Kitabı oxu: «All das ist Jagd»
Gerd H. Meyden
All das ist
Jagd
Begegnungen
eines Jägers…

Titelgestaltung: DSR | Werbeagentur Rypka GmbH., 8020 Graz
Titelbilder: Richard Altmann, Wr. Neudorf
Adolf Schilling, Rüsselsheim
Werner Nagel, Braunschweig
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
ISBN 978-3-7020-1173-4
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© Copyright by Leopold Stocker Verlag, Graz 2008
Layout: werbegraphik-design Gernot Ziegler, 8054 Graz
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Danksagung
Am Wegesrand
„Horn auf!“ Erinnerungen an einen Neubeginn
Der alte Drilling
Druckfehler
Cita
Eine Kohlgais
Das Waidmanns-Heilen
„Bären jetzt schlafen!“
Auf Messers Schneide
Der Mondhirsch
Was man verspricht, …
Nach dem großen Schnee
Im frühen Winter
Der Butsch
Am Peters Älpele
Jagdgast-Trilogie
Es war im Böhmerwald, …
Steinbockjagd im Altai
Prosecco, Prosciutto und ein Priester
Virus mongolicus
Jagd ist nie zu Ende
Vorwort
Noch immer klingt mir das sehnsüchtige Werben des Berghirsches in den Ohren, das ich heute am zeitigen Morgen gehört und erlebt habe. Und genau diese gewaltige und schönste Symphonie, die uns die Mutter Natur bietet, ist für mich Ansporn, das Vorwort zum Buch von Gerd Meyden zu schreiben.
Immer seltener und immer weniger werden sie, die unbeugsamen Kämpfer für die geschundene Kreatur. Es war für mich ein großes Glück und eine besondere Freude, den Waidmann Gerd Meyden kennen gelernt zu haben.
Aus dem anfänglichen „Beriechen“ wie unsere Bayrischen Gebirgsschweißhunde, entstand hier eine ehrliche und offene Freundschaft. Rasch stellten wir dann die gleiche Wellenlänge und dieselben Anschauungen fest.
Noch heute sehe ich sein strahlendes Lächeln vor mir, als wir in der fernen Mongolei den Steinbock jagten und der Gerd mir mit stolzer Freude das erlegte Prachtexemplar zeigte. Noch heute höre ich aus der mongolischen Jurte den „jagerischen“ Gesang, als wenn wir am Berg auf einer einsamen Alm- oder Jagdhütte feiern würden. Das bekannte Jagdlied „s’ Jagern und s’ Zitherschlag’n“ traf hier voll und ganz zu, sind wir doch beide Anhänger der echten und unverfälschten Volksmusik und begeisterte Führer des Bayrischen Gebirgsschweißhundes.
Dem Nachsuchenführer Gerd Meyden ist nichts zuviel, keine Dickung zu dicht, kein Felsgrat zu steil, wenn es darum geht, ein krank geschossenes oder angefahrenes Stück Wild von seinen Leiden zu erlösen. Ob Gamsbock oder Hirsch, ob Keiler oder Rehbock, ob Alttier oder Rehgeiß, für ihn ist es eine Selbstverständlichkeit, den Schweißriemen in die Hand zu nehmen. Wir freuten uns beide, als er im Ebersberger Forst, meinem ehemaligen Dienstrevier, einen wirklich alten und starken Keiler erlegen konnte.
Nun endlich hat sich dieser Waidmann dazu aufgerafft, aus seinem reichlichen Erinnerungsschatz ein Buch zu schreiben, ist er doch auch ein gefragter Autor der allbekannten deutschen Jagdzeitschrift „Wild und Hund“. Mit Begeisterung und auch mit seinem feinen Humor hat er sich nicht nur ein Denkmal gesetzt, sondern er scheut auch nicht davor zurück, der Jägerschaft ins Gewissen zu reden.
Dem Freund und Jagdkameraden, dem erfolgreichen Autor, wünsche ich viel Erfolg mit seinem Buch.
| Schliersee, im Hirschmond 2007 | Konrad Esterl Wildmeister |
Danksagung
Danken möchte ich den Redakteuren von „Wild und Hund“, die mir den Weg gewiesen haben, dass Erlebtes lesbar werden konnte, jagen doch die Gedanken, voll des Erinnerns, bei mir gerne über das geschriebene Wort hinaus.
Wie einen „überpassionierten“ Schweißhund haben mich die Erfahrenen oftmals „zur Fährte!“ zurückgeholt.
Am Wegesrand
Ein stiller und warmer Sommerabend. Es ist eigentlich noch zu früh, um anwechselndes Wild zu erwarten. Doch ich sitze gern zeitig und lasse den Tag geruhsam ausklingen. Langsam wandern die Schatten den besonnten Berghang hinauf. Heut’ habe ich mir ein kleines Bodensitzerl am Wegesrand ausgesucht. Von hier aus kann ich einen weiten Bereich des vor mir liegenden Berges überschauen.
Ein paar Gamsjahrlinge tauchen bereits hin und wieder aus den deckenden Weißerlen, den Laublatschen auf. Heute habe ich keine „ernsten Absichten“. Vielleicht kann ich meinem Freund ein jagdbares Stück ausmachen. Die Kipplaufbüchse lehnt am Baum und mein Schweißhund sitzt aufmerksam an meiner Seite.
Plötzlich knurrt die Hündin leise und äugt nach rechts. Dort schlängelt sich der Weg bergwärts zu einer vielbesuchten Unterkunftshütte hinauf. Schon höre ich Stimmen, und um die Krümmung des Pfades tauchen zwei Wanderer auf. Bald sind sie nahe heran. Ein älterer Mann, aufrechter Haltung mit gepflegt gestutztem, weißem Vollbart. Seine Begleiterin, eine mütterlich wirkende Frau, es könnte die Seine sein. Kurz bevor sie mich erreicht haben, verhalten sie ein wenig erschreckt den Schritt. So gut gedeckt,wie ich hier sitze, bin ich erst im letzten Augenblick zu erkennen.
„Oh, Herr Jäger, haben wir Ihnen was verscheucht?“
Ich beruhige sie, es sei ja noch sehr früh am Abend. Und so kommen wir ins Gespräch.
Ich freue mich immer, wenn aufgeschlossene Menschen mit dem Jäger reden. So kann man vieles an den rechten Platz rücken. Die beiden sind voller Wissbegier, was es hier zu jagen gibt. Sie bedauern, wie eigentlich alle Spaziergänger, mit denen ich mich unterhalte, dass man kein Wild mehr sieht. Ein großes Thema. Dann erzählt mir das Paar, sie seien Vegetarier, da sie die unwürdige Behandlung des Schlachtviehs nicht unterstützen wollen. Als ich ihnen den Unterschied darlege, wie im Gegensatz dazu das Wild normalerweise „geerntet“ wird, horchen sie auf. Den Ausschlag gibt dann auch das Argument der gesunden Ernährung. Dass Wildbret das annähernd gleiche Maß an gesundheitsförderlichen Omega-3-Fettsäuren wie Fisch hat, ist ihnen neu. Und dann kommt die immer wiederkehrende Frage an den Jäger: „Warum machen Sie das?“
Schier unerschöpflich reden wir über Jagd und Natur. Die zwei sind gescheite Frager und Zuhörer, und manche ihrer Fragen machen mich nachdenklich.
Als sie sich nach gut einer Dreiviertelstunde als zukünftige Wildbretesser verabschieden, bin ich mit meinen Gedanken wieder allein.
Was hat mir das Jäger-Sein gegeben? Neben der Freude am Beutemachen die Beute selbst, wobei die Trophäe auch eine gewisse Rolle spielt. Wie viele Stunden genussvollen Erinnerns haben mir die, von Unwissenden oft verspotteten „Schädel“ gebracht. Bei jedem einzelnen Stück kommt doch die Stunde, der Tag, das Drum und Dran der Jagd wieder aus dem Schatz der Erinnerung zurück. Wie oft stehe oder sitze ich vor einer meiner Gamskrucken, Hirschgeweihe oder einem Rehgwichtl, und dann ist alles wieder da. Da ich das Erlegte immer als hochwertiges Nahrungsmittel betrachte, so ist auch das für mich ein wichtiger Gesichtspunkt. Bei mir geht das, „horribile dictu–schrecklich zu sagen“ so weit, dass ich mir im Zoo, neben dem Bewundern der schönen Tiere, oft überlege: „Ja, wie schmecken denn die?“ Doch das liegt sicher nur an meiner „Verfressenheit“.
Den größten Wert für mich als jagenden Menschen sehe ich in dem intensiven, mit jeder Faser wachen und wachsamen Leben in und mit der Natur. Niemand, auch nicht der größte Naturfreund, muss so aufmerksam sein. Es fordert ihn auch nicht in dem Maße. Als Jäger muss ich unzählige Dinge beachten: Wetter, Windrichtung, Tageszeit, Äsungsplätze, je nach Jahreszeit vermutete Einstände, Weiserpflanzen.
Ich muss die Gewohnheiten aller Tiere, auch der nicht jagdbaren, in jeder Altersstufe kennen: Wann und wo kann ich welches antreffen. Je mehr ich darüber weiß, umso farbiger, schöner und unendlich reicher wird das Erleben. Jede Pflanze sagt mir etwas. Immer wieder muss ich dafür in Büchern nachschlagen und lernen. Und dann, speziell bei der Bergjagd, ist es die körperliche Herausforderung. Hier, wie auch sonst bei der Jagd, heißt es: Der Weg ist das Ziel. Und der Weg ist das Köstlichste. Auch wenn man erst im Nachhinein, nach aller Plag und Mühe, dessen Wert erkennt. Der Schuss ist ja außer im Berg meistens der Schlusspunkt. Wie oft muss ich gerade hier erkennen, wo meine körperlichen Leistungsgrenzen sind. Sei es vor oder nach dem Schuss, wenn es ans Bergen der Beute gehen soll.
Und dann – wie oft hat mich das Jagen zur Selbstbeherrschung ermahnt, wie oft zur Geduld. Ein immer wiederkehrender, oft schmerzlicher erzieherischer Lernprozess.
Allein zu sein oder mit einem schweigsamen, gleichgesinnten Begleiter unter dem freien Himmel ungestört seinen Gedanken nachhängen zu können, ist eines der kostbarsten Geschenke, die das Jagen mit sich bringen kann.
Von einigen Stationen dieses jägerischen Weges will ich in den folgenden Blättern erzählen.
„Horn auf!“ Erinnerungen an einen Neubeginn
Als in den ersten Nachkriegsjahren jedermann mit dem Wiederaufbau und dem Kampf ums täglich’ Brot sein Tagwerk verdingte, gab es Waidmänner, denen neben der Wiedererlangung der Jagdrechte auch die Erhaltung des jagdlichen Brauchtums am Herzen lag.
Einer dieser Männer der ersten Stunde war mein Lehrprinz, Dietrich Graf Bülow-Dennewitz. Nach der Flucht aus seiner Heimat Ostpreußen hatte er in München seinen neuen Wohnsitz gefunden. Er wurde der Lehrmeister einer kleinen Schar angehender, junger Jäger, die sich allwöchentlich in seiner Wohnung zum Jagdhornblasen traf.
Ich war damals noch Gymnasiast der Unterstufe und musste täglich eine Dreiviertelstunde mit dem Zug nach München zur Schule fahren. Ein Mitschüler der Oberstufe, der in seiner abendlichen Freizeit bereits im Orchester der Staatsoper spielte, erbarmte sich meines Defizits im Notenlesen. Während der Zugfahrt trällerte er mir die Jagdsignale aus dem Notenbuch vor. Als Gedächtnisstütze dienten mir die Texte, die es zu den Signalen gibt. Oft fuhren wir gemeinsam mit den Rädern in die Wälder. Mein Freund sang mir dann die Signale vor, und ich blies das Gehörte auf dem Pless-Horn, bis er zufrieden war. Bei den Bülow’schen Übungsabenden war ich dann den anderen, zu deren Erstaunen, schon immer einen Schritt voraus. Da wir sehr abgelegen wohnten, konnte ich ohne Störung der Nachbarn abends vor dem Hause üben.
In der nichtjagenden Bevölkerung war das Jagdhorn damals weitgehend unbekannt. Und so hörte ich eines Tages auf der Bahnfahrt, wie ein Mann einem Mitreisenden die Sensationsnachricht überbrachte: „De Ami blos’n scho’ wieder Alarm! Wahrscheinli’ geht’s jetzt gega de Russ’n!“
Unsere fünf Mann starke Gruppe war im Jahr 1950 reif für den ersten öffentlichen Auftritt. Ich bekam einen Bläserhut verpasst: Schwarz mit fünf Reihen grüner Kordeln. Unter dem zu großen Hut sah ich aus wie die „Maus unter der Teigschüssel“. Die Bezirksgruppe des Münchner BJV war stolz, mit uns eine der ersten Bläsergruppen der Nachkriegszeit zu haben. Für einige Jäger war jedoch das Jagdhornblasen ein Brauch, den sie als „preußisch“ ablehnten. Wir mussten des Öfteren hören: „In meinem Revier will ich keinen Ton hören, da wird nicht geblasen!“
In den frühen Fünfzigerjahren feierte Kronprinz Rupprecht von Bayern seinen 85. Geburtstag. Zu diesem Anlass beorderte uns der Jagdschutzverband nach Schloss Nymphenburg, um dem hohen Herrn einen Geburtstagsgruß mit dem Jagdhorn zu bringen.
Nach Ankündigung beim Haushofmeister platzierte man uns unter dem Fenster des greisen Jubilars. Doch unser Fürstengruß konnte selbst seinem Fenster-Vorhang keine Regung abverlangen. Man servierte uns jedoch Kognak und Brasil-Zigarren, wobei ich mir mit meinen 15 Jahren schon sehr erwachsen vorkam. Doch nach diesem Genusse musste ich mich sehr zusammenreißen, die Beine waren mir schwer, und Nymphenburger Schloss und Park drehten sich beängstigend.
Als eine der ersten bayrischen Bläsergruppen wurden wir, mangels anderer Corps, im ganzen Lande herumgereicht. Wo immer es ein größeres Jubiläum zu feiern gab oder eine größere Jagdveranstaltung stattfand, wir waren sehr gefragt. Oftmals fand am darauf folgenden Tag eine Treibjagd statt. Kein Mensch störte sich damals daran, dass ich erst den Jugendjagdschein hatte, mit dem ich eigentlich keine Gesellschaftsjagd mitmachen durfte.
Auch die Amerikaner, damals noch Besatzer, forderten uns an, da ihnen das jagdliche Brauchtum der Deutschen gut gefiel. Einmal waren wir zu einer Drückjagd der Amis auf Sauen als Bläser und Treiber in den Eichstätter Forsten eingeladen. Die Jagd fand unter der Leitung bayrischer Forstbeamter statt, die aber ihrerseits keine Waffe führen durften. Besonders ein Schütze ist mir in bester Erinnerung, entsprach er doch der Klischee-Vorstellung des wilden Texaners: links und rechts baumelte ein schwerer Colt im patronen-gespickten Holster von der Hüfte. Kreuzweis’ über der Brust prahlten zwei wohlgefüllte Patronengurte für seine zwei! Schnellfeuer-Rifles. Die martialische Erscheinung krönte ein kühn geschwungener Texas-Hut. So stellte ich mir den wahren Amerikaner vor. Der Zufall wollte es, dass ich in seiner Nähe war, als eine Rotte Sauen bei ihm durchzubrechen versuchte. Als er die Schwarzkittel stangengerad’ auf sich zustürmen sah, floh er, seine Rifles von sich werfend, hinter den nächsten dicken Baum. Als dann die wilde Jagd an ihm vorbei in Richtung der parkenden Ami-Schlitten davongerauscht war, sprang er flugs zu seinen Automat-Waffen und entlud die Magazine in Richtung der Pürzel schwenkend Entschwundenen. Die Kontrolle der Fluchtfährten ergab glücklicherweise nichts, außer dass ein himmelblauer Cadillac mehrmals tiefblatt und waidwund getroffen wurde. Amerika hat für so etwas der staunenden Welt ein neues Wort beschert: „Kollateralschaden“.
Wir haben dann abends, da nichts auf der Strecke lag, das „schöne alte deutsche Jagdsignal Caddy tot“ geblasen. Ein „gemütliches Beisammensein“ nach der Jagd mit den Besatzern gab es nicht, denn jede Fraternisierung der Amis mit den „Krauts“ war seinerzeit untersagt. Das hat sich bekanntlich bald geändert. Es gipfelte in meinem Fall darin, dass mich ein amerikanischer General, natürlich ein Jäger, unbedingt adoptieren wollte.
Den festlichen Höhepunkt erlebten wir 1952, als wir die Landestagung des BJV in Rothenburg o.d.T. mit unseren Hörnern umrahmen durften. Mit meinen fünfzehn Jahren lernte ich da Jäger kennen, deren ich noch heute mit Hochachtung gedenke, wie z.B. Ulrich Scherping, den untadeligen ehemaligen Oberstjägermeister, oder Wolfgang Baron Beck, dem wir den Erhalt des Reviersystems zu verdanken haben.
Ein Jahr darauf bliesen wir dem damaligen BJV-Präsidenten, Baron Eggloffstein, das letzte Halali. Sein Sarg stand, von uns Bläsern flankiert, auf der Bühne des Münchner Krematoriums. Beim Kommando „Horn ab“ schlug einer von uns, zackig das Horn absetzend, donnernd auf den Sarg. Doch das hat den alten Waidmann nicht mehr erschüttert. Nach der Trauerfeier kam einer der Krematoriums-Angestellten ganz ergriffen zu uns, mit den Worten: „A so a scheans Halleluja hob i no nia g’heart.“ Jagdhornblasen war eben damals für weiteste Kreise etwas Neues.
Zur festlichen Premiere des Films „Der Förster vom Silberwald“ wurden wir Bläser auf der Bühne des Münchner „Filmtheaters am Karlstor“ aufgestellt. Am Rednerpult stand der damalige Landesjägermeister des Landes Salzburg, Baron Mayr-Mellnhof, in dessen Revieren der Film, der auch noch heute eine aktuelle Tendenz hat, gedreht wurde. Das Publikum bestand außer den zahlreichen Honoratioren aus ganz „normalen Leuten von der Straße“. Als uns der Baron nach langer, ausführlicher Rede das Zeichen zum Blasen gab, waren viele der „normalen Leute“ tief und sanft eingeschlummert. Doch bei den ersten Tönen des „Hohen Weckens“ schossen die Schläfer, wie vom wilden Affen gebissen, in die Höhe. Nur mit Mühe konnten wir unsere Fassung bewahren.
Zur Herbstzeit musste ich bald einen Terminkalender führen, denn die „grüne Welt“ brauchte nun für ihre wieder erlaubten Gesellschaftsjagden Bläser. Diese waren noch sehr rar. Es ging von Jagd zu Jagd, sodass meine schulischen Leistungen alle roten Warnlichter im Elternhaus aufblinken ließen. Der Abschluss des Gymnasiums war in „grüner“ Gefahr. Die Wanderjahre eines jungen Jägers mussten vorerst beendet werden.
Der alte Drilling
Hoch in einer alten Weide habe ich mir einen kleinen, notdürftigen Sitz gebaut. Ganz stolz sitze ich hier, mit meinen sechzehn Jahren und mit einem druckfrischen Jugendjagdschein in der Tasche. Weit kann ich über die sommerlichen Wiesen schauen. Es ist Blattzeit, und die Augusthitze flimmert über dem Land. An vielen kleinen Stauden ringsumher hat ein Bock seinen Zorn ausgelassen und die Erlen- und Weidenbüsche haben es arg büßen müssen. Den würde ich mir allzu gerne mal anschauen. Vielleicht kann ich ihn heute mit dem Blatten betören. Drüben beim Nachbarn, beim Baron, sehe ich weit entfernt ein Reh wie suchend durch die Wiesen streifen. Das könnte doch ein Bock sein. Und tatsächlich, das Glas bestätigt meine Hoffnung. Doch er ist noch zu fern für meine verlockende Musik.
„Ach was, ich probier’s einfach!“
Und beherzt blase ich auf mein straff gespanntes Buchenblatt, was das Zeug hält.
„Hurra, er wirft auf!“
Und noch einmal ertönt überlautes Angstgeschrei einer bedrängten Rehgeiß. Da stürmt er schon heran, von wilder Eifersucht getrieben.
„Teufel, Teufel, was bin ich für ein toller Lock-Jäger!“
Doch kurz vor dem kleinen Bach, der die Reviergrenze bildet, stoppt er. Noch ist er beim Nachbarn. Innerlich flehe ich:
„So komm doch herüber!“
Ganz glatte, engstehende, hohe Spieße sind seine Wehr. Jetzt wendet er sich, er möchte wohl wieder zurück. Da wage ich ein zartes, flehendes Fiepen. Und mit einem Sprung setzt der Getäuschte über den Bach. Längst habe ich den Hahn meines Drillings aufgezogen. Wieder verhofft er, jetzt herüben in unserem Revier. Über Kimme und Korn nehme ich Maß, und der Schuss peitscht hinaus. Doch was ist das? Der Beschossene steht wie eine Scheibe. Schnell eine neue Patrone in den Lauf! Den Hahn aufgezogen und – peng! Keine Reaktion! „Herrschaftszeiten, da soll doch der schwarze Samiel dreinfahren!“
Langsam zieht der Bock ein paar Stechschritte weiter und steht wieder wie gemauert. Jetzt aber schnell! Ich fummle eine neue Patrone aus der Tasche, die leere Hülse fällt rasselnd durch die Äste in das Brennnesseldickicht am Boden. Ja, ist denn der taub? Nach dem dritten Schuss wird es ihm dann doch zu mulmig und mit weiten, hohen Fluchten springt er ab. „Sakradi!“ Doch nicht zurück, wo er hergekommen ist, sondern in unser Revier hinein. Jetzt bleibt er nochmals verhoffend stehen, äugt misstrauisch zu dem Donnerbaum zurück. Verzweifelt habe ich wieder nachgeladen. Eigentlich ist er schon viel zu weit, doch mir ist das jetzt ganz egal. Diopter hochstellen, etwas höher gehe ich ins Ziel, und auf den sorgfältig aufs Blatt gezielten Schuss haut es den Enggestellten wie vom Blitz erschlagen zusammen. Zuerst blicke ich erstaunt auf mein Feuerrohr, dann bricht Jubel aus mir heraus.
„Ich bin der Größte, ein wahrer Meisterschütze!“
Dass ich auf diese Entfernung noch treffen konnte! Ich könnte mir selbst auf die Schulter klopfen.
Jetzt hält mich nichts mehr auf meinem luftigen Sitz. Erst lasse ich an der Schnur, mit der ich ihn auch heraufgezogen habe, den Drilling zu Boden gleiten. Dann klettere ich durch’s Geäst hinab, schnappe mir meine Wunderwaffe und muss mich beherrschen, um nicht zu meiner Beute hinzurennen. Diesen Meisterschuss muss ich mir doch gleich anschauen, um meine Heldentat so recht genießen zu können. Doch wie ich dann den Erlegten auch drehe und wende, weder links noch rechts ist auf dem Blatt ein Schussmal zu finden. Da fällt mein Blick, als ich das Gwichtl anschauen will, auf einen winzigen, schweißigen Fleck unterhalb des Hauptes: Die Kugel hatte den Bock genau am ersten Halswirbel getroffen. „Na bravo!“ sage ich mir. Etwas ratlos kratze ich mir den Kopf: „Wie soll ich das nur jemandem erklären?“
Nun, um das verständlich zu machen, muss ich ein wenig ausholen.
Meine Familie hatte einen Freund und Nachbarn, dessen verstorbener Vater Jäger war. Der hatte vor Kriegsende seine wertvollen Waffen, wie so viele andere Jäger auch, eingegraben, um sie vor der „Befreiung“ durch die Besatzer zu retten. Die weniger wertvollen Stücke gab man dann als braver Bürger den Amerikanern, denn einem Jäger hätte man nicht geglaubt, dass er gar nichts abzugeben hat. Anfang der Fünfzigerjahre, als die Deutschen ihr Jagdrecht zurückerhielten, wurden dann auch, o Wunder, die verschwundenen Waffen „exhumiert“ und „wiedergefunden“. Die Bedrohung durch die Todesstrafe auf Waffenbesitz war aufgehoben worden.
Dieser väterliche Freund war selber kein Jäger. Er hatte aber solche Freude an meiner und meines Bruders Jagdbegeisterung, dass er uns großzügig den Drilling seines Vaters schenkte.
Die Waffe stammte aus einer angesehenen Ulmer Werkstatt. Sie hatte eine herrliche Gravur und außen liegende Hähne. Das Schrotkaliber war 16/65 und als Kugel die alte Försterpatrone 9,3 x 72 R. Der Schaft war aus herrlich wolkigem Wurzelholz und hatte an der Unterseite ein Schaftmagazin für fünf Kugelpatronen. Dies hatte die gleiche edle Gravur in verschlungenen Arabesken wie auch die Seitenplatten. Auf dem Laufbündel befand sich ein Diopter, der für weite Schüsse hochgestellt werden konnte. Außen war die Waffe noch in tadellosem Zustand, aber, oh Weh, wie sahen die Läufe innen aus?! Der Kugellauf war noch einigermaßen in Ordnung, doch die Schrotläufe hatten arg gelitten. Der alte Herr hatte es wohl sehr eilig mit der „Bestattung“ gehabt, und nur die öligen Lappen außen um die Waffe hatten das Schlimmste verhindert. Wir haben ihr mit viel Liebe und Ballistol zu neuem Glanz verholfen, doch bei Rostnarben, wenn sie sich einmal eingefressen haben, kommt Öl zu spät.
Wir waren jedoch selig, ein eigenes Gewehr zu haben, dessen Einsatz wir uns nun brüderlich teilten.
Mit im „Grab“ der Wiedergekehrten befanden sich auch etliche Schachteln mit Kugelpatronen. Die Messinghülsen und die Bleiköpfe der Teilmantelgeschosse waren arg oxydiert. Die haben wir Stück für Stück aufpoliert, bis sie fast wie neu aussahen.
Die Probeschüsse konnten wir in einem Revier machen, das wir, als wär’s unser eigenes, betrachten durften. Wie es dazu kam, muss ich wohl an dieser Stelle einfügen.
Ein in unseren Augen „alter Herr“, er mochte damals vielleicht fünfundfünfzig Jahre gezählt haben, wurde durch glücklichen Zufall auf die glühende Jagdpassion von uns zwei Brüdern aufmerksam.
Ein landschaftlich vielseitiges Revier, mit Wald, Feldern, Wiesen und einem lauschigen, sich durch die Wiesen schlängelnden Bach, welches mehr als tausendfünfhundert Hektar groß war, bejagte er allein. Der Mann, an dieser Stelle verdient er es, dass sein Name festgehalten wird, Heinz Hobbhahn, war gebürtiger Ägypter mit deutschem Vater. In seiner Jugend in Ägypten ging er viel auf die Jagd. Doch weil es dort wenig Schalenwild gibt, so wurde er durch das reichlich vorhandene Flugwild ein begeisterter Flintenjäger. Rehe waren für ihn weitgehend uninteressant.
Für uns eröffnete sich ein Paradies. Den gesamten Rehwildabschuss überließ er uns, nachdem wir miteinander näher bekannt geworden waren und er über Zugang zu unserem Elternhaus Vertrauen in uns setzen konnte. Doch eine Bedingung knüpfte er an unser gemeinsames Jagen: Hasen, Hühner und Enten durften wir nur zusammen mit ihm bejagen. Dazu brauchte er uns zwar auch, doch noch eher unseren Hund. Wir hatten aus eigener Zucht einen, damals bereits mit ersten Preisen auf Prüfungen, wie Derby und Solms prämierten Deutsch-Kurzhaar Rüden, Birko v. d. Achenburg. Das Revier lag ca. 12 km von unserem Wohnhaus entfernt. Jeden Weg dorthin legten wir nur per Rad zurück, und der Rüde trabte flott nebenher.
Hobbhahn hatte nur einen uralten, gichtigen, aber heißgeliebten Dackel. Dieser kleine Kerl war das Ein und Alles für das kinderlose Ehepaar. Nur leider hatte er, sicher durch Süßigkeiten, vollkommen kaputte Zähne, die unsäglich faulig stanken. Immer wenn ich bei Hobbhahns im Hause war, krabbelte der alte Hund, der an mir einen „Narren gefressen“ hatte, auf meinen Schoß. Ich musste Freude an dem alten Liebling mimen und seine unbeschreiblichen Ausdünstungen ertragen. Ein Kind des Hauses darf man doch nicht verstoßen! Und mein Herz gehört ohnedies den Hunden. Dieser liebe, väterliche Freund gewährte uns freie Entscheidungen in seinem Revier, die es wohl nirgends sonst gab. Dafür bekamen wir aber viele gutgemeinte Ratschläge und Weisheiten seines Lebens mit auf den Weg.
Es war eine seiner gern zitierten Ermahnungen, die er uns mit Augenrollen und erhobenem Zeigefinger wieder und wieder ans Herz legte: „Buuben, der Woold hat Auugen!“ Der Gute wollte uns damit warnen, dass wir nicht mit irgendwelchen Mädels im Walde Schabernack treiben sollten und eventuell dabei beobachtet würden.
Doch die Nichtbeachtung seinerseits, gerade dieser Erkenntnis, sollte ihm großen Ärger einbringen.
Er fing nämlich ein zartes Techtelmechtel mit einer sechzehnjährigen Schülerin aus dem Dorf an, das in der Mitte des Reviers lag. Zärtlich nannte er sie: „Meine kleine Schlange“, wobei er in seinem netten Akzent „maine klaiine Schlonge“ sagte. Wir trafen ihn, wie es der Zufall wollte, mit dem Mädchen auf einem Hochsitz an, und da musste er uns notgedrungen die Sachlage erklären und uns zum Schweigen verpflichten. Dass wir dicht hielten, war für uns selbstverständlich. Doch als er mit seiner Frau einmal einen Waldspaziergang machte und dabei von der kleinen „Schlonge“ gesehen wurde, fragte diese natürlich, wer denn das gewesen sei. „Ach“, sagte er wegwerfend, „das war nur meine Haushälterin.“
Doch dann spitzte sich die Lage dramatisch zu, als die eifersüchtige „Schlange“ einen Brief an ihn schrieb, in dem stand, dass sie sehr ungehalten sei, weil er mit so einer alten Hex’, die ja nur Haushälterin sei, in ihren Liebeswald gehe.
Dumm gelaufen, denn der Brief wurde „versehentlich“ von seiner Frau geöffnet. Da gab’s gehörig Feuer unterm Dach. Wir wurden von ihr herbeizitiert und peinlichst befragt, was wir von der Affäre wüssten. Doch wir stellten uns total ahnungslos. Zum Glück legte sich der Sturm nach ein paar Monaten und der späte, zweite Frühling unseres lieben, alten Freundes blieb Gott sei Dank ohne weitere Folgen.
Aber nun zurück zum Drilling!
Unser Jagdherr hatte selber einige „wiedergefundene“ Waffen in seinem Schrank stehen. Darunter einen Doppelbüchsdrilling im seltenen Kaliber 6,5 x 58R. Diesen konnten wir uns zeitweilig ausleihen. Doch die dazugehörige Munition war so rar, dass jeder Schuss sorgfältigst überlegt werden musste, denn bald drohte der kaum ersetzbare Vorrat zu Ende zu gehen.
Da kam uns das Geschenk des alten Hahndrillings wie gerufen. Der erste Probeschuss war zufriedenstellend, doch eine größere Probeserie war ausgeschlossen, denn auch hier musste an der schwer zu bekommenden Munition gespart werden. So gaben wir uns mit dem Ergebnis zufrieden, bis dann die „raue Praxis“ zeigte, dass das Pulver, im wahrsten Sinne des Wortes, „nass“ geworden war.
Nach mehreren „Fehlzündungen“, die uns beinahe mutlos gemacht hatten, geschah es dann, dass der nächste Schuss nicht nur losging, sondern auch da saß, wo er hingehörte. „Na also, es geht doch!“ sagten wir, und das gab uns immer wieder neuen Mut zu neuen Taten.
Es kam der Herbst, und der Geißenabschuss sah mich fleißig im Revier. Rehe gab es nicht mehr viele, denn die amerikanischen Besatzer hatten ziemlich „reinen Tisch“ gemacht. Wieder einmal war ich als Benutzer der edlen Waffe dran und mein Bruder war nur interessierter Begleiter. Gut gedeckt, erwarteten wir von einem Bodensitz das zu Felde ziehende Rehwild. Vor uns ein lichtes Fichten-Stangenholz, ohne Bodenbewuchs. Eine einzelne Geiß zog noch bei gutem Licht dem Waldrand zu. Ruhig zielte ich ihr die Kugel aufs Blatt. Auf den Schuss die bilderbuchmäßige Hochflucht, wie bei einem guten Blattschuss. Bald war sie außer Sicht, aber wir waren uns sicher, sie nach wenigen Metern zusammenklauben zu können. Doch zuerst, wie sich das für einen angehenden, gewissenhaften Jäger gehört, den Anschuss kontrollieren. Seltsam, kein Tröpferl Schweiß, kein Schnitthaar zu finden. Nur kräftige Schaleneindrücke, genau dort, wo der Anschuss war. Wir schnoberten auf dem blanken Waldboden umher, da plötzlich, ja, was liegt denn da? Das Kügerl!
Die schwach gewordene Pulverladung hatte das Geschoss gerade noch bis zur Geiß getrieben, sie wie mit einem Schuss aus der Steinschleuder getroffen, heftig erschreckt und war dann kraftlos zu Boden gefallen. Das war ja doch die Höhe! Die nächste Stufe wären ja dann wirklich Pfeil und Bogen.
Wir großen Waidgesellen haben uns erst saudumm angeschaut, doch dann lachten wir herzlich. Unser Vater daheim musste zwar auch verkniffen schmunzeln, doch er fand, das sei nun doch keine rechte Jagerei und mein Bruder, als der Ältere, bekam einen Mauser Repetierer im Kaliber 7 x 57, und den auch noch mit Zielfernrohr.
Doch mir blieb dann nur als Ausweg der alte Drilling, wenn wir getrennt jagen wollten.
So war ich im Spätherbst übers Wochenende bei einem Freund in dessen väterlichem Revier im Süden Münchens zum Geißenabschuss eingeladen.
Diese „Jagdreisen“ machte ich damals stets per Eisenbahn. Mit dem Kurzhaar an der Seite, den Drilling ohne Futteral stolz geschultert, trabte ich durch den Münchner Hauptbahnhof, um den Anschlusszug gen Süden zu besteigen. Kein Mensch wunderte sich damals über den bewaffneten jungen Jäger, kein Mensch kam auf irgendwelche ängstliche oder gar jagdfeindliche Gedanken.
Auch am Ankunftsort ging ich per pedes zum Jagdfreund auf die Hütte. Mein Freund Leonhard, als frommer Mensch, eilte am nächsten Morgen, es war Sonntag, zur Kirche, während ich schon in der Dämmerung einen Hochstand am Waldrand mit Blick auf das ferne Dorf bestieg. Lange Zeit tat sich nichts. Nur am Glockengeläut der Kirche konnte ich den Fortgang des Gottesdienstes verfolgen. Dann, gerade als das Läuten das Ende der Messe verkündete, zog ein Sprung Rehe vom Wald heraus auf die Wintersaat. Gleichzeitig sah ich den Leonhard die lange Allee vom Dorfe zum Wald herankommen. Ich suchte mir ein Kitz aus der kleinen Schar heraus, der Hintergrund war frei, Hahn aufgezogen und der Schuss fuhr heraus. Nichts! Der Sprung Rehe trat beunruhigt durcheinander, noch ohne abzuspringen. Das Kitz stand frei, also noch mal geschossen. Wieder nichts! Jetzt war’s den Rehen doch zu bunt, sie flüchteten zurück zum Wald. Dort, im Stangenholz, verhofften sie. Dritter Schuss. Wieder kein Ergebnis! „Ja, Kruzitürken, zum Teufel mit der verdammten Munition!“ In der Allee sah ich den Freund herbeirennen, was die Beine hergaben. Jetzt stand ein anderes Kitz frei, also frisch noch einmal geschossen! Es fiel um, wie erschlagen. Na also!
Immer noch rannte Leonhard wie von Furien gehetzt. Wieso denn nur? Na, ich hatte mein Kitz, das wollte ich mir nun holen.
Nach dem Einschuss suchend, stand ich ziemlich ratlos da. Es gab keinen. Wie ich es auch drehte und wendete, es war weder ein Ein- noch ein Ausschuss zu finden. Das Kitz konnte doch nicht vor Schreck verendet sein. Beim Hochheben traf mich ein Schweißspritzer. Halt, wo kam der jetzt her? Vom Haupt. Und dann sah ich ein wenig Schweiß, innen in der Höhlung des Lauschers. Die Kugel hatte genau in den Lauscher, in den Gehörgang, hineingetroffen.
Der atemlos angelangte Leonhard traf mich gerade beim Aufbrechen an. Verwundert fragte ich ihn, warum er denn so gerannt sei.
„Was war denn bei dir los?“ keuchte er, „ich dachte du hättest ein Gefecht mit Wilderern. Und warum denn so viele Schüsse?“
„Ja weißt du,“ ich musste mir schamvoll schnell eine Jäger-Notlüge ersinnen, „ich hatte vor Kälte so klamme Finger, dass ich den allzu fein eingestochenen Abzug mit den klammen Fingern immer zu früh berührt habe. Als die Rehe dann fast verschwunden waren, schaute nur noch das Häuptl eines Kitzes hinter einem Baum hervor, und so habe ich es mit Kopfschuss erlegt.“
Das war knüppeldick aufgetragen, dafür sollte ich mich heute noch schämen, doch der gute Freund hat’s schmunzelnd „gefressen“. Vor allem war er erleichtert, dass es nun doch keine Wildererschlacht war.
Nach dieser abenteuerlichen Geschichte war dann endgültig Schluss mit der unzuverlässigen Kugelschießerei. Der heilige Hubertus hatte die ganze Zeit seine Hand schützend über seinem Wild gehalten. Trotz der abenteuerlichen Schussergebnisse wurde nie ein Stück Wild krank geschossen. Entweder die Kugeln gingen ins Blaue, oder sie trafen absolut tödlich, sodass dem Wild niemals unnötige Leiden zugefügt wurden.
Der Drilling kam nur noch als Flinte zum Einsatz und tat so noch eine ganze Zeit seinen Dienst, bis ich mir endlich, endlich eine eigene, neue Waffe leisten konnte.
Man könnte heute leicht stirnrunzelnd kritisieren, dass ich mit einem solchen Gewehr überhaupt auf die Jagd gegangen war. Doch Anfang der Fünfzigerjahre war das Angebot an Waffen äußerst rar und meine Mittel als Gymnasiast waren mehr als gering, im Gegensatz zu meiner unbändigen, heißen Jagdleidenschaft.
Auch wenn die Waffe nicht mehr zum Einsatz kam, so hat sie mich in späteren Jahren, als ich mir längst die Träume von handgearbeiteten Waffen erfüllen konnte, an die Jugendzeit erinnert, die wir, miteinander jagend, erlebt und erlitten haben.
Der schöne Drilling stand dann mit den neu dazu gekommenen Feuerrohren liebevoll gepflegt im Schrank bis zu einer Sturmnacht an einem Faschings-Dienstag: Mit der Familie im Skiurlaub weilend, erreichte uns die Nachricht, dass in jener Nacht bei einem Einbruch in unser Haus sämtliche Jagdwaffen gestohlen worden waren.
Ich habe nie mehr etwas vom Verbleib des alten Hahndrillings gehört und hoffe und wünsche, dass der alte Lauf nunmehr alle Kugeln um die Ecke schickt.
Druckfehler
Von Druckfehlern, die selbst in seriösen Büchern, trotz vieler Korrekturprogramme vorkommen, will ich nicht erzählen. Ich meine hier jene Fehler, die ich mit dem Druck auf den Abzug meiner Büchse machte.
Die Zeit liegt noch gar nicht so lange zurück, da ein falscher Abschuss eines Schalenwildes dem Schützen einen Riesenärger einbrachte. In unserem Nachbarland Österreich ist es immer noch der erzieherische Brauch, dass die „Sünder“, die z. B. einen zu schonenden Hirsch erlegt haben, namentlich im Mitteilungblatt der Jägerschaft mitsamt der oft gehörigen Geldstrafe erwähnt werden. Felix Austria, du hast die besseren Gesetze.
Bei uns sind im Zuge der Wildfeindlichkeit vielerorts alle Schranken gefallen. Ganz besonders beim Gams- und Rehwild. Speziell die Staatsjagdreviere mit ihrer Parole „Wald vor Wild“ haben jede Hemmung, auch einmal einen Druckfehler zu machen, beseitigt. Ich habe es selbst erlebt, als ich, ohne Revier, mich um einen Pirschbezirk beim „Vater Staat“ bewarb.
Der mich einweisende Förster blickte missbilligend auf mein umgehängtes Fernglas: „Das brauchen Sie hier nicht, wenn’s rot kommt, dann passt’s schon, da müssen Sie nicht lange schauen.“
Ich war so perplex, dass ich eine ganze Zeitlang brauchte, um dann zu fragen: „Was dann, wenn’s das Rotkäppchen ist?“ Da war’s dann am Förster, perplex zu sein.
Bei den Drückjagden in eben diesem Staatsjagdrevier liegen regelmäßig etliche abgeworfen habende Böcke auf der Strecke. Mit einem Achselzucken wird über dieses Schonzeitvergehen hinweggegangen.
Doch zurück zu der lang vergangenen Zeit, da ich als Sechzehnjähriger mit druckfrischem Jugendjagdschein einen Rehbockabschuss geschenkt bekam. Ich war damals Mitglied der Jagdhornbläsergruppe des Münchner BJV, und man wollte mir für die vielen Einsätze eine Freude machen. Man hatte mir zur Belohnung einen Bockabschuss gekauft. Voller Freude fuhr ich mit dem Rad die etwa 40 km in das Revier im Dachauer Hinterland. Das Gewehr hatte ich im Futteral an der Fahrrad-Mittelstange festgebunden, und auf dem Buckel drückte der grüne Rucksack mit meinen Siebensachen.
Im Orte Langenpettenbach angekommen, meldete ich mich beim Sepp, dem Jagdaufseher.
Dieser, ein freundlicher Austragsbauer, zeigte mir das Revier und meinen vorgesehenen Wirkungsbereich. Wir saßen am Abend noch gemeinsam an, hatten zwar keinen Anblick, aber der Sepp vertröstete mich: „Da gehst am Morgen alloa naus, da kannst garnix falsch machen! Um Schlag Fünfe kommt von der Talsenke herauf ein semmelgelber Bock. Rechts zeigt er auf Sechser, links hat er nur eine Gabel. Der ist so pünktlich, nach dem kannst dei’ Uhr stellen!“
Hurra, endlich alleine jagern!
Die Nacht in dem Bauernhof, in dem auch der Sepp in seinem Austragsstüberl hauste, war kurz. Noch im Finsteren hörte ich die Bäuerin im Stall unter meiner Stube die Kühe zum Melken aufmüden: „Auf zu Gott!“ rief sie ihren Viechern zu.
Ich schwang mich auf meinen Drahtesel, und ab ging’s zu meinem Ansitz. Der junge Tag dämmerte herauf, und tatsächlich, als die Kirchturmuhr die fünfte Morgenstunde schlug, zog vom Talgrund der semmelgelbe Bock auf meinen Hochsitz zu. Ein kurzer Blick durch’s Glas, ja pfeilg’rad, rechts zeigt er auf Sechser. Das ist er! Als er in Schussentfernung heran war, hatte ich längst den Hahn der von einem Freund ausgeliehenen Büchsflinte gespannt. Über Kimme und Korn gut zusammengeschaut, und schon brach der Schuss mit der alten Försterpatrone 9,3 x 72R. Der Semmelgelbe versank im taunassen Klee.
Stolz und überglücklich konnte ich die Wartezeit nach dem Schuss kaum ertragen und eilte dann mit raschen Schritten zum Kleefeld. Als ich voller Freude das Haupt des Erlegten emporhob, traf mich fast der Schlag. Ja, beim schwarzen Samiel! Das war ein wunderbar regelmäßiger, blutjunger, beidseitiger Sechserbock, ich konnte das Gwichtl drehen und wenden, wie ich wollte, aus der linken Stange wurde keine Gabel. Die Welt drohte zusammenzustürzen. Ganz benommen schleppte ich den Erlegten in den Wald und brach ihn erst einmal auf. Dann hockte ich mich völlig fertig auf einen Baumstumpf und überlegte: Es gab nur zwei Möglichkeiten, entweder ich brach ihm links ein Ende ab, oder ich erschoss mich hier auf der Stelle. Allen Ernstes überlegte ich, Schrot oder Kugel zu nehmen, für so groß hielt ich die Schande meines Vergehens. Oh Gott, was würden meine Gönner beim BJV zu meiner Verfehlung sagen? Ich dachte an meine entehrten Eltern. Doch dann, nach schrecklichen Minuten, entschloss ich mich für die dritte Möglichkeit: Ich wollte zu meinem Fehler stehen und mein Versagen voller Scham bekennen.
Als nach einiger Zeit der alte Sepp, der den Schuss vernommen hatte, nach mir schauen kam, kratzte er sich sorgenvoll den Stoppelkopf: „O mei, da wird der Herr Dokter schön schimpfen! Aber, Bua, denk’ dir nix, an Kopf wird’s net kosten!“
Der „Herr Dokter“ hat sich dann auch gebührend beschwert, bei meinem Mentor, dem alten Wildmeister Scheumann. Doch der gütige, erfahrene Waidmann tröstete mich: „Ich sehe ja, wie dich das wurmt. Was glaubst du, wie viel falsche Böcke ich in meinem Leben schon geschossen habe? Wer noch nie einen Falschen erlegt hat, der hat noch nie richtig gejagt.“
Dieser, früh in meiner jägerischen Laufbahn gemachte Druckfehler hat mich sehr sorgfältig im Ansprechen werden lassen. Doch unfehlbar? Wer ist das schon?
Der zweite Fall, den ich gerne ungeschehen gemacht hätte, passierte mir als Pächter eines großen Niederwildreviers. Rehe gab es genügend in den verstreut liegenden kleinen Waldstücken. Die Qualität der Gehörne ließ nichts zu wünschen übrig, obwohl der vorherige Pächter nur Sechserböcke geschossen hatte. Alle anderen waren bei ihm keine „G’scheiten Böck’“.
Im Westen des Reviers hatten wir einen abgelegenen Waldteil, das Köllinger Holz. Es grenzte an die Nachbarjagd, deren Pächter ein tadelloser Jäger war, mit dem man auch Schon-Vereinbarungen treffen konnte, an die er sich auch hielt. Dort hatte neben anderen Rehen auch ein Jahrling seinen festen Einstand. Eigentlich war er der ideale Abschussbock. Ein Stangerl war etwa zwei, das andere fünf Zentimeter hoch. Jeder hätte ohne zu Zögern diesen Jüngling erlegt und damit auch Recht getan. Doch da er so vertraut war und pünktlich bei Morgen- und Abendansitz erschien und einem einen immer sicheren Anblick bescherte, was von meinen Kindern freudig begrüßt wurde, sprach ich ein Tabu über ihn aus. Niemand durfte ihm was tun. Die Kinder hatten dann auch bald einen Namen für ihn: „Mäxchen“. Sie waren ganz versessen, auf den Ansitz mitzukommen, weil da mit Sicherheit immer was zu gucken war und ihr Liebling zuverlässig auftauchte.
Der Sommer ging dahin, die Brunft war auch schon vorbei. Mäxchen wurde zwar einige Male von stärkeren Böcken „ausgeteufelt“, aber er blieb immer in der Nähe seines ursprünglichen Einstandes und wir waren alle gespannt, wie er sich im nächsten Jahr entwickelt haben würde.
Der Oktober kam und mit ihm rückte das Ende der Schusszeit näher. Ich war in einem anderen Revierteil auf Geißen angesessen und wollte am Waldrand an einem Wiesenstreifen zu einer Anhöhe hochpirschen. Da zeigte sich im Morgennebel droben auf der Höhe die Silhouette eines geringen Bockes. Ich sank in die Knie und trug dem Verhoffenden die Kugel an.
Als ich dann oben ankam, ich schäme mich nicht, habe ich bitterlich geweint: Ich hatte Mäxchen gemeuchelt. Was, zum Teufel, hatte er hier, fast einen Kilometer von seinem Einstand, zu suchen? Doch was bedeutet einem Reh eine so geringe Entfernung! Es gab keine Entschuldigung. Und den Kindern habe ich es, Feigling, der ich war, verschwiegen.
Nach einigen Jahren hatte ich im gleichen Revierteil, wo weiland Mäxchen seine Fährte gezogen hatte, einen Ausnahms-Bock stehen. Er prahlte ungemein mit einer hochgezackten Krone und schien auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung zu sein. Das, so sagte ich mir, wäre für meinen Freund Peter der Rechte. Dieser Starke trug ein Gehörn, das sich auch der verwöhnteste Jäger gerne an die Wand hängen würde. Der Peter, der mich mit Gamseinladungen reichlich bedachte, würde sich freuen. Peter kam, sah und schoss nicht.
Er fand, dass dem Bock noch ein weiteres Jahr der Reife gut täte. Nun gut, dann im kommenden Jahr. Die Absprache mit dem Nachbarn klappte auch, wie es sich gehört. Und dann kam die Schonzeit und die Rehböcke hatten endlich Ruhe.
Der Starke war seinem Einstand treu geblieben und zog, winterlich grau, mit den anderen Rehen weit ins Feld innerhalb meines Reviers hinaus.
Ich hatte noch reichlich Geißen und Kitze zu erlegen. Nach wochenlangen Stürmen und Regengüssen hatte ich wenig Erfolg gehabt. So erlaubte ich mir, ausnahmsweise auch mal am Allerheiligentag auf die Jagd zu gehen. Normalerweise ruht ja an diesem Tag die Jagd, um die Bevölkerung nicht durch Geknalle in ihrer Totenandacht zu stören. Daher ist dieser Tag auch traditionell bei den Wildschützen sehr beliebt, da die Jäger auch bei den Gräbern sind. Doch mir ging’s nicht um’s Wilderer-Fangen, sondern ich musste mich einfach um das Abschuss-Soll kümmern. Außerdem lag dieser Revierteil weit ab vom Dorf, und wer ist denn noch spätabends auf dem Friedhof?
Für den Ansitz wählte ich mir jenen westlichen Waldteil, wo auch der Starke seinen Einstand hatte. Mein Hochstand war dem Felde zugekehrt, am Rande des Waldes, nach Süden blickend. Westlich von mir befand sich ein kleiner, jetzt von herbstlich entblätterten Erlen umstandener Weiher. Im Sommer ertönte aus ihm der stimmungsvolle Chor der Frösche, die nun, tief im Laub vergraben, dem Frühjahr entgegenschlummerten. Hinter dem Weiher mit seiner Erlenzeile lag ein Acker, der mit seiner schwarz-moorigen Erde nun abgeerntet und umgebrochen war.
Im schwindenden Tageslicht zog ein kleiner Sprung Rehe rechts von mir aufs Feld und hinter dem Weiher über den schwarzen Acker. Voller Freude sah ich auch den guten Bock dabei, der noch sein Gehörn aufhatte. Unter diesem Sprung machte ich ein schwaches Geiß-Kitz aus. Als es kurz verhoffend frei stand, fuhr mit blendendem Mündungsblitz der Schuss hinaus. Verschreckt preschten die restlichen Rehe auf die Feldflur. Im schwarzen Acker sah ich das graue Reh daliegen und im Verenden leuchtete der weiße, gespreizte Spiegel.
Ruhig packte ich meine Sachen zusammen und stapfte aufs Feld, um das Kitz zu holen. Doch da blieb mir vor Schreck fast das Herz stehen. Vor mir lag – aus dem Blatt tropfte es rot über seine Decke – der sorgsam geschonte, dem Peter zugedachte Rehbock. Ich verstand mich und die Welt nicht mehr. „Jetzt geb’ ich’s auf! Ja, ist denn alles verhext!? Wer solche Fehler macht, der darf nicht mehr jagen! Aus! Vorbei!“
Wütend brach ich den Bock auf, warf ihn in die Wildwanne und brauste heim. Dort angekommen, übergab ich meiner Frau die Büchse: „Nimm du sie, ich habe heute den letzten Schuss getan! Für mich heißt’s Jagd vorbei! Schau dir an, was ich angerichtet habe!“
Sie konnte das nicht verstehen, als ich ihr den Hergang der Ereignisse geschildert hatte. Zerknirscht hing ich den Erlegten zum Auskühlen auf. Es wurde eine unruhige Nacht. Nicht wegen des Schonzeitvergehens, sondern weil ich bei noch gutem Licht auf ein Kitz geschossen und dafür einen Bock auf die Decke gelegt hatte. Das ging mir nicht in den Kopf. Solch eine Verwechslung darf einem nie, niemals passieren! Wenn’s bei mir so weit gekommen ist, dann ist es Zeit, die Büchse an den Nagel zu hängen.
Anderntags, als ich den Steifgewordenen in den Keller tragen wollte, schaute ich mir nun erstmalig den „Einschuss“ an. Und da wurde mir alles klar. Es war kein einzelnes Einschussloch, es waren fünf. Wie von gehacktem Blei. Und das war es ja auch. Das Geschoss war auf einen, in der Dämmerung nicht mehr sichtbaren Erlenzweig gekommen und hatte sich, nun abgelenkt, zerteilt. Ausgerechnet traf es dann ihn, den streng Geschonten.
Was, so überlegte ich mir später, wäre passiert, wenn ich nur ein Gast gewesen wäre? Welcher Jagdherr hätte einem solch eine abenteuerliche Erklärung geglaubt?
Der Peter hat gelacht, als ich ihm die „Heldentat“ gestand. Zum Glück ist er ein solch erfahrener Jäger, der des „Geschickes Mächte“ kennt.
Im Jahr darauf stand andernorts ein hochinteressanter Abnormer, und der war ihm noch lieber, als, wie er sagte „dein langweiliger Sechser“.
Cita
Etwa vierzig Meter vor mir und dem mich begleitenden Schützen sahen wir den todwunden Keiler in einer Suhle liegen. Endlich, nach vielstündiger, mehrere Kilometer langer Nachsuche waren wir am Stück. Doch die Teller spielten noch und ein schneller Fangschuss beendete sein langes Leiden.
Am Vorabend gegen 19 Uhr hatte ein Jagdgast dem Hauptschwein die Kugel (30/06) auf Schrotschussentfernung angetragen. Wie bei Sauen üblich, hatte der Beschossene nicht gezeichnet und war im Fichten- und Birkenjungwald untergetaucht. Da noch Tageslicht herrschte, konnte der den Gast führende Berufsjäger den Anschuss gründlich untersuchen. Man fand ein faustgroßes Stück Leber und war sich sicher, den Keiler nach kurzer Todesflucht verendet zu finden. Sicherheitshalber wurde noch eine Stunde gewartet, bis der Wachtel des Berufsjägers zur Fährte gelegt wurde. Nach 200 m verwies der Hund ein zweites Stück Leber, hielt die Fährte noch weitere 300 m und brachte sie, dann faselnd, nicht mehr voran. Die Nachsuche wurde wegen hereinbrechender Dämmerung abgebrochen.
Am nächsten Morgen holte man den Dackel eines Kollegen. Auch dieser arbeitete die Wundfährte bis zu dem Punkt, an dem der Wachtel aufgeben musste. Man stand vor einem Rätsel, da reichlich Schweiß und Leberfetzen auf ein baldiges Verenden des Keilers hoffen ließen. Er konnte sich dort, an einem Wegrand, doch nicht in Luft aufgelöst haben. Oder war er etwa gestohlen worden? Das war in diesem Staatsrevier höchst unwahrscheinlich.
Nach reichlichem Kopf-Kratzen entsann man sich meiner. Ich war bei den dortigen Drückjagden stets als Nachsuchengespann im Einsatz und so lag meine Verfügbarkeit nahe.
Doch bei den eindeutigen Schusszeichen glaubte man, bei der Nachsuche leichtes Spiel zu haben.
Als ich gegen 11 Uhr meine Bayrische Gebirgsschweißhündin „Raika“ zur Fährte legte, waren sechzehn Stunden seit dem Schuss vergangen. Diese Zeitspanne bedeutet keinerlei Problem für einen feinnasigen Hund. Ruhig und besonnen arbeitete sie bis zum Punkt des Abbruchs der beiden anderen Kollegen. Dort war alles weiträumig zertrampelt und noch durch Hinzuziehen eines dritten Hundes reichlich verstänkert. Wir mussten bis zum letzten Schweiß zurückgreifen. Wieder ging’s nur bis zu dem Wegrand. Ein weiträumiges Kreisen brachte nur eine Rotte Überläufer, zwei Hasen und ein Reh auf die flüchtigen Läufe. Es wurde jetzt auch richtig heiß und Wasser war keins in der Nähe. Ich bat um eine Pause für die Hündin, die nach zwei Stunden Suchen in Hitze und Trockenheit ermüdet war. Der Berufsjäger ließ in der Zwischenzeit das Waldgeviert, in dem man den Keiler vermutete, weiträumig umstellen und durchdrücken. Auch ich hatte einen Stand bezogen. Währenddessen schlief meine Raika, seelenruhig zusammengerollt, mir zu Füßen. Doch das Durchtreiben brachte kein Ergebnis.
Als der Jäger achselzuckend zu mir kam und fragte: „Was mach’ mer jetzt, sind wir am Ende?“ war meine Antwort: „Aufgegeben werden nur Brief’ und Postpackl!“
Da nach meiner Ansicht der Todwunde den Weg nicht überquert haben konnte, vermutete ich einen komplizierten Widergang und dass er dann im rechten Winkel zur bisherigen Fluchtrichung weitergezogen sein könnte. Der Jäger bezweifelte jedoch, ob die Hündin noch Lust hätte, nachdem sie am Vormittag erfolglos hatte abbrechen müssen. Doch die Brave, die mich noch nie im Stich gelassen hatte, legte sich voller Arbeitsfreude erneut in den Riemen. Diesmal kreisten wir noch weiträumiger vom letzten, markierten Schweiß weg. Und tatsächlich, nach 200 m im rechten Winkel von der bisherigen Richtung, verwies mir die bedächtig Suchende das erste Tröpferl Schweiß. Wir kamen an ein Wundbett, es war nicht mehr frisch, der Schweiß war schon vertrocknet. Sicher war der Todwunde durch den Lärm der am Morgen Suchenden aufgemüdet worden. Dann fanden wir nach weiteren 400 m nochmals ein Wundbett. Auch dieses war alt. Dann folgte Widergang auf Widergang, sodass ich meinte, jeden Augenblick auf den Verendeten stoßen zu müssen. Zeitweilig musste ich in dem bürstendichten Bewuchs auf allen „Vieren“ herunter und mal 100, mal 200 m im Kriechgang zurücklegen. Wenn mich jetzt der Keiler angenommen hätte, mir wäre nicht die geringste Chance geblieben, an Büchse, Revolver oder Waidblatt heranzukommen. Wir unterbrachen, um den Berufsjäger nachkommen zu lassen, denn er führte als Beihund zur eventuellen Hatz seinen jungen Wachtel mit sich. Immer wieder glaubte ich, dem Keiler schon ganz nahe zu sein, doch die Nachsuche ging weiter und weiter. Immer wieder bestätigte Schweiß, dass wir richtig waren. Bald wieder ein neues Wundbett, jetzt schon mit noch nicht ganz eingetrocknetem Schweiß. Nachdem wir noch mehrere Kilometer dem unglaublich harten Wild gefolgt waren, kamen wir auf eine lange, gerade Gras-Schneise, in deren Verlauf eine nicht einsehbare Senke lag. Und dort, sobald wir in diese Senke hineinschauen konnten, entdeckten wir den gesuchten Keiler, der wie verendet dort in einer Suhle lag. Nur die Teller spielten und zeigten, dass er noch nicht verendet war.
Nach neunzehn Stunden, nachdem er die Leber zerfetzende Kugel erhalten hatte, nachdem mit drei anderen Hunden vergeblich nachgesucht worden war, konnte ich ihn, dank der Arbeit meiner BGS-Hündin Raika erlösen.
Als wir dann, der Berufsjäger und ich, glücklich und erschöpft an dem gestreckten Hauptschwein saßen, fragte er mich, noch von der tollen Leistung der Hündin beeindruckt:
„Gell’! Gerd, das ist doch sicher die beste Hündin, die du je hattest?“
„Gute Frage,“ sagte ich, „wenn man ein ganzes Jägerleben lang, nie ohne Hund gewesen ist, dann überlegt man sich wohl manchmal selber, welcher wohl der Beste, der Liebste war.
Diese Frage kann ich dir so nicht beantworten, denn alle, die mir je zur Seite gingen, sind mir zu ihren, leider immer viel zu kurzen Lebzeiten jeweils die Liebsten und Besten gewesen.
Heiß geliebt habe ich sie alle. Ohne diese bedingungslose, gegenseitige Zuneigung wäre für mich nie ein Zusammenleben möglich gewesen. Und diese Liebe hat mir jeder Hund, selbst, wenn es über seine Kräfte ging, immer zurückgegeben.
Wenn du nach dem oder der Besten fragst, so muss das auch immer nach den gebotenen Möglichkeiten beurteilt werden. Denn nur diese lassen die Erfahrung des Hundes und seine jagdlichen Eigenschaften und Fähigkeiten wachsen.“
In der Zwischenzeit, während wir auf unsere, per Handy herbeigerufenen Helfer warteten, erzählte ich ihm die Geschichte einer besonderen Hündin, die mich einen langen, glücklichen Abschnitt meines Jägerlebens begleitet hatte.
Es war meine Cita. Sie war gewissermaßen mein Wunschkind. Ich bekam sie als Deck-Taxe für Birko, den Deutsch-Kurzhaar Rüden meines Bruders.
Ihr Stern strahlte in den Sechziger- und Siebzigerjahren, als es bei uns noch weniger großflächigen Maisanbau, dafür aber umso mehr Niederwild gab. Ihre Fähigkeiten konnten wachsen, da vor ihr im Laufe ihres Lebens eine hohe vierstellige Zahl an Wild erlegt wurde.
Dem jagdlichen Einsatz war natürlich eine gründliche Ausbildung vorangestellt. Die ersten Prüfungen, wie Derby, Verbandsjugendprüfung und Prinz Solms-Herbstzuchtprüfung bestand sie jeweils als Suchensiegerin mit ersten Preisen.
Gute Hunde waren und sind immer rar. So war es kein Wunder, dass ich zur Jagdzeit einen Terminkalender führen musste. Einer meiner Jagdherren, der ein riesiges Niederwild-Revier im wildreichen Erdinger Moos hatte, verpflichtete uns, jedes Wochenende mit seinen anderen Gästen, die keinen Hund führten, auf Rebhuhn, Fasan und Hase zu jagen. Es war regelrechte Erntearbeit. Durch diese reichliche Praxis konnte die junge Hündin bald einen Jagdverstand entwickeln, der so manchen der mitjagenden Gäste oftmals das Schießen vergessen ließ. Schon im zweiten Feld hatte sie es heraus, dass, wenn die Hühner schlecht hielten und zu früh aufstanden, sie dann selbständig, einen Bogen schlagend, vorausrannte und sich der davonlaufenden Kette vorlegte. Als sie dies das erste Mal machte und ich sie in meiner Unwissenheit zurückpfeifen wollte, ignorierte sie meinen Befehl. Da war sie gescheiter als ich, und ich war der Lernende.
Ihre Leistungen wurden natürlich von den diversen Jagdgästen weitererzählt und wir kamen auf diese Weise zu Einladungen in wahre Niederwildparadiese.
Einmal wäre eine solche Einladung auch beinahe die letzte in jenem Revier in der Münchner Kiesebene geworden. Der Jagdherr hatte meinen Bruder und mich in einen entlegenen Revierteil geschickt. Dort durften wir allein die zahlreichen Hühner bejagen. Er bat uns jedoch, einen bestimmten Winkel zu meiden, da dort sein bester Bock stünde. Der sollte ungestört bleiben. Nun, wir hielten uns auch daran, denn das Revier war groß genug. In jedem Kartoffel- und Rübenacker lag eine Kette. In einem Kartoffelfeld, weit ab von der Tabu-Zone, stand meine Braune bombenfest vor. Wir gingen langsam voran, um die Hühner hoch zu machen. Da schnellte, statt der Hühner, jener starke Rehbock aus dem Kraut, aber nicht von uns fort, sondern zurück und über die Hündin hinweg. Das war zu viel für sie. Regelrecht im Flug fasste sie den über sie Hinwegspringenden an der Drossel. Wir warfen unsere Flinten von uns, einer packte die Hündin, der andere, den, wie ersterbend klagenden Bock. Mit Mühe konnten wir dem Hund das Reh entwinden. Taumelnd wollte es das Weite suchen. Da kam mir die Cita wieder aus und nach ein paar Sprüngen hatte sie ihn wieder an der Drossel. Doch diesmal waren wir gewitzter und nach kurzem Gerangel war der starke Bock wieder frei, die Hündin am Riemen und die Jagd vorerst in diesem Gebiet vorbei. Dem Jagdherrn haben wir nichts erzählt, er war zufrieden mit unserer Strecke: Von 10 bis 14 Uhr hatten wir zu zweit 71 Hühner erlegt. Den Bock hat er übrigens im Jahr darauf geschossen. Wir hatten aber das Gwichtl schon ein Jahr zuvor in Händen gehabt. Das haben wir jedoch verschwiegen.
In diesem Zusammenhang fällt mir eine nicht ganz „hasenreine“ Geschichte ein, die mit der Arbeit der Cita keinen unmittelbaren Bezug hat.
In einem anderen Revier im Erdinger Moos, wo wir an den Herbst-Wochenenden regelrecht zum Jagen verpflichtet waren, jagten wir einmal mit den beiden Söhnen des Jagdherrn auf Rebhühner. Man hatte uns einen Jagdgast „aufs Auge gedrückt“, einen Herrn Konsul eines Balkan-Staates. Den sollten wir reichlich zu Schuss bringen. Bei dem damaligen Hühner-Segen war das kein Problem. Es war ein strahlend schöner, heißer und trockener September-Tag. Es ging schon gegen Mittag, die Zunge klebte uns vor Durst am Gaumen. Zum Glück war wenigstens für die Hunde genug Wasser in den Kohlblättern der riesigen Weißkrautköpfe. Da geschah es, dass der Herr Konsul in der „Hitze des Gefechts“ meinem Bruder ein paar Streuschrote auf die Lederhose prasseln ließ. Das tat höllisch weh. Erbost stellte mein Bruder den erschrockenen Unglücksschützen:
„Mein Herr, im Ostblock mag ja ein Menschenleben wenig Bedeutung haben, aber ich liebe mein Leben, es ist mein einziges. Passen Sie in Zukunft besser auf!“
Das waren deutliche, im Zorn hervorgestoßene Worte. Der gemaßregelte Diplomat ließ sofort seinen Fahrer mit der Staatskarosse vorfahren und bat uns zerknirscht um Entschuldigung. Dann öffnete er den Kofferraum und bot uns einen Versöhnungsschluck aus einer Dreiliterflasche mit Slibowitz an. Ausgetrocknet wie wir waren, tranken wir, auch um unseren Durst zu stillen, mit vollen Zügen. Nun, „Slibo“ ist nicht unbedingt der richtige Durstlöscher.
Daraufhin empfahl sich der Herr Konsul. Wir jagten nun zu viert mit frischem Mut weiter. In einiger Entfernung sahen wir auf einem der Krautköpfe einen Sperber sitzen. Man hatte ja damals eine, heute glücklicherweise als falsch erkannte Auffassung von „Krummschnäbeln“. Die Söhne des Jagdherrn, scharf hinter Raubwild und Raubzeug her, waren nun ganz wild darauf, diesen „bösen Niederwild-Feind“ zur Strecke zu bringen. Damit er auch ganz sicher unseren Schroten zum Opfer fiele, sollten wir, wie ein Erschießungs-Kommando, mit angelegter Flinte auf den „argen Feind“ zumarschierend, auf „drei“ das Feuer eröffnen. Gesagt, getan. Auf Kommando rollte die Salve und der quergebänderte Vogel war bei seinen Ahnen. Doch als sich die brave Cita dann mit der „stolzen Beute“ im Fang setzte, kam Ernüchterung, wie ein kalter Wasserguss, über uns. Es war, Diana verhülle dein Haupt!, ein Kuckuck.
Doch wir dürsteten nach weiteren Taten. Wir kamen auf eine Kette Hühner, die sonderbarerweise nicht in dem üblichen Tempo flog. Auch waren die Hühner relativ groß und kinderleicht zu treffen. Bei einer kurzen Rast kam dann die endgültige Klarheit über uns Übeltäter. Es waren lauter Jung-Fasanen. Jetzt war’s aber wirklich genug des üblen Spiels. Die Herren Söhne baten uns inständig, wie ein ganzes Gräberfeld zu schweigen, denn sonst wäre es das „Aus“ für diese Jagdsaison gewesen.
Das Fazit: Frei nach Wilhelm Busch: „Slibo zieret keinen Jüngling!“ Wir waren alle noch unter zwanzig, das möge man uns zugute halten. Ich, für meinen Teil, habe seitdem während der Jagd keinen Alkohol mehr angerührt.
Weil wir gerade bei recht außergewöhnlichen Begebenheiten sind, so fällt mir ein Abend auf dem Schnepfenstrich im Salzkammergut ein. Cita saß brav, wie es sich gehört, mir zu Füßen, als ein quorrender Schnepf über den im Abendlicht liegenden Schlag strich. Auf den Schuss, genau „überkopf,“ fiel er, nicht ganz verendet, trudelnd, senkrecht auf uns herab. Cita brauchte sich nicht einmal zu erheben. Sie öffnete nur lässig den Fang und der Vogel fiel zielgenau hinein. Wer’s nicht glaubt, der Berufsjäger Hannes Hornsteiner aus Weißenbach war mein fassungsloser Zeuge.
Die Vollgebrauchsprüfung VGP, das Hundeabitur, stand uns bei aller Praxis noch bevor. Das erforderte dann prüfungsgerechte Einarbeitung in Wasserarbeit, Schweißfährte und Fuchsschleppe. Letztere erwies sich als problematisch, denn durch die damals grassierende Tollwut kam man nur schwer an amtlich für seuchenfrei erklärte Schleppenfüchse. Ein Jagdfreund, der auch einen Hund zur VGP gemeldet hatte, überließ mir seinen tollwutfreien, mehrfach schon geschleppten und immer wieder eingefrorenen Fuchs.
Ich merkte gleich, das war nicht die große Leidenschaft meiner Cita. Doch mit liebevollem Druck und ständiger Übung schien mir bald auch dieses Fach für die Prüfung ausreichend geübt.
Es kam der Tag im Oktober, da die VGP stattfinden sollte.
Alle Teilnehmer trafen sich beim Hause des Jagdpächters, in dessen Revier alle Fächer geprüft werden sollten. Vor dem alten Bauernhause lagen auch schon die Schleppenfüchse. Auch diese stammten aus der Tiefkühltruhe und waren nimmer so ganz frisch.
„Klasse!“ dachte ich, „da können wir eben noch schnell die Apportier-Übung wiederholen.“
Doch auf den Befehl „Apport!“ zwickte mein Hundemädchen die Rute ein und verweigerte.
„Na sauber, das geht ja gut los!“ Also nahm ich sie an der Halsung, schüttelte sie und zischte ihr mit wütender Stimme ein befehlendes „Apport!“ zu. Äußerst widerwillig fasste sie nun den Stinker, setzte sich, wie’s sich gehört, und ich nahm ihn ihr erleichtert ab.
„Wie gut“, dachte ich, „dass ich diese kritische Übung nochmals wiederholt habe.“
Bald ging’s los mit Formwert-Beurteilung, sie bekam ein V, und dann sollte als erstes Fach „Bringen von Fuchs über Hindernis“ drankommen. Die Herren Richter standen noch, Notizen machend, beisammen, als ich dachte, wir seien schon dran. Ich warf den Fuchs über den Hindernis-Graben: „Apport!“ Doch meine Cita zischte mit eingeklemmter Rute ab, zwischen Frauchens Beine.
„Au weh, jetzt können wir heimgehen!“ war mein verzweifelter Gedanke. Doch die Richter hatten nichts bemerkt, denn wir waren ja noch gar nicht aufgerufen. Ich nahm mir meine Hündin zur Seite, redete ihr beruhigend zu, sie sei doch meine Beste und Bravste, sie solle mich doch nicht im Stich lassen. Und als wir dann dran waren, sprang sie über den Graben, packte voller Wut den Fuchs und brachte ihn, als wenn das schon immer ihre große Leidenschaft gewesen wäre.
„Puh!“ Große Erleichterung.
Die nächsten Fächer in den kommenden zwei Tagen absolvierte sie mit Bravour und der jeweils höchsten Note. In Wasserarbeit bekam sie sogar eine 4h, weil sie der Ente immer wieder nachtauchte. Alle sahen uns als hohe Suchensieger-Favoriten, bis – ja, bis als letztes Fach die „Fuchsschleppe im Wald“ drankam.
Bisher lag ein prachtvoller Rüde leistungsmäßig gleich, doch bei der Haarwildschleppe war für ihn die Suche zu Ende. Er hatte nämlich das Schleppen-Kaninchen, anstatt es zu bringen, „ratzfatz“ aufgefressen. Die Frau des Führers weinte bittere Tränen: „I hob eahm doch no in da Fruah extra scheane Pfannakuacha bacha! Und jetzat des! Die Schand! O mei, o mei!“
Die Spannung war jetzt für uns ungeheuer, denn ich wusste, welch hohe Klippe das nun war, wenn sie außer meinem Einwirkungsbereich selbst entscheiden musste: „Bring’ ich oder bring’ ich lieber nicht.“
Am „Anschuss“ angesetzt, schnallte ich sie mit einem streng geknurrten „Apporrrrt!“ und meine Braune verschwand lässig mit hoher Nase auf der Schlepp-Spur. Eine Arbeit mit tiefer Nase war für sie in diesem Fall nicht notwendig, denn die Füchse waren nach mehrmaligem Einfrieren und wieder Auftauen schon ein wenig flüssig geworden und verbreiteten eine „leckere“ Witterung. Die Hündin drehte sich sogar nochmals nach mir um, so als ob sie sagen wollte: „Ist das wirklich dein Ernst, dass ich dir so was Verstunkenes bringen soll?“
Dann banges Schweigen, banges Warten. Doch bald sah ich im Unterholz des dunklen Waldes erst die helle Bauchseite des Fuchses heranschweben, dann war meine Brave da, setzte sich, gab aus, und darauf sprang sie mir ins Gesicht und schleckte mir mit dem ganzen, grausig stinkenden Fuchs-Schleim über Mund und Nase.
Das sollte wohl heißen: „Schmeck du auch mal, was ich dir da bringen sollte!“
Ich musste schnellstens hinter den nächsten Baum springen und opferte meine Brotzeit. Jetzt konnte ich den Widerwillen meiner Cita noch besser verstehen. Nie zuvor und niemals hernach hat sie nach dem Bringen so etwas getan.
Die Richter lachten, teils über meine Reaktion, teils auch vor Mitfreude, denn wir zwei waren mit dieser tadellosen Leistung Suchensieger mit der höchsten erreichbaren Punktezahl geworden.
Am Abend, bei der Preisverleihung, war mein Hund der Star. Ich dagegen die Lachnummer, als einer aus der Korona meine Fuchs-Speiberei in aller Deutlichkeit, zum Ergötzen aller zum Besten gab. Doch diese Schadenfreude habe ich gerne und voller Stolz ausgehalten.
Da die Hündin nun in diesem Jahr die Höchstprämierte bayernweit war, kamen natürlich Welpenwünsche auf uns zu. Im Jahr darauf hatte sie einen Wurf von acht prachtvollen Welpen. Wir haben mit den sorgfältig ausgewählten Besitzern dann in unserem eigenen Revier bis zu den ersten Prüfungen Übungstage veranstaltet. Die Ergebnisse waren bis auf einen Hund mit seinem nervenschwachen Führer lauter erste Preise. Noch nach mehr als einem Jahrzehnt bekam ich Anfragen, ob nicht eine Nachzucht aus dieser erfolgreichen Paarung vorhanden wäre.
Doch ich züchtete nur einmal mit ihr, denn die Lady war keine gute Mutter. Cita war ein ausgesprochenes Party-Girl. Wenn wir im Garten grillten oder Gäste hatten, ließ sie die jammernden Welpen im Stich. Die Milch rann ihr aus dem Gesäuge, ihre Kinder waren ihr wurscht, sie wollte lieber bei uns Erwachsenen bleiben und mitfeiern. Mit Strenge mussten wir sie zu ihren Welpen schleppen, die dann gierig schmatzend an der Milch-Bar hingen. Dabei machte sie ein tödlich beleidigtes Gesicht: „Ihr habt mir ja diese Bagage aufgehängt!“
Sobald ein Fotoapparat auftauchte, stellte sie sich jedesmal in Positur, halt wie ein echtes Party-Girl.
Doch im Revier ging’s andersrum. Als wir die Jagd übernommen hatten, gab es im Revier mehr verwilderte Katzen als Hasen. Die Bauern wussten überhaupt nicht, wie viele Maunzen um ihren Hof strabanzten. Bei Cita hatte keine eine Chance. Selbst ein angeschossener Fuchs wurde in voller Flucht eingeholt und von ihr im Nu abgetan.
Dagegen war sie der ideale Hund für unsere Kinder. Sie ließ sich gutmütig die tapsigen Zärtlichkeiten gefallen und stupste nur, wenn’s allzu grob herging, die Kleinen mit der Nase weg. Als die Kinder dann größer wurden und manchen Unsinn anstellten, der eine Zurechtweisung erforderte, verzogen sie sich alle in die Tages-Hundehütte. Dort waren sie sicher, denn die Hündin ließ mit warnend hochgezogenen Lefzen niemand an die bei ihr Schutz Suchenden heran.
Als sie im vierten Feld stand, schlug der „Bayrische Kurzhaarklub“ die Hündin für die „Internationale Kleemann-Ausleseprüfung“ vor. Fleißig trainierten wir Feldmanieren für extrem weite, ebene Flächen. Sie ließ sich bald lässig mit nach links oder rechts geneigtem Kopf in die gewünschte Richtung dirigieren. Doch zwei Wochen vor der Prüfung stoppte ein Unfall unsere hochfliegenden Hoffnungen. In einem Neubaugebiet stürzte sie in einen acht Meter tiefen Kellerschacht. Ihren Sprung darüber hatte sie zu kurz angesetzt. Noch im Fallen schrie sie entsetzt auf. Als ich sie in der Tiefe verschwinden sah, gerann mir fast das Blut in den Adern. Doch sie hatte Glück im Unglück. Sie landete auf allen Vieren. Irgendwie gelang es mir, in den Schacht zu klettern. Die Hündin lebte noch. Schwer unter Schock raste ich mit ihr in die Tierklinik. Dort bestätigte mir die Röntgenaufnahme ein Wunder. Außer furchtbar verprellten Muskeln und einem aufgeschürften Kinn war ihr nichts geschehen. Doch bis sie wieder locker revieren konnte, vergingen einige Wochen. Aus der Traum vom Kurzhaar-Sieger-Titel.
Ihre große Leidenschaft war das Autofahren. Ging es doch immer irgendwohin, wo’s interessant war. Ich war zu dieser Zeit ein manchmal etwas zu forscher Fahrer, der gerne „mit Musik“ um die Kurven fuhr. Stets saß oder lag sie brav im Beifahrer-Fußraum. Aber eines Tages wurde ihr das Herumgeschleudertwerden dann doch zu viel. Sie sprang auf und biss mich sanft, aber sehr bestimmt in den Arm, als wollte sie sagen: „ Mein lieber Freund, so fährt man nicht!“ Gut, auch ich war lernfähig.
Da wir so gut wie jede Stunde ihres Lebens zusammen waren, lernte sie natürlich bestens ihr Herrchen zu lesen. Hunde sind ja ohnedies die schärfsten Beobachter und da brauchte ich oft kein Wort zu reden, denn nur eine Geste, auch unbewusst ausgeführt, sagte ihr alles. Oftmals, wenn ich vom Geschäft mit dem festen Vorsatz heimkam, gleich anschließend ins Revier zu fahren, wich sie mir rutenwedelnd nicht mehr von der Seite, wenn ich mich umziehen ging. Ich hatte jedoch mit keinem Wort erwähnt, dass es jetzt zur Jagd hinaus ginge. Wenn ich an normalen, sprich jagdlosen Tagen heimkam, da ging keine Cita mit mir zum Umziehen. Da sagten meine Gesten der scharfen Beobachterin: „Blöder Tag, heute nix los!“ Nur durch intensives Zusammenleben lernen beide Partner voneinander. Der Hund liest mich und ich verstehe ihn auch ohne Worte. Ein Zwingertier kann niemals diese „höheren Weihen“ erlangen. Gewisse Dinge konnte ich mit meiner Frau nur in Englisch oder Italienisch bereden. Wenn nämlich in unseren Plänen das Wort „fort“, oder „los“ vorkam, war sie sofort aus tiefem Schlummer erwacht und bereit zu neuen Taten.
Ihre Vielseitigkeit bewies sie bei Treibjagden stets aufs Neue. Im Herbst kamen oft Einladungen mit dem Text: „Dein Hund ist herzlich zur Treibjagd bei uns eingeladen. Wenn Du Lust hast, kannst Du auch mitkommen!“
Dabei zeigte sie absolute Bogenreinheit. Rehe hetzte sie lauthals bis zur Schützenlinie und machte sofort kehrt beim Anblick eines vorstehenden Jägers. Sie blieb so lange im Treiben, bis es wirklich leer war. Manchmal, wenn sie meiner Meinung nach allzubald zu mir zurückkam, schickte ich sie mit strengen Worten wieder ins Treiben. Da sie es besser wusste, dass nichts mehr drin war, setzte sie sich, Treiber haben’s beobachtet, außer meiner Sicht nieder, bis abgeblasen wurde.
Bei manchen Treiben saß sie frei abgelegt neben mir. Wenn dann Rehe oft ganz nah an uns vorbeiflüchteten, schaute sie gelangweilt in eine andere Richtung, als wollte sie sagen:
„Heute seid ihr nicht dran, ihr interessiert mich nicht!“
Streit mit anderen Hunden beim Bringen gab’s bei ihr nicht. Wer zuerst am Wild war, dem gehörte es auch. Anders war’s natürlich, wenn sie bei einem Stück Schalenwild abgelegt war. Das war dann bei ihr sicher wie bei einer Tigerin.
Nur einmal gab’s eine böse Rauferei, als sie betrunken war. Ja, Sie haben richtig gelesen. Sie war einmal betrunken. Nach einer Treibjagd bei einem lieben Freund geschah es. Wir Jagdgäste waren am Abend in seinem neuen Bräustüberl zu dessen Einweihung beisammen. In dem stilvoll renovierten alten Gewölbe mit herrlichem Hirnholz-Pflaster-Boden hatte der Jagdherr das von ihm gebraute Bier im Holzfaß aufgestellt. Darunter befand sich eine Holzwanne zum Auffangen des Tropfbieres. Zum Essen gab es knusprig gegrillte Kalbshaxen. Die Hunde lagen bereits gesättigt zu Füßen ihrer Herren. Irgendjemand kam auf die Idee, den Hunden die salzigen Knochen zum Abnagen hinzulegen. Ich konnte diese Unsitte nicht verhindern, als ich meine Cita nagen sah, war es dazu schon zu spät. Durch angeregte Unterhaltung, wie das nach der Jagd so üblich ist, abgelenkt, bemerkte ich auch nicht, dass meine Braune und ihre Freundin Gitta, eine Große Münsterländerin, vor lauter Durst das reichliche Tropfbier aus der Holzwanne in sich hineinschlabberten. Diese beiden Hündinnen kannten sich lange und vertrugen sich bestens. Jetzt, durch ihre Bier-Sauferei plötzlich agressiv geworden, fielen sie übereinander her. Es ging um einen abgenagten Knochen, an dem längst nichts mehr dran war. Ich sehe noch den weißen Fang der Gitta, auf dem nun lauter rote Punkte eingestanzt waren, wo die Cita sie erwischt hatte. Die beiden „Sauf-Amseln“ kamen jetzt an die Leine.
Weil wir schon g’rad beim Bier sind: In der jagdlosen Zeit will der Hund ja auch weiter beschäftigt werden. Da machte ich mir den Spaß und brachte ihr ein kleines Kunststückl bei. Ich ließ sie auf das Kommando: „Geh’ Bier holen!“ die vorher an der Kellertreppe hingelegten Bierflaschen bringen. Das hatte sie schnell begriffen, zumal es jedesmal eine Belohnung gab.
Eines Tages machten meine österreichischen Jagdfreunde auf der Durchreise bei mir Halt. Vorsorglich legte ich für die durstigen Jägerkehlen schon mal eine Batterie Flaschen an der Treppe bereit. Als die Freunde es sich bequem gemacht hatten, fragte ich: „Wie schaut’s aus, mögt’s ihr ein Bier?“
Begeistertes Bejahen.
Dann an meinen Hund gewandt: „Cita, geh’ Bier holen!“
Ungläubiges Staunen. „Jetzt spinnt er!“
Doch das „Hallo“ kannte keine Grenzen, als die Hündin mit einer Flasche nach der anderen erschien. Und weil sie merkte, diese Nummer kommt toll an, brachte sie nacheinander den gesamten Vorrat.
An einem Tage Mitte März, es war zufällig ihr zehnter Geburtstag, waren wir im Revier unterwegs. Wir standen in der Nähe eines kleinen Gehölzes, als ein Sprung Rehe, durch irgendeine Störung aufgeschreckt, an uns vorbeiflüchtete. Interessiert schaute ich mir den Bock an. Sein frisch verfegtes Gehörn war schweißig rot. Plötzlich fegte die Hündin wie der Satan hinter den Rehen her. Alles Pfeifen nützte nichts. Ich war völlig perplex. Die Verlässliche, die nie ein gesundes Reh gehetzt hatte, teufelte jetzt den Sprung „durch Sonne, Mond und Sterne.“ Nach langer Zeit kam sie völlig ausgepumpt zurück. Wortlos nahm ich sie an die Leine. Was hatte sie zu dieser Hatz bewogen? Doch da fiel mir das schweißige Gehörn des Bockes ein. Dessen Witterung, „der ist krank“, war ihr das Signal zum Eingreifen.
Da sich meine Brave nun langsam trotz aller Fitness dem Alter näherte, in dem sie mehr Schonung verdient, glaubte ich, mich um eine Nachfolgerin kümmern zu müssen. Als sie im zwölften Feld war, hatte ich mir einen Welpen aus einer bewährten Linie vom Oberrhein geholt. Die kleine Bianca wurde anfangs, weil sie noch ein Welpe war, freundlich toleriert. Doch je älter sie wurde, umso mehr zog sich die Cita zurück, scherzte auch nicht mehr mit dem Junghund und kündigte mir regelrecht den Dienst. Sie spielte nicht mehr mit. Ich schrieb das alles ihrem Alter zu.
Die Bianca jedoch ließ sich mit ihren Leistungen fantastisch an. Aber eines Tages fing sie, was mir bei Hündinnen noch nie passiert war, zu streunen an. Nie wollte ich einen Zwinger-Hund haben, doch leider musste ich für sie einen zweieinhalb Meter hohen Zwinger bauen. Alle niederen Zäune überkletterte sie. Immer wieder brachten andere Jäger oder die Polizei die ausgebüxte Streunerin zurück. Dann wurde sie krank. Bekam Maulfäule. In der Münchner Uni-Tierklinik konnte man sie nicht heilen. Man vermutete ein psychisches Problem.
Da entschloss ich mich, sie wegzugeben. Das hatte ich noch keinem Hund antun müssen. Trotz ihrer besten Prüfungen war ich dennoch ohne brauchbaren Hund.
Ein Jagdfreund, von dem ich wußte, dass sie es gut bei ihm haben würde, dem gab ich sie. Er war sich aller ihrer Probleme bewusst und bereit, sie zu lösen.
Und das Wunder, oder besser zwei Wunder geschahen. Bianca wurde innerhalb von vierzehn Tagen gesund. Sie streunte nie mehr. Sie lag bei offener Gartentüre in seinem Hof und ging keinen einzigen Schritt vom Grundstück.
Und meine Cita? Am darauf folgenden Wochenende war sie wieder mit auf der Jagd. Da zeigte sie eine Brillianz-Leistung, dass ein mitjagender, erfahrener Rüdemann nur noch bewundernd den Kopf schütteln konnte. Wir jagten an einem deckungsreichen Flusslauf auf Fasanen. Ich wollte sie unter der Flinte vor uns her suchen lassen. Doch die Hündin wusste es besser. Sie lief im Bogen weit, weit voraus und drückte dann langsam auf uns her die Deckung durch. Unbeirrt durch die fallenden Schüsse brachte sie in aller Ruhe einen Gockel nach dem anderen vor unsere Flinten.
Da hatte sie es mir wieder einmal gezeigt: „Du brauchst keinen anderen Hund!“ Von dem Tag an war sie wieder ganz die alte.
Pulsuz fraqment bitdi.