Kitabı oxu: «Schützenhilfe»
GABRIEL ANWANDER
SCHÜETZENHILFE
Roman

1
Ich sass in der Falle.
Ich sass in der unsinnigsten Falle, in die ein moderner Mensch geraten kann: im Stau. Kein Grund, nervös zu werden, sagte ich zu mir, ich bin nicht in Eile. Nichts und niemand warteten auf mich, weder Frau noch Kinder noch Haustiere, auch keine unbezahlten Rechnungen, denn seit ich nicht mehr bei der Polizei war, vermochte ich allen finanziellen Forderungen pünktlich nachzukommen.
Hatte ich nicht alle Zeit der Welt?
Ich lehnte mich zurück und versuchte mich zu entspannen, so gut dies möglich war hinter dem Lenkrad meines gelben, abbruchreifen Saab, den ich «Elch» nannte, weil er aus Schweden stammte und eine Schnauze hatte wie ein Elch. Vor mir verdeckte ein Lieferwagen die Sicht, links neben mir schnurrte eine protzige schwarze Karosse mit Reifen wie ein Schaufellader, und im Rückspiegel sah ich eine blonde junge Frau in einem Smart; mit der Linken umklammerte sie ihr Mobiltelefon und las SMS.
Die späte Septembersonne legte ihre Strahlen durch mein Seitenfenster, trieb mir den Schweiss in die Augen und lähmte meine Bemühungen, mit bewusstem Atmen meine Stimmung nicht in den Keller sinken zu lassen. Dabei hätte ich solide Argumente gehabt, trotz Stau zufrieden und gelassen zu bleiben. Ich war mein eigener Chef, und das Geschäft, das ich betrieb, hatte Hochkonjunktur; es warf einiges ab, auch wenn es bisher nicht für einen neuen Saab gereicht hatte.
Dazu müsste erst einmal ein ganz grosser Auftrag her.
Normale Aufträge gab es zuhauf. Es war kaum zu fassen, was die Leute über andere in Erfahrung bringen wollten – und wie viel sie dafür hinblätterten. Da gab es Chefs, die wollten wissen, wo ihre Aussendienstmitarbeiterinnen ihren Arbeitstag verbrachten, und verharrten im Argwohn, selbst wenn sich zeigte, dass die Mädchen ihr Gebiet gründlich abgrasten und ihre Mandanten nett beschwatzten, um Bestellungen für überteuerte Produkte hereinzuholen. Da gab es Väter, die bezahlten bar, um Auskünfte über den Freund ihrer Tochter zu bekommen. Und ich staunte, wie viele Frauen es gab (und gibt), die keine Vorstellung davon hatten, wo, wie oft und vor allem in welcher Form ihre treuen Ehegatten auswärts Sex kauften. Der Mann gab mit einer kleinen Unachtsamkeit Anlass zu Verdächtigungen, die Frau quälte sich für drei, vier Wochen, dann rief sie einen Profi an.
Mich.
Meine Aufgaben bestanden darin, Informationen zu beschaffen. Ich war stets darauf bedacht, die Dinge weder zu beschönigen noch zu verschlimmern, höchstens ein wenig zu vereinfachen und, ja, manchmal zu kürzen. Wenn eine Aussendienstmitarbeiterin sich anschickte, nebenbei ihr eigenes Geschäft aufzubauen, konnte das – von mir als unwichtiges Detail erachtet – im Bericht unerwähnt bleiben. Andererseits holte ich Auskünfte über den mutmasslichen Schwiegersohn auch dann noch ein, wenn sich die Tochter längst einem anderen hingab. Die Gefahr, dabei ins Abseits zu geraten und unglaubwürdig zu scheinen, stufte ich als gering ein, denn, um beim Beispiel «Schwiegersohn» zu bleiben: Keine Tochter erzählt zuallererst ihrem Vater, dass sie einen neuen Freund hat.
Kurz gesagt: Ich führte jeden Auftrag aus.
Und ich hatte einen guten Ruf.
Die mündlichen Berichte unterschieden sich von den schriftlichen einzig in der Länge und in den Einzelheiten: Es wäre mir peinlich, wenn ich einer Frau gegenüber pikante Details beim Namen nennen müsste, deshalb blieb ich am Telefon an der Oberfläche. In einem schriftlichen Bericht machte es mir hingegen nichts aus, abartigste Wünsche und Praktiken eines Mannes aufzulisten. Hin und wieder trug mir die Detailtreue ein Dankesschreiben ein von der aufgeklärten Ehefrau, die meinte, ich hätte ihr die Augen geöffnet.
Liebe macht bekanntlich blind.
Hass übrigens auch.
Ich stand also wenige Meter nach dem Tunnel im Ostring, Richtung Interlaken. Der Tag ist ohnehin gelaufen, redete ich mir ein und stellte mir vor, was ich als Erstes tun würde, sobald ich daheim sein werde. In meiner Wohnung in Langnau. Ich würde kurz unter die Dusche stehen, mir dann ein kleines Bier aus dem Kühlschrank genehmigen, oder einen grossen Whisky. Bei mir liegt auch der Whisky im Kühlschrank, ich mag weder Bier noch Whisky lauwarm, da könnte ich ebenso gut Tee trinken.
Es half alles nichts: Alle Fahrzeuge standen, und das brachte mich zur Verzweiflung. Ich begann über die Leute vor und neben mir zu fluchen, die ausgerechnet um dieselbe Zeit, an demselben Ort, in dieselbe Richtung unterwegs sein mussten.
Dann kam unverhofft Bewegung auf. Wellenartig. Anfahren, beschleunigen, schalten, bremsen, stoppen, warten, von Neuem anfahren, beschleunigen – und so fort. Es rollte abwechslungsweise die linke, dann die rechte Kolonne. Ich entspannte mich. Da sah ich im Rückspiegel, wie sich ein Pickup in unsere Kolonne quetschte, direkt vor den Smart hinter mir. Als die Kolonne nebenan zu rollen begann, drängte der Pickup sofort wieder hinüber und machte erneut einige Meter gut. Schon hatte er mich überholt und blieb neben dem Lieferwagen, der vor mir stand, stehen.
Ein Slalomfahrer!, dachte ich und versuchte in die Kabine zu spähen, als er an mir vorüberglitt. An der Seite stand in roten Lettern: «Team Gruber, Gokart-Racing», und auf der Ladefläche war ein Gokart festgeschnallt. Ich beschloss, ihnen keine Chance auf einen Spurwechsel zu geben, und fuhr, kaum geriet die Kolonne in Bewegung, dicht auf den Lieferwagen auf.
Der Pickup scherte sich nicht um mich. Ich sah gerade noch, wie er vorschoss und sich vor den Lieferwagen zu zwängen versuchte – was dieser ihm verwehrte. Gründlich verwehrte, es krachte und knirschte.
Ich stieg aus.
Der Pickup-Fahrer, ein junger, leichtfüssiger und geschniegelter Kerl in heller Hose und noch hellerem, weit offenem Hemd, sprang ebenfalls auf die Strasse und trippelte nach vorne.
Ich ging näher ran, ich wollte nichts verpassen. Der Geschniegelte, möglicherweise der Besitzer des Gokarts, fluchte und schwang seine Fäustchen gegen den Fahrer des Lieferwagens, dieser legte den Rückwartsgang ein und setzte zurück. Scherben fielen zu Boden. Der Mann stellte den Motor ab und stieg aus. Er war allein, ein Handwerker mit einem von grauer Farbe bekleckerten Schlapphut, vermutlich ein Bauarbeiter, Gipser oder Maler. Er schlenderte scheinbar gelassen nach vorne, trat neben den Rennfahrer und besah sich den Schaden. Der Kotflügel des Pickups war eingedrückt, der Blinker zersplittert. Der Handwerker zuckte die Achseln.
Vor mir stand ein Mann, der im Pickup mitgefahren war, ein muskulöser Bursche. In einer Feuerwehruniform hätte er der Traum aller Schwiegermütter sein können, aber schwarz gekleidet, wie er war, und mit seinem schwerfälligen Tritt in den Schuhen mit den dicken Sohlen sah er aus wie ein Raufbold, den man anheuert, um gefährdete Kredite einzutreiben. (Das ist übrigens auch ein Betriebszweig, der florierte.)
Folgendes muss ich vorausschicken: Ich kann einige Dinge nicht ausstehen: stumpfe Messer, falsche Hunde, einfältige Festredner, im Stau zu stehen und beim Radfahren verregnet zu werden. Und ich hasse Leute, die einen Streit vom Zaun reissen und danach einen Beschützer oder Verteidiger vorschieben, der sie vor den Konsequenzen bewahrt. Solche Leute trifft man überall auf der Strasse, im Tram, beim Einkaufen, in der Verwaltung, in der Wirtschaft, in der Politik. Vor allem in der Politik.
Der Bursche vor mir sah mir nach Beschützer aus, und ich befand mich in der passenden Stimmung, den Lauf der Dinge nicht einfach hinzunehmen.
«He, Sie!», sagte ich, «wir beide sehen bloss zu.»
Er blickte sich nach mir um, überrascht, mit hochgezogenen Augenbrauen und gerunzelter Stirn, man konnte förmlich hören, wie sein mechanisches Hirn in Bewegung geriet, wie ihn das Denken anstrengte, wie er litt. Vermutlich hatte er deshalb seinen Schädel rasiert, um bei aufreibender Gedankenarbeit der Gefahr einer Überhitzung zu entgehen.
«Was?», fragte er.
«Warten Sie», sagte ich, «lassen Sie die beiden das allein aushandeln.»
Er war nicht einverstanden. Er war ganz und gar nicht einverstanden. Er gab mir das mit einem Zeichen zu verstehen, von dem er annahm, dass ich es verstände. Er hob seinen Zeigefinger, nicht stramm und aufrecht, sondern schlapp und schlampig, wie es Politiker tun. Und er duzte mich mit den folgenden Worten: «Halt dich da raus. Setz dich schön in deinen Wagen!»
Seine Stimme war die eines Zwölfjährigen und passte schlecht zu seiner Gestalt. Dadurch wurde deutlich, dass er aufgeregt war. Die Beschimpfungen vor dem Pickup arteten derweil in eine Keilerei aus. Der Rennfahrer hatte den Handwerker in den Hintern getreten, als er sich bückte, um den Schaden näher anzusehen. Das ging diesem aber zu weit.
Für den Burschen vor mir war der Zeitpunkt gekommen, einzugreifen, und er hätte sich geradewegs auf den Handwerker gestürzt, wenn ich ihn nicht zurückgehalten hätte.
Ich hielt es, wie gesagt, für falsch, dass sich jemand einmischen und dem Rennfahrer beistehen würde, schliesslich hatte er mit Handgreiflichkeiten begonnen. Ich rammte rasch und entschlossen mein Knie in die Hüfte des Burschen, zielgenau und mit Wucht auf den Oberschenkelgelenkknochen.
(Zugegeben, diesen eher fiesen Trick hatte ich nicht bei der Polizei gelernt.)
Mit etwas Unterstützung von meiner Seite klappte er ein und hielt sich am Rückspiegel fest; bevor er sich wieder aufrichten konnte, hatte ich seinen rechten Arm gepackt und ihn ihm auf den Rücken gedreht.
(Diesen Griff hingegen lehren die Instruktoren der Polizei, als wäre er ihre persönliche Erfindung.)
Ich schlang meinen linken Arm um seinen Hals und drückte ihm seinen Arm in den Nacken, bis er mit den Zähnen knirschte. Er hielt still, und gemeinsam sahen wir zu, sozusagen aus der ersten Reihe, wie der Handwerker dem Rennfahrer das Maul stopfte. Drei Mal schlug er zu. Hart und schnell. Hernach kletterte er in seinen Lieferwagen und fuhr am Pickup vorbei und weg.
Ich liess den Burschen gehen. Er eilte zu seinem Kumpel, half ihm auf die Beine, hielt ihm ein Taschentuch hin und rief mir nach: «Wir sehen uns wieder!»
Der Stau vor uns hatte sich aufgelöst, der Verkehr rollte wieder, ich beeilte mich und gab Gas.
Als ich auf die Schnellstrasse nach Rubigen einbog, mitten in der Kurve auf die Brücke, klingelte mein Mobiltelefon, und damit nahm diese Geschichte ihren eigentlichen Anfang und mein Leben eine Wendung.
Ich kann nicht erklären, weshalb ich das eben Erzählte überhaupt erwähnt habe. Wer vermag zu sagen, wann eine Geschichte beginnt und wann sie endet? Was gehört dazu, was nicht? Was bedarf der Erwähnung, was muss vorausgeschickt werden?
Das Telefon steckte in der Jackentasche, und die Jacke lag unerreichbar auf dem Rücksitz. Ich nahm Gas weg und fuhr in Rubigen auf den Parkplatz des Gasthofs zur Sonne, suchte das Telefon und sah nach, wer versucht hatte, mich anzurufen. Es war eine unbekannte Nummer.
Ohne diesen Stau, dachte ich, sässe ich längst zu Hause, hätte einen Whisky in der Hand und würde nicht zurückrufen. Konnte etwas so dringend sein, dass es morgen zu spät dafür sein würde?
Unentschlossen hob ich den Kopf und blickte auf ein Bild des neusten Saab auf der Plakatwand vor mir. Es war ein schwarzes Modell. Schnittige Form. Grosse Räder. Und eine gefällige Schnauze. Auf dem Bild glänzte der Wagen, als wäre er aus Porzellan. Zum Sonderpreis, stand da, mit Sonderausstattung.
Zufall? Fügung? Vorsehung?
Ich rief sofort zurück.
2
Eine Frauenstimme meldete sich: «Scheidegger.»
«Bergmann», sagte ich, «Sie haben mich angerufen.»
«Wo sind Sie?», fragte die Stimme.
«Auf einer einsamen Insel», sagte ich.
Sie blieb stumm.
Ich fürchtete bereits, mein Akku würde leer sein, bevor ich wieder von ihr hören sollte, da fasste sie sich und sagte: «Wir haben einen Auftrag für Sie. Können Sie in zehn Minuten bei mir im Büro sein? Milchgasse 3, zweiter Stock. Kommen Sie einfach rein, Frau Christine Klay, unsere Sekretärin, ist bereits gegangen.»
«Sind Sie sicher, dass ich der richtige Mann bin?»
«Ich habe mich noch nie verwählt», tönte es selbstsicher.
«Um was geht es?»
Diese Frage musste sie erwartet haben, trotzdem war sie nicht fähig, die passende Antwort zu geben. Womöglich gab es keine Antwort, die passte, zumindest nicht am Telefon.
Ich hörte ein Knirschen, ein angenehmes Knirschen, als würde sie ihre Nägel in einen Ledersessel krallen.
«Erschossen», flüsterte sie, «einer unserer Mitarbeiter ist erschossen worden.»
Es war mehr die Art, wie sie es sagte, die mich überzeugte, als der Inhalt ihrer Worte. Ich sagte zu und legte auf. Ich hatte von einem Mord gelesen, heute Morgen in der Zeitung.
Ich parkte meinen Wagen in einer Seitengasse und ging zu Fuss an den zwei Häuserblocks vorbei, bis ich vor der Nummer 3 stand. Neben der Eingangstür hing ein glänzendes Messingschild, gross wie eine Gedenktafel und mit matten, schwarzen Buchstaben: «Advokatur und Notariat Scheidegger.» Die Tür war unverschlossen, ich schob sie auf und ging hinein.
Es war düster und roch eigenartig. Reinigungsmittel hinterliessen einen anderen Geruch, der hier war streng, fremd, scharf. Undefinierbar.
Die Lifttür war mit rot-weissen Plastikbändern in Form eines grossen X gesperrt, und auf Augenhöhe hing ein Blatt Papier mit dem Hinweis, die Umbauarbeiten am Lift dauerten noch bis Ende Woche. Damit wurde mir klar, es roch nach Schweissarbeiten.
Mir blieb die Wendeltreppe rechts. Ich flog die Stufen hoch, zwei Tritte aufs Mal überspringend, meine Schritte hallten bis zur Mansardentür hinauf, und die Treppe war so leer und breit, dass ich mit dem Wagen hätte hinauffahren können.
Wer sein Geschäft in einem Gebäude wie diesem zu betreiben vermochte, im Zentrum der Stadt, der musste in der höchsten Liga spielen und regelmässig gewichtige Aufträge an Land ziehen. Abgesehen von der Stadtverwaltung, die leistete sich ihre Büros auch an bester Lage.
Ich war froh, hatte ich meinen alten Wagen nicht vor dem Haus abgestellt. Frau Scheidegger hätte den Verdacht hegen können, ich sei nicht der Beste meiner Branche.
Im zweiten Stock trat ich in den Flur.
Das Parfum der Sekretärin hing noch in der Luft wie Sommerflieder, eingepackt in Muskat und getragen von Kernseife. Moderne, winzige Leuchtdioden erhellten die dunkle Holzverkleidung und spiegelten sich seidenweich auf dem Teppich, der so dünn war wie der Schinken in den Sandwichs der Polizeikantine. Ich spürte Ehrfurcht aufkommen.
Ich kam an einer Kanzlei mit Milchglas und dem Schild «Anmeldung» vorbei, klopfte an einer schalldichten Tür, die lediglich angelehnt war, atmete tief durch und trat ein.
Das Erste, was ich wahrnahm, war frischer Zigarrenrauch; dann sah ich sie, am Eckfenster stehend, von wo sie einen Überblick über den Bahnhofplatz und weit die Bärengasse hinab haben musste. Sie rauchte eine Havanna.
«Sie haben lange gebraucht», stellte sie mit Blick auf die fast abgebrannte Zigarre fest.
Ich sagte: «Mord ist eine ernste Sache. Da gilt es, ruhig und überlegt zu handeln.»
Sie nickte, kam näher, kniff ihre Augen zusammen und richtete ihre Pupillen wie einen Laser auf meine, es fühlte sich an, als verschaffte sie sich durch meine Augen hindurch Zutritt in mein Inneres, als erforschte sie meine Gesinnung und meine Haltung. Ich hielt ihrem Blick stand und wartete. Sie nickte wieder, fasste die Zigarre mit ihrer Linken, hielt sie von ihrem Körper abgewinkelt, bot mir ihre Rechte an, dann einen Stuhl und sagte: «Sie verzeihen, dass ich rauche. Rauchen muss.»
«Solange Sie … bei dem Kraut bleiben.»
Sie liess sich nichts anmerken und fragte: «Möchten sie auch eine? – Oder lieber was zu trinken?»
Ihr Schreibtisch glich einem Flugzeugträger aus Birnbaumholz, der lederne Sessel dahinter einem englischen Thron und die Bücherwand dahinter einer rege benutzten Ausleihe. Die drei Stühle vor dem Pult waren gepolstert, hatten Armstützen und sahen bequem aus. Ich setzte mich in den ersten, drehte mich nach ihr um, sah, wie sie einen Schrank öffnete, erspähte zwischen etlichen Flaschen mit allerlei klaren und gefärbten Inhalten einen Single Malt, den ich kannte, und sagte: «Einen Fingerhut von dem, und ich schweige, bis Sie mir alles erzählt haben.»
«Eis?»
«Drei Tropfen Wasser, bitte.»
Sie schüttete Whisky ins Glas, als wäre es Milch, gab wenig Wasser dazu und hielt mir das Glas hin. Danach stellte sie sich wieder vor die beiden Eckfenster, hinter denen die Geranien mit ihren roten Blüten von Zeit zu Zeit hereinwinkten. Sie rauchte mit spitzen, altrosa geschminkten Lippen und leicht nervös, wie mir schien: «Gestern Abend ist unser Mitarbeiter, Dr. Reto Schild, ermordet worden. Er sass zusammen mit seiner Frau zu Hause in seinem Wintergarten beim Abendessen. Seine Frau begab sich in die Küche, um …», hier stutzte sie, trat an das Pult, auf dem nichts lag als ein dünnes Dossier, schlug es auf, fand auf Anhieb, was sie suchte, und zitierte daraus: «‹… um den Zucker zu holen›. Kaum war sie in der Küche, hörte sie einen Schuss, und als sie zur Tür hin rannte, sass, nein hing ihr Mann sterbend in seinem Stuhl.»
Sie blickte zur Decke und redete erstaunlich gelassen weiter: «Jemand hat ihn erschossen.»
Sie ging zurück zum Fenster. Jetzt erkannte ich, weshalb: Das linke Fenster stand eine Handbreit offen, auf dass der Rauch abziehen möge – was er natürlich nicht tat.
Sie war eine grosse Frau in einem altrosa Deux-Pièces, trug eine zweireihige Perlenkette, Goldringe an den Ohren und eine dicke Goldkette am rechten Handgelenk. Sie hatte gewelltes Haar, das mich in seiner Form, Farbe und Glanz an einen dieser Bilderrahmen erinnerte, wie sie im Schloss Jegenstorf in den düsteren Gängen hingen und Porträts von Fürsten oder Schlossherren aus dem Mittelalter zierten. Das Haar hatte sie mit Festiger fixiert, es fiel ihr nie eine Strähne ins Gesicht, auch nicht, als sie sich über das Dossier beugte. Während des Redens begann sie im Büro auf- und abzugehen, bedächtig und konzentriert, und jedes Mal, wenn sie vor dem Eckfenster stand, mit beiden Beinen fest auf dem Boden, im Abendlicht, das den Raum zum Glühen brachte, wie man es nur im September er lebt, strahlte sie alles aus, was es braucht, um als Berufene zu gelten: Zuständigkeit, Wahrhaftigkeit, Tugendhaftigkeit. Sie verdiente Vertrauen. Mehr noch: Respekt.
Wenn sie sich in der entfernten Ecke umdrehte, stets auf demselben Fuss und mit einem Schwung, der den Rock aufleben liess, wenn sie ihren männlichen Kiefer reckte, der ihre Willensstärke unterstrich, wurde Kampfgeist, gepaart mit Kühnheit und Freisinn, erkennbar. Daneben verkörperte sie zwei Wesen, zwei Gemüter: ein mütterliches und ein schwesterliches. Und über allem wusste sie die Erfahrungen aus mehreren Generationen Erfolgsgeschichte in sich vereint. Mit einem Wort, sie war eine Aristokratin.
Ich darf noch erwähnen, dass ihr Gesicht nur geringe Spuren ihrer persönlichen Erfahrungen aufwies. Die Falten auf ihrer Stirn, um die Mundwinkel und der Schatten unter den Augen stammten eher von einer schlaflosen Nacht als von anhaltendem Ärger oder Reibereien. Ausgeruht hätte ihr Gesicht weder Anzeichen von Alterung noch Verbitterung gezeigt. Ihr Gesicht war von einer gereiften Schönheit, wie sie nur Frauen haben, die sich regelmässig acht Stunden Schlaf gönnen.
«Sie hat den Täter flüchten sehen», hörte ich sie sagen. Sie war wieder auf dem Weg zur Büromitte, zerteilte das Gespinst des Zigarrenrauchs mit der freien Hand und rang unerwartet mit dem Schmerz, der sie mit einem Mal zu überwältigen drohte, presste die Augen zu und legte Daumen und Zeigefinger an die Nasenwurzel.
Ich tat, was ich versprochen hatte: Ich trank und schwieg – und schaute weg.
Sie hatte sich wieder gefangen, schluckte Rauch, hüstelte, streifte die Asche von der Zigarre und redete weiter, mit geröteten Wangen, einem wässrigen Glanz in den Augen und mit einem Kratzen in der Stimme: «Wir haben uns überlegt, eine Belohnung auszusetzen. Dann sind wir zur Überzeugung gelangt, dass es besser ist, mit dem Geld – wie soll ich sagen? – jemanden wie Sie zu engagieren.»
Mag sein, dass ich eine Augenbraue hob, abgesehen davon schwieg ich, noch war der Single Malt nicht ausgetrunken und sie nicht zu Ende mit dem, was sie zu berichten hatte.
Sie liess sich Zeit, den Auftrag zu formulieren, sie redete vorerst von ihrer Idee, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, wählte die Worte sorgfältig und überlegt, hielt nach jeder Wende inne und blickte mich an.
Dann kam sie auf die Polizei zu sprechen.
«Wir bezweifeln nicht», sagte sie, «dass die Polizei irgendwann einen Verdächtigen fassen wird. Aber ich will, dass er nicht irgendwann, sondern rasch gefasst wird, dass er verurteilt wird, dass er hinter Gitter kommt und für die Tat büsst, die er begangen hat, und zwar so lange, wie es gesetzlich möglich ist. Ich will nicht, dass ihm mildernde Umstände zugestanden werden, dass er in eine Anstalt abgeschoben wird oder gar aus Mangel an Beweisen freikommt. Sie haben bei der Polizei gearbeitet, Sie wissen, was ich meine. Das ist eine grosse Truppe, und da hat es – wie soll ich sagen? – Anfänger darunter, Stümper, Tölpel, die mehr vermasseln, als entschuldigt werden kann. Glauben Sie mir, die Verteidigung ist unser Geschäft, unsere Stärke, ich weiss, wovon ich spreche. Wie oft haben wir eine Anklage zerpflückt und einen Freispruch erwirkt, bloss weil die Anklagepunkte nicht zweifelsfrei begründet, weil die Schuld nicht hieb- und stichfest nachgewiesen werden konnte. Oftmals auch nur wegen Verfahrensfehlern oder weil die Spurensicherung versagte, weil bei der Sicherstellung der Tatwaffe Spuren verwischt, weil Beweismittel zerstört wurden oder in der Zeit bis zur Verhandlung aus dem Polizeiarchiv verschwanden. Die Liste ist endlos. Ob aus Nachlässigkeit, fehlender Aufsicht oder mangelnder Professionalität, spielt keine Rolle. Ich weiss nicht, ob Sie eine Vorstellung davon haben, welche Pannen bei der Polizei vorkommen: Haut- oder Haarproben werden verwechselt, Mageninhalte verderben und werden entsorgt, sichergestellte Dokumente, Waffen und Drogen verschwinden, Kleider werden gewaschen; manchmal scheint es mir, die Täter hätten eine geheime Macht über die Polizei. Nein, Herr Bergmann, wir wollen, dass der Täter ins Zuchthaus kommt, und zwar richtig und für lange Zeit, und dazu brauchen wir Ihre Hilfe.»
Noch hatte ich Whisky im Glas, einen Fingerbreit, also wartete ich, nahm einen Schluck und wartete; wartete auf Ergänzungen, auf Erklärungen, auf Bedingungen zum Auftrag, die ich akzeptieren oder ablehnen konnte, und dergleichen mehr, aber sie stand vor mir, rauchte und blieb stumm.
Da fragte ich: «Der Täter ist also bekannt?»
Sie nickte.
Ich trank aus, stand auf und stellte das Glas vorne auf die Bar. Der Whisky rollte langsam hinab, und seine rauchige Wärme belebte meine Glieder, anregend, erheiternd, bis in die Zehenspitzen spürbar, er besänftigte meine Ungeduld, milderte meine Müdigkeit und hob mein Körpergefühl. Ich sagte: «Verstehe. Sie suchen jemanden, der alles beseitigt, was zu seiner Entlastung beitragen könnte. Da bin ich nicht der richtige Mann für Sie.»
Ich streckte ihr die Hand hin, aber ihre Augen wurden hart und funkelten wie Diamanten, sie sprach eine Spur zu laut: «Nein, Herr Bergmann, Sie verstehen mich falsch. Wir erwarten von Ihnen, dass Sie Indizien zusammentragen, Belastungsmaterial finden und sicherstellen, Zeugen aufspüren, Aussagen festhalten; falls es zum Prozess kommt, wollen wir ihn gewinnen, mit Indizien und Belastungsmaterialien, nicht mit irgendwelchen Machenschaften!»
Ich war nicht bereit nachzugeben: «Ich sehe nicht, was ich da für Sie tun kann. Was Sie brauchen, ist keine Hilfe von meiner Seite, sondern etwas Geduld – und Vertrauen in die Polizeiarbeit. Vielen Dank für den Whisky.»
Sie schüttelte den Kopf, seufzte tief aus dem Bauch heraus, schritt zur Bar, drückte den Zigarrenstummel im Aschenbecher aus und sagte: «Sie verstehen mich falsch. Die Frau war schwanger. Sie steht unter Schock, sie hat ihr Kind und ihre Sprache verloren. Wir nehmen an, dass sie den Täter kennt, aber sie kann uns den Namen nicht nennen, sie ist nicht ansprechbar.»
Sie wandte sich um, blieb vor der Bar stehen und redete gegen die Flaschen in die zunehmende Dunkelheit: «Er läuft frei herum, und das lässt mir keine Ruhe», sie stiess die Wörter mit derselben Abscheu aus, die schon am Telefon deutlich zu hören war, «die Polizei wird ihn finden, daran zweifle ich keinen Moment. Aber ich will, dass er rasch gefunden wird, ich will ihn eingesperrt wissen, bevor er weiter Unheil anrichten kann.» Ihre Hände ballten sich zu Fäusten.
Ich überlegte. Sie hatte von einer Belohnung gesprochen.
Sie wandte sich um, erriet meine Gedanken und schritt zum Pult hinüber, knipste im Vorbeigehen eine Stehlampe an, klappte das Dossier zu, nahm es auf und ergänzte wie beiläufig: «Bei der Belohnung dachten wir an fünfzigtausend.»
«Spesen extra?»
«Selbstverständlich.»
Sie gab mir das Dossier in die Hand, deutete darauf und sagte: «Sie finden alles da drin, Namen, Adressen, alles über den Hergang der Tat – soweit bekannt natürlich – und zehn Prozent Vorschuss.»
«Sie möchten in diesem Fall die Seiten wechseln», sagte ich, «Sie stellen sich auf die andere Seite, ausnahmsweise, auf die Seite der Anklage. Das ist neu für Sie. Und weil Sie die Seite der Verteidigung kennen, nicht aber die Seite der Anklage, brauchen Sie einen Helfer.»
«Ich wusste, Sie würden das begreifen», nickte sie, und um ihre Lippen bildete sich etwas wie ein Lächeln.
Wir gaben uns die Hand. Ich versprach, es mir zu überlegen und ihr am nächsten Morgen meinen Entschluss mitzuteilen. Dann liess ich sie allein in ihrem verrauchten Büro. Allein mit ihrer Wut, ihrer Trauer, ihrem Leid.
3
Als ich auf die Strasse trat, war die Dämmerung schon weit fortgeschritten. Der Himmel zeigte im Westen seine rote Scham vor der Nacht, die sich über die Stadt legte, als plante sie deren Entwürdigung. Der weisse, zerknitterte Alpenkamm verblasste in der Dunkelheit. Der Mond hing wie zum Hohn als dünne Sichel hoch über den Dächern.
Die Läden in den Gassen hatten geschlossen. Die Verkäuferinnen hatten die Kleiderständer mit der angeketteten Ware hereingezerrt, die Tafeln mit den Hinweisen auf Neuheiten oder Sonderangebote achtlos in die Eingänge gestellt, die Stereoanlagen aus- und die Alarmanlagen eingeschaltet. Sie hatten die Säcke mit den Abfällen des Tages zur Strassenecke geschleppt, dort in einen Container geschmissen und waren danach auf den Bus geeilt, der sie nach Bümpliz brachte, oder Ostermundigen. Die Schaufenster warfen ihr Licht auf das Pflaster und machten es so hart und kalt wie einen Gletscherboden, und die Spatzen und Tauben, die tagsüber flink und frech auf dem Gehsteig umherhüpften, hatten sich wer weiss wohin verzogen.
Ein junges Paar schlenderte vorbei. Sie wackelte mit ihrem Bauch- und Nierenspeck im Freien, bei ihm hingen die Gesässtaschen seiner Jeans im Kniebereich. Die Hände der beiden klebten aneinander fest. Sie waren auf der Suche nach einem unverschlossenen Hauseingang, wo nebst dem Knutschen ein wenig Fummeln möglich sein sollte.
Ein Lüftchen blätterte in einer Gratiszeitung, die im Rinnstein lag, und schubste eine leere Bierdose unter meinen Wagen.
Ich hatte mich längst entschieden.
Ich stieg ein, schaltete die Leselampe ein und schlug das Dossier auf. Drei Zeitungsausschnitte flatterten heraus, je einer aus dem «Bund», der «Berner Zeitung» und der «Neuen Zürcher Zeitung». Die Tat war gestern Abend geschehen, zu spät, um noch eigene Recherchen anzustellen. Der Artikel im «Bund» gab praktisch die Pressemitteilung der Polizei wieder. Diesen Artikel hatte ich gelesen, am Morgen in meinem Büro, die beiden anderen Artikel sparte ich mir auf.
Nebst den drei Zeitungsausschnitten gab es ein Foto mit Angaben zum Ermordeten, zu seiner Tätigkeit, seiner Frau und seinem Haus, und zuhinterst fand ich eine kurze Zusammenfassung zum Stand der Ermittlungen.
Ich betrachtete das Foto eingehend. Den Mann hatte ich ein Mal getroffen, da war ich mir sicher. Doch wo? Wann? In welchem Zusammenhang? Ich blätterte im Dossier, und nach der letzten Seite überkam mich das Gefühl, dass etwas fehlte. Das Dossier war nicht vollständig – das konnte es natürlich nie sein –, aber ich hatte das Gefühl, dass es dem Zeitpunkt entsprechend nicht vollständig war. Ich sass still und versuchte, das Gefühl ins Bewusstsein aufsteigen zu lassen: Wo hatte ich den Mann getroffen? Was fehlte im Dossier? Gab es einen Zusammenhang mit einem anderen Fall? Ich schweifte mit meinen Gedanken zurück, langsam, behutsam, rief Erinnerungen wach und liess sie wieder versinken. Ich blätterte im Dossier vor und zurück und forschte nach dem Hinweis, dem Auslöser, dem Grund, der mein Gefühl derart in Erregung versetzte. Ich versuchte, meiner Empfindungen Herr zu werden, um sie deuten zu können, doch dieses Gefühl blieb im Bauch haften, unbestimmbar und jenseits meines Willens.
Ein Gefühl verschliesst sich bekanntlich unserer Verfügungsgewalt besonders dann, wenn man den Anlass, die Ursache dazu bestimmen will. Es ist, wie wenn man eine Münze auf dem Grund eines Tümpels glänzen sieht. Sobald man danach greift, ist sie weg. Man sieht nur noch Schlamm, trübes Wasser.
Vielleicht ist es das, was uns zu armen Teufeln und für Streitereien so anfällig macht. Wie soll ich meinem Nächsten meinen Unmut begreiflich machen, wenn mir die Ursache selbst nicht klar ist? Wie soll ich den Aufruhr meines Nächsten verstehen, wenn er zwar den Auslöser, aber die Ursache dazu nicht erklären kann? Und Gewalt, das weiss die ganze Menschheit, Gewalt löst keine Missverständnisse. Trotzdem wird ständig wettgerüstet und gestritten, gekämpft, geschossen, bombardiert – und gelitten.
Ich gab das Grübeln auf, zählte den Vorschuss – fünf neue Tausender – und steckte ihn ein.
Immerhin.
Als Nächstes wollte ich wissen, wo der Tatort lag. Am Stadtrand, an der Grenze zu Muri, stand im Dossier.
Ich fuhr hinaus, Richtung Muri, überquerte die Autobahn und fand die Strasse, eine Ringstrasse in einem Quartier mit Einfamilienhäusern. Ich fand die Adresse beim ersten Anlauf. Es war das letzte Haus in einer Sackgasse, die vor einem Maisfeld endete.
Ich lenkte meinen Wagen auf den Platz vor dem Betonunterstand, nahm das Dossier in die Hand und stieg aus. Der Unterstand bot Platz für mindestens zwei russische Panzer. In der einen Hälfte stand ein Mercedes, in der anderen Hälfte beleuchteten zwei Neonröhren einen Campingtisch und vier oder fünf Klappstühle, die verloren vor bunten Skiern, Reserve-Rädern, einem alten Bauernschrank und einem Regal platziert waren. Dann standen da noch Rasenmäher, Schubkarre und allerlei Gartenwerkzeuge herum.
Zwei Polizisten, eine Frau und ein Mann, beide in Uniform, sassen am Tischchen, er rauchte, sie las Zeitung. Ich trat an den Tisch und sagte: «Guten Abend allerseits.»
Der Mann drückte seine Zigarette aus und stemmte sich hoch; die Frau blieb sitzen und lächelte ein freundliches «Guten Abend».
Für ihn war ich ein Störfall, für sie ein Erlöser.
Sie hatte ihr Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der blonde Strang quoll hinten aus der blauen Mütze, als wäre er angeheftet, und die Haarspitzen streichelten ihren Nacken bei der kleinsten Kopfbewegung. Die Mütze sass eine Idee zu weit vorne auf dem Kopf, die Sonnenblende überschattete ihre Augen und ihren gesegneten Augenabstand.
«Das ist doch das Haus, oder?»
Sie taten, als müsste ich ihnen helfen. Er stierte auf meine Brust und sie hob ihren Kopf, sodass ich ihre dunklen Augenbrauen und ihre tiefschwarzen Augen sehen konnte. Sie senkte danach ihren Blick, sah ebenfalls auf meine Brust und fragte: «Welches Haus denn!?»
Er schob seine Mütze auf den Hinterkopf, als spielte er den Nachtwächter in einer Operette von Richard Strauss, und machte ein Gesicht, als hätte ich ihn bei einem Schwur unterbrochen; er blickte auf den Pferdeschwanz, dann wieder zu mir, murmelte etwas und verschränkte seine kurzen Arme über dem mächtigen Bauch.
«Das Haus von diesem Anwalt, wie hiess er noch?», ich suchte den Namen auf dem Deckel des Dossiers und sagte: «Schild.»
Keine Reaktion.
«Also gut, ich schau am Briefkasten nach …»
«Das ist das Haus», tönte es vom Mann her. Er liess die Arme sinken.
«Und was wollen Sie in dem Haus?», fragte die Frau, setzte ein pflichtgetreues Gesicht auf und sah zu ihrem Kollegen auf.
«Es muss um diese Uhrzeit passiert sein», sagte ich und war versucht, nur noch mit ihr zu sprechen, «ich will sehen, wie das ist mit dem Licht, den Schatten, der Umgebung, den Geräuschen; ich muss wissen, warum er den Täter nicht rechtzeitig bemerkt hat. Warum ist er nicht ins Haus geflüchtet?»
«Kantonspolizei?», fragte sie, und von ihm hörte ich wieder fast gleichzeitig: «Fahnder, was?»
Ich machte eine Bewegung mit dem Kopf, die beide als ein Nicken auffassten, und redete mir ein, nicht eigentlich gelogen zu haben. Die Leute von der Stadtpolizei hatten seit jeher eine falsche Vorstellung und zu grossen Respekt vor den Kollegen der Kantonspolizei.
«Hätten Sie gleich sagen können», meinte sie, schloss die Zeitung – es war der «Blick» –, legte sie zur Seite, griff nach dem Logbuch, schlug es auf, strich mit ihrer schlanken Hand übers Papier, suchte zwischen Aschenbecher, Zigarettenpackungen, Trinkbecher, Thermosflasche, Mobiltelefon und dem «Blick» umständlich den Kugelschreiber und fragte nebenbei nach meinem Namen.
Meine Augen waren ihrer Hand gefolgt und an der Titelseite des «Blicks» hängengeblieben. «Auftragsmord?», stand dort in dicken Buchstaben. Jetzt wusste ich, was im Dossier fehlte: der Artikel aus dem «Blick»! Die anderen Zeitungen berichteten oder zitierten, die Redaktion des «Blicks» hingegen trieb ihre Journalisten zu mehr an, und diese kannten keine Skrupel, stellten Mutmassungen an, prophezeiten, tadelten, verurteilten im Voraus und gingen in ihren Beiträgen regelmässig einen Schritt zu weit. Nicht selten lag der «Blick» falsch mit seinen Annahmen und sah sich mit einer Verleumdungsklage konfrontiert. Was seine Leserinnen und Leser keineswegs abschreckte, im Gegenteil, Sensationslüsternheit ist die Schwester der Schadenfreude, und beide hausen bekanntlich in jedem von uns.
Hie und da half der «Blick» mit seinem professionellen Gespür und seinem weiten Netz von Informanten, einen Skandal aufzudecken, und manchmal, selten zwar, trug er dazu bei, die Ermittlungen in eine bestimmte Richtung zu lenken und ein Verbrechen aufzuklären.
Sie hatte den Kugelschreiber gefunden, blickte auf die Uhr, trug die Uhrzeit ein und wiederholte ihre Frage, diesmal mit dem leichten Unterton der Ungeduld.
Mir gefiel ihre Stimme, sie klang ausgeruht und sinnlich.
«Bergmann», sagte ich, «Alexander Bergmann, und wie heissen Sie?»
Sie trug meinen Namen ein und fragte: «Wie lange werden Sie drin bleiben?»
Ich hob die Schultern: «Was weiss ich, zwanzig, dreissig Minuten? Jedenfalls nicht die ganze Nacht. Wann werden Sie denn abgelöst?»
Sie zeigte keine Reaktion auf meine Fragen, ihr Lächeln blieb, wie es war: versponnen. Sie schob ihrem Kollegen die Schlüssel zu, er grabschte sie sich vom Tisch, zog seinen Bauch ein, rückte seine Hose zurecht, liess den Bauch wieder dahin zurücksacken, wo er am hässlichsten wirkte, gab mir mit einem Wink zu verstehen, ihm zu folgen, und stapfte zum Gartentor.
Ich legte das Dossier in meinen Wagen, wühlte im Handschuhfach, fand meine Pistole und die Taschenlampe, steckte die Lampe ein und liess die Waffe, wo sie war. Als ich zu ihm trat, hielt er das Tor für mich auf und meinte: «Muss Ihnen wohl nicht sagen, dass Sie nichts anfassen, nichts verändern dürfen.»
Ich seufzte: «Ich weiss, die Spurensicherung ist noch nicht abgeschlossen», und quetschte mich an ihm vorbei.
Irgendein verdeckter Sensor schaltete eine Reihe von Laternen ein, die auf Kniehöhe den Steinplattenweg zum Haus erhellten.
Nach einigen Schritten wartete ich auf ihn und sah zu ihr zurück. Sie sass am Tisch, aufrecht, hellwach, die Augen beschattet, die rot gefärbten Lippen voll im Licht. Ich gebe zu, sie bot einen hinreissenden Anblick.
Er rasselte mit den Schlüsseln, als gälte es, Geister zu vertreiben, schritt voran und kämpfte sich die künstliche Anhöhe hinauf, mit pfeifendem Atem und ohne nach links oder rechts zu schauen. Ich folgte ihm zum Hauseingang und beobachtete die Umgebung. Auf der Strasse herrschte ein steriles Licht, das von den Sparbirnen der Strassenlaternen stammte.
Als ich zur Schule ging – und das ist zwanzig Jahre her –, brannten in unserem Dorf die Strassenlaternen hoch über der Strasse und verbreiteten ein warmes, heimeliges Licht zwischen den Häusern. Eines Winters, auf dem Heimweg von der Schule, es schneite dicke Flocken aus dem nächtlichen Vakuum, schleuderten zwei Kameraden und ich Schneebälle hinauf, abwechselnd, um die Wette. Zwei passten auf, der Dritte schoss. Mogeln war ausgeschlossen, die Glühbirne bestimmte den Sieger. Es trafen einige Bälle den Rand des Schirms, doch ich gewann. Bei meinem Wurf erlosch die Birne mit einem elektronischen Seufzer, der mir bis heute in den Ohren nachhallt.
Später wurde ich Polizist, trotz solcher Streiche, und nach sieben Jahren durfte ich den Dienst wieder quittieren.
In dieser Strasse befand sich die letzte Laterne auf der Höhe des vorletzten Hauses. Fledermäuse gaukelten lautlos hin und her und schnappten sich die verwirrten Falter. Das weisse Licht floss in den Garten, schuf hinter der Einfriedung, die das Grundstück zur Strasse hin abgrenzte, einen tiefschwarzen Schatten, tauchte den Rasen in ein fahles Grün und hob das Rot der Astern, das Gelb der letzten Rosen und das Grau der Granitplatten aus dem Halbdunkel hervor. Am Ende der Strasse bildete ein Maschendrahtzaun die Grenze zum Maisfeld. Die ausgewachsenen Pflanzen dahinter standen wie stumme, grüne Wächter, vom Licht gerade noch erreicht und vom Schatten der Drahtmaschen bis zur Hälfte hinauf gemustert.
Ich blieb stehen und lauschte. Von Osten her legte sich ein Rauschen, das von der Autobahn stammte, wie eine Firnis über alle feinen Geräusche der Nacht. Der Lärm war schwach, aber durchdringend und störte die an sich friedliche Stimmung.
Der Mann hatte die Beleuchtung im Flur angeknipst, hielt die Haustür auf und wartete geduldig. Als ich an ihm vorbei war, sagte er: «Ich schliesse nicht ab, melden Sie sich bei uns, wenn Sie fertig sind.»
«Wieso hat jemand mit so einem Garten keinen Hund?», wollte ich wissen.
«Soweit ich weiss», murmelte er, «hatten Schilds einen Hund. Einen Setter. Sie haben ihn vor ihren Ferien ins Tierheim gebracht. Da wird er wohl noch sein.»
Dann murmelte er noch etwas, das ich allerdings nicht verstand.
«Ach?», sagte ich, «da muss ich im Dossier was übersehen haben.»
Ich wollte mehr darüber erfahren, er aber hörte weg und schlug mir die Tür vor der Nase zu.
4
Ich stand im Flur, allein und im Schein der Punktlichter, die in die Decke eingelassen waren. Der Spiegel an der linken Wand und das Glas des Bildes an der Wand gegenüber, auf dem ein Segelschiff mit zwei Masten in voller Fahrt zu sehen war, vermehrten das Licht zu tausend glühenden Klarheiten. Und das Weiss der Wände bauschte die Helligkeit bis zur Unerträglichkeit auf. Ich schritt blinzelnd durch diese schwelende Helligkeit und spürte, wie mir das Licht unter die Haut drang und all meine Sünden und Laster blosslegte.
Einen Moment hatte ich erwogen, meine Schuhe auszuziehen, liess es dann aber bleiben, denn der Spannteppich unter meinen Füssen war verdreckt und glitschig, und bei jedem Schritt raschelte oder knirschte es.
So ein Mord zieht einen Tross von Leuten an, und sie waren alle durch das Haus gezogen. Der Arzt, der Leichenbestatter, Bezirksanwalt, Regierungsstatthalter, Gemeindeschreiber, dann die Fahnder, Spurensicherer, Fotografen, Journalisten, Polizisten und Nachbarn, nebst den nächsten Angehörigen natürlich. Es kommen immer alle, die glauben, sie könnten früher oder später in irgendeiner Form mit dem Fall konfrontiert sein und sie wären dann ausserstande, ihre Aufgabe zu bewältigen, wenn sie keinen Augenschein genommen hatten. Kommt hinzu, dass manch eine Amtsperson in Begleitung eines Praktikanten erscheint, oder eines Kollegen aus einem anderen Kanton, der zwecks Koordination des Vollzugs zufällig zu Besuch ist.
Mit Sicherheit waren alle im Garten und womöglich im Maisfeld herumgelatscht und hatten mit ihren Schuhen nasse Erdklumpen, Laub und Kieselsteine hereingeschleppt.
Es gab eine Garderobe mit einem Regenhut oben auf der Ablage, einer Regenjacke und zwei oder drei Reportermänteln, einer Hundeleine an einem separaten Haken und einem Paar dick besohlten Schuhen, daneben ein Paar Gummistiefel. Ausrüstung für die Gassigänge mit einem Hund.
Der Flur endete an der Küche; links führte eine Treppe in den oberen Stock, daneben gab es zwei Türen, die offen standen. Hinter der ersten Tür befand sich die Toilette, hinter der zweiten die Treppe in den Keller. Rechts lag das Wohnzimmer. Ich durchquerte die Küche und trat hinaus in den Wintergarten, der auf der hinteren Seite des Hauses lag und von der Strasse her nicht zu sehen war. Die hellen Fliesen in der Küche und im Wintergarten waren dort, wo der Tross durchmarschiert war, ebenfalls dreckverschmiert, zudem roch es nach Lösungsmittel. Und nach Hundekot.
Im Vorbeigehen hatte ich das Licht angeknipst. Überall, jeden Schalter, den ich fand: In der Küche strahlten sechs Spotleuchten von der Decke, im Wohnzimmer hing ein Kronleuchter über dem Tisch, im Wintergarten glühten in jeder Ecke zwei Lampen in Form einer Kerze. Es wurde taghell. Es entstand eine höchst befremdende Festtagsbeleuchtung im Erdgeschoss. Die Fenster mussten in einer Nacht wie dieser von weither als weiss leuchtende Vierecke zu sehen sein. Ich empfand es sogar als beunruhigend.
Im Wohnzimmer und in der Küche hielt ich mich nur kurze Zeit auf. Die Person von der Spurensicherung hatte begonnen, alles zu untersuchen, zu fotografieren und zu registrieren, alles, was auf den Tischen oder in den Tellern lag, an den Wänden hing oder auf den Türklinken klebte. Sie hatte begonnen, Fingerabdrücke sichtbar zu machen und kleinste Partikel wie Haare, Fäden, Zigarettenasche oder Papierschnipsel zu sammeln, in Plastiktüten zu verpacken und die Tüten, gemäss Vorschrift brav angeschrieben, ins Labor schicken zu lassen. So wie es aussah, würde sie wiederkommen, und zwar für mehr als einen Tag. Im Wintergarten standen blaue Werkzeugkoffer neben Kisten aus Holz, Stative mit Scheinwerfern neben leeren, sauberen Behältern.
Es beeindruckte mich stets aufs Neue, mit welchem Aufwand nach Spuren gesucht wurde. Was aber, wenn der Täter nie im Haus gewesen war? Weder vor noch nach der Tat? Dann war der ganze Aufwand umsonst, ja es konnten sogar falsche Fährten daraus erwachsen.
In der Küche stand ein runder Holztisch, auf dem einige Briefe lagen, ungeöffnet, verstreut, so als wären sie mit Blick auf die Absender durchgesehen worden, und ein Stapel ungelesener Zeitungen, der zünftig durchmischt war mit buntem Werbematerial. Kurz: die gesammelte Post einer Woche.
Die Küche war überstellt. Schmutzige Pfannen standen neben Schüsseln mit Speiseresten, ein Abtropfsieb, eine Salatschleuder und allerlei Gerätschaften lagerten um den Abwaschtrog, und im Waschbecken stapelte sich das schmutzige Geschirr neben einer Teekanne und einer leeren Mineralwasserflasche; dazwischen lagen Schöpfbesteck, Rührkellen, Schwingbesen, Messer und ein Gemüsehobel herum; ein grüner Eimer quoll über von Rüstabfällen; eine Küchenschürze hing wie hingeworfen über einer Stuhllehne. Der Boden war klebrig.
Da hatte jemand mit einer chaotischen Ader gekocht. Den Spuren nach Steaks, Nudeln, Rosenkohl, Karotten, Salat. Der Geruch, der von diesem Durcheinander ausging, war säuerlich und reizte meinen Magen.
Im Wintergarten war das Essen aufgetischt und verzehrt worden, auf dem Marmortisch standen die Überreste des ausgiebigen Mahls: zwei Kaffeetassen, beide voll, Dessertteller, Besteck, ein paar Biskuits in einer Schale, Kaffeerahm, eine Flasche Mineralwasser, eine leere Weinflasche, Gläser, eines noch halbvoll, zerknüllte Servietten, fünf gelbe Rosen, die ihre Köpfe hängen liessen, ein gusseiserner Kerzenhalter mit zwei Stummeln, und am äussersten Rand: die Zuckerdose. Ich stellte mir die Situation vor: Schilds hatten sich zurückgelehnt, waren beim Kaffee angelangt, genossen die Zweisamkeit, ihr Haus, den Abend, die Heimkehr, die Ruhe. Auf diesen Moment musste der Täter gewartet haben.
Hier war die Luft abgestanden, stickig, warm. Ich öffnete die Schiebetür bis zur Hälfte, atmete an der frischen Luft tief durch und lauschte in den Garten. Das Rauschen der Autobahn klang auf dieser Seite wie ein Flüstern der Nacht. Sehen konnte ich wenig. Das Licht fiel auf den Rasen, auf ein Kräuterbeet links, und endete rechts an der tiefsten Stelle, wo ein Schwimmteich lag, dessen Wasseroberfläche die Nacht spiegelte. Die Umrandung des Gartens konnte ich nicht erkennen, die Strasse mit der Beleuchtung lag auf der Vorderseite des Hauses.
Ich drehte mich um – und sah das eingetrocknete Blut auf dem abgerückten Stuhl hinter dem Tisch. Die Rückenlehne war von oben bis unten rot, verschmiert, das Sitzpolster blutgetränkt. Schild hatte sich erhoben, als der Täter vor ihm stand, dann hatte die Kugel seinen Hals durchbohrt und war hinten auf einer metallenen Querverstrebung der Verglasung abgeprallt. Die Person von der Spurensicherung hatte sie bestimmt gefunden, denn weit konnte sie nicht mehr geschwirrt sein. Schild war auf den Stuhl zurückgesunken.
Hatte der Täter erkannt, dass Schild tödlich verletzt war? Hatte er deshalb kein zweites Mal geschossen? Oder war er vor der Ehefrau geflohen, die zurückkam, aufgeschreckt und bestürzt, als sie den Knall hörte? Sicher ist einzig, dass Schild nicht mehr lange lebte, vermutlich hatte er das Bewusstsein verloren, bevor seine Frau zur Tür hereinschaute. Die Kugel stammte aus einer kleinkalibrigen Waffe, sonst hätte der Aufprall den Mann nach hinten gerissen, zusammen mit dem Stuhl. Schild war mit einem dieser neuen Dinger erschossen worden, deren Lärm kaum von einem Korkenknall zu unterscheiden ist, deren Kugeln aber, am richtigen Ort eingedrungen, tödlich sind.
Dem Besteck nach hatten sie ihr Essen in trauter Zweisamkeit verzehrt, die Überbleibsel des Gedecks lagen so, dass man annehmen konnte, Schilds seien nebeneinander gesessen. Mir fiel die Bedeutung des Satzes ein: «Liebe heisst nicht, sich verliebt in die Augen zu schauen, sondern gemeinsam in dieselbe Richtung zu blicken.»
Ich stellte mich hinter die beiden Stühle und blickte hinaus, wie sie es wahrscheinlich getan hatten. Meine Gestalt spiegelte sich in den Glaswänden, und das viele Licht machte mich nachtblind.
Es musste eine Aussenbeleuchtung geben – nahm ich an –, ich suchte die Schalter und fand drei an der Säule, bei der die Schiebetür einrastete. Ich knipste alle drei an. Na also! Scheinwerfer flammten auf, irgendwo unter der Dachtraufe – der Garten erstrahlte wie ein Fussballfeld bei einem Abendspiel: Rasen, Kräutergarten, der Granitplattenweg bis zur Steinplatte, von der eine Steintreppe in den Schwimmteich führte, alles wurde von Licht überflutet. Selbst tief im Wasser, unter dem untersten Tritt der Treppe, am Teichgrund, erstrahlte ein Scheinwerfer und erhellte das Wasser.
Gespensterhaft.
Ich ging durchs Haus und knipste alle Lichter aus. Nun war die Aussicht vom Tisch aus berückend, auffallend stimmungsvoll, als wäre die Anlage nach einem Bild angeordnet und für die Sicht von diesem Platz aus gebaut worden. Eine kleine Bogenbrücke aus Holz führte über den Teich. Dahinter Blumenbeete, Schilf, ein Steingarten, eine mannshohe Tanne, Sträucher, ein Gartengrill. Wer so viel Geld in den Garten steckte, der wollte auch nachts etwas davon sehen können, das war verständlich.
Und der Täter? Der musste entschlossen gewesen sein, von starken Gefühlen getrieben, denn er kam trotz des Flutlichts und ungeachtet des Augenpaares, das auf ihn gerichtet war, über den Rasen geschritten (oder gelaufen?), und schoss ohne Warnung. Er hatte diesen Weg gewählt, obschon er damit rechnen musste, erkannt zu werden! Das heisst, falls er Schild überhaupt bekannt gewesen war, was ich stark annahm, denn Schild hätte gewiss abwehrend reagiert, wäre ein Fremder auf diesem ungewöhnlichen Weg zum Haus gekommen. Er hätte sich misstrauisch aufgemacht, den Mann anzuhalten.
Und bei einem Freund? Ich versuchte mir vorzustellen, was ich getan hätte, wäre ein Freund auf diesem Weg hergekommen. Ich wäre sitzen geblieben, gewiss, wäre überrascht gewesen, ziemlich überrascht sogar, hätte gewartet und ihm bestenfalls etwas zugerufen. Mehr nicht. Und bei einem Fremden? Ich wäre aufgestanden und hätte ihm von der Schiebetür aus zugerufen, vorsichtig, reserviert, vielleicht barsch oder bestimmt und Respekt heischend. Zur Flucht getrieben hätte mich einzig und allein ein maskierter Irrer.
Dieses verschwenderische Licht im Garten ging mir auf die Nerven, ich schaltete es aus, liess den Garten wie das Haus im Dunkeln, knipste meine Taschenlampe an und begab mich in den oberen Stock.
Auch hier standen die Türen offen, die Fenster und die Rollläden waren indes geschlossen, und der Spannteppich war sauber. Ich zog die Schuhe aus, fingerte mit dem Strahl der Taschenlampe durch jede Tür, in jeden Raum – da oben war kaum jemand gewesen – und überlegte, wo der entscheidende Hinweis, der Schlüssel zur Klärung des Falles zu finden sein könnte.
Wenn es ein Auftragsmord gewesen war, wie es im «Blick» stand, hiesse das, im Büro suchen. Mir sah das eher nach einem Beziehungsmord aus, und ich beschloss, im Schlafzimmer zu schnüffeln.
Es lag über dem Hauseingang. Das Licht von der Strasse schimmerte durch die Ritzen der Rollläden, überzog die Wände mit nadelfeinen Streifen und schraffierte die Einrichtungsgegenstände. Ich stand vor dem Bett, knipste die Taschenlampe aus, liess Zeit verstreichen, um meine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen, und sog derweilen den Duft ein. Es roch nach muffiger Wäsche, mit einem Hauch Chlor, entfernt nach einem Hallenbad; Lösungsmittel jedoch, oder gar Rasierwasser, wie es unter den Polizisten zur Zeit in Mode war, war nicht zu riechen. Anscheinend nahmen die Häuptlinge der Polizei an, bis in diese Räume sei der Täter nicht vorgedrungen, somit gäbe es hier oben nichts zu bergen. Die Häuptlinge hatten beraten, dann entschieden und den Indianer von der Spurensicherung angewiesen, im Schlafzimmer alles zu belassen, wie es war. Vielleicht würden sie später darauf zurückkommen.
Ein leichter Schwindel erfasste mich. Lag ich mit meinem ersten Eindruck, mit meiner Vermutung so weit daneben?
Vor mir stand das riesige Bett, links ein mächtiger Schrank und rechts zwei Ledersessel vor einer Stereoanlage, dahinter ein Gestell mit Büchern, daneben eine rustikale Kommode und nahe der Tür ein Spiegel, mannshoch und breit wie ein Scheunentor. Vor dem Schrank lagen zwei Koffer am Boden, beide geöffnet, halb leer, daneben schmutzige Wäsche, aufgetürmt, die Quelle des Geruchs.
Ich stand immer noch unschlüssig im Raum, da knackte ein Kniegelenk.
Nicht meines. Ich hatte mich nicht bewegt.
Jemand kam die Treppe hochgeschlichen! Mein Herz setzte für die Dauer eines Augenaufschlags aus, setzte wieder ein, raste umso heftiger und pumpte mir das Blut mit Wucht an die Schädeldecke. Ich glitt in den Schatten des Schranks, starrte auf die Tür, lauschte angestrengt und atmete durch den Mund, um jegliches Geräusch zu vermeiden.
Die Schiebetür im Wintergarten! Ich sah sie deutlich vor meinem inneren Auge: Ich hatte vergessen, sie zu schliessen!
Nichts rührte sich, nichts war zu hören. Hatte ich mich getäuscht? Ich wartete. Ein leichtes Girren verriet, dass die Tür nebenan bewegt wurde, der Duschvorhang raschelte: Ich hatte mich also nicht getäuscht! Er suchte im Bad! Wen? Mich? Wusste er, dass ich im Haus war? Hatte er das Licht gesehen, meine Bewegungen registriert?
Wieder Stille. Dann ein Schaben vom Teppich her, die Tür bewegte sich vor meinen Augen, sie wurde aufgestossen, langsam, unaufhaltsam, eine Taschenlampe erschien, blitzte auf und ich verlor keine Zeit mehr: Mit einem Satz war ich dort, packte den Arm hinter der Lampe, riss ihn über meine Schulter und gleichzeitig nach vorne, stemmte meine Hüfte gegen den Körper – und erkannte meinen Fehler zu spät: Sie stöhnte in mein Ohr und ihr Pferdeschwanz kitzelte meinen Hals, während sie über mich hinweg segelte, bevor sie aufs Bett krachte.
Ich suchte den Lichtschalter, machte Licht und half ihr auf, gab ihr die Taschenlampe zurück und schaute zu, wie sie sich die Uniform glatt strich, die Mütze zurechtrückte und sich am Ende kritisch im Spiegel prüfte. Sie atmete tief und schwer und rechtfertigte ihr Erscheinen mit den Worten: «Du bist kein Polizist … mehr.»
Sie duzte mich. Sie stand sehr nah, so nah, dass ich in ihren Augen ein Flackern sah: eine Mischung aus Zorn, Schrecken und Begehren.
«Ich habe die Zentrale angerufen», ergänzte sie und wandte sich ab, «sie haben gesagt, du gehörst seit einem Jahr nicht mehr zu uns.»
5
Am nächsten Morgen fuhr ich gegen neun Uhr in meine Agentur. Ich hatte in der Altstadt eine Wohnung gemietet, dort unten, wo die Mietpreise eingebrochen waren, nachdem die Aare innerhalb von zehn Jahren drei Mal über die Ufer getreten war und sich als reissender Strom durchs Quartier gewälzt hatte. Alle hundert Jahre einen überschwemmten Keller, das hatten die Leute bisher hingenommen. Aber die Aussicht, künftig alle drei bis acht Jahre ein Jahrhunderthochwasser zu erdulden, alle drei bis acht Jahre eine bis zu den Bildern hinauf verschlammte Parterrewohnung, ein ramponiertes Auto und einen verwüsteten Garten in Kauf zu nehmen, das setzte zu. Die Beteuerungen der Politiker, mit baulichen Massnahmen entlang den Uferzonen die Flutwellen vor dem Erreichen der Stadt zu besänftigen, erinnerten an Heilsversprechen von Handauflegern und brachten die unerschütterlichste Optimistin dazu, die Wohnungsinserate zu studieren. Was nützen Stollen, Dämme, Renaturierungen entlang des Flusses und Korrekturen an der Betonschwelle vor der Stadt, wenn sich das Klima ändert und sintflutartige Wolkenbrüche zu einem wiederkehrenden Ereignis werden? Niedergehende Wassermassen müssen in den Bergwäldern und auf den Alpen gebremst werden. Sind sie einmal im Flussbett angelangt, donnern sie mit einer ungeahnten Wucht ins Tal und verlassen auf ihrem Weg ins Meer das steinerne Korsett überall dort, wo es eng wird. Höhere Dämme verlagern den Schlamassel bloss weiter flussabwärts.
Das fabelhaft besonnte Quartier leerte sich: Zuerst flüchteten die gutsituierten Paare mit ihren Hunden, dann zogen die Familien weg, und mit ihnen verschwanden die Kinderwagen, die Fahrradanhänger und das Geschrei und Gelächter in den Gassen. Zurück blieben die älteren Herren in den Obergeschossen, denen die ehrwürdigen Bauten auf dem Papier gehörten, und die Damen mit ihren Katzen, die im ersten Geschoss logierten, und die Einzelgänger, die in den winzigen Nebenwohnungen hausten und für die das Leben ohnehin und überall aus einem Kampf ums Überleben bestand.
Bis dann die Mietpreise fielen. Darauf erwog mancher Krämer oder Lebensberater, manche Fussreflexzonenmasseurin oder Friseurin sich in einer leeren Erdgeschosswohnung einzurichten. Das Quartier belebte sich neu.
Ich wohnte damals in Langnau und brauchte eine Adresse in Bern. Was lag näher, als mir eine günstige Wohnung zu mieten und darin die Agentur einzurichten? Ich fand eine, die lag in einer Seitengasse in der Matte. Die wenigen Akten verwahrte ich in der Küche, in Metallkoffern auf Rädern, so konnte ich sie rasch und mit wenig Aufwand in Sicherheit rollen.
Der Eingang führte aus einen Hinterhof direkt ins Wohnzimmer. Ich machte daraus ein Wartezimmer.
Vorne, an der Durchgangsstrasse, befand sich das Restaurant Matte, in dem Rosi das Zepter in der Hand hielt. Als ich sie zum ersten Mal sah, einen Tag nach meinem Einzug, trug sie Gummistiefel und Gummihandschuhe und schrubbte zusammen mit ihrer Angestellten den trockenen Schlamm und die Algen von den Fensterbänken. Es waren drei oder vier Wochen vergangen seit dem Unwetter, und die Pegelstände hatten sich normalisiert. Die Sonne schien morgens um zehn Uhr, als wollte sie die Menschen im Quartier versöhnen.
Ich blieb vor dem Eingang stehen und sah den beiden einen Augenblick zu. Sie ging an mir vorbei ins Restaurant, kam mit einer Drahtbürste wieder heraus, und bevor sie erneut zu schruppen begann, blieb sie stehen und sagte: «Für einen Versicherungsmann bist du zu wenig fein angezogen … Für einen Vertreter riechst du zu wenig penetrant … Für einen Lebensberater hast du zu kräftige Hände. Was bist du? Pfarrer?»
«Nein», ich musste lachen.
«Also doch Polizist», sie streckte sich, strich sich mit der einen Hand übers Kreuz und mit der anderen eine Strähne aus dem Gesicht, seufzte, blickte mir in die Augen und fragte: «Was willst du, Nachbar, uns ausspionieren?»
Sie trat noch näher vor mich hin und blickte mir tiefer in die Augen; sie war nur zwei Millimeter kleiner als ich, und mit ihrer Selbstsicherheit, gespickt mit Vorwitz, wäre sie selbst als Pfarrerin durchgegangen.
«Für eine Wirtin bist du zu direkt!», gab ich zurück.
Worauf sie die Bürste hinwarf, die Handschuhe auszog und mich einlud: «Komm herein, ich gebe einen aus.»
Sie war hier geboren, und es gab für sie keinen Ort auf der Welt, an dem sie lieber leben würde, wie sie mir später mehr als ein Mal versicherte. Das war nicht immer so gewesen. Sie hatte einige Jahre auf einem Hochseeschiff gekocht, in Hongkong und später in Vancouver ein Restaurant geführt und war an beiden Orten verheiratet gewesen. Vor fünf oder sechs Jahren hatte sie ihr ganzes Geld zusammengelegt, dieses Haus einer Tante abgekauft und das Restaurant Matte eröffnet. Deshalb zog sie nicht weg, und auch weil sie, wie sie sagte, zurückgekommen war, um da alt zu werden, wo sie ihre Milchzähne vergraben hatte, und wo sie, später, im selben Garten, mit einem Jungen aus der Oberstadt die ersten Küsse ausgetauscht hatte.
Seit ich meine Agentur hier hatte, kehrte ich regelmässig bei ihr ein, oftmals am Morgen, um die Zeitung zu lesen und wach zu werden, mittags zum Essen (sie kochte wunderbare asiatische Menus) oder nachts auf einen Single Malt.
Wenn sie in der Früh den Vorplatz säuberte, trug sie stets Handschuhe. Sie stellte eine Kiste in die Mitte, suchte den Platz nach Spritzen ab, sammelte die leeren Flaschen ein und fegte schliesslich Pizzaresten, Getränkedosen, Hundekot, Laub und Quittungen zwischen den Stühlen zusammen. Oder sie stand ganz einfach unter der Tür, mit aufgestützten Händen, schaute nach dem Wetter, den Passanten, den Gewerbetreibenden, wartete auf den Briefträger, und liess den Tag langsam Tag werden. Spät abends trank sie – selten genug – ein Glas mit mir und erzählte Geschichten von früher. Sie hatte sogar meinen favorisierten Single Malt ins Sortiment aufgenommen, nicht etwa um mir einen Gefallen zu erweisen, sondern weil sie selbst auf den Geschmack gekommen war.
An diesem Morgen befreite sie die Tische und Stühle von der Kette, während Svetlana, ihre Angestellte, mit einem viel zu grossen Besen die ersten herbstlichen Blätter zusammenkehrte und aufhäufte. Als ich aus meinem Wagen stieg, hielten sie inne, und Rosi nickte mir mechanisch zu. Sie meinte: «Du bist früh dran, Alex.»
Ich grüsste, setzte ein reserviertes Lächeln auf und strebte ohne Umwege meiner Agentur zu. Ich hatte das Dossier über Nacht studiert und wollte Frau Scheidegger meine Zusage bekannt geben. Kaum war ich an ihnen vorbei, rief sie meinen Namen: «Alex?»
«Ja?»
«Hilfst du mir, den Tisch da rüberzustellen, ja?»
Auf dem abgegrenzten Platz standen drei kleine Bistrotische und ein grösserer Metalltisch. Die drei kleinen Tische wollte sie für die Dauer des Winters in den Keller tragen, den grossen in die Ecke unter die Platane verschieben, wo sie den amerikanischen und japanischen Touristen, die auf der Suche nach einem Fotosujet vom Bärengraben her kommend hier vorbeischlenderten, nachmittags, wenn die Sonne den Nebel aufgesogen hatte, ein Bier, einen Tee oder einen Punsch servieren könnte.
Ich legte das Dossier auf die Tischplatte, hob den Tisch mit ihr zusammen an und realisierte zu spät, dass sie das Deckblatt lesen konnte.
Sie bemerkte: «Wie bist du zu dem Auftrag gekommen!?»
Ich gab keine Antwort.
Für Rosi gab es zwei Sorten Männer: charakterlose und erfolglose. Ihre Bemerkung und die Art, wie sie die Bemerkung machte, zeigte, dass sie mich eher der zweiten Sparte zuordnete. Allerdings war man bei ihr nie sicher. Es ehrte und kränkte mich zu gleichen Teilen. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass es für sie eine dritte und vierte Sorte Männer gäbe, wenn sie ein drittes und viertes Mal geheiratet hätte.
Sie liess nicht locker: «Willst du seinen Mörder suchen?»
«Hast du ihn gekannt?»
Wir stellten den Tisch ab.
«Wen? Schild? Jetzt sag bloss, du weisst nicht mehr, wer das war», sagte sie erstaunt.
Ich musste wieder mal eine Augenbraue hochgezogen, vielleicht sogar dümmlich geblickt haben, gesagt hatte ich nichts. Sie trat näher an mich heran, schickte sich an, mich zu schütteln, mich einen Blödian oder so was Ähnliches zu schimpfen, liess es aber bleiben, wandte sich an Svetlana, die das Laub mit einer Kehrichtschaufel umständlich in einen Abfallsack stopfte und sich dabei fortwährend um den Sack und das Laub drehte, sagte ihr, sie solle danach die Stühle mit dem Lappen reinigen, wies gleichzeitig auf einen blauen Eimer, der neben der Tür stand, gab mir einen Wink und verschwand im Lokal.
Ich folgte ihr. Sie war hinter die Bar getreten, ich stellte mich davor. Sie drückte einen Knopf an der Kaffeemaschine, stellte zwei Tässchen darunter, wartete, kratzte sich hinter dem Ohr, während sich der herrliche Kaffeegeruch zu verbreiten begann, und platzierte die Tellerchen mit den kleinen Tassen und dem fingerdicken Schäumchen auf dem Kaffee genau zwischen uns.
«Vor einem Jahr, ungefähr», begann sie und gab zwei Zucker in ihren Kaffee, «hat der Kerl, Makler oder was er war, wie hat er geheissen? Ist ja egal, hat der also letzten Herbst eine Affäre mit Svetlana gehabt. Er hat sie besucht, oben in ihrem Zimmer, öfters, und wie sie schwanger geworden ist, ist er weggeblieben. Hat sich nicht mehr blicken lassen. Das muss, warte mal, jetzt haben wir September, Anfang Jahr, gegen Ende Januar, gewesen sein. Wie gesagt, so ungefähr.»
Sie rührte den Zucker ein, warf einen Blick hinaus, sah zu, wie Svetlana den Sack zuschnürte, und erzählte weiter: «Sie hat ihn angerufen, in seinem Geschäft, und ihm gesagt, er könne sich freuen.»
Sie stürzte ihren Espresso hinunter. Sie trank ihn nie mit Genuss, wie ein Italiener, sondern wie ein Postbote, der die Post hereinbringt und die nächsten Briefkästen im Kopf anpeilt, um seine Tasche möglichst rasch leer zu haben. Sie liess ihre Hand sinken, stellte das Tässchen auf die Untertasse, wischte sich mit Daumen und Zeigefinger die Mundwinkel sauber und meinte: «Tja, und da hat er ihn geschickt: den Schild. Seinen Anwalt. Das kannst du nicht vergessen haben! Er ist hinten gesessen, Tisch zwölf, fast den ganzen Vormittag hat er da gehockt und mit Svetlana geredet.»
Jetzt sah ich ihn vor mir. Daher kannte ich ihn! Der Mann war leise eingetreten, leise und vor Zuversicht strotzend, man spürte, der hatte sich nicht im Lokal geirrt, der hatte eine Order.
Er hatte nach Svetlana gefragt, dann den ganzen Tisch belegt und sich so hingesetzt, dass er den Raum überblicken konnte. Die Aktenmappe neben sich, die Hände gefaltet auf der Tischplatte, so hatte er gewartet. Mit seinem weissen Hemd, seiner Krawatte und einer Haltung, die Position, Macht und Entschlossenheit erahnen liess, hatte er quasi den ganzen hinteren Teil des Lokals in Beschlag genommen. Jedenfalls traute sich niemand in seine Nähe. Er hatte nicht nur aufrecht, sondern siegessicher dagesessen; Svetlana hatte sich geweigert, hatte sich regelrecht gesträubt, an seinen Tisch zu gehen. Sie musste sich ihrer Aussichtslosigkeit, ihrer Ohnmacht gegenüber der Geschliffenheit eines Anwalts, wie er es war, bewusst gewesen sein. Rosi hatte sie hinführen müssen, wie man ein Kalb zum Metzger führt, hatte sich neben sie gesetzt und die Rolle des Türöffners übernommen. Er musste rasch begriffen haben, dass es ein leichtes Spiel sein würde, dass er für seinen Mandanten das maximale Ergebnis nicht nur fordern, sondern auch würde durchsetzen können.
Ich hatte an der Bar gesessen, Zeitung lesend, und hatte unauffällig hingesehen. In Situationen wie dieser erwacht mein Spürsinn, mein Forschergeist. Ich hatte längst nicht alles, was sie sprachen, verstehen können, denn im Hintergrund lief Musik. Svetlana hatte geschwiegen, vorerst, hatte lediglich gesagt, sie rede mit Franz, und nur mit Franz, ihrem Freund, mit niemandem sonst. Er hatte keine Fragen gestellt, hatte lediglich festgehalten, was sie gesagt hatte, hatte ihre Aussage in andere Worte gepackt, aber letztlich ihre Weigerung wiederholt, was mich irritierte. Er hatte weder Ungeduld noch Nachsicht gezeigt, hatte auch nicht gelächelt, wirkte bloss aufgeräumt.
Es waren Gäste eingetreten, Handwerker, Bundesangestellte, Leute vom Strassendienst, ein Taxifahrer, zwei Männer in Leder, Motorradfahrer vermutlich, ziemlich durchfroren, sie hatten sich an der Bar oder an den Tischen niedergelassen, und Rosi war hin und her gelaufen, hatte serviert, da und dort gescherzt, hatte Bemerkungen über die trockene Kälte fallenlassen und ab und zu besorgte Blicke zum Tisch zwölf geworfen.
Er hatte Zeit.
Svetlana hatte gleichwohl zu reden begonnen, hatte sich weder beklagt noch beschwert, hatte weder geschimpft noch gefleht oder gar gebettelt, ihn auch nicht bedrängt. Sie hatte auf die Tischplatte herab gesprochen, eine Hand auf ihrem Bauch. Von dem, was sie sagte, hatte ich nur Bruchstücke verstehen können, der Tonfall jedoch, der Tonfall ihrer Rede, der blieb mir unvergesslich: Es war ein Sington, zwischen weinerlich und enttäuscht, zwischen verletzt und verzagt. Sie war näher der Scham, denn der Reue, getrieben von einem letzten Funken Hoffnung.
Nachdem sie geendet hatte, hatte er losgelegt, sachlich, klärend vielleicht, unnachgiebig auf jeden Fall, soweit ich das im Nachhinein beurteilen kann. Er hatte seiner Aktenmappe einen zweiseitigen Vertrag entnommen, ihr unterbreitet, vor ihren Augen mit der Hand darüber gestrichen, auf besondere Punkte hingewiesen und auf die Stelle getippt, auf der zweiten Seite, wo ihre Unterschrift erwartet wurde; sie hatte sich umgeblickt, Hilfe suchend, mit glühenden Wangen und feuchten Augen, hatte dann schnell und ohne zu lesen mit seinem Füllfederhalter ihren Namen hingekritzelt und war davongestürzt – Rosi hinterher.
Rosi zündete sich eine Zigarette an, fixierte mich durch den Rauch und fragte: «Na, dämmerts?»
Ich bewunderte ihre vollen Lippen, die zu ihrem ungeizigen Wesen passten und mit denen sie ihre Stimmungen vollendet ausdrücken konnte. Ein Schmollen zum Beispiel oder wie jetzt Gereiztheit, mit einem abschätzigen Lächeln.
«Ja», sagte ich, «ja, ich erinnere mich: teurer Anzug, teure Uhr, teure Haare.»
Rosi legte ihre Hand auf meinen Arm. Svetlana kam herein, mit dem Besen, der Schaufel und dem Sack, und verschwand in der Küche.
«Teure was?», sie zog die Hand zurück, blickte verwundert.
«Seine Haare. Pechschwarz, glänzend und so geordnet, als käme er von einem Fünf-Sterne-Friseur.»
«Pomade!», sie wusste Bescheid, «macht jünger! Das solltest du mal versuchen», sagte sie und packte es in einen vieldeutigen Blick.
Ich fragte sie: «Woher hast du gewusst, dass er Schild hiess?»
Svetlana trat aus der Küche, ging hinaus, kam zurück mit dem Wassereimer in der Hand. Sie stellte ihn hin und goss sich ein Glas Cola ein, trank es in einem Zug aus, nahm den Eimer und ging damit nach hinten zur Toilette.
Als die Tür zu war, sagte Rosi: «Vom Vertrag. Sie hat ihn mir gezeigt.»
«Schätze, sie ist nicht gut weggekommen in dem Vertrag.»
Rosi schnipste die Zigarettenasche in den Aschenbecher und sagte: «Das war null gerecht.»
Ich sagte: «Wir hätten ihr zu einem Anwalt verhelfen sollen. Einen Gegenspieler, der hätte sie vertreten, eine Vaterschaftsklage aufgesetzt und eine satte Forderung gestellt. Er hätte den Franz, den Vater des Kindes, zu einer langjährigen Unterstützung verklagt. Vermutlich hätten die Anwälte gefeilscht, es hätte vielleicht sogar eine längere Gerichtsverhandlung gegeben. Aber so? Kein Mensch tritt eine Auseinandersetzung dieser Art allein an. Ohne Unterstützung, ohne Gegenposition.»
«Ach ja?», sagte sie, «Gerechtigkeit muss also in jedem Fall erkämpft werden?»
«Du verwechselst Gerechtigkeit mit Recht. Gerechtigkeit ist eine Tugend, sie wird den Menschen anerzogen, basiert auf Gefühlen und hat keinen Anspruch auf irgendetwas. Dürrenmatt hat einmal gesagt: Die Gerechtigkeit wohnt in einer Etage, zu der die Justiz keinen Zugang hat. In der Natur, übrigens, existiert keine Gerechtigkeit.»
«Wir sind keine Affen mehr, vergiss das nicht», sagte sie.
«So weit davon entfernt, wie viele glauben, sind wir nicht! Und wenn wir schon dabei sind: Recht ist eine menschliche Erfindung.»
«Immerhin verlangt beides nach der Wahrheit!», warf sie ein.
«Ja, ja, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Woraus besteht denn die Wahrheit? Zur Hauptsache aus Ansichten und trügerischen Erinnerungen. Fünf Leute, die etwas beobachtet haben, haben fünf Ansichten, daraus ergeben sich fünf Wahrheiten. Recht ist hingegen ein Zustand, ein Gleichgewicht, um das gerungen wird, und zwar mit Spielregeln, die von einer Gesellschaft vorher festgelegt werden. Denk an Justitia mit der Waage: Sie ist blind. Richter lernen bei ihrer Arbeit, die Argumente abzuwägen, ohne sich dabei von Gefühlen leiten zu lassen. Und vergiss nicht, lügen ist nicht verboten!»
Ich war in Fahrt gekommen.
Sie stoppte mich: «Weisst du eigentlich, dass du von einem Kind redest?»
«Na ja», sagte ich.
«Eins ist sicher: Der Wisch, den Svetlana unterschrieben hat, hatte weder mit Gerechtigkeit noch mit Recht was zu tun», sagte sie, drückte den Zigarettenstummel aus und fügte hinzu: «Du mit deinem Dürrenmatt. Ich sage dir mal meine Definition: Die Gerechtigkeit wohnt im Himmel und die Justiz auf dem Mond, auf der Erde, hier auf der Erde herrscht ein Fürst mit dem Namen Geld, und das Gegengewicht zur Moral ist die Macht. Jawohl!»
Was hätte ich dazu sagen sollen? Das Fressen kommt vor der Moral, wer hatte das gesagt? Schild war nicht gekommen, um seinen Mandaten freizukaufen oder zu entschuldigen. Er war als Anwalt gekommen, um die Rechte seines Mandanten zu verteidigen, seinen finanziellen Schaden zu begrenzen, und dies mit gesetzlich erlaubten Mitteln.
Svetlana kam zurück, trank noch ein Glas Cola und verschwand in der Küche.
Nach diesem Zusammenprall war sie verschwunden, den ganzen Sommer über hatte ich sie nicht gesehen. Ich hatte Rosi nicht nach ihr gefragt, hatte einfach angenommen, sie sei ersetzt worden, durch die Neue, die Spanierin mit dem Namen Dolores. Vor vier oder fünf Wochen war Svetlana zurückgekehrt, dünner, bleich, um die Mundwinkel auffällig kummervoll, und mit einem Quantum dunkler Leere in den Augen. Leiser, um Jahre gealtert, aber nicht weniger freundlich.
Rosi räumte die Tassen weg, wischte mit einem Lappen über die Bar.
Ich legte das Geld für den Espresso hin, wandte mich zum Gehen und dachte: Er war der Typ Mann, der sich nicht so schnell was diktieren liess. Warum, um Himmels willen, hatte er sich so glatt abknallen lassen?
Rosi schob das Geld in meine Richtung zurück, wedelte mit der Hand darüber, um klar zu machen, dass ich eingeladen gewesen war, und sagte: «Danke für die Hilfe mit dem Tisch.»
Ich griff nach dem Geld.
Sie legte rasch ihre Hand auf meine Hand, beugte sich vor und sagte: «Weisst du, was ich hoffe?»
«Was denn?», fragte ich.
Ich konnte das Parfum des Puders riechen, den sie aufgetragen hatte, und ihre Stimme klang sonderbar schneidend, als sie sagte: «Ich hoffe, eine Frau hat ihn erschossen.»
Eine Frau? Der Gedanke traf. Ich überlegte, wog ab und geriet wohl leicht aus der Fassung. Sie liess meine Hand los, beobachtete mich, lachte, hustete, schüttelte sich und prustete: «Nein, Alex, nicht was du denkst!»
Wieso konnte immer alle Welt meine Gedanken lesen?
Svetlana streckte den Kopf aus der Küche und fragte: «Was ist?»
Rosi beruhigte sie und fragte mich: «Hast du keine Sonnenbrille?»
Ich blickte mich um, es war nicht übermässig hell im Lokal.
Sie zeigte auf mich und raunte: «Dein Gesicht», ihre Finger berührten mich fast, «es gleicht einer Wetterkarte – du musst was dagegen tun. Unbedingt! Setz eine Sonnenbrille auf oder lass dir von einem echten Profi zeigen, wie man ein Pokerface macht.»
6
Ich ging zu meiner Agentur hinüber, nahm die Werbeprospekte aus dem Briefkasten, schloss die Tür auf und trat aus dem hellen Morgen hinein ins dämmerige Empfangszimmer.
Innerhalb dieser dicken, alten Sandsteinmauern blieb es in der Wohnung – egal wie heiss die Sonne draussen auf den Asphalt brannte – schattig und kühl. Es roch nach Walderde, getrockneten Pilzen und manchmal nach angefaulten Kartoffeln, schwach, aber doch streng genug, um zu verhindern, dass in mir das Gefühl der Vertrautheit entstehen könnte. Das Flusswasser, das während einer Woche durch das alte Quartier geflossen war, hatte genügend Zeit gehabt, unter die Bodenplatten und ins Fundament zu sickern und sich von den Gipswänden aufsaugen zu lassen; eine Restfeuchte hatte sich im Holz und in den Dichtungsmassen unter den Fenstersimsen festgesetzt, da und dort kamen nach Monaten noch schwarze Schimmeltupfer zum Vorschein.
Ich hatte Vorhänge anbringen lassen, schwere, blickdichte Ware aus Baumwolle, damit sich die Klienten nicht beobachtet fühlten. Das Gewebe dämpfte nahezu alles, Geräusche, Licht, Wärme, sogar die Erschütterungen, bloss die Gerüche, die dämpfte es nicht. Langsam hegte ich den Verdacht, dass die Vorhänge die Austrocknung der Wohnung sogar verhinderten. Erfolgreich verhinderten.
Ich riss sie zurück und das Fenster auf und liess frische Luft herein.
An der Wand wartete ein Sofa auf Klienten, ein breites, modernes Sofa. Dem Sofa gegenüber stand der dazu passende Sessel. Ich hatte die beiden Möbel mit meinem ersten Honorar gekauft, darauf gesessen und gewartet hatte bisher niemand. Geschlafen hatte ich hingegen mehr als einmal auf dem Sofa, Langnau lag im Emmental, und die Fahrt dahin dauerte immerhin 45 Minuten, und wenn ich jemanden observierte, der sich in derselben Nacht in zwei Betten niederlegte, verbrachte ich halbe Nächte im Auto, unter einem Baum oder hinter einem Container.
In der Mitte stand ein Tischchen, auf dem Zeitschriften lagen, die wie neu glänzten, obschon ich sie zur Eröffnung gekauft hatte, und neben dem Sofa hatte ich ein Plakat mit Reissnägeln direkt auf die neue Tapete gepinnt. Es zeigte den Berg Niesen, gemalt von Paul Klee; nichts als den Niesen und rechts davon die Sonne, abstrakt und in Farben, die alles andere als grell waren und präzis zu meinem Gemüt passten, wie ich fand.
Jedes Mal, wenn ich eintrat, stellte ich fest, dass das Plakat schief hing, ich verspürte aber nie das Bedürfnis, dies zu ändern, denn die Schieflage verstärkte das Plakative; sie enthob das Plakat der Versuchung, ein eigenständiges Bild zu sein. Das Plakat blieb Plakat, Träger des Abdrucks eines Klee-Bildes, und das Klee-Bild mit dem Niesen wurde zum Ereignis, zum Kernpunkt. Je häufiger ich darüber nachdachte, desto mehr kam ich zur Überzeugung, dass dies auch für Menschen galt, die im Dienst der Gesellschaft stehen. Für Polizisten zum Beispiel, für Lehrer, Politiker oder Soldaten. Egal welchen Auftrag sie haben, sie werden eher akzeptiert, wenn man spürt, dass sie mit menschlichen Eigenschaften wie Vergesslichkeit oder Fehlbarkeit gestraft sind und Aufträge so erfüllen, wie sie es mit ihrem eigenen Gewissen vereinbaren können. Abwehr oder gar Widerstand lösen die anderen aus, die Männer und Frauen, die ihren Weg wie eine hellerleuchtete Promenade vor sich haben, denen selber nie ein Fehler unterläuft. Wer kennt sie nicht, diese senkrechten Menschen, die bis zur Zahnstellung vollkommenen Figuren, die alles in ihrem Leben richtig machen, angefangen bei den Eltern, die sie sich ausgesucht haben, bis hin zum Glück, die richtigen Kinder mit dem richtigen Partner gezeugt zu haben, als wären sie nicht zum ersten Mal Mensch auf dieser Erde?
Als Polizist nehmen sie jede Untat, jedes Vergehen als persönliche Beleidigung und ahnden streng, kleinlich und unnachsichtig. Sie verspüren eine tiefe Befriedigung, sobald sie eine Person eines Vergehens überführen können. Sie wähnen sich immerzu auf der Seite des Rechts und halten sich gar für das Mass oder die Norm des Rechts, als hätten sie es geschaffen, führen sich auf wie Vollstrecker statt Vollzieher.
Am unerträglichsten sind diese Menschen, wenn sie an der Macht sind, wenn sie Herr sind über ein Heer von Polizisten. Gerade in dieser Stadt gab es zu jener Zeit einen Polizeivorsteher, der hiess die Stadtpolizei selbst dann einschreiten, wenn etwas nur schon nach Verbrechen oder Sünde roch, und er bezichtigte jede Verharmlosung der Mitschuld. Oft war sein Blick getrübt oder beschränkt, weil er die Gesetze vor dem Gesicht trug, statt im Kopf.
Seinesgleichen geniessen wenig Vertrauen in der Bevölkerung, und ohne Vertrauen wird jede Aktion gegenüber Menschen, jedes Eingreifen oder Einschreiten vom Publikum als Beleidigung empfunden; das wusste schon Konfuzius. Ich hatte mich oft über die Kurzsichtigkeit des Kerls gewundert; wie erbärmlich musste sein Alltag, sein Privatleben ausgesehen haben: Alles, was für ihn zählte, war erstens Sicherheit, zweitens Sicherheit und drittens Sicherheit. Jede Bewegung, jeder Aufruhr, jeder Krawall war für ihn ein Zeichen des Niedergangs, der Verwahrlosung, des Zerfalls. Toleranz, Freizügigkeit und Nachsicht waren für ihn Merkmale der Schwäche. Kurz: Für ihn war alles, was Menschen bewegt, was sie zusammen- oder auseinanderbringt, gefährlich und konnte nur mittels rigorosem Durchgreifen unterdrückt und bewältigt werden. Er war auf seine Weise so unerträglich wie jeder religiöse Fanatiker.
Das Telefon klingelte und holte mich unsanft aus der Grübelei. Ich sauste hinüber ins Büro, das ich im Schlafzimmer eingerichtet hatte. Hier waren die Vorhänge zurückgeschoben, und die Sonne streckte ihre warmen Strahlen bis aufs verstaubte Pult. Ich liess die Prospekte in den Papierkorb fallen, was den Staub zünftig aufwirbelte, und hob der Hörer ab.
Es war Deborah, die Sekretärin des Stellvertretenden Polizeichefs. Statt einer Begrüssung sagte sie: «Endlich! Wo warst du so lange?»
«Ich habe heute meinen freien Tag.»
«So? Und trotzdem bist du in deiner Agentur?»
«Ich muss meine Blumen giessen. Habe gestern keine Zeit gehabt.»
Sie kicherte: «Auch keine Zeit zum Staubwischen?»
Sie war hiergewesen und hatte durchs Fenster gespäht, so viel war klar! (Und Frauen sehen nun mal jedes Staubkorn, so wie ihnen jeder Tupfen Fliegenkot auf einer Fensterscheibe ins Auge springt.)
Ich blickte den winzigen Teilchen nach, wie sie den Sonnenstrahlen entlang hinauf und hinaus in die Welt tanzten, und gab zur Antwort: «Nein, ständig ruft jemand an.»
Sie sagte: «Ach, du bist immer noch derselbe Spassvogel, was? Wann kommst du wieder zu uns zurück? Du fehlst hier, weisst du das? Du hast unserem Laden gutgetan. Seit du weg bist …»
Ich unterbrach sie: «Wenn das so weitergeht, brauche ich Verstärkung. Möchtest du nicht für mich arbeiten?»
«Du meinst, ich könnte bei dir Staub wischen?», fragte sie in höchstem Ton.
Hatte sie angerufen, um mich zu ärgern? Ich versuchte, bei ihr eine empfindliche Stelle zu treffen: «Ich mein es ernst, oder suchst du nicht mehr was anderes?»
Es wurde still. Ich lauschte und liess meinen Blick aus dem Fenster schweifen. Stehend konnte ich zwischen den Häusern die Aare sehen, sie floss aufgewühlt unter der Steinbrücke durch. Nach hundert Jahren Schweigsamkeit hörte ich einen Seufzer am anderen Ende der Leitung, und bevor sie etwas entgegnen konnte, setzte ich einen drauf: «Verstehe, du hast dich abgefunden mit deinem Chef, seinen kindlichen Erklärungen, seinen Selbstlobhudeleien, Peinlichkeiten …»
«Ach, Alex!»
«… mit den unkollegialen Kollegen, mit den einfältigen Kolleginnen, Hyänen, Schlangen und Oberkühen; mit all den Reibereien, mit …»
«Hör auf!» Es klang wie Hoffnung, die von Verzweiflung zerfressen wurde. Sie senkte ihre Stimme, die Zischlaute stachen wie Nadeln in mein Ohr, ich stellte mir vor, wie sie mit ihrer Hand die Sprechmuschel abschirmte, damit nichts von dem, was sie sagte, in unbefugte Ohren gelangen konnte: «Du wirst es nicht glauben, aber seit du weg bist, ist hier alles noch schlimmer geworden.»
Ich hielt den Hörer vom Ohr weg und brüllte in die Muschel: «Ha, und du willst mich zurücklocken! Sag mal, hasst du mich so sehr? Warum verlässt du die Abteilung nicht auch endlich?»
«Ach, Alex», hörte ich sie jammern, «es ist schwer, sehr schwer in meinem Alter. Ich hab es versucht, glaub mir, ich habe 45 Bewerbungen verschickt», und wie um der Zahl zusätzlich Gewicht zu verleihen, fügte sie hinzu, «eine für jedes meiner Jahre.»
Ich hatte ihren wunden Punkt getroffen. Ich sagte in versöhnlichem Ton: «Du und ich, wir wären ein starkes Team.»
Ich hörte ein Geräusch im Hintergrund, jemand war zu ihr ins Sekretariat gekommen, bestimmt Konrad Oberli, der Hausdienstleiter, der sich dauernd auf ihr Pult setzte, als wäre er ihr bester Freund. Das lenkte sie ab, zwang sie zur Teilung ihrer Aufmerksamkeit, deshalb überhörte sie mein Angebot. Sie änderte ihre Stimmlage ein weiteres Mal und sagte: «Der Chef will dich sehen.»
«Sag ihm, er soll selbst bei mir anrufen, wenn er was von mir will. Ich bin jetzt mein eigener Chef.»
Sie sagte: «Er sagt, du seiest gestern Abend am Tatort gewesen. In Muri, bei Schilds Haus. Er will mit dir darüber reden.»
«So? Hat er das gesagt? Weisst du zufällig, was er mir sagen will?»
Sie redete, als wäre sie allein: «Er hat gesagt, der Fall … Er meint, es könnte gefährlich werden, du könntest in Teufels Küche geraten und es am Ende teuer bezahlen.»
«Meint er.»
«Ja. Er hat gesagt, er könne dich nicht schützen und auch nicht decken oder rausholen, wenn du in die Klemme gerätst», sagte sie mit einer Ernsthaftigkeit, die mir zu denken gab.
«Verstehe, er hat Angst um mich.»
«Sieht so aus», sagte sie.
«Das glaubst du ja selbst nicht. Der hat noch nie um jemanden Angst gehabt, ausser um seinen eigenen Arsch. Und helfen würde er nicht einmal seiner Mutter, wenn sie in der Klemme sässe. Er weiss doch, dass das jeder weiss. Deborah, was will er wirklich?»
Pulsuz fraqment bitdi.