamen. Wie üblich sprach ich ohne Aufzeichnungen, und ich war von meinem Thema so erfüllt, dass ich Gedanken benutzte, die in meinem Geist aufblitzten. Ein solcher Blitz, der mir in jenem Augenblick spontan brillant vorkam, war: »Irland hat nie einen anderen König anerkannt als Christus und keine andere Königin als Maria.« Das Publikum brach in nicht enden wollenden Applaus aus. In diesem Augenblick hatte ich eigentlich die Absicht gehabt, ein Gedicht von Joseph Mary Plunkett vorzutragen, ein Gedicht, das ich so gut kannte wie das »Gegrüßet seist du, Maria«:

Ich sah sein Blut auf der Rose,

und in den Sternen den Glanz seiner Augen.

Während ich das Gedicht vortrug, dachte ich nicht an die Worte. Ich gab mir vielmehr selbst innerlich ein paar Ohrfeigen. Ich sagte immer wieder zu mir: Egal wie brillant du eine Bemerkung findest, vermeide alles, was einen politischen Anstrich hat. Das hier ist ein Eucharistischer Kongress! Ich ohrfeigte mich innerlich so kräftig, dass mir, als ich beim neunten Vers des Gedichts anlangte, dieser nicht mehr einfiel. Ich sagte zum Publikum: »Tut mir leid, ich habe das Gedicht vergessen.« Tausende und Abertausende irischer Kinnladen klappten vor Enttäuschung herunter, und wenn eine irische Kinnlade herunterklappt, kracht es. Dann schoss mir eine Zeile von Patrick Henry durch den Kopf. Nicht jene, welche die meisten kennen. Patrick Henry sagte im Laufe seines Lebens auch: »Wenn Sie bei einer Rede Schwierigkeiten haben, dann stürzen Sie sich in die Mitte eines Satzes und vertrauen auf den allmächtigen Gott, dass er Sie zum anderen Satzende bringt.«

Ich fing also einen Satz an: »Ich bin froh, dass ich es vergessen habe. Wenn ich je gewünscht hätte, etwas zu vergessen …« Ich wusste nicht, was ich jetzt sagen sollte, deshalb begann ich noch einmal von vorne: »Wenn ich je darum gebetet hätte, irgendetwas zu vergessen, dann hätte ich darum gebetet, diese Zeilen von Joseph Mary Plunkett zu vergessen. Ich glaube, diese Vergesslichkeit ist von schöner Symbolik, denn wenn man auf dem Amboss von Irlands Erde steht, dann sollte man fähig sein, die Funken seiner eigenen Dichtung zu hämmern und zu schmieden und nicht einmal von einer so edlen Seele wie Joseph Mary Plunkett abhängig sein.« Als ich die Rede beendet hatte, scharten sich einige Bischöfe um mich und sagten: »Das war ein sehr guter Redetrick, als Sie die Vergesslichkeit vorgegeben haben.« Es war kein Trick. Ich hatte den Vers wirklich vergessen.

Die Erfahrung hat mich gelehrt: Wenn es in einem Hörsaal oder einem Vortragssaal unruhig wird, dann tut der Redner gut daran, auf gar keinen Fall seine Stimme zu erheben, um besser gehört zu werden. Der beste Trick besteht darin, die Stimme zu senken und fast flüsternd zu sprechen. Die Reaktion des Publikums wird dann sein: »Oh, ich verpasse etwas«, und sie widmen ihm wieder ihre Aufmerksamkeit, die kurzzeitig nachgelassen hatte.

Bei Vorträgen – und hier beziehe ich mich auf Reden außerhalb der Seminarräume – in großen Hörsälen, Kongresszentren und in großen Hallen – habe ich die Erfahrung gemacht, dass es gut ist, sich nie sofort auf das Thema zu stürzen. Die Zuhörer mögen es, wenn sie zunächst einen Blick auf Sie werfen können. Ein wenig Humor am Anfang ist eine gute Einleitung, und am besten wirkt es, wenn der Sprecher sich über sich selbst lustig macht.

Ich habe außerdem die Erfahrung gemacht, dass Menschen es nicht mögen, wenn sie sich dem Vortragenden gegenüber unterlegen fühlen. Eine Geschichte, in welcher der Redner sich kleinmacht, verleiht ihnen ein Gefühl der Gleichheit. So wie ich einen Vortrag mit einer humorvollen Bemerkung beginne, so werden ein- oder zweimal im Laufe des Vortrages humorvolle Ergänzungen eingestreut, um die Stimmung zu heben, die Anspannung zu lösen und dem Publikum Gelegenheit zur Erholung zu geben. Es geht hier nicht um eine humorvolle Geschichte als Selbstzweck, sondern sie sollte sich im Zusammenhang mit dem Vortrag ergeben. Ich erinnere mich an ein Beispiel, als ich über ein bestimmtes Buch sprach, das mit dem zur Diskussion stehenden Thema zusammenhing. Zwei junge Frauen unterhielten sich über Verabredungen mit jungen Männern. Die eine junge Frau sagte, dass sie nie von einem jungen Mann eingeladen würde, während die andere an jedem Abend eine Verabredung treffen konnte. Die zweite erklärte: »Das Problem bei dir ist, dass du nichts liest. Die Männer sind sehr intelligent. Sie sprechen gern über Philosophie, Literatur, Geschichte und Naturwissenschaften. Fang an, Bücher zu lesen! Wenn du mit ihnen ins Gespräch kommst, hast du Stoff zur Verfügung, für den du sie interessieren kannst.« Nach wochenlangem Studium hatte die junge Frau dann endlich eine Verabredung, und als sie sich mit einem jungen Mann zu Tisch setzte, sagte sie: »War das nicht furchtbar, was mit Marie-Antoinette geschehen ist?«

Oft ist die Länge der Zeit, die man mit Reden zugebracht hat, eine Zielscheibe des Humors. Folgender Zwischenfall hat sich wirklich zugetragen. Bei einer Atlantiküberquerung – vor den Tagen, in denen es Flugzeuge gab – kam ein Steward zu mir und fragte: »Sind Sie der Priester, der letztes Jahr am Missionssonntag in der St.-Patrick’s-Kathedrale gepredigt hat?« – »Ja.« – »Ich habe jede Minute dieser eineinhalb Stunden genossen.« – »Guter Mann, ich habe sicher noch nie in meinem Leben eineinhalb Stunden gepredigt.« – Darauf antwortete er: »Mir kam es aber so lang vor.«

Nach meiner Ansicht muss das Ende einer Ansprache stark, inspirierend und erhebend sein – und ich verwende dafür fast so viel Zeit wie auf viele andere Punkte im Vortrag. Bei Schauspielern gibt es den Spruch: »Es ist leicht, die Bühne zu betreten, aber es ist schwer, sie wieder zu verlassen.« Wahrscheinlich sind die besten Redner jene, über die das Publikum am Ende sagt: »Ich wünschte, er hätte länger gesprochen.«

Ein Gebiet, das während meiner späteren Jahre viel Zeit in Anspruch nahm, waren Vorträge an Universitäten. Ich wurde mehrere Hundert Mal von weltlichen Universitäten eingeladen, sehr viel häufiger als von katholischen Universitäten. Dabei habe ich festgestellt, dass einige religiöse Menschen oft lieber weltlich wären, aber andererseits auch weltliche Menschen lieber religiös sein wollten. Bei meinen Universitätsvorträgen wurde mir bewusst, dass die Anwesenden umso begeisterter reagierten, je religiöser das Thema war. In Los Angeles traf ich an der Universität von Kalifornien mit dreißig bis vierzig Studenten zum Abendessen zusammen. Während der ersten halben Stunde äußerten sie sich abfällig und beleidigend.


Als Straßenprediger in Alabama, 1930er-Jahre (Fulton J. Sheen Archiv).

Ich beachtete ihre Beleidigungen überhaupt nicht, sondern überging ihre Bemerkungen mit einer kleinen, leichthin gesagten Überlegung. Nach einer halben Stunde hatten sie sich dann beruhigt und verhielten sich völlig normal. Ganz offensichtlich mussten sie einfach eine bestimmte Rolle spielen – eine Rolle, von der sie annahmen, sie sei für diese Phase des Studentenlebens angemessen.

Bei der Jugend in diesem Land gibt es eine beträchtliche Opferbereitschaft. Sicher nicht das geringste Problem besteht darin, dass die Älteren die Jungen nicht herausfordern. Die jungen Menschen rebellieren gegen die bürgerliche Moral ihrer Eltern, die an den amerikanischen Lebensstil glaubten, bei dem unter Wohlstand materieller Erfolg verstanden wurde. Allerdings hatten ihre Eltern sich nie gefragt, wie sie sich in ihrem Leben verhalten sollten, nachdem sich ihre Lebensbedingungen verbessert hatten. In gewissem Maße war Religion ein Bestandteil dieser bürgerlichen Moral. Sie vermittelte keine echten religiösen Erkenntnisse über den Sinn des Lebens, sondern vielmehr psychologische und soziologische Ansichten, um die Religion dem bequemen bürgerlichen Leben anzupassen.

An einer der von mir besuchten staatlichen Universitäten gab es ein Problem. Der Rektor der Universität holte mich am Flughafen ab und erzählte mir, dass die Studenten am Tag zuvor zwei Gebäude niedergebrannt hätten. Er sagte: »Ich bin gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass Sie den Vortrag nicht halten müssen, denn ich befürchte, dass es zu einem unangenehmen Zwischenfall kommen könnte. Ich habe zwar Mitglieder des Kuratoriums gebeten, bei Ihnen auf der Bühne zu sitzen, aber sie können Sie nicht schützen.«

Ich sagte ihm, dass ich den Vortrag halten werde. Das Thema, für das ich mich ursprünglich entschieden hatte, habe ich vergessen. Da es jedoch Unruhen an der Universität gab, beschloss ich, über ein anderes Thema zu sprechen. Rund zehntausend Studenten erschienen, und ich sprach ungefähr eine Stunde lang über Keuschheit und Sittsamkeit, und zwar in einer Weise, dass die Studenten es verstehen konnten. Am Ende des Vortrags standen sie auf, klatschten und jubelten und kamen auf die Bühne, um mit mir zu sprechen.

Der Rektor der Universität sagte hinterher zu mir: »Ich bin seit zwanzig Jahren hier, aber so etwas habe ich noch nie erlebt.« – »Was ist so anders?«, fragte ich ihn. »Nun ja«, erwiderte er, »andere Redner kommen und ergreifen Partei – Schwarz gegen Weiß, Gelb gegen Grün, Blau gegen Rosa – oder sie erzählen den Studenten, dass ihre Eltern und die Universitätsleitung falschliegen.« Er sagte: »Sie hingegen haben sie herausgefordert, und zwar mit etwas, das sie noch nie zuvor gehört haben. Und sie suchen doch nach einer Herausforderung!«

Wie ich bereits sagte – je religiöser das Thema der Rede ist und je stärker sie sich auf die Kreuzigung unseres Herrn bezieht, je mehr sie unseren modernen Heiden das unbekannte Element des Sich-selbst-Opferns nahebringt, desto empfänglicher sind sie. Es mangelt dem Herrn nie an potenziell Bekehrbaren in allen Altersstufen. Das Problem ist eher die Aktivierung dieses Potenzials, und das hängt weitgehend von uns ab. Wie lange der gute Gott mir noch erlauben wird, auf diese Weise zu wirken, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass ich versuchen werde einzutreten, solange er die Türen öffnet, und ich werde jene Türen wählen, die mir ein Maximum an spirituellen Möglichkeiten bieten. Ich bitte ihn täglich, mir meine körperliche Stärke und geistige Wendigkeit zu erhalten, um sein Evangelium predigen und sein Kreuz und seine Auferstehung verkündigen zu können. Ich bin so froh, dass ich dies tun kann, dass ich manchmal Folgendes glaube: Wenn ich zu unserem guten Gott in den Himmel kommen werde, dann werde ich ein paar Tage ausruhen und ihn dann bitten, dass ich wieder auf die Erde zurückkehren und noch ein bisschen weiterarbeiten darf.

6. Evangelisierung über die Medien


Ich wurde im Zeitalter der Elektrotechnik geboren, in dem man Lichtwellen nutzt, um das Wort zu verkünden. Das Radio ist wie das Alte Testament, denn man hört das Wort, ohne es zu sehen. Das Fernsehen ist wie das Neue Testament, denn das Wort wird sichtbar, es wird Fleisch und wohnt unter uns. Die erste Radioansprache hielt ich beim Radiosender New York City am Tag der Inbetriebnahme des Senders. Ich trat auch in der ersten religiösen Fernsehsendung in New York auf, als es in der ganzen Stadt erst wenige Fernsehgeräte gab. Die zwei Dutzend oder etwas mehr Kerzen, die auf dem Studioaltar unter den hellen Jupiterlampen aufgestellt waren, schmolzen in der Hitze.

1928 begann ich mit der Arbeit beim Radio. Damals wurde ich von den Paulusbrüdern von New York gebeten, mehrere Predigten in der Kirche zu halten, die von dem damals sehr beliebten Radiosender WLWL aufgenommen und gesendet wurden. Die riesige Kirche war bis auf die letzten Plätze besetzt. Für den Altarraum wurden noch Kissen ausgegeben und an den Seitenaltären zusätzliche Stühle aufgestellt. Eingeladen hatte mich Pfarrer Riley, der in den ersten Minuten herauskam, um mir zuzuhören, dann jedoch wieder zurückging und zu einigen seiner Mitbrüder sagte: »Ich habe keine Ahnung, warum ich diesen Mann je eingeladen habe.« Pfarrer Lyons, der in Rom mein Beichtvater gewesen war und bei der Einladung wahrscheinlich eine Rolle gespielt hatte, bat Pfarrer Riley, noch einmal hinauszugehen und noch etwas länger zuzuhören. Das führte dann dazu, dass diese Kanzel und diese Sendung über viele Jahre hinweg mein Wirkungsbereich waren.

Nachdem ich bereits seit Kurzem als Professor an die Universität berufen worden war und diese Radiosendungen gestaltet hatte, wählten die Bischöfe der USA mich als den Ersten, der in überregionalen Radiosendungen auftreten sollte – eine Möglichkeit, die ihnen die Nationale Radiogesellschaft eröffnet hatte. Damals gab es so viele Prediger und Priester, die sich um eine Sendezeit im Radio bewarben, dass CBS und NBC beschlossen, diese Anfragen zu kontrollieren, indem sie lediglich den repräsentativen Institutionen der Katholiken, Protestanten und Juden zugestanden, geeignete Sprecher zu auszuwählen. Es gab nicht nur Verwirrung aufgrund der Anfragen, sondern häufig kam es auch vor, dass diejenigen, die im Radio zu Wort kamen, die Gelegenheit nutzten, um ihre »Feinde« oder die Opposition niederzumachen. Eine gewisse Kontrolle im Hinblick auf Anstand und Nächstenliebe war unbedingt erforderlich.

Ich begann mit meiner ersten landesweiten Radiosendung an einem Sonntagabend in New York während der Hauptsendezeit, und zwar zur selben Zeit, zu der »Amos ’n’ Andy« an den Wochentagen auftraten. Kurz nach der Sendung »Katholische Stunde« stand der unvergessliche Fred Allen auf dem Programm. Ich wählte als Thema eine allgemeinverständliche Darstellung der christlichen Lehre über die Existenz Gottes, die Gottheit Jesu Christi, die Kirche und das religiöse Leben. Die vehementeste Kritik kam von der katholischen Presse in Milwaukee und Oklahoma City. Beide drängten darauf, dass ich aus dem Programm genommen und durch zwei Männer ersetzt werden sollte, die Amos und Andy imitieren und wie sie über Religion diskutieren sollten. Die Tendenz, das nachzuahmen, was bei den Leuten ankam, war in all den Jahren charakteristisch für einige Kirchenmänner.



Während früher Ausstrahlungen der Sendung »Die katholische Stunde«, 1930er-Jahre (Fulton J. Sheen Archiv).

Aufgrund der vielen Jahre, in denen ich ununterbrochen im überregionalen Radio Sendungen gestaltet hatte, erweiterte sich mein Gesichtskreis, als das kommerzielle Fernsehen 1951 auf die Idee kam, einen Priester ins Programm zu nehmen. Nachdem ich zu dieser Zeit bereits viele Jahre lang im ganzen Land Vorträge gehalten hatte, befand ich mich eigentlich nicht mehr in dem Stadium, in dem ich mich noch auf Experimente einlassen wollte. Die Frage war: Konnte ein Geistlicher im Fernsehen in einer kommerziell gesponserten Sendung auftreten? Im ganzen Land wurde unter Radio- und Fernsehredakteuren eine Umfrage gestartet. Alle – außer Boston – reagierten zustimmend. Die Kirche und ihre Bischöfe hatten mit der Einladung nichts zu tun, ebenso wenig mit der finanziellen Förderung. Eines der Probleme war das Honorar. Für mich war es eigentlich kein Problem, denn ich war entschlossen, keinesfalls Geld für meine Auftritte anzunehmen. Da ich damals mein Leben ganz der kirchlichen Missionsarbeit in Afrika, Asien und anderen Teilen der Welt verschrieben hatte, schloss das von mir geleitete Büro des Missionswerkes, des »Päpstlichen Werkes der Glaubensverbreitung« den Vertrag ab und benutzte mich lediglich als seinen Sprecher. Ich erinnere mich, dass das Honorar für einen Abend 26 000 Dollar betrug. Im Laufe der Jahre belief sich, auch dank spontaner Spenden, der Ertrag für die Missionsarbeit auf mehrere Millionen Dollar, von denen jeder Cent in einer der Not leidenden Regionen der Welt landete, um dort Krankenhäuser und Schulen zu bauen und die weitere Verbreitung des Wortes Gottes zu ermöglichen. Wir hielten einen Rekord an Postsendungen, die jeden Tag in unserem Büro eingingen, der sich über Jahre hinweg im Durchschnitt zwischen 15 000 und 25 000 Briefen pro Tag bewegte.

Gelegentlich bat ich meine Hörer, mir ein 10-Cent-Stück für die Armen der Welt zu schicken. Von da an wurden wir mit Briefen überschwemmt, an die eine Münze geklebt war. Einige sandten sogar ihren alten Goldschmuck. Studenten verkauften ihre High School- oder College-Ringe und gaben den Gegenwert an die Mission. In einer Fernsehsendung erwähnte ich, dass ich gerne Schokoladenkekse aß. In der Woche darauf konnten wir kaum die Tür zum Büro öffnen, die durch Schachteln mit Schokoladekeksen blockiert war. Wir öffneten einen gelben Umschlag und herausfielen 10 000 Dollar in bar. Auf einem Zettel war mit Bleistift gekritzelt: »Ich brauche das nicht mehr. Gott hat mir gesagt, ich soll es den Armen geben.« In einem anderen Brief wurde ich darum gebeten, die beigelegten 3 000 Dollar an eine Versicherungsgesellschaft weiterzugeben, als Reuegeld – was erledigt wurde. Es entstanden endlos viele Zeichnungen von mir und zahllose Fotos von Kindern, die so angezogen waren wie ich, wenn ich meine Fernsehauftritte hatte. Ein blindes Paar in Minneapolis kaufte sich ein Fernsehgerät der Firma Admiral, um seine Dankbarkeit unserem Sponsor gegenüber – Admiral – zum Ausdruck zu bringen. Eine Frau in New Jersey berichtete, ihre Katze säße während meiner Sendungen immer vor dem Fernsehgerät und schaue mir zu. (Es gäbe weniger Klagen über Nachbarskatzen, wenn man ihnen allen angewöhnen könnte fernzusehen!) Eine ältere Frau in Iowa zog sonntagabends für die Sendung immer ihr schönstes Kleid an, als ob sie in die Kirche ginge. Ein mittlerweile berühmter Schauspieler fragte mich, ob er meinen Namen lebenslang benutzen dürfe – Martin Sheen. In zahllosen Haushalten wurden die Kinder angewiesen, still zu sein, während ich im Fernsehen auf Sendung war. Ich bin überrascht, dass die jüngere Generation deshalb nicht mit einem Hass auf meinen Namen aufgewachsen ist. Viele Personen, die ich im Zusammenhang mit meiner Fernseharbeit traf, waren so überrascht, mir zu begegnen, dass sie häufig sagten, dass ich ihr ganzes Leben lang eine Inspiration für sie gewesen sei oder dass sie große Verehrer von mir seien.

Sogar das Weiße Haus gehörte zu meinem Publikum. Auf dem Weg zu meinem Büro im »Päpstlichen Werk der Glaubensverbreitung« sah ich eines Nachmittags Präsident Eisenhower in einer Autokolonne die Park Avenue in New York hinunterfahren. Wenige Tage später erhielt ich folgenden Brief:

Lieber Bischof Sheen:

Gestern Abend wurde ich beim Alfred-Smith-Dinner darüber informiert, dass Sie, als ich auf den Straßen von New York unterwegs war, an einer Straßenecke angehalten und mich gegrüßt haben. Ich habe Sie nicht gesehen, aber ich versichere Ihnen, dass ich mich von Ihrer freundlichen Aufmerksamkeit sehr geschmeichelt fühle.

Ich hätte die Gelegenheit gerne genutzt, um mich – wenn auch nur kurz – mit Ihnen zu unterhalten.

Mit persönlichen Grüßen, herzlichst, Dwight D. Eisenhower

Ich beantwortete den Brief folgendermaßen:

Mein lieber Präsident Eisenhower:

Wenn der Präsident in Amerika auf der Straße an einem Freund vorbeikommt und es unabsichtlich versäumt, ihn zu grüßen, dann schreibt er einen persönlichen Grußbrief. Das ist Demokratie!

Wenn in Russland der Diktator an einem Freund vorbeikommt, ohne ihn zu grüßen, dann bedeutet das, dass dessen Liquidierung unmittelbar bevorsteht. Das ist Kommunismus! Offen gestanden, Mr Präsident – ich bin froh, dass Sie mich nicht gesehen haben! Der Gruß hätte eine Sekunde gedauert, Ihr Brief wird mich ein Leben lang begleiten.

Gott sei mit Ihnen!

Es erreichten mich auch viele Bitten und Anfragen. Eine, an die ich mich erinnere, kam von einem jüdischen Jungen in Pittsburgh, dem von seinen Eltern gesagt wurde, er sei noch nicht alt genug, um eine Kippa zu tragen. Er wandte ein: »Bischof Sheen trägt doch eine, warum dann ich nicht?« Heimlich schrieb er mir einen Brief und bat mich um meinen Pileolus, und ich sandte ihn ihm. Später erschien in den Zeitungen von Pittsburgh ein Bild von ihm mit seiner bischöflichen Kopfbedeckung. Ein Mädchen aus Minnesota schrieb und erzählte mir, ihr Pferd sei gestorben und sie habe seither nicht aufgehört zu weinen. Die Familie war zu arm, um ihr ein neues Pferd zu kaufen. Und sie bekam ihr Pferd.

Für unsere Fernsehsendung gab es nie irgendwelche Proben, was dem Produzenten viel Geld ersparte. Zum Teil lag das daran, dass ich nie mit Notizen arbeitete. Das Time Magazine sandte einmal eigens einen Journalisten ins Aufnahmestudio, der herausbekommen sollte, mit welchem Trick ich Woche um Woche arbeitete und Fernsehauftritte bewältigte, ohne dass ich einen Teleprompter oder Spickzettel benutzte. Das Einzige, was ich an Requisiten benötigte, war eine Tafel. Sie war mit einem Drehgelenk versehen, sodass sie umgedreht werden konnte, wenn eine Seite vollgeschrieben war. So erzeugte ich die Vorstellung, dass ein »Engel« – das war einer der Bühnenhelfer – die eine Seite der Tafel abwaschen würde, während ich mich aus der Reichweite der Kamera begab. Wenn die Tafel sauber war, benutzte ich sie unter Umständen ein weiteres Mal, doch ihre Sauberkeit wurde immer dem Engel zugeschrieben, der zu einer nationalen Berühmtheit wurde.

Als Lehrer schrieb ich manchmal Wörter auf, die ich erklären wollte, oder zeichnete einfache Bilder. Für Grafik jeder Art habe ich überhaupt kein Talent. Tatsächlich war ich darin so ungeschickt, dass einer der Verantwortlichen der Kunstakademie von New York mir ein Stipendium anbot, um zeichnen zu lernen und somit die menschliche Rasse in Zukunft nicht mehr zu blamieren. Die Sache hatte allerdings einen großen Vorteil: Sie brachte das Publikum in die Lage, sich dem Redner überlegen zu fühlen, denn die Zuschauer konnten zeichnen und ich konnte es nicht.

Ich trat im Fernsehen als Bischof in schwarzer Soutane und mit einem violetten Umhang (Ferraiolo) auf. Einmal hielt ich einen Vortrag in Longmeadow, Massachusetts. Der Vortragssaal lag im zweiten Stock. Einige Jungen auf der anderen Straßenseite sahen mich an jenem warmem Abend auf der Bühne und sie riefen »Superman«.

Eine Angewohnheit, die ich schon im Kindergarten gehabt hatte, war, dass ich immer »JMJ« oben auf die Tafel schrieb. Dies mache ich auch bei jedem Bogen Papier, bevor ich ihn beschreibe – und ich hoffe, dass dies auch eines Tages auf meinem Grabstein eingeprägt sein wird. Als Antwort auf viele Anfragen identifizierte mich das Publikum dann irgendwann über die Worte Jesus, Maria und Josef.

Es gab zahlreiche Lokale, die immer meine Sendung eingestellt hatten, die zur gleichen Zeit wie die Sendung von Milton Berle ausgestrahlt wurde. Das lag teilweise an den vielen Taxifahrern, die sich meine Fernsehsendung gern ansahen und während dieser halben Stunde eine Pause einlegten. Ein Taxifahrer fragte mich einmal: »Haben Sie ein Buch geschrieben?« Ich bejahte. Er sagte: »Wenn ich nicht schon ein Buch hätte, würde ich Ihres kaufen.«

Das Urteil der Zuschauer veränderte sich je nachdem, wie ich auf ihrem Fernsehbildschirm erschien. Als ich einmal als Mitwirkender bei einer Bischofsweihe in Brooklyn zusammen mit einer Reihe anderer Bischöfe in die Kathedrale hineinging, hörte ich eine Frau auf dem Gehweg rufen: »Im Fernsehen sehen Sie aber wirklich besser aus!«

Auf der Bühne hatte ich immer eine große Uhr vor mir, wenn ich sprach. Damit konnte ich meine Zeiteinteilung organisieren. Die Aufnahmezeit meiner Sendung betrug ohne Pause 27 Minuten und 20 Sekunden. Der Trick, rechtzeitig zum Ende zu kommen, ohne zu hetzen und ohne abgeschaltet zu werden, besteht darin, sich für den Abschluss eine präzise Zeit vorzunehmen. Wenn der Abschluss zwei oder drei Minuten dauern sollte, dann beendete ich das Thema, das ich gerade behandelte, früher und begann mit dem Abschluss. Somit gab es nie ein hastiges Abschalten.

Ich bereitete mich ungefähr dreißig Stunden lang auf jede Fernsehsendung vor, was bedeutete, dass ich mit dem Material eine Stunde oder länger hätte sprechen können. Es ist wie beim Atmen: Außerhalb des Körpers ist immer mehr Sauerstoff, als man in der Lunge aufnehmen kann, und ebenso sollte das Wissen, das man zu einem bestimmten Thema hat, immer wesentlich umfangreicher sein als das, was man von sich gibt. Wenn ich den einen oder anderen Punkt vergaß, den ich beabsichtigt hatte zu erwähnen, dann konnte ich dies immer mit etwas aus den gesammelten Informationen ersetzen.

Einen oder zwei Tage vor der Ausstrahlung »probte« ich, wieweit ich mir den Umfang des Themas zu eigen gemacht hatte, indem ich den Vortrag auf Italienisch einem befreundeten italienischen Professor vortrug, außerdem auf Französisch einem Mitarbeiter, der fließend Französisch sprach. Das tat ich nicht, weil ich diese Sprachen besonders gut beherrschte, sondern weil ich gezwungen war, die Begriffe in einer anderen Sprache zu formulieren, und ich wusste, dass mir das helfen würde, geistige Klarheit über das Thema zu erhalten.

Eines Tages begleitete ich eine junge Dame, die Französisch sprach, zu einer Handelsorganisation, von der wir hofften, dass sie die Filme vertreiben würde, die wir von den Missionseinsätzen herstellten. Der Leiter der Organisation war ein französischer Jude und deshalb freute er sich, mit meiner Begleiterin Französisch sprechen zu können. Er fragte sie: »Sehen Sie Bischof Sheen jeden Tag?« – »Ja.« – »Reden Sie mit ihm?« – »Ja.« – »Redet er mit Ihnen?« – »Ja.« – »Hat er Sie gebeten, mich aufzusuchen?« – »Ja.« Dann äußerte er ein Kompliment von höchst fragwürdigem theologischen Gehalt, doch es war wirklich als Kompliment gedacht: »Meine Güte, er ist ein zweiter Jesus!«



Luftwaffenstützpunkt Westover, Massachusetts, Juni 1950 (United States Air Force).

Es dürfte interessant sein, daran zu erinnern, wie sich nach Meinung eines Mannes, der über fünfzig Jahre Erfahrung mit den Medien hat, die Stimmungslage im Land wandelte. Als ich mit den landesweiten Radiosendungen begann, war die Grundstimmung im Land christlich.

Deshalb war die Sendung »Katholische Stunde« mit der Darstellung der christlichen Lehre durchaus populär. Allerdings provozierte sie bei einigen Fanatikern eine heftige Reaktion – einfach nur, weil es sich um den katholischen Glauben handelte. Ein Mann aus Pennsylvania schrieb mir in einem Brief, dass sich zwölf Bücher in seinem Besitz befänden, die bewiesen, dass der Papst der Antichrist sei. Er sei bereit, sie mir zuzusenden, aber ich spreche weiterhin vom »Heiligen Vater« und »Stellvertreter Christi«. – »Ich hatte erwartet, dass Sie sich zum Papst äußern. Was Sie allerdings über den Heiligen Vater und den Stellvertreter Christi sagten, hat mir ziemlich gut gefallen.« Damals gab es nicht viele Briefe, die man als Hassbriefe hätte bezeichnen müssen oder deren Schreiber an einer neurotischen Störung litten.

Als ich mit den landesweit ausgestrahlten Fernsehsendungen auf kommerzieller Basis begann, war ein anderes Vorgehen notwendig. Ich sprach nicht mehr im Namen der Kirche und unter der Trägerschaft ihrer Bischöfe. Die neue Methode musste ökumenischer sein, da die Sendung Katholiken, Protestanten, Juden und alle Menschen guten Willens ansprechen sollte. Es ging nicht mehr um eine unmittelbare Vorstellung der christlichen Lehre, sondern eher um einen vernünftigen Zugang zu dieser Lehre. Es musste ein Thema sein, das dem Publikum vertraut war. Deshalb bewegten sich die Themen in all den Jahren, in denen die Fernsehsendungen aufgenommen und ausgestrahlt wurden, vom Kommunismus über Kunst, Wissenschaft, Humor, Luftfahrt bis hin zum Thema Krieg und so weiter. Ich begann mit etwas, das sowohl den Zuschauern wie auch mir bekannt war, und schritt dann allmählich vom Bekannten zum Unbekannten oder zur Moral und der christlichen Philosophie fort. Es war dieselbe Methode, die unser Herr anwandte, als er eine Prostituierte beim Brunnen traf. Welche Gemeinsamkeit gab es zwischen der göttlichen Reinheit und dieser Frau, die fünf Männer gehabt hatte und jetzt mit einem Mann zusammenlebte, der nicht ihr Ehemann war? Der einzige gemeinsame Nenner war, dass beide gerne das kalte Wasser haben wollten. Davon ausgehend leitete er zum Thema des Wassers des ewigen Lebens über.

Dieselbe Methode wandte der heilige Paulus in Athen an, als der einzige gemeinsame Nenner, den er finden konnte zwischen sich selbst und den Menschen, die entlang der Straßen zur Akropolis ihre Götter aufgestellt hatten, eine Inschrift an einer dieser Statuen war: »Dem unbekannten Gott«. Davon ausgehend entwickelte er die Auffassung des wahren Gottes. Und so versuchte auch ich, das enorm große amerikanische Fernsehpublikum zu erreichen. Und es funktionierte.

In der Zeit meiner Fernsehsendungen stellte ich einen Rückgang an Briefen fest, die von Fanatikern stammten. Allerdings nahm die Anzahl der Schreiben von Menschen zu, die man als neurotisch bezeichnen könnte. Man fragt sich, ob Dr. Alexis Carrel tatsächlich recht hatte, als er sagte: »Es leiden mehr Menschen an Nervenkrankheiten oder nervösen Störungen als an allen anderen Krankheiten zusammengenommen.« Abgesehen von diesem Detail war die Zunahme an Wohlwollen im Land wirklich sehr bemerkenswert. Im Verhältnis zum Bevölkerungsanteil bekam ich die meisten Briefe von Juden, die zweitgrößte Anzahl von Protestanten, die drittgrößte von Katholiken. Ich fühlte mich belohnt, wenn ich auch nur einen Menschen etwas näher zu Gott bringen konnte. Es wäre interessant gewesen, die Hunderttausende von Briefen aufzubewahren, die Menschen in der Prüfung ihres Gewissens und mit ihrer Sehnsucht nach dem Göttlichen geschrieben hatten und die unser Büro erreichten, doch ich hatte das Gefühl, dass ich es den Absendern schuldig war, ihre Briefe zu vernichten.

Ich beantwortete selbst so viele Briefe, wie es mir möglich war.

So viele Menschen schrieben mir und brachten ihr Interesse an der Kirche und ihre Suche nach dem Geschenk des Glaubens zum Ausdruck, sodass ich begann, in großen Schulsälen und Hallen Glaubensunterweisungen zu geben, so etwa in St. Patrick’s in Washington und in St. Stephen’s, ebenfalls in Washington, außerdem an der Cathedral High School in New York City. Personen, die sich nach Literatur über die Kirche erkundigten, bekamen Bücher und Broschüren zugesandt.

Im Rückblick kann ich sagen, dass ich zwei Herangehensweisen hatte: die eine war die direkte in der Radio-, die andere die indirekte in der Fernsehsendung. Die direkte Methode war die Darstellung der christlichen Lehre in einfacher, klarer Sprache. Im Fernsehen stützte ich mich stärker auf die Gnade Gottes und weniger auf mich selbst. Wenn es in der ausgestrahlten Sendung um das Thema Fliegen ging, dann konnte es vorkommen, dass ich am Ende über Engel sprach. Nie gab es Versuche, die in Richtung Proselytismus16 gingen. Die Zuschauer sollten selbst entscheiden, ob ich für etwas einstand, das sie als Vervollständigung für ihr Leben brauchten. Die Erleuchtung der Seelen ging mehr vom Geist aus, weniger von Sheen.

Ein Beispiel dafür war eine Sendung über den Tod Stalins. Ungefähr zehn Tage, bevor Stalin starb, sprach ich über seinen Tod, als würde er tatsächlich eintreten. Ich erhielt Telefonanrufe von Zeitungen fast aller Bundesstaaten der USA, die sich erkundigten, welche Insiderinformationen mir vorlägen. Ich sagte ihnen, dass das Einzige, das ich wüsste, die Tatsache sei, dass er sterblich sei und die letzte Sündenstrafe, die der Tod ist, zu erbringen habe. Und es war einfach sein Schicksal, dass die Sendung und sein Hinscheiden zeitlich zusammentrafen. Ein weiteres Beispiel für diese zweite Vorgehensweise ist die Begegnung mit einer Frau, die mir nach einem Vortrag in einer Stadt im Westen erzählte, dass sie konvertiert sei, nachdem sie eine meiner Fernsehsendungen angesehen hatte. Es interessierte mich natürlich sehr, welche Sendung konkret sie so stark beeinflusst hatte. Zu meiner Überraschung sagte sie, es sei diejenige über Stalin gewesen. Es gab in dieser Sendung absolut nichts, was einen Menschen hätte in die Kirche locken können. Gott benutzte die Sendung einfach als Werkzeug. »Paulus pflanzt, Apollos wässert, Gott aber schenkt das Wachstum.«

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9783947931811
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