Kitabı oxu: «Der Seelensucher»
Der Seelensucher
Georg Groddeck
Inhaltsverzeichnis
Über den Autoren
Der Seelensucher
Impressum
Über den Autoren
Georg Walther Groddeck (* 13. Oktober 1866 in Kösen; † 11. Juni 1934 in Knonau, Schweiz) war ein deutscher Arzt, Psychoanalytiker und Wegbereiter der Psychosomatik. Er war zudem als Sozialreformer und Schriftsteller tätig.
Der Seelensucher
1. Kapitel.
Agathe, der Herausgeber, August Müller und der Seelensucher.
Meine Freundin, Frau Agathe Willen, hat mich auf ihrem Sterbelager beauftragt, die Geschichte ihres Bruders, des wunderlichen Herrn Thomas Weltlein zu veröffentlichen.
»Thomas,« sagte sie, »war der beste Mensch und der Gescheiteste, den ich je getroffen habe. Ich bin Schuld daran, daß er so elend zu Grunde gegangen ist. Meine übergroße Reinlichkeit und Angst trieben ihn in die Stürme hinaus, in denen er Schiffbruch litt. Und wenn jetzt jedermann über des Armen Narrheit lacht, so lastet das mit Zentnerschwere auf meiner Seele. In meiner Gewissensnot habe ich alles gesammelt, was ich über die merkwürdigen Erlebnisse meines Bruders erfahren konnte. Ich bitte Sie, der Sie ihn kannten und liebten, die Zettel, Briefe und Tagebücher, die dort in der Kiste liegen, durchzusehen, zu ordnen und allen wohlweisen Männern und Frauen zur Warnung drucken zu lassen.« Damit drehte sich die tapfre Agathe gegen die Wand und starb.
Es war ein Irrtum der guten Alten, daß ich den also geschilderten Bruder gekannt oder gar geliebt hätte. Als mich der Zufall in die Stadt Bäuchlingen warf, hatte er schon das Zeitliche gesegnet. Aber die Tote konnte ich nicht mehr darüber belehren. An ihrem Bette stehend gelobte ich, ihren letzten Wunsch zu erfüllen. Ein nachsichtiges Publikum wolle verzeihen, wenn ich ihm weitschweifig erzähle, wie Thomas Weltlein lebte und starb.
Ich muß meine Erzählung berichtigen, ehe ich sie beginne. Der Mann, von dem sie handelt, hieß nicht Thomas Weltlein, sondern von den Vätern her war er August Müller benannt. Kraft eigener Machtvollkommenheit jedoch verwandelte er diesen seinen ererbten Namen. Das war in Bäuchlingen männiglich bekannt und auch ich wußte darum. Aber erst aus den Papieren der Schwester erfuhr ich die seltsamen Gründe dieser Wiedertaufe, und auch der Leser wird seinerzeit darüber unterrichtet werden. Vorläufig ist es noch August Müller, von dem ich zu erzählen habe.
August Müller war durch den Tod seiner Eltern frühzeitig zu einem beträchtlichen Vermögen gekommen, hatte sich lange Jahre an einer Reihe von Universitäten studienhalber aufgehalten, war viel gereist und hatte viel erlebt, um sich schließlich als Mann von etlichen dreißig Jahren nach Bäuchlingen zurückzuziehen. Dort lebte er in einem weinumrankten Häuschen zusammen mit seiner verwitweten Schwester Agathe Willen und deren halbwüchsigen Tochter Alwine. An den Einzug dieser Schwester in sein Haus knüpfte sich ein Ereignis, das, so unscheinbar es dem Leser vorkommen mag, erwähnt werden muß. August hatte auf einer seiner Reisen Goethes Enkel, Wolf, kennen gelernt. Durch seine Gabe, einsame Menschen zum Sprechen zu bringen und ihnen aufmerksam zuzuhören, hatte er Wolf Goethes Gunst in so hohem Grade gewonnen, daß dieser ihm zum Andenken einen vom Großvater eigenhändig geschnittenen Schattenriß schenkte. In sauberen Umrissen war aus schwarzem Papier ein Mann geschnitten, der, auf der Weltkugel sitzend, ein kleines nacktes Frauenzimmerchen auf der flachen Hand hielt, dessen Mittelstück er erst forschend mit der Lupe betrachtete. August war entzückt davon, ließ das Bildchen einrahmen und taufte es »Seelensucher«. Er hatte es auf seinem Schreibtisch so aufgestellt, daß jedesmal, wenn er die Augen von Arbeit oder Buch erhob, der Blick darauf fallen mußte. Er liebte das Bild. Nach dem Tode seines Schwagers lud er seine Schwester mitsamt der kleinen Alwine auf einige Wochen zu sich nach Bäuchlingen ein. Da ihm das kleine Mädchen gefiel und die sorgende Hand seiner Schwester ihm das Leben angenehmer machte, bat er eines Morgens Agathen in Zukunft bei ihm zu bleiben und seinen Haushalt zu führen. Agathe, die ihm schräg gegenüber auf dem alten Ledersopha saß und sich darüber ärgerte, daß ihr Töchterchen Alwine genau so wenig dem Vater nachtrauerte wie sie selbst dem Ehegatten, daß sie dem Kinde aber nicht einmal soviel Anstand hatte beibringen können, Trauer zu heucheln, wie sie es vermochte, war im Begriff, die Bitte rundweg abzuschlagen, da sie diesen Mangel an Herzenstakt dem Einfluß einer seltsamen Zuneigung Alwines zu ihrem Onkel zuschrieb. In diesem Moment sah sie, wie Alwine, zärtlich an den lieben Onkel geschmiegt, ihr Händchen nach dem Seelensucher ausstreckte. Mit einem raschen Ruck sprang sie auf, riß das Kind vom Knie Augusts weg, gab ihm einen Klaps auf die Hand und beförderte es an die Luft. Was im Anschluß hieran zwischen den Geschwistern verhandelt wurde, ist mir nicht bekannt geworden, das Resultat war jedoch, daß Goethes Seelensucher von August Müllers Schreibtisch verschwand und Agathe mit ihrer Tochter in sein Haus einzog.
Außer seinen beiden Verwandten und einem handfesten Dienstmädchen, Emilie, war noch ein altes Weib im Hause, die den Namen Trude trug und immer eine Atmosphäre von Neid, Zank und Haß mit sich führte. Seltsamerweise genoß sie die besondere Gunst August Müllers, der sie Schön Rottraut getauft hatte und behauptete, sie sei seine Amme gewesen, was nachweislich falsch war. Der Grund, warum er dieses Wesen, dessen einziger Zahn in jeden Frohsinn hinein zu hacken schien, im Hause duldete, war Bosheit. Er freute sich über den beständigen Krieg der Frauen und war der Meinung, das Temperament seiner Schwester brauche eine solche Ablenkung, sonst werde sich ihre reichlich fließende Galle auf ihn ergießen.
Gearbeitet hatte August niemals. Er vermied mit viel Geschick alles, was unbequem war, und tat nur, was er mochte. Aber er war freundlich und unterhaltsam, trinkfest und ohne Neid, so daß er allgemein beliebt war. Äußerlich war er wie andere Menschen, nur ein wenig zu lang geraten: er hatte einen ganz ansehnlichen Bauch und eine viel zu früh erworbene Glatze. Seine Nase war rot und fast immer an der Wurzel von kleinen Eiterpickeln verunstaltet. Sonst ist nichts über August Müller zu berichten.
2. Kapitel.
Die Wanzen kriechen hervor.
Die gemächliche Ruhe, in der August lebte, wurde schrecklich gestört als die Schwestertochter Alwine eingesegnet wurde. Frau Agathe hatte ihr zum Zeichen, daß sie nun erwachsen sei, das Schlafzimmer zum Wohnstübchen einrichten lassen und ihr zum Schlafen eine Kammer angewiesen, in der bisher die alte Trude gehaust hatte. Trude schob höhnisch grinsend die dicke Zunge zwischen die Lippen, so daß sie von dem einsamen Zahn doppelt geteilt war, und eilte zu ihrem jungen Herrn, sich zu beschweren, daß sie der Gans weichen solle. August aber, der olympische, entschied, wie von jeher alle Väter der Götter und Menschen, gegen die Alte für das jungblühende Mägdelein, und schmunzelnd freute er sich an dem Knallen der Türen, wenn Schön Rottraut ihren Kram zur neuen Behausung trug. Er ahnte nichts von der fürchterlichen Rache auf die sie sann.
Am Morgen nach diesem Tage erschien Agathe in großer Aufregung bei dem Bruder. In der weit abgespreitzten Hand hielt sie mit den äußersten Spitzen der Finger einen weißen zusammengefalteten Bogen Papier. Den schob sie schweigend August unter die Nase, gerade auf seine schöne Ausgabe des Don Quixote. Ihre Miene drückte dabei so viel Abscheu und Eckel aus, daß der also aus seiner Lieblingslektüre Aufgescheuchte nicht zu schelten wagte, sondern geduldig den Bogen entfaltete. Aufmerksam betrachtete er den kleinen Gegenstand, der darin eingewickelt war, untersuchte ihn gründlich mit der Lupe und sagte dann zu der Schwester aufblickend: »Es ist eine Wanze.«
»Das weiß ich allein. Brauchst du dazu erst ein Vergrößerungsglas? Fortschaffen sollst du sie.«
Mit einer großartigen Bewegung knüllte August das Papier zusammen und warf es aus dem offenstehenden Fenster. »So,« sagte er und sich über das Buch beugend, suchte er die Stelle, bei der er unterbrochen worden war.
»So?« wiederholte die Schwester und ihre Stimme zitterte. »Nein, so nicht,« und plötzlich in Tränen ausbrechend, rief sie: »Begreifst du nicht, was das bedeutet? Wir haben Wanzen im Hause, in deinem Hause Wanzen. Bedenke doch, was das heißt. Und noch dazu in deiner Nichte Bett hat sie das Zimmermädchen gefunden. Sie ist ein schmutziges Ding, die Emilie, gestern noch habe ich sie ausgezankt, weil sie Alwines Bett nicht überzogen hatte, und heute findet sie das, das, und sagt mir: für Wanzen brauche sie keine Betten zu überziehen und in der Schmutzwirtschaft bleibe sie nicht. Ich habe ihr mit einer festen Maulschelle den Dienst quittiert. Aber nun geht sie hin und schreit es in der Stadt aus und ich bin um meinen guten Ruf. Wo eine sei, seien noch mehr, hat sie gesagt. Und sie hat Recht. Wo eine ist, da sind auch mehr. Man wird bald mit Fingern auf mich zeigen, und eine wird der andern zuzischeln, ich hätte das Haus verunreinigt.«
August lachte laut auf, nahm sich aber sofort zusammen, als er die Verzweiflung Agathes sah. »Laß nur gut sein, Schwesterherz,« sagte er, »das ist nicht so schlimm, damit wollen wir schon fertig werden.«
Die kleine Frau blickte mit einem Ausdruck größten Vertrauens zu ihrem Bruder hinüber. »Ja, du wirst meine Ehre retten,« sagte sie, »ich weiß es. Aber leicht ist es nicht. Wanzen sind unausrottbar, mußt du wissen.«
August lächelte überlegen. »Beruhige dich nur. Das werde ich schon machen,« erwiderte er. Dabei lehnte er sich im Stuhl zurück und dachte nach. Eine ganze Weile schaute Agathe ihn voll Bewunderung an. Dann ging sie leise hinaus.
Von dieser Stunde an war es mit der Ruhe August Müllers aus. All ihr Lebtag hatte Agathe in stummer Andacht zu dem vielbelesenen Bruder aufgesehen, ohne einen Beweis seiner Überlegenheit zu verlangen. Jetzt zum ersten Mal war sein Wissen und Können von ihr auf die Probe gestellt worden, und gerade jetzt, bei dieser lächerlich geringfügigen Aufgabe versagte er. Er hatte sich die Sache leicht gedacht und, siehe da, er kam nicht einen Schritt weiter.
Anfangs ging es sehr einfach zu. Von der hilfreichen Schwester angestaunt, begann August sein Werk gründlich, wie er immer war. Die Bettstelle wurde auseinander genommen, jede Fuge geprüft, die Matratze nachgesehen, die Holzteile der Wände abgesucht. Nirgends fand sich auch nur die leiseste Spur. Nun wurde Petroleum und Salzsäure in reichlicher Menge verwendet, und alles schien gut. Befriedigt, siegesgewiß, von Arbeit müde, ruhte das Geschwisterpaar von der Mühe aus. Aber schon am zweiten Morgen fand das Nichtchen ein neues Exemplar des Wanzengeschlechts.
Jetzt geriet das Haus in Aufregung. Alles wurde aufgeboten und mit der gesamten Dienerschaft, mit Schwester und Nichte die Jagd erneuert. Es half nichts. Ein frischer Gast erschien und zerstach die gute Alwine in ihrem harmlosen Mädchenschlaf. Mit großem Kraftaufwand wurde der Feldzug zum dritten Mal versucht. Der Tapezierer erschien, die Dielen wurden gedichtet, die Holzverkleidung abgerissen, die Tapete erneuert, alle Möbel gesäubert und mit unglaublichen Säuren und Giften durchtränkt. Der Meister Thugut schwur bei Himmel und Erde, nicht ein Floh könne mehr durch die Fugen eindringen, viel weniger eine Wanze.
Sie kam doch. Nicht gleich, aber nach wenigen Tagen war sie da, wieder eine einzige, diese eine aber genügte, um der Schwester Mut zu brechen. Tief seufzend gestand sie sich die Ohnmacht des Bruders ein, der Zweifel erwachte und untergrub das Vertrauen. Ohne ein Wort gegen den Bruder zu verlieren, gab Agathe den Kampf auf. Sie quartierte die Tochter mitleidig um, begnügte sich jedoch im übrigen, mit haßerfüllten Augen an der Kammer vorüber zu gehen.
August dachte anders. Seine Ehre stand auf dem Spiel, er gelobte sich selber, nicht eher zu ruhen, als bis er seine Unfehlbarkeit bewiesen hätte. Er zog selber in das verwunschene Gelaß und lag nun Nacht für Nacht auf der Lauer schlaflos dem Getier nachstellend. Von Zeit zu Zeit erwischte er eins von den roten Ungeheuern. Dann richtete er mit geheimer Wonne den Blutsauger hin und begann am nächsten Morgen eine neue Hetze.
Agathe geriet in Verzweiflung. Sie sah den stillen ehrbaren Bruder in wildeste Aufregung geraten, blutgierig und grausam werden. Denn allmählich gewann er Geschmack daran, seine Feinde vor versammeltem Hause feierlich mit ausgesuchten Qualen zu Tode zu martern. Er wartete nicht mehr bis zum Morgen mit Suchen und Jagen, sondern er, der Rücksichtsvolle, schreckte mitten in der Nacht Verwandte und Gesinde mit dem Schlachtruf: »Wanzen!« auf, um die schlaftrunkenen Hausgenossen zum Kampf zu verwenden. Seine Lieblingsbücher verstaubten, er stöberte in alten Scharteken herum, um wirksame Mittel zu finden, sein Studierzimmer füllte sich mit Laugen und Säuren, rote, grüne und gelbe Flüssigkeiten standen in Flaschen und Fläschchen umher. Spritzen, Pinsel, Bürsten aller Art sammelten sich an, kurz, Augusts Leben war nur noch ein Kampf mit den Wanzen. Agathe wagte es schüchtern, ihn auf die wunderbaren Helfer der leidenden Welt, die Kammerjäger aufmerksam zu machen. Das nahm er übel. Er werde allein damit fertig. Aber er traute sich zu viel zu und schließlich war er froh, als der staatlich geprüfte Kammerjäger Lauscher zu Hilfe kam.
Ach, es war keine Hilfe. Die Not blieb, wie sie gewesen war; alle zwei, drei Tage erschien die eine einzige Wanze, biß den unglücklichen Müller, starb dafür und fand nach kurzer Zeit ihre Nachfolgerin. Ein anderer Jäger kam, ein dritter, vierter. Es war alles umsonst.
August ging mit rollenden Augen umher, ein anderer Mensch, verwildert und ganz verwandelt, und scheu wich ihm aus, wer ihm im Hause begegnete. Er las den Anzeigeteil aller Zeitungen andächtig, schrieb um jedes Mittel, das er angepriesen fand und stand im Briefwechsel mit einem Dutzend Menschen gleichen Schlages, wie der staatlich geprüfte Lauscher einer gewesen war.
Schließlich in voller Verzweiflung setzte er in den Zeitungen eine Belohnung von 100 Mark aus für den, der ihm ein unfehlbares Mittel angäbe, um Wanzen zu vertilgen. Zu Hunderten kamen die Briefe. August las sie mit Verachtung. Was man ihm empfahl, hatte er längst als nutzlos verworfen.
Eines Morgens aber kam er aufgeregt zu seiner Schwester. »Lies,« sagte er und reichte ihr einen Brief hin.
Agathe erschrak. Sie kannte die Handschrift, »Von Lachmann,« sagte sie und ließ das Blatt sinken.
»Ja, ja. Von deinem alten Verehrer. Hör' nur.« Er riß ihr den Brief fort und las.
»Alter Knabe.
Ich habe deine Anzeige gelesen und will versuchen, dir das unfehlbare Wanzenmittel zu verschaffen. Aber du mußt hierher kommen. Ich besitze das Mittel nicht selbst, kenne nur die Wirkung. Ein alter Sonderling, seines Zeichens Archäologe, hat es gefunden, geizt jedoch damit, weil er behauptet, die Welt verdiene so große Wohltaten nicht. Mit Geld ist bei ihm nichts zu erreichen. Aber ich habe ihm einmal eine Gräte herausgeholt, die ihm im Halse stecken geblieben war, als er mir während des Essens den Grundriß des Delphischen Tempels mit Hilfe von Heringsschwänzen und Kartoffelschalen vorbaute und plötzlich bemerkte, daß er das Grab des Dionysos an einer falschen Stelle angebracht hatte. Seitdem bin ich sehr gut bei ihm angeschrieben und wenn wir es klug anfangen, luchsen wir dem dreimal Weisen sein Geheimnis ab. Nur mußt du, wie gesagt, herkommen. Ich werde dich bei ihm einführen. Bleibe einige Tage hier. Soweit es mein männermordendes Geschäft als Arzt erlaubt, stelle ich mich dir zu jedem dummen Streich zur Verfügung. Empfiehl mich der gestrengen Frau Schwester als ihren vielgetreuen Vetter
Lachmann.«
Agathe sagte kein Wort. Der Name Lachmann, die wohlbekannte Art seines Schreibens hatten alte Erinnerungen geweckt.
»Was meinst du,« fragte August, »soll ich reisen?«
»Gewiß sollst du reisen, gewiß.«
»Ja, so ganz sicher bin ich dabei nicht. Lachmann ist ein Hanswurst, dem es Spaß macht, die Menschen zu Narren zu haben. Mit mir ist er freilich immer vernünftig gewesen.«
»Immer,« bestätigte Agathe. »Er behandelt Narren als Narren, mit vernünftigen Leuten war er vernünftig. Außerdem, wenn er wirklich einen Streich spielen wollte, so würde er mich doch nicht grüßen lassen. Das täte er mir nicht an.« Dabei errötete das alte Weiblein wie ein junges Mädchen.
August wog das Blatt zweifelnd in der Hand.
»Und wenn es nichts mit seinem Mittel ist, du bist wenigstens ein paar Tage aus dieser Unglückskammer heraus. Vielleicht vergißt du dann die ganze Geschichte.«
August warf ihr einen wütenden Blick zu. »Ich will sie nicht vergessen,« sagte er, schob den Brief in seine Tasche und ging nachdenklich davon.
Wahrscheinlich war August Müllers Geist damals schon durch Nachtwachen und Wanzenkampf zerrüttet. Sonst hätte er, der seinen Vetter gut kannte, sich doch gehütet, in die plumpe Falle zu gehen. Denn der Schwester Zureden achtete er für nichts. Er wußte, daß Lachmann ihre alte Liebe war. Sei dem wie ihm wolle, er reiste am nächsten Tage ab. Was er bei seinem Freunde erlebte, läßt sich nicht sicher feststellen. Seine eigenen Erzählungen davon tragen den Charakter der Geistesüberschwemmung, die während seiner Krankheit seine Reden verwässerte. Das wenige, was Agathe selbst feststellte, wird der Leser seinerzeit erfahren. Genug, eines Tages früh am Morgen langte August in ziemlich elendem Zustand wieder zu Hause an.
3. Kapitel.
Ein Scharlachfall. Dr. Vorbeuger. Ein Fluchtversuch.
Matt und müde trat er seiner Schwester, die sich rasch erhoben hatte, gegenüber, klagte über Abspannung und Hitzegefühl und wies alle Fragen nach seinen Erlebnissen kurz ab. Die Schwester war durch sein kränkliches Aussehen und seine Weigerung, irgend etwas zu genießen, arg erschreckt. Sie hatte in seiner Abwesenheit wieder sein früheres Schlafzimmer für ihn einrichten lassen. Aber August blieb hartnäckig dabei, er müsse noch heute die Wanzen vertilgen. Der Professor Steinschnüffler, Lachmanns Freund, habe ihm sein Mittel gegeben. Es stamme aus der Gesetzsammlung des Königs Hamurabi. Tausende von Jahren sei diese ewige Wahrheit, die von dem großen König in Keilschrift der Welt kundgetan wurde, im Staube vergraben gewesen und erst Steinschnüfflers Scharfblick habe sie wieder entdeckt. Dabei lachte August pfiffig, zog einen zusammengeknüllten Zettel aus der Tasche und spielte damit wie mit einem Ball.
Endlich gelang es der Schwester ihn zu Bett zu schaffen. Sie ließ Glühwein für ihn kochen, holte Wärmeflaschen und nasse Umschläge herbei, und als er zuletzt selbst erklärte, das Fieber schüttle ihn, brachte sie aus ihrer wohlversehenen Apotheke Antipyrin. Mit der größten Genugtuung sah sie zu, wie er es verschluckte, dann ging sie, und ganz beruhigt durch die eigene Vielgeschäftigkeit, begann sie ihre Morgentoilette. Sie war eben dabei, ihre Haare aufzustecken, als sich die Türe öffnete und ihr Bruder eintrat. Er war nur halb angezogen, das Hemd war aufgerissen und ließ seine haarige Brust sehen. In der Hand hielt er den unvermeidlichen Feind, den er hingerichtet hatte.
Agathe fuhr vom Stuhl auf und flüchtete sich in die äußerste Ecke des Zimmers. »Mein Gott, was hast du gemacht,« schrie sie, »wie siehst du aus.«
»Rot, auf dem ganzen Körper scharlachrot,« erwiderte August und betrachtete aufmerksam seine fleckigen Hände. Agathe starrte ihn immer noch entsetzt an. Sie hatte den Handspiegel ergriffen und hielt ihn wie einen Schild vor sich. Als der Bruder jedoch auf sie zuschritt, um sein rotgesprenkeltes Gesicht in dem Glase zu prüfen, schrie sie: »Scharlach! Du hast das Scharlachfieber. Rühr' mich nicht an! Mein armes Kind! Du wirst uns alle anstecken. Bei dem Lachmann hast du es dir geholt. Man soll Ärzte nicht zu Freunden haben. Geh, geh, augenblicklich. Du wirst uns alle töten. Niemand darf dir begegnen. Rasch in dein Zimmer! Ach, meine arme Alwine, die liegt nun auch bald auf dem Kirchhof.«
Sie griff zum Staubwedel und ihn als Waffe schwingend, den Spiegel vorgestreckt, trieb sie den Bruder vor sich her. Vergeblich beteuerte der Unglückliche, er fühle sich ganz wohl. Vor den entsetzensprühenden Augen dieser wunderlich ausgerüsteten Schlachtenjungfrau mußte er weichen, bis er schließlich in sein Wanzenzimmer gedrängt war. Krachend schlug hinter ihm die Tür zu, der Schlüssel drehte sich im Schloß, und August war gefangen. »Du kommst nicht eher heraus, als bis der Arzt hier war,« tönte es noch, dann hörte er, wie die Fenster auf dem Korridor aufgerissen wurden, die Mägde herbei eilten, und bald darauf klatschten Wasserströme auf dem Boden, Eimer klapperten und Schrubberbesen kratzten die Dielen.
Eine Weile blieb der Eingesperrte betäubt von der Überraschung an der Tür stehen, dann drückte er auf die Klinke. »Agathe!« Keine Antwort. »Agathe!« wiederholte er. Nichts erfolgte. Nur die eifrigen Besen hörte er den Gang auf und ab fahren. Plötzlich übermannte ihn die Wut. Wie!? Sein ganzes Leben war er der ehrbare Herr Müller gewesen, das Muster eines feinen, ordnungsliebenden Bürgers, der Stolz des Hauses und der Stadt, und nun fegten die Mägde hinter ihm her, als ob er den Schmutz des Augiasstalles an seinen Füßen eingeschleppt hätte. Mit beiden Fäusten gegen die Tür schlagend, schrie er wie ein Besessener nach seiner Schwester. Als das nichts half, rief er sämtliche Insassen des Hauses bei Namen und schickte jeden Einzelnen mit den wildesten Flüchen zur Hölle. Er ließ sich keine Zeit Atem zu schöpfen. Immer drohender wurden die Schläge seiner Fäuste, immer lauter und gellender seine Rufe, bis sie schließlich in ein unartikuliertes Wutgeheul übergingen. Entsetzt über das Geschrei, flüchteten die Mägde zur Herrin, die selbst von der Angst erfaßt, der Verpestete könne, vom Fieberwahn ergriffen, die Tür einschlagen, ihre Herde zu beruhigen suchte. Ihre Besorgnis war ganz unnötig. So sehr das Vorbild aller Bürgertugend auch von dem Grimm verstört war, die Schwester hatte ihn viel zu wohl erzogen, als daß ihm der Gedanke, die Kerkertür zu sprengen, in den Sinn gekommen wäre. Nur tobend und tobend erschütterte er eine Stunde lang das Haus mit seinem Brüllen.
Plötzlich verstummte er. Der Schlüssel hatte sich gedreht und durch die schmale Spalte der Tür zwängte sich die hagere Gestalt des Kreisphysikus Dr. Vorbeuger hinein.
Ich bin nicht befugt in dieser wahrhaftigen Geschichte zu irgend jemandes Gunsten etwas zu verschweigen und muß zu meiner Beschämung eingestehen, daß Agathe Willen, als sie den Arzt in das Gefängnis ihres Bruders eingelassen hatte, horchend ihr Ohr an die Tür legte. Vorbeugers Worte konnte sie nicht verstehen, er sprach wie gewöhnlich sehr leise und behutsam. Dagegen wurde des Bruders Stimme schon nach den ersten Minuten heftig. »Wozu denn untersuchen? Der ganze Körper sieht aus wie das Gesicht. Mein Hals ist rot? Kein Wunder. Schreien Sie zwei Stunden, so geht es Ihnen ebenso. – Scharlach! Scharlach! Aber ich fühle mich ganz wohl, ganz und gar. Ich fange Wanzen. Wissen Sie auch wie schwer das ist? Wer das kann, ist nicht krank. – So! Vorsicht! und Rücksicht auch, Rücksicht auf meine Schwester, die mich wie eine Maus gefangen hält? Und wie lange, wenn ich fragen darf, soll die Absperrung dauern?«
Fast hätte Agathe die Sublimatflasche fallen lassen, die ihr Vorbeuger beim Eintreten in die Hand gedrückt hatte, so schrie der wackre Müller jetzt auf. »Was? Sechs Wochen? Herr, sind Sie verrückt? Nicht eine Minute länger bleibe ich.« Die Tür wurde gewaltsam aufgerissen, so daß Frau Willen gegen die Wand geschleudert wurde, und der Bruder stürzte hinaus, rannte mit einem vernichtenden Blick auf seine Schwester den Korridor entlang, riß den Hut vom Haken und war im nächsten Augenblick im Freien.
Verlegen sah Agathe den Doktor an, der mit sauersüßem Lächeln sich die Hände rieb. »Scharlach,« sagte er, »ein leichter Fall, aber immerhin Scharlach, da ist kein Zweifel.«
Agathe seufzte. Rote Gespenster tanzten vor ihren Augen, und in stummer Angst faltete sie die Hände über der Sublimatflasche.
Vorbeuger wusch sich wichtig in dem Waschbecken, das man ihm hingestellt hatte. »Sehr merkwürdig, dieses Benehmen des Herrn Müller,« sagte er dabei. »Ich will annehmen, daß er durch die Krankheit überreizt ist, wahrscheinlich auch fiebert. Daß er fortläuft, geht aber nicht. Er schleppt mir die Seuche in die Stadt, und ich werde dann verantwortlich gemacht.«
Agathe goß dem Arzt den Inhalt der Flasche über die ausgebreiteten Hände, voll Andacht zuhörend. Als er nicht weitersprach, sondern nur sorgfältig die Hände abtrocknete, bat sie schüchtern: »Helfen Sie, Herr Doktor, helfen Sie.«
Vorbeuger suchte noch die letzte Feuchtigkeit fortzureiben. Er zog wichtig die Augenbrauen in die Höhe, räusperte sich und sprach: »Als Arzt habe ich hier im Hause nichts mehr zu tun, das versteht sich von selbst. Aber als Staatsbeamter muß ich dafür sorgen, daß Herr Müller isoliert wird; wenn es nicht anders geht, mit Hilfe der Polizei.«
Frau Willen setzte die Sublimatflasche beiseite. Sie mußte die Hände ringen. Frostschauer jagten ihr durch die Glieder. August Müller und die Polizei. Es war fürchterlich. »Was wollen Sie tun,« fragte sie.
»Den Kranken festnehmen und in das Spital bringen lassen.«
»Oh, das wird ein Skandal,« jammerte Agathe. »Nein, um Gottes willen, nein. Sie kennen meinen Bruder nicht. Das gibt ein Unglück, nur das nicht.«
Dr. Vorbeuger zuckte abwehrend die Achseln und griff nach Hut und Stock. »Ich bin Beamter und kann auf Privatwünsche keine Rücksicht nehmen. Ich habe Pflichten gegen das Allgemeinwohl.
Scharlachkranke sind gemeingefährlich. Fügt sich Herr Müller nicht gutwillig den Gesetzen, so muß ich die Hilfe der Staatsgewalt in Anspruch nehmen.«
Frau Willen raffte sich zusammen. »Er wird sich fügen,« sagte sie, »ich stehe dafür.«
Vorbeuger lächelte milde. »Sie versprechen viel. Ihr Herr Bruder muß so lange abgesperrt bleiben, bis die Gefahr der Ansteckung vorüber ist. Wie wollen Sie das bei einem Manne bewerkstelligen, der so rücksichtslos selbst gegen Menschen vorgeht, die das Recht haben, ihn einzusperren?«
Agathe streckte dem Doktor zuversichtlich die Hand entgegen. »Verlassen Sie sich darauf, Herr Kreisphysikus,« sagte sie. »Sobald August zurückkehrt, sperre ich ihn ein, und er wird nicht eher das Zimmer verlassen, als bis Sie es selbst erlauben.«
»Nun, wenn Sie das fertig bringen, alle Achtung. Bitte schicken Sie zu mir, wenn Sie den Herrn Bruder festgesetzt haben. Ich werde unterdessen an den Kollegen Lachmann telegraphieren, ob er etwas über die Ansteckung weiß.« Damit empfahl er sich und ging hocherhobenen Hauptes davon.
4. Kapitel.
August wird eingesperrt, Agathe besucht ihn.
Agathe entfaltete sofort eine erstaunliche Tätigkeit. Sie warf Kleid und Stiefel ab, band sich eine Serviette um das Haar, zog sich Handschuhe an und bei sich seufzend: das ist nun alles reif ins Feuer geworfen zu werden, ging sie daran, des Bruders Zelle aufzuräumen. Die Magd schickte sie eilig zum Schlosser. Sie selbst schleppte Bett- und Leibwäsche für den Bruder herbei, Eßgeschirr holte sie und allerlei Vorräte, eine große Schüssel zum Waschen der Gefäße und Tücher zum Abtrocknen, Eimer, Besen und Scheuerlappen. Das alles häufte sie auf dem Balkon an, der an das Wanzenzimmer anstieß, und selbst den Nachtstuhl vergaß sie nicht. Eine Riesenflasche Sublimatlösung und ein Bottich Schmierseife vervollständigten die Ausrüstung. Trotz der Eile, die sie hatte, suchte sie sorgfältig das abgebrauchte Gerümpel aus; denn das schwur sie sich zu, nichts sollte wieder gebraucht werden, was in diesem Pestzimmer gewesen war.
In weniger als einer Stunde war alles bereit und Agathe setzte sich gedankenvoll vor das Wanzenzimmer und legte die Hände in den Schoß. Sie wartete auf den Schlosser. »Ist es nötig, daß August gepflegt wird, so werde ich es selbst tun. Sonst mag er sehen, wie er allein fertig wird. Muß ich hinein zu ihm, und das wird wohl nötig sein, denn schließlich« – sie dachte gewohnheitsmäßig nicht zu Ende, was sie zwingen werde in des Bruders Zimmer einzudringen – »es muß doch bei ihm gereinigt werden,« nahm sie kühn den Gedanken in andrer Form wieder auf. »Ich werde mir ein doppeltes Kostüm aus Sackleinwand machen. Dann verderbe ich nicht so viel. Eines kann dann immer in Karbollösung liegen, während ich das andere trage. Und zum Balkon schaffe ich mir Zugang mit der Leiter. Das geht ganz gut.«
Agathe wurde fast froh bei ihren Plänen. Dazwischen horchte sie nach den Schritten des Schlossers. Endlich erschien Meister Haudrauf und nun begann eine seltsame Arbeit. Zwei bewegliche Eisenstangen ließ Frau Willen an der Außenseite der Zellentür anbringen, zwei Eisenstangen, die in eiserne Haken eingelegt, jeden Sturm von innen aushalten konnten. Bald war das Werk getan und nun saß Agathe mit gefalteten Händen da und wartete. Das Herz schlug ihr. Wenn ihre List gelang, so war ihr Bruder vor der Polizei gerettet.
Endlich hörte sie Augusts Schritt. Rasch flüchtete sie in ihr Zimmer. Als er auf den Gang kam, streckte sie den Kopf aus der Tür und sagte: »Gut, daß du kommst. Ich habe dein Bett gemacht. Denke dir, unter der Matratze ist eine Wanze.«
Sie konnte nicht vollenden. Wie ein Rasender stürzte August an ihr vorbei, und im nächsten Augenblick war die Tür hinter ihm zugeschlagen und die Eisenstangen vorgelegt. »So, mein Junge,« sagte Agathe: »Jetzt habe ich dich sicher.«
Unbekümmert um die Wut des Gefangenen, der sich schnöde überlistet sah, schritt sie davon. Sie fühlte sich so erleichtert, daß sie ganz unbewußt die Melodie aus der Fledermaus: »Ich hab ein schönes Vogelhaus«, zu trällern begann. Mitten im Vers aber fiel ihr ein, daß ihr Bruder krank sei. Erschrocken hielt sie inne und in ihrer Beschämung holte sie sich einen Stuhl, stellte ihn vor die Gefängnistür und saß nun dort, auf jeden Laut horchend, der aus dem Zimmer drang. An dem Rücken der Möbel und Werfen der Kissen konnte sie genau verfolgen, wie der Bruder seiner Lieblingsbeschäftigung oblag.
Stunde für Stunde hielt sie Wache. Dort fand sie auch Dr. Vorbeuger. Lachmann sei verreist und könne erst in einigen Tagen bestimmte Antwort geben. Es sei aber nicht unmöglich, daß unter seinen Kranken Scharlachfälle vorgekommen seien.
Agathe nahm die Nachricht wie eine Siegesbotschaft auf. Es freute sie, daß sie Recht behalten hatte, und in ihrem Triumphgefühl schrie sie mitten in den Sport des Bruders hinein: »Du hast doch Scharlach. Ich wußte es ja«.
August lachte laut auf. »Keine Spur von Scharlach. Ich bin ganz gesund. Das sollst du sehen morgen; heute habe ich noch zu tun. Ich habe Steinschnüfflers Rezept! Wehe den Feinden! Jetzt laß mich in Frieden! Es dämmert schon; ich bin auf dem Anstand. Kein Laut darf das Wild schrecken.«
Agathe stand wie auf Kohlen. Sie sah, wie Vorbeuger die Ohren spitzte, um zu hören, was der Mann da drinnen sprach. Die Wanzen im Hause Müller waren längst Stadtgespräch. Frau Willen aber sprach nie davon, sie hoffte immer noch, durch hartnäckiges Schweigen das Gerücht ersticken zu können. »Fieberphantasien!« log sie, »Scharlachfieber, der Arme,« und dabei zog sie den Arzt so hastig fort, daß er sich fast die Nase an der Wand zerstieß. Sein Groll von heute Morgen erwachte wieder und die Nase reibend, wiederholte er drohend: »Ich hoffe, es wird Ihnen gelingen, den Kranken abgesperrt zu halten, Frau Willen. Sonst – ich bin verantwortlich, und in dem Spital ist er sicher.«
Unter dem Eindruck dieser schrecklichen Worte verbrachte Agathe den Rest des Tages und die ganze Nacht. Schlaflos saß sie auf dem Stuhl und fertigte ihr Scharlachkostüm an, ein langes weißes Gewand, Segeltuchschuhe, eine dicht anschließende Haube und eine Maske, die nur die Augen frei ließ. So gewappnet wollte sie der Gefahr trotzen. Ab und zu seufzte sie tief. Drinnen regte sich nichts. Aber sie kannte den Bruder. Ihn floh der Schlaf gewiß ebenso wie sie selbst. Er lag auf der Lauer.
Je mehr der Morgen nahte, umso schwüler ward ihr zu Mute. Sie malte sich aus, wie der Bruder, sobald sie die Tür öffne, sie über den Haufen rennen und von neuem flüchten werde. Und dann sah sie Leute mit roten Kragen hinter ihm herrennen, ihn mitschleppen, um ihn dem schwer beleidigten Vorbeuger auszuliefern. Fast wären ihr Tränen gekommen, und voll Ingrimm dachte sie des fernen Lachmann, der sie in diese Lage gebracht hatte.
Endlich brach der Tag an. Sie erhob sich. War sie erst im Zimmer, so wollte sie schon mit dem Kranken fertig werden. Gefährlich war nur der Moment des Öffnens. Stand er fluchtbereit hinter der Tür, so war alles verloren. Vorsichtig hob sie die Eisenstange fort, leise drehte sie den Schlüssel, legte noch einmal das Ohr an die Tür, dann riß sie sie auf und schoß hinein.
Ihr Erstaunen war groß, als sie des Bruders ansichtig wurde. Er saß friedlich auf seinem Bett und wandte der Eintretenden nicht einmal das Gesicht zu, so tief war er in Nachdenken versunken. Den Gruß Agathes erwiderte er nicht. Und als sie ihn aufforderte, auf den Balkon zu gehen, bis sie das Zimmer geordnet habe, erhob er sich, reckte sich zu seiner vollen Höhe empor, schritt langsam auf die Schwester zu und sprach, dicht vor ihr stehen bleibend: »Es hat mich nicht gebissen«. Dabei riß er die Augen weit auf, so daß seine Schwester später behauptete, er habe ausgesehen wie ein sterbendes Kalb. Dann wandte er sich und schritt zu dem Balkon. An der Tür drehte er sich noch einmal um, schüttelte ernsthaft den Kopf und sagte wieder: »Es hat mich nicht gebissen. Weißt du, wie das ward?« Während nun Agathe das Zimmer ordnete, ging er, die Hände auf dem Rücken, den Balkon hin und her. Die Worte der Schwester, mit denen sie ihn von Zeit zu Zeit ansprach, beantwortete er nur mit einem ärgerlichen Kopfschütteln und dem Ausruf: »Stör' mich nicht, ich habe zu tun«.
Agathe wurde bei diesem hartnäckigen Schweigen ängstlich. Sie glaubte immer deutlicher wahrzunehmen, daß Fieberphantasien den Bruder beschäftigten; wenn sie jedoch in sein gesundes frisches Gesicht blickte, das so gar nicht erhitzt aussah und nicht den geringsten roten Fleck mehr zeigte, wurde sie wieder irre. Endlich überwand die Sorge um den Bruder ihre Ansteckungsfurcht, und an ihn herantretend, fragte sie: »Fühlst du dich wohl?«
Er nickte lebhaft mit dem Kopf, schritt aber ungeduldig weiter. »Ich habe zu tun«.
Agathe machte noch einen Versuch. »Aber du tust ja nicht das Geringste. Was hast du denn zu tun?«
Da blieb er vor ihr stehen, und aus der tiefsten Brust kam nur das eine Wort: »Nachdenken«.
Agathe ging rückwärts zur Tür, so eingeschüchtert war sie von dem Benehmen des Bruders. »Drinnen ist alles fertig. Willst du nicht hineingehen? Du wirst dich erkälten«.
Statt jeder Antwort tönte es zum dritten Male: »Es hat mich nicht gebissen«.
Agathe ging seufzend davon, verschloß die Zelle und legte die Stange vor.
Das seltsame Schweigen des Bruders und sein feierlicher Ernst verwirrten und ängstigten sie noch mehr, als sein früheres Toben. Unruhig lief sie immer wieder in den Garten, um von dort aus den wandelnden Kranken zu beobachten. Am Nachmittag stieg ihre Sorge so, daß sie all ihre Absperrungsvorsicht vergaß und zum zweiten Mal das Giftzimmer betrat. Diesmal nahm August überhaupt nicht von ihr Notiz. Aber zu ihrer Freude sah sie, daß er einen großen Teil der Eßvorräte vertilgt und dem Wein tapfer zugesprochen hatte. Das beruhigte sie einigermaßen.
Trotzdem war die Nacht für sie mehr als schlecht, und mit den trübsten Erwartungen betrat sie am Morgen Augusts Zimmer. Er lag noch im Bett, blieb auch darin, ungeachtet der schwesterlichen Ermahnungen aufzustehen; er sprach kein Wort, sondern starrte mit demselben Kalbsblick wie gestern zur Decke empor. Es blieb Agathe nichts übrig, als ihn liegen zu lassen.
5. Kapitel.
Die Wanzen werden angesteckt. Augusts Berufung.
Ganz anders ging es am Nachmittag her, als Frau Willen den zweiten Versuch machte, ihren Kranken aus dem Bett zu holen.
»Kommst du endlich,« rief er ihr schon entgegen. »Setz' dich hierher, dicht zu mir; ich habe dir etwas zu sagen.« Im Vertrauen auf ihren bazillensicheren Panzer folgte Agathe seiner Aufforderung, ja sie überließ ihm sogar die gut geschützte Hand, als sie seine Aufregung gewahr wurde.
Mit zitterndem Finger wies er auf das Fußende des Bettes. Dort hatte er mit zwei Stecknadeln den Zettel, Steinschnüfflers Rezept aufgehängt. »Lies,« sagte er ihr. Mit gespanntem Ausdruck verfolgte er, wie sie die Worte entzifferte:
»Unfehlbares Wanzenmittel.
Töte jede Wanze, die du findest. Hast du die letzte getötet, so ist keine mehr da«.
August begann hastig zu sprechen: »Nicht wahr, das ist logisch, das ist einfach und wahr. Das ist unfehlbar. Ich bewundere Steinschnüffler, er ist ein großer Mann. Aber wie, wenn ich noch etwas Besseres wüßte? Etwas, was niemand weiß als ich.«
Agathe drückte schweigend die Hand des Bruders. Sie war wiederum zu dem Glauben geneigt, er fiebere. August aber nahm das für ein Zeichen des Zutrauens. Der Schwester Hand wieder drückend, sagte er: »Ich danke dir. Ich weiß nun, daß du an mich glaubst. Aber ich muß es laut sagen, damit ich es selbst fassen kann. Sie sind alle vernichtet, ich habe zum ersten Mal ruhig geschlafen. Begreifst du? Die Wanzen sind verschwunden. Es fragt sich nun, wie das zugegangen ist. Zwei Möglichkeiten gibt es. Entweder das Viehzeug ist vom Scharlach angesteckt und samt und sonders verreckt. Oder –« er schwieg. Im nächsten Augenblick aber richtete er sich wild im Bett auf und sah die Schwester mit Augen an, als ob er ihr Herz und Nieren prüfen wollte. Agathe wich vor diesem Blick zurück und suchte ihre Hand loszumachen. August aber streckte ihr den Kopf immer näher, bis sein gesträubtes Haar fast die Maske der Schwester berührte. Dann flüsterte er: »Glaubst du an eine Berufung durch höhere Mächte, glaubst du an himmlische Geister, die den Menschen zum Richter und Rächer auf Erden machen?«
Agathe riß sich los und flüchtete in die äußerste Ecke des Zimmers, so sehr war sie überrascht. »Nein,« stammelte sie.
»Nein,« wiederholte er und dehnte das kurze Wort zu einer Ewigkeit voll Entrüstung, »aber du wirst daran glauben, du wirst es mit Augen schauen.« Und die Bettdecke zurückwerfend sprang er mit einem Satz in die Mitte des Zimmers, hob stolz das Haupt und rief: »Sieh mich an!«
Agathe hatte sich gegen die Wand gedreht. »Zieh' dir erst Hosen an,« sagte sie kaltblütig.
August war wie vom Blitz getroffen. »Wie!« schrie er, »in diesem heiligen Moment, wo du einen Blick in die Tiefe der unaussprechlichen Natur tun kannst, denkst du an Hosen? Pfui, du Weib, du!« Voll Verachtung kroch er in sein Bett zurück und zog sich die Decke über die Ohren.
Agathe war über den Auftritt so erschrocken, daß sie nicht wagte, den Kranken allein zu lassen. Mechanisch begann sie das Zimmer noch einmal aufzuräumen. Schließlich trat sie zu dem Bruder. »Willst du nicht aufstehen, August? Ich möchte dein Bett machen.« An der hastigen Bewegung, mit der er ihre Hand zurückstieß, merkte sie seinen Zorn und in der Angst, Aufregung könne ihm schaden, suchte sie ihn zu beruhigen. »Ich habe es nicht bös gemeint,« sagte sie. »Du kennst mich ja, ich glaube alles, was du sagst. Aber vorhin sahst du so furchtbar aus, daß ich nicht wußte, wohin ich die Augen wenden sollte.«
August fuhr herum. »Ich sah furchtbar aus?« fragte er. »Ja, das ist möglich, das glaube ich. Ich strahlte Ehrfurcht aus, ich weiß es.« Als er das fragende Auge Agathes sah, wurde er wieder gereizt. »Nun ja, man kann von einem Frauenzimmer nicht verlangen, daß es an Größe ohne Hosen glaubt. Lassen wir das!« Er drehte sich wieder gegen die Wand. »Übrigens bin ich mir selbst noch nicht klar. Vielleicht habe ich magnetische Kräfte, vielleicht auch nicht. Dann sind die Bestien wie ich am Scharlachfieber erkrankt. Welch ein Labsal, daß sie sich selbst den Tod getrunken haben? Das wäre eine Entdeckung, die die Welt mit einem Schlage fördern würde. Gegen Mäuse braucht man schon Seuchengifte. Nun komme ich mit der Tatsache, daß Wanzen durch Scharlachfieber vernichtet werden. Ich muß das verfolgen, wissenschaftlich ergründen. Ein Arzt muß damit experimentieren. Dem Lachmann werde ich diesen Gedanken vortragen. Er soll in seinem Laboratorium Versuche machen. Und einen Maler brauche ich dabei. Bedenke, welch eine Umwälzung es in allen ästhetischen Anschauungen geben wird, wenn man das neue Farbenspiel des Scharlachs auf dem Wanzenrot erst kennt. Eine neue Technik der Farbenbereitung kann entstehen. Denn gewiß wird man, wie man durch die Seuche bei Wanzen fabelhafte Roterscheinungen hervorruft, bei anderen Objekten durch geeignete Übertragungen blaue, grüne, gelbe Farbentöne erreichen. Ja, vielleicht gelingt es sogar, das Schillern der Giftfliegen oder der Libellen, den Zauber der Schmetterlingsfarben durch Ansteckung neu zu gestalten und praktisch zu verwerten; nationalökonomisch allein schon erstaunlich. Denn was bedeutet alles künstliche Indigo gegen diese zukünftige Pracht. Und wenn jetzt Tausende vom Anilin leben, so werden später Zehntausende vom Scharlachwanzenrot ihr Brot haben. Steinschnüffler muß auch heran, es ist nicht ausgeschlossen, daß er hier die Lösung findet, wie frühere Maler ihre unverwüstlichen Farben herstellten. Ungeziefer gab es damals genug und Seuchen erst recht. Unzählige Versuche, unzählige Erfolge werden sich anschließen. Alles was beißt und zwickt wird man zähmen, in den Dienst der Menschheit stellen. Der Mensch wird den Teufel austreiben, er, der Herr des Herrn der Ratten und der Mäuse. Zähle die Augenblicke zusammen, die täglich unnütz im Kampf mit Küchenschaben und Blattläusen verloren gehen; du gewinnst eine Ewigkeit, verwendbar für hohe Ziele. Eine unberechenbare Masse von Denkkraft wird jetzt zum Töten von Raupen, Mücken, Wespen verschwendet, Millionen für Mäusefallen, Insektenpulver, Fliegengifte ausgegeben, die wertvollsten Gedanken können über dem plötzlichen Biß eines Flohs verloren gehen, ja die heiligsten Momente des Lebens, der Liebe werden dadurch zerstört, Ehen gesprengt. Eine neue Welt wird sich aufbauen, eine Welt, erhaben über alles Jucken und Kratzen, über alle Niedrigkeiten des Lebens.«
Er schwieg einen Moment, um Atem zu schöpfen, Agathe benutzte die Pause und entfloh. Ihr Herz war zum Springen voll, und die Tränen stürzten ihr aus den Augen, sobald sie die Tür hinter sich geschlossen hatte.
6. Kapitel.
Der Vikar wird durch ein junges Mädchen in die Geschichte verwickelt und hat ein Stelldichein.
Als sie weinend den Gang hinab in ihr Zimmer eilte, streckte die Tochter mitleidig den Kopf aus ihrem Stübchen. Frau Agathe scheuchte sie heftig zurück. »Kind, Kind, wann wirst du vernünftig werden? Du siehst doch, ich habe meine Uniform an, komme vom Onkel, und du sollst mir nicht nahe kommen.« Damit schlug sie ihr die Tür zu. In ihrer Verzweiflung über ihres Bruders wunderliches Wesen blieb sie jedoch zögernd davor stehen, und nun entspann sich zwischen den beiden Frauen eine eifrige Unterhaltung.
In fliegender Hast erzählte Agathe ihre Abenteuer. Ratlos schlug sie schließlich die Hände zusammen und seufzte: »Was soll ich tun? So kann es nicht weiter gehen. Der Onkel schnappt einfach über. Den gräßlichen Vorbeuger mag ich nicht rufen. Er ist imstande, meinen leiblichen Bruder in ein Irrenhaus zu sperren. Wer soll mir helfen?«
Während die Frau draußen jammernd sich auf den Stuhl warf und sich die Maske vom Gesicht riß, um sich die Tränen zu trocknen, hatte Alwine drinnen ganz andere Kämpfe zu bestehen. Um den Onkel sorgte sie sich nicht. Sie war von Kindheit an gewöhnt, in ihm den Unfehlbaren zu verehren, dem alles glücken mußte, und sie zweifelte auch jetzt nicht, daß seine Krankheit zum Besten ausgehen werde. Aber schon lange harrte sie auf eine Gelegenheit, ihre eigenen heimlichen Pläne zur Ausführung zu bringen. Sie war entschlossen ihr Glück selbst zu schmieden. Jetzt stand sie unschlüssig da und wurde bald rot bald blaß, so schämte sie sich ihrer versteckten Wünsche. Zweimal hintereinander öffnete sie den Mund, um zu sprechen, zweimal stockte ihr das Wort. Ehe sie zum drittenmal begann, kniff sie sich selbst in den Arm, um sich Mut zu machen, setzte das frechste Gesicht auf, das sie zur Verfügung hatte, so wie sie es in der Schule zu brauchen pflegte, wenn sie mit ihrem lockengeschmückten Geschichtslehrer unterhandelte, und sagte dann kaltblütig. »Weißt du, Mama, der Onkel braucht gar keinen Arzt, er braucht geistlichen Zuspruch.«
»Kind,« rief Agathe mitten im Weinen jubelnd, »den Gedanken hat dir Gott eingegeben. Gewiß, der Pfarrer muß her, der Onkel lästert ja mit seiner höheren Berufung den Himmel und alle Heiligen. Unser guter Breitsprecher, der wird helfen.« Plötzlich sank ihr der Mut. »Nein,« unterbrach sie sich. »Das geht gar nicht. Du weißt, er hat August neulich auf meinen Wunsch ins Gebet genommen und ihm vorgestellt, Wanzenstiche seien eine Schickung Gottes, man müsse sie in Demut hinnehmen und dürfe nicht einmal kratzen; dafür hat ihm August ein lebendes Exemplar zugeschickt als nächtliche Versuchung der Demut. Es war der einzige Feind, den er nicht hingerichtet hat. Seitdem ist es zwischen den Beiden aus.«
Alwine stockte der Atem. Jetzt mußte die Entscheidung fallen. Alle Kraft zusammennehmend, zwängte sie die Worte hervor: »Es braucht ja nicht gerade der Breitsprecher zu sein.«
Agathe sprang auf. »Ausgezeichnet«, rief sie. »Der andere, der Vikar, der ist der Richtige.«
Alwine bestätigte das jenseits der Wand mit einem ernsten Kopfnicken.
»Küssen möchte ich dich,« fuhr Agathe fort, »warte nur bis ich die Uniform abgelegt habe. Vikar Ende, der paßt zum Onkel. Der versteht zu reden und August mag ihn gern leiden. Auf Wiedersehen, mein Herzenskind.« Eilig rannte sie davon und kurz darauf ging die zahnlose Trude, den Herrn Vikar herbeizuholen.
Alwine stand noch eine ganze Weile an der Tür. »Der ist der Richtige,« wiederholte sie leise und ihr Kleid fassend, tanzte sie in der Stube herum und sang dazu nach eigener Melodie: »Der und kein anderer, der ist der Richtige.« Plötzlich hielt sie inne. Die Klingel tönte. Das war der Vikar. Hurtig, hurtig, ein Schürzchen vor, daß man fleißig ausschaut, die Haare gestrichen, daß man der Madonna ähnlich wird, mit der man neulich verglichen ward. »Langweilig ist es, solch frommes Gesicht. Die Vorliebe treib' ich ihm aus,« dachte sie, als sie sich prüfend beschaute. Sie trat recht ehrbar zur Türe, blieb aber noch einmal stehen und zerrte mit raschem Griff ein Löckchen am Ohr hervor. Das Ohr sollte er sehen, das war hübsch.
Er sah es auch wirklich und fühlte nicht übel Lust, es zu zausen, als er nun in eifriger Beratung neben den beiden Frauen saß. In Kurzem war der Kriegsplan entworfen und sicheren Mutes schritt Paul Ende seinem Schicksal entgegen, das tolle Pläne brütend in der Scharlachkammer lag.
Dort war Herr Müller inzwischen seinen Gedanken nachgegangen, die ihn auf immer weitere Abwege führten. Anfangs merkte er gar nicht, daß seine Schwester sich fortgeschlichen hatte. Das Gesicht zur Wand gekehrt, sprach er weiter: »Diese Vernichtung des Wanzengeschlechts durch Scharlach ist ein Symbol. Es zeigt den Weg, auf dem das Schicksal vorwärts schreitet. Es läßt uns einen tiefen Blick in das Geschehen der Dinge tun. Da steht sie vor uns, die Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft, ein tausendfacher Wanzenmephistopheles im roten Mantel. Nicht wahr, das hast du nicht gedacht, daß ich von meinem Standpunkt aus eine neue Epoche der Goetheforschung anbahnen werde. Was gäben wohl die Herren Gelehrten darum, wenn sie plötzlich das Wesen des Dichters vor sich sähen, so deutlich wie ich es sehe. Oder hältst du es für Zufall, daß der Teufel sich den Herrn der Wanzen nennt, daß die Diener des Gutes schaffenden Bösen Insekten sind? Geheime übersinnliche Zusammenhänge bestehen da, die prophetische Zunge des Dichters redet von dem, was jetzt geschieht. Mich ruft ein großes Werk in tausend Stimmen und auch die Goethes erklingt. Ein unermeßliches Feld der Forschung, des Nachdenkens öffnet sich vor mir. Und immer fester wurzelt sich in mir die Überzeugung, daß in diesem Kopf zukünftige Welten verschlossen sind.«
August fühlte den Drang, diese Welten in seinem Kopf mit einer Gebärde zu zeigen. Da er jedoch gerade dabei war, sich unter der Bettdecke die Strümpfe anzuziehen, hatte er die Hände nicht frei, stieß also mit aller Kraft den weltenschwangeren Schädel gegen die Wand, gleichsam um sich selbst durch den Klang von seiner Fülle zu überzeugen. Der Schmerz kam ihm unerwartet, verdutzt fuhr er herum und starrte nun, verwundert über der Schwester Flucht, in das leere Zimmer.
Sofort aber begann er seine Fäden für sich weiter zu spinnen. Das Gebiet des Gutes schaffenden Bösen flüchtig ins Auge gefaßt erschien ihm endlos. Rasch begann er es zu teilen. Das Studium vom Nutzen der Krankheit stellte allein schon eine Lebensaufgabe vor. Die Grausamkeit, der Neid, die Dummheit, alles erschien ihm auf einmal in neuem Licht. Er versenkte sich so in seine seltsamen Ideen, daß er alle Laster, Gemeinheiten, Fehler im Augenblick lieb gewann, daß er sie gleichsam liebkosend hätschelte.
Der rote Schimmer, der jetzt bei Sonnenuntergang den ganzen Himmel bedeckte und sein Zimmer mit feurigem Licht erfüllte, brachte ihn auf blutige Gedanken. Die Geschichte der Religionen zog in raschen Bildern an ihm vorüber, die Menschenopfer, das Foltern der Märtyrer, die Ketzerverfolgungen, die Glaubenskämpfe, all das sah er jetzt wie eine blutige Abendröte, die den heiligen Frieden der Nacht verkündet. Und diese Nacht selbst, die verschriene, düstere, böse Nacht, war sie nicht die Schöpferin alles Lebendigen, die Freundin der Zukunft, die unzählige Leben weckte? Plötzlich zum Ausgangspunkt zurückkehrend, lachte er voll Siegesbewußtsein und Stolz, als ihm einfiel, daß es ja die Nacht war, in der er das Symbol alles Schlechten, die roten Feinde gemordet hatte. Alles war ihm in Rot getaucht, was er sah und dachte, und zwischen allem Blutigen tanzte neckisch das Rot als Liebesfarbe hervor und verwirrte seine Gedanken noch mehr.
In diesem Augenblick, als Augusts Verstand just zwischen der Kirche und der Liebe stand, trat der Vikar in sein Zimmer. Sein Erscheinen gab dem armen Narren Gelegenheit, sein Gewebe weiter zu spinnen. »Sie kommen wie gerufen, lieber Vikar, wie eine Erscheinung von oben, als ein echter Bote Gottes«. Dabei streckte er ihm vom Bett aus die Hand entgegen.
Ende ging mit den besten Vorsätzen ans Werk, er wollte vorerst still zuhören, um sich ein unbefangenes Urteil über den Kranken zu bilden, dann aber mit ruhiger Würde als wahrer Seelsorger eindringlich sprechen. Trotzdem war er seiner Rolle gerade jetzt nicht gewachsen. Mochte es das Ungewöhnliche seiner Aufgabe sein oder das vertraute Gespräch mit den beiden Frauen, kurz sein Gemüt war erregt, und seine Verwirrung wurde noch größer, da August die einmal ergriffene Hand nicht wieder losließ. Ein Gefühl der Unfreiheit überkam den Geistlichen.
»Ich dachte gerade über das Eheverbot für Geistliche nach und gleichsam als Verkörperung dieser Frage stehen Sie vor mir, im roten Sonnenlicht, jung, wie auf Freiersfüßen wandelnd. Wäre ich nicht hellsehend geworden, ich könnte glauben, Ihr Kommen entscheide das Problem zu Gunsten der Priesterehe. So aber blicke ich tiefer und erkenne nur ein Vorzeichen Ihrer Zukunft. Sie passen nicht zum Verlobten Gottes, und ich sehe die Locken wehen, in denen Sie sich fangen werden.«
Der Vikar machte seine Hand aus dem Griff des Kranken frei und strich mit der Rechten über die Augen; es tanzte wirklich eine Locke davor. »Verzeihen Sie, Herr Müller,« begann er, »wenn ich freimütig spreche. Ich bin protestantischer Geistlicher, und mir tut es weh, Sie so reden zu hören. Die Seele des Menschen ist ein rätselhaftes Wesen, mit heimlichen Winkeln und Schatten. Nur das Licht, das aus einer anderen Seele strahlt, hellt sie auf. Wir Priester bedürfen der Ehe, der offenen wahrhaftigen Gemeinschaft mit einem anderen Wesen, an dem wir lernen Seelsorger zu werden. Die Ehe ist die große Schule für jeden, eine Bestimmung des Menschen, wie es die alten Geschichten von der Schöpfung des Weibes tiefsinnig lehren. Das Wesen des Priesters, wie es der Ehrgeiz Roms geschaffen hat, ist der ärgste Abfall von Christi Lehre. Das ist gerade der tiefste Sinn des Evangeliums,. daß sich niemand zwischen das Herz des Menschen und seinen Gott drängen soll. Der Geistliche ist Mensch und bleibt es auch in seinem Amte. Nichts Menschliches darf ihm, dem Verkünder der Menschenliebe, fremd sein, am wenigsten die Ehe, die ihn die eigenen Schwächen überwinden, die fremden liebevoll dulden lehrt.«
In diesem Augenblick wurde der feurige Redner von einem schallenden Gelächter seines Zuhörers unterbrochen. »Entschuldigen Sie, lieber Herr Ende, entschuldigen Sie mein ungebührliches Lachen. Sie sprechen so warm, und ich nehme herzlich teil an Ihrem zukünftigen Glück, das aus Ihren Augen leuchtet. Aber der Schluß, das war der ganze Breitsprecher, ein typisches Beispiel geistiger Ansteckung.«
Der Vikar fiel ein: »Oh bitte, alles Persönliche wollen wir doch aus dem Spiel lassen.«
Müller lachte noch lauter. »Haben Sie keine Angst, ich verrate es der Schönen nicht, daß Sie sie gewissermaßen als Geduldsprobe heiraten wollen.«
Paul Ende verlor die Fassung. »Ich meinte das nicht,« rief er hastig. »Das Hineinziehen meines Amtsgenossen und Vorgesetzten möchte ich vermieden sehen.«
In Müllers Augen leuchtete der Spott auf. »Aber das gehört gerade hierher. Nein, bleiben Sie ruhig sitzen! Sie sind von ihm mit Demut angesteckt worden, und das ist eine Gefahr, diese Infektion. Wenn Sie sie aufkommen lassen, so dauert es kein Jahr, und Sie sind aus einem Verkünder der Menschenliebe ein Priester geworden. Denn Priester, oder wenn Sie wollen Pfaffen gibt es auch unter den sogenannten Protestanten; das werden Sie mir zugeben. Ja, es will mich bedünken, der evangelische Geistliche sei auch von Amts wegen zwischen Gott und Menschen gestellt. Nur gibt ihm unser Bekenntnis nicht die Macht, die der katholische Priester mit seiner Kraft, in der Messe den Leib Gottes zu schaffen, besitzt. Das ist ein großer Fehler unsrer Kirchenverfassung, an dem die evangelische Lehre einmal zu Grunde gehen wird.«
»Es ist der große Vorzug unsrer Lehre,« entgegnete der Vikar, »daß sie den Aberglauben der priesterlichen Macht, zu binden und zu lösen, gebrochen hat. Der Glaube allein, nicht die Kirche gibt uns Erlösung. Das Wesen des Protestantismus ist die Freiheit des Einzelnen.« Er hatte ganz vergessen, daß er mit einem Verrückten sprach, aber schon die nächsten Worte Müllers erinnerten ihn daran.
»Ich habe nie begriffen,« begann dieser, »was das Wort Protestantismus noch mit unsrer Lehre zu tun hat, es sei denn, daß sie pro testiculus eintritt gegen das Zölibat. Unser Bekenntnis beruht nicht mehr auf einem Protest gegen eine Lehre, sondern ist selbst eine Lehre, eben die Lehre vom Glauben. Das Wort evangelisch paßt für uns, schon deshalb, weil bei uns so schön geredet wird. Protestanten können niemals eine gemeinschaftliche Kirche bilden, ja gerade die Kirche verwirft jeder Protestant ohne weiteres, wie Christus selbst sie verwarf. Die Bildung einer Kirche, der Anschluß an die Gemeinschaft einer solchen ist eine Infektionskrankheit der Seele, für die der Protestant unempfänglich ist.« August hatte sich auf die Bettkante gesetzt und betrachtete nachdenklich seine nackten Beine. »Man weiß zu wenig von ansteckenden Krankheiten, geistigen und körperlichen. Das wird sich nun ändern. Wenn ich die Erfahrungen der letzten Tage mir erst ganz zu eigen gemacht habe,« – er riß hastig das Bettlacken oben von der Matratze fort und suchte nach irgend etwas in den Falten des Überzugs – »werde ich sie wissenschaftlich erproben und bearbeiten, und ich zweifle nicht daran, daß sich sehr bald auf der neuen Grundlage eine neue Wissenschaft aufbauen wird. Einiges läßt sich schon jetzt darüber sagen. So möchte ich annehmen, daß auch hier ein gewisses Gesetz der Gegensätze herrscht; ich meine, daß eine psychische Infektion den Körper umgestaltet, während die körperliche Ansteckung den Geist verändert. Das letztere habe ich an mir selbst erfahren. Mein Scharlachfieber hat meinen gesamten inneren Menschen verwandelt, so sehr, daß ich noch gar nicht daran zu glauben wage. Für die geistige Infektion aber bietet gerade die Kirche ein gutes Beispiel. Ist ein Mensch priesterlich angesteckt, so erleidet sein Gesicht, seine Haltung, sein ganzes äußeres Wesen eine bestimmte Wandlung. Das zeigt sich sogar in der Kleidung. Sie ist die unausbleibliche Folge der Ansteckung. Genau so wie ich rot geworden bin, weil ich das Scharlachfieber bekam, so tragen Sie schwarzes Gewand, weil Sie an dem Kirchenfieber leiden, an einer ganz bestimmten Sorte, demDemutsfieber; das ist eine fatale Abart. Ihr Gift ist das Bewußtsein der Sünde und der Angst. Die Demut will nicht bemerkt sein, sie schleicht im Dunkeln. Sie verbreitet um sich die Nacht in Gestalt des schwarzen Talars. Es ist ein psychischer Ausschlag; ebenso wie die Tonsur der Katholiken ein psychischer Haarausfall ist, in dem sich der Gedanke ausdrückt, daß der Priester dem Himmel näher steht, als andere Menschen, daß die Seligkeit aller Heiligen sich in ihm widerspiegelt, daß die Offenbarung leichter in seinen Schädel eindringen kann. Sehen Sie, wie kahl mein Kopf ist! Sehen Sie doch? Und ziehen Sie Ihren Schluß! Die Erleuchtung von oben sengt gewissermaßen das Haar fort, und wird sie sehr stark, so kommt es zu einer Ansammlung von Strahlen, zum Heiligenschein.«
Der Vikar hatte schweigend zugehört. Er sah ein, daß er mit seinem Widerspruch die Verwirrung nur vergrößert hatte, und versuchte nun, auf die unsinnigen Gedanken seines Schutzbefohlenen einzugehen. »Sie eröffnen da wirklich eine weite Aussicht für den Forscher und Seelenkünder, und ich werde mich bemühen, diesen Ideen weiter nachzudenken. Mich will aber bedünken, als ob Sie doch noch andere Hilfsquellen herbeileiten müßten. Sie erklären Massenerscheinungen vielleicht richtig, vielleicht falsch, jedenfalls aber eigentümlich. Wie aber stehen Sie zu den Einzelerscheinungen, zu den großen Männern mit ihren ausgeprägten Eigenheiten, ihren merkwürdigen Gesichtern und Gewohnheiten. Ich kann mir denken, daß eine ganz bestimmte Geistesrichtung gewisse äußere Merkmale herbeiführt. Man könnte Nietzsches Schnurrbart aus seinem Willen zur Macht herleiten, Ibsens gesträubte Mähne als Symptom des Zwiespalts zwischen Lebenslüge und Lebenswahrheit nehmen. Aber das alles ist doch nicht Infektion. Allenfalls Krankheit.«
»Autoinfektion ist es, mein Lieber. Pfui über das häßliche Wort. Selbstansteckung also. Wir sind gewöhnt anzunehmen, die Denktätigkeit spiele sich nur in dem Gehirn ab. Das ist aber düstrer Aberglaube, den sich bloß Leute leisten können, die niemals gebissen worden sind. Wenn das Gehirn denkt, so denken die Schnurrbartspitzen mit, ebenso wie die Fingernägel oder die Darmhäute. Das weiß jeder. Zweifellos sind diese Vorgänge einer wissenschaftlichen Forschung zugänglich, und unsere Zeit, die sich so aufgeklärt vorkommt, beweist nur, daß sie noch tief im Aberglauben steckt, wenn sie darüber lacht, daß Menschen mit verschiedenen Seelen verschieden riechen, wenn sie dummstolz behauptet, man könne die Zukunft nicht aus der Hand lesen oder den Charakter nicht aus der Schädelbildung beurteilen. Ein Hühnerauge entsteht ebensogut durch den Druck der Gedanken, wie durch den Stiefeldruck, und die Wissenschaft wird noch so weit kommen, aus der Form der Entleerungen die Gedanken festzustellen, mit denen sich der Mensch am stillen Ort einsam beschäftigte.« Augusts Blick strahlte Begeisterung, als er im selben Moment das Gerät sah, mit dem Agathe vorsorglich seine Zelle ausgestattet hatte. »Sehen Sie, Herr Vikar, solch einen Stuhl, bei uns gemeinhin Nachtstuhl genannt, wird man später Probestuhl der Gedanken nennen. Man wird ihn in allen Gefängnissen aufstellen, um den Geheimnissen der Verbrecher auf die Spur zu kommen. Die Könige werden fremden Staatsmännern Ehrengeschenke damit machen und besondere Spione, mit dem Titel Gedankenriecher halten, um die Pläne der eifersüchtigen Nachbarn zu erforschen. Dann erst wird es eine hohe Politik geben.« Ergriffen von der Tiefe dieser Gedanken hob August die Augen zur Decke und schwieg in ehrfurchtsvollem Staunen über den Reichtum seiner Eingebungen.
Dem Vikar schwindelte der Kopf. Mit einer verzweifelten Anstrengung suchte er das Gespräch abzubrechen. »Ich danke Ihnen,« begann er, »für diese unvergeßliche Stunde. Sie gaben mir Eindrücke in die geheimsten Abgründe menschlichen Daseins,« August stand gerade am Probestuhl der Gedanken, »und ich wage es nicht, weiter zu hören, auf die Gefahr hin, ganz überwältigt zu werden. Alles das verlangt stilles Denken und Einsamkeit und die Nacht, die jetzt hereinbricht, wird mir Muße geben, mich in die neuen Ideen einzuleben. Gestatten Sie, daß ich an Ihrem Lager sitzend, Ihren Anregungen nachträume. Sie selbst aber sollten Ihre kostbare Kraft schonen und im Schlaf sich für die wunderbare Verwandlung stärken.«
August lächelte zufrieden. Er dozierte sitzend weiter: »Mein Hirn ist in Gärung, das weiß ich, und ich erkenne dankbar Ihre Fürsorge an. Wer, wie ich, berufen ist, Großes zu leisten, darf nicht leichtfertig mit seinem eigenen Menschen umgehen. Gestatten Sie mir nur, meine Ideen kurz abzuschließen. In dieser Wirkung des Gedankens auf den Bau des Körpers haben wir wohl den besten Weg, das ganze Phänomen der Ansteckung zu studieren. Denn um Ansteckung handelt es sich dabei. Der Gedanke, die Scham verletzt zu haben, steckt die Wangengefäße der Frau an, so daß sie sich mit Blut füllen. Die Idee der Vasallentreue durchseucht den Menschen Bismarck so, daß er das Ansehen einer Dogge bekommt. Aber das ist nur die eine Seite der Sache. Für den tiefsinnigen Forscher, namentlich wenn er solche Erfahrungen machte wie ich, handelt es sich vielmehr darum, zu ergründen, welche körperliche Ansteckung bei großen Männern bestimmte geistige Richtungen hervorgebracht hat, in welchem Zusammenhang beispielsweise Goethes Dichtkunst zu den Pocken steht, die er als Knabe durchmachte. Man wird von jetzt an ganz anders das Leben unserer Geistesfürsten durchforschen müssen, viel genauer.« Bei diesen Worten gab August einen allgemein menschlichen Beweis, wie solch Durchforschen zu denken sei, klappte den Deckel zu und legte sich wieder hin. »Der Schnupfen, den ein Kind durchmacht, hat wahrscheinlich mehr Bedeutung als ein Schulunterricht, ja man wird das Rätsel eines kantischen Verstandes eher durch ein Studium seiner Nasenschleimhäute, als durch das Lesen seiner Werke lösen. Nur müßte dazu jeder Mensch, dessen Geist durch eine Ansteckung verändert worden ist, mittelst eines besonderen Zeichens kenntlich gemacht werden, damit sich das Studium nicht zu sehr zersplittert, noch mehr aber, damit er sich seines hohen Berufes stets bewußt bleibt. Ich habe in der Muße, die mir meine Schwester gegönnt hat, darüber nachgedacht, welches Symbol ich selbst erwählen soll. Mir fiel dabei dies in die Hände.« August holte unter der Bettdecke eine Streichholzschachtel hervor und öffnete sie behutsam. »Sehen Sie, das ist der letzte Feind, den ich hingerichtet habe. Ich dachte daran, ihn von Rubinen umgeben auf schwarzem Grunde fassen zu lassen und als Ring zu tragen, gleichsam als Devise: Durch Nachtkampf zum Lichtsieg. Was meinen Sie dazu? Dies wäre noch mehr als Goethes Seelensucher und Agathe würde sich darüber ärgern. Die Wanze als Symbol der Schlacht in der Finsternis, der Rubin als Wahrzeichen des strahlenden Scharlachsieges.«
Der Vikar seufzte. Gelang es ihm nicht, das Scharlachwanzengespenst zu bannen, so war beider Nachtruhe verloren.
»Halten Sie ein, Herr Müller,« bat er. »Die neue Lehre, die Sie mir gaben, erfüllt all mein Wesen und ich bin nicht mehr fähig, irgend etwas anderes zu denken. Wenn Ihr rastloser Geist weiter schweift, gönnen Sie mir Ruhe, mich zu fassen.«
August schob ruhig seine Streichholzschachtel zu, drückte dem jungen Freunde die Hand und sagte: »Sie haben Recht. Ich darf den ersten Schüler, den ich finde, nicht erdrücken. Gute Nacht denn, für heute.« Damit wandte er sich um und schon in der nächsten Minute hörte der Vikar an seinem Schnarchen, daß er schlief.
Paul Ende wischte sich den Schweiß von der Stirn. Halb mitleidig, halb ängstlich beobachtete er den Schlafenden, immer gewärtig, daß er erwachen und dann in Tobsucht ausbrechen werde.
So saß er eine Stunde geduldig da. Allmählich aber, als es im Zimmer stockfinstre Nacht wurde, überschlichen ihn allerlei andere Gedanken und umspannen ihn mit Träumen. Ihm war, als ob er auf der Kanzel stehe um zu predigen, als er jedoch die Hand zum Segen hob, sah er, daß um den Finger eine blonde Locke gewickelt war. Er wollte sie abstreifen, da klang die Locke wie springendes Glas und eine Mädchenstimme tönte an sein Ohr: Herr Vikar. Zweimal machte er den Versuch. Beim dritten Male erwachte er und hörte nun deutlich, daß Alwine vom Garten her nach ihm rief. Gleichzeitig vernahm er, wie ein Steinchen gegen das Fenster anflog. Er erhob sich, sah noch einmal vorsichtig nach seinem Schützling und eilte dann zu dem Balkon.
Wirklich, unten auf dem Rasen sah er ein weißes Kleid schimmern. Als er die Tür hastig aufriß, wollte es das Schicksal, daß Alwinchen gerade einen neuen Stein nach oben warf. Fast hätte er den würdigen Geistlichen mitten in das Gesicht getroffen, aber er wich noch glücklich aus, freilich weder ihm noch allen anderen zum Heil, wie der Verlauf dieser Geschichte zeigen wird. »Warte, du loses Ding,« sagte er zu sich; ohne die Frage des Mädchens nach ihres Onkels Befinden zu beantworten, stieg er über das Geländer des Balkons hinweg und ließ sich an dem Weinspalier geschickt zu Boden gleiten.
7. Kapitel.
August Müller stirbt.
Es muß unentschieden bleiben, ob er dabei wirklich, wie seine Worte vermuten ließen, im Sinne hatte, sich an dem Mädchen zu rächen, auch welcher Art diese Rache sein sollte. Denn das vorwitzige Fräulein sah kaum die Gestalt am Weinspalier herunterklettern, als es erschreckt über die zu ausgiebige Wirkung ihres Anbändelns in das Haus flüchtete. Verdutzt stand Ende in dem leeren Garten. Mit ein paar Sprüngen erreichte er die Haustür, aber sie war fest verschlossen. Es blieb ihm nichts übrig als der Rückzug, und er ahnte, daß auch der einige Schwierigkeiten haben werde. Denn im Hinabgleiten hatte er wohl bemerkt, daß das Spalier unter seinem Gewicht nachgegeben hatte. Während er verdrossen die Stangen prüfte, ob er sich ihrer Festigkeit noch einmal anvertrauen solle, bemerkte er, daß ihm der Rückweg überhaupt versperrt war. Die Glastür, die er vorhin geöffnet hatte, war jetzt verschlossen, und bei dem matten Schein, der aus dem Zimmer drang, sah er, daß August Müller nicht mehr im Bette lag, sondern hastig im Zimmer auf und ab ging.
Verärgert schaute er nach oben. So lange der Kranke wach war, konnte er nicht wieder hinaufsteigen, ohne sich Erörterungen auszusetzen, die bei der Verrücktheit seines Gegners ihn leicht in die lächerlichste Lage bringen konnten. Er beschloß also zu warten und da das Stehen im feuchten Grase seinen jungen Gliedern nicht sehr verlockend erschien, setzte er sich auf eine Gartenbank, von der aus er das erleuchtete Fenster Augusts im Auge behalten konnte. Auf dieser Bank nun überfiel ihn der Teufel in Gestalt des Schlafs. Die Augen sanken ihm und er erwachte erst von der Kälte kurz vor Sonnenaufgang.
Halb noch im Traum reckte er seine steif gewordenen Glieder, wunderte sich über das seltsame Lager, auf dem er ruhte, und erst allmählich kam ihm zum Bewußtsein, wie er hierher gekommen war. Beschämt fuhr er empor. Er, der Geistliche, den die beiden Frauen im vollen Vertrauen als Wächter bei dem Kranken zurück gelassen hatten, hatte seine Pflicht sträflich vernachlässigt, war auf Liebesabenteuer ausgegangen, und schließlich hatte er die Wache verschlafen.
Was mochte inzwischen geschehen sein? Das Licht in Augusts Zimmer brannte noch. Eilig ging er zu dem Balkon hin. Die Tür oben stand weit auf. Von Müller war nichts zu sehen. Wahrscheinlich lag er also im Bett. Aber wunderlich war es, daß das Spalier jetzt vollkommen zerknickt und heruntergerissen war. Der Vikar hatte nicht geglaubt, daß die Verwüstung so schlimm gewesen wäre. Die Finsternis der Nacht mußte ihn getäuscht haben, während der anbrechende Tag jetzt alles in klarem Licht erscheinen ließ.
Gott sei dank stand die Leiter in der Nähe, mit der Agathe den Balkon zu ersteigen pflegte. Rasch hatte er sie angelehnt, war hinaufgestiegen und schlich auf den Zehen in das Zimmer. Im nächsten Augenblick stürzte er schon mit der vollen Wucht seines Körpers gegen die Korridortür mit ihren Eisenstangen. Das Zimmer war leer, der Kranke verschwunden. Der arme Vikar schlug geängstigt mit den Fäusten auf die bretterne Wand los, die ihn von den Hausbewohnern trennte, und rief mit lauter Stimme abwechselnd: »Frau Willen, Frau Willen! Fräulein Alwine, Alwine!« In dem gegenüber liegenden Zimmer saß währenddessen Alwine mit schreckensbleichem Gesicht und zitternden Gliedern aufrecht in ihrem Bett und horchte auf das Geschrei, das zu ihr drang. Als immer von neuem ihr Name gerufen wurde, sprang sie auf, schlüpfte in ihren Morgenrock und eilte zu der Mutter. Auch die war schon durch den Lärm geweckt, halb angekleidet trat sie gerade aus der Tür.
»Alwinchen,« rief sie jammernd, »Alwinchen, der Onkel tobt wieder. Erschrick nur nicht. Ich werde ihn schon zur Ruhe bringen. Geh doch und leg dich schlafen.«
»Ach Mutter, hör' nur, es ist gar nicht der Onkel, es ist der Vikar. Der arme Paul! Wenn der Onkel nur nicht tobsüchtig geworden ist.«
Agathe hörte nur halb. »Er mordet ihn, er mordet ihn!« schrie sie und lief den Korridor entlang, was sie laufen konnte, das Töchterchen hinterher, sich ängstlich an der Mutter Rock klammernd.
»Frau Willen, öffnen Sie, um Gottes willen öffnen Sie,« schrie es ihnen durch die Tür entgegen.
»Ja, ja, nur einen Augenblick noch. Nehmen Sie alle Kraft zusammen, Herr Vikar, halten Sie den Wütenden fest! Wehren Sie sich! Ich komme zu Hilfe. Seine eigene Schwester wird er ja nicht erschlagen.«
Die Tür ging auf und der Vikar fiel in die ausgebreiteten Arme Agathes, die in der einen Hand wurfbereit eine Flasche mit kaltem Wasser hielt. »Wo ist er?« rief sie. »Fürchten Sie sich nicht, Herr Vikar! Wo ist der Wüterich?« und ließ die Augen durch das Zimmer schweifen, während sie den Arm mütterlich schützend um den jungen Mann schlug.
Der Geistliche wäre am liebsten in ein Mauseloch gekrochen, so schämte er sich. Kleinlaut stammelte er: »Er ist fort.«
Agathe erstarrte in der Stellung, in der sie gerade stand und wahrscheinlich wäre sie so als ewiges Wahrzeichen des schrecklichen Augenblicks, gleich Loths Weib versteinert, wenn nicht Alwine, gereizt durch den Anblick des verfrorenen und zerschundenen Vikars in den Armen ihrer sprachlosen Mutter in ein Gelächter ausgebrochen wäre.
»Was hast du zu lachen, dummes Ding,« rief sie in vollem Zorn, und ehe sich's Alwinchen versah, hatte sie eine feste Ohrfeige erhalten. Ohne sich weiter um das weinende Kind zu kümmern stürzte Frau Agathe vorwärts nach dem Balkon. »Was sagen Sie? Fort ist er?« sagte sie dabei und in den leeren Garten schauend begann sie wieder: »Fort? Aber wie ist das möglich? Haben Sie geschlafen, Herr Vikar?«
Der Pastor Breitsprecher hatte vor einiger Zeit zur großen Entrüstung einiger älterer Damen von dem Vikar gesagt, er besitze noch nicht die nötige moralische Reife zum Prediger. Das, was Paul Ende jetzt tat, gab den Beweis, daß der würdige Pastor Recht gehabt hatte. Der Vikar log.
Hätte er Frau Willen allein gegenüber gestanden, er hätte sicher sein christliches Gemüt vor schwerer Sünde gerettet. Aber das schöne Kind dort, mit dem aufgelösten langen Haar, das eben seinetwegen eine Ohrfeige erhalten hatte und nun gar reizend aussah, wie es sich weinend die brennende Backe rieb, durfte er nicht in den Verdacht bringen, als habe es mit ihm ein Stelldichein gesucht oder gar gehabt.
Mit fliegenden Worten erzählte er, wie er mit dem Kranken auf dem Balkon gestanden habe, wie er ihm den letzten Feind in der Streichholzschachtel gezeigt habe, wie der Feind, diese kostbare Reliquie in den Garten hinabgefallen sei, und wie er selbst Herrn Müller zu Gefallen am Weinspalier sich hinabgelassen habe, das Kleinod zu suchen. Dann zur Wahrheit zurückkehrend, berichtete er, wie ihm der Rückzug abgesperrt ward, und er auf seinem Beobachtungsposten eingeschlafen war.
Die moralische Verderbtheit des angehenden Geistlichen kam jetzt deutlich zum Vorschein, denn statt zu bereuen, freute er sich in sträflicher Weise über das Lächeln, mit dem Alwine, mitten aus ihren Tränen heraus, für seine Diskretion dankte. Er hätte in diesem Augenblick das Dasein Gottes verleugnet.
Glücklicherweise wurde das nicht von ihm verlangt, denn Agathe hatte mittlerweile bei der immer noch brennenden Lampe ein Kuvert mit ihrer Adresse entdeckt. Das nahm sie auf, ehe sie es aber erbrach, löschte sie mit den Worten: »Welche Verschwendung!« die Lampe. Im nächsten Augenblick beugten sich drei Gesichter, das alte, zornrote Agathes, das von dem Weinstock zerschundene des Vikars und Alwinchens mit der geschwollenen Backe, über die Blätter, auf die August Müller seine Abschiedsworte niedergeschrieben hatte.
Das erste Schreiben lautete wie folgt:
»Mit der Mitternachtsstunde des 24. zum 25. . . . . . starb in mir der Mensch August Müller. Kraft mir innewohnender heiliger Gewalt tilge ich den Namen und das Andenken dieses Toten für ewige Zeiten.«
Das Zweite enthielt die Worte:
»In der Wende der Nacht zum Tage schuf ich mich zu einem Menschen um, dessen Name soll sein Thomas Weltlein, zum Zeichen, daß er empfangen und geboren ward vom Zweifel, der allein der Welt Leben gibt.«
Agathe entfaltete das dritte Schreiben und las:
»Bis zu dem Augenblick, in dem ich diese Worte schreibe, glaubte ich noch nicht an mich selbst und an meine Kraft. Daß ich ruhig und unbewegt von dir scheiden kann, beweist mir: das Leben, wie ich es lebte, liegt hinter mir, unter mir. Mit allem was war, habe ich nichts zu schaffen, mein Werk gehört dem, was wird, dem Tag, der mich auf den Flügeln der Morgenröte hinwegführt, im Kopf den Zweifel, im Herzen die Welt. Gedenke des Toten! Hoffe des Lebenden! Thomas Weltlein.«
Agathens Stimme versagte, und der Vikar nahm ihr hilfreich die Rolle des Vorlesers ab:
»P. Scr. Zum Gedächtnis des Sterbens und als Zeichen der Wiedergeburt hinterlasse ich dir den letzten Feind. Er war es, der mich gesund biß. Die Streichholzschachtel, in der er ruht, vertauschest du wohl gelegentlich mit einer würdigeren Grabstätte. Fahr wohl! Hoffentlich hast du die Spalierstangen gut befestigt, so daß ich beim Klettern nicht falle.«
Als der Vikar noch das vierte Schreiben öffnen wollte, fiel sein Blick auf Agathe, die sich krampfhaft an der Stuhllehne festhielt. Er warf den Zettel zur Seite, um sie zu stützen. Alwine fing ihn auf und überflog ihn. Eine tiefe Röte stieg ihr in das Gesicht. Ehe sie jedoch den Mund öffnen konnte, sank die Mutter mit dem Ruf: »Er ist verrückt,« ohnmächtig zusammen.
Niemand erfuhr, was in dem letzten Brief stand, denn während die beiden jungen Leute die bewußtlose Frau zu Boden gleiten ließen, war das Blatt verschwunden.
8. Kapitel.
Thomas Weltlein begegnet dem Sein, dem Werden und dem Fittich der Tat.
Der umgetaufte Thomas Weltlein ahnte nichts von der Verwirrung, die er hinter sich gelassen hatte. Barhäuptig, mit geballten Fäusten eilte er die Landstraße entlang. Von Zeit zu Zeit öffnete er die rechte Hand und blickte nachdenklich auf den Gegenstand, der darin verborgen war. Es war das Steinchen, mit dem Alwine ihn unsanft aus dem Schlaf geweckt hatte. Noch ganz befangen von der Erinnerung an das Gespräch über die innere und äußere Ansteckung hatte er seinen neuen Namen gewählt. Die beiden Worte Thomas Weltlein sollten ihn weiter umschaffen, ihn immer und immer an den hohen Beruf erinnern, zu dem er sich berufen glaubte. Man sieht daraus, wie wenig er selbst noch seiner Verwandlung traute. Und jetzt sann er auf ein weiteres Mittel, seinem unsichern Geist von außen nachzuhelfen.
Er wollte sich ein Symbol seines Wesens schaffen, ein Wahrzeichen dessen, wozu ihn das Wanzenwunder rief. Dieser runde Kiesel, über dem sich seine Finger so leicht öffneten und schlossen, konnte die Erde bedeuten. Dieser Gedanke gefiel ihm, und er lachte freudig auf.
War das die Welt, so war er nicht mit der Nase dagegen gerannt. Nein, sie hatte sich ihm als Eigentum entgegengeworfen, hatte wohl gar absichtlich die hervorragende Stelle seines Gesichts getroffen. Warum sollte ein Stein nicht Absichten haben? Warum sollte nicht bewußtes Leben in ihm wohnen? Die Eitelkeit des Menschen hat den Unterschied zwischen Leben und Totsein erdichtet. Gab es einen Gott, so dachte er allein, und der Stein war ebensogut ein Werkzeug seines Willens wie der Verstand eines Genies. Gab es aber denkende Menschen, so war nicht einzusehen, warum es nicht auch denkende Steine geben sollte; dieser Stein hier dachte gewiß. Er hatte sicher selbst den empfindlichen Platz ausgesucht, den er treffen wollte. Er, Thomas, mußte der Nase nachgehen, hieß das, unbekümmert um Menschenlob und Tadel.
Der Schmerz an der Nase erwachte von neuem, und hastig fuhr Weltlein mit der linken Hand empor, um den Schaden zu reiben. Mitten in der Bewegung jedoch hielt er inne, ja es ging eine so plötzliche Wandlung mit ihm vor, daß er eilig stillstand. Etwas Scharfes, Spitzes war ihm über das Gesicht gefahren, und als er die linke Faust öffnete, sah er darin eine halbverdorrte Weinranke. Sie war ihm, als er beim Hinabklettern mit dem Weinspalier zusammenbrach, zwischen den Fingern geblieben, und er hatte sie, ohne darum zu wissen, in der krampfhaft geballten Hand die ganze Zeit über mitgeschleppt.
Wie ein Blitz durchfuhr es ihn: das ist das Symbol; die Rebe, das alte Sinnbild des Wachsens, der Wandlung und der Auferstehung, der Träger heiligen Rausches, das Werkzeug eines welterobernden Gottes. Mit den Blättern des Weinstocks mußte er sich kränzen, sie als mahnenden Schmuck um das Haupt flechten.
Triumphierend hob er den Arm, um die halbwelke Zierde um die Stirn zu legen, da fiel ihm ein Wort ein, das ihm die Stimmung störte. Schade, ewig schade, daß hier kein Spiegel in der Nähe ist, sprach er leise vor sich hin. Dann lachte er gutmütig über sich selbst, streckte die Arme aus und blickte abwechselnd auf den Stein und die Blätter. Ein wehmütiges Gefühl stieg in ihm auf, fast wie die schmerzliche Erkenntnis seines verrückten Zustandes. Aber mit einer starken Anstrengung scheuchte er die Wahrheit davon und immer auf den Stein und die Blätter starrend, steigerte er künstlich seinen Schmerz höher und höher, bis ihn eine krankhafte Frömmigkeit überwältigte.
»Höre mich, Herr, höre mich, dämmernder Himmel, der du der Sonne harrst! Gib mir ein Zeichen, daß ich es trage zu deinen Ehren, zum Ruhm des Lichts! Siehe, in meinen Händen halte ich den Witz der ganzen Menschheit, das Sein und Werden liegt mir zwischen den Fingern, die Enden aller Philosophie aller Jahrtausende. Du weißt es, Himmel: was sie auch ersonnen haben, in der Mitternachtsstille oder bei der schwälenden Lampe, sie sind nie weiter gekommen als bis zum Sein und Werden. Sie haben auch nie zwischen beiden entschieden. So entscheide denn du! Laß mich nicht in Zweifel stehen, ich gleiche sonst zu sehr dem Esel zwischen den Heubündeln. Du hast ja die Helden geliebt und ihnen Adler zur Rechten und Linken gesandt. So gib auch mir ein Zeichen, daß ich das Rätsel löse.«
Er ließ die Arme sinken und fuhr fort: »Hier ist das Sein« – er legte Alwinens Stein sorgfältig auf die Erde – »und hier das Werden,« die Weinranke fand ihren Platz daneben. »Jetzt werde ich zwanzig Schritte zurückgehen und dann mit geschlossenen Augen wiederkommen. Was ich zuerst erblicke, wenn ich die Augen öffne, das soll mir heilig sein.«
Er richtete sich auf und blickte umher. Von dem Hügel, auf dem er stand, blickte er weit in die dämmernden Lande. Beinahe hätte er über den lockenden Anblick seine Absicht vergessen. Rasch aber raffte er sich zusammen, winkte dem Himmel zu und rief: »Paß auf, alter Heidengott, und mach es gut!« Dann ging er langsam seine zwanzig Schritte, schloß die Augen und kehrte laut zählend zurück. Bei zwanzig hob er den Blick. Aber statt des Seins und Werdens sah er am Ende der Welt die Sonne aus der Erde steigen. Mit einem Freudenruf streckte er die Arme aus, warf sich auf die Knie und jubelte dem aufgehenden Gestirn zu.
»Bist du es, große Sonne? Gibst mir dich selbst, mir, deinem Kinde. Bist du das Zeichen, in dem ich siege? Große Sonne, wie liebe ich dich. Du bist heiliges Licht.«
Er kreuzte die Arme über die Brust und beugte den Kopf nieder. Sofort aber fuhr er empor. »Das ist empörend,« rief er. »Ich bete die Sonne an und zum Dank zeigt sie mir Sein und Werden zu gleicher Zeit. Verfluchter Stein, verfluchter Wein! Was soll ich wählen?«
Er raffte wütend die beiden Symbole auf, da sah er halb im Straßenstaub vergraben eine Feder liegen, die irgend eine alte Krähe dort abgeworfen hatte. Mit ernstem Blick betrachtete er sie, hob sie andächtig empor und der Sonne zunickend sagte er freudig: »Du verlässest keines deiner Kinder, alter Weltfahrer. Du lachst über das Sein und Werden und bestrahlst den Fittich der Tat. Und du hast Recht. Fort mit dem Sein« – er steckte den Kiesel in die rechte Hosentasche – »fort mit dem Werden« – die Weinranke verschwand in die linke Hosentasche – »ade, Philosophie der Griechen und Inder; die Tat ist alles, das Denken nichts. Das wußten schon andere vor dir, Thomas. Aber Dank, Sonne, daß du mich's gelehrt!«
Freudig hob er die Krähenfeder vor das Auge und guckte zwischen dem Flaum in die Sonne. »Du sollst mich tragen zu hohen Höhen. Auf Flügeln will ich dir dienen, ewiges Licht. Schön bist du Welt, liebenswert schön.« Die Rührung überwältigte ihn; er fühlte den unwiderstehlichen Drang irgend etwas zu umarmen und im gewaltigen Druck seine gespannte Seele zu befreien. Um die Hände frei zu bekommen, steckte er die Feder in den Mund, breitete die Arme aus und schritt in Verzückung auf den nächsten Baum zu.
9. Kapitel.
Der Lumpenwilhelm und Agathes Uhr.
»Guten Morgen auch,« tönte es neben ihm. Das Weltlein fuhr sehr rasch herum, öffnete den Mund, um den Gruß zu erwidern und ach, der Fittich der Tat sank langsam flatternd zu Boden. Der arme Thomas aber starrte verwundert auf die krumme Gestalt eines alten Fuhrknechtes, der seinen Wagen führend, ihm gegenüber stand, die Peitsche zwischen die langen Beine geklemmt, deren eines seltsam steif gehalten wurde. Mit den hohlen Händen schützte er das schwälende Streichholz, mit dem er eben die Pfeife anzünden wollte.
Thomas suchte mit dem Blick nach seiner Feder. Sie lag vom Morgenwind verweht im Schmutz der Straße neben dem struppigen Gaul, der mit dem dicken Kopf nickend tiefsinnig das Symbol des Höhenfluges betrachtete. Weltlein hob wehmütig sein Heiligtum hoch. Kaum gefunden, schon verloren. Was sagt, Ihr Götter, dies Zeichen? Lähmt Ihr die Schwinge schon jetzt, noch ehe sie entfaltet war? So fahre dahin und harre des, der dich würdiger führt.
Eben wollte er die Feder fliegen lassen, da griff der Fuhrmann danach, nahm sie und stach mit dem spitzen Kiel in die Pfeife, den Tabak zu lockern. »Die mußt du mir schenken, hörst du. Die kann ich für den Pfeifenschmirgel brauchen.« Der Kerl hob seinen langen blauen Kittel hoch und versenkte seine Eroberung in eine riesige alte Ledertasche, aus der eine abgebrauchte Wichsbürste und ein zerrissener Straußenfächer hervorragten. Dann sah er mit seinen kleinen schlauen Augen sein Gegenüber an.
»Du denkst wohl auch, der Baum da ist die Penne zum roten Apfel, wo sie dich heute Nacht herausgeschmissen haben. Aber wenn du 'nen Schnaps brauchst, bist du bei mir besser aufgehoben. Willst du mitfahren?«
Weltlein war im ersten Moment von der vertraulichen Anrede ganz überrascht und, die Wahrheit zu sagen, sogar empört, aber noch ehe er dazu kam, seine Würde zu offenbaren, fiel ihm ein, daß eine Schicksalsfügung vor ihm stehen könne. Er beschloß, sie auf sich zu nehmen. »Wenn da Platz ist,« sagte er, »ganz gern.«
»Dann steige nur auf! Platz ist schon, ich fahre nach Griesbach Lumpen holen, kann auch einen mitbringen; das geht in einem hin.«
Thomas stand schon mit einem Beine auf dem Rade. Die neue Dreistigkeit brachte jedoch seine Geduld ins Wanken. »Wofür halten Sie mich,« fragte er sehr von oben herab.
»Na, na, machen Sie sich man nicht dicke. Was Sauberes sind Sie schon mal nicht. So 'ne Hosen, wie diese Hosen lägen besser hinten im Lumpensack, als daß Sie Ihre schönen Beine zeigen, und das Gesicht, das Sie machen, könnten Sie auch erst waschen, ehe Sie hier Freundlichkeiten mit Grobigkeiten und Siezereien gut machen. Und nun runter hier mit dem Bein, sonst –« Er hob drohend die Peitsche.
Also kräftig gemahnt prüfte Herr Weltlein zum ersten Male seit seiner Verwandlung seinen äußeren Menschen. Wahrhaftig er sah aus wie ein echter Stromer. Er hatte sein Jagdkleid an, das in manchem Kampf durch Schwefelsäure und Petroleum arg verwüstet war, und zum Überfluß hatten Agathes Spalierstangen noch ein großes Dreieck aus den schadhaften Beinen herausgerissen. Es sah schon arg aus, das mußte wahr sein, und wenn sein Gesicht auch einige Schattierungen lichter sein mochte als seine Hände, schmutzig war es gewiß. Rasch gefaßt streckte er die schmierige Hand dem Lumpensammler entgegen und lachte.
»Recht hast du, Bruder,« sagte er. »Ein echter Lump bin ich und gehöre zu dir. Müde bin ich auch, so nimm mich mit; sollst auch etwas dafür zum Lohn haben.« Er suchte in den Hosentaschen herum, fand jedoch nichts als das Sein und Werden und seine goldene Uhr, die er wie gewöhnlich ohne Kette mit sich trug. Diese gänzliche Armut erschreckte ihn, und jetzt erschien es ihm plötzlich dringend nötig, so rasch als möglich in die Kreisstadt zu kommen, um dort bei seinem Bankier und Freunde Geld zu erheben. Der Lumpenkarren mußte ihn mitnehmen. Das war beschlossene Sache.
Er zog die Uhr hervor und sagte: »Siehst du, hier habe ich etwas, das ist gut für die Fahrt, nicht wahr? Die versetze ich in Griesbach, und wenn du mich bis dorthin mitnimmst, bekommst du dein Teil.«
Der Lumpensammler kniff das rechte Auge zu und pfiff schneidend zwischen den Zähnen. »Man rauf,« sagte er, »mir ist's recht«.
Die Beiden nahmen nebeneinander Platz und das Gefährt setzte sich in Bewegung. Seit die Uhr zum Vorschein gekommen war, fühlte der Lumpensammler eine merkwürdige, stets wachsende Freundschaft zu seinem Kameraden. »Nun wollen wir es uns bequem machen,« sagte er. Aus der Tiefe seiner Ledertasche brachte er den versprochenen Schnaps hervor, dazu ein Stück Brot und eine Knackwurst, die er brüderlich mit Thomas teilte.
Der saß vergnügt, gleichzeitig seinen Hunger und sein Verlangen nach der Weltanschauung eines Lumpensammlers zu stillen, auf einem alten Sack, ließ die Beine auf die Deichsel hinabbaumeln und hieb wacker ein. Ihm war so froh zumute, als ob er niemals etwas anderes gekannt hätte als dieses gemächliche Vagabundenleben. Schon war die Wurst verschwunden. Bevor er jedoch den letzten Bissen Brot in den Mund steckte, hielt Thomas tiefsinnig inne.
»Wie wenig bedarf doch der Mensch,« sagte er, »wie glücklich ist er, wenn er nichts besitzt! Glaube mir, Freund: das Schlimmste, was dem Menschen begegnen kann, ist, etwas sein eigen zu nennen. Wo das Gold zum Tore hineinzieht, da kriecht die Sorge hinterdrein durch das Schlüsselloch. Verschenke, was du hast, das ist die tiefste Lebensweisheit. Gewiß, man muß seine Blöße decken und dem Magen etwas zu tun geben. Aber eine zerrissene Hose genügt, und ich muß sagen, dieses Stück Brot hat mir so gut geschmeckt wie –«
»Wie ein fetter Hammel,« fiel der Gefährte. ein. »Aber ein Schnaps ist auch nicht zu verachten; trink aus, alter Onkel!« und damit reichte er dem Redner die Flasche.
Thomas ließ sich nicht aus seiner feierlichen Stimmung bringen, beide Hände auf die Knie gestützt, in der einen die Brotrinde, in der anderen den Schnaps, saß er da und blickte ernst in das Land. »In solchen Augenblicken,« fuhr er fort, »empfinde ich ganz die Wahrheit der göttlichen Lehre: Selig sind die Armen. Wenn ich bedenke, welch ein Gefühl der Zufriedenheit mich jetzt durchströmt, hier mitten zwischen den Lumpen, die die Menschen achtlos auf den Kehricht werfen, so danke ich dem Himmel, der mich so weise geführt hat. Ich habe da vorhin in deiner herrlichen Tasche, die mir jetzt wie die Quelle aller menschlichen Einsicht erscheint, eine Wichsbürste gesehen. Welch ein Haufen Sorge steckt selbst in einem so einfachen Werkzeug. Da gibt es Menschen, die ihr Leben damit zubringen, als Bürstenbinder oder Arbeiter in irgend einer Fabrik Borsten in Holz zu kleben, bloß damit Wichse auf Stiefel geschmiert werden kann. Ich bitte dich, hat dazu der liebe Gott Menschen geschaffen, damit sie Tag ein Tag aus nichts anderes denken und empfinden als Borsten? Nimm nur die vielen Flüche, die feine Herren gen Himmel schleudern, weil ihnen der Hausknecht die Stiefel nicht blank genug putzte. Nimm den ehelichen Zwist, der schon am frühen Morgen den heiteren Frieden häuslichen Glückes stört, weil die Magd nicht rechtzeitig das Schuhzeug brachte. Betrachte die Damen auf der Straße, mit welcher Sorgfalt sie um die Pfützen herum gehen, damit ihre glänzende Fußbekleidung ja kein Fleckchen treffe. Mit der Hälfte dieser Mühe, auf edle Zwecke gerichtet, könnte eine solche Frau ein Geschlecht erziehen, dem nichts unmöglich wäre. Bedenke nur, welch ein Troß dazu gehört, um wirklich reine Schuhe zu haben. Wer das will, der muß Wagen und Pferde besitzen, ein Kutscher muß herbei, und wo ein Kutscher ist, da ist auch eine Köchin und ein Stubenmädchen, da wird denn bald selbst bei den Besten das Wichtigste im Leben, was man essen soll, damit die Köchin doch beschäftigt sei, wie man dem Mädchen es angewöhnt, zierlich Tassen zu reichen, wie man das gute Porzellan vor ihren mörderischen Händen schützt. Der Blick der Mutter, der die Seele des Kindes ist, fliegt in alle Ecken um Staub zu suchen, das Auge des Vaters, das den Kindern voranleuchten sollte, späht gierig nach Gelegenheiten, Verdienst zu schaffen. Warum? Weil es Wichsbürsten in der Welt gibt. Ist es nicht viel besser, wie wir es haben, du und ich, wir mit unseren schmutzigen Stiefeln? Auf den Kehrichthaufen gehört die Bürste; da erst ist ihr Platz. Glaube mir, das größte Unglück des Menschen ist der Besitz.« Er hielt inne und steckte die Brotrinde in den Mund.
Der Lumpensammler rückte ihm näher. »Wenn es dir gar so arg ist, etwas zu haben, kannst du mir die Uhr geben.«
Thomas drehte ihm das Gesicht zu. »Nein,« sagte er ruhig, »die brauche ich. Aber störe mich nicht! Ich habe früher den Satz nicht begriffen: Eigentum ist Diebstahl; habe ihn sogar lächerlich gefunden. Aber jetzt begreife ich ihn. Jawohl es ist Diebstahl, Diebstahl am Gut des Nächsten, an der edlen Seele des Menschen, an dem wahrhaft Göttlichen, an den hohen Aufgaben, für die ein jeder geboren ist. Ja ich gehe noch weiter. Eigentum ist Diebstahl, das ist richtig; das andere ist aber ebenso wahr und weit wichtiger: man soll dem, der Geld hat, es nehmen. Nur so befreit man ihn von der Last, der Angst und Sorge, macht ihn zum wahren Menschen, wie ihn Gott gewollt hat. Ja, in diesem Sinne kann man sagen: der Diebstahl ist eine Pflicht jedes anständigen Menschen.«
Wieder rückte der blaue Fuhrmann auf seinem Sitz. »Wo hast du eigentlich die Uhr her?« fragte er.
»Die Uhr? Sie gehört mir. Sie ist ein Geschenk meiner Schwester. Die gute Agathe.« Thomas griff in die Tasche, holte die Uhr heraus und betrachtete sie zärtlich.
Sein neuer Freund griff danach. »Zeig' sie mal,« sagte er. Thomas hielt sie ihm hin, ließ sie aber nicht aus den Fingern.
»Die ist gut ihre 300 Mark wert,« sagte der Kittelmann und tippte mit dem Finger darauf.
Thomas empfand diese Berührung unangenehm. Mit einer Bewegung des Ekels steckte er die Uhr wieder ein.
»Wohl möglich,« sagte er, »aber ich bin müde. Hier hinten ist Platz zum Liegen. Weck mich, wenn die Stadt kommt.« Er erhob sich und streckte sich lang in dem Wagen aus.
Der Fuhrmann starrte lange vor sich hin, plötzlich gab er dem Pferde einen Schlag, spuckte aus und drehte sich nach seinem Gast um. »Wenn du die Uhr da versetzt, was gibst du mir ab?« fragte er.
Thomas blinzelte gen Himmel. Ihm war wohl zu Mut und behaglich sagte er: »Nun auf ein, zwei Thaler soll es mir nicht ankommen,« dann schloß er die Augen und schlief ein.
Der Kutscher saß wieder regungslos, dem Pferde zwischen die Ohren schauend, dann spuckte er noch einmal und murmelte: »Hättest du Halbpart gemacht, wäre es gegangen. So aber – Gerechtigkeit nimm deinen Lauf.«
10. Kapitel.
Der Weg der Schmerzen.
Als Thomas aufwachte, blitzte dicht über seinem Kopfe die blanke Spitze eines Helms in der Morgensonne. Ein bärtiges Gesicht schaute darunter hervor und nickte breit lächelnd dem erstaunten Schläfer zu. Thomas rieb sich die Augen. Wahrhaftig, ein Gendarm, ein richtiger, echter Feldgendarm. In Weltleins Innerem begann es zu kochen. Der Polizeikoller, vor dem Agathe sich so sehr gefürchtet hatte, packte ihn. Er sah wieder, wie gewöhnlich, die Wachtstube vor sich, in der er von dem geschniegelten Polizeileutnant Unterricht im Anstand bekommen hatte.
«Guten Morgen,« eröffnete der Behelmte die Unterhaltung. Weltlein rückte voll Abscheu an die äußerste Kante des Wagens. Der Gendarm faßte ihn am Arm. »Na, na, alter Freund, guten Morgen können Sie mir schon sagen, wenn Ihnen auch bei meinem Anblick nicht wohl zu Mut sein mag. Und ausrücken gibt es hier nicht, wenigstens nicht eher, als bis ich gründlich ihre werte Bekanntschaft gemacht habe. Also nun einmal her mit den Papieren.«
Thomas starrte seinen Nachbar wütend an. »Lassen Sie mich los,« sagte er, »Sie haben kein Recht, mich festzuhalten.«
»Das Recht lassen Sie nur beiseite und seien Sie froh, wenn das Gericht nicht über Sie kommt.« Der Polizist strich sich zufrieden über seinen Witz den Vollbart. »Sie wollen mir damit wohl andeuten, daß Sie Ihre Papiere zu Hause vergessen haben. Dachte ich mir. Aber Ihren Namen haben Sie vielleicht mitgebracht, was? Oder ist der auch weggelaufen?« Er blinzelte dem Fuhrmann zu, der sich vor Lachen ausschütten wollte.
Thomas suchte seinen Arm zu befreien. »Mein Name ist Thomas Weltlein. Lassen Sie mich los, sage ich Ihnen. Das ist Freiheitsberaubung.«
»So nennt man das, ja; aber vorläufig sind Sie noch gar nicht Ihrer göttlichen Freiheit beraubt. Vorläufig setze ich nur Ihren Namen fest, hier in das Buch. Sehen Sie.« Er zog ein Taschenbuch hervor. »Ach, Lumpenwilhelm,« rief er, »sei doch so gut und stütze den Herrn ein wenig, damit er nicht aus Versehen aus dem Wagen fällt. Er sieht so aus, als ob er Lust dazu hätte.«
Lumpenwilhelm wieherte vor Vergnügen, sprang vom Wagen und tat, was ihm geheißen war. Der Gendarm leckte den Bleistift und begann wieder. «Also wie war das? Thomas?«
»Thomas Weltlein.« Der Gefragte stockte; ihm fiel es ein, daß die irdische Gerechtigkeit kaum von seiner Verwandlung gehört haben könne. Zögernd fügte er hinzu: »Eigentlich heiße ich August Müller.«
»So, so. Eigentlich heißen Sie so, aber uneigentlich gar nicht. Wir wollen nur lieber bei dem einen Namen bleiben. Sonst kann ich mir gleich ein neues Buch anschaffen, wenn ich all Ihre werten Namen aufschreiben soll. Also Thomas Weltlein. Und was darf ich als Ihren Wohnort notieren?«
Thomas ächzte vor Wut. » August Müller heiße ich. Ich rate Ihnen, meine Aussagen richtig zu Protokoll zu nehmen.«
»Zu Protokoll nehmen ist gut,« scherzte Lumpenwilhelm; »er ist gelehrt der Herr.«
Der Gendarm setzte sich in Positur. »Wissen Sie, hier wird nicht lange gefackelt mit Leuten, wo ohne Papiere herumlaufen. Ich bin höflich mit Sie, aber ich kann auch höllisch unhöflich sein. Merken Sie sich das, Sie Herr Weltlein oder Müller, Sie!«
Thomas biß die Zähne zusammen. Aber die Qual sollte erst für ihn beginnen. Der Polizist steckte seine Brieftasche weg und wandte sich wieder an seinen Mann: »Der Herr hier« – er deutete auf den Kittelträger, der bei dieser ehrenvollen Bezeichnung freudig seinem Gaul eins mit der Peitsche überknallte, – »hat mir von Ihren Ansichten über fremdes Eigentum erzählt, und da ist es meine Pflicht, einmal in Ihren Taschen nachzusehen, ob Sie nicht etwa statt der vergessenen Papiere irgend etwas anderes eingesteckt haben, natürlich aus Versehen. Wenn Sie nun nicht Lust haben, erst einmal die gehörigen Keile zu kriegen – der Herr da wird mir wohl helfen, wenn es dazu kommen sollte – dann sind Sie so gut, die Arme hochzuheben, damit ich in die Taschen fahren kann. Hoffentlich sind Sie nicht kitzlich.«
Thomas hatte das beifällige Nicken des Fuhrmannes gesehen, und wie er die Peitsche erwartungsvoll fester packte. Er ergab sich in das Unvermeidliche und hob die Hände, das gab ihm einen Augenblick Freiheit. Der Lumpensammler konnte der raschen Bewegung nicht folgen und ließ den Arm los; seine ganze Aufmerksamkeit war zudem darauf gerichtet, ob der Polizist die Uhr zum Vorschein bringen würde, und wie er sich ungestraft dieses Kleinods bemächtigen könne.
Der Gendarm hatte mittlerweile aus der einen Tasche den Stein, der die Welt und das Sein bedeutete, hervorgeholt und ohne weiteres weggeworfen. Thomas sah seinem Symbol mit zitternder Erregung nach. Als aber jetzt der Mann der Gerechtigkeit aus der anderen Tasche das Werden in Gestalt der Weinranke an das Tageslicht förderte, verlor er die ruhige Besonnenheit. Seine heiligsten Gefühle schienen ihm beschimpft zu sein und mit einem Wutschrei riß er dem Gendarm die Ranke, die dieser mit einem seltsamen Aufleuchten der Augen betrachtet hatte, aus der Hand und sprang aus dem Wagen.
»Halt!« schrie der Gendarm, »halt ihn! Das ist ein Hauptdieb. Das ist der Weinbergskarl. Zweihundert Mark Belohnung stehen auf dem Luder.« Nun begann eine Hetze hinter dem unglücklichen Thomas her, als gälte es Tod oder Leben. Wäre er nicht so verrückt gewesen, er wäre entkommen. Aber leider galt ihm sein Symbol mehr als seine Freiheit. Beim eiligen Laufen verlor er das Werden der Welt, und wie er sich bückte, es wieder aufzuheben, packte ihn der langbeinige Lumpensammler, der trotz seines steifen Ganges rascher laufen konnte, von hinten und warf ihn zu Boden. Im nächsten Augenblick war Thomas Weltlein als schwerer Verbrecher gefesselt. Wie ein Sack wurde er zurückgeschleppt und in den Wagen geworfen.
Dort lag nun der Auserwählte, vergeblich mit den Banden ringend und mit seinem Geschick hadernd. In ohnmächtiger Wut wälzte er sich umher, um den schmerzenden Gliedern eine bessere Lage zu geben. Dazwischen horchte er auf die Worte des Polizisten, der mit vielem Stolz die Geschichte des Weinbergkarls erzählte, wie für ihn, den geübten Einbrecher, kein Schloß zu fest sei und wie er vor ein paar Tagen erst wieder aus dem Zuchthaus entsprungen sei. »Diesmal haben wir ihn aber fest. Eine verfluchte Visage hat der Kerl. Siehst du, Wilhelm, das ist der Steckbrief und ein Bild dazu.« Der Gendarm zog wieder sein dickes Notizbuch hervor und entfaltete ein Zeitungsblatt. »Danach hätte ich ihn nicht erkannt. Aber die Weinblätter, die haben ihn verraten. So 'ne Leute haben Angewohnheiten. Der da liebt es, in leeren Weinberghäusern zu wohnen, woher der Name. Ich ahnte ja nichts. Ich dachte nur, es ist ein Stromer und du läßt ihn mit einer väterlichen Mahnung laufen. Muß der Unglückskerl nun ausgesucht solch eine Ranke in der Hose haben. Wie ich das sehe, weiß ich gleich, das ist er und kein anderer.«
Thomas seufzte. Seinem hohen Symbol also verdankte er es, seinem edlen Streben, daß er wie ein Stück Vieh zur Schlachtbank geschleppt wurde. Mit wachsender Bitterkeit dachte er daran, wie es ihm mit seinen Idealen ergangen war. Der Fittich der Tat war ein Pfeifenreiniger in den Händen des Lumpensammlers geworden, der Stein der Welt lag unter anderen Steinen auf der Landstraße und die dionysische Ranke hatte ihn gar zum Verbrecher gemacht. Wahrhaftig, es wäre besser für ihn gewesen, ruhig in der Schwester Obhut zu bleiben, als so auf der Landstraße mit zerstoßenen Gliedern gerädert zu werden. Er ächzte vor Schmerz und schon schwur er sich zu, komme er erst frei, mit dem nächsten Zuge nach Hause zurück zu kehren, da traf ein Wort sein Ohr, das auf einmal seine Kräfte neu belebte.
»Hauen müßte man ihn,« sagte der Fuhrmann eben, »hauen, daß er die Engel im Himmel pfeifen hörte. Wenn so ein Kerl ordentlich die Peitsche fühlt, dann hält er stille. Na, ich habe ihm aber ein paar gelangt.« Er klatschte vor Vergnügen mit der Peitsche.
Der Polizist lachte. »Das schadet nichts. Das macht geduldig und bessert ihn. Merk dir das, Weinbergkarl! Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er, steht in der Bibel.«
Thomas starrte ihn an, das war wieder die höhere Macht, die ihn führte. Aus dem Munde des Schächers sprach sie zu ihm. Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er. Wahrlich, er war auserwählt, da war kein Zweifel. Mitten in seine Verzagtheit hinein tönte ein höhnisches Wort, das ihn auf den Weg zur Höhe wies. Der Schmerz, der große Läuterer der Seele, trat zu ihm heran wie ein Freund, ein Dämon vom Schicksal gesandt, ihn aufwärts zu führen, ihn für den Kampf mit allem Niedrigen zu stärken. Unter dem Eindruck dieses neuen wunderbaren Rufes schämte sich Thomas seines Zweifels und gelobte sich, die Bahn des Schreckens weiter zu gehen. Der Sieg konnte ihm nicht fehlen. Was sollten die Symbole? Hier lagen Tatsachen vor ihm, hier griff er das Kreuz, in dem er siegen sollte, mit Händen.
Thomas schaute zufällig nach dem dicken Kopf des Schutzmannes, dessen Helm gerade die Sonne traf. Wo hatte er nur die Augen gehabt, daß er nicht früher diesen überirdischen Glanz sah? Das war er selbst, sein Dämon, sein Helfer und Führer, verkleidet in widrigste Gestalt. Wie sonderbar waren die Pfade des Schicksals! Mit Abscheu wies er jetzt den feigen Gedanken der Heimkehr zurück. Sein Entschluß war gefaßt. Treu dem Gebot des Geschickes wollte er die Schmach des Verbrechers tragen. Die Zukunft mußte ihm doch bleiben.
Ganz beruhigt schloß er die Augen. Ihm war, als ob erquickender Balsam ihn berührt hätte, alle Schmerzen schienen verschwunden und er harrte freudig der neuen Prüfungen.
Die sollten nicht ausbleiben. Die Unterhaltung der beiden Sieger war eine Zeitlang weit abgeschweift. Jetzt aber brachte sie der Blaukittel auf den Gefangenen zurück. Daß er dabei seine besonderen Gründe hatte, sah man an dem eigentümlichen Zusammenkneifen der Augen, das seinen Worten voranging.
»Wollen Sie ihn nicht visitieren, Herr Wachtmeister, ehe wir in die Stadt kommen? Vielleicht hat er noch was Schönes in der Tasche.«
Der Polizist sah ihn mißtrauisch an. »Du kriegst nichts ab,« sagte er, »das wird alles auf dem Amt deponiert. Aber recht hast du, nachgesehen muß werden.«
Er erhob sich schwerfällig und wälzte seinen Gefangenen herum, um ihm die Taschen zu leeren. Der Blaukittel blieb ruhig sitzen und starrte auf die Ohren seines Pferdes. Als der Gendarm sich wieder zu ihm setzte, sah er ihn fragend an. »Na?«
»Gar nichts hat er in den Taschen, reinweg gar nichts. Ich habe mir's wohl gedacht.«
Der Fuhrmann räusperte sich. »Das würde ich doch notieren, Herr Wachtmeister. Bei dem Gefangenen nichts gefunden. So ein Kerl behauptet nachher, wir hätten ihm seine goldene Uhr gestohlen.«
Der Polizist rückte sich zurecht. »Ein königlicher Gendarm stiehlt nicht, hörst du wohl, und solche Witze laß gefälligst unterwegens. Du bist hier nicht bei deinesgleichen.«
In dem Augenblick tönte Weltleins Stimme: »Eine goldene Uhr muß in der Tasche stecken.«
Mit einem Seitenblick auf den Fuhrmann erhob sich der Gendarm wieder und stieg über die Latten hinweg, um den Arrestanten von neuem zu durchsuchen. Als er nichts fand, gab er seinem Gesicht den forschenden Ausdruck, mit dem der Herr Polizeiinspektor zu verhören pflegte: »Ist das wahr, Karl, daß du eine Uhr gehabt hast?«
»Gewiß ist es wahr,« antwortete Thomas, über die seltsame Mischung von Gutmütigkeit und Strenge in des Polizisten Gesicht lachend. »Da Ihrem Freunde habe ich sie vor einer halben Stunde gezeigt.«
»Das ist nicht mein Freund.« Der Polizist erhob den Kopf und schrie den Lumpensammler an: »Höre du, Wilhelm, wenn du hier Geschichten machst, sollst du mal sehen. Gib die Uhr her! Himmeldonnerwetter, Kerl, du fährst ja wie der Teufel; da kann ja kein Mensch ein Wort verstehen.«
Wilhelm saß ganz zusammengeduckt da und schlug mit der Peitsche auf seinen Gaul los, der im Galopp den schwankenden Wagen mit sich fortriß. Der Gendarm mußte sich an den Latten festhalten, um nicht zu fallen. »Hältst du gleich still, du! Bist du verrückt? Du schmeißt uns ja um.«
Der Lumpenwilhelm peitschte weiter und schimpfte nun seinerseits. »Was? Das hat man von seiner Gutmütigkeit. Brot und Schnaps hat mir der Kerl aufgefressen und nun sagt er, ich hätte ihm seine Uhr gestohlen. So ein Galgenvogel. Und von Sie, Herr Wachtmeister,« er drehte sich mitten in der Fahrt um und schrie die Worte dem Gendarmen laut in das Gesicht, »finde ich es nicht schön, daß Sie mir des Diebstahls beschuldigen, wo ich Ihnen eine Stunde umsonst gefahren habe, und überhaupt, ich habe den Mann gefangen und werde mir auch die zweihundert Mark auf dem Amt ausbitten, daß Sie es nur wissen. Und das lasse ich mir nicht gefallen, daß Sie mir einen Dieb schimpfen, und ich verdiene ehrlich mein Brot, während andere hier sind, wo im Zuchthaus gesessen haben. Aber ich werde Ihnen melden, daß Sie mir beschimpft haben.«
Der Polizist lenkte ein. »Na, na, Wilhelm, so war es nicht gemeint. Laß doch das verdammte Jagen, ich falle ja raus. Das mit der Uhr ist doch bloß Spaß. Wer wird denn so einem Zuchthäusler glauben?! Nein, nein, die Prämie, die teilen wir uns, das ist klar. Wir haben ihn ja beide gefangen.«
Eben rasselte der Wagen über das Pflaster der Stadt. Der Lumpenwilhelm hielt schmunzelnd sein Pferd zurück. »Hier müssen wir langsam fahren. Aber das ewige Troddeln auf der Landstraße hatte ich dicke.«
Der Gendarm gab in seinem Ärger dem unglücklichen Thomas noch einen festen Fußtritt, dann setzte er sich wieder auf seinen Platz. Sein Gesicht war so grimmig, daß die Leute auf der Straße stehen blieben, um ihm nachzuschauen.
Thomas hatte reichlich Gelegenheit, sich vom Leid läutern zu lassen. Es dauerte nicht lange, so lief eine johlende Rotte von Straßenjungen hinter dem Wagen her, deren schmeichelhafte Zurufe allein schon genügt hätten, die Geduld eines Heiligen zu erschöpfen. Ab und zu kletterte ein vorwitziges Bürschchen hinten auf den Wagen, um den berühmten Dieb von Angesicht zu schauen, und als der Gendarm mit lauten Drohungen und der Lumpensammler mit der Peitsche die Zudringlichen abwehrten, griffen sie zu der letzten Zuflucht der Straßenkönige, den Steinen und dem Schmutz.
Bei alledem schwamm der Auserwählte in Wonnen des Entzückens. Er meinte zu fühlen, wie mit jedem Schimpfwort seine Seele wuchs, wie jeder Stein, der ihn in seiner hilflosen Lage traf, neue Menschenliebe in ihm erweckte. »Heilige Geduld,« rief er sich zu, »rüste mich mit deinen Waffen! Gegrüßt seid mir, Leiden und Schmach, ihr Freunde, die ihr mir dient, einzig zu werden, die ihr der Seele Flügel gebt, über die Erde emporzueilen.« Als diese herrliche Rede jäh durch ein Wurfgeschoß zerschnitten wurde, das des Lobpreisers Zunge traf, wälzte er sich auf den Bauch herum und ließ nun in erhabener Ruhe die feindliche Welt mit seinen Menschen schalten. Jeder Laut, jede Äußerung seiner Gefühle mußte erstickt werden, das bedeutete der Wurf, damit seine Seele sich ganz mit hoher Empfindung fülle.
Umringt von der gaffenden Menge, hielt jetzt der Wagen vor dem Rathaus. Der Gendarm sprang herab und bat den Fuhrmann, den Gefangenen mit in die Wachstube zu schleppen. Lumpenwilhelm erhob sich langsam und stieg zu Thomas hinüber; aber statt der Aufforderung des Polizisten zu folgen, holte er bedächtig aus seiner Riesentasche ein Messer hervor, mit dem er auf Thomas zuging.
Das war dem guten Weltlein zu viel. Verzagt schloß er die Augen. In der Verwirrung, die seine Gedanken durcheinandertrieb, glaubte er, sein letztes Stündlein sei gekommen, und voll Wehmut nahm er von allen hohen Plänen, die nun unausgeführt bleiben mußten, Abschied.
»Was willst du mit dem Messer?« fragte der Gendarm.
»Ihm die Hosenknöpfe abschneiden, dann können Sie ihn allein versorgen. Ich muß mein Pferd in den Stall bringen, sonst kriegt's die Mauke.« Er säbelte ruhig sämtliche Knöpfe ab, wobei er den edlen Weltenträumer wie einen Sack von einer Seite zur andern wälzte, löste ihm die Fuß- und Handfesseln und zog ihn mit den Worten: »Nu mal rin ins Klaffitchen,« empor.
Thomas öffnete die Augen und streckte selig, in dem Gefühl, am Leben zu sein, die Arme gen Himmel. Das Gleiten der Hosen erinnerte ihn jedoch rechtzeitig an die Niedrigkeiten der Erde. »So halte ich mit der einen Hand die Erde,« rief er gerührt, während er die zerschlagenen Glieder vom Wagen herabmühte und die Hosen festhielt, »die andere aber grüßt dich, Sonne, die du mich liebst.« Der Polizist packte ihn am Kragen und stieß ihn unter dem schallenden Gelächter der Menge vor sich her. Der Wagen fuhr rasselnd davon.
Mit leuchtendem Blick schritt Weltlein durch den Korridor. Er hielt jetzt mit beiden Händen das gefährdete Kleidungsstück. Das Bewußtsein seines Sieges hob ihm das Haupt zu königlicher Würde. Für ihn war jetzt alles entschieden. Das Schicksal selbst hatte ihn hierhergeführt, ihm den Namen eines Verbrechers gegeben, einen dionysischen Namen wenigstens, wenn auch keinen schönen. Dem Wink des Schicksals mußte er folgen. »Per aspera ad astra,« murmelte er, fest entschlossen, die gottverhängte Maske allen Verführungen zum Trotz zu tragen.
11. Kapitel.
Ein Weinbergskarl und noch einer.
Dem Polizisten waren indessen allerlei Bedenken aufgestiegen. Vor allem erwachte der Zweifel, ob die Geschichte mit der Uhr auch stimme. Er traute dem Lumpenwilhelm jede Niederträchtigkeit zu, auch einen Diebstahl. Wenn der Kerl wirklich eine goldene Uhr gehabt hatte, so hätte er alles durchsuchen und vor allem den Lumpensammler dabehalten müssen. Den hatte er ruhig davonfahren lassen. Da konnte er in eine böse Patsche geraten; jedenfalls hielt er es für besser, zuerst mit dem Bürgermeister zu verhandeln, statt mit dem Polizeiinspektor, dessen Gründlichkeit er fürchtete. Er führte daher sein Opfer geradeswegs in die Schreibstube der Bürgermeisterei.
Das Zimmer war noch leer, nur ein einziges Schreiberlein hockte auf seinem Drehbein und fuhr hastig mit den Händen in Akten herum, bald hier, bald da ein Bündel aufschlagend und wieder wegwerfend. Er drehte sich um und fragte giftig: »Was ist nun wieder los? Wen bringen Sie denn da, Weber? Lassen Sie mich doch in Frieden. Ich habe Wichtiges zu tun. Ein Verbrecher ist eingeliefert worden, soll transportiert werden.«
»Wollte nur melden, daß hier auch einer ist, Herr Sekretär, ein kapitaler dazu,« antwortete Weber, und die Hand wie ein Schallrohr vor den Mund haltend, sagte er: »Der Weinbergskarl.«
Der Schreiber fuhr heftig mit dem Kopf nach vorn und verdrehte dabei die Augen so nach oben, daß er aussah, als ob er ein Teleskopfisch sei, der auf seine Beute losschießt. »Wen?« fragte er, und seine hohe Stimme überschlug sich dabei vor Aufregung.
»Den Weinbergskarl,« wiederholte der Polizist so laut wie möglich. Der Schreiber sprang auf die Füße und rang die Hände. »Mein Gott, mein Gott, ich werde verrückt! Einen Weinbergskarl dachte ich noch zu überstehen und nun bringt man mir den zweiten. Menschenskind, der ist ja schon da,« schrie er plötzlich laut los, auf den Gendarmen zuspringend und ihm einen Stoß Akten vor die Nase haltend. »Da, da sind die Handakten und drüben sitzt er selber in der Zelle. Besinnen Sie sich doch! Es kann doch nicht zwei geben.«
Der Gendarm zuckte verdutzt die Achseln. »Von dem drüben weiß ich nichts, der hier aber ist der rechte.«
Der Schreiber sah zweifelnd den Gendarmen an, dann wandte er sich an Thomas und riß bei seinen Worten den Mund auf, als ob er ihn fressen wollte. »Wer sind Sie, wer Sie sind, frage ich?«
»Mein Name ist Weinbergskarl,« erwiderte Thomas mit einer höflichen Verbeugung.
Der Schreiber hob vor Erregung ein Bein ums andere in die Höhe. »O Himmel, heut' ist der Teufel los,« seufzte er. »Wie soll ich fertig werden? Und meine Frau hat Geburtstag. Fritz,« schrie er einen Jungen an, der zugleich mit zwei andern jungen Leuten eingetreten war und mit offenem Munde der Szene zusah, »gleich gehst du rüber zum Herrn Polizeiinspektor und bittest ihn herzukommen. Es sei noch einer eingeliefert, noch ein Weinbergskarl.« Dann warf er sich erschöpft auf seinen Stuhl und blätterte wieder hastig hin und her, nur von Zeit zu Zeit nach dem Polizisten und dessen Gefangenen hinschielend.
Der Polizeiinspektor erschien. Thomas mit raschem Blick musternd, trat er zu dem aufgeregten Schreiber und ließ sich die Sachlage auseinandersetzen. Dann hörte er den Bericht des Gendarmen an, wobei er von Zeit zu Zeit ein Telegramm, das er in der Hand hielt, ungeduldig hin- und herschwenkte, als ob er zum rascheren Erzählen auffordern wollte. Plötzlich winkte er hastig ab und ging auf Thomas zu, der sich, so gut es bei dem gefährdeten Zustand seiner Kleidung ging, verbeugte.
»Ich bitte Sie, den Irrtum meines Untergebenen zu verzeihen. Es liegt eine Verwechslung vor. Sie sind frei. Ich werde sofort für einen Wagen sorgen.«
Thomas fiel aus allen Himmeln. Mitten in seiner Heiligung faßte den Märtyrer der Zorn. Mit einer patzigen Bewegung setzte er sich wieder auf seine Bank. »Ich will nicht frei sein,« sagte er, »ich bin der Weinbergskarl und verlange mein Recht.«
Der Beamte nickte ihm höflich zu. »Die Sache ist also erledigt,« sagte er und ging zu dem Pult des Schreibers, mit dem er angelegentlich sprach, ohne sich weiter um den Gefangenen zu bekümmern.
Thomas war sehr verstimmt. Er hatte neue Qualen erwartet, Beschimpfungen, Schande, Kerker und Ketten, und nun sah er, daß selbst sein roher Dämon respektvoll zwei Schritte von ihm fortrückte. Das paßte ihm nicht. Mit lauter Stimme begann er zu reden.
»Sie haben nicht das Recht, mich freizulassen, Herr Inspektor. Sie sind grausam. Aber ich werde mich wehren. Wie ist das möglich? Man ergreift mich, ein Dämon wirft mich zitternden Erdenwurm mitten in die Flammen des Fegefeuers, schon fühle ich, wie die lautere Glut alles abgeschieden Irdische in mir verzehrt und dann, ehe noch das Werk der Reinigung vollendet ist, reißt mich der Oberste der Dämonen hervor und stößt mich in die Wüste der Erde zurück. Alle meine Hoffnungen klammern sich hier an diese Hölle, alle meine Wünsche schweben greifbar vor meinen Augen, die große Freundin Not, nach der ich mich sehne, streckt mir die prüfende Hand entgegen und ich darf sie nicht fassen. So nahe dem Ziele, dem hohen Ziele, dessen Bedeutung niemand ermessen kann als ich. Doch nein, Sie müssen es kennen, sonst würden Sie mir nicht so tückisch in den Weg treten. Aber es soll Ihnen nicht gelingen. Ich verlange mein Recht. Ich bin –«
Der Polizeiinspektor drehte sich um und nickte ruhig: »Herr Müller.«
»Der Weinbergskarl,« schrie Thomas in voller Wut und sprang auf. »Ich verlange in das Zuchthaus gebracht zu werden, hören Sie, ich verlange es.«
Der Beamte wurde unruhig. Er fühlte, wie die Schreiber heimlich in sich hineinlachten. Gegen Thomas streng vorgehen mochte er nicht. Dem Mann war unrecht geschehen, und wenn diese Komödie auch nicht sehr geschmackvoll war, so mußte man doch versuchen, höflich mit dem Herrn auseinanderzukommen. Rasch auf den Gefangenen zuschreitend, gab er ihm das Telegramm, das er in der Hand hielt. »Nehmen Sie, es ist von Ihrer Schwester.«
Thomas griff danach. »Von Agathe?« rief er. Die Angst hatte ihn überrascht. Wenn die kam, war er verloren. Nein, Gott sei Dank, sie kam nicht; es war bloß eine Anzeige seines Verschwindens und eine Beschreibung seiner Person. Sofort hatte er wieder den alten Mut. »Ich kenne diesen Mann nicht,« sagte er, »was soll ich damit?«
Der Beamte sah ihn bös an und seine Stimme wurde scharf. »Übertreiben Sie die Sache nicht, Herr Müller. Ihnen ist Unrecht geschehen, aber das gibt Ihnen nicht die Erlaubnis, die Behörden zum Besten zu haben.«
Vollständig ruhig setzte sich Thomas wieder hin. »Beweisen Sie mir, daß ich nicht der Weinbergskarl bin,« sagte er. »Als solcher bin ich verhaftet und man darf mir nicht gegen mein eigenes klares und unanfechtbares Zeugnis meinen Namen rauben.«
»Lachen Sie nicht, Meyer!« schrie der Polizeiinspektor den Jungen an, der ihn geholt hatte und der jetzt die Hälfte seines Schreibärmels in den Mund gesteckt hatte, um nicht loszuplatzen. »Gehen Sie zum Herrn Bürgermeister, ich lasse ihn bitten, einen Augenblick herzukommen. Sie, Weber, bringen den Gefangenen hierher; der Wärter soll mitkommen, damit der Kerl euch nicht durchbrennt. Alle anderen verlassen das Zimmer.« Er wartete, ungeduldig seine Handschuhe hin- und herzerrend, bis er allein mit Thomas war.
»Ich kann Ihnen, wenn Sie es wünschen, tatsächlich den Beweis liefern, daß Sie nicht der Verbrecher sind, für den Sie sich ausgeben. Der Dieb, der Sie zu sein behaupten, der sogenannte Weinbergskarl, befindet sich in unseren Händen und wird in der nächsten Minute hier sein. Vorher möchte ich Ihnen noch einmal Gelegenheit geben, die Sache rasch zu beenden. Ich finde es nicht anständig, daß Sie einen Beamten, der nur Ihr Bestes gewollt hat, vor seinen Untergebenen herabsetzen. Wenn Sie dabei beharren, sehe ich mich genötigt, Sie zu bestrafen.«
Thomas lächelte. Etwas Besseres konnte ihm nicht begegnen. »Beweisen Sie mir, daß ich nicht der Weinbergskarl bin, und bestrafen Sie mich,« sagte er kalt.
Der Inspektor drehte ihm schroff den Rücken und trat an das Schreibpult, nun seinerseits die Akten hin und her werfend. Er wußte, mit einem solchen Beweise würde es Schwierigkeiten geben. Thomas hatte triumphierend die Arme über der Brust gekreuzt. In diesem Augenblick war er von der Größe seines Berufs überzeugt.
Nach einiger Zeit erschien der Gendarm Weber mit dem Gefängniswärter. Zwischen sich führten sie ein Männchen, das stumpfsinnig den Kopf und Nacken nach vorn streckte, und leise vor sich hin murmelte. Der Polizeibeamte ging auf ihn zu.
»Warum ist der Mann nicht gefesselt?« fragte er.
»Wir sind zu zweit, Herr Inspektor,« erwiderte der Wärter und streckte wie zur Bekräftigung seiner Zuversicht seinen Arm aus, öffnete die Hand und schloß sie zur Faust.
Der Inspektor schüttelte mißbilligend den Kopf. »Spricht er?« fragte er wieder.
»Lauter Unsinn, Herr Inspektor, wie gewöhnlich. Er spielt den wilden Mann.«
Der Gefangene lachte blöde auf. »Schöner Herr,« grinste er, »schöner Herr. So bunte Uniform und blanke Knöpfe.« Er suchte die zitternde Hand zu erheben, als ob er damit über das blaue Tuch fahren wollte. Als ihn seine beiden Wärter daran hinderten, sank er wieder in seine frühere stumpfe Haltung zurück.
Der Polizeibeamte drehte ihm halb den Rücken zu und redete wieder den Wärter an. »Ich glaube, wir werden den Mann wieder freilassen müssen. Es liegt kein Beweis gegen ihn vor. Der Weinbergskarl ist es jedenfalls nicht.« Er machte eine kurze Pause, aber die albernen Züge des alten Mannes veränderten sich nicht im geringsten. »Wir haben nämlich den Kerl; dort drüben sitzt er.« Auch dieser Versuch, den Einbrecher zu überlisten mißlang. »Sehn Sie ihn sich doch an,« drängte der Beamte.
Der Alte machte einen Schritt vorwärts, so daß er nun zwischen der Tür und Thomas stand, immer festgehalten von seinen beiden Begleitern. »Auch sehr schöner Herr, schöne Kleider, nicht so bunt, nicht so blank, aber sehr schön.« Er hatte wieder ein wenig den Arm gehoben, um Weltleins herrliche Gewänder zu prüfen.
Der Inspektor versuchte nun noch einmal, den Verbrecher in seiner Rolle der Verrücktheit zu überraschen. Er packte ihn bei der Eitelkeit, und diesmal hatte er mit seinem Kunstgriff Glück. Er stellte sich vor Thomas hin, schlug ihn auf die Schulter und sagte: »Na, Weinbergskarl, nun erzählen Sie mal, wie Sie aus dem Zuchthaus ausgebrochen sind.«
Weltlein erhob sich. Seit der Name seiner Schwester genannt worden war, fühlte er sich in seiner Märtyrerrolle nicht mehr sicher. Es wurde ihm immer klarer, daß seine Hartnäckigkeit ihn nicht in das Zuchthaus, das Ziel seiner Sehnsucht, wohl aber nach Bäuchlingen in die Obhut Agathes bringen werde. Er konnte sich nur noch nicht entschließen den Bann zu brechen. Er harrte noch eines Schicksalswinkes, wünschte eine neue Bestätigung dafür zu haben, daß höhere Mächte ihn führten. Jedes Ereignis prüfte er darauf hin, ob es ein Zeichen sei, und auch jetzt überlegte er erst, ob diese Aufforderung zu erzählen, nicht etwa einen tieferen Sinn habe. Er zögerte und sah unsicher umher. Am liebsten wäre er mit einem einzigen Satz entflohen . . .
»Das ist nicht leicht zu sagen,« begann er endlich, »ich bin entflohen, wie man eben entflieht.«
Der Polizeimann lächelte. »Sie werden schon noch irgend etwas wissen. Das kommt doch nicht alle Tage vor. Wie sind Sie heraus gekommen? Die Türen sind fest, da ist es unmöglich; und die Fenster –«
»Ich bin durch das Fenster gestiegen,« unterbrach Thomas, froh, eine Handhabe zu bekommen.
»So, so. Aber die Gitter?«
»Die habe ich durchgefeilt.«
»Und die Feile?«
»Ein Freund hat sie mir in die Zelle geworfen.«
»Was Sie sagen, Weinbergskarl? Ein Freund hat sie Ihnen zugeworfen? Also ist es übertrieben, wenn man Ihnen nachrühmt, Sie könnten ohne Hilfe fliehen, wenn Sie nur wollten? Sich eine Feile zustecken lassen, das ist lumpig. Hätte ich das gewußt, würde ich mich gar nicht mit Ihnen beschäftigt haben. Mit fremder Hilfe entfliehen, das kann jeder. Aber allein, ganz aus eigener Kraft, das ist etwas.«
Thomas wurde mürrisch: »Ohne Hilfe kann niemand aus dem Zuchthaus entfliehen.«
»Ich kann's,« tönte auf einmal die Stimme des Gefangenen.
Der Inspektor und alle Anwesenden drehten sich ihm hastig zu, und die beiden Wächter faßten seine Arme doppelt fest. Er verzog das Gesicht und stieß einen Schmerzensruf aus. Auf einen Wink ihres Vorgesetzten lockerten die beiden Polizisten den Griff. In demselben Augenblick wurde die Tür von außen geöffnet. »Der Herr Bürgermeister kommt,« rief es von außen. Und »Haltet ihn!« schrieen ein halbes Dutzend Stimmen dagegen.
Der gewandte Einbrecher hatte sich losgerissen, das dicke Stadtoberhaupt, das eben den Gang entlang keuchte, hatte er zur Seite geschleudert und war verschwunden.
Das Ganze ging so rasch vor sich, daß der kurzsichtige Herr, der hinter dem Bürgermeister herging, gar nicht den Grund merkte, warum der hochweise Magistrat gegen die Wand fiel. Er hatte auch keine Zeit, es sich zu überlegen, denn an ihm vorbei sauste die wilde Jagd: voran der Gendarm Weber, der wütend den Ärmel eines Gefängniskittels in seiner Hand herumwirbelte, dicht hinter ihm der stämmige Wärter, der Polizeiinspektor und die ganze Horde der Schreiber. Hinter ihnen drein lief und schrie der Bürgermeister, ohne eine Antwort erhalten zu können. Und ganz zuletzt trat Thomas hervor, nachdenklich den zweiten Ärmel in der Hand schwenkend und die Hosen haltend. Noch auf der Schwelle stehend begrüßte er den Kommenden mit einem heitern Lachen.
»Das ist die Nase, an der man den Bankier erkennt,« rief er. »Willkommen, bester Herr Niedlich. Gelegener kamen Sie niemals als jetzt.«
12. Kapitel.
Der Tunnel der Erniedrigung. Kleider machen Leute.
Der Bankier starrte sein Gegenüber eine lange Weile an, ehe er in dem wüsten Menschen seinen alten Freund wiedererkannte.
»Wahrhaftig, Sie sind es, Herr Müller. Der Bürgermeister rief es mir zu, daß Sie hier in irgend welchen wunderlichen Verlegenheiten festsäßen und ich fuhr her, um mich Ihnen zur Verfügung zu stellen. Aber wie sehen Sie aus. Beinahe hätte ich Sie für einen Stammgast des Gefängnisses gehalten.«
»Nicht wahr? Täuschend ist die Verkleidung. Aber ich bitte, nennen Sie mich nicht Müller. Ich reise inkognito. Weltlein heiße ich, Thomas Weltlein.«
»So erklären Sie mir doch –«
»Später, später, lieber Freund. Vorläufig fahren Sie mich zum nächsten Schneider! Sie sehen, wie nötig ich es habe.« Dabei zog er den kleinen Niedlich mit sich fort, und stieg in den Wagen, der vor der Türe hielt.
»Sehen Sie,« begann er, als sie dahin fuhren, »sehen Sie diesen Ärmel! Er erklärt Ihnen alles.«
Der Bankier, dessen Augen schon von Natur so aus dem Kopf herausstanden, als ob er sich beständig über die eigene Existenz wundere, starrte verblüfft auf den Flanellappen, der ihm vorgehalten wurde.
Thomas brach bei dem Anblick in lautes Lachen aus. »Es ist ein Götterzeichen, mein Lieber, Sie mögen es glauben oder nicht. Erkennen Sie nicht den tiefen Sinn? Sehen Sie nicht, wie es aus dem Ärmelloch spricht: Wer dem Hohen zustrebt, werfe ab, was ihn hindert und wenn es der letzte Rock ist, den er besitzt. Ich bin dem Ruf gefolgt. Mich fordert ein großes Werk und um es zu vollbringen, mußte ich von Hause fort und alles hinter mir lassen, Kleidung, Geld und selbst den Namen. Den Namen vor allem.«
Niedlich faßte sich allmählich. »Oh, ich verstehe,« sagte er. »Sie machen Studien nach dem Leben, wollen Erfahrungen in Verbrecherkreisen sammeln. Äußerst interessant ist das, ich wußte nicht, daß Sie sich mit einer solchen wichtigen Arbeit befassen.«
»So ganz richtig ist Ihre Vermutung nicht. Meine Absichten sind viel größer, ja ich kann sagen, daß ich mir das höchste Ziel gesteckt habe, das der Mensch sich erdenken kann. Es ist nicht leicht, Ihnen das in ein paar Worten zu erklären. Sehen Sie, die Sache ist die: Nach meiner Ansicht wird der Mensch in die Welt gestellt, wie der Schößling eines Baumes, der in die Tiefe der Erde allerwärts seine Wurzeln treiben und mit Ästen und Zweigen um sich greifen soll. Ich habe, wie übrigens die meisten Menschen, diese Bestimmung arg vernachlässigt, bin gewissermaßen ein verkrüppelter Baum geworden, der seine Säfte und Kräfte nur nach einer Seite hin verbreitete. Sie haben gewiß einmal ein neugeborenes Kind gesehen.«
Herr Niedlich lächelte. »Unser drittes ist unterwegs,« sagte er. »Wenn Sie uns die Freude machen wollen, einen Löffel Suppe mit uns zu essen –«
»Nein, nein, ich danke sehr. Ich habe keine Zeit, Suppe zu essen, oder vielmehr ich bin nicht frei, muß meiner Wege ziehen, vorwärts, so rasch wie möglich vorwärts.«
»Wie schade, ich hätte Ihnen gern meine Kinder gezeigt. Salchen ist solch nettes Mädchen. Wenn sie bei mir ist, holt sie sich sofort meinen Zylinder, hält ihn sich vor den Mund und ruft Zahlen, richtige Zahlen hinein, und dann wieder horcht sie daran. Sie nennt das Telephon spielen. Und der Junge! Er ist kaum zweiundeinhalb Jahre. Das ist ein Genie. Denken Sie, er unterscheidet genau Silber und Gold. Nein, einen Augenblick,« er hielt dem ungeduldigen Thomas den Arm fest, als ob er ihn dadurch am Sprechen hindern könne. »Er ist sich seines Wertes bewußt. Neulich sagte er: Papa, wenn ich sie trinke, ist die Milch silbern, und ich mache sie dann zu Gold.« Der Bankier schlug die Beine übereinander und sah seinen Bekannten herausfordernd an.
Der fiel sofort ein: »Also ein Kind, ein Kind. Wenn es geboren wird, sieht es und hört es nicht, spricht nicht und geht nicht. Aber es hat Augen, Ohren, Beine und Mund. Wozu gab ihm die Natur das alles gleich mit? Es ist eine Aufforderung, sich auszubilden, sich zu bemühen. Der Mensch soll gebrauchen lernen, was er hat, so wird er vollkommen. Was aber haben meine Augen gesehen, so lange ich lebe? Buchstaben und Bücher. Mein Mund hat nichtige Dinge gesprochen, wie die Ohren nichtige Dinge gehört haben. Meine Füße haben mich nicht in das Leben getragen, wie sie es gesollt hätten. Über ein Menschenalter habe ich in Finsternis verbracht, ein Menschenalter verschwendet wie ein Toller. Das ist verrückt. Ich war verrückt. Jetzt aber bin ich klar geworden, Mir ist, als ob ich meine Wiege vor mir sähe, darin mein eigenes kleines Ebenbild, den Säugling, aus dem ich wuchs, der der Vater meines Wesens ist. Und wie der verlorene Sohn möchte ich mich vor diesem Bilde niederwerfen, und flehen: vergib mir, ich habe gesündigt vor dir, ich habe vergeudet, was du mir gabst.«
Der Bankier war wenig zufrieden. Zu den glücklichen Träumen, in die ihn die Erinnerung an die Handelstalente seines Sprößlings versetzt hatten, paßte dieses Schwärmen nicht. Es wurde ihm unbehaglich und als der gute Thomas sich gar einen Verrückten nannte, pflichtete er mit dem Kopfnicken bei, mit dem er richtige Bemerkungen zu begleiten pflegte. Über diesem Kopfnicken erschrak er, denn sein Blick fiel dabei auf den Ärmel, durch den Thomas eben langsam und feierlich seinen Arm hindurch steckte. Der kleine Mann duckte sich in die Ecke des Wagens und verdrehte die Augen krampfhaft, um unbemerkt über seine vorspringende Nase hinweg die wunderlichen Anstalten des Nachbarn überwachen zu können.
»Ich habe mir den Vater des verlorenen Sohns als alten Mann vorgestellt,« sagte er zaghaft.
Thomas hatte gerade die Hand aus dem Ärmelloch hervorgestreckt und damit in die Luft gegriffen, als ob er jemand an die Gurgel fahren wollte. Dabei sah er unter den Brauen hervor seinen Bankier so seltsam an, daß er sich vor Angst die Taschen zuhielt.
»Es ist alles symbolisch, lieber Freund, alles. Der Vater des verlorenen Sohnes ein Symbol des Wickelkindes und dieser Ärmel ein Symbol meines Lebens. Verstehen Sie? So will ich durch das Dunkel der Welt wandeln, wie meine Hände durch den schmutzigen Tunnel dieses Verbrecherkleides. Oh, dieser Verbrecher, was hat er mich gelehrt! Man muß die Gelegenheit ergreifen, ja, aber man muß sie auch herbeilocken. Sehen Sie, der Ärmel hier war vorher abgetrennt. Sie können noch die Spuren der Schnitte sehen. Bei dem Ruck, mit dem er sich losriß, blieben seinen Wärtern die Ärmel in den Händen. Der Kerl hätte nicht entfliehen können, wenn er nicht vorher sein Kleid zerfetzt hätte. So habe ich alle Bande zerfeilt, zerschnitten, zersprengt, die mich an meine Vergangenheit knüpften, und nun juble ich der Freiheit entgegen, die mich vollkommen machen soll. Nur den Weg, den Weg, den sehe ich noch nicht. Es stehet geschrieben, wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöhet werden. Ich habe mich erniedrigt, aber noch ward ich nicht erhöht.«
Herr Niedlich streckte die gespreizten Hände nach vorn; »Gott der Gerechte, lästern Sie nicht, ich bin ein gläubiger Christ.«
Thomas fuhr auf. »Es steht geschrieben,« rief er drohend, »und ich werde sehen, ob es wahr ist. Vorläufig mißlang es. Ich bin noch nicht vollkommen. Vielleicht ist es die Freude, die mich empor führt, Lust größer noch als Herzeleid. Und ich preise das Geschick, das Sie mir in den Weg führte, just als ich Geld brauchte.«
Der Bankier drückte auf den Gummiball, mittelst dessen er dem Kutscher das Zeichen zum Halten zu geben pflegte. »Wieviel brauchen Sie,« fragte er und öffnete den Schlag.
Thomas steckte den Kopf zum Wagenfenster hinaus. Ein Depeschenträger ging vorbei und der Gedanke an Agathe schoß ihm durch den Kopf. »Ich muß fort.«
»Sie haben ganz recht.« Niedlich drängte ihn auf den Tritt hinaus. »Hier ist Geld« Er holte aus seiner Brieftasche Banknoten und gab sie seinem Freunde, der ihm immer unheimlicher wurde. Auch er sah den Boten gehen und während er den seltsamen Gast fast aus dem Wagen stieß, rief er: »Ich muß zur Post fahren, will Ihrer Schwester telegraphieren,« dann zum Kutscher gewendet: »Los, was die Pferde laufen.«
Thomas hatte Lust ihm nachzurennen. »Agathe,« schrie er, »nur nicht Agathe.« Dann sah er ein, daß die Pferde schneller waren als er, und rasch sich wendend eilte er zu dem Schneider. Er sah nur noch, wie der Bankier den Tunnel der Erniedrigung aus dem Wagenfenster warf.
So sehr sich Thomas auch beeilte, es verging doch wohl eine Stunde und mehr, ehe er zu seiner Zufriedenheit ausgestattet war. Von dem Gedanken beherrscht, so bald als möglich weiter zu reisen, hatte er sich den ersten besten Anzug ausgesucht und fragte nun, sich flüchtig im Spiegel musternd, nach dem Preise. Der dienstfertige Schneider bückte sich, anscheinend um den Preiszettel zu suchen, obwohl er ihn soeben eigenhändig abgerissen hatte. Der Mann da gehörte zu seinen besten Kunden, gerade weil er auf Rechnung arbeiten zu lassen pflegte. Man mußte verhüten, daß er sich das Barzahlen angewöhnte und wohl gar dahinter käme, wie viel billiger das sei. Als er sich eine Weile vergeblich abgemüht hatte, richtete sich der Kleiderkünstler auf, warf mit kühnem Schwung das Zentimetermaß vom rechten Arm auf den linken und rief: »Haase, sehen Sie einmal nach, was der Anzug Nr. 52 kostet. Einen Augenblick, Herr Müller.«
Thomas zuckte bei dem Namen zusammen und öffnete schon den Mund, um den Tod des Herrn Müller anzukündigen. Aber der Schneider eilte davon, um selbst nachzusehen, wie er sagte, in Wahrheit aber, um seinem Gehilfen klar zu machen, daß der Preis von Nr. 52 nicht aufgefunden werden dürfe. Achselzuckend kam er zurück und erzählte, leider lasse sich die Summe im Augenblick nicht feststellen, er werde sich erlauben, die Kleinigkeit auf die Rechnung zu setzen.
Thomas wandte sich zum Gehen. »Nun gut, wenn ich Ihnen sicher bin.«
Der Schneider legte seine kurzfingrige Hand auf die Herzgegend, die mit einem wahren Stachelzaun von Stecknadeln austapeziert war, so daß es aussah, als wollte er sich zur Bekräftigung seines edlen Vertrauens sämtliche Finger spicken, neigte den Kopf auf die linke Schulter und flötete: »Der Herr Müller belieben zu scherzen, solch ein alter Kunde.«
»Weltlein, Thomas Weltlein, wenn ich bitten darf, nicht Müller,« fuhr Thomas auf. »Ich wünsche nicht, daß meine Anwesenheit bekannt wird, ich habe Gründe, unter fremdem Namen zu reisen –« er zögerte ein Weile, – »ja, wenn meine Schwester, Frau Willen nach mir fragen sollte, so wäre es mir lieb, wenn Sie mich nicht gesehen hätten.«
Der Schneider spitzte die Ohren. Der abgerissene Zustand des feinen Herrn Müller hatte seine Neugier geweckt, jetzt glaubte er die Lösung gefunden zu haben. Der Herr ging auf galante Abenteuer aus. Mit einem feinen Lächeln des Verständnisses suchte er seinen Mann zu beruhigen, während er gleichzeitig in Gedanken berechnete, wie er dieses Schaf am besten scheren könne.
»Ich verstehe vollkommen, .vollkommen, Herr Weltlein. Nicht wahr Weltlein? Gestatten Sie mir, einem alten Routinier, eine Bemerkung. Wenn man ein Glück bei Damen machen will, –«
Thomas sah ihn erstaunt an.
» – Bitte tausendmal um Verzeihung,« beeilte er sich einzulenken. »Ich glaubte, da die Frau Schwester nichts von der Sache erfahren soll, der Herr Weltlein gehe auf Eroberungen bei dem schönen Geschlecht aus, und da dürfte dieser Anzug doch ein wenig zu power sein. Das schöne Geschlecht pflegt bei solchen Gelegenheiten auf ein hochzeitlich Gewand zu sehen.«
Mit zwei Schritten trat Thomas in die Mitte des Ladens und warf das eben gekaufte Jaket ab. »Ein hochzeitlich Gewand, natürlich. Fortuna ist ein Weib, der darf man nicht wie ein Bettler entgegentreten. Wie ein König und Sieger muß man einherziehen, dann wirft sie sich zu unsern Füßen.«
Während nun immer neue Schätze des Ladens anprobiert wurden und der geschäftige Schneider Kleider, Wäsche und Hüte in den Tiefen eines rasch herbeigeholten Koffers verschwinden ließ, gingen die Reden unaufhörlich hin und her.
»Ich habe die Zeit versäumt, mein Lieber, habe mein Leben verträumt und bin eingerostet und versauert. Fast bin ich schon zu alt, um noch etwas zu erreichen.«
»Oh, oh, zu alt, solch stattlicher Herr. Haase, rasch einen andern Gehrock, größere Nummer. Das ist gerade das rechte Alter. Man flattert nicht mehr von einer zur andern, wählt sorgfältig und hält fest an der einen Liebe.«
»Ich will daran festhalten, bis an mein Lebensende. Die Wogen der Freude und Lust sollen mich empor heben, mich der Vollkommenheit und Schönheit entgegen tragen, in ihnen will ich mich gesund baden.«
»Ganz recht, ein Bad, das wird nötig sein, Herr Müller, pardon, Herr Weltlein. Auf dem Bahnhof finden Sie dazu Gelegenheit. Und gesund muß die Liebste sein. Nur keine kranken Verhältnisse, sonst hat man arg zu schleppen. Hier der Frack muß noch einmal aufgebügelt werden. Gesundheit und Liebe gehören zusammen. So, nun sehen Sie gefälligst in den Spiegel. Als ob Sie die Welt erobern wollten.«
»Die Welt, die Welt. Ich fühle wie sie nach mir verlangt, wie ich ihrer begehre. Nein, das Alter drückt mich nicht. Seit dieLumpen mir von den Gliedern gefallen sind, beseelt mich neue Kraft, und Ihre Kleider –«
»Nun noch der Zylinder. Kleider machen Leute.«
Thomas packte den Schneider vorn an der Brust und schüttelte ihn. »Er weiß es, er weiß es, die tiefe Weisheit von der Ansteckung kennt er, dieser Mann, und spricht sie aus wie etwas Alltägliches. Ja, so ist es. An sich sind wir nichts. Wir handeln nicht aus eigener Macht. Was uns umgibt, was auf uns einwirkt, das läßt uns handeln. Wenn wir lieben, so lieben nicht wir, sondern der Wein, den wir tranken, liebt, wir hassen nicht, sondern der schwere Pudding, der uns im Magen liegt, haßt. Sind wir geistreich, so ist es, weil unsere Kleidung uns gefällt, oder weil ein sympathischer Ton unser Ohr traf, der den Kerker unseres Verstandes sprengte, weil ein Strahl wunderbaren Lichtes in unser Auge fiel. Aus sich heraus schafft der Mensch nichts. Alles liegt in den Verhältnissen, in denen wir leben. Die soll der Mensch wählen, so gut er kann. Gewiß, Kleider machen Leute, Kleider symbolisch das Leben zusammenfassend, die Wohnung, die Speisen, der Umgang, die Bücher. Umgib dich mit Freude, so wirst du freudig, umgib dich mit Vollkommenheit, so bist du vollkommen.«
Eben fuhr der Wagen vor, der den Schwärmer mit all seinen Schätzen zur Bahn führen sollte, und stolz schritt Thomas an dem tief dienernden Schneider vorbei. Auf dem Bahnhof tat er nach des Schneiders Rat, und als er nun endlich frisch gesäubert und frisch gekleidet im Zuge saß, rief er sich selber zu: »Siehst du Thomas, du böser Zweifler, diesmal behalte ich Recht. Kleider machen Leute. Jetzt bin ich wirklich Mensch. Und jedenfalls, wenn man die Freude sucht, muß man anständig angezogen sein.«
Seit ihm auf dem Wege der Schmerzen Agathe als abschreckender Engel erschienen war, endete jedes Selbstgespräch des Wahrheitssuchers mit dem Gedanken an die Freude. Wo er ihr begegnen würde, wußte er. Der Vetter Lachmann verstand sich darauf. Bei dem würde er die Freude und die Vollkommenheit finden.
In Wahrheit fand er bei dem Freunde weder das eine noch das andere, wohl aber seine Schwester Agathe.
13. Kapitel.
Verrückt oder boshaft?
Sobald Frau Willen aus ihrer Ohnmacht erwacht war, ging sie ohne Zögern daran, den entsprungenen Bruder wieder einzufangen. Der reuige Vikar wurde beauftragt, bei den Behörden der umliegenden Ortschaften Erkundigungen einzuziehen. Alwine erhielt den Oberbefehl über Haus und Küche mit der strengen Weisung, den Doktor Vorbeuger mit List und Klugheit von dem Besuch des Kranken abzuhalten. Agathe aber ging straks auf den Bahnhof und setzte sich in den nächsten Zug, der sie nach dem Wohnort Lachmanns bringen sollte. Sie mußte wissen, ob der Bruder gemeingefährlich sei oder nicht. War er vom Scharlach angesteckt, so wollte sie ihn dem wohlbestallten Henker, dem Dr. Vorbeuger überantworten.
Der lustige Vetter saß gerade vor seinem Frühstückstisch und war dabei, ein Gänsebein mundgerecht zu zerlegen, als seine Cousine eintrat. Das dienstbare Wesen, das sie anmelden wollte, hatte sie ohne weiteres beiseite geschoben, und jetzt stand sie ernst und aufrecht in der Tür. Lachmann war aufgesprungen, hatte den rechten Arm, der mit dem Messer bewaffnet war, um seine alte Freundin geschlungen und riß sie mit einem hellen Jauchzen der Freude in das Zimmer, wobei er die linke Hand mit dem Gänsebein wie ein Kriegsgott sein Schwert gen Himmel schwang.
Mit einer kräftigen Armbewegung stieß ihn Agathe zurück. »Laß den Unsinn, Ernst,« herrschte sie ihn an. »Ich dächte, du wärest alt genug, um vernünftig zu werden.«
Der Vetter trat rasch zurück. »Vernünftig werde ich wohl nie werden. Aber eine Lehre von dir habe ich mir gemerkt. Essen ist besser als lieben. Also komm, es ist genug für uns beide da. Nachher erzählst du mir dann, was dich hergeführt hat.« Er setzte sich nieder und schob ihr einen Teller hin.
Ohne ein Wort zu erwidern, wandte Agathe sich um und schritt zur Tür. Als sie die Hand auf die Klinke legte, brach ihre Kraft. Mit dem Gesicht gegen die Wand gekehrt blieb sie stehen und wartete.
Eine ganze Weile hielt Lachmann stand. Dann aber warf er die Gabel hin und rief: »Entweder man ißt oder man liebt. Eines von beiden geht nur!« Dann erhob er sich und küßte der alten Freundin die Hand. »Du weißt, ich bin immer erst zufrieden, wenn ich dir etwas abzubitten habe.« Er führte sie zum Tisch, nahm ihre Hand und sagte: »Erzähle! Ich werde dir helfen.«
Agathe berichtete. Schon nach den ersten Worten wurde ihr leichter zu Mut, sie wußte nicht, war es eine Folge ihrer Beichte, oder ging von der Arzteshand, die sie hielt, eine Beruhigung aus.
Lachmann hörte schweigend zu, nur von Zeit zu Zeit zuckte es spöttisch um seinen Mund. Als sie von ihrer Scharlachangst und dem Dr. Vorbeuger erzählte, brach er gar in ein schallendes Gelächter aus.
Agathe entzog ihm verstimmt die Hand. »Du lachst über alles, was mich ängstigt. Aber damit hilfst du mir nicht.«
»Verzeih, Cousine, ich kann nichts dafür, daß ich Sinn für Komik habe. Dieser Vorbeuger – ich kenne ihn von der Universität her – verdient seinen Namen. Er ist die verkörperte Furcht, und wenn ich von ihm höre, muß ich lachen. Nun gar diese feine Scharlachdiagnose.«
Agathe sah zweifelnd zu ihrem Vetter hinüber, der sich wieder seinem Frühstück zugewandt hatte. »Glaubst du nicht daran?«
Lachmann schüttelte den Kopf. »Dein Bruder hat ebensowenig Scharlach, wie du oder ich. Erstlich hat er es längst gehabt. Immerhin wäre ja eine zweite Ansteckung möglich; aber hier? nein.«
»Wie kannst du das mit solcher Bestimmtheit behaupten?«
»Weil August Euer Scharlachfieber während seines Aufenthalts hier dreimal hintereinander gehabt hat. Ich habe ihn aufzuheitern gesucht und ich kann dir sagen, er hat getrunken wie ein Mann. Nachts war er regelmäßig hinüber und morgens hatte er das graue Elend. Am zweiten Tage hatte ich Mitleid mit ihm und gab ihm Antipyrin. Ein paar Stunden darauf war er rot wie ein gesottener Krebs. Das kommt ab und zu bei Leuten mit erregbarem Gefäßsystem vor, und ich habe mich weiter nicht darüber gewundert. Aber deinem Bruder, der sich während der ganzen Zeit wie ein ausgelassenes Kind benahm, das aus strenger Zucht in die Freiheit kommt, machte seine gesprenkelte Haut Spaß. Das eine Mal behauptete er, das sei ein schönes Mittel, bei dem man den Erfolg mit den Augen sähe. Der Rotwein werde durch das Pulver sichtbarlich aus der Haut herausgetrieben mitsamt Kopfschmerzen und Übelkeit. Und ein andermal – sage mal ist dein Bruder boshaft? Hat er etwas gegen dich?«
»August? nein, sicher nicht. Wir leben im besten Einvernehmen. Warum fragst du das?«
»Nun, urteile selbst. Das zweite Mal, als der Ausschlag nach dem Antipyrin auftrat, kam er zu mir und sagte: »Meinst du, das ist ein feines Mittel, Agathe zu ärgern. Wenn sie mich wieder hofmeistert, nehme ich das Zeug und mache ihr weis, ich hätte Scharlach.«
Agathe fuhr auf. »Lachmann!«
»Es ist buchstäblich wahr.«
»Aber dann ist er ja gar nicht verrückt, dann ist er ja – oh, das ist boshaft, das ist niederträchtig.« Sie legte den Arm auf den Tisch und vergrub den Kopf darin.
Dem Vetter wurde unbehaglich zu Mut. Seinen alten Schatz weinen zu sehen, ging ihm ans Herz. Mit beiden Händen suchte er das Gesicht der Frau hochzuzerren. »Um Gotteswillen, weine nicht,« sagte er.
Agathe schüttelte den Kopf, den sie immer noch in den Armen verborgen hatte. »Ich weine nicht. Ich freue mich so, ich freue mich riesig.« Plötzlich hob sie das Gesicht und stützte es auf die eine Hand. »Wenn es wirklich nur ein Geniestreich meines Bruders ist, um mich zu ärgern, wahrhaftig, ich wüßte nicht, was ich darum gäbe. Unmöglich ist es nicht. Die ganze letzte Zeit habe ich im Kampf mit ihm gelebt. Die roten Krieger haben uns entzweit und ich kann nicht leugnen, daß ich ihm manche Predigt gehalten habe. Ich traue ihm auch ganz gut eine solche schnöde Rache zu.«
Lachmann wiegte zweifelnd den Kopf hin und her. »Dazu ist er nicht mehr Mann genug. Früher ja, aber du hast ihn zu arg untergekriegt. Das getraut er sich nicht.«
Sofort geriet Agathe in Zorn. »Er getraut es sich nicht? Warum nicht, wenn ich fragen darf? Weil du es ihm nicht zutraust. Als ob du ihn je richtig beurteilt hättest. Du hast immer an ihm herumgetadelt, du hast ihn immer unterschätzt.«
»Aber, beste Agathe, du weißt doch ebenso gut wie ich, daß August das reine Lamm ist, seitdem du deine schützende Hand über ihm hältst.«
»So? Hätte ich ihn etwa so lassen sollen, wie du ihn mir seinerzeit überantwortet hast, als wir zusammenzogen? Mein Gott, wenn ich an das erste Jahr denke, wie er da war. Jeden Abend aus, nie vor ein, zwei Uhr nach Hause, immer und überall mit dem Munde voran und nichts als Politik und Zeitungsgewäsch im Kopf. Nein, nein. Das mag für dich ganz gut sein. Aber August war dafür zu schade und ich habe recht getan, ihm die liederlichen Gewohnheiten auszutreiben.«
»Und der Erfolg deiner Erziehung ist schließlich, daß du ihn verrückt gemacht hast.«
»Ach was! er ist gar nicht verrückt.«
»Wir werden ja sehen, wir werden ja sehen.« Lachmann kam ebenso in Eifer, wie seine Cousine. Er sprang auf und lief im Zimmer umher. »Und wenn du ihn eingefangen hast, dann wirst du ihn wieder in derselben Weise zum Guten anhalten?«
Agathe sah ihn erstaunt an. »Selbstverständlich werde ich das. Glaubst du, ich dulde leichtsinnige Menschen in meiner Umgebung, das solltest du doch wissen.«
Lachmann blieb vor ihr stehen und sah sie böse an. »Ich weiß es ganz gut, du brauchst mich nicht daran zu erinnern.«
Agathes Blick wurde unsicher. Sie drehte sich um und schänkte sich ein Glas Wein ein. »Jetzt ist mir die Sache klar. Es ist einfach ein Spaß von dem Jungen.« Sie lachte und hob das Glas. »Komm, Ernst! Wir wollen Frieden mit einander halten, wir sind doch schließlich zu alt, um uns immer zu zanken.«
Lachmann stieß mit ihr an. »Da hast du recht.« Er setzte sich nieder und ging zum dritten Mal seiner Gans zu Leibe.
»Jetzt kannst du mir etwas abgeben,« meinte Agathe und schob ihm den Teller hin.
Während er ihr vorlegte, begann er von neuem. »Das ist alles gut und schön und es freut mich, daß der Appetit bei dir kommt. Aber mit all dem weißt du noch nicht, wo dein Bruder steckt.«
Agathe ließ sich nicht stören. »Er wird sich schon melden, du sollst sehen, er kommt hierher. Ach, wie gut war es doch, daß ich gleich zu dir gereist bin. Du glaubst gar nicht, wie sehr du mich getröstet hast.«
»Du, Agathe, ganz richtig steht es mit deinem Bruder nicht, sicher nicht. Er hat hier Dummheiten über Dummheiten gemacht.«
»Ein Schwarzseher bist du, Ernst. Warum soll er nicht Dummheiten machen, wenn er einmal der Zucht entronnen ist? Machst du etwa nie welche?«
»Selten, ich würde an deiner Stelle nicht allzu zuversichtlich sein.«
Agathe stemmte beide Ellenbogen auf den Tisch. »Nun höre einmal zu. Wie ich meinen Bruder kenne, ist er einfach von deinen schlechten Grundsätzen wieder angesteckt worden und hat einen Rückfall in seine liederliche Zeit. Ist das der Fall, so wette ich zehn gegen eins, daß er noch heute hier eintrifft, um mit dir zu bummeln. Und wenn jemand so klar ist, daß er sich den besten Zecher aussucht, um mit ihm zu kneipen, dann ist er nicht verrückt.«
»Und wenn er nicht kommt?«
»Er kommt, verlaß dich darauf! Wollen wir wetten?«
»Gut, gewinne ich, so bezahlst du einen Korb Champagner und trinkst ihn mit aus.«
»Einverstanden; und ich bekomme meine –«
»Nein, die Briefe bekommst du nicht. Aber ich werde dir 100 Mark für deine Suppenanstalt schenken.«
Agathe gewann ihre Wette. Als die beiden von einem Spaziergang zurückkehrten, fanden Sie ein Telegramm vom Vikar, daß August Müller auf dem Wege zu Lachmann sei. Der Vetter bezahlte schweigend sein Geld. Am Abend saßen sie friedlich beisammen und warteten. Agathe hatte versprochen, sich willig der Führung Lachmanns anzuvertrauen, und sich nach ihm zu richten.
Als Thomas beim Eintreten seine Schwester sah, runzelte er ein wenig die Stirn, dann aber begrüßte er sie freundlich. »Das ist Recht, daß du auch hierher gekommen bist, Schwesterherz. Nun wollen wir eine vergnügte Zeit miteinander verleben. Nicht wahr, alter Lachmann? Aber vor allem, gebt mir etwas zu essen, ich sterbe vor Hunger.«
Während für ihn aufgetragen wurde, sprach er von dem und jenem, fragte nach Alwine und dem Hause, nach Lachmanns Praxis, nach den Neuigkeiten des Tages. Agathe, die ihn verstohlen beobachtete, schüttelte mehrmals verwundert den Kopf und blickte zu Lachmann hinüber. Der Bruder war wieder ganz wie früher, heiter, liebenswürdig, als sei nichts vorgefallen. Sie atmete auf. Aber gar zu gern hätte sie gewußt, was in dieser Menschenseele in den letzten Tagen vor sich gegangen war. Hätte Lachmann es nicht so streng verboten gehabt, sie wäre mit der Frage nach des Bruders Erlebnissen vorgerückt.
Während des Essens fragte der Ankömmling unvermittelt: »Wie lange willst du denn hier bleiben, Agathe?«
Agathe warf einen fragenden Blick auf Lachmann, der warnend den Finger hob. »Oh, das hat keine Eile,« sagte sie dann, »Alwine wird alles gut besorgen. Wir können ruhig einige Tage hier beim Vetter bleiben und fahren dann zusammen zurück.«
Ihr Bruder beugte den Kopf tiefer und erwiderte nichts. Kurz darauf aber begann er von neuem zu plaudern. Er erkundigte sich nach Theater und Konzerten, nach dem Zirkus, und als Lachmann vorschlug, zusammen in das Schauspielhaus zu gehen, nahm er es mit Freuden an. Er wolle nur erst in das Hotel fahren, um sich umzukleiden.
»So, du hast schon Quartier gemacht,« sagte Lachmann. »Wo bist du abgestiegen?«
»Im Löwen wie gewöhnlich. Auf Wiedersehen.«
»Halt, halt! ich fahre mit,« rief Agathe. »Hoffentlich ist noch ein Zimmer für mich frei.«
Der Bruder stand schon auf dem Korridor. »So viel ich weiß, ist das ganze Haus besetzt.«
»Ach was«, rief Agathe, stellte sich vor den Spiegel und band sorgfältig die Schleife ihrer Hutbänder, auf die sie besonders stolz war. »Für mich findet sich schon noch ein Plätzchen. August, so warte doch, August!« rief sie dem Davoneilenden nach, mußte sich aber entschließen, ihr Kunstwerk halb vollendet zu lassen, wenn sie den kaum Eingefangenen nicht wieder verlieren wollte.
»Wir treffen uns vor dem Theater,« rief Lachmann, der oben am Treppenabsatz stand und ihnen hinableuchtete.
»Du könntest eine Loge nehmen,« tönte es von unten zurück.
»Eine Loge?« mischte sich Agathe ein. »Warum nicht gar, August. Das ist viel zu teuer.«
Lachmann schnitt ihr das Wort ab. »Ja, ja, gewiß. Dann ist es gemütlicher. Ich werde alles besorgen, Vetter.«
Agathe ärgerte sich über den höhnischen Blick, mit dem der brüderliche Verschwender ihr beim Einsteigen zusah, sie sagte jedoch nichts, ja sie brachte es über sich, seine offene Ungezogenheit in dem Hotel schweigend zu erdulden. Er ließ sich nämlich den Plan des Gebäudes geben und unter dem Vorwand, seine Schwester könne aus Angst vor Feuersgefahr nicht hoch wohnen, suchte er ihr das teuerste Zimmer in dem ganzen Hause aus. Der Zufall wollte es, daß es gerade unter seinem eigenen Quartier lag.
»Es ist dir doch recht so?« wandte er sich höflich an die kleine Frau, und sie verschluckte tapfer das: nein, gar nicht. Denn sie sah, wie sich plötzlich das Gesicht ihres Bruders verzerrte und der furchtbar dumme Kalbsblick bei ihm zum Vorschein kam, vor dem sie schon einmal so erschrocken war.
»Also führen Sie die Dame nach Nr. 10,« sagte Thomas und schritt pfeifend davon.
Im übrigen verlief der Abend ruhig. Die Drei nahmen in harmloser Fröhlichkeit das Schauspiel hin und speisten dann sehr vergnügt miteinander im Löwen. Für den nächsten Morgen verabredete man ein gemeinsames Frühstück bei Lachmann. Dann wollten die beiden Männer zum Frühschoppen in die Weinstube des Lord gehen, wo sie ein paar Freunde zu treffen hofften.
14. Kapitel.
Strickt der Strumpf oder wird er gestrickt?
Agathe erwachte am nächsten Morgen mit dem herrlichen Gefühl, zum ersten Mal seit langer Zeit gut geschlafen zu haben, und als sie daran dachte, wie schön der gestrige Tag geendet hatte, geriet sie in eine ausgelassene Stimmung, die sie fast veranlaßt hätte, das ernsthafte Geschäft des Anziehens lustig wie ein junges Mädchen zu betreiben. Gerade noch zur rechten Zeit, um sie zu verhindern, mit dem großen Schwamm Fangball zu spielen, gewahrte sie, wie unter dem sorglos auf den Stuhl geworfenen Badetuch zwei behäbige violette Bänder vorwurfsvoll herabhingen, wie die schlaffen Arme einer resignierten Frau. Diese Bänder erinnerten sie daran, daß sie den Hut gestern Abend frevelhaft bei Seite geworfen hatte, statt ihn sogleich in die Schachtel zu sperren. Agathe schämte sich, vollendete ihre Toilette mit Würde und entsprechender Langsamkeit, und gleichsam um den teueren Kopfputz für die schlecht verbrachte Nacht zu entschädigen, knüpfte sie ihre Schleife mit geziemend abgemessenen Bewegungen.
Die Folge dieser langwierigen Sorgfalt war, daß sie ihren Bruder nicht mehr vorfand. Der Herr sei vor zehn Minuten fortgefahren, sagte der Portier. Sofort befiel Agathe die Angst vor einer neuen Flucht. Beinahe hätte sie einen Wagen genommen, um rascher zu ihrem Berater Lachmann zu kommen. Aber die bessere Einsicht, daß ja das Markstück ebensogut für Alwines Aussteuer gespart werden könnte, veranlaßte sie zu gehen.
Auf dem Wege stritten sich das Gefühl ihres Alters und der Wunsch, rasch zum Ziel zu gelangen, und an diesem Zwiespalt schienen selbst die Schleifenbänder teil zu nehmen, wenigstens stand, als Agathe atemlos anlangte, das eine ganz unternehmend nach oben, während das andere sich doppelt wichtig aufbauschte.
Schon auf dem Korridor hörte sie das Lachen der beiden Männer. Sie atmete auf, und selig, den verloren Geglaubten wieder zu haben, trat sie ein.
»Guten Morgen, Ihr Männer! Ihr seid lustig! Verzeiht mir, daß ich zu spät komme. Aber du hättest auch warten können, August. Ich habe mich halb tot geängstigt.« Sie verstummte plötzlich. Da war wieder der Kalbsblick. »Wirklich, es war recht rücksichtslos von dir, August.«
Der Angeredete blickte sie unverwandt an. »Wann reisest du ab?« fragte er.
Agathe war starr. Sie wußte nicht, was sie sagen sollte. »So laß doch das dumme Lachen, Ernst,« schalt sie den Vetter aus, sie erinnerte sich, daß sie mit dem Bruder vorsichtig sprechen müsse. »Wann ich abreise? Du weißt ja, ich bleibe so lange wie es dir hier gefällt; und dann, wenn wir wieder daheim sind, dann soll es nett bei uns werden. Es war ja schrecklich die letzte Zeit. Ich war noch in der Minute vor meiner Abreise in deinem Zimmer. Der Don Quixote liegt aufgeschlagen auf deinem Schreibtisch, gerade bei dem Gespräch, in dem der Pfarrer und die Haushälterin über die Flucht des edlen Ritters beraten. Mir war es als ob das Buch seufzte, und ich glaube, es ist sogar eine Träne darauf gefallen. Hoffentlich gibt es keinen Fleck.« Sie trat an den Bruder heran und legte die Hand zärtlich auf seine Schulter. »Ich bin so froh, dich wieder zu haben, August.«
»Thomas.«
Agathe fuhr zurück. «Um Gotteswillen, August!«
»Thomas, Thomas Weltlein. Hast du vergessen, was ich dir schrieb? Überhaupt verstehe ich dich nicht. Wo ist dein Panzer, wo sind die Handschuhe? Sechs Wochen dauert die Ansteckungsgefahr beim Scharlach.«
Agathe nahm unwillkürlich die Hand von seiner Schulter.
Thomas lächelte befriedigt. »Nicht wahr, Lachmann, sechs Wochen.«
Die Schwester hatte sich gefaßt. »Weißt du es denn noch gar nicht,« sagte sie, vor Freude lachend, und faßte nach seiner Hand. »Du hast nicht das Scharlachfieber gehabt. Es war alles nur Scherz von dir, Gott sei Dank.«
Thomas hob die Tasse zum Munde. Dem Vetter, der bisher still beobachtet hatte, wollte es fast scheinen, als ob er dadurch ein Lächeln verberge. Ritterlich empört, mischte er sich ein.
»Agathe hat ganz Recht, und es ist Zeit, daß du die Dummheiten läßt. Aus eitel Bosheit hast du Antipyrin geschluckt, und von Scharlachfieber ist keine Rede.«
So hastig war Thomas selbst bei seiner Flucht aus dem Lumpenwagen nicht aufgesprungen, wie jetzt. »Neidisch seid Ihr,« schrie er, und schlug dabei mit der Faust auf den Tisch. »Neidisch! Pfui! – Verzeiht,« fuhr er in ruhigerem Tone fort. »Es ziemt sich nicht, daß ich mich derart vergesse. Aber ich hätte Euch eine vornehmere Gesinnung zugetraut. Weil Ihr selbst klein gesinnt seid, gönnt Ihr es mir nicht, daß mich der Dämon des Fiebers aus vielen auserwählte, und wollt mir weismachen, das Morgenrot meines Körpers sei ein gemeiner Medizinausschlag.«
»Aber ich versichere dich, es war das Antipyrin,« fielen die beiden andern gleichzeitig ein.
»So? und die Verwandlung? Das Riesenwachstum meiner Seele? Ist das auch Antipyrin? Und der Sieg über das rote Gezücht? Wie? Habt Ihr das vergessen? Sind sie nicht tot, vernichtet, verschwunden? Und was wißt Ihr denn von den drei Symbolen? und vom Weg der Schmerzen, von dem Tunnel der Erniedrigung? Das da,« er wies auf seine Schwester, »das ist eine Frau. Die Frauen können nie die Größe des Mannes fassen, und ich verzeihe ihr. Aber du,« er wandte sich an seinen Vetter, »bei dir ist es Neid. Du bist Arzt und in deiner schäbigen Arztesseele, die die Bewunderung von Kranken und Schwachen aufgeblasen hat wie einen Ballon, wurmt es dich, daß du nicht die Entdeckung der inneren Ansteckung gemacht hast, sondern ich, ein Laie, ein Kranker, ein Arztesknecht.«
Lachmann hatte längst seine Überlegung wiedergewonnen.
»Was für eine Entdeckung meinst du?«
Agathe fiel angstvoll ein. »Um Gotteswillen, laß ihn, laß ihn, wenn er davon erst anfängt, hört er nicht wieder auf. Er redet irre.«
Thomas rückte sich würdevoll zurecht. »Ich rede nicht irre,« sagte er ruhig und sanft, »ich werde auch nur so viel sagen, wie unbedingt nötig ist, um die Dinge zu verstehen. Ich brauche Lachmann. Er soll diesen Teil meiner Lebensaufgabe übernehmen, und ich zweifle nicht daran, daß er seine Arbeitskraft und seine Kenntnisse gern einer Sache dienstbar machen wird, die der Menschheit nützlich ist, ihm selbst einen Namen geben wird. Ich habe nämlich unter anderem herausgefunden,« wandte er sich an seinen Vetter, »daß es unrecht ist, jede Krankheit unbedingt zu bekämpfen. Du siehst, das geht dich, den Arzt, allerdings etwas an. Die Krankheit ist durchaus kein kulturfeindliches Element, wie es uns das Geschwätz der Ärzte weis machen will und weis gemacht hat; vielmehr ist sie eines der Werkzeuge, durch welche die Natur den Menschen zu seiner Höhe empor gehoben hat. Rottet man die Krankheit aus, so vernichtet man damit alle Sitte und alle Religion, so verhindert man die Entwicklung des Einzelnen und der Gesamtheit, und ich behaupte, daß unsere moderne Hygiene nur den wahren Adel des Menschen in fahrlässiger Weise schädigt.«
»Damit hast du nicht so ganz Unrecht,« pflichtete Lachmann bei. Agathe sah mit Erstaunen, daß der Vetter diesem Verrückten ganz ernsthaft zuhörte.
»Ich verstehe,« fuhr Thomas fort, »dir werden auf einmal Dinge klar, die du längst dunkel ahntest, wie sie ja jeder ahnt. So ist es mir auch gegangen. Im ersten Moment war ich völlig überrascht von dem neuen Gesicht, das mir die Welt zeigte. Was, die Seuchen ein wünschenswerter Zustand, fragte ich mich, die mörderische Tuberkulose, die schändliche Syphilis ein Nutzen, ja eine Bedingung des Fortschritts? Die Antwort, die ich mir gab, lese ich jetzt auch in deinen Augen. Aber der Gedanke zwingt weiter zu gehen. Warum sucht der Mensch die Gefahr? Weil er sich im Kampfe wachsen fühlt, weil er in der Not edler wird. Sokrates wußte es, Christus wußte es, sie suchten beide das Elend, den Tod, und so sucht es jeder zu allen Zeiten. Jeder, jeder Mensch liebt das Unglück, weil es ihn adelt. Und die große Natur, wo du sie auch packst, tut es dem Menschen gleich. Alles Hohe wächst aus dem Unglück, die Glücksjäger sind alle verächtlich.« Mit einer starken Bewegung des Armes machte er einen Strich durch die Luft, um zu zeigen, wie tief sie in seiner Achtung stünden.
Thomas Weltleins Gesicht zeigte jetzt den Ausdruck angestrengten Nachdenkens. »Die Not lehrt beten, das ist ein tiefes Wort. Das will sagen, die Not der Menschen, der ganzen Natur ist der echte Beweis vom Dasein Gottes. Im Unglück offenbart sich seine Güte am lautesten.«
Jetzt hörte auch Agathe mit gefalteten Händen zu. »Ganz wie der gute Breitsprecher redet er,« sagte sie andächtig.
»Schweige,« redete Thomas sie mit großartigem Ausdruck an. »Was sollen uns, die wir ernst sprechen, die Pfaffen? Sie haben die Sünde erfunden. Als ob es Sünden gäbe. Hinweg mit ihnen!« Er schob sie mit einer Handbewegung beiseite. »Wenn ihr mir folgen wollt, so müßt ihr alles lassen, was ihr bisher liebtet. Ihr müßt wieder Menschen werden. Unterbrechen ist unmenschlich. Aber so sind die Weiber. Sie bilden sich immer ein, das Denken sei wie Strümpfe stricken, das man beliebig unterbrechen und wieder aufnehmen kann, und bei dem es auf ein paar fallengelassene Maschen nicht ankommt. Übrigens ist es ein Irrtum zu sagen: ich stricke einen Strumpf, zum mindesten ist es ungenau, man kann ebensogut sagen, der Strumpf strickt mich, ja erst mit dieser Wendung zeigt man, daß man eine Ahnung von dem Verlauf der Weltgeschichte hat. Der Mensch macht nicht, sondern er wird gemacht. Wenn Agathe mir einen Strumpf strickt, so weiß ich, daß ich demnächst eine neue Fußbekleidung haben werde, und kann mich darüber freuen. Sage ich aber, der strickt Agathen, so sehe ich auf einmal die Geschichte des weiblichen Geschlechtes vor mir, wie es sich Jahrtausende lang in der Beschäftigung mit dem Kleinen verderben ließ und verdarb. Nichts Dümmeres gibt es als unsere Grammatik, unsere Sprache, dieses Erbstück der dunkelsten Zeitalter, das jeder Wahrheit unüberwindliche Hindernisse in den Weg legt und des klaren Denkens spottet. Wie kann man mit altersschwachen Beinen Berge erklettern? Aber das ist etwas für den Philologen, den ich finden werde, nicht für den Arzt. Und doch auch für dich, Vetter Arzt, wird es lehrreich sein. Du sollst von mir noch diagnostizieren lernen. Sieh dir einmal meine Schwester an. Du denkst, sie ist dieselbe Agathe wie vor zwanzig Jahren, ein wenig älter geworden, aber im Grunde dieselbe. Weit gefehlt. Weißt du, was sie ist? Agathe ist eine Hutschleife.«
Lachmann schrie fast vor Vergnügen, während Agathe empört aufsprang.
Thomas fuhr ruhig fort: »Ja, sicher. Als sie damals ihren seligen Willen geheiratet hatte und sehr bald dahinter kam, welche Dummheit sie begangen hatte, wollte sie vernünftig werden. Und um sich dazu zu zwingen, schaffte sie sich den würdigen Kopfputz der Mütter, den Capothut mit langen Bändern an und knüpfte jeden Tag gewissenhaft eine regelrechte Schleife. Das ging so eine Zeit lang. Jetzt aber ist es schon seit Jahren anders. Agathe wird von der Schleife geknüpft. Die Bänder zerren sie durchs Leben, wie das Seil des Metzgers ein Kalb. Ist es nicht so, Schwesterherz?«
Agathe schlug die Augen nieder. Sie dachte an ihre Morgenerlebnisse. Thomas war gutmütig lachend zu ihr herangetreten und hatte sie um die Taille gefaßt. »Adieu, Beste! Wir wollen nun kneipen gehen.« Als er an der Tür war, drehte er sich noch einmal nach den alten Liebesleuten um, die sich mit vielsagendem Seitenblick auf den Narren die Hände drückten. »Ihr seht wohl selbst ein, daß eine solche Weltanschauung, wie ich sie jetzt habe, nur durch gewaltsame Erschütterungen veranlaßt sein kann, daß ich verwandelt bin. Und was sollte mich verwandelt haben, wenn nicht das Scharlachfieber?« Er warf hochmütig den Kopf zurück, senkte ihn aber wieder und fügte nachdenklich hinzu: »Und wie sollte sonst das rote Gezücht verschwunden sein?«
Vom Fenster aus sah Agathe, wie die beiden eifrig miteinander sprechend dahinschritten.
15. Kapitel.
Docendo discimus.
Als die Männer in den kleinen Vorraum der angeräucherten Weinstube kamen, tönte ihnen ein lebhaftes Stimmengewirr entgegen. Laut und scharf erklangen einzelne Worte, eine giftige, schrille Stimme eiferte dagegen und schallendes Gelächter mischte sich darein.
»Das ist der Hauptmann Barnow, er hänselt den Lord,« erklärte Lachmann.
»Wer ist der Lord?«
»Der Wirt, du wirst gleich sehen.« Er öffnete die Tür und zog seinen Freund mit sich in das dunkle Gemach, um dessen runden Tisch eine bunte Gesellschaft saß. Lachmann stellte flüchtig seinen Genossen als Herrn Thomas Weltlein vor und beide setzten sich schweigend an den Tisch. Thomas kam neben ein hageres, altes Männchen zu sitzen, den Justizrat Warnemann, der ihm schlau mit den kleinen Augen zuplinkerte, als wollte er sagen: Famoser Spaß das.
»Schlecht ist der Rotwein, Lord,« schrie der Hauptmann, der breitbeinig vor dem Fenster stand und sein Glas gegen das Licht hielt. »Galläpfel und Zuckerwasser haben Sie zusammengemischt und dann haben Sie Ihre rote Nase hineingesteckt; davon hat er die Farbe bekommen.«
Thomas stieß den Freund an. »An der Nase hast du ein Beispiel. Innere Ansteckung.«
»Suff ist es,« erwiderte Lachmann und der Justizrat nickte dazu und rieb sich die Hände. »Da, beim Justizrat kannst du von Ansteckung reden. Der Mann hat das Recht schon so oft zwischen den Händen zerrieben, daß er sie selbst bei der Unterhaltung in Unschuld waschen muß.«
Der Justizrat lachte. Es klang wie das Schütteln von Geld in einer Blechbüchse. »Ihren Prozeß verlieren Sie doch, Sie Menschheitsretter.«
Der Wirt hatte eben den Klemmer von der Nase gerissen und trat vor Wut mit dem Fuß darauf.
»Der Herr Hauptmann tun dem Lord unrecht,« mischte sich ein junger Offizier ein und liebäugelte dabei mit seinen blanken Stiefelspitzen. »Der Wein färbt ab. Jedesmal, wenn der Lord seine Nase dort hinten in der Ecke in sein Glas gesteckt hat, wird sie röter und röter.«
»Eine saubere Wirtschaft! Was denken Sie sich dabei, hier in Pantoffeln herumzuschlürfen? Schickt sich das wohl für eure Lordschaft?« rief jetzt der Professor Kietz dazwischen und warf einen höhnischen Blick auf den Offizier mit den Lackstiefeln. »Kleider machen Leute.«
Thomas rückte auf dem Stuhl und öffnete den Mund schon zum Sprechen. Da scholl die tiefe Bauchstimme eines dicken, breitschultrigen Herrn am oberen Ende der Tafel. »Herren, Herren! Wir sind doch hier, um vergnügt zu sein. Vergnügt sein ist alles. Bringen Sie Wein, Lord! Nicht wahr, Oberst Wachter, meinen Sie nicht auch?« Dabei hob er sein Glas und trank dem neben ihm sitzenden Manne zu, der seine Nase mit dem Wrangelbärtchen und den kriegerischen, herabhängenden Mundwinkeln in die Höhe streckte und mit den Fingern einen Marsch auf dem Tisch trommelte, als ginge ihn die Geschichte nichts an.
»Der alte Oberförster Lange ist immer vergnügt, solange sein Taschengeld reicht. Einen Taler täglich darf er verspielen, mehr rückt die Alte nicht heraus,« erklärte Lachmann. »Warum schnappst du übrigens immer nach Luft wie ein Fisch, der am Lande liegt? Gefällt es dir nicht?«
Thomas schüttelte den Kopf. »Sie sprechen hier immer von Freude und Vergnügen. Darüber kann ich mitreden, Bedeutendes sagen. Aber man läßt mich nicht einmal anfangen, viel weniger ausreden.«
»Gott sei Dank, hier mußt du stillhalten. Aber das Mundaufsperren laß! Man könnte dich sonst arg hänseln. Sieh lieber, was der Eisenfresser, der Oberst a. D. Wachter, für ein Gesicht macht. Er berechnet schon, wie er dem gutmütigen Dickwanst an seiner Seite den Taler aus der Tasche ziehen kann; der geschickteste Kartengucker der Welt. Ich werde mich übrigens an dem Raubzug beteiligen.«
Lachmann erhob sich und nach wenigen Augenblicken saß er abseits mit den beiden alten Herren über den Karten.
»Nur bis ein Uhr,« brüllte der Oberförster und setzte seinen Klemmer ganz vorn auf die Nasenspitze, »dann kommt die Alte und das Kind mich zum Rundgang abholen.«
»Das Kind zählt 39 Jahre,« zischelte der Justizrat boshaft.
Thomas hob ärgerlich die Hand. Von drüben tönten Worte, die ihn interessierten.
»Docendo discimus,« hörte er einen Mann mit glattrasiertem Gesicht sagen, er wußte nicht, war es ein Geistlicher oder ein Schauspieler. »Nichts Höheres, als die Jugend unterrichten, Herr Professor.«
Der Professor Kietz schlug die Beine übereinander und schob das Weinglas beiseite, um seine Arme auf den Tisch zu legen. »So,« rief er höhnisch. »Nun, ich habe noch nichts weiter dabei gelernt, als daß der Staat uns Lehrer schlecht bezahlt. Lieber eine Schar Hämmel hüten als Obertertianer unterrichten. Wenn man die Bengel wenigstens hauen dürfte.«
Endlich gelang es Thomas, ein Wort dazwischen zu werfen. »Schwielen auf dem Hintern, gibt Schwielen in der Seele.«
Der Geistliche hob das Glas und trank Thomas freundlich zu. »Ganz recht, ganz recht. Mit Güte erreicht man alles und niemand soll strafen als Gott.«
»Und seine Stellvertreterin, die Kirche,« höhnte der Professor. »Natürlich, Sie haben es leicht, Herr Pfarrer. Die Kanzel streicht kein Lausbub mit Kreide und Tinte an. Wenn Sie im Ornat erscheinen, ist alles still und im Beichtstuhl sprechen Sie wie der Herrgott selber. Ihre Worte sind Offenbarungen, Gesetze. Sie lehren gar nicht, wissen also auch nicht, ob man dabei lernt.«
Thomas sprang fast vor Aufregung vom Stuhl. Das Lernen im Lehren traf ihn in der innersten Seele. Da war ein neuer Weg, falls der Höhenflug der Freude versagte.
»Sie vergessen, daß ich auch in der Beichte manches lerne, vielleicht mehr als irgend ein andrer Mensch. Und unser Amt als Seelsorger, das Trösten der Kranken, der Gefangenen, das Leiten und Führen der Menschen, das Ringen mit Zweifel und Gewissen, in dem wir immer von neuem Schüler werden. Jede Stunde offenbart uns neue Geheimnisse, neue Wunder Gottes.«
»Ich wollte, ich hätte es so bequem,« murrte der Professor.
»Sie denken gering von unserm Beruf, das ist nicht recht, aber daß Sie den eigenen mißachten, ist schade.«
»Der geistliche Beruf ist der höchste Grad der –« begann Thomas, aber er wurde durch ein lautes Gelächter unterbrochen, in das die beiden Offiziere ausbrachen. Zwischen ihnen saß ein Mann mit scharfen Gesichtszügen, Knebelbart und einer gewaltigen Habichtsnase, der lebhaft sprechend mit den Händen und Gesichtszügen den Inhalt seiner Worte eindringlicher gestaltete und seine beiden Zuhörer zeitweise zu wahren Stürmen der Heiterkeit verführte.
»Dieser Don Quixote schneidet wieder auf,« stieß der Professor hervor.
Thomas konnte nicht mehr schweigen. »Erlauben Sie,« rief er, »Don Quixote war kein Schwindler. Sie verwechseln ihn mit Münchhausen. Don Quixote log nicht absichtlich.«
Kietz drehte sich zu Thomas um und bog sich weit über den Tisch. Sein ganzes Gesicht hatte sich verändert, ein angenehmes Lächeln trat darauf hervor. »Sie haben ganz recht. Verzeihen Sie den lapsus linguae! Wie gut, daß Sie mich daran erinnerten. Aber Sie können sich nicht denken, wie sehr ich mich freue, bei Ihnen Verständnis für die Perle der Ritterschaft zu finden. Je mehr man sich in diesen Charakter vertieft, umso größer wird die Hochachtung vor dieser reinen Seele.«
Thomas hob das Glas gegen den Sprecher. »Docendo discimus, Herr Professor. Eben noch hielt ich Sie für einen Nörgler und nun lehrt mich mein wohlweises Verbessern in Ihnen einen Verehrer des Hohen kennen.«
»Wir Lehrer sind alle Nörgler, Herr Weltlein. Das bringt der Beruf mit sich. Was tun wir anderes als tadeln. Es wird uns zur zweiten Natur.«
Weltleins Augen glänzten. »Ansteckung durch den Beruf; ich kenne das. Aber sagen Sie, wer ist der Münchhausen da drüben, von dem Sie sprachen?«
»Er behauptet Maler zu sein, Keller-Caprese nennt er sich und Tatsache ist, daß er auf der Berliner Akademie eine Zeitlang zugebracht hat. Ob er jemals ein Bild gemalt hat, steht dahin. In seiner Wohnung hängt ein Bild, das er jedem Besucher als sein Werk vorzeigt. Aber die böse Welt will wissen, ein junger Künstler habe ihm das Porträt bei seinem Tode vermacht zum Dank dafür, daß er dem armen, hungernden Teufel Brot gab um zu essen und ein Bett um darin zu sterben.«
Thomas hob feierlich die Hand. »Das ist mehr wert als zehn Bilder. Das regt mich an. Dafür verzeihe ich ihm sogar seinen Doppelnamen.«
»Ich traue dem Gerücht nicht«, fuhr der Professor fort. »Der Held dieses Märchens soll von der Akademie wegen mangelnden Talentes fortgejagt worden und dann elend zugrunde gegangen sein. Nun ist das Porträt wirklich ein Meisterwerk oder wenigstens ein Bild, das in jedem Pinselstrich den werdenden Meister zeigt. Einen Menschen, der das malen konnte, schickt man nicht fort. Denn schließlich sind auch an der Akademie noch Leute, die etwas von Kunst verstehen. Ich bin überzeugt, der Kerl drüben hat die Geschichte selber erfunden und in Umlauf gesetzt.«
»Wahr oder nicht wahr,« fiel Thomas ein, »Keller-Caprese gefällt mir. Auf Ideen kommt es an und das ist eine Idee.«
Der Professor lachte verächtlich auf. »Ideen? Ideen hat der Kerl so viele, wie eine Heuschrecke Eier.«
Thomas hörte schon nicht mehr. »Das ist mehr als eine Idee, das ist ein Symbol, ein lebendiges Symbol. Keller-Caprese: am Namen hätte ich es schon hören müssen. Das Finstere und Lichte vereint, das ist tiefsinnig. Und gar für einen Maler. Der feuchte kalte Keller als Wasser, das trocken-warm-lebendige Capri als Farbe. Er selbst der echte Pinsel, der beides zusammenbringt. Sehen Sie nur, er trägt die Haare wie Borsten, er ist ein Pinsel. Oder so: der Keller die Wirklichkeit in scheußlicher Gestalt, mit Ratten und Mäusen, Capri das Ideal mit leuchtender Sonne und farbiger Pracht, der Mensch dazwischen als Künstler.«
Der Professor starrte mit weit aufgerissenen Augen auf den Redner, der ihm immer näher rückte und lebhaft weiter sprach.
»Tiefer graben, Thomas! Du bist oberflächlich. Denke nur nach Ideal und Wirklichkeit, hier hast du es vor dir, in einem Menschen vor dir. Der sterbende Maler ist das Schöne, der Himmel, die Akademie das Irdische, das Gemeine, und dazwischen Keller-Caprese das Symbol des Menschengeistes, der Himmel und Erde zusammenzwingt und dem dabei das Kunstwerk in den Schoß fällt. Folge der Stimme in dir, Thomas. Der Mensch dort ist die Nächstenliebe, der Träger des Christentums, ein Bild des Gedankens von Jahrtausenden.« Er hielt inne, um von neuem zu beginnen. »Tiefer, Thomas, tiefer: Was ist denn Größe, Heldentum gegen das reine Menschsein. Hier ist es ein Bild der Unsterblichkeit. Das Einfache, das Menschliche ist unsterblich.«
»Hören Sie auf,« rief der Professor, »ich werde verrückt, wenn ich das mit anhören muß.«
»So sind die Menschen, sie sehen das Symbol nicht und wenn es ihnen auf die Nase fällt.« Thomas erhob sich und sah stolz auf den Professor herab. »Ich will Ihnen zum Dank für Ihre Geschichte die Moral davon geben. Es ist die Lehre von dem Überwinden des Todes. Verstehen Sie? Nicht die große Tat, sondern das einfache Menschsein überwindet den Tod. Daß Keller-Caprese dem Sterbenden ein Bett gab und dafür ein Bild erhielt, das er mit Recht sein eigenes Werk nennt, ist symbolisch. Es stirbt etwas, um neues Leben zu fördern, ein Sinnbild der Ewigkeit. Ihre Geschichte bedeutet die Ehe zweier Welten, des Himmels und der Erde und die Geburt der Kunst. Das ist ein Gedanke, der Sie freilich verrückt machen kann. Ihre Geschichte lehrt, daß in dem Allermenschlichsten, dem tierisch göttlichen Akt der Begattung die Ewigkeit liegt und daß alles Geschehen darin gipfelt. Handeln Sie danach! Der Trauring lehrt mich, daß Sie es dürfen. Ich aber will dem Propheten Keller-Caprese huldigen.«
»Halten Sie Ihre Taschen zu,« schrie der Professor ihm nach. »Er pumpt Sie an.«
16. Kapitel.
Eine Wanze, die mit Gedanken und Goldwasser malt.
Thomas war zu dem Maler getreten, der mit einem raschen Blick den Anzug seines neuen Zuhörers musterte, dann aber zu den beiden Offizieren gewendet fortfuhr zu sprechen.
»Ja, meine Herren, ich wiederhole es Ihnen ins Gesicht: Der ewige Friede muß kommen, wird kommen. Sie wollen es nicht glauben, nein, Sie können es nicht glauben. Denn Sie sind mit Blut genährt, Sie leben vom Mord, ebenso gedankenlos wie die Tausende und Millionen um Sie herum. Menschen, die Fleisch essen, müssen blutdürstig denken und handeln. Aber nicht hinter uns, vor uns liegt das Paradies. Jehovah verwarf Kains Opfer der Feldfrüchte und sah wohlgefällig auf das blutige Abels. Der Brudermord war die Folge davon. In der Zukunft aber ruht eine Welt, in der der Mensch den Krieg verabscheuen wird, weil er aus den Halmen des Bodens und dem Saft der Beeren, die er verzehrt, sich ein milderes Herz aufbauen wird. Der Krieg und damit Ihr Beruf, meine Herren, verschwindet mit der Fleischnahrung.«
»Danach müßten also unsere Kerls viel Rindfleisch fressen, damit sie Courage in die klappernden Gebeine kriegen,« sagte der Hauptmann lachend.
Der Maler drehte sich nach Thomas um, der an ihm vorbei zu einem leeren Stuhl zu gelangen suchte. Er schob den Sessel herbei und lud mit einer großen Bewegung den Gast zum Sitzen ein, als ob er ihm ein Herzogtum schenkte. »Bitte sehr. Ich freue mich, wenn Sie zuhören, denn ich weiß, daß ich die Wahrheit spreche.« Damit wandte er sich wieder an den Hauptmann und sagte mit Würde: »Äße der Mensch kein Fleisch, so gäbe es keine Soldaten.«
»Also Lord,« rief der Hauptmann nach dem Wirt, der eben im Hintergrund dabei war, seine Nase aufzufärben, »opfern Sie mir mal wie der selige Abel ein Stück Roastbeef, aber recht blutig muß es sein. Ich will die Sache ausprobieren. Die Kerls haben mir heute den Parademarsch verhunzt, da soll mir das Rinderblut die nötige Kraft zur Kriegerrauheit geben.«
»Mir auch, mir auch,« schrie der Leutnant und paukte vor Vergnügen auf seine Beine los, als ob er sie zu Braten zurecht klopfen müßte.
»Nun sagen Sie mal, Sie Friedensengel,« begann der Hauptmann von neuem, »wie steht es mit Ihnen selber? Wenn ich nicht irre, habe ich Sie neulich beim Kommerzienrat Leiner Austern essen sehen. Wie stimmt das nun mit Ihrer Theorie? Sie sind ja abtrünnig.«
Der Maler hob bedeutsam die Hand. »Denken Sie doch, bitte, nicht, daß ich Fanatiker, Glaubensheld sei. Ich will erforschen, wissen, beweisen. Und dazu brauche ich das Experiment. Von Zeit zu Zeit, wenn sich der Zweifel an meiner Lehre in mir regt, esse ich Fleisch. Und gerade dann merke ich an meinem eigenen Körper und Geist, daß ich recht habe. Alle tierischen Triebe wachen beim ersten Bissen auf und wochenlang muß ich mit meinem Innern kämpfen, um wieder alles Grausame in mir zu überwinden. Meine Hand zuckt dann nach den Fliegen, die auf meinen Bildern schmausen, und ich habe neulich nach den Austern sogar eine Mücke getötet, die mich stach. Aber das ist ja gerade das Beweisende, diese Erfahrung am eigenen Leibe. Sie gibt mir die Zuversicht, sie leitet meine Visionen. O Sie wissen nicht, wie das ist. Ich sehe ein Bild vor mir, wie der grimmige Löwe, keusche Nahrung der Erde suchend, zu Füßen des heiligen Menschen ruht, beide gezähmt von der milden Güte der Natur, beide über das Tierische erhoben und mit dem Himmel versöhnt. Wenn ich esvollenden könnte! Wenn ich Zeit gewönne, all die Gestalten zu beseelen, die in mir leben! Aber ich bin ein schwacher Mensch im Banne der Stunde. In tausend herrlichen Bildern würde ich der Menschheit das Paradies vor Augen stellen, den Frieden auf Erden.«
Pulsuz fraqment bitdi.