Kitabı oxu: «Der Reiter auf dem Regenbogen»

Şrift:

Georg Engel
Der Reiter auf dem Regenbogen

Roman

Saga

Erstes Buch

I.

„Hast Du das Deine auch ordentlich gelernt?“ fragte Mudding Petersen und strich sich das rotblonde Haar aus dem breiten, dickbäckigen Gesicht. Aber während sie an der kleinen, grünbeschirmten Lampe schraubte, damit ihr Sohn, der mit hoch aufgestemmten Armen dort las, besser sehen könne, setzte sie mit leiser Aufmunterung hinzu:

„Aber du musst wohl bald mehr können als all die andern. Denn deinen Kopf, den hast du von deinem sel’gen Vater. Und der hatte es weit gebracht in den Wissenschaften. Er konnte die Mondberechnung aufnehmen, auch ohne seinen ersten Offizier. Das konnten nur wenige von den alten Kapitänen. Ja, mit den Zahlen stand er sehr vertraut. Und dann hatte er auch Französisch gelernt aus einer Fibel. Und von den fremden Matrosen hier im Hafen hatte er sich die Schiffsausdrücke und die Flüche aus noch drei weiteren Sprachen angenommen. Jammerschade, dass du dich nicht auf ihn besinnen kannst, mein Sohn. Aber nun, mein Jünging, nun hör auf und leg dir dein Buch unter das Kopfkissen. Was du jetzt noch nich weisst zu dem Examen, das wird dir wohl im Traum kommen. Ich glaub daran, es passiert noch viel Wunderbares in der Welt — ja, ja, ich weiss davon so manches.“

Damit stand die sonderbar starke Frau, die sich trotz ihrer fünfzig Jahre nur schwerfällig fortbewegen konnte, aus ihrem grünen Ripsstuhle auf, ging um den alten, kreisrunden Mahagonitisch herum und streichelte dort dem jungen, vertieften Menschen ganz sacht über die rote, buschige Mähne.

Und seltsam. Die Berührung ihrer kleinen, zarten Hände, die so garnicht zu dem wuchtigen Körper zu passen schienen, musste etwas Erlösendes oder Erweckendes besitzen.

Er reckte die schmale, jungenhafte Gestalt und hob das sommersprossige Gesicht, in welchem im Augenblick die Furcht vor der Zukunft brannte.

„Du, Mutter?“ fragte er erstaunt, als ob sein Geist aus ungeheuren Weiten zurückkehre.

O, er war sehr hässlich, aber die Mutter, die beste, die es je gegeben, ahnte es nicht.

„Ja, ich, mein Jünging,“ erwiderte sie mit ihrem breiten, aufmunternden Lachen, wobei sie ihm fast unmerklich über die Schulter strich, als wolle sie ihm auch von da die unsichtbare Last fortnehmen. „Pass mal auf, wie gut es dir bei den Professoren gehen wird.“ Und dabei nahm sie ihm das Buch verloren fort und klappte es sachte zu: „Du bist nämlich ein Glückskind,“ fuhr sie fort und schob geschäftig einen Teller Schinken, sowie eine Flasche alten Rotwein, wie ihn die Seefahrer der dortigen Gegend oft einzuschmuggeln pflegen, vor ihren Einzigen hin.

Dann setzte sie sich ihm gegenüber, so dass die flimmernden Strahlen der Lampe eine Brücke zwischen ihnen bilden konnten. Und siehe da — alsbald begannen die Gedanken der beiden einander entgegenzuziehen. Zu Fuss und zu Ross. In Gold und in Seide. Aber immer geschmückt. Herrliche Triumphzüge, die in die Zukunft wallten.

Draussen rollte der Fluss, und der Oktoberregen spritzte gegen die Häuser der Münd-Stadt.

„Du bist nämlich ein Glückskind, Gust,“ begann Frau Miete Petersen wieder, indem sie dem Lauschenden rasch ein Glas Wein einschenkte. „Sieh, dass du erst im zehnten Jahre unserer Ehe geboren wurdest, und zwar sieben Stunden nach dem wunderbaren Traum, davon will ich garnich reden. Aber dass du gerade an einem Sonntag Mittag Schlag 12 zur Welt kamst, und noch dazu —“ hier sank die Stimme der Sprechenden zu einem Flüstern herab, und in ihren weiten, blauen Augen zündeten sich geheimnisvolle Feuer an, „und noch dazu in demselben Augenblick, als dein lieber Vater den letzten Seufzer ausstiess, sieh, das hat etwas zu bedeuten. Das lass ich mir nich ausreden. Auch von Tante Betti nicht; nein, daran halte ich fest.“

„Ja, Mutter,“ hob nun auch Gust an, und in dem schmalen Jungengesicht, aus dem die Backenknochen so eckig hervorstanden, begann ein merkwürdiges Spiel der Muskeln, „manchmal glaub ich auch, es sei etwas in mir — — das —“

„Ja, natürlich steckt es in dir,“ unterbrach ihn die dicke Frau und schlug herausfordernd auf den Tisch.

„Etwas — etwas, Mudding — was nicht so ist wie bei den andern — nicht wahr? Glaubst du das nicht auch?“ forschte er dringender, indem er seine Rechte fast bittend auf die Hand von Frau Miete legte. „Etwas, Mudding, etwas, das nach oben will.“

„Ja, ja, natürlich, sehr — sehr hoch.“

„Und dann, Mudding, wenn es erst so weit ist, wenn erst die Examina hinter mir liegen, ich habe gar keine Furcht vor übermorgen — — gar keine.“ —

Sie schüttelte ebenfalls stark verneinend das Haupt, als wäre es ganz unfassbar, wovor ein Mensch wie er Furcht empfinden könnte. „Reines Kinderspiel.“

„Sieh, wenn ich erst ein Lehramt in der Stadt habe“ — hier stockte sein Atem doch, und er streichelte erregt die Glocke der Lampe — „am Gymnasium vielleicht, oder eine Professur.“

„Lieber eine Professur,“ echote Frau Miete Petersen, der es gleichfalls an Atem gebrach.

„Dann, Mudding — komm, hier hast du auch ein Glas Wein, wir wollen anstossen — dann miete ich das schöne gotische Haus am Markt, und lasse unten ein Messingschild vor die Türe schlagen, mit schrägen Ecken und nichts als ‚Professor Petersen‘ darauf.“

„Das tu,“ gab sie zu, indem sie sich die Hand auf die mächtige Brust legte, „aber es muss auch deutlich zu lesen sein.“

„Versteht sich — und in dem Saal im ersten Stock, da schlage ich meine grosse Bibliothek auf. Tausend Bände — Kuck, zweiundvierzig Bücher hab’ ich jetzt schon. Und nebenan, da bekommst du ein Wohnzimmer aus grünem Damast.“

„Grün nicht,“ wehrte sie sich, „du musst nicht immer so geschmacklos sein, Gust, man nimmt jetzt braunrot.“

„Das ist egal — Komm, Mudding, stossen wir eins darauf an.“

Rasch und feurig streckten sie sich die Gläser entgegen. Es gab einen hellen Ton.

Kling — klang.

Dann starrten sie wieder begeistert auf die Lichtbrücke.

Und siehe da, über die flimmernde Bahn zogen lautsingende Prozessionen. Fürstenthrone wurden hinübergetragen und Kaiserkronen blitzten.

Kling — klang.

Das Buch fiel unbemerkt unter den Tisch.

Draussen rollte der Fluss, und der Oktoberregen spritzte gegen die Häuser der Münd-Stadt.

„Ihr gebt wohl eine Gesellschaft?“ fragte Tante Betti, die in diesem Moment durch die niedrige, weisse Tür trat, nachdem es vorher im Hausflur schrill geläutet hatte, was aber von Mutter und Sohn überhört worden war.

„Sieh, ordentlich Wein? — Wenn ihr vielleicht allein sein wollt, dann — —“

Hier wurde eine rasche, ruckartige Bewegung nach der Schwelle zu ausgeführt, welche anzeigen sollte, dass Tante Betti, da man sie zu diesem Gelage nicht formell eingeladen, durchaus bereit sei, mit hochmütig in den Nacken geworfenem Haupte wieder in dem Regen zu verschwinden. Allein dieser Entschluss konnte zum Glück vereitelt werden.

Die dicke Frau Petersen griff nämlich mit ihren zarten Händen nach dem durchnässten Umhang ihrer Schwägerin, während es Gust gelang, mit einer geschickten Bewegung einen Stuhl hinter die dürre Gestalt seiner Verwandten zu schieben.

„Hier, Tante.“

Und die Frau Kapitän Petersen setzte mit ihrer tiefen, beinahe männlichen Stimme hinzu: „Du weisst doch, Betti, worum es sich übermorgen für Gust handelt.“

„Eben darum,“ entgegnete Fräulein Betti strafend, wobei sie, bereits sitzend, ihre Gestalt straff aufrichtete, um an den beiden von oben herab zu beobachten, ob ihr auch genügend Respekt entgegengebracht würde.

Dieser vornehme Hochmut war die markanteste Seite von Tante Betti. Als die jüngste von sechs Schwestern, die vor ihr verheiratet werden mussten, in dem alten Schifferhause zurückgeblieben, suchte sie jetzt ihr altes Jungferntum und ihre fünfzig Jahre durch eine Fülle von Ehrungen zu vergolden, die sie gebieterisch von der nachwachsenden Familie einforderte. Dabei scheute sie sich nicht im geringsten, einen strahlenden Mantel von Ovationen um sich herum zu dichten, die ihr angeblich von wildfremden Personen dargebracht worden sein sollten, hervorragenden Menschen, die eben Bettis inneren Wert, ihre noch blühende Schönheit, ihren Verstand, besonders aber ihr vornehmes Wesen viel besser zu schätzen wussten, als die verstockten Nächsten des späten Fräuleins.

Schliesslich redete sich Betti derartig in diese Vorstellungen hinein, bis sie zuletzt in dem sie beglückenden Wahn lebte, ihre Person beschäftige die ganze Stadt.

„Ja, liebe Marie,“ begann der Besuch von neuem, „ich wäre ja heute garnicht zu euch gekommen, denn ich war, wie du dir wohl denken kannst, diesen Abend wiederum zweimal eingeladen. Sowohl bei Konsul Wiek, sowie bei Frau Postdirektor Gutknecht. Aber ich hielt es für meine Pflicht, vor einer so ernsten Entscheidung ernsthaft mit euch zu besprechen, wie ihr euch nun eigentlich euren Lebensplan zurecht gelegt habt? — Ihr besitzt doch hoffentlich einen Lebensplan?“

Hier streckte Tante Betti die rechte Hand aus, als erwarte sie zuversichtlich, die beiden müssten ihr nun ein geschriebenes Konzept überreichen. Und dann sagte sie noch ein paarmal laut vor sich hin: „Lebensplan.“ Denn dieses Wort hielt sie für ganz besonders vornehm.

„Lebensplan?“

Ach Gott — die dicke Kapitänin sah zu ihrem schmächtigen Sohne hinüber, der sich vor der Wucht des Wortes verlegen den rötlichen Haarbusch kraute, und dann lächelten die beiden befangen einander an. Ach Gott, sie hatten sich ja eben erst ihren Lebensplan zurecht gelegt. Und wie hatten sie an ihm geschafft und gebaut. Das gotische Haus und die grosse Bibliothek und das grüne Damastzimmer, das aber geschmacklos war, weil es eigentlich rotbraun sein musste. Bedeutete das nicht auch einen Lebensplan? Waren das nicht wunderschöne Wege, mit weissem Kies bestreut? Und führten sie nicht durch verschwiegene Gärten der Zukunft, in denen die Blumen auf den Beeten sangen und die Knospen an den Büschen als bunte Feuerchen brannten?

O, wie schön.

Und die beiden lächelten sich an. Und vergassen wieder den Oktoberregen und das hässliche Wort. — — „Lebensplan“ sprach Tante Betti zum letztenmal unwillig dazwischen.

Da war es wieder.

Die Frau Kapitänin raffte sich zusammen. Deutlich hatte sie beobachtet, wie ihr Gust vor dieser nüchternen Lebensforderung zusammengeschrocken war. Nein, sie als Mutter durfte ihren Liebling unmöglich so grausam behandeln lassen.

„Meine liebe Betti,“ sprach sie unsicher, indem sie unaufhörlich auf der Tischdecke herumstrich, als gewähre ihr dies eine kleine Unterstützung, „du weisst, was mein Gust übermorgen vorhat. Er schreibt seinen deutschen Aufsatz. Nicht wahr?“

„Gut,“ schob Betti billigend dazwischen.

„Und sieh, da halte ich es nicht für nützlich, den armen Jungen vorher durch praktische Fragen abzulenken. Das könnte ihn ängstlich machen. Und überhaupt, die Jugend braucht ihre Träume.“

„Was?“ forschte Betti erstaunt, als ob sie nicht recht verstanden hätte. „Sagtest du Träume?“

Allein Frau Miete antwortete nicht mehr. Sie sowohl, wie Gust starrten auf den Fussboden, als wären sie jetzt beide auf einem Verbrechen ertappt worden. Ihnen war es, als griffe das Leben in diesem Augenblick mit seiner Polizeifaust nach ihnen und brächte sie zur Besinnung.

Tante Betti stand auf. Ihre Röcke rauschten Zorn. Und sie schüttelte sich, dass die Regentropfen gegen die Lampe fuhren.

„Du bist wirklich nicht recht klug,“ brachte sie hochfahrend hervor und zupfte an ihren Handschuhen. „Anstatt Gust auf das Praktische und immer nur auf das Praktische hinzuweisen, redest du ihm solche Dinge ein. — So was —“ wiederholte sie noch einmal, wobei sie sich wiederum schüttelte. „Die ganze Welt ringsherum will Gott sei Dank praktisch werden, und ihr denkt nur an Märchen.“

„Betti,“ warf die Mutter dazwischen, und ihre rauhe Stimme grollte laut, obwohl ihre Züge ängstlich und demütig blieben; eine Kontrastwirkung, die beinahe zum Lachen reizte. „Denk’ doch auch an Gust.“

„Nun ja, ich glaube, ich denke an ihn. Und — an dich auch,“ wollte Betti fortfahren. Jedoch sie bezwang sich, und nachdem sie sich gesetzt hatte, sah sie Mutter und Sohn noch etwas schärfer an, als hätte sie noch eine ganz besondere Überraschung vorbereitet. Und dies bewahrheitete sich wirklich.

„Ich komme heute nämlich nicht mit leeren Händen,“ hob sie langsam und mit solch schwerer Feierlichkeit an, dass ihre beiden Hörer jetzt ganz ängstlich auf sie hinstarrten, in offenster Spannung, welches merkwürdige Schicksal Tante Betti wohl zwischen ihren behandschuhten Fingern trüge.

Allein gerade diese Angst und diese Spannung behagten Betti ungemein. Das war die Atmosphäre, deren sie bedurfte. Ihr wurde in diesem Augenblick wohl wie den beweglichen Goldfischchen, wenn sie frisches Wasser erhalten.

„Ja,“ sagte sie und warf den Kopf hintenüber, „vor einer so ernsthaften Entscheidung komme ich natürlich nicht mit leeren Händen. Und weil wir alle einen gewissen Anteil an Gust haben — wir wollen aber darauf nicht näher eingehen — und da dir Starks auch noch etwas Wichtiges sagen wollen, liebe Marie, so habe ich Adolf und Emma zu einer Familienberatung hierher gebeten.

„Heute?“ rief die Kapitänin ganz steuerlos und streckte abwehrend die Hände vor.

„Ach, Tante, gerade heute?“ wagte auch Gust dazwischen zu werfen und kaute schwer bekümmert an seinen Nägeln.

„Nimm die Finger aus dem Munde, Gust,“ befahl Tante Betti ungerührt, „das schickt sich nicht für einen jungen Mann, der das Abi—tu—rientenexamen machen will. Und ausserdem, mein lieber Junge, eine Familienberatung ist nämlich eine Beratung, in der man — —“

„Herein,“ rief Gust, denn es klopfte, — und durch die geöffnete Tür sah man in dem rotgepflasterten Hausflur und im Scheine einer kleinen Petroleumlampe, wie drei Ankömmlinge ihre Mäntel und Hüte an einen Rechen zu hängen sich bemühten.

Dann traten sie ein.

„Ach,“ sagte die Voranschreitende, in deren straffem Gesicht trotz ihrer Jahre auch das schärfste Auge kein Fältchen zu entdecken vermochte, und zwar aus dem Grunde, weil die bedeckende Haut zu kurz geraten war. Dadurch erhielt das ganze Antlitz etwas Gespanntes, Lauerndes, Papierenes; und auf diesem Papier standen deutlich zwei Worte geschrieben: Geiz und Habsucht.

„Ach,“ sagte Tante Emma, die älteste Schwägerin der Kapitänin, als sie der Rotweinflasche auf dem Tische ansichtig geworden war, zu ihrem Manne, einem graubärtigen Riesen, der auf seiner grünen Steueruniform das eiserne Kreuz trug, „kuck, Stark, Marie setzt uns gewiss noch etwas zum Essen vor, denn der lange Weg hat mich hungrig gemacht. Und da wir ja auch in Mariens Angelegenheiten kommen, so tut sie es sicher gern.“

Damit liess sie sich nieder, starrte auf das Etikett der Flasche und schüttelte verweisend das graue Haupt.

„Mudding,“ fragte der alte Seesteuerkontrolleur ganz gemütlich dagegen: „Haben wir nich’ eigentlich schon gegessen?“

Aber der Wille seiner Frau war niemals durch solche Einwendungen zu brechen. Hart und kalt blickte sie ihn an, legte die Hand auf den Tisch und durchschnitt kurz allen Widerspruch mit dem Satz:

„Marie gibt es uns gern.“

„Na, Mudding, ärger dir nich’,“ lenkte der Seebeamte ein, während er sich schwerfällig niederliess, wobei er seinen grünen Uniformrock aufknöpfte: „Und du, Mariing,“ wandte er sich augenzwinkernd an die Frau Kapitänin, die ziemlich ratlos auf die ungeladene Gesellschaft blickte, „mach’ dir keine Umständ’ — en bitschen Butterbrod und Käs, das is für uns ganz genug.“ Er setzte sich zu seiner Ehehälfte: „Nich’ wahr, Mudding? — Seggst du wat?“

Mit diesen Worten, die in höchster Verträglichkeit vorgetragen wurden, pflegte der brave Seemann stets die nachträgliche Ansicht seiner Gattin einzuholen. Allein in dem straffen Sphinxgesicht der Frau regte sich nichts, worauf der alte Mann befriedigt erklärte: „Mudding seggt nix“ und sich seine kurze Tonpfeife entzündete.

Gemütlich zogen die Wolken gegen die Lampe.

Gust starrte auf sie hin.

Nahm nicht eine derselben immer deutlicher die Form eines Daches mit spitzen Giebeln und allerlei Zacken und Rankenwerk an?

„Das ist das gotische Haus am Markt,“ dachte Gust. „Wenn ich erst Professor bin und Martha lebt bei mir — die schlanke Martha mit den schönen braunen Zöpfen um das Haupt, und meine Mutter — dann — dann — —“

Tante Betti wurde ungeduldig. Viel zu lange war die öffentliche Aufmerksamkeit von ihrer Person abgelenkt. Auch drängte es sie, zu erklären, warum sie nicht mit leeren Händen käme.

„Also setzen Sie sich, Herr Winkelmann,“ forderte sie den dritten Teilnehmer der Konferenz ziemlich heftig auf, wobei sie mit dem spitzen Zeigefinger hart auf den Tisch stiess, und als das dürre Männchen mit dem bartlosen, feinen Junggesellenantlitz, den wohlgepflegten Händen und den ängstlich gescheitelten weissen Haaren sich vorsichtig in der dunkelsten Ecke des Zimmers dicht unter der alten Wanduhr niederlassen wollte, da scheuchte ihn Betti noch einmal mit hochfahrenden Worten auf:

„Nein, bitte, hierher an den Tisch, Herr Winkelmann — jawohl, hier auf den Stuhl neben mir. Meine Schwägerin weiss sehr wohl, dass Sie im Auftrage unserer guten alten Freunde, der beiden Herren Kladow, erscheinen, in deren Anti—quitätengeschäft Sie ja seit langem als Prokurist tätig sind. Nicht wahr?“

Der alte Junggeselle Theodor Winkelmann verbeugte sich ehrfürchtig vor Betti. Dann verneigte er sich der Reihe nach vor jedem der Anwesenden, so dass sogar Gust dieser Ehrenbezeugung teilhaftig wurde, worauf er sich verlegen zu räuspern begann, um endlich mit seiner feinen, Nachsicht heischenden Stimme zu erwidern, das gnädige Fräulein möge gütigst verzeihen, allein Prokurist — nein — das könne er doch so ohne weiteres nicht behaupten. Freilich im nächsten Jahre, bei seinem fünfundzwanzigsten Jubiläum, könnten vielleicht — ohne jedoch irgendwelche Ansprüche seinerseits — die beiden Herren Kladow sich veranlasst fühlen, eine solche Erhöhung — — —

„Jawohl — ganz recht,“ unterbrach ihn Betti schonungslos. Dann wandte sie sich plötzlich unvermittelt an das Kontrolleur-Paar, denn sie fühlte sich völlig als die Präsidentin der Versammlung.

„Was habt ihr also zu sagen?“

„Mudding, seggst du wat?“ murmelte jetzt Vatting Stark in grosser Verlegenheit, wobei er steif unter den Tisch blickte.

„Ach was —“ begann dagegen Tante Emma und ihr unbewegliches Gesicht spannte sich nur noch straffer: „Jeder muss auf das Seine sehen. Marie kann uns das nich’ übelnehmen. Du, Adolph, bist in solchen Dingen eine Bangbüx. Also,“ — sie wandte sich direkt an die Frau Kapitänin, durch deren massige Glieder unwillkürlich ein Zittern lief, während Gust in der Vorahnung der Atem stockte.

O, die Welt war ohne Traum so grau und hässlich. —

„Also, liebe Marie, seit voriger Woche weiss ich, dass dir Stark jeden Monat zehn Taler gibt; es ist mir nicht bekannt, ob du es ihm jemals wiedergeben kannst — aber da unser Karl übermorgen gleichfalls sein Examen macht und dann auf Universitäten muss, so meine ich, dass wir diese Summe unserem Jungen nicht länger entziehen können. — Das siehst du hoffentlich ein?“ setzte sie, bereits sicherer, hinzu.

„Aber Emma,“ flüsterte die dicke Kapitänin, wie um Schonung flehend vor sich hin, und ihre grossen blauen Augen wandten sich voller Scham auf ihren Sohn, dem sie die Sorgen der Welt so lange verschwiegen hatte.

Jetzt sank der rosige Schleier und nebeldampfend lag das Leben da.

„Herr Gott,“ murmelte Gust und fasste sich an den Kopf, und der alte Junggeselle hauchte in seinem Schrecken unwillkürlich heraus: „Bitte tausendmal um Verzeihung.“

Nur Betti blieb ungerührt.

„Ist das alles?“ forschte sie kalt.

„Ja,“ meinte Tante Emma immer freundlicher, denn das Wesentliche lag ja nun hinter ihr. Den Ausfall könnte sich ja Gust auch durch Stundengeben decken. Er hätte ja eine Menge gelernt. „Nicht so, Gust, mein Jünging?“

„Ja, Tante,“ stotterte Gust furchtsam.

„Und wenn du nicht so merkwürdige Redensarten machtest,“ schloss Tante Emma nun gänzlich beruhigt, „und nicht so komische Einfälle hast, dann würdest du auch gute Stunden bekommen. Nicht so, Stark?“

Aber Vatting Stark hatte während dieser langen Rede gestöhnt, als läge er im Wasser und könne nicht ins rettende Boot gelangen. Jetzt machte er einen ungeschickten Versuch, der Hausfrau unter dem Tisch auf den Fuss zu treten, und brachte so recht gutmütig und aus unterstem Herzen hervor:

„Mariing, ’s wird allens nich so schlimm. ’s wird allens wieder gut. Nicht so?“

Da verbeugte sich auch der alte Junggeselle windschnell gegen Gusts Mutter und bestätigte mit seiner altertümlichen Galanterie, die er sich aus der Rokokoabteilung seines Antiquitätenladens erworben haben musste:

„Meine verehrte Frau Kapitänin, es kommt alles zum glücklichen Ende — ich habe nämlich seitens meiner Prinzipale den Auftrag — —“.

„Halt,“ rief hier Tante Betti beleidigt.

Wenn sie jetzt nicht als Mädchen aus der Fremde das Füllhorn ausschütten konnte, dann hatte sie die Führung verloren.

Das sah sie ein.

„Halt, Herr Winkelmann,“ sagte sie spitz, „ich habe noch einiges zu bemerken. Erstens, liebe Emma, geht es dich garnichts an, ob Gust Redensarten braucht oder komische Einfälle hat. Um dieses beurteilen zu können, muss man selbst den gebildeten Kreisen näher stehen. Ich habe wenigstens noch nichts dergleichen an unserem Gust bemerkt. Und zweitens braucht er überhaupt über seine Zukunft nicht gar so besorgt zu sein.“

Sie rückte sich zurecht und sah so selbstzufrieden drein, dass sich der Antiquar unwillkürlich vor ihr verneigte.

„Ich danke Ihnen, Herr Winkelmann. Durch die vielen Einladungen, durch die ich beehrt werde, habe ich mir nämlich manches erspart,“ fuhr sie voller Betonung fort; „und deshalb erlaube ich mir, liebe Marie —“ hier streckte sie die Hand gegen ihre Schwägerin aus, „dir monatlich 15 Taler zu offerieren. Nein, du brauchst dich nicht zu bedanken,“ fügte sie stolz hinzu.

Allein die Kapitänin bedankte sich nicht.

Die zarten Hände hielt sie vor das Gesicht gepresst und schluchzte laut und bitterlich auf.

Wer konnte wissen, ob es aus Dankbarkeit oder vor Qual geschah?

Wer?

Auch Gust ahnte es nur.

Aber er starrte wie gebannt nach Tante Betti auf ihrem königlichen Stuhle hin.

Im Strahl der grünen Lampe erschien ihm ihr Bild ganz neu.

Nein, nicht das herrliche Mädchen mit dem Glückshorn stieg durch die Tabakswolken von Vatting Stark zu ihm herunter; nein, ganz anders. Grüne Föhrenwälder taten sich vor ihm auf, und über einen braunen Nadelweg sauste ein Faunenweib auf ihrem Eselchen heran. Hässlich, grotesk, aber mit einem gütigen Lachen um den breiten Mund. Und aus ihren braunen Händen rieselten Goldstücke herab, hunderte, tausende — unzählig — lauter Goldstücke, die wie gelbe Marienblumen auf dem Waldboden standen.

„Ach, Tante,“ stammelte er hoch beglückt.

„Komm her, Gust,“ sagte Tante Betti gerührt und pätschelte ihm vornehm auf dem Kopf herum.

„Und eine Stunde habe ich dir auch verschafft, mein Junge,“ setzte sie hinzu.

— — Goldstücke —

Goldstücke —

Die Hufe des Esels klirrten auf den gelben Blumen.

„Wo? Tante Betti.“

„Bei Kapitänleutnant Kräplin. Wenn du dein Examen gut bestanden, sollst du seine Tochter in den Dichtern unterrichten.“

„Ach —“

Diesmal war es eine ganz feine Musik, die Gust zu vernehmen glaubte. Leise Flöten klangen auf, dann begannen tausend wirre Geigen zu zwitschern, und plötzlich dröhnte tief und erhaben die Orgel der Marienkirche dazwischen, jener alten gotischen Kirche, wo er Martha das letztemal gesehen hatte.

Durch das bunte Chorfenster war ein Sonnenstrahl auf ihre braunen Zöpfe geglitten.

„Ach, Tante,“ stotterte er wieder, als wolle ihm das Herz zerspringen.

Hinter ihm schluchzte die Mutter.

Tante Betti pätschelte ihm noch immer die roten Haare. Dann jedoch gab sie ihm plötzlich ganz unvermittelt einen Klaps.

„Du bist zu weich, Gust,“ urteilte sie abweisend. „Und nun geh ein bisschen auf die Strasse. Toni Stark wird ihre Eltern hier abholen. Ihr könnt beide draussen warten. Denn ich habe noch allerlei zu sagen, was du nicht zu hören brauchst. — Aber die Hauptsache bleibt: praktisch und ein Lebensplan. Und nun wollen wir in der Familienberatung fortfahren. — Bitte, Herr Winkelmann.“

II.

Draussen sprühte ein feiner Regen durch die Finsternis. Die Häuser der Strasse, wo Gust wohnte, lagen alle dem Fluss zugewandt; dumpf hörte man das nahe Plätschern, aber die Wasserfläche selbst vermochte Gust, als er jetzt auf den Damm trat, nicht zu erspähen.

Denn tief und massig schoben sich die schwarzen Nebel vom Meere hinein, und wenn sie sich an den wenigen Hafenlaternen vorüberdrängten, in denen die kleinen Petroleumlämpchen so trübe brannten, dann schien es Gust, als ob ungeheuere, matt erleuchtete Trauerschleier die Strasse und die Stadt überziehen wollten.

Er setzte sich auf die Bank unter dem Fenster, hinter welchem im Moment deutlich die feine Stimme des Herrn Winkelmann erkennbar wurde, und starrte jenseits des Flusses auf die weiten Wiesen hinüber, auf denen am Tage die Kühe der Ackerbürger zu weiden pflegten.

Jetzt lagerte dort dicke Nacht.

Unbeweglich und still lag sie da, die bedrückende Schwärze, und glotzte zu Gust hinüber. Sie sprach nicht, sie atmete nicht einmal, sie gab nicht den leisesten Ton von sich, wesenlos, eine meilenweite Höhle dehnte sie sich, als wüsste sie ganz genau, dass alles Leben doch einmal in sie hineinirren müsse.

Gust fuhr sich durch das nebelnasse Haar und schauerte auf seiner Bank zusammen.

Zum erstenmal überfiel den Jungen eine schneidende Angst.

Die Angst vor dem Leben.

O, wie es sich in seinem Herzen zusammenkrampfte. Seit einer Stunde wusste er, dass das Leben kein Festzug mit seidenen Fahnen wäre, der sich jauchzend und singend durch die Strassen bewege.

Die Menschen jubelten auch nicht auf den Balkons, keine weissgekleideten Mädchen würden Rosensträusse auf den Wanderer hinunterwerfen; nein, die Menschen sassen in ihren Stuben, rechnend an Lebensplänen und lange Zahlenreihen in ihre Bücher kritzelnd.

Drinnen sprach Herr Winkelmann, und durch das weisse Rouleau hindurch machte sein Schatten eine deutliche Verneigung. Gust griff nach seiner Brust und wandte sich erschreckt von der unbeweglichen Finsternis ab, die mit kohlschwarzen Augen wartend zu ihm hinüberblickte.

Dann schob er die Finger an den Mund, denn Tante Betti war nicht anwesend, und seine Gedanken ritten auf schwarzen Rossen weiter.

Er hatte seine Mutter weinen sehen, nicht weinen, schluchzen, diese geliebte Frau, die all seine Kinderjahre hindurch gelacht hatte.

Das schwarze Leben glotzte also auch seine Mutter an, und die liebe, dicke, starke Frau hatte, wie im Grauen, die lustigen Augen davor geschlossen und laut geschluchzt.

„Herr Gott — nie wieder — nie — nie mehr.“

Gust tat einen lauten Schwur und biss sich auf die Finger, dass er hätte schreien mögen.

Man musste also das Leben besiegen. Niederreiten, totschlagen.

„Ach, Gott sei Dank — Gott sei tausend Dank, dass er stets eine solch unbändige Kraft in sich gefühlt hatte.

Körperkräfte wie Hammerschläge, und Geistesgewalten wie glühende Feuerströme.

Ganz sicher, er würde das Leben vor sich niederwerfen.

Es gab ja so viele Wege, nicht einen nur, wie die kleinbürgerliche Tante Betti meinte, sondern viele, viele. Und er kannte sie alle.

Die Geisteswissenschaften.

Jener wunderbare Mommsen. War er nicht auch ein armer Junge gewesen? Gust wusste es zwar nicht genau, doch er glaubte, dass es sich garnicht anders zugetragen haben könnte. Gewiss — gewiss. Wenn man, wie jener einzige Historiker, tief in das Leben verschollener Völker hinuntersteigen könnte, in dämmerschwarze Schächte, wo die Seelen der grossen Helden schwebten; und dann, die Schatten packen, greifen, ihnen das eigene rote Blut zu trinken geben, sie lebendig machen könnte. O, mit einer so rot brennenden Phantasie musste das ja so leicht zu fördern gehen.

Aber wer sagte denn eigentlich, dass man durchaus ein Grübler bleiben musste?

Wer?

Nur Tante Betti.

Das Leben, das reiche, wartende Leben dachte vielleicht ganz anders darüber; er musste ja auch Soldat werden.

Und dann — wer konnte das Ende wissen? — Schlachten, ein unerhörter Aufstieg — Napoleon.

Da war er wieder — sein Lieblingsgedanke.

Wenn er diese Ideen durchfieberte, dann umrauschten ihn gischtende, perlende Ströme, in denen sich seine Seele gesund badete.

Es war so vieles morsch im Vaterlande. Thron, Staatsleben, Religion, alles war alt geworden, verbraucht. Hatten sie nicht in dem Schülerverein, den Gust heimlich gegründet, das alles ausführlich und oft besprochen? Und er musste sich stolz gestehen, dass er Karl Stark, der Bankbeamter werden wollte, und sogar den Junker Malte von Zingst zu seinen Ansichten bekehrt hatte.

Alle seine Mitschüler gaben zu, dass man nach neuen Formen und nach neuem Inhalt lechze.

Nur der starke Mann fehlte, der gnadenspendende Diktator, der Napoleon und Christus zugleich sein musste.

Aber er fehlte ja garnicht, er sass ja da — hier auf der feuchten Bank, und hob im Augenblick spürend die schmale Hakennase in die Luft, als vernehme er bereits die Hufschläge des Rosses, das man ihm bringen würde.

Von fern wieherte etwas.

Gust fuhr zusammen.

Er sah ihn deutlich vor sich, den schwarzen arabischen Hengst.

Und dann aufgesessen und mit dem Degen nach Russland gewiesen, wo der Feind aller Kultur zertrümmert werden musste.

Hörst du sie klingen?

Tausend helle Trompeten schmettern: „Freiheit — Freiheit — —“ Die ungeheuren Ödstrecken werden bebaut, überall verkünden jauchzende Sendboten des Kaisers neues Evangelium: das irdische Paradies.

Ein schwerer Regentropfen, der gerade auf Gusts Nase fiel und auch auf die Augen abspritzte, öffnete diese wieder dem gewöhnlichen Leben.

Eben kamen leichte Tritte die Strasse herunter, und schon von weitem erkannte Gust, dass man keinen arabischen Hengst bringe, sondern dass es nur Toni Stark wäre, deren schlanke Gestalt halb von einem aufgespannten Regenschirm verdeckt wurde.

Als sie an ihm vorbei gehen wollte, streckte er plötzlich die Hand nach ihrem nassen Röckchen aus.

Darüber erschrak die Siebzehnjährige.

„Bist du’s, Gust?“ fragte das blonde Mädchen, während sie den Schirm sinken liess, um den Sitzenden in der Dunkelheit deutlicher zu erkennen.

„Ja, ich, Toni.“

Und nachdem er ihr erklärt hatte, warum sie beide hier draussen warten sollten, setzte sie sich neben ihn. Feiner und durchdringender stäubte der Sprühregen auf die beiden nieder, von ihnen nicht beachtet, weil sie gerade durch das Rouleau spähen mussten, hinter dem der hagere Schatten von Tante Betti im Moment ganz vernehmlich die Worte sprach:

„Ihre Vorschläge, Herr Winkelmann, sind so, wie ich sie erwartet habe. Ich nehme sie also im Namen meiner Schwägerin dankend an.“

Darauf erhob sich der Schatten des Herrn Winkelmann und verneigte sich.

Dann wurde drinnen wieder alles still.

Nur der Fluss plätscherte an das Bollwerk. Und ganz vom Ende der Gasse, wo der alte Kückeweih wohnte, den die Stadt als Leichenfischer angestellt hatte, klang eine verstimmte Geige herüber.

Der alte Fischer sang dazu:

„Ich hatt’ einen Kameraden,

Einen bessern find’st du nicht.“

Da rückte Toni dicht an Gust heran, und nachdem sie den Schirm über sich und den Jugendfreund ausgespannt hatte, schob sie auch noch den Arm vertraulich unter den seinen, was sich der Gymnasiast ohne besondere Regung gefallen liess.

„Du, Gust,“ hob sie fröstelnd an, während sie rasch hinter sich auf den erleuchteten Vorhang wies, „bei uns zu Hause, da wird auch schon wochenlang beraten. Über Karl. Er soll ja durchaus viel Geld verdienen. Immer bloss Karl. Um mich kümmert sich wieder kein Mensch.“

Als sie das sagte, zitterte plötzlich ihr Körper, und ihre vollen roten Lippen bebten wie im Frost.

Gust starrte sie durch die Finsternis an.

Und sein Geist ward abgelenkt.

Wirklich, er war all die Jahre hindurch so vollkommen in dem gläsernen Hause seiner Träume eingeschlossen gewesen, dass er das allmähliche Aufwachsen dieser Seele neben sich überhört oder übersehen haben musste. Ja, jetzt war er im höchsten Grade erstaunt, dass da überhaupt etwas sich Entfaltendes neben ihm sässe.

„Du, Toni?“ fragte er verwundert, „entbehrst du denn das?“

„Was?“

„Dass man sich um dich zu Hause weniger kümmert?“

Sie wischte sich mit einer raschen Bewegung die Nebelperlen von dem dunklen Jackett, und ihr frisches Antlitz entfernte sich etwas von Gust.

„Ich bin jetzt in dem Alter,“ gab sie trotzig zurück, „wo man jemand besitzen muss, den man lieb haben kann. Das verstehst du noch nicht.“

So sprach die Siebzehnjährige.

Gust ging ins neunzehnte Lebensjahr.

„Du hast doch deinen Vater,“ tastete Gust vorsichtiger, der zu seiner grössten Überraschung empfand, dass er hier an etwas Fremdes, ihm bisher Unbekanntes rühre.

Das war das Weib.

Aber Gust, der bereits von braunen Zöpfen und schlanken Hüften träumte, wusste es trotzdem nicht.

Neben ihm bewegte sich das Mädchen und blickte vor sich nieder.

„Ja, meinen Vater,“ erwog sie. Und dann setzte sie rasch entschlossen hinzu: „Aber er hat nichts zu sagen. Wenn ich bloss ein Mann wäre wie du, o wie wollte ich dann —“ Hier schwieg sie und breitete die Arme aus, als wünsche sie etwas an sich zu ziehen.

„Was würdest du?“ forschte Gust, zur Seite rückend.

„Nichts — nein — das weisst du noch nicht.“

Dieses Urteil war für einen Helden, der eben noch auf arabischem Hengst der Welt vorangeritten war, ein wenig zu unfreundlich.

Verletzt zog Gust deshalb seinen Arm von dem ihrigen fort und äusserte mit festem Ton: „Du bist in letzter Zeit sehr hochmütig geworden, Toni.“

Da wurde sie auf einmal ganz bestürzt, und indem sie sich sachte mit ihrem Arm wieder an den seinen drängte, lächelte sie verlegen: „Ach nein, das musst du nicht glauben, Gust; zu dir nicht.“

„Es kommt auch einem Mädchen garnicht zu,“ vollendete nun Gust stolz. „Der Mann ist überall mehr wert. Sogar nach kunstästhetischen Gesetzen ist der männliche Körper schöner, als der weibliche.“

„Wirklich?“ räusperte sich Toni erstaunt und dabei beugte sie ihren Leib ein wenig nach vorn, und aus ihren blitzenden blauen Augen sprühte ein unverhohlenes, wohlgefälliges Lachen:

„Das ist ja alles Schnack, Gust — hier, komm und fühl eins, wie rund und fest meine Arme geformt sind. Is das nich’ hübsch?“ —

Allein Gust rückte schnell von ihr fort: Darauf käme es nicht an, bemühte er sich hochfahrend und belehrend vorzubringen, obwohl ihm die Stimme vor Verlegenheit zitterte. Das Zweckmässige und die Muskulatur seien die Hauptsache.

Darauf schwiegen sie wieder eine Weile.

Toni zog sich den Ärmel straff, und Gust bemühte sich, in die dunkle Nacht zu starren, die aus schwarzem, zahnlosem Mund zu ihnen herüber grinste.

Die alte Urmutter spottete heimlich über das immer sich gleich bleibende Ringen der Geschlechter.

Als der Regen jedoch stärker und immer stärker auf ihren Schirm zu trommeln begann, sagte Toni unvermittelt mit einer wegwerfenden Gebärde:

„Wirklich, das ist ja alles Schnack. Ihr Jungen seid für vieles eben noch zu dumm. — Aber sag’ mal, wird Karl das Examen übermorgen bestehen?“

Gust nickte gleichgültig und dachte nach.

Tonis Bruder war gegen die Lehrer stets gefällig gewesen, zudem hielten sich seine Leistungen gewöhnlich auf einem anständigen Mittelmass. Warum sollte er die Prüfung nicht durchmachen?

„Und du?“ fragte Toni nun gespannt und kehrte ihm rasch ihr Antlitz zu, dessen weisse und rote Farben sogar durch die Nacht zu leuchten schienen.

„Bei mir ist das etwas anderes,“ gab Gust hochaufatmend zurück, und durch seine hagere Gestalt strömte etwas von dem Wesen Napoleons: „Sieh, Toni, du musst nicht darüber sprechen. Aber weisst du, warum ich nicht die geringste Furcht habe, sondern im Gegenteil die grösste Zuversicht? Das kommt daher, weil alle Nationen ihre gesamte Volkskraft, ihre besten Tugenden, wie Treue, Tapferkeit, Phantasie, Stärke in einzelnen Menschen verkörpern. So ist das auch bei Napoleon gewesen, und ich habe die Ahnung, dass das bei mir auch der Fall sein kann.“

„Aber, um Gottes willen,“ erschrak Toni und ergriff unwillkürlich seine Hände. „Du wirst dich doch nicht neben den Kaiser stellen wollen?“

Ohne es zu wissen, begann er krampfhaft ihre Finger zu pressen, und sie, die Freude an dem starken Druck empfand, überliess sie ihm willig. Und dann strömte es in stolzer Rede von seinen Lippen wie ein junger Gebirgsbach, der ungeheure Steine, die jahrtausendelang in ihrer ordnungsvollen Ruhe gelegen, schmetternd zu Tal stürzt.

So klang es der Gebannten ins Ohr.

Unermesslich wäre eben das Unglück, dass sich nicht neue Menschen neben die ganz Grossen zu stellen wagten. Die ungeheure Mutlosigkeit und Bedrückung, die auf dem jetzigen Geschlecht lägen, unter ihnen verkümmere alles. Aber jetzt sei endlich die Zeit der Erfüllung, denn nach dem Ausspruch eines genialen Philosophen, den er erst kürzlich gelesen, brauche man nur den Willen, den ganz festen, unerschütterlichen Willen zur Macht zu besitzen. Und den spüre er in sich, dass es ihm fast in den Händen zucke.

O, du sollst mal sehn — du sollst mal sehn!“

Toni sass neben ihm in ihrer frischen Natürlichkeit, die sich nur an das Greifbare hält, und alles, was sie von seiner Empfindung erfasste, das war der berauschende Klang seiner Worte und der sich immer mehr verstärkende Druck der Hand.

Wie es in diesen Fingerspitzen fieberte, das teilte sich ihr stark und rieselnd mit.

„Ach, Gust,“ stotterte sie endlich bewundernd.

„Was, Toni?“

„Ich wünschte, dass sich dir alles erfüllte. Und dass du mal ein recht reicher Mann würdest.“

So — da hatte sie ihm in ihrer derben Erdenhaftigkeit den goldenen Stuhl hingesetzt und den silbernen Fussschemel davor gerückt. Strahlendere Schätze barg ihre Phantasie nicht, aber den aller Gegenwart Entrückten stach das plötzliche Wort, das so sehr der Erde gehörte, es verletzte ihn förmlich.

„Lass das,“ gab er unsicher zurück.

Zugleich empfand er, dass die Nässe an seiner Haut heruntertroff.

Er stand auf und zitterte.

„Komm,“ forderte Toni, die merkte, dass sie ihren Gefährten beleidigt haben könnte, „komm, die da drin sind ja doch noch nicht fertig; wollen ein Stück gehen. Bis zu Kükeweih. Wenn du dabei bist, fürchte ich mich nicht.“

Dies letzte sagte sie ihm zur Versöhnung. Denn sie war sonst ein geschmeidiges, furchtloses Mädchen.

„Nun gut,“ entgegnete Gust geschmeichelt.

Sie gingen.

Unter dem braunen Bollwerk, an dem sie entlang wanderten, tauchten bei jedem Schritt die schwarzen Umrisse von Schiffen auf. Starr und skelettartig ragten auf Augenblicke ihre kahlen Rahen aus der Finsternis, um gleich darauf wieder im Nebel zu verschwinden. Von Zeit zu Zeit mussten die Wandrer straff ausgespannten eisernen Ketten aus dem Wege gehen, mit denen die schweren Jachten ans Ufer geschlossen waren. Dicht über der murmelnden Wasserfläche, die man nicht sehen, nur hören konnte, zuckte zuweilen ein irrender Schimmer, gleich einem grossen Leuchtkäfer auf, der in den Nebeln sterbend mit den Wassern kämpfte. Das waren aber nur die verschwimmenden Lichter, die tief aus den Höhlen der Schiffe drangen, von wo man auch undeutliche Menschenstimmen vernahm.

So waren die beiden Freunde eine Strecke weit gegangen, als Toni sich keck zu ihrem Begleiter wandte.

„Du, Gust, warum gibst du mir eigentlich nicht den Arm?“ begann sie. „Oder fürchtest du dich, weil es von der Schule verboten ist?“ setzte sie spöttisch hinzu.

„Ich fürchte mich nicht.“

Gust erschrak.

Dann blickte er sehr betroffen auf seine Bedrängerin.

Toni betrug sich heute wirklich höchst merkwürdig. Es wurde Zeit, sie in die gebührenden Schranken zurückzuweisen.

„Lass das,“ wies er sie deshalb ärgerlich ab. Und um eine Erklärung zu geben, stotterte er noch hinzu: „Das sind alles überlebte Formen.“

Da zog sie den bereits erhobenen Arm entrüstet von ihm.

„Du hast keine Idee, wie man mit jungen Damen umgeht,“ war ihre ganze Erwiderung. „Du kennst die Welt noch nicht.“

„O, ich kenne die Welt,“ versetzte Gust siegessicher. Und er dachte im Moment an den dunklen, goldgeschmückten arabischen Hengst. Nur seltsam, dass zur gleichen Zeit sein Herz laut und ängstlich zu pochen begann.

„Na, nu kommt man rein,“ forderte der alte Kükeweih die beiden an der Schwelle Stehenden auf. „Aber erst will ich hier noch ein bisschen Licht machen, sonst fallt ihr hin.“

Damit erhob sich aus dem Halbdunkel der engen hölzernen Hütte, die vor Zeiten ein Anbau eines Räucherhauses gewesen war, eine riesige Gestalt. Im Scheine des Lichtstümpfchens erschien sie von so phantastischen Dimensionen, dass man garnicht begriff, wie sich dieser Hüne in einem derartig niedrigen Raume vom Platze bewegen könne, ohne sich an den Deckenbalken den Schädel zu zerschmettern.

Auch sonst gab es hier Dinge, die verwunderlich waren.

Da war zunächst die Ausstattung des schwarzbraunen Loches.

Befand man sich in der Arbeitsstätte eines Musikinstrumentenmachers, oder blickte man in das Heim eines Spielwarenschnitzers?

Beides konnte für wahrscheinlich gelten.

Überall an den Nägeln, Holzklötzen und Pfosten hingen und standen Violinen, Flöten, alte zerbeulte Trompeten, ja sogar eine bejahrte Kesselpauke herum, während auf dem Tisch und auf kleinen Eckbrettern allerlei halbfertige Holzfiguren, bewegliche Soldaten, schnappende Krokodile von lächerlichen Formen, sowie alle möglichen Papphampelmänner ihrer farbigen Vollendung harrten. Und wenn durch all den Leimgeruch hindurch, den ein blauer, auf zuckendem Holzfeuer stehender Tiegel von seinem Backsteinherde aus verbreitete, wenn durch diesen fetten Brodem sich nicht noch ein ätzender Trangeruch gedrängt und man nicht aus den dunklen Ecken Ruder und Netze wahrgenommen hätte, man würde niemandem auf sein Wort geglaubt haben, dass man sich bei dem Fischer Jeremias Kükeweih befinde, dem die Stadtverwaltung das vielbegehrte und feierliche Amt eines Leichenfischers anvertraut hatte.

Auf diesem kleinen Gebiete jedoch leistete Jeremias Nieerreichtes.

Wer vermochte, wie er, wenige Stunden, nachdem ein Unglücklicher sich und sein Schicksal in den Wassern geborgen, die irdische Hülle still und unbemerkt in seinem langen schwarzen Kahne wieder zurückzubringen?

Keiner.

Wer tröstete, wie er, die ernsten, hingestreckten Gestalten, wenn sie zur Nachtzeit unter dem braunen Segeltuch verborgen lagen, heimlich durch passend ausgewählte Flöten- und Geigenstücke?

Hört zu:

„Freut euch des Lebens,

Weil noch das Lämpchen glüht,

Pflücket die Rose,

Eh’ sie verblüht.“

Das wusste er besonders neckisch vorzutragen.

Was konnte Jeremias dafür, dass er nicht sah, wie die Toten, die es nun besser wussten, zu dieser Ansicht meistens still die Köpfe schüttelten?

Denn erstens lagen sie der Nacht wegen verdeckt und zweitens besass Jeremias überhaupt nur ein Auge — das zweite war ihm bei einem Fall ausgelaufen — und dieses einzige lag unter ungeheuren grauen Büschen verborgen, so dass ihm beinahe jede Aussicht versperrt wurde.

Aber dies beeinträchtigte die Achtung, die man dem Führer der Toten entgegenbrachte, keineswegs, und wenn die fremden Matrosen ihn in der Frühstunde mit seiner Ladung still und lautlos an den Flussufern entlang gleiten sahen, dann sagten sie:

„Jimm hat wieder seinen Walfisch.“

Denn diese Abkürzung hatten sie seinem Namen beigelegt.

Und dann wurde über den guten Witz gelacht.

„Na, nu kommt man,“ lud Jimm ein und strich sich seinen gewaltigen grauschwarzen Bart, der ihm wirr und weit über die Brust herunter fiel, und als Gust und Toni etwas verschüchtert in den Leim- und Tranduft eingedrungen waren, packte Jimm mit seinen gewaltigen Schaufelhänden Gust um den Leib, als gedächte er ihn zu seinen Holzsoldaten auf den Tisch zu heben, um ihm dort die fehlende rote Farbe zu verleihen, und brummte mit seiner alten, verrosteten Stimme:

„Na, willst nu Professer werden, mein Jünging?“

„Ja, ich hoffe,“ versetzte Gust und hustete ein wenig verlegen.

„Das ist nichts,“ stellte Jimm nachdenklich fest, wobei er seinem Besuch auf dem Kopf herumpätschelte. „Das ist garnichts.“

„Weshalb nicht?“ rief Gust verletzt.

„Na, sag’ eins, sitzt du da nicht den ganzen Tag hinter Büchern?“

Gust nickte.

„Na und was lernst du daraus?“

Gust dachte nach, blickte auf Toni, die sich kaum das Lachen verbiss, und gab endlich kurz zurück:

„Wozu soll ich dir das erklären? Das verstehst du doch nicht, Jimm Kükeweih.“

„Na nu aber doch,“ forderte der Alte und stiess ungeduldig mit dem mächtigen Transtiefel auf den Estrich.

Alles zitterte.

Selbst die Holzsoldaten fielen um, und die Krokodile schnappten.

„So sag’ doch,“ warf Toni schnippisch dazwischen.

„Ja, aber er begreift es doch nicht,“ ärgerte sich Gust, der sich plötzlich stark in die Enge getrieben sah. Dann platzte er plötzlich heraus:

„Aus den Büchern lernt man zum Schluss — die — die grossen Zusammenhänge. — Ja, die grossen Zusammenhänge,“ wiederholte er jetzt ganz stolz und erleichtert.

Der Leichenfischer liess sich auf seinen Schemel nieder und schüttelte das mächtige Haupt. „Das ist nichts,“ stellte er endlich fest und schlug sich schallend aufs Knie. „Zusammenhänge? — Das ist allens dummes Zeug. Was nicht zusammenhängen will, das klebt man einfach zusammen, wie ich es hier mit meinem Leimtopf mache. Was is da Grosses? Nein, das bedeutet garnichts. Aber lernst du denn nicht das Letzte, Gust?“

„Welches Letzte?“

„Das Allerletzte?“

Gust war es plötzlich, als ob der Brodem, der die Hütte füllte, sich ihm lähmend auf die Brust legen wolle. Und er sah, wie auch Toni mit grossen, erschrockenen Augen zu dem Alten herüberstarrte.

„Du meinst doch nicht etwa — —?“ stotterte er.

„Woll,“ murmelte Jimm und wackelte mit seinem Schemel. „Das gerade mein’ ich. Weisst du nich’, was aus dem Menschen wird? Und wo er hingeht?“

„Nein,“ wehrte Gust erblassend ab und er spähte wie unwillkürlich nach dem Ausgang:

„Darüber gibt es keine Auskunft.“

Diese Antwort schien der Alte jedoch gerade erwartet zu haben. Halb befriedigt und halb verächtlich nickte er mit dem grossen Kopf, dann vergrub er die Riesenfäuste mit grobem Lachen in die Taschen und streckte geräuschvoll die Beine von sich.

„Kuck,“ grunzte er, „was hab’ ich gesagt? Keine Auskunft. Na, Gust, folg’ mir, und werd’ kein Professer. Und weisst du auch, warum, mein Jünging? — Ne? Nu dann will ich es dich kund tun. Hör’ zu: Im Grund fürchten sich nämlich die Professers alle vor dem Letzten und möchten gern wissen, wie es damit steht. Deshalb schneiden sie auch so graulich in den Toten ’rum, die ich ihnen auf den Saal bringen muss. Aber meine Walfisch’ sind ihnen zu klug. Die halten fest den Mund zu und geben keine Antwort. I wo, da muss schon ein andrer kommen. Ein ganz andrer.“

„Antwort?“ echote Toni, die sich vor Angst wieder an Gust gedrängt hatte. Und ohne, dass er es merkte, schlang sie den Arm um ihn und ihr schlanker Körper presste sich gegen den seinen.

Wie eine dunkle Fledermaus schwebte die Furcht über den beiden. Der Alte und seine Umgebung hatten es ihnen wieder einmal angetan. Und doch drängten sich die Kinder der ganzen Stadt wie magnetisch gezogen in die Hütte des alten Jimm.

„Geben die Toten denn Antwort?“ flüsterte Gust, halb im Frost.

Er zitterte am ganzen Leibe. Aber vor seinen weit geöffneten Augen hatte sich das umgebende Gebälk längst in einen wallenden Nebel aufgelöst, und mitten in den Schwaden, da sass dieser alte Magus auf seinem Dreifuss, legte mit seinen plumpen Händen den Toten Zettel in den Mund und befahl ihnen zu reden.

Jimm hatte den Totenzwang.

„Antwort?“ Der Alte mass seine Besucher von oben bis unten und wiegte zweifelnd das Haupt: „Je,“ meinte er endlich nachdenklich, „ich weiss nicht, ob ihr auch so seid wie die in der Stadt. Sie sagen ja von mir, ich hätt’ meinen Klug nicht ganz“ — hier zeigte er nach seiner Stirn —, „seit mir bei dem Schiffsunglück meine Frau und meine beiden Jungen versoffen sind. Aber das müsst ihr nich’ glauben,“ fuhr er gemütlich fort und schob einen neuen Priem in den Mund, „ich weiss bloss ordentlich mit den Stillen umzugehn.“

„Was tust du denn mit ihnen?“ flüsterte Toni, bei der die Neugierde das Entsetzen überwog.

„I, ich sprech mit ihnen. — Still und richtig, wie es sich gehört. Und hauptsächlich, ich spiel’ ihnen was vor. Seht, so.“

Damit griff er hinter sich, holte eine alte, verschimmelte Geige hervor und begann einige verstimmte Töne zu ziehen. „Und wenn ich ihnen dann recht was erzähl’,“ fuhr er behaglich fort, „was sie gern hören wollen, oder wenn ich so was Feines und Passendes spiel’, dann klären sich auch die Gesichter auf — ich hab’s oft gesehen, — dann beginnen sie beinah zu lachen, ja, und manche verziehen euch sogar den Mund und wollen sprechen. Ja, ja, so is es. Seitdem weiss ich aber auch, dass man sich vor dem Letzten nicht fürchten soll. Es gibt gar kein Letztes. Das is ganz anders, als die Pasters glauben.“

Gust fühlte plötzlich, wie der Leib Tonis an dem seinen bebte. Halb unbewusst drängte er deshalb zur Tür, noch während der raschen Bewegung stammelnd, dass sich der alte Jimm solche wunderlichen Erscheinungen gewiss nur einbilde.

Da lachte der Riese recht zutraulich und hob eine eiserne Laterne vom Tisch, in welcher er das Licht entzündete.

„Einbildung? da kuck selbst nach, du dummer Jung,“ brummte er bescheiden — „ich hab’ grad’ so einen Walfisch hier. Da unten im Boot liegt er. ’s ist Grete Kräwt, die gestern aus Liebe ins Wasser ging, die dumme Dirn. Na, kommt.“

Gewaltig streckte sich der mächtige Leib, die Riesenfaust hob die Laterne so hoch, dass sie an die Decke stiess, und in dem zitternden Schein sah man die todblassen Gesichter der Kinder.

Eine Sekunde nur.

Dann hatte Gust die Gefährtin über die Schwelle gerissen, und dumpfe, enteilende Tritte verkündeten dem alten Kükeweih, dass er auf kein Publikum mehr zu rechnen habe.

Eine Weile lauschte Jimm noch, als könnte er die Flucht der Kinder nicht begreifen. Dann schüttelte er ärgerlich — ein missverstandener Weiser — das Haupt und riss zornig seine Tür weit auf:

„Gust,“ brüllte er, dass es weit über die dunklen Wiesen hallte. „Gust, Hanswust — laufe doch nich so. Wer sich vor dem Letzten fürchtet, der wird im Leben kein Professer. Aus dir wird nichts. — Gust, Hanswust.“

Aber keine Antwort wurde laut.

Da liess sich der Alte missmutig auf seinen Schemel zurückfallen und dachte eine Zeitlang ernsthaft nach. Endlich jedoch flog ein Lächeln über seine verwitterten Züge:

„Was Grete Kräwt woll über die dummen Bälger lachen wird,“ meinte er halb neugierig, „ja, ja, sie wird sich gewiss darüber wundern.“

Und damit strich er mit aller Macht über seine Geige, dass sie laut aufbrauste:

„Freut euch des Lebens,

Weil noch das Lämpchen glüht,

Pflücket die Rose,

Eh’ sie verblüht.“

Erst bei dem alten Schwedenturm, der noch aus der Festungszeit einsam und zerbröckelt neben dem Fluss aufragte, machten die Flüchtlinge Halt. So weit hatte sie ihre aufgeregte Einbildungskraft getrieben. Hier schöpften sie ein wenig Luft, obgleich sie sich, wie auf Verabredung, auch an diesem dunklen und unheimlichen Ort, um den der Wind so heulend jagte, nicht von den Händen zu lassen wagten.

Kalte Regenschauer fegten auf sie nieder.

„Gust,“ brachte Toni, die sich rascher erholte, atemlos hervor: „Hast du Grete Kräwt gekannt?“

„Ja, sie soll sich ja wegen des Steuermannes Grapentin das Leben genommen haben, als er nichts mehr von ihr wissen wollte.“

„Pfui — so seid ihr Männer — so seid ihr. Mir sollte so was nicht passieren. Ich lache über euch alle — ich lache einfach.“

Und sie lachte wirklich mit stolz in den Nacken geworfenem Haupte. Das Echo brach sich an dem alten Mauerwerk, und ein helles Gelächter schlug zurück.

„Gust,“ flüsterte Toni weiter, bei der die Unheimlichkeit der Gegend und die eben überstandene Angst alle verborgenen Gefühle zur Höhe brachten:

„Du bist jetzt ein grosser Junge — und in der Prima habt ihr ja alle so was — Karl schreibt sich ja auch mit Lisbeth Blohm. Du kannst’s mir ruhig anvertrauen — hast du nicht auch all eine Braut? Sag mal.“

„Ich?“

Da unterlag Gust gleichfalls dem phantastischen Orte. Das Heulen des Windes und das in seinen Adern summende Blut, alles vereinte sich, um ihn in eine unerhörte, wildblühende, nie zuvor gesehene Landschaft zu versetzen.

„Ja,“ quoll es heiss aus ihm heraus, „ich hab’ eine Braut — ich hab’ eine.“

Im Moment war er sich keiner Lüge bewusst, ja, er hätte wie ein Marienritter seine Lanze gegen alle Welt eingelegt, wenn sie ihm die Liebkosungen der stillen, goldbraunen Martha bestritten hätte.

In diesem Augenblick zog er die Ferne an sich, er fühlte sie, er küsste sie auf Augen und Haare.

„Martha Kräplin?“ flüsterte Toni neben ihm. Und es klang beinahe wie Trotz und Hass dazwischen. Allein Gust war zu sehr in seinem Gespinst verstrickt, dunkelrot, nickte er nur. Und je mehr seine Gefährtin ihm nun die Unmöglichkeit seiner Angaben zu beweisen suchte, je heftiger sie Gusts Schüchternheit und den Unterschied der sozialen Stellung zwischen seiner Angebeteten und ihm hervorhob, denn Martha Kräplin war die Tochter eines Kapitänleutnants, desto glühender schilderte Gust in seiner Tollheit die Liebesbeweise, die er bereits erhalten haben wollte.

„Küsst Ihr euch?“ forschte Toni barsch und ungläubig.

„Jedesmal beim Abschied,“ versicherte Gust.

„Das lügst du,“ schrie Toni, die vor Wut die Fäuste ballte.

„Warum? Glaubst du, dass ich ein Weib nicht bezwingen kann?“

„Du — du wagst dich ja garnicht an ein erwachsenes Mädchen heran, du — du Hans guck in die Luft, du.“ Dabei streckte sie sich und schob den Fuss vor, als ob sie einen Feind erwarte. Und wild klang’s:

„Kuck, hier steh’ ich, so versuch’s doch, so wag’s doch, du Duckmäuser.“

O, Gust, jetzt packt dich das rasende Leben beim Schopf, jetzt packt dich der eine der beiden Ströme, die um die Erde kreisen, und trägt dich zu fernen Ufern. Die Ströme heissen: Hass und Liebe.

Gust schien es, als ob seine Willenskraft, sein ganzes Seelenleben in dicken Nebeln tanze. Oder wirrten die Schwaden um ihn herum wirklich so dicht? Das einzige, was er entsetzensvoll fühlte, war Furcht und Beben vor dem Weibe.

„Toni, ist das dein Ernst?“ stammelte er schwankend.

Da verhöhnte sie ihn von neuem, immer verächtlicher, denn sie merkte seine knabenhafte Unkraft.

„Du willst Martha Kräplin geküsst haben?“ lachte sie herb. „Du? — Du Feigling?“

„Nimm dich in acht,“ fuhr Gust jetzt auf und stürzte auf sie zu. Seine Arme waren hoch erhoben, mehr zum Ringen als zur Umarmung, und das Mädchen wich im ersten Moment erschrocken zurück.

„Tu mir nichts,“ stotterte sie noch.

Dann waren sie aneinander. Ein Kämpfen, Ringen, ein Fassen und dann — ein zitterndes Umfangen, ein scheues Beben, Wange an Wange. Es war alles nur Ahnung und Wunsch.

Und doch waren diese beiden erschütterten Seelen so befangen, so völlig von dem Unerhörten durchwühlt, dass Toni sich erst wieder fand, als sie Gusts Nacken, den sie mit beiden Händen umklammert hielt, langsam und scheu fahren liess.

„Sei mir nicht bös,“ hauchte sie, „du bist kein Feigling, du bist nicht feig.“

Aber Gust antwortete nichts.

Der erste Schritt, der erste Blick in das unbekannte Land, das er betreten sollte, sie hatten ihm eine ungeheure Enttäuschung gebracht.

Er verharrte wie in starrender Verwunderung.

O, du treue Begleiterin des armen Gust, du tänzelnde, spielerische Phantasie, wo sind deine wollüstigen Gemächer, die rotfunkelnden Springbrunnen, die weichen Düfte, die marmornen Glieder? Wo die tanzenden Sklavinnen?

Nirgends!

Hier steht das frische, erdenhafte Leben und hat keck den Vorhang fortgerissen. Und die erste Betäubung deines Schützlings sieht nichts, als eine ungeheure Weite, auf der das Schweigen lagert.

Da steht Gust und starrt auf das unbekannte Land.

„Und du willst Martha heiraten?“ fragt eine bebende Stimme neben ihm.

Gust nickt kurz.

Er hätte in diesem Augenblick um keinen Preis sprechen können.

„Dir gönn’ ich alles,“ fährt es neben ihm halb schluchzend fort. Aber trotzig klingt es gleich darauf dazwischen: „Und von nun an bin ich deine Vertraute. So etwas braucht man. Hörst du?“

Noch einmal wirft sich das Mädchen an seine Brust und küsst ihm stürmisch den Mund.

Dann tönen dicht hinter ihnen Schritte, und unvermittelt reisst sich Toni los, um wie ein schiessender Vogel in der Nacht zu verschwinden.

„Gute Nacht, dummer Gust,“ verklingt es lachend.

Dann ist er allein.

Eine Weile steht er noch unbeweglich und lauscht. Die nahenden Schritte schallen deutlicher.

Sollte Jimm Kükeweih seine Spur gefunden haben?

Aber nein, Jimm schreitet nicht so zart. Es muss jemand anders sein.

Aus der Dunkelheit löst sich ein wohlanständiger Überzieher, beschattet von einem etwas hohen Zylinder, und als der späte Wanderer näher kommt, da erkennt Gust Herrn Winkelmann, der sich auf dem Heimweg befindet.

„Ah, Sie sind’s, mein junger Freund,“ räuspert sich der Antiquar und zieht ehrfürchtig den hohen Hut: „Freut mich ungemein. Da möchte ich Ihnen noch ganz ergebenst eine gute Nacht wünschen. Auch glaube ich, dass Sie zu Hause erwartet werden.“

Damit nimmt er den Zylinder noch einmal ab und schwenkte ihn tief mit einer unnachahmlich archaistischen Bewegung.

„Empfehle mich ergebenst.“

Gleich darauf schreitet er diskret in die ihn entziehende Dunkelheit. Wieder steht Gust in der Finsternis. Er schüttelt das Haupt und legt die Hand an die Stirn.

Was bedeutet das alles?

Die Welt mit ihren Küssen und Zylindern kommt ihm immer unlogischer vor.

Wer kann da herausfinden?

Und tief senkt er das Haupt und schleicht erschüttert nach Hause.

III.

Am nächsten Morgen Punkt 9 Uhr stand die Frau Kapitänin Petersen freudestrahlend am Bett ihres Einzigen. In ihren Händen hielt sie hoch erhoben einen schwarzen Gehrock, der zwar auf dem Rücken und an den Ärmeln einigen Glanz aufwies, im übrigen aber die Feierlichkeit seiner Art gut repräsentierte. Dies war der Gehrock, den der verstorbene Kapitän Petersen an seinem Hochzeitstage getragen hatte, und der nun für Gust zurecht gemacht worden war, erstens, weil sich der Rock noch kampftüchtig zeigte, und hauptsächlich, weil Frau Miete heimlich daran glaubte, dass sich die hervorragenden geistigen Eigenschaften ihres Gatten doch irgendwo in den grossen Vorder- und Hintertaschen des Kleidungsstückes festgesetzt haben könnten.

Der Verstorbene hatte ja spanisch und holländisch zu fluchen vermocht. Das erfüllte die Witwe noch heute mit wehmütiger Erinnerung.

„Ja,“ sagte sie und hielt den Rock wohlgefällig den Sonnenstrahlen entgegen, die in breiter Bahn durch das schräge Dachfensterchen drangen.

„Ja,“ sagte sie, „sieh her, er hat ihn zu unserer Hochzeit getragen. Kuck, so knöpfte er sich immer nur den ersten Knopf zu, vielleicht weil eine weisse Weste darunter sass. Vielleicht auch, weil er schon damals ein wenig korpulent wurde. Ach, es war ein schöner Mann, dein Vater. Er erinnerte mich immer ein wenig an den Dr. Martin Luther. Weisst du, Gust, wegen des Doppelkinns; und dann, sobald ich nach seiner Meinung zuviel Wochengeld ausgegeben, dann schlug er auch immer so herrisch auf das Wirtschaftsbuch. Akkurat wie Martin Luther.“

Mit diesen Worten drehte sie das Kleidungsstück halb bewundernd, halb andächtig hin und her, und sie ahnte vielleicht selbst nicht, wie sich ihre runden Augen dabei unmässig vergrösserten. Dachte sie doch im Moment daran, ob ihr Gust nicht gleichfalls so eine Art Reformator werden könnte, und ob man seine Lieder nicht auch einmal in der Marienkirche singen würde.

Und Gust?

Sobald seine Mutter das bunte Tor der Träume mit ihren zarten Händen aufstiess, der Sohn sprang stets laut jubelnd hinterdrein.

„Mutter, hier bin ich — ich will werden, was du willst.“

Und er hörte ebenso wie sie die tosende Orgel, und er vernahm Martha Kräplin mit ihrer hellen Stimme seine Lieder singen. Mit heissen Wangen sprang er aus dem Bett gerade in die Sonnenwärme hinein.

Über dem schwarzen Rock, den sich Gust nun vor dem Spiegel anziehen musste und an dem die Frau Kapitänin beifällig herumzupfte, darüber vergassen sie beide völlig das Stipendium von Tante Betti, sie entschlugen sich aller Lebenspläne, alles aus Stolz über das Staatskleid, das wie ein Kaiser in diese Hütte getreten war.

„Hier ist noch ein weisser Schlips,“ meldete die starke Frau zum Schluss und band ihrem geschmückten Sohne auch dieses feierliche Attribut um.

Nein, wirklich, Gust sah jetzt gar zu vornehm aus. Seine roten Haare schienen garnicht mehr hässlich, im Gegenteil, jetzt in dem strahlenden Sonnenschein glänzten sie gleich einer Fürstenkrone. Und wie stolz ragte nicht seine Hakennase?

„Ich glaube, Moltke hat auch so eine besessen,“ dachte Frau Miete. Und als sie ihren Sohn so schön vor sich sah, da begann plötzlich ihr Herz bang und ungestüm zu klopfen in der Vorahnung, dass man sie um ihren Schatz womöglich berauben könnte.

Die vielen Mädchen in der Stadt, Gott ja, man konnte es keiner übel nehmen, jede einzige mochte es wohl auf Gust abgesehen haben.

„Gust,“ sprach sie halb ängstlich, halb verlegen: „Ich bin deine Mutter — wenn du dir einmal eine Braut aussuchst, dann musst du sehr vorsichtig sein, mein Sohn, nicht die erste beste — sondern wählen — wählen — hörst du? — Wir brauchen nicht all und jede zu nehmen. Nein, das brauchen wir wahrhaftig nicht.“

Damit setzten sie sich an den Kaffeetisch. Und während Frau Miete mit mütterlicher Zufriedenheit beobachtete, wie ihr Gust die Semmel eintauchte, befand sie sich im Geiste, angetan mit ihrem würdigen schwarzen Seidenkleide, auf einer langwierigen Brautwahl. Bis sie endlich im Hause des ersten Bürgers der Stadt, des Senator Hansen, atemlos anlangte. Und da sie die Gewohnheit besass, aus ihren Träumen gelegentlich etwas verlauten zu lassen, so sprach sie plötzlich mit Zurückhaltung vernehmlich vor sich hin: „Ja, gewiss, ich habe nichts dagegen, Herr Senator — dann können wir ja.“

Worauf Gust, der eben heimlich an die nächtliche Szene mit Toni dachte, zusammenfuhr, dann aber laut auflachte, so dass Frau Miete jetzt vergnügt errötete.

„Na lass man, mein Jünging, ich hab’ um dich gar keine Bange.“

„Nein, Mutter,“ erwiderte Gust und zwang sich zu heller Siegeszuversicht. „Ich hab’ vor dem Examen nicht die geringste Furcht.“

„Ja, ja, darin hast du ganz recht. Du bist ja der primus om — —“

„Omnium, Mutter.“

„Ich weiss. Und nu iss man, mein Jünging, nu iss man.“

Die Sonnenstrahlen tanzten weiter, und das mütterliche Herz drehte sich in ihrem Reigen mit.

Punkt 11 Uhr trat plötzlich und unerwartet Tante Betti in diesen Frieden ein.

„Du siehst nicht schlecht aus,“ urteilte sie mit einem prüfenden Blick, nachdem sie Gust in seinem Glanz gewahrt hatte. Und dann richtete sie sich auf, stolz wie ein Schlachtross, denn sie selbst erschien heute in einer Pracht, von der sie zuversichtlich hoffte, dass sie Frau Miete in staunende Verwirrung setzen musste.

Und diese Absicht ward erreicht.

Die Frau Kapitänin faltete nämlich beinahe vor Andacht die Hände, als sie den Aufzug ihrer Schwägerin gewahrte. Mein Gott, was konnte das bedeuten?

Das perlgraue, seidene Kleid, das bei jedem Schritt bedeutungsvoll rauschte? Der grosse Rembrandthut mit seiner wallenden Straussenfeder? Und vor allen Dingen die kostbare goldene Kette, die sich schwer und gewichtig dreimal um Bettis Hals schlang?

„Das alte Erbstück hast du auch umgelegt?“ murmelte Gusts Mutter ungläubig.

„Ja,“ erwiderte Betti kalt.

Dann stellte sie sich wohlgefällig vor den Spiegel und stiess hinten mit dem Fusse kräftig aus, damit ihre Schleppe noch majestätischer fallen möchte. Hierauf wandte sie sich befehlend an Gust:

„Nun setz dir den Hut auf und komm mit.“

Und die Fragen von Mutter und Sohn, wohin sie ihren Neffen denn zu führen gedächte, mit einer entschiedenen Bewegung abschneidend, schritt sie aufrecht und fest zur Tür.

„Man muss endlich einmal Ernst machen,“ war das einzige, was sie bereits an der Schwelle noch verloren hinwarf.

Gust trottete verwundert hinterdrein.

Es war ein seltsames Paar, das da im hellen Sonnenschein durch die Strassen der alten Boddenstadt wanderte; der Junge in seinem unbehilflichen Bratenrock, mit weisser Krawatte und einem vergilbten Strohhut auf dem Kopfe, und die alte Jungfrau, angetan in die solide Pracht eines verschwundenen Jahrhunderts.

„Es handelt sich nämlich um den Ausbau deines Lebensplanes,“ erklärte Tante Betti endlich nach langem Schweigen, wobei sie einen ernsten Blick auf ihren Begleiter heftete. „Und es sollte mich freuen, Gust, wenn du die Hoffnungen, welche ich in dieser Beziehung auf dich setze, rechtfertigst. Verstehst du?“

Statt einer Antwort neigte Gust nur demütig das Haupt.

Es war wohl erwiesen, dass er ein Held wurde, der eine neue Zeit heraufzuführen bestimmt war, allein vor Betti, ja freilich, vor Betti machte dies alles Halt. Betti war etwas Festes, Uneinnehmbares, befähigt, die neue Zeit durch ein verächtliches Lächeln zurückzuscheuchen.

So waren sie immer näher den Strassen gekommen, die auf den Markt einmündeten. Hier wohnten nur die Patrizier der Stadt.

Gust starrte ängstlich auf seine Führerin. Er sah, wie seine Tante, je näher sie dem Markt gelangten, desto energischer ihre perlgraue Taille zurechtzupfte, und nahm wahr, dass sie ihren Schirm noch etwas aufrechter und stolzer trug etwa wie eine Fahne oder einen Legionsadler.

Sollte sie —? Das war doch nicht gut möglich —??

„Hier sind wir,“ unterbrach ihn Betti.

Gust durchfuhr es wie ein Blitz. Ja, da standen sie vor einem altertümlichen Hause mit breiter Freitreppe, die zu einem hohen Portal hinaufführte.

Grosser Gott, hier wohnte Martha Kräplin.

„Hast du Handschuhe,“ hörte er es noch wie durch einen Nebel hindurch klingen, „auch ein Taschentuch?“ Und als er etwas Konfuses darauf erwidert hatte, wurde er von Betti am Arm gefasst, er hörte undeutlich, wie seine Schritte auf der langsam sich windenden, hölzernen Treppe knarrten, und vernahm neben sich das imposante Rauschen von Bettis Seidenröcken.

Nach vielen Jahren gestand er noch, dass dieses Rauschen ihm damals unendlichen Trost eingeflösst hätte.

Vor einem weisslackierten Gitter, das mit seinen runden Stäben die halbe Treppe sperrte, wurde Halt gemacht. Hier musste der Porzellangriff einer Klingel gezogen werden.

„Dies ist besonders vornehm,“ stellte Betti fest, „ein solches Gitter findet man nur in sehr alten und aristokratischen Häusern. Sieh, darin liegt etwas Solides und Abgeschlossenes.“

Gleich darauf wurden sie von einem Dienstmädchen mit weissem Häubchen über eine weite Diele geführt, die sich rings um den Treppenaufgang herumzog und ganz mit altersgeschwärzten Danziger Schränken umstellt war. Auch ein paar Kirchenstühle aus Schwarzeiche fanden sich vor. Altertümlich geschnitzt.

„Danzig ist besonders vornehm,“ sagte Tante Betti wieder beifällig vor sich hin. Und dann stiess sie ihn leicht an, er solle einen Diener machen.

Gust steckte das Herz in der Kehle, denn da — da — kaum einen Schritt von ihm entfernt, in dem weiten, teppichbelegten Zimmer, da stand der Vater Marthas vor ihm, der alte Kräplin, über den so viele seltsame Sagen in der Stadt umgingen.

Im Moment fiel ihm ein, was sie als Knaben auf dem Gymnasium über den hohen, hageren Mann gefabelt hatten.

„Der alte Kräplin? — Der will eine Verschwörung gegen den König stiften.“

„Er hat ja auch irgend ein Verbrechen begangen, so dass sie ihn aus der Marine entlassen mussten.“

„I, ihr Schafsköpp, das war doch man, weil er als Kapitänleutnant seine Fregatte auf den Sand gesetzt hatte. Da oben in den schwedischen Schären. Und das ganze Schiff war verloren.“

„Ja, deshalb haben sie ihn abgesägt. Aber weshalb hat er nach seiner Entlassung alle patriotischen Bilder aus seinen Zimmern wegnehmen lassen? Merkt ihr was?“

„Und dann die Reden, die er führt. Habt ihr die mal gehört? Du, ich glaub’, er is bestimmt ein Sozialdemokrat.“

„Pfui, ihr dummen Kläs, wie kann ein Kapitänleutnant woll ein Sozialdemokrat werden?“

„Ja, ja, darin hat Malte von Zingst recht. Republikaner is fein, aber Sozialdemokrat, das is gemein.“

„Aber ein alter grober Kerl ist der alte Kräplin.“

„Das is er. Er is ’n ollen groben Sweinigel.“

Und nun stand der hohe, hagere Mann mit seinen grauen, peinlich und soldatisch nach vorn gekämmten Haaren vor Gust, und die scharfen, blitzenden Augen des alten Militärs hielten über den jungen Mann zuvörderst eine Musterung ab.

Gust fühlte, dass der alte Kapitän in diesem Moment alles sah. Den Gehrock mit den abgeschabten Ärmeln. Aber auch die tadellose weisse Krawatte.

„Setzen Sie sich, Fräulein,“ forderte endlich Marthas Vater mit scharfer, beinahe ätzender Stimme, während er sich ruckweise zu Tante Betti kehrte. „Dies also ist Ihr Neffe?“

„Ja“, erwiderte Betti, vor dieser militärischen Kürze ein wenig befangen. „Dies ist Gustav Petersen — er ist der Sohn meines verstorbenen Bruders, und ich hoffe, Herr Kapitän — —“

Der alte Kapitänleutnant schüttelte ungeduldig den Kopf. „Wie alt sind Sie denn?“ fragte er barsch dazwischen, während er sich jetzt direkt an den vor ihm verharrenden Gust wandte. Und gleich darauf ergingen die ebenso knappen Fragen, ob Gust jetzt sein Examen absolvieren und was er werden wolle?

„Ich will — Historiker werden,“ versetzte Gust, obwohl er im Augenblick fühlte, dass er sich über seine Neigung garnicht recht im klaren wäre.

„Jawohl,“ sekundierte Betti, sich zurücklehnend, „Professor, der die Geschichte studiert.“

„Aha — so — so.“

Der alte Kräplin beugte sich vor, verzog höhnisch den Mund und um die scharfe Hakennase zuckte es.

„Also solch ein Mensch,“ warf er ablehnend hin, „der die Tatsachen fälscht, wie es gerade verlangt wird? Hofhistoriograph? was?“

Da verliess Gust die Überlegung. Glühendrot wurde er, nein, er musste sich vor Marthas Vater zeigen:

„Herr Kapitänleutnant,“ begann er mit zitternder Stimme. „Das werd’ ich nie und nimmermehr werden. Denn meine innerste Überzeugung führt mich zur Republik, und zwar im atheniensischen Sinne.“

Diese letzte Einschränkung hielt Gust für besonders gut.

Einen Augenblick wurde es ganz still.

Man hörte deutlich einen schnarrenden Atemzug von Tante Betti, die, entsetzt, die Unterlippe sinken liess und vernahm, wie der alte Herr seinen Stuhl ein wenig rückte.

Dann aber begann der Kapitänleutnant plötzlich in ein kurzes, knasterndes Lachen auszubrechen. Es blieb zweifelhaft, ob er sich ärgere oder heimlich amüsiere.

„Hören Sie mal, junger Herr, Sie wissen wohl nicht, was Sie da reden?“ stiess er endlich abgehackt hervor, während er dicht vor Gust hintrat, als wolle er ihn nochmals von allen Seiten betrachten. „Solche Reden verbitte ich mir in meinem Hause. Verstehen Sie? Unreifes Zeug das — lauter Dummheiten. — Na und Sie,“ fuhr er höhnisch fort, wobei er sich einen schwarzen Hornkneifer aufsetzte, „Sie wollen meiner Tochter Literaturstunden erteilen? Haben dies Feld wohl auch bloss so von der grünen Seite beackert? Wie?“

„Herr Kapitän,“ rief Gust, vor dessen Augen alles rötlich verschwamm.

„Na, was denn, mein Jünging?“

„Ich lasse mich von keinem Menschen beleidigen. Auch von Ihnen nicht.“

Gust war es, als ob ihn bei diesem fürchterlichen Streite die ganze Klasse belausche, um ihm wie einem Gladiator zu applaudieren:

„Um Gottes willen,“ sprang Tante Betti verstört dazwischen. „Herr Kapitän, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass ich bis heute — — —“

„Setzen Sie sich, liebes Fräulein, setzen Sie sich doch. Was gibt es denn Grosses? Also Sie lassen sich nicht beleidigen, mein Söhnchen?“ Und wärmer setzte er hinzu: „Ist das auch Ihr Ernst? Ist das auch wirklich Ihre aufrichtige Meinung?“

Jetzt konnte Gust die Tränen nicht länger zurückhalten, aber er nahm sich zusammen und erklärte mit schwankender Stimme, dass er nach dem Vorausgegangenen auf die Ehre verzichten müsse, Fräulein Martha Stunden zu erteilen. So gern er es auch getan hätte. Ja, so gern er es auch getan hätte.

Es war nur ein ganz feines Schlucken, das ihn dabei befiel, und dann griff er nach seinem vergilbten Strohhut und machte seine Abschiedsverbeugung.

„Herr Kapitän,“ schob Betti atemlos dazwischen, die schon mehrmals in unterdrückter Wut den Schirm auf die Erde gestossen hatte: „Ich versichere Sie, Gust muss krank sein. Die Angst vor dem Examen. Sonst ist es mir unerklärlich. — Aber nun komm, mein Jünging,“ setzte sie mit einem Zornblick für Gust hinzu. „Komm man.“ Allein, ehe sie noch zur Schwelle gelangen konnten, hatte der alte Kräplin bereits den Arm des jungen Mannes gefasst und hielt ihn zurück. Und dann fiel es halb ärgerlich, abgerissen und zerbröckelt von seinen Lippen, nicht so heiss nehmen — alter kränklicher Mann — alle pensionierten Offiziere seien so — man hätte ja auch sein Kreuz zu tragen — aber, was der junge Herr da von „nicht gefallen lassen“ gesprochen hätte, das sei gut, das sei sehr gut, das bilde Charaktere.

„Ja, man müsse allerdings einen Charakter besitzen und einen Lebensplan dazu,“ warf Betti in ihrer Not dazwischen, „das wäre die Hauptsache.“

„Na, dann geben Sie mir mal die Flosse, junger Petersen,“ knurrte der Hausherr. Und als Gust zwar das Haupt nicht hob, weil er noch Tränen in seinen Augen spürte, aber dennoch schüchtern die Finger zur Höhe brachte, da drückte sie ihm der Kapitänleutnant mit starker Umklammerung.

„Schön. Nun geben Sie mir bitte Ihr Wort, dass in den Stunden von Politik und — na ja — also auch von Religion nichts gesprochen wird. Verstanden? Das bitt’ ich mir aus. — Gut. — Und im übrigen, da können Sie mit meiner Martha in Schöngeisterei schwärmen, so viel Sie Lust haben. Träumt leider sowieso schon zu viel, die Dirn. Übrigens, da nebenan sitzt sie mit ihrem Vetter. Gehen Sie ruhig rein, junges Deutschland, und besprechen Sie mit ihr den Stundenplan. Das Geschäftliche mache ich inzwischen mit Ihrem Fräulein Tante allein ab. Und nun wünsche ich Ihnen noch viel Glück zum Examen. — Wenn Sie sich da auch nichts gefallen lassen,“ fügte er mit einem nach innen gekehrten Seufzer hinzu: „so wird’s Ihnen gut tun. Für alle Fälle — adieu. Und nun bitte, liebes Fräulein, ich zahle also für die Stunde — — — — — — — — — —“

Zur selben Zeit, als dies in dem weiten Staatszimmer der Kräplins geschah, sassen zwei junge Menschenkinder in dem winzigen Nebenraum und lauschten auf die harten und heftigen Worte, die dort drinnen gewechselt wurden. Es war ein ganz kleines, viereckiges Stübchen, dick mit einem moosgrünen Teppich belegt, und die zarten Möbel von weiss gestrichenem Holz sowie die rosenrot geblümten Gardinen, schliesslich auch allerlei Nippes bewiesen, dass es sich hier ein junges Mädchen wohnlich gemacht habe.

Im Moment jedoch lehnte die Besitzerin dieser Herrlichkeiten ganz erstarrt in einem der winzigen Sessel, und ihre grossen braunen Augen richteten sich angstvoll auf die nahe Tür, und ihre schlanken Glieder, die doch bereits jungfräulicher Fülle entgegenstrebten, schreckten manchmal wie fröstelnd zusammen.

Eben tönten die schneidenden Worte des Kapitänleutnants deutlich vernehmbar herein, dass Gusts Ansichten nichts als dummes Zeug oder unreifes Geplapper wären.

„Grosser Gott,“ flüsterte Martha Kräplin tonlos zu ihrem Vetter Malte von Zingst hinüber, während ihre dunklen Wangen erblassten. „Das kann er sich ja garnicht bieten lassen; meinst du nicht auch, Malte?“

Der Angeredete, ein kräftig gewachsener junger Mann von etwa zwanzig Jahren, in dunklem, gut sitzendem Anzug, und mit düsterblonden, schlicht gescheitelten Haaren verzog sein ernstes Gesicht zu einem flüchtigen Lächeln. Dann zuckte er jedoch die Achseln:

„Es ist doch aber auch lächerlich, Martha,“ gab er ebenso leise zurück, „solche Kindereien öffentlich zum besten zu geben. Und noch dazu vor deinem Vater.“

„Kindereien? Du hast doch selbst mit Gust eine Verbindung begründet. Und wie schön sprachst du früher davon, Malte. Ihr wolltet doch die Geknechteten frei und glücklich machen?“

„Na, ja; das ist aber natürlich alles Schnack. Wir verstehen ja vorläufig noch garnichts vom öffentlichen Leben. Und müssen uns da draussen erst selbst noch tüchtig den Wind um die Nase wehen lassen. Wenn wir dann erst was geworden sind, nachher muss man selbstverständlich auch seine Pflicht gegen die anderen erfüllen.“

Bei seinen Worten wandte sie ihre klaren Augen auf ihn und legte nachdenklich den Finger an die Lippen: „Wie kalt und nüchtern du in letzter Zeit immer sprichst,“ meinte sie endlich kopfschüttelnd.

Der Junker, der an dem kleinen Blumentisch stand, rührte sich nicht. Nur die Falten über der energischen Nase vertieften sich noch etwas. Dann meinte er ohne sichtbare Erregung: „Draussen auf unserem verschuldeten Gute, da braucht man solche Nüchternheit, Martha. Ich wünschte, dass ich noch besser mit den Zahlen umzugehen verstünde. Und hier in der Pension für 50 Mark den Monat, da lernt man auch nicht gerade Gedichte machen.“

Als er so von seinen Entbehrungen sprach, aufrecht und fest, wie immer, und ohne um irgendwelches Mitleid werben zu wollen, da richteten sich die Augen des Mädchens so voller Güte auf den zu ihr Gekehrten, dass er beinahe schüchtern davor wurde.

„Na, es ist nichts,“ wehrte er mit verlegenem Lächeln ab, „das machen viele durch. Und es sind nicht gerade die Schlechtesten,“ setzte er in halbem Trotz hinzu.

Martha nickte halb unbewusst.

Drinnen war die Unterhaltung inzwischen leiser und milder geworden.

Und das schöne Mädchen regte sich jetzt erleichtert und fragte ihren Vetter mit einem teilnahmsvollen Blick, welche Laufbahn er nach bestandenem Examen einschlagen wolle. Aber ihre Gedanken weilten nicht hier, sondern dort drinnen bei dem merkwürdig hässlichen Menschen, dem Gust, dessen Augen sowohl in der Kirche, wie beim Konfirmationsunterricht so fern und ehrfürchtig an ihr gehangen hatten; „Wie in Andacht,“ dachte Martha errötend, und sie ahnte nicht, dass diese andächtigen Augen immer wie zwei Sterne durch ihren Lebenshimmel leuchten würden.

„Was willst du werden, Malte?“ fragte sie.

„Wenn ich das Examen bestehe, was garnicht so sicher ist, dann werde ich Jurist.“

„Jurist?“ wunderte sich die Cousine, „ist das nicht ein sehr trockenes Studium?“

Er zuckte wiederum leicht die Achseln.

„Das hilft nichts, wenn jemand Regierungsbeamter werden will, wie ich, dann braucht man’s eben. Zuvor aber werde ich Offizier.“

Da ging ein munteres Aufblitzen über die Züge des jungen Mädchens:

„Ja, das glaube ich dir,“ lächelte sie, „davon hast du ja immer geschwärmt.“

Doch der Junker liess sich von ihrer herzlichen Fröhlichkeit nicht anstecken. Ruhig belehrte er sie, dass der Mann, der befehlen wolle, erst gehorchen lernen müsse. Dazu aber sei der Dienst gerade die rechte Schule. Er wolle ja selbst hart angefasst werden, um später einmal andere Menschen auf rechte Art behandeln zu können.

„Wie fest und geregelt alles bei Malte ist,“ dachte Martha in einer Art beklemmter Bewunderung. „Aber, ob er wohl auch einmal solche wunderlichen Traumbilder erdichten kann, wie der da drinnen?“

Sie hatte Gust nur manchmal von ferne zugehört, aber seine glühende Darstellungsart war ihrem Gedächtnis haften geblieben. Und ihr Auge richtete sich wieder besorgt auf die nahe Tür, hinter der es so bänglich stille geworden. So geschah es, dass sie vollkommen übersah, wie Malte, der sich unbeobachtet fühlte, lange und fest seinen Blick zu ihr erhob, und wie seine Brust sich leise regte, da er den Glanz ihrer braunen Flechten prüfte, und wie ehrfürchtig sein Auge über die junge Pracht ihrer Glieder ging.

Langsam schloss er dabei die Faust.

Es war, als ob er einen Besitz nicht fahren lassen wolle.

„Guten Morgen, Fräulein Martha,“ wünschte Gusts zitternde Stimme, während er mit brennenden Wangen und aufgeregt auf den moosgrünen Teppich trat. „Ich will — ich soll nämlich —“

Er vollendete nicht, sondern fuhr sich über die Stirn und blickte wirr von einem zum andern.

„Na, was sollst du?“ half Malte Zingst mit gutmütigem Spott ein.

„Bitte, setzen Sie sich, Herr Petersen,“ forderte ihn auch Martha mit etwas unsicherer Förmlichkeit auf

Allein Gust liess sich nicht nieder. Dazu tobte zu grosse Erregung durch seine Sinne.

Eben erst einen Sieg errungen, einen grossen, unzweifelhaften Sieg über den grämlichen, verbitterten Mann, vor dem sich die meisten der Mitschüler Gusts heimlich grauten, und zwar durch männliches Festhalten an herrlichen Prinzipien.

O, das war gross, das war erhaben, das tanzte, wie ein Bachantenzug durch seine Einbildungskraft. Aber doch — war ihm nicht innerlich noch viel seltsamer zumute, da er jetzt hier weilte, hier in diesem kleinen Heiligtum, in diesem weiss und goldenen Tempel, in dem das vornehme ruhige Mädchen dort als Priesterin dahinlebte! Und wie er hier festwurzelte auf ihrem tiefen, weichen Teppich, ja, da sah er sie Formen annehmen, so wie er das ruhende Mädchen mit seiner halb heiligen, halb lüsternen Knabenphantasie stets erschaut, ersehnt, erzittert hatte.

Bald war sie ein herrliches heidnisches Götterbild mit marmorweissen Gliedern, hingestreckt auf rotem Pfühl, und dann blitzschnell sich wandelnd, ragte sie wieder vor ihm auf, schamhaft verhüllt bis an den Hals, mit hocherhobenen, betenden Händen, die Martha des neuen Testaments.

Horch — klingt da nicht die Orgel? Aus allen Ecken des weissen Tempels dröhnt ein singender Chor.

„Heilig — heilig.“

„Menschenskind,“ rief ihn Malte von Zingst aufs höchste verwundert ins Leben zurück, während er laut auflachte. „Willst du hier als Holzfigur anwachsen? Um was handelt es sich denn eigentlich?“

Da vollführte Gust, beschämt wie immer, wenn man ihn von seinen prangenden Schleichpfaden abberief, eine ungeschickte Verbeugung, setzte sich, zupfte an seiner weissen Krawatte, heftete einen scheuen Blick auf das wartende Mädchen und dann schoss es sprudelnd aus ihm hervor, ungestüm und doch mit leise durchklingendem Glücksgefühl, dass er Martha unterrichten solle.

„Sie? Ach wirklich?“ entfuhr es seiner Zuhörerin. „Hat Vater nachgegeben?“

„Du?“ wunderte sich auch Malte.

„Ja, ich — und ich freue mich furchtbar darauf.“

„Ich nicht weniger,“ gestand Martha Kräplin. „Verzeihen Sie, hatten Sie schon eine Schülerin?“

„Nein — niemals — Sie sind die erste.“

Und nun fuhren die Fragen herüber und hinüber. Die beiden spannen sich ein in ein wundersames Netz, das die bunte Jugend so leicht zu weben vermag, und in welchem es von Edelsteinen, Gold und Purpur nur so funkelte. Immer auffälliger vergassen sie des Zeugen, der ernst und befremdet auf sie herunterblickte.

„Was lesen Sie im Moment, Fräulein Martha?“ sprudelte Gust, der nicht genug hören konnte, heraus.

„Ich? — Ach Gott, ich weiss kaum, ob es das rechte ist? Ich lese eben den Egmont.“

„Und das soll nicht das rechte sein? Das ist ja gerade das, was ich mir gewünscht habe, das Schönste, was ich überhaupt mit Ihnen durchgehen könnte. Denken Sie doch nur, diesen prachtvollen Gegensatz. Auf der einen Seite den stolzen, freien, offenen, hochgemuten Aristokraten, und tief in der Dämmerung einer engen Seitengasse das kleine Bürgermädchen, das schöne Klärchen. Alles wirkt dunkel und holländisch in Klärchens Zimmer. Das liebende Mädchen selbst, das Spinnrad, die alte Mutter, der unglückliche Brackenburg, alles liegt wie im Schatten, als hätte es Rembrandt gemalt. Sie haben doch Rembrandts Hauptwerke schon gesehen, Fräulein Martha? Aber da plötzlich — Hörnerschall — Egmont mit seiner Wache zieht durch die Strasse. Hören Sie den Hufschlag? Und jetzt jubelt Klärchen und springt ans Fenster. Und da wird es auch licht — so hell, dass die engen vergitterten Fenster all den Sonnenschein nicht durchlassen können Er ist da — die Liebe reitet durch die Strasse. Da reitet er,“ rief Gust und warf die Hand vor.

„Ja, das ist er, das ist wunderschön,“ murmelte Martha Kräplin.

Ihre Augen taten sich weit auf.

Leuchtend, gross, umfassend.

Deutlich sah sie den lachenden Reiter an sich vorüberziehen, besass sie doch gleichfalls jene gottgesegneten Augen, die das Zauberland erschauen können, jene luftigen, sonnenhellen Schatten, die hinter dem Leben walten, die aber das gewöhnliche Werkeltagsauge nimmermehr erblickt.

„Ja, da zieht er,“ wiederholte sie im glücklichsten Traum.

Malte von Zingst griff langsam nach seinem Hut: „Ich will nun gehen,“ entschuldigte er sich, doch sprach er gedämpft, als fürchte er die beiden Fernen zu stören, „ich will noch etwas für die Prüfung repetieren — Guten Morgen!“

Und er ging wirklich, ohne, dass die Versunkenen ihn vermisst hätten. Wohl nickten sie zum Abschied mit den Häuptern, allein ihre Seelen weilten nicht hier, sondern in den volksbelebten, morgengrauenden Gassen von Brüssel, von denen nun Gust, um den Hintergrund zu malen, stossend und hackend erzählte.

„Ja, das ist der Hintergrund, Fräulein Martha. Sehen Sie nur, wie er das geschildert hat? Die engen Zeilen, wo man die gegenüberliegenden Häuser mit den Armen erreichen kann. Hier in unserer Stadt gibt es auch derartige Gässchen. Unten am Rik. Und nun beginnen die Glocken zu wimmern. Hören Sie dies Wehklagen? So haben sie neulich auch bei uns geheult, als der Speicher vom Dampfmüller Jarchow abbrannte. Sie erinnern sich doch? Und nun sehen Sie das niederländische Volk — die Bürger, wie es wimmelt, wie es sich drängt, stösst und schiebt. Laut, mit spitzen Worten hetzt sie der Schreiber. Aber pfui, sie schleichen dennoch zur Seite. Und warum? Weil eine lumpige spanische Scharwache durch sie hindurch schreitet — feige, spitzbärtige Spione mit riesigen Pumphosen. Bemerken Sie nur, Fräulein Martha, wie argwöhnische Blicke die Tyrannenknechte auf die Handwerker heften. Und wirklich, die Furcht ist gross, alles schweigt, alles will in die Häuser kriechen, um sich zu verstecken, — da, — im letzten Moment, hören Sie diesen gellenden Schrei? Ja, das ist sie, das ist das wahnsinnig gewordene Klärchen, das alles vergisst, das in fliegenden Haaren auf die Strasse stürzt, schreiend: „Egmont — soll sterben, Egmont, der euch alles war, rettet Egmont —“

„Rettet Egmont —“ schrie Gust ganz laut, indem er mit rollenden Augen und vorgeworfenen Armen aufsprang. „Rettet Egmont.“

Als er vom Schall seiner Worte geweckt wurde und nun linkisch und entsetzt eine entschuldigende Verbeugung zu machen gedachte, da bemerkte er etwas Seltsames.

Mit überfliessenden Augen lehnte Martha auf ihrem Sofa und schluchzte laut und leidenschaftlich vor sich hin, während ihre Hand sich fest in die Lehne gekrampft hatte.

„Um Gottes willen, Ihnen fehlt doch nichts?“

„Nein — nein, — aber wie schön — wie wunderschön Sie das vortragen können.“

„O, nicht doch,“ wehrte Gust mit klopfendem Herzen ab, denn der Anblick des weinenden Mädchens lähmte ihn beinahe.

Aber durch seine Sinne lärmte dennoch laut der Gedanke: Wie weich, wie engelsgut und liebevoll diese feuchten, braunen Augen blicken konnten. O, die Stunden mit ihr mussten Himmelsseligkeiten werden.

„Ja, und übermorgen,“ fuhr sie fort, ziehn wir in unser kleines Häuschen draussen am Bodden. Und wenn Sie erst Student sind, dann sollen Sie mir dort weiter all das Schöne erzählen, immer mehr, und immer weiter. Nicht wahr? Sie wollen?“

Sie reichte ihm die Hand.

Wohl spürte er eine zuckende Wärme, aber ob er die weissen Finger wirklich wieder gedrückt hatte, das wusste er im nächsten Moment nicht mehr.

Wie kam das?

Er befand sich plötzlich auf der Strasse, ohne Betti, die er vergessen, und laut eine Siegeshymne vor sich hin singend, eilte er in wilden Sprüngen dem Flusse zu, an dem seine Wohnung lag.

Seine Wangen erschauerten, und immer höher und heiliger tönten seine Siegesweisen.

Dasjenige aber, was er unverrückbar vor sich sah, das war der grünumgebene Bodden, um dessen Wiesen die Wasser leise schlugen und plätscherten. Oben aber auf den Strandsteinen, da hoben sich zwei Gestalten scharf von dem sonnenhellen Himmel ab. Das waren Martha und er.

Ja, das sind sie, und sie spähen beide dorthin, wo die Flut am fernsten Rande sich golden färbt. Ein grosser, breiter, goldener Strom, der sich ins Unendliche ergiesst.

So blinkt die Zukunft herüber.

Leuchtend, tausendfarbig, ohne Grenzen. Und alles sein, alles sein. O, das fasst das kleine Herz nicht, stille, stille, Sieg — Sieg.

IV.

Eine Tür fliegt ins Schloss. Mit dröhnendem Nachklang. Durch die Korridore hallt es weiter.

Krach — bumm.

Dann bängliche Stille.

Zeisig ist da. Professor Zeisig, der Löwe des Gymnasiums, vor dessen Brüllen Rebellenklassen erzittert haben; der sich zum Fenster hinauslehnt, um von da Prüfungsarbeiten zu diktieren. Und hinter ihm regt sich nichts. — Alles sitzt wie gebannt. Kein Blick fällt aus das Heft des Nachbarn. Denn das Brüllen des beleidigten Löwen zerreisst Nerven, wirkt tödlich.

„Setzen.“

Man hat es nicht nötig, aber vor Zeisig erhebt man sich. Auch der Direktor erweist Zeisig diese Ehre; ob aus Courtoisie, denn er ist ein Höfling, oder aus Respekt, ist nicht festzustellen.

„Setzen.“

Ein unterdrücktes Atmen, die Entscheidung ist nahe.

„Ich habe Ihnen das Thema des Examenaufsatzes mitzuteilen,“ beginnt Zeisig, während er, auf dem Katheder stehend, seine vierzehn Abiturienten mit einem seiner glühenden Blicke überfliegt. „Hum —“ dieses Räuspern gilt als ein Zeichen der Missbilligung. Und bald wird auch klar, was den Unwillen des Löwen so sehr erregt.

Heftig fährt er sich durch den kurzen braunroten Kinnbart.

„Hum — man hat sich wieder für ein historisches Thema entschieden, das Sie aus der Lektüre des Cicero kennen und dem die Verschwörung des Catilina zugrunde liegt. Der Titel lautet: ‚Wem erteilen wir mit Recht den Namen ‚Vater des Vaterlandes‘?‘ Es steht Ihnen frei, sich eng an die römischen Vorgänge zu halten; für die anderen jedoch, die sich gern freier bewegen — hum, hum — habe ich es ausgewirkt, dass sie den Rahmen ihrer Ausarbeitung nach Herzenslust über die ganze Historie ausspannen dürfen. — So — drei Stunden haben Sie Zeit. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass keiner meiner Schüler so ehrlos ist — aber ich möchte Sie in dieser Stunde nicht beschämen. Gehn Sie freudig an die Arbeit, schreiben Sie ohne Erregung, ganz so, wie wenn Sie mir persönlich Ihre Ansichten über die römische Insurrektion Mitteilen wollten. — Anfangen!“

Wieder ein Aufatmen.

Mit einem lauten, scharrenden Geräusch setzt sich Zeisig, schlägt ein Buch auf und neigt seine Löwenmähne, als wenn er unbekümmert und teilnahmslos lesen wolle.

Aber nur einen kurzen Moment.

Dann suchen seine düsteren Augen sofort die bleichen, bekannten Gesichter seiner Schüler auf, und es ist, als wenn er jeden einzelnen mit einer gewissen Herzensangst studiere, ob er der strengen Forderung auch gewachsen wäre.

Sorgenvoll gleiten seine Blicke.

Da — der mittelmässige Stark, — der ernsthafte Malte Zingst, — der unberechenbare Gust Petersen.

Ja, ja, das ist der interessanteste seiner Schüler, aber auch sein unsicherster Kantonist.

„Hum — hum,“ brüllt Zeisig, um sich ein wenig Luft zu machen.

Dann wird es still — ganz, ganz still.

Die Blätter rauschen, die Federn knistern, manchmal scharrt ein Fuss auf dem Estrich.

Allmählich röten sich die Gesichter der Schreibenden, heftiger werden die Seiten umgeschlagen, es richtet sich zuweilen auch ein Auge bang und zweifelnd auf den Lehrer.

Dann springt Zeisig auf und schreitet mächtig auf das flehende Augenpaar zu. Als ob er strafen oder Hilfe bringen wolle.

„Hum — hum — schreiben Sie vollkommen ruhig.“

Von alledem sieht und hört Gust Petersen nichts. In seine Seele ist es eingezogen, wie Feiertagsfreude.

Welch eine schöne, bunte, farbige Aufgabe. Und wie gern, wie leidenschaftlich gern weilt er nicht in den engen Gassen des alten Rom.

Mit begeisterten, traumglühenden Blicken starrt er auf seine weissen Blätter hinab, dann hebt er das rotbuschige Haupt, kaut an seinem Federhalter, und vernimmt für einen Moment das Summen der Fliegen, die an der weissen Decke spielen.

Gar feierlich still ist es heute in der Klasse. Als ob alle den bitteren Ernst der Stunde fühlen.

Den bitteren Ernst?

Was ist das? Ein heftiger Schmerz beginnt durch Gusts Herz zu wühlen. Denn ganz unvermittelt muss er an jene Familienberatung in seinem Heim denken, an das Schluchzen der Mutter, an Tante Bettis Lebensplan, an die schonenden Verbeugungen des alten Junggesellen, und vor allen Dingen an das graue Gespenst der Armut, dessen rauschende Schleppe ja die Treppen des alten Schifferhäuschens fegen soll.

Wie seltsam, dass er bisher das Geräusch noch nie vernommen.

Er fährt auf.

Galt das ihm?

Bei Gott, Zeisig starrt gerade auf ihn hin. „Hum, Petersen, wollen Sie denn nicht beginnen? Worauf warten Sie noch? — Eine halbe Stunde haben Sie bereits verloren. Phantasieren Sie, bitte, ein andermal.“

Gust taucht schnell die Feder ein und spritzt sie heftig ab.

Ja, gewiss, jetzt heisst es anfangen. Und etwas Grosses muss es werden. Nur nicht der gewöhnliche Brei, nein, etwas, wovon man auf dem Gymnasium noch nach Jahren reden wird.

Etwa: „Kuckt, Jungs, das hat Gust Petersen geschrieben.“

„Ja, der — der war aber auch ein Poet.“

Warum wohl die dunklen Augen Zeisigs noch immer so glühend und rollend auf ihn gerichtet sind? Wie unruhig sich der Leu mit der weissen blutlosen Hand durch den kurzgelockten Bart fährt, und wie raubtierhaft jetzt der Mann wieder vom Katheder herabspringt—. Ja, beim grossen Zeus, so muss Catilina ausgesehen haben, dieser wunderbare Verschwörer, den Gust heimlich so sehr liebt; ganz wie Zeisig muss er anzusehen gewesen sein, genau so. Das heisst natürlich nur äusserlich. Denn seelisch, das ist unumstösslich, seelisch ist er ein Verwandter von Gust. Gust ist ja selbst Catilina. Gust-Catilina haust im alten Rom in furchtbarer Mittellosigkeit und Verschuldung. (Gust hat sich erst kürzlich von Herrn Winkelmann fünf Mark geliehen. Das stimmt also.) Auch eine Verschwörung, hat sie Gust nicht gleichfalls gestiftet? Die Schülerverbindung, jene heimlich auf einem Bodenzimmer tagende Versammlung, der so verbissen republikanische Charaktere, wie Karl Stark und der verarmte Junker Malte von Zingst angehören? Wahrlich, die Ähnlichkeit ist schlagend. Und jetzt, jetzt begreift Gust auch, was Zeisig mit dem Satze gemeint hat, dass die Begabteren den Rahmen ihrer Untersuchung weiter spannen dürften. Zeisig liebt selbst diesen eitlen Streber Cicero keineswegs, dem der verkommene Senat den Titel eines Vater des Vaterlandes verlieh. Zeisig weilt selbst mit seinem Herzen in dem niedrigen, verfallenen Tempel, in dem zur düsteren Mitternachtsstunde der bleiche Catilina seine Scharen versammelt, Zeisig selbst lauscht mit schauderndem Entzücken den ersten Tubenstössen, die in der kleinen etrurischen Feldstadt Faesulae das Signal zum Losbruch der herrlichen Revolte geben sollten.

Und wenn auch tausendmal nicht; nur Beschränktheit kann in dem zitternden Festhalten eines mürbe gewordenen Junkerregiments das Heil des Staates erblicken. Nein, mag Malte von Zingst, selbst ein Junker, der dort drüben auf der zweiten Bank so ernst und sicher schreibt, mag er dem gescheitelten Zungendrescher ruhig den Lorbeer reichen, er, Gust, weiss, ahnt, fühlt, dass in dem Verschwörer Catilina die moderne Zeit steckt, dass seine Helfershelfer vorzeitige Frühlingsboten sind, die durch den Winterschnee reiten. Jawohl, und tausendmal ist es so, alles Grosse haben in die Welt nur die Amstürzler gebracht. Deshalb — einen Besen her — fortkehren wollen wir, fortkehren den Schnee von dem Weg, auf dem die Rosse der Heilsbringer traben. Fortkehren, damit sie nicht gleiten und stürzen, die Kommenden — kehren, kehren für die neue Zeit.

Er schreibt. Und sein erster Satz lautet:

„Catilina gebührt mit Recht der Name Vater des Vaterlandes.“

Zu derselben Zeit sass Toni Stark auf dem Rand ihres Bettes und schluchzte bitterlich. Bis in das letzte Versteck ihrer lebenshungrigen Seele hinein war sie getroffen. Dicht vor ihr hatte vor wenigen Sekunden ihre Mutter mit ihrem starren bewegungslosen Gesicht gestanden, hatte die schmalen, verkniffenen Augen weit aufgerissen, um endlich barsch und gefühllos hervorzustossen, ob ihre Tochter denn nun „rein mall1)“ geworden wäre?

„Sag’ eins — sag’ doch eins, mein Döchting,“ so hatte es giftig geklungen, während die knochige Hand sich nach der hübschen runden Mädchenschulter ausstreckte, als ob sie von da etwas herunterreissen wolle, „sag’ doch, mein Döchting, wozu hast du dir denn heut am Wochentag das neue rosa Kattunkleid angezogen? Ach, und kuck doch, auch noch die Schleife um den Hals? I, das is ja nett. Wirst du nun bald sagen?“

„I, bloss so,“ stotterte Toni, aber gleichzeitig sah sie sich trostlos in dem kleinen weissen Dachzimmerchen um, ob kein Weg zur Flucht offen stünde.

Jedoch Mudding Stark hielt den Ausgang gewichtig besetzt.

„Bloss so?“ wiederholte die Angreiferin noch mehr gereizt, „na, denn will ich dir sagen, was du vorhast, du dummes Gör. Vor das Gymnasium willst du ziehen, um dort die Primaners zu erwarten, die halbwüchsigen Bengels — unser Karl is noch der vernünftigste darunter — damit sie dir Komplimente machen sollen, du unverständige Dirn. Schämst dich garnicht? Gleich ziehst du das Kleid aus.“ Und damit rüttelte die mütterliche Faust bereits an den hübschen Goldknöpfen, so dass die Taille aufging und von den Schultern herunter fiel.

„O, Mudding — Mudding — bitte, bitte.“

„I was, hier —“ die knöcherne Hand schlug leicht auf den entblössten runden Mädchenarm, so dass eine huschende Röte erschien — „gleich machst du, fix.“

Aber dann schien Mudding Stark plötzlich ein beängstlicher Gedanke zu kommen. Rasch setzte sie sich die Hornbrille auf die Nase und sah ihrer Tochter untersuchend ins Angesicht:

„Du?—Du klänst doch nich etwa gar mit Gust?“ fing sie drohend an, wobei ihre Stimme ins Heisere umschlug, „du — ich sag’ dir — doch nich etwa mit diesem Bengel, aus dem im Leben nichts wird? Dirn, wenn du solche Raupen im Kopf hast, dann werd’ ich dir eins ernsthaft kommen müssen. Verstehst du mir? Ernsthaft.“

Dabei schob sie sich die Brille auf die Stirn, starrte ihrer Tochter bis auf den untersten Grund der Augen und versetzte ihr plötzlich einen solch heftigen Schlag auf den Arm, dass Toni vor Schreck laut aufschrie.

„Liebes Mudding.“

„I, was, — ist es Gust?“

„Nein, nein.“

„Sag’ die Wahrheit.“

„Wahr und wahrhaftig nicht.“

„Na, dann segen dich Gott — mehr sag’ ich nicht —. Und nu bleibst du hier, nimmst dir was zu arbeiten vor und sitzt mucksenstill, bis ich wiederkomm’. Hörst du? — Ich will selbst eins nach unsern Karl sehen, wie er geschrieben hat. Und nu fix, den Rock runter.“

Damit war sie gegangen.

Auf der Treppe jedoch hatte Mudding Stark noch einmal Kehrt gemacht, und die in Tränen aufgelöste Toni vernahm zusammenzuckend, wie sich der Schlüssel ihres Kämmerchens plötzlich von aussen scharf und geräuschvoll im Schlüsselloch drehte.

Auch das noch?

War sie gefangen?

Halb ungläubig stürzte sie zur Tür. Dann rüttelte sie.

Fest zugeschlossen.

Und von draussen verklang noch das mahnende Wort der Mutter: „Mucksenstill.“

Und sie schluchzte bitterlich.

Vielleicht würde sie sich schneller getröstet haben, wenn sie hätte beobachten können, wie hübsch sie in ihrer kindlichen Not aussah, und wie rund und blitzend die Tränenperlchen ihr über Wangen und Schultern träufelten. Die Sonne allein lugte dabei durch das Dachfenster hinein, nickte ihr zu und spiegelte sich in den anmutigen Kugeln.

Da polterten heftige Tritte über die Stufen. An der Tür wurde gerüttelt, das war vielleicht Befreiung.

„Wer ist da?“ rief Toni hoffnungsvoll.

„Ich —“

„Gust?“

„Ja, ich — ich bin als erster mit unserem Aufsatz fertig geworden und gehe bereits eine Stunde in der Stadt spazieren. Da wollte ich nur mal Nachfragen, wie Karl geschrieben hat? Ist er schon da?“

Keine Antwort, aber nach einer Weile klang es von drinnen kleinlaut: „Ich hab’ mich eingeschlossen.“

„So mach’ doch auf.“

„Ja, aber der Schlüssel steckt draussen.“

Gust war zu erregt, als dass er über dieses merkwürdige Spiel der Mechanik nachgedacht hätte. Ohne weiteres drehte er den Schlüssel um und drang hinein. Da sah er denn das Bild, das er lange Jahre nicht wieder bannen konnte.

Das weinende Mädchen auf dem Bettrand, entblösst die Arme und Schultern. Die von schwarzen Strümpfen umspannten Füsse kaum von dem kurzen Röckchen bedeckt, und das ganze Geschöpf so in Trauer versunken, dass sie auf all die Unordnung nicht sonderlich zu achten schien.

„Gut, dass du kommst, Gust,“ schluckte sie.

„Herr Gott, warum weinst du, Toni?“

„Ich? —“ sie unterdrückte ihr Schluchzen, „ich weine garnicht.“

„Doch — hat dir jemand etwas zuleide getan?“ stammelte er und starrte auf sie hin.

Wie er ihre weisse Haut glänzen sah, befiel ihn eine so ungeheure Ehrfurcht, als ob er vor einer Königin kniete. Unerreichbar hoch ragte sie vor ihm.

„Setz’ dich,“ bat sie leise, während sie ihm mit dem Fuss einen Stuhl zuschob.

Allein er beachtete die Aufforderung gar nicht, sondern konnte nur verstört hervorbringen:

„Nein, das geht nicht, Toni.“

Da wusste sie erst, was ihn bannte. Glühendrot schreckte es über ihre Wangen, und doch überlief sie ein heimliches Wohlgefühl, dass er so demütig und dienend vor ihr stände.

Dann raffte sie hastig die grüne Schlafdecke um sich zusammen, und als er sich nun kleinlaut auf dem Stuhl niedergelassen, da sassen sie sich beide gegenüber in bangem Schweigen, beide zitternd und bebend, denn die geheimnisvollste Stunde der Jugend war über ihnen.

Endlich schüttelte sich das Mädchen.

„Das halt’ ich hier in dem Hause nicht lange mehr aus,“ hob sie mit geschnürter Stimme an, und die blitzenden Tränen quollen wieder aus ihren Augen, „denke dir, jetzt haben sie mich hier eingeschlossen, weil ich mit jemandem nicht zusammentreffen soll.“

Als Gust diese Andeutung vernahm, legte sich ihm ein banger Druck aufs Herz, in unbestimmter Scham vermochte er nur zu forschen, wer das sei.

Allein Toni schwieg trotzig, richtete ihre feuchten Augen auf die sonnenumglänzte Dachluke und warf endlich kurz hin: „Das sag’ ich dir nicht.“

Da wusste Gust genug.

Er also? — Eine schwere Bedrängnis fasste ihn. In seiner Beklemmung führte er den Finger zum Munde, und grenzenlose Verlegenheit malte sich auf seinen Zügen.

Er also? Herr Gott, war er tatsächlich so schlimm? Aber wenn Toni wirklich seinetwegen so leiden musste, ja, besass er dann nicht die dringendsten Verpflichtungen gegen sie? Ganz gewiss, er musste ihr seinen Beistand leihen, sie von diesen unwürdigen Fesseln lösen. Dazu war er doch Catilina, dass er die Unterdrückten von ihrer Sklaverei befreite.

Und wie er jetzt auf dies Mädchen in der grünen Schlafdecke hinblinzelte, das so rührend hilflos vor ihm sass, da befiel ihn die weiche Zärtlichkeit des Beschützers für dieses weinende junge Weib.

„Sei ruhig, Toni, ich will dir helfen.“

„Ach, wenn du das könntest — aber ich glaub’s nicht, die Welt ist so schlecht.“

„Ja, schlecht ist die Welt, man muss alles zusammenschlagen.“

„Und dann bin ich auch so verlassen.“

„Das sollst du nicht sagen. Ich bin ja dein Freund.“

Toni wandte unvermutet ihre blauen Augen auf ihn hin.

„Ach, Gust, bist du nicht der Freund von Martha?“

Da bekam Gust plötzlich einen seelischen Stoss. Seine Gedanken und Gefühle verwirrten sich. Gehörte er im Moment wirklich der fernen, reinen Martha, vor der seine Einbildungskraft kniete wie der Diener, der seiner Herrin die Schuhe löst, oder war das Rauschen und Treiben, das jetzt durch seinen Körper flutete, stärker, war es das Irdische, das Wirkliche, was ihn zu Toni leitete?

Als er noch so schwankend verweilte, da regte sich Toni, und die grüne Schlafdecke verschob sich etwas von ihrer Schulter.

Gust wurzelte fest.

Ah, — da erschien es wieder, dasjenige, was Toni so neu, so einzigartig machte, so reich, so hoch, so göttlich —

Noch einmal riss er sich los, durchmass mit schweren Schritten den kleinen Raum und bezwang sich.

Aber das schwere Rauschen in seinen Gliedern dauerte fort.

„Höre, Toni, du musst selbständig werden,“ entschied er endlich mit kräftigem Entschluss.

„Ja,“ rief die Angeredete, stürmisch aufspringend; „du hast recht. Aber wie soll ich das werden?“

Er wandte wieder seinen Blick auf sie und sein Herz klopfte.

Warum?

Er begriff sich nicht. Vielleicht war er krank. Ganz zerschlagen fühlte er sich.

„Sag’, was soll ich werden?“ drängte die Fortgerissene von neuem.

In diesem Augenblick hatte die starke Einbildungskraft des Phantasten Macht über seine Zuhörerin gewonnen. Und nun ging es über Stock und Stein.

„Was soll ich werden? Ich tu alles, was du sagst.“

„Etwas recht Hohes — du sollst — sollst — ach, willst du nicht Schauspielerin werden?“

„Ich?“

Mitten in der kleinen Dachkammer und noch immer dicht umhüllt von der schützenden grünen Decke wuchs sie an. Zweifel kamen ihr.

„Schauspielerin? Ich?“ wandte sie zaudernd ein.

„Ja, ja, du hast eine schlanke Gestalt wie eine hübsche Weidengerte, Toni.“

„Ja?“ wachte sie auf, „hab’ ich die?“

„Und sprechende blaue Augen, die voller Leben sind.“

„Findest du? Ist das auch wahr?“

„Gewiss, wie kannst du nur zweifeln? In solch’ einem feierlichen Augenblick? Und dann — es geht von dir so etwas aus — —“

„Was? Sag’ doch schnell —“

„Solch eine Kraft — versteh’ mich recht — solch eine Macht, die bezwingt.“

„Ach, du Lieber, du Guter.“

Sie wollte auf ihn zustürzen, ihm die Hände drücken, sie küssen. Jedoch die Decke, die verwünschte lange Schleppe hinderte sie noch einmal.

„Ja, und was du noch nicht kannst, das lehre ich dich — wir lesen Theaterstücke zusammen, ich spiele dir vor — pass’ mal auf.“

„Ja, ja — alles, alles, was du nur willst, Gust,“ wollte sie jubeln, allein plötzlich verstummte sie. Ein erdrückender, niederschlagender Gedanke lähmte ihre Freude.

„Was ist denn?“

„Meine Eltern — die leiden es ja nie und nimmer.“

„Eltern?“ wiederholte Gust verächtlich; ein trotziger, ablehnender Zug glitt über sein gutmütiges Antlitz. Dann schlug er herausfordernd die Arme untereinander. „Darin liegt es eben. Du brennst einfach durch.“

Da schlug Toni schallend die Hände zusammen. Die Decke entglitt ihr, und die Sonnenstrahlen warfen kleine helle Tupfen auf ihre Haut.

„Durch?“ echote sie, während ein Schauer von Freiheit und Glück sie zu überrieseln begann.

Sie wusste nichts mehr von sich, sie ahnte nicht einmal, warum Gust ganz plötzlich und unvermittelt vor ihr zitterte.

„Ja, durch,“ gab er in seinem hinstarrenden Traum zurück, und seine Stimme klang dumpf und gepresst, und seine Blicke hefteten sich verzweifelt auf das am Boden liegende Tuch, „zu Direktor Türckow nach Stralsund. Den kenn’ ich ganz genau.“

„Du, das tu’ ich,“ schrie Toni im hellsten Glück. „Das tu’ ich.“

Mit einem einzigen Sprung schnellte sie auf ihren Befreier zu, und während sie beide Arme um seinen Hals schlang, presste sie ihren schmalen blonden Kopf an seine Wange.

Einen Augenblick dünkte es Gust, er stände auf einer neuen Erde, eine vorüberzuckende Minute glaubte er, er sei bis dahin noch nicht gewesen, und ein ganz fremder, neuer, riesenstarker Mensch wüchse in ihm empor. Dann aber tat er die Augen auf, und diese Augen nahmen wahr, wovor er bis jetzt brennende Furcht empfunden.

Das Unverhüllte.

Blutrot und peinigend schlug die Scham über ihm zusammen. Ihm war es, als ob er im Moment das halbnackte Mädchen dort hassen müsse.

„Pfui,“ verwies er sie heftig, während er sich mit schweren Bewegungen loswand. „Pfui, Toni — besinn dich doch — das höchste an der Frau ist die Tugend.“

Aber sein Ausbruch war zu unvermittelt, die stürmische Toni begriff ihn garnicht.

„Tugend? Was hast du denn? Bleib doch.“

„Nein — nein.“ — Er hatte sich losgerungen, und nun stürzte er zur Tür, nicht, als hätte eben das Leben seine lieblichste Gabe an die Brust des Unfertigen gelegt, sondern, wie wenn eine geisselnde Furie auf seinen Nacken gesprungen wäre. „Jetzt nicht — ich komm’ wieder —,“ stammelte er noch — „bald“.

Und vollkommen verwirrt fuhr er die Treppe hinab — einen Absatz — den nächsten, bis er erschöpft auf der Strasse anlangte.

Ein frischer Wind, der von der See hereinwehte, strich hier leise summend an den Häusern entlang. Gierig sog Gust die Kühlung ein.

Dann lief er, aufgewühlt und erregt bis ins Innerste, die Gasse hinab, ohne zu wissen, wohin seine Bahn ihn führe. Nur ganz, wie von ferne, empfand er, dass dieser Weg ihn vielleicht in das Heim von Tante Betti leiten könnte.

Auch gut. Nur zu gleichgültigen Menschen, die von dem Streit in seinem Innern nichts ahnten, die nicht wussten, welch’ ein zermalmendes Abenteuer er eben bestanden.

Keuchend stürzte er weiter. Aber der Lauf befreite ihn nicht. Klirrend und klingelnd, wie ein Karussell, das mit tollem Flitterputz überladen sich um sich selber dreht, so kreisten seine Gedanken im engen Ringe.

Sein Examen, Catilina, die wunderschöne vornehme Martha, Egmont, — und dann, was färbte sich so dunkel? Was schillerte so glänzend weiss aus der grünen Decke hervor?

„Nein, nein.“

Mit wildem Ungestüm suchte er sich zu überreden, dass dies Gedenken unwürdig, hässlich, gewöhnlich sei. „Ja, ja, das ist das Gemeine dieser Erde, es will mich aus meiner Höhe herabziehen, es hängt sich an mich mit seiner lüsternen Schwere. Aber ich bin ein Strebender, ich besiege diese Anfechtungen.“

So tobte es durch sein Hirn. Aber das Karussell drehte sich weiter, und je rasender er von dannen stürmte, desto kreischender und wilder lärmte die Musik, bis er plötzlich heftig an einen Passanten anrannte.

Der Wandrer griff mit der linken Hand schmerzlich an den getroffenen Leib, mit der Rechten zog er mechanisch den Zylinder.

„Vergebung,“ dienerte Herr Winkelmann, denn er war es — „freue mich ausserordentlich, Herr Gust, aber um Gottes willen, wie sehen Sie denn aus!“

„Mein Examen,“ stammelte Gust.

„Allerdings, begreife vollkommen. Noch nichts gegessen, leerer Magen. Aber hier stehen wir gerade an der Gaststube von Ihlefeld. Mudding Ihlefeld — Sie wissen schon. Ganz ungewöhnliches Menu heute. Büffelsuppe, Stör, Französisches Filet, Kompot, Butterbrot und Käse. Bewahre, ich lasse Sie nicht — ganz besondere Ehre für mich, mit einem Abiturienten zu speisen. — — Bitte, bereiten Sie mir das grosse Vergnügen, voranzutreten.“

Und als Gust in den düsteren Bogengang der alten Studentenkneipe eintrat, gefolgt von der soliden Alltäglichkeit des Herrn Winkelmann, da begann sich das gespenstische Karussell langsamer und immer müder zu drehen, und zuletzt vernahm Gust nur noch ein ganz feines, fernes Klingeln.

Zur selben Zeit stand Toni in ihrem Dachverschlag vor einem Scherben Spiegelglas, der an die Wand genagelt war, und betrachtete verwundert ihre Blösse, über welche noch immer die munteren Sonnentupfen hinwegtanzten.

Dann reckte sie sehnsüchtig die hübschen, runden Arme.

„Warte nur, du Jung’,“ fiel es dabei listig von ihre frischen Lippen — — „ich krieg’ dich noch, ich mag dich nun mal gar zu gern. — Wart’ bloss, du sollst noch mal bitten kommen.“

Und dann verschränkte sie die Hände hinter dem Kopf, blinzelte wohlig in die Sonne hinein, fragte sich: „Ob ich wirklich Schauspielerin werd’?“

Es klang beinah wie Neugierde.

V.

Zwei Tage später, da wurde an der Entreeglocke des Gymnasialdirektor Thaler heftig gerissen.

Es war ein so starkes, rücksichtsloses Klingeln, dass die hohe Soldatengestalt des Direktors unwillig von dem regenüberfluteten Fenster, wo er bereits auf seinen Besuch gewartet hatte, zurückfuhr, um sich erst ärgerlich über die verdüsterte Stirn zu streichen: „Wie formlos dieser Zeisig sich wieder anmeldet,“ dachte der Schulherrscher dabei verstimmt. „Wo bleibt da die so nötige Disziplin? Verdirbt mir wahrhaftig das ganze Kollegium. Na, diesmal fasse ich ihn aber fester. Ah, guten Abend, lieber Herr Kollege.“

„Guten Abend, Herr Direktor,“ wünschte der im zottigen Überzieher eintretende Zeisig, während er seinen durchnässten Schlapphut fest unter den Arm presste. „Sie haben mich zu sprechen gewünscht.“

„Jawohl,“ versetzte der Direktor höflich, wobei er den breiten Kopf mit den soldatisch gescheitelten Haaren neigte, an die sich ohne Übergang ein kurzer, blonder Hauptmannsbart anschloss, „vielleicht aber legen Sie vorher ab, lieber Kollege.“

Es lag bereits eine ganz leise Zurechtweisung in diesen Worten, jedoch der Löwe der Prima überhörte dergleichen.

„Nicht nötig,“ warf er hin und vollführte eine ungeduldige Bewegung. Gleich darauf aber schleuderte er seinen Überzieher auf den nächsten Stuhl, alles mit den Geberden eines Mannes, der dergleichen Förmlichkeiten unmittelbar vor ernsten Dingen für sehr überflüssig hält.

Dann liess er sich, ohne eine Einladung abzuwarten, in den nächsten Armstuhl nieder, stiess ein paar einleitende „Hums“ hervor und begann wieder nervös:

„Darf ich vielleicht fragen — —?“

„Eine Zigarre gefällig?“ unterbrach der an seinem Schreibtisch verharrende Direktor sehr deutlich, denn er hielt es mit Recht für unpassend, dass der Untergebene die Führung des Gesprächs so unbedingt an sich riss. „Eine Zigarre gefällig, lieber Kollege?“

„Nein — ja, — das heisst, wenn ich bitten darf.“

„Gewiss, bitte bedienen Sie sich — hier ist Feuer.“

Mit ein paar mächtigen Stössen paffte Zeisig ungeheure Dampfwolken von sich aus, ohne zu ahnen, wie sehr sich der Schulmonarch über diese Kraftentwicklung wieder zu kränken begann, und behielt bei alledem noch Zeit, durch die blauen Dünste hindurch den Eindruck des korrekten, weiten Studierzimmers mit seinen hohen Bücherregalen, den zwei Kaiserbildern und den an der Wand gekreuzten Offiziersdegen in sich aufzunehmen.

„Hum.“

Inzwischen hatte der Direktor gleichfalls eine Zigarre entzündet und sich seinem Besuch gegenüber bequem in den Arbeitssessel vor dem grossen Schreibtisch niedergelassen.

Nun schlug er nachlässig die Beine übereinander und begann. Zunächst mit einem wohlwollenden Lächeln.

„Na, Sie ahnen wohl selbst, lieber Kollege, wesshalb ich Sie hierher bitten liess?“

„Jawohl — hum — ich kann es mir denken.“

„Nun gut, dann gehe ich wohl auch nicht fehl, wenn ich voraussehe, dass Ihr Erstaunen über diese seltsame Leistung mindestens ebenso gross ist, wie die meine. Nicht wahr?“

Als Zeisig den immer kälter werdenden Ton in dieser geschäftsmässigen Frage spürte, blies der Löwe plötzlich schreckliche Wolken vor sich hin, fuhr sich nervös in den braunroten Kinnbart, bis seine rollenden Raubtieraugen mit einem wütenden Gefunkel auf seinem Vorgesetzten haften blieben.

Allein, Direktor Thaler mit den fest gerichteten blauen Soldatenaugen hielt diesen Blick stramm aus.

„Nun?“ heischte er nur dringender.

Zeisig riss noch immer an seinem Bart. Endlich fuhr es mit kaum verhaltener Erregung aus ihm hervor: „Erstaunen? — Nein, Sie vergessen, Herr Direktor, dass ich den jungen Mann durch vier Klassen hindurch begleitet habe und dass mir deshalb seine genialen Extravaganzen nicht allein bekannt — —“

„Genial?“ versuchte Thaler, wie über einen netten Scherz zu lächeln.

„Sondern auch lieb sind,“ endigte der gereizte Gegner rücksichtslos.

„Hum.“

Dann warf er sich mit Geräusch in seinen Ledersessel zurück und entflammte zwei Streichhölzer auf einmal. Der Direktor dagegen stäubte langsam seine Asche von der Zigarre, hob seine Augen prüfend zu dem vor ihm Sitzenden auf und verharrte eine Weile in einem peinlichen Schweigen.

So still wurde es, dass man die Regentropfen an die Scheiben spritzen hören konnte.

„Hören Sie mal, Herr Kollege,“ hob der Vorgesetzte endlich mit gänzlich verändertem, scharfem und bestimmtem Ton an, während er sich so straff aufrichtete, als hätte er Befehle für eine Kompagnie zu erteilen. „Der Aufsatz von Petersen dürfte auch für Sie eine bestimmende Bedeutung gewinnen. Ist Ihnen das bekannt?“

Zeisig schluckte. Es war, als hätte er etwas hinunterzuwürgen:

„Wieso?“ quoll es nur heiser aus seiner Brust.

„Weil dieses Gesudel eine Blamage ist.“

„Was?“

„Für Sie. Für meine Anstalt. Und für mich.“

„Eine Blamage?“

„Ich kann es nicht anders nennen,“ schloss der Direktor.

Jetzt hielt sich Zeisig nicht länger. Mit jenem kurzen Aufbrüllen, vor dem seine Primaner sich stets entsetzten, und das sowohl Hohn als Verachtung ausdrücken konnte, schnellte er nach vorn, stiess mit scharrendem Geräusch die Zigarrenkiste weit über den Tisch, öffnete zwei- oder dreimal die Faust, schleuderte ebenso oft den Kopf zur Seite, wie wenn er seinen Kragen damit zu weiten gedächte, und sprang plötzlich aus seinem Sessel empor mit jener unbewusst männlichen und majestätischen Haltung, die ihm seine Überlegenheit verschafft hatte. Er hatte sich bezwungen.

„Herr Direktor,“ wollte er ruhig erwidern, doch er brachte es nur zu einem unheimlichen Knurren, während seine Raubtieraugen dabei düsterer als jemals flammten, „Herr Direktor, machen wir es kurz. Hum —. Dass ich die absurden und unreifen Überzeugungen des jungen Menschen nicht teile, das bedarf wohl weiter keiner Erörterung. Ebenso, wie es bedauerlich bleibt, dass Petersen seiner glühenden Einbildungskraft gerade in diesem Aufsatz die Zügel schiessen liess. Auf der anderen Seite jedoch — ich gestehe es Ihnen ohne jede Einschränkung — bin ich stolz darauf, dass ich allen meinen Schülern, aber auch allen, eine angeregte Phantasie mit auf den Weg zu geben strebe. Denn diese tiefe und fruchtbare Phantasie, die man jetzt sehr zu Unrecht durch eine real praktische Erziehung zu verdrängen, ja auszurotten sucht, diese fruchtbare Phantasie halte ich für den tiefsten Wesenskern des deutschen Volkes von Anbeginn an. Für ein Geschenk seines Genius. Weil nur starke Phantasten von jeher Eroberer und Erbauer gewesen sind.“

„So?“ erwiderte der Schulleiter frostig, indem er seine ragende Gestalt gleichfalls voll zur Höhe streckte, „und ich bin Ihnen für diese Vorlesung sehr verbunden, Herr Oberlehrer Zeisig, Sie gestatten aber wohl, dass man auch anderen pädagogischen Grundsätzen huldigen dürfe. Nicht wahr? Vor meiner Ankunft mag es hier vielleicht in dieser Beziehung anders gehandhabt worden sein. Von jetzt an aber verlange ich unbedingt, hören Sie, ich sagte ‚unbedingt‘, dass Ihre Schüler mit einer gut bürgerlichen und monarchischen Gesinnung von meiner Anstalt entlassen werden. Sind Sie damit einverstanden?“

„Ich bin ein ebenso guter Monarchist, wie Sie,“ schrie Zeisig jetzt wutentbrannt und schleuderte voller Zorn und dunkelrot seine Zigarre in den hinter ihm stehenden Ofenkasten. „Aber ich bin es aus ehrlich erworbener Überzeugung. Und weil der Mensch eine Entwickelungsreihe und keine geprägte Form darstellt, so wünsche ich, dass auch jeder meiner Schüler in Mühe und Not seine eigene Überzeugung finde. Wer nicht versucht ist, der ist auch nicht erprobt, Herr Direktor. In diesem Ringen hat schon unser grosser Goethe die Erlösung zu finden geglaubt —,“ hier glitt ein etwas geringschätzendes Lächeln um die Lippen Thalers, der gerade die pädagogische Seite des Dichterfürsten nicht sonderlich hoch veranschlagen mochte — „und wie ich mich selbst, Sie können es ruhig anhören,“ schloss der schäumende Zeisig, „in jugendlichem Überschwang vom Gottesleugner und Tyrannenmörder zu höheren Idealen durchgeschlagen, so möchte ich um keinen Preis irgendeinem meiner Schüler, und besonders meinem Liebling Petersen nicht, dieses stürmische Handgemenge ersparen. Denn gerade dies drauf und dran, glaube ich, macht allein unser Leben lebenswert. — So, Herr Direktor — hum — dies hatte ich Ihnen zu sagen — verzeihen Sie, es ist hier ungewöhnlich heiss im Zimmer. — Im übrigen finde ich, ganz wie Sie, die ausgesprochenen Prinzipien in dem fraglichen Aufsatz überaus lächerlich, den Stil jedoch und all den Sturm und Drang einfach hinreissend und liebenswert. — So — darauf bin ich nun einmal eingeschworen. Verzeihen Sie. Hum —. Guten Abend, Herr Direktor.“

Damit hatte sich die Gewitterwolke entladen und gedachte nun rollend und wetterleuchtend abzuziehen.

Schon schlug die Hand des Davonstürmenden schallend auf den Türklopfer, als der nachdenklich gewordene Thaler endlich die Art für diesen ungeberdigen Draufgänger gefunden zu haben glaubte.

Mit ein paar grossen Schritten holte er ihn ein, legte ihm seine Hände wuchtig auf beide Schultern und schüttelte unter herzlichem Lachen die ganze Gestalt, wie wenn er den anderen zur Besinnung bringen wolle.

„Na, Sie alter Brummbär, so hören Sie doch.“

„Was denn?“ stotterte Zeisig verblüfft, der auf diese Wendung durchaus nicht gefasst war.

„Herr Gott, mein lieber Zeisig, ich will Sie doch nicht im Zorn von mir scheiden lassen. Unter keinen Umständen. Dazu schätze ich Sie viel zu sehr. Sie wissen wohl selbst, dass ich Sie für meinen hervorragendsten Mitarbeiter halte. Oder muss ich das etwa ausdrücklich betonen?“

„Herr Direktor,“ stotterte Zeisig, der sich den plötzlichen Umschwung durchaus nicht erklären konnte, und sah sich sehr unglücklich um.

„Und wenn man Sie so hört, alter Freund,“ fuhr Thaler kordial fort, „Ihre ganze fortreissende Art, dann muss man Sie ja ordentlich lieb gewinnen, Herr Gott, ja — trotz entgegengesetzter Ansichten —. Aber nun urteilen Sie selbst, kann ich diesen Aufsatz dem Schulrat vorlegen, ohne Gefahr für die mir anvertraute Anstalt? Sagen Sie.“

„Das weiss ich nicht, Herr Direktor, das weiss ich nicht. Darum hab’ ich mich nie gekümmert.“

„Ganz klar, Sie leben eben der Literatur und Ihren Idealen. — Aber weiter, können Sie sich denken, dass der Herr Schulrat Ihren Petersen auf diese Arbeit hin überhaupt zum mündlichen Examen zulässt? Dass er ihn nicht vielmehr wegen moralischer Unreife — ich spreche hier lediglich aus dem Gedankengang unseres Vorgesetzten — dass er ihn nicht einfach und glatt relegieren würde?“

„Relegieren?“ wiederholte Zeisig völlig betäubt, indem er sich verzweifelt durch sein Gelock fuhr, „halten — ja — halten Sie denn das überhaupt für möglich, Herr Direktor?“

„Ich bin davon überzeugt.“

„Ja, aber um Gottes willen, was tut man denn da?“ rief Zeisig ganz fassungslos, und in seinem ehrlichen Gesicht erschien der Ausdruck eines hilflosen Kindes. „Herr Direktor, hier müssen Sie helfen.“

Der Direktor trat zurück und nickte leicht:

„Sehen Sie, lieber Kollege, das hatte ich bereits im Sinne, als ich Sie hierher bitten liess.“

„Ja? — ja? — hatten Sie das?“ fragte Zeisig im Ton der Entschuldigung, in dem er verwirrt die Hände faltete. Und nun entwickelte ihm Direktor Thaler mit eindringlichem Ernst, dass Gust Petersen in der Behausung des Direktors den fraglichen Aufsatz noch einmal schreiben solle, nachdem Zeisig seinen Schüler von dem Vorgefallenen in Kenntnis gesetzt und ihn auf die Gefahr seiner Ansichten hingewiesen habe.

„Das soll ich tun?“ forschte Zeisig in sich hineinmurmelnd.

Er erwachte wie aus tiefer Versunkenheit, und für einen Moment begannen seine Raubtieraugen die alte Glut zu sprühen.

„Sie,“ schloss der Direktor nachdrücklich.

„Ich? — das heisst, ich halte das Ganze — nein, nein, aber trotzdem, ich schicke ihn — ich schicke ihn her,“ knurrte Zeisig jetzt in unterdrückter Erregung —, „tun Sie dann mit ihm, was Sie für Recht halten. Aber nun — ich will es gleich besorgen — nun, gute Nacht, Herr Direktor.“

Damit kehrte er sich mit einer merkwürdig kurzen Verbeugung um, lief durch das Entree, schoss dann die weisse Holztreppe hinunter, dass die Stufen unter ihm krachten, und hörte noch wie der Direktor, der ihm bis auf den Vorplatz gefolgt war, dem Davoneilenden nachrief, dass Thaler mit dieser ganzen Veranstaltung lediglich dem Dr. Zeisig ein Zeichen seiner Achtung zu geben gedächte.

„Jawohl — jawohl — hum — hum.“

Zeisig war auf der Strasse.

Es regnete in Strömen. Allein der Oberlehrer spannte seinen Schirm nicht auf. Plötzlich jedoch gebrauchte er ihn zu etwas Seltsamem. Bei der ersten Laterne nämlich blieb er stehen und begann in unverständlicher Wut auf den eisernen Pfahl einzuhauen.

„Da — da — solch’ ein — o, das ist ja — das ist ja — —“ Was er aber damit ausdrücken wollte, das hat die Nachwelt nie erfahren.

Eine Viertelstunde später nämlich sass er bereits in dem gemütlichen Zimmerchen, das er als Junggeselle von der Tischlerswitwe Gäde gemietet hatte; vor ihm stand eine Flasche des roten Weins, den er sich von seiner Griechenlandfahrt heimgebracht, und in seiner Hand hielt er einen Band des geliebten Goethe, den Direktor Thaler aus pädagogischen Gründen so sehr verachtete. Und mit lauter Stimme und zu seinem Tröste las er sich vor:

„Hier sitz’ ich, forme Menschen —

Nach meinem Bilde,

Ein Geschlecht, das mir gleich sei,

Zu leiden, zu weinen,

Zu geniessen und zu freuen sich.

Und dein nicht zu achten,

Wie ich!“

VI.

Ein wundervoller, heller Herbstmorgen war dem Regen- und Sturmtag von gestern gefolgt.

Als sich Gust nach dem Frühkaffee aus dem Fenster beugte, da sah er den schmalen Fluss vorbeischimmern, wie wenn auf dem blaugrünen Grund ungeheure Platten von Gold und Silber schaukelten. Und darüber hob sich ein Dunst, als ob das Metall noch glühend gewesen und jetzt in dem kühlen Gewässer abzische.

Mit grossen Schritten wunderte Gust dann in dem Giebelstübchen zwischen den altertümlichen Möbeln umher und konnte seiner Mutter, die an dem zweiten Fenster sass, damit beschäftigt, einen bunten Seidenschlips für ihn zu nähen, nicht genug von seinem Aufsatz, von Catilina und dem alten Rom erzählen.

Ach, dergleichen hörte die dicke Frau Kapitänin gar zu gern. Dabei liess sich so wunderschön träumen. Es war alles so grossartig, und nun noch dazu die wunderlichen Namen, die ihr Gust so prachtvoll und so geläufig aussprach, als ginge er täglich mit solchen Leuten um.

„Du, Gust,“ erkundigte sie sich nach einer Weile, während sie behaglich den bunten Schlips in die Sonne hielt. „Catilina, was hatte der Mann wohl für eine Stellung?“

Darauf lächelte Gust gutmütig und erwiderte, dass es dieser Römer beinahe bis zum Konsul gebracht hätte.

„Was? Konsul?“ wiederholte Frau Petersen erstaunt. Sie hätte dem Manne mit dem klingenden Namen eigentlich doch eine grössere Vornehmheit zugetraut. — Konsul? — Wenn er nicht mehr war?!

„Du,“ fuhr sie nach einer Gedankenpause fort, „ist das dasselbe wie hier Konsul Gaude, der die holländischen Matrosen immer aus der Suppenanstalt beköstigt?“

Das konnte nun Gust keineswegs zugeben. Wieder wandelte er umher, erzählte und beschrieb. Und als er seiner Zuhörerin den Tod seines Helden schilderte, des einzelnen, der auf dürrer Heide auf einem Leichenwall noch immer das Schwert geschwungen, ohne Hoffnung, aber unbesiegt von seinem Elend, und wie er dann hingesunken wäre auf seinen Schild, das bleiche, furchtbare Antlitz noch immer trotzig der römischen Sonne zugekehrt, da wischte sich Frau Petersen zwei grosse, runde Tränen aus den Augen und schluckte, man solle es nicht glauben, was es für hohe Männer auf der Welt gäbe.

Aber nie schön, wie tief ergreifend ihr Gust das auch vortragen konnte: „Du, Gust,“ bewunderte sie endlich aufatmend und sah stolz auf ihren Einzigen, „das solltest du einmal aufschreiben. Ganz gross, damit es auch andere lesen können.“

Gust wurde gepackt und unterbrach seinen Triumphzug: „Ja,“ warf er mit scheinbarer Gleichgültigkeit hin: „Du hast ganz recht, Mutter, daraus will ich einmal ein Drama machen.“

Heimlich und still wurde es darauf wieder in dem kleinen Zimmer.

An den Fenstern raschelte der Wind und flüsterte Gust zu, dass er nun bald ein grosser Mann sein würde, und auf dem Fussboden zitterten die Sonnenkringel wie goldene Blumen, die aus dem weissen Streusand emporblühen wollten.

Da warf Frau Miete von ihrem Sitz aus einen Blick auf den grünen Fensterspiegel, „den Spion“, wie sie ihn nannte, und meldete interessiert:

„Sieh, da kommt Toni Stark.“

„Wer?“

„Toni.“

Gust fuhr zusammen.

Und wenn Frau Miete nicht gerade noch weitere Zwiesprache mit dem Spion gepflogen hätte, sie müsste bemerkt haben, wie über das Antlitz ihres Jungen Geisterblässe fuhr, verscheucht von siedender Glut.

„Ich will fortgehen,“ stiess er endlich hervor, bemüht, seinen Schauer zu verbergen.

„Fort? Warum denn?“

„Ich — ich habe Feindschaft mit Toni.“ Und er wusste kaum, dass er dabei im tiefsten Grunde die Wahrheit sprach.

„Feindschaft?“ verwunderte sich nun seine Mutter überrascht, indem sie ihre blauen Augen hell und doch voll mütterlicher Ahnung gegen ihn aufschlug. „Du?“

Diesen Blick jedoch vermochte der Bedrängte nicht mehr zu ertragen. In stürmischer Verwirrung griff er nach Mantel und Hut, und überstürzte sich mit zusammenhangloser Entschuldigung:

„Mutter, das kann ich dir nicht erklären — selbst dir nicht. — Rede auch nicht mit Toni darüber. Sie verrät dir nichts. Inzwischen will ich zu Kräplins ’rausfahren. An den Bodden nach Wedena. Wir müssen die Stunden besprechen. Du weisst ja.“

Da begann Frau Miete geheimnisvoll zu lächeln, als verstünde sie alles, nickte ihm zu und sagte behutsam:

„Und wenn sie dich draussen zum Mittagbrot einladen sollten, dann bleibe bei ihnen. — Hörst du?“

„Ja, ja, dann bleib’ ich — adieu Mutter.“

„Adieu Gust —“

Auf geheimem Pfad, der hinter dem Hause zur Landungsbrücke des kleinen Dampfers führte, sprang Gust davon. Allein, wie sehr er sich auch zwischen die Stämme des Promenadenweges duckte, die heranschreitende Toni mit ihren hellen Augen erspähte ihn doch.

Erschreckt wurzelte sie fest, hart am Bollwerk, dann warf sie die Lippen auf und ballte die Fäuste. „Solch dummer Bengel,“ schimpfte sie in sich hinein, als sie ihren Beschützer mit einem kräftigen Anlauf auf das kleine Dampfboot springen sah, „da läuft er wieder. Hat Angst vor mir, die Memme. O, du, wenn ich dich hätte, wie wollte ich dich — —“

Blitzenden Auges hob sie die Hand zum Schlage, während sie trotzig kehrt machte. Und nur ein einziges Mal glitt ein beistimmendes Lächeln um ihren Mund. Das war in dem Moment, als der alte Jimm Kükeweih, der rauchend auf dem Bollwerk hockte, dem Flüchtling mit seiner fürchterlich dröhnenden Stimme nachbrüllte:

„Kiek — kiek — Gust — will Professer werden — hollt em up — hollt em up2) — Gust, Hanswust.“

Gust schritt durch Wedena.

Das kleine ehemalige Klosterdorf liegt ganz in struppige Gärten eingebettet. Es hat eigentlich nur eine einzige Strasse, und die Häuschen rechts und links sehen kahl und müde aus. Als sehnten sie sich nach Ruhe. Oder als fühlten sie sich altersschwach und wunderten sich nur, dass sie noch immer daständen und nicht ebenfalls längst dem grausen Fluch des Versinkens und Vergessens anheim gefallen wären, in dem das stattliche Kloster dort drüben im Eichenhain vor Hunderten von Jahren längst verschwunden war.

Nur ein paar rote Ruinen dämmern noch herüber und im Sonnenschein schütteln sie ihre verwitterten Häupter, und durch die langen Gänge seufzt klagend die Frage: „Wann? — Wann?“

Wann wird endlich der Pflug mit eisernem Zahne sie hinwegbeissen? Wann wird hier wieder neues Leben blühen, Halmfrucht und Kohl?

Aber das wusste keiner, Gust wusste es auch nicht, denn in der landwirtschaftlichen Schule, die sich hier angesiedelt hatte, und auch in dem nahen Dominium regte sich nicht viel — überall dieselbe dumpfe Stille, als hätten die toten Mönche die Gegend mit Verwünschung belegt.

Immer bedrückter und beklommener fühlte sich Gust, als er dies unveränderliche Schweigen durchmass. Er schaute auf die Äste der Kirschbäume, die noch im Laub standen.

Kein Vogel sang.

Begierig blickte er durch die Zäune der kleinen Kathen. Allein nur ein paar alte Mütterchen sassen in der Sonne und wärmten sich.

Schweigen — Schweigen.

Plötzlich ergriff Gust eine heftige Sehnsucht nach Martha.

Sie allein, — das empfand er ganz deutlich, wenn sie jetzt daher käme, sie allein könnte diese brütende Stille hinwegscheuchen — eine Handbewegung von ihr, und aus den Kirschbäumen würde es zwitschern, die alten Mütterchen vor den Häusern würden mit den Köpfen nicken und Jugenderinnerungen austauschen — und er? — er würde —

„Nummer 12.“

Er stockte. Hier befand sich Marthas Haus.

Hinter der Biegung der Strasse lag es, hatte vor sich nur die holprige Chaussee sowie den unermesslichen Hain. Drüben hoben sich die Eichenwipfel starr in die blaue Luft, und in dem Hause regte sich nichts.

Er durchmass den kleinen Vorgarten. Dunkle Schatten lagen hier. Die breiten Kastanien bildeten fast ein Dach. Dann stieg er drei Steinstufen in die Höhe. Die Glastür war nur angelehnt. Ungehindert gelangte er in ein Wohnzimmer. Alte blaugraue Gobelinmöbel standen hier herum, die Wände waren bis zur Hälfte mit einer Ledertapete ausgeschlagen, sonst waltete auch hier ein Halbdunkel, jene ungemütliche grüne Dämmerung.

Beklemmt blieb der Eindringling einen Moment stehen, um verstohlen um sich zu spähen. Konnte sich nicht jeden Moment das scharf geschnittene Haupt des alten Kräplin aus einem dieser Sessel aufrichten, um mit ätzender Stimme zu fragen:

„Nun? Woher, junges Deutschland? Wohin?“

Aber die blaugrüne Stube lag weiter in ihrer dämmernden Lautlosigkeit.

Auf Zehen schritt Gust fürbass.

Noch ein paar kleinere Räume, sehr einfach mit Holzmöbeln besetzt, dann eine rotgepflasterte Diele, eine schwere, ungefüge Tür, und er befand sich wieder auf ein paar Steinstufen, die auf den Hofraum hinaus leiteten.

Kaum aber knarrten die ächzenden Türangeln, da wurde wirklich die gefürchtete Stimme laut:

„He — wer ist da? — Ah, Sie sind’s, junger Herr Petersen. Wollen Sie bereits Stunden geben? Kommen Sie doch, bitte, herunter.“

In einer Ecke des Hofes, dicht neben den Holzplanken, die ihn begrenzten, war ein grosses tiefes Loch gegraben. Und auf dem ausgeworfenen Erdhaufen, da stand Marthas Vater in einer alten, grauen, zottigen Jacke, eine schwarze Brille zum Schutz gegen die Sonne vor den Augen, während sein junger Verwandter, Malte von Zingst, zu seinen Füssen auf einem Brett kniete und eben im Begriff stand, eine Massleine in den Brunnen herunter zu lassen.

Befangen trat Gust näher und zog den Hut.

„Guten Tag, Herr Kapitän.“

„Tag,“ wünschte der alte Kräplin, verzog den Mund zu einem süsssauren Lachen und winkte geschäftig mit seinem gelben Meterstab. „Steigen Sie gefälligst hier herauf — so —. Wofür halten Sie das Ding, Herr Professor? — Na?“

„Das?“ entgegnete Gust, der sich schüchtern über die Öffnung gebeugt hatte. „Das? — Das dürfte wohl ein Brunnen werden.“

„Dürfte? — Da haben Sie wieder recht,“ tadelte der Grauzottige gallig —. „Angelegt ist das Ding ganz regulär, und unter den Meeresspiegel sind wir gleichfalls schon längst hinaus. Und doch läuft kein Tropfen Wasser hinein.“ — Er fuchtelte mit seinem gelben Stab: „Sehen Sie sich einmal um. Haben Sie eine Ahnung, woran das liegt? —“

Gust blickte rund herum, auf die schwarze Brille, auf die Massleine, und schliesslich in die blaue Luft, um endlich kleinlaut zu gestehen, dass er den Grund der Erscheinung nicht recht zu erklären vermöchte.

Dies schien Marthas Vater jedoch sehr zu erfreuen.

„Aha,“ räusperte er sich befriedigt. „Kann es nicht erklären. Na, und du, Malte?“

Der Kniende erhob sich und klopfte sich die Kleider ab:

„Das ist doch nicht schwer, Onkel,“ entgegnete er dann ruhig; „das liegt an der breiten Tonschicht, die nichts durchlässt.“

„Was du sagst?“ verwunderte sich der Alte und nahm die Brille ab, um seinen praktischen Verwandten beifällig zu mustern. „Na, und weshalb glauben Sie wohl,“ fuhr er wieder zu Gust herum, „habe ich den Brunnen nun gerade an dieser schlechten Stelle angelegt? Nur, weil ich ein Esel bin? Ein Schafskopf? Ein altes Dromedar? Wie?“

Gust versank allmählich immer tiefer in die weiche Erde. Deutlich und kränkend empfand er obendrein die geringe Meinung, die der alte Kapitän von seinen praktischen Kenntnissen hegen musste. Deshalb stotterte er zwischen Verlegenheit und Unmut, dass er sich mit der Wissenschaft des Tiefbaues bis jetzt noch nicht genauer beschäftigt habe.

„Wissenschaft des Tiefbaues?“

Auch dieser Ausdruck ergötzte den alten Querkopf augenscheinlich ganz ungemein.

„Sehr gut,“ grunzte er vergnügt. „Man sieht doch gleich den gelehrten Mann. Na, und du, Freund Malte?“

„O, lass das doch, Onkel,“ versetzte der Angeredete jetzt leichthin, als wolle er sich vor seinem Mitschüler nicht brüsten; „auf dem Lande beobachtet man ja dergleichen öfter. Du hast wohl einfach an der Tonschicht einen natürlichen Filter zu finden geglaubt, um klares Wasser zu erzielen. Was ist da weiter dabei?“

„Kuck.“

Damit schlug der Kapitänleutnant dem Junker schallend auf die Schulter.

„Bravo, ich sag’s ja, dem Herrn Landrat ist nicht beizukommen. Na, dafür darfst du auch weiter messen, mein Junge. Wahrhaftig, es müsste doch rein mit dem Deuwel zugehen, wenn wir beide nicht ’rauskriegen sollten, warum das verfluchte Wasser nicht laufen will. Was? Na, und Sie, mein lieber Doktor,“ wandte er sich wieder mit zweifelhafter Freundlichkeit an Gust, „Sie wird unsere Beschäftigung vermutlich nicht weiter interessieren? Wie, oder doch? —“ setzte er stachlich hinzu.

Als Gust jedoch schwieg, zog er eine alte Hornpfeife hervor und drückte sie seinem Besuch ohne weitere Umstände in die Hand. „Hier, lieber Professor, nehmen Sie. Nehmen Sie. Meine Tochter Martha geht drüben im Hain spazieren. Hört auf das Rauschen der Eichen. Und so was! Sie wissen ja. Brauchen bloss in dies Ding zu blasen, dann kommt sie ganz sicher. Und nun gehen Sie man — ohne weiteres — ja, ja, schon gut — und um zwei Uhr haben wir dann das Vergnügen zu Tisch. Nicht wahr? Aber keine Minute später. Das mag ich nicht leiden.“

Damit packte er Malte am Arm und zog ihn wieder an die Grube, es dem Ankömmling überlassend, über seine Zeit zu verfügen, wie er Lust habe.

Mit einer raschen, eckigen Verbeugung zog sich Gust auch wirklich zurück, tappte durch das schweigende Haus und befand sich bald im Hain.

Ah, hier war es weit und gewaltig. Ein Rauschen ging durch die Eichenstämme, von der See war ein Wind aufgefahren, der sprang jetzt wie ein grosser Vogel in den Kronen herum, zauste sie und liess Blätter herabfallen.

Überall rieselte es von falbem Laub.

Auf den weiten Rasenplätzen wirbelte es durcheinander und fuhr im Reigen um die grünborkigen, schimmligen Stämme. Mitten in der grünen Pracht aber hatte die Sonne tausend goldgelbe Lichter auf den Boden gestellt. Die waren lebendig geworden und liefen gleich Fackelträgern mit wehenden Flämmchen in dem grossen Reigen mit.

Immer im Kreise.

Von weither, aus unsichtbarer Ferne, schrie der Kuckuck, und neben Gust, von Ast zu Ast zog ein Schwarzdrosselpärchen.

Aber der Wanderer beachtete sie nicht. Hallenden Schrittes lief er den braunen Waldpfad entlang, mit verzogener Stirn, die Fäuste in den Taschen geballt. Und in seinen Gedanken stürmte es, genau so wie dort oben in den bewegten Wipfeln.

Dieser alte Kräplin. Und der nüchterne Malte. Zwei Menschen, die so selbstgefällig am Erdboden klebten, gleich Schnecken, die nur kriechen konnten, und die nun jeden verlachten, der ein Vogel sein wollte. Aber er würde es diesem Herrn Kapitänleutnant schon beweisen. Für den Moment zwar hatte er sich von dem gefürchteten Manne imponieren lassen, aber heute mittag wollte er es ihm heimzahlen. Wetter, wie würde er ihn dann abführen, wie würde er — — —

„Kuckuck,“ schrie der unsichtbare Philosoph, der die Jahre des Lebens zählt, dazwischen: „Kuckuck.“

Gust hielt an und lauschte.

Im selben Augenblick taten sich seine Augen auf für den grünen Saal, in dem er wandelte, er vernahm das Weithinhallende seiner Tritte und erblickte verwundert, wie an den Stämmen in breiten Streifen smaragdsprühendes Feuer herunterschoss.

„Kuckuck,“ spottete der Philosoph, der die Jahre des Lebens zählt, mit seiner dunklen Stimme.

Gust hielt an und lauschte: „Wie lange werde ich noch leben?“ fragte er halblaut vor sich hin, während er unwillkürlich den Zeigefinger zum Zählen erhob.

Ehrbar antwortete der Prophet:

Eins — zwei — drei — sieben — zehnmal.

„Nun, weiter?“ flüsterte Gust, unsicher in die Höhe blickend.

Jedoch der Unsichtbare schwieg. Er wusste nichts mehr. Sein Lied war zu Ende.

„Zehn Jahre nur?“ murmelte Gust erblassend und sah scheu in die leeren, grünen Hallen hinunter. Wenn das wirklich möglich wäre! — Also mit achtundzwanzig schon? — Ein gerade Erblühter?

In den Eichenwipfeln über ihm raunte etwas. Dem Einsamen fuhr es durch den Sinn, dass die Ahnen aus diesem Rauschen ihre Schicksalssprüche empfangen hätten. Kalt und frostig fasste es ihn an und lief ihm rieselnd über den Rücken.

„Nein, nein, nur nicht so früh aufhören, vergehen.“

Grenzenlose, schüttelnde Furcht hatte er bis jetzt stets vor dem Ende, vor dem starren Gebot des Weichens empfunden. Aber hier — in den weiten, leeren Hallen, da überfiel ihn treibende Angst, da graute ihm, da wollte er sich an irgend etwas anklammern, an irgend etwas, was es auch sei. An irgend etwas ausser ihm.

Leise stöhnte er vor sich hin:

„Lieber Gott — nicht doch — nicht doch.“

Pulsuz fraqment bitdi.

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