Kitabı oxu: «George Orwell: 1984»

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TEIL I

KAPITEL 1
Es war ein strahlend kalter Tag im April, und die Uhren schlugen dreizehn. Winston Smith, sein Kinn an die Brust gedrückt, um dem scheußlichen Wind zu entkommen, schlüpfte schnell durch die Glastüren des Victory-Wohnblocks, wenn auch nicht schnell genug, um zu verhindern, dass ein sandiger Staubwirbel mit ihm hereinkam.
Der Flur roch nach gekochtem Kohl und alten Flickenteppichen. An einem Ende war ein farbiges Plakat an die Wand geheftet worden, das für drinnen eigentlich zu groß war. Es zeigte lediglich ein riesiges, mehr als einen Meter breites Gesicht: das Gesicht eines Mannes von etwa fünfundvierzig Jahren, mit einem kräftigen schwarzen Schnurrbart und kernigen, jedoch gut aussehenden Gesichtszügen. Winston ging zur Treppe. Es war zwecklos, es mit dem Aufzug zu versuchen. Selbst zu den besten Zeiten funktionierte er nur selten, und gegenwärtig war der Strom tagsüber abgestellt. Dies war Teil der Sparmaßnahmen in Vorbereitung auf die Hasswoche. Die Wohnung lag im siebten Stock, und Winston, der neununddreißig Jahre alt war und ein Krampfadergeschwür über dem rechten Knöchel hatte, ging langsam und ruhte sich unterwegs mehrmals aus. Auf jedem Treppenabsatz starrte ihn von der Wand gegenüber dem Liftschacht das Plakat mit dem riesigen Gesicht an. Es war eines dieser Bilder, die so entworfen sind, dass die Augen einem bei jeder Bewegung folgen. DER GROSSE BRUDER SIEHT DICH lautete die Beschriftung darunter.
In der Wohnung verlas eine melodiöse Stimme eine Liste von Zahlen, die irgendetwas mit der Herstellung von Roheisen zu tun hatten. Die Stimme kam aus einer länglichen Metallplatte, die wie ein blinder Spiegel in der rechten Wand eingebaut war. Winston drehte einen Schalter, woraufhin die Stimme etwas leiser wurde, die Worte aber noch deutlich zu verstehen waren. Das Gerät (der sogenannte Teleschirm) konnte zwar heruntergedimmt werden, es gab jedoch keine Möglichkeit, es vollständig abzuschalten. Er trat ans Fenster: eine schmächtige, gebrechliche Gestalt, deren magerer Körper durch den blauen Overall der Parteiuniform noch betont wurde. Sein Haar war sehr hell, sein Gesicht von Natur aus gerötet, seine Haut rau von der groben Seife, den stumpfen Rasierklingen und der Kälte des gerade zu Ende gegangenen Winters.
Draußen sah die Welt selbst durch das geschlossene Fenster kalt aus. Unten auf der Straße wirbelten kleine Windstrudel Staub und Papierfetzen in Spiralen auf, und obwohl die Sonne schien und der Himmel grellblau war, erschien doch alles farblos, bis auf die Plakate, die überall angebracht waren. Das Gesicht mit dem schwarzen Schnurrbart blickte aus jeder bedeutenden Ecke herab. Eines hing an der Hausfront direkt gegenüber. DER GROSSE BRUDER SIEHT DICH, verkündete der Text darunter, während die dunklen Augen tief in Winstons eigene blickten. Unten flatterte auf der Höhe der Straße ein weiteres Plakat, das an einer Ecke zerrissen war, unruhig im Wind und verdeckte und enthüllte abwechselnd das einzelne Wort ENGSOZ. In der Ferne huschte ein Hubschrauber zwischen den Dächern hinunter, schwebte einen Augenblick wie eine Schmeißfliege in der Luft und brauste dann in einem Bogen wieder davon. Es war die Polizeistreife, die an den Fenstern der Menschen schnüffelte. Die Patrouillen waren jedoch nicht weiter tragisch. Nur vor der Gedankenpolizei musste man sich fürchten.
Hinter Winstons Rücken plapperte die Stimme aus dem Teleschirm immer noch über Roheisen und die Übererfüllung des neunten Dreijahresplans. Der Teleschirm war gleichzeitig Sende- und Empfangsgerät. Jedes von Winston verursachte Geräusch, das über ein sehr leises Flüstern hinausging, wurde von ihm registriert; und solange sich Winston innerhalb des von der Metallplatte kontrollierten Sichtfeldes befand, konnte er nicht nur gehört, sondern auch gesehen werden. Man wusste natürlich grundsätzlich nicht, ob man gerade beobachtet wurde. Wie oft oder nach welchem System die Gedankenpolizei sich an eine Privatleitung anschloss, war reine Spekulation. Es war sogar denkbar, dass sie jeden Einzelnen permanent überwachte. Aber auf jeden Fall konnte sie sich jederzeit, wann immer sie wollte, in jede Leitung einschalten. Man musste daher in der Annahme leben – was man aus einer Gewohnheit, die zum Instinkt geworden war, auch tat –, dass jedes Geräusch, das man machte, belauscht wurde und dass, außer in der Dunkelheit, jede Bewegung genau beobachtet wurde.
Winston kehrte dem Teleschirm weiterhin den Rücken zu. Dies war sicherer, obwohl, wie er sehr wohl wusste, selbst ein Rücken verräterisch sein konnte. Einen Kilometer entfernt ragte das Ministerium für Wahrheit, sein Arbeitsplatz, gewaltig und weiß über die düstere Landschaft auf. Dies also, dachte er mit einer Art unbestimmter Abneigung, war London, Hauptstadt von Stützpunkt Eins, der am drittstärksten bevölkerten Provinz Ozeaniens. Er versuchte, sich eine Kindheitserinnerung ins Gedächtnis zu rufen, die ihm die Frage beantworten sollte, ob London schon immer so ausgesehen hatte. Hatte es immer schon diese Aussichten auf verrottende Häuser aus dem 19. Jahrhundert, deren Mauern mit Holzbalken abgestützt, deren Fenster mit Pappe geflickt, deren Dächer mit Wellblech gedeckt waren und deren morsche Gartenmauern nach allen Seiten hin absackten, gegeben? Und diese zerbombten Ruinen, an denen der Gipsstaub in der Luft wirbelte und wo Weidenröschen die Trümmerhaufen überwucherten? Und die Stellen, an denen die Bombeneinschläge größere Lücken gerissen hatten, wo dann schäbige Siedlungen aus Holzbehausungen entstanden waren, die wie Hühnerställe aussahen? Doch es war sinnlos, er konnte sich nicht erinnern: Von seiner Kindheit war ihm nichts geblieben außer einer Reihe greller Bilder ohne jeglichen Hintergrund, die meist unverständlich waren.
Das Ministerium für Wahrheit – Minwahr in Neusprech1 – unterschied sich verblüffend von jedem anderen Objekt in Sichtweite. Es war ein riesiger, pyramidenartiger, weiß schimmernder Bau aus Beton, der sich Terrasse um Terrasse dreihundert Meter hoch in die Luft reckte. Von Winstons Standpunkt aus war es gerade noch möglich, die drei Parteiparolen zu lesen, die in eleganter Schrift auf seiner weißen Front prangten:
KRIEG IST FRIEDEN
FREIHEIT IST SKLAVEREI
UNWISSENHEIT IST STÄRKE
Das Ministerium für Wahrheit enthielt angeblich dreitausend oberirdische Räume und eine entsprechende Anzahl unterirdischer Räumlichkeiten. Über ganz London verstreut gab es nur drei weitere Gebäude von ähnlichem Aussehen und ähnlicher Größe. Sie übertrafen die sie umgebende Architektur so vollständig, dass man vom Dach des Victory-Wohnblocks aus alle vier gleichzeitig sehen konnte. Es handelte sich um die Gebäude der vier Ministerien, unter denen der gesamte Regierungsapparat aufgeteilt war. Das Ministerium für Wahrheit, das sich mit Nachrichten, Unterhaltung, Bildung und den schönen Künsten befasste. Das Ministerium für Frieden, das sich mit dem Krieg befasste. Das Ministerium für Liebe, das für die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung zuständig war. Und das Ministerium für Fülle, das für wirtschaftliche Angelegenheiten zuständig war. Ihre Namen in Neusprech: Minwahr, Minfried, Minlieb und Minfüll.
Das Ministerium für Liebe war zweifellos das furchterregendste von allen. Es hatte überhaupt keine Fenster. Winston war noch nie im Ministerium für Liebe gewesen, und er war auch niemals näher als einen halben Kilometer herangegangen. Es war ein Ort, den man nur aus dienstlichen Gründen betreten konnte, und auch dann musste man durch ein Labyrinth aus Stacheldrahtverhauen, Stahltüren und versteckten Maschinengewehrnestern hindurch. Sogar die Straßen, die zu seinen äußeren Absperrungen führten, wurden von gorillagesichtigen Wachen in schwarzen Uniformen, die mit schweren Schlagstöcken bewaffnet waren, gesichert.
Winston drehte sich abrupt um. Er hatte die ruhige, optimistische Miene aufgesetzt, die man vor dem Teleschirm besser zur Schau stellen sollte. Er ging quer durch den Raum in die winzige Küche. Als er das Ministerium zu dieser Tageszeit verlassen hatte, hatte er damit auch sein Mittagessen in der Kantine geopfert, und er war sich bewusst, dass es in der Küche nichts zu essen gab, außer einem Stück dunklem Brot, das für das morgige Frühstück aufgehoben werden musste. Er nahm eine Flasche mit einer farblosen Flüssigkeit aus dem Regal, deren schlichtes weißes Etikett die Aufschrift VICTORY GIN trug. Sie verströmte einen widerlichen, öligen Geruch, wie nach chinesischem Reisschnaps. Winston goss sich fast eine Teetasse davon ein, rüstete sich für den Schock und würgte sie schnell wie eine Dosis Medizin hinunter.
Sofort lief sein Gesicht scharlachrot an, und Tränen schossen ihm in die Augen. Das Zeug war wie Salpetersäure, und man hatte beim Schlucken das Gefühl, mit einem Gummiknüppel auf den Hinterkopf geschlagen zu werden. Im nächsten Moment jedoch ließ das Brennen in seinem Bauch nach, und die Welt sah direkt fröhlicher aus. Er nahm eine Zigarette aus einer zerknitterten Schachtel mit der Aufschrift VICTORY ZIGARETTEN und hielt sie unvorsichtigerweise senkrecht, woraufhin der Tabak auf den Boden krümelte. Mit der nächsten hatte er mehr Erfolg. Er ging zurück ins Wohnzimmer und setzte sich an einen kleinen Tisch, der links neben dem Teleschirm stand. Aus der Tischschublade holte er einen Federhalter, ein Tintenfass und ein dickes, quartformatiges, leeres Buch mit rotem Rücken und marmoriertem Einband heraus.
Aus irgendeinem Grund war der Teleschirm in seinem Wohnzimmer an einer ungewöhnlichen Stelle angebracht worden. Statt wie üblich an der Stirnwand, von wo aus er den ganzen Raum kontrollieren konnte, befand er sich an der Längswand gegenüber dem Fenster. Auf einer Seite des Teleschirms war eine kleine Nische, in der Winston nun saß, die seinerzeit beim Wohnungsbau wahrscheinlich für ein Bücherregal vorgesehen gewesen war. Wenn Winston ganz hinten in der Nische saß, konnte er, zumindest visuell, außerhalb der Reichweite des Teleschirms bleiben. Man konnte ihn natürlich hören, aber solange er in seiner gegenwärtigen Position blieb, konnte man ihn nicht sehen. Es war zum Teil die ungewöhnliche Aufteilung des Zimmers gewesen, die ihn zu der Idee inspiriert hatte, die er nun verwirklichen wollte.
Doch auch das Buch, das er gerade aus der Schublade genommen hatte, hatte diese Idee beflügelt. Es war ein besonders schönes Buch. Sein glattes, cremefarbenes Papier, vom Alter etwas vergilbt, war von einer Qualität, die seit mindestens vierzig Jahren nicht mehr hergestellt wurde. Er nahm jedoch an, dass das Buch noch weitaus älter war. Er hatte es im Fenster eines muffigen kleinen Trödelladens in einem der Elendsviertel der Stadt liegen sehen (in welchem Viertel genau wusste er gar nicht mehr) und war sofort von dem unbändigen Wunsch ergriffen worden, es zu besitzen. Parteimitglieder sollten eigentlich nicht in gewöhnliche Läden gehen (»Handel auf dem freien Markt« wurde das genannt), aber die Regel wurde nicht strikt eingehalten, da es verschiedene Dinge gab, wie Schnürsenkel und Rasierklingen, an die man auf keine andere Weise herankam. Er hatte einmal schnell die Straße in beide Richtungen überprüft, war dann hineingeschlüpft und hatte das Buch für zwei Dollar fünfzig gekauft. Zu diesem Zeitpunkt war ihm nicht bewusst gewesen, dass er es für einen bestimmten Zweck haben wollte. Er hatte es schuldbewusst in seiner Aktentasche nach Hause getragen. Sogar mit seinen unbeschriebenen Seiten war es ein kompromittierender Besitz.
Nun wollte er ein Tagebuch beginnen. Das war nicht illegal (nichts war illegal, da es ja keine Gesetze mehr gab), aber wenn es herauskam, konnte er ziemlich sicher mit der Todesstrafe oder zumindest mit fünfundzwanzig Jahren in einem Zwangsarbeitslager rechnen. Winston steckte eine Spitze in den Federhalter und feuchtete sie mit der Zunge an, um das Schmierfett zu entfernen. Der Federhalter war ein altertümliches Instrument, das selbst für Unterschriften nur noch selten benutzt wurde, und er hatte sich heimlich und mit einigen Schwierigkeiten einen beschafft, einfach aus dem Gefühl heraus, dass das schöne cremefarbene Papier es verdiente, mit einer echten Feder beschrieben anstatt mit einem Tintenstift bekritzelt zu werden. Eigentlich war er es nicht gewohnt, mit der Hand zu schreiben. Abgesehen von sehr kurzen Notizen war es üblich, alles in den Sprechschreiber zu diktieren, was für sein gegenwärtiges Vorhaben natürlich unmöglich war. Er tauchte die Feder in die Tinte und stockte dann für eine Sekunde. Seine Eingeweide hatten sich heftig verkrampft. Der erste Federstrich auf dem Papier war der entscheidende Akt. In kleinen unbeholfenen Buchstaben schrieb er:
4. April 1984.
Er lehnte sich zurück. Ein Gefühl völliger Hilflosigkeit war über ihn hereingebrochen. Zunächst einmal wusste er nicht mit Sicherheit, dass es wirklich das Jahr 1984 war. Das Datum musste aber ungefähr stimmen, denn er war sich ziemlich sicher, dass er neununddreißig Jahre alt war, und er glaubte, 1944 oder 1945 geboren worden zu sein; doch es war heutzutage nie möglich, ein Datum auf ein oder zwei Jahre genau festzulegen.
Für wen, fragte er sich plötzlich, schrieb er dieses Tagebuch? Für die Zukunft, für die Ungeborenen. Seine Gedanken schwebten für einen Moment um das zweifelhafte Datum auf der Seite herum, um dann mit einem Schlag auf das Neusprech-Wort Zwiedenk zu stoßen. Zum ersten Mal wurde ihm das Ausmaß seines Vorhabens bewusst. Wie konnte man mit der Zukunft in Verbindung treten? Das war doch von Natur aus unmöglich. Entweder würde die Zukunft der Gegenwart ähneln, dann würde man ihm nicht zuhören, oder sie wäre ganz anders, dann wäre seine missliche Lage bedeutungslos.
Eine Zeit lang saß er da und starrte apathisch auf das Papier. Der Teleschirm spielte jetzt schmissige Militärmusik. Es war wirklich eigenartig, dass er nicht nur sein Ausdrucksvermögen verloren, sondern sogar vergessen zu haben schien, was er ursprünglich hatte sagen wollen. Schon seit Wochen hatte er sich auf diesen Moment vorbereitet, und es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass etwas anderes als Mut nötig sein würde. Das eigentliche Schreiben würde ihm leichtfallen. Er musste dazu ja nur den endlosen inneren Monolog, der buchstäblich seit Jahren in seinem Kopf stattfand, zu Papier bringen. In diesem Moment jedoch war selbst dieser verstummt. Zudem hatte sein Krampfadergeschwür angefangen, unerträglich zu jucken. Er wagte es nicht, daran zu kratzen, denn wenn er das tat, entzündete es sich immer. Die Sekunden verstrichen. Er war sich nichts anderem mehr bewusst als der Leere der Seite vor ihm, dem Jucken der Haut über seinem Knöchel, dem Dröhnen der Musik und einem leichten Trunkenheitsgefühl, das vom Gin kam.
Plötzlich begann er in schierer Panik zu schreiben, ohne wirklich zu wissen, was er zu Papier brachte. Seine kleine, aber kindliche Handschrift kritzelte die Seite nach und nach voll, wobei er bald schon jegliche Großschreibung und schließlich sogar die Satzzeichen wegließ:
4. April 1984. Gestern Abend im Kino. Lauter Kriegsfilme. Ein sehr guter, über ein Schiff voller Flüchtlinge, das irgendwo im Mittelmeer bombardiert wird. Publikum amüsierte sich sehr über die Aufnahmen eines großen dicken Mannes, der versuchte, vor einem Hubschrauber wegzuschwimmen, zuerst sah man, wie er sich wie ein Tümmler durchs Wasser wälzte, dann sah man ihn durch das Maschinengewehrvisier des Hubschraubers, dann war er ganz durchlöchert und das Meer um ihn herum färbte sich rosa und er sank so plötzlich, als hätten die löcher das wasser in ihn hereingelassen, das publikum brüllte vor lachen, als er unterging. dann sah man ein rettungsboot voller kinder, über dem ein hubschrauber schwebte. da war eine frau mittleren alters, vielleicht eine jüdin, die vorne im bug saß, mit einem kleinen jungen von etwa drei Jahren im arm. kleiner junge schrie vor Angst und verbarg seinen kopf zwischen ihren brüsten, als wolle er sich ganz in ihr verkriechen und die frau legte ihre arme um ihn und tröstete ihn, obwohl sie selbst vor angst zitterte, schützte ihn die ganze zeit so gut wie möglich, als glaubte sie, ihre arme könnten die kugeln von ihm abhalten. dann warf der hubschrauber eine 20-kilo-bombe zwischen sie hat irre geblitzt und das boot zersplitterte zu kleinholz. dann gab es eine wunderbare aufnahme vom arm eines kindes der hoch und immer höher in die luft fliegt, ein hubschrauber mit einer kamera in der kanzel muss ihm nachgeflogen sein und es gab großen applaus von den parteiplätzen aus aber eine frau unten im prollbereich fing plötzlich an einen riesen radau zu machen und zu toben das hätte man nich vor den kinnern zeigen sollen nu wirklich nich direkt vor den kinnern. hätt ma nich machn solln. bis die polizei sie rauschmiss ich glaube nicht dass ihr was passiert ist niemand kümmert sich darum was die prolls sagen typische prollreaktion. die werden niemals –
Winston hörte auf zu schreiben, was auch daran lag, dass er einen Krampf in der Hand hatte. Er wusste nicht, was ihn veranlasst hatte, diesen ganzen Müll von sich zu geben. Das Merkwürdige war jedoch, dass ihm während des Schreibens eine völlig andere Erinnerung in den Kopf gekommen war, die so klar war, dass es ihm fast so vorkam, als habe er sie niedergeschrieben. Er erkannte jetzt, dass er genau wegen dieses anderen Vorfalls plötzlich beschlossen hatte, nach Hause zu gehen und heute mit seinem Tagebuch zu beginnen.
Dieser Vorfall hatte sich heute Morgen im Ministerium ereignet, wenn man von etwas so Nebulösem überhaupt sagen konnte, dass es passiert war.
Es war kurz vor elf Uhr, und in der Dokumentationsabteilung, in der Winston arbeitete, hatten sie als Vorbereitung auf den Zwei-Minuten-Hass die Stühle aus den Gemeinschaftsräumen geschleppt und in der Mitte des Saals gegenüber dem großen Teleschirm gruppiert. Winston nahm gerade seinen Platz in einer der mittleren Reihen ein, als zwei Personen, die er vom Sehen her kannte, mit denen er aber noch nie ein Wort gewechselt hatte, unerwartet in den Raum kamen. Eine von ihnen war ein Mädchen, dem er oft in den Korridoren begegnete. Er kannte ihren Namen nicht, wusste aber, dass sie in der Romanabteilung arbeitete. Vermutlich – da er sie manchmal mit öligen Händen und einem Schraubenschlüssel gesehen hatte – hatte sie eine technische Funktion an einer der Romanschreibmaschinen. Sie war ein keck aussehendes Mädchen, etwa siebenundzwanzig Jahre alt, mit dichtem schwarzem Haar, einem sommersprossigen Gesicht und flinken, athletischen Bewegungen. Sie hatte eine schmale scharlachrote Schärpe, das Emblem der Anti-Sex-Juniorenliga, mehrmals um die Taille ihres Overalls gewickelt, gerade eng genug, um ihre wohlgeformten Hüften zu betonen. Winston hatte sie vom ersten Augenblick an nicht gemocht. Er wusste auch, warum. Es war wegen der Atmosphäre von Hockeyfeldern, kalten Bädern und Gemeinschaftswanderungen und ihrer generellen Sauberfrau-Mentalität, mit der sie sich umgab. Er hatte gegen fast alle Frauen eine Abneigung, vor allem gegen die jungen und hübschen. Es waren immer die Frauen, und vor allem die jungen, die die bigottesten Anhänger der Partei und gedankenlose Parolenschlucker waren, und sie waren Amateurspione und schnüffelten andere zu deren Linientreue aus. Doch speziell dieses Mädchen erweckte in ihm den Eindruck, gefährlicher zu sein als die meisten anderen. Als sie einmal im Korridor aneinander vorbeigegangen waren, hatte sie ihm einen versteckten Seitenblick zugeworfen, der direkt in sein Innerstes zu dringen schien und ihn für einen Moment mit blankem Entsetzen erfüllt hatte. Es war ihm sogar der Gedanke gekommen, dass sie eine Agentin der Gedankenpolizei sein könnte. Das war zwar sehr unwahrscheinlich, dennoch verspürte er weiterhin ein seltsames Unbehagen, in das sich Angst und Feindseligkeit mischten, wann immer sie in seiner Nähe war.
Die andere Person war ein Mann namens O’Brien, ein Mitglied der Inneren Partei und Inhaber eines so wichtigen und abgehobenen Postens, dass Winston nur eine ganz vage Vorstellung davon hatte. Ein kurzes Schweigen senkte sich über die um die Stühle herumstehende Menschengruppe, als sie den schwarzen Overall eines Mitglieds der Inneren Partei auf sich zukommen sahen. O’Brien war ein großer, stämmiger Mann mit einem Stiernacken und einem derben, humorvollen und brutalen Gesicht. Trotz seiner imposanten Erscheinung hatte er einen gewissen Charme. Er hatte eine Art, sich die Brille auf der Nase zurechtzurücken, die seltsam entwaffnend wirkte – auf eine undefinierbare Weise eigentümlich kultiviert. Es war eine Geste, die einen – sofern überhaupt noch jemand in solchen Begriffen denken konnte – an einen Adligen aus dem 18. Jahrhundert erinnern könnte, der seinem Gegenüber die Schnupftabakdose anbot. Winston hatte O’Brien vielleicht ein Dutzend Mal in fast ebenso vielen Jahren gesehen. Er fühlte sich zutiefst zu ihm hingezogen, und das nicht nur, weil ihn der Kontrast zwischen O’Briens höflichen Manieren und dem Körperbau eines Preisboxers faszinierte. Es war vielmehr ein heimlich gehegter Glaube – oder vielleicht nicht einmal ein Glaube, sondern lediglich eine Hoffnung –, dass O’Briens politische Strenggläubigkeit nicht absolut war. Etwas in seinem Gesicht deutete unbestreitbar darauf hin. Und doch stand in diesem Gesicht vielleicht gar keine mangelnde Strenggläubigkeit, sondern einfach Intelligenz geschrieben. Auf jeden Fall aber schien er ein Mensch zu sein, mit dem man reden konnte, wenn man es irgendwie fertigbrachte, den Teleschirm auszutricksen und ihn allein zu erwischen. Winston hatte nie den geringsten Versuch unternommen, seine Vermutung auf ihre Richtigkeit hin zu prüfen: Es gab praktisch ja auch keine Möglichkeit, dies zu tun. In diesem Moment warf O’Brien einen Blick auf seine Armbanduhr, sah, dass es fast elf Uhr war, und beschloss offensichtlich, in der Dokumentationsabteilung zu bleiben, bis der Zwei-Minuten-Hass vorbei war. Er setzte sich auf einen Stuhl in der gleichen Reihe wie Winston, ein paar Plätze von ihm entfernt. Eine kleine, rotblonde Frau, die im Büro neben Winston arbeitete, saß zwischen ihnen. Das Mädchen mit den schwarzen Haaren saß unmittelbar dahinter.
Im nächsten Moment brach ein grässliches, knirschendes Kreischen wie von einer monströsen, ungeölten Maschine aus dem großen Teleschirm am Ende des Raumes heraus. Es war ein Geräusch, das einem durch Mark und Bein ging und bei dem sich einem die Nackenhaare sträubten. Der Hass hatte begonnen.
Wie üblich war das Gesicht von Emmanuel Goldstein, dem Feind des Volkes, auf dem Teleschirm erschienen. Man hörte vereinzeltes Zischen im Publikum. Die kleine, rotblonde Frau quietschte in einer Mischung aus Angst und Ekel. Goldstein war der Abweichler und Abtrünnige, der einst, vor langer Zeit (wie lange das her war, wusste niemand mehr so genau), eine der führenden Persönlichkeiten der Partei gewesen war, fast auf einer Stufe mit dem Großen Bruder selbst, und der sich dann in konterrevolutionäre Machenschaften verstrickt hatte, zum Tode verurteilt worden war und auf mysteriöse Weise entkommen und untergetaucht war. Das Programm des Zwei-Minuten-Hasses variierte von Tag zu Tag, aber es gab keines, in dem Goldstein nicht die Hauptfigur war. Er war der Urverräter, der erste Beschmutzer der Reinheit der Partei. Alle nachfolgenden gegen die Partei gerichteten Verbrechen, jeglicher Verrat sowie Sabotageakte, Häresien und Abweichen von der Partei entsprangen unmittelbar seiner Lehre. Irgendwo lebte er noch und brütete seine Verschwörungspläne aus: vielleicht irgendwo jenseits des Meeres, unter dem Schutz seiner ausländischen Geldgeber, vielleicht sogar – so wurde gelegentlich gemunkelt – in einem Geheimversteck in Ozeanien selbst.
Winstons Zwerchfell zog sich zusammen. Er konnte Goldsteins Gesicht niemals ohne schmerzlich gemischte Gefühle sehen. Es war ein mageres jüdisches Gesicht, mit einem mächtigen, wirren, weißen Haarkranz und einem Ziegenbärtchen – ein kluges Gesicht und doch irgendwie von Natur aus verabscheuungswürdig, dessen lange dünne Nase, auf deren Spitze eine Brille saß, eine Art seniler Verblödung auszustrahlen schien. Es ähnelte dem Gesicht eines Schafes, und auch die Stimme hatte etwas Schafartiges. Goldstein ließ seinen üblichen giftigen Angriff gegen die Parteidoktrinen vom Stapel – ein so übertriebener und perverser Angriff, dass ein Kind ihn hätte durchschauen können, und doch gerade plausibel genug, um einen mit dem beunruhigenden Gefühl zu erfüllen, dass andere Menschen, die weniger vernünftig waren als man selbst, darauf hereinfallen könnten. Er beschimpfte den Großen Bruder, er prangerte die Diktatur der Partei an, er forderte den sofortigen Friedensschluss mit Eurasien, er trat für Redefreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Gedankenfreiheit ein, er keifte hysterisch, dass die Revolution verraten worden sei – und das alles in einer rasanten, vielsilbigen Sprechweise, die eine Art Parodie des üblichen Stils der Parteiredner war und sogar Neusprech-Begriffe enthielt: tatsächlich mehr Neusprech-Begriffe, als irgendein Parteimitglied normalerweise im wirklichen Leben anwenden würde. Und für den Fall, dass jemand noch Zweifel an der Realität von Goldsteins irreführender Phrasendrescherei hatte, marschierten während der ganzen Zeit auf dem Teleschirm hinter seinem Kopf die endlosen Kolonnen der eurasischen Armee – Reihe um Reihe kräftig aussehender Männer mit ausdruckslosen asiatischen Gesichtern, die an die Oberfläche des Teleschirms trieben und dann verschwanden, um durch andere, absolut identische Soldaten ersetzt zu werden. Das dumpfe rhythmische Trampeln der Soldatenstiefel bildete die Geräuschkulisse hinter Goldsteins blökender Stimme.
Der Hass hatte noch keine dreißig Sekunden gedauert, da brach die Hälfte der Anwesenden im Raum in unkontrollierte Wutausbrüche aus. Das selbstzufriedene Schafsgesicht auf dem Teleschirm und die furchterregende Macht der eurasischen Armee dahinter waren zu viel des Guten. Außerdem erzeugte Goldsteins Anblick, oder auch nur der Gedanke an ihn, automatisch Angst und Wut. Er war ein konstanterer Gegenstand des Hasses als Eurasien oder Ostasien, da Ozeanien, wenn es sich mit einer dieser Mächte im Krieg befand, im Allgemeinen mit der anderen im Frieden war. Merkwürdig war allerdings, dass, obwohl Goldstein von allen gehasst und verachtet wurde, obwohl seine Theorien tagtäglich wohl an die tausend Mal auf Bahnsteigen, auf dem Teleschirm, in Zeitungen, in Büchern widerlegt, zerpflückt, lächerlich gemacht und der Allgemeinheit als der erbärmliche Müll vor Augen gebracht wurden, der sie nun einmal waren – dass trotz alledem sein Einfluss nie geringer zu werden schien. Immer wieder fanden sich neue Opfer, die darauf warteten, von ihm verführt zu werden. Es verging kein Tag, an dem die Gedankenpolizei keine Spione und Saboteure entlarvte, die nach seinen Anweisungen handelten. Er war der Befehlshaber einer riesigen Schattenarmee, eines Untergrundnetzwerks von Verschwörern, das sich dem Sturz der Regierung verschrieben hatte. Die Bruderschaft, so sollte ihr Name lauten. Hinter vorgehaltener Hand flüsterte man sich auch Geschichten über ein schreckliches Buch zu, ein Kompendium aller Irrlehren, dessen Verfasser Goldstein war und das hier und da heimlich zirkulierte. Es war ein Buch ohne Titel. Die Leute bezeichneten es, wenn sie überhaupt darüber sprachen, einfach als DAS BUCH. Aber über solche Dinge kursierten nur sehr vage Gerüchte. Sowohl die Bruderschaft als auch DAS BUCH waren Themen, die ein gewöhnliches Parteimitglied tunlichst vermied.
In der zweiten Minute steigerte sich der Hass zu einer Raserei. Die Menschen sprangen von ihren Plätzen auf und schrien lauthals, um die wahnsinnig machende, blökende Stimme, die vom Teleschirm kam, zu übertönen. Die kleine, rotblonde Frau war knallrot angelaufen, und ihr Mund öffnete und schloss sich wie der eines gestrandeten Fisches. Sogar O’Briens großes Gesicht war gerötet. Er saß kerzengerade auf seinem Stuhl, sein mächtiger Brustkorb schwoll und erzitterte, als trotze er dem Anprall einer Welle. Das schwarzhaarige Mädchen hinter Winston hatte angefangen zu schreien: »Schwein! Schwein! Schwein!«, und plötzlich nahm sie ein schweres Neusprech-Wörterbuch und schleuderte es gegen den Teleschirm. Es traf Goldsteins Nase und prallte dann ab; während seine Stimme unerbittlich weiterplapperte. In einem lichten Moment ertappte sich Winston dabei, dass er mit den anderen schrie und mit dem Absatz heftig gegen sein Stuhlbein trat. Das Schreckliche an dem Zwei-Minuten-Hass war nicht, dass man gezwungen war mitzumachen, sondern im Gegenteil, dass man gar nicht anders konnte als einzustimmen. Nach dreißig Sekunden brauchte man sich nicht mehr zu verstellen. Eine grässliche Ekstase der Angst und Rachsucht, der Wunsch zu töten, zu foltern, Gesichter mit einem Vorschlaghammer einzuschlagen, schien wie ein elektrischer Strom durch die ganze Menschengruppe zu fließen und einen sogar gegen den eigenen Willen in einen grimassierenden, schreienden Wahnsinnigen zu verwandeln. Und doch war die Wut, die man empfand, ein abstraktes, ungerichtetes Gefühl, das wie die Flamme einer Lötlampe von einem Gegenstand zum anderen gerichtet werden konnte. So wandte sich Winstons Hass für einen Augenblick gar nicht gegen Goldstein, sondern im Gegenteil gegen den Großen Bruder, die Partei und die Gedankenpolizei, und in solchen Momenten flog sein Herz dem einsamen, verachteten Abtrünnigen auf dem Schirm zu, dem alleinigen Hüter der Wahrheit und der Vernunft in einer Welt der Lügen. Und doch war er schon im nächsten Augenblick wieder eins mit den Menschen um ihn herum, und alle Behauptungen über Goldstein erschienen ihm wahr. In diesen Momenten verwandelte sich seine heimliche Abscheu gegen den Großen Bruder in Anbetung, und der Große Bruder schien sich zu erheben, ein unbesiegbarer, furchtloser Beschützer, der sich wie ein Fels gegen die Horden Asiens stemmte, und Goldstein schien trotz seiner Isolation, seiner Hilflosigkeit und der Zweifel, die seine bloße Existenz umgaben, wie ein unheilvoller Zauberer zu wirken, der allein durch die Kraft seiner Stimme in der Lage war, die Fundamente der Zivilisation zu zerstören.
In manchen Momenten war es sogar möglich, seinen Hass vorsätzlich in diese oder jene Richtung zu lenken. Plötzlich gelang es Winston mit einer gewaltigen Anstrengung, so wie man in einem Albtraum den Kopf vom Kissen losreißt, seinen Hass vom Gesicht auf dem Teleschirm auf das schwarzhaarige Mädchen hinter ihm zu übertragen. Lebhafte, herrliche Halluzinationen schossen ihm durch den Kopf. Er würde sie mit einem Gummiknüppel zu Tode prügeln. Er würde sie nackt an einen Pfahl binden und sie wie den Heiligen Sebastian mit Pfeilen durchlöchern. Er würde sie vergewaltigen und ihr im Augenblick des Höhepunktes die Kehle durchschneiden. Besser als zuvor erkannte er jetzt, WARUM er sie hasste. Er hasste sie, weil sie jung und hübsch und geschlechtslos war, weil er mit ihr ins Bett gehen wollte und es nie tun würde, weil um ihre süße, schmiegsame Taille, die einen zur Umarmung aufzufordern schien, nur die abscheuliche scharlachrote Schärpe lag, als aggressives Symbol der Keuschheit.
Der Hass erreichte seinen Höhepunkt. Goldsteins Stimme war jetzt zu einem wirklichen Schafsblöken geworden, und für einen Augenblick verwandelte sich sein Gesicht in das eines Schafs. Dann verschmolz das Schafsgesicht mit der Gestalt eines eurasischen Soldaten, der riesig und furchterregend mit knatternder Maschinenpistole heranzumarschieren und aus der Oberfläche des Teleschirms zu springen schien, sodass einige der Leute in der ersten Reihe auf ihren Sitzen tatsächlich nach hinten zuckten. Doch im selben Augenblick verschwamm unter erleichtertem Aufatmen des Publikums die feindselige Gestalt und wurde zum Gesicht des Großen Bruders mit seinen schwarzen Haaren, schwarzem Schnurrbart, das Macht und geheimnisvolle Ruhe ausstrahlte und mit seiner gewaltigen Größe fast den ganzen Bildschirm füllte. Niemand hörte, was der Große Bruder sagte. Es waren nur ein paar Worte der Ermutigung, die Art von Worten, wie sie im Kampfgetöse einer Schlacht geäußert werden, nicht einzeln verständlich, sondern durch das bloße Aussprechen Zuversicht spendend. Dann verblasste das Gesicht des Großen Bruders wieder, und stattdessen prangten die drei Parolen der Partei in fett gedruckten Großbuchstaben auf dem Schirm:
KRIEG IST FRIEDEN
FREIHEIT IST SKLAVEREI
UNWISSENHEIT IST STÄRKE
Doch das Gesicht des Großen Bruders schien für einige Sekunden auf dem Teleschirm zu verharren, als sei der Eindruck, den es auf der Netzhaut der Zuschauer hinterlassen hatte, zu lebendig, um sofort wieder zu verblassen. Die kleine rotblonde Frau hatte sich über die Lehne des vor ihr stehenden Stuhls geworfen. Mit einem bebenden Flüstern, das wie »Mein Retter!« klang, streckte sie ihre Arme dem Teleschirm entgegen. Dann vergrub sie ihr Gesicht in den Händen. Ganz offensichtlich betete sie.
In diesem Moment stimmten alle Versammelten einen volltönenden, langsamen und rhythmischen Sprechchor an: »G-B! G-B! G-B!« – immer und immer wieder, sehr langsam, mit einer langen Pause zwischen dem »G« und dem »B« – ein schweres, murmelndes Geräusch, irgendwie seltsam primitiv, in dessen Hintergrund man das Stampfen nackter Füße und das dumpfe Trommeln von Tomtoms zu hören schien. Damit fuhren sie vielleicht dreißig Sekunden lang fort. Es war ein Refrain, den man oft in Momenten überwältigender Erregung hörte. Zum Teil war es eine Art Hymne an die Weisheit und Majestät des Großen Bruders, aber mehr noch war es ein Akt der Selbsthypnose, ein absichtliches Ersticken des Bewusstseins durch rhythmischen Lärm. Winston fühlte eine Kälte in seinen Eingeweiden. Im Zwei-Minuten-Hass konnte er nicht anders, als sich vom allgemeinen Delirium mitreißen zu lassen, doch dieser unmenschliche Singsang von »G-B! ... G-B!« erfüllte ihn immer mit Entsetzen. Aber natürlich stimmte er in den Gesang ein, denn etwas anderes wäre undenkbar gewesen. Seine Gefühle zu verbergen, seine Miene zu kontrollieren, das zu tun, was alle anderen taten, war eine instinktive Reaktion. Und doch gab es eine Zeitspanne von ein paar Sekunden, in denen der Ausdruck seiner Augen ihn möglicherweise hätte verraten können. Und genau in diesem Moment geschah das Bedeutsame – falls es tatsächlich passierte.
Er fing ganz flüchtig O’Briens Blick auf. O’Brien war aufgestanden. Er hatte seine Brille abgenommen und war gerade dabei, sie mit seiner charakteristischen Geste wieder auf seine Nase zu setzen. Doch für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich ihre Blicke, und genau in diesem Augenblick wusste Winston – ja, er WUSSTE es! –, dass O’Brien dasselbe dachte wie er. Sie hatten eine unmissverständliche Botschaft miteinander ausgetauscht. Es war, als hätten beide ihren Geist geöffnet und als würden die Gedanken durch ihre Augen von dem einen zum anderen fließen. »Ich verstehe Sie«, schien O’Brien ihm zu sagen. »Ich weiß genau, was Sie empfinden. Ich kenne Ihre Verachtung, Ihren Hass, Ihren Ekel. Aber keine Angst, ich bin auf Ihrer Seite!« Und dann war das kurze Aufflackern des Einverständnisses verschwunden, und O’Briens Gesicht war so unergründlich wie das aller anderen.
Das war alles, und er war sich schon nicht mehr sicher, ob es wirklich passiert war. Derartige Zwischenfälle blieben stets folgenlos. Sie hielten lediglich den Glauben, oder die Hoffnung, in ihm lebendig, dass es außer ihm noch andere Feinde der Partei gab. Vielleicht stimmten die Gerüchte über gewaltige Untergrundverschwörungen ja doch – vielleicht existierte die Bruderschaft wirklich! Man konnte trotz der endlosen Verhaftungen, Geständnisse und Hinrichtungen unmöglich sicher sein, dass die Bruderschaft nicht bloß ein Mythos war. An manchen Tagen glaubte er an sie, an anderen nicht. Es gab keine Beweise, nur flüchtige Andeutungen, die alles oder nichts bedeuten konnten: aufgeschnappte Gesprächsfetzen, verwischte Kritzeleien an Toilettenwänden – einmal sogar, als sich zwei Fremde begegneten, eine kleine Handbewegung, die so ausgesehen hatte, als sei sie ein Erkennungszeichen. Doch das waren alles nur Vermutungen: Sehr wahrscheinlich hatte er sich alles nur eingebildet. Er war in seine Arbeitskabine zurückgegangen, ohne O’Brien noch einmal anzusehen. Der Gedanke, ihren flüchtigen Kontakt weiter zu verfolgen, kam ihm kaum in den Sinn. Es wäre unvorstellbar gefährlich gewesen, selbst wenn er gewusst hätte, wie er es hätte anstellen können. Für eine Sekunde, zwei Sekunden hatten sie einen zweideutigen Blick ausgetauscht, und das war es auch schon. Aber selbst das war ein denkwürdiges Ereignis in der abgeschirmten Einsamkeit, in der man leben musste.
Winston rappelte sich auf und setzte sich gerade hin. Er stieß einen Rülpser aus. Der Gin rumorte in seinem Magen.
Sein Augenmerk richtete sich wieder auf die Seite vor ihm. Er entdeckte, dass er, während er in hilflosem Grübeln dagesessen hatte, etwas geschrieben hatte, ganz mechanisch. Und das war nicht mehr die verkrampfte, unbeholfene Handschrift wie zuvor. Seine Feder war überschwänglich über das glatte Papier geglitten und hatte in großen, sauberen Buchstaben geschrieben:
NIEDER MIT DEM GROSSEN BRUDER
NIEDER MIT DEM GROSSEN BRUDER
NIEDER MIT DEM GROSSEN BRUDER
NIEDER MIT DEM GROSSEN BRUDER
NIEDER MIT DEM GROSSEN BRUDER
Immer und immer wieder, eine halbe Seite füllend.
Unwillkürlich erfasste ihn ein Anflug von Panik. Das war im Grunde genommen absurd, denn das Schreiben gerade dieser Worte war nicht gefährlicher als sein erster Schritt, überhaupt ein Tagebuch anzulegen, aber für einen Moment war er versucht, die verunstalteten Seiten herauszureißen und die ganze Sache aufzugeben.
Er tat es jedoch nicht, weil er wusste, dass es zwecklos war. Ob er nun NIEDER MIT DEM GROSSEN BRUDER schrieb oder nicht, machte keinen Unterschied. Ob er mit dem Tagebuch fortfuhr oder ob er es nicht weiterführte, war ebenfalls egal. Die Gedankenpolizei würde ihn sowieso erwischen. Er hatte – selbst, wenn er nie etwas zu Papier gebracht hätte – das Kapitalverbrechen begangen, das alle anderen in sich vereinte. Gedankenverbrechen nannten sie es, in Neusprech Denkbrech. Gedankenverbrechen konnte man auf Dauer nicht geheim halten. Man konnte ihnen für eine Weile, vielleicht sogar einige Jahre lang, erfolgreich entkommen, aber früher oder später erwischten sie einen doch.
Es geschah immer nachts – die Verhaftungen fanden stets nachts statt. Das plötzliche Aufschrecken aus dem Schlaf, die grobe Hand, die einen an der Schulter packte, die grellen Taschenlampen, die in den Augen blendeten, der Kreis von harten Gesichtern um das Bett. In den allermeisten Fällen gab es keinen Prozess, noch nicht einmal einen Bericht über die Verhaftung. Die Menschen verschwanden einfach, immer in der Nacht. Ihr Name wurde aus den Registern gestrichen, jegliche Aufzeichnungen über alles, was sie jemals getan hatten, wurden gelöscht, ihre gesamte Existenz wurde geleugnet und dann vergessen. Man wurde abgeschafft, vernichtet: Vaporisiert lautete das gebräuchliche Wort dafür.
Einen kurzen Moment lang erlitt er eine Art von hysterischem Anfall. Er begann in einem hastigen, krakeligen Gekritzel zu schreiben:
sie werden mich abknallen mir doch egal sie werden mich mit einem genickschuss erledigen mir völlig wurscht nieder mit dem großen bruder sie knallen einen immer mit einem genickschuss ab is mir echt egal nieder mit dem großen bruder –
Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, ein wenig beschämt über sich selbst, und legte den Federhalter nieder. Im nächsten Augenblick zuckte er heftig zusammen. Es klopfte an der Tür.
Jetzt schon! Er saß mucksmäuschenstill da, in der vergeblichen Hoffnung, dass der draußen Stehende nach einem einzigen Versuch weggehen würde. Aber nein, es klopfte erneut. Das Schlimmste wäre es nun zu zögern. Sein Herz hämmerte wie eine Trommel, aber sein Gesicht war, aus langer Gewohnheit, wahrscheinlich ausdruckslos. Er stand auf und ging schleppend zur Tür.
1 Neusprech war die offizielle Sprache Ozeaniens. Eine Darstellung seiner Struktur und Etymologie findet sich im Anhang.
KAPITEL 2
Als er seine Hand an den Türknauf legte, sah Winston, dass er das Tagebuch offen auf dem Tisch liegen gelassen hatte. NIEDER MIT DEM GROSSEN BRUDER stand über die ganze Seite verteilt, in so großen Buchstaben, dass man es auch von der anderen Seite des Zimmers aus lesen konnte. Was für eine unvorstellbare Dummheit. Doch noch nicht einmal in seiner Panik hatte er das cremefarbene Papier verschmieren wollen, indem er das Buch schloss, während die Tinte noch feucht war, wie ihm nun klar wurde.
Er holte tief Luft und öffnete die Tür. Sofort durchströmte ihn eine warme Welle der Erleichterung. Draußen stand eine blasse, zerknittert aussehende Frau mit strähnigem Haar und einem faltigen Gesicht.
»Ach, Genosse«, begann sie mit eintöniger Jammerstimme, »mir war so, als hätt ich Sie reinkommen hören. Könnten Sie vielleicht rüberkommen und sich mal den Abfluss unserer Küchenspüle ansehn? Der is verstopft und –«
Es war Mrs. Parsons, die Frau eines Etagennachbarn. (Die Anrede »Mrs.« wurde von der Partei missbilligt – man sollte jeden mit »Genosse« oder »Genossin« ansprechen –, aber bei einigen Frauen benutzte man die Anrede instinktiv.) Sie war eine Frau um die dreißig, sah aber wesentlich älter aus. Man hatte den Eindruck, dass sich in den Falten ihres Gesichts Staub angesammelt hatte. Winston folgte ihr den Gang hinunter. Diese unprofessionellen Reparaturarbeiten waren eine fast alltägliche Last. Die Wohnungen des Victory-Wohnblocks waren alt, etwa um das Jahr 1930 erbaut, und fielen langsam in sich zusammen. Der Putz blätterte ständig von den Decken und Wänden, die Leitungsrohre platzten bei jedem harten Frost, das Dach leckte bei Schnee, das Heizsystem lief grundsätzlich nur mit halber Leistung, wenn es aus wirtschaftlichen Gründen nicht ganz abgestellt wurde. Reparaturen, außer denen, die man selbst erledigen konnte, mussten von irgendwelchen entfernten Ausschüssen genehmigt werden, die es sogar schafften, das Wiedereinsetzen einer Fensterscheibe zwei Jahre lang hinauszuzögern.
»Is ja auch nur, weil Tom nich daheim ist«, murmelte Mrs. Parsons undeutlich.
Die Wohnung der Parsons war größer als die von Winston und auf eine andere Art und Weise schäbig. Alles sah irgendwie ramponiert und zertrampelt aus, als sei der Ort gerade von einem gewaltigen Ungetüm heimgesucht worden. Sportutensilien – Hockeyschläger, Boxhandschuhe, ein geplatzter Fußball, eine verschwitzte, auf links gedrehte Sporthose – lagen überall auf dem Boden verstreut, und auf dem Tisch stapelte sich schmutziges Geschirr neben Schulheften mit Eselsohren. An den Wänden hingen die scharlachroten Banner der Jugendliga und der Spione sowie ein Plakat des Großen Bruders in voller Lebensgröße. Auch hier vernahm man den im ganzen Haus üblichen Geruch von gekochtem Kohl, doch hier war er von einem schärferen Schweißgeruch durchdrungen, der – das wusste man beim ersten Schnuppern, obwohl es sich kaum begründen ließ – der Schweiß eines im Augenblick abwesenden Menschen war. Im Nebenraum versuchte jemand, die Militärmusik, die immer noch aus dem Teleschirm kam, auf einem mit Klopapier bespannten Kamm mitzuspielen.
»Das sind die Kinder«, sagte Frau Parsons und warf einen etwas besorgten Blick auf die Tür. »Die warn heute noch nich draußen. Und natürlich –«
Sie hatte die Angewohnheit, ihre Sätze mittendrin abzubrechen. Das Spülbecken war fast bis zum Rand mit schmutzigem grünlichem Wasser gefüllt, das schlimmer als alles andere nach Kohl stank. Winston kniete sich davor und untersuchte die Winkelverbindung des Abflussrohrs. Er hasste es, mit seinen Händen zu arbeiten, und er hasste es, sich zu bücken, weil das bei ihm fast immer einen Hustenanfall auslöste. Mrs. Parsons sah ihm hilflos zu.
»Wenn Tom daheim wär’, hätte der dat im Nullkommanix repariert«, meinte sie. »So was macht dem Spaß. Er ist ja so geschickt mit seinen Händen, der Tom.«
Parsons war Winstons Arbeitskollege im Ministerium für Wahrheit. Er war ein fetter, aber aktiver Mann von lähmender Dummheit, ein Klotz voller schwachsinniger Begeisterung – eines dieser völlig bedingungslos ergebenen Arbeitstiere, von denen die Stabilität der Partei mehr noch als von der Gedankenpolizei abhing. Mit seinen fünfunddreißig Jahren war er gerade gegen seinen Willen aus der Jugendliga ausgeschlossen worden, und bevor er in die Jugendliga aufgestiegen war, hatte er es geschafft, ein Jahr lang über die festgesetzte Altersgrenze hinaus bei den Spionen zu bleiben. Im Ministerium war er auf einem untergeordneten Posten angestellt, für den keine Intelligenz erforderlich war, andererseits aber hatte er eine leitende Position im Sportausschuss und allen anderen Ausschüssen inne, die sich mit der Organisation von Gemeinschaftswanderungen, spontanen Demonstrationen, Sparkampagnen und freiwilligen Aktivitäten jeder Art befassten. Er erzählte einem gerne mit leisem Stolz zwischen zwei Pfeifenzügen, dass er in den vergangenen vier Jahren jeden Abend im Gemeinschaftszentrum gewesen sei. Ein überwältigender Schweißgeruch, eine Art unbewusstes Zeugnis für sein tatkräftiges Leben, umgab ihn auf Schritt und Tritt und blieb sogar von ihm zurück, wenn er längst gegangen war.
»Haben Sie einen Schraubenschlüssel?«, fragte Winston, während er an der Schraubenmutter der Winkelverbindung fummelte.
»Einen Schraubenschlüssel«, sagte Frau Parsons und wurde sofort unsicher. »Ich weiß nich, keine Ahnung. Vielleicht haben die Kinder –«
Mit lautem Stiefelgetrampel und einem weiteren Tröten auf dem Kamm stürmten die Kinder ins Wohnzimmer. Mrs. Parsons brachte den Schraubenschlüssel. Winston ließ das Wasser ablaufen und entfernte angewidert den Haarpfropfen, der das Rohr verstopft hatte. Er säuberte seine Hände so gut es ging unter dem kalten Leitungswasser und ging in das andere Zimmer zurück.
»Hände hoch!«, schrie eine wilde Stimme.
Ein hübscher, derb aussehender neunjähriger Junge war hinter dem Tisch hervorgesprungen und bedrohte ihn mit einer Spielzeug-Automatikpistole, während seine kleine, etwa zwei Jahre jüngere Schwester dieselbe Geste mit einem Stück Holz machte. Beide trugen blaue Shorts, graue Hemden und rote Halstücher, die Uniform der Spione. Winston hob die Hände über den Kopf, hatte dabei aber ein unbehagliches Gefühl, denn der Junge gebärdete sich derart bösartig, dass es längst kein Spiel mehr war.
»Du bist ’n Verräter!«, brüllte der Junge. »Du bist ’n Gedankenverbrecher! Du bist ’n eurasischer Spion! Ich knall dich ab, ich vaporisier’ dich, ich schick’ dich ins Salzbergwerk!«
Plötzlich sprangen beide um ihn herum und riefen »Verräter!« und »Gedankenverbrecher!«, wobei das kleine Mädchen jede Bewegung ihres Bruders nachahmte. Es hatte etwas Beängstigendes, wie das Herumtollen von Tigerbabys, die bald ausgewachsene Menschenfresser sein würden. In den Augen des Jungen lag eine berechnende Bösartigkeit, ein ganz offensichtliches Verlangen, Winston zu schlagen oder zu treten, und auch das Bewusstsein, fast groß genug dafür zu sein. Bloß gut, dass er keine echte Pistole hat, dachte Winston.
Mrs. Parsons Augen huschten nervös zwischen Winston und den Kindern hin und her. Im besseren Licht des Wohnzimmers bemerkte er erstaunt, dass sich tatsächlich Staub in ihren Gesichtsfalten angesammelt hatte.
»Die machen wieder einen Radau«, sagte sie. »Sind enttäuscht, weil sie das Hängen nich sehn können. So isses. Ich hab zu viel zu tun, um mit ihnen hinzugehn, und Tom kommt nich früh genug von der Arbeit heim.«
»Wieso könn’n wir nich beim Hängen zugucken?«, blaffte der Junge mit seiner kräftigen Stimme.
»Hängen guckn, Hängen guckn«, sang das kleine Mädchen, das immer noch herumhüpfte.
Winston fiel ein, dass an diesem Abend einige eurasische Gefangene, denen Kriegsverbrechen zur Last gelegt wurden, im Park gehängt werden sollten. Dergleichen geschah ungefähr einmal im Monat und war ein beliebtes Schauspiel. Kinder wollten immer unbedingt dort hingehen, um es sich anzusehen. Er verabschiedete sich von Mrs. Parsons und ging zur Tür. Aber er war noch keine sechs Schritte den Gang hinuntergegangen, als ihn etwas qualvoll schmerzhaft im Nacken traf. Es war, als hätte man ihm einen rot glühenden Draht ins Genick gestoßen. Er wirbelte gerade noch rechtzeitig herum, um zu sehen, wie Mrs. Parsons ihren Sohn zurück in die Wohnung zerrte, während der Junge eine Schleuder in die Tasche einsteckte.
»Goldstein!«, brüllte der Junge, als sich die Tür schloss. Was Winston jedoch am meisten betroffen machte, war der Ausdruck hilfloser Angst auf dem gräulichen Gesicht der Frau.
Zurück in der Wohnung ging er schnell am Teleschirm vorbei und setzte sich wieder an den Tisch, wobei er sich immer noch den Nacken rieb. Die Musik vom Teleschirm war verstummt. Stattdessen las eine abgehackte Militärstimme mit einem gewissen brutalen Vergnügen eine Beschreibung der Waffenbestückung der neuen Schwimmenden Festung vor, die gerade zwischen Island und den Färöer-Inseln verankert worden war.
Mit diesen Kindern, dachte er, musste die arme Frau ein schreckliches Leben haben. Noch ein Jahr, zwei Jahre, und sie würden sie Tag und Nacht nach Anzeichen von Parteiuntreue bespitzeln. Fast alle Kinder waren heutzutage schrecklich. Es war jedoch am schlimmsten, dass sie durch solche Organisationen wie die Spione systematisch zu unkontrollierbaren kleinen Wilden erzogen wurden, was in ihnen jedoch keinerlei Neigung erzeugte, gegen die Parteidisziplin zu rebellieren. Im Gegenteil, sie verehrten die Partei und alles, was mit ihr zusammenhing. Die Lieder, die Umzüge, die Banner, die Wanderungen, der Drill mit Übungsgewehren, das Brüllen der Parolen, die Verehrung des Großen Bruders – all das war für sie ein herrliches Spiel. Ihre gesamte Wildheit wurde nach außen gerichtet, gegen die Staatsfeinde, gegen Ausländer, Verräter, Saboteure, Gedankenverbrecher. Es war fast normal, dass Menschen über dreißig Angst vor ihren eigenen Kindern hatten. Und das mit gutem Grund, verging doch kaum eine Woche, in der die Times keinen Bericht darüber enthielt, wie irgend so ein lauschender kleiner Petzer – Kinderheld war der allgemein verwendete Ausdruck dafür – eine kompromittierende Bemerkung aufgeschnappt und seine Eltern bei der Gedankenpolizei denunziert hatte.
Der von der Schleuder verursachte Schmerz war abgeklungen. Winston griff halbherzig seinen Federhalter und fragte sich, ob ihm wohl noch etwas für sein Tagebuch einfallen würde. Plötzlich musste er wieder an O’Brien denken.
Vor Jahren – wie lange war es her? Sieben Jahre mussten es sein – hatte er geträumt, dass er durch einen stockdunklen Raum ging. Und jemand, der seitlich von ihm saß, hatte, als er vorbeiging, gesagt: »Wir werden uns an dem Ort treffen, wo keine Dunkelheit herrscht.« Dies wurde sehr leise, fast beiläufig gesagt – eine Feststellung, kein Befehl. Er war weitergegangen, ohne stehen zu bleiben. Merkwürdig war, dass die Worte damals im Traum keinen großen Eindruck auf ihn gemacht hatten. Erst später und nur allmählich schienen sie an Bedeutung gewonnen zu haben. Er konnte sich jetzt nicht mehr erinnern, ob er O’Brien vor oder nach dem Traum zum ersten Mal gesehen hatte, und er konnte sich auch nicht mehr erinnern, wann er die Stimme zum ersten Mal als die von O’Brien identifiziert hatte. Aber auf jeden Fall war diese Identifikation erfolgt. Es war O’Brien, der aus der Dunkelheit zu ihm gesprochen hatte.
Winston hatte nie sicher sein können – auch nach dem flüchtigen Blickkontakt von heute Morgen konnte er dessen nicht sicher sein –, ob O’Brien ein Freund oder ein Feind war. Das schien nicht einmal allzu wichtig zu sein. Zwischen ihnen herrschte ein Einverständnis, das wichtiger war als Zuneigung oder Parteizugehörigkeit. »Wir werden uns an dem Ort treffen, wo keine Dunkelheit herrscht«, hatte er gesagt. Winston wusste nicht, was das bedeutete, nur, dass es auf die eine oder andere Weise wahr werden würde.
Die Stimme aus dem Teleschirm brach ab. Ein Trompetensignal schmetterte klar und schön in die stille Luft. Die Stimme fuhr krächzend fort:
Achtung! Wir bitten um Ihre Aufmerksamkeit! Soeben hat uns eine Sondermeldung von der Malabar-Front erreicht. Unsere Streitkräfte in Südindien haben einen glorreichen Sieg errungen. Ich bin befugt zu berichten, dass durch diese militärische Operation das Kriegsende sehr wahrscheinlich in greifbare Nähe rückt. Es folgt die Sondermeldung –
Da muss noch irgendwas Schlechtes nachkommen, dachte Winston. Und in der Tat folgte auf eine blutrünstige Schilderung der vollständigen Vernichtung einer eurasischen Armee, bei der riesige Zahlen von Toten und Gefangenen genannt wurden, die Ankündigung, dass ab nächster Woche die Schokoladenration von dreißig auf zwanzig Gramm reduziert werden würde.
Winston rülpste erneut. Der Gin verlor an Wirkung und hinterließ ein hohles Gefühl. Der Teleschirm spielte nun lauthals »Ozeanien, du allein« – vielleicht um den Sieg zu feiern, vielleicht um die Erinnerung an die Schokoladenkürzung zu übertünchen. Es wurde von einem erwartet, dass man dabei die Habachtstellung einnahm. Aber an seinem derzeitigen Platz war Winston unsichtbar.
»Ozeanien, du allein« wich einer leichteren Musik. Winston ging zum Fenster hinüber, mit dem Rücken zum Teleschirm. Der Tag war immer noch kalt und klar. Irgendwo in der Ferne detonierte eine Raketenbombe mit einem dumpfen, widerhallenden Dröhnen. Zurzeit fielen etwa zwanzig oder dreißig von ihnen wöchentlich auf London.
Unten auf der Straße flatterte das zerrissene Plakat im Wind hin und her, und das Wort ENGSOZ wurde abwechselnd verdeckt und enthüllt. Engsoz. Die heiligen Prinzipien des Engsoz. Neusprech, Zwiedenk, die Veränderlichkeit der Vergangenheit. Er fühlte sich, als irre er in den Wäldern auf dem Meeresgrund umher, verloren in einer monströsen Welt, in der er selbst das Monster war. Er war allein. Die Vergangenheit war tot, die Zukunft war unvorstellbar. Welche Gewissheit hatte er, dass auch nur ein einziger lebender Mensch auf seiner Seite war? Und woher sollte er wissen, ob die Herrschaft der Partei nicht auf EWIG Bestand haben würde? Wie zur Antwort fielen ihm die drei Parolen auf der weißen Front des Ministeriums für Wahrheit ein:
KRIEG IST FRIEDEN
FREIHEIT IST SKLAVEREI
UNWISSENHEIT IST STÄRKE
Er nahm ein Fünfundzwanzig-Cent-Stück aus seiner Tasche. Auch dort waren in winziger, klarer Schrift dieselben Parolen eingraviert, und auf der anderen Seite der Münze prangte der Kopf des Großen Bruders. Selbst von der Münze aus verfolgten einen die Augen. Von Münzen, Briefmarken, Bucheinbänden, Bannern, Plakaten und Zigarettenschachteln – von überall verfolgten sie einen. Überall waren diese Augen, die einen beobachteten, und die Stimme, die einen umgab. Ob im Schlafen oder Wachen, beim Arbeiten oder Essen, drinnen oder draußen, im Bad oder im Bett – es gab kein Entkommen. Nichts gehörte einem außer den wenigen Kubikzentimetern im eigenen Schädel.
Die Sonne war weitergerückt, und die unzähligen Fenster des Ministeriums für Wahrheit, auf die das Licht nun nicht mehr schien, sahen so düster aus wie die Schießscharten einer Festung. Sein Mut verzagte angesichts dieses gewaltigen pyramidenartigen Baus. Er war zu mächtig, er konnte nicht gestürmt werden. Tausend Raketenbomben würden ihn nicht zertrümmern können. Er fragte sich wieder, für wen er das Tagebuch überhaupt schrieb. Für die Zukunft, für die Vergangenheit – für ein vielleicht nur imaginäres Zeitalter. Und vor ihm lag nicht der Tod, sondern die Auslöschung. Das Tagebuch würde zu Asche und er selbst zu bloßem Rauch zerfallen. Nur die Gedankenpolizei würde lesen, was er geschrieben hatte, bevor sie es aus der Welt und aus der Erinnerung tilgte. Wie konnte man an die Zukunft appellieren, wenn keine Spur von einem, nicht einmal ein anonymes, auf ein Blatt Papier gekritzeltes Wort, physisch fortbestehen konnte?
Der Teleschirm schlug vierzehn. In zehn Minuten musste er aufbrechen. Er musste um vierzehn Uhr dreißig wieder bei der Arbeit sein.
Seltsamerweise schien das Läuten der Stunde ihn mit neuem Mut erfüllt zu haben. Er war eine einsame Spukgestalt, die eine Wahrheit verkündete, die niemand jemals hören würde. Aber solange er sie ausdrückte, war auf eine unergründliche Weise die Kontinuität nicht unterbrochen. Nicht indem man sich Gehör verschaffte, sondern indem man bei Verstand blieb, führte man das Erbe der Menschheit fort. Er ging zurück zum Tisch, tauchte seine Feder ein und schrieb:
An die Zukunft oder die Vergangenheit, an eine Zeit, in der die Gedanken frei sind, in der sich die Menschen voneinander unterscheiden und nicht allein leben – eine Zeit, in der die Wahrheit existiert und das Geschehene nicht ungeschehen gemacht werden kann: Grüße aus dem Zeitalter der Uniformität, aus dem Zeitalter der Einsamkeit, aus dem Zeitalter des Großen Bruders, aus dem Zeitalter des Zwiedenkens!
Er war bereits tot, überlegte er. Es schien ihm, dass er erst jetzt, wo er damit begonnen hatte, seine Gedanken zu formulieren, den entscheidenden Schritt getan hatte. Die Folgen jeder Handlung sind bereits in der Handlung selbst enthalten. Er schrieb:
Gedankenverbrechen hat nicht den Tod zur Folge: Gedankenverbrechen IST der Tod.
Jetzt, da er sich als Toten erkannt hatte, wurde es wichtig, so lange wie möglich am Leben zu bleiben. Zwei Finger seiner rechten Hand waren mit Tinte beschmiert. Durch genau solche Kleinigkeiten konnte man sich verraten. Irgendein herumschnüffelnder Fanatiker im Ministerium (wahrscheinlich eine Frau: jemand wie die kleine, rotblonde Frau oder das schwarzhaarige Mädchen aus der Romanabteilung) könnte sich fragen, warum er während der Mittagspause geschrieben hatte, warum er einen altmodischen Federhalter benutzt hatte, WAS er geschrieben hatte – um dann an zuständiger Stelle einen Wink zu geben. Er ging ins Bad und schrubbte die Tinte sorgfältig mit der grobkörnigen dunkelbraunen Seife ab, die einem die Hand wie Schmirgelpapier aufscheuerte und daher für diesen Zweck bestens geeignet war.
Er legte das Tagebuch in die Schublade. Der Gedanke, es zu verstecken, war vollkommen sinnlos, aber er konnte zumindest sicherstellen zu bemerken, ob seine Existenz entdeckt worden war oder nicht. Ein quer über die Seitenenden gelegtes Haar war zu offensichtlich. Mit der Fingerspitze tupfte er ein kaum erkennbares weißliches Staubkörnchen auf und legte es auf die Ecke des Einbandes, wo es herunterfallen musste, wenn jemand das Buch berührte.
KAPITEL 3
Winston träumte von seiner Mutter.
Er musste, so dachte er, zehn oder elf Jahre alt gewesen sein, als seine Mutter verschwunden war. Sie war eine große, stattliche, recht stille Frau mit langsamen Bewegungen und glänzendem blondem Haar gewesen. An seinen Vater erinnerte er sich nur noch undeutlich als dunkelhaarig und dünn, stets in adrette dunkle Anzüge gekleidet (Winston entsann sich besonders der hauchdünnen Schuhsohlen seines Vaters) und bebrillt. Die beiden mussten offenbar einer der ersten großen Säuberungsaktionen der Fünfzigerjahre zum Opfer gefallen sein.
In diesem Moment saß seine Mutter an irgendeinem Ort tief unter ihm, seine kleine Schwester im Arm. Er erinnerte sich an seine Schwester nur noch als ein winziges, schwaches Baby, immer still, mit großen, wachsamen Augen. Beide blickten zu ihm auf. Sie befanden sich an einem unterirdischen Ort – auf dem Grund eines Brunnens vielleicht oder in einem sehr tiefen Grab –, es war jedoch ein Ort, der, obwohl er ohnehin weit unter ihm war, immer weiter nach unten sank. Sie befanden sich im Saal eines sinkenden Schiffes und sahen durch das immer dunkler werdende Wasser zu ihm auf. Noch war Luft in dem Raum, noch konnten sie ihn sehen, so wie er sie, doch sie sanken immer tiefer hinab, hinab in das grüne Wasser, das sie im nächsten Moment für immer dem Blick entziehen musste. Er war draußen im Licht und in der Luft, während sie in den Tod hinuntergezogen wurden, und sie waren dort unten, weil er hier oben war. Er wusste es, und sie wussten es, und er konnte dieses Wissen in ihren Gesichtern lesen. Doch weder in ihren Gesichtern noch in ihren Herzen lag ein Vorwurf, nur das Wissen, dass sie sterben mussten, damit er am Leben bleiben konnte, und dass dies ein Teil der unvermeidlichen Ordnung der Dinge war.
Er konnte sich nicht erinnern, was geschehen war, doch in seinem Traum wusste er, dass in irgendeiner Weise das Leben seiner Mutter und das seiner Schwester für das seine geopfert worden waren. Es war einer jener Träume, die, unter Beibehaltung der typischen Traumszenerie, eine Fortsetzung des Gedankenlebens darstellen und in denen man sich der Tatsachen und Vorstellungen gewahr wird, die einem auch nach dem Erwachen noch neu und wertvoll erscheinen. Winston erkannte auf einmal, dass der Tod seiner Mutter vor fast dreißig Jahren auf eine heute nicht mehr mögliche Weise tragisch und schmerzlich gewesen war. Tragik, so erkannte er, gehörte in die alte Zeit, in eine Zeit, in der es noch Privatsphäre, Liebe und Freundschaft gab und in der die Mitglieder einer Familie einander beistanden, ohne nach dem Grund zu fragen. Die Erinnerung an seine Mutter zerriss ihm das Herz, weil sie aus Liebe zu ihm gestorben war, weil er zu jung und egoistisch gewesen war, um ihre Liebe zu erwidern, und weil sie sich irgendwie – wie genau, wusste er nicht mehr – einer persönlichen und unerschütterlichen Vorstellung von Loyalität geopfert hatte. So etwas konnte heute nicht mehr vorkommen, wie er erkannte. Heute gab es Angst, Hass und Schmerz, aber keine wertvollen Gefühle, kein tiefes oder schweres Leid. All dies schien er in den großen Augen seiner Mutter und seiner Schwester zu lesen, die ihn durch das grüne Wasser anblickten, bereits viele Hundert Faden tief unten und noch immer tiefer sinkend.
Plötzlich stand er auf einem kurzen, federnden Rasen, an einem Sommerabend, an dem die schräg einfallenden Sonnenstrahlen die Erde vergoldeten. Die Landschaft, auf die er blickte, tauchte in seinen Träumen so häufig auf, dass er nie ganz sicher war, ob er sie in der realen Welt gesehen hatte oder nicht. In seinen wachen Gedanken nannte er sie das Goldene Land. Es war eine alte, von Kaninchenbauten durchzogene Weide, mit einem Fußpfad, der hindurchführte, und hier und da einem Maulwurfshügel. In der verwilderten Hecke auf der gegenüberliegenden Seite des Feldes wiegten sich die Zweige der Ulmen sehr sanft in der milden Brise, und ihre Blätter wogten in dichten Wellen wie Frauenhaar. Irgendwo in der Nähe, wenn auch außer Sichtweite, plätscherte ein klarer, träge fließender Bach, in dessen Tiefen sich Weißfische unter den Weidenbäumen tummelten.
Das Mädchen mit dem schwarzen Haar kam über das Feld auf ihn zu. Mit scheinbar einer einzigen Bewegung riss sie sich die Kleider vom Leib und warf sie verächtlich beiseite. Ihr Körper war weiß und glatt, aber er weckte kein Verlangen in ihm, ja, er warf kaum einen Blick darauf. Denn was ihn in diesem Augenblick fesselte, war die Bewunderung für die Geste, mit der sie ihre Kleider weggeschleudert hatte. Mit ihrer Anmut und Unbekümmertheit schien sie eine ganze Kultur, ein ganzes Denksystem wegzuwischen, als ob der Große Bruder und die Partei und die Gedankenpolizei mit einer einzigen prächtigen Armbewegung ins Nichts gefegt werden könnten. Auch das war eine Geste aus der alten Zeit. Winston wachte mit dem Wort »Shakespeare« auf den Lippen auf.
Aus dem Teleschirm ertönte ein ohrenbetäubendes Pfeifen, das dreißig Sekunden lang in gleicher Höhe anhielt. Es war genau sieben Uhr fünfzehn, Aufstehzeit für Büroangestellte. Winston wälzte seinen Körper aus dem Bett – nackt, denn ein Mitglied der Äußeren Partei erhielt nur dreitausend Kleidermarken pro Jahr, und ein Schlafanzug kostete sechshundert – und schnappte sich ein schmuddeliges Unterhemd und ein Paar Shorts, die auf einem Stuhl lagen. In drei Minuten begann die Morgengymnastik. Im nächsten Augenblick krümmte er sich unter einem heftigen Hustenanfall, der ihn fast immer kurz nach dem Erwachen befiel. Dadurch wurden seine Lungen so vollständig leer gepumpt, dass er erst wieder richtig atmen konnte, wenn er sich auf den Rücken legte und eine Reihe tiefer Atemzüge nahm. Seine Adern waren von der anstrengenden Husterei geschwollen, und das Krampfadergeschwür hatte zu jucken begonnen.
»Gruppe dreißig bis vierzig!«, kläffte eine durchdringende Frauenstimme. »Gruppe dreißig bis vierzig! Nehmen Sie bitte Ihre Plätze ein. Die Dreißig- bis Vierzigjährigen!«
Winston nahm stramme Haltung vor dem Teleschirm an, auf dem bereits das Bild einer recht jungen, dürren, aber muskulösen Frau in Kasack und Turnschuhen erschienen war.
»Arme beugen und strecken«, kommandierte sie. »Im Takt mit mir. Eins, zwei, drei, vier! Eins, zwei, drei, vier! Eins, zwei, drei, vier! Los, Genossen, etwas schwungvoller! Eins, zwei, drei, vier! Eins, zwei, drei, vier! ...«
Der Schmerz des Hustenanfalls hatte Winstons Traumeindrücke noch nicht ganz aus seinem Gedächtnis verdrängt, und die rhythmischen Gymnastikbewegungen ließen sie nun wieder zurückkehren. Während er mechanisch seine Arme beugte und streckte und auf seinem Gesicht den Ausdruck grimmigen Vergnügens trug, der während der Morgengymnastik als angemessen erachtet wurde, versuchte er angestrengt, sich die verschwommene Zeit seiner frühen Kindheit ins Gedächtnis zu rufen. Das war außerordentlich schwierig. Alles, was jenseits der späten Fünfzigerjahre lag, war verblasst. Wenn es keine äußerlichen Bezugspunkte gab, an die man sich halten konnte, verlor sogar der Verlauf des eigenen Lebens seine Schärfe.
Man erinnerte sich an große Ereignisse, die wahrscheinlich gar nicht stattgefunden hatten, man erinnerte sich an die Einzelheiten einiger Vorfälle, ohne jedoch deren Atmosphäre rekonstruieren zu können, und dann gab es lange leere Zeiträume, denen man gar nichts zuordnen konnte. Damals war alles anders gewesen. Sogar die Namen der Länder und ihre Formen auf der Landkarte waren anders gewesen. Stützpunkt Eins zum Beispiel hatte damals eine andere Bezeichnung gehabt: Er hatte England oder Großbritannien geheißen, obwohl London, da war er sich ziemlich sicher, immer London genannt worden war.
Winston konnte sich nicht eindeutig an eine Zeit erinnern, in der sich sein Land nicht im Krieg befunden hatte, aber es war offensichtlich, dass es in seiner Kindheit eine ziemlich lange Friedenszeit gegeben haben musste, denn zu einer seiner frühen Erinnerungen gehörte ein Luftangriff, der offenbar für jedermann vollkommen überraschend gekommen war. Vielleicht war das die Zeit, als die Atombombe auf Colchester gefallen war. Er erinnerte sich nicht an den Luftangriff selbst, aber er erinnerte sich an die Hand seines Vaters, die seine eigene umklammerte, als sie hinuntereilten, immer tiefer und tiefer, hinunter an einen Ort tief unter der Erde, immer im Kreis auf einer Wendeltreppe, die unter seinen Füßen leise klirrte und die schließlich seine Beine so ermüdete, dass er zu wimmern begann und sie anhalten und sich ausruhen mussten. Seine Mutter, in ihrer langsamen, verträumten Art, folgte ihnen in einigem Abstand. Sie trug seine kleine Schwester – oder vielleicht war es auch nur ein Bündel Decken, das sie trug: Er war sich nicht sicher, ob seine Schwester damals schon geboren war. Schließlich waren sie an einem lauten, überfüllten Ort angekommen, den er als U-Bahn-Station erkannt hatte.
Überall auf dem steingepflasterten Boden kauerten Menschen, und andere saßen dicht gedrängt übereinander auf Metallstockbetten. Winston, seine Mutter und sein Vater fanden einen Platz auf dem Boden, und neben ihnen saßen ein alter Mann und eine alte Frau nebeneinander auf einem der Betten. Der alte Mann trug einen ordentlichen dunklen Anzug und hatte eine schwarze Stoffkappe auf seinem sehr weißen Haar nach hinten geschoben: Sein Gesicht war puterrot, und seine blauen Augen standen voller Tränen. Er stank nach Gin. Seine Haut schien Gin statt Schweiß auszudünsten, und man hätte sich einbilden können, dass die Tränen, die aus seinen Augen quollen, purer Gin waren. Doch trotz seiner leichten Trunkenheit litt er an einem echten und unerträglichen Kummer. Auf seine kindliche Art begriff Winston, dass gerade etwas Schreckliches passiert war, etwas Unverzeihliches, das nie wiedergutgemacht werden konnte. Es glaubte auch zu wissen, was es war. Jemand, den der alte Mann liebte – vielleicht eine kleine Enkelin –, war getötet worden. Alle paar Minuten wiederholte der alte Mann:
Wir hättn ihnen nich trauen dürfn. Hab ich et nich immer gesacht, Muttchen? Dat kommt davon, wenn man denen vertraut. Ich hab et ja immer gesacht. Wir hättn den Mistkerlen nich trauen dürfn.
Aber welchen Mistkerlen man nicht hätte trauen dürfen, das wusste Winston jetzt nicht mehr.
Seit ungefähr dieser Zeit war der Krieg buchstäblich ein Dauerzustand geworden, obwohl es genau genommen nicht immer ein und derselbe Krieg gewesen war. In seiner Kindheit hatten in London mehrere Monate lang wirre Straßenkämpfe getobt, an die er sich zum Teil lebhaft erinnerte. Aber die geschichtliche Entwicklung dieser ganzen Periode nachzuvollziehen, zu sagen, wer zu welchem Zeitpunkt gegen wen gekämpft hatte, wäre völlig unmöglich gewesen, da es keine schriftliche Aufzeichnung und keine mündliche Überlieferung gab, die jemals eine andere Konstellation als die gegenwärtig gültige erwähnte. Zum aktuellen Zeitpunkt beispielsweise, also im Jahr 1984 (wenn es denn 1984 war), befand sich Ozeanien im Krieg mit Eurasien und im Bündnis mit Ostasien. In keiner öffentlichen oder privaten Äußerung wurde jemals zugegeben, dass die drei Mächte zu irgendeinem Zeitpunkt einmal ganz anders gruppiert gewesen waren. Dabei war es, was Winston ganz genau wusste, erst vier Jahre her, dass sich Ozeanien im Krieg mit Ostasien und im Bündnis mit Eurasien befunden hatte. Aber das war lediglich ein heimliches Wissen, das er auch nur zufällig besaß, weil seine Erinnerung keiner hinreichenden Kontrolle unterlag. Offiziell hatte der Seitenwechsel nie stattgefunden. Ozeanien befand sich im Krieg mit Eurasien: Also hatte Ozeanien schon immer Krieg mit Eurasien geführt. Der Feind des Augenblicks war immer die Inkarnation des absolut Bösen, und daraus folgte, dass jede vergangene oder zukünftige Vereinbarung mit ihm ausgeschlossen war.
Das Erschreckende, dachte er zum zehntausendsten Mal, während er seine Schultern schmerzhaft nach hinten drückte (mit den Händen in den Hüften ließen sie nun ihre Körper aus der Taille kreisen, eine Übung, die angeblich gut für die Rückenmuskulatur sein sollte) – das Beängstigende war, dass dies alles wahr sein könnte. Wenn die Partei die Vergangenheit manipulieren und von diesem oder jenem Ereignis behaupten konnte, ES HÄTTE NIE STATTGEFUNDEN – dann war das doch sicherlich angsterregender als Folter und Tod?
Die Partei sagte, Ozeanien sei nie mit Eurasien verbündet gewesen. Er, Winston Smith, wusste, dass Ozeanien noch vor vier Jahren mit Eurasien verbündet gewesen war. Doch wo existierte dieses Wissen? Nur in seinem eigenen Bewusstsein, das ohnehin bald ausgelöscht werden würde. Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge akzeptierten – wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten –, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde zur Wahrheit. »Wer die Vergangenheit kontrolliert«, lautete die Parteiparole, »kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.« Und doch war die Vergangenheit, obwohl ihrer Natur nach veränderlich, nie verändert worden. Was jetzt wahr war, war in alle Ewigkeiten wahr. Es war ganz einfach. Es war nichts weiter nötig als eine nicht abreißende Siegesserie der eigenen Erinnerung. »Realitätskontrolle« wurde das genannt, in Neusprech Zwiedenk.
»Und lockern«, bellte die Turnlehrerin nun etwas freundlicher.
Winston ließ die Arme sinken und füllte seine Lungen langsam mit Luft. Seine Gedanken schweiften in die labyrinthische Welt des Zwiedenkens ab. Zu wissen und nicht zu wissen, sich der völligen Wahrhaftigkeit bewusst zu sein, während man sorgfältig konstruierte Lügen erzählte, gleichzeitig zwei sich einander ausschließende Meinungen zu vertreten, zu wissen, dass sie einander widersprachen, und an beide zu glauben; Logik gegen Logik einzusetzen, die Moral abzulehnen, während man sie gleichzeitig für sich in Anspruch nahm; zu glauben, dass Demokratie unmöglich sei, und auch zu glauben, dass die Partei die Hüterin der Demokratie war; zu vergessen, was vergessen werden musste, um es sich in dem Moment, in dem man es brauchte, wieder ins Gedächtnis zu rufen und es dann gleich wieder zu vergessen. Und vor allem, dieses Verfahren auf das Verfahren selbst anzuwenden. Das war die ultimative Subtilität: bewusst das Unbewusste herbeizuführen, und sich dann wieder des gerade vollbrachten Hypnoseaktes unbewusst zu werden. Sogar um das Wort »Zwiedenk« zu verstehen, war der Gebrauch von Zwiedenken erforderlich.
Die Turnlehrerin forderte sie zum Weitermachen auf. »Und jetzt wollen wir mal sehen, wer von uns seine Zehen berühren kann!«, rief sie begeistert. »Und bitte, Genossen, aus der Hüfte heraus. Eins-zwei! Eins-zwei! ...«
Winston hasste diese Übung, die bei ihm von den Fersen bis zum Gesäß stechende Schmerzen verursachte und häufig mit einem erneuten Hustenanfall endete. Ihm vergingen die halbwegs angenehmen Gedanken. Die Vergangenheit, so überlegte er, war nicht nur verändert, sondern regelrecht zerstört worden. Denn wie konnte man selbst die offensichtlichste Tatsache beweisen, wenn es außer der eigenen Erinnerung keinerlei Aufzeichnungen darüber gab? Er versuchte sich zu erinnern, in welchem Jahr er zum ersten Mal vom Großen Bruder gehört hatte. Er glaubte, es müsste irgendwann in den Sechzigerjahren gewesen sein, aber sicher sein konnte er sich dessen unmöglich. In der Parteigeschichte figurierte der Große Bruder natürlich seit den Anfangstagen als Führer und Hüter der Revolution. Seine Heldentaten waren nach und nach zeitlich zurückgesetzt worden, bis sie bereits in die fabelhafte Welt der Vierziger- und Dreißigerjahre zurückreichten, als die Kapitalisten noch mit ihren seltsamen zylindrischen Hüten in großen glänzenden Automobilen oder Pferdekutschen mit Glasfenstern durch die Straßen Londons fuhren. Man wusste nicht, wie viel von dieser Legende wahr und wie viel davon erfunden war. Winston konnte sich noch nicht einmal daran erinnern, zu welchem Zeitpunkt die Partei selbst entstanden war. Er glaubte nicht, dass er das Wort Engsoz jemals vor dem Jahr 1960 gehört hatte, aber es war möglich, dass es in seiner alten Sprachform – also »englischer Sozialismus« – schon früher geläufig gewesen war. Alles verschwamm in einem Nebel. Manchmal konnte man allerdings tatsächlich eine eindeutige Lüge als solche aufdecken. Es stimmte zum Beispiel nicht, wie es in den Geschichtsbüchern der Partei behauptet wurde, dass die Partei die Flugzeuge erfunden hatte. Er erinnerte sich seit seiner frühesten Kindheit an Flugzeuge. Aber das konnte man nicht beweisen. Es gab nie irgendwelche Beweise. Nur ein einziges Mal in seinem ganzen Leben hatte er einen eindeutigen dokumentarischen Beweis für die Fälschung einer historischen Tatsache in den Händen gehalten. Und bei dieser Gelegenheit ...
»Smith!«, keifte die giftige Stimme aus dem Teleschirm. »6079 Smith W.! Ja, SIE! Weiter runter, wenn ich bitten darf! Das können Sie ja wohl besser. Sie strengen sich nicht genug an. Also, weiter runter, bitte! DAS ist besser, Genosse. Rühren, die ganze Truppe, und jetzt mal alle herschauen!«
Heißer Schweiß war Winston plötzlich am ganzen Körper ausgebrochen. Sein Gesicht blieb dabei vollkommen undurchdringlich. Niemals Bestürzung zeigen! Niemals seinen Unmut zeigen! Ein einziges Flackern der Augen konnte einen verraten. Er stand da und beobachtete aufmerksam, wie die Turnlehrerin die Arme über den Kopf hob und sich dann – man konnte es nicht als anmutig bezeichnen, aber als bemerkenswert elegant und effizient – vorbeugte und ihre Fingerspitzen unter ihre Zehen schob.
»SO, Genossen! So möchte ich das bei Ihnen sehen. Schauen Sie mir noch einmal genau zu. Ich bin neununddreißig und habe vier Kinder zur Welt gebracht. Jetzt aufgepasst!« Sie beugte sich wieder vor. »Sie sehen, MEINE Knie sind durchgedrückt. Sie alle können das, wenn Sie wollen«, fügte sie hinzu, während sie sich aufrichtete. »Jeder unter fünfundvierzig ist durchaus in der Lage, seine Zehen zu berühren. Wir haben nicht alle das Privileg, an vorderster Front zu kämpfen, aber zumindest können wir uns alle fit halten. Denken Sie an unsere Jungs an der Malabar-Front! Und an die Matrosen auf den Schwimmenden Festungen! Denken Sie nur daran, was SIE alles aushalten müssen. Versuchen Sie es jetzt noch einmal. Das ist besser, Genosse, das ist VIEL besser«, fügte sie aufmunternd hinzu, als es Winston mit einem gewaltsamen Satz nach vorne gelang, seine Zehen mit durchgedrückten Knien zu berühren, zum ersten Mal seit vielen Jahren.
KAPITEL 4
Mit dem tiefen, unbewussten Seufzer, von dem ihn bei Beginn seines Arbeitstages noch nicht einmal die Nähe des Teleschirms abhalten konnte, zog Winston den Sprechschreiber zu sich, blies den Staub aus seinem Mundstück und setzte seine Brille auf. Dann entrollte er vier kleine Papierzylinder, die bereits aus der Rohrpost auf der rechten Seite seines Schreibtisches geplumpst waren, und heftete die Blätter zusammen.
In den Wänden der Arbeitskabine befanden sich drei Öffnungen. Rechts neben dem Sprechschreiber eine kleine Rohrpost für schriftliche Mitteilungen, links eine größere für Zeitungen und in der Seitenwand, für Winston in bequemer Reichweite, ein großer länglicher Schlitz, der durch eine Drahtgitterklappe geschützt war. Letzterer diente der Entsorgung von Altpapier. Ähnliche Schlitze gab es zu Tausenden oder Zehntausenden im gesamten Gebäude, nicht nur in jedem Raum, sondern auch in kurzen Abständen auf jedem Korridor. Aus irgendeinem Grund hatte man ihnen den Spitznamen »Gedächtnislöcher« verpasst. Wenn man wusste, dass irgendein Dokument zur Vernichtung bestimmt war, oder wenn man auch nur ein Stück Altpapier herumliegen sah, hob man automatisch die Klappe des nächstgelegenen Gedächtnislochs an und warf es hinein, woraufhin es durch einen Strom warmer Luft zu den riesigen Verbrennungsöfen, die irgendwo in den Tiefen des Gebäudes versteckt waren, gewirbelt wurde.
Winston las die vier Zettel, die er entrollt hatte. Jeder Zettel enthielt eine nur ein oder zwei Zeilen lange Anweisung, in dem Kurzjargon – der kein echtes Neusprech war, aber überwiegend aus Neusprech-Wörtern bestand –, der im Ministerium für interne Zwecke benutzt wurde. Sie lauteten:
times 17.3.84 gb rede fehlberichtet afrika berichtigen
times 19.12.83 prognosen 3 jp 4. quartal 83 druckfehler aktuelle ausgabe richtigstellen
times 14.2.84 minfüll fehlzitiert schokolade berichtigen
times 3.12.83 bericht gb tagesbefehl doppeltplusungut nennt unpersonen komplett umschreiben präarchiv vorlage
Mit einem leisen Gefühl der Befriedigung legte Winston die vierte Anweisung beiseite. Das war eine komplizierte und verantwortungsvolle Arbeit, die besser zuletzt erledigt werden sollte. Die anderen drei waren Routineangelegenheiten, obwohl die zweite wahrscheinlich ein langwieriges Durchforsten von Zahlenlisten erfordern würde.
Winston wählte auf dem Teleschirm »Alte Nummern« und forderte die entsprechenden Ausgaben der Times an, die schon nach wenigen Augenblicken aus der Rohrpost glitten. Die Anweisungen, die er erhalten hatte, bezogen sich auf Artikel oder Nachrichten, die aus dem einen oder anderen Grund geändert oder, wie es in der offiziellen Formulierung hieß, richtiggestellt werden sollten. So stand beispielsweise in der Times vom 17. März, dass der Große Bruder in seiner Rede vom Vortag prophezeit hatte, dass es an der Südindien-Front ruhig bleiben würde, dass aber in Kürze eine eurasische Offensive in Nordafrika erfolgen würde. Tatsächlich hatte nun aber das eurasische Oberkommando seine Offensive in Südindien gestartet und Nordafrika unbehelligt gelassen. Es war daher notwendig, einen Absatz der Rede des Großen Bruders so umzuschreiben, dass er eben das vorhersagte, was tatsächlich geschehen war. Im zweiten Fall hatte die Times vom 19. Dezember die offiziellen Prognosen für die Produktion verschiedener Konsumgüter im vierten Quartal 1983 veröffentlicht, das gleichzeitig auch das sechste Quartal des neunten Dreijahresplans war. Die heutige Ausgabe enthielt eine Aufstellung über die tatsächliche Produktion, aus der hervorging, dass die Prognosen für sämtliche Sparten komplett danebengelegen hatten. Winstons Aufgabe war es, die ursprünglichen Zahlen so richtigzustellen, dass sie mit den späteren übereinstimmten. Was die dritte Anweisung betraf, so bezog sie sich auf einen sehr einfachen Irrtum, der innerhalb von ein paar Minuten korrigiert werden konnte. Noch im Februar hatte das Ministerium für Fülle eine Versicherung abgegeben (ein »kategorisches Versprechen«, so der offizielle Wortlaut), dass es im Jahr 1984 keine Kürzung der Schokoladenration geben würde. In Wirklichkeit sollte, wie Winston nun wusste, die Schokoladenration Ende dieser Woche von dreißig auf zwanzig Gramm herabgesetzt werden. Hier brauchte man nun nichts weiter zu tun, als das ursprüngliche Versprechen durch einen Hinweis zu ersetzen, dass es wahrscheinlich notwendig sein würde, die Ration irgendwann im April zu kürzen.
Sobald Winston sich mit einer Anweisung befasst hatte, heftete er seine sprechgeschriebenen Korrekturen an die entsprechende Ausgabe der Times und schob sie in die Rohrpost. Dann zerknüllte er mit einer beinahe unbewussten Bewegung die ursprüngliche Anweisung sowie jegliche Notizen, die er dazu gemacht hatte, und warf sie in das Gedächtnisloch, um sie von den Flammen verzehren zu lassen.
Was in dem unsichtbaren Labyrinth geschah, zu dem die Rohrpostleitungen führten, war ihm nicht im Detail, sondern nur in groben Zügen bekannt. Sobald alle Korrekturen, die für eine bestimmte Ausgabe der Times erforderlich waren, zusammengetragen und prüfend verglichen worden waren, wurde diese Ausgabe neu gedruckt, das Original vernichtet und die korrigierte Ausgabe an ihrer Stelle ins Archiv eingestellt. Dieser kontinuierliche Änderungsprozess wurde nicht nur auf Zeitungen angewandt, sondern auch auf Bücher, Zeitschriften, Broschüren, Plakate, Flugblätter, Filme, Tonspuren, Cartoons, Fotografien – auf jede Art von Literatur oder Dokumentation, die irgendeine politische oder ideologische Bedeutung haben könnte. Jeden einzelnen Tag und beinahe minütlich wurde die Vergangenheit auf den neuesten Stand gebracht. Auf diese Weise konnte durch dokumentarische Beweise nachgewiesen werden, dass jede Vorhersage der Partei richtig gewesen war, und es durften natürlich auch keine Aufzeichnungen über Nachrichten oder Meinungsäußerungen aufgehoben werden, die den augenblicklichen Gegebenheiten widersprachen. Die gesamte Geschichte war ein einziges Palimpsest, das so oft wie nötig gereinigt und neu beschrieben wurde. In keinem der Fälle wäre es möglich gewesen, nach Durchführung der Aufgabe zu beweisen, dass eine Fälschung stattgefunden hatte. Die größte Sektion der Dokumentationsabteilung, weitaus größer als die, in der Winston arbeitete, bestand aus Menschen, deren Aufgabe es war, alle Ausgaben von Büchern, Zeitungen und anderen Dokumenten, die überholt waren und zur Vernichtung anstanden, aufzuspüren und zu beschaffen. Eine Ausgabe der Times, die aufgrund von Veränderungen in der politischen Ausrichtung oder irrtümlichen Prophezeiungen des Großen Bruders vielleicht ein Dutzend Mal umgeschrieben worden war, stand nichtsdestoweniger mit dem ursprüngliche Datum im Archiv, und es existierte nirgendwo eine andere Ausgabe, die mit ihr im Widerspruch stand. Auch Bücher wurden immer wieder aus dem Verkehr gezogen und umgeschrieben und ohne jeglichen Hinweis auf vorgenommene Veränderungen neu aufgelegt. Sogar in den schriftlichen Anweisungen, die Winston erhielt und die er sofort vernichtete, sobald er sich mit ihnen befasst hatte, wurde nie erwähnt oder angedeutet, dass eine Fälschung vorgenommen werden sollte: Es handelte sich immer um Versehen, Irrtümer, Druckfehler oder falsch Zitiertes, die im Interesse der Genauigkeit korrigiert werden mussten.
Aber eigentlich, dachte er, als er die Zahlen des Ministeriums für Fülle anpasste, war es ja gar keine Fälschung. Es wurde lediglich ein Unsinn durch einen anderen ersetzt. Der größte Teil des Materials, das man bearbeitete, stand in keinerlei Zusammenhang mit irgendetwas in der realen Welt, nicht einmal in der Art von Zusammenhang, der in einer direkten Lüge enthalten ist. Statistiken waren in ihrer Originalfassung genauso ein Fantasieprodukt wie in ihrer korrigierten Version. Meistens wurde von einem erwartet, dass man sie sich einfach ausdachte. So hatte beispielsweise das Ministerium für Fülle in seiner Prognose die Stiefelproduktion für das Quartal auf 145 Millionen Paar geschätzt. Die tatsächliche Produktion wurde mit 62 Millionen angegeben. Beim Umschreiben der Prognose hatte Winston die Zahl jedoch auf 57 Millionen herabgesetzt, um der üblichen Behauptung Rechnung zu tragen, die Quote sei übererfüllt worden. In jedem Fall aber kamen 62 Millionen der Wahrheit nicht näher als 57 Millionen oder als 145 Millionen. Sehr wahrscheinlich waren überhaupt keine Stiefel produziert worden. Noch wahrscheinlicher war, dass niemand wusste, wie viele produziert worden waren, geschweige denn, dass sich überhaupt jemand darum scherte. Man wusste nur, dass in jedem Quartal astronomische Mengen von Stiefeln auf dem Papier produziert wurden, obwohl schätzungsweise die Hälfte der Bevölkerung Ozeaniens barfuß lief. Und so verhielt es sich mit allen aufgezeichneten Tatsachen, ob sie nun bedeutend oder unbedeutend waren. Alles verblasste in einer Schattenwelt, in der letztendlich sogar die Jahreszahl ungewiss geworden war.
Winston warf einen Blick durch die Halle. In der gegenüberliegenden Arbeitskabine arbeitete ein kleiner, pedantisch aussehender, dunkelhäutiger Mann namens Tillotson fleißig vor sich hin, eine gefaltete Zeitung auf den Knien, den Mund ganz dicht an der Muschel des Sprechschreibers. Er wirkte so, als versuche er das, was er sagte, zwischen ihm und dem Teleschirm geheim zu halten. Er blickte auf, und seine Brille schoss einen feindseligen Blitz in Winstons Richtung.
Winston kannte Tillotson kaum und hatte keine Ahnung, mit welcher Arbeit er beschäftigt war. Die Mitarbeiter der Dokumentationsabteilung sprachen nicht gerne über ihre Arbeit. In der langen, fensterlosen Halle mit ihrer Doppelreihe von Arbeitskabinen, aus denen das endlose Rascheln von Papier und das Gemurmel der Stimmen, die in die Sprechschreiber diktierten, zu hören waren, gab es ein gutes Dutzend Leute, die Winston noch nicht einmal dem Namen nach kannte, obwohl er sie täglich durch die Gänge eilen oder während des Zwei-Minuten-Hasses gestikulieren sah. Er wusste, dass sich in der Kabine neben ihm die kleine Frau mit den rotblonden Haaren Tag für Tag abrackerte, um aus der Presse die Namen von Personen herauszusuchen und zu löschen, die vaporisiert worden waren und die daher so behandelt wurden, als hätten sie niemals existiert. Das war auf irgendeine Art sogar ganz passend, da ihr eigener Mann einige Jahre zuvor vaporisiert worden war. Ein paar Kabinen weiter war ein sanfter, ineffektiver, verträumter Mensch namens Ampleforth, mit sehr behaarten Ohren und einem erstaunlichen Talent, mit Reimen und Versmaßen zu jonglieren, damit beschäftigt, verstümmelte Versionen – endgültige Texte, wie sie genannt wurden – von Gedichten herzustellen, die ideologisch anstößig geworden waren, die aber aus dem einen oder anderen Grund in den Anthologien beibehalten werden sollten. Und diese Halle mit ihren rund fünfzig Mitarbeitern war nur eine Unterabteilung, sozusagen eine einzige Zelle in dem enormen Komplex der Dokumentationsabteilung. Neben, über und unter ihnen waren weitere Scharen von Arbeitern mit einer unvorstellbaren Vielzahl von Aufgaben beschäftigt. Da waren die riesigen Druckereien mit ihren Redakteuren, Typografie-Experten und aufwendig ausgestatteten Studios für die Fälschung von Fotografien. Es gab die Teleprogramm-Abteilung mit ihren Technikern, Produzenten und ihrem Stab von Schauspielern, die speziell im Hinblick auf ihr Talent, Stimmen nachzuahmen, ausgewählt wurden. Es gab Heerscharen von Bibliothekaren, deren Aufgabe lediglich darin bestand, Listen von Büchern und Zeitschriften zu erstellen, die eingezogen werden sollten. Dann gab es die riesigen Lagerräume, in denen die korrigierten Dokumente aufbewahrt wurden, und die versteckten Verbrennungsöfen, in denen die Originalausgaben vernichtet wurden. Und irgendwo, ganz anonym, saßen die verantwortlichen Köpfe, die das Ganze koordinierten und die politischen Richtlinien festlegten, nach denen dieses Fragment der Vergangenheit zu bewahren, jenes zu fälschen und ein anderes zu vernichten war.
Und dabei war die Dokumentationsabteilung selbst nur ein kleiner Zweig des Ministeriums für Wahrheit, dessen Hauptaufgabe nicht darin bestand, die Vergangenheit zu rekonstruieren, sondern darin, die Bürger Ozeaniens mit Zeitungen, Filmen, Lehrbüchern, Teleschirm-Programmen, Theaterstücken, Romanen – mit jeder erdenklichen Art von Informationen, Belehrungen oder Unterhaltung zu versorgen, sei es ein Denkmal oder eine Parole, ein lyrisches Gedicht oder eine biologische Abhandlung, eine Rechtschreibfibel für Kinder oder ein Neusprech-Wörterbuch. Und das Ministerium musste nicht nur die vielfältigen Bedürfnisse der Partei befriedigen, sondern sämtliche Arbeitsschritte noch einmal auf einem niedrigeren Niveau für das Proletariat wiederholen. Es gab eine ganze Reihe eigener Abteilungen, die sich mit proletarischer Literatur, Musik, Theater und Unterhaltung im Allgemeinen befassten. Hier wurden Boulevardzeitungen produziert, die nichts als Sport, Verbrechen und Horoskope enthielten, reißerische Fünf-Cent-Romanhefte, Sexfilmchen und sentimentale Schlager, die vollkommen mechanisch auf einem speziellen Kaleidoskop, einem sogenannten Versifikator, komponiert wurden. Es gab sogar eine ganze Unterabteilung – Pornoab, wie sie in Neusprech genannt wurde –, die sich mit der Herstellung der schmutzigsten Art von Pornografie beschäftigte, die in versiegelten Paketen verschickt wurde und die sich kein Parteimitglied außer denjenigen, zu deren Arbeit es gehörte, ansehen durfte.
Während Winston arbeitete, waren drei weitere Nachrichten aus der Rohrpost geglitten, bei denen es sich aber um einfache Angelegenheiten handelte, die er erledigt hatte, bevor ihn der Zwei-Minuten-Hass unterbrach. Als der Hass zu Ende war, kehrte er in seine Arbeitskabine zurück, nahm das Neusprech-Wörterbuch aus dem Regal, schob den Sprechschreiber zur Seite, reinigte seine Brille und machte sich an seine Hauptaufgabe des Morgens.
Winstons größte Freude im Leben war seine Arbeit. Das meiste davon war zwar langweilige Routine, aber es gab darunter auch so schwierige und komplizierte Arbeiten, dass man sich in ihnen verlieren konnte wie in den Tiefen eines mathematischen Problems – schwierige Fälschungen, bei denen man sich von nichts anderem leiten lassen konnte als von seiner Kenntnis über die Prinzipien des Engsoz und seiner Einschätzung dessen, was die Partei von einem erwartete. Winston war gut in solchen Dingen. Gelegentlich war er sogar mit der Berichtigung von Leitartikeln der Times betraut worden, die vollständig in Neusprech verfasst waren. Er entrollte die Anweisung, die er zuvor beiseitegelegt hatte. Sie lautete:
times 3.12.83 bericht gb tagesbefehl doppeltplusungut nennt unpersonen komplett umschreiben präarchiv vorlage
In Altsprache übersetzt bedeutete dies:
Die Berichterstattung über den Tagesbefehl des Großen Bruders in der Times vom 3. Dezember 1983 ist äußerst unbefriedigend und erwähnt nicht existierende Personen. Schreiben Sie ihn vollständig um und legen Sie Ihren Entwurf an höherer Stelle vor, bevor er ins Archiv übermittelt wird.
Winston las den beanstandeten Artikel durch. Der Tagesbefehl des Großen Bruders war anscheinend hauptsächlich eine Lobpreisung der Arbeit einer Organisation namens SFZK, welche die Matrosen in den Schwimmenden Festungen mit Zigaretten und anderen Komfortgütern versorgte. Ein gewisser Genosse Withers, ein prominentes Mitglied der Inneren Partei, war namentlich besonders hervorgehoben worden und mit einer Auszeichnung, dem Orden für besondere Verdienste Zweiter Klasse, ausgezeichnet worden.
Drei Monate später war die SFZK plötzlich und ohne Angabe von Gründen aufgelöst worden. Man musste davon ausgehen, dass Withers und seine Kollegen nun in Ungnade gefallen waren, jedoch war weder in der Presse noch auf dem Teleschirm über die Angelegenheit berichtet worden. Das war zu erwarten gewesen, da politische Straftäter üblicherweise nicht vor Gericht gestellt oder öffentlich angeprangert wurden. Die großen Säuberungsaktionen, die Tausende von Menschen umfassten, mit ihren öffentlichen Prozessen gegen Verräter und Gedankenverbrecher, die unterwürfig ihre Verbrechen gestanden und anschließend hingerichtet wurden, waren besondere Renommierprojekte, die nur alle paar Jahre einmal stattfanden. Für gewöhnlich verschwanden Menschen, die das Missfallen der Partei erregt hatten, ganz einfach, und man sah und hörte nie wieder etwas von ihnen. Man hatte nicht die geringste Ahnung, was mit ihnen geschehen war. In einigen Fällen waren sie vielleicht noch nicht einmal tot. Etwa dreißig Menschen, die Winston persönlich gekannt hatte, seine Eltern nicht mitgezählt, waren im Laufe der Zeit verschwunden.
Winston strich sich mit einer Büroklammer über die Nase. In der Kabine gegenüber kauerte Genosse Tillotson immer noch geheimnistuerisch über seinem Sprechschreiber. Er hob für einen Moment den Kopf: wieder der feindselige Blitz durch seine Brille. Winston fragte sich, ob Genosse Tillotson mit der gleichen Arbeit beschäftigt war wie er. Das war durchaus möglich. Eine so heikle Arbeit würde niemals einer einzigen Person anvertraut werden; sie andererseits einem Ausschuss vorzulegen, käme einem öffentlichen Eingeständnis gleich, dass eine Fälschung durchgeführt werden sollte. Sehr wahrscheinlich arbeiteten gerade ein ganzes Dutzend Leute an konkurrierenden Versionen dessen, was der Große Bruder tatsächlich gesagt hatte. Und bald darauf würde irgendein Superhirn in der Inneren Partei diese oder jene Version auswählen, sie neu herausgeben und die erforderlich werdenden komplexen Prozesse der Querverweise in Gang setzen, und dann würde die ausgewählte Lüge ins Archiv eingehen und zur Wahrheit werden.
Winston wusste nicht, warum Withers in Ungnade gefallen war. Vielleicht wegen Korruption oder wegen Inkompetenz. Vielleicht wollte sich der Große Bruder aber auch nur eines allzu beliebten Untergebenen entledigen. Vielleicht war Withers oder jemand, der ihm nahestand, wegen häretischer Ansichten verdächtigt worden. Oder vielleicht – was am wahrscheinlichsten war – war die Sache einfach passiert, weil Säuberungen und Vaporisierungen nun einmal notwendige Bestandteile des Regierungsmechanismus waren. Der einzige wirkliche Hinweis lag in den Worten nennt unpersonen, was darauf hindeutete, dass Withers bereits tot war. Man konnte nicht immer davon ausgehen, dass dies der Fall war, wenn Menschen verhaftet wurden. Manchmal wurden sie freigelassen und durften noch ein oder zwei Jahre in Freiheit leben, ehe sie hingerichtet wurden. In ganz seltenen Fällen tauchte ein Mensch, den man längst für tot gehalten hatte, bei einem öffentlichen Prozess geisterhaft wieder auf, wo er dann Hunderte andere durch seine Zeugenaussage belastete, bevor er wieder verschwand, diesmal für immer. Withers war jedoch bereits eine UNPERSON. Er existierte nicht. Er hatte nie existiert. Winston entschied, dass es nicht ausreichen würde, einfach die Ausrichtung der Rede des Großen Bruders umzukehren. Es war besser, sie von etwas handeln zu lassen, das gar nichts mehr mit ihrem ursprünglichen Thema zu tun hatte.
Er könnte die Rede in die übliche Anklage gegen Verräter und Gedankenverbrecher abändern, aber das war etwas zu offensichtlich; würde er jedoch einen Sieg an der Front oder einen Triumph der Überproduktion im neunten Dreijahresplan erfinden, würde dies die Dokumentation erheblich erschweren. Was man hier brauchte, war ein reines Fantasieprodukt. Plötzlich kam ihm, quasi fix und fertig, das Bild eines gewissen Genossen Ogilvy in den Sinn, der kürzlich unter heldenhaften Umständen im Kampf gefallen war. Es gab Gelegenheiten, bei denen der Große Bruder seinen Tagesbefehl dem Gedenken an ein einfaches Parteimitglied aus dem Fußvolk widmete, dessen Leben und Sterben er als nachahmenswertes Beispiel anführte. Heute sollte er des Genossen Ogilvy gedenken. Zwar gab es die Person des Genossen Ogilvy nicht, aber ein paar gedruckte Zeilen und einige gefälschte Fotos würden ihn schon bald ins Leben rufen.
Winston dachte einen Moment nach, zog dann den Sprechschreiber zu sich heran und begann im vertrauten Stil des Großen Bruders zu diktieren: einem zugleich militärischen und pedantischen Stil, der wegen eines Kniffs, Fragen zu stellen und diese dann direkt zu beantworten, leicht nachzuahmen war (»Welche Lehre ziehen wir aus dieser Tatsache, Genossen? Die Lehre – die auch eines der Grundprinzipien des Engsoz ist –, dass ...«).
Im Alter von drei Jahren hatte Genosse Ogilvy alle Spielzeuge außer einer Trommel, einer Maschinenpistole und einem Modellhubschrauber abgelehnt. Im Alter von sechs Jahren war er – durch eine Ausnahmeregelung ein Jahr früher als üblich – den Spionen beigetreten, mit neun Jahren war er bereits Truppenführer. Mit elf hatte er seinen Onkel bei der Gedankenpolizei denunziert, nachdem er ein Gespräch belauscht hatte, dem er kriminelle Tendenzen entnahm. Mit siebzehn war er Bezirksleiter der Anti-Sex-Juniorenliga geworden. Mit neunzehn hatte er eine Handgranate entwickelt, die vom Ministerium für Frieden übernommen wurde und gleich bei ihrem ersten Einsatz einunddreißig eurasische Gefangene mit einem Schlag getötet hatte. Mit dreiundzwanzig war er im Kampf gefallen. Bei einem Flug mit wichtigen Depeschen über den Indischen Ozean wurde er von feindlichen Düsenflugzeugen verfolgt, daher war er mit seinem Maschinengewehr als Ballast mitsamt den Depeschen aus dem Hubschrauber ins tiefe Meer gesprungen – ein Ende, sagte der Große Bruder, das man unmöglich ohne Neidgefühle betrachten könne. Der Große Bruder fügte einige Bemerkungen über die Integrität und Unbeirrbarkeit von Genosse Ogilvys Leben hinzu. Er war absoluter Abstinenzler und Nichtraucher gewesen, hatte sich außer einer Stunde täglich in der Turnhalle keine weitere Erholung gestattet und das Zölibatsgelübde abgelegt, da er die Ehe und die Versorgung einer Familie für unvereinbar mit einer vierundzwanzigstündigen Pflichterfüllung hielt. Er kannte kein anderes Gesprächsthema als die Prinzipien des Engsoz und kein Lebensziel als die Besiegung des eurasischen Feindes und die Jagd auf Spione, Saboteure, Gedankenverbrecher und Verräter im Allgemeinen.
Winston überlegte, ob er dem Genossen Ogilvy den Orden für besondere Verdienste verleihen sollte. Schließlich entschied er sich wegen der unnötigen Querverweise, die das mit sich bringen würde, dagegen.
Noch einmal warf er seinem Rivalen in der gegenüberliegenden Kabine einen Blick zu. Irgendetwas schien ihm mit Gewissheit zu sagen, dass Tillotson mit der gleichen Arbeit beschäftigt war wie er. Es war nicht abzusehen, wessen Arbeit schließlich übernommen werden würde, aber er war zutiefst davon überzeugt, dass es seine eigene sein würde. Genosse Ogilvy, von dem vor einer Stunde noch niemand etwas geahnt hatte, war jetzt eine Tatsache. Es kam ihm komisch vor, dass man Tote erschaffen konnte, aber keine Lebenden. Genosse Ogilvy, der in der Gegenwart nie existiert hatte, existierte nun in der Vergangenheit, und wenn erst einmal die Tatsache der Fälschung vergessen war, würde er ebenso authentisch und nachweislich existieren wie Karl der Große oder Julius Cäsar.
KAPITEL 5
In der niedrigen Kantine, tief unter der Erde, rückte die Mittagessensschlange langsam vorwärts. In dem Raum herrschte bereits dichtes Gedränge und ohrenbetäubender Lärm. Aus dem Luftdurchlass an der Theke stiegen die Schwaden eines Eintopfes auf, mit einem säuerlich-metallischen Geruch, der die Dämpfe des Victory-Gins nicht ganz überdecken konnte. Auf der anderen Seite des Raumes befand sich eine kleine Bar, nicht mehr als ein bloßes Loch in der Wand, wo man für zehn Cent einen ordentlichen Schluck Gin kaufen konnte.
»Genau der Mann, den ich gesucht habe«, sagte eine Stimme hinter Winston.
Er drehte sich um. Es war sein Freund Syme, der in der Forschungsabteilung arbeitete. Vielleicht war »Freund« nicht ganz das richtige Wort. Heutzutage hatte man keine Freunde, sondern Genossen; aber es gab einige Genossen, deren Gesellschaft angenehmer war als die der anderen. Syme war Philologe, ein Spezialist für Neusprech. Er gehörte zu dem riesigen Team von Experten, das gerade mit der Erstellung der elften Ausgabe des Neusprech-Wörterbuchs beschäftigt war. Er war ein winziges Kerlchen, kleiner als Winston, mit dunklem Haar und großen, hervorstehenden Augen, die gleichzeitig schwermütig und spöttisch dreinblickten und während eines Gesprächs das Gesicht seines Gegenübers genau zu erforschen schienen.
»Ich wollte dich fragen, ob du vielleicht ein paar Rasierklingen für mich hast«, sagte er.
»Nicht eine«, erwiderte Winston schnell schuldbewusst. »Ich hab’s überall versucht. Es gibt keine mehr.«
Ständig wurde man von allen möglichen Leuten nach Rasierklingen gefragt. Ehrlich gesagt hatte er noch zwei unbenutzte Rasierklingen gehamstert. Seit Monaten waren sie nun schon Mangelware. Es gab ständig irgendeinen Gebrauchsartikel, den die Parteigeschäfte nicht liefern konnten. Manchmal waren es Knöpfe, manchmal Stopfgarn, manchmal Schnürsenkel; im Moment waren es Rasierklingen. Man konnte sie, wenn überhaupt, nur durch mehr oder weniger heimliches Suchen auf dem »freien« Markt ergattern.
»Ich benutze seit sechs Wochen dieselbe Klinge«, fügte er verlogen hinzu.
Die Warteschlange rückte ein Stück vor. Als sie zum Stehen kam, drehte er sich wieder zu Syme um. Jeder von ihnen nahm ein speckiges Metalltablett von einem Stapel am Ende des Tresens.
»Hast du dir gestern das Hängen der Gefangenen angesehen?«, fragte Syme.
»Nein, hab’ gearbeitet«, sagte Winston leichthin. »Ich schau’s mir wohl im Kino an.«
»Ein sehr unzureichender Ersatz«, meinte Syme.
Seine spöttischen Augen wanderten über Winstons Gesicht. »Ich kenne dich«, schienen diese Augen zu sagen, »ich durchschaue dich. Ich weiß sehr wohl, warum du nicht gegangen bist, um dir das Hängen anzusehen.« Auf intellektuelle Weise war Syme boshaft orthodox. Er konnte mit einer unangenehm hämischen Schadenfreude über Hubschrauberangriffe auf feindliche Dörfer, über Prozesse und Geständnisse von Gedankenverbrechern und deren Exekutionen in den Kellern des Ministeriums für Liebe sprechen. Wollte man sich vernünftig mit ihm unterhalten, musste man ihn erst einmal von solchen Themen abbringen und ihn, wenn möglich, in ein Gespräch über die technischen Einzelheiten von Neusprech verwickeln, über die er kompetent und interessant berichtete. Winston drehte seinen Kopf ein wenig zur Seite, um sich dem forschenden Blick der großen dunklen Augen zu entziehen.
»War ein ganz gutes Hängen«, sagte Syme in Erinnerung daran. »Ich finde ja, dass es die Sache verdirbt, wenn sie ihnen die Füße zusammenbinden. Ich sehe sie gerne zappeln. Und vor allem soll ihnen am Ende die Zunge raushängen, blau – so ganz leuchtend blau. Das ist der Punkt, der mir am besten gefällt.«
»Der Nächste, bitte!«, rief der weiß beschürzte Proll mit der Schöpfkelle.
Winston und Syme schoben ihre Tabletts über die Ausgabe. Auf jedes wurde schnell das Einheitsmittagessen geklatscht – eine Metallschüssel mit rosa-grauem Eintopf, ein Kanten Brot, ein Käsewürfel, ein Becher Victory-Kaffee ohne Milch und eine Süßstofftablette.
»Da drüben, unter dem Teleschirm, ist ein freier Tisch«, sagte Syme. »Lass uns unterwegs noch einen Gin holen.«
Der Gin wurde ihnen in henkellosen Porzellanbechern serviert. Sie schlängelten sich durch den überfüllten Raum und schoben ihre Tabletts auf den Metalltisch, auf dem an einer Ecke jemand eine Eintopflache hinterlassen hatte, ein ekliges, flüssiges Zeug, das wie Erbrochenes aussah. Winston nahm seinen Becher Gin, sammelte einen Moment seinen Mut zusammen und kippte dann den ölig schmeckenden Fusel runter. Als er die Tränen, die ihm in die Augen geschossen waren, weggezwinkert hatte, stellte er plötzlich fest, dass er hungrig war. Er begann, Löffel für Löffel des Eintopfs in sich reinzustopfen, in dessen gräulichem Matsch auch Würfel eines schwammigen, rosafarbenen Zeugs trieben, das vermutlich irgendein Fleischprodukt war. Bis sie ihre Schüsseln geleert hatten, sprach keiner von ihnen ein Wort. Am Tisch links hinter Winston redete jemand schnell und ununterbrochen, ein unangenehmes Geplapper, fast wie das Quaken einer Ente, das den allgemeinen Lärm des Raumes durchdrang.
»Wie geht es mit dem Wörterbuch voran?«, fragte Winston mit erhobener Stimme, um den Lärm zu übertönen.
»Langsam«, sagte Syme. »Ich bin bei den Adjektiven. Ist sehr faszinierend.«
Bei der Erwähnung von Neusprech war er sofort aufgelebt. Er schob seine Schüssel beiseite, nahm in eine seiner feingliedrigen Hände das Stück Brot und in die andere den Käse und beugte sich über den Tisch, um ohne schreien zu müssen sprechen zu können.
»Die elfte Auflage ist die endgültige Ausgabe«, sagte er. »Wir bringen die Sprache in ihre endgültige Form – die Form, die sie haben wird, wenn niemand mehr etwas anderes spricht. Wenn wir damit fertig sind, werden Leute wie du die Sprache noch einmal ganz neu lernen müssen. Du denkst bestimmt, dass unsere Hauptaufgabe darin besteht, neue Wörter zu erfinden. Weit gefehlt! Wir vernichten Wörter – massenhaft, zu Hunderten, jeden Tag. Wir reduzieren die Sprache bis auf ihr nacktes Gerüst. Die elfte Ausgabe wird kein einziges Wort enthalten, das vor dem Jahr 2050 veraltet sein wird.«
Er biss hungrig in sein Brot und schluckte ein paar Bissen hinunter, dann sprach er weiter, mit einer Art pedantischer Leidenschaft. Sein dünnes dunkles Gesicht hatte sich belebt, seine Augen hatten ihren spöttischen Ausdruck verloren und waren beinahe träumerisch geworden.
»Das ist etwas Herrliches, diese Vernichtung von Worten. Natürlich liegt der größte Teil der Streichungen bei den Verben und Adjektiven, aber es gibt Hunderte von Substantiven, die ebenso gut abgeschafft werden können. Nicht nur die Synonyme, auch die Antonyme. Welche Existenzberechtigung hat denn schließlich ein Wort, das nur das Gegenteil eines anderen Wortes ist? Ein Wort enthält in sich selbst sein Gegenteil. Nehmen wir zum Beispiel ›gut‹. Wenn wir ein Wort wie ›gut‹ haben, wozu brauchen wir dann ein Wort wie ›schlecht‹? ›Ungut‹ funktioniert genauso gut – besser sogar, weil es das genaue Gegenteil ist, was das andere Wort nicht ist. Und wenn man eine Steigerung von ›gut‹ will, welchen Sinn haben dann diese ganzen Reihen von vagen, nutzlosen Wörtern wie ›ausgezeichnet‹ und ›großartig‹ und all die anderen? ›Plusgut‹ deckt die Bedeutung vollkommen ab, oder ›doppelplusgut‹, wenn man eine noch größere Steigerung will. Natürlich verwenden wir diese Formen bereits, aber in der endgültigen Fassung des Neusprech wird es nichts anderes mehr geben. Am Ende wird die gesamte Begrifflichkeit von Gut und Böse durch nur sechs Wörter abgedeckt sein – eigentlich nur durch ein einziges. Siehst du die Schönheit, die darin liegt, Winston? Das war natürlich ursprünglich G.B.s Idee«, fügte er nachträglich hinzu.
Bei der Erwähnung des Großen Bruders huschte eine Art von oberflächlichem Enthusiasmus über Winstons Gesicht. Dennoch bemerkte Syme sofort einen gewissen Mangel an Begeisterung.
»Du weißt Neusprech nicht wirklich zu schätzen, Winston«, sagte er beinahe traurig. »Selbst wenn du in Neusprech schreibst, denkst du immer noch in der Altsprache. Ich habe einige der Artikel gelesen, die du gelegentlich in der Times schreibst. Sie sind ganz gut, aber es sind nur Übersetzungen. Dein Herz hängt noch immer an der Altsprache, mit all ihren Ungenauigkeiten und ihren nutzlosen Bedeutungsschattierungen. Du verstehst die Schönheit der Zerstörung von Worten einfach nicht. Wusstest du, dass Neusprech die einzige Sprache der Welt ist, deren Wortschatz von Jahr zu Jahr kleiner wird?«
Das war Winston natürlich bewusst. Er lächelte, wie er hoffte auf eine sympathische Weise, da er sich nicht traute, etwas zu sagen. Syme biss ein weiteres Stück des dunklen Brotes ab, kaute kurz darauf herum und fuhr fort:
»Begreifst du denn nicht, dass das Ziel von Neusprech darin besteht, den Gedankenspielraum einzugrenzen? Zum guten Schluss werden wir Gedankenverbrechen buchstäblich unmöglich machen, weil es keine Worte mehr geben wird, um sie auszudrücken. Jeder Begriff, der jemals benötigt werden könnte, wird durch genau ein Wort ausgedrückt werden, wobei seine Bedeutung starr definiert wird und all seine Nebenbedeutungen ausgemerzt und vergessen werden. Wir sind schon jetzt, bei der elften Ausgabe, nicht mehr weit von diesem Punkt entfernt. Aber der Prozess wird auch dann noch weitergehen, wenn du und ich längst tot sind. Mit jedem Jahr wird die Anzahl der Worte immer geringer und der Gedankenspielraum wird immer kleiner werden. Natürlich gibt es auch heute keinerlei Grund oder Entschuldigung für das Begehen von Gedankenverbrechen. Das ist lediglich eine Frage der Selbstdisziplin, der Realitätskontrolle. Aber am Ende wird nicht einmal mehr das nötig sein. Die Revolution wird komplett sein, wenn die Sprache perfekt ist. Neusprech ist Engsoz und Engsoz ist Neusprech«, fügte er mit einer Art geheimnisvoller Befriedigung hinzu. »Ist es dir jemals in den Sinn gekommen, Winston, dass spätestens im Jahr 2050 kein einziger Mensch mehr leben wird, der ein solches Gespräch, wie wir es gerade führen, verstehen könnte?«
»Außer –«, begann Winston zweifelnd und brach dann ab.
Beinahe hätte er gesagt: »Außer den Prolls«, aber er hielt sich zurück, da er nicht ganz sicher war, ob eine solche Bemerkung nicht in gewisser Weise unorthodox gewesen wäre. Syme hatte jedoch erraten, was er sagen wollte.
»Die Prolls sind keine Menschen«, sagte er leichtfertig. »Bis 2050 – wahrscheinlich früher – wird alles wirkliche Wissen über die Altsprache verschwunden sein. Die gesamte Literatur der Vergangenheit wird vernichtet worden sein. Chaucer, Shakespeare, Milton, Byron – es wird sie nur noch in Neusprech-Fassungen geben, die nicht einfach nur in etwas anderes umgewandelt worden sind, sondern tatsächlich in etwas, das dem widerspricht, was sie einmal waren. Selbst die Literatur der Partei wird sich verändern. Sogar die Parolen werden sich ändern. Wie könnte eine Parole wie ›Freiheit ist Sklaverei‹ bestehen bleiben, wenn der Begriff der Freiheit abgeschafft worden ist? Das ganze Klima des Denkens wird sich ändern. Tatsächlich wird es überhaupt kein Denken mehr geben, zumindest nicht so, wie wir es jetzt verstehen. Orthodoxie bedeutet, nicht zu denken – nicht denken zu müssen. Orthodoxie ist Unbewusstheit.«
Eines Tages, dachte Winston plötzlich aus tiefster Überzeugung, wird Syme vaporisiert werden. Er ist zu intelligent. Er sieht zu klar und spricht zu offen. Die Partei mag solche Leute nicht. Eines Tages wird er verschwinden. Es steht ihm ins Gesicht geschrieben.
Winston hatte sein Brot und seinen Käse aufgegessen. Er drehte sich auf seinem Stuhl ein wenig zur Seite, um seinen Becher Kaffee zu trinken. Am Tisch zu seiner Linken sprach der Mann mit der schrillen Stimme immer noch unerbittlich weiter. Eine junge Frau, vielleicht seine Sekretärin, die mit dem Rücken zu Winston saß, hörte ihm zu und schien allem, was er sagte, eifrig beizustimmen. Von Zeit zu Zeit hörte Winston eine Bemerkung wie »Ich glaube, Sie haben vollkommen recht, ich bin absolut Ihrer Meinung« in einer jugendlichen und dümmlichen weiblichen Stimme. Aber die andere Stimme hörte noch nicht einmal dann auf zu reden, wenn das Mädchen sprach. Winston kannte den Mann vom Sehen, obwohl er nicht mehr über ihn wusste, als dass er einen wichtigen Posten in der Romanabteilung innehatte. Er war ein Mann um die dreißig, hatte einen muskulösen Hals und einen großen, lebhaften Mund. Den Kopf hatte er ein wenig zurückgelehnt, wodurch er so saß, dass seine Brille das Licht einfing und Winston zwei blanke Scheiben anstelle von Augen sah. Er fand es erschreckend, dass man aus dem Redeschwall, der aus seinem Mund strömte, kaum ein einzelnes Wort verstehen konnte. Nur ein einziges Mal schnappte Winston einen Gesprächsfetzen auf – »vollständige und endgültige Auslöschung des Goldsteinismus« –, der rapide und, wie es schien, ohne jegliche Unterbrechung ausgestoßen wurde. Der komplette Rest war nur ein Geräusch, nur quak-quak-quak. Und obwohl man nicht wirklich verstehen konnte, was der Mann sagte, konnte man keinen Zweifel an der allgemeinen Natur des Gesagten hegen. Ob er nun Goldstein anprangerte und härtere Maßnahmen gegen Gedankenverbrecher und Saboteure forderte, gegen die Gräueltaten der eurasischen Armee wetterte, den Großen Bruder oder die Helden an der Malabar-Front lobte – es machte keinen Unterschied. Was auch immer er sagte, man konnte sicher sein, dass jedes Wort davon Orthodoxie und Engsoz in Reinkultur war. Als er das augenlose Gesicht mit dem schnell auf- und zuklappenden Unterkiefer beobachtete, hatte Winston das seltsame Gefühl, dass es sich nicht um einen echten Menschen, sondern um eine Art Puppe handelte. Hier sprach nicht das Gehirn des Mannes, sondern sein Kehlkopf. Das Zeug, das aus ihm herauskam, bestand zwar aus Worten, aber es war keine Sprache im eigentlichen Sinne: Es waren unbewusst hervorgestoßene Laute, wie das Quaken einer Ente.
Syme war für einen Moment verstummt und zeichnete mit dem Griff seines Löffels Muster in der Eintopfpfütze. Die Stimme am anderen Tisch quakte immer weiter, gut hörbar trotz des Lärms ringsum.
»Es gibt ein Wort in Neusprech«, sagte Syme, »ich weiß nicht, ob du es kennst: Quaksprech, quaken wie eine Ente. Das ist eines dieser interessanten Wörter, die zwei widersprüchliche Bedeutungen haben. Gebraucht man es einem Gegner gegenüber, ist es eine Beschimpfung, gebraucht man es aber bei jemanden, mit dem man übereinstimmt, ist es ein Lob.«
Zweifellos wird Syme vaporisiert werden, dachte Winston erneut. Er dachte es mit einem gewissen Bedauern, obwohl er genau wusste, dass Syme ihn nicht leiden konnte, sogar verachtete und durchaus dazu fähig war, ihn beim geringsten Anlass als Gedankenverbrecher zu denunzieren. Mit Syme stimmte etwas nicht. Es gab etwas, was ihm fehlte: Verschwiegenheit, Zurückhaltung, ein rettendes Quäntchen Dummheit. Man konnte von ihm nicht behaupten, dass er unorthodox war. Er glaubte an die Prinzipien des Engsoz, er verehrte den Großen Bruder, er jubelte über Siege, er hasste Abweichler, und das alles nicht nur aufrichtig, sondern mit einem Übereifer und einer Wohlinformiertheit, an die ein gewöhnliches Parteimitglied nicht ansatzweise herankam. Und dennoch haftete an ihm immer etwas Anrüchiges. Er sagte Dinge, die besser ungesagt geblieben wären, er hatte zu viele Bücher gelesen, er besuchte das Café Kastanienbaum, einen Treffpunkt für Maler und Musiker. Es gab kein Gesetz, nicht einmal ein ungeschriebenes, das den Besuch des Cafés Kastanienbaum verbot, und doch schien der Ort irgendwie unter einem schlechten Stern zu stehen. Die alten, diskreditierten Führer der Partei hatten sich dort immer getroffen, bevor sie endgültig aus dem Weg geräumt worden waren. Goldstein selbst, so hieß es, sei dort vor Jahren und Jahrzehnten manchmal gesehen worden. Symes Schicksal war unschwer vorherzusehen. Und doch bestand kein Zweifel an der Tatsache, dass Syme, wenn er auch nur für drei Sekunden die wahre Natur von Winstons geheimen Absichten erkannt hätte, ihn sofort an die Gedankenpolizei verraten würde. Das würde im Übrigen auch jeder andere tun; aber Syme mit größerer Bestimmtheit als die meisten anderen. Eifer allein genügte nicht. Rechtgläubigkeit bedeutete Unbewusstheit.
Syme blickte auf. »Da kommt Parsons«, sagte er.
Etwas im Ton seiner Stimme schien hinzuzufügen: »dieser Blödmann«. Parsons, Winstons Nachbar im Victory-Wohnblock, bahnte sich tatsächlich gerade einen Weg durch den Raum – ein kugelrunder, mittelgroßer Mann mit blondem Haar und einem froschartigen Gesicht. Mit seinen fünfunddreißig Jahren hatte er bereits am Nacken und an den Hüften Fettpolster angesetzt, seine Bewegungen waren jedoch schwungvoll und knabenhaft. Seine ganze Erscheinung war die eines kleinen, groß gewordenen Jungen, sodass es fast unmöglich war, ihn sich in etwas anderem vorzustellen als in den blauen Shorts, dem grauen Hemd und dem roten Halstuch der Spione, obwohl er den Einheitsoverall trug. Wenn man ihn sich vor Augen führte, sah man immer knubbelige Knie und pummelige Unterarme mit hochgekrempelten Hemdsärmeln vor sich. Parsons griff tatsächlich immer auf kurze Hosen zurück, wenn ihm eine Gemeinschaftswanderung oder eine andere körperliche Aktivität einen Vorwand dafür bot. Er begrüßte die beiden mit einem fröhlichen »Hallo, hallo!«, setzte sich an den Tisch und dünstete dabei einen intensiven Schweißgeruch aus. Schweißtropfen standen auf seinem gesamten rosafarbenen Gesicht. Seine Fähigkeit zu schwitzen war außergewöhnlich. Im Gemeinschaftszentrum konnte man an der Feuchtigkeit des Schlägergriffs immer erkennen, ob er Tischtennis gespielt hatte.
Syme hatte ein Blatt Papier mit einer langen Liste von Wörtern hervorgezogen, die er mit einem Tintenstift in der Hand betrachtete.
»Jetzt sieh sich mal einer an, wie der sogar in der Mittagspause arbeitet«, sagte Parsons und stupste Winston an. »Das nenne ich mal Eifer, ne? Was machen Se denn, alter Junge? Wahrscheinlich irgendwas, was zu hoch für mich is. Smith, alter Junge, ich sach Ihnen mal, warum ich hinter Ihnen her bin. Is wegen der Spende, die Sie mir noch schuldig sind.«
»Um welche Spende geht es?«, fragte Winston und tastete automatisch nach seinem Geld. Etwa ein Viertel des Gehalts musste man für freiwillige Zahlungen zur Verfügung stellen, und diese waren so zahlreich, dass es schwierig war, den Überblick zu behalten.
»Für die Hasswoche. Sie wissen schon – die Hauskollekte. Ich bin doch Schatzmeister für unseren Block. Wir geben uns richtich Mühe – und wir wollen echt was auf die Beine stellen. Ich sach Ihnen, is nich meine Schuld, wenn der alte Victory-Wohnblock nicht den besten Fahnenschmuck von der ganzen Straße hat. Zwei Dollar ham Sie mir versprochen.«
Winston fischte zwei zerknitterte und schmuddelige Scheine aus der Tasche und überreichte sie Parsons, der die Spende in der sorgfältigen Handschrift des Analphabeten in ein kleines Notizbuch eintrug.
»Übrigens, alter Junge«, sagte er. »Hab gehört, dass mein kleiner Bengel Ihnen gestern eins mit der Schleuder verpasst hat. Hab ihm dafür ordentlich eins hinter die Ohren gegeben. Hab ihm auch gesacht, dass er die Schleuder die längste Zeit gehabt hat, wenn er das noch mal macht.«
»Ich glaube, er war ein bisschen angesäuert, weil er nicht zur Hinrichtung durfte«, sagte Winston.
»Äh, na ja – was ich damit sagen will, der hat die richtige Einstellung, ne? Freche kleine Bengel sind das, alle zwei, aber an Eifer mangelt’s bei denen nu wirklich nich! Die ham nichts anderes im Kopf als die Spione – und den Krieg natürlich. Wissen Se, was meine Kleene letzten Samstag gemacht hat, als ihre Truppe auf ner Gemeinschaftswanderung nach Berkhamsted war? Hat sich zwei andere Mädels geschnappt, hat sich mit denen abgesetzt und hat den ganzen Nachmittag so nen merkwürdig aussehenden Mann verfolgt. Zwei Stunden lang ham die den verfolgt, mitten durch’n Wald, und als sie nach Amersham kamen, ham sie ihn der Polizeistreife übergeben.«
»Warum haben sie das gemacht?«, fragte Winston etwas verdutzt.
Parsons fuhr triumphierend fort: »Meine Kleene hat gemerkt, dass der so ne Art feindlicher Agent war – könnt ja zum Beispiel mit’m Fallschirm abgesetzt worden sein. Und jetzt kommt’s, alter Junge. Was glauben Se, was das Kind überhaupt auf den gebracht hat? Sie hat gemerkt, dass der komische Schuhe anhatte – sachte, sie hätte noch nie jemanden mit so welchen Schuhen gesehen. Also war’s ziemlich wahrscheinlich, dass das ein Ausländer war. Ganz schön schlau für’n siebenjähriges Gör, oder?«
»Was ist mit dem Mann passiert?«, fragte Winston.
»Äh, hab keine Ahnung. Aber es tät mich nich wundern, wenn ...« Parsons machte eine Bewegung, als lege er ein Gewehr an, und imitierte mit einem Zungenschnalzen den Schuss.
»Gut«, murmelte Syme geistesabwesend, ohne von seinem Blatt aufzublicken.
»Natürlich können wir es uns nicht leisten, solche Risiken einzugehen«, stimmte Winston pflichtbewusst zu.
»Meine Rede, es herrscht ja schließlich Krieg«, sagte Parsons.
Wie zur Bestätigung erscholl ein Trompetensignal aus dem Teleschirm direkt über ihren Köpfen. Diesmal handelte es sich jedoch nicht um die Verkündung eines militärischen Sieges, sondern lediglich um eine Mitteilung des Ministeriums für Fülle.
»Genossen!«, rief eine eifrige jugendliche Stimme. »Achtung, Genossen! Wir haben wunderbare Neuigkeiten für Sie. Wir haben die Produktionsschlacht gewonnen! Die nun abgeschlossenen amtlichen Berichte über die Produktion von Konsumgütern aller Klassen zeigen, dass der Lebensstandard im vergangenen Jahr um nicht weniger als 20 Prozent gestiegen ist. In ganz Ozeanien kam es heute Morgen zu spontanen Demonstrationen, als Arbeiter aus Fabriken und Büros marschierten und mit Transparenten durch die Straßen zogen, um dem Großen Bruder für unser neues, glückliches Leben zu danken, das seine weise Führung uns geschenkt hat. Es folgen einige der endgültigen Zahlen. Lebensmittel –«
Der Satz »unser neues, glückliches Leben« wurde mehrmals wiederholt. Dieser Ausdruck war in letzter Zeit ein Lieblingsausdruck beim Ministerium für Fülle. Parsons, dessen Aufmerksamkeit durch das Trompetensignal geweckt worden war, saß da und hörte ernst glotzend, mit einer Art erbauter Langeweile zu. Er konnte den Zahlen nicht folgen, war sich aber bewusst, dass sie auf irgendeine Weise einen Anlass zur Zufriedenheit boten. Er hatte eine große, schmierige Pfeife hervorgeholt, die bereits halb voll mit verkohltem Tabak war. Bei einer wöchentlichen Tabakration von 100 Gramm konnte man seine Pfeife selten komplett füllen. Winston rauchte eine Victory-Zigarette, die er sorgfältig waagerecht hielt. Die neue Ration war erst morgen fällig, und er hatte nur noch vier Zigaretten. Im Moment hatte er seine Ohren vor den Hintergrundgeräuschen verschlossen und hörte sich das Zeug an, das aus dem Teleschirm tönte. Es hatten offensichtlich sogar Demonstrationen stattgefunden, um dem Großen Bruder für die Erhöhung der Schokoladenration auf zwanzig Gramm pro Woche zu danken. Dabei war doch erst gestern, überlegte er, angekündigt worden, die Ration auf zwanzig Gramm pro Woche zu reduzieren. War es möglich, dass die Leute das nach nur vierundzwanzig Stunden schlucken könnten? Ja, sie schluckten es. Parsons schluckte es problemlos, mit der Dummheit eines Tieres. Die augenlose Kreatur am Nebentisch schluckte es fanatisch, leidenschaftlich, mit dem rasenden Verlangen, jeden aufzuspüren, zu denunzieren und zu vaporisieren, der andeuten sollte, dass die Ration letzte Woche bei dreißig Gramm gelegen habe. Auch Syme schluckte es – allerdings auf eine komplexere Art und Weise, die Zwiedenk erforderte. War er damit also der EINZIGE, der ein Gedächtnis hatte?
Aus dem Teleschirm strömten weiter die sagenhaften Statistiken. Im Vergleich zum vergangenen Jahr gab es mehr Lebensmittel, mehr Kleidung, mehr Häuser, mehr Möbel, mehr Kochtöpfe, mehr Benzin, mehr Schiffe, mehr Hubschrauber, mehr Bücher, mehr Babys – mehr von allem außer von Krankheit, Verbrechen und Wahnsinn. Jahr für Jahr und Minute für Minute erlebte alles und jeder einen rasanten Anstieg. Wie zuvor Syme hatte Winston seinen Löffel in die Hand genommen, malte damit in der bleichen Soße, die über den Tisch tropfte, und zog eine lange Schliere zu einem Muster aus. Er grübelte verstimmt über die physische Beschaffenheit des Lebens. War es schon immer so gewesen? Hatte das Essen schon immer so geschmeckt? Er sah sich in der Kantine um. Ein überfüllter Raum mit niedrigen Decken, dessen Wände durch den Kontakt unzähliger Körper schmutzig geworden waren; ramponierte Metalltische und -stühle, die so dicht beieinanderstanden, dass man sich beim Sitzen mit den Ellenbogen berührte; verbogene Löffel, verbeulte Tabletts, schäbige weiße Becher; alle Oberflächen schmierig, Dreck in jeder Ritze; und ein säuerlicher Geruch, zusammengesetzt aus schlechtem Gin, schlechtem Kaffee, metallischem Eintopf und schmutzigen Kleidern. Ständig rebellierten der Bauch und die Haut in einer Art Protest, einem Gefühl, dass man um etwas betrogen wurde, auf das man ein Anrecht hatte. Er hatte jedoch keine Erinnerungen daran, dass es jemals wirklich anders gewesen wäre. Soweit er sich zurückerinnern konnte, hatte es nie genug zu essen gegeben, hatte man nie Socken oder Unterwäsche gehabt, die nicht voller Löcher waren, die Möbel waren immer ramponiert und klapprig, die Zimmer ungenügend geheizt, U-Bahnen überfüllt, die Häuser verfallen, das Brot dunkel, Tee eine Seltenheit, Kaffee widerlich schmeckend, Zigaretten knapp gewesen – nichts war billig und ausreichend vorhanden außer dem synthetischen Gin. Und obwohl es natürlich mit zunehmendem Alter immer schlimmer für einen wurde, war dies nicht doch ein Zeichen dafür, dass dies NICHT die natürliche Ordnung der Dinge war, wenn einem das Herz schwer wurde bei all der Unbehaglichkeit, dem Dreck und dem Mangel, den endlosen Wintern, der Klebrigkeit der eigenen Socken, den Aufzügen, die nie funktionierten, dem kalten Wasser, der grobkörnigen Seife, den zerbröselnden Zigaretten, dem Essen mit seinem merkwürdig üblen Geschmack? Warum sollte man das alles als unerträglich empfinden, wenn man nicht eine Art Urerinnerung daran hatte, dass die Dinge einmal anders gewesen waren?
Er sah sich erneut in der Kantine um. Fast jeder hier war hässlich und wäre auch dann noch hässlich gewesen, wenn er etwas anderes als den blauen Einheitsoverall getragen hätte. Am anderen Ende des Raumes saß ein kleiner, seltsam käferartiger Mann allein an einem Tisch und trank eine Tasse Kaffee, wobei seine kleinen Augen argwöhnische Blicke von einer Seite zur anderen warfen. Wenn man sich nicht umsah, dachte Winston, war es leicht zu glauben, dass der von der Partei als Ideal aufgestellte Körpertyp – große muskulöse Jungen und vollbusige Mädchen, blond, vital, sonnenverbrannt, sorglos – wirklich existierte und sogar vorherrschte. Soweit er es beurteilen konnte, war die Mehrheit der Leute von Stützpunkt Eins klein, dunkelhaarig und hässlich. Es war merkwürdig, wie sich dieser käferähnliche Typ in den Ministerien vermehrte: kleine plumpe Männer, die bereits früh im Leben dick wurden, mit kurzen Beinen, schnellen, huschenden Bewegungen und schwabbeligen, undurchdringlichen Gesichtern mit sehr kleinen Augen. Genau dieser Typ schien unter der Herrschaft der Partei am besten zu gedeihen.
Die Durchsage des Ministeriums für Fülle endete mit einem weiteren Trompetensignal und wich einer blechernen Musik. Parsons, bei dem das Zahlenbombardement vage Begeisterung entfacht hatte, nahm seine Pfeife aus dem Mund.
»Das Ministerium für Fülle hat dieses Jahr echt gute Arbeit geleistet«, sagte er mit einem wissenden Kopfnicken. »Übrigens, Smith, alter Junge, Sie ham nicht zufällig ein paar Rasierklingen, die Sie mir überlassen könnten?«
»Nicht eine«, sagte Winston. »Ich benutze selbst seit sechs Wochen dieselbe Klinge.«
»Ah, na ja – ich dachte nur, ich könnt Sie ja mal fragen, alter Junge.«
»Tut mir leid«, sagte Winston.
Die quakende Stimme vom Nebentisch, die während der Ankündigung des Ministeriums vorübergehend verstummt war, erhob sich nun wieder so laut wie zuvor. Aus irgendeinem Grund dachte Winston plötzlich an Mrs. Parsons mit ihren strähnigen Haaren und dem Staub in den Falten ihres Gesichts. Innerhalb von zwei Jahren würden ihre Kinder sie bei der Gedankenpolizei denunzieren. Mrs. Parsons würde vaporisiert werden. Syme würde vaporisiert werden. Winston würde vaporisiert werden. O’Brien würde vaporisiert werden. Parsons hingegen würden niemals vaporisiert werden. Die augenlose Kreatur mit der quakenden Stimme würde niemals vaporisiert werden. Die kleinen käferähnlichen Männer, die so flink durch die labyrinthischen Korridore der Ministerien huschten, auch sie würden nie vaporisiert werden. Und das Mädchen mit den schwarzen Haaren, das Mädchen aus der Romanabteilung – sie würde ebenfalls nie vaporisiert werden. Es schien ihm, als wisse er instinktiv, wer überleben und wer umkommen würde; obwohl er nicht ohne Weiteres sagen konnte, was denn nun genau das Überleben sicherte.
In diesem Moment wurde er mit einem heftigen Ruck aus seinen Träumereien gerissen. Das Mädchen am Nebentisch hatte sich etwas umgedreht und sah ihn an. Es war das Mädchen mit den schwarzen Haaren. Sie sah ihn mit einem verstohlenen Seitenblick, aber mit seltsamer Intensität an. In dem Moment, als sich ihre Blicke trafen, sah sie wieder weg.
Winston brach der Schweiß aus allen Poren. Ein furchtbarer Schreck durchzuckte ihn. Er war fast sofort wieder verschwunden, hinterließ aber eine Art nagendes Unbehagen. Warum beobachtete sie ihn? Warum verfolgte sie ihn ständig? Leider konnte er sich nicht erinnern, ob sie bereits an diesem Tisch gesessen hatte, als er gekommen war, oder ob sie erst nach ihm gekommen war. Jedenfalls hatte sie sich gestern, während des Zwei-Minuten-Hasses, direkt hinter ihn gesetzt, wozu keine offensichtliche Notwendigkeit bestanden hatte. Sehr wahrscheinlich hatte ihre Absicht darin gelegen, ihm ganz genau zuzuhören und sich davon zu überzeugen, ob er laut genug mitbrüllte.
Sein früherer Verdacht fiel ihm wieder ein: Wahrscheinlich war sie nicht wirklich ein Mitglied der Gedankenpolizei, andererseits stellten gerade die Amateurspitzel die größte Gefahr von allen dar. Er wusste nicht, wie lange sie ihn bereits beobachtet hatte, aber vielleicht schon fünf Minuten, und es konnte sein, dass er seine Gesichtsmimik nicht perfekt unter Kontrolle gehabt hatte. Es war fürchterlich gefährlich, seine Gedanken schweifen zu lassen, solange man sich an einem öffentlichen Ort oder in Reichweite eines Teleschirms befand. Die geringste Kleinigkeit konnte einen verraten. Ein nervöses Zucken, ein unbewusster ängstlicher Ausdruck, die Angewohnheit, vor sich hin zu murmeln – alles, was auch nur den Verdacht einer Abweichung weckte oder darauf hindeutete, dass man etwas zu verbergen hatte. Es war an sich schon ein strafbares Vergehen, einen unangemessenen Gesichtsausdruck zu tragen (zum Beispiel ungläubig auszusehen, wenn ein Sieg verkündet wurde). In Neusprech gab es sogar ein Wort dafür: Sichtbrech, Gesichtsverbrechen also, so hieß es.
Das Mädchen hatte sich wieder von ihm abgewandt. Vielleicht verfolgte sie ihn doch nicht, vielleicht war es reiner Zufall, dass sie zwei Tage hintereinander so nahe bei ihm gesessen hatte. Seine Zigarette war ausgegangen, und er legte sie vorsichtig auf die Tischkante. Er würde sie nach der Arbeit zu Ende rauchen, wenn inzwischen nicht der Tabak herausgefallen war. Mit großer Wahrscheinlichkeit war die Person am Nebentisch eine Spionin der Gedankenpolizei, und höchstwahrscheinlich würde er innerhalb von drei Tagen in den Kellern des Ministeriums für Liebe stecken, aber einen Zigarettenstummel durfte man nicht verschwenden. Syme hatte seinen Papierstreifen zusammengefaltet und in seiner Tasche verstaut. Parsons hatte wieder angefangen zu reden.
»Hab ich Ihnen jemals erzählt, alter Junge«, sagte er kichernd, das Pfeifenmundstück zwischen den Zähnen, »wie meine zwei Racker den Rock von ner alten Marktfrau angezündet ham, weil sie gesehen hatten, wie die Alte Würstchen in ein Plakat vom Großen Bruder wickelte? Ham sich von hinten an sie rangeschlichen und sie mit nen paar Streichhölzern angefackelt. Ich glaub, die hat sich ziemlich bös verbrannt. Kleine Bengel, ne? Aber sie sind nu mal Feuer und Flamme! Is’n erstklassiges Training, das die heutzutage bei den Spionen kriegen – sogar besser als zu meiner Zeit. Was glauben Se wohl, womit die die Racker neuerdings ausrüsten? Hörrohre zum Lauschen an Schlüssellöchern! Meine Kleene brachte neulich eins mit heim – hat’s an unserer Wohnzimmertür ausprobiert und meinte, sie könnte doppelt so viel hören, wie wenn sie das Ohr ans Loch hält. Is natürlich bloß ein Spielzeug. Bringt sie aber trotzdem auf die richtige Spur, ne?«
In diesem Moment ertönte aus dem Teleschirm ein durchdringendes Pfeifen. Es war das Signal, wieder an die Arbeit zu gehen. Alle drei Männer sprangen auf, um sich in das Gewühl bei den Aufzügen zu stürzen, und der verbleibende Tabak krümelte aus Winstons Zigarette heraus.
KAPITEL 6
Winston schrieb in sein Tagebuch:
Es war vor drei Jahren. Es war an einem dunklen Abend in einer engen Seitenstraße in der Nähe eines der großen Bahnhöfe. Sie stand vor einem Tor in der Mauer unter einer Straßenlaterne, die nur spärliches Licht spendete. Sie hatte ein junges Gesicht, sehr stark geschminkt. Es war vor allem die Schminke, die mich anzog, das maskenhafte Weiß und die leuchtend roten Lippen. Die Frauen von der Partei schminken sich nie. Es war sonst niemand auf der Straße und da waren auch keine Teleschirme. Sie sagte zwei Dollar. Ich –
Es war für ihn im Augenblick zu schwierig weiterzuschreiben. Er schloss die Augen, presste die Finger dagegen und versuchte so, das immer wiederkehrende Bild zu verdrängen. Er verspürte ein beinahe überwältigendes Verlangen, lauthals einen Schwall schmutziger Worte hinauszuschreien. Oder seinen Kopf gegen die Wand zu schlagen, den Tisch umzutreten und das Tintenfass aus dem Fenster zu schleudern – irgendetwas Gewalttätiges, Lärmendes oder Schmerzhaftes zu tun, um die quälende Erinnerung auszulöschen.
Der schlimmste Feind, so dachte er, waren die eigenen Nerven. Jeden Augenblick konnte sich die innere Spannung in ein äußerlich sichtbares Symptom verwandeln. Er dachte an einen Mann, an dem er vor ein paar Wochen auf der Straße vorbeigegangen war; ein ganz normal aussehender Mann, ein Parteimitglied, zwischen fünfunddreißig und vierzig Jahre alt, ziemlich groß und dünn, mit einer Aktentasche. Sie waren ein paar Meter voneinander entfernt gewesen, als die linke Gesichtshälfte des Mannes plötzlich von einer Art Krampf verzerrt wurde. Es passierte erneut, gerade als sie aneinander vorbeikamen: Es war nur ein Zucken, ein Zittern, schnell wie das Klicken eines Kameraverschlusses, aber offenbar etwas Gewohnheitsmäßiges. Er erinnerte sich, dass er damals gedacht hatte: Der arme Teufel ist erledigt. Und das Erschreckende daran war, dass es sich dabei höchstwahrscheinlich um einen unbewussten Vorgang handelte. Die tödlichste Gefahr von allen war es, im Schlaf zu reden. Soweit er wusste, gab es aber keine Möglichkeit, sich dagegen zu schützen.
Er atmete tief durch und schrieb weiter:
Ich ging mit ihr durch das Tor und über einen Hinterhof in eine Kellerküche. An der Wand stand ein Bett und auf dem Tisch eine Lampe, die nur sehr schwach leuchtete. Sie –
Er knirschte mit den Zähnen. Am liebsten hätte er auch noch gespuckt. Mit dem Gedanken an die Frau in der Kellerküche kam auch die Erinnerung an Katharine, seine Frau. Winston war verheiratet – oder jedenfalls verheiratet gewesen. Wahrscheinlich war er noch verheiratet, denn soweit er wusste, war seine Frau nicht tot. Ihm kam es vor, als atme er wieder den warmen, stickigen Geruch der Kellerküche ein, ein Geruchsgemisch aus Ungeziefer, dreckiger Wäsche und einem abscheulichen, billigen Parfüm, das dennoch verlockend war, weil keine Frau der Partei jemals Parfüm benutzte, da dies etwas völlig Unvorstellbares war. Nur die Prolls benutzten Parfüm. In seiner Vorstellung war dieser Geruch untrennbar mit Unzucht verbunden.
Als er mit dieser Frau gegangen war, war es sein erster Fehltritt seit ungefähr zwei Jahren gewesen. Der Verkehr mit Prostituierten war natürlich verboten, aber das war eine dieser Vorschriften, die man gelegentlich zu übertreten wagen konnte. Es war gefährlich, aber man riskierte dabei nicht Kopf und Kragen. Mit einer Prostituierten erwischt zu werden, könnte einem fünf Jahre in einem Zwangsarbeitslager einbringen, aber mehr nicht, wenn man kein weiteres Delikt begangen hatte. Und es war auch wirklich einfach, solange man vermied, in flagranti erwischt zu werden. In den ärmeren Vierteln wimmelten es nur so von Frauen, die bereit waren, sich zu verkaufen. Manche waren sogar für eine Flasche Gin zu haben, den die Prolls eigentlich nicht trinken durften. Stillschweigend neigte die Partei sogar dazu, die Prostitution zu fördern, weil sie als Ventil für Instinkte diente, die nicht vollständig unterdrückt werden konnten. Die bloße Ausschweifung war dabei kaum von Belang, solange sie heimlich und freudlos war und nur mit Frauen einer unterdrückten und verachteten Klasse vollzogen wurde. Ein unverzeihliches Verbrechen hingegen war Promiskuität zwischen Parteimitgliedern. Doch obwohl dies zu einem der Verbrechen gehörte, das die Angeklagten bei den großen Säuberungen ausnahmslos gestanden hatten, konnte man sich kaum vorstellen, dass so etwas wirklich passierte.
Das Ziel der Partei bestand nicht nur darin, das Zustandekommen enger Beziehungen zwischen Männern und Frauen zu verhindern, die sie vielleicht nicht mehr kontrollieren konnte. Ihre wirkliche, unausgesprochene Absicht war es, dem sexuellen Akt jegliche Lust zu nehmen. Nicht so sehr die Liebe als vielmehr die Erotik war der Feind, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Ehe. Alle Eheschließungen zwischen Parteimitgliedern mussten von einem zu diesem Zweck eingesetzten Gremium genehmigt werden, und die Genehmigung wurde immer dann verweigert – obwohl dieses Kriterium nie ausdrücklich festgehalten wurde –, wenn das betreffende Paar sich körperlich zueinander hingezogen zu fühlen schien. Der einzige anerkannte Zweck der Ehe bestand darin, Kinder für den Dienst der Partei zu zeugen. Der Geschlechtsverkehr sollte als ein leicht ekelerregender kleiner Eingriff angesehen werden, ähnlich wie ein Einlauf. Auch dies wurde nie deutlich ausgedrückt, sondern indirekt jedem Parteimitglied von Kindheit an eingeimpft. Es gab sogar Organisationen wie die Anti-Sex-Juniorenliga, die sich für ein vollständiges Zölibat beider Geschlechter einsetzten. Alle Kinder sollten durch künstliche Befruchtung (Kunstsam in Neusprech) gezeugt und in staatlichen Anstalten großgezogen werden. Winston war sich bewusst, dass dies nicht ganz ernst gemeint war, aber irgendwie passte es zur allgemeinen Ideologie der Partei. Die Partei versuchte, den Geschlechtstrieb abzutöten oder ihn wenigstens zu verzerren und in den Schmutz zu ziehen, falls er nicht vollständig unterdrückt werden konnte. Er wusste nicht, warum das so war, aber es schien natürlich, dass es so sein sollte. Und soweit es die Frauen betraf, so waren die Bemühungen der Partei weitgehend erfolgreich.
Er dachte wieder an Katharine. Es musste nun neun, zehn, fast elf Jahre her sein, dass sie sich getrennt hatten. Es war schon merkwürdig, wie selten er an sie dachte. Manchmal konnte er tagelang vergessen, dass er jemals verheiratet gewesen war. Sie hatten nur rund fünfzehn Monate zusammengelebt. Die Partei gestattete keine Scheidung, befürwortete aber bei kinderlosen Ehen die Trennung.
Katharine war ein großes, blondes Mädchen mit einer sehr geraden Haltung und herrlichen Bewegungen. Sie hatte ein kühnes, markantes Gesicht, ein Gesicht, das man vielleicht als edel bezeichnet hätte, bis man entdeckte, dass so gut wie nichts dahintersteckte. Schon sehr früh in ihrem Eheleben war er zu dem Schluss gelangt – vielleicht auch nur, weil er sie besser kannte als die meisten Menschen –, dass sie das ausnahmslos dümmste, vulgärste, hohlste Wesen war, dem er je begegnet war. Sie hatte keinen einzigen Gedanken im Kopf, der nicht aus Parteiparolen bestand, und es gab keinen, absolut keinen Schwachsinn, den sie nicht schluckte, wenn die Partei ihn ihr auftischte. »Die menschliche Tonspur« war sein heimlicher gedanklicher Spitzname für sie. Dennoch hätte er das Zusammenleben mit ihr ertragen können, wenn es diese eine Sache nicht gegeben hätte – Sex.
Sobald er sie berührte, schien sie zusammenzuzucken und sich zu versteifen. Sie zu umarmen war so, als würde man eine Holzpuppe umarmen. Und selbst dann, wenn sie ihn an sich zog, hatte er seltsamerweise das Gefühl, dass sie ihn gleichzeitig mit aller Kraft von sich wegstieß. Ihre versteiften Glieder vermittelten zumindest diesen Eindruck. Sie lag dann mit geschlossenen Augen da, weder widerstrebend noch mitspielend, sondern irgendwie ergeben. Es war außerordentlich unangenehm und nach einer Weile sogar richtig schrecklich. Aber selbst dann hätte er es ertragen, mit ihr zusammenzuleben, wenn sie sich darauf geeinigt hätten, fortan zölibatär zu bleiben. Doch kurioserweise lehnte Katharine dies entschieden ab. Sie müssten, wie sie sagte, nach Möglichkeit ein Kind zeugen. Also fand der Vorgang weiterhin statt, regelmäßig einmal pro Woche, sofern es nicht gerade unpassend war. Sie pflegte ihn sogar morgens daran zu erinnern, als etwas, das an diesem Abend erledigt und das nicht vergessen werden durfte. Sie hatte zwei Bezeichnungen dafür. Die eine lautete »ein Kind machen« und die andere war »unsere Pflicht gegenüber der Partei erfüllen« (ja, diesen Ausdruck hatte sie tatsächlich gebraucht). Bald schon entwickelte sich bei ihm ein regelrechtes Grauen, wenn der vereinbarte Tag näher rückte. Doch zum Glück kam kein Kind, und am Ende willigte sie ein, es nicht weiter zu versuchen, und bald darauf trennten sie sich.
Winston seufzte unhörbar. Er nahm seinen Federhalter wieder zur Hand und schrieb:
Sie warf sich auf das Bett und zog sofort, ohne jegliches Vorspiel, auf die vulgärste, abscheulichste Weise, die man sich vorstellen kann, ihren Rock hoch. Ich –
Er sah sich dort im gedämpften Licht der Lampe stehen, den Geruch von Ungeziefer und billigem Parfüm in der Nase und in seinem Herzen ein Gefühl der Niederlage und des Grolls, das sich selbst in diesem Moment mit dem Gedanken an Katharines weißen Körper vermischte, den die hypnotische Macht der Partei für immer hatte zu Eis erstarren lassen. Warum musste es immer so passieren? Warum konnte er nicht eine Frau für sich haben, statt alle paar Jahre einmal eines dieser schäbigen Handgemenge? Aber eine echte Liebesaffäre war etwas nahezu Undenkbares. Die Frauen in der Partei waren alle gleich. Keuschheit war in ihnen ebenso tief verwurzelt wie Parteitreue. Durch sorgfältige frühe Konditionierung, durch Spiele und kaltes Wasser, durch den ganzen Müll, der ihnen in der Schule und bei den Spionen und in der Jugendliga eingetrichtert wurde, durch Vorträge, Paraden, Lieder, Parolen und Militärmusik war ihnen jegliches natürliche Gefühl ausgetrieben worden. Sein Verstand sagte ihm, dass es Ausnahmen geben müsse, aber sein Herz glaubte es nicht. Sie waren alle uneinnehmbar, so wie die Partei sie haben wollte. Was er sich wirklich wünschte, noch sehnlicher, als geliebt zu werden, war, diese Mauer der Tugend niederzureißen, und sei es nur ein einziges Mal in seinem ganzen Leben. Der erfolgreich vollzogene Geschlechtsakt war Rebellion. Begierde war ein Gedankenverbrechen. Sogar Katharine sexuell erweckt zu haben, wenn er das jemals geschafft hätte, hätte als Verführung gegolten, obwohl sie seine Frau war.
Aber er musste die Geschichte noch zu Ende bringen. Er schrieb:
Ich drehte die Lampe heller. Im hellen Licht betrachtet –
Nach der Dunkelheit war ihm das schwache Licht der Paraffinlampe sehr hell erschienen. Zum ersten Mal konnte er die Frau richtig sehen. Er hatte einen Schritt auf sie zugemacht und war dann, erfüllt von Begierde und Entsetzen, stehen geblieben. Er war sich schmerzlich des Risikos bewusst, das er eingegangen war, als er hierhergekommen war. Es war durchaus möglich, dass eine Streife ihn beim Hinausgehen erwischen würde; vielleicht warteten sie in diesem Augenblick schon draußen vor der Tür. Wenn er nun wieder ging, ohne das zu tun, weswegen er hergekommen war ...!
Es musste aufgeschrieben, es musste gebeichtet werden. Im hellen Schein der Lampe hatte er plötzlich erkannt, dass die Frau ALT war. Ihr Gesicht war so dick mit Schminke zugekleistert, dass es aussah, als könne es zerreißen wie eine Pappmaschee-Maske. Ihr Haar war weiß gesträhnt, aber das wirklich Schreckliche war, dass ihr halb geöffneter Mund nichts enthüllte außer einer höhlenartigen Schwärze. Sie hatte überhaupt keine Zähne.
Hastig schrieb er in krakeliger Handschrift:
Im hellen Licht betrachtet war sie eine richtig alte Frau, mindestens fünfzig Jahre alt. Aber ich riss mich zusammen und tat es trotzdem.
Er presste erneut die Finger gegen seine Augenlider. Endlich hatte er es aufgeschrieben, aber es änderte nichts. Die Therapie hatte nicht funktioniert. Der Drang, so laut er konnte schmutzige Worte hinauszuschreien, war so stark wie je zuvor.
Pulsuz fraqment bitdi.