Kitabı oxu: «Internetlinguistik»

Şrift:

Konstanze Marx / Georg Weidacher

Internetlinguistik

Ein Lehr- und Arbeitsbuch

[bad img format]

2., aktualisierte und durchgesehene Auflage 2020

1. Auflage 2014

© 2020 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen

Internet: www.narr.de

eMail: info@narr.de

ISSN 0941-8105

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN 978-3-8233-8117-4 (Print)

ISBN 978-3-8233-0236-0 (ePub)

Inhalt

 Zu diesem BuchVorwort zur zweiten AuflageVorwort zur ersten Auflage

 1 Methoden der Internetlinguistik1.1 Das Internet als Datenpool1.2 Aber wem gehören die Daten?1.3 Das Zitat als eine annehmbare Lösung1.3.1 So zitiert man sprachliche Beispiele1.3.2 So zitiert man wissenschaftliche Publikationen1.4 Onlinedaten erheben – Durchaus eine Herausforderung1.4.1 WWW = Korpus?1.4.2 DIY: Eine Datensammlung selbst generieren1.4.3 Klick ins Feld: Einfach einmal nachfragen?1.4.4 Log-File-Analyse – Einfach mitschneiden?1.4.5 Digitale Ethnographie1.4.6 Auch Umwege führen zu digitalen Daten1.5 In der Bibliographie soll es dann so aussehen1.5.1 Die Online-Publikation im Literaturverzeichnis1.5.2 Quellenverzeichnis für Beispielbelege

 2 Medientheorie des Internets2.1 Unsere Welt ist online2.2 Was ist ein Medium?2.2.1 Einer, der polarisiert: McLuhans Medienbegriff2.2.2 Wozu sind sie eigentlich da – die Medien?2.2.3 Verbreitung! Kommunikation! Speicherung!2.2.4 Von Kanälen, Sinnesmodalitäten und Codes: Elemente (technischer) Medien und Mediendefinition2.2.5 Primäre, sekundäre und tertiäre Medien2.2.6 Ist das Medium die Botschaft?2.2.7 Von konventionalisierten kommunikativen Handlungen: Kommunikationsformen2.2.8 So funktioniert es generell: Mediale Kommunikation – ein allgemeines Modell2.3 Ist das Internet nun ein Medium?2.3.1 Das Internet als Netzwerk2.3.2 Web 2.0 und Social Media2.4 Ja, das Internet ist ein Medium!2.4.1 Mehr noch: Das Internet ist ein Hybridmedium2.4.2 Von „designed spaces“ und Kommunikationsplattformen2.4.3 Das Netz: Alles ist möglich – oder doch nicht? Constraints und Affordances2.4.4 Von konventionalisierten kommunikativen Handlungen online2.4.5 So funktioniert es im Netz: Ein spezifisches Kommunikationsmodell

 3 Sprache im Internet3.1 Weder Sondersprache noch Stil3.2 WhatsApp? Flashmob – approacht, m8! Allerlei Fundstücke3.2.1 Abgeguckt: Indikatoren für Adaptionsprozesse3.2.2 Mitgespielt: Indikatoren für sprachliche Sensibilität und Reflexion3.2.3 Losgetextet: Indikatoren für Oraliteralität3.3 Netzbedingte Dynamik: Neue Bedeutung für Altbekanntes3.3.1 Ein Freund, ein guter Freund?3.3.2 Gefällt mir ist mehr als ein Ausdruck für Gefallen

 4 Pragma-Internetlinguistik4.1 Ins Netz versetzt: Grundpfeiler der Pragmatik4.2 Sprachhandlungsphänomene4.2.1 Chat-Kommunikation aus pragmatischer Perspektive4.2.2 Performativität in MUDs4.2.3 Digitale Erweiterungen des Kommunikationsraums – (sprachlich) Freunde finden4.3 Spurensuche in der Postingflut4.3.1 Verschlüsseltes Gemeintes, verschlüsseltes Relevantes4.3.2 Gricesche Maximen als Dekodierungshilfe4.3.3 Emotionale Chiffren: E-Implikaturen4.4 Das Netz als Kontextkonstituente4.4.1 Nah und fern, privat öffentlich und alles parallel: Der mediale Kontext und die Äußerungssituation4.4.2 Ich kenne dich und ich kenne dich nicht: Zur Beziehung zwischen den Kommunikationsteilnehmer*innen4.4.3 Kognitionsinhärente Merkmale oder: Wie das Internet unser Denken prägt

 5 Textlinguistik und das Internet5.1 Eine neue Textlinguistik für das Internet?5.2 Was ist ein Text überhaupt?5.3 Texte im Internet5.3.1 Verlinkt: Hypertextualität5.3.2 Vermischt: Multimodalität5.3.3 Verflüssigt: Fluidity5.3.4 Verteilt: Dialogizität5.4 Kommunikationsformen und Textsorten im Internet5.4.1 Der „Tatort“ nicht mehr nur im TV – Websites zu traditionellen Medienangeboten5.4.2 BIG Fans – Fanseiten in Sozialen Netzwerken5.4.3 „Bin krank – Grippe“ – Entschuldigungs-E-Mails5.4.4 Das virtuelle Tagebuch: Verschiedene Blogs

  Bibliographie

  Register

Zu diesem Buch
Vorwort zur zweiten Auflage

Sechs Jahre nach Erscheinen des Arbeitsbuches Internetlinguistik war es höchste Zeit, Aktualisierungen vorzunehmen. Das haben wir mit Freude getan, denn die Entwicklungen in diesem Feld, dem inzwischen auch der Name „Digitale Linguistik“ zugewiesen wird, sind so spannend wie eindrucksvoll.

Es hat sich in drei große Bereiche ausdifferenziert: die Sprachverwendung in internetbasierten Kommunikationsumgebungen, die Interaktion zwischen Mensch und Maschine und die Generierung von Datenkorpora. Alle Bereiche werfen auch ethische Fragen auf. Als übergeordnete Fragestellungen lassen sich festhalten: Wie nimmt die Internettechnologie Einfluss auf unsere Sprache, auf unsere Kommunikation, auf unser Interaktionsverhalten und damit auch auf unsere Kultur? Mit welchen Methoden können wir diese Prozesse untersuchen? Wie können die Daten dazu erhoben, archiviert und für andere zugänglich gemacht werden? (Marx 2019a).

Dies im Blick haben wir inhaltliche Anpassungen vorgenommen, diese orientierten sich am von der Erstauflage vorgegebenen Rahmen. Die Entwicklungen im Forschungsfeld haben wir auch dort zu berücksichtigen versucht, wo wir Literaturhinweise auf weiterführende Themen geben konnten. Durchaus bemerkenswert – das sei hier als Anekdote erwähnt – ist, dass wir in der Überzeugung, so ziemlich alle sprachlichen Belege ersetzen zu müssen, feststellten, dass die Beispiele zum Flughafen BER nicht an Aktualität verloren haben. Auch die Eigenschaften von Facebook haben in den letzten Jahren kaum noch Veränderungen erfahren. Das hat uns einerseits erstaunt und andererseits unseren Eindruck bestätigt, dass hier mehr und mehr ein Archiv für soziale Prozesse entsteht.

Die „Familie“ der Internetlinguistik-Bücher hat 2019 sowohl mit den bei Winter erschienenen Literaturhinweisen zur Linguistik als auch mit dem ebenfalls bei Narr erschienenen „Starter“ Zuwachs bekommen. Das wirkt auch auf die vorliegende 2. Auflage zurück. Im Grunde können wir das Bild der Geschwisterkinder wieder bemühen, die sich gegenseitig beeinflussen. Auch die „Großen“ übernehmen das, was sich bewährt, von den „Kleinen“. Das wird im vorliegenden Buch besonders im Kapitel 1 und im Kapitel 5 sichtbar. Wir danken bei dieser Gelegenheit unserem Lektor, Tillmann Bub, sehr herzlich für die Unterstützung bei der Umsetzung und die so wunderbare Zusammenarbeit. Fiona Makulik hat uns beim Erstellen der Druckvorlage geholfen, auch ihr danken wir herzlich.

A propos bewährt: Für hilfreiche Hinweise in den Rezensionen und die vielen anderen wertvollen Rückmeldungen, die uns in allen möglichen Formaten erreichten, danken wir unseren Kolleg*innen und Studierenden, unseren Leser*innen herzlich. Aus unserer Sicht hat das Buch die Tür zu einem Raum geöffnet, in dem seither viele inspirierende Begegnungen stattgefunden haben. Wir sind dafür sehr dankbar. Möge das weiter der Fall sein, möge der Forschungsgegenstand weiterhin viele beflügeln und die Vernetzung der Forschenden bewirken.

Greifswald und Graz, im Juni 2020 Konstanze Marx, Georg Weidacher

Vorwort zur ersten Auflage

Zur EntstehungEines ist wohl sicher: Ohne das Internet hätte dieses Buch nicht entstehen können. Das liegt zum einen daran, dass das Internet die Arbeit an diesem Buch praktisch erst ermöglicht hat. Schließlich sind Berlin und Graz geographisch nicht so günstig gelegen, dass regelmäßige Arbeitsbesprechungen in der einen oder der anderen Stadt eine Option gewesen wären. Das gemeinsame Projekt wuchs und gedieh also parallel in zwei verschiedenen Ländern in Büros etwa zwölf Zug- und zwei Flugstunden voneinander entfernt. Dabei ermöglichten uns die Kommunikationsfunktionen, die uns das WWW – insbesondere das Web 2.0 – bietet, sowohl den Zugriff auf unsere Daten als auch die Illusion, uns über das Manuskript verständigen zu können als säßen wir in einem Büro. Zum anderen liegt es daran, dass es ohne das Internet keine Internetlinguistik gäbe, sondern schlicht Linguistik. Dazu jedoch haben Sie schon eine Menge Lehrbücher gelesen.

Zu den Leser*innenDas Wissen, das Sie aus diesen Büchern haben, wird Ihnen bei der Lektüre dieses Buches helfen, denn wir setzen linguistische Grundkenntnisse voraus. Dieses Buch ist also keine Einführung in die Linguistik, es richtet sich an Studierende, die auf sprachwissenschaftliches Basiswissen zurückgreifen können und Freude daran haben, dieses auf aktuelle sprachliche Phänomene im Internet anzuwenden. Dennoch werden wir nicht komplett auf Ausführungen zum theoretischen Hintergrundwissen verzichten, diese sind im Buch grau unterlegt und mit einem Häkchensymbol markiert (siehe auch die Symbolerklärungen am Ende dieser Einleitung).

Für Lehrende soll es als Inspiration für Seminarkonzeptionen dienen, mit den einzelnen Kapiteln gibt es eine Struktur für Unterrichtseinheiten vor. Zahlreiche Übungsaufgaben dienen sowohl dem Selbststudium (weil sie im Folgetext diskutiert werden) oder können Anregung für das Seminargespräch sein. Wir setzen voraus, dass die grundlegenden Funktionsweisen von Webanwendungen wie E-Mail, Sozialen-Netzwerkseiten oder Blogs bekannt sind.

Zum GegenstandAber was ist das eigentlich, Internetlinguistik? Was unterscheidet diese junge, moderne Disziplin von der Allgemeinen Linguistik, was von der Medienlinguistik? Womit beschäftigt sie sich und welche Forschungsfragen werden hier gestellt?

Beginnen wir doch an dieser Stelle gleich mit einer ersten kleinen Aufgabe: Geben Sie das Lexem Internetlinguistik einfach einmal in eine Internetsuchmaschine ein oder lassen Sie es uns anders formulieren: Googeln Sie es! In dieser Aufforderung steckt bereits ein Beispiel dafür, was im allgemeinen Verständnis mit Internetlinguistik assoziiert wird: Die Untersuchung einer sogenannten „Internetsprache“, googeln als eingedeutschtes Verb wäre entsprechend typisch dafür. In Kapitel 3 lüften wir allerdings ein offenes Geheimnis, wenn wir zeigen, dass es gar nicht die Internetsprache (oder auch netspeak oder Internetslang) gibt. Es gibt sie ebensowenig wie eine Mediensprache.

Nun, haben Sie gegoogelt? Wie sieht das Ergebnis aus? Sicherlich wurde Ihnen die Ankündigung zu diesem Buch angezeigt. Sie sind auch auf eine Tagung in Budapest gestoßen, in deren Rahmen wir einen gleichnamigen Workshop angeboten haben. Vielleicht finden Sie auch einen Hinweis auf ein Seminar, das in diesem Wintersemester an der TU Berlin stattfindet und von dessen Diskussionen dieses Buch hier profitiert. An dieser Stelle also schon der herzliche Dank an alle engagierten Seminarteilnehmer*innen.

Aber zurück zu Ihrer Suche: Eventuell sind Sie auf die „Gesellschaft für Interlinguistik e.V.“ gestoßen, ein Verein, der sich die Förderung von Plansprachen zur Aufgabe gemacht hat. Dieses Suchergebnis zeigt nur, dass selbst Google auf Nebenschauplätze ausweichen muss. Eine untergeordnete Rolle für uns spielt übrigens, wie sich die Forschungsdisziplin Linguistik im Internet präsentiert (vgl. dazu bitte Cölfen/Cölfen/Schmitz 1997).

Stattdessen steht die Sprachverwendung im Internet im Mittelpunkt dieses Lehr- und Arbeitsbuches. Internet verwenden wir hier so wie in der einschlägigen Forschungsliteratur (siehe Runkehl/Schlobinski/Siever 1998: 3) üblich, sehr weit, und meinen damit alle durch das Internet verfügbaren Internetdienste (E-Mail, WWW u. a.). Die Termini Web, WWW oder Netz verwenden wir demzufolge ebenfalls synonym.

Als Aufgabe der Internetlinguistik betrachten wir die Untersuchung der Sprachverwendung in Abhängigkeit von der spezifischen Online-Umgebung. Welche wechselseitigen Einflüsse können wir feststellen? Wie gestaltet sich die Kommunikation über die verschiedenen Internetdienste? Was ist charakteristisch wofür? Wie müssen wir die bereits existierenden linguistischen Ansätze anpassen oder erweitern, um den neuen Kommunikationsraum theoretisch adäquat beschreiben zu können?

Wir befinden uns damit mitten in der Angewandten Linguistik und können folgerichtig nicht nur genuin sprachwissenschaftlich vorgehen, sondern greifen sinnvollerweise sowohl methodisch als auch theoretisch auf Nachbardisziplinen wie die Kommunikations- und Medienwissenschaft, die Psychologie und die Soziologie zurück. Damit werden die Bausteine, die in der modernen Linguistik verwendet werden, in einer anderen Umgebung neu zusammengesetzt und mit weiteren Bausteinen interdisziplinär ergänzt, um ein modernes und stabiles Gebäude zu errichten.

Die Internetlinguistik beschäftigt sich mit der Sprachverwendung im Internet und damit mit einem spezifischen kommunikativen Kontext, dessen Charakteristika in alle Analysen einfließen. Bei der Internetlinguistik handelt es sich um eine Schnittstellendisziplin, die – wie für die Angewandte Linguistik typisch – neben linguistischen Zugängen, kommunikations- und medienwissenschaftliche Methoden kombiniert und durchaus auch sozio- und psychologische Fragestellungen motiviert.

Es ist unser Anliegen, eine Anleitung dafür vorzulegen, wie die isolierte Beobachtung sprachlicher Phänomene im Internet überwunden werden kann. Die Sprachverwendung im Internet ist nicht nur ein auf allen sprachwissenschaftlichen Beschreibungsebenen hochinteressanter Forschungsgegenstand, sondern auch über den Tellerrand der Linguistik hinaus.

Das haben viele andere vor uns bemerkt. Seit etwa 15 Jahren gibt es eine rege sprachwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Themen wie Sprache und Kommunikation im Netz (Runkehl/Schlobinski/Siever 1998, Siever/Schlobinski/Runkehl 2005, Haase et al. 1997, Baron 2008a,b), Netzsprache (Crystal 22006, 2011, Rosenbaum 1996), Mündlichkeit/Schriftlichkeit (Dürscheid 2003, 52016, Storrer 2001a,b, Thaler 2003), Chat-Kommunikation (Beißwenger 2002, 2007, 2009, 2010a,b, 2013a,b, in press), syntaktischen Innovationen (Albert 2011, 2013), Bedeutungswandel (Dürscheid/Brommer 2013) oder den Charakteristika von Hypertexten (Storrer 2004, Jakobs/Lehnen 2005, Beißwenger/Storrer 2010, Jakobs 2011). Androutsopoulos (2003a,b) hat sich mit soziolinguistischen Aspekten auseinandergesetzt, Thimm (2000) hat eine Sammlung von Texten zur Sozialität im Netz veröffentlicht. Döring (22003) definiert eine Sozialpsychologie des Internets als Forschungsgegenstand. Jakobs/Lehnen (2006, Jakobs 2013) befassen sich mit Fragen der Usability. Bei Dang-Anh/Einspänner/Thimm (2013), Siever (2001, 2006) oder Moraldo (2009) finden wir Untersuchungen zu spezifischen Kommunikationsformen wie Twitter. Es gibt Forschung zu Diskursen im Netz (Frass/Meier/Pentzold 2013, Thurlow/Mroczek 2011), zur Online-Liebe (Döring 2002, 2003, Ze’ev 2004, Marx 2012a,b) und sprachlichen Online-Gewalt (Fawzi 2009, 22015, Gradinger 2010, Katzer/Fetchenhauer/Belschak 2009, Marx 2012a, 2013a,b, Schwarz-Friesel 2013), zur digitalen (Un-)Ordnung (Runkehl 2013), zum Online-Verhalten der verschiedenen Generationen (Feufel/Stahl/Lee 2013, Ziefle/Jakobs 2013), zu Politikerauftritten im Netz (Weidacher 2007), zu kreativen Versuchen, Filter zu umgehen (Eliaz/Rozinger 2013), zu Identitätskonstruktionen (Gallery 2000, Götzke 2002, Döring 2000b, Thimm/Ehmer 2000), zur Theologie der Social Media (Ernst/Costanza 2012) oder zu ins Internet verlegten sozialen Ritualen, wie z. B. die Trauer (Jakobs/Ziefle 2010). Ein ganzes DFG-Forschungsnetzwerk, Empirikom, wurde gegründet, um empirische Methoden in der sprach- und kommunikationswissenschaftlichen Internetforschung zu diskutieren (Beißwenger 2012).

Wir könnten diese Aufzählung noch einige Seiten fortführen, die Publikationen zu allen nur vorstellbaren Facetten des Internets sind schier unüberblickbar. Das Internet erscheint wie eine Inspirationsquelle, die in absehbarer Zeit nicht versiegt. Wer von dieser Quelle trinken möchte, stellt schnell fest, dass das gar nicht so einfach ist, weil sie stark sprudelt und einen (Daten- oder auch Informations-)Strom speist, der Wellen schlägt, auf denen das Surfen durchaus eine Herausforderung darstellt. Wir haben uns mitreißen lassen von dieser Fülle an hochinteressanten Themen und Forschungsergebnissen. Um noch ein wenig im Bild zu bleiben: Es hat uns harte Ruderarbeit gekostet, schließlich am Ufer der Internetlinguistik anlegen zu können und zwar mit mehr Gepäck als zum Zeitpunkt unseres Aufbruchs. Einiges wurde zu Treibgut und das bedauern wir. Die Dinge aber, die wir retten konnten, weil sie oben schwammen oder wir schnell genug zugegriffen haben, haben wir sorgfältig aufbereitet. Dazu mussten wir sie manchmal auch miteinander verbinden, um sie wiederherstellen zu können. Ihren Eigentümer*innen danken wir. Es gab natürlich auch Dinge, die wir ersetzen mussten oder die komplett neu hinzukamen, weil sich während unseres Surfabenteuers die Notwendigkeit dazu ergab. Nun ist dieses Abenteuer vorerst bestanden und Sie halten mit diesem Buch unsere kompakte Reisedokumentation in den Händen. Natürlich müssen wir uns auch fragen (lassen), warum wir die Dokumentation im Zeitalter des Internets überhaupt noch in eine Buchform gebracht haben. Ganz einfach, wir wollten anderen die Strapazen unserer Reise ersparen, sie sollen einen Aktiv-Urlaub antreten können – angeleitet von einem handlichen Reiseführer. Zudem, da geben wir uns konservativ, sind wir Anhänger*innen des guten alten Leseprozesses. Wir glauben, dass er Wunder bewirken kann, die auch positive Effekte auf alle prozeduralen Fähigkeiten unseres Gehirns haben. Im Umkehrschluss beobachteten wir im Selbstversuch und auch bei unseren Studierenden negative Auswirkungen auf die Gedächtnisleistungen oder die Konzentrationsfähigkeit beim staccatohaften Suchen nach Stichworten, wie es für die Onlinerezeption üblich ist, siehe dazu auch den sehr anschaulichen Erklärungsversuch von Nicholas Carr (2010a,b).

Zur HandhabungJedes der folgenden Kapitel ist mit drei Leitfragen überschrieben, die die jeweilige Thematik des Kapitels aufgreifen. Am Ende eines jeden Kapitels finden Sie den „Speicherinhalt“, der einer Zusammenfassung der wesentlichen Punkte entspricht, und zusätzliche Übungsfragen. Aus didaktischen Gründen wird der Text innerhalb der Kapitel mehrfach von Aufgaben oder gerahmten Informationen unterbrochen. Eine Erläuterung der Symbole finden Sie unten stehend. Die einzelnen Kapitel dieses Buches bauen zwar aufeinander auf, bilden aber jedes für sich so geschlossene Einheiten, dass sie in selbst gewählter Reihenfolge gelesen werden können.

Aufgabe, für die die Lösung im Anschlusstext gegeben wird. Für den optimalen Lerneffekt empfehlen wir dringend im Leseprozess innezuhalten und die Lösung für diese Aufgabe zunächst selbst herauszufinden. Fertigen Sie dazu Stichpunkte an.

Denkanregung. Für diese Aufgaben geben wir keine Lösung vor, sie dienen als Anregung für die gründliche und auch kreative Reflexion und können sehr gut im Anschluss an die Rezeption eines Kapitels gelöst werden. Sie sollen zu einem tieferen Verständnis der diskutierten Themen beitragen.

Formulierungsvorschlag. Im Kapitel 1 werden Vorschläge dazu unterbreitet, wie Textbausteine formuliert werden können, die für internetlinguistische studentische Arbeiten obligatorisch sind.

Zusatzinformation. Diese Kästen enthalten Informationen, die uns im entsprechenden Zusammenhang als interessant erschienen und Inspiration zum Weiterdenken sein können.

Theoretisches Hintergrundwissen. Die Informationen in den grauen Kästen beziehen sich auf linguistisches Vorwissen, das Ihnen in den Grundkursen Ihres Studiums vermittelt wurde. Es soll vorkommen, dass dieses im Laufe des Studiums wieder verdrängt wird, die grauen Boxen helfen Ihnen bei der Rekapitulation. In diesen grauen Kästen finden Sie auch Definitionen von anderen zentralen Begrifflichkeiten.

Zitat. Längere wörtliche Zitate sind ebenfalls gerahmt.

Weiterführende Literatur. Mit den Leseempfehlungen wollen wir Sie ermuntern, Ihr theoretisches Wissen zu vertiefen und ein Gespür für Kontroversen in der Forschungsdiskussion zu bekommen. In dieser als Lehr- und Arbeitsbuch konzipierten Einführung können wir diese nämlich nicht aufgreifen.

Internetadressen. Das kleine Maus-Icon am Rand kennzeichnet Verweise auf Internetadressen.

Wie in der Linguistik üblich und deshalb nicht noch einmal anhand von Symbolen erläutert, kennzeichnen einem Satz vorangestellte Fragezeichen eine zumeist semantische Markiertheit. Konzeptualisierungen sind mit Kapitälchen hervorgehoben, Großbuchstaben markieren Ergebnisse von Schlussfolgerungsprozessen.

Sie werden in diesem Buch eine Vielzahl von authentischen sprachlichen Beispielen finden, zur Kennzeichnung der Quelle im Fließtext haben wir auf Kurzzitate zurückgegriffen, d. h. dass auch die Internetadressen nur verkürzt angegeben wurden. Im Anhang dieses Buches finden Sie ein Quellenverzeichnis für die in der Arbeit verwendeten sprachlichen Belege, sofern sie nicht aus zugangsbeschränkten (privaten) Profilseiten stammen. Diese Quellenangaben sind jeweils der Beispielnummer zugeordnet, unter der sie im Fließtext erscheinen. Aus Datenschutzgründen sind bei Daten aus privaten Profilseiten alle Urheber*innen anonymisiert. Wenn innerhalb von sprachlichen Belegen Klarnamen (Vor- und Zunamen) auftauchten, die nicht veröffentlicht werden dürfen, wurden diese durch XYZ ersetzt.

Zur Illustration einiger weniger Annahmen wurden auch Beispiele konstruiert, diese sind dann daran zu erkennen, dass keine Quelle angegeben ist oder in der Quellenangabe darauf verwiesen wird, dass es sich um ein zu Veranschaulichungszwecken modifiziertes Beispiel handelt. Phänomene wie orthographische oder grammatische Fehler oder außergewöhnliche Schreibweisen treten so häufig auf, dass die Leserlichkeit gestört worden wäre, hätten wir sie jedes Mal mit einem [sic!] gekennzeichnet.

Unser DankWir danken Tillman Bub, Karin Burger, Bernd Villhauer und Celestina Filbrandt vom Narr-Verlag nicht nur für die vertrauensvolle, äußerst angenehme und vor allem konstruktive Zusammenarbeit, sondern auch für ihre Aufgeschlossenheit, ihre Geduld und Flexibilität.

Unsere Studierenden Toivo Glatz, Jonas Nölle, Isabella Knapp, Gerrit Kotzur, Julia Schirnhofer, Carina Stöckler und Alexander Zahrer gaben uns hilfreiche Rückmeldungen und stellten ihre Argusaugen zur Verfügung, ein großes Dankeschön dafür.

Unseren beiden wunderbaren Chefs, Monika Schwarz-Friesel und Paul R. Portmann-Tselikas, danken wir ebenso für die moralische und inhaltlich sehr wertvolle Unterstützung wie Thomas Wischnowski und Hildegard Weidacher-Gruber. Unseren Familien und Freunden können wir ohnehin gar nicht genug danken. Sie mussten über Monate zwei im kreativen Schreibprozess Befindliche ertragen. Obgleich sich noch Stoff für eine Fortsetzung auf unseren Schreibtischen stapelt, bleibt dieses Weihnachten der Rechner aus. Versprochen.

Berlin und Graz, im November 2013 Konstanze Marx, Georg Weidacher

1 Methoden der Internetlinguistik

Lässt sich das WWW als Datenpool für sprachliche Belege nutzen?

Welche Datenerhebungsmethoden gibt es?

Wie sind Internetquellen zu zitieren und zu bibliographierenbibliographieren?

1.1 Das Internet als Datenpool

Das World Wide Web (WWWWWW) ist ein für Sprachwissenschaftler*innen geradezu unerschöpflicher Datenpool, der sich zudem kontinuierlich neu generiert. Wissenschaftliche Fachtexte, journalistische Artikel, Kommentare von Leser*innen, virtuelle Plaudereien, Zeugnisse sozialer Kontaktpflege, Blogs oder Tweets sind gerade einmal den sprichwörtlichen Mausklick entfernt. Expert*innen und Lai*innen, Jugendliche und Erwachsene, politisch Motivierte, Spaßorientierte, Gelangweilte oder Wütende geben ihr Wissen und/oder ihre Überzeugungen preis, wollen sich unterhalten oder nutzen das quasi-öffentliche Forum, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

Bevor sich Web 1.0 und Web 2.0 etablierten, mussten spontan produzierte Sprachdaten mit viel Aufwand erhoben und mühsam transkribiert werden. Insbesondere dank zahlreicher Social-Media-Anwendungen (wie Facebook, YouTube, Twitter, Tumblr, Nutzer- und Diskussionsforen etc.) scheinen sich die Zugänglichkeitsbedingungen für Sprachdaten erheblich verbessert zu haben. Selbst E-Mail-Anbieter binden Kommentarfunktionen in ihre Nachrichtenportale ein. Das heißt, dass das Abfragen der E-Mails nicht nur damit verbunden werden kann, auf schnellem Wege neueste Informationen zu erhalten. Nutzer*innen können sich zudem gleich zu den im Nachrichtenportal präsentierten Inhalten äußern und liefern damit jede Menge sprachliches Material.

Unter Scheinidentität wird hier ein Profil verstanden, das selektive Informationen, wie etwa Interessen, Einstellung etc. enthält, in dem jedoch auf Klarnamen und ein Foto, auf dem der*die Profilurheber*in deutlich zu erkennen ist, verzichtet wird.

Auf diese Weise werden verschiedene Textsorten, wie Artikel, Nachrichtentexte oder Nutzerkommentare, deren Form und Inhalt für spezifische linguistische Fragestellungen relevant sein kann, relativ unproblematisch und mit wenig Zeitaufwand verfügbar. So scheint es unkompliziert, Zugang zu diesen sprachlichen Daten zu erhalten. Dennoch gestaltet sich die Korpusgenerierung schwierig. Das liegt auch daran, dass Nutzer nach wie vor anonym (in Foren oder Nutzerkommentaren) und/oder unter Scheinidentitäten (auf Twitter, Instagram und teilweise auch auf Facebook) agieren. Zwar trägt das sicherlich zum Abbau von Hemmungen bei und begünstigt, dass sprachliche Daten überhaupt entstehen und „veröffentlicht“ werden, es birgt aber auch methodische Nachteile: Erstens, ohne technische Hilfsmittel können die Urheber*innen der Texte kaum ermittelt werden, insbesondere in den Fällen, in denen sich die „Kommentator*innen“ Pseudonyme (vgl. dazu auch den Abschnitt zu Nicknames) geben. Zweitens kann die Situation, in der der Text entstanden ist, nicht kontrolliert werden, so dass keine Aussagen darüber getroffen werden können, ob es sich beispielsweise um eine spontan produzierte Äußerung handelt oder ob der*die Verfasser*in des Kommentars seinen*ihren Text vorformuliert hat bevor er*sie ihn „veröffentlichte“. Eine dritte Schwierigkeit ergibt sich mit der Frage, inwieweit andere (und das schließt (Sprach-)Wissenschaftler*innen ein) überhaupt berechtigt sind, diese Daten für ihre Zwecke zu nutzen.

1.2 Aber wem gehören die Daten?

Im Umgang mit den Daten aus dem WWW drängt sich die Auffassung geradezu auf, dass die Daten, die hier veröffentlicht werden, jedem und jeder gehören. Sie sind zugänglich, ihre Urheber*innen haben sie „veröffentlicht“ und damit einem Publikum zur Verfügung gestellt. Keine anderen Merkmale aber treffen auf Informationen zu, die in Büchern veröffentlicht worden sind. Sie sind ebenfalls frei lesbar, ihre Vervielfältigung und Weiterverwendung ist jedoch gesetzlich geregelt. So entspricht es nicht der seriösen Forschungspraxis, Daten aus einem Buch schlicht zu übernehmen, ohne das zu kennzeichnen und auf den*die Autor*in zu verweisen. Die wenigsten wissen jedoch, dass auch für die Verwendung von Daten aus dem WWW eindeutige und verbindliche juristische Vorgaben zu beachten sind.

Das Urheberrecht räumt dem Schöpfer geistigen Eigentums ein Ausschließlichkeitsrecht an seinen eigenen kreativen Leistungen ein.

Es ist grundsätzlich davon auszugehen, dass „veröffentlichte“ Daten dem*der Urheber*in gehören und damit unter das Urheberrecht1 fallen. In vielen Fällen sind also die Daten, die im Internet kursieren, gesetzlich bis 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers/der Urheberin geschützt. Auch bei kleineren, einfachen Texten ist im Zweifel von einer sogenannten Schöpfungshöhe auszugehen, d. h. dass das „Werk“ – und darunter fallen dann auch internetbasierte (Kommunikations)beiträge – als geschützt gilt.

Bei der Schöpfungshöhe handelt es sich um ein ungeschriebenes Tatbestandsmerkmal der „persönlich geistigen Schöpfung“ i.S.d. § 2 Abs. 1 UrhG. Geschützt sind Werke, weil es sich entweder um eine persönlich geistige Schöpfung handelt, ein Sprachwerk, ein Musikwerk oder eine schützenswerte Darstellung.

Wenn nun aber das Urheberrecht gilt, bedeutet das, dass wir die Daten, die sich uns wie auf einem „goldenen Tablett“ präsentieren, gar nicht oder nur mit Einverständniserklärung des Urhebers/der Urheberin für unsere Forschung verwenden dürfen?

Sollten wir tatsächlich eine Vervielfältigung anstreben, ist vorher das Einverständnis des Urhebers/der Urheberin einzuholen.

Eine Einverständniserklärung sollte vor der Daten-Erhebung schriftlich fixiert werden und folgende Informationen beinhalten: Angaben über den*die Träger*in und Leiter*in des Forschungsvorhabens; Angaben zum Forschungszweck; Angaben zur Methode der Datenerhebung; Angaben zur weiteren Verwendung der Daten und der involvierten Personen; Zeitpunkt, zu dem die personenbezogenen Daten gelöscht werden; Erklärung über Freiwilligkeit und Möglichkeit zum Widerruf; explizite Einwilligungsformulierung; Ort, Datum und Unterschriften. (siehe Bankhardt 2010)

Aber: Wie können wir eine Einverständniserklärung von jemandem einholen, der*die sich a) nicht zu erkennen gibt, weil er*sie ein Pseudonym (Nickname) benutzt und der*die b) auf keinem (technologischen) Weg kontaktiert werden kann? Für viele ist es die fehlende Antwort auf diese Frage, die sie dazu verführt, sich der Daten einfach anzunehmen, sie ohne explizite Erlaubnis zu verwenden und weiterzuverarbeiten. Es entspricht dem z.B. bei Gatto (2014: 64) beschriebenen „praktischen Weg“: Sprachliche Daten werden gesammelt, aber nicht verbreitet. Wenn die Daten nicht zugänglich gemacht werden (können), ist es allerdings schwierig, die Ergebnisse zu überprüfen.

Dieses Vorgehen ist vor allem deswegen so verbreitet, weil eine Kontrolle, was mit den Daten nach ihrer „Veröffentlichung“ im WWW geschieht, geradezu unmöglich ist. Zudem sind WWW-Daten weitaus leichter zugänglich als Daten, die in gedruckten Büchern veröffentlicht sind. Während hier der Erwerb oder zumindest das Aufsuchen einer Bibliothek (oder sogar eine Fernleihe, die mehrere Wochen in Anspruch nehmen kann) vonnöten ist, gibt es beim Zugang zu elektronischen Daten oftmals nicht einmal mehr die Barriere der Nutzerregistrierung.

In Form und Inhalt weichen WWW-Daten oftmals von klassischen, herkömmlichen Texten ab, von Texten beispielsweise, die als Romane oder wissenschaftliche Werke veröffentlicht werden. Autor*innen legitimieren sich hierbei im Idealfall durch eine besondere Kompetenz (Expert*innenwissen, Kreativität, Schreibstil etc.), die wiederum Rezipient*innen davon abhalten sollte, gedankliches Eigentum schlicht zu kopieren. Im WWW – besonders aber beim Surfen im Web 2.0 – entsteht möglicherweise gar kein Bewusstsein dafür, dass es sich hier um schützenswerte Werke handelt, selbst bei Beiträgen in Kommentarforen. Inhalt und Form scheinen oftmals keinen besonderen „Wert“ zu indizieren.

Heißt das nun, dass wir gesetzeswidrig handeln wenn wir sprachliche Daten für linguistische Analysen aus dem WWW kopieren um sie unter spezifischen Fragestellungen zu untersuchen?

Nein, denn es ist a) generell nicht ausgeschlossen, eine Einwilligungserklärung für Daten einzuholen. Das entspräche dem bei Gatto (2014) und Baroni et al. (2009) beschriebenen traditionellen, recht aufwändigen und eine hohe Frustrationstoleranz erfordernden Weg, weil Antwortzeiträume lang werden können oder Antworten gar nicht eintreffen. Es gibt aber z. B. im Chat die Möglichkeit, bei Nutzer*innen direkt während des virtuellen Gesprächs anzufragen. Ebenso kann eine Erlaubnis stellvertretend bei Administrator*innen von Chat-Räumen oder Foren erfragt werden. Deren Kontaktdaten sind jeweils im Impressum der entsprechenden Seite aufgelistet. Dass über diesen „Umweg“ Kontakt zu den Nutzer*innen aufgebaut werden kann, ist nicht zu erwarten, da sich diejenigen, die Chat-Seiten etc. betreiben, dazu verpflichten, Daten von Nutzer*innen vertraulich zu behandeln. Da aber sprachliche Belege für wissenschaftliche Zwecke als Zitate gelten, ist es b) nicht gesetzeswidrig sie zu kopieren, wenn sie als Zitate ausgewiesen werden.

Aufgabe 1-1

Formulieren Sie ein Anschreiben an eine*n Administrator*in eines von Ihnen selbst gewählten Chat-Angebots (z. B. Knuddels, Jodel etc.) und bitten Sie darum, Daten von Nutzer*innen für Ihre wissenschaftliche Untersuchung verwenden zu dürfen.

1.3 Das Zitat als eine annehmbare Lösung

Wenn wir uns im Rahmen einer wissenschaftlichen Publikation mit sprachlichem Material inhaltlich auseinandersetzen, sind wir berechtigt, in unseren Veröffentlichungen darauf zu verweisen und es auch zu zitieren.

Zulässig ist die Vervielfältigung, Verbreitung und öffentliche Wiedergabe eines veröffentlichten Werkes zum Zweck des Zitats, sofern die Nutzung in ihrem Umfang durch den besonderen Zweck gerechtfertigt ist. Zulässig ist dies insbesondere, wenn 1. einzelne Werke nach der Veröffentlichung in ein selbständiges wissenschaftliches Werk zur Erläuterung des Inhalts aufgenommen werden, 2. Stellen eines Werkes nach der Veröffentlichung in einem selbständigen Sprachwerk angeführt werden. (§ 51 UrhG)

Als Zitate kommen Inhalte von Webangeboten in Frage, die verschiedene Bereiche abdecken. Eine reine Zitatsammlung (ein KorpusKorpus, siehe Punkt 1.4.1) gilt allerdings nicht als Zitat.

1.3.1 So zitiert man sprachliche Beispiele

Die Quellenangabe für Beispielbelege enthält den Namen des Angebots (Forum, Chat, Soziales Netzwerk etc.), den Namen des*der Autor*in (alternativ ein Kürzel) und das Datum der Veröffentlichung. Optional ist die Uhrzeit der Veröffentlichung, deren Relevanz abhängig von der linguistischen Fragestellung ist.

Der URL (Uniform Resource Locator) wird umgangssprachlich auch als: Internet- oder Webadresse bezeichnet.

Auf Grund ihrer Länge können URLs sperrig wirken und den Lesefluss beeinträchtigen. Es ist deshalb ratsam, nur den Namen des Angebots in das KurzzitatKurzzitat aufzunehmen (1-1) und der wissenschaftlichen Arbeit ein Verzeichnis beizufügen, das die vollständigen URLs enthält, etwa nach dem Literaturverzeichnis (siehe dazu 1.5.2). Auf diese Vorgehensweise ist zu Beginn einer Arbeit (z. B. in der Einleitung) hinzuweisen.

Formulierungsvorschlag: In der vorliegenden Arbeit werden Internetquellen für sprachliche Belege in Kurzform angegeben, um den Lesefluss nicht zu beeinträchtigen. Die vollständigen URLs wurden auf einer Liste zusammengefasst, die sich im Anhang befindet.

Je nach Fragestellung kann es notwendig sein, sowohl sprachliche Belege aus gedruckten Quellen als auch aus digitalen Quellen anzugeben. Insbesondere wenn in diesem Zusammenhang Print- und Rundfunkmedien, die auch digital erscheinen und in Social-Media-Kanälen präsent sind, als Quellen herangezogen werden, sind die Kurzverweise auf digitale Quellen konsequent durch die Angabe der Top-Level-Domain, wie .de in (1-2) zu kennzeichnen. Natürlich sind auch die Namen der digitalen Ausgaben von Printmedien sprechend, z.B. Spiegel online oder Zeit online (siehe 1-3). Leser*innen können so ohne aufwendiges Suchen im Anhang bereits im Fließtext erschließen, ob der entsprechende Beleg gedruckten oder digitalen Quellen entnommen worden ist. Die Angabe der Uhrzeit der Veröffentlichung ist ein weiterer Hinweis dafür, dass es sich um eine digitale Quelle handelt (siehe dazu auch den Abschnitt zu Datum und Uhrzeit).

(1-1)

jetzt mal doof gefragt aber wären nicht karottenchips auch ne idee? dann schmeiß ich ein paar karotten in den ofen, lass die schön trocken werden und verpack sie, oder mein ihr die werden weich nach ein paar tagen? karotten wegen ostern ;) (chefkoch, sabsieh, 2016-03-22, 10:40)

(1-2)

„Die Antarktis ist die letzte Wildnis der Erde“, sagt Swan beim Kongress für Ressourceneffizienz nahe Stuttgart. „Sie ist der einzige Ort der Welt, der uns allen gehört und sie ist die gefährlichste und stärkste leise Kraft.“ 90 Prozent des Eises der ganzen Erde befänden sich am Südpol, sagt er. „Und wenn wir das schmelzen lassen, müssen wir schwimmen.“ Oder Mauern um Hamburg und London bauen, damit es dort trocken bleibe. (sueddeutsche.de, sm, 2019-10-28, 18:52)

(1-3)

Wenn Fachleute über den Zusammenhang von Wetter und Klima sprechen, sagen sie pflichtgemäß: Wir sind uns zunehmend sicher, dass die Wahrscheinlichkeit extremer Ereignisse mit höherer mittlerer Erdtemperatur steigt. Wirksamer wäre, sie sagten: Am Waldbrand vor Berlin, an dem Brandgeruch, der in den Morgenstunden des 24. August 2018 Tausende Berliner bei der Polizei anrufen ließ, war einzig und allein das viele Kohlendioxid schuld, das jeder und jede von uns verursacht. (zeit online, th, 2018-11-4, 20:59)

E-Mails und Beiträge aus Sozialen-Netzwerk- oder Blog-Seiten werden nach demselben Muster zitiert, lediglich der Name des Angebots muss dann durch „E-Mail“, „Twitter“ (oder kurz: Tw), „Facebook“ (oder kurz: Fb), „Instagram“ (oder kurz: Ig), WhatsApp (oder kurz: WA), „Snapchat“ (oder kurz: Sc), „YouTube“ (oder kurz: YT), „Jodel“ (oder kurz: J), „Wikipedia (oder kurz: W) o.ä. ersetzt werden. Entscheidet man sich dafür, Namen von Nutzer*innen zu anonymisieren (siehe dazu die Erläuterung im unmittelbar folgenden Absatz), werden in der URL-Liste im Anhang einer wissenschaftlichen Arbeit nicht die vollständigen Internetadressen angegeben. Diese würden Rückschlüsse auf die Urheberschaft (eine Privatperson) zulassen. Solche Angaben sollten aus Datenschutzgründen nicht aufgenommen, sondern durch den Hinweis „privates Profil“ ersetzt werden.

Es kann durchaus vorkommen, dass sich der*die Urheber*in eines Beitrags, den Sie als sprachlichen Beleg in Ihre Arbeit einbinden wollen, nicht eruieren lässt. In solchen Fällen kann ein [anon] für anonym eingesetzt werden. Es ist aber auch möglich, im Methodenteil der Arbeit eine alternative Vorgehensweise zu beschreiben, etwa, dass Belege, für die sich kein*e Urheber*in ermitteln ließ, durch ein spezifisches Kürzel gekennzeichnet sind (vgl. dazu auch den Abschnitt zu Nicknames).

KlarnamenGeben Nutzer*innen auf Plattformen, die für die (Netz-)Öffentlichkeit bestimmt sind (z. B. Blogs/Mikroblogs, YouTube, also Bereiche, die ohne Zulassungsbeschränkungen eingesehen werden können), Klarnamen oder zumindest Namen an, die bürgerliche Namen sein könnten, sollten diese (oder bei Twitter zumindest das Handle) zitiert werden, auch, um das Autorenrecht nicht zu verletzen. Das gilt auch für Firmennamen (siehe 1-4 und 1-5). Auf die in 1-4 und 1-5 bereits mitnotierten Social-Media-Reaktionen gehen wir im weiteren Verlauf dieses Kapitels noch ein.

(1-4)

Ich bin gerade mit einem in einer Diktatur lebenden Danke-Merkel-Taxifahrer ohne Meinungsfreiheit und ganz viel „Heilige Greta“-Faktenwissen zum Bahnhof gefahren.

Darf man in Ausnahmefällen um 10:00 Uhr morgens bereits Schnaps trinken? (Tw, Nina Straßner @DieJuramama, 2019-08-17, 10:04, L: 524, T: 13, K: 35)

(1-5)

Für uns ein besonderes (Vor-)Weihnachtsgeschenk: Der erfolgreiche Abschluss des traditionsreichen Verfasserlexikon 16. Jahrhundert, das nun als Verfasserlexikon 17. Jahrhundert weitergeführt wird. https://bit.ly/2QJ476G#früheneuzeit (Tw, DeGruyterLiteratur @degruyter_lit, 2018-12-20, 14:51, L: 9, T: 1, K: 0)

Auch auf Facebook oder Instagram geben Nutzer*innen durchaus ihren bürgerlichen Namen an. Sind die Daten, die Sie zitieren wollen, öffentlich, dürfen diese Klarnamen zitiert werden. Eine Orientierung bieten die Anonymisierungsregeln des Journal of Computer-Mediated-Communication (JCMC), die sich 2003 auf die Frage zur Anonymisierung von persönlichen Homepages beziehen.

Persönliche Homepages von prominenten Persönlichkeiten [dürfen] namentlich und mit Webadresse zitiert werden, „with respect to protecting the identity of individuals who are not notorious“ [müssen] inhaltliche Verweise auf sonstige persönliche Homepages anonymisiert werden. (Döring 2003: 241)

Das betrifft also Personen des öffentlichen Lebens (Politiker*innen, Schauspieler*innen, Musiker*innen, weitere bekannte Persönlichkeiten) oder Firmen, die das Soziale Netzwerk zu Werbezwecken nutzen, siehe Beispiel (1-6).

(1-6)

Nach einem grandiosen Auftakt gestern im ausverkauften Admiralspalast spiele ich heute „König Ödipus“ sowie morgen und übermorgen „Antigone“.

Für die beiden kommenden Termine gibt es noch Karten! (Fb, Bodo Wartke, 2019-10-3, 20:55, L: 145, K: 12)

Was im Hinblick auf Soziale-Netzwerk-Seiten als öffentlich gilt, wird derzeit diskutiert. So wird z. B. die Ansicht vertreten, dass in das Profil integrierte Teilen-Schaltflächen (auch Repin auf Pinterest, Retweet auf Twitter oder Teilen auf YouTube etc.) sogenannte „vorgefertigte Einwilligungserklärungen“ darstellen, vgl. die Erläuterungen von RA Schwenk auf (https://drschwenke.de/pinterest-und-die-rechtlichen-grenzen-beim-teilen-und-verlinken). Mit Blick auf Facebook ist jedoch zu sagen, dass solche Schaltflächen Bestandteil eines jeden Profils sind, dass es dadurch jedoch nicht automatisch als öffentlich betrachtet werden kann. Ein Indiz ist eher die Abonnieren-Schaltfläche, die auch Privatpersonen in ihr Profil integrieren und somit ihre Beiträge für eine potenzielle Öffentlichkeit freigeben. Sie dürfen ebenfalls – auch mit Rücksichtnahme auf etwaige Autorenrechte – kenntlich gemacht werden (siehe Beispiel 1-7), Kosten und Nutzen sind jedoch abzuwägen (siehe auch den folgenden Abschnitt zu Nicknames).

(1-7)

Ja, ja … es hätte so schön sein können, aber ich musste heute morgen als ich aufgewacht bin feststellen, dass mein Leben "Gott sei Dank" weitergeht. (Fb, Yvonne Balke, 2013-06-29)

Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob es sich um eine öffentlich zugängliche Seite handelt oder gar als Freund*in (z. B. bei Facebook) gelistet sind und deshalb Zugriff auf die sprachlichen Daten haben, empfehlen wir, den*die Profilurheber*in unkenntlich zu machen und Namen durch Kürzel zu ersetzen (siehe auch den folgenden Abschnitt zu Nicknames).

Gleichfalls ist das Profilbild unkenntlich zu machen oder gar nicht zu „zitieren“ (vgl. § 22 KunstUrhG), es sei denn, es ist Gegenstand einer theoretischen Betrachtung. Anderenfalls gilt das Kopieren als unerlaubtes Vervielfältigen.

Es kann jedoch nur in den Fällen, in denen dem*der Verfasser*in einer Arbeit eine Person bekannt ist, mit Sicherheit bestimmt werden, ob diese Person, identisch mit der Person ist, die auf dem Foto abgebildet ist und die das Foto hochgeladen hat, oder ob alle Personen, die auf einem Foto zu sehen sind, der Veröffentlichung bei Facebook (und anderen Sozialen Netzwerken) zugestimmt haben.

BildschirmfotosIn engem Zusammenhang damit steht auch die Frage, wie mit Bildschirmfotos (screenshots) zu verfahren ist, die zur Veranschaulichung in eine schriftliche Arbeit integriert werden sollen. Prüfen Sie bei Bildschirmfotos von privaten Sozialen-Netzwerk-Seiten, ob Ihre Fragestellung ein Bildschirmfoto wirklich notwendig macht. Genügt es beispielsweise nicht auch, die sprachlichen Belege abzutippen und als Beispiel in die Arbeit einzufügen? Falls nicht, sind Profilfotos und Klarnamen nicht in das Bildschirmfoto aufzunehmen, denn die Anonymisierung durch schwarze Balken (o. ä.) stellt bereits einen unerlaubten Eingriff in das Bild dar. Geben Sie in jedem Fall eine Quelle nach dem Muster eines Kurzverweises an und nehmen Sie die vollständige Quelle in Ihr Beispielverzeichnis auf. Bei Kommentaren auf YouTube gehört der Link zum Video, auf das sich der Kommentar bezieht, ins Beispielverzeichnis. Bildschirmfotos, die allein sprachliche Beispiele belegen, sind keine Abbildungen im ursprünglichen Sinn und bedürfen deshalb auch keiner für Abbildungen üblichen Beschriftung in der Form „Abb. XX: …“. Alle anderen Bildschirmfotos (um z. B. Text-Bild-Relationen o. ä. aufzuzeigen) sind wie Abbildungen zu behandeln und im Abbildungsverzeichnis mit vollständigen Quellen aufzuführen. Das heißt, dass bei öffentlich zugänglichen Seiten die gesamte URL anzugeben ist, bei beschränkt zugänglichen Seiten ein Kurzverweis, wie z. B. „privates Profil“.

IP in IP-Lizenz steht für „Intellectual Property“ und ist nicht mit IP in der im Sprachgebrauch üblichen IP-Adresse (= Internet Protocol) zu verwechseln.

Sie mögen nun einwenden, dass das Zitieren von Facebook-Daten unproblematischer nicht sein kann, erteilen doch alle Nutzer*innen mit der Registrierung bei Facebook „eine nicht-exklusive, übertragbare, unterlizenzierbare, gebührenfreie, weltweite Lizenz zur Nutzung jeglicher IP-Inhalte, die […] auf oder im Zusammenhang mit Facebook [gepostet werden] (‚IP-Lizenz‘)“ (vgl. Facebook 2017: Nutzungsbedingungen). Das heißt, dass Daten zwar nicht verändert werden dürfen, ansonsten aber der Nutzung (auch durch Dritte) zugestimmt wird. Das gilt auch für Instgram und für WhatsApp, wobei nicht klar ist, ob der letztgenannte Dienst nur Profilbilder oder alle gesendeten Fotos nutzt. Abgesehen davon, dass vielen Nutzer*innen diese Tatsache gar nicht bewusst ist, sollte das Vorgehen von Facebook (und der dazugehörigen Dienste Instagram und WhatsApp) auch aus wissenschaftsethischen Gründen nicht unterstützt und schon gar nicht kopiert werden.

NicknamesWie ist beim Zitieren mit sogenannten Nicknames zu verfahren? Nicknames sind Pseudonyme, die von Nutzer*innen verwendet werden, um eine gewisse AnonymitätAnonymität zu wahren, wenn sie im WWW aktiv werden. Sie waren insbesondere in Zeiten großer Chat-AktivitätChat von Bedeutung, erleben aber im Kontext von Instagram zum Beispiel eine Renaissance und kommen auch in Foren weiterhin zum Einsatz. Nicknames dienen auch der Generierung einer digitalen (zweiten?) Identität. Das bedeutet, dass Nutzer*innen durchaus intentional konsequent unter ein- und demselben Nickname online agieren. Seitdem sich das Web 2.0 etabliert hat, ist es oftmals mit nur geringem Aufwand (und entsprechendem Interesse) möglich, Nicknames bürgerliche Namen zuzuordnen. Unter einem Nickname getätigte Äußerungen können somit unter Umständen sehr schnell auf eine Person im wirklichen Leben zurückfallen und gerade bei kompromittierenden Beiträgen reale Konsequenzen (gefährdete Reputation, strafrechtliche Folgen etc.) nach sich ziehen. Damit werden datenschutzrechtliche Überlegungen zumindest motiviert. Wenn wir als Sprachwissenschaftler*innen also vor der Frage stehen, inwieweit ein Beitrag inklusive Nickname zitiert werden kann, sollten wir Kosten und Nutzen sorgfältig abwägen.

Aufgabe 1-2

Überlegen Sie, welche Informationen über Nicknames transportiert werden können und inwieweit diese für sprachwissenschaftliche Fragestellungen relevant sein könnten.

Unter Kosten fallen hier die eventuellen Nachteile, die für den*die Urheber*in eines Internetbeitrags entstehen können, wenn ihr Nickname genannt und allzu leicht dem bürgerlichen Namen zugeordnet werden kann. Unter Nutzen fassen wir den erwarteten wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn. Es ist beispielsweise unumgänglich, Nicknames zu zitieren, wenn sie selbst Gegenstand einer Untersuchung sind, beispielsweise im Hinblick auf ihre Semantik, Informationsdichte, Perspektivierung und in Relation zu den Inhalten der veröffentlichten Beiträge in einer entsprechenden kommunikativen Umgebung (vgl. dazu z.B. das Nicknames-Projekt von Schlobinski/Siever (2018) und Kolleg*innen).

So könnte untersucht werden, inwieweit der Fokus auf spezifische Charakteristika eines Nutzers/einer Nutzer*in gelenkt wird, wenn er*sie Nicknames wie longlegs oder blueeyes verwendet und in welcher Online-Umgebung das als angemessen akzeptiert wird. Gibt es zum Beispiel einen Unterschied, ob ein solcher Nickname in einem Flirtchat oder in einem politischen Kommentarbereich benutzt wird und welche Auswirkungen auf die Wahrnehmung und Akzeptanz des Beitragsinhalts könnte die Verwendung in der einen oder anderen Umgebung haben? Eine andere Fragestellung könnte z. B. Diskriminierungsstrategien in Kommentarbereichen thematisieren. Informationen, die zusätzlich zu den sprachlichen Äußerungen über den Nickname kodiert werden, könnten für die Analyse relevant sein. Wählt ein*e Nutzer*in etwa einen Nickname wie H.e.s.s. oder rotesocke veranlasst das zu Mutmaßungen hinsichtlich seiner*ihrer politischen Gesinnung und sollte bei der Analyse der Beiträge berücksichtigt werden.

Zusammengefasst sollten die folgenden Überlegungen in den Entscheidungsfindungsprozess (Nickname zitieren oder anonymisieren) einbezogen werden:

 Ist die Nennung der Nicknames relevant für die Forschungsfrage?

 In welcher (möglicherweise für die Person, die im Web unter dem Namen agiert, kompromittierenden) Umgebung taucht der Nickname auf?

 Wie leicht ist es, im spezifischen Fall anhand des Nicknames Rückschlüsse auf den Klarnamen einer Person zu ziehen?

Diese Fragen sollten Sie sich natürlich sowieso stellen, bevor Sie Klarnamen in Ihre Arbeit integrieren.

Sollten Sie sich im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit dafür entscheiden, Klarnamen oder Nicknames zu anonymisieren, sollte dies im gesamten Dokument konsequent geschehen. Für eine bessere Übersichtlichkeit können Klarnamen und Nicknames in der Datensammlung mit Zahlen oder Buchstabenkombinationen indiziert werden. Dabei ist darauf zu achten, dass ein- und der*dieselbe Urheber*in auch ein- und dasselbe Kürzel erhält. Besonders von Belang ist diese Vorgehensweise bei Fragestellungen, die beispielsweise dialogische Prozesse thematisieren. Eine Liste, auf der Nickname und Kürzel einander zugeordnet dargestellt sind, muss dem*der Verfasser*in einer wissenschaftlichen Arbeit selbstverständlich vorliegen. Bei der Anonymisierung von Klarnamen ist ebenso zu verfahren.

Datum und UhrzeitWichtig könnten auch die genauen zeitlichen Angaben sein, um die Diskursdynamik zu bestimmen. Wird beispielsweise sofort geantwortet oder erst am nächsten Tag? Wie reagieren andere auf den Beitrag und wie antwortet der*diejenige, der*die die Diskussion begonnen hat? Datum des eingestellten Beitrags und Uhrzeit (sofern nachvollziehbar und abhängig von der spezifischen linguistischen Fragestellung) sollten also in das KurzzitatKurzzitat (und auch die vollständige Quellenangabe im der Arbeit beigefügten Verzeichnis) übernommen werden. Die Reihenfolge der Angaben kann selbstständig festgelegt werden, sollte aber in der gesamten Arbeit einheitlich bleiben. Wir erachten eine Reihenfolge wie: Name des Portals/der Plattform/des Internetangebots, Nutzernamen oder Index für den Nutzernamen oder Nickname, Datum, Uhrzeit (wenn eruierbar) und ggf. Social-Media-Reaktionen als sinnvoll, siehe (1-8).

(1-8)

Luca: Jeder von euch war schon mal bei StarBucks.

Ich, 15, habe noch nie einen StarBucks Laden gesehen

(YT, Seranet, 2019-10-31, ca. 21:00, L: 0, DL:0)

Demographische Informationen, wie Geburtsjahr oder Geschlecht, die Nicknames oftmals enthalten, können zwar in eine korpusergänzendeKorpus Legende aufgenommen werden, sie sind jedoch keine verlässliche Grundlage für eine Daten-Auswertung im Hinblick auf bestimmte gesellschaftliche Gruppen.

Social-Media-ReaktionenInsbesondere beim Zitieren von sprachlichen Belegen von Sozialen-Netzwerk-Seiten stellt sich oftmals die Frage, inwiefern auch die Reaktionen auf einen Beitrag mit dokumentiert werden müssen. Wir erachten diese Angaben als zum jeweiligen Kommunikat zugehörig und empfehlen, diese in den Kurzverweis aufzunehmen. Gerade bei der seit 2016 erweiterten Facebook-Gefällt-mir-Funktion kann der Kurzverweis dabei rasch unübersichtlich werden. Abkürzungen für die jeweiligen Funktionen sind daher ratsam. Für Kommentare, die sowohl bei Twitter, Facebook, Instagram oder YouTube jeweils Reaktionen auf einen Initialbeitrag (Tweet, Statusmeldung etc.) darstellen, schlagen wir als Abkürzung das „K“ vor. Für die Teilen-Funktion (Retweet, Teilen) schlagen wir ein „T“ vor. Eine Positiv-Evaluation (Favorisierung, gefällt mir, Herzsymbol oder auch Daumen hoch) kann mit einem „L“ gekennzeichnet sein, die seit 2016 erweiterte Facebook-gefällt-mir-Option kann entsprechend mit einem „Lo“ für „Love“ oder „Liebe“, einem „Ü“ für „Überraschung“, einem „W“ für „Wut“, einem „Tr“ für „Trauer“ oder „Traurigkeit“ ergänzt werden, siehe (1-9). Bei YouTube gibt es auch eine Dislike-Funktion, die mit „DL“ abgekürzt werden kann, siehe Beispiel (1-8).

(1-9)

Wir sind im RADIO! Ein kleiner Beitrag auf BR24. Morgen um 6:20 auf B5 oder jetzt schon hier

www.br.de/…/trauerbewaeltigung-im-internet-wenn-sch…

(Fb, 22monate, 2019-10-31, L: 46 (davon Tr:1, Lo: 18) T:1, K: 0)

Die Social-Media-Reaktionen sind natürlich eine sehr dynamische Größe. Im Beispielverzeichnis sollten deshalb auch Datum und Uhrzeit der Dokumentation notiert werden. In diesem Fall sind solche Angaben sehr hilfreich. In anderen Fällen haben diese Angaben wenig Aussagekraft, wir kommen darauf in Kap. 1.5 zurück.

1.3.2 So zitiert man wissenschaftliche Publikationen

Für das Zitieren von wissenschaftlichen Publikationen, die im WWW veröffentlicht sind, gilt die etablierte Kurzform „Zitatbeginn … Zitatende“ (Autor*innen Publikationsjahr: Seitenzahl/en). Bei PDF-Dokumenten ist das sehr gut zu bewerkstelligen. HTML-Dokumente hingegen enthalten keine Seitenzahlen. Stattdessen definieren manche Seitenbetreiber sogenannte Sprungmarker (auch Anker, Links). Diese können auch den Rezipient*innen Ihrer Arbeit als Orientierung dienen und sollten anstelle der Seitenzahlen in die Kurzform eingefügt werden, Beispiel (1-10).

(1-10)

„Kookkurrenzen oder auch KollokationenKollokationen sind Gruppen von Wörtern, die häufiger zusammen auftreten, als dass es rein zufällig sein könnte.“ (Bubenhofer 2011: Kookkurrenzen)

Sind keine Anker vorhanden, wird in der Kurzform im Fließtext auf eine spezifizierende Angabe verzichtet, Beispiel (1-11).

(1-11)

„Das tut Schrift ja immer: persönliche (face-to-face) Kommunikation einfrieren und unabhängig von Raum und Zeit ermöglichen. Schrift, zumal Handschrift, ist aber immer auch Bild.“ (Schmitz 2003)

In der Bibliographie sähe der Eintrag dann so aus:

Schmitz, U. (2003): Sommer liegt in der Luft. Text-Bild-Lektüre im Deutschunterricht. linse. http://www.linse.uni-due.de/publikationenliste/articles/sommer-liegt-in-der-luft-text-bild-lektuere-im-deutschunterricht.html

Allerdings ist dieser Artikel 2004 unter dem Titel „Bildung für Bilder. Text-Bild-Lektüre im Deutschunterricht“ in dem von J. Hartmut und P. Josting herausgegebenen Sammelband „Ästhetik –Medien – Deutschunterricht. Jutta Wermke zum 60. Geburtstag gewidmet“ im Münchener kopead-Verlag erschienen. Deshalb kann in diesem Fall der zitierte Textausschnitt entsprechend präziser der Druckfassung entnommen und gemäß den üblichen Regeln zitiert werden: Schmitz, U. (2004): Bildung für Bilder. Text-Bild-Lektüre im Deutschunterricht. In: Hartmut, J./Josting, P. (Hrsg.) (2004): Ästhetik –Medien – Deutschunterricht. Jutta Wermke zum 60. Geburtstag gewidmet. München: kopaed, 219–232.

Generell gilt: Lässt sich der*die Autor*in einer Online-Publikation (oder auch der Betreiber einer Internetseite) nicht ermitteln, ist diese Publikation als wissenschaftliche Quelle nicht zitierfähig. Fehlende Jahresangaben oder Seitenzahlen sollten durch Vermerke wie o. J. (ohne Jahr) oder o. A. (ohne Angabe) – auch in der Bibliographie – vermerkt werden. Publikationen jedoch, für die sich diese Angaben nicht ermitteln lassen, sind genauestens auf ihre Ziterfähigkeit aber auch auf ihre Relevanz zu prüfen.

1.4 Onlinedaten erheben – Durchaus eine Herausforderung

Angesichts der Fülle an Daten, die sekündlich im WWW generiert werden, mag es paradox erscheinen, dass die Datenerhebung eine wirkliche Herausforderung darstellt. Diese besteht darin, die benötigten und für die aktuelle Forschungsfrage relevanten Daten zu finden, sie müssen dabei reliabel und reproduzierbar sein und einen systematischen Bezug zur Sprachwirklichkeit haben (vgl. Bickel 2006). Im folgenden Abschnitt werden verschiedene Wege der Datenerhebung, wie Korpusgenerierung, Einsatz von Fragebögen, Flyern oder Keyloggern, auf ihre Anwendbarkeit für die Internetlinguistik geprüft.

1.4.1 WWW = Korpus?

Korpora, die natürlichsprachliche Daten enthalten, ermöglichen eine Beobachtung authentischen Sprachverhaltens. Hierbei kann es sich um Sprachmaterial handeln, das mündlich entsteht und verschriftlicht wird (private oder öffentliche Gespräche) oder das bereits schriftlich fixiert vorliegt (Zeitungsartikel, Webtexte).

Ein Korpus zu erstellen, ist eine sehr aufwändige Arbeit, die das zeitliche und finanzielle Budget innerhalb von Forschungsprojekten durchaus übersteigen kann. Führt man sich die Anforderungen, die ein Korpus erfüllen muss, vor Augen, könnte man zu dem Schluss gelangen, dass sich die Erstellung eines umfangreichen Daten-Korpus gar nicht in den Rahmen einer Hausarbeit einpassen ließe.

Korpora sind umfangreiche Sammlungen gesprochener und geschriebener Texte, die

 mit Blick auf spezifische Erkenntnisinteressen oder Anwendungsszenarien zusammengestellt wurden, um möglichst alle charakteristischen Eigenschaften des betreffenden Sprachausschnittes abzubilden;

 in einer Größenordnung von meist mehreren Millionen Textwörtern vorliegen;

 normalerweise elektronisch verfügbar und maschinenlesbar sind;

 in der Regel nur sinnvoll unter Einsatz von Computern, typischerweise mittels statistischer Verfahren, untersucht und analysiert werden können. (Paprotté 2002: 366)

Auch Texte, die online erschienen sind, sind inzwischen in Korpora erfasst worden. Das Didi-Korpus beispielsweise (DiDi = „Digital Natives – Digital Immigrants. Schreiben auf Social Network Sites“) basiert auf Datenspenden von 136 Nutzer*innen. Es umfasst etwa 650.000 Tokens und setzt sich aus 11.102 Facebook-Status-Meldungen, 6.507 Pinnwand-Kommentaren und 22.218 Chat-Nachrichten zusammen. Diese sind für Nutzer*innen frei zugänglich, die eine Vertraulichkeitsvereinbarung unterzeichnen.

Das Korpus deWac ist Teil eines Projektes, das unter dem Namen WaCky von Linguist*innen und Fachinformatiker*innen initiiert wurde. Es wurde über Suchanfragen aus Webseiten der de-Domäne zusammengestellt und enthält 1,7 Milliarden Wörter, die nach Wortarten erfasst und gekennzeichnet (POS-tagged) sowie lemmatisiert (verstichwortet) wurden. Das Korpus kann nach einer Anmeldung per E-Mail auf den eigenen Rechner geladen werden. Auch für andere Sprachen sind nach diesem Muster Korpora generiert worden.

Das Dortmunder Chatkorpus beinhaltet Chats aus den Handlungsbereichen Freizeit, Beratung, Medien und Lehr-/Lernkontexten und ist sowohl für linguistische als auch für sprachdidaktische Zwecke geeignet (siehe Beißwenger 2013). Es umfasst 478 Chat-Mitschnitte (140.240 Nutzerbeiträge, 1,06 Millionen Token), die in den Jahren 2002–2008 zusammengestellt und nach Äußerungsbeiträgen, Zuschreibungsbeiträgen und Systemmeldungen annotiert wurden. Die Suche nach Emoticons, Ausdrücken in Asterisken oder @-Adressierungen ist mit Hilfe eines Java-basierten Suchwerkzeuges möglich. Ein Releasekorpus mit 385 Dokumenten (59.876 Chat-Beiträgen bzw. 551.762 lfd. Wortformen) ist frei verfügbar. Die Beiträge sind ebenfalls grob nach inhaltlichen (und technologischen) Kriterien annotiert: Äußerungsbeiträge werden von Zuschreibungsbeiträgen und Systemmeldungen unterschieden. Bei Äußerungsbeiträgen handelt es sich um Eingaben in das Texteingabefeld, wie z. B.: Hallo ruebennase, wieso langweilst du dich?. In Zuschreibungsbeiträgen referieren Chatter*innen zumeist in der 3. Person auf sich selbst oder das Chat-GeschehenChat, indem sie die Eingabe durch ein Codesegment so modifizieren, dass ein Platzhalter für die Namen der Teilnehmer*innen entsteht, der dann durch das System eingesetzt wird, wie z. B. ruebennase langweilt sich immer noch … Systemmeldungen machen technische Funktionen, wie einloggen, ausloggen etc., sichtbar, sie werden vom Server erzeugt, wie z. B. rübennase betritt den Raum. (vgl. zum gesamten Abschnitt Beißwenger 2013a).

Daten aus der Alltagskommunikation mittels elektronischer Kurznachrichten liegen in der MoCoDa (Mobile Communication Database) vor. Die derzeit 2.206 Dialoge (19.224 Nachrichten, 1.063.531 Zeichen) sind im vertrauten mehrfarbigen für mobile Messengerdienste typischen Layout abgebildet. Metadaten wie Alter, Geschlecht, Bildungsgrad, Standort, Tarif, Eingabemodus, Beziehung der Schreiber*innen zueinander, ergänzende Informationen zum Dialog, Eingabeart/-medium und der Modus, wie die Daten eingestellt worden sind, werden zum jeweils aufgerufenen Dialog angezeigt. Besonders benutzerfreundlich ist, dass die Dialoge inhaltlich verstichwortet sind, so dass eine Suche durchgeführt werden kann. Das KorpusKorpus kann für die Forschung und Lehre genutzt werden. Es ist lediglich ein Passwort notwendig, dass via E-Mail bei Wolfgang Imo (Universität Hamburg) erfragt werden kann.

Gerade im Entstehen befindet sich die MoCoDa2. Diese Datenbank ist – wie der Name schon nahelegt – eine Erweiterung der MoCoDa. Ende 2019 verfügte die Datenbank über 367 Chats, 31.811 Nachrichten, 247.587 Tokens und damit 1.021.704 Zeichen. Zu Erweiterung der Datenbasis werden fortlaufend Datenspenden gesammelt. Ein Video zur Anleitung ist unter der folgenden Adresse verfügbar: https://db.mocoda2.de/#/c/home.

Vorstellen möchten wir auch das Projekt What’s up Switzerland. Im Rahmen dieses Projekts wurde 2014 eine große WhatsApp-Datenbasis erstellt (ca. 617 Chats, ca. 750.000 Nachrichten, ca. 5,5Mio. Tokens und 350.000 Emojis). Es gibt auch ein Satellitenprojekt What’s up Deutschland. Aus dem Projekt gingen nicht nur zahlreiche Publikationen hervor. Die Forscher*innen sind derzeit zudem dabei, die Datenbasis für die sprachwissenschaftliche Forschung aufzubereiten, die voraussichtlich ab März 2020 verfügbar sein wird.

Eine Sammlung mit etwa 1.500 SMS von Schülern und Schülerinnen und Studierenden der Universitäten Osnabrück und Hannover kann als pdf-Datei von der Seite mediensprache.net heruntergeladen werden. Dialogische Sequenzen finden sich hier nicht, aber Angaben zum Geschlecht und dem Alter der Autor*innen.

Ein aus neun Teilkorpora bestehendes Wikipedia-Korpus ist über das Portal und Recherchesystem COSMASII des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache Mannheim unter den Bedingungen der CC-BY-SA-Lizenz nutzbar. Es umfasst Artikelseiten aus den Jahren 2013, 2015 und 2017 im Umfang von 3.160.142.331 Textwörtern, Diskussionsseiten der Jahre 2013, 2015 und 2017 im Umfang von 733.809.373 Textwörtern und Nutzerdiskussionen aus den Jahren 2015 und 2017 im Umfang von 612.561.557 Textwörtern.

Weblogs und Kommentare sind in das BBAW-Korpus zum Projekt „Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache“ (DWDS) integriert (Barbaresi/Würzner 2014). Mit Hilfe des Fußballlinguistik-Korpus von Simon Meier (TU Dresden) können 290 Taktikanalysen der Taktikblogs niemalsallein.de und halbfeldflanke.de untersucht werden. Darüber hinaus bietet das Korpus derzeit ein umfangreiches mehrsprachiges vollannotiertes Repertoire an Liveticker-Daten, Spielberichten und Taktikanalysen aus den Jahren 2006 bis 2017 (31,5 Mio. Tokens). Das Korpus kann nach einer unkomplizierten Registrierung kostenlos genutzt werden (Meier 2017).

Unter https://www.youtube.com/user/CLARINGermany kann man sich über die CLARIN-D-Infrastruktur für die sprachbasierte Forschung in den Geistes- und Sozialwissenschaften informieren. Empfohlen seien auch die CLARIN-D-YouTube-Tutorials. In kurzen Videos werden hier Schritt-für-Schritt-Anleitungen zur Nutzung von Korpora, digitalen Werkzeugen und Webservices gegeben.

Mini-Glossar Korpuslinguistik

annotieren: zusätzlich zu den sprachlichen Daten innerhalb einer Datenbank werden sprachwissenschaftlich relevante Daten gespeichert, z. B. Wortarten (‚taggingtagging‘) oder die syntaktische Struktur bei komplexen Äußerungen (‚parsing‘). Das ist ein mühsamer manueller Vorgang, der deshalb häufig von automatischen Verfahren übernommen wird. Diese sind wiederum sehr fehleranfällig, so dass eine manuelle Nachbearbeitung notwendig ist.

lemmatisieren: die einem Lexem zugehörige unflektierte Grundform wird notiert, z. B. für das Lexem ging das Lemma gehen oder für Räume das Lemma Raum.

KonkordanzKonkordanz: Liste von Kotexten für ein Schlüssel-Lexem

Bruchpilot in: „Die Bilanz von Bruchpilot Wowereit“ (n-tv.de, 2013-03-19); „Streicht dem Bruchpiloten Wowereit die Pension“ (berliner-kurier.de, 2012-07-21); „Bruchpilot Wowereit tauft den A380“ (bz.de, 2012-05-22); „Die Nähe zur Partei wurde der Zeitung jedoch spätestens mit dem Grounding der Swissair und ihrer [sic!] freisinnigen Bruchpiloten zum Verhängnis“ (zeit.de, 2010-04-08)

KollokationKollokationen: Ausdruck aus mehreren Wörtern mit (statistisch) starkem Zusammenhalt

auf Nummer sicher gehen in: „Die Flughafenplaner wollen auf Nummer sicher gehen: Die endgültige Entscheidung für den Termin werde der Aufsichtsrat nun voraussichtlich erst im August fällen, erklärte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit als Chef des Kontrollgremiums.“ (spiegel.de, 2012-06-22)

Part-of-speech-Tagging (POS-tagging): regelbasiertes Etikettieren von Token im KorpusKorpus mit entsprechenden Wortarten

In/PRÄP Berlin/N sprach/VFIN man/PRONINDEF über/PRÄP den/ART Rücktritt/N von/PRÄP Klaus/EIGENN Wowereit/EIGENN1.

TokenToken: Kleinste Einheit in einem Korpus. Über die Anzahl der Tokens wird die Korpusgröße bestimmt.

Von1 Anfang2 an3 war4 der5 massive6 politische7 Einfluss8 von9 Wowereit10 und11 Platzeck12 das13 Todesurteil14 für15 das16 Bauprojekt17 an18 Berlins19 Stadtrand20.

TypeType: Identische Tokens in einem KorpusKorpus. Über die Anzahl der Types wird die Vokabelgröße bestimmt.

Von1 Anfang2 an3 war4 der5 massive6 politische7 Einfluss8 von Wowereit9 und10 Platzeck11 das12 Todesurteil13 für14 das Bauprojekt15 an Berlins16 Stadtrand17.

Ausgewählte Korpora im Überblick

DiDi-Korpus: https://commul.eurac.edu/annis/didi

deWac: http://wacky.sslmit.unibo.it/doku.php?id=corpora

Chat-Korpus: www.chatkorpus.tu-dortmund.de

MoCoDa: https://mocoda.spracheinteraktion.de

MoCoDa2: https://db.mocoda2.de/#/c/home

SMS: www.mediensprache.net/archiv/corpora/sms_os_h.pdf

Wikipedia: https://cosmas2.ids-mannheim.de/cosmas2-web/

Blogs und Webkorpus: www.dwds.de/d/k-spezial#blogs Liveticker und Blogs: https://fussballlinguistik.linguistik.tu-berlin.de

Aufgabe 1-3

Welche Schwierigkeiten können sich bei der Arbeit mit bereits bestehenden Korpora ergeben?

Mit bestehenden, annotierten Korpora zu arbeiten, birgt durchaus Nachteile, insbesondere wenn man die Linguistik als Wissenschaft auffasst, die „regelmäßige Beziehungen zwischen sprachlichen Formen und kommunikativen Funktionen beschreiben will“ (Consten 2014). So können bei der Annotation nicht nur formale Zuordnungsfehler entstehen. Wenn es den Personen, die annotieren, nicht gelingt, eine Äußerung ohne eigene Interpretation, in eine vorgegebene Maske einzupassen, kann das Datenmaterial gar verfälscht werden. Die Interpretation wiederum ist ein natürlicher mit dem Verstehen von Text verbundener Prozess (vgl. Consten 2014 und auch Kapitel 4.3.1). Unter anderem darin liegt die Ursache, dass sich selbst aufwändig generierten und annotierten Korpora keine Antworten auf spezifische Fragen, wie „die Funktion syntaktischer Satzmodi als Marker für Sprechakttypen, die informationsstrukturierende Wirkung von Wortstellungsvariationen, die semantisch-logisch kaum beschreibbare Bedeutung mancher Modalpartikeln [oder] der referenzsemantische Effekt von Definitheit“ (Consten 2014) entnehmen lassen. Auch intentionale Normabweichungen lassen sich z. B. nur schwer von Fehlern abgrenzen. Unmöglich ist es zudem, vom Nicht-Vorkommen eines Phänomens im Korpus auf ein generelles Nicht-Vorkommen im Sprachgebrauch zu schließen (Schlobinski 2011: 133 f.).

Unabhängig davon, ob man nun explorativ vorgehen oder einer Hypothese nachgehen möchte, ist es also durchaus ratsam, selbst Daten zu erheben und zu einem Korpus zusammenzustellen. Nicht zuletzt aus forschungspraktischen Erwägungen (Kosten- und Ressourcenersparnis) drängt sich die Frage auf, inwieweit nicht auch das gesamte WWW als Korpus genutzt und entsprechend ausgewertet werden kann.

Exploratives Vorgehen dient dem Abstecken eines Forschungsfeldes und soll zu Hypothesen führen.

Das World Wide Web verfügt über eine unüberschaubare Datenmenge, die frei verfügbar und leicht zugänglich ist. Zudem entfällt ein mühsames Transkribieren, weil sie bereits in schriftlicher Form vorliegen. Theoretisch kann das WWW also für alle möglichen sprachwissenschaftlichen Forschungsfragen genutzt werden. Die Texte sind jedoch zumeist in Dokumente eingebettet, die weitere Kodierungen aufweisen (Menüführungen, Werbung, sog. Boilerplates usw.), vgl. Schulte im Walde/Zinsmeister (2006).

Boilerplates sind gleichbleibende (Text-)Elemente.

Zudem sind oftmals keine Meta-Informationen verfügbar. Wer ist beispielsweise der*die Autor*in eines Textes? Wie sind seine*ihre Sprachkompetenzen einzuschätzen? Zu berücksichtigen ist auch, welche Sprache im Web vorherrschend ist und ob das Web überhaupt repräsentativ ist für den Sprachgebrauch, den man untersuchen möchte. Damit einher geht die Frage nach den Textsorten, die im Web vorkommen (siehe auch Kapitel 5.4, vgl. auch Bubenhofer 2011). Auch die rechtlichen Grundlagen erschweren die Anwendung des WWW als Korpus.

Aufgabe 1-4

Geben Sie in drei Suchmaschinen Ihrer Wahl das Stichwort Persuasion ein. Welche Ergebnisse erhalten Sie?

Problematisch ist zudem, dass die Suchmaschinen nicht die Funktionalitäten aufweisen, die für sprachwissenschaftliche Zwecke vonnöten sind. Die Defizite im Hinblick auf die Abfragesprache, die Annotationen, die Repräsentativität der erfassten Webseiten und Intransparenz beim Indizieren und Ranking werden bei Bubenhofer (2011) erläutert und werden hier zusammengefasst wiedergegeben:

 „beschränkte Abfragesprache: Es ist […] nicht möglich, mit Auslassungszeichen zu arbeiten, also „reguläre Ausdrücke“ zu verwenden. Normalerweise beherrscht eine Abfragesprache (z. B. in Datenbanken) spezielle Zeichen wie *, + oder ?, um einen oder mehrere Buchstaben offen zu lassen. Möchte man z. B. alle Flexionsformen und Komposita des Wortes ‚Hund‘ finden, kann man nicht einfach ‚Hund*‘ eingeben und findet dann auch ‚Hundegebell‘ oder ‚Hunde‘.“

 Fehlende Annotationen: „die indizierten Webseiten [sind] nicht linguistisch annotiert. Man kann also nicht einfach so nach Präpositionalphrasen oder nach Adjektiv-Nomen-Konstruktionen suchen.

 Repräsentativität der erfassten Webseiten: „[…] eine Suchmaschine [kann] mit ihrem Webcrawler nicht alle verfügbaren Webseiten erfassen. Es bleibt ein sog. ‚deep web‘ […], das aus Webseiten besteht, die von Suchmaschinen aus technischen Gründen nicht gefunden werden können. Dazu gehören z. B. viele Datenbanken […] geschützte oder schlicht nicht verlinkte Seiten. Das […] ‚deep web‘ soll 500 Mal grösser sein [als das für Suchmaschinen sichtbare Web]. Zudem ist es möglich, dass ein Suchmaschinenbetreiber gewisse Seiten absichtlich sperrt, oder dass er aus politischen Gründen dazu gezwungen wird. [Die] Menge der indizierten Seiten [verändert sich] ständig. Möchte man z. B. Trefferzahlen vergleichen, muss das möglichst zum gleichen Zeitpunkt geschehen, da sich ansonsten die Grundgesamtheit der indizierten Dokumente bereits wieder verändert hat.“

 Intransparenz im Hinblick auf das Indizieren und Ranking: „Suchmaschinen [legen nicht offen], nach welchen Kriterien die Webseiten genau indiziert werden und wie das Ranking funktioniert.“ (Bubenhofer 2011: Probleme)

Aufgabe 1-5

Für welche Art von sprachwissenschaftlichen Forschungsfragen eignet sich die Recherche im WWW? Formulieren Sie drei Hypothesen.

Linguistische Forschungsbereiche, in denen die Suche im WWW gewinnbringend eingesetzt werden kann, sind z. B. die Lexikographie, Semantik, Syntax, Maschinelle Übersetzung (vgl. Volk 2002, gelistet bei Bubenhofer 2011: Anwendungen) oder Varietätenlinguistik (Bickel 2006). Es kann demnach aufschlussreich sein, im WWW zu prüfen, ob spezifische Lexeme oder Phrasen in verschiedenen deutschsprachigen Domänen (.at vs. .ch vs. .de, vgl. Bickel 2006) vorkommen oder auch in welchen KollokationenKollokationen. Es lassen sich auch Aussagen über die Bedeutung von Mehrwortsequenzen ableiten.

QuantitativeQuantitativ Auswertungen von Daten im WWW sind deshalb nicht sinnvoll, weil die Grundgesamtheit der im WWW existierenden Dokumente nicht bestimmt werden kann. Wenn statistische Aussagen denn unbedingt gewünscht sind, sollte ein Korpus erstellt werden, das aus aus dem WWW geladenen Seiten besteht, und den Vorteil hat, dass ihre Anzahl und die Anzahl spezifischer fokussierter Phänomene genau angegeben werden können (vgl. Korpusintitiative WaCky). Wichtig ist aber, dass bei allen Aussagen über die Korpusdaten deutlich gemacht wird, dass sie nur auf die Daten innerhalb des Korpus zutreffen und nicht allgemeingültig sind.

1.4.2 DIY: Eine Datensammlung selbst generieren

Aufgabe 1-6

Sie haben die Aufgabe, aktuelle Konzeptualisierungen von WISSENSCHAFTSBETRUG am Beispiel von Metaphern zu untersuchen. Erstellen Sie ein Korpus, auf dessen Grundlage Sie Aussagen über die Verwendung von Metaphern mit Bezug auf Plagiatsaffairen in der Internet-Berichterstattung im Zeitraum Februar 2011 bis März 2013 machen können. Beschreiben Sie Ihre Vorüberlegungen. Wie gehen Sie bei der Korpuserstellung vor, wie bereiten Sie Ihre Daten für die Auswertung auf?

Wie könnte man nun beim Anlegen einer Datensammlung vorgehen? Eine altmodische aber doch bewährte Methode, Daten aus dem WWW zusammenzustellen, ist das copy- und paste-Verfahren. Es verlangt schlicht keinerlei informatisches Vorwissen. Hierbei werden die Daten auf der entsprechenden Internetseite markiert, kopiert und in ein Word-Dokument integriert.

Der Vorteil an diesem Verfahren ist, dass die Daten unproblematisch in verschiedenen Formaten abgespeichert werden können. Für manche KonkordanzprogrammeKonkordanz ist beispielsweise die Umwandlung in txt-Dateien nötig. Dabei sollten immer auch die Quelle, von der die Daten stammen, das Datum der Veröffentlichung, das Datum der letzten Aktualisierung der Seite (wenn eruierbar) und das Zugriffsdatum notiert werden. Am unkompliziertesten lassen sich all diese Angaben in einem Bildschirmfoto zusammenfassen, das zusätzlich immer mit abgespeichert werden sollte.

Ein Konkordanzprogramm ist dabei behilflich, spezifische Wörter und deren unmittelbaren Kontext herauszufiltern. Es ermöglicht außerdem die Erstellung von Wortlisten und einfache statistische Rechnungen.

KWiC: Key word in context (Schlüssel-Lexem in einem spezifischen Kontext)

Es gibt eine Reihe derartiger Programme/Werkzeuge, die auch im WWW zur Verfügung stehen, als Beispiele seien hier antconc, Glossanet, NotaBene, Conc 1.8 für Macintosh oder KWiCFinder genannt. Eine ausführliche Beschreibung zur Anwendung von antconc gibt Bubenhofer unter:

www.bubenhofer.com/korpuslinguistik/kurs/index.php?id=eigenes_AntConc.html

Das Abspeichern kompletter Webseiten (mit dem Browser Firefox z. B. spielend leicht zu bewerkstelligen, indem beispielsweise einfach über die geläufige Tasten-Kombination Strg + S unter Dateityp „Webseite, komplett“ gewählt wird) ist eine sinnvolle Ergänzung, wenn die Architektur der Seite für Text-Bildrelationsanalysen nachvollziehbar bleiben soll.

Je nach angestrebter Korpus-Größe und Fragestellung ist für die Datensammlung ein längerer Zeitraum zu veranschlagen. Es ist deshalb wichtig, den Aufbau systematisch anzugehen. Das heißt, dass Worddokumente oder auch Bilddateien mit einem nachvollziehbaren Dateinamen versehen und in einer rekonstruierbaren Ordnerstruktur abgespeichert werden sollten. Auch die Ordner sollten Namen erhalten, deren Sinn sich auch nach Monaten noch erschließt. Als Bestandteile für Dokumentnamen eignen sich ein Kürzel für die Quelle des Belegs, das Erscheinungsdatum, ein Verweis auf die Textsorte und/oder ein inhaltlicher Hinweis.

Angewendet auf die obige Aufgabe wäre es z. B. möglich, das Online-Medien-Spektrum darüber abzudecken, dass Beiträge aus Boulevardzeitungen (bild.de) mit Beiträgen aus Tages- (sueddeutsche.de, faz.net) oder Wochenzeitungen (spiegel.de, zeit.de) verglichen werden. Ebenso können politisch eher links gerichtete (z. B. taz.de), eher konsverative (welt.de) und in etwa neutrale Online-Publikationen (berliner-zeitung.de) ausgewählt werden.

Es liegt nahe, unter den Stichwörtern „Karl Theodor zu Guttenberg“, „Silvana Koch-Mehrin“, „Annette Schavan“ oder „Plagiat“, „Plagiatsaffaire“ usw. nach Artikeln zu suchen, die im Zeitraum Februar 2011 bis März 2013 erschienen sind, diese sind entsprechend abzuspeichern.

Dazu könnten Ordner angelegt werden, die nach den Online-Medien benannt sind. Je nachdem, wieviele Texte gefunden werden, können Unterordner angelegt werden, für die verschiedene Ordnungen vorstellbar sind, z. B. Textsorten (Reportage, Nachricht, Kommentar, Leitartikel, Glosse) oder auch Erscheinungsmonate. Im vorliegenden Fall wäre es auch denkbar, Ordner anzulegen, die entsprechend der Phasen der Aberkennung des Doktortitels bezeichnet sind, beispielsweise: Beginn der öffentlichen Debatte, Prüfverfahren, Aberkennung, Rücktritt. Abhängig von der Länge der Texte ist zu entscheiden, ob ein Textdokument pro Beitrag angelegt werden kann. Es ist nicht sonderlich zweckmäßig, eine Reihe von längeren Artikeln in einem Word-Dokument abzuspeichern. Kommentare von Nutzer*innen sind nicht nur viel kürzer, oftmals referieren Nutzer*innen innerhalb der Kommentarbereiche aufeinander, so dass es hier günstig erscheint, mehrere Kommentare in einem Textdokument zusammenzufassen. Es hat sich bewährt, bereits in die Dokumentennamen auch Nummerierungen aufzunehmen. Der achte Leitartikel (art) in der Sammlung, der beispielsweise in der Berliner Zeitung (bz) am 11.2.2013 erschienen ist und die Nachfolge des Bildungsministerposten zum Thema hat, könnte den Dokumentennamen 8_bz_11.2.13_art_wanka erhalten und würde im Ordner ‚Rücktritt‘ abgelegt.

Möglicherweise eleganter, aber gleichzeitig auch aufwendiger und an mehr informationstechnologisches Vorwissen geknüpft, ist die Eingabe und Verwaltung der Korpusdaten über eine Datenbank. Die einfachste Möglichkeit einen Import in eine Datenbank vorzubereiten ist die systematische Eingabe der Texte in Felder einer (Excel-)Tabelle. Das soll an einem Beispiel veranschaulicht werden (siehe Tabelle 1-1, angelehnt an das Muster auf www.bubenhofer.com).


Text 1 Text 2 Text 3
Quelle www.sueddeutsche.de
Datum 16. Februar 2011
Autor/en Roland Preuß, Tanjev Schultz
Überschrift Plagiatsvorwurf gegen Verteidigungsminister/Guttenberg soll bei Doktorarbeit abgeschrieben haben
Untertitel 1 Verteidigungsminister Guttenberg muss sich gegen Vorwürfe wehren, er habe bei seiner Doktorarbeit getäuscht. Nach SZ-Informationen gibt es in seiner Dissertation einige Passagen, die er ohne Angabe von Quellen wörtlich zitiert. Nach den jüngsten Bundeswehrskandalen wird Dr. Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg nun neue Kämpfe ausfechten müssen.
Untertitel 2 Die Doktorarbeit sei an mehreren Stellen "ein dreistes Plagiat" und "eine Täuschung", sagte der Bremer Juraprofessor Andreas Fischer-Lescano, der die Parallelen mit anderen Texten bei einer Routineprüfung entdeckt hat. Fischer-Lescano lehrt an der Universität Bremen Öffentliches Recht, Europa- und Völkerrecht. […]
Zwischentitel „Ungewöhnliche Verkettung von Glücksfällen“
Text Es war offenbar nicht einfach für Karl-Theodor zu Guttenberg, seine Doktorarbeit zu vollenden, das macht er im Vorwort klar. Günstige Momente zur Fertigstellung habe er "durch freiberufliche wie später parlamentarische 'Ablenkung' versäumt". Der CSU-Politiker verweist auf eine Mischung aus "eherner professoraler Geduld" und "sanftem, aber unerbittlichem familiären Druck", der das Projekt doch noch zum Abschluss führte. "Diese Arbeit entspringt einer ungewöhnlichen Verkettung von Glücksfällen." […]
Rubrik Politik
Quelle www.sueddeutsche.de/politik/plagiatsvorwurf-gegen-verteidigungsminister-guttenberg-soll-bei-doktorarbeit-abgeschrieben-haben-1.1060774

Tab. 1-1:

Vorschlag für eine Systematisierung von Korpustexten in einer Excel-Tabelle

Sind die Daten so gespeichert, lassen sie sich am einfachsten über den Datei-Explorer durchsuchen. Je größer die Datensammlung jedoch wird, desto günstiger ist der Import in geeignete relationale Datenbanksysteme, z. B. Access, Filemaker oder Oracle.

Excel-Tabellen lassen sich unter „speichern unter“ im CSV-Format abspeichern. CSV ist die Abk. für comma separated value, die Werte in der Tabelle werden also in eine Liste übertragen und dadurch importfähig.

Das Grundgerüst der Datenbank kann ähnlich strukturiert sein wie die vorbereitete Tabelle. Um einen Datenimport aus der Excel-Tabelle beispielsweise vornehmen zu können, werden oftmals sogenannte CSV-Dateien eingesetzt, die die Angaben in der Tabelle in einen importfähigen Datensatz übersetzen. Zudem müssen beim Einsatz von Datenbanksystemen Ein- und Ausgabemasken sowie Auswerteprogramme, sog. Reports, programmiert werden – eine Aufgabe, die ohne EDV-Kenntnisse schwer zu bewerkstelligen ist.

Es ist auch möglich, Korpora mit sogenannten Scrapern aufbauen. Grundkenntnisse im Programmieren, z.B. mit Python, sind hierbei von Vorteil.

Für Studierende ist erfahrungsgemäß die Angabe einer Mindestgröße für eine Belegsammlung von großer Bedeutung. Mit Schlobinski (2011: 133) könnte man dieser Frage folgendermaßen begegnen: „Gegenüber Aussagen, die allein auf der Grundlage der Introspektion gewonnen wurden und somit eine Einerstichprobe darstellen, ist jede auch noch so schmale Datenbasis ein Gewinn. Auf der anderen Seite sollte man generell vorsichtig sein, wenn aufgrund weniger Belege Aussagen über Sprachen oder gar Sprachfamilien getroffen werden, die von Hunderten, Tausenden oder gar Hunderttausenden gesprochen werden“ (Schlobinksi 2011: 133). Es gibt aber auch Ansichten wie: „Kein Korpus ist groß genug, um die Diversität der Daten im Hinblick auf Parameter wie Medium, Thematik, Stilebene, Genre, Textsorte, soziale, areale, dialektale Varietäten, gesprochene vs. geschriebene Texte etc. repräsentativ abzubilden. Versuche, das Problem durch Erweiterung der Stichprobe zu lösen, vergrößern nur die Diversität der Daten im Hinblick auf die bekannten (und möglicherweise noch unbekannte) Variabilitätsfaktoren und damit die Inhomogenität“ (Köhler 2005: 5). Kurzum: Wir können hier keine konkreten Zahlen nennen, als Faustregel gilt jedoch, dass genügend Daten vorhanden sind, sobald sich ein Muster finden lässt.

Für wissenschaftliche Hausarbeiten und studentische Forschungsprojekte sollte der Aufwand dabei einerseits überschaubar bleiben, andererseits muss die Datensammlung genügend Belege aufweisen, um Aussagen treffen zu können. QualitativeQualitativ Aussagen lassen sich manchmal auch schon mit einem vergleichsweise kleinen Korpus treffen. Allerdings darf dabei dann kein Anspruch auf Repräsentativität erhoben werden. Die Ergebnisse der Analyse eines kleinen Korpus treffen eben auf genau dieses Korpus zu. Generell ist zu beachten, dass Themen für korpusbasierte BA- oder MA-Projekte schon mit dem Vorlauf festgelegt werden sollten, der für die Generierung eines Korpus kalkuliert wird.

Zwar dürfen Korpora nur mit Zustimmung der Datenurheber*innen veröffentlicht werden, sie sollten jedoch für Ihre*n Prüfer*innen zugänglich sein, z. B. digital in einem geschützten Bereich, für den Sie einzig dem*der Prüfer*in Zugang gewähren.

1.4.3 Klick ins Feld: Einfach einmal nachfragen?

Online-Umfragen sind ein beliebtes Instrument in der empirischen Sozialforschung. Im folgenden Abschnitt soll diskutiert werden, inwieweit sie auch für sprachwissenschaftliche Datenerhebungen nutzbar sind. Nicht jede sprachwissenschaftliche Fragestellung ist dazu geeignet, über einen FragebogenFragebogen geklärt zu werden.

Aufgabe 1-7

Überlegen Sie sich eine geeignete sprachwissenschaftliche Fragestellung, über die ein Internet-Fragebogen Aufschluss geben kann.

Der Gebrauch von Lexemen in spezifischen sprachlichen Umgebungen (Kotexten), regionale sprachliche Differenzen oder Grammatikalitätsurteile lassen sich gut über (Online-)Fragebögen erfassen. Möchte man aber z. B. wissen, welchen Einfluss Texte mit hohem Emotionspotenzial auf die Rezeption haben, ist es schwierig, Proband*innen direkt danach zu fragen. Ebenso wenig kann z. B. direkt erfragt werden, wie Menschen beten (vgl. Marx/Damisch 2013). Sobald persönliche Einstellungen oder emotionale Einflüsse auf Textproduktion und -rezeption im Mittelpunkt des Forschungsinteresses stehen, wird die empirische Datenerhebung generell problematisch. Es bedarf einer äußerst geschickten Wahl und Formulierung der Fragen, um sich der Antwort auf solche Forschungsfragen zumindest nähern zu können. In solch diffizilen Fällen, kann der Weg über eine anonyme Online-Befragung möglicherweise fruchtbringend sein. Sogenannte Interview-Effekte werden hier (wie auch bei schriftlichen Befragungen, die nicht online durchgeführt werden) auf ein Minimum reduziert. Die Proband*innen werden nie einer Face-to-Face-Situation ausgesetzt, so dass sie möglicherweise freier agieren, falls sie Antworten bevorzugen, die weder sozialen Normen noch angenommenen Erwartungen entsprechen. Suggestivfragen beherbergen allerdings immer ein Restrisiko für Interview-Effekte auch wenn die Fragen schriftlich präsentiert werden.

Gegenüber herkömmlichen Befragungen haben Online-Fragebögen den Vorteil, dass sie dank der technologischen Bedingungen schnell auszufüllen und zu versenden sind. Damit kann die Teilnahme an der Befragung in die normalen Abläufe der Bildschirmarbeit integriert werden. Befragungen, die beispielsweise per Post verschickt werden, scheitern oftmals an einer verschwindend geringen Rücklaufquote. Einen Fragebogen aus einem Umschlag zu nehmen, ihn zu lesen, auszufüllen, anschließend wieder in einen Umschlag zu packen, eventuell noch zu frankieren und zum Briefkasten zu tragen, sind Schritte, die Proband*innen nur ungern auf sich nehmen. Angekündigte Befragungen, die in einem vereinbarten Rahmen durchgeführt werden, weisen zwar eine höhere Rücklaufquote auf, weil der*die Leiter*in der Befragung den Rücklauf unmittelbar kontrollieren kann, jedoch ergibt sich hier eine Schwierigkeit, die sich auf das Antwortverhalten auswirken kann: Der*die Proband*in kann nicht selbst entscheiden, wann er*sie die Fragen bearbeitet.

Im Online-Verfahren hingegen bestimmen die Teilnehmer*innen einer Studie den Zeitpunkt, an dem sie die Fragen bearbeiten, selbst. Versuchsleiter*innen hegen an diesem Punkt zu Recht die Hoffnung auf eine höhere Motivation und Kooperationsbereitschaft auf der Seite der Teilnehmer*innen. Ein weiterer Vorteil ist, dass mit geringem Aufwand eine große Anzahl an Personen ungeachtet geographischer Distanzen erreicht werden kann. Das ist z. B. für sprachkontrastive Fragestellungen interessant. Online-Fragebögen können auch mit einer Sprachauswahl-Option ausgestattet werden, so dass der Fragebogen von Sprecher*innen verschiedener Sprachen ausgefüllt werden kann. Vorteilhaft ist auch, dass alle Daten sofort digital vorliegen und in (Statistik-)Programmen weiterverarbeitet werden können. Damit werden Kosten und Zeit gespart.

Aufgabe 1-8

Notieren Sie, welche Nachteile die Methode, Daten über Online-Fragebögen zu erheben, mit sich bringt.

Die Nachteile von Online-Fragebögen liegen vorwiegend darin, dass nicht kontrolliert werden kann, ob eine Person der Zielgruppe den Fragebogen ausfüllt oder möglicherweise jemand, der die Zielgruppenparameter nicht erfüllt, stellvertretend für eine Person agiert. Es kann ebenso wenig kontrolliert werden, ob nur eine Person den Fragebogen ausfüllt oder die Antworten Ergebnis einer gemeinschaftlichen Beratung im Rahmen einer illustren Partygesellschaft sind.

Auch die Zusammensetzung der Stichprobe kann nachteilig sein. So nehmen oftmals Personen teil, die einfach Freude an empirischen Erhebungen haben, oder Personen, die die jeweilige Thematik besonders positiv oder besonders negativ tangiert. Die Menge dieser Personen muss nicht notwendigerweise deckungsgleich mit der Stichprobe sein, die für eine repräsentative Aussage benötigt wird. Diese Gefahr kann dadurch eingegrenzt werden, dass Befragungsbögen per E-Mail verschickt werden. Hierfür müssen einer elektronischen Nachricht an eine statistisch ermittelte Auswahl an Adressat*innen lediglich Textdateien hinzugefügt werden. Dieses Vorgehen birgt wiederum eine andere Gefahr – die unsichere Rücklaufquote, weil Proband*innen eine E-Mail mit dem ausgefüllten Fragebogen zurücksenden müssen und dabei möglicherweise auch fürchten, nicht anonym zu bleiben. Eine Zugangsberechtigung zu einer Cloud, in der die ausgefüllten Fragebögen hinterlegt werden können, könnte ihnen diese Angst nehmen.

Online-Befragungen können auch über interaktive Online-Formulare via Webbrowser bearbeitet werden. Ein Versuch, dabei die Stichprobe zu steuern wäre, per E-Mail eine statistisch ermittelte Auswahl an Adressat*innen auf den entsprechenden Link zum Fragebogen aufmerksam zu machen.

Mit Hilfe der Internetseite https://www.soscisurvey.de/ ist es selbst für Ungeübte sehr einfach, ein solch interaktives Online-Formular zu erstellen.

Solange dieses Angebot nicht für kommerzielle Zwecke genutzt wird, ist es kostenlos. Nutzer*innen müssen sich lediglich registrieren und den einfachen Anweisungen folgen. Wir empfehlen, bei der Anmeldung keine private E-Mail-Adresse (yahoo, gmail etc.), sondern die Uni-E-Mail-Adresse anzugeben. Eine zusätzliche Software ist nicht vonnöten, da die Befragung auf dem Server SoSciSurvey läuft. Weitere kostenlose Anbieter sind zoomerang.com, Questionstar oder Umfrageonline (mit kostenloser Basisversion). Für größere Studien, in deren Rahmen eine Teilnehmer*innen- und Datenverwaltung und kontinuierliche Rückmeldungen über den Verlauf der Erhebung gewünscht sind, bietet sich das kostenpflichtige Angebot von rogator.de an (vgl. Döring 22003: 230).

Es ist wichtig, präzise anzugeben, wie lange die Bearbeitung des Fragebogens maximal dauert. Gerade bei zeitaufwändigeren Befragungen können potenzielle Teilnehmer*innen so den Zeitpunkt, zu dem sie die Fragen beantworten, besser festlegen. Gleichzeitig wird so einem Problem vorgebeugt, das im Zusammenhang mit Online-Befragungen häufiger auftritt: der vorzeitige Abbruch und damit die Nicht-Verwertbarkeit der Daten.

1.4.4 Log-File-Analyse – Einfach mitschneiden?

Die sogenannte Log-File-AnalyseLog-File-Analyse ist eine Methode der Datenerhebung, die in etwa mit der teilnehmenden Beobachtung vergleichbar ist. Auf den Rechnern der teilnehmenden Versuchspersonen werden spezifische Protokollierungsprogramme installiert, die neben den technischen Informationen über den Datenverkehr auch inhaltliche Botschaften aufzeichnen, die im Anschluss ausgewertet werden können. Dieses Vorgehen bietet sich insbesondere für digitale Interaktionssituationen, z. B. in Sozialen Netzwerken (vgl. Gysin 2014, 2015) oder Chat-Räumen (Orthmann 2000), an. Die an der Erhebung teilnehmenden Nutzer*innen wissen, dass die von ihnen generierten Daten aufgezeichnet werden.

Beobachterparadoxon: „the aim of linguistic research in the community must be to find out how people talk when they are not being systematically observed; yet we can only obtain this data by systematic observation.“ (Labov 1972: 209)

Aufgabe 1-9

Spielt das sogenannte Beobachterparadoxon auch bei Daten eine Rolle, die im oder über das WWW generiert werden?

Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass sie sprachliche Äußerungen immer auch im Hinblick darauf produzieren, dass diese Daten für eine Analyse bestimmt sind.

Für den*die Versuchsleiter*in ist oftmals im Nachhinein ohne explizites Nachfragen kaum zu rekonstruieren, inwieweit beispielsweise besonders drastische oder auch besonders milde Äußerungen der Erhebungssituation geschuldet sind. Der*die Versuchsleiter*in muss ebenfalls damit leben, dass ihm*ihr ein Teil der produzierten Daten generell verborgen bleiben wird, weil die Nutzer*innen von der Möglichkeit Gebrauch machen, die Aufzeichnungsprogramme zu deaktivieren. Wie bei jeder teilnehmenden Beobachtung wird auch hier mit der Hoffnung gearbeitet, dass sich die Versuchsteilnehmer*innen über einen längeren Zeitraum an die Aufnahmesituation gewöhnen und zunehmend natürlich agieren.

1.4.5 Digitale Ethnographie

Für umfassende qualitative Analysen, die auch Netzwerkeffekte (etwa die Dynamik in potenziellen Echokammern, vgl. Sunstein 2001), situative (kontextuelle) Gegebenheiten oder andere Common Ground bildende und damit relevante Aspekte integrieren, sollten Online-Kommunikate in ihrer multimodalen Komplexität erfasst werden.

Elementarer Bestandteil von Online-Kommunikaten (Kommunikationselementen bzw. Kommunikationsbeiträgen, vgl. auch Jakobs 2011, Adamzik 22016) sind Informationen über deren Ursprungsort und deren Verbreitungshistorie, die Angaben zu den Urheber*innen ebenso mit einschließen wie Social-Media-Funktionen (etwa Reaktionen wie Likes, Teilen oder Kommentare).

Geleitet durch das Bestreben, sich ein umfassendes Bild von Praktiken in der Onlinekommunikation (und darüber hinaus) machen zu können, hat sich die sogenannte Digitale Ethnographie etabliert. Als online-ethnographische Daten versteht Androutsopoulos (2008:2) Angaben darüber,

 welche Motivation Personen haben, spezifische sprachliche Verwendungsweisen zu nutzen und was diese bedeuten;

 inwieweit sich Personen darüber bewusst sind, wie vielgestaltig die Online-Kommunikation ist und wie sie dies bewerten;

 welches Wissen sie über den Ursprung und die Verbreitung von sprachlichen Innovationen im Web haben sowie über

 die Verknüpfung zwischen den Interpretationen der Kommunikationsteilnehmer*innen und der Forscher*innen.

Es sind Informationen wie diese (und die oben genannten Kommunikatkonstituierenden), die sich nicht einfach von einem Bildschirm ablesen lassen, sondern über eine Methodenkombination erschlossen werden können, die Androutsopoulos „discourse-centred online ethnography“ (kurz: DCOE) nennt. Das bedeutet, dass die systematische Online-Beobachtung von spezifischen Webseiten (darunter fallen natürlich auch Soziale-Netzwerk-Seiten) in direktem Kontakt mit den sozialen Akteur*innen erfolgen sollte.

1.4.5.1 Online-Beobachtung

Wir wenden uns hier zunächst der Online-Beobachtung zu, deren Vorteile natürlich nicht von der Hand zu weisen sind. Forscher*innen können im Web schließlich unbemerkt mitlesen. Dabei beeinflussen sie die laufende Interaktionssituation nicht. Das Labovsche Beobachter-Paradoxon spielt – wie oben bereits erwähnt – keine Rolle.

Zu bedenken ist jedoch, dass die Kommunikation in einem (semi-)öffentlichen Raum, wie dem World Wide Web, für ein Publikum entsteht, dessen Konstitution ungewiss ist. So ist schlicht nicht festlegbar, wer und wie viele Menschen die Interaktion mitverfolgen, ohne sich je aktiv zu beteiligen. Darüber hinaus ist Kommunikation insbesondere auf Sozialen-Netzwerk-Seiten darauf ausgelegt, anschlussfähig zu sein.

Dass die Interagierenden die Beobachtungssituation mitdenken und/oder ihre Beiträge so formulieren, dass sie in der täglich produzierten Textmasse sichtbar werden, ist also durchaus denkbar und relativiert die Freude darüber, dass das Beobachter-Paradoxon wahrscheinlich nicht greift. Andererseits wird damit sichtbar, wie Menschen unter bestimmten Bedingungen digital kommunizieren und so ist die Kommunikation auch beschreibbar. Vermutlich haben wir zudem einen Effekt, der auch bei Datenerhebungen mit Kamera-Aufnahmen eintritt – Gewöhnung an die Kommunikationssituation und mehr und mehr zunehmendes Zulassen von Alltagsinteraktion.

1.4.5.2 Partizipation

Umso wichtiger ist es, dass sich Forscher*innen mit den Online-Kommunikationsbedingungen vertraut machen. Eine Datenerhebung ohne eigenen Account auf der jeweils untersuchten Plattform erscheint uns schwierig. Beim Überwinden dieser kleinen technischen Hürde – ein Account ist schnell angelegt – sollte es aber nicht bleiben. Es ist unerlässlich, das zu untersuchende Netzwerk auch kennenzulernen (vgl. Marx 2019b). Wer nicht selbst auf Sozialen-Netzwerk-Seiten aktiv ist, wird die Interaktion in diesen Umgebungen nicht analysieren respektive einschätzen können. Jede Plattform hat eine eigene Kommunikationskultur und eigene kommunikative Regeln, die von den Teilnehmer*innen tradiert, thematisiert und aktiv ausgehandelt werden und die man nur kennenlernen kann, wenn man selbst präsent ist. Aktiv und präsent sein involviert natürlich auch, dass Forscher*innen selbst Daten generieren. Diese und die dadurch erzeugte Anschlusskommunikation sollen nicht in die zu untersuchende Datengrundlage einfließen. Sie helfen lediglich dabei, Wissen über die jeweilige Plattform und typische Prozesse zu etablieren.

1.4.6 Auch Umwege führen zu digitalen Daten

Es gibt sprachwissenschaftliche Fragestellungen, die zwar digitale Interaktionsphänomene aufgreifen, für deren Untersuchung dennoch auf keinem der oben skizzierten Wege Daten in zufriedenstellender Menge und Qualität online erhoben werden können. Gerade Belege für sehr persönliche, emotionale Kommunikation sind kaum zugänglich, weil sie in geschützten Bereichen des WWW stattfindet oder auch auf Sozialen-Netzwerk-Seiten für Fremde verborgen bleibt. Liegt das Forschungsinteresse in diesem Bereich, gelingt die Datenerhebung oft nur mit Hilfe der Datenurheber*innen, die erreicht und persönlich angesprochen werden müssen, deren Vertrauen gewonnen werden muss. Der erste Schritt zur Kontaktaufnahme können FlyerFlyer sein. Diese sollten die folgenden Fragen beantworten:

 Worum geht es?

 Wie heißt die Studie?

 Welches Ziel hat sie?

 Wer führt die Studie durch?

 In welchem Zeitraum findet sie statt?

 Welche Daten werden erhoben und bleiben sie anonym?

 Welche Anforderungen müssen Studienteilnehmer erfüllen?

 Wird die Teilnahme vergütet?

 Können die Ergebnisse eingesehen werden und wann?

Eine ansprechende Gestaltung lässt sich beispielsweise mit Anwendungen wie istudio-Publisher oder dem Microsoft Publisher problemlos vornehmen.

Attraktiv sind natürlich auch kurze Videosequenzen, in denen das Forschungsvorhaben verständlich skizziert wird. Ein schönes Beispiel hierfür ist der Erklärfilm für die Datengewinnung zum Aufbau der MoCoDa2. Er kann nicht nur auf der Seite db.mocoda2.de eingesehen werden, sondern auch auf Vimeo (https://vimeo.com/268035169), was dazu beiträgt, dass ein größerer Kreis potenzieller Datenspender*innen erreicht werden kann.

Je nach Fragestellung können auch Gespräche vor Ort und/oder Vorträge zum Forschungsprojekt Möglichkeiten sein, Personen zu erreichen, die sprachliche Belege (sogenannte Datenspenden) zu Forschungszwecken zur Verfügung stellen würden.

Aufgabe 1-10

Sie möchten eine Hausarbeit zum Thema „Das Naddel-Prinzip – Schluss per SMS. Sprachliche Strategien zum Beenden von Beziehungen über Kurzbotschaften“ schreiben. Bei Ihrer Recherche im Internet haben Sie zwar zahlreiche Berichte über das Phänomen gefunden, aber nur einen sprachlichen Beleg, der von Nadja Abdel Farrag stammt: „Ich habe dich gern, aber ich habe es mir noch mal überlegt. Es geht nicht. Ich wünsche dir alles Gute“. Gestalten Sie einen Flyer, um Personen zu finden, die Erfahrungen mit diesem Thema gemacht haben und bereit sind, sprachliche Belege zur Verfügung zu stellen.

1.5 In der Bibliographie soll es dann so aussehen
1.5.1 Die Online-Publikation im Literaturverzeichnis

Es gibt diverse Möglichkeiten, ein Literaturverzeichnis zu erstellen. Manche nutzen eine Software wie Zotero, Citavi, EndNote oder Mendeley. Andere erstellen das Literaturverzeichnis „per Hand“ oftmals erst im Anschluss an den kreativen Schreibprozess. Früher oder später steht jedoch jede*r einem Problem gegenüber: In welcher Form sind Internetquellen ins Literaturverzeichnis aufzunehmen?

Verwiesen sei auf einen Service, der auf der Internetpräsentation des Projekts „sprache@web“ der Leibniz Universität Hannover und der TU Darmstadt angeboten wird. Die Literatursuche wird hier dadurch aufgewertet, dass beispielsweise bei Sammelbänden nicht nur die bibliographischen Angaben des Gesamtwerks, sondern auch die einzelnen Beiträge aufgelistet und mit kurzen Inhaltbeschreibungen verlinkt werden. Zusätzlich bieten die Betreiber der Seite die Möglichkeit eines BibTex-Exports, mit dem die bibliographische Angabe problemlos in ein Literaturverwaltungsprogramm oder in LaTex übernommen werden kann (vgl. auch researchr.org, bibsonomy.org): www.mediensprache.net/de/literatur/.

Zumeist führen die heterogene Beschaffenheit der Quellen und der vermeintliche Mangel an Standards dazu, dass jede*r Schreiber*in individuelle Lösungen für die Aufnahme in das Literaturverzeichnis findet. Runkehl/Siever (2000: 640) sprechen gar von einem „Ratespiel“ und setzen mit ihrem „Electronic StyleGuide“ Maßstäbe.

Ziel dieses Abschnitts ist es, Probleme, die sich beim Zitieren von Internetquellen ergeben können, zu beschreiben und Muster für Einträge ins Literaturverzeichnis vorzuschlagen. Dabei orientieren wir uns im Wesentlichen an den Vorgaben von Jens Runkehl und Torsten Siever und nehmen dort Anpassungen vor, wo es die technologische Entwicklung in der vergangenen Dekade notwendig macht.

Aufgabe 1-11

Welche Angaben muss ein bibliographischer Eintrag für Online-Publikationen enthalten?

Als obligatorische Bestandteile eines jeden Eintrags in das Literaturverzeichnis einer wissenschaftlichen Arbeit kennen wir bisher

 bei Monographien: Autor*in(nen)-Name(n), Erscheinungsjahr, Titel der Publikation, Verlagsort und Verlag;

 bei Zeitschriftenartikeln: Autor*in(nen)-Name(n), Erscheinungsjahr, Titel des Aufsatzes, Titel der Zeitschrift, Jahrgang/Ausgabennummer, Seitenzahlen;

 bei Sammelbänden: Autor*in(nen)-Name(n), Erscheinungsjahr, Titel des Beitrags, Herausgeber*in(nen)-Name(n), Verweis auf Herausgeberschaft (Hrsg./Hg./Hgg./ed./eds.), Erscheinungsjahr, Titel des Sammelbandes, Verlagsort, Verlag, Seitenzahlen.

Diese Angaben müssen um Informationen ergänzt werden, die der Plattform, auf der sie erscheinen, gerecht werden. Bibliographische Einträge sollten im WWW mühelos auffindbar und überprüfbar und so konstituiert sein, dass sie leicht verständlich und dennoch nicht überfrachtet erscheinen (siehe die fünf Prinzipien von Walker/Taylor 1998, zitiert und kommentiert bei Runkehl/Siever 32001: 44 f.).

Seit Oktober 2012 werden Zitierregeln in der DIN-Norm DIN ISO 690 zusammengefasst. Damit wurde die DIN 1505-2, über die bis dato Zitierregeln festgelegt waren, aktualisiert, indem „a) veraltete nationale Zitierregeln […] durch neue internationale Zitierregeln ersetzt [und] b) Angaben zum Zitieren von elektronischen Informationsressourcen […] hinzugefügt [wurden]“. (http://www.beuth.de/de/norm-entwurf/din-iso-690/165487528)

Generell kann gesagt werden, dass auf Verweise wie „online verfügbar (unter)“, „Online-Publikation“, „unter“, „im WWW erhältlich“ usw. innerhalb der bibliographischen Angabe verzichtet werden kann, weil allein durch das Aufführen eines URLs augenscheinlich wird, dass der Text online verfügbar ist (oder war).

In der einen oder anderen Veröffentlichung kann man analog zu den bibliographischen Einträgen von Zeitschriftenartikeln ein „In“ vor der URL-Angabe lesen. Genaugenommen ist das jedoch unpassend, weil niemand etwas in einer Webseite liest, sondern eher auf. Um hier Verwirrung zu vermeiden, empfehlen wir, bei bibliographischen Angaben von im Netz veröffentlichter Literatur sowohl auf das „In:“ als auch auf das „Auf:“ vor der URL zu verzichten. Online veröffentlichte Zeitschriften, wie linguistik.online oder das Journal für Medienlinguistik (jfml) sind aber korrekt mit „In:“ bibliographiert.

Wir betrachten nun die Publikationsformen, die uns im Web begegnen, und prüfen jeweils inwieweit die obigen Parameter identifiziert werden können.

GooglebooksBlickt man der bitteren studienalltagspraktischen Wahrheit ins Auge, muss man sich wohl eingestehen, dass viele Studierende den Gang in die Bibliothek als vermeidbar erachten, seitdem Google dazu übergegangen ist, partielle Scans von Büchern im Web zu veröffentlichen. Oftmals kann man anhand des Inhaltsverzeichnisses abschätzen, ob die Publikation relevant für die eigene Fragestellung ist. Sollte das der Fall sein, empfehlen wir dringend, sich nicht mit der von Google vorgenommenen Auswahl an Textabschnitten zufriedenzugeben. Nehmen Sie das Buch stattdessen in die Hand, blättern Sie darin und entscheiden Sie selbst, ob es nicht andere/weitere wichtige Stellen darin gibt, die beachtet und ggfs. auch zitiert werden müssen. Entsprechend verfahren Sie bei der Aufnahme in das Literaturverzeichnis auf die oben angegebene herkömmliche Weise, denn ein bei Googlebooks gescanntes Buch ist keine Online-Publikation.

Der Vorteil von DOI-Angaben (Digital Object Identifier) ist, dass diese auf das jeweilige Objekt und nicht den Veröffentlichungsort verweisen. Werden also Objekte von einer Seite entfernt, sind sie u.U. mit dem vorliegenden URL nicht mehr auffindbar, bei DOI-Angaben besteht diese Gefahr nicht.

Monographien/E-BooksInzwischen ist es häufig so, dass wissenschaftliche Qualifikationsarbeiten wie Dissertationen oder Habilitationen eine mit dem Verlag vereinbarte Zeit (meist zwei Jahre) nach der Buchpublikation als Online-Publikation erscheinen oder gar nicht mehr in Buchform publiziert, sondern direkt ins Web gestellt werden. Auch Neuauflagen können in Form von Online-Publikationen erscheinen.

Bücher, die Jahre nach ihrem Erscheinen unverändert als E-Book im Web veröffentlicht werden, sollten wie eine herkömmliche Buchpublikation ins Literaturverzeichnis übernommen und bestenfalls um die DOI-Angabe (mindestens aber um den URL) ergänzt werden. Korrigierte und/oder aktualisierte Neuauflagen von Büchern, die als E-Publikation erscheinen, werden mit einem Hinweis versehen, siehe (1-12).

(1-12)

Spiegel, C. (2006): STREIT. Eine linguistische Untersuchung verbaler Interaktionen in alltäglichen Zusammenhängen. Mannheim: Verlag für Gesprächsforschung. http://verlag-gespraechsforschung.de/2011/pdf/streit.pdf, (korrigierte Neuauflage, Erstauflage 1995, Tübingen: Narr).

Inzwischen hat sich der zusätzliche Verweis auf das Datum des letzten Zugriffs als wissenschaftliche Praxis etabliert. Runkehl/Siever (32001: 96) zeigen jedoch, dass der Mehrwert eines solchen Datums gering ist und den Zitierenden in eine Rechtfertigungssituation im Sinne von ‚möglicherweise ist die Seite nicht mehr verfügbar, aber als ich die Arbeit verfasst habe, gab es sie noch‘ manövriert. Ein Ausdruck der Veröffentlichung, der ggfs. nachgereicht werden kann, ist viel zweckmäßiger.

Wichtig ist es, das Datum der (Erst-)Veröffentlichung und ggf. das Datum der letzten Überarbeitung/Aktualisierung anzuführen. Diese Daten sind dann vergleichbar mit dem Erscheinungsjahr und der Neuauflage, die für Offline-Publikationen relevant sind. Das Internet ist dynamisch, weshalb „ein Datum den aktuellen Stand dokumentieren muss, sofern es sich nicht um die erste und damit vorläufig einzige Fassung handelt“ (Runkehl/Siever 32001: 97).

„Es ist aber […] wenig sinnvoll, das Download-Datum anzugeben, wenn ein Revisionsdatum eine bestimmte Version dokumentiert. [Es] wird das im Dokument verzeichnete Datum der Erstellung oder – falls bereits modifiziert – das der letzten Änderung angegeben. [Nur!] [f]alls dies nicht ersichtlich ist, wird das Datum der Sichtung genannt.“ (Runkehl/Siever 32001: 97)

Um in der bibliographischen Angabe unterscheiden zu können, ob es sich beim angegebenen Datum um ein Revisionsdatum oder um das Datum des letzten Zugriffs handelt, wird dem Datum entsprechend ein „Rev:“ (für Revision) oder ein „Acc:“ (für Access) vorangestellt. Als Datumsform bietet sich die folgende Variante an: JJJJ-MM-TT (nach DIN 5008 resp. ISO 8601). Diese wird sowohl national und auch international richtig interpretiert. Möchte man eine Versionsnummer einfügen, kann diese mit Vers. indiziert werden (1-13).

Tipp: Wenn keine anderen Daten verfügbar sind, ist es mit Hilfe des Zugriffsdatums möglich, auf http://archive.org/web/ die Version der Seite vom Zugriffstag einzusehen.

(1-13)

Mustername, M. (2013): Musterartikel auf einer Musterseite. Musterseitenname. http://www.musterseite.de/muster_muster, Vers. 2, Rev: 2020-01-12.

Wird keine Datums- oder Versionsangabe gemacht, ist das Publikationsdatum ausschlaggebend und es ist davon auszugehen, dass an dem entsprechenden Dokument seit der Veröffentlichung keine nachvollziehbaren Veränderungen vorgenommen worden sind, dass es sich also um ein Dokument handelt, dass von der Druckversion nicht abweicht (1-14).

(1-14)

Runkehl, J./Schlobinski, P./Siever, T. (1998): Sprache und Kommunikation im Internet. Überblick und Analysen. Opladen: Westdeutscher Verlag. www.mediensprache.net/archiv/pubs/3-531-13267-9.pdf

Dass das Dokument zum Zeitpunkt, an dem die wissenschaftliche Arbeit geschrieben wurde, unter der im bibliographischen Eintrag angegebenen Adresse erreichbar war, ist deshalb evident, weil anderenfalls nicht daraus hätte zitiert werden können. Damit entfällt das Datum des letzten Zugriffs. Wenn es sich eruieren lässt, seit wann die Publikation im WWW zugänglich ist, kann das der bibliographischen Angabe hinzugefügt werden.

AufsätzeEbenso ist mit wissenschaftlichen Aufsätzen zu verfahren, die nach dem Erscheinen in einem Sammelband oder in einer Zeitschrift unverändert als PDF im WWW zur Verfügung gestellt wurden. Das Beifügen eines URLs soll in diesen bibliographischen Angaben lediglich signalisieren, dass der Artikel auch online einsehbar ist (1-15). Ist eine DOI-Angabe verfügbar wird diese praktischerweise anstelle des URLs aufgeführt.

(1-15)

Döring, N./Pöschl, S. (2006): Images of Men and Women in Mobile Phone Advertisements. A Content Analysis of Advertisements for Mobile Communication Systems in Selected Popular Magazines. Sex Roles. A Journal of Research 5-6, 173–185. www.nicola-doering.de/wp-content/uploads/2014/08/D%C3%B6ring-P%C3%B6schl-2006-Images-of-Men-and-Women-in-Mobile-Phone-Advertisements.pdf

Bei der Recherche kann es durchaus vorkommen, dass man auf ein PDF-Dokument stößt, das neben den Namen der Autor*innen und dem Titel keinerlei bibliographische Angaben enthält. Das reicht natürlich für den bibliographischen Eintrag nicht aus. Es muss also gründlich recherchiert werden, in welcher Umgebung der Artikel möglicherweise bereits erschienen ist. Die auf diese Weise in Erfahrung gebrachten Angaben werden entsprechend in den bibliographischen Eintrag integriert. Ein naheliegender Schritt ist in diesem Zusammenhang ein Blick in die Publikationslisten des Autors/der Autor*in(nen), die auf persönlichen Webseiten einsehbar sind.

Bei wissenschaftlichen Publikationen, die vorab online veröffentlicht werden, ist ein entsprechener Vermerk notwendig, siehe (1-16a). Prüfen Sie jedoch vor Abgabe Ihres Manuskripts, ob die Druckfassung inzwischen erschienen ist. Falls ja, bietet es sich an, sich in der wissenschaftlichen Arbeit auf den gedruckten (vermutlich auch aktualisierten) Aufsatz zu beziehen (1-16b).

(1-16a)

Storrer, A. (2011): Sprachstil und Sprachvariation in sozialen Netzwerken. studiger.tu-dortmund. Preprint: http://www.studiger.tu-dortmund.de/images/Zif-Netzwerke-storrer-preprint.pdf (erscheint in: Frank-Job, B./Mehler, A./Sutter, T. (Hrsg.) (2013): Die Dynamik sozialer und sprachlicher Netzwerke. Konzepte, Methoden und empirische Untersuchungen an Beispielen des WWW. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.)

oder

(1-16b)

Storrer, A. (2013): Sprachstil und Sprachvariation in sozialen Netzwerken. In: Frank-Job, B./Mehler, A./Sutter, T. (Hrsg.) (2013): Die Dynamik sozialer und sprachlicher Netzwerke. Konzepte, Methoden und empirische Untersuchungen an Beispielen des WWW. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 329–364.

HTML-DokumenteHTML-Dokumente erscheinen mit Verfasser*in(nen)-Name(n), Erscheinungsjahr, Angabe des Titels und des Seitentitels sowie der URL-Adresse in der Bibliographie. Wenn auf der Seite das Datum angegeben ist, an dem sie erstellt worden ist, ist dieses auf bekannte Weise in den bibliographischen Eintrag aufzunehmen (1-17). Befindet sich jedoch zudem noch das Datum der letzten Aktualisierung auf der Seite, ist dieses in den bibliographischen Eintrag zu integrieren. Auf das Datum der Erstellung wird dann in Klammern mit dem Zusatz „online seit“ hingewiesen (1-18). Wir empfehlen diese Vorgehensweise, weil niemand nachvollziehen kann, ob der zitierte Text bereits Bestandteil der Ursprungsversion der Seite war. Es besteht immer auch die Möglichkeit, dass eben dieser Text im Zuge der Aktualisierung eingefügt worden ist. Zitiert wird zu einem Zeitpunkt X und man kann gerade bei einem dynamischen Medium wie dem Internet nur sichere Aussagen über die Beschaffenheit des Textes an diesem Zeitpunkt X machen. Angaben über den*die Autor*in(nen) oder den*die Herausgeber*in(nen) einer Seite sind notfalls dem Impressum zu entnehmen. Kann eine Text-Autor*in/Autor*in-Text-Zuordnung nicht eindeutig erfolgen, sollte erwogen werden, den Text nicht zu zitieren und stattdessen eine verlässlichere Quelle zu suchen.

(1-17)

Bendel, O. (2012): Siri ist hier. mediensprache. https://www.mediensprache.net/de/handysprache/siri/index.aspx

(1-18)

Meier-Vieracker, S. (2019): Rechtschreibkonformer Extremismus? In: Linguistische Werkstattberichte. https://lingdrafts.hypotheses.org/category/sprache-und-gesellschaft/sprache-und-sprachkritik (online seit 2019-10-25).

Auf manchen Webseiten wird ein Vorschlag dazu unterbreitet, wie die elektronische Ressource zu zitieren ist, wie beispielsweise auf www.bubenhofer.com: „Diese elektronische Ressource soll wie folgt zitiert werden: Bubenhofer, Noah (2011): Einführung in die Korpuslinguistik: Praktische Grundlagen und Werkzeuge. Elektronische Ressource: www.bubenhofer.com/korpuslinguistik/.“ Solchen Angaben können alle für die oben angegebene Form notwendigen Angaben entnommen werden. Angepasst an das vorliegend vorgeschlagene Format, wäre der bibliographische Eintrag nur minimal zu modifizieren (1-19):

(1-19)

Bubenhofer, N. (2011): Einführung in die Korpuslinguistik: Praktische Grundlagen und Werkzeuge. bubenhofer. http://www.bubenhofer.com/korpuslinguistik/kurs/ (online seit 2006).

Texte aus digitalen Ausgaben von Printmedien o.ä. sind mit ihrem auf den Tag genauen Erscheinungsdatum aufzuführen (siehe 1-20).

(1-20)

Langschwager, M./Krombusch, M. (2018): Hate Speech – Dabei ist Hass überhaupt keine Meinung. WAZ+. https://www.waz.de/wochenende/hate-speech-dabei-ist-hass-ueberhaupt-keine-meinung-id215710599.html (2018-11-2, 20:14)

Allerdings können journalistische und damit auch populärwissenschaftliche Texte, keine vollwertigen wissenschaftlichen Quellen sein. Informationen, die hier populärwissenschaftlich aufbereitet werden, sollten in den zugrundeliegenden Studien nachgelesen und von dort zitiert werden.

Online-Berichte (journalistische Texte) können vielmehr eine Quelle für sprachliche Belege sein, wenn eine entsprechende Fragestellung für die Forschungsarbeit vorliegt. Somit sind sie wie auch Quellen für alle in der jeweiligen Forschungsarbeit zitierten sprachlichen Beispiele in ein Quellenverzeichnis aufzunehmen, dass zusätzlich zu einer Bibliographie zu erstellen ist.

1.5.2 Quellenverzeichnis für Beispielbelege

Blogs, Soziale-Netzwerk-Seiten, Kommentarbereiche, Wikipedia, Foren oder E-Mails sind Quellen für sprachliche Beispiele. Wir empfehlen hierfür ein Quellenverzeichnis anzulegen, dessen Ordnungsprinzip darin bestehen kann, die Quellen in der Reihenfolge aufzulisten, in der sie in der wissenschaftlichen Arbeit auftreten, d. h. der erste Eintrag in der Liste stellt die vollständige Quelle des ersten in der wissenschaftlichen Arbeit zitierten Belegs dar, der zweite Eintrag zeigt die vollständige Adresse der Internetseite an, der der zweite in der Arbeit zitierte Beleg entstammt usw. Dabei ist die Beispielnummerierung, die im Fließtext zugewiesen wurde, zu nennen. In den Eintrag aufzunehmen sind der Name des Web-Angebots, eine Angabe dazu, um welche Textsorte es sich handelt (Forenbeitrag, Statusmeldung, Artikel, Kommentar, Tweet etc.), optional der Name des Urhebers/der Urheberin, der URL des Eintrags und eine Datumsangabe, die auch um eine Zeitangabe ergänzt werden kann, wenn diese ermittelbar ist. Die Angabe des Web-Angebots mag manchem redundant erscheinen. Sie ist aber notwendig, weil sie sich nicht immer aus der URL ergibt, wie z. B. beim Webauftritt der Universität Zürich. Der Name des Webangebots würde „Universität Zürich“ lauten, der URL allerdings „http://www. uzh.ch/index.html“.

Ein anderes Ordnungsprinzip wäre die Kategorisierung nach spezifischen Quellen. Sind z. B. alle sprachlichen Belege Sozialen Netzwerken entnommen worden, können alle Belege, die z.B. aus Facebook stammen, untereinander aufgeführt werden, anschließend alle Belege, die aus Instagram stammen, usw. Der Verweis auf die Beispielnummerierung im Fließtext ist hier ebenso obligatorisch.

Quellenverzeichnis – Beispiel-Einträge:

(1-1) Chefkoch. Forenbeitrag: sabsieh, Feste: Geschenke https://www.chefkoch.de/forum/2,61,712238/haltbares-Ostermitbringsel.html

2016-03-22, 10:40

(1-2) Sueddeutsche.de, Artikel: Mayr, Stefan: Herr Swan und das Eis. www.sueddeutsche.de/wirtschaft/nahaufnahme-herr-swan-und-das-eis-1.4658938

2019-10-28, 18:52

(1-3) Zeit online, Artikel: Haberkorn, Tobias: Die Sintflut kommt. https://www.zeit.de/kultur/2018-10/klimawandel-schuld-anerkennung-klimakrieg-weltklimakonferenz

2018-11-4, 20:59

(1-4) Twitter, Tweet: Nina Straßner @DieJuramama. https://twitter.com/DieJuramama/status/1162636374803210240

2019-08-17, 10:04, L: 524, T: 13, K: 35

…

(1-8) YouTube, Kommentar zu „Die LUSTIGSTEN Fake Marken“ von Luca. https://www.youtube.com/watch?v=J064-R7-GSc

2019-10-31, ca. 21:00, L: 0, DL:0

Allgemeiner HinweisDie Länge von Internet-Adressen (URLs) überschreitet nicht selten die Zeilenlänge, sodass ein Umbruch notwendig wird. Weil das Einfügen eines Bindestrichs jedoch den URL verfälscht, sollte ein Umbruch nur an „Solltrennstellen“, wie beispielsweise nach einem Slash (/), einem Punkt oder einem Bindestrich, die jeweils Bestandteile des URLs sind, erfolgen. Im Fließtext lässt sich ein Umbruch manchmal vermeiden, wenn der Text umgestellt wird oder eine Kurzform des URLs (mit Verweis auf die Bibliographie oder das Quellenverzeichnis) eingesetzt wird. Es lohnt sich auch hier immer zu überprüfen, ob nicht ein DOI vergeben ist, der kürzer und eindeutiger ist.

SpeicherinhaltDas WWW stellt einen nahezu unerschöpflichen Datenpool für die sprachwissenschaftliche Forschung dar. Die Datengewinnung ist dabei insbesondere für die Korpusgenerierung vergleichsweise einfach zu realisieren und bedarf nicht notwendigerweise spezifischer Informatikkenntnisse. Anwendungen wie antconc erleichtern Geisteswissenschaftler*innen die Arbeit erheblich. Daten können auch über elektronische Umfragen erhoben werden. Hierbei kann auf das Hilfsmittel SoSciSurvey zurückgegriffen werden. Grundsätzlich können alle Daten, die im Rahmen eines Forschungsprojekts erhoben worden sind, in einer wissenschaftlichen Arbeit zitiert werden. Dabei ist darauf zu achten, dass die Persönlichkeitsrechte der Urheber*innen von Beiträgen gewahrt bleiben. Alle bibliographischen Angaben müssen so gestaltet sein, dass die Internetquelle jederzeit nachprüfbar ist.

KorpusKorpus: Ein Korpus ist eine Datensammlung, die explorativ oder hypothesengeleitet auf sprachliche Phänomene untersucht werden kann. Diese Datensammlungen werden entweder quantitativ oder – mit dem Anspruch Aussagen über Form-Funktionsbeziehungen in der Sprache machen zu können – qualitativ ausgewertet.

FragebogenFragebogen: Ein Fragebogen ist ein in den empirischen Sozialwissenschaften verbreitetes Erhebungsinstrument. Die Internet-Linguistik nutzt u. a. Online-Fragebögen, um beispielsweise die Verbreitung spezifischer Lexeme oder Grammatikalitätsurteile zu untersuchen.

Log-File-AnalyseLog-File-Analyse: Mittels einer Log-File-Analyse kann die Online-Aktivität von Nutzern protokolliert werden. Log-Files können nicht nur statistische, sondern auch inhaltliche Daten enthalten, wie etwa kommunikative Botschaften. Sie sind daher als Erhebungsinstrument für die Internet-Linguistik relevant.

Digitale Ethnographie: Für einen umfassenden qualitativen Zugang zu digitalen Daten kann das bewährte ethnographische Vorgehen, Beobachten und Partizipieren, auch für die Gewinnung von digitalen Daten fruchtbar gemacht werden. So können die kommunikativen Regeln, die sich von Plattform zu Plattform unterscheiden, gut erfasst (und erprobt) werden.

Datenerhebung auf Umwegen: Ein Ansatz zur Erhebung von digitalen Daten kann auch die analoge Kontaktaufnahme sein. Sie bietet sich in Fällen an, in denen Beschränkungen jeglicher Art einen Online-Zugang zu Daten (zunächst) unmöglich machen. Ziel ist es durch Gespräche, Vorträge, Flyer, persönlichen Kontakt zu den Proband*innen aufzubauen und sie zu motivieren, Protokolle ihrer digitalen Aktivitäten zu Forschungszwecken zur Verfügung zu stellen. Wir sprechen auch von Datenspenden.

Übungen

1 In wissenschaftlichen Studien wird der Name von Studienteilnehmer*innen u. a. aus datenschutzrechtlichen Gründen normalerweise nicht erhoben. Warum ist es aber unter Umständen relevant, den Urheber eines im WWW veröffentlichten Textes zu bestimmen?

2 Wie würden Sie vorgehen, wenn Sie verschiedene Gebrauchsweisen des Lexems Opfer in den letzten zwanzig Jahren beschreiben müssten? Evaluieren Sie das WWW hinsichtlich seiner Praktikabilität als Korpus. Welche Vor- und welche Nachteile sehen Sie?

3 Rufen Sie die folgenden Seiten auf:georg-re.hm/pdf/Haase-et-al.pdfhttp://www.germanistik.uni-hannover.de/fileadmin/deutsches_seminar/publikationen/HAL/hal-3.pdfhttp://www.digitale-soziale-netze.de/gi-workshop/gi-workshop2008-offline/papers/Social%20Networks%20-%20das%20World%20Wide%20Web%20zwischen%20Identitaetsentwuerfen%20und%20Interaktivitaet.pdfWelche bibliographischen Angaben vermissen Sie jeweils? Wie gehen Sie vor, um die fehlenden Informationen zu ermitteln?

Lektüre zur Vertiefung

Eine umfassende Einführung in das empirische Arbeiten in Linguistik und Sprachlehrforschung geben Albert/Marx (32016) sowie Schlobinski (1996). Der sozialwissenschaftliche Klassiker über Forschungsmethoden und Evaluation von Bortz/Döring (52016) ist auch für Linguist*innen äußerst hilfreich. Mit dem Electronic Guide zum Publizieren, Bibliographien und Zitieren haben Runkehl/Siever (32001) die ersten formalen Vorgaben für die Internetlinguistik formuliert.

Eine Einführung in die Korpuslinguistik haben Scherer (22014), Lemnitzer/Zinsmeister (32015) und Stefanowitsch (2020) geschrieben. Rogers (2013) stellt digitale Methoden vor. Consten (2014) hält ein überzeugendes Plädoyer dafür, das Erkenntnisinteresse über Form-Funktionszusammenhänge sprachlicher Phänomene und damit die sorgfältige qualitative Auswertung von Daten aller die sprachlichen Prozesse beim Verstehen von Äußerungen und den komplexen Kontext von Äußerungen ignorierenden Korpus-Rechnerei vorzuziehen ist. Für einen integrativen korpuspragmatischen und kulturlinguistisch ausgerichteten Ansatz siehe z. B. Bubenhofer/Scharloth (2016).

Androutsopoulos (2013) diskutiert in einem Artikel die Online-Datensammlung im Rahmen soziolinguistischer Forschung. Die Problematik der sozialen Erwünschtheit wird von Stocke (2004) in einem lesenswerten Überblicksartikel thematisiert. Siever (2015) erörtert Fragen zum Öffentlichkeitsstatus von Social-Media-Plattformen. Kirschner (2015) diskutiert, warum es sich für die Internetforschung lohnt, in den Lehnstuhl zurückzukehren. Lobin/Schneider/Witt (2018) geben einen Überblick über digitale Infrastrukturen für die germanistische Forschung. Knuchel/Luth (2018) sowie Pentzold (2017) sensibilisieren für rechtliche und ethische Aspekte im Zusammenhang mit dem Aufbau von Korpora.

Tipps zum Erstellen von Fragebögen und weitere Links finden sich unter www.fragebogen.de. Testergebnisse zu verschiedenen Literaturverwaltungsprogrammen können unter http://www.artefakt-sz.net/allerart/programme-zur-literaturverwaltung-im-test eingesehen werden. Der Initiative OpenAccess (http://www.open-access.net/) ist es zu verdanken, dass wissenschaftliche Publikationen kostenfrei online eingesehen werden können.

In Marx (2019a) finden Sie nach Themen geordnete Literaturhinweise zur Internetlinguistik.

2 Medientheorie des Internets

Ist das Internet ein Medium?

Was ist ein Hybridmedium?

Inwiefern beeinflussen mediale Eigenheiten die Kommunikation und die Kommunikationsformen, die im Internet zu finden sind?

2.1 Unsere Welt ist online

Medien üben einen großen, unübersehbaren Einfluss auf unser tägliches Leben aus. Über sie erreichen uns Informationen, die unserer direkten Wahrnehmung nicht zugänglich sind. Sie filtern diese Informationen und geben ihnen zugleich eine bestimmte Form und Gestalt. Auf diese Weise erfolgt eine Vorselektion, die unsere Wahrnehmung der Welt und damit unser Weltbild prägt. Darüber hinaus eröffnen uns Medien neue Möglichkeiten, mit unseren Mitmenschen – und mit weit mehr davon, als wir ansonsten erreichen könnten – zu kommunizieren. Dadurch verändern sie unser soziales Zusammenleben, unsere Gesellschaft.

Diese Erfahrung haben wir bzw. unsere Vorfahr*innen unter anderem mit der Erfindung des Buchdrucks oder im letzten Jahrhundert mit der Verbreitung von Radio und Fernsehen, aber auch zuerst der Festnetz- und dann der Mobiltelefonie gemacht: Alle diese Medien haben die Wissens- und Kommunikationskulturen, die gesellschaftlichen Strukturen und sozialen Praktiken zum Teil von Grund auf einem unverkennbaren Wandel unterzogen.

Gegenwärtig gilt nun das Internet als besonders einflussreich: Es wird zum Beispiel von den einen als eine Chance wahrgenommen, global und auf eine neue Art zu kommunizieren, überkommene soziale und politische Strukturen aufzubrechen, das gesellschaftliche Zusammenleben zu erneuern, Möglichkeiten für Wirtschaftstreibende z. B. in der Vermarktung und im Vertrieb zu eröffnen und nicht zuletzt die Einschränkungen der „alten Medien“ zu überwinden. Andere wiederum befürchten, dass durch das Internet und die damit verbundene Förderung der Globalisierung regionale Besonderheiten gefährdet werden, dass sich als gefährlich betrachtetes Wissen – z. B. über die Konstruktion von Waffen und Sprengkörpern – ungehindert verbreitet, dass Privates nicht mehr privat bleibt oder dass die neue Art zu kommunizieren zum Untergang der jeweils gebrauchten Sprache oder zumindest zu deren „Verschandelung“ durch schlampigen, fehlerhaften Gebrauch führt.

Unabhängig davon, ob sich das Internet großen Zuspruchs erfreut oder ob es harsche Kritik erfährt: Es wird immer davon ausgegangen, dass es sich beim Internet um ein – mittlerweile nicht mehr ganz so – „neues Medium“, also ein Medium handelt. Diese Annahme wollen wir hier jedoch nicht einfach so übernehmen. Vielmehr soll in diesem Kapitel diskutiert werden, inwieweit man im Falle des Internets tatsächlich von einem Medium sprechen kann und was seine medialen Charakteristika sind.

2.2 Was ist ein Medium?

Was wir unter einem MediumMedium verstehen, scheint den meisten völlig klar zu sein. Wenn man aber genauer hinsieht, bemerkt man, dass wir im Alltag alles Mögliche als Medium bezeichnen: Das reicht von einzelnen Fernsehsendern wie ARD, ORF etc. über das Medium Radio bis zu Geistersehern und Schamanen. Das, was wir mit dem Alltagsbegriff Medium benennen, sind also sehr heterogene Dinge. Für einen wissenschaftlichen Gebrauch des Terminus in der Medien- und der Internetlinguistik ist das keine befriedigende Situation. Daher werden wir in den folgenden Abschnitten eine genauere Definition dieses für die Internetlinguistik zentralen Begriffs und dabei eine Beschreibung der Rolle von Medien in Kommunikationsprozessen unternehmen.

2.2.1 Einer, der polarisiert: McLuhans Medienbegriff

„All media are extensions of some human faculty – psychic or physical.“ (McLuhan/Fiore 1967: 26)

Medien als Extensionen des KörpersMarshall McLuhan versteht also unter Medien sämtliche Erweiterungen des menschlichen Körpers bzw. der ihm gegebenen Fähigkeiten, seien sie nun geistiger oder körperlicher Natur.

Diese Ansicht lässt sich anhand des (McLuhan zufolge) Mediums „Fernrohr“ gut erläutern: Ein Fernrohr ermöglicht es uns, Gegenstände oder Personen zu beobachten, die zu weit entfernt sind, als dass wir sie mit bloßem Auge sehen oder zumindest im ausreichenden Ausmaß erkennen könnten. Mit Hilfe der im Fernrohr verwendeten optischen Technologie wird unsere Sehfähigkeit also erhöht. Daher können wir im Sinne McLuhans von einem Medium sprechen, das eine unserer körperlichen Fähigkeiten, nämlich die der visuellen Wahrnehmung, ausbaut. Es handelt sich somit um eine Extension unseres Körpers, genauer: unserer Augen.

Herbert Marshall McLuhan (*1911, †1980) ist ein kanadischer Literaturwissenschaftler und Medientheoretiker. Er ist Begründer einer einflussreichen, wenn auch umstrittenen Medientheorie und prägte unter anderem den Terminus „global village“.

Aufgabe 2-1

Überlegen Sie sich weitere Beispiele für Medien im Sinne der zitierten Definition von McLuhan, also weitere Extensionen unserer körperlichen und geistigen Fähigkeiten.

Wenn man bedenkt, welche Fähigkeiten unser Körper und unser Geist haben, wie oft wir uns aber auch wünschen, wir könnten etwas besser oder hätten größere Befähigungen etwas zu tun, so ist es keineswegs erstaunlich, wie viele Medien – im sehr weiten Verständnis von McLuhan – wir finden können. Der Definition sehr gut entsprechende Beispiele wären unter anderem das Fahrrad, das Auto oder die Eisenbahn, generell alle Fortbewegungsmittel: Sie erhöhen unsere Möglichkeiten, längere Wegstrecken zu bewältigen, und sind damit Extensionen unserer Beine, wobei das Flugzeug die Einschränkungen unserer angeborenen Mittel, uns im Raum zu bewegen, noch zusätzlich quasi in einer weiteren Dimension zu überwinden hilft.

Genauso ist zum Beispiel ein Hammer auf eine Art eine Extension unserer Hände (Erhöhung der Fähigkeit zu schlagen) und eine Zange ist es auf eine andere Art (Erweiterung der Fähigkeit zu greifen). Kleidung könnte man so als eine Extension unserer Haut und einen Hut als eine unseres Kopfhaars betrachten. Nicht vergessen dürfen wir leider auch Waffen, angefangen mit der Keule, über Wurfspeer, Pfeil und Bogen, Gewehr und Kanone bis hin zu Atombombe und ferngesteuerter Drohne, die alle die Effizienz unserer körperlichen Fähigkeit, zu kämpfen und zu töten, steigern und ihren räumlichen Wirkungsradius erweitern. Ein positiveres MediumMedium wäre hingegen die Buschtrommel, die uns – quasi als Vorläufer des Telefons – dabei half, auch über räumliche Distanzen hinweg zu kommunizieren, die wir alleine mithilfe der menschlichen Stimme nicht zu überwinden vermochten.

McLuhans Medienbegriff umfasst demnach auch Dinge, die wir unserem Alltagsverständnis zufolge nicht als Medien bezeichnen würden, da sie nichts mit Informationsübermittlung oder Kommunikation zu tun haben, also Eigenschaften bzw. Funktionen, die wir im Alltag üblicherweise Medien zuschreiben. Allerdings fokussiert McLuhan in seinen Arbeiten doch großteils Medien der Kommunikation oder der Informationsübertragung, wenn er zum Beispiel den Buchdruck oder das Fernsehen als Medien ins Zentrum seiner Analysen rückt. Da auch das Internet der Informationsverarbeitung und der Kommunikation dient, übernehmen wir diese Fokussierung des Begriffs MediumMedium. Das heißt, wir werden nur mehr dann von einem Medium sprechen, wenn es die Extension kognitiver und kommunikativer Fähigkeiten bewirkt.

2.2.2 Wozu sind sie eigentlich da – die Medien?

Wie schon der Medienbegriff von McLuhan gezeigt hat, ist ein wesentliches Bestimmungselement von etwas als Medium dessen Funktion. Diese Funktion, die etwas erst zu einem Medium macht, besteht darin, bestimmte menschliche Fähigkeiten zu verbessern, zu erweitern oder überhaupt erst umsetzbar zu machen. Dabei geht es, wenn wir McLuhans Definition nur auf Medien im engeren Sinn einschränken, um Fähigkeiten, die der Verarbeitung und Verbreitung von Informationen sowie der Kommunikation dienen.

Aufgabe 2-2

Überlegen Sie, welche Fähigkeiten des Menschen mithilfe von Medien ausgebaut oder verbessert werden können, damit Informationsverarbeitung und/oder Kommunikation besser funktionieren. Bedenken Sie dabei, dass es nicht nur um Face-to-Face-Kommunikation gehen muss.

Vermittlungsfunktion von MedienAllgemein kann festgestellt werden, dass Medien gerade in Hinblick auf Kommunikation eine Vermittler-Funktion haben. Dieses Bedeutungselement von MEDIUM lässt sich auch etymologisch auf die ursprüngliche Bedeutung des lateinischen Wortes medium zurückführen. Demnach fungiert etwas, das in irgendeiner Form zwischen – räumlich oder zeitlich – getrennten Dingen oder Personen vermittelt, als Medium. Dabei ist das Medium jeweils einerseits das „Mittlere“, also das, was gleichsam zwischen den getrennten Dingen/Personen steht, was sie verbindet, und andererseits das instrumentalistisch eingesetzte „Mittel“, um eine Verbindung herzustellen (vgl. Habscheid 2000: 127). Beide Bedeutungselemente sind für MEDIUM relevant, da sie der Vermittlungsfunktion von Medien zugrunde liegen.

Wenn nun in diesem Sinn von Medien als Vermittlern die Rede ist, denken wir zunächst wohl am ehesten an ein Medium wie das Telefon. Es verbindet räumlich weit voneinander entfernte Personen und ermöglicht diesen eine Ausweitung ihres Kommunikationsradius. Damit handelt es sich beim Telefon um einen typischen Fall eines MediumsMedium im Sinne McLuhans: Es ermöglicht die Extension einer menschlichen Fähigkeit, nämlich der, sich miteinander zu verständigen bzw. zu kommunizieren.

Die Vermittlungsfunktion von Medien kann in einem weiten Sinn als grundlegend betrachtet werden. Es ist jedoch notwendig, hier etwas zu differenzieren: Medien – auch Medien im engeren Sinn von Mitteln der Kommunikation – vermitteln zwischen Dingen oder Personen auf durchaus unterschiedliche Weise. So werden nicht nur räumliche Distanzen überwunden, sondern in anderen Fällen auch zeitliche. Oder es geht nicht nur darum, Kommunikation zwischen einzelnen Menschen zu ermöglichen oder zu erleichtern, sondern auch um eine Erweiterung des Adressat*innenkreises einer kommunikativen Handlung. Dementsprechend lassen sich Medien in drei Klassen einteilen:

 VerbreitungsmedienVerbreitungsmedium

 Kommunikationsmedien

 Speichermedien

2.2.3 Verbreitung! Kommunikation! Speicherung!

Verbreitungs-/ÜbertragungsmedienZu den ersten – allerdings noch nicht technologischen – Verbreitungs- oder auch Übertragungsmedien gehören das Formen eines Trichters mit den Händen, der zur Verstärkung stimmlicher Äußerungen dient, und der Einsatz von Bot*innen. Beide ermöglichen die Überwindung von räumlichen Entfernungen, die einer erfolgreichen Kommunikation entgegenstehen. Da es dabei zunächst nur darum geht, Informationen in eine Richtung, also von Sender*innen zu Empfänger*innen zu übermitteln, spricht man von Verbreitungs- oder Übertragungsmedien.

Moderne und auf einer Technologie basierende Verbreitungsmedien sind zum Beispiel das Megaphon, das Flugblatt/der Flyer, das Radio und das traditionelle Fernsehen. Wenn man diese Beispiele betrachtet, wird auch klar, dass es bei Verbreitungsmedien nicht nur um die Überwindung von räumlichen Distanzen geht. Vielmehr ist ein wichtiger Aspekt, dass man mit ihnen auch einen größeren Adressat*innenkreis erreichen kann: Die Informationen werden unter einer größeren Anzahl von Menschen verbreitet.

KommunikationsmedienFür Kommunikationsmedien wie Briefverkehr oder Telefon ist dies hingegen kein entscheidender Punkt. In diesen Fällen erfolgt der Austausch von Informationen prototypischerweise zwischen zwei Individuen. Zwar gibt es mittlerweile auch die Möglichkeit von Telefon- oder Videokonferenzen – im Internet zum Beispiel mittels Skype –, an denen durchaus auch eine größere Anzahl von Leuten teilnehmen kann. Dennoch bleibt auch in diesen Fällen die Möglichkeit von Rückmeldungen, also der Wechsel der Rollen von Sender*in und Empfänger*in der wesentliche Aspekt. Potenzielle Interaktivität ist daher das definitorische Merkmal von Kommunikationsmedien.

SpeichermedienEin anderes Problem, das einer Kommunikationsintention entgegensteht, kann auch sein, dass wir nicht so sehr räumliche, sondern zeitliche Distanzen zu überwinden haben. Wir müssen in solchen Fällen die Informationen für einen späteren Zeitpunkt verfügbar halten, das heißt, wir müssen sie speichern. In früheren Zeiten (und in schriftlosen Kulturen auch heute noch) war die einzige Möglichkeit, sich die Dinge zu merken, über die man sprechen wollte. Für die Speicherung wichtiger, für eine ganze Gruppe bedeutsamer Informationen kristallisierten sich „Spezialist*innen“ als Mensch-Medien heraus (vgl. Ehlich 1983: 31 f.) Das bekannteste Beispiel dafür sind wohl Druid*innen, deren berühmtester – wenn auch fiktiver – Vertreter Miraculix aus den Asterix-Comics ist. Die wichtigste Information, über die er verfügte, nämlich das Rezept des Zaubertranks, wurde seit Generationen nur von Druid*innenmund zu Druid*innenohr weitergegeben (https://www.comedix.de/lexikon/special/zaubertrank.php). Er und seine Vorgänger*innen fungierten somit in ihrer – fiktiven – Gesellschaft wie ihre Pendants in der realen Welt als Spezialist*innen, die für ihre Kultur essentielles Wissen speicherten und es weitergaben.

Heutzutage sind wir nicht mehr auf solche Mensch-Medien angewiesen, aber wir benötigen natürlich weiterhin Speichermedien wie zum Beispiel ein gedrucktes Buch (genereller: den Buchdruck oder die Schrift), eine Audiokassette, eine DVD oder eine CD-ROM. Mithilfe dieser Medien speichern wir Informationen und halten sie für spätere Kommunikationssituationen verfügbar. Dabei ist die Dauer der Speicherung zunächst ohne Relevanz: Eine Tafel mit in Stein gemeißelten Hieroglyphen ist genauso ein SpeichermediumSpeichermedium wie ein Post-it mit der Botschaft: „Milch fehlt“, das auf die Kühlschranktür geklebt und vielleicht schon fünf Minuten später wieder entfernt wird.

Zu beachten ist, dass die Klassifizierung einzelner Medien nicht in jedem Fall eindeutig ist. Zum Beispiel ist ein Brief, der Teil eines Briefverkehrs ist, zwar ein KommunikationsmediumKommunikationsmedium; als solches kann er aber nur fungieren, weil die vermittelte Botschaft in ihm schriftlich fixiert, also gespeichert wurde. Ein Brief ist somit primär aufgrund seiner Funktion ein Kommunikationsmedium. Daneben ist er aber auch ein Speichermedium.

Zusammenfassend und etwas vereinfachend kann man feststellen, dass

 Verbreitungsmedien eine Extension unserer Befähigung zur Signalproduktion bewirken,

 Kommunikationsmedien unsere Fähigkeiten zu kommunizieren und

 Speichermedien einen Teil unserer kognitiven Fähigkeiten, nämlich unser Gedächtnis erweitern.

Das Internet kann, wie wir noch sehen werden, sowohl als Verbreitungsmedium als auch als KommunikationsmediumKommunikationsmedium als auch als Speichermedium fungieren.

Pulsuz fraqment bitdi.

38,08 ₼