Kitabı oxu: «Protokoll gegen Franziskus»
Protokoll gegen Franziskus
und die gewollte
Ohnmacht der Frauen
Georges Hentschel
Impressum
Texte: © Copyright by Georges Hentschel
Cover: © Copyright by Georges Hentschel
Verlag: Georges Hentschel
Altstetterstrasse 293
8048 Zürich
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Prololog
… Der eigene Tod entzieht sich unserem Willen - ausser, wir führen ihn mutwillig herbei. Bei den Griechen zogen sich die alten Männer zurück, um in würdiger Verfassung aus dem Leben zu treten. Ebenso bei den Eskimos, einigen nordamerikanischen Indianern und anderen Naturvölkern. Aber uns wird die Autonomie zur Selbsttötung verboten. Die Ausbeutung unserer Existenz dürfen wir nicht verhindern, indem wir dieses Spiel durch den eigenen Tod mutwillig beenden.
Ärgerlicherweise können wir nach gelungener Tat nicht mehr bestraft werden. Dafür bekommen Angehörige moralischen Druck zu spüren. Das Gemeinwesen entzieht uns überall dort die Macht über uns selbst, wo wir der Nützlichkeit entgehen könnten. Künstler und Behinderte haben in unserer Gesellschaft die grössten Freiheiten. Aber meistens geniessen sie keine Achtung und bekommen schnell den Druck zu spüren, Parasiten zu sein. Dabei sitzen die wirklichen Parasiten in ihren Palästen. Und für all diejenigen, die dazwischen existieren gilt es, Verbote zu lernen. Verboten zu sterben wie man will, verboten zu lieben wie man will, verboten zu leben wie man will, verboten, verboten.
… Moral ist immer so beschaffen, dass sie den Zielen der Mächtigen dient. Und die Mächtigen bedienen sich der Furcht vor den Göttern. So leben die Mächtigen von der Angst der Ohnmächtigen und die Reichen von den Armen und die Armen wiederum von der Arbeit. Was nützt uns der Glaube an Götter, die nur denen nutzen, die von uns leben? Die uns die Heiligkeit eines Gottbildes aufzwingen, um ihre Gewalt davon abzuleiten - die sich nicht schämen, Kinderseelen in Abhängigkeiten zu schlagen, um von lebenslanger Demut zu profitieren? Gleichgültig, mit welchen Seelenqualen Millionen von Existenzen hinterlassen sind, wenn ihnen im Todesfieber nichts anderes bleibt, als das eingepflanzte Bild vom Fegefeuer.
Offensichtlich verlangen unsere Todesängste nach Gottbefohlenheit, um so der Herrschaft eines panischen Egoismus zu entkommen. Aber welches Gottesbild würde eine wirklich humane Gesellschaft hervorbringen?
Voltaire schrieb ‚Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild, aber der Mensch hat es ihm heimgezahlt.’
Werden wir je einen Gott kreieren, der mehr sein wird als das, was wir an Macht begehren?
Mit unserer Manipulationskultur bekommt auch die Macht ein anderes Gesicht. Sie fusst nicht mehr auf zentral abgeleiteter Autorität, sondern auf Strömungen breit wirkender Suggestionen. Wir leben in diesen Strömungen mit immer schneller wechselnden Aktualitäten. Medien zerren Missstände an die Oberfläche, dramatisieren sie kurz und heftig, um sich sofort wieder dem nächsten Skandal zu widmen. Das geschieht so schnell und rastlos, als wären es Schimären und nicht furchtbare Wirklichkeiten. Gräuel verblassen schnell und werden von neuem Gräuel überdeckt. Gigantische Misswirtschaft wird von noch grösserer übertrumpft. Nicht eingehaltene Versprechen entziehen sich mühelos jeder Konsequenz. Wie wird sich unser Zusammenleben entwickeln mit diesem fortdauernden Verlust von Wahrhaftigkeit? …
… Hoffnung ist für die Hoffnungslosen. Mäuse kommen aus ihren Verstecken, inspizieren jeden Zentimeter auf der rastlosen Suche nach Chancen, merken nicht den hungrigen Blick des Habichts, erkennen nicht den Mechanismus der Falle und mit einem Schlag hat alle Suche ein Ende. Ihre Vorratskammern bleiben ungenutzt, und ihre noch blinden Jungen verhungern.
Nimmt unsere Rastlosigkeit ein plötzliches Ende, gibt es für die Angehörigen soziale Sicherungen. Die Rastlosigkeit der Menschheit hingegen wird Generationen in der Hoffnungslosigkeit hinterlassen. Wie können wir Kinder in eine solche Perspektive hineingebären? Welch einen Inhalt hat in unserer Kultur der Begriff Verantwortung? Wollen wir uns auf die Konsequenzen unseres Treibens überhaupt Antworten geben?
Ethik-Dialog
„Franziskus! Franziskus!“
„Wer ruft mich?“
„Ich GIWEG 37“
„Wer bist du mein Sohn?“
„Ich bin der Siebenunddreissigste Gross-Inquisitor des Welt-Ethik-Gewissens.“
„Gross-Inquisitor? Das ist lange vorbei.“
„Nichts ist wirklich vorbei, solange der Kosmos besteht.“
„Du sprichst von der Ewigkeit? Mein Sohn?“
„Ihr nennt es Ewigkeit, weil ihr an etwas glauben müsst, solange ihr es nicht versteht.“
„Komm etwas mehr ins Licht, ich kann dich nicht erkennen, mein Sohn.“
„Du brauchst kein Licht, Franziskus, je weiter unser Gespräch fortschreitet, desto besser wirst du mich erkennen.“
„Und wenn ich dieses Gespräch nicht will?“
„Du kannst es nicht beenden.“
„Und wenn ich einfach schweige?“
„Du kannst nicht schweigen, weil ich mit deinem Gewissen spreche, Franziskus, und dein Gewissen wird mir immer antworten.“
„Dann scheinst du sehr mächtig zu sein – wie war noch dein Name?“
„GIWEG 37, der Siebenunddreissigste Gross-Inquisitor des Welt-Ethik-Gewissens, aber nenne mich einfach GI.“
„Dann bin ich also gezwungen dir zu antworten?“
„Oh, ich sehe, du hast Mühe es zu verstehen, Franziskus, dein Gewissen hat nach mir verlangt, ich bin hier, weil es nach mir gerufen hat.“
„Und warum weiss ich nichts davon?“
„Das geht den meisten Menschen so, sie haben ihr Leben lang scheinbar wichtigeres zu tun, und hören ihr Gewissen nicht.“
„Ich versuche mein Gewissen sehr häufig zu erforschen, also müsste ich doch davon wissen.“
„Deine Nöte sendeten Botschaften aus, die mich erreichten.“
„Von welchen Nöten sprichst du?“
„Wenn die Strassen gesäumt sind mit hoffnungsvollen Menschen, die dir zujubeln und sich die eigene Ohnmacht über dein Gemüt senkt. Wenn dir bewusst ist, dass dir die Ausgebeuteten zuwinken in der Hoffnung auf etwas göttliche Gerechtigkeit, und du genau weisst, wie ein weltweiter kommerzieller Zynismus jede Chance darauf verunmöglicht.“
„Ich bete inständig um Verbesserung!“
„Das tun Millionen Menschen – und, siehst du irgendwo eine Verbesserung?“
„Es gab viele Heilige, die erstaunliches bewirkten!“
„Du willst mir weiss machen, dass du an die von der Kirche kultivierten Mythen glaubst? Die Heiligen dienen doch nur dazu die Ehrfurcht vor der Kirche zu vertiefen. Du bist viel zu klug, um dich ernsthaft darauf abzustützen.“
„Meine Ziele sind redlich und ich verfolge sie mit heiligem Ernst.“
„Verzeihung, in unserem Diskurs geht es nicht um dein privates, persönliches Leben; es geht nicht um deine integere Haltung; es geht um dein Amt. In der Welt-Ethik-Dynamik fungierst du als moralischer Konkursverwalter der Römisch-Katholischen Kirche. Auch das Spannungsfeld zwischen deinem persönlichen Anstand und deinem Amt hat mich gerufen.“
„Du sprichst also von meinen Sorgen.“
„Du kannst es weiter fassen, wir werden über alles sprechen, was deiner Ethik zuwider läuft.“
„Also eine ethische Inquisition?“
„Jetzt beginnst du zu verstehen. Es ist noch wichtig zu begreifen, dass alles, was je passiert ist, auch fortan noch eine Wirkung haben wird. Ich erwähne das, weil bei euch Menschen der Selbstbetrug kursiert, dass die Zeit alle Wunden heile.“
„Wieso nennst du mich Konkursverwalter?“
„Moralischer Konkursverwalter, Franziskus. Ich weiss, du machst dir Illusionen, du glaubst noch etwas retten zu können, deshalb bin ich hier.“
„Um zu helfen oder um zu verurteilen?“
„Verurteilen, das hat eure Inquisition gemacht – nein, weder verurteile ich, noch werde ich helfen. Ich bin das Element der ethischen Klarheit.“
„Und was wird mir diese Klarheit bringen?“
„Das liegt ganz bei dir, wer Klarheit zulässt, kann Zweifel überwinden und folgerichtiger handeln.“
„Also gut, lass uns schauen, was mir deine Klarheit bringen wird.“
„Gehen wir zu den Anfängen.“
„Welche Anfänge?“
„Die Anfänge der Jüdischen Religion, die Anfänge der römisch-katholischen Kirche, denn eure Kirche baut ja auf dem jüdischen Glauben auf, so wie ihr das Neue Testament als untrennbar mit dem Alten Testament verbunden habt.“
„Aber das ist doch Schnee von gestern – was haben unsere heutigen Probleme mit diesen Anfängen zu tun?“
„Sehr viel. Fast alles was heute schief liegt, hat mit den Anfängen zu tun.“
„Und was verstehst Du genau unter den ‚Anfängen‘?“
„Der Gott Abrahams, der Gott Moses, der Gott der Kirche mit Heiligem Geist und Gottes Sohn. Ihr sagt, dass das was ihr mit Gott bezeichnet, der einzig wahre Gott, der allumfassende Schöpfer sei. Was macht euch mit all den über 2000 Religionen auf diesem Planeten und ihren Gottheiten so sicher, den einzig wahren zu vertreten?“
„Er ist die einzige Wahrheit!“
„Ist es nicht eure selbsterfundene Wahrheit, Franziskus? Ihr habt euren Christengott vom Judentum übernommen und als Grundlage für eure Autorität einverleibt, ist es nicht so?“
„Die Menschen brauchen einen Glauben. Sie benötigen eine moralische Ordnung und halten sich nur daran, wenn man die Autorität der Gesetze heiligt.“
„Du weichst aus, geht es wirklich um die Menschen, oder um die Macht eurer Glaubens-Institution über die Menschen?“
„Es geht um die Liebe zu den Menschen und zu allen Kreaturen Gottes!“
„Soll ich dir wirklich alle die Millionen Beispiele aufzählen, in denen eure Kirche diese ständig proklamierte Nächstenliebe mit Füssen getreten hat?“
„Nein, es ist mir bewusst, dass auch wir fehlbar sind.“
„Fehlbar hört sich sehr harmlos an – zutiefst verwerflich wäre zutreffender. Es berechtigt zur Frage, wie der von euch gedeutete Gott dazu steht.“
„Es ist ein verzeihender Gott.“
„Sprichst du jetzt von Gottvater, Gottes Sohn oder dem Heiligen Geist?“
„Gottvater ist der verzeihende allmächtige Schöpfer.“
„Der alttestamentarische Gott der Juden.“
„Ja, darauf baut unser Glaube auf, dabei steht sein fleischgewordener Sohn Jesus Christus im Zentrum unseres Glaubens.“
„Dann ist Jesus von Nazareth ebenso eine Gottheit?“
„Er ist der Sohn des allumfassenden Gott Abrahams.“
„Dann glaubt ihr also an zwei Götter?“
„Nein, Vater und Sohn bilden eine Einheit.“
„Dann ist der zu Gott gewordene Jesus von Nazareth also eine Ergänzung zu eurem bereits allumfassenden Gottvater?“
„Willst du mich in meinem Glauben verunsichern?“
„Ich will dich mit euren Ungereimtheiten konfrontieren, mit einer von Menschen erfundenen Gottesvorstellung, die ihr so mit Widersprüchen vollgestopft habt, wie es skurriler kaum sein kann. Dabei haben wir den heiligen Geist bisher noch nicht einmal miteinbezogen.“
„Du lästerst Gott und nennst dich Grossinquisitor des Welt-Ethik-Gewissens?“
„Ich stelle die Legitimität eurer Glaubensstruktur in Frage. Dass die euch von eurem Gott gegeben wurde, ist eine der üblichen Rückkoppelungen, die in fast jedem Glauben zu finden sind. Mit ‚Gottes Wille‘ und ‚von Gott gesandt‘ werden wir uns ewig im Kreis drehen. Das ist lediglich brauchbar um die Gläubigen mundtod zu machen. Unser Gespräch sollte konstruktiv bleiben.
Also, komm wieder runter, Franziskus, du tust so, als sei dein Gottesbild für den Rest der Menschheit verbindlich. Dabei wissen wir doch genau, dass jeder von den Milliarden eurer Spezies den Gott für sich kreiert, den er als nötig und praktisch empfindet. Einer eurer Denker schrieb ‚Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild, aber der Mensch hat es ihm heimgezahlt.’ Werdet ihr Menschen je einen Gott kreieren, der mehr sein wird als das, was ihr an Macht begehrt?“
„Ach ja, Voltaire, der alte Ketzer. In vielem war er tatsächlich auf der rechten Spur.“
„Um an der Unkalkulierbarkeit des Lebens nicht irre zu werden, braucht ihr Menschen etwas Zuverlässiges, Vertrauen spendendes. Da dies in der irdischen Wirklichkeit nicht existiert, schafft ihr euch einen spirituellen Raum, einen Ort der Zuflucht und gebt ihm durch Rituale die Illusion einer verlässlichen Wirklichkeit.
Ich respektiere das, aber nicht den Machtmissbrauch, den Glaubensinstitutionen davon ableiten.“
„Welchen Machtmissbrauch wirfst du mir vor?“
„Ich werfe dir keinen persönlichen Machtmissbrauch vor, du bist ein anständiger Mensch. Aber du bist das designierte Oberhaupt der Organisation römisch-katholische Kirche, und hier gibt es etliches anzuschauen, das schief liegt.“
„Ich bin das gewählte Oberhaupt, aber nicht allmächtig.“
„Aber ihr als Institution habt es fertiggebracht, dass dich die Gläubigen für unfehlbar halten. Auch wenn es anders gemeint ist, empfinden dich die meisten als unfehlbaren Übervater.
Und wie ich sehe, gilt dieser Unfehlbarkeitsanspruch auch für die Bischöfe. Ist das nach eurer religiösen Auffassung nicht eine göttliche Anmassung?“
„Es ist keine universelle Unfehlbarkeit, sie betrifft nur die Glaubensregeln.“
„Ja, ich weiss, du hast lediglich das letzte Wort. Aber ist der Ausdruck ‚Unfehlbarkeit‘ nicht etwas zu hoch gegriffen? Beinhaltet es für den einfachen Gläubigen nicht auch Macht, oder sogar Allmacht? Und denkst du, dass die Wortwahl zufällig oder bewusst geschah, um kirchliche Macht zu implizieren?“
„Ist das jetzt nicht Wortklauberei? Ich tue alles mir nur mögliche, um mich den Gläubigen als Mensch zu zeigen. Ergibt sich daraus etwas, was man mir vorwerfen kann?“
„Du nimmst es wieder persönlich, Franziskus. Es geht im Moment nicht um dich – noch nicht. Es geht um die Institution Kirche. Und diese Institution tut alles um ihre auseinanderbrechende Macht zu retten, und sei es auf Kosten der Menschlichkeit.“
„Ich tue alles in meiner Macht stehende um solche Missstände zu ändern.“
„Ich weiss! – sagtest du nicht, dass im Vatikan Reformen durchzuführen so sei, als wenn man die ägyptische Sphinx mit einer Zahnbürste reinigen würde? Dein unbeirrter Einsatz ist bewundernswert, trotzdem hat sich bis jetzt nichts Wesentliches verändert.“
„Wenn du so allwissend bist, dann zeige mir Beispiele frevelhaften Verhaltens, ich werde sie auf meine Liste setzen.“
„Was nützt eine immer länger werdende Liste, wenn nichts Wesentliches geschieht? Ich werde dir später viele Fenster öffnen. Du wirst mehr Beispiele sehen, als du ertragen kannst. Aber zuerst sollten wir für unser Gespräch eine klare Basis schaffen. Deshalb zurück zur Historie, zu dem Gott Abrahams, dessen Leben und Taten so dargestellt werden, dass die Existenz des Volkes Israel als Gottes Wille und mit Gottes Segen ausser Frage steht. Damit wird eine ‚heilige‘ unlösbare Verbindung suggeriert.“
„Das ist doch alles bestens bekannt, was hat das mit den gegenwärtigen Problemen unserer Kirche zu tun?“
„Das wirst du sehr bald erkennen Franziskus.
Dieser Teil des Alten Testaments ist eine gezielt dramatisierte Legende, die am Ende darauf zielt, die spätere Landnahme zu legalisieren. Der sogenannte Exodus war die Folge einer Auseinandersetzung ägyptischer Herrscher, – aber ich bin nicht berufen eure Geschichtsschreibung zu korrigieren.
Die Menschen, die Ägypten verliessen, hatten unterschiedliche Sippenkulturen. Der Anführer, ihr nennt ihn Moses, musste mit dieser Heterogenität kämpfen. Er verordnete die Anbetung eines Gottes, von dem er, genauso wie du, als sein persönlicher Stellvertreter auftrat. Siehst du Franziskus, Hier haben wir den Ursprung! Der Monotheismus gibt den Obersten einer Gesellschaft das Maximum an Macht.“
„Du sagst, dass es keine Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei war?“
„Es hatte mit der Sklaverei nichts zu tun. Menschen, Land und Gebäude waren stets persönlicher Besitz aller ägyptischen Herrscher. Sklave war ein weit gefasster Begriff und Sklaverei wurde im alten Judentum, auch zu Zeiten Jesu betrieben. Es geht in diesen Legenden nicht um einen wahrhaftigen Notstand, sondern nur darum, ein unethisches Geschehen identitätsstiftend zu legitimieren. In eurer Kirche ist ein solches Verhalten doch bestens bekannt.“
„Du kannst dir diese Seitenhiebe ersparen. Ja, wir predigen Wahrhaftigkeit, aber es ist kein Leichtes dahin zurückzufinden.“
„Wir sollten zu unserem Thema zurückfinden. Die Durchsetzung des Monotheismus dauerte einige Jahrhunderte. Wie du sicher weisst standen die Tempel von Astarte und Jahwe für lange Zeit nebeneinander. Wesentlich länger dauerte die Integration der Stämme Israels zu einer homogenen Nation. In diesen Prozess wird der Jesus von Nazareth hineingeboren. Auch hier reissen die Legenden nicht ab. Die christlichen Lektoren haben neben freier Dichtung viel darangesetzt historisches Geschehen aus anderen Zeiten auf die Heilsgeschichte zu münzen; immer darauf bedacht, dass Gottes Hand schützend über dem Jesusknaben wacht.“
„Das menschliche Bewusstsein lebt in Geschichten, Geschichten mit einer dringenden Botschaft sind notwendig, dass sie sich ins Gedächtnis einprägen. Dabei ist eine ‚dramatische Überhöhung‘, wie du es nennst, absolut legitim.“
„Natürlich, solange sie einer aufrichtigen Sache dienen. Jesus von Nazareth diente ohne jeden Zweifel einer aufrichtigen Sache. Aber er bewegte sich keineswegs in der von euch interpretierten Glorie.
Zu seiner Zeit galt er für die meisten Menschen als gescheiterter Wanderprediger. Einer von Hunderten, wenn nicht von Tausenden, wie Johannes der Täufer, der für die Obrigkeit zu aufrührerisch war und deshalb eliminiert wurde. Ganz im Gegensatz zu Jesus von Nazareth. Der bemühte sich um die Einsicht der Menschen, ohne aufrührerisch zu sein. Ihm waren seine Worte sehr wichtig, wichtiger als die sogenannten Wundertaten, wovon die meisten zugunsten der Glorie als Gottessohn erfunden wurden. Aber weder das eine noch das andere zeigte eine nachhaltige Wirkung.
Vergessen wir all das, was Jahrhunderte später zu einem Christusbild zusammengewoben wurde um die Metamorphose zum Sohn Gottes herzustellen – bevor du dich wieder empörst, Franziskus, ich erwähne das nur, um es abgehandelt zu haben, denn es spielt bei unserer weiteren Klärung keine entscheidende Rolle. Alle Religionen und Glaubensgemeinschaften sorgen sich um eine beeindruckende Historie, die ihre Götter als die einzig wahrhaftigen vermittelt.
Wie erwähnt, benötigen Menschen einen Glauben, eine mystische Welt, in die sie sich mit ihren Nöten flüchten können. Dabei ist es unerheblich woran sie glauben, weil Glaube an sich keinen Schaden anrichtet. Erst wenn er in Selbstgerechtigkeit, Dominanzgelüsten und Machtstreben dazu missbraucht wird die Spiritualität anderer zu manipulieren, entsteht das Gift, mit dem ihr ganze Kulturen infiziert habt.“
„Das ist ein schwerwiegender und undifferenzierter Vorwurf.“
„Ja, er ist schwerwiegend, und wird es wohl auch bleiben. Unser Gespräch dient dazu, ihn zu differenzieren.
Und nur der Vollständigkeit halber, Jesus von Nazareth hat niemals den Auftrag erteilt, so etwas wie eure Kirche zu gründen.“
„Er hat Simon Petrus diesen Auftrag erteilt, mit den Worten ‚Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen‘.“
„Ja, ja, ich weiss, du zitierst eure biblische Legendensammlung. Der mit Petrus bezeichnete Mann war ursprünglich ein Anhänger von Johannes dem Täufer, so wie sein Bruder Andreas. Als der Prediger verhaftet wurde, sind die beiden mit dem Schrecken davon gekommen. Jesus kannte sie von seinem Kurzaufenthalt beim Täufer. Sie wurden dann seine einzigen einigermassen brauchbaren Jünger.
Eine Person, so wie Simon Petrus in euren Schriften geschildert ist, gab es nicht, was auch zu Recht von vielen eurer Religionswissenschaftlern bestritten wird.“
„Das ist eine unbewiesene Vermutung.“
„So wie eure Behauptungen?“
„Es sind von Gott vermittelte Wahrheiten.“
„Von dem Gott, an dessen Bild ihr über Jahrhunderte geschnitzt habt? Ach, ich bitte dich Franziskus, nicht schon wieder und nicht zwischen uns beiden.
Euer Jesus war Jude und sprach ausschliesslich zu Juden. Heiden und Andersgläubige interessierten ihn nicht. Eine über das Judentum hinaus gehende Bewegung lag ihm fern. Eine Kirche, so wie die, der du vorstehst war nie in seinem Sinn. Er wäre Amok gelaufen, wenn man ihm eine solche Organisation zu Lebzeiten unterschoben hätte. Das alles ist, wie bereits erwähnt, für unser Gespräch nur als Verständnisgrundlage entscheidend, aber inhaltlich ohne Belang.
Wichtig ist, dass er die verzeihende Liebe predigte. Warum er das tat, hatte völlig andere Gründe, aber auch das können wir bei Seite lassen.
Eure Legendensammlung unterstellt aber viel mehr als das, sie fordert die Selbstaufgabe, die Bereitschaft sich zu opfern. Wie beispielsweise in eurem Markus 8,34‘ ‚wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten‘.
Das ist ein ungeheurer Machtanspruch, der nicht in die Gesinnung eines Jesus von Nazareth passt, aber sehr wohl in die Vereinnahmungsstrategie eurer Kirche.“
„Das irdische Leben zählt nichts im Vergleich zum ewigen Seelenheil!“
„Ein Seelenheil, das ihr suggeriert und nach Gutdünken verwaltet.“
„Die Menschen brauchen eine Projektion der Erfüllung; wie du selbst sagst, einen imaginären Raum, der ihnen die Ängste nimmt.“
„Und du bist davon überzeugt, dass dies nur möglich ist wenn man sich mit seiner irdischen Existenz aufgibt? Warum verdammt ihr dann die Selbstmörder? Tun die nicht genau das? Und hat euer Christus seine Hinrichtung nur deshalb vorhersehen können, weil er sie so forciert hat, dass es einem Selbstmord gleich kommt?“
„Wer bist du wirklich, bist du der Satan, der mich versuchen will?“
„Das ist seit jeher eure Standardlösung, wenn es eng wird, ist der Satan im Spiel. Du enttäuscht mich, Franziskus. Ich hätte nicht gedacht, dass du so früh den Notausgang wählst. Dabei stehen wir erst am Anfang unseres Gesprächs. Ich versuche lediglich zusammen mit dir die Historie von der Dichtung zu trennen.
Also nochmal: Jesus von Nazareth hatte keine weltweite Mission im Sinn. Wie du weisst, wurde erst bei dem Apostelkonzil um das Jahr 50, vor allem auf Bestreben von Paulus, die Heidenmission beschlossen. Aber das ist noch nicht alles, der als wankelmütig beschriebene Petrus hat Rom niemals gesehen und damit ist eure Herleitung mit dem Stuhl Petri ein einziger Schwindel.“
„Das ist nicht bewiesen. Und wenn, dann kann ich nichts Schlechtes oder Frevelhaftes daran finden.“
„Ausser, dass ihr auf dieser erschwindelten Historie eure Machthierarchie begründet habt.“
„Auch Macht an sich ist nichts Schlechtes. Die Menschen brauchen Hierarchien, es ist für sie eine soziale Notwendigkeit.“
„Ja Franziskus. Aber es kommt darauf an, was man mit dieser Macht anstellt, ob sie integrativ oder ausbeutend ist. Sieh mal den Zusammenhang. Die imperiale Macht der Römer war ausbeutend, das Bestreben der Juden integrativ. Wie schon erwähnt hatten die, von der mythischen Figur eines Moses angesiedelten Nomaden Mühe, sich zu einer Gesellschaft zu integrieren. Jeder Stamm Israels hatte seine eigene Glaubenshistorie. Es gab untereinander Abgrenzungen und Aversionen. Jesus von Nazareth aus dem Hause David war integrativ tätig. Offensichtlich hatte er sich etwas vorgenommen, was ihn überforderte. Er stand vor der Wahl aufzugeben oder grössere Risiken einzugehen.
Zurzeit Jesu mussten sich die Römer ständig mit innerjüdischen Aufständen herumschlagen, angeführt von selbsternannten Propheten, die damals wie Pilze aus dem Boden schossen. Jesus zählte zu den zurückhaltenden und somit unbedeutenden – nicht einmal Philo von Alexandria erwähnt ihn; und der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus, der erst acht Jahre nach Jesu Tod geboren wurde erwähnt Jesus Tod mit ein paar wenigen Worten. Euer Jesus war bedeutungslos. Er predigte höchstens zwei Jahre, und das im Umkreis weniger Kilometer. Um genau zu sein in dem Gebiet am See Genezareth zwischen Kapernaum, Bethsaida und Chorazim. Du kannst seine Wirkungsstätte in wenigen Stunden zu Fuss umrunden.
Auch du wirst es für mehr als unwahrscheinlich halten, dass aus einer solchen Wirklichkeit eine historische Figur werden konnte. Um aus dieser Bedeutungslosigkeit herauszutreten macht er die Randale im Allerheiligsten. Er wusste wie sehr all die Propheten und Sektenführer den Tempelherren ein Dorn im Auge waren. Er wusste auch, wie konsequent die Römer alle Aufmärsche blutig niederschlugen. Er wählte für seine Aktion einen der wichtigsten jüdischen Feiertage, das Passah Fest. Damit war klar, dass er da nicht heil herauskommen würde.
Er war zu seinen Lebzeiten unbedeutend, Franziskus. Niemand aus Jerusalem hatte vor seiner Verurteilung jemals was von ihm gehört. Und es gab nichts, was man als seine Gemeinde, geschweige denn als Sekte hätte bezeichnen können.
Schau Franziskus, ich öffne dir ein Zeitfenster:“
(Fenster 1)
„Was sind das für Menschen, sie sehen aus wie Vagabunden. Und was macht die gutgekleidete Frau bei ihnen?“
„Das ist eine vornehme verheiratete Dame, die ihnen was zu essen bringt. Sie ist verliebt in den Hochaufgeschossenen mit dem ebenmässigen Gesicht das ist Jesus von Nazareth, und die Vagabunden, wie du sie nennst sind seine Jünger allesamt Analphabeten.
Alles weitere, wie ihre heilige Erhabenheit habt ihr ihnen angedichtet, sie mit Prophezeiungen, Askese und Geist angefüllt und das ganze drum herum ausgeschmückt, bis hin zu all dem Goldflitter mit dem ihr euch heute noch umgebt.“
„Im letzten Punkt gebe ich dir Recht, auch ich empfinde manches als zu pompös in unserer Selbstdarstellung. Aber es ist nun mal da und kann nicht einfach abgeschafft werden.“
„Das gleiche Desaster wie mit euren Dogmen. Mit Wichtigtuerei und Herrschsucht habt ihr euch damit über Jahrhunderte selbst eingemauert.“
„Die Dogmen sind Lichter auf dem Glaubensweg. Sie erleuchten und sichern ihn.“
„Du meinst, sie fesseln die Gläubigen fester an die Kirche und vernebeln ihre Sicht auf die Wirklichkeit! Aber lass uns nicht vorgreifen, kommen wir zurück zu Jesus von Nazareth.
Dieser, von euch vereinnahmte Jesus hat also seinen Suizid inszeniert.“
„Wie kannst du so etwas Schändliches behaupten!“
„Oh, habe ich da etwa einen wunden Punkt getroffen? Wie würdest du es denn bezeichnen?“
„Es war ein Opfertod! Unser Heiland hat sich für das Seelenheil der Menschheit geopfert!“
„Ach ja, und wie erklärst du, dass er laut eurer Bibelfassung kurz zuvor seine Jünger aufgefordert haben soll das Gleiche zu tun, ihm also in den Tod zu folgen? Hat er damit nicht auch gleichzeitig zugegeben seinen Tod geplant zu haben?“
„Es war eine von Gott gesandte Vorahnung. Die Jünger hat er aufgefordert für ihren Glauben einzutreten und dabei den Tod nicht zu fürchten. Für den Glauben an Gott zu sterben ist der direkte Weg zur Seligkeit.“
„Ja, das suggeriert der Christus in eurem Johannes Evangelium – ein durchaus beeindruckendes Werk kirchlichen Glaubensfundaments. Aber leider kein Augenzeugenbericht sondern, wie das meiste in eurem Neuen Testament, eine Mythensammlung.
Schau Franziskus, ich mache dir ein weiteres Fenster auf:
(Fenster 2)
Siehst du die zwei Männer, die miteinander sprechen? Erkennst du Jesus von Nazareth? Der andere ist Judas Iskariot. Jesus gibt ihm den Auftrag die Söldner zu ihm zu führen, und zwar bei Nacht, damit niemand unnötig zu Schaden kommt.“
„Du behautest, dass Judas damit einen Auftrag seines Meisters erfüllt habe?“
„Ja, so ist es gewesen. Aber auch das spielt für unser Gespräch keine besondere Rolle. Unabhängig davon, ob Jesus durch den von euch gestalteten Gott mit einer Vorahnung versehen wurde oder nicht, gibt die Kirchenlehre also diesem von dir so bezeichneten Opfertod eine andere Qualität als einem Freitod.
In einem wesentlichen Punkt stimmt es tatsächlich. Der Freitod befreit den Menschen von der Last seines Lebens; vom Opfertod hingegen soll eine Wirkung ausgehen. Man opfert etwas oder sich selbst um entweder eine überirdische Macht gnädig zu stimmen, oder dem Vaterland, der Familie einer Glaubensinstitution oder einer wichtigen Entwicklung zu dienen, von der man sich entsprechend viel verspricht.
Aber wem hat Jesus von Nazareth mit seinem, wie ihr es nennt, ‚Opfertod‘ gedient? Doch höchstens der Durchsetzung seiner eigenen Ideen. Es war ihm klar, dass er mit den Menschen, die sich um ihn scharten nirgendwo hinkam. Wenn er so effektvoll gewesen wäre, wie einige andere Prediger seiner Zeit, wäre er wie diese umgehend eliminiert worden; und mit ihm etliche aus seinem Gefolge. Aber die Gefolgschaft war für Jesus die einzige Chance, dass seine Ideen weitergetragen würden. So hat er offensichtlich alles getan um sie zu verschonen. Also für was hat er sich nun deiner Meinung nach geopfert?“
„Für die Erlösung der Menschen!“
„Von was sollten sie denn erlöst werden?“
„Jesus Christus ist am Kreuz für unsere Sünden gestorben und auferstanden, so dass wir ins Himmelreich eingehen können.“
„Ein Himmelreich, das euren klerikalen Ansprüchen gerecht wird, und Sünden, die ihr als unerfüllbare Barriere ausgestaltet habt, damit die kirchliche Kontrolle über die Gläubigen absolut bleibt.
Und um sicher zu sein, dass euch dabei keine Seele durch die Maschen fällt, habt ihr die ‚Erbsünde‘ dazu erfunden. Damit suggeriert ihr, dass per se jede Seele verloren ist, wenn sie nicht durch das Vergebungsmonopol eurer Kirche von dieser Kollektivschuld erlöst wird. Das ist seelisch gebundene Leibeigenschaft, Franziskus. Wunderst du dich nicht manchmal selbst, dass eure Schäflein das alles schlucken?“
„Der Mensch neigt zur Sünde, deshalb ist es für eine humane Lebensführung wichtig ihn ständig zu sensibilisieren, was sein sündhaftes Verhalten betrifft.“
„In dieses umfangreiche Thema der Sünde werden wir uns später noch vertiefen, Franziskus. Doch im Moment haben wir uns vom sogenannten Opfertod des Jesus von Nazareth entfernt.
Mit ‚Erlöser von allen Sünden‘ bist du sehr vage geblieben. Was ist nun der wirkliche Kern dieses ‚Opfertodes‘?“
„Da du offensichtlich nicht glaubst, ist es wohl schwer zu vermitteln. Menschen, die von einer Vision so erfüllt sind, dass ihnen die eigene Existenz nicht mehr wichtig erscheint, hat es in allen Facetten gegeben. Aber eine solche Hingabe scheint in deiner rationalen Betrachtung keinen Platz zu haben.“
„Oh, da täuscht du dich, Franziskus. Wir sind im Moment näher beieinander als du denkst.
Auch ich sehe diese schwärmerische Hingabe. Jesus war so tief in seine eigene Lehre und die missionarische Berufung eingetaucht, dass er in einer anderen Welt lebte. Das passiert noch relativ häufig. Diese Menschen entfernen sich anfänglich unbemerkt aber kontinuierlich vom realen Leben. Das kann so weit gehen, dass ihnen die Wirklichkeit unerträglich erscheint.
Jesus von Nazareth war ein besonderer Mensch, das hat auch sein Vater gewusst. Schau, damit du mehr Gewissheit erlangst, mache ich dir ein weiteres Fenster auf.“
(Fenster 3)
„Wer ist dieser alte Mann? Und mit wem spricht er? Ich verstehe nicht, was sie sagen.“
„Das ist Aramäisch. Der ältere Mann ist Josef, er ist ein Tekton, heute würden wir ihn als Ingenieur bezeichnen. Er spricht zu seinem erstgeborenen Sohn, Jesus. Ich übersetze Dir das Gespräch. Josef sagt: ‚Du bist aussergewöhnlich und ich bin stolz auf dich. Du bist nicht dazu bestimmt ein Tekton zu sein. Geh deinen Weg, einer deiner Brüder wird an deiner statt für die Familie sorgen.“
„Und was sagt jetzt Jesus?“
„‘Ich danke dir, Vater, bitte gib mir deinen Segen‘.
Du siehst, wie einfach die Zusammenhänge sind. Jesus hat seine Herkunftsfamilie nicht einfach verlassen. Das wäre in der herrschenden jüdischen Kultur unverzeihlich gewesen. Er war ein Heiler und hatte ein sehr empfindsames Sensorium für die ihn umgebende soziale Wirklichkeit. Wir können davon ausgehen, dass er seine Mission sehr ernst nahm. Was aber war seine Mission?“
„Das Heil der Menschheit.“
„Selbst wenn wir hypothetisch annehmen, eure Bibelstellen, die du ja bestens kennst, seien historisch, wirst du feststellen, dass alle Äusserungen Jesu liberal integrativ waren.
Im Grunde ging es ihm nicht um Glaubensfragen, sondern um sozialpolitische Ziele, die er wie in dieser Zeit unumgänglich mit dem Glauben verbinden musste.
Dann suchte er Johannes am Jordanufer auf, angezogen von dessen weitgerühmter Rhetorik, von der er lernen wollte. Verliess ihn nach kurzer Zeit um einige Monate selbst zu predigen. Dabei wurde ihm die Undurchführbarkeit seiner Absichten zunehmend bewusst. Mit diesem Bewusstsein erkannte er, wie aussichtslos seine Ziele sind und wie verfehlt sein bisheriges Leben verlaufen war. Daraufhin liess sich der Sohn aus dem Hause Davids hinrichten.“
„Du wagst es die Göttlichkeit des Jesus Christus mit einem profanen irdischen Scheitern herabzuziehen und zu beschmutzen?“
„Reg dich nicht auf, Franziskus. Es spielt, was die Verfehlungen der Kirche angeht, keine Rolle. Es ist nur ein kleiner Baustein in der Argumentation, dass er sich nicht für das Seelenheil der Menschheit geopfert hat. Aber auch das ist unerheblich – ihr deklariert es als Opfertod. Dann schauen wir, was ihr daraus gemacht habt. Du sagst also, dass sich Jesus von Nazareth für seine religiöse Mission geopfert habe.“
„Wenn du es Mission nennen willst – auch gut – ich nenne es göttliche Sendung. Es gibt nichts grösseres, was ein Christ vollbringen kann, als sich dafür hinzugeben.“
„Offensichtlich meinst du den Märtyrertod. Wir sprechen also von jenen Menschen, die sich um ihres Glaubens Willen töten liessen, deren Lebenssituation von Verfolgung und täglicher Bedrohung geprägt war; denen suggeriert wurde, dass ihnen ein gnadenloses Gottesgericht erspart bleibt und sie direkt in ein wundervolles Jenseits übergehen können. Hatte deine Institution das nicht als ‚Bluttaufe bezeichnet, die geradewegs zur ewigen Seligkeit führe?“
„Wer sich für seinen Glauben opfert, hat die grösstmögliche Reinheit seiner Seele erreicht.“
„Natürlich, diese Vorstellung verführte die fest an ihren Glauben gebundenen Menschen geradezu sich durch die grösstmögliche Reinheit einen Sonderstatus in dem von euch so komfortabel ausgestatteten Jenseits zu verschaffen – vor allem dann, wenn sie in ihrer irdischen Existenz nichts mehr zu verlieren hatten. Verzeih Franziskus, ist das nicht religiös konditionierter Egoismus?“
„Musst du alles in den Dreck ziehen? Seine eigene Existenz aufzugeben ist die heroischste Selbstüberwindung, derer ein Mensch fähig ist.“
„Ja, so hat es die Kirche durch zahlreiche Märtyrermythen glorifiziert. Die Römer hatten nicht annähernd so grausam gegen die Christen gewütet, wie es die Kirche darzustellen versucht. Es galt damals als tödlicher Ungehorsam irgendeine Autorität höher zu stellen als die des römischen Kaisers. Jeder im römischen Reich wusste das. Aber der innere Zwang ihren Christengott nicht verleugnen zu dürfen, und der feste Glauben an das suggerierte Jenseits nahm vielen Christen die Angst vor dem Tod, den sie nicht selten sogar provozierten.
Zu jener Zeit gab es zwar die Institution Kirche noch nicht, aber ihr greift trotzdem allzu gerne auf diese schwärmerisch dargestellte Hingabe zurück, um damit gleichzeitig die gesamte Kirche zu heroisieren. Glaubst du allen Ernstes, ein Jesus von Nazareth hätte so etwas gut geheissen? Das was glaubhaft von seinen Lehren überliefert ist, zeugt von der Freiheit des Individuums, nicht von dessen seelischer Inbesitznahme.“
„Du kannst die Erlösung von den Sünden wohl kaum als seelische Inbesitznahme bezeichnen.“
„Oh doch! Ihr habt euren Sündenkatalog so aufgebläht, dass es unmöglich ist ohne Sünde zu leben. Und ihr habt ein Bestrafungsszenario im Bewusstsein der Gläubigen verankert, dem sie nur mit eurer Absolution entgehen können. Das ist seelische Inbesitznahme!
Darin besteht der entscheidende Unterschied zum Urchristentum. Dort war nur der Glaube und die Hingabe des Einzelnen notwendig um in den Genuss der Erlösung zu kommen. Eure Institution hat sich dann dazwischen geschoben – damit geschah der entscheidende Sündenfall. Ohne kirchliches Mitwirken keinen Zugang zu Seelenheil und keine Vergebung durch die von euch so wirkungsvoll ausgestalteten Gottesbilder inklusive Paradies, Hölle und Fegefeuer.
Deshalb frage ich dich nun, was habt ihr vorzuweisen, das man mit der Lehre des Jesus von Nazareth in Verbindung bringen könnte?“
„Die altruistische Hingabe an den Nächsten! Jesus Christus hat den Altruismus gepredigt. Sein Tod gilt für uns als höchste und reinste Form der Selbstlosigkeit.“
„Du verwechselst Äpfeln mit Birnen, Franziskus. Altruistisches Verhalten ist eine Spielart sozialer Strategien. Es ist eine selbstlos erscheinende Vorleistung für einen später bewusst oder unbewusst erwarteten Profit, und sei es, dafür in den Himmel zu kommen.
Halten wir also fest, mit einem Opfer wollen wir etwas erreichen, was uns das Opfer wert scheint. Es ist also ein Handel. Das Gleiche trifft auf den Altruismus zu. Weiter wissen wir, dass der Jude Jesus von Nazareth ausschliesslich auf das Judentum fixiert war. Wenn wir sein Handeln aus klerikalen Gründen als Opfertod deklarieren, beträfe es keinesfalls die Menschheit. Diese Ausweitung ist lediglich eine Erfindung des Paulus, der sich in Griechenland wohl und sicher fühlte und alles daran setzte das Terrain der Glaubensbotschaft nach seinen Bedürfnissen auszudehnen. Damit tat er einen entscheidenden Schritt für die zukünftige Entfaltung kirchlicher Macht. Ich kann in all dem nichts erkennen, was für die Menschheit oder dem Einzelnen hilfreich sein könnte.
Ich kann aber sehr wohl erkennen, wie die Grundsteine für euren Machtapparat gelegt wurden.“
„Du hast die Nächstenliebe vergessen.“
„Ja, damit kommen wir auf die wahre Substanz von Jesus.
Schau, Franziskus, dem Menschengeschlecht ist eine soziale Struktur genetisch mitgegeben. Gleichgültig welche Kultur du betrachtest, und welcher Spiritualität diese anhängt, sie sind alle geprägt durch soziales Verhalten. Auch jeder Nomadenstamm der sogenannten ‚Kinder Israels‘ hatte seine soziale Struktur und Götter. Aber sie hatten damit auch ihre Egoismen und Abgrenzungen. Staatsgewalt und Glaubensinstitutionen handeln immer egoistisch offensiv. Es gab viel Streit, der durch eine vereinheitlichende Gesetzgebung nicht zu überwinden war. Unter diesem Aspekt bekommt das integrative Wirken eines Jesus von Nazareth aus dem Hause David ein anderes Gewicht. Also predigte er eine human liberale Gesellschaft. So etwas war nicht durch Gesetze oder religiöse Macht zu erreichen. Jesus erkannte, dass bei den Menschen ein verändertes Denken und Empfinden entstehen muss. Dazu gehörte die Einsicht, dass alle Menschen den gleichen Wert haben und es keine Legitimation gibt, sich gegenseitig zu dominieren und auszubeuten. Basis für eine solche Haltung war die Nächstenliebe. Jesus stützt sich auf das Gebot der Nächstenliebe in der Tora ab und gibt ihr eine zusätzliche integrativ-liberale Qualität.“
„Du versuchst Christus auf eine politische Figur zu reduzieren!“
„Verständlicherweise steckst du zu tief in eurer Glaubenslehre, Franziskus. Deshalb mache ich dir ein weiteres Fenster auf:
(Fenster 4)
„Wer sind diese Frauen?“
„Es sind Anhängerinnen von Jesus. Der derb aussehende Mann ist übrigens Petrus. Sie haben die geflohene Gefolgschaft nach Jerusalem gerufen, um dort die Urgemeinde zu gründen. Erkennst du, wie mutig sich die Frauen und wie ängstlich sich die Männer verhalten?
Jesu war für seine Gefolgschaft der in jener Zeit erhoffte Messias. Jedes Mal wenn die Stämme Israels unter Fremdherrschaft standen gab es eine Messias-Hysterie
eine wachsende Sehnsucht nach einer Heilsfigur, die den universellen Frieden, das messianische Zeitalter brachte.
Vor allem die Frauen setzten sehr auf die sozial integrativen Reformen ihres Messias, dem Jesus von Nazareth. Sein Tod war für sie eine Katastrophe, der Verlust aller Hoffnung auf die von Jesus praktizierte Gleichberechtigung. Es gab nur einen Ausweg, er musste weiter existieren.“
„Du unterstellst, dass die Auferstehung Jesu nur die Einbildung überreizter Frauenhirne gewesen sei?“
„Nein, im Gegenteil, die sozialen Reformen Jesu, deren Mittelpunkt eine gleichberechtigte, friedlich kooperierende Gesellschaft war, mussten in die Zukunft gerettet werden. Für die Frauen stand viel auf dem Spiel. Ihre vom herrschenden Patriarchat verursachte Ohnmacht konnte man nur mit einem Mythos der Unsterblichkeit überwinden. Ein solcher Mythos war nicht neu, er war Bestandteil der damaligen Mystik und es war der Versuch, eine begonnene Revolution weiterzuführen.“
„Du versuchst einmal mehr das Wirken Jesu zu politisieren.“
„Seine Ambitionen waren politisch und sie betrafen ausschliesslich die jüdische Realität!“
„Selbst wenn es so ist, was macht das für einen Unterschied? Wichtig ist doch seine fleischliche Auferstehung, als Beweis seiner Göttlichkeit.“
„Wie ich schon sagte, jüdische Auferstehungsmythen gab es schon Jahrhunderte vor Christi Geburt. Du findest sie in fast allen Mythologien des Altertums. Die Juden glaubten an die unlösbare Verbindung von Körper und Geist. Sie verstanden die Auferstehung immer als eine Rückkehr des Lebens in einen toten Körper – aber lass uns nicht verzetteln, es spielt keine entscheidende Rolle. Auch das ist nur ein kleiner Baustein zur Wirklichkeit.“
„Der nach seinem Tod erschienene Christus und das leere Grab sind wahrhaftige Zeugnisse seiner Göttlichkeit!“
„Wie du selbst gut weisst, war das Grab aus Zeitnot geliehen – aber wir drehen uns im Kreis, Franziskus. Es musste eine Legende her, die eine neue Heilsvorstellung erzeugte. Ihr habt daraus eine Gottesvorstellung gemacht, damit ihr eure Kirche vom jüdischen Glauben abgrenzen konntet. So ist das bei euch Menschen, Abgrenzung verhilft zur Eigenständigkeit.“
„Auch das ist nicht verwerflich und es schmälert keineswegs den ethischen Wert der Nächstenliebe.“
„Es ist wie du sagst, aber wo befinden sich die christlichen Werte jetzt, nach zweitausend Jahren? Schau dir mal diese durchkommerzialisierten sogenannten christlichen Gesellschaften an, was ist von diesem Gedankengut geblieben?
Und was denkst du Franziskus, was hat die Kirche davon übernommen? Welche Kreatur- und Menschenfreundlichkeit hat die Institution Kirche bisher praktiziert?“
„Die Nächstenliebe steht in all unseren Bekenntnissen an erster Stelle.“
„Ja, als Aufruf an die Gläubigen. Ich spreche nicht von euren Predigten. Wie steht es um eure Institution?“
„Selbstverständlich steht es vor allem für unsere Kirche an erster Stelle, wären wir sonst ein Vorbild?“
„Ich weiss, dass du dich sehr ernsthaft dazu bekennst. Es reicht aber nicht, wenn das Oberhaupt ein makelloses Vorbild ist. Ein erfolgreiches Oberhaupt sorgt dafür, dass alle von ihm Geführten das auch sind und Sorge tragen, dass die gesamte Hierarchie davon durchdrungen wird. Wie sieht es nun aus in deinem Kirchenstaat?“
„Wir sind alle fehlbar. Und verzeihen ist ebenso eine Christenplicht!“
„Franziskus! Es geht hier nicht um unerlaubtes Naschen am Messwein. Schau, ich mache dir ein weiteres Fenster auf:“
(Fenster 5)
„Das ist eine 19-Jährige Ordensschwester in Rom. Die Nähe zu eurem Gott war für sie seit Kindheit Trost und Zuversicht.“
„Und wer ist die herrisch sprechende Frau?“
„Das ist eine übergeordnete Ordensschwester die sagt, die andere habe selbst den Priester in Versuchung geführt. Die junge Schwester wurde nämlich vor wenigen Tagen von einem Ordensbruder vergewaltigt und sucht Hilfe, weil sie an ihrer inneren Zerstörung zu zerbrechen droht.“
„Ja, ich weiss von solchen Vorkommnissen wir hatten das Thema der Fehlbarkeit ja bereits.“
„Nicht in diesem Zusammenhang. Es geht um die Würde der Frauen und den Respekt. Diese Frau hat dir geschrieben und ihre Situation erklärt.“
„Davon weiss ich nichts.“
„Sie hat aber von dir eine Antwort erhalten. In dieser Antwort gibt es aber keinerlei Bezug auf das Geschehen, sondern es heisst lediglich: ‚Ich bitte Sie für mich und meinen verantwortungsvollen Dienst der universellen Kirche zu beten. Ich schliesse auch Sie und Ihre Anliegen in meine Gebete ein und ihrer Familie Gottes Schutz und Geleit für den weiteren Lebensweg.‘
Sind solche hohlen Phrasen ein respektvoller Umgang mit einer Frau, die in einer kirchlichen Institution geschändet wurde?“
„Ich kann in einer nicht abgeschlossenen Sache keine Anteilnahme walten lassen, die einem Eingeständnis gleich kommt. Ausserdem werden viele solcher Korrespondenzen von Mitarbeitern erledigt.“
„Und die haben nur fromme Phrasen zur Verfügung. Der Erfolg gibt ihnen Recht, die meisten Hilfesuchenden resignieren dann. Nur in diesem Fall ist die Frau an die Öffentlichkeit gegangen. Immer mehr Frauen tun das, und immer mehr wird das enorme Ausmass sichtbar. In Amerika sind es ein Drittel aller Ordensfrauen, die sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen erleben. Aber der Vatikan schwieg sich über die fundierten Untersuchungen und präzisen Anzeigen von der Ordensfrau Maura O’Donohue und der Oberin Marie Mc Donald aus.“
„Die Verantwortlichen im Vatikan befassen sich seit den Neunzigerjahren mit dem Thema. Papst Paul II. hat sich öffentlich bei den betroffenen Ordensschwestern entschuldigt.“
„Aber erst wenn der Paukenschlag zu heftig wird, gibt es eine Reaktion. Ansonsten wird ein Schleier des Schweigens darüber gelegt – so wenig Aufsehen wie möglich. Selbst das Frauenmagazin eurer Vatikanzeitung hat das Verschweigen des sexuellen Missbrauchs von Ordensfrauen kritisiert.
Doch zurück zu eurem Vorbild. Christus von Nazareth hat sich sehr für die Frauen engagiert; weit mehr als es in eurer mehrfach redigierten Heiligen Schrift noch zu finden ist. Wie erwähnt, waren es nach seinem Tod vor allem Frauen, die eine Weiterführung seiner Lehren förderten. Das gilt für alle Aktivitäten des Urchristentums. Auch der ungerechterweise als Frauenfeind verleumdete Paulus unterhielt viele Kooperationen mit weiblichen Gemeindeführerinnen.“
„Du rehabilitierst Paulus? Im Allgemeinen gilt er als Symbol der Frauenfeindlichkeit.“
„Ja, ohne Probleme. Man wirft ihm zwar vor, einer der frühen Akteure im Bemühen zu sein, die Frauen in ihrer Symbolkraft zurückzustufen. Er verdrehte den Auferstehungsmythos, indem er als Zeugen eine Reihe von Männern aufzählte, unter anderem sich selbst, was historisch nicht stimmen konnte. Das, obwohl nach Bibellesart eine Frau, nämlich Maria Magdalena, die einzige Zeugin war. Aber weibliche Zeugen galten in den meisten Kulturen, wie auch im Judentum jener Zeit nichts. Deshalb darf angenommen werden, dass Paulus durch männliche Autorität dem Auferstehungsmythos mehr Glaubhaftigkeit verleihen wollte.
Wie du weisst, spielten Frauen im alltäglichen Leben des Frühchristentums keineswegs eine untergeordnete Rolle, eher war das Gegenteil der Fall. Es gab sogar Diakonos, Frauen die verkündigend tätig waren. In den anfänglichen kleinen Gemeinden hatten Frauen einen gleichberechtigten Stand.
Wie du sicher auch weisst, änderte sich das mit dem Dreikaiseredikt nachdem Kaiser Konstantin das Christentum im römischen Reich liberalisierte und damit den Christlichen Glauben zur Staatskirche machte.“
„Ha, und alles das geschah ohne Mission! Gott der Herr hat sich an der Milvischen Brücke selbst offenbart.“
„Ach Franziskus, was soll diese Schwärmerei. Wir wissen doch genau, dass der Mangel an schreibkundigen Beamten die römische Staatsadministration existenziell bedrohte. In der christlichen Diaspora lernten viele rechnen und schreiben. Um sich besser vor Verfolgungen zu schützen, war man sehr auf gegenseitige Information angewiesen.
Mit der Ernennung zur Staatsreligion war der römische Kaiser automatisch das Oberhaupt der sogenannte Pontifices maximi und die christlichen Gemeinden ein Teil der Staatshierarchie mit wachsenden Aufgaben.
Logischerweise wurden in der Folge viele Staatsstellen mit Christen besetzt.“
„Was ist daran auszusetzen?“
„Es war ein weiterer entscheidender Sündenfall! Denn gleichzeitig entwickelten sich die Gemeinden sprunghaft und daraus wiederum eine Hierarchie. Aus den, der Gemeinde dienenden Presbytern wurden Bischöfe und aus dem Bischof der Stadt Rom deren Oberhaupt auf dem von euch erschwindelten Stuhl Petri…“
„Alles was du da erwähnst ist bestens bekannt, und ich kann nichts daran finden, was zu bemängeln wäre.“
„Geduld Franziskus, du erkennst offensichtlich noch nicht die Zusammenhänge, weil die Sache erst jetzt beginnt. Schau mal in dieses Fenster:“
(Fenster 6)
„Was ist denn das für ein Bienenhaufen?“
„Oh – mehr Respekt Franziskus, es ist euer erstes Konzil in Nicäa. Gut dreihundert Jahre nach Jesu Tod haben sich die machthungrigen Wichtigtuer zusammengefunden um ihre Version der zukünftigen Kirche durchzusetzen. Schau, das ist Kaiser Konstatin, der einmal mehr ein Machtwort spricht. Er will eine einheitliche Kirche mit staatsrechtlicher Grundlage – eine rein imperiale Massnahme, die den meisten von den anwesenden etwa zweitausend Bischöfen zuwider lief.
Schau, die zwei Bischöfe da in der Ecke, ihr Disput geht um unterschiedliche Versionen der Evangelien, von denen es damals mehrere Dutzend gab. Wenn du dir die Zeit nimmst da einmal hineinzuschauen, wirst du zwischen Heiterkeit und Scham hin und her gerissen, so sehr sind sie mit absurden Trivialtäten angefüllt.
Konstatin setzte entsprechenden Druck auf um seine Intentionen durchzusetzen.
Aber zurück zum Sündenfall eurer Kirche. Nach Konstatin tauchten plötzlich die schlau erfundenen Schriften der Apostolischen Konstitution auf, die dem braven Clemens von Rom unterschoben wurden. Das verstärkte nochmals die Macht der Bischöfe. Eine Macht, die bereits damals exzessiv missbraucht wurde. Wie du bestens weisst schreckten die Bischöfe in ihren Rivalitäten nicht vor gegenseitiger Exkommunikation und Mord zurück.“
„Ja, ich weiss. Jeder Hebel von Gewalt die der Macht diente wurde eingesetzt. Es war eine sehr unchristliche Zeit, aber was nützt mir das jetzt?“
„Du siehst den römisch imperialen Einfluss? Es ist sozusagen euer unbewältigtes Erbgut. Dieser Hang zur imperialen Macht steckt tief im kollektiven Unterbewusstsein der Kirche. Und wenn du in diese Zeit schaust, wirst du bei all dem Gerangel keine Frau finden, es sei denn, sie wird für irgendetwas geopfert.“
„Das ist doch Unsinn! Natürlich haben sich Frauen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht an den Machtkämpfen beteiligt. Aber unsere Geschichte ist reich an beherzten Kirchenfrauen.“
„Du bringst eure Vorzeige-Äbtissinnen ins Spiel, Franziskus. Aber die mussten die Bischöfe nicht fürchten, weil sie ja deinen Vorgängern direkt unterstellt waren. Wie gesagt, im Frühchristentum waren es die Frauen, die das liberal-integrative Gedankengut Jesu vehement vertraten. Sie kämpften um eine Zukunft des gegenseitigen Respekts zwischen den Geschlechtern und unter allen Zuständigkeiten. Eine friedfertige Zukunft, in die es sich lohnte Kinder hinein zu gebären.
Ja, bei eurer Spezies sind Frauen inhaltlich engagiert und Männer territorial orientiert – ob Durchsetzung mit körperlicher Gewalt, ökonomischer oder intellektueller Überlegenheit, es geht immer um die Ausdehnung und den Erhalt eines Territoriums.
Seit eurem Sündenfall, der Übernahme römisch-imperialer Strukturen, sind die Frauen mit ihren wahrhaft christlichen Ideen an der Machtpolitik der Kirche gescheitert.“
„Das Bild der Kirche, das du zeichnest, ist das eines Molochs!“
„Die Bewertung muss ich dir überlassen, ich bin einzig der Wirklichkeit verpflichtet.
Also halten wir fest, im zerfallenden römischen Imperium übernahm die Kirche zunehmend die Exekutivmacht.“
„Ja, ich habe es bisher noch nicht so gesehen, wahrscheinlich ist es wirklich der entscheidende Sündenfall. Soviel ich weiss, konvertierten viele römische Adelige senatorischer Herkunft zum Christentum um noch Aussicht auf eine politische Karriere zu haben. Ich weiss worauf du anspielst. Ja, es war der historische Sündenfall der römisch katholischen Kirche.“
„Gut, dann können wir auf dieser Tatsache aufbauen. Die Kirche hatte damit den imperialen Charakter Roms angenommen. Sie wurde zum Machtapparat, übernahm Unterhaltspflichten in der Infrastruktur, die Verwaltung des Steuerrechts und den Kriegsdienst. Mit jedem Schritt zu mehr Macht verblasste die christliche Ethik.
Alle Unarten des römischen Senats von Verleumdung bis zum Mord gingen nahtlos in die Kirchenhierarchie über.
„Ich mache dir ein weiteres Fenster auf.“
(Fenster 7)
„Ich sehe einen Maler bei seiner Arbeit es sieht aus, als male er Schiffe.“
„Es ist Giorgio Vasari. Gregor XIII gab ihm den Auftrag die päpstliche Kriegsflotte, die 700 Jahre zuvor gegründet wurde, im Hafen von Messina zu malen.
Wir müssen wohl nicht all die bischöflichen und päpstlichen Söldnertruppen jener Jahrhunderte erwähnen, die oft bemüht wurden, wenn die Ränkespiele des Klerus mit Gewalt durchgesetzt werden sollten.“
„Nein, das müssen wir nicht. Es war eine kirchengeschichtlich finstere Epoche. Päpste und Gegenpäpste, verschacherte Kirchenämter auf allen Ebenen
Macht und Vermögen standen im Vordergrund.
Ich weiss wenn der Glaube überhaupt eine Rolle spielte, dann in spitzfindigen akademischen Auseinandersetzungen, und das meistens nur um die persönliche oder kirchliche Macht durchzusetzen und auszudehnen.
Ja - ja, wie du sagst, die christliche Ethik blieb auf der Strecke. Ja, und bevor du es erwähnst, es wurde von uns mit dem üblichen Schleier des Verschweigens bedeckt. Es ist beschämend!“
„Du wirst mir auch zustimmen, dass die Machtentfaltung der mittelalterlichen Bischöfe keine einzelnen Nebenerscheinungen und die Ignoranz gegenüber kirchlicher Moral keine Ausnahme, sondern eher die Regel waren. Es handelte sich um eine Parallelwelt zur weltlichen Macht. Der kriegerische Reichsdienst und die Kirche waren über Jahrhunderte fest miteinander verbunden. Bischöfe wurden zu unabhängigen Statthaltern und unterhielten eigene Streitkräfte, die sie auch gegeneinander einsetzten.“
„Das ist lange her, inzwischen haben wir uns wieder auf die christlichen Werte besonnen.“
„Zumindest bestehen in diesem Sinn viele Bemühungen. Aber ich befürchte, dass du die tieferen Zusammenhänge noch nicht erkannt hast, Franziskus. Diese Jahrhunderte reiner Machtstruktur haben tiefe Spuren hinterlassen, die bis heute nicht überwunden sind.“
„Von welchen Spuren sprichst du?“
„Schau doch mal deine tägliche Wirklichkeit an. Gibt es ein Mitglied der Kurie, das nicht seine eigene Strategie verfolgt? Ist nicht überall der sorgsam versteckte Drang nach Macht zu spüren? Treten die wahrhaft christlichen Aspekte nicht weit hinter den persönlichen Interessen zurück? Steht der Erhalt einer ungebrochenen institutionellen Macht nicht weit vor einer wahrhaft christlichen Erneuerung? Alles das hat seinen Ursprung in der Historie.“
„Du meinst über all die Jahrhunderte gibt es noch eine Wirkung auf das gegenwärtige Verhalten; wie soll das möglich sein?“
Ich mache dir ein weiteres Fenster auf:
(Fenster 8)
Siehst du die Vögel auf den Milchflaschen?“
„Ja, offensichtlich picken sie die Verschlussfolie auf.“
„Um an den Rahm zu kommen, der sich im Flaschenhals abgesetzt hat. Es sind Meisen, sie hatten es vor dem zweiten Weltkrieg herausgefunden. Nach und nach erlernten es immer mehr von ihnen. In der Mangelzeit während des Krieges gab es vor den Haustüren keine Milchflaschen mehr. Eine grosse Zahl von Meisen-Generationen ging ins Land, ohne die Weitergabe dieser Erfahrung. Als dann endlich die Milchflaschen wieder auftauchten, beherrschten die dann lebenden Meisen dieses Verhalten sofort.“
„Das ist wirklich imponierend!“
„Siehst du Franziskus, selbst in der Tierwelt, in den kleinen Gehirnen von Meisen gibt es so etwas wie ein kollektives Unterbewusstsein. Die Epochen kreaturverachtender Prozesse kann man durch beharrliches Verschweigen durchaus vergessen machen. Aber ihre unterschwellige Wirkung werden sie behalten. Die Kirchenrituale tragen übrigens auch dazu bei, dass sie bis heute von euren Würdenträgern intuitiv aufgenommen werden.“
„Wodurch tragen wir dazu bei?“
„Alles was über die Jahrhunderte entstand, ist durch eure Rituale bis zum heutigen Tag bildhaft gegenwärtig. Es verkörpert die selbstgerechte Welt einer Drohnengesellschaft unter striktem Ausschluss der Frauen denn diese verkörpern ja die Sünde, ohne die viele von euch offensichtlich nicht sein können.“
„Es ist schrecklich! Trotzdem sehe ich keinen Grund für Ironie! Wenn ich mir aber unser bisheriges Gespräch vor Augen führe, sehe ich sehr wohl, wie du unseren gesamten Glauben in Frage stellst! Um was geht es dir wirklich? Denkst du in den übrigen Religionen geht es anders zu und her? Suchst du dort auch die Verantwortlichen heim, um sie ins Unrecht zu setzen?“
„Ach Franziskus du steckst so tief in eurer Glaubenstheorie, dass es dir offensichtlich unmöglich ist zu verstehen, worum es in unserem Gespräch geht. Deshalb beginne ich nochmals, aber diesmal grundsätzlicher. Schau hier:
(Fenster 8)
Siehst du diesen Ameisenstaat, sie kooperieren ohne individuelle Intentionen, ohne physischen oder psychischen Druck. Siehst du dieses Wolfsrudel, es kooperiert mit hoher Freiwilligkeit. Individuelles Abweichen würde körperlich, sogar existenziell bestraft. Bei allen sozial strukturierten Spezies geht es im Verhalten um die Sicherung des gemeinsamen Fortbestands.
Obwohl ihr genetisch auch sozial ausgerichtet seid, ist inzwischen bei euch Menschen das Bewusstsein der eigenen Individualität stark ausgeprägt, so stark, dass ein System von Sanktionen und Förderungen die soziale Anpassung bewirken soll. Über mehrere hunderttausend Jahre hat euer Gehirn soziale Werte aufgenommen, die unbewusst und bewusst wirken. Euer Gefühl für Recht und Unrecht, die Impulse für Mitgefühl und Hilfsbereitschaft und die Überwindung von Egoismen kommen aus diesen genetisch verankerten Werten.
Eure weiblichen Exemplare behüten ihre Nachkommen und sind am allgemeinen Wohlergehen interessiert. Sie profitieren sehr von einer möglichst hohen sozialen Qualität.
Die männlichen Exemplare tun dies grundsätzlich auch, aber sie haben zudem diesen unseligen Drang nach Expansion. Expansion verschafft ihnen die Illusion von Wichtigkeit und Grösse. Das geht so weit, dass viele sogar alles zerstörende Kriege anzetteln, einzig um die Einmaligkeit ihrer Grösse unter Beweis zu stellen.
Wir hatten davon gesprochen, dass als ordnendes Element Hierarchien bei euch Menschen unumgänglich sind. Durch solche hierarchischen Strukturen zu klettern ist die Lieblingsbeschäftigung der expansiv aufgeladenen Exemplare. Je nach dem, was sie bereit sind aufs Spiel zu setzen, sorgen sie dabei für Leid und Zerstörung.
Die physische Existenz hält durch Hunger, Krankheit und Unfall enorme Risiken bereit. Zudem bedroht sich die Menschheit durch gegenseitige Ausbeutung, die Hunger, Krankheit und Tod verursacht.
Bis zum heutigen Tag seid ihr von einer wirkungsvollen Kontrolle von Macht weit entfernt – und damit auch vom wirkungsvollen Verhindern des Machtmissbrauchs.
Um das eigene Elend zu überleben, haben Menschen seit Jahrtausenden an sich selbst Raubbau betrieben.
Und um diesen unabsehbaren Entbehrungen eine Hoffnung zu geben, eine Hoffnung die nicht durch schlechte Erfahrungen enttäuscht werden konnte, wurde sie jenseits eurer physischen Existenz deponiert, im sogenannten spirituellen Raum. Weil dies einem Grundbedürfnis aller Menschen entsprach, fingen einige Machthungrige an, diesen Raum zu systematisieren und zu verwalten, was ihr Religion nennt.
Die Macht religiöser Hierarchien wurde von weltlichen Machthabern geduldet und manchmal selbst übernommen. Der Grund war die erhöhte Duldsamkeit der regierten Menschen.
So wurde suggeriert, dass je erbärmlicher das Diesseits sei, desto herrlicher das Jenseits.
Das war der Beginn einer mutwilligen Entbehrungs-Perversion, die den Machthungrigen einen enormen Spielraum bot.
Für die Eindämmung solcher Macht-Exzesse bedarf es einer starken regulierenden Kraft. Der Begriff des Heiligen, des Unantastbaren, war ursprünglich euer Versuch einer solchen Regulierung. Dafür wären Religionen ein geeignetes Mittel.
Aber ihr Menschen konntet nicht widerstehen. Aus der Macht des Heiligen habt ihr eure individuelle Macht abgeleitet haben die Mächtigen die Ohnmächtigen beherrscht. Anstatt Frieden und Wohlergehen zu stiften habt ihr Ausbeutung und Krieg betrieben, einzig um eure individuelle Macht zu mehren.
Also Franziskus lassen wir das verwirrende Konstrukt eures Glaubens so weit wie möglich beiseite und stellen uns der Frage, was die römisch-katholische Kirche zu einem gedeihlichen Wohlergehen der Menschen beigetragen hat? Was war dem Wohlergehen dienlich und was dem Wachstum eurer Macht; und wie habt ihr eure Macht zum Wohl oder Verderb des Individuums eingesetzt? – Welche Freiheiten oder Zwänge habt ihr über die Menschen gebracht?“
„Das ist endlich eine klare Position! Warum nicht gleich von Anfang an?“
„Der Rückblick war nötig, weil in eurer Institution über Jahrhunderte ein unüberschaubares Geflecht von Argumentationen entstand und ihr bei lästigen Fragen sofort in diesen Irrgarten flüchtet, um so lange im Kreis herum zu argumentieren, dass eure Gesprächspartner kaum noch einen klaren Gedanken fassen können und aufgeben. Deshalb war unsere anfängliche Betrachtung für unser Gespräch zwar inhaltlich nicht von Bedeutung, aber notwendig um die Struktur der Manipulationen aufzuzeigen. Also übernehmen wir die wesentlichen Punkte für unser weiteres Gespräch.
Frauen galten im Urchristentum als selbstverständlich gleichberechtigt. Das änderte sich als das Christentum zur römischen Staatsreligion ernannt wurde.“
„Ja damals hat sich vieles fundamental verändert. Wie schon erwähnt konnten die Christen rechnen, lesen und schreiben. Das zerfallende römische Imperium benötigte dringend fähige Kräfte für den Staatsdienst. Viele christliche Gemeinden bildeten nach und nach die Exekutive des römischen Staates und viele adelige Nachkommen römischer Staatsbeamten traten zum Christentum über um Positionen im Staatsdienst zu bekommen habe ich etwas vergessen? Ich gebe dir Recht, es war der entscheidende Schritt zur Verweltlichung der Kirche.“
„Exakt Franziskus, die damalige Kirche repräsentierte die Fortführung der imperialen römischen Verwaltungsstruktur und hat in den folgenden Jahrhunderten auch so gehandelt. Ich unterstreiche das, um die rigide Grundhaltung nachvollziehbar zu machen, die bis heute existiert. Wir sehen eine reine Männerorganisation mit extrem ausgrenzender Haltung gegenüber Frauen.“
„Von bewusster Ausgrenzung ist mir nichts bekannt! Ich versuche wo ich nur kann, die Stellung der Frau zu stärken“
„Ich weiss Franziskus, auf dieses umfangreiche Thema kommen wir noch mehrmals zurück. Lass uns zuerst eure Machtstruktur anschauen. Ich erkenne bei vielen eurer Gläubigen einen, durch euren Sündenkatalog bewusst herbeigeführten seelischen Notstand. Was ist der wahre Grund eurer Sünden-Lehre? Dient sie dem Individuum oder eurer Macht?“
„Der Sündenkatalog war ursprünglich eine Liste von Lastern, die das klösterliche Leben disziplinieren sollte. Erst Gregor verallgemeinerte dieses Sündenregister. Einige Sünden sind in der Tat weltfremd geworden. Aber grundsätzlich mahnen wir vor den Gefahren, die ein glückliches Leben bedrohen.“
„Wenn die Einhaltung der kirchlichen Gebote ein glückliches Leben sichern, dann wäre damit doch alles in Ordnung, wieso benötigt es dann noch einen Beichtstuhl?“
„Es ist nicht gut mit Sünden und Schuld beladen durchs Leben zu gehen. Die Absolution schafft eine Erleichterung für die Seele.“
„Erinnerst du dich Franziskus? Ihr Menschen seid von Natur aus mit einem Unrechtbewusstsein ausgestattet. So trägt jeder Mensch seine Vergehen mit sich herum – mit oder ohne Beichtstuhl. Ja, es ist für euch Menschen erleichternd eure Last mitzuteilen, es gehört zu eurer sozialen Struktur.
Aber das Abrakadabra kirchlicher Vergebung erfüllt doch einen anderen Zweck. Es ist euer Machtmonopol zwischen den Gläubigen und ihrem Seelenheil. Siehst du da keinen Machtmissbrauch?“
„Zumindest keinen institutionalisierten. Das was du als Machtmonopol bezeichnest, ist notwendig, um als Autorität anerkannt zu werden. So lange wir sie zum Wohl der Gläubigen nutzen, ist daran nichts Schlechtes.“
„Überschätzt du nicht die moralische Integrität deiner Priester, wenn sie über so viel Macht verfügen. Ist es nicht verführerisch, Macht über das Seelenheil anderer zu haben?“
„Es ist keine Macht, es ist eine Verpflichtung zur Nächstenliebe. Die Vergebung ist ein Akt der Güte.“
„Und du meinst, das sei der Grund, warum die Beichte eigeführt wurde?“
„Ja, es ist das Sakrament der Feier von Versöhnung mit Gott, der Kirche und den Menschen.“
„Und du meinst nicht, dass der Hauptgrund darin besteht, die Gläubigen kontinuierlich fester an eure Institution zu binden? Habt ihr euch nicht durch die Hintertüre in die Familien geschlichen, indem ihr die Ehefrauen und Mütter als moralische Institution etabliertet habt? Habt ihr sie nicht durch reich geschmückte Marienaltäre in den Seitenschiffen eurer Kirchen in die Beichtstühle gelockt, um sie so in ihrer Demut und gleichzeitig moralischen Führungsrolle zu unterstützen.“
„Du findest wohl überall etwas Schlechtes! Es hat meines Wissens diesbezüglich keine Weisungen gegeben.“
„Das wäre auch nicht nötig, weil die ständige Bereitschaft zu Infiltration ein inhärenter Bestandteil eurer Organisation ist.“
„Und warum sind uns dann vor allem die Frauen treu ergeben?“
„Weil sie sich durch den Beichtstuhl ernst genommen fühlen. Dort sitzt ein Mann, der ihnen wirklich zuhört.
Schau mal dieses Fenster, Franziskus. Das ist Philips of Marnix, Lord of Saint-Aldegonde, Lord of West-Souburg. Er zitiert aus seinem 1569 erschienenen Buch ‚Der Römische Bienenstock‘:“
(Fenster 9)
‚… denn diese Ohrenbeichte ist ihr unzweifelhaft zwei Augen wert: nämlich das eine braucht sie, um alle Heimlichkeiten und verborgene Anschläge aller Könige und Fürsten dieser Welt zu erfahren, wodurch sie in den friedlichen Besitz aller Regierungen und Herrschaften gekommen sind. Das andere braucht sie, um damit in die Busen der jungen Mädchen und betrübten Frauen zu sehen und zu tasten, und dadurch ihre Heimlichkeiten zu ergründen und zu erfahren, und ihnen danach solche liebe Busse aufzuerlegen, dass ihre geängstigten Gewissen getröstet und ihre Herzen merklich erleichtert werden. O wie manchmal haben die heiligen Pfaffen und Mönche den betrübten und unfruchtbaren Weibchen in ihrer Ohrenbeichte so guten Rat gegeben, dass sie dadurch bald fröhliche Mütter geworden sind, und von derselbigen Zeit an zu ihren heiligen Beichtvätern solche innige Liebe wie zu ihren eigenen Männern selbst bekommen haben.‘
„Marnix war ein Ketzer! Wie gesagt, solche Aussagen findest du viele.“
„Und was ist mit eurem heiligen Papst Coelestin I., ziemlich am Anfang eurer weltlichen Kirchengeschichte? Der sich übrigens sehr um die Etablierung der jungfräulichen Empfängnis verdient gemacht hat? Er hielt es für unumgänglich es unter Strafe zu stellen, wenn Beichtkinder von Priestern zur Unzucht verführt werden und das, weil es unendlich oft vorkam.
Und tausend Jahre später berichtet euer grosser Humanist Poggio Bracciolini davon, dass Beichtstühle dazu missbraucht würden um Mädchen und verheiratete Frauen zu verführen. Ihr habt die Sexualität für den Klerus zur Sünde gemacht, mit dem Ergebnis, dass sie den Ort der Vergebung zur Sünde missbrauchten.“
„Früher haben die Menschen geglaubt, dass sexuelle Gelüste dem Willen unterliegen. Dass es ein hormongesteuerter Trieb ist, begreifen wir erst neuerdings. Ja, das gesamte Keuschheitskonstrukt ist nicht mehr zeitgemäss. Ich sehe keine Möglichkeit da herauszukommen – alles in diesem Thema ist festgefahren. Manchmal habe ich den Eindruck, ich würde einer asexuellen Kurie vorstehen. Aber nicht nur das, viele Kardinäle und Bischöfe stellen sich quer – sie wollen einfach nicht begreifen, dass wir einen Irrweg gegangen sind. Und wenn sie es einsehen, fehlt ihnen der Mut zur Veränderung.“
„Und was ist mit eurer ersten Todsünde, wenn man nicht an die von euch gestaltete Schöpferfigur glaubt? Sind dann alle Menschen, die einer anderen Schöpferidee anhängen dem Unglück geweiht?“
„Es gibt nur einen Schöpfer für alles was im Kosmos existiert und damit auch für alle Menschen.“
„Wenn es ein liebender und verzeihender Schöpfer für alles Existierende ist, warum gebt ihr euch so viel Mühe aus allen Menschen Christen zu machen? Stehen sie nach deinen Worten nicht bereits unter der Gnade des gemeinsamen Schöpfers?“
„Du vergisst offensichtlich wieder einmal die Nächstenliebe. Nicht alle Religionen stellen das so in den Vordergrund wie wir.“
„Alle Religionen bemühen sich um den inneren Frieden ihrer Glaubensgruppe. Das gehört sozusagen zum religiösen Kerngeschäft. Wenn du sagst, ihr hättet es besonders in den Vordergrund gestellt, dann schau dir mal die christlich geprägten Gesellschafen an. Ist dieser Zustand von Ausbeutung an Mensch und Materie das Ergebnis von zweitausend Jahren praktizierter Nächstenliebe? Aber wir landen wieder im Sumpf kirchlicher Argumentationen.
Die Sünden, Franziskus, was hat euer Sündensystem mit der freien Entfaltung und der Eigenverantwortung des Individuums zu tun? Dient es nicht dazu, dass die Menschen ihr menschliches Fühlen und Handeln als minderwertig empfinden, sich dadurch klein und schmutzig fühlen? Habt ihr dadurch nicht mehr Macht über sie erhalten?“
„Ja, ja, ja, du hast mal wieder Recht, seit die Kirche zum Instrument der römischen Exekutive wurde, ging es über Jahrhunderte um die Durchsetzung von Macht ja wir haben viel zu lange den christlichen Auftrag aus den Augen verloren ja es gab eine imperiale Machtverliebtheit vermischt mit zum Teil perversem Glaubenseifer! Bist du nun zufrieden?“
„Nein, Franziskus, ich möchte, dass du das Ganze siehst. Erkennst du wie die Kirche den cäsarischen Drang nach Weltherrschaft übernommen hat? Wie die Kirchenmächtigen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln versucht haben die weltlichen Herrscher zu unterwerfen? Und ist es nicht, gemessen an der Zahl der Gläubigen, inzwischen ein Imperium geworden auf das jeder römische Kaiser stolz gewesen wäre?“
„Du kannst die Anzahl von Gläubigen nicht mit territorialer Macht vergleichen!“
„Nimm den gesamten Verwaltungsapparat und den Grundbesitz mit allen Vermögenswerten hinzu, dann führst du ein Imperium – und wenn du den seelischen Zugriff auf den einzelnen Gläubigen als Machtmonopol interpretierst, dann hat dessen Absolutheit durchaus diktatorischen Charakter.“
„Sehe ich etwa aus wie ein Diktator?“
„Nein, euer ganzes Kirchenvolk gibt sich harmlos, und je weiter man die Hierarchie herabsteigt, desto harmloser und hingebungsvoller ist deine Gefolgschaft tatsächlich, hingebungsvoll, manchmal bis zur Selbstaufgabe.
In demütiger Selbstentwertung nehmen unzählige von ihnen hin, von kirchlichen Würdenträgern missbraucht zu werden.“
„Das ist von mir bereits mehrmals eingestanden worden, es ist furchtbar und unentschuldbar – aber hatten wir dieses Thema nicht bereits?“
„Ja, ich rufe es dir nochmals ins Bewusstsein, um die krasse Differenz zu betonen, wie selbstgerecht sich eine so in sich moralisch zerrüttete Institution nach aussen artikuliert. Schau, hier ist ein neues Fenster:“
(Fenster 10)
„Wer ist dieses weinende Kind?“
„Es ist ein neunjähriges Mädchen, das von seinem Stiefvater vergewaltigt wurde.“
„Das ist schändlich!“
„Das hat schon angefangen, als es sechs Jahre alt war.“
„Das ist furchtbar, hat sie denn niemand beschützen können?“
„Ihre Mutter hatte nichts bemerkt – sie ist das, was ihr eine gottesfürchtige Person nennt.“
„Aber irgendetwas muss sich doch im Verhalten der Tochter verändert haben.“
„Das hat es auch, aber dass ihr Mann die Tochter sexuell missbraucht, hätte ihre tief verankerte kirchliche Moral völlig gesprengt. So durfte dieses Misstrauen gar nicht erst entstehen.“
„Ah, ist die Kirche wieder schuld!“
„Es geht nicht um Schuld und auch nicht um schuldhafte Absichten, sondern einzig um die unbarmherzige Wirkung eurer praktizierten Moraltheologie. Der Stiefvater hatte nicht nur diese Neunjährige, sondern auch ihre vierzehnjährige geistig behinderte Schwester sexuell missbraucht.
Schau sie dir genau an – ein Kind, kaum einmetervierzig gross und gerade mal sechsunddreissig Kilo schwer, mit einer Gebärmutter, die keinen Embryo halten kann, geschweige denn Zwillinge.
Kannst du dir vorstellen in welche Gewissensnöte ihre Mutter geriet, bis sie sich entschied ihr eigenes Kind durch eine ärztlich dringend empfohlene Abtreibung zu retten.
Und was hat euer Bischof gemacht? Er hat die Mutter und das beteiligte medizinische Personal exkommuniziert nur der Vater blieb verschont wie gnädig! Ist das die Nächstenliebe auf die ihr so stolz seid?“
„Du musst nicht sarkastisch werden. Ja, ich erinnere mich an den Fall. Ja, das war nicht gut. Dieses voreilige Statement von Erzbischof Sobrinho war unangebracht und wenig einfühlsam.“
„Ach, der Erzbischof hat jetzt den Fehler begangen weil er sich konsequent an eure Dogmen gehalten hat. An dem Dogma wäre deiner Meinung nach weiter nichts auszusetzen?
Hat die Kirche nicht erst 1965 festgelegt, dass bereits bei der Befruchtung ein Mensch entstehe? Und habt ihr damit einen Schwangerschaftsabbruch nicht von der Befruchtung an in jeder Phase zum Mord erklärt? Sag mir, was ist der wirkliche Grund für ein solches inhumanes Verbot?“
„Es geht um die Unversehrtheit der göttlichen Schöpfung. Wie kann ein Akt, der das unschuldige Leben unterdrückt, therapeutisch, zivil oder einfach menschlich sein“
„Du sprichst von Menschlichkeit, Franziskus. Soll ich dir unzählige Fenster öffnen, die dir zeigen welche unmenschlichen Verhältnisse durch die konsequente Wahrung ungeborenen Lebens entstehen. Du würdest dich vor Grauen übergeben.“
„Mag sein, dass es Ausnahmen gibt, wie jenes bedauernswerte Mädchen.“
„Es betrifft Millionen von Gläubigen.“
„Aber es muss doch einen Schutz des Lebens geben. Man kann mit dem Leben doch nicht nach gut dünken umspringen!“
„Ich zitiere für dich das zweite Vatikanische Konzil: ‚Gott, der Herr des Lebens, hat nämlich den Menschen die hohe Aufgabe der Erhaltung des Lebens übertragen, die auf eine menschenwürdige Weise erfüllt werden muss. Das Leben ist daher von der Empfängnis an mit höchster Sorgfalt zu schützen‘…. Was tut nun die Kirche um den Abermillionen in lebenslange Not geratenen Eltern zu helfen – in Not geraten, weil ihnen ihr Glaube keine Wahl liess, sind sie in ihrem Elend weit von einer, wie ihr es fordert, menschenwürdigen Existenz entfernt. Und welche Zukunft werden solche Kinder und deren Kinder haben? Ist es nicht zu einfach Forderungen zu stellen, ohne deren Durchführbarkeit zu überprüfen? Ist es nicht schändlich Seelennöte zu erzeugen, die den Menschen jede Chance auf ein gedeihliches Leben verunmöglichen?“
„Die Kirche kann sich nicht für alle Not verantwortlich fühlen. Verantwortung müssen zuerst die Menschen selbst übernehmen. So muss man auch verantwortlich mit einer möglichen Schwangerschaft umgehen.“
„Indem ihr die Pille und das Kondom verbietet?“
„Es gibt auch andere Mittel um eine Schwangerschaft zu vermeiden.“
„Ich kenne deine Aussage, wie war das noch: ‚Manche Menschen glauben – entschuldigen Sie den Ausdruck –, dass sich gute Katholiken wie Karnickel vermehren müssen‘. Und wie sollen sie das verhindern? Durch Koitus Interruptus oder durch Enthaltsamkeit bis zur gewollten Zeugung – also sexuelle Befriedigung zwei bis drei Mal im Leben für jeweils einige Wochen. Was sind denn das für andere Methoden, die du in Aussicht stellst und wie sicher sind sie?
Hattest du nicht selbst gesagt die Sexualität, der Sex, sei ein Geschenk Gottes, und dass Sexualität mit Leidenschaft, mit leidenschaftlicher Liebe, zu tun habe. War es nicht wörtlich ‚Wahre Liebe ist leidenschaftlich‘?
Mich wundert, wie du mit deinem Enthaltsamkeitsgelübde etwas über Leidenschaft wissen kannst. Wie stellst du dir eine leidenschaftliche Liebe ohne Verhütung vor?“
„Frauen haben unfruchtbare Tage.“
„Die zunehmend unregelmässig und damit unsicher werden. Ich denke, du kennst die Enzyklika ‚Humanae Vitae‘ sehr genau, deshalb müssen wir nicht drum herum reden. Dieses Gedankengut ist nicht nur weltfremd, sondern inhuman, sogar menschenfeindlich. Ich gehe noch weiter Franziskus, es ist die mutwillige Unterdrückung des freien Willens, einzig zum Zweck der Kontrolle über das Individuum und ganz speziell über die Frau. Sie ist, wie in vielen anderen Fällen, am Ende das erbarmungswürdigste Opfer. Das alles hat mit Respekt und Nächstenliebe nichts zu tun!“
„Die Menschen müssen einen Weg finden, mit ihrer Fruchtbarkeit umzugehen. Diese Verantwortung kann ihnen niemand abnehmen.“
„Das tun sie bereits notgedrungen. Aber eure infiltrierte Glaubensabhängigkeit erschwert die bereits vorhandenen Seelennöte noch.
Offensichtlich siehst du den Verhältnismissstand nicht. In diesem Natursystem wird geboren und getötet. Kein Tiger trauert um die Gazelle, die er frisst. Ihr Menschen reisst Millionen eurer Artgenossen auf entsetzliche Weise durch Kriege in den Tod. Und plötzlich ist euch ein befruchtetes Ei so ungeheuer wichtig, obwohl das daraus entstehende Geschöpf und den Erzeugern ein Leben in Elend oder Behinderung bevorsteht. Erkennst du nicht die Diskrepanz, wie auf der einen Seite Kirchendiener geradezu grausam mit der seelischen Unversehrtheit von Gläubigen umgehen und ihr euch andererseits das noch unbewusste Leben aus der Verantwortung der Mütter moralisch aneignet.“
„Die Welt missachtet Gottes Schöpfung viel zu oft. Das kann aber kein Grund dafür sein, beginnendes Leben mutwillig zu zerstören.“
„Also muss die Unmöglichkeit eines gedeihlichen Lebens in Kauf genommen werden.“
„Dann ist es Gottes Wille.“
„Der interpretierte Wille des von euch gestalteten Gottesbildes.“
„Du wiederholst dich!“
„Ich werde mich so oft wiederholen, wie du hinter eurer Gottesinterpretation in Deckung gehst. Die Hauptsache ist für euch das Leben, nicht die Qualität des Lebens. Sobald das männliche Chromosom das weibliche Ei befruchtet hat, handelt es sich nach eurer Glaubenslehre bereits um einen Menschen, der bei Abtötung ermordet würde.“
„Es ist der Beginn eines neuen Lebens, das Gottes Schöpfung nicht entzogen werden darf.“
„Und was ist mit dem männlichen Sperma? Kann eine Ejakulation nicht abertausende weibliche Eier befruchten. Wäre es da nicht auch ein ungeheurer Frevel, diese von eurem Gott verliehene Fruchtbarkeit durch Masturbation zu vergeuden?“
„Du wirst wieder spitzfindig! Ja, wir missbilligen auch das.“
„Woher leitet ihr das ab? Hat sich Jesus gegen die Masturbation ausgesprochen, oder nehmt ihr nach Belieben mal etwas aus dem Neuen, dann wieder aus dem Alten Testament?“
„Was soll das, du weidest dich offensichtlich an der Schwierigkeit in der ich stecke du weisst genau, wie ich darüber denke! Klerikalismus ist mir ein Gräuel!“
„Ich kenne deine Äusserungen, wie sagtest du noch? ‚Die Sexualität ist mit Gottes Schöpfung verwoben, wie sollte sie in sich eine Sünde sein? Die Sexualität, der Sex, ist ein Geschenk Gottes. Der Klerikalismus ist eine wahre Perversion der Kirche, die vorgibt, dass der Hirte stets vor der Herde hergehe, die Route vorgibt und jeden exkommuniziert, der sich von der Herde entfernt.‘“
„Ja, das ist meine Meinung, und da du uns ständig an Jesus misst, ja, unsere heutige Situation ist das genaue Gegenteil dessen, was Jesus gewollt hat.“
„Ich kenne deine Haltung, Franziskus; und ich weiss, wie sehr dich vieles anwidert, was in der Kirche praktiziert wird. Wenn ich dich weiter zitieren darf, hattest du noch gesagt: ‚Ein solcher Klerikalismus verdammt, trennt, frustriert und verachtet das Volk Gottes. Er verwechselt den priesterlichen Dienst mit priesterlicher Macht. Als direkte Folge erwächst aus einer solchen Haltung eine rigide Strenge. Hinter jedem rigiden Klerikalismus aber stecken oft ernsthafte persönliche Probleme‘.
Das ist eine sehr aufgeklärte Einsicht, Franziskus. Du hast sicher darüber nachgedacht woher diese Probleme kommen, denn solche selbstherrlichen Dominanzgelüste sind weit verbreitet und sie sind nichts anderes als die individuelle Überhöhung offizieller Glaubensräson. Du sagtest auch, die Kirche müsse sich da gründlich bekehren wie soll das geschehen? Bei allem Respekt, ich glaube kaum, dass deine mahnenden Worte eine genügende Wirkung entfalten werden, denn da gäbe es enorm viel aufzuräumen.“
„Ja, ich weiss, es wird ein langer Weg. Und wie gesagt es ist ein Leichtes zu kritisieren!“
„Bitte versteh doch, Franziskus, es geht nicht um dich, es geht um die Menschenfeindlichkeit eurer Dogmen. Du hast dich mit Recht über Klerikalismus empört, aber eure offizielle Sexualmoral ist nichts anderes. Die Entmündigung des Menschen durch eine wahnwitzige Bevormundung, die zu neurotischer Emotionalität führt und oft zu schweren psychischen Verwerfungen.“
„Der antisexuelle Eifer in den eigenen Reihen ist mir sehr bewusst und auch ein Dorn im Auge. Aber ich nehme an, dass bei den meisten Menschen der sexuelle Antrieb genügend stark ausgeprägt ist, um sich darüber hinweg zu setzen.“
„Hast du eine Ahnung! Du kannst dir nicht vorstellen, wie viele Männer sich mit ihrem sexuellen Begehren als schmutzige Zumutung empfinden, und für wie viele Frauen ihr Genital hässlich und abstossend ist. Eure Morallehre unterstellt sexuelle Enthaltsamkeit als vorbildliches Verhalten, obwohl ausgelebte Sexualität das natürlichste Verhalten eines jeden Lebewesens wäre. Sie unterstellt wie selbstverständlich, dass eine sexuelle Fantasie und ein Verlangen nach sexueller Befriedigung eine Sünde ist, etwas für das man sich zu schämen und zu büssen habe. In eurer Lehre wurde die Vulva der Frau zum Ort der Sünde und des Verderbens, obwohl sie seit Urzeiten das Symbol des Lebens und Gedeihens war.
Alles das ist an Unnatürlichkeit kaum zu überbieten – es ist ein fundamentales Vergehen gegen die Schöpfung. Es sollte allen Kirchenverantwortlichen die Schamröte ins Gesicht treiben, Franziskus.“
„Du hast Recht, das tut es auch – wir haben uns furchtbar verrannt aber ich bin nur der Papst, nur eine Stimme gegen einen über Jahrhunderte angesammelten Ballast. Jedes Mal wenn ich etwas Innerkirchliches angreife, muss ich aufpassen, dass kein Dominoeffekt entsteht und ich damit eine Revolte auslöse.“
„Ja, ich weiss, alles ist fein miteinander verwoben. Das kommt automatisch, wenn man versucht eine an sich brüchige Heilsgeschichte über grosse Zeiträume wasserdicht zu machen. Dann werden alle Behauptungen und Argumente so zwingend miteinander verknüpft, dass eine Korrektur an einzelnen Aspekten unmöglich wird. Oder man löst, wie du es sagst, einen Dominoeffekt mit schwerwiegenden Folgen aus.
Wo müsstest du ansetzen um eine Wirkung zu erzeugen? Ist der von euch befohlene Glaube an die jungfräuliche Empfängnis der wesentliche Punkt in diesem Argumentationsgeflecht?“
„Was hätte das mit alldem zu tun?“
„Es ist doch ein Kernpunkt in eurem Bestreben den Jesus von Nazareth in den Gottesstatus zu erheben. Dafür musste seine Mutter von der von euch selbst erfundenen Erbsünde befreit sein. Eigenartiger Weise benötigte das Sperma von Joseph keine besondere Behandlung, wird doch Adam in der Bibel als derjenige bezeichnet, der euren Herrgott durch seinen Ungehorsam erzürnte. Also, der Fötus von Jesus wuchs in einem von der Erbsünde unbefleckten Körper heran und hatte damit bereits die Qualitäten, um später als Gottes Sohn ins Himmelreich einzutreten.“
„Ja, das ist ein Kernpunkt unseres Glaubens. Und so ist es auch in den ältesten Dokumenten der Heiligen Schrift vermerkt.“
„Du meinst in den griechischen Übersetzungen, etwas anderes gibt es ja nicht mehr. In verschiedenen Mythologien war es damals üblich, dass Herrscher und aussergewöhnliche Menschen von einem Gott in einem jungfräulichen Körper gezeugt wurden. Lukas und Matthäus haben diese Metapher übernommen so, wie sie versuchten vieles andere, was zum damaligen Glauben und Hoffen gehörte mit Jesus zu verbinden. Ihr habt daraus in verschiedenen Schritten das gemacht, was heute geglaubt werden muss. Die jungfräuliche Geburt Marias, die erst am 8. Dezember 1854 von Pius dem IX zum Dogma erhoben wurde. Schau, hier zitiert Pius wörtlich aus der Bulle Ineffabilis Deus:“
(Fenster 11)
‚Zur Ehre der Heiligen und ungeteilten Dreifaltigkeit, zur Zierde und Verherrlichung der jungfräulichen Gottesgebärerin, zur Erhöhung des katholischen Glaubens und zum Wachstum der christlichen Religion, in der Autorität unseres Herrn Jesus Christus, der seligen Apostel Petrus und Paulus und der Unseren erklären, verkünden und bestimmen Wir in Vollmacht unseres Herrn Jesus Christus, der seligen Apostel Petrus und Paulus und in Unserer eigenen: Die Lehre, dass die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch einzigartiges Gnadengeschenk und Vorrecht des allmächtigen Gottes, im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers des Menschengeschlechts, von jedem Fehl der Erbsünde rein bewahrt blieb, ist von Gott geoffenbart und deshalb von allen Gläubigen fest und standhaft zu glauben. Wenn sich deshalb jemand, was Gott verhüte, anmaßt, anders zu denken, als es von Uns bestimmt wurde, so soll er klar wissen, dass er durch eigenen Urteilsspruch verurteilt ist, dass er an seinem Glauben Schiffbruch litt und von der Einheit der Kirche abfiel, ferner, dass er sich ohne weiteres die rechtlich festgesetzten Strafen zuzieht, wenn er in Wort oder Schrift oder sonst wie seine Auffassung äußerlich kundzugeben wagt.‘
Wenn du genügend Geduld hast, übersetze ich das mal in Klartext:
‚Zur Festigung des von uns ausgestalteten Gottesbildes der Dreifaltigkeit und zur Aufwertung einer Frau, die unseren Gott Christus zur Welt gebracht hat, zur weiteren Festigung des von der Kirche formulierten Gottglaubens und der Verbreitung der christlichen römisch katholischen Religion, nehmen wir die Autorität von Jesus, Petrus und Paulus und unsere eigene in Anspruch, um zu bestimmen, dass Maria, die Mutter Jesu von Gott in einen ausserordentlichen gereinigten Zustand versetzt wurde, indem er sie von der (von uns definierten) Erbsünde befreite. Das ist von allen Gläubigen fest und standhaft zu glauben.
Wer anders denkt ist von der Kirche abgefallen. Er hat mit Strafen zu rechnen, wenn er seine abweichenden Auffassungen öffentlich kundzugeben wagt‘.
Ist das in deinem Verständnis ein offenes, respektvolles Christentum, oder eine zur Dominanz, Macht und Unterdrückung verkommene Institution? Zumindest wäre euer Christus zu Lebzeiten ausser sich gewesen, wenn man ihm so etwas in seinem Namen untergeschoben hätte.“
„Ach ja, Pius! Wenn du so allwissend bist, wie du dich zu erkennen gibst, dann weisst du auch wie es vielen Päpsten ergangen ist. Sie wollten, wie die meisten Menschen, eine Spur in ihrem Leben hinterlassen. Das Meiste davon ist am Kardinals- und Bischofskollegium gescheitert. Sie verkörpern die wahre Macht der Kirche. Sie haben Änderungen nur zugestimmt, wenn damit ihre Macht gestärkt wurde. Päpste sind schon seit langem Marionetten, Galionsfiguren zum Ergötzen der Gläubigen. Inzwischen ergeht es uns nicht viel anders, als Königen in einer konstitutionellen Monarchie.“
„Ich weiss, Franziskus. Aber wir entfernen uns wieder einmal vom Thema.“
„Ja – ja, du sagtest vorher, die jungfräuliche Geburt sei das zentrale Dogma. Das ist es im Sinne der Göttlichkeit Jesu. Ich denke, was unsere Machtposition betrifft, ist es die Erbsünde.“
„Du hast Recht Franziskus auf das andere Thema kommen wir später zurück ohne das Dogma der Erbsünde würde der Zusammenhang fehlen. Nach eurer Glaubenslehre kommen alle Menschen mit der Erbsünde beladen auf die Welt. Nennt ihr es jetzt nicht universale Sündenverfallenheit?“
„Seit langem läuft die Diskussion über eine zeitgemässe Definition. Aber alles ist darauf ausgerichtet unser Sünden- und Vergebungsmonopol nicht zu schädigen. Ich sage das, um dir vorzugreifen.“
„Tatsächlich wird den Lebewesen unglaublich viel mitgegeben. Eure Wissenschaft kommt dem langsam auf die Spur – sie nennen es Epigenetik. Ich kann dir versichern, alles was die Menschheit ausmacht, ist in jedem Einzelnen vorhanden. Die Frage ist, was von all dem manifestiert sich in seiner Persönlichkeit, und was davon gilt wiederum als legitim und gehört zu einem sozial intakten Individuum und was ist im sozialen Kontext zerstörerisch, so dass man es in eurem Sprachgebrauch als Sünde bezeichnen könnte. Was ist nach deinem Verständnis die Sünde, Franziskus?“
„Sünde ist das Zerstörerische, das Böse.“
„Es gibt das fundamental Zerstörerische, wie Töten, Verletzung persönlicher Integrität wie erzwungene Sexualität, Ausbeutung und die Zerstörung von Lebensraum. Es gibt das sozial schädliche, wie Verleumdung, Ausgrenzung, Betrug und Diebstahl; und es gibt das sozial Unerwünschte wie unsozialer Egoismus, unverantwortliche Sexualität und Ignoranz gegenüber dem Allgemeinwohl. Ich fürchte, dass wir, ausser was das Töten betrifft, unterschiedliche Bewertungen haben. Bei euch kommt das Infragestellen der kirchlichen Dogmen noch hinzu.“
„Nach der Gotteslästerung ist das Töten die ärgste Sünde.“
Pulsuz fraqment bitdi.