Kitabı oxu: «Christsein und die Corona-Krise»
Walter Kardinal Kasper
George Augustin (Hg.)
Christsein und die Corona-Krise
Das Leben bezeugen in einer sterblichen Welt
Mit einem Geleitwort von Papst Franziskus
Matthias Grünewald Verlag
Inhalt
Geleitwort
Walter Kardinal Kasper
Corona-Virus als Unterbrechung – Abbruch und Aufbruch
Kurt Kardinal Koch
Die Corona-Krise mit den Augen des Glaubens betrachtet
Bruno Forte
Der Glaube an den Gott Jesu Christi und die Pandemie
George Augustin SAC
Leben bezeugen in einer sterblichen Welt
Thomas Söding
Distanz und Kontakt
Holger Zaborowski
Über das Virus – unter Vorbehalt oder: Die Erschütterungen der Corona-Krise und die Möglichkeit der Solidarität
Thomáš Halík
Die Pandemie als ökumenische Erfahrung
Jan-Heiner Tück
Pandemie – eine Geißel Gottes?
Mark-David Janus
Das Virus und ich
Karl Wallner OCist
Die Krise als missionarische Chance
Nachwort
Verzeichnis der Beiträger
Anmerkungen zu den Beiträgen
Über die Herausgeber
Über das Buch
Impressum
Hinweise des Verlags

Geleitwort
Die Corona-Krise hat uns alle wie ein plötzlich losbrechender Sturm überrascht und weltweit unser privates, unser familiäres, unser berufliches wie das öffentliche Leben jäh verändert. Viele haben den Tod von lieben Verwandten und Freunden zu beklagen. Viele sind in wirtschaftliche Not gekommen, andere haben ihren Arbeitsplatz verloren. In vielen Ländern war es selbst an Ostern, dem Hochfest der Christenheit, nicht mehr möglich, öffentlich gemeinsam die Eucharistie zu feiern und aus den Sakramenten Kraft und Trost zu schöpfen.
Diese dramatische Situation hat uns die Verwundbarkeit, die Hinfälligkeit und die Erlösungsbedürftigkeit von uns Menschen deutlich vor Augen geführt und viele Gewissheiten, auf die wir in unserem Alltag, bei unseren Plänen und Projekten gebaut haben, infrage gestellt. Die Pandemie stellt uns grundlegende Fragen, welche das Glück unseres Lebens und den Schatz unseres christlichen Glaubens betreffen.
Die Krise ist ein Alarmzeichen, das uns zum Nachdenken führt, wo die tieferen Wurzeln liegen, die uns Halt geben mitten im Sturm. Sie erinnert uns daran, dass wir manche im Leben wichtige Dinge vergessen und vernachlässigt haben, und lässt uns fragen, was wirklich wichtig und notwendig und was weniger oder gar nur vordergründig wichtig ist. Es ist eine Zeit der Prüfung und der Entscheidung, unser Leben neu auf Gott als Halt und Ziel auszurichten; sie hat uns gezeigt, dass wir gerade in Notsituationen auf die Solidarität anderer angewiesen sind; und sie leitet uns an, unser Leben neu in den Dienst an anderen Menschen zu stellen. Sie muss uns aufrütteln aus der weltweiten Ungerechtigkeit und uns aufwecken, um den Schrei der Armen und unseres schwer kranken Planeten zu hören.
Mitten in der Krise haben wir Ostern gefeiert und die österliche Botschaft vom Sieg des Lebens über den Tod gehört. Die Botschaft sagt uns, dass wir uns als Christen nicht von der Pandemie lähmen lassen dürfen. Ostern schenkt uns Hoffnung, Zuversicht und Mut und bestärkt uns in der Solidarität; sie sagt uns, Rivalitäten der Vergangenheit zu überwinden und uns über alle Grenzen hinweg als Teile einer großen Familie zu erkennen, in welcher einer des anderen Last trägt. Die Gefahr der Ansteckung durch einen Virus soll uns eine andere Art der Ansteckung lehren, die Ansteckung von der Liebe, die von Herz zu Herz übertragen wird. Ich bin dankbar für viele Zeichen spontaner Hilfsbereitschaft und heldenhaften Einsatzes von Pflegekräften, Ärzten und Priestern. Wir haben in diesen Wochen die Kraft gespürt, die aus dem Glauben kommt.
Die erste Phase der Corona-Krise, in der keine öffentlichen Feiern der Eucharistie stattfinden konnten, war für viele Christen eine Zeit schmerzlichen eucharistischen Fastens. Viele haben die Gegenwart des Herrn erfahren, wo zwei oder drei in seinem Namen zusammen waren. Die Übertragung der eucharistischen Feier durch das Fernsehen war ein Notbehelf, für den viele dankbar waren. Doch die virtuelle Übertragung kann die reale Gegenwart des Herrn in der Feier der Eucharistie nicht ersetzen. So freue ich mich, dass wir nun wieder zu normalem liturgischen Leben zurückkehren können. Die Gegenwart des auferstandenen Herrn in seinem Wort und bei der Feier der Eucharistie soll uns die Kraft geben, die wir brauchen, um die schwierigen Probleme zu bewältigen, welche nach der Corona-Krise auf uns zukommen werden.
Ich wünsche und hoffe, dass die theologischen Überlegungen in dem vorliegenden Bändchen »Christsein und die Corona-Krise« zum Nachdenken anregen und bei vielen neu Hoffnung und Solidarität wecken. Wie mit den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus wird der Herr auch in Zukunft mit uns unterwegs sein durch sein Wort und im Brechen des eucharistischen Brotes. Er wird uns sagen: »Habt keine Angst! Ich habe den Tod überwunden.«

Walter Kardinal Kasper
Corona-Virus als Unterbrechung – Abbruch und Aufbruch
1. Wie haben wir die Krise erfahren?
Seit Wochen und Monaten hat uns die Corona-Krise im Griff. Obwohl alle betroffen waren und sind, haben wir diese Krise in sehr unterschiedlicher Weise erfahren: als vom Virus direkt Betroffene, als Angehörige von Betroffenen, als Pfleger, Ärzte und Seelsorger, unterschiedlich und oft recht nervig in unserem Familien- und Berufsleben, als Jugendliche oder als Angehörige von Risikogruppe besonders der Alten, Kranken, Behinderten, der Menschen, die in Notunterkünften oder Gefängnissen eng beieinander leben, dies alles anders in China, anders in Italien und wieder anders in Deutschland, anders für regelmäßige Kirchgänger und anders für nicht oder nur sporadisch kirchlich Praktizierende. Man könnte die Liste fortsetzen und müsste dann viele berührende Einzelgeschichten erzählen.
Viele individuelle Einzelerfahrungen und doch eine gemeinsame und alle zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammenschließende Erfahrung. Wir sind es zwar nur allzu sehr gewöhnt, jeden Tag von Katastrophen zu hören. Doch es sind Katastrophen irgendwo im fernen Asien oder Afrika; jetzt handelt es sich um eine Pandemie, wörtlich übersetzt: um eine Krise, die das ganze (pan) Volk (demos), alle gemeinsam und jeden Einzelnen, betrifft. Sie bedeutet für alle eine abrupte Unterbrechung des bisherigen Lebensstils, der Lebensgewohnheiten und der als selbstverständlich angenommenen Alltagsgewissheiten. Sie betrifft uns nicht nur in unserem individuellen Leben, sondern im gesamten öffentlichen Leben und dies weltweit mit einem bisher so nie erlebten Stillstand. Belebte Millionenstädte, Flughäfen, Sport- und Vergnügungszentren sind plötzlich wie ausgestorben, und niemand kann verlässlich Auskunft geben, wie lange das so weitergehen wird.
Was da geschieht, betrifft das private und öffentliche Leben nicht nur äußerlich, es trifft unsere moderne Gesellschaft mitten ins Herz. Menschliche Grundrechte wie die Bewegungsfreiheit, der persönliche Kontakt und die Versammlungsfreiheit werden bis auf das absolut notwendige Minimum eingeschränkt und nicht zuletzt die gemeinsame öffentliche Religionsausübung in der bisherigen Form untersagt. Das kennt man bisher nur von totalitären Staaten, jetzt passiert es in freiheitlichen Staaten und wird von der übergroßen Mehrheit der Bürger in dieser außerordentlichen Situation trotz manchem Murren als vernünftig angesehen, angenommen und befolgt.
Ich erinnere mich noch an die letzten Jahre und Monate des Zweiten Weltkriegs. Wir wussten sehr oft nicht, ob, wie und wo wir am anderen Morgen aufwachen. Doch es war kein allgemeiner Stillstand; das Leben ging, wenngleich oft unter erheblichen Schwierigkeiten, weiter. Viele Kirchen waren zerstört, doch in denen, welche noch nutzbar waren, fanden Gottesdienste statt. Dass jetzt selbst an Ostern, dem Hochfest der Christenheit, auch in Rom kein gemeinsamer öffentlicher Gottesdienst stattfand, das ist in bald 2000 Jahren Kirchengeschichte nie vorgekommen.
Nichts hat uns diese allgemeine und geschichtlich einmalige Situation so deutlich vor Augen geführt wie der Segen urbi et orbi des Papstes vor dem mittelalterlichen Pestkreuz aus der Kirche San Marcello al Corso in Rom. Es wurde im Pest-Jahr 1522 unter großer Beteiligung in einer Prozession durch Rom getragen; jetzt steht der Papst auf dem fast gespenstisch menschenleeren Petersplatz allein vor diesem Kreuz und redet, auch wenn er über die Medien weltweite Aufmerksamkeit findet, wie ins Leere hinein. Kein öffentlicher Gottesdienst an Ostern, in Ost und West das zentrale Hochfest der Christen, für die Juden seit weit mehr als zwei Jahrtausenden keine Pessach-Feier mit Tisch-Gemeinschaften über die Familie hinaus und gemeinsamem Gebet in der Synagoge und für die Muslime kein Fastenmonat des Ramadan mit gemeinsamen Gebeten in Moscheen und mit dem abschließenden gemeinsamen Fest des Fastenbrechens. Das hat es so noch nie gegeben.
Der Ursprung des Virus ist nicht voll geklärt. Liegt eine menschliche Unvorsichtigkeit, ein Laborunfall vor, oder handelt es sich eher um eine Naturkatastrophe wie ein Erdbeben, ein Vulkanausbruch, ein Tornado oder Tsunami? Dass solche verheerenden Naturkatastrophen in bestimmten geologischen Zonen immer wieder möglich sind ebenso wie Epidemien, an denen jährlich viele Tausende Menschen sterben, das alles weiß und wusste man. Nun aber handelt es sich um einen bisher nicht bekannten, sich rasch weltweit verbreitenden Virus, für den auch unsere hochentwickelte Medizin bis auf Weiteres kein Heilmittel zur Verfügung hat. Das macht die Verwundbarkeit und die Zerbrechlichkeit des Menschen, seine Grenzen und auch seine Ohnmacht gegenüber den Gewalten der Natur neu deutlich und stellt den Machbarkeits- und den Fortschrittsglauben erneut infrage. Es ist eine Kontingenzerfahrung neuer, eigener, ja extremer Art.
Gerechterweise muss man hinzuzufügen: Es gibt auch positive und erfreuliche Kontingenzerfahrungen. Die große Mehrheit der Menschen reagierte mit viel gesundem Menschenverstand, oft mit erstaunlicher Kreativität und sehr oft mit bewundernswerter Solidarität. Es gibt zahllose Berichte von selbstlosem bis an die Grenzen und oft darüber hinausgehendem Einsatz von Pflegekräften, Ärzten, Seelsorgern, von freiwilligem Einsatz Jugendlicher für alte Menschen, nachbarschaftlicher Hilfsbereitschaft, Umorganisation des Zusammenlebens in den Familien oft auf sehr engem Raum mit all dem Stress, den das mit sich bringen kann. Die Menschen leben außer dem engen Kreis der Familie räumlich distanzierter voneinander und wissen sich doch mehr als bisher schicksalhaft solidarisch miteinander verbunden.
Wie realistischerweise nicht anders zu erwarten, gab und gibt es auch Beispiele von rücksichtslosem, raffiniertem kriminellem Ausnützen der Krise. Das Erstaunliche aber ist, dass insgesamt innere Kraftressourcen und menschliche Größe, die Fähigkeit, über sich selbst hinauszuwachsen, offenbar werden, welche verallgemeinernde negative Urteile über die heutige Welt und die heutige Jugend Lügen strafen. Die Erfahrung, dass in den Menschen mehr steckt, als wir oft meinen, gibt Anlass zu der Hoffnung, die wir dringend brauchen. Denn auch wenn die begründete Erwartung besteht, dass in einiger Zeit ein Medikament zur Verfügung stehen wird, wird es nach der Krise nicht so sein, wie es vor der Krise war. Schon heute müssen wir fragen: Wie werden wir die Nach-Corona-Krise schultern?
Man muss kein Schwarzseher sein, wenn man ernsthaften Prognosen Glauben schenkt, welche langfristige schwerwiegende ökonomische und damit auch soziale und politische Auswirkungen vorhersagen. Wir alle werden ärmer sein, die einen mehr und andere weniger, was wiederum soziale Verwerfungen, politische Konflikte und besonders in Europa internationale Neuordnungen zur Folge haben wird.
Die Folgen der Corona-Krise sind am ehesten wohl denen des verheerenden Erdbebens von Lissabon im Jahr 1755 vergleichbar. Noch nach mehr als 250 Jahren weiß man nicht genau, was diese Naturkatastrophe ausgelöst hat. Doch man weiß, dass das verheerende Beben die ganze damalige Kultur und aufgeklärte Philosophie zutiefst erschüttert und verändert hat. Das Beben bedeutete das Ende des Optimismus und des Fortschrittsglaubens der Aufklärung. Eine ganze Epoche europäischer Geschichte ging damals zu Ende.
Auch die Corona-Krise wird Erschütterungen unserer zivilisatorischen, gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Gewissheiten zur Folge haben, Folgen, die heute noch kaum jemand im Einzelnen absehen kann. Medizinisch werden wir Corona überwinden; geistig, kulturell, auch theologisch wird uns Corona noch lange im Griff haben und beschäftigen.
2. Wie können wir die Krise verstehen?
Die theologische Frage des Erdbebens von Lissabon war die Frage der Theodizee: Wie kann der gute und allmächtige Gott solches zulassen? Diese Frage galt im 19. Jahrhundert als der »Fels des Atheismus« (Georg Büchner). Im 20. Jahrhundert wurde die Theodizee-Frage nach dem unerhörten Verbrechen, das sich mit dem Namen Ausschwitz verbindet, erneut zum Thema. Damals ist mit der eiskalt geplanten und industriell ins Werk gesetzten barbarischen Ermordung von Millionen unschuldiger Menschen mit dem Rauch aus den Krematorien die abendländisch-europäische Kultur, so wie wir sie bisher kannten, in Rauch aufgegangen.
Die Corona-Krise ist anderer Art. Auch wenn am Anfang menschliches Versagen gestanden haben sollte, ist sie keine von Menschen gemachte Krise, sondern eine Naturkatastrophe von weltweitem Ausmaß. Sie war das, was man philosophisch ein kontingentes Geschehen nennt, das heißt ein Geschehen, das nicht aufgrund eines Naturgesetzes notwendig, aber dennoch möglich ist. Es hat sich etwas ereignet, was nicht notwendig, aber offensichtlich möglich ist, etwas das uns zustößt, zufällt und betrifft (contingere).1
Als solches Kontingenzproblem haben wir die Corona-Krise philosophisch und theologisch zu diskutieren. Die Frage lautet: Wie können wir als Menschen mit solcher wie mit vielen anderen Formen unvermeidlicher Kontingenz der Wirklichkeit und des Lebens fertig werden? Das ist keine abstrakte, das ist eine sehr konkrete existentielle und – wie zu zeigen sein wird – eine weit ins Politische wie ins Kirchliche hineinreichende Frage.
Das Problem ist nicht neu. Die Griechen waren von der Ordnung und Schönheit des Kosmos fasziniert, und heute wissen wir noch viel mehr von der wunderbaren Ordnung sowohl im Makro- wie im Mikrokosmos bis hinein in den atomaren und subatomaren Bereich, bis in die kleinsten Zellstrukturen und Gene des Lebens. Doch schon Aristoteles wusste um die Kontingenzproblematik, und heute wissen wir spätestens seit der Relativitäts- und der Quantentheorie (Albert Einstein und Werner Heisenberg), von der Chaostheorie erst gar nicht zu reden, dass die Wirklichkeit nicht, wie im 17./18. Jahrhundert Isaac Newton meinte, nach der Art eines großen mechanischen Uhrwerks abläuft und die Evolution des Alls vom Urknall und von der Amöbe bis zum homo sapiens nicht linear verläuft, sondern nach dem Gesetz von Zufall und Notwendigkeit (Jaques Monod) zu denken ist.
Im Anschluss an Aristoteles hat Thomas von Aquin das Kontingenzproblem weiter und zu Ende gedacht. Er stellt das Kontingenzproblem grundsätzlich und das heißt im Blick auf die Wirklichkeit insgesamt als Grundfrage der Metaphysik, wie sie später Leibniz, Schelling, Heidegger formuliert haben: »Warum ist überhaupt etwas und nicht lieber nichts?« Alles Wirkliche ist offensichtlich möglich, aber nicht notwendig; es könnte auch anderes und es könnte auch nicht sein. Warum also ist es nicht nicht, warum ist etwas? Das ist nach Thomas nur möglich, wenn es etwas gibt, das nicht nicht sein kann, das also notwendig ist. Das nennen alle Gott.2 Man nennt das den dritten der fünf Gottesbeweise des Thomas von Aquin. Doch Thomas selbst war klug genug, um nicht von fünf Beweisen, sondern von fünf Wegen zu Gott zu sprechen, das heißt fünf Wege, um den damals allgemein vorausgesetzten Gottesglauben als intellektuell verantwortbar und insofern als vernunftgemäß zu erweisen.
Gott ist der letzte Grund allen Seins; er ist in allem, was ist und was geschieht, anwesend, aber er ist zugleich über alles erhaben. Indem er allem, was ist, Sein schenkt und es sein lässt, will er es in seinem Eigensein, seinem Eigenwirken und seiner Eigengesetzlichkeit.3 Darum ist es unmöglich, eine Naturkatastrophe unmittelbar auf Gott zurückzuführen und sie als Gottes Strafe anzudrohen oder zu verkünden. Ebenso wenig dürfen wir Erfolg und Wohlstand als Gottes Belohnung für moralisches Verhalten oder als Zeichen von Gottes besonderer Erwählung deuten, wie es die prosperity theology mancher Freikirchen tut.4 Das Elend solcher pseudotheologischer Argumentation wird uns schon im alttestamentlichen Buch Hiob vor Augen geführt. Sosehr alles, was ist und was geschieht, letztlich in der Vorsehung Gottes begründet ist: Gottes Gedanken sind nicht unsere Gedanken; so hoch der Himmel über die Erde erhaben ist, so Gottes Gedanken über unsere Gedanken (Jes 55,8f).5
Auch um Platz für den Glauben zu machen, hat Kant die Gottesbeweise und mit ihnen das ganze Gebäude der Metaphysik einer grundsätzlichen Kritik unterzogen, von der sich die Gottesbeweise nie mehr ganz erholt haben. Denn wie immer man Kants Kritik beurteilen mag, sie hat deutlich gemacht, dass die Gottesbeweise von vielen erkenntnistheoretischen und ontologischen Voraussetzungen abhängen, die man begründen kann, die viele aber auch bestreiten. Ihre Schwäche ist, dass sie abstrakt formallogisch etwas begründen, was von grundlegender existentieller Bedeutung für Sinn und Ziel des Lebens und der Welt und damit eine Frage ist, die jeden Menschen in seiner Gesamtexistenz betrifft und darum in Freiheit entschieden werden muss.
Das ist der Punkt, von dem her Kant die Frage neu aufgriff. Er geht von der Freiheit des Menschen aus und macht klar, dass meine Freiheit nur dann sinnvoll sein kann, wenn die Welt, in der ich lebe, ein möglicher Raum der Freiheit ist. Das wiederum ist nur möglich, wenn die Freiheit des Menschen und die Natur von einer beide umgreifenden größeren Freiheit bestimmt ist. Gott ist darum ein Postulat der Freiheit. Das hat nach Kant bei Fichte, Schelling, Hegel zu den großen idealistischen Systementwürfen geführt, die ausgehend von einer absoluten Freiheit die Welt und die Geschichte als eine große Freiheitsgeschichte verstehen.
Wenn man alles vernünftig erklärt, fragt sich, woher dann das viele Unvernünftige in der Welt und erst recht woher das zerstörerische Böse in der Geschichte der Menschheit kommt. Unter dem Dauerbeschuss der Kontingenzerfahrung sind die idealistischen Systeme zusammengebrochen. Die kontingente Welt lässt sich nicht in ein System pressen.6 So wollte Karl Marx Hegels System vom Kopf auf die Füße stellen und die Ideen als Widerspiegelung sozio-ökonomischer Verhältnisse deuten, Friedrich Nietzsche Gott als Ausdruck des Ressentiments begreifen. Dass Gott tot ist, war ihm die frohe Botschaft, dass nun der Übermensch lebe.7 Schließlich proklamiert das postmoderne Denken das Ende aller Meta-Erzählungen, des Idealismus wie des Marxismus.8
Mit der Abschaffung Gottes hat die postidealistische und postmoderne Epoche freilich ein Problem bekommen. Der Mensch findet sich nun allein und verloren in der weiten, ihm bei weitem nicht immer freundlichen Welt vor. Da überkommt ihn, wie schon der alternde Schelling, dann Kierkegaard und Heidegger analysiert haben, die Angst. Sie ist eine Grundbefindlichkeit des modernen Menschen. Wenn Gott ausgedient hat, wenn man ihn nicht mehr braucht oder wenn er gleichgültig geworden ist, dann müssen wir Menschen das Problem der Kontingenz in eigene Regie nehmen und selbst Vorsehung spielen.
Genau das hat die moderne bürgerliche Gesellschaft unternommen. Sie versucht, die Natur zu beherrschen oder sich zumindest gegen die Unbill der Natur abzusichern. Aus der kontemplativen Vernunft wird die instrumentell-technische Vernunft, die auf das Machbare setzt. Die Natur wird zum Material und als solche ausgebeutet. Dazu kommt die Daseinsvorsorge, das heißt die Ökonomie. Sie ist jetzt nicht mehr nur notwendiges Mittel, sie wird Inhalt, Sinn und Ziel des Daseins. Was zählt, ist Leistung und Erfolg. Die Dinge werden nach ihrer Nützlichkeit und ihrem Tauschwert, letztlich nach ihrem Geldwert bewertet. Damit das funktioniert, muss die Lebenswelt gut organisiert und administriert werden. Es bedarf einer bürokratischen Herrschaftsform, die möglichst alles reguliert und demokratisch kontrolliert. Politik wird auf ein von Sachzwängen diktiertes Planungshandeln reduziert. Höchstes Ziel ist die Sicherheit.
Es bedurfte nicht erst der Corona-Krise, um zu zeigen, dass diese Rechnung nicht aufgeht. Schon die sich wiederholenden Wirtschafts- und Finanzkrisen zeigten, dass ein ungebremster entfesselter Kapitalismus die Gesellschaft und die Völker in arme und reiche spaltet und Menschen tötet. Die ökologische Krise führt zu der Einsicht, dass der ehrfurchtslose Umgang und die rücksichtslose Ausbeutung der Natur die Erde unbewohnbar macht und die eigenen Lebensgrundlagen zerstört. Die Corona-Krise hat nun zum Beinahe-Shutdown und zum weitgehenden gesellschaftlichen und ökonomischen Stillstand geführt, der am Ende ins Mark der freiheitlichen bürgerlichen politischen Ordnung trifft. Corona hat das bürgerliche Sicherheitsgefühl infrage gestellt. Die Kontingenz hat uns eingeholt.
Auch die bürgerliche Gesellschaft hat gesehen, dass totale Absicherung nicht möglich ist; ein Restrisiko bleibt. Wir haben das Leben und besonders Sterben nicht in der Hand. Darum ist Religion unverzichtbar. Sie ist zur Kontingenzbewältigung nötig, sie hat nun Trostfunktion.9 Im Glauben weiß man: Die Welt ist nicht schicksalhaft oder deterministisch, sie ist auch nicht reiner Zufall. Man darf auf Gottes Vorsehung vertrauen und kann sich im Letzten von Gott gehalten wissen.10
Doch diese liberal verbürgerlichte Religion hat nur einen trostlosen Trost zu bieten. Bei ihr haben Religion und Glaube keinen Eigenwert, sie werden funktionalisiert und vereinnahmt. Der Glaube ist ein Transzendieren ohne Transzendenz (Ernst Bloch), eine symbolische Überhöhung dessen, was ohnedies ist. Er verändert nichts an den Bedingungszusammenhängen, im Gegenteil, er stabilisiert sie. So ist die Zivilreligion eine Ideologie der bürgerlichen Lebenswelt. Als Kulturfaktor wird sie nach wie vor geschätzt und gepflegt, weil Technik und Ökonomie allein die seelischen, ethisch-pädagogischen und ästhetischen Bedürfnisse nicht befriedigen können. Als Bedürfnisbefriedigung wird Religion wie alles andere konsumiert. Die Kirche wird zur Service-Kirche.
Kritik am bürgerlichen Christentum übte schon früh und mit weitreichender Wirkungsgeschichte Sören Kierkegaard. Nach Kierkegaard hat die bestehende Christenheit das Christentum abgeschafft, indem sie das Ärgernis, das Anstößige der christlichen Botschaft abgeschafft hat.11 Sie lebt in einer dösigen und alles andere als leidenschaftlichen Sicherheit.12 Sie ist zur triumphierenden Kirche mit versteckter Innerlichkeit geworden, die nicht mehr der streitenden Kirche gleichsieht.13
In dieser Spur stehen zwei Märtyrer des 20. Jahrhunderts. Dietrich Bonhoeffer kritisiert in seinen Briefen und Aufzeichnungen aus der Haft »Widerstand und Ergebung«, dass Gott aus dem Bereich der mündig gewordenen Welt hinausgeschoben wird und als Lückenbüßer nur noch Antwort auf sogenannte letzte Fragen ist.14 Alfred Delp verkennt im bürgerlichen Lebensstil nicht die Größe, die er einmal hatte, aber nun ist er erstarrt in allen möglichen Sicherheiten und Versicherungen und hat zu einen Menschentyp geführt, »vor dem selbst der Geist Gottes, man möchte sagen, ratlos steht und keinen Eingang findet«. Dieser bürgerliche Mensch hat sich auch in der Kirche breitgemacht mit Besitz, Macht, gepflegtem Dasein, gesicherter Lebensweise. Die bürokratische Kirche ist großenteils das Werk des bürgerlichen Menschen.15
In der Theologie hat vor allem Johann Baptist Metz im Anschluss an Max Horkheimer und Theodor Adorno die innere Dialektik der Aufklärung aufgezeigt16 und die transzendentale und existentiale Theologie als Einzug des bürgerlichen Denkens ins Innere von Theologie und Kirche kritisiert. Sie verfällt der Aufklärung, indem sie diese umarmt und sich von ihr umarmen lässt.17 Kirche und Theologie können ihre Krise nicht überwinden, indem sie den Teufel mit Beelzebub austreiben und sich dem bürgerlichen Bewusstsein verschreiben.
So steht die Christenheit da wie ein entlaubter Baum nach einem spätherbstlichen Sturm. Sind also die leeren Kirchen, der leere Petersplatz ein äußeres Symbol der inneren Leere? Sind die leeren Kirchen Mausoleen eines toten Gottes, wie Nietzsche spottete? Nein! Petrus stand in der Gestalt seines Nachfolgers da mit der Botschaft von der Auferstehung: Christus vivit. Er ist auferstanden. Auf diesen Grund muss sich die Christenheit besinnen. Auf diesen Fels des Evangeliums kann sie bauen.
3. Wie können wir die Krise überwinden?
Es ist nicht Aufgabe und Zuständigkeit der Kirche und der Theologie Vorschläge zu machen für eine Exit-Strategie und für die Bewältigung der ökonomischen, sozialen und politischen Herausforderungen im Gefolge der Corona-Krise. Doch eine Grundorientierung darf man erwarten. Sie ist in diesem Zusammenhang nur mit wenigen Stichworten möglich.18
1. Als Christen müssen wir in erster Linie wissen, wer wir sind, woraus wir leben und worauf wir hoffen. Es war für mich mehr als ein Zufall, dass die Krise besonders an Ostern offenkundig wurde. Denn Ostern hat den Stein vor dem Grab weggeräumt und die Botschaft von Gott, der die Toten lebendig macht, gebracht.19 Sie passt in kein Schema. Das Ostergeschehen ist Zeugnis von Gottes souveräner Freiheit, kontrafaktischer Stachel, der jede Anpassung an vorgegebene Schablonen ausschließt und neue Perspektiven aufschließt. Sie ist Kontingenz pur, und doch zugleich Zeugnis von Gottes unverbrüchlicher Treue, in der wir in der Unbeständigkeit der Welt im Glauben festen Stand und Halt gewinnen.
Wir können vom Reich Gottes nur in Bildern und Gleichnissen reden, aber die Rede vom »Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit« zeigt, dass diese Botschaft nicht gleichgültig ist gegenüber schreiendem Unrecht in der Welt. Sie ist mehr als die Erfüllung von Bedürfnissen, mehr als technokratisch geplante, von Computern gesteuerte Zukunft. Sie ist keine innerweltliche Utopie, kein Hurra, sondern ein Amen,20 ein »Ja, so ist es,« und damit Ruf zur Umkehr von falschen Götzen und zugleich Sendung hinaus in die Welt.
2. Die neue Schöpfung, die mit Ostern beginnt, verweist uns auf die erste Schöpfung. Bereits in der Genesis erhält der Mensch den Welt- und Kulturauftrag, die Erde zu hegen und zu pflegen. Doch der Auftrag wird sofort weitergeführt und überhöht durch die Grundlegung der Sabbatordnung, welche die Arbeits- und Wirtschaftsordnung unterbricht und den Rhythmus der Zeit begründet.
Die Heiligung des Sabbats besagt, dass der Mensch nicht nur Arbeitstier und die Sabbatruhe nicht allein Ausruhen von der Arbeit und Kraftschöpfen für neue Arbeit ist. Sie ist ein Innehalten, um Zeit zu haben für Gott wie für die Menschen, für Familie, Freunde, Geselligkeit. Gotteszeit ist des Menschen Zeit. Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch (Irenäus von Lyon). Kult und Muse, Kult und Kultur gehören zusammen. Einer Welt, die keine Zeit mehr hat, sondern nur noch rast und rennt, muss man sagen: Es ist Zeit, Zeit zu haben. Um menschlich zu überleben, tut eine neue Sabbatordnung not.
3. Die neue Schöpfung beginnt nicht erst mit dem Ostermorgen, sie setzt bereits am Karsamstag, dem Heiligen Samstag ein. Der Descensus ad inferos wird in der westlichen Kirche wenig bedacht, in den Ostkirchen steht er im Mittelpunkt des Ostergeschehens.21 Jesus steigt hinab ins Schattenreich des Todes und der Toten. Das ist der Sieg über die Macht und die Mächte des Todes und Solidarität mit den Toten, mit den Ermordeten, den Vergessenen, mit allen, die keine Zukunft haben und im Schatten des Todes leben, weil sie als wenig nützlich gelten und darum ausgemustert werden.
Das ist mehr als stilles Totengedenken und Erinnerungskultur, das ist memoria, vergegenwärtigende Erinnerung daran, dass wir auf den Schultern derer stehen, die uns vorausgegangen sind. Ihre Namen sind bleibend im Gedächtnis Gottes eingeschrieben, bei dem sie nun leben und im Frieden ruhen. Ohne diese Herkunft haben wir keine Zukunft. Das widerspricht einseitiger Fortschritts- und Zukunftsorientierung, die ohne Herkunft ihren Kompass verloren hat.
4. Ostern ist das Fest der christlichen Freiheit. Freiheit ist ein großes Wort, sie ist das Schlüsselwort der Moderne. Wir dürfen es nicht aufgeben; wie müssen es verteidigen. Doch christliche Freiheit hat nichts zu tun mit egoistisch kalt rechnender Freiheit, mit dem Kult persönlicher Selbstverwirklichung, die schnell zur Wehleidigkeit wird, schon gar nichts mit individualistischer Willkür. Sie ist befreite, erlöste Freiheit, die in der Liebe wirksam wird (Gal 5,1.6). Sie ist frei von eigener Anhänglichkeit und damit frei für andere. Sie zeigt sich im Teilen, in der Solidarität, in der einer des anderen Last trägt (Gal 6,2). Die Barmherzigkeit nimmt sich der kontingenten konkreten Not an. Sie betrachtet die Not nicht nur als einen in der Sozialordnung vorgesehenen Sozialfall; sie ist auf die konkrete Notsituation bezogene Gerechtigkeit. An seinen Wunden haben die Jünger den auferstandenen Herrn wiedererkannt.
Es ist das Identifikationskriterium der Christen, Jesus Christus an den Wunden des Leibes Christi, die die Kirche ist, die seit dem gerechten Abel verborgen in der ganzen Menschheitsgeschichte gegenwärtig ist (vgl. Lumen gentium 2), zu erkennen (Mt 25). Die Kirche muss in der Welt als Wagnis für andere präsent sein; sie ist nur Kirche als Kirche für die anderen.22 Ihre Zukunft hat sie in der Rückkehr der Kirchen in die Diakonie.23 Kirche als Feld- und Notlazarett (Papst Franziskus).
5. Der Auferstandene erschien seinen Jüngern bei Mählern. Ostern und Eucharistie gehören untrennbar zusammen. Das Schlimme beim diesjährigen Ostern war der Ausfall gemeinsamer Eucharistiefeiern und noch schlimmer, dass dies laut Umfragen nur relativ wenige so empfanden. Der Papst setzte auf dem Petersplatz ein Gegenzeichen. Er erteilte den Segen urbi et orbi nicht wie üblich; er erteilte ihn mit der Monstranz und demonstrierte, dass wir Zukunft und Leben nur vom eucharistischen Brot des Lebens haben werden. Die Eucharistie ist ein Mahl, und wir können das eucharistische Brot nicht teilen, ohne auch das tägliche Brot zu teilen. Paulus zeigt uns, dass wir die beiden Tische nicht scheiden, aber dass wir sie doch unterscheiden sollen (1 Kor 11,34).
Die Eucharistie ist darum nicht nur ein Mahl. So ging auf dem Petersplatz dem eucharistischen Segen die eucharistische Anbetung voraus. Jesus selbst hat das Letzte Abendmahl gefeiert im Ausblick auf das eschatologische Mahl im Reich Gottes. Das führt uns in die Apokalypse, das letzte Buch der Bibel, in dem die Feier der Eucharistie beschrieben wird als Echo und Vorausnahme der himmlischen Liturgie vor dem geschlachteten und erhöhten Lamm, das uns mit seinem Blut zu Königen und Priestern gemacht hat (Offb 5,8–10). Um das zu erfassen liegt noch ein längerer Weg der österlichen Erneuerung der Liturgie vor uns.
6. Bereits das älteste Osterzeugnis des Neuen Testaments zeigt, dass es das Osterzeugnis nicht ohne die Osterzeugen gibt, allen voran Petrus und die Zwölf (1 Kor 15,3–5). Gewiss, alle Christen erhalten bei der Taufe das Osterlicht und sollen davon Zeugnis geben. Aber es gibt die authentischen apostolischen Zeugen. Wie sie ihren unverzichtbaren Dienst tun sollen, dafür hat Jesus am Abend vor seinem Tod mit der Fußwaschung ein deutliches Exempel statuiert. Er hat die hierarchische Spitze auf den Kopf gestellt. Sie zeigt nach unten; sie soll nicht herrschen, ihr wird der Sklavenrolle des Dienens zugewiesen. Tatsächlich sind alle genannten Apostel den Märtyrertod gestorben. Das gilt es mit zu bedenken, wenn von der künftigen Lebensform der Priester (und der Bischöfe) die Rede ist.24
Dafür gibt es ein Vorbild, es ist der Patron meiner Heimatkirche und meiner Heimatdiözese, der heilige Martin von Tours. Mit der Mantelteilung hat er sich als Ikone christlicher Nächstenliebe bis heute ins Gedächtnis eingeprägt. Ein Mosaik in San Vitale in Ravenna zeigt ihn zudem als Ersten in der Reihe der Bekenner aus der Schule des Kirchenvaters Hilarius, der gegen die Arianer die wahre Gottheit Jesu Christi verteidigt hat. Folgt man schließlich seiner Lebensbeschreibung bei Sulpicius Severus, so hat er nach der konstantinischen Wende, als sich die meisten Bischöfe erstaunlich rasch in die imperiale Kirche einpassten, das vorkonstantinische mönchische Ideal des Bischofs beibehalten. Für mich ist der heilige Martin als Bischof zwischen den Zeiten das Leitbild eines Bischofs in einer nicht-klerikalistisch bischöflich verfassten Kirche in nachkonstantinischer Zeit, der Patron einer nach dem Corona-Virus sich erneuernden Kirche.
Kurt Kardinal Koch
Die Corona-Krise mit den Augen des Glaubens betrachtet
1. Dunkle Seite des Karsamstags
Unter sehr schwierigen, gleichsam coronaren Bedingungen haben wir Christen in diesem Jahr die Karwoche und das Osterfest begangen. Die wichtigsten Gottesdienste im Kirchenjahr mussten aufgrund staatlicher Verbote in Abwesenheit der Gläubigen bei geschlossenen Kirchentüren gefeiert werden und wurden per Stream nach Hause übertragen. Auch Papst Franziskus hat in der St. Peters-Basilika hinter ihren geschlossenen Portalen die Gottesdienste gefeiert und den großen Apostolischen Segen urbi et orbi ohne die sichtbare Anwesenheit der Stadt und des Erdkreises gespendet. Viele Menschen sind in ihren Wohnungen eingeschlossen gewesen, weil sie in der Quarantäne leben mussten, die bereits von ihrer Wortherkunft (quadraginta, lat.: »vierzig«) her an die vierzigtägige Österliche Bußzeit erinnert. Auf diesem außergewöhnlichen und düsteren Hintergrund ist mir wie selten zuvor ein Detail in der biblischen Ostergeschichte neu bewusst geworden. Der Evangelist Johannes beginnt seinen Bericht über die Erscheinung des auferstandenen Christus bei seinen Jüngern mit den Worten: »Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten …« (Joh 20,19). Wiewohl der Herr bereits auferstanden und auf dem Weg zu den Jüngern war, lebten sie noch ganz am Karsamstag, wie die Angst und die verschlossenen Türen dies anschaulich zum Ausdruck bringen.
Die Zeit der Corona-Krise, die in unseren Breitengraden kurz nach dem Beginn der Fastenzeit virulent geworden ist, hat auf viele Menschen wie ein verlängerter und ausgedehnter Karsamstag gewirkt. Der Karsamstag ist in der christlichen Liturgie der Tag des Begräbnisses Gottes, seiner Verborgenheit und seines Schweigens in der Geschichte der Menschen und damit der Tag, an dem die großen Hoffnungen infrage gestellt worden sind. Für viele Menschen heute ist der Karsamstag zum Symbol für ihre Lebenssituation in der Corona-Krise geworden, genauer zum Symbol für die vielen Ängste, die im Blick auf das eigene Leben und dasjenige von vielen lieben Mitmenschen wach geworden sind, und für die große Ungewissheit im Blick auf die Zukunft, vor allem im Blick auf die Frage, ob und wann die Krise zu Ende gehen und wie das Leben nach der Krise sein werde.
Angesichts dieser existenziellen Herausforderung stellt sich die Frage, wie man auf diese Krise antworten soll und reagieren darf. Soll man die Corona-Krise einfach als eine Erscheinung der Natur nehmen, die ungefähr alle hundert Jahre in solchem Exzess stattfindet, die gewiss auch diesmal vorübergehen wird und die man so gut wie möglich überstehen soll? Soll man alle Hoffnung auf die Erkenntnisse der Naturwissenschaftler, vor allem der Virologen setzen, auf die Erfindung eines wirksamen Impfstoffes warten und in der Zwischenzeit jene Verhaltensweisen praktizieren, die uns von den Experten nahegelegt werden? Oder soll man die Corona-Krise auch religiös deuten und spirituell zu leben und überwinden versuchen?
2. Natur und Gnade erkennen und anerkennen
Alle diese Wege werden heute beschritten. Dass es sich dabei jedoch nicht um Alternativen, die sich gegenseitig ausschließen, handeln kann, wird dann einsehbar, wenn wir uns an einer Grundüberzeugung des katholischen Glaubens orientieren, die besagt: Gratia supponit naturam et perficit eam – Die Gnade setzt die Natur voraus und vollendet sie. Denn in dieser Glaubensüberzeugung ist zusammengehalten, was sich nicht trennen lässt.
Wenn wir diese Wegweisung ernst nehmen, sind wir in erster Linie gehalten, auf die Natur zu achten und auf die Experten zu hören, die uns helfen, das Natur-Phänomen des Corona-Virus zu verstehen, und die uns raten, wie wir mit diesem Phänomen umzugehen, und vor allem, welche hygienischen Schutzmaßnahmen wir anzuwenden haben. Diese Ebene der Natur darf man auch und gerade als gläubiger Mensch nicht überspringen, indem man sich auf die Gnade Gottes allein berufen und der Devise folgen würde, dass Gott allein aufgrund der Gebete der Gläubigen die Krise überwinden werde und dass es deshalb Anzeichen von Unglauben wäre, wenn man seine Hoffnung auch auf die vom Staat angeordneten Schutzmaßnahmen setzt. Mit einem solchen Überspringen der Ebene der Natur läuft man Gefahr, zur weiteren Verbreitung des Virus beizutragen. Damit würde man jedoch ein Handeln an den Tag legen, das quer zur Botschaft des christlichen Glaubens von einem Gott steht, der das Leben der Menschen und der ganzen Schöpfung liebt, das deshalb auch von uns Menschen geschützt werden muss.
Eine solche Haltung wird mit Recht als fundamentalistisch und extrem eingestuft. Es gibt heute aber auch die andere extreme Einstellung, die allein auf die Natur und ihre Experten vertraut und sich deshalb jede religiöse Deutung der Corona-Krise verbietet und die Gnade Gottes außenvor lässt. Die Vertreter dieser Haltung werfen den sogenannten Fundamentalisten vor, sie würden Gott versuchen und mit ihren Gebeten ihn zum Eingreifen in die Natur zwingen wollen. Umgekehrt müssen sich aber die Vertreter dieser Sicht die Frage gefallen lassen, ob nicht auch sie auf ihre Weise Gott versuchen, indem sie ihm vorschreiben, wie und wo er auf keinen Fall handeln darf und dass er sich auf jeden Fall an die Naturgesetze zu halten habe. Solche Extrempositionen sind heute leider auch aus Studierstuben von Theologen zu vernehmen, so wenn beispielsweise schlicht behauptet wird, man solle seine Hoffnung auf die Virologie und nicht auf den Glauben, auf die Erfindung einer Impfung und nicht auf das Gebet setzen, wenn man nicht ein veraltetes Weltbild vertreten wolle. In eine ähnliche Richtung zielt das Verdikt, Formen der katholischen Frömmigkeit wie eucharistische Anbetung und eucharistischer Segen würden heutigem aufgeklärtem Bewusstsein nicht entsprechen und seien deshalb als »retrokatholisch« zu denunzieren.
Woher aber wissen solche theologische Stimmen denn so genau, wie Gott wirkt und wo seine Grenzen sind, die er nach menschlichen Vorstellungen zu respektieren habe? Steht dahinter nicht jene Annahme, die sich in der neuzeitlichen Theologie immer mehr durchgesetzt hat, Gott könne allein in den Geist des Menschen hinein handeln, mit allem Materiellen könne er sich aber nicht befassen? Diese Mentalität, die das Handeln Gottes nur im Geistigen zulässt, ihm aber das Materielle und Leibliche nicht zugesteht, hat Papst Benedikt XVI. treffend als »subtilen neuen Gnostizismus« beurteilt, der Gott und seiner Macht die Materie prinzipiell entzieht und der heute ausgerechnet trotz und bei aller Lobpreisung des Materiellen und Leiblichen propagiert wird. Während Gott auf die Innerlichkeit der menschlichen Subjektivität reduziert wird, hat er in der Welt der Materie nichts zu suchen, da die objektive Welt anderen Gesetzen gehorche. Es ist aber nicht einzusehen, wie mit solchen weltanschaulichen Vorentscheidungen theologisch überhaupt noch von Wundern und erst recht vom größten Wunder der Auferstehung Jesu Christi aus dem Tod gesprochen werden kann. In der Konsequenz rechnet man dann auch im Blick auf die Auferstehung des Herrn nur noch mit göttlichem Einwirken auf den Geist und verkündet nicht mehr, dass Christus lebt, sondern redet nur noch davon, dass »die Sache Jesu weitergeht«.
Die Heilige Schrift geht demgegenüber von einer viel großzügigeren Sicht vom Wirken Gottes auch in der Schöpfung aus, wenn beispielsweise Paulus bekennt: »Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt. Aber auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den Geist haben, seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden« (Röm 8,22–23). Und es ist kein Zufall, dass diese sehnsüchtige Hoffnung in die Zuversicht des Gebetes mündet: »So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können« (Röm 8,26).
In dieser Zuversicht liegt es begründet, dass die Heilige Schrift bei aller Respektierung der Natur großes Vertrauen auf die Gnade Gottes setzt und uns deshalb immer wieder zu inständigem Gebet einlädt, und zwar in der Überzeugung, dass das innerste Wesen des Gebetes der SOS-Ruf um Hilfe im ursprünglichen Sinn Save our Souls ist. In dieser Grundhaltung mutet uns die Heilige Schrift zu, dass wir Menschen alle unsere Nöte und Leiden vor Gott tragen, es dabei aber ihm überlassen, was er mit unseren Gebeten anfängt, dass wir also ihm weder etwas vorschreiben noch etwas verbieten. Diese Gebetshaltung wird uns in exemplarischer Weise mit Maria und ihrem Verhalten bei der Hochzeit zu Kana vor Augen geführt. Maria bittet hier nicht um irgendetwas Bestimmtes; sie bittet Jesus auch nicht darum, er solle Wein produzieren und damit ein Wunder wirken. Maria sieht ihre Aufgabe vielmehr darin, die Sorgen der Hochzeitsleute Jesus anzuvertrauen und es dann ihm zu überlassen, was er daraufhin tun will.
In dieser biblischen Grundhaltung versteht es sich für gläubige Christen von selbst, dass sie die schwere Not, in die uns die Corona-Krise gebracht hat, in großem Vertrauen vor Gott tragen und seinen Segen, auch und gerade den eucharistischen Segen, wie ihn Papst Franziskus in eindringlicher Weise auf dem leeren St. Petersplatz gespendet hat, empfangen in der Hoffnung, dass Gott mit unseren Gebeten und Bitten das Beste für uns anfangen wird. Solches Vertrauen auf Gottes Gnade und das Ernstnehmen der Weisungen der Experten der Natur sind keine Gegensätze. Natürlich ersetzt das Gebet nicht die notwendige Suche nach einem wirksamen Impfstoff. Aber auch alle hygienischen und gesundheitlichen Vorkehrungen ersetzen nicht das Gebet. Wer hier in Alternativen oder Gegensätzen denkt, erweist sich als ebenso fundamentalistisch wie diejenigen, die der aufgeklärte Theologe heute ansonsten als solche zu bezeichnen pflegt.
In dieser ganzheitlichen Sicht sollte man auch die religiöse Frage, ob man in der Corona-Krise eine Strafe Gottes sehen kann oder gar muss, nicht vorschnell verbieten und auf die Seite legen. Natürlich ist Corona keine Strafe Gottes in dem Sinne, dass Gott das Virus erfunden und in die Menschheit geschickt hätte, um sie für ihre Sünden zu bestrafen. So kann es sich bereits deshalb nicht verhalten, weil auch die Corona-Krise, wie so viele andere Katastrophen, die Armen und ohnehin schon Leidenden und damit Gottes besondere Lieblinge am schwersten trifft. Dennoch redet die Heilige Schrift von Gottes Strafe, freilich in dem Sinne, dass Gott die Menschen den Konsequenzen ihres eigenen Fehlverhaltens preisgegeben sein lässt. Insofern strafen Menschen sich selbst, wenn sie Lebensweisungen Gottes nicht beachten, und werden von daher zur Umkehr gerufen. In diesem Sinn ist es nicht nur angebracht, sondern sind wir verpflichtet, auch in religiöser Sicht danach zu fragen, was Gott uns wohl mit dieser Krise sagen möchte und was wir aus ihr für die Zukunft zu lernen haben.
3. Was wir in der Krise lernen sollten
An erster Stelle darf man dankbar feststellen, dass während der Corona-Krise auch viel Gutes und Positives ans Tageslicht kommt. Im Allgemeinen ist deutlich bewusst geworden, dass wir Menschen alle aufeinander angewiesen sind, dass wir gleichsam in demselben Boot sitzen und dass wir angerufen sind, einander und vor allem den besonders von der Corona-Krise Betroffenen beizustehen. Gerade weil wir Menschen voneinander genügend Abstand einnehmen müssen, spüren wir, wie nahe wir einander verbunden sind und dass wir zu mehr Solidarität untereinander gerufen sind. Ein besonderer Dank gilt allen Ärzten und allen Pflegern und Pflegerinnen, die sich bis zur Erschöpfung um die kranken Menschen kümmern. Dankbar dürfen wir auch sein für die Priester, die viel Phantasie dafür aufwenden, wie sie in dieser schwierigen pastoralen Situation den Menschen in ihrem Leben und Sterben nahe sein und ihnen das Kostbarste geben können, das der katholische Glaube für uns bereithält, nämlich die liebende Nähe Gottes, die er uns in den Sakramenten, vor allem in der Eucharistie, in der Buße und in der Krankensalbung, schenkt.
Unter diesen Vorschlägen muss man allerdings auch Ideen zur Kenntnis nehmen, denen ich als Theologe und Bischof widersprechen muss. Es ist für mich nicht verständlich, dass man die Feier einer Heiligen Messe, die ein Priester in der heutigen Situation allein, aber für die ihm anvertrauten Gläubigen feiert, infrage stellen oder gar als »Geistermesse« diskriminieren kann. Ist denn Liturgiewissenschaftlern nicht mehr bewusst, dass diese Art der Feier in einer Notsituation nur sichtbar macht, was ohnehin zum Wesen christlicher Liturgie gehört, dass sie nämlich immer auch in Stellvertretung für die Menschheit, ja für die ganze Schöpfung gefeiert wird? Es ist für mich nicht nachvollziehbar, wenn ein Bischof dem Bedauern von vielen Gläubigen, dass sie während der Corona-Krise die Eucharistie nicht mitfeiern und den Leib Christi nicht empfangen können, eine »Fixierung auf die Eucharistie« und deshalb eine »Engführung« vorhält – zumal während der Heiligen Woche, in der wir am Hohen Donnerstag der Einsetzung der Heiligen Eucharistie gedenken und im Mittelpunkt des wichtigsten Gottesdienstes in der Osternacht die Ostereucharistie steht. Als völlig verfehlt und dem katholischen Glauben widersprechend muss ich den Aufruf von Theologen verstehen, während der Corona-Krise die Eucharistie zu Hause ohne Priester zu feiern und auf diesem Weg eine sogenannte »Reform« voranzubringen.
Notsituationen sind nicht dazu da, das Lebensnotwendige im menschlichen Leben (wie das alltägliche Brot in Kriegszeiten) und im Leben des Glaubens (wie das Brot des ewigen Lebens) zu relativieren oder gar infrage zu stellen. Sie sind vielmehr vitale Anlässe, es sich neu bewusst zu machen, gerade weil man es schmerzlich vermisst. Krisenzeiten sind deshalb immer auch Stunden der Wahrheit, die es an den Tag bringen, wie es um die Prioritäten in unserem menschlichen Leben und im Leben des Glaubens steht. In dieser Hinsicht erlaube ich mir noch einige Hinweise, was wir aus der Corona-Krise für unsere Zukunft lernen könnten und sollten, wobei ich die Hinweise bewusst in Frageform formuliere.
Haben wir uns in den vergangenen Jahrzehnten aufgrund der großen Fortschritte in Wissenschaft und Technik bis in die digitale Welt hinein nicht selbstsicher daran gewöhnt, dass alles machbar ist und dass wir unser Leben und die Gestaltung der Welt in der Hand haben? Nun aber treibt in der ganzen Welt ein winzig kleines Virus sein Unwesen und schlägt uns vieles und vor allem Elementares aus der Hand, so dass wir auf uns selbst zurückgeworfen sind und in neuer Weise danach fragen müssen, wie es um unsere condition humaine steht. Um nur ein besonders gravierendes Beispiel zu erwähnen: Unmittelbar vor Ausbruch der Corona-Krise in unseren Breitengraden, genauer am 26. Februar 2020, hat der oberste deutsche Gerichtshof das bisherige »Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung« als Verstoß gegen das Grundgesetz beurteilt, es außer Kraft gesetzt und entschieden, dass der Mensch ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben hat. Der katholische Theologe und Bioethiker Ralph Weimann hat diesen Entscheid des Bundesverfassungsgerichts mit Recht als »totalen Dammbruch« und dementsprechend den 26. Februar als »dunklen Tag für die deutsche Rechtsprechung« bezeichnet. Die von diesem Gericht gepriesene Autonomie des Menschen im Blick auf sein eigenes Sterben ist kurz danach von der Corona-Krise, die so vielen Menschen den Tod bringt, massiv infrage gestellt worden. Wäre die Corona-Krise nicht ein vitaler Anlass, uns neu auf die Verletzlichkeit unseres Lebens und damit auch auf die konstitutionellen Grenzen unserer Autonomie zu besinnen?
Haben wir uns nicht auch selbstverständlich angewöhnt, uns in unserem Leben auf das zu verlassen, was sichtbar, materiell und greifbar ist? Nun aber zeigt ein für unsere Augen und selbst mit herkömmlichen Mikroskopen nicht sichtbares Virus, welche zerstörerische Folgen es auf der ganzen Welt zu entfalten vermag. Wäre es da nicht angezeigt, uns auch in positiver Hinsicht vermehrt am Nicht-Sichtbaren und Nicht-Materiellen zu orientieren? Denn auch viel Gutes ist in unserem Leben und in der Welt nicht sichtbar und möchte doch in uns weiterwirken. Dies gilt in erster Linie vom unsichtbaren Gott selbst, der in unserem Leben gegenwärtig ist und von uns wahrgenommen werden möchte und der zu uns auch durch seine Schöpfung spricht, die eben nicht stumm ist, sondern nur als stumm wahrgenommen wird, wenn der Mensch für ihr Sprechen taub ist.
Die Corona-Krise stellt auch Fragen an die Art und Weise, wie wir unseren christlichen Glauben heute verstehen und leben und welchen Prioritäten wir besondere Achtung schenken. In den vergangenen Jahren ist mir beispielsweise immer wieder die Aussage begegnet, Gott habe keine anderen Hände als die unseren. Dieses Wort ist in der Tat sehr wahr; denn Gott will und kann in unserer Welt – zumal in der gegenwärtigen Corona-Krise – durch uns Menschen an anderen Menschen handeln. Dennoch ist dieses Wort – Gott sei es gedankt! – nur die halbe Wahrheit. Der Trost des Glaubens besteht doch in der Zuversicht, dass Gott noch ganz andere Hände hat, wenn unsere Hände schwach geworden sind. Dies gilt zumal, wenn unsere Hände im Tod schlaff geworden sind und nichts mehr ausrichten können. Dann dürfen wir darauf bauen, dass Gott selbst an uns hand-elt. Im Glauben dürfen wir wissen, dass wir auf jeden Fall in der Hand Gottes sind – in unserem Leben und in unserem Sterben. Wäre es nicht an der Zeit, uns neu auf die christliche Botschaft vom ewigen Leben zu besinnen, das Christus uns verheißen hat und schenken wird und das das Ziel des christlichen Lebens ist? Und ruft uns die Corona-Krise, die uns täglich massenhaftes Sterben vor Augen geführt hat, nicht neu in Erinnerung, dass ein Christ, der am Grab eines Menschen nichts zu sagen hat, wahrscheinlich überhaupt nichts Hilfreiches zu sagen hat?
4. Helle Seite des Karsamstags
Dies sind einige Fragen, die sich am verlängerten Karsamstag stellen, den die Corona-Krise in diesem Jahr darstellt. Den Karsamstag erfahren wir gegenwärtig intensiv mit seiner dunklen Seite. Wenn wir uns der Corona-Krise wirklich aussetzen und danach fragen, welche Konsequenzen es zu ziehen gilt, zeigt der Karsamstag aber auch seine helle Seite. Der christliche Glaube bringt sie zum Leuchten im Apostolischen Credo, in dem wir bekennen, dass Jesus gestorben ist und begraben wurde und in das Reich des Todes hinabgestiegen ist. Um der Sprengkraft dieses Glaubensgeheimnisses ansichtig zu werden, müssen wir uns der Frage stellen, was sich in diesem Totenreich ereignet hat. Unsere menschliche Erfahrung sagt uns, dass das Reich des Todes der Ort der völligen Verlassenheit und der totalen Einsamkeit ist, weil in ihm jede menschliche Beziehung gestorben und deshalb selbst die Liebe tot ist. Der christliche Karsamstag aber spricht uns zu, dass Jesus in seinem Tod in dieses Reich des Todes gegangen ist, um die Gegenwart Gottes und seine Liebe in dieses Reich zu bringen. Dieses Geschehen hat auch das Reich des Todes in einen neuen Ort des Lebens verwandelt, weil das Undenkbare und Unerwartbare geschehen ist, dass Gott selbst in das Reich des Todes vorgedrungen ist und den Wärmestrom seiner Liebe hat hineinfließen lassen.
Die coronare Osterzeit in diesem Jahr lädt uns ein, den Karsamstag mit seiner dunklen und hellen Seite neu zu erfahren. Denn der Evangelist Johannes weiß zu berichten, dass in jenen Raum, in dem die Jünger aus Furcht die Türen verschlossen hatten, der auferstandene Christus eingetreten ist und ihnen den österlichen Frieden gebracht hat. Nachdem er ihnen seine Hände und seine Seite gezeigt hat, heißt es: »Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen« (Joh 21,20). Der Karsamstag leitet deshalb von selbst zu Ostern und seiner Botschaft hinüber, dass das letzte Wort nicht dem Tod gehört. Er hat nur das zweitletzte Wort. Das letzte Wort behält sich Gott vor, und es heißt Leben: Leben auf dieser Erde unterwegs zum ewigen Leben.
Mit dieser Aussicht können wir Christen auch die Corona-Krise bestehen. Ostern ermöglicht, mit Papst Franziskus gesprochen, die christliche »Ansteckung«, nämlich die Ansteckung der Hoffnung, die von Herz zu Herz geht. Diese österliche Hoffnung nimmt der Corona-Krise nichts von ihrer schmerzlichen Schwere. Aber sie hilft, dass die Krise auch Anlass zu Besinnung, Gewissenserforschung und Glaubensvertiefung werden kann – vorausgesetzt, dass wir nicht einfach zur Normalität vor der Krise zurückkehren wollen, sondern zu einer in der Krise bewährten, im Glauben verwandelten und im Ostergeschehen gereinigten Normalität des menschlichen Lebens und des christlichen Glaubens.
Bruno Forte
Der Glaube an den Gott Jesu Christi und die Pandemie
1. Die Herausforderung
Die Welt vor dem Corona-Virus war zunehmend von der Erfahrung der »Globalisierung« geprägt, die in vergleichsweise kurzer Zeit und rasch zugunsten der großen Akteure wirtschaftlicher und politischer Macht vor sich ging, hauptsächlich auf der Grundlage der Ausbeutung der als »abhängig« geltenden Völker und auf Kosten der als »Abfall« angesehenen Gebiete. Der Prozess hatte sich im Sinne einer »Globalisierung der Gleichgültigkeit« entwickelt, getragen von Selbstsucht und Gier starker Mächte und der Aufrechterhaltung von Abhängigkeitssystemen zu ihren Gunsten. Manche sahen in der außerordentlichen Entwicklung der Industrieländer nachgerade ein Anzeichen dafür, dass die Geschichte sich endlich ihrer Vollendung näherte; Francis Fukuyama etwa, amerikanischer Politologe mit japanischen Wurzeln, hatte sogar erklärt: »Wenn wir heute an einem Punkt angelangt sind, wo wir uns keine Welt vorstellen können, die sich wesentlich von der unseren unterscheidet, wo anscheinend keine grundsätzliche Verbesserung gegenüber unserer derzeitigen Ordnung mehr denkbar ist, dann müssen wir auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass die Geschichte an ihrem Ende angelangt ist.«25
Dieser Lesart zufolge ist das Ende der Geschichte nicht das Ende von Ereignissen – schon gar nicht großer und bedeutender –, sondern das Ende der Geschichte als eines einzigen und fortlaufenden Evolutionsprozesses, der die Erfahrungen aller Völker zu allen Zeiten umfasst: Den Höhepunkt dieses Prozesses bildet – nach Ansicht Fukuyamas – die »liberale Demokratie« nach amerikanischem Vorbild, die das Ziel der ideologischen Evolution der Menschheit und die endgültige Regierungsform unter den Menschen sei und sich mithin als das »Ende der Geschichte« darstelle. Von dieser – durch die globalen Informationskanäle popularisierten – Sicht gelangt man nur allzu schnell zu dem Anspruch, das erzielte Resultat verteidigen zu müssen, auch um den Preis völliger Gleichgültigkeit gegenüber den Bedürfnisse und Rechten anderer: Das »Wir zuerst«, das etwa in Donald Trumps Slogan America first zum Leitsatz erhoben wurde und Prozesse des Zerreißens und der Abschottung gegenüber anderen wie den »Brexit« inspirierte, bringt eine Wertehierarchie zum Ausdruck, in der das Prinzip der grundlegenden Gleichheit der Menschen und das Recht aller auf Zugang zu den grundlegenden Gütern der Natur de facto ausgesetzt ist, während die Verantwortung für den Schutz der Umwelt der Durchsetzung der Interessen des Stärkeren untergeordnet wird.
Auch wenn das »Phänomen Greta Thunberg« in dieser Hinsicht ein erstaunliches Alarmsignal gesendet hat, das vor allem von der jungen Generation aufgegriffen wird, scheint die herrschende Logik auf der politischen und ökonomischen Weltbühne davon unbeeindruckt. Die Vorherrschaft einer egoistischen und anmaßenden Sicht hat sich insbesondere in den sogenannten fortschrittlichen Gesellschaften auf breiter Basis in einem immer extremeren Konsumismus niedergeschlagen und drückt sich in hedonistischen Lebensstilen aus. Die Vorstellung, im Namen einer gerechteren Chancen- und Güterverteilung, die allen zugutekommt, Opfer auf sich zu nehmen, gilt hier als anachronistisch und irrelevant. Das stolze Gefühl, Herren der Welt zu sein und sich für das Schicksal des Großteils der Menschheit nicht einmal mehr interessieren zu müssen, scheint zum entscheidenden Faktor des Fortschritts, zur tragenden Kraft der amerikanischen und westlichen »Überflussgesellschaft« (John Kenneth Galbraith: affluent society), zur Binde vor den Augen derer geworden zu sein, die mehr Glück gehabt haben und blind sind für das Leid und Elend unzähliger anderer. Doch manche haben mit Weitblick vorausgesehen, dass eine derartige Lebens- und Verhaltensweise nicht lange würde gutgehen können, und sogar prophezeit, dass kein Atomkrieg und kein plötzlicher globaler Finanzcrash, sondern womöglich ein winziges Virus das Ende der Welt einläuten würde – zumindest jener Welt, die auf der Gewalt und den Interessen des Stärkeren aufgebaut ist …
2. Die Frage
Die hypothetische Bedrohung ist plötzlich Realität geworden: Auch wenn der Westen zu Beginn der Tragödie von Wuhan – der chinesischen Stadt, wo sich die ersten dramatischen Auswirkungen von Covid-19 zeigten – noch mit einer gewissen Sorglosigkeit auf das »chinesische Übel« blickte und dachte, um sich davor zu schützen, genüge es, die Verbindungen zum asiatischen Riesen zu kappen, vergingen nur wenige Wochen, bis deutlich wurde, dass der tückische Feind bereits mitten unter uns war. Die Bagatellisierungsversuche einiger Machthaber auf dem Planeten Erde waren bald vom Tisch: Die Pandemie war inzwischen überall auf dem Vormarsch, und die Immunitätsbehauptung hielt der tragischen Evidenz der Zahlen derer, die durch das Corona-Virus erkrankten, und mehr noch derer, die in der Folge starben, nicht stand. Besonders erschreckend war die Zahl der Betroffenen unter den alten Menschen: Gewiss waren sie dem Angriff des Virus aufgrund ihrer Anfälligkeit stärker ausgesetzt, doch in mehreren Ländern führte ein Zusammenspiel aus schwerwiegenden Versäumnissen und ungerechtfertigten Verzögerungen der zu ihrem Schutz zu treffenden Maßnahmen Situationen herbei, die für viele von ihnen tödlich endeten. Danach dauerte es nicht mehr lange, bis sich die Pandemie als eine Bedrohung für alle Altersgruppen herausstellte: Die Todesfälle unter den jungen Menschen hinterließen größeren Eindruck, und gleichzeitig fügte die Schwächung der tragenden Wirtschafts- und Gesellschaftskräfte dem Leben nicht weniger Länder schwerste Schäden zu. Die erste Frage, die daraufhin in vielen Herzen und Köpfen aufstieg, war die universale Frage, die sich immer dann stellt, wenn Schmerz und Tod in unseren Häusern Einzug halten und unsere Gefühle und unsere Person direkt betreffen: Warum? Warum all dieses Übel? Warum all dieser Schmerz?
Für viele war es von diesen Überlegungen aus nur noch ein kleiner Schritt zu jener grundlegenden Frage nach dem, der im Letzten für alles verantwortlich ist: Wenn Gott existiert und wenn er gerecht ist, warum dann dieses tödliche Virus? Wenn er ein guter Gott ist, wie kann er dann zulassen, dass so viel Böses unter uns und insbesondere unter den Schwächsten und Wehrlosesten wütet? Wenn er ein Vater ist, warum behandelt er uns dann nicht wie seine Kinder? Es ist eine uralte Frage, die mit dramatischer Aktualität wiederkehrt: wegen des plötzlichen Ausbruchs der Pandemie und wegen des neuen und unerwarteten Schauspiels, dem wir beiwohnen und das ebenso tragisch wie nah ist: nah an uns, unserem Leben, unseren Gefühlen, unserer Arbeit, unseren Häusern. 1755 veranlasste das Erdbeben von Lissabon Voltaire, im Candide und in seinem Gedicht über die Katastrophe von Lissabon die Überzeugungskraft des Urteils eines Gottfried Wilhelm Leibniz, der von unserer Welt als von der »besten aller möglichen Welten« gesprochen hatte, zu bestreiten. Jenes entsetzliche Ereignis schien ihm dessen Theorie von der Theodizee an der Wurzel zu untergraben: Angesichts der unzähligen unschuldigen Opfer lässt sich keine »Rechtfertigung Gottes« aufrechterhalten und kann vor allem keine »Lehre vom Gesetz und der Gerechtigkeit Gottes« unverändert bestehen bleiben.
Der Unterschied zu der furchtbaren Pandemie unserer Tage besteht darin, dass das Erdbeben von 1755 zeitlich und hinsichtlich der Opferzahlen begrenzt war, während heute unser Wissen über dieses Virus derart minimal ist, dass sich keine realistische Prognose bezüglich der Dauer und Reichweite seines zerstörerischen Wirkens treffen lässt, und wir nicht einmal über eine zuverlässige Prävention in Form eines Impfstoffs oder über ein wirksames Gegenmittel in Form eines Arzneistoffs verfügen. Der Mythos vom homo emancipator, der sein Schicksal selbst bestimmt und Herr über seine in allen Belangen siegreichen Kräfte ist, wird hier von Grund auf infrage gestellt. Und auch wenn dies keine Rechtfertigung dafür sein darf, den Möglichkeiten der Wissenschaft mit Pessimismus zu begegnen, darf es doch auch kein Anlass für eine Wissenschaftsgläubigkeit sein, die über ihre unvermeidlichen Grenzen hinwegsieht. Gewiss wird es erforderlich sein, so viel wie irgend möglich in menschliche Ressourcen und wirtschaftliches Potential zu investieren, um den Fängen der Pandemie zu entkommen, doch es wird ebenso erforderlich sein, weit demütiger und wachsamer zu bleiben als in der Vergangenheit, damit wir nicht Gefahr laufen, uns im Zusammenhang mit der Natur und ihren möglichen Reaktionen auf die Übergriffe des Menschen und seines Handelns in der Geschichte mit neuen und vielleicht noch schlimmeren Bedrohungen auseinandersetzen zu müssen.
3. Der leidende Gott
Und das Antlitz Gottes? Wie stellt sich angesichts so großen Leids der Gott dar, den Jesus Christus als personale Liebe und ewige Zwiesprache der Drei, die in der Liebe Eins sind, geoffenbart hat? Eine erste Antwort auf diese Frage ist sicherlich die, dass Gott, wie ihn der in unsere Mitte gekommene Sohn verkündet hat, dem Schmerz der Welt weder als ungerührter Beobachter noch als despotischer Gebieter über Leiden und Freuden seiner Geschöpfe gegenübersteht. Vielmehr ist er der Gott-mit-uns, dem unser Leiden Schmerz bereitet, weil er uns liebt, der dieses Leiden aber zulässt, weil er unsere Freiheit achtet, und der uns eben in seinem gekreuzigten Sohn hilft, das Kreuz zu tragen, wie er es getragen hat. Das Kreuz Christi ist der Ort, an dem Gott im Schweigen spricht: Das Geheimnis, das in der Finsternis des Karfreitags verborgen ist, ist das Geheimnis von Gottes Schmerz und seiner Liebe zu den Menschen. Mit seinem Kreuzestod ist der Sohn in die Endlichkeit des Menschen, in den Abgrund seiner Armut, seines Leids, seiner Einsamkeit, seiner Dunkelheit eingetreten. Und dort hat er den bitteren Kelch geleert und die Erfahrung unseres Menschseins bis zur Neige ausgekostet: Auf dem Weg des Leidens ist er bis zur äußersten Möglichkeit Mensch geworden.
Genau so hat auch der Vater den Schmerz kennengelernt: In der Stunde des Kreuzes, als der Sohn sich ihm in bedingungslosem Gehorsam und in Solidarität mit den Sündern hingab, hat auch der Vater um den Unschuldigen gelitten, der dem Tod überantwortet war, und sich dennoch entschieden, ihn hinzugeben, um den Menschen in der Erniedrigung und Schmach des Kreuzes die dreifaltige Liebe zu ihnen zu offenbaren und die Möglichkeit, daran teilzuhaben. »Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat« (Joh 3,16). »Darin offenbarte sich die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben. Darin besteht die Liebe: Nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat« (1 Joh 4,9–10). Und der Geist, den der sterbende Jesus dem Vater übergab (Joh 19,30), war das göttliche Band in jenem schmerzlichen Riss, der sich auftat zwischen dem Herrn des Himmels und der Erde und Jesus, »für uns zur Sünde gemacht« (2 Kor 5,21) – auf dass sich im Tod ein Durchgang öffnete und den Söhnen und Töchtern der Weg des Sohnes zur Fülle des Lebens erschlossen wurde. »So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an« (Röm 8,26).
Dieser Tod in Gott bedeutet also in keiner Weise den Tod Gottes, den Nietzsches »toller Mensch« auf den Plätzen der Welt ausgerufen hat: Es gibt kein Heiligtum und wird nie eines geben, in dem man das requiem aeternam Deo (»Gott ruhe in Frieden«) in Wahrheit anstimmen kann! Die Liebe, die den Hingebenden an den Hingegebenen und in diesem an die Welt bindet, wird den Tod besiegen, auch wenn dieser scheinbar triumphiert. Gottes Leidenskelch ist gefüllt mit einem Trank des Lebens, der auf ewig hervorquillt und sprudelt (vgl. Joh 7,37–39). Die Frucht vom Baum des Kreuzes ist die Freudenbotschaft von Ostern: Der Beistand, der »Tröster« (Joh 14,6) des Gekreuzigten wird ausgegossen über alles Fleisch, um der Tröster aller Gekreuzigten zu sein und in der Erniedrigung und Schmach des Kreuzes, aller Kreuze der Geschichte, die stärkende und verwandelnde Gegenwart des Gottes zu offenbaren, an den Christen glauben. In diesem Sinne ist das am Kreuz geoffenbarte göttliche Leiden wirklich die gute Nachricht: »Wenn die Menschen wüssten […]«, schreibt Jacques Maritain, »dass Gott mit uns und sehr viel mehr als wir unter allem Bösen ›leidet‹, das die Erde verwüstet, dann würde sich zweifellos vieles ändern, und viele Seelen würden befreit«.26 So ruft das »Wort vom Kreuz« (1 Kor 1,18) den Jünger auf überraschende Weise in die Nachfolge: Auf dem Weg des Kreuzes – in der Armut, der Schwäche, dem Schmerz und schließlich in der Übergabe an den Tod – können wir dem Gott des Lebens begegnen. Im Schmerz ist der gekreuzigte Herr auf unserer Seite, ist mit uns und für uns. Mit ihm wird es möglich, unser Leiden zu verwandeln in einen Weg des Glaubens und eine Morgenröte des Lebens, das mehr und mehr als Gabe für andere gelebt wird.
4. Die »Berührung« Gottes
Auch in Zeiten des Corona-Virus kann also geschehen, was sich einst auf den Straßen Galiläas zutrug: »Und immer, wenn er [Jesus] in ein Dorf oder eine Stadt oder zu einem Gehöft kam, trug man die Kranken auf die Straße hinaus und bat ihn, er möge sie wenigstens den Saum seines Gewandes berühren lassen. Und alle, die ihn berührten, wurden geheilt« (Mk 6,56). Die Berührung Jesu heilt, weil sie die Berührung Gottes ist: jenes Gottes, der aus Liebe zu uns Mensch geworden ist, um unser Menschsein zu »berühren« und in jeder Hinsicht zu teilen und uns das Geschenk des Heils zu übermitteln, das von ihm kommt. Der Ort, an dem diese göttliche Berührung ihren Höhepunkt erreicht, ist das Kreuz: Am Kreuz macht sich Jesus den Schmerz aller zu eigen, nimmt unsere Sünden und unsere Übel auf sich und schenkt uns in der Zeit und für die Ewigkeit die Fülle des Lebens. Am Kreuz ist der ewige Sohn auch in den Abgrund der Schwäche, der Zerbrechlichkeit, der Schmerzen, der Einsamkeit, der Dunkelheit eingetreten, den so viele wegen des Corona-Virus erlebt haben und noch erleben. Am Kreuz hat Jesus uns die Liebe Gottes zu jedem Menschen geoffenbart und uns gezeigt, dass wir – wir alle, ohne Ausnahme – daran teilhaben können. Und der Geist, den der sterbende Jesus dem Vater übergab, wurde ausgegossen, um der göttliche Tröster zu sein, der uns hilft, das Böse zu besiegen, Schmerz in Liebe, Leiden in Hingabe, Krankheit in Heilung, Zerbrechlichkeit in Stärke zu verwandeln – auch angesichts der Geißel dieses verheerenden Virus.
Gott berührt uns durch Kreuz und Auferstehung Jesu, den Ursprung des siegreichen und gewissen Lebens, und befähigt uns, den finsteren Weg der Prüfung zu gehen und ihn in eine Schule des Glaubens und der Güte, in eine Quelle der befreienden und rettenden Liebe zu verwandeln: »Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert« (Mt 10,38 und Lk 14,27). Wer den gekreuzigten Jesus liebt und ihm nachfolgt, kann sich unmöglich nicht dazu berufen fühlen, jenen, die leiden, ihr Kreuz zu erleichtern, durch tätige Hingabe an die anderen, durch tatkräftiges und wachsames Bemühen, jedes Golgota in einen Ort der Auferstehung und Lebensfülle zu verwandeln. Genau das tun die vielen Menschen – Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger, medizinische Fachkräfte, Priester, Arbeiter –, die sich in diesen Zeiten der Pandemie für das Gemeinwohl einsetzen und dafür, dass die wesentlichen Dienste auch weiterhin geleistet werden können. In denen, die sich bemühen, so zu leben und zu handeln, ist das Kreuz Christi nicht um seine Kraft gebracht worden (vgl. 1 Kor 1,17). Durch sie erreicht uns die Berührung der göttlichen Gnade, die vergibt, heilt, tröstet und erneuert, und durch sie wird der Sieg des zum Leben wiederauferstandenen Herrn greifbar. Auch das ist eine Weise, wie Gott in dieser dramatischen Pandemie zu uns spricht. In einem Gedicht von Emily Dickinson – einsamer Ruferin im Amerika des 19. Jahrhunderts – heißt es: »Wer nicht den Himmel fand – hier unten – / Der geht auch oben fehl – / Denn Engel mieten nebenan, / Wohin wir auch verziehn«.27 Man muss also die Augen des Glaubens bemühen, um »die Heiligen von nebenan« zu erkennen, wie Papst Franziskus sie nennt, und sich an ihnen ein Beispiel zu nehmen.
Auch noch in anderer Hinsicht lässt die Tragödie der Pandemie die Berührung Gottes erkennbar werden: Viele haben erfahren und oft entdeckt oder wiederentdeckt, welche große Hilfe ihnen in diesen schmerzlichen Zeiten aus dem Glauben erwachsen ist. Der Glaube gibt uns Augen und Herz, um zu verstehen, dass Gott nicht der Rivale des Menschen, sondern sein aufrichtigster und treuester Verbündeter ist. Wer an Jesus Christus glaubt, der weiß, dass der ewige Sohn am Kreuz unseren Tod und unsere Sünden auf sich genommen hat, weil er uns helfen wollte, unser Kreuz zu tragen. Gott, der Liebe ist, wird den, der auf ihn vertraut, niemals verlassen. Dank des Glaubens an Gott kann die Furcht durch Hoffnung, egoistische Verschlossenheit durch neuen Schwung im Einsatz für andere, Einsamkeit durch tätige Solidarität mit den Bedürftigsten besiegt werden. In diesen Zeiten der von außen auferlegten Einschließung fand bei vielen die Besinnung auf das, was unsere engen Alltagshorizonte übersteigt, mehr Raum ebenso wie das Gebet, das als Quelle des Lichts und des Friedens erfahren oder wiederentdeckt wurde. Für etliche war es ein Gewinn, über das nachzudenken, was wir durchgemacht haben und wie wichtig es ist, Entscheidungen zu treffen, die von dem klaren und mutigen Willen inspiriert sind, die noch bis vor kurzem vorherrschende Logik des Konsumismus und Hedonismus zu überwinden. Sich dem Dienst am Gemeinwohl zu verschreiben und auf Gott, der Liebe ist, zu vertrauen, befreit von der Angst, weil es uns die Wahrheit erfahren lässt, die in den Worten des ersten Johannesbriefs ausgedrückt ist: »Die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht« (1 Joh 4,18).
Pulsuz fraqment bitdi.