Kitabı oxu: «Comanchen Mond Band 1»

Şrift:

Comanchen-Mond

In den Plains

Historischer Roman

von

G.D. Brademann


Impressum

Comanchen Mond, G.D. Brademann

TraumFänger Verlag Hohenthann, 2019

1. Auflage eBook Juli 2021

eBook ISBN 978-3-941485-98-3

Lektorat: Michael Krämer

Satz und Layout: Janis Sonnberger, merkMal Verlag

Datenkonvertierung: Bookwire

Titelbild: James Ayers

Copyright by TraumFänger Verlag GmbH & Co. Buchhandels KG, Hohenthann

Printed in Germany

Inhalt

Teil I: In den Plains

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Manchmal ist Erinnerung alles, was uns bleibt.

Ich höre noch immer die Mustangs hinter den Hügeln, das Lachen der Kinder, das Geschwätz der Frauen. Höre noch immer die lauten Rufe der Krieger, die mit Jagdbeute beladen zurück in das Lager reiten.

Teil I
In den Plains

Der Sommerwind bewegte das hüfthohe Gras wie Wellen den Ozean. Die Sonne stand gleißend hell am weiß-blau flimmernden Himmel. Verstreut, wie kleine Oasen, ragten hohe Baumgruppen aus einem Meer voller Gras – einsame Wächter, die nach Eindringlingen Ausschau hielten, Beschützer der Weite.

Weich geschwungene Kreideplateaus unterbrachen die gerade Linie des Horizonts. Tief in die Hochgrasebene eingeschnittene seichte Flüsschen schlängelten sich durch tiefe Canyons, umgeben von Pappeln, Weiden, Eichen, wilden Pflaumen- und Pekannussbäumen. Unterirdische Wasseradern brachen aus geheimen Höhlen hervor, versickerten vor hoch aufgeschütteten Flussterrassen in der sengenden Sonne.

Um eine von diesen rot und ockerfarbenen Felsengebilden wand sich ein fast ausgetrocknetes Flussbett nach Osten. Es war ein trockenes Jahr gewesen. Unter dem wolkenlosen Himmel verdorrte das Gras bereits. Trotzdem gab es noch einige Wasserstellen, und spärlicher Regen reichte oft aus, um dieser Landschaft wieder seine Schönheit zurückzugeben.

Eine dichte Staubwolke zeigte an, wo eben noch eine riesige Herde Büffel friedlich gegrast hatte. Einige Nachzügler, alleingelassen, setzten sich träge in Bewegung. Sie ließen sich Zeit. Von ihren Körpern schälte sich die Behaarung, hing in Fetzen bis auf den Boden hinunter, aber das tat ihrer majestätischen Erscheinung keinen Abbruch. Allein die furchteinflößenden Hörner, die sich drohend über ihren Köpfen erhoben, machte sie zu gefährlich aussehenden Kreaturen.

Plötzlich erwachte das Leben in ihnen, und sie donnerten in einem unglaublich schnellen Galopp davon, bis sie wieder langsamer wurden, weil sie die Herde eingeholt hatten. Hörner von fluchtbereit sichernden Antilopen tauchten kurz aus dem hohen Gras auf, um wenige Augenblicke später wieder zu verschwinden. Schon einen Herzschlag später erinnerte nichts mehr an sie. In der Morgensonne glitzerten tausende Tautropfen an sich im leichten Wind wiegenden Gras. Zwischen halbvertrockneten Rispen hingen blaue, goldene, gelbe und rote unscheinbar aussehende Blüten. Ein einziger Zauber, so wunderbar und anrührend, dass es dem, der es zu sehen vermochte, jedes Mal wieder den Atem verschlug.

Mitten in dieser Welt vollkommener Wunder tauchte der Kopf eines Mustangs aus einem Wellental auf. Ein Sonnenstrahl brach sich tausendfach an der Spitze einer etwa 13 Fuß langen Lanze, die ein Comanchenkrieger triumphierend zusammen mit dem daran flatternden Skalp in die flirrende Hitze hielt. Hinter ihm kam eine zweite, ebenso geschmückte Lanze zusammen mit weiteren Mustangs hoch. Nacheinander erklommen sechs Reiter die obere Kante des Wellenberges und ritten auf der anderen Seite wieder hinunter. Ihre kleinen robusten Mustangs reagierten auf den kleinsten Schenkeldruck. Sechs Comanchen zeigten sich – stolz, zu allem entschlossen, kriegserprobt und gezeichnet von einem hinter ihnen liegenden blutigen Kampf. Sie kamen geradewegs von Osten, direkt aus dem Sonnenaufgang. Es war ihr Land, ihre angestammte Heimat, die sie bereit waren, mit ihrem Blut zu verteidigen.

Obwohl der Anblick der weiten, unendlichen Plains mit ihrem flimmernden Horizont und dem oftmals bis zur Brust reichenden Gras auf viele der fremden Eindringlinge einen bedrückenden Eindruck machte, hielt es sie nicht davon ab, dieses Land in Besitz zu nehmen. Land, das ihnen nicht gehörte – Indianerland. Noch waren es nur wenige, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in das Gebiet der Comanchen eindrangen. Es hätte durchaus ein friedliches Miteinander werden können. Im Laufe der Jahre jedoch kamen mehr und mehr Siedler. Sie nahmen sich einfach ohne zu fragen, was den Comanchen gehörte. Doch dieses Volk, das sich selbst „Jene, die kämpfen möchten“ nannte, war nicht bereit, sich ohne Gegenwehr vertreiben zu lassen. Daher kam es zu immer größeren blutigen Konflikten.

Die junge Republik Texas, die sich inzwischen gegründet hatte, war entschlossen, dieses Problem so schnell wie möglich mit Gewalt, brutal und vor allem endgültig zu lösen. Schließlich hatte man das Land der Comanchen 1838, ohne sie um Erlaubnis zu fragen, zur Besiedlung freigegeben. So begann ein erbarmungsloser Ausrottungskrieg, der entgegen den Erwartungen der Texaner fast vierzig Jahre andauern sollte. 1838 meldeten sich in Texas etwa zweitausend Freiwillige, die gegen die Comanchen in den Krieg ziehen wollten. Es wurden Gelder vom Kongress zur Verfügung gestellt, ja, man konnte sogar einige der Todfeinde der Comanchen – die Lipan-Apachen und die Tonkawa – als Späher gewinnen. Comanchenlager, die voll pulsierenden Lebens waren und dessen Bewohner sorglos in den Tag hinein träumten, wurden niedergemacht – zielgerichtet Frauen, Kinder und Männer jeden Alters ermordet; schließlich, so die Begründung, sahen sie ja alle gleich aus. Zurück blieben rauchende Tipis und geschändete Leichen. Nur die kreisenden Bussarde und Geier kündeten noch vom einstigen Leben dort.

Doch die mordenden weißen Horden aus Freiwilligen und Rangertruppen hatten nicht mit dem Überlebenswillen der Comanchen gerechnet. Bald war das Grenzgebiet zur Comancheria nur noch ein rauchender Trümmerhaufen – diesmal aber brannten Farmen und Ranches. Das stolze Volk der Comanchen setzte sich zur Wehr. Sie kämpften, wo immer sich ihnen weiße Eindringlinge entgegenstellten, und verteidigten ihre angestammte Heimat, ihre Familien, ihre Lebensart.

Siedler, die ihre Heimstätten aufgaben, wurden von anderen abgelöst, die es besser zu wissen glaubten, um ihrem Traum von einem Leben in Wohlstand nachzujagen. Anstatt sich von Krieg und Vernichtung fernzuhalten, ihre Frauen und Kinder der drohenden tödlichen Gefahr zu entziehen, überfluteten von Monat zu Monat mehr von ihnen das Comanchenland. Viele dieser Menschen stammten aus Irland, Schottland oder Deutschland. Raue, robuste Männer und Frauen, die sich hier eine bessere Zukunft erhofften und diese Hoffnung oftmals mit ihrem Leben bezahlten. Der 98. Längengrad – die Barriere, die die Weißen als Comancheria bezeichneten – setzte ihren Plänen und Träumen ein grausiges Ende.

Seit etwa zweihundert Jahren – vielleicht waren es auch dreihundert oder mehr – lebten Comanchen schon hier, und sie hatten nicht vor, dieses Land aufzugeben. 1706 tauchten sie zum ersten Mal in der Geschichte als „Jene, die kämpfen möchten“ auf. Von ihnen hinterlassene Felszeichnungen am Rio Grande Gorge dokumentieren noch heute Kämpfe gegen die spanische Armee, die an ihnen scheiterte und denen sie ihre ersten Pferde verdankten. Niemand konnte sie besiegen, selbst die Cheyenne oder die Arapaho nicht. Damals gehörte ihnen ein Land, das etwa acht Millionen Quadratkilometer groß war. Am Ende blieben ihnen nicht mehr als 200.000.

Auch diese kleine Gruppe von sechs Comanchen, hunderte sollten es ihnen in den nächsten Jahrzehnten erfolgreich gleichtun, stellte sich den Eindringlingen todesmutig und unerschrocken entgegen. Sechs Krieger, die wieder in ihr Zuhause ritten, nur noch rauchende Trümmer und skalpierte Leichen als Warnung für die Rangertruppen und künftigen Siedler zurücklassend. Auf den Rücken ihrer Ersatzpferde stapelten sich geraubte Gegenstände wie Säcke voller Mehl, Zucker, Tabak, Kaffee. Ein Kochtopf klapperte gegen ein Bündel, aus dem der Griff eines Spiegels hervorlugte. Sie waren auf dem Weg zurück zu ihren auf sie wartenden Familien, zurück auf die Hochgrasprärie des windumtosten Llano Estacado. Den Vollmond hatten sie genutzt, um auch die klaren Nächte hindurch reiten zu können. Hunderte Meilen hatten sie so ununterbrochen auf ihren zähen Mustangs verbracht, um im hereinbrechenden Morgengrauen die erste sich auf ihrem Gebiet befindliche Ranch, auf die sie stießen, zu überfallen.

Hier im Grenzgebiet zur Comancheria kannte man einen Namen dafür: Es waren die gefürchteten Nächte des Vollmondes, in denen die Siedler in ihren Häusern aus Grassoden mit den Waffen in Reichweite schliefen und ihre Kinder und Frauen in unterirdischen, primitiven Kellerlöchern versteckten.

Diese schlimmen Nächte nannten sie:

Comanchenmond

Kapitel 1

Sommer 1839

Die sechs Comanchen waren den ganzen Morgen über einem fast ausgetrockneten Flusslauf gefolgt. Endlich hielten sie die Pferde an, saßen ab und ließen sie im schlammigen Wasser saufen. Noch hafteten an ihnen die Spuren ihres letzten Überfalls. Ihre Gesichtszüge konnte man trotz der verschmierten Kriegsbemalung noch gut erkennen. Büffelhörner, mit Hauben auf ihren Köpfen befestigt, gab ihnen ein drohendes, ja, furchteinflößendes Aussehen, fast wie die Büffel selbst.

Ihre Pferde begannen das spärliche Gras neben dem Flussbett abzugrasen. Die Krieger trugen Leggins, die ihnen bis in den Schritt reichten und dort mit Bändern aus Leder an den Hüften festgebunden waren. Darüber hing ein einfaches schmuckloses Lendentuch.

Einer von ihnen – groß, hager, sehnig, mit Schultern, die noch nicht völlig ausgewachsen waren – stand neben einem Schimmel. Obwohl die meisten Comanchen eigentlich keine Schimmel bevorzugten, ja, sie sogar oftmals als Unglücksboten ansahen, hatte er seine Liebe für sie entdeckt. Seine blauschwarz schimmernden Haare trug er offen. Gleichmäßige Züge, eine gerade Nase, ein voller, sinnlicher Mund, nur leicht hervorstehende Wangenknochen und ein kräftiges breites Kinn kennzeichneten ihn als einen gutaussehenden Mann. Ja, er war schön und jung – höchstens sechzehn oder siebzehn Winter alt, genau wie die anderen vier auch. Einer, den sie Antelope-Son nannten, war älter – sehr viel älter. Er zählte vierzig Winter und war ihr Anführer. Die jungen Krieger hatten sich diesem erfolgreichen und angesehenen Mann angeschlossen, um ebenfalls ihren Mut im Kampf zu beweisen. Obwohl sie in diesem Sommer weitab von ihren Grenzgebieten im Llano Estacado lebten, wussten sie durch einen Besuch im Lager befreundeter Kotsoteka-Comanchen, was sich hier an ihren Grenzen abspielte.

Nun waren sie hier. Voller Wut auf die ungebetenen Eindringlinge, die ihre Jagdgebiete nicht achteten, wollten sie sie das Fürchten lehren, ihre Skalps nehmen, Beute machen – vor allem Beute machen und ihnen zeigen, mit wem sie sich hier einließen. Das Kriegshandwerk beherrschten sie perfekt – so wie die Jagd, die ihnen zugleich eine große Freude war. Das wurde ihnen von Kindheit an beigebracht. Manch einer von ihnen hatte bereits mit vierzehn seinen ersten Feind getötet.

Von den sechs Kriegern machte besonders einer einen arroganten, überheblichen Eindruck. Eng zusammenstehende, dunkelbraune Augen blickten streng unter den Wülsten ausgezupfter Augenbrauen hervor. Sein Mund war nur ein einziger schmaler Strich. Den Namen Icy-Wind hatten ihm seine jungen Begleiter erst vor zwei Monden gegeben. Damals war er mit einigen anderen jungen Kriegern auf ein kleines Pawneedorf gestoßen. Wie ein Wirbelsturm hatten sie es überfallen, die Menschen auseinandergetrieben, aber weder Gefangene noch einen einzigen Skalp erbeutet. Als sie weiterzogen, brüstete sich der junge, arrogante Krieger, wie ein Icy-Wind über seine Feinde gekommen zu sein, so dass sie sich frierend und zitternd verkrochen hätten. Seitdem nannten sie ihn nur noch so. Ein Spitzname, den er lieber hörte als seinen anderen Namen, den er mit vierzehn Wintern empfangen hatte: The-One-Who-Should-Not-Look-Back. Nein, dann schon lieber Icy-Wind.

Einen Blick auf seine Pferde werfend, die in Rufweite standen, nahm er den Köcher von seinem Rücken, neben dem an über Kreuz verknoteten Rohlederriemen sein Tomahawk und ein ausgehakter Bogen hingen. Seine rechte Hand hielt dabei noch immer die Lanze. Jetzt warf er sie mit aller Kraft in den harten, ausgetrockneten Boden. Zitternd und schwankend blieb sie dort stecken.

Ein anderer der sechs Krieger – kleiner als seine Kameraden, vielleicht fünfeinhalb Fuß groß und von gedrungener, etwas fülliger Gestalt – beschäftigte sich bereits damit, seine Sachen nach Proviant zu durchsuchen. Weil er fündig wurde, hellte sich sein rundes, gutmütiges Gesicht auf, und er packte ein fest verschnürtes Bündel mit Trockenfleisch aus. Die anderen sahen sich verstehend an, nickten ihm verschmitzt zu und suchten dann selbst nach einem geeigneten Lagerplatz für sich, um ihre spärlich gewordenen Vorräte hervorzukramen.

Inzwischen steckten drei mit Skalps behängte Lanzen zusammen mit den drei anderen ohne Kriegsbeute nebeneinander hinter den Kriegern. Während sie aßen, wurden kaum Worte gewechselt; jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Das Prahlen mit ihren Taten konnte warten, bis sie zu Hause waren. Die Kriterien, mit denen sie dort beurteilt werden würden, waren Tapferkeit, Mut und natürlich Freigebigkeit.

Der mit dem freundlichen Gesicht schmunzelte in sich hinein, während er die Reste seiner Mahlzeit wieder zusammenpackte. Sein Blick unter belustigt hochgezogenen Augenbrauen – er war der Einzige hier, der sie sich nicht auszupfte – fiel auf die erbeuteten Sachen des kleineren Freundes. In seinem Gesicht arbeitete es. Spöttisch zog er die Lippen zusammen, verbiss sich jedoch eine Bemerkung.

„Meine Beute verwundert dich wohl, Red-Eagle?“, meinte der Freund, sein Mienenspiel richtig deutend. „Wie ich sehe, willst du über mich lachen, aber meine Little-Pigeon freut sich über einen neuen Kochtopf wie eine Hirschkuh über frisches Gras am Morgen.“

„Oh, Wolf-Hunter, da hast du ja bestimmt nicht an dich gedacht, oder?“, neckte der Schöne ihn und lächelte freundlich.

Die anderen – bis auf den streng blickenden jungen Mann, Icy-Wind – sahen sich vielsagend an und verbissen sich ein Schmunzeln. Wolf-Hunter machte sich immer Sorgen ums Essen, das war bekannt.

Bevor ihre Unterhaltung weiter in diese Richtung abdriften konnte, erhob sich der Ältere abrupt mit ernstem Gesicht. Gebannt beobachtete er die sich in Sichtweite befindlichen Mustangs, die jetzt mit erhobenen Köpfen leise schnaubend in die Richtung blickten, aus der sie eben gekommen waren.

Erst dann schenkten sie dem dürftigen Gras vor ihren Mäulern wieder mehr Aufmerksamkeit. Insgesamt standen achtzehn Mustangs zusammen, denn die Krieger ritten immer mit Ersatzpferden.

„He, Antelope-Son – was sehen deine Augen, was unseren entgeht?“ „Dort kommen Eindringlinge in unsere Gebiete, Red-Eagle hat diesmal die Augen eines Grashüpfers und nicht die eines Adlers“, rief er, an den Schönen gewandt.

Alle starrten in die angegebene Richtung. Ein winziger Punkt erschien in der Ferne, um gleich darauf wieder hinter dem nächsten Wellenberg zu verschwinden. Nur wenig später sahen sie diesen ersten Punkt wieder, größer als vorher, und weitere Punkte folgten.

Icy-Wind ließ ein schnaubendes Lachen hören; dann meinte er, mit einem Arm in die Richtung deutend: „Die Tejano irren sich, wenn sie glauben, wir lassen sie durch unser Land ziehen, als gehörte es ihnen bereits – denn dann sind sie dumm.“ Er machte eine weit ausholende einladende Geste zu den Pferden hin. „Lasst uns sie gebührend empfangen!“

Wolf-Hunter erhob sich zögernd. „Wir sollten warten und sie näher herankommen lassen“, befand er mit einem Blick auf seinen halb zusammengepackten Proviant. Dann zuckte er nur bedauernd die Schultern.

Antelope-Son ging entschlossen zu seinem Kriegspony und befestigte die Büffelhörner, die er bereits abgelegt hatte, wieder auf seinem Kopf. „Icy-Wind hat recht“, rief er den anderen zu. „Lasst sie uns niedermachen, bevor sie noch weiter auf unserem Land herumtrampeln können.“

Wütend durch die Nase ausatmend griff er nach seiner blutigen Lanze und saß von links auf; so brauchte er die etwa 13 Fuß lange Waffe nicht mehr in die rechte Hand hinüberzuwechseln. Diese Art Aufsitzen war ihnen allen ins Blut übergegangen.

Wolf-Hunter packte sein Essen zusammen, während er einen vieldeutigen Blick mit Red-Eagle wechselte. Auch der hätte noch gewartet, wenn auch aus anderen Gründen. Es war immer das Gleiche. Icy-Wind – als der erfolgreichere Krieger von ihnen – musste bei jeder Gelegenheit das Kommando an sich reißen. Die anderen schienen jedoch seiner Meinung zu sein, denn sie standen bereits neben ihren Pferden, die Bogen wieder eingehakt und die Köcher über den Schultern.

„Die Tejano werden sterben!“ Icy-Wind spuckte aus. Sein Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an, während er mehr zu sich selbst als zu den anderen sagte: „Warum müssen sie diesen Weg nehmen, wenn sie auf die andere Seite unserer Jagdgebiete wollen? Warum reiten sie nicht über Santa Fe? Die Apachen sind lahme Hunde; vor ihnen brauchen sie sich nicht zu fürchten, aber vor uns!“

Antelope-Son ritt hart an ihn heran und hörte die letzten Worte. „Jetzt haben sie keine Wahl mehr“, schrie er in den lauen Wind, der ihnen entgegenwehte. Sein Pferd stampfte unruhig den Boden. Er hatte ihm in der vergangenen Nacht Ringe um die Augen gemalt – als Zeichen der Magie, damit es den Weg besser finden und sich nicht verletzten konnte. Später, wenn Zeit dafür war, würde er ihm auf seine eine Flanke eine weiße Hand aufmalen, als Zeichen für einen getöteten Feind.

Die sechs Comanchen saßen jetzt nebeneinander auf ihren Kriegsponys und blickten wie gebannt nach Osten. Vier von ihnen trugen wieder ihre gewaltigen Büffelhörner. Red-Eagle hing die zottelige Behaarung in die Stirn und an den Seiten bis auf die Schultern herunter. Unter dem Fell lagen seine schwarzen Augen tief im Schatten vergraben. Augenringe zeugten von den überstandenen Strapazen durchrittener Tage und Nächte. Kriegsfarbe auf Wangen und Stirn, noch vom letzten Kampf verschmiert, taten seinem guten Aussehen keinen Abbruch. Als er sich auf den Hals seines Lieblingsponys hinunter beugte, fiel ihm die lange Fellbehaarung ins Gesicht.

Fünf Planwagen rumpelten über das nächste Wellental der Prärie von Osten kommend nach Westen, als ob ihnen die ganze Welt gehören würde. Von der ihnen drohenden Gefahr schienen sie keine Ahnung zu haben. Vielleicht waren sie auch einfach nur von ihrer Überlegenheit überzeugt.

Icy-Wind gab das Zeichen. Er schwang die Lanze, an der der Skalp eines erst im Morgengrauen getöteten Ranchers hing, in Richtung Eindringlinge.

Den markerschütternden, furchtbar klingenden Kriegsruf der Comanchen auf den Lippen, stürmten sie los, tauchten hinein in das wogende Grasmeer, kamen auf der nächsten Bodenwelle schreiend, drohend, in vollem Galopp reitend wieder herauf. Mit ihrer verschmierten Kriegsbemalung, die Lanzen in der rechten Hand, mit Pfeil und Bogen und den Kriegsäxten bewaffnet, machten sie einen furchteinflößenden Eindruck. Ihre schrillen Kriegsschreie hallten weithin über die Prärie. Der donnernde Hufschlag der kleinen, zähen Mustangs ließ trockene Erdklumpen hoch aufwirbeln, während sie den Siedlern näher und näher kamen.

Erst jetzt schienen sie die Comanchen zu bemerken, denn der Wagentreck formierte sich zu einem Kreis, um den Angriff besser abwehren zu können. Männer schirrten in aller Eile die Zugpferde ab und ließen sie im inneren Kreis frei laufen. Frauen – sechs an der Zahl, darunter eine junge – und drei Kinder brachten sich hinter den Wagen oder darunter in Sicherheit. Die Männer verteilten Waffen und Munition untereinander, um die angreifenden Indianer gebührend zu empfangen. Deren dunkle Umrisse waren in der aufgehenden Sonne als gut auszumachendes Ziel deutlich zu erkennen.

Noch gaben sich die Siedler siegesgewiss. Sie riefen sich gegenseitig zu, ja noch zu warten, bis diese Wilden – diese roten Nigger, denen sie sich weit überlegen glaubten – in Schussweite heran wären.

Und sie kamen. Ein Kugelhagel aus den Büchsen von sieben bis an die Zähne bewaffneten Männern empfing sie. Einer der Mustangs stürzte tödlich getroffen, der Reiter sprang zur Seite, bevor das Pferd ihn unter sich begraben konnte. Antelope-Son griff nach ihm und zog ihn hinter sich auf sein Pferd. Der Gestürzte gab einen markerschütternden Pfiff von sich, eines seiner abseits wartenden Ersatzpferde kam das Wellental hinter ihnen heraufgestürmt und sein Herr wechselte zu ihm hinüber.

Eine weitere Gewehrsalve ging knapp über die Köpfe der johlenden Krieger hinweg, traf aber niemanden. Den Tod verachtend, umrundeten sie die Wagenburg. Lachend, vor lauter Übermut über die Fehlschüsse der Weißen Kunststücke auf den Rücken ihrer Pferde vollführend, riefen sie Obszönitäten hinüber zu den Weißen. Wie zum Hohn entblößte Wolf-Hunter sein Hinterteil unter dem Lendenschurz, um damit zu zeigen, was er von ihnen hielt. Erst nach dieser ersten Runde voller Angeberei, Provokation und Verachtung gegenüber ihren Feinden antworteten die Comanchen mit Pfeilschüssen auf den Kugelhagel. Die Sehnen ihrer Bögen surrten, ihre Mustangs rasten wieder auf die Wagenburg zu. Wolf-Hunter erhielt dabei einen Streifschuss am Oberarm, schenkte ihm jedoch keinerlei Beachtung. Er sah nicht einmal hin, während das Blut an seiner nackten Haut herunterlief.

Die Krieger führten atemberaubende Reiterkunststücke aus – diesmal nicht aus Übermut, sondern aus Notwendigkeit – sprangen mit ihren gut ausgebildeten Mustangs über Wagendeichseln zwischen die Siedler und wieder hinaus. Sie hakten sich in aus Pferdehaar geflochtene Schlingen an den Hals ihrer Kriegsponys, hingen unter dem Bauch ihrer Pferde oder an ihrer Seite, schossen von dort aus ihre todbringenden Pfeile ab – zwanzig Stück binnen sechzig Herzschlägen, wenn es sein musste. Sie waren schnell wie der Wind, und sie waren überall. Ihrem tollkühnen, aus unzähligen Kämpfen erprobten Einsatz hatten die Siedler nur wenig entgegenzusetzen. Ihre Schüsse kamen jetzt immer unkontrollierter, sie setzten sogar immer wieder ganz aus. Verzweifelt luden die Frauen die Gewehre nach, ja, schossen sogar selber unter den Wagen hervor auf die an ihnen vorbeistürmenden Reiter. Die schwerfälligen Lastenpferde der Siedler liefen unkontrolliert in der Mitte der Wagenburg panisch hin und her, bis sie endlich einen Ausgang fanden, durch den sie hinaus in die Weite stoben.

Red-Eagle hatte einen der Wagen erklommen, seine Lanze steckte daneben im Boden. Er verschwand im Innern, um Augenblicke später, einen der Siedler fest umklammernd, wieder herauszukommen. Sein Schimmel sprang auf einen Pfiff von ihm über die Deichsel, der Krieger saß auf, schleuderte den mit seinem eigenen Messer getöteten Mann von sich weg, während sein Pony mit einem gewaltigen Sprung über einen umgestürzten, halb auseinandergefallenen Planwagen setzte. Icy-Wind tauchte Augenblicke später mit grinsendem Gesicht und blutverschmierter Brust neben ihm auf, an seiner Lanze ein zweiter Skalp. Während er sich Red-Eagle zuwandte, sprühten Blutstropfen nach allen Seiten. Ohne dass das Grinsen aus seinem Gesicht wich, deutete er mit dem Kinn nach unten, unter einen der Wagen. Dort kauerten drei Kinder, zusammengerollt, eng umschlungen. Ihre Augen weit aufgerissen, harrten sie so der kommenden Ereignisse.

Red-Eagle gab Icy-Wind mit der Hand ein Zeichen: Das hat noch Zeit. Wolf-Hunter, der sich inzwischen ein Stück Stoff von dem zerrissenen Kleid einer getöteten Frau um den verletzten Arm gewickelt hatte, rief etwas, aber sie konnten es wegen der lauten Schießerei nicht verstehen; da zeigte er mit den Händen hinter sie. Beide Krieger drehten sich gleichzeitig um, verschwanden im selben Moment unter den Bäuchen ihrer Mustangs, als zwei gut gezielte Schüsse kurz hintereinander über sie hinwegfegten. Wolf-Hunter hatte schon einen Pfeil auf der Sehne, und der Mann, der dafür verantwortlich war, sackte getroffen neben einer Frau zusammen, die sich schreiend über ihn warf. Antelope-Son tauchte wie aus dem Nichts auf, einen weiteren Mann mit seiner Lanze durchbohrend, während dieser mit auf ihn gerichteter Waffe um sich schoss.

Im heißen Odem der inzwischen höher gestiegenen Sonne tobte der Kampf unerbittlich. Immer und immer wieder ritten die Comanchen ihre Attacken gegen die Wagenburg. Es wurde keine Gnade gegeben und ebenso keine erwartet. Nur noch zwei der Siedler wehrten sich verzweifelt.

Icy-Wind auf seinem Mustang umtänzelte wie in einem grausamen Spiel den Wagen, unter dem sich die letzten Überlebenden verkrochen hatten. Anscheinend war den beiden Männern jetzt auch die Munition ausgegangen. Der eine von ihnen warf seine Kentucky-Büchse wütend zur Seite, und – als würde ihm das noch etwas nützen – hielt er, sich ergebend, in einer letzten verzweifelten Geste die Hände hoch.

Die Comanchen lachten. Wenn es um Tod oder Leben ging wie hier, kannten sie kein Erbarmen.

Icy-Wind zielte lässig mit seiner Lanze und warf sie nach ihm. Der Mann sackte schreiend in sich zusammen, die Hände auf die klaffende Wunde in seinem Oberbauch gepresst. Eingeweide quollen hervor, wanden sich schmutzigen, grauen Schlangen gleich über seine blutigen Hände. In seinen Augen erschien ein Ausdruck ungläubigen Staunens, als könnte er es nicht fassen, hier so sterben zu müssen. Augenblicke später starrten seine Augen ins Leere. Der Mann, der noch neben ihm lebte, warf einen letzten verzweifelten Blick auf ihn, dann sprang er aus der Deckung heraus und machte, nur noch mit seinem Messer in der Hand, einen letzten Ausfall auf Icy-Wind zu.

Wolf-Hunter ritt heran, um diese Szene zu beobachten, und sprang lässig von seinem Pferd. „Der, der wie ein eisiger Wind über seine Feinde kommt, sollte ihn mir überlassen“, rief er und ging auf den weißen Mann zu, der bedeutend größer war als er. Der Kampf war fair. Erst nach zähem Ringen gelang es dem jungen, erst sechzehn Winter zählenden Comanchen, dem bedeutend älteren, kräftigeren Weißen sein Messer aus der Hand zu winden. Der Ausgang dieses Kräftemessens war einige Male durchaus ungewiss. Doch keinem der Krieger wäre es eingefallen, sich einzumischen. Am Ende behielt Wolf-Hunter die Oberhand und tötete den Mann mit einem Stich ins Herz. Damit starb der letzte der weißen Männer.

Icy-Wind und Antelope-Son zerrten die verängstigten Frauen gewaltsam unter einem der Wagen hervor. Ein anderer Comanche holte die drei Kinder. Wolf-Hunter und Red-Eagle sprangen in die Wagen, durchsuchten sie oberflächlich nach Sachen, von denen sie glaubten, dass sie ihnen nützlich sein könnten. Ein weiterer Comanche warf die Toten auf einen Haufen. Acht unschädlich gemachte Eindringlinge – sieben Männer und eine Frau. Sie zu misshandeln kam ihnen nicht in den Sinn; sie hatten kein Interesse daran, denn es war ein guter Kampf gewesen. Manchmal verstümmelten sie die Leichen der toten Weißen und ließen sie so als Warnung für andere Eindringlinge zurück.

Ruhig, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, knieten sich die Krieger jetzt ins Gras, um ihre Schlachtbeile und Lanzen gründlich zu säubern. Erst als sie damit fertig waren, besahen sie sich den Haufen der Toten. Mit der gleichen kaum fassbar stoischen Gelassenheit begutachteten sie anschließend die fünf überlebenden Frauen und die Kinder. Ihre Mienen waren dabei so gleichgültig, als dachten sie über Alltäglichkeiten nach. Vier Frauen waren schon älter, vielleicht zwischen vierzig und fünfzig Winter, eine dagegen höchstens zwanzig. Die älteren drängten sich ängstlich zusammen, mit zitternden Händen klammerten sie sich eng aneinander. Die Jüngere, hoch gewachsen, mit dunklen, zu einem Kranz um ihren Kopf gelegten rötlichen, wie reife Kastanien aussehenden Haaren, stand etwas abseits von den anderen. Große hellbraune Augen schauten aus einem ovalen, schön geformten, aber bleichen Gesicht, das allerdings voller Schmutz war. Sommersprossen bedeckten die kleine Stupsnase, und ihre sonnenverbrannten Wangen begannen sich bereits zu schälen. Sogar auf der Stirn fanden sich viele dieser kleinen hell-orangenen Punkte, versteckt hinter roten Locken. Als Icy-Wind auf sie zutrat, ihr Kinn mit einer Hand umschloss und sie heftig zu sich heranzog, presste sie die blutig gebissenen vollen Lippen trotzig zu einem harten Strich zusammen. Ein großes Stück von ihrem Stolz war trotz aller Angst noch da. Einen kurzen Augenblick lang kam ihr das blutige Messer in den Sinn, das der Krieger vor ihr in seinen Gürtel schob. Wenn er sie töten wollte, dann sollte er das gefälligst jetzt tun. Doch der Krieger nickte nur in Richtung seiner Männer, arrogant, berstend vor Siegesruhm. „Diese hier gehört mir“, war seine klare Ansage. Noch ahnte er nicht, worauf er sich da eingelassen hatte.

9,80 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Həcm:
1152 səh. 4 illustrasiyalar
ISBN:
9783941485983
Rəssam:
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı: