Kitabı oxu: «Der nächste Papst»
George Weigel
Der nächste
Papst
Das Amt des Petrus
und eine missionarische Kirche

Bibliografische Information: Deutsche Nationalbibliothek.
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Originaltitel der amerikanischen Ausgabe:
THE NEXT POPE
The Office of Peter and a Church in Mission
© 2020 by George Weigel
Cover: Bronzestatue des hl. Petrus,
Arnolfo di Cambio (1245–1302), Petersdom in Rom
© Fotograf: Stefano Spaziani, Grafik: Enrique J. Aguilar
© 2020 by Ignatius Press, San Francisco
Die Bibelzitate stammen aus der revidierten Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart 2016. Die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils sind nach der Homepage des Vatikans zitiert: http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/index_ge.htm.
DER NÄCHSTE PAPST
Das Amt des Petrus und eine missionarische Kirche
Übersetzung: Dr. Gabriele Stein
© Media Maria Verlag, Illertissen 2020
Alle Rechte vorbehalten
eISBN 978-3-9479317-5-0
www.media-maria.de
Inhalt
Ein kurzer erklärender Hinweis
Der Heilige Geist und die gegenwärtige Situation des Katholizismus
Der nächste Papst und die Neuevangelisierung
Der nächste Papst und das Petrusamt
Der nächste Papst und die Fülle des katholischen Glaubens
Der nächste Papst, die Krise der menschlichen Person und der christliche Humanismus
Der nächste Papst und die Bischöfe
Der nächste Papst und die Priester der Kirche
Der nächste Papst und das Laienapostolat
Der nächste Papst und die Reform des Vatikans
Der nächste Papst, die Ökumene und der interreligiöse Dialog
Der nächste Papst und das Weltgeschehen
Im Zentrum stehen Christus und das Evangelium
Anmerkungen
Ein kurzer erklärender Hinweis
In den vergangenen drei Jahrzehnten hatte ich immer wieder das Privileg, mich ausgiebig mit Papst Johannes Paul II., dem emeritierten Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus unterhalten zu dürfen. Die Überlegungen in diesem Buch fußen auf dem, was ich aus diesen Begegnungen – und in vielen Jahren der Interaktion mit Katholiken auf allen Kontinenten, die die unterschiedlichsten Positionen in der Kirche innehatten – gelernt habe.
Mit dem, was nun folgt, begleiche ich also lediglich einen Teil einer großen Schuld.
Die katholische Kirche ist zu allen Zeiten dieselbe, wie der heilige Paulus uns in Epheser 4,5 ins Gedächtnis ruft: Sie dient demselben Herrn, ist auf demselben Glauben und derselben Taufe gegründet. Nicht gleich bleibt hingegen die katholische Art und Weise des Kircheseins: Sie ändert sich, um den Anforderungen gerecht zu werden, die die Aufgabe, Christi Heilssendung in der Welt fortzusetzen, mit sich bringt. Fünf epochale Übergänge hat es in der Geschichte des Christentums gegeben. Einer davon bahnt sich gerade an.
Bei dem ersten dieser großen Übergänge trennte sich die frühe Kirche, wie wir sie nennen, endgültig von dem, was später als das rabbinische Judentum bekannt werden sollte, in einem Prozess, der nach dem ersten jüdischrömischen Krieg 70 n. Chr. an Fahrt aufnahm. Diese frühe Kirche brachte das patristische Christentum hervor und wurde von diesem abgelöst. Es entwickelte sich im vierten Jahrhundert und wurde durch die Begegnung der Kirche mit der klassischen Kultur beeinflusst. Das patristische Christentum seinerseits brachte gegen Ende des ersten Jahrtausends das Christentum des Mittelalters hervor und wurde von diesem abgelöst: der engsten Verbindung aus Kirche, Kultur und Gesellschaft, die es je gab. Das Christentum des Mittelalters brach in den verschiedenen Reformationen des 16. Jahrhunderts auseinander und aus dieser Umwälzung ging der gegenreformatorische Katholizismus hervor: die Art des Kircheseins, mit der jeder Katholik, der vor Mitte der 1950er-Jahre geboren wurde, aufgewachsen ist.
Gegen Ende des zweiten Jahrtausends schließlich nahm der fünfte große Übergang in der Weltkirche seinen Aufschwung: vom gegenreformatorischen Katholizismus zur Kirche der Neuevangelisierung. Die Katholiken der heutigen Zeit leben inmitten der Turbulenzen dieser Übergangszeit.
Im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts hat dieser fünfte epochale Übergang der katholischen Kirche einen kritischen Punkt erreicht. Denn die drei Päpste, die ich persönlich kennengelernt und deren Ausübung des Petrusamtes ich aus nächster Nähe verfolgt habe, waren allesamt auf die eine oder andere Weise Männer des Zweiten Vatikanischen Konzils: jenes Ereignisses also, das den Übergang vom gegenreformatorischen Katholizismus zur Kirche der Neuevangelisierung erst so richtig angekurbelt hat. Der nächste Papst jedoch wird nicht in derselben Weise wie seine drei Vorgänger auf dem Stuhl des heiligen Petrus vom II. Vatikanum geprägt sein.
Karol Wojtyła (der spätere Papst Johannes Paul II.) nahm als noch sehr junger polnischer Bischof und späterer Erzbischof von Krakau in allen vier Sitzungsperioden des Konzils eine aktive Rolle ein und war am Entwurf der Pastoralkonstitution über die Kirche in der modernen Welt Gaudium et spes beteiligt. Joseph Ratzinger (der spätere Papst Benedikt XVI.) trug als junger Peritus oder theologischer Experte des II. Vatikanums maßgeblich zur Ausarbeitung von fünf Konzilstexten einschließlich der Dogmatischen Konstitutionen über die Kirche und über die göttliche Offenbarung bei. Die päpstlichen Programme Johannes Pauls II. und Benedikts XVI. waren zutiefst von ihren Erfahrungen mit dem II. Vatikanum und seiner Rezeption in der Weltkirche beeinflusst. Ja, man kann ihre Pontifikate sogar als ein einziges, 35 Jahre andauerndes Bemühen deuten, eine offizielle Lesart des Konzils verbindlich festzuschreiben. Dreh- und Angelpunkt dieses Bemühens war die Außerordentliche Bischofssynode von 1985, die die Erklärung zur Interpretation der sechzehn Dokumente des II. Vatikanums im Konzept einer Kirche als missionarischer Gemeinschaft von Jüngern fand. Dieser Kernbegriff führte schließlich zur Proklamation der Neuevangelisierung im Vorfeld und während des Heiligen Jahres 2000 und zu dem 2007 von den Bischöfen Lateinamerikas und der Karibik veröffentlichten Dokument von Aparecida, das vielleicht die ausgereifteste Beschreibung dessen darstellt, wie eine missionarische Gemeinschaft von Jüngern aussehen sollte.
Anders als seine beiden päpstlichen Vorgänger hat Jorge Mario Bergoglio (der spätere Papst Franziskus) das Zweite Vatikanische Konzil zwar nicht direkt miterlebt, war jedoch während des Konzils bereits ein junges Mitglied der Gesellschaft Jesu und in der Zeit der hitzigen Debatten gleich nach dem II. Vatikanum ein Oberer seines Ordens. Als Erzbischof von Buenos Aires war er maßgeblich am Entwurf des Dokuments von Aparecida beteiligt. Und als Papst hat Franziskus Papst Paul VI. (der drei der vier Sitzungsperioden des II. Vatikanums geleitet hat) als sein päpstliches Vorbild bezeichnet und mit Papst Paul VI. und Papst Johannes XXIII. beide Konzilspäpste heiliggesprochen. Auch Papst Franziskus ist also maßgeblich vom Konzil geprägt.
Der nächste Papst wird aller Wahrscheinlichkeit nach in den Jahren des II. Vatikanums ein Teenager oder ein sehr junger Mann gewesen sein; vielleicht sogar noch ein Kind. Jedenfalls werden ihn die Erfahrung des Konzils und die unmittelbar daran anschließenden Debatten über seine Bedeutung und Rezeption nicht so nachhaltig beeinflusst haben wie Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus. Somit wird der nächste Pontifex in einem anderen Sinne ein Übergangspapst sein als seine unmittelbaren Vorgänger. Und deshalb scheint es angemessen, jetzt darüber nachzudenken, was die Kirche aus ihren Erfahrungen mit den Pontifikaten dieser drei vom Konzil geprägten Päpste gelernt hat – und was der nächste Papst davon beherzigen sollte.
Die katholische Kirche wird im nächsten Pontifikat ein noch unerforschtes Gelände betreten. Deshalb ist es wichtig, jetzt über zwei Fragen nachzudenken:
Was will der Heilige Geist eine Kirche im Übergang lehren?
Welche Eigenschaften wird der Mann brauchen, der – als Nachfolger des heiligen Petrus, dem »die Schlüssel des Himmelreichs« gegeben sind (Mt 16,19) – die Ehrfurcht gebietende Verantwortung und große Last des päpstlichen Dienstamtes trägt, um die Kirche durch diesen Übergang hindurchzuführen?
Der Heilige Geist und die gegenwärtige Situation des Katholizismus
Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll, den Geist der Wahrheit […]. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird.
Joh 14,16–17
In den letzten eineinhalb Jahrhunderten hat der Heilige Geist die katholische Kirche einem dritten Jahrtausend entgegengeführt, das von einem erneuerten evangelikalen Zeugnis und einer zunehmenden missionarischen Begeisterung geprägt sein wird.
Diese Reise in die Tiefen des Evangeliums war eine Erfahrung der Gnade und war doch nicht frei von Schwierigkeiten. Die notwendigen Reformen, um sicherzustellen, dass die Kirche des 21. Jahrhunderts den großen Auftrag erfüllen kann – »Geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern« (Mt 28,19) –, sind noch nicht abgeschlossen. Innerhalb der Kirche selbst gibt es in Fragen der katholischen Lehre und Identität, der katholischen Praxis und dem Sendungsauftrag tiefe Gräben. Über vielen Ortskirchen liegt der dunkle Schatten des Skandals. Es sind keine ruhigen Zeiten für uns Katholiken.
Wenn wir jedoch auf die Weltkirche schauen und sehen, wo der Katholizismus lebendig und vital ist und wo demgegenüber die Kirche dahinsiecht und im Sterben liegt, dann rückt der Weg in den Blickpunkt, den der verheißene Tröster, der Heilige Geist, für die Kirche im dritten Jahrtausend festgelegt hat.
Die Kirche, die das Evangelium angenommen, die Männern und Frauen das große Geschenk der Freundschaft mit unserem Herrn Jesus Christus gemacht, diese Freunde des Herrn in die Gemeinschaft seiner Jünger aufgenommen und diese Jünger kraft der Sakramente dazu ermächtigt hat, das ihnen gemachte Geschenk an andere weiterzugeben – dieser Katholizismus ist lebendig, auch wenn die kulturellen und politischen Umstände so manche Herausforderung mit sich bringen. Und dieser Katholizismus leistet wichtige Beiträge für die Gesellschaft, Kultur und für das öffentlichen Leben.
Die Kirche jedoch, die ihr Vertrauen in das Evangelium verloren hat, die das Evangelium nicht länger als rettende Wahrheit und göttliche Gnade für jedermann verkündet, die Kirche, die sich selbst anscheinend als eine Nichtregierungsorganisation betrachtet, die von der Gesellschaft gebilligte gute Werke tut – dieser Katholizismus liegt im Sterben, und zwar auch dort, wo er finanzstark und gut organisiert zu sein scheint. Und dieser Katholizismus steht eher am Rand der Gesellschaft, der Kultur und des öffentlichen Lebens.
Für diejenigen, die Augen haben, die Werke der Gnade zu erkennen, die Ohren haben zu hören, was der Geist der Kirche sagt, und die den Mut haben, auf der Grundlage des Gesehenen und Gehörten zu handeln, ist der weitere Weg mithin klar – ungeachtet aller Herausforderungen.
Dieser vom Geist geführte Weg zu einem Katholizismus, in dem die zahlreichen Einrichtungen der Kirche Startrampen für die Mission werden, hat vor beinahe eineinhalb Jahrhunderten begonnen.
Papst Leo XIII. fasste bei seiner Wahl 1878 einen Entschluss von evangelikaler Kühnheit: Der Katholizismus sollte die defensiven Festungen verlassen, die er im Lauf des 19. Jahrhunderts errichtet hatte, und sich mit der modernen Welt auseinandersetzen, um sie zu bekehren. Auf diese Weise, glaubte Leo XIII., könnte die Kirche dazu beitragen, eine solidere Grundlage für das Bestreben der modernen Gesellschaft nach Frieden, Wohlstand und Solidarität zu schaffen. Um diese Vision eines engagierten Katholizismus zu verwirklichen, belebte Papst Leo das katholische intellektuelle Leben neu, drängte auf einen neuen Dialog zwischen der Kirche und der modernen Wissenschaft, erleichterte das Studium der eigenen Kirchengeschichte, ermutigte zu einer intensiveren Begegnung des Katholizismus mit der Bibel und begründete die moderne katholische Soziallehre. Während Leos Pontifikat und in der Zeit danach rief diese »leoninische Revolution« vor allem in Europa beträchtliche innerkirchliche Turbulenzen hervor. Die Frage, wie der Katholizismus die Aufgabe der Bekehrung der Welt angehen sollte, wurde heftig und zuweilen erbittert diskutiert. Deshalb und aufgrund der traumatischen Erfahrungen aus der Geschichte (einschließlich zweier Weltkriege) war der Weg zu einer evangelikal ausgerichteten katholischen Erneuerung nie leicht und ihn zu beschreiten, erforderte immer Opfer.
Achtzig Jahre nachdem Leo Bischof von Rom geworden war, wurde Angelo Giuseppe Roncalli zum Papst gewählt. Er nahm den Namen Johannes XXIII. an. Roncalli hatte die Unruhe, die die »leoninische Revolution« verursacht hatte, in seinem eigenen Leben und Dienst zu spüren bekommen. Seine Erfahrungen als diplomatischer Vertreter des Papstes im vom Krieg zerrissenen Südosteuropa, als päpstlicher Nuntius in einem ausgelaugten und uneinigen Nachkriegsfrankreich und als Kardinal und Patriarch von Venedig hatten ihn, der die Geschichte aus der Nähe erfahren hatte, gelehrt, dass die Kirche mehr tun musste, als sich gegen politische und kulturelle Aggressoren zu verteidigen, wenn sie einen erneuerten und wiederbelebten Auftrag in Angriff nehmen wollte – genauso wie es einer seiner Helden, der heilige Karl Borromäus, im 16. Jahrhundert getan hatte, als er auf dem Bischofsstuhl des heiligen Ambrosius in Mailand saß. Denn am Ende des zweiten und an der Schwelle zum dritten Jahrtausends befand sich die katholische Kirche nicht länger in einer Zeit des Christentums, in der sie bei der Weitergabe des Glaubens mit der Hilfe der öffentlichen Umgebungskultur rechnen konnte. Sie befand sich wieder einmal in einer apostolischen Zeit – deren Rahmen durch den großen Auftrag zur Mission und durch ein lebhaftes Bewusstsein der Verpflichtung gekennzeichnet war, das Evangelium, »ob gelegen oder ungelegen«, zu verkündigen (2 Tim 4,2).
Johannes XXIII. hatte dies erkannt. Und weil er diese Erkenntnis des evangelikalen Gebots und der evangelikalen Möglichkeit mit der ganzen katholischen Kirche teilen wollte, berief er das Zweite Vatikanische Konzil ein. Das II. Vatikanum sollte die Kräfte sammeln, die die »leoninische Revolution« freigesetzt hatte, und sie im Prisma eines ökumenischen Konzils klar betrachten. Dieses Konzil, so hoffte er, würde eine neue Pfingsterfahrung sein. Und wie das erste christliche Pfingstfest, das im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte beschrieben wird, sollte auch diese Erfahrung des Heiligen Geistes den Glauben der Kirche an die Wahrheit des Evangeliums vertiefen und in ihr einen neuen Eifer für die Evangelisierung entzünden.
Was Johannes XXIII. mit dem II. Vatikanum beabsichtigt hatte, wird in seiner Eröffnungsansprache an die Konzilsteilnehmer vom 11. Oktober 1962 deutlich, die nach den ersten drei Wörtern des lateinischen Texts unter dem Titel Gaudet Mater Ecclesia (»Es jubelt die Mutter Kirche«) bekannt ist. Heute erinnert man sich, wenn überhaupt, nur an einen Satz aus dieser Ansprache: den Satz, in dem der Papst jene »Unheilsverkünder« rügte, in deren Augen die modernen Zeiten nichts als Untergang und Unheil mit sich brachten.1 Doch Gaudet Mater Ecclesia war weit mehr als eine Warnung vor historischem Pessimismus. Immer wieder kam Johannes XXIII. in seiner umfänglichen Ansprache auf einen zentralen Punkt zurück: dass die Kirche ihr Selbstverständnis wieder an Jesus Christus ausrichten müsse, von dem (so seine Worte) die Kirche »Namen, Gnade und jegliche Vollmacht erhält«.2 Die Ära dessen, was man vielleicht als Ekklesiozentrismus beschreiben könnte – einer Kirche, die in der Moderne oft darauf fokussiert gewesen ist, als Institution zu überleben und zu funktionieren –, neigte sich dem Ende zu. Ein neues christozentrisches Zeitalter – mit einer Kirche, die sich wieder darauf konzentriert, das Evangelium Jesu Christi als Antwort auf die Frage zu verkündigen, die sich in jedem Menschenleben stellt – sollte beginnen. Das war die Richtung, in die der Heilige Geist die Kirche fast ein Jahrhundert lang geführt hatte. Das war der Weg in die Zukunft, den der Katholizismus beschreiten musste, indem er die Institutionen, die in den Jahrhunderten, als die Kirche sich gegen feindliche Mächte verteidigt hatte, errichtet und aufrechterhalten worden waren, als Plattformen nutzte, um von dort aus die Welt zu bekehren.
Indem sie diesen Weg einschlagen würde, betonte Johannes XXIII., würde die katholische Kirche keinen Bruch mit ihrer Vergangenheit erleiden. Vielmehr kehrte sie im spirituellen Sinne und in ihrer religiösen Vorstellung in das Galiläa des 28. Matthäuskapitels und des großen Sendungsauftrags zurück. Der Katholizismus war dabei, seine wesentliche evangelikale Bestimmung wiederherzustellen und zu erneuern. Um dieses Ziel zu erreichen – das heißt, alle Völker zu Jüngern zu machen –, musste die Kirche die Wahrheit, die Christus der ersten Gruppe von Aposteln hinterlassen hatte, »rein, unvermindert und ohne Entstellung überliefern«, wie es der Papst in Gaudet Mater Ecclesia formuliert hat.3 Doch während er die Notwendigkeit hervorhob, die Wahrheit des katholischen Glaubens zu bewahren, betonte Papst Johannes auch den Auftrag, diese Wahrheit weiterzugeben. Die Kirche musste das Geschenk weitergeben, das den Christen gemacht worden war, damit »diese Lehre in ihrer ganzen Fülle und Tiefe erkannt [wird]«.4 Denn in jener Wahrheit würden, wie der Papst lehrte, die Männer und Frauen der modernen Welt besser verstehen, »was sie in Wahrheit sind, welche Würde ihnen zukommt und welchem Ziel sie nachzustreben haben«.5 Das Evangelium zu verkündigen und zu bezeugen hieß, der Menschheit die Wahrheit über sich selbst zu bringen – eine im tiefsten Wortsinn befreiende Wahrheit.
Das Zweite Vatikanische Konzil selbst war eine Zeit der Auseinandersetzungen und die Debatten in den fünfeinhalb Jahrzehnten, die seit seinem Ende vergangen sind, waren noch heftiger. Doch es sind nicht die Streitigkeiten innerhalb der nachkonziliaren Kirche, die uns jetzt an der Schwelle des dritten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts zu denken geben. In den 1700 Jahren der Geschichte des Katholizismus waren die ökumenischen Konzilien immer wieder mit strittigen Themen befasst, die nicht selten grundlegende Glaubenswahrheiten betrafen. Auf ökumenischen Konzilien wurden erbitterte Kämpfe ausgetragen und auch die Zeit nach diesen Konzilien war in der Regel von mehr oder weniger heftigen Auseinandersetzungen bestimmt. Dass in der katholischen Kirche Auseinandersetzungen stattfinden, ist nichts Neues. Es hat früh begonnen, wie wir im 6. und 15. Kapitel der Apostelgeschichte nachlesen können, und dies hat sich bis heute fortgesetzt.
Auffallend ist allerdings, dass inmitten der nachkonziliaren Auseinandersetzungen, die auf das II. Vatikanum folgten, diejenigen Teile der Weltkirche, die sich die christuszentrierte, evangelikale Sicht der Zukunft der katholischen Kirche, wie Johannes XXIII. sie in Gaudet Mater Ecclesia entworfen hatte, zu eigen machten, eine Blütezeit erlebten. Gleichzeitig hielten diejenigen Teile der Weltkirche, die nicht begriffen hatten, dass die Gegenreformation vorüber war und der Heilige Geist die Kirche nun über den bloßen Selbsterhalt hinaus zu einem lebendigen Sendungsbewusstsein berief, dem Druck der modernen Welt nicht stand. Und ebenso erging es denjenigen Teilen der Weltkirche, die glaubten (und immer noch glauben), das Zweite Vatikanische Konzil habe einen radikalen Bruch mit der katholischen Vergangenheit vollzogen: jenen, die allem Anschein nach den Aufruf Johannes’ XXIII. in Gaudet Mater Ecclesia überhört hatten (und immer noch überhören), dass die Kirche der Zukunft die Wahrheit des Evangeliums und die Lehre der Kirche »rein, unvermindert und ohne Entstellung überliefern« soll.
Die evangelikale Absicht, die Johannes XXIII. mit dem II. Vatikanum verfolgte, wurde durch drei entscheidende Ereignisse in der nachkonziliaren Kirche noch weiter bekräftigt. Diese Ereignisse inspirieren und beseelen den lebendigen Teil der heutigen katholischen Weltkirche. Das erste war das Apostolische Schreiben Evangelii nuntiandi (»Die Verkündigung des Evangeliums«), das Papst Paul VI. 1975 herausgab.
Paul VI. brachte das II. Vatikanum zu einem erfolgreichen Abschluss. Doch die Jahre unmittelbar nach dem Konzil waren von Kontroversen über die Bedeutung des Konzils, von einem schweren Verfall der kirchlichen Disziplin und von kirchenerschütternden Protesten gegen die Enzyklika über die katholische Ethik der menschlichen Liebe beherrscht, die Papst Paul 1968 promulgiert hatte (Humanae vitae). Als aber sein Leben sich dem Ende zuneigte, wollte Paul VI. der Kirche ein »pastorales Testament« hinterlassen, wie es einer seiner Mitarbeiter genannt hat.6 Dieses Testament – Evangelii nuntiandi, das als Abschluss der Arbeiten der Bischofssynode von 1974 verfasst worden war – rief der Kirche die ermutigende Vision ins Gedächtnis, die Johannes XXIII. für das II. Vatikanum gehabt hatte.
Der Papst, der sich den Namen des Apostels der Heiden gegeben hatte, lehrte, dass Mission nicht einfach etwas ist, was die Kirche tut: Die Kirche ist Mission. Der einzige Auftrag der katholischen Kirche besteht darin, anderen ganz unumwunden die Freundschaft mit Jesus Christus anzubieten: »Es gibt keine wirkliche Evangelisierung«, schrieb Paul VI., »wenn nicht der Name, die Lehre, das Leben, die Verheißungen, das Reich, das Geheimnis von Jesus von Nazaret, des Sohnes Gottes, verkündet werden.«7 Christus zu begegnen heißt natürlich, der Kirche zu begegnen: einer Gemeinschaft, die von jenen sakramentalen Gnadenquellen lebt, die den Glauben, die Hoffnung und die Liebe speisen. Um im vollen Wortsinn in dieser Kirche zu leben, müssen diejenigen, die evangelisiert worden sind, selbst evangelisieren. Und indem sie zu Boten des Evangeliums werden, so Papst Paul abschließend, bewirken Christen die Umwandlung der Kultur und der Gesellschaft – ein Werk der Umwandlung, das von der fortwährenden Bekehrung zu Christus beseelt wird.
Wenn Gaudet Mater Ecclesia ein Entwurf Johannes’ XXIII. für die Arbeit des Zweiten Vatikanischen Konzils gewesen ist, dann war Evangelii nuntiandi die Zusammenfassung dieser Arbeit durch Paul VI. – und eine Herausforderung, die Auseinandersetzungen zu überwinden und zum Sendungsauftrag überzugehen.
Das zweite Ereignis, das die evangelikale Zielsetzung des II. Vatikanums bekräftigte, war die Außerordentliche Bischofssynode, die Papst Johannes Paul II. 1985 einberufen hatte, um zwanzig Jahre nach dem feierlichen Abschluss des Konzils am 8. Dezember 1965 zu prüfen, was bei dessen Umsetzung gut und was nicht ganz so gut gelungen war.
Anders als frühere ökumenische Konzilien hatte das II. Vatikanum keine Erklärung zu seiner eigenen authentischen Interpretation geliefert: Es hat keine Lehre festgelegt, keine Häresie verurteilt, kein Glaubensbekenntnis verfasst, keine Gesetze erlassen, keinen Katechismus in Auftrag gegeben. Der Schlüssel musste in den Konzilstexten selbst gefunden werden, die es durch das Prisma von Gaudet Mater Ecclesia und Evangelii nuntiandi zu lesen galt. Und dieser »Schlüssel«, so befanden die Väter der Synode von 1985, war die Vorstellung von der Kirche als einer missionarischen Gemeinschaft von Jüngern. Der Katholizismus beginnt mit der Jüngerschaft, mit der Bekehrung und Freundschaft zu Jesus Christus – und damit, dass man das Evangelium als umfassende Wahrheit akzeptiert. Durch diese Bekehrung wird man der »Gemeinschaft« der Freunde Jesu, des Herrn, eingegliedert, die anders ist als jedes andere Beziehungsgefüge im Leben ihrer Mitglieder. Und diese »Gemeinschaft« lebt nicht für sich allein. Sie besteht, um anderen das Geschenk zu machen, das sie selbst empfangen hat, nämlich die Freundschaft mit dem fleischgewordenen Gottessohn und die Teilhabe an seinem mystischen Leib, der Kirche.8
In der Welt und auch in Teilen der Kirche war man der Auffassung, dass es bei den Auseinandersetzungen in der katholischen Kirche, die auf das II. Vatikanum folgten, um Macht ging. Die Synode von 1985 betonte hingegen, dass nichts Geringeres auf dem Spiel stand als das Selbstverständnis der Kirche. Das Zentrum dieses Selbstverständnisses war und ist und muss immer Jesus Christus bleiben. Und Jesus, den Herrn, zu kennen bedeutet, als Einzelperson und als Mitglied der Kirche die Verantwortung zu übernehmen, andere mit ihm bekannt zu machen. »Missionarische Öffnung zum Heil der Welt in seiner Fülle« hatte, so schrieben die Synodenväter, die Kirche des Neuen Testaments einst charakterisiert – und sollte nun auch die Kirche des II. Vatikanums charakterisieren.9
Das dritte Ereignis, das die evangelikale Zielsetzung des II. Vatikanums bekräftigte und die lebendigen Teile der Weltkirche im 21. Jahrhundert inspirierte, war das große Jubiläumsjahr, das Heilige Jahr 2000.
Johannes Paul II. rief dieses Heilige Jahr aus, damit die Kirche sich erneut auf den Wegen der Heilsgeschichte bewegte. Wozu das? Damit das Kirchenvolk sich daran erinnerte, dass das Christentum keine fromme Legende ist: Das Christentum beruht auf bestimmten historischen Ereignissen, auf Dingen, die echten Männern und Frauen zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort widerfahren sind. Und diese Ereignisse – allen voran die Begegnung mit dem auferstandenen Herrn, den diese Männer und Frauen zuvor als den Rabbi Jesus aus Nazaret gekannt hatten – verwandelten Menschen, die sich bis dahin scheu abseits gehalten hatten, in eine Gemeinschaft von Jüngern, die eine religiöse Revolution auslöste.
Um dies ein für alle Mal klarzustellen, beendete Johannes Paul II. das Heilige Jahr am 6. Januar 2001 mit dem Apostolischen Schreiben Novo millennio ineunte (»Zu Beginn des neuen Jahrtausends«), in dem er eine biblische Metapher für den Katholizismus des dritten Jahrtausends prägte. Wie Christus die Fischer Petrus und Andreas aufgefordert hatte, aufs tiefe Wasser hinauszufahren und die Netze zum Fang auszuwerfen (vgl. Lk 5,4)10, so rief Christus nun seine Kirche dazu auf, die seichten, zuweilen brackigen und scheinbar sicheren Gewässer der institutionellen Verwaltung zu verlassen und hinauszufahren in die aufgewühlten Fluten des 21. Jahrhunderts, um einen großen Fang an Jüngern zu machen.
Wie die Kirche einst begonnen hatte, so sollte sie ihren Auftrag weiter erfüllen.
Diese vom Geist geführte Reise durch die letzten Jahrzehnte des zweiten und die ersten Jahrzehnte des dritten Jahrtausends ist für die Kirche zuweilen eine Wüstenwanderung gewesen. Es gab Zeiten – manchmal waren es Jahre –, in denen die Reise in eine vom großen Sendungsauftrag getragene katholische Zukunft ins Stocken geriet. Das war nicht anders zu erwarten. Eine Kirche, die ganz und gar aus unvollkommen Bekehrten besteht, eine Kirche der Sünder, die von der Gnade leben und im Glauben voranschreiten, wird hin und wieder vom Weg abkommen und sich womöglich in diesen Zeiten des Stillstands gegen sich selbst wenden und auf eine Art brudermörderischen Streit einlassen. Es hat in den vergangenen eineinhalb Jahrhunderten auch Zeiten gegeben, in denen die Kirche kurz vor dem Schiffbruch zu sein schien. In solchen Zeiten ist es wichtig, daran zu erinnern, dass das einzige göttlich inspirierte Buch über die Kirchengeschichte, die Apostelgeschichte, mit einem Schiffbruch endet – und dass diese scheinbare Katastrophe zur Chance wurde, den Missionsauftrag der Kirche auszuweiten.
Trotz aller Schwierigkeiten, mit denen der Katholizismus konfrontiert ist – Schwierigkeiten, über die man die katholische Kirche in der Regel definiert, wenn man sie nicht von innen kennt –, bleibt doch klar, wie der gangbare Weg in eine Zukunft der katholischen Kirche verläuft. Die Kirche des 21. Jahrhunderts und des dritten Jahrtausends wird eine christuszentrierte Kirche sein, die das Evangelium in seiner ganzen Fülle verkündet – oder sie wird nichts sein. Jene, die diese Kirche leiten werden, müssen das verstehen. Die Leitung dieser Kirche darf sich nicht davon einschüchtern lassen, dass wir nicht in Zeiten des Christentums, sondern in apostolischen Zeiten leben. In der jetzigen Zeit des Katholizismus sollte uns diese Tatsache beleben und stärken, denn es ist eine Zeit, in der jeder in der Kirche zum Abenteuer der Mission aufgerufen ist.
Die missionarische Verantwortung betrifft jeden in der Kirche. Und viele können in unterschiedlichen Lebensphasen bei der Durchführung dieser Mission eine tragende Rolle übernehmen. Die Hauptrolle in diesem Missionswerk spielen jedoch per definitionem diejenigen, die innerhalb der Kirche mit pastoraler Autorität ausgestattet sind. Diese Autorität wird durch das Weihesakrament und die Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom verliehen.
Und welche Anforderungen an den Bischof von Rom in diesen apostolischen Zeiten gestellt werden, ist Gegenstand der folgenden Überlegungen.
Der nächste Papst und die Neuevangelisierung
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater. Wir danken Gott, dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, allezeit, wenn wir für euch beten. Denn wir haben von eurem Glauben in Christus Jesus gehört und von der Liebe, die ihr zu allen Heiligen habt wegen der Hoffnung, die für euch im Himmel bereitliegt. Schon früher habt ihr davon gehört durch das wahre Wort des Evangeliums, das bei euch anwesend ist. Wie in der ganzen Welt, so trägt es auch bei euch Frucht und wächst.
Kol 1,2–6
Der nächste Papst muss mit ganzer Kraft der Neuevangelisierung als dem Königsweg der Kirche für das 21. Jahrhundert verpflichtet sein.
Die Dogmatische Konstitution über die Kirche, unter ihrem lateinischen Namen Lumen gentium (»Das Licht der Völker«) bekannt, und die Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei verbum (»Gottes Wort«) sind die beiden wichtigsten Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils. Darin haben die Konzilsväter die Existenz der katholischen Kirche im großen Panorama der Heilsgeschichte verortet. Diese geschichtliche Perspektive und das damit verbundene Kirchenverständnis sind wesentlich für eine echte katholische Reform und Wiederbelebung des katholischen Sendungsauftrags einschließlich des Auftrags des Petrusamtes.
Laut Lumen gentium und Dei verbum hat Gott seit dem ersten Schöpfungstag einen Plan der Erlösung und Heiligung entfaltet. Dieser Plan, der zuerst unverhüllt kundgetan wurde, als Gott sich dem Volk Israel offenbarte, wurde zur Vollendung gebracht durch das Leben, den Tod und die Auferstehung Jesu von Nazaret, des menschgewordenen Gottessohnes. In seiner Person hat Jesus, der Herr, das Reich Gottes in der Geschichte seiner Bestimmung übergeben (wie er selbst in Mk 1,15 erklärt: »Das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!«). Und damit hat der Herr alle, die an ihn glauben und das Angebot seiner Freundschaft annehmen, ermächtigt, hier und jetzt jenseits der Geschichte in der Gemeinschaft der Jünger, die die Kirche ist, zu leben. Die Kirche existiert also aufgrund dem in Lumen gentium beschriebenen »völlig freien, verborgenen Ratschluss seiner [göttlichen] Weisheit und Güte«, der von Anfang an darauf ausgerichtet war, »die Menschen zur Teilhabe an dem göttlichen Leben zu erheben«.1
Und in der Mitte der Existenz der Kirche steht die Realität Jesu Christi.
Die Heilsgeschichte verläuft nicht parallel zur Weltgeschichte. Die Heilsgeschichte ist die Weltgeschichte: die in ihrer eigentlichen Tiefe und gegen den Strich ihres eigenen Horizonts gelesene Weltgeschichte. Die Kirche steht mithin nicht außerhalb, sondern innerhalb der Geschichte und erinnert die Welt an die tiefste Wahrheit über sich selbst. Und wenn die Kirche Ausdruck und wesentlicher Bestandteil von Gottes Heilsplan für die Welt ist, dann ist die Kirche kein historischer Zufall (wie so viele andere Institutionen, die entstehen, eine Zeit lang existieren und dann wieder verschwinden) und kann nicht als ein rein soziologisches Phänomen verstanden werden. Und deshalb haben die Konzilsväter des II. Vatikanums alle Katholiken nachdrücklich dazu aufgefordert, von der Kirche in Bildern zu denken, die der Bibel, dem geschriebenen Wort Gottes, entnommen sind. Zuweilen – wenn das menschliche Versagen von Kirchenvolk und Kirchenleitung allzu offensichtlich wird, wenn die institutionelle Kirche von manchen Seiten nichts als Verachtung erntet und wenn angesichts unzähliger Krisen und Herausforderungen die evangelikalen Kräfte schwinden – ist es wichtig, sich an die tieferen Wahrheiten über die Kirche zu erinnern, die in diesen biblischen Metaphern übermittelt werden.
Laut Lumen gentium ist die Kirche »der Schafstall, dessen einzige und notwendige Tür Christus ist (Joh 10,1–10)«.2 Die Kirche »ist auch die Herde, als deren künftigen Hirten Gott selbst sich vorherverkündigt hat (vgl. Jes 40,11; Ez 34,11 ff)«.3 Und die Schafe dieser Herde »werden […] immerfort von Christus, dem guten Hirten und dem Ersten der Hirten, geführt und genährt (vgl. Joh 10,11; 1 Petr 5,4), der sein Leben hingegeben hat für die Schafe (vgl. Joh 10,11–15)«.4
Die Kirche ist auch der Weinberg, der »vom himmlischen Ackerherrn als auserlesener Weingarten gepflanzt [wurde] (Mt 21,33–43 par.; vgl. Jes 5,1 ff.)«.5 Und »der wahre Weinstock [in diesem Weingarten] aber ist Christus, der den Rebzweigen Leben und Fruchtbarkeit gibt, uns nämlich, die wir durch die Kirche in ihm bleiben, und ohne den wir nichts tun können (Joh 15,1–5)«.6
Die lebendigen Teile der katholischen Kirche sind heute diejenigen, die erfüllt sind von der Überzeugung, dass Jesus Christus, der fleischgewordene Gottessohn, die Mitte der Kirche ist. Die lebendigen Teile der katholischen Kirche sind heute diejenigen, die sich Christus übergeben haben, der, mit Lumen gentium gesprochen, »das Licht der Welt ist: Von ihm kommen wir, durch ihn leben wir, zu ihm streben wir hin«.7
Die katholische Kirche existiert weder durch noch für sich selbst. Die katholische Kirche existiert wegen des göttlichen Heilsplans, der die innere Wirklichkeit der Geschichte und des Kosmos ist. Und die katholische Kirche existiert, um Jesus Christus und sein Evangelium zu verkünden.
Die Kirche wieder auf Christus und das Evangelium zu zentrieren, war eine der größten Leistungen der vom Geist geführten katholischen Erneuerungsbewegung, die unter Papst Leo XIII. ihren Anfang nahm. Die Kirche wieder auf Christus und das Evangelium zu zentrieren, war eine der Absichten Papst Johannes’ XXIII. für das Zweite Vatikanische Konzil. Es sollte die Kirche an diese vom Geist geführte Dynamik erinnern. In derselben Absicht schrieb Papst Paul VI. Evangelii nuntiandi, definierten die Väter der Außerordentlichen Bischofssynode von 1985 das Kirchenverständnis des Konzils als das einer missionarischen Gemeinschaft des Volkes Gottes und rief Johannes Paul II. die Kirche in Novo millennio ineunte dazu auf, hinauszufahren auf das tiefe Wasser der Neuevangelisierung.
Deshalb kann man es nicht oft genug, sondern muss es so oft wie möglich sagen, weil die Tendenz, die Kirche institutionell zu denken, so tief in der katholischen Vorstellungswelt verwurzelt ist: Jesus Christus und sein Evangelium sind der Daseinsgrund der Kirche. Und deshalb muss Jesus Christus im Zentrum der Verkündigung dieses Evangeliums stehen und Christus muss das Zentrum allen Wirkens der Kirche sein.
Natürlich tut die katholische Kirche vielerlei.
Die Kirche betet den einen und wahren Gott »im Geist und in der Wahrheit« an (Joh 4,23). »In der Liturgie«, so schrieben die Väter des II. Vatikanums in der Konstitution über die heilige Liturgie (Sacrosanctum concilium), »besonders im heiligen Opfer der Eucharistie ›vollzieht sich‹ ›das Werk unserer Erlösung‹, und so trägt sie in höchstem Maße dazu bei, dass das Leben der Gläubigen Ausdruck und Offenbarung des Mysteriums Christi und des eigentlichen Wesens der wahren Kirche wird«.8
Die Kirche verbindet Wunden, verkündet den Gefangenen die Freiheit, tritt für die Wehrlosen ein, stärkt die Armen, bringt jenen Bildung, die nach Wissen dürsten, tröstet die Kranken und begräbt die Toten. Mit ihren zahllosen karitativen und wohltätigen Werken und ihrem Einsatz für die Erziehung bereichert die katholische Kirche das Leben von Millionen, die keine Katholiken, aber nach kirchlichem Glauben und Verständnis gleichwohl Männer und Frauen von Wert und unantastbarer Würde sind, für die der Sohn Gottes gelitten hat und gestorben ist. Mit diesen Werken kann die Kirche andere zu Christus und zur Gemeinschaft seiner Freunde führen – und das tut sie auch.
Doch all diese Dinge, die die Kirche tut, erwachsen aus der grundlegenden Wahrheit darüber, was die Kirche ist und sein muss: Verkünderin des Evangeliums. Die Kirche betet im Geist und in der Wahrheit an, weil Gott angebetet werden soll; weil Christus seinen Freunden aufgetragen hat, die Eucharistie des Neuen Bundes zu feiern: »Tut dies zu meinem Gedächtnis!« (Lk 22,19); weil Anbetung im Geist und in der Wahrheit dem Christen oder der Christin ein tieferes Verständnis seiner oder ihrer Taufwürde vermittelt; und weil die Gnade der sakramentalen Anbetung die Freunde Jesu Christi für die Sendung ausrüstet. Die Kirche tut ihre guten Werke nicht, weil ihr das bei der Welt Sympathien einträgt, sondern weil Christus, der Herr, seinen Freunden aufgetragen hat, dies zu tun – und weil sie den Ungläubigen oft helfen, zum ersten Mal die wärmende Flamme der göttlichen Liebe zu spüren.
Vor allem anderen aber hat der Herr Jesus seinen Freunden aufgetragen, das Evangelium zu verkünden und somit das Geschenk, das sie selbst erhalten haben, mit anderen zu teilen.
Deshalb ist alles in der Kirche und ist jeder in der Kirche dem Evangelium untergeordnet. Jene, die sich dem Evangelium nicht unterordnen, beeinträchtigen ihre Gemeinschaft mit der Kirche und mit Christus.
Das Evangelium kann nur verkündet werden, wenn es als wahr angenommen wird. Das haben die Väter des Ersten wie auch des Zweiten Vatikanischen Konzils verstanden.
In der Dogmatischen Konstitution über den katholischen Glauben Dei Filius (»Der Sohn Gottes«) hielten die Bischöfe des I. Vatikanums 1870 zwei entscheidende Wahrheiten fest: dass die Wirklichkeit Gottes im Licht der Vernunft erkannt werden kann und dass es Eigenschaften Gottes gibt, die nur durch die Offenbarung erkannt werden können. Diese zweifache Bejahung des Glaubens und der Vernunft als Wege der Gotteserkenntnis war eine wesentliche Voraussetzung dafür, den katholischen Glauben unter den Bedingungen der Gegenwartskultur unversehrt zu bewahren, die oft Zweifel daran äußert, dass überhaupt irgendetwas mit Gewissheit und wahrheitsgemäß ausgesagt werden kann. Deshalb lehrte Johannes Paul II. 1998 in seiner Enzyklika Fides et ratio, dass »Glaube und Vernunft«, die dem Rundschreiben seinen Titel gaben, wie zwei Flügel sind, »mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt«.9 Und Papst Benedikt XVI. lehrte bei vielen Gelegenheiten, dass die Vernunft wesentlich ist, um den Glauben von abergläubischen Elementen zu reinigen, während der Glaube seinerseits die Vernunft davor bewahrt, sich in sich selbst zu verschließen und sich einem positivistischen Materialismus zu ergeben, für den die menschliche Person nicht mehr als zusammengeballter kosmischer Staub ist.
Angesichts einer sogar noch skeptischeren und säkularisierteren Welt als zu Zeiten des I. Vatikanums bestanden die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils mit demselben Nachdruck auf der Wahrheit der göttlichen Offenbarung. Auf dem II. Vatikanum war vielen Bischöfen insbesondere aus dem von drei totalitären Systemen und zwei Weltkriegen zerrütteten Europa bewusst, dass die Zeit um die Mitte des 20. Jahrhunderts als Zeit eines verstörenden Schweigens empfunden wurde – eines Schweigens, das auf einen Kosmos ohne Sinn und Bedeutung hinzuweisen schien. Angesichts einer von vielen Kulturschaffenden wahrgenommenen Leere betonten die Bischöfe des Zweiten Vatikanischen Konzils, dass Gott das Schweigen durchbrochen hat: dass Gott in der Vergangenheit zur Menschheit gesprochen hat und dass Gott auch in der Gegenwart nach wie vor zur Menschheit spricht. Gott hat das Schweigen durchbrochen: Zuerst hat er sich in Wort und Tat seinem Volk Israel geoffenbart, und später hat Gott ein endgültiges Wort in die Geschichte hineingesprochen, als er sich in der Person des Sohnes, der zweiten Person der Dreifaltigkeit, offenbarte, der als Jesus von Nazaret, Sohn Mariens und Sohn Gottes, Mensch wurde.
In den Jahrzehnten vor dem II. Vatikanum debattierten katholische Theologen mit ihren protestantischen Akademikerkollegen über eine Frage, die von den verschiedenen Reformationen des 16. Jahrhunderts aufgeworfen worden war: Gibt es nur eine »Quelle« der göttlichen Offenbarung, die Schrift, oder gibt es zwei Quellen, die Schrift und die Tradition? Die Väter des II. Vatikanums lehrten, dass die eine »Quelle« der Offenbarung Gott selbst ist, der sowohl durch die Heilige Schrift als auch durch die Heilige Überlieferung zur Menschheit gesprochen und dabei Wahrheiten verkündet hat, die für alle Zeiten und an allen Orten gültig und damit für alle Zeiten und alle Orte verbindlich sind.
Zum jetzigen Zeitpunkt in der Geschichte des Katholizismus, in der einige die Auffassung vertreten, dass sich nicht etwa die Geschichte an Gottes Offenbarung, sondern Gottes Offenbarung am Fluss der Geschichte und an unserer gegenwärtigen Erfahrung messen lassen müsse, ist es wichtig, daran zu erinnern, mit welchem Nachdruck das Zweite Vatikanische Konzil die Wirklichkeit und Wahrheit der göttlichen Offenbarung bekräftigt hat. Im zweiten Kapitel der Konstitution Dei verbum schrieben die Konzilsväter:
»Was Gott zum Heil aller Völker geoffenbart hatte, das sollte, so hat er in Güte verfügt – für alle Zeiten unversehrt erhalten bleiben und allen Geschlechtern weitergegeben werden. Darum hat Christus, der Herr, in dem die ganze Offenbarung des höchsten Gottes sich vollendet (vgl. 2 Kor 1,20; 3,16–4,6), den Aposteln geboten, das Evangelium, das er als die Erfüllung der früher ergangenen prophetischen Verheißung selbst gebracht und persönlich öffentlich verkündet hat, allen zu predigen als die Quelle jeglicher Heilswahrheit und Sittenlehre und ihnen so göttliche Gaben mitzuteilen. Das ist treu ausgeführt worden, und zwar sowohl durch die Apostel, die durch mündliche Predigt, durch Beispiel und Einrichtungen weitergaben, was sie aus Christi Mund, im Umgang mit ihm und durch seine Werke empfangen oder was sie unter der Eingebung des Heiligen Geistes gelernt hatten, als auch durch jene Apostel und apostolischen Männer, die unter der Inspiration des gleichen Heiligen Geistes die Botschaft vom Heil niederschrieben […].
Die Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift sind eng miteinander verbunden und haben aneinander Anteil. Demselben göttlichen Quell entspringend, fließen beide gewissermaßen in eins zusammen und streben demselben Ziel zu. Denn die Heilige Schrift ist Gottes Rede, insofern sie unter dem Anhauch des Heiligen Geistes schriftlich aufgezeichnet wurde. Die Heilige Überlieferung aber gibt das Wort Gottes, das von Christus, dem Herrn, und vom Heiligen Geist den Aposteln anvertraut wurde, unversehrt an deren Nachfolger weiter […].
Die Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift bilden den einen der Kirche überlassenen heiligen Schatz des Wortes Gottes.«10
Deshalb müssen Lumen gentium und Dei verbum, die beiden grundlegenden Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils, zusammen gelesen werden. Ohne den übernatürlichen Glauben an die göttliche Offenbarung kann die Kirche sich selbst nicht richtig verstehen und kann sie auch über ihr Leben und ihren Auftrag nicht richtig verfügen. Die Kirche bringt diesen Glauben zum Ausdruck, indem sie die Schrift als das Wort Gottes verkündet, und im Gehorsam gegenüber den Wahrheiten, die das kirchliche Lehramt als bleibende Bestandteile der kirchlichen Überlieferung definiert.
Der nächste Papst muss dies verstehen und es die ganze Weltkirche lehren.
Viele neuere Diskussionen in der katholischen Kirche einschließlich der Debatten vor, während und nach den Synoden von 2014, 2015 und 2018 und während der Sonderversammlung der Bischofssynode für die Pan-Amazonas-Region waren im Grunde genommen Debatten über die Wahrheit und Verbindlichkeit der Offenbarung. Sind die Worte Jesu, des Herrn, über das Wesen der Ehe und ihre Unauflöslichkeit auch heute noch wahr und verbindlich? Oder gibt unsere Erfahrung der Zerbrechlichkeit der Ehe in der zeitgenössischen Gesellschaft uns das Recht, etwas an der Lehre Jesu nachzujustieren oder sogar zu korrigieren? Sind die Worte und Bestimmungen des heiligen Paulus über den würdigen Empfang der heiligen Kommunion auch heute noch wahr und verbindlich? Oder gibt unsere historische Situation uns das Recht, etwas an der Lehre des heiligen Paulus nachzujustieren oder zu korrigieren? Sind die Lehren Jesu, des Herrn, und des heiligen Paulus über die Ethik der menschlichen Liebe und darüber, wie eine Liebe beschaffen sein muss, damit daraus Glück und Seligkeit erwachsen, auch heute noch wahr und verbindlich? Oder gibt uns die sexuelle Revolution das Recht, uns in diesen Dingen für kompetenter zu halten als Jesus, der Herr, der heilige Paulus und die seit zwei Jahrtausenden unveränderte Lehre der Kirche? Gilt der große Sendungsauftrag, hinauszugehen und alle Völker zu Jüngern zu machen, auch in Bezug auf indigene Bevölkerungen?
In diesen und ähnlichen Debatten geht es nicht um »Politik«. Es geht um die Wahrheit der göttlichen Offenbarung. Und es ist wichtig, sich klarzumachen, dass solche Debatten typischerweise an bestimmten soziologischen und historischen Orten aufkommen.
Diejenigen, die die Auffassung vertreten, die Offenbarung müsse sich an der Geschichte messen lassen und die Kirche könne an den Lehren Jesu, des Herrn, und des Völkerapostels sozusagen Verbesserungen vornehmen, kommen hauptsächlich aus älteren Ortskirchen, die die kulturellen Angriffe auf den Katholizismus – angefangen bei den europäischen Aufklärungsbewegungen des 19. Jahrhunderts – mit voller Wucht abbekommen haben: katholische Gemeinschaften, insbesondere im deutschsprachigen Raum, deren liberale protestantische Nachbarn sich schon längst von der Vorstellung einer über die Zeit verbindlichen göttlichen Offenbarung verabschiedet haben. Diese soziologische und historische Tatsache legt (sosehr sich der eine oder andere auch dagegen sträuben mag) die Schlussfolgerung nahe, dass Männer der Kirche, die vorschlagen, die Offenbarung so anzupassen, dass sie sich in ein zeitgenössisches kulturelles Muster einfügt, im Grunde an einem Mangel an Glauben an den Sohn Gottes leiden. Sie sind auch nicht überzeugt von der Möglichkeit, den Herrn Jesus als Sohn Gottes zu verkünden, und versagen deshalb darin, die Freundschaft mit Jesus Christus als Antwort auf die tiefsten Sehnsüchte des menschlichen Herzens anzubieten. Darauf folgt in kurzer Zeit die Anpassung an die kulturellen Sitten und Gebräuche der umgebenden Gesellschaft. So gibt es ein weit hergeholtes Bestreben, diese Sitten und Gebräuche »einzuweihen«. Und ebenso bestehen implizite oder explizite Anstrengungen, die Kirche zu einer Freiwilligenorganisation umzudefinieren, die sich karitativ in der Gesellschaft engagiert.
Im Gegensatz dazu kommt das stärkste Bekenntnis zur Verteidigung der Wahrheit und der verbindlichen Autorität der Offenbarung in den katholischen Debatten der letzten Jahre aus den jüngeren afrikanischen Ortskirchen und aus jenen Teilen der westlichen Kirche, die die Neuevangelisierung als den Königsweg der Kirche für das 21. Jahrhundert und das dritte Jahrtausend verwirklichen. Wo der Glaube an Christus stark ist und wo dieser Glaube mit Eifer als wahrhaft befreiend verkündet wird, dort erscheinen die Wahrheiten der Offenbarung als die Magna Charta des menschlichen Glücks: als Weg zu Gotteserkenntnis und ewigem Leben. Und ausgehend von dieser Verkündigung der Wahrheit Gottes in Christus folgt der echte Dienst für die Gesellschaft.
Die katholische Kirche der Neuevangelisierung – welche die katholische Kirche der Wahrheit der Offenbarung ist – ist lebendig. Die katholische Kirche der kulturellen Anpassung – die Kirche, die sich der Wahrheit der Offenbarung nicht sicher und daher unfähig ist, das Evangelium furchtlos zu verkünden – liegt im Sterben oder ist bereits tot.
Dies muss der nächste Papst verstehen.
Diese empirischen Fakten über die Situation des Katholizismus im 21. Jahrhundert unterstreichen die Wahrheit dessen, was Lumen gentium und die Väter des II. Vatikanums gelehrt haben: die Kirche – deren Mitte Christus ist: »Von ihm kommen wir, durch ihn leben wir, zu ihm streben wir hin«11 – ist eine sakramentale Gnadengemeinschaft, in der alle dazu aufgerufen sind, das Evangelium zu verkünden. Anders ausgedrückt: Die katholische Kirche ist keine weitere NGO (Nichtregierungsorganisation) wie so viele andere Institutionen auf der heutigen Weltbühne.
NGOs leisten auf den verschiedensten Gebieten eine wichtige Arbeit. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts erinnert uns mit Nachdruck daran, dass eine gesunde Zivilgesellschaft mit blühenden Nichtregierungsorganisationen und natürlichen menschlichen Gemeinschaften wie der Familie eine wesentliche Voraussetzung für Freiheit, Wohlstand und Solidarität ist. Der Gegenentwurf ist die niedergewalzte soziale Landschaft des Totalitarismus und seiner Begleiterscheinung, der Tyrannei.
Dennoch kann die katholische Kirche sich nicht als NGO definieren. Wenn sie das tut, werden – obwohl sie auf beträchtliche finanzielle Ressourcen und eine umfangreiche bürokratische Infrastruktur zurückgreifen kann – ihre evangelikalen Arterien sich verhärten. Die toleranteren Bereiche der postmodernen westlichen Kultur sind bereit, mit einer als NGO verstandenen katholischen Kirche zu leben, und sie drängen die Kirche sogar häufig in diese Richtung. Zunehmend schwer fällt es der postmodernen westlichen Kultur jedoch, eine katholische Kirche zu tolerieren, die – ohne Aggression, jedoch auch ohne Rechtfertigung – Jesus Christus als den Herrn und Erlöser und sein Evangelium als die Wahrheit der Welt verkündet. Unter diesem kulturellen (und politischen und gesetzlichen) Druck sind Katholiken, die ihr Vertrauen in die lebensverändernde Kraft des Evangeliums verloren haben, versucht, die Kirche auf eine NGO zu reduzieren – und sie sind dieser Versuchung oft erlegen. Wer sich so verhält, beweist jedoch einen mangelnden Glauben an das Evangelium, das der heilige Paulus in Röm 1,16 als »eine Kraft Gottes zur Rettung für jeden, der glaubt«, verkündet hat.
Die wichtigste Debatte in der katholischen Kirche im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts dreht sich nicht um die Frage, ob das Zweite Vatikanische Konzil eine kluge oder eine dumme Idee gewesen ist. Diese Debatte seriös zu führen, wird erst in einigen Hundert Jahren möglich sein. Dann wird sich herausgestellt haben, ob das II. Vatikanum eine Neuauflage des V. Laterankonzils, eines Reformkonzils im frühen 16. Jahrhundert, dem es nicht gelungen ist, die Kirche mit neuer Kraft auf die Evangelisierung und den Missionsauftrag auszurichten, oder eine Neuauflage des Tridentinischen Konzils gewesen ist: eines Reformkonzils, das die Kirche mit Erfolg im Sinne der Wahrheiten des Evangeliums erneuert und gewaltige missionarische Energien freigesetzt hat.
Die wichtigste Debatte in der katholischen Kirche von heute ist eine Debatte, die 1964 und 1965 während der beiden letzten Sitzungsperioden des II. Vatikanums begonnen und die sich bis heute fortgesetzt hat: die Debatte über die Frage, ob das II. Vatikanum ein Konzil der Kontinuität mit der Offenbarung und der Überlieferung oder ein Konzil des Bruchs und der Diskontinuität gewesen ist, auf dem die Kirche sich im Wesentlichen neu erfunden hat.
Die Texte des II. Vatikanums beweisen, dass die Konzilsväter sowohl die Mahnung Johannes’ XXIII., den katholischen Glauben in seiner Fülle unversehrt zu bewahren, als auch seine Herausforderung beherzigt haben, für diesen Glauben Ausdrucksformen zu finden, die auch von den heutigen Menschen aufgenommen werden. Die lebendigen Teile der katholischen Kirche sind diejenigen, die den Weg der Erneuerung in Kontinuität mit der Offenbarung und der Überlieferung beschritten haben. Die sterbenden Teile der Kirche sind diejenigen, die darauf bestehen, dass das II. Vatikanum einen »Paradigmenwechsel« vollzogen habe – so als ob zwischen dem 11. Oktober 1962 und dem 8. Dezember 1965 in der katholischen Kirche etwas geschehen wäre, das die gleiche Bedeutung hätte wie der Beweis des Kopernikus, dass die Erde nicht das Zentrum des Sonnensystems ist, sondern sich um die Sonne dreht. Diese Wende – von der ptolemäischen zur kopernikanischen Kosmologie – war ein echter »Paradigmenwechsel«, ein radikaler Bruch mit der Vergangenheit und der Beginn eines anderen Weges in die Zukunft.
Die katholische Kirche vollzieht keine Paradigmenwechsel, denn Jesus Christus – »derselbe gestern und heute und in Ewigkeit« (Hebr 13,8) – ist immer das Zentrum der Kirche. Es gibt keine Evangelisierung, die nicht mit dieser Überzeugung beginnt. Und auch keine Zukunft des Katholischen.
Der nächste Papst muss all dies verstehen und er muss entschlossen sein, eine christuszentrierten Kirche zu führen, die das Werk der Evangelisierung durchführt. Der nächste Papst muss die Kraft des Evangeliums in seinem eigenen Leben sichtbar werden lassen. Und der nächste Papst muss verstehen, dass das Werk der Evangelisierung nur dann erfolgreich sein kann, wenn das Evangelium in seiner ganzen Fülle verkündet wird. Diese Verkündigung muss in uneingeschränktem Respekt vor der menschlichen Freiheit und mit einem mitfühlenden Verständnis für jene Vielschichtigkeiten des menschlichen Herzens erfolgen, über die der Prophet Jeremia vor rund 2600 Jahren geschrieben hat. Aber sie muss erfolgen, diese Verkündigung des Evangeliums – und zwar in seiner ganzen Fülle.
Pulsuz fraqment bitdi.