Kitabı oxu: «Der Jäger und sein Ziel ...»
Gerd H. Meyden
DER JÄGER
UND SEIN ZIEL …
Ein Rucksack voller Jagdgeschichten

Leopold Stocker Verlag Graz – Stuttgart
Titelgestaltung: Werbeagentur Rypka, 8143 Dobl/Graz, www.rypka.at
Titelbild: Gerd H. Meyden
Die Bilder im Innenteil stammen vom Autor.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Hinweis:
Dieses Buch wurde auf chlorfreiem Papier gedruckt.
Die zum Schutz vor Verschmutzung verwendete Einschweißfolie ist aus Polyethylen chlor- und schwefelfrei hergestellt. Diese umweltfreundliche Folie verhält sich grundwasserneutral, ist voll recyclingfähig und verbrennt in Müllverbrennungsanlagen völlig ungiftig.
ISBN 978-3-7020-1696-8
eISBN 978-3-7020-1999-0
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger jeder Art, auszugsweisen Nachdruck oder Einspeicherung und Rückgewinnung in Datenverarbeitungsanlagen aller Art, sind vorbehalten.
© Copyright by Leopold Stocker Verlag, Graz 2017
Printed in Austria
Layout und Repro: Werbeagentur Rypka, 8143 Dobl/Graz, www.rypka.at
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Der Jäger und sein Ziel
Wilderer
Welcher Gegenstand macht Sie glücklich?
Eine unrühmliche Geschichte
Der Bär vom Kitzbüheler Horn
Auf der Weiherwiese
Ein schönes Luder
Wenn megglich, bittä schissen!
Der Störenfried
Am Froschweiher
Der Papstbock
Hundstage
Eine wahre Trophäe
Am Ende der Blattzeit
Links oder rechts
Kommt ein Vogerl geflogen
Meine Jagdhelfer
Unser Keiler
Einmal wieder heiß
Nacht und Nebel
Vor Mitte Oktober
Ende einer Gamsjagd
Nachtjäger – Nachtgedanken
Der letzte Schuss
Alles fließt
Vorwort
Ein Jäger, der einem in allen Farben des Spektrums aufleuchtenden Tautropfen ebenso große Bewunderung zollt wie dem im Morgenlicht auftauchenden, lang ersehnten Rehbock, sieht in der Jagd keinen Selbstzweck. Gerd Meyden ist so ein Jäger. Auf ein langes, von Jagdgöttin Diana besonders reich beschenktes Jägerleben zurückblickend, vermittelt er dem Leser, welch große Dankbarkeit ihn beseelt. Dankbarkeit dafür, dass er als Jäger eine wunderbare, geheimnisvolle Welt erleben darf, die ihn immer wieder aufs Neue fasziniert und ihn befähigt, Stimmungen zu erkennen und sie in seinem Innersten aufzunehmen. Wenn auf der Jagd die Sehnsucht nach Stimmung den Jagdtrieb, das ständige Trachten nach Beute überdeckt, wie ich es aus Gerd Meydens Erzählungen herauslesen kann, dann kann man getrost von einer Vergeistigung der Jagd sprechen, die Friedrich v. Gagern als Voraussetzung dafür sieht, dass Jagderlebnisse nachhaltig wirken, tief erlebt werden, und, wie ich meine auch den Jäger demütig werden lassen angesichts der wunderbaren Vielfältigkeit der belebten Natur. Wenn Meyden einen sehr aussichtsreichen und jagderfolgversprechenden Hochsitz nicht besteigt um das Wissen, dass Baumläufer dort in einer Nische der Kanzel ihre Nestlinge versorgen, zeugt dies von hoher Verantwortung gegenüber allen frei lebenden Kreaturen und einer Achtsamkeit, die sich aus all seinen lebendigen Erzählungen herauslesen lässt.
Man glaubt zu spüren, dass Gerd Meyden oftmals die Jagd nur als Vorwand benutzt, um Stimmungen zu erleben. Stimmungen, die dann aber auch wieder eine beglückende Krönung mit der Erlegung eines Wildtieres erfahren. Den Leser lässt er teilhaben an diesen Erlebnissen, nimmt ihn gefangen, und es gelingt ihm mit einer wunderbar erzählenden Sprache auch, die Stimmungen zu vermitteln, die ihn bewogen haben, sich hinzusetzen und zu schreiben, zu erzählen. Alleine die Beschreibungen, wie es sich anhört, wenn man nach dem Ansitz ein ausgezogenes Spektiv wieder zusammenschiebt, wie anmoorige Wiesen riechen, lassen den Leser mit allen Sinnen voll dabei sein, lassen ihn mit dem Autor hoffen und bangen und ein gewaltiges Quantum seines Glücks miterleben.
Wer jemals einer Lesung des Autors beiwohnen, seine Gestik beobachten, seine warme Stimme und seinen authentischen bayerischen Akzent auf sich wirken lassen durfte, der wird gespürt haben, dass Meydens Erzählungen nicht nur eine Liebeserklärung an Feld, Wald, Wild und Jagd sind, sondern eine Hommage an seine bayerische Jagdheimat und die Menschen, die hier leben und mit denen er jagen darf. Wann immer Gerd Meyden wieder öffentlich liest, dies Buch lädt dazu ein.
Jörg Mangold,
Hof Blumental 2017
Der Jäger und sein Ziel
„Jagen ist gesteigertes, jubelnd bejahtes Leben. Wenn man es nimmer so nennen kann, dann wird es kein Jagen mehr sein.“ Dieser Ausspruch des unvergleichbaren Weidmanns und Jagdschriftstellers Baron v. Cramer-Klett klingt immer in mir nach. Das heißt für mich, durch intime Kenntnisse des Geschehens in der Natur sich tiefer in sie hineinfühlen zu können und damit umso reicher belohnt zu werden.
Cramer-Klett meint damit das Weidwerk, zu dem mehr gehört als ein Jagdschein und die notwendigen Hilfsmittel. Wobei unter dem Namen „Hilfsmittel“ ständig neue hochtechnische „Errungenschaften“ dazukommen, die freudig gekauft und eingesetzt werden. Diese „Hilfen“ sollen dazu dienen, schneller ans „Ziel“ zu kommen. Das „Ziel“ des derart ausgestatteten Jagdscheinbesitzers ist die Erlegung eines Wildes auf möglichst schnelle und mühelose Weise. Wobei er sich um das Schönste und Wertvollste betrügt – um den Weg dorthin, denn „der Weg ist das Ziel“.
Schon vor Jahrzehnten hat Ortega i Gasset die Gefahr für das Bestehen der Jagd erkannt. Er fand, dass totaler, ungebremster Einsatz aller technischen und rationalen Überlegenheit über das Tier den Reiz des Jagens und folglich die Jagd selber auslöschen könnten. Dann wird es mit Hilfe der Technik nur mehr ein nüchternes Aufspüren und finales Abschießen sein. Ein technisch perfekt vorbereiteter und mehr oder weniger kalt ausgeführter „Kill“.
Jagd, Weidwerk ist gesteigertes Leben, wenn der Jäger aufgrund seiner Naturkenntnis bewusst in das Geschehen um ihn her eintauchen kann. Wenn er in der Natur mehr sieht, als durch das Zielfernrohr zu erkennen ist. Wenn er in der Natur wie in einem offenen, bunten Buch zu lesen versteht. Dahin muss ihn Interesse, Neugier, ungebremster Wissensdurst führen, und das wird ihn unendlich reich machen. Welche Pflanzen wachsen neben seinem Pirschpfad und warum? Wozu haben beispielsweise manche Tiere länglich-horizontale, -vertikale oder runde Pupillen? Welche Tierlaute hört man, von wem kommen sie und warum? Wo kann je nach Jahreszeit und Wetter das Wild stehen? Alles um ihn her ist voller Hinweise. Zu diesem Wissen verhilft eine ständige Fortbildung, zu der jeder Jagende verpflichtet ist.
Da von uns wohl keiner mehr Zeit und Werdegang eines Waldläufers hat, der von klein auf jede Minute ausschließlich in der Natur – sei es jagenderweise oder nur beobachtend – verbracht hat, muss er sein Wissen anderweitig ergänzen. Es genügt nicht, die Vereinsnachrichten im Mitteilungsblatt zu lesen, denn die Forschung eröffnet uns stets neue Blickwinkel und Erkenntnisse der Zusammenhänge, über die uns die gute Jagdpresse informiert. Alles ist im Wandel. Die „Altvorderen“, die noch aus dem Vollen schöpfen konnten, wussten es nicht besser. Doch die Zeit ist rasant vorangestürmt, und zum Glück stehen uns Unmengen von neuen Informationen zur Verfügung, die wir kennen müssen. Wer mit einer Waffe in die Natur hinausgeht, trägt eine andere Verpflichtung und Verantwortung als der normale Naturfreund. Letztendlich endet die Tätigkeit des Jägers mit dem Tod eines Mitgeschöpfes. Und deshalb muss er genau wissen, was er da tut. Und warum es er tut. Die uns zur Verfügung stehenden technischen Hilfen sind nur dazu da, um dem bejagten Wild jegliches Leid zu ersparen.
Manche vergleichen die Jagd mit der Waffe mit der Fotojagd. Zwar gibt es da gewisse Parallelen, doch hinkt der Vergleich auf einem Bein. Der Fotojäger kann mit seiner Beute – dem Bild – mehr oder weniger zufrieden heimgehen, während beim Jäger nach dem Erfolg – dem Erlegen der Beute – oftmals die Mühen erst so recht beginnen. Ich denke da an die Bergung in unwegsamem Gelände oder die Nachsuchen-Arbeit. Vor allem darf man den Urgrund der Jagd – den Gewinn des überaus gesunden und wertvollen Nahrungsmittels Wildbret nicht vergessen. Auch der Jäger mit der Büchse kehrt oft mit blanken Läufen, manchmal auch mit nicht so blanken Läufen, aber ohne Beute heim. Doch was er im Herzen mit offenen Sinnen heimträgt, das macht ihn reich.
Das ist jenes gesteigerte Leben, das mich stets aufs Neue fordert, beglückt und mir jubelnd bejahend bestätigt – dass ich lebe.
Wilderer
„Halt! Stehen bleiben! Gewehr weg! Hände hoch!“
Dieser Ausruf gehört einfach in eine richtige Wilderergeschichte. In meinem Fall hätte es aber heißen müssen: „Hände hoch! Steinschleuder weg!“ Das war mein Werkzeug, bis später das Luftgewehr dazukam.
Doch nun der Reihe nach. In den ersten Nachkriegsjahren war ich mit knapp elf Jahren ein Meister der Steinschleuder. Die war nicht so einfach herzustellen, denn der Gummi dazu musste wegen seiner Zugkraft aus Schläuchen von Autoreifen stammen. Heutzutage haben Autos schlauchlose Reifen, die waren damals noch nicht einmal Zukunftsmusik. Neue Autoreifenschläuche waren kaum zu bekommen, die alten wurden deshalb geflickt und geflickt, bis sie regelrecht bunt vor lauter Flickstellen waren. Solche Schlauchfragmente wurden unter uns Buben hoch gehandelt und wir, das heißt mein Bruder und ich, hatten einen Freund, dessen Eltern ein Fuhrunternehmen besaßen. Ein Fuhrunternehmen zwar ohne Autos, doch es fanden sich in der Garage Gummireste einstiger Herrlichkeit.
Man brauchte obendrein für die Schleuder eine hölzerne Gabel, die im richtigen Wuchs vornehmlich in Fliedersträuchern zu finden ist. Das Lederstück für die Geschoße zwischen den beiden Gummienden war zwar auch Mangelware, doch nicht ganz so rar wie der Gummi.
Mit der Zeit gewann ich an Treffsicherheit. Geübt wurde ja genug in der reichlichen Freizeit. Die oft taumelnde Flugbahn der geschleuderten Steine lag an deren unregelmäßiger Oberfläche. Rund waren die Steine nie, und so wurde die Ballistik mit wachsender Entfernung unberechenbar.
Spatzen oder Amseln konnte man nur auf nahe Entfernung beschießen und treffen. Eichkatzeln, Ringeltauben oder gar Häher und Krähen – kein Gedanke, die waren zu weit weg, und die Durchschlagskraft hätte auch nicht ausgereicht.
Ich jagte nach meiner Ansicht streng weidgerecht. Mein Wissen darüber hatte ich aus einem uralten Buch von Ludwig Ernst Hartig: „Lehrbuch für Jäger und die es werden wollen“. Da wurde noch klar unterschieden zwischen „schädlichem“ und „nützlichem“ Jagdwild. So rangierten Meisen, Spechte, Rotkehlchen und andere Singvögel unter „nützlich“ und wurden geschont. Dieses über zweihundert Jahre alte Buch bereichert meine Jagdbibliothek und trägt immer noch die verschandelnden Vermerke, die ich als Bub damals zu den einzelnen Kapiteln glaubte hineinschmieren zu müssen.
Da kam mir zur Perfektionierung meiner Treffsicherheit das Kriegsende zur Hilfe. In der Nähe unseres Wohnorts führte eine, nun stillgelegte, Bahnstrecke vorbei. Auf den leise vor sich hin rostenden Gleisen standen von Tieffliegern der Amerikaner zerschossene, ausgebrannte Waggons. In einer dieser brandgeschwärzten Ruinen fand ich, was ich dringend brauchte. Es muss wohl seinerzeit ein Munitionszug gewesen sein, denn ich fand eine Unmenge von Projektilen für die 08-Wehrmachtspistole. Diese Stahlmantelgeschoße hatten einen Bleikern. Das war’s! Obwohl auch die Bleikerne nicht rund waren, war ihre Flugbahn durch das hohe Gewicht bei geringem Volumen gestreckt wie bei einer Hochrasanzpatrone. Natürlich immer in den Grenzen der Schleuder-Reichweite. Das eröffnete mir neue, in jener jagdgesetzlosen Zeit nun nicht mehr ganz so harmlose Jagd-(sprich: Wilderer)möglichkeiten.
Die Treffsicherheit war so hoch, dass „fast“ jeder Spatz, der auf der Strom- oder Telegrafenleitung saß, steintot herunterfiel. Wobei „steintot“ mit der neuen Munition besser „bleitot“ hätte heißen müssen. Jetzt ging’s auf die Tauben und Eichkatzeln los.
Gleich das erste Opfer, ein schönes rotbraunes Eichkatzel, fiel voll getroffen aus einer Kiefer vor meine Füße. Mit einem Triumphschrei packte ich meine Beute. Doch der Triumphschrei wurde zum Schmerzensschrei, denn das Tier biss mich im Verenden in die linke Hand. Voll in das Dreieck zwischen Daumen und Zeigefinger. Und zwar absolut durch, mit allen vier Nagezähnen. Es schweißte höllisch, das war mein Glück. Denn nachdem ich die Bissstelle ausgesaugt, das Blut ausgespuckt und die Hand eine Zeit lang hochgehalten hatte, kam auch die Blutung zum Stillstand. Von Tetanus und Wundinfektion hatte ich keine Ahnung. Kinder und Narren haben Glück, es geschah nichts dergleichen, nur die Narbe ist mir bis heute geblieben.
Beute zu machen und sie nicht zu verwerten war absurd. So balgte ich das Tierlein ab und es wurde, wie schon die Amseln und Spatzen vorher, in unserem Garten am offenen Feuer gebraten. Sicher schmeckte es ein wenig bitter, denn wie unsere „Brathühner“ war auch das Nagetier schwarz verbrannt. Wir Buben kamen uns vor wie Indianer oder Urmenschen, die waren auch nicht so zimperlich. Und wir fanden, dass es toll schmeckte.
Nach diesem Anfangserfolg wollte ich etwas für die „echte“ Küche beitragen. Das waren vorerst Ringeltauben. Doch die waren in unserem Garten selten, bis auf eine, die dann, stolz erlegt, den Geschmack der Familie geweckt und die Nachfrage angekurbelt hatte.
Bei meinen Streifzügen ins nahe Dachauer Moos und in die Amper Auen (die Gegend heißt heute – noch nicht zu Unrecht – „Himmelreich“) war mir ein einsam im weiten Moos stehender kleiner Fichtenhain aufgefallen. Nur einzelne Birken und neben Torfstichen stehende windschiefe Hütten unterbrachen das eintönige Landschaftsbild. Dorthin strichen am Abend die Tauben auf ihre Schlafbäume. Bei uns hieß es darum das „Taubenhölzl“. Dort wollte ich mein Weidmannsheil probieren. Mit meinem abenteuerlichen, aus lauter Schrottteilen zusammengebastelten Fahrrad schob ich mich dort in den Schatten ein.
Bei all meinen meist erfolglosen Beutezügen war unser Dackel „Strolchi“ dabei. Da die Entfernung bis zu den Amper Auen für die kleinen Dackelbeine zu groß war, um neben dem Radl herzulaufen, kam er in einen Rucksack. Dies war ein khakifarbener Beuterucksack eines fremden Heeres in Form eines Schulranzens. Der war ideal für den kleinen Insassen, da konnte er aus einer Seitenklappe den Kopf rausstrecken und schauen, wohin es ging.
Zuvor möchte ich Ihnen erzählen, wie er zu mir kam. Mein Mathe-Nachhilfelehrer (leider mussten meine lieben Eltern wegen meiner Lernfaulheit immer neue „Pädagogen“ finanzieren) hatte einen Wurf garantiert rassereiner Rauhaardackel. Da blieb es nicht aus, dass ich die geplagten Eltern, die in dieser Zeit ganz andere Sorgen hatten, so lange quälte, bis sie 50 nigelnagelneue D-Mark für den Welpen locker machten. Bald stellte sich heraus, dass es ein „mopsgedackelter Windhund“ mit einem prachtvoll geringelten Posthornschwanz – oder richtiger „Jagdhornschwanz“ – werden würde. Alle Versuche, die Rute mit einer Schiene gerade zu kriegen, scheiterten kläglich. Das tat jedoch meiner Liebe keinen Abbruch, und so wurde der Kleine zum Jagdhund ausgebildet – was das genau war, davon hatte ich allerdings noch wenig Ahnung. Fährten- oder besser Schleppenarbeit und Apportieren meisterte er bald vortrefflich.
So war er auch auf dieser Jagdfahrt mit dabei. Schon am Mittag fielen einige Tauben auf den Randbäumen ein. Aber selbst wenn ich mich auf Schussentfernung hätte anpirschen können, waren die vielen hinderlichen Äste vor dem Ziel ein Problem. Für einen Schrotschuss wären sie kein Hindernis gewesen, doch so eine Pistolenkugel, von der Schleuder abgeschnalzt, käme niemals durch das Gitterwerk.
Ich setzte mich dennoch an. Klatschenden Flügelschlags fielen immer wieder einige der rosenbrüstigen, zartblau gefiederten Köstlichkeiten ein. Für mich jedoch immer unerreichbar. Ich hörte, wie sie sich mit dem typischen, leise wiehernden Laut des Taubenflügelschlags immer wieder im Geäst umstellten. Dann aber zahlte sich meine Geduld – des Jägers wichtigste Eigenschaft, an der es mir oft mangelt – aus. Ein balzendes Taubenpaar flatterte plötzlich bis auf eine kaum beastete Stelle knapp vor mir herab. Dumpf schlug die Kugel auf und getroffen taumelte mein Opfer zu Boden. Schnell sauste mein kleiner Helfer los, und bevor der benommene Vogel wieder zu sich kommen konnte, war er unser.
Doch leider blieb dies ein Einzelfall. Sooft ich es probierte, diese Chance wiederholte sich nie mehr. Aber etwas anderes erweckte meine Neugier. Es waren nämlich mehrere Schüsse zu hören.
Dem Schall nach musste in etwa fünfhundert Meter Entfernung an der Amper jemand geschossen haben. Ich radelte hin. Da stand ein offener Ami-Militärjeep. Wo war der Jäger? Ein deutscher Jäger konnte es in diesen Endvierzigerjahren niemals sein, denn es herrschte durch das Jagdverbot jagdliche Anarchie. Amerikaner und auch manchmal sogenannte „DPs“ (Displaced Persons, also entlassene Gefangene, die sich das holten, was, wie sie glaubten, ihnen zustand) machten die Wälder unsicher. Wer da in „meinen Jagdgründen“ damals wirklicher Jagdberechtigter war, interessierte nicht, denn der konnte und durfte ja nicht jagen, geschweige denn eine Waffe besitzen.
Bald sah ich auch den Schützen. Er trug eine frisch erlegte Stockente in der Hand und kam auf mich zu, der ich neben seinem Jeep stand. Er sagte irgendetwas, was ich nur bruchstückweise verstand. Zwar hatte ich, gerade im ersten Gymnasiumsjahr, auch Englisch als Schulfach, doch was dieser Mann sprach, war ein dieser Kultursprache nur entfernt ähnliches Kauderwelsch – halt Amerikanisch.
Mühevoll machte er mir klar, dass er einen Helfer bräuchte, er hätte noch zwei weitere Enten geschossen, die er aber nicht finden konnte. Da sah ich meine Chance. „Dir werde ich helfen“, dachte ich mir, „aber nichts ist umsonst.“
Um es kurz zu machen: Eine Ente fand der brave Strolchi, die lieferte ich dem Soldaten ab, die zweite versteckte ich und verstaute sie, nachdem der Ami fort war, stolz in meinem Rucksack.
Das Zusammentreffen mit dem Major – als solcher gab er sich zu erkennen – wiederholte sich noch ein paar Male. Jedes Mal gelang es mir zwar nicht, Beute für mich abzuzweigen, doch wir verabredeten uns immer auf das nächste Zusammentreffen.
Eines Tages musste er lange auf mich warten, denn mein Radl war auf den letzten Kilometern regelrecht zusammengebrochen. Es waren halt irgendwelche Ersatzteile, die gar nicht in ihrer Norm zusammengehörten.
So hatte sich beispielsweise mein Bruder einen sportlichen Vorbaulenker für sein Rad eingehandelt. Der übliche Gesundheitslenker galt als „flaschig“ und war nur was für Opas. Doch, o weh, der Stiel des Lenkers, der in den Rahmen eingesteckt werden sollte, war zu dünn. So hatte mein Bruder den mangelnden Umfang mit einer Blechmanschette ausgeglichen. Er fuhr wie immer rasant dahin, doch irgendwann rutschte die Manschette herunter, der Lenker steckte nun kontaktlos und leer im Rahmen, und mein Bruder sauste in voller Fahrt gegen einen Strommasten. Kopfüber flog er – zum Glück – am Mast vorbei, doch der Rahmen des Radls wurde durch den Aufprall so gestaucht, dass das Rad um etliche Zentimeter kürzer und nun unbrauchbar geworden war.
Als ich an jenem Tag am Treffpunkt eintraf, wartete der Major bereits auf seinen Jagdhelfer. Ich machte ihm klar, dass ich sofort meinen Heimweg antreten müsse, denn mit dem Rest-Radl wäre es zu Fuß doch ein zu weiter Weg, um noch bis abends mitzujagen.
„Don’t worry!“, meinte er. Er würde mich samt Fahrrad mit seinem Jeep nach Hause bringen. Und so geschah es auch. Als er mich daheim ablieferte, kam er noch mit ins Haus und brachte als Gastgeschenk einen frisch geschossenen Hasen mit.
Mein Vater war zufällig daheim und kam aus dem Staunen über seinen Sprössling und dessen Umgang nicht mehr heraus. Allerdings war mein Staunen ebenfalls riesengroß, denn mein Erzeuger unterhielt sich mit dem Ami in fließendem Englisch.
Als unser Gast wieder fort war, fragte ich ihn verwundert, warum ich von seiner Sprachkenntnis bisher nichts gewusst hatte und forderte ihn auf, nochmals Englisch zu reden. Da sagte er, ich werde es nie vergessen: „I never saw such an idle boy as you.“
„Bitte, was heißt das?“
„Ich habe noch nie einen so faulen Burschen wie dich gesehen.“
Da hatte ich’s! Und zwar deutlich und zweisprachig.
Der Amerikaner tauchte nach ein paar Tagen wieder auf, und zwar in tadelloser Uniform mit allen Ordensspangen und in Begleitung seiner erzengelhaft blonden Gattin.
Verwundert ob dieser Förmlichkeit baten meine Eltern die zwei, Platz zu nehmen. Bald jedoch rückten sie mit dem Grund ihres Besuchs heraus: Sie wollten mich adoptieren und nach Amerika mitnehmen.
Ich sehe noch, wie meine Eltern nach Luft schnappten, sehe noch die entschiedenen Handbewegungen meines Vaters. Das war denn doch zu viel der Fraternisierung. Irgendwann fiel immer wieder das Wort „dog“. Hernach sagte mir mein Vater, er hätte den Amerikanern klargemacht, sein Sohn sei doch kein Hund, den man weiterverkaufe. Anschließend verbot er mir weitere Begegnungen mit dem jagenden Ami. Die Fahrten ins Amper-Moos waren sowieso vorerst vorbei, denn ich hatte ja nun kein Radl mehr.
Ein Jahr ging ins Land, da bekam ich nicht nur ein gebrauchtes Fahrrad, sondern es war mir gelungen, auf finsteren Tauschhandelswegen ein Luftgewehr zu ergattern.
Das war ein sogenannter Bügelspanner. Der Luftkolben auf dem Schaft wurde mit einem seitlich ausschwenkbaren Hebel – dem Bügel – gespannt und mit Pressluft gefüllt. Man musste höllisch achtgeben, dass der Bügel auch wieder am Lauf eingerastet war, denn wenn er noch ein wenig herausstand, dann schnappte er bei Abgabe des Schusses gefährlich zurück und konnte einem ernstlich die Hand verletzen. Geschossen hat das Ding sehr genau und mit enormer Durchschlagskraft. Das eröffnete mir ungeahnte Jagdmöglichkeiten. Jetzt konnte ich jagen, ganz nach dem schönen Lied, in dem es heißt: „Ich bin ein freier Wildbratschütz und hab ein weit’ Revier. So weit die braune Heide reicht, gehört das Jagen mir.“
Zu meinen Streifzügen band ich die Büchse an die obere Rahmenstange des Radls und konnte sie, wenn ich ein „Wild“ entdeckt hatte, schnell losbinden und schussfertig machen.
Nun waren Tauben und Häher nicht mehr sicher. Doch mir stand der Sinn nach Höherem.
Wir hatten Freunde in Leoni am Starnberger See. Dorthin fuhr die Familie oftmals zu Besuch. Diese Freunde hatten ein eigenes Bootshaus direkt an ihrem Grundstück am See. Und dort gab’s – Enten!
In den Ferien war ich schon öfter dort gewesen und bat nun die Freunde, ob ich nicht übers Wochenende kommen dürfe.
Die Büchse wurde, wie immer, an der oberen Stange des Radls vertäut, meine sonstigen Sachen kamen in den Rucksack – und ab ging die Fahrt, diesmal ohne Strolchi, zum Starnberger See.
Die Reise führte durch das malerische Mühltal, durch das sich die Würm, der Abfluss des Starnberger Sees, daher auch Würmsee genannt, schlängelt. Da erblickte ich ein ganz seltenes Jagdwild. Eine Wasseramsel. Die zu erlegen entsprach keinesfalls der Weidgerechtigkeit, von welcher der alte Lehrmeister Hartig geschrieben hatte, und der ich mich verpflichtet fühlte. Doch Weidgerechtigkeit hin oder her, dieser seltene Vogel ließ alles vergessen.
Ich stellte mein Radl ab, löste aus der Verschnürung das Luftgewehr und pirschte mich an. Doch wo war nun der Vogel? Bald tauchte die Wasseramsel mal hier, mal dort auf, saß kurzzeitig mit wippendem Schwänzchen auf einem Stein, und bis ich schießen konnte, war sie erneut abgetaucht. Das konnte nicht gut gehen. Endlich kam ich zu Schuss, doch da war sie schon wieder weggetaucht, und bei ihrem erneuten Erscheinen schwirrte sie unerreichbar weit davon. Ein wenig enttäuscht band ich meine Büchse wieder an die Radlstange und strampelte, diesmal ohne Unterbrechung, weiter nach Leoni.
Dort war man ein wenig erstaunt über meine Bewaffnung, doch in jener Zeit wurde nicht viel nachgefragt oder sich gar gewundert.
Mein Plan war, vom Bootshaus aus die Enten anzufüttern und dann eine nach der anderen „abzuknipsen“. Man verzeihe mir diesen respektlosen Ausdruck, doch gierig, wie ich war, passt kein anderer Ausdruck besser.
Es klappte. Aber leider nur ein erstes und einziges Mal. Die mit Kopfschuss – es musste auch einer sein, denn das Kügerl wäre nie durchs Gefieder gedrungen – getroffene Ente machte mit klatschendem Flügelschlagen und im Kreis herumrudernd einen gewaltigen Aufstand. Die anderen Enten flohen und kamen vorerst nicht wieder.
Als ich anderntags, wieder daheim, stolz meine Beute ablieferte, machte nun mein Vater den Aufstand. Das Luftgewehr wurde vorerst eingezogen. Er hatte bislang nichts von den heimlichen Aktivitäten seines Sprösslings geahnt. Kein Wunder auch, denn die Eltern hatten nach Verlust von Hab und Gut, Haus und Heimat mit dem Wiederaufbau andere Probleme, als nachzufragen „was machst du denn so in der Freizeit?“
Es dauerte nicht lange, da kam ich in eine kleine Jungjäger- und Jagdhornbläsergruppe – einer der ersten in Bayern – und in den Kreis des Grafen von Bülow-Dennewitz. Mein Vater kannte ihn bereits von früher. Da hatte ich den allerbesten Lehrmeister gefunden. Er lenkte die überschäumende Jagdpassion des Heranwachsenden in die richtigen Bahnen. Er lehrte mich, anständig mit Ethik und Respekt vor den Mitgeschöpfen zu jagen. Die Ansichten des ehrenwerten Forstmeisters Hartig waren die von vor über 200 Jahren. Seitdem hat sich in dieser Richtung viel, und, wie mir Graf Bülow zeigte, positiv verändert.
Mein Vater unterstützte die Führung durch diesen untadeligen Weidmann nach Kräften. Er sah, dass eine Wildererkarriere böse enden würde. Als ich dann, noch bevor mein 16. Lebensjahr vollendet war, ihm stolz das Zeugnis der bestandenen Jägerprüfung auf den Tisch legte, versprach er mir einen großzügigen Zuschuss zum Kauf einer ersten Jagdwaffe. Den Rest sollte ich mir selber zuverdienen. Im Jahr darauf brachte er von einer Geschäftsreise eine Deutsch-Kurzhaar-Hündin – Alexa v. d. Römerstraße – mit. Er hatte sie zufällig bei der Wasserarbeit beobachten können, worauf er sie spontan dem Besitzer, einem ehemaligen Berufsjäger des Grafen Silva-Tarouca, abkaufte. Sie wurde dann die Begründerin einer überaus erfolgreichen „Hundedynastie“, könnte man sagen. Eine ihrer Nachkommen, meine „Cita“, war der seinerzeit höchstprämierte Deutsch-Kurzhaar.
Mein kleiner Strolchi hingegen endete tragisch. Eine Tante, die auf Besuch bei uns weilte, begleitete mich zum Vorortszug, der mich wie jeden Tag ins Gymnasium nach München bringen würde. Dabei entkam ihr der kleine Hund und rannte dem Zug hinterdrein, der sein Herrchen entführte. Seine Anhänglichkeit endete dramatisch, und ich versank in tiefer Trauer.
Jagdwaffe und Jagdhund haben sich geändert, aber das Steinschleuderschießen habe ich bis heute nicht verlernt. Es kam mir stets bei der Erziehung meiner vielen Jagdhunde zur Hilfe. Es war und ist mein verlängerter Arm. Natürlich mit anderer „Munition“ als Steine oder Pistolengeschoße. Ich nehme Splitt oder Reiskörner. Das gibt keine Verletzungen, aber der Effekt ist „schlagartig“.
Und zu wildern brauchte ich seitdem auch nie mehr.
Welcher Gegenstand macht Sie glücklich?
Kürzlich erzählten im Freitags-Magazin der Süddeutschen Zeitung die Prominenten unserer Tage, welche Gegenstände sie glücklich machen. Da konnte der staunende Leser erfahren, dass ein berühmter Koch sein Nakiri-Messer oder dass Reinhold Messner den Kletterhammer eines lang verblichenen, berühmten Bergsteigers nannte. Das erscheint einigermaßen logisch und nachvollziehbar. Einen anderen Prominenten machte seine Rolex glücklich. Das kann ich in meinem Fall nicht behaupten, denn ich habe die meinige verkauft, weil sie weder Hämmern noch Holzhacken vertrug. Doch wenn jemand eine japanische Kloschüssel, eine Wärmflasche, einen Wecker oder gar einen Rechenschieber dazu erwählt hat, dann muss auch eine besondere Geschichte dahinterstecken.
Meine Wahl braucht kein langes Überlegen: Da hängt sie am schmiedeeisernen Haken und scheint mich aufzufordern: „Auf, auf, schlupf rein! Geh’ mer zum Jagern!“ Sie haben es sicher erraten: Es ist nichts anderes als eine alte Lodenjoppe.
Auf den meisten Jagden war sie meine Wohnung, mein Begleiter. Selbst bei meinen Jagdreisen in die Mongolei war sie ein Stück Heimat. Der Schnitt, ohne Revers und Umschlag-Kragen, mit der geraden, hochgeschlossenen Knopfleiste, entspricht zufällig dem der Ostasiaten. Nehru, Mao, um nur ein paar Prominente zu nennen, trugen Jacken in diesem schlichten Schnitt. Nur hatten deren Jacken keine bequeme Rücken-Quetschfalte mit den aufapplizierten Seerosenblättern der Tegernseer Meister, und vor allem fehlten ihnen die Hirschhornknöpfe.
Als das heißgeliebte Kleidungsstück nach Jahren auseinanderzufallen drohte, hat ihr ein Schneidermeister in unserem Dorf, der alte Dinge noch zu schätzen wusste, ein neues Leben geschenkt. Zuvor wollte ich das heute 53 Jahre alte Stück reinigen lassen. Doch die Firma schickte mein Lieblingsstück unbehandelt retour, mit dem Vermerk, es würde hernach nicht mehr zu gebrauchen sein. Die Ärmelabschlüsse, Kragen, Knopflöcher, die Einfassung der Schubtaschen, alles war total abgewetzt und wurde nun vom dörflichen Meister mit weichem Rehleder eingefasst. Die rechte Schulter war vom Büchsriemen fast gänzlich durchgescheuert. Nun habe ich ein rehledernes Schulterstück darauf. Wie passend! Ein wollenes, neues Karofutter macht die abgeschabte Lodenjoppe wieder zur kuscheligen Heimat. Der Schneider schnitt mit Kennerschaft das seinerzeit aufs alte Innenfutter gestickte Monogramm mit Jahreszahl der Anfertigung aus und nähte es im neuen Futter wieder ein. Die abgewetzten Ellbogen bekamen Lederherzerln drauf, und auch die Löcher, die einst ein junger Schweißhund hineingenagt hatte, wurden mit gleichartigem Stoff geflickt. Der kleine Hund wollte zu den Belohnungsbrocken in der Tasche gelangen. Er schaffte es sogar.
Ein Freund hatte mir damals, als ich dessen Joppe bewunderte, zu einem renommierten Schneider am Tegernsee geraten. Doch seinerzeit war jener Meister dermaßen mit Aufträgen ausgelastet, dass ich über eineinhalb Jahre hätte warten müssen. Da er der Haus- und Hofschneider der Wittelsbacher war, also sozusagen königlich-bayerischer Lieferant, drängten sich zu viele „Gernegrafen“ danach, ebenfalls ein so „geadeltes“ G’wand zu besitzen.
So kam ich zum gleichfalls am Tegernsee beheimateten „Eisenburg Bene“. Hier dauerte die Maßanfertigung nur ein paar Wochen, und zwischen Kunde und Meister entstand bald ein kleines Freundschaftsverhältnis. Ungezählte Hosen, Joppen und Janker fertigte er im Laufe der Jahre auf seinem Schneidertisch – da saß er tatsächlich mit gekreuzten Haxen drauf – für meinen Luxuskörper. Doch mit besagter Lieblingsjoppe gab es ein kleines Anfangsproblem.
Nachdem der Bene meine Maße genommen hatte, wählte ich dürrlaubfarbenen Lodenstoff, tannengrünes Passepoil, kariertes Wollfutter, besonders schöne Hirschhornknöpfe und besprach mit ihm meine Sonderwünsche. Dabei hat er, der ein guter Beobachter war, mich als Linkshänder erkannt. So platzierte er die Patronentasche, wo man fünf Stück zum schnellen Zugriff hineinsteckt, auf die rechte Brustseite. Er dachte, dass ein Linkshänder auch ein Linksschütze sein müsse. Der muss, um schnell seine Kipplaufbüchse nachladen zu können, mit der linken Hand aus der rechten Brusttasche eine Patrone greifen können.
Weil ich jedoch ein Rechtsschütze bin, ließ die Folge dieses Irrtums nicht lange auf sich warten. Stolz, neu gewandet, war ich beim Kahlwildjagern. Ich schoss ein Kalb. Es brach im Feuer zusammen, während das Stuck, irritiert durch das Schussecho, noch kurzzeitig verhoffte. Schnell nachladen, bevor es abspringt! Mit der Rechten griff ich nach links, um eine neue Patrone aus der Brusttasche herauszuziehen. Doch da war keine Tasche! Bis ich merkte, dass nun die Patronen rechts stecken, waren nur ein, zwei Sekunden verstrichen. Die genügten, um dem Stuck Klarheit zu verschaffen und abzuspringen. Verflixt nochmal! Da hatte der gute Bene die Tasche an der falschen Körperseite angebracht. Im guten Glauben, das sei dem Bewegungsablauf eines Linkshänders angepasst.
Als ich ihm die Joppe wieder brachte, um die andere Brustseite ebenfalls mit einer Tasche zu versehen, staunte der Meister. Er hätte etliche Kunden, die Linkshänder seien, sagte er, doch würden diese auch brav links anschlagen und schnell mit der linken Hand zur rechten Patronentasche finden. Dumm gelaufen!
Die Belohnung für den Seitenwechsel der Patronentasche bekam ich im Herbst desselben Jahres. Auf der Drückjagd meines Freundes Helmut Wölfel im Pfälzer Wald schoss ich mit meiner Kipplaufbüchse aus einer Rotte Sauen vier Frischlinge heraus. Nach jedem Schuss die Büchse mit der rechten Hand aufgeklappt, der Ejektor warf die leere Hülse aus, in derselben Sekunde holte die Rechte aus der linken Brusttasche eine neue Patrone, schob sie in den Lauf, zugeklappt, und schon war ich wieder feuerbereit. Mein Nachbarschütze, der mir zugeschaut hatte, stellte nach dem Trieb verwundert fest, dass ich mit meiner Kipplaufbüchse so schnell wie mit einem Repetierer geschossen hätte.
Neben dieser fast nebensächlichen Eigenschaft der Jagdjoppe sind es zu ihrer Funktionalität die ungezählten gemeinsamen Erlebnisse. Stunden, Tage, Wochen im Berg und im Wald; bei Regen, Schnee und Sonnenschein, stets waren wir beisammen. Sie wärmt in ihren weich gefütterten Mufftaschen meine Hände und beherbergt in ihren vielen Außen- und Innentaschen die kleinen, notwendigen Dinge griffbereit für den Jäger.
Weil ich gerade die vielen Taschen erwähne, fällt mir eine kleine Geschichte ein, die zwar nicht im direkten Zusammenhang mit der Jagd steht, aber dennoch ihren Ursprung auf einer Jagd hat, bei der meine Mutter mich begleitete. Unter einem alten Kastanienbaum machten wir Rast. Dabei hob sie eine der zu Boden gefallenen, frisch und glänzend aus der Schale geplatzten Kastanien auf.
„Da“, sagte sie schmunzelnd, „steck sie in Tasche, das ist gut gegen Rheuma! Als Jäger bist du ja gefährdet.“
Selber glaubte sie zwar auch nicht so recht an den alten Aberglauben – aber man kann ja nie wissen. So steckte ich die glatte braune Kugel in eine Tasche der Joppe und – vergaß sie. Nach vielen Jahren, meine Mutter lebte längst nicht mehr, drückte mich etwas im Futter der Jacke. Irgendwas war irgendwann durch ein winziges Loch in der Tasche in den unteren Saum des Innenfutters geschlupft. Durch einen kleinen Trennschnitt herausgeholt, hielt ich die lang vergessene Kastanie in der Hand. Gleich wieder war mir die Szene unter dem alten Baum gegenwärtig. Die Kastanie nun einfach wegzuwerfen, brachte ich nicht übers Herz. Stattdessen steckte ich sie in einer Ecke des heimischen Gartens in die Erde – und vergaß sie abermals. Eines Tages, es mochten vielleicht zwei, drei Jahre vergangen sein, entdeckte ich dort einen kleinen Kastanienschössling. Er war bereits einen halben Meter hoch gewachsen. Wieder stand mir die Erinnerung an meine Mutter und die Rheumavorsorge vor Augen. Inzwischen ist daraus ein stattlicher Baum mit einem Stammdurchmesser von gut dreißig Zentimetern geworden, der nun selber Früchte trägt. Und ganz nebenbei – Rheuma habe ich immer noch nicht.
Das Glück unzähliger Erlebnisse ist so sehr mit der alten Joppe verknüpft, und wenn ich in sie hineinschlupfe, wird’s mir nicht nur von außen warm. Kurz gesagt, sie ist der greifbare Inbegriff glücklicher Jagdtage.
Ich weiß, lieber Leser, auch Sie sind nicht der jedem Besitz abholde Asket. Sie haben genau wie ich einen glücklich machenden Gegenstand. Es muss ja nicht unbedingt eine japanische Kloschüssel oder gar ein Rechenschieber sein.
Eine unrühmliche Geschichte oder Was zu viel ist, geht zu weit
Es war in der Zeit, als Ungarn sich der Unfreiheit unter dem Kommunismus beugen musste. Ein lieber ungarischer Freund, Géza Graf Adorjányi, der 1945 als adeliger, enteigneter Großgrundbesitzer vor den, wie er sagte, „Blutsäugäärrn“ hatte fliehen müssen, machte mit seinen bunten Erzählungen meine Frau und mich auf das Land seiner Väter neugierig.
Während des blutigen Ungarn-Aufstands 1956 hatte ich über alle Maßen Anteil an den Geschicken des tapferen Volks genommen. Wohl weil meine eigene Familie vor den Schikanen der deutschen Kommunisten noch in letzter Minute hatte fliehen können. Daher ging mir das Märtyrerschicksal der Helden des Aufstands, wie des Imre Nagy und Pál Maléter, sehr nahe. Ich musste mich ein wenig überwinden, in den finsteren Machtbereich der Sowjets zurückzukehren.
Freund Géza empfahl uns schwärmerisch eine Rehbockjagd mit der Pferdekutsche in den Weiten der pannonischen Ebene und einen anschließenden Besuch Budapests, auch „Paris des Ostens“ genannt. Ein wenig wehmütig schwärmte er, dass es seinerzeit dort „herrliche Püffe“ gegeben habe. Das war aber nicht unser erklärtes Reiseziel. In für uns weitaus verlockenderen Farben beschrieb er die Pirsch mit der Kutsche, die starken Trophäen, die man erbeuten könne und vor allem müsste der krönende Abschluss ein Wochenende in Budapest sein. Wir sollten unbedingt auf der Margareteninsel wohnen, der „Márgit-Sziget“. Ein Abendessen im Matthiaskeller („Mátiás Pince“) sei obligatorisch. Dort würde sein alter Freund, der Zigeunerprimas Sándor Lákátos mit seiner Banda spielen. Als Gruß aus der Freiheit drückte er mir einen Fünfzigmarkschein in die Hand, den ich dort, wie’s Tradition sei, dem Primas in den Fiedelbogen klemmen sollte. „Mit vielen Grüßen von Géza Graf von Adorjányi.“
Voller Vorfreude buchten wir bei einem Jagdreisenanbieter eine Rehbockjagd sowie übers Reisebüro die Flüge und zum Wochenende ein Zimmer im Grand Hotel auf der Margareteninsel.
Ein wenig bedrückend war die Passkontrolle bei unserer Ankunft im Flughafen. Finster blickende Männer in schwarzen Ledermänteln beschäftigten sich verdächtig lange mit meinem Reisepass. Lag doch mein Geburtsort Königsberg im damaligen Sowjetreich. Wortlos verschwanden sie mit dem Dokument in ihrem Büro. Banges Warten. Aber bald durften wir einreisen; der Verdacht, ich sei ein Republik-Flüchtling aus dem „Arbeiter- und Bauernparadies“ DDR erwies sich als grundlos. Doch eine gewisse Beklemmung – wie ein Grundrauschen – konnte ich nicht abschütteln. Die eiskalte Luft des Ostblocks.
In der Ankunftshalle wurden wir von einem Fahrer des Jagdvermittlers erwartet. Ich holte die Reisebestätigung hervor und versuchte, ihm den Namen des Zielorts vorzulesen, es klang wie „Hodmeszöwasarhelikutasipusztaszarvasicsikoshalott“. Der Mann lachte nur und sagte: „Jo, ich weiß, nach Ligeti-Puszta!“
Nach zweistündiger Reise setzte er uns am Jagdhaus mit dem langen und dem kurzen Namen ab. Der Empfang durch das Jagd- und Hauspersonal war herzlich und so voll warmer Freundlichkeit, dass wir uns bei diesen Menschen und in dem gemütlichen Haus schnell sehr wohl fühlten. Ein mit Schilfrohr gedecktes Dach breitete sich über das einstöckige, weiß getünchte Gebäude. Es erinnerte mich an Bilder, die ich in Jagdbüchern von Ungarn- und Karpatenjägern gesehen hatte. Ein kleiner Hain von Akazien und Pappeln umgab das Anwesen, das mitten in den unendlich weiten, baumlosen Feldern lag.
Schon früh an diesem Maienabend begannen überall die Nachtigallen zu singen. Leider konnten wir dem Gesang nicht die ganze Nacht lauschen, denn wir sollten die Zimmerfenster geschlossen halten. Es gäbe hier, wie man sagte, viele „Gälsöön“, also Mücken. Da hatten wir wieder die „Blutsäugäär“. Doch die waren im Gegensatz zu den eingangs erwähnten wesentlich harmloser.
Unsere Vorfreude auf eine Kutschfahrt durch die Ebene wurde bitter enttäuscht. Keine „schnaubenden Rosse“ erwarteten uns, sondern ein rostiger Russen-Kleintransporter stand ratternd und dieselqualmend vor dem Haus. Der Berufsjäger István erklärte uns, dass die Rehe in den weiten Getreidefeldern stünden. Zu Fuß käme man bei der fehlenden Deckung gar nicht an sie heran. Auch könnte man vom Boden aus wegen des flachen Winkels wenn überhaupt, dann vielleicht gerade nur das Haupt eines Bockes sehen. An einen Schuss wäre da nicht zu denken. Nur von erhöhter Position aus wäre das möglich. Im Klartext hieß das, entweder vom Kutschbock aus – was wohl ein Märchen aus lang vergangenen Tagen war – oder aus dem Auto. Damit man während der Fahrt schießen konnte, hatte man den hinteren Teil des Daches wie eine Sardinendose aufgeschnitten. Von so hoher Warte aus sind Sicht und Schussposition optimal. Auf andere Weise könnte man in diesem Gelände wohl kaum einen Bock erlegen. Doch Autojagd ist überhaupt nicht mein Ding und war auch nie meine Art zu jagen. Vom Kutschbock aus, wo die Silhouette des Jägers erkennbar ist und dadurch dem Wild noch eine kleine Chance zur Flucht bleibt, das war mir akzeptabel erschienen. Aber aus dem als harmlos erachteten Fahrzeug heraus? In dem der Mensch, der Feind, nicht erkennbar ist? Wie ein Panzerfahrer aus der Luke das Feuer eröffnen? Worauf hatte ich mich da eingelassen? Jetzt aber war es zu spät, diese Art von Jagd abzubrechen. Wir rollten los.
Das Getreide stand in jenem Jahr – es ging auf Ende Mai zu und es hatte im Frühjahr viel geregnet – schon ziemlich hoch, sodass es schwer war, überhaupt Wild in Anblick zu bekommen. Nach vielen Kilometern Fahrt hatten wir immer noch nichts gesehen. Da hupte der Fahrer laut und weithin vernehmlich. Sogleich schnellten aus dem Korn ein paar Häupter hoch. Aha, also so geht das hier! Bis zum Träger waren die Rehe aber im Grün verdeckt. Ich konnte mich nur an den teilweise sehr starken Gehörnen erfreuen und staunte, was hier alles so wächst. Ein Schuss, meist auf über 200 bis 300 Meter auf ein so kleines Ziel wie den Träger, gerade einmal handflächengroß, noch dazu mit einem fremden Gewehr – kein Gedanke. So ging unsere Pirschfahrt ergebnislos über zwei Tage. Frühmorgens los, Mittagspause, dann am Nachmittag dasselbe Spiel. Es war ohne jede Romantik, ohne jede Stimmung, ohne Reiz. István war todunglücklich, dass es bei all seinen Anstrengungen nicht klappen wollte.
Trotz allem Zureden blieb ich bei meinem Vorsatz, nicht aus dem Auto heraus zu schießen. Wie ein Schädlingsbekämpfer so kunstlos einen Bock zu erlegen, das war und ist für mich nicht Jagd, sondern nur Abschießen und ähnelt verteufelt einem Killerkommando. So schlug ich dem braven Istvàn vor, dass ich es vom Boden aus, auf einer Gasse zwischen den Getreidefeldern versuchen wollte. Da, wo wir auf der „Gummipirsch“ vorbeigekommen waren, gab es mehrere Stellen, wo vier Felder am Kreuzungspunkt aneinanderstießen. Dort hätte ich, so sagte ich dem Jäger, Ausblick auf vier etwa drei Meter breite Schneisen. Wie auch immer der Wind gehen würde, einige von ihnen würden frei von meiner Witterung bleiben. Das Korn war ja schon recht hoch, sodass ich, am Boden hockend, mit einigen Zweigen getarnt, relativ unentdeckt bleiben könnte.
Istvàn kratzte sich am Kopf: „Aber die Gälsöön!“
Das, sagte ich, wäre mein Risiko. Und außerdem hätte ich ein ganz vorzügliches Mückenmittel. Nachdem er merkte, dass mit mir sonst nichts zu machen war, stimmte er zu.
Noch war’s dunkle Nacht, als er mich an einer Kreuzung im Getreidemeer absetzte. Getarnt durch ein paar belaubte Akazienzweige hockte ich mich mit einem Zielstock ein wenig in den Rand eines Weizenfeldes. Sofort war ich in eine Wolke blutgieriger Gelsen gehüllt. Doch gut und reichlich eingesprüht wie ich war, mussten sie mich ohnmächtig umschwirren.
Der nachtgraue Osthimmel begann allmählich rosig zu erglühen, die Farben des Tages erwachten. Die ersten Lerchen begrüßten jubilierend den jungen Morgen. Ein Fasanenhahn nach dem anderen marschierte mit „gook-gock“ und Flattersprüngen auf dem grasbewachsenen Weg. Hasen hoppelten um mich herum, und die Wachteln schlugen im Korn. Von fern das Locken eines Rebhahns. Sonst kein anderer Laut außer dem stechendfeinen Sirren der Gelsen um mein edles Haupt. Das war die Grundmelodie der nächsten Stunden. Auf der Autopirsch gehen die Stimmen der Natur im Motorengeratter verloren.
Wie aus dem Boden gewachsen stand plötzlich eine Geiß auf der rechten Schneise. Sie naschte links und rechts des Weges an den verschiedenen Kräutlein und zog zum Glück langsam von mir weg.
Meine Rechnung schien aufzugehen. Die Rehe konnten doch in der Getreidemonokultur niemals genug Äsung finden. Sie mussten ja irgendwann auf einen der Wege ziehen. Zumal hier begrünte Raine mit vielerlei Äsung lockten.
Unvermittelt stand auf der gleichen Schneise noch ein Reh. Ein Bock. Da brauchte ich kein Glas. Bereits vollkommen verfärbt, prahlte er mit enorm hohem Sechsergehörn auf seinem jugendlichen Haupt. Na also. Wo ein Bock kommt, da kommen auch andere. Jedoch der Morgen verging ohne weiteren Anblick.
Nach diesem Anfangserfolg wollte ich mich hier am Abend abermals ansetzen. Istvàn jedoch riet zu einem anderen Kreuzungspunkt. Er meinte, dass meine Witterung noch zu sehr am Boden stünde. Da er seine Böcke besser kennt, sagte ich gern zu und saß am Abend an einem anderen Viererstern.
Wieder die bunten Gockel, wieder Hasen über Hasen. Hier musste ja bei den Herbstjagden ganz schön was los sein. Die Sonne war in meinem Rücken längst untergegangen, die Mücken wurden nun bei einfallender Dunkelheit immer aggressiver. Da stand, diesmal recht weit entfernt, auf dem linken Weg ein Bock. Im Wildbret ein starker Bock. Der hatte eine ganz andere Figur als der Jüngling vom Morgen. Auf jeden Fall war der alt. Es war bereits recht finster, sodass ich nicht mehr recht erkennen konnte, was er aufhatte. Verzweifelt suchte ich mit dem trüben Zielfernrohr das Abkommen. Verdammtes Gependel mit dem Zielstock. Endlich, als ich glaubte, wieder ins Ziel hineingewackelt zu sein, krachte der Schuss. Vom Mündungsblitz überblendet, sah ich den Bock gerade noch nach rechts wegtauchen. Vorerst half nur eins, sitzenbleiben und warten. Meine Beine waren eingeschlafen. Ich bin halt kein Yogi. Also aufstehen und die Blutzirkulation wieder in Gang bringen. Nach zehn Minuten hörte ich Motorengebrumm, und bald sah ich den Lichtschein unserer Knatterkiste.
Istvàn hatte den Schuss gehört. Neugierig kam er heran: „Räbock halott - tott?“
Zu Fuß gingen wir zum Anschuss. Der Hund des Jägers fiel sofort die Wundfährte an. Nach ein paar Metern hörten wir ihn knurrend den Bock beuteln. Der war nicht mehr weit gekommen. Im Schein der Taschenlampe konnte ich mir nun endlich das Gwichtl anschauen. Noch selten habe ich, ohne ganz genau zu wissen, was hernach daliegen wird, geschossen. Aber hier, nur nach der Figur angesprochen, bestätigte sich, dass ich mich nicht verschätzt hatte. Mein tastender Finger glitt im Unterkiefer über eine total glatt heruntergekaute Zahnreihe.
Ein uralter Spießer war’s, mit nur knapp luserhohen, aber starken, enorm gut geperlten Stangen. Wie Stachelgewächse ragten sie über sein Greisenhäuptl.
Der Jäger schaute mich fragend an. Er dachte wohl, ich sei enttäuscht, weil es kein Medaillenbock war.
„Wunderbar, Istvàn, das ist genau das, was mir Freude macht. Solch ein Bock ist seltener als die üblichen Sechser, so stark sie auch sein mögen.“
Jetzt war der Jäger erleichtert, und nun freute er sich auch mit mir.
Es wurde noch ein stimmungsvoller Abend mit unseren Gastgebern im Jagdhaus. Bei Nachtigallengesang und Mondschein wäre es draußen sicher weit romantischer gewesen, doch das Gesirre der „Blutsäugäär“ wäre nicht zu ertragen gewesen.
Am Morgen, bevor der Fahrer des Jagdbüros uns abholen kam, überreichte mir Istvàn das bereits sauber hergerichtete Gwichtl des alten Bocks. Eine seltene Trophäe als Lohn für meine „Bodenjagd“.
Nach einem herzlichen Abschied von unseren lieben Jägersleuten trafen wir am späten Vormittag in unserem Hotel in Budapest ein. Ein kleiner Bummel durch die Stadt wurde gemacht, und bevor der Abend im Matthiaskeller heranrückte, wollten wir noch einigen von Géza empfohlenen Programmpunkten folgen.
Zuerst zog es uns zum Hüvösvölgy. Dieser Ausflugsort liegt auf den sich jenseits der Donau auf etwa 160 Meter erhebenden Hügeln. Mit einer von Kindern und jugendlichen Pionieren bedienten Kleinbahn gelangten wir nach einer romantischen Fahrt durch Laubwald im frischen Maigrün zu einer Ausflugsgaststätte. Wie in einer Biedermeier-Szene luden gedeckte Tische unter Schatten spendenden Kastanien zum Verweilen bei Speis und Trank. Einer der Tische erschien uns noch frei, und so ließen wir uns nieder. Nach einiger Zeit stellte sich mit fragender Miene ein Mann vor unseren Tisch, wie ich glaubte, der Ober. Da wir Wein trinken wollten, brachte ich aus meinem „ungeheuren“ ungarischen Wortschatz – es sind nur ein Dutzend Worte – an den Mann: „Bor szivesen! Wein bitte!“ Der Mensch schaute uns nur verdutzt an und setzte sich wortlos an unseren Tisch. Nach mühevollem Radebrechen mit Händen und Füßen stellte sich heraus, dass er – ebenfalls ein Gast – nur kurz seinen Platz verlassen hatte, um am Buffet etwas zu bestellen. Zudem war er Russe. Nun kramte ich aus meiner „profunden Halbbildung“ noch meine russischen Rest-Vokabeln hervor und das Gelächter über meinen Irrtum war beiderseits. Den Wein musste ich selber beim Buffet abholen, es war, wie man noch sehen wird, das Getränk des Tages beziehungsweise des Abends: „Balatonfüredi rizling“.
Es war ein heißer Tag, der Wein schmeckte gut, und so blieb es nicht bei der einen Flasche, wobei uns der Russe tapfer mithalf.
Froh beschwingt ging es nach dem Mittagessen zu einer der berühmtesten Konditoreien Europas, dem Café Gerbeaud. Dort, so hatte uns Géza ans Herz gelegt, war es obligatorisch, die legendäre Dobostorte zu genießen. Es war wirklich ein Erlebnis.
Abends brachte uns der Chauffeur mit der hoteleigenen, russischen Luxuslimousine noch auf die Fischerbastei hoch über dem Stadtteil Pest. Der Anblick des abendlich erleuchteten Budapest, der Parlamentsgebäude vor der majestätisch dahinströmenden Donau, die hier schon so viel gesehen hatte, war wirklich eine Reise wert. Wir mussten uns fast gewaltsam von diesem Anblick losreißen. Doch der Fahrer mahnte, unser Tisch im Matthiaskeller sei für 20 Uhr reserviert. Und heute Abend würde Sándor Lákátos spielen. Das durften wir keinesfalls versäumen.
Eine Treppe führte uns hinab in das riesige Kellergewölbe. Alle Tische waren voll besetzt. Im Hintergrund hörten wir schon die Zigeuner fiedeln und die ersehnten Cymbalklänge. Sofort stand ein Ober an unserem Tisch – diesmal war’s wirklich ein Ober. Seine Frage „Aperitif?“ sollten wir auf Anraten von Freund Géza mit „nein danke“ beantworten, denn was dann käme, würde einem die Füße wegziehen. Also sagten wir brav „nein danke!“ Kurz darauf stellte uns die Bedienung aber trotzdem den Aperitif auf den Tisch. Ein Wasserglas randvoll mit Schnaps. Barack oder Kirsch, ich weiß es nicht mehr. Brav schoben wir ihn beiseite. Zum Essen bestellten wir als Getränk natürlich „Balatonfüredi rizling“. An den Nebentischen prunkten viele russische Uniformen. Gesprächsfetzen in deutscher und russischer Sprache übertönten die Zigeunerklänge. Wir waren umgeben von kommunistischen „Genossen“. Das ungute Ostblock-Gefühl, das mich schon bei der Einreise wie ein böser Alb bedrückt hatte, war wieder präsent. Ich kippte den Aperitif hinunter.
Während des Essens kam die Kapelle, die an jedem Tisch ein wenig verweilte, immer näher, um die jeweiligen Musikwünsche zu erfüllen. Bald standen die Zsigans in ihren prächtigen Kostümen ein paar Tische weiter bei einer Gruppe von offenbar hohen kommunistischen Figuren. Ordengepanzerte, blechverklebte Brüste der Russen, servil lachende, sächselnde Zivilisten.
Und dann zogen sie weiter, an unseren Tisch. Mit einer Verbeugung fragte der Primás „Was wollen hören, bittä?“ Ich stand auf, holte den Fünfzigmarkschein hervor, klemmte ihn Sándor Lákátos in den Fiedelbogen: „Einen schönen Gruß von Graf Géza von Adorjányi!“
Ein Aufschrei! „Joi, Géza, meiner bester, alter Freund, joi, welcher Freudä!“ Er fiel mir um den Hals, busselte mich auf beide Backen.
Die Banda blieb nun bei uns, spielte ein Stück nach dem anderen. Natürlich auch jeden Schmachtfetzen wie „Die Lerche“ und „Szomorú vasárnap“ – den „Traurigen Sonntag“. Sie blieben und blieben, spielten und spielten – nur für uns. Die Sachsen und die Russen an den Nebentischen winkten und riefen, doch die Zigeuner standen wie gemauert. Uns wurde es langsam unheimlich. Die Leute tuschelten, deuteten auf uns und sicher wurde vermutet, wir seien ganz geheime Promis. In einer Musik- und Atempause fragte ich den Ober, wo man denn sonst noch Zigeunermusik hören könne – möglichst in einem Lokal, wo nur Einheimische seien und die Zigeuner ohne Kostümierung? Er riet uns zum „Fröhlichen Matrosen“ („Víg mátros“), einem Lokal am Hafen.
Beim Verlassen des Kellers begleiteten uns unsere neu gewonnenen Musikantenfreunde mit schwungvollen Czardasklängen noch bis zur steil nach oben führenden Treppe. Bei jedem Schritt in die Höhe, bei jedem Atemzug der frischen Nachtluft verlieh mir der Ungarwein die gerade besungenen Flügel einer Lerche. In ein bereits wartendes Taxi verfrachtet, brausten wir los zum „Fröhlichen Matrosen“.
Auch hier ging es in einen Keller hinab. Auch hier waren alle Tische besetzt, doch irgendein Mensch mit Übersicht – war es meine Frau oder der Ober – hatte zwei Plätze reservieren lassen. Die Zigeuner, diesmal ganz normal gekleidet, spielten, und ich war selig. Hier war kein Russe zu sehen.
Meine Bestellung konnte ich nun schon recht flott loswerden. „Balatonfüredi rizling!“ Ich weiß nicht mehr, ob mich nach der ersten oder zweiten Flasche das Bedürfnis überkam, den lieben Ungarn etwas Schönes zuzurufen.
Die Frau eines guten Jagdfreundes, die aus Siebenbürgen stammte, hatte mir viel von der Ungarischen Revolution erzählt. Der damalige historische Schlachtruf „Éljen a Magyar szabadság! – Es lebe die ungarische Freiheit!“ erschien mir gerade recht, um den Menschen hier eine Freude zu bereiten. Also stand ich auf, hielt mich schon ein wenig schwankend am Tisch fest, reckte die rechte Faust in die Höhe und rief in die Menge: „Éljen a Magyar szabadság!“
Erschrockenes Schweigen! Eisige Stille! Keine Hochrufe! Sofort sprangen vom Nebentisch zwei junge Männer auf, packten mich unter den Armen. „Schnell, Herr! Zahlen Sie! Sie müssen sofort hier weg! Schnell, schnell!“
Meine Frau schaltete fixer als ich, warf ein paar Scheine auf den Tisch, und schon schleppten mich die Männer die Treppe hoch, warfen mich förmlich in ein bereits wartendes Taxi und wir brausten los.
Was war da geschehen? Ich besäuselter Narr hatte mit diesem Schlachtruf erneut zur Revolution aufgerufen. Die beiden jungen Männer waren Angestellte unseres Hotels, hatten uns gleich erkannt und gerettet. Ja, wahrhaftig gerettet. Denn, so sagten sie, wenn jemand die Geheimpolizei informiert hätte, dann wäre ich oder wir beide ganz sicher verhaftet und eingesperrt worden. Und wer weiß, ob da nicht irgendwelche Spitzel im Lokal waren.
Unsere Retter meinten, dass wir nach diesem Schrecken zur Abkühlung noch einen Ausflug auf die Burg machen sollten. Die Sonne würde bald aufgehen und den jungen Tag von der Höhe aus zu begrüßen – das wäre doch ein schöner Abschluss.
Droben auf der Burg war zum Glück das Lokal längst geschlossen, sodass wir den Sonnenaufgang nun wirklich im Freien und in Freiheit erleben konnten.
Endlich waren wir dann wieder im Hotel und begaben uns auf unser Zimmer. Dort lag eine Liste mit den verschiedenen Vorschlägen fürs Frühstück. Das Lesen wollte mir nicht mehr so recht gelingen, ich sah alles doppelt und verschwommen. Also kreuzte ich einfachheitshalber sämtliche Gerichte an und legte den Zettel vors Zimmer. Da wir beide merkten, dass wir viel zu viel Alkohol im Blut hatten (bei mir war eher viel zu wenig Blut im Alkohol), legten wir uns in die riesige Badewanne, und zwar ins eiskalte Wasser – ein Trick, den meine Frau weiß der Teufel woher hatte. Bald schlotterten wir wie „nackerte Schullehrer“, doch der Höhenrauch wollte nicht weichen. Der Trick taugte wohl auch nichts. Also ab in die Heia.
Nach nur wenigen Stunden Schlaf wurden wir vom Zimmerservice geweckt. Die Türe öffnete sich und herein rollte ein Servierwagen, noch einer und noch einer. Jeder war übervoll bestückt: Rührei mit Schinken, Omelette mit Schinken, knusprig gebratener Speck, Croissants, Semmeln, aufgeschnittenes Brot, Butter, Honig, Marmeladen, Käse, Aufschnitt, Müsli, Orangensaft, Grapefruitsaft, Milch, Kakao, Kaffee, Tee – halt die ganze Palette eines üppigen Buffets.
Verwundert schauten sich die Service-Damen um. Sie sahen aber nur zwei Personen. Oder bewunderten sie uns ob des großen Appetits?
Kein Wunder, dass mein Hunger nicht im Entferntesten der Frühstücksmenge entsprach. Im Gegenteil, es war mir gar nicht so recht wohl. Mir war kreuzelend zumute. Ich wünschte, ich wäre nie geboren. Doch wem passiert das schon. Kaum einem unter Millionen. Zum Glück hatte sich meine Frau mit dem Trinken mehr zurückgehalten. Auch war sie erstaunlicherweise trinkfester als ich.
Es gelang mir dennoch unter Aufbietung aller Restenergie, wenn auch mit glasigem Blick, meine Frau zu einem abschließenden Einkaufsbummel in die Stadt zu begleiten. Wieder fuhr uns die Hotelkarosse zu unserem Ziel, und der Fahrer begleitete uns zum Herend-Porzellanladen. Teilnahmslos trabte ich hinter meiner Frau drein, hinter uns der Chauffeur. Sie kaufte etwas aus Porzellan, ich zog wie eine Marionette die Kreditkarte und der Fahrer trug die Pakete. Es war wie im Film.
Zwei Stunden in frischer Luft mit einem Spaziergang durch den Park der Margareteninsel brachten mein Inneres langsam wieder ins Lot. Meine Sorge war verflogen, wie ich es schaffen würde, in zwei Stunden den Heimflug anzutreten. Bis zum Flughafen ging alles gut, meine rotgeränderten Säuferaugen hatte ich mit einer Sonnenbrille bedeckt.
Dann kam die Passkontrolle. Wieder unheimliche Kerle in schwarzen Ledermänteln, die misstrauisch in meinem Pass blätterten. Dann ein prüfender Blick in mein Gesicht: „Brillä ab!“, herrschte mich einer von ihnen an. Sicher glich in dieser Stunde das Foto nicht so ganz dem Original.
Seitdem bin ich noch des Öfteren in Ungarn gewesen – nur eines habe ich nie wieder getrunken: Balatonfüredi rizling.
Der Bär vom Kitzbüheler Horn
In meinem ehemaligen, weitläufigen Revier in den Allgäuer Bergen hausen viele Murmele. Sie heißen hier so, anderwärts sind es Mankei, Munggen oder Marmotta. Aus letzterem Namen entstand das Wort „Murmeltier“. In jenem Revier findet man sie fast nur auf der östlich und südlich gelegenen Seite des Stillach-Rappenalptals. Sicher liegt das an den ansonsten zu steilen Hängen. Die für ihren Lebensraum notwendigen Bergwiesen sind geländebedingt rar. An einem besonderen, fast ebenen Platz inmitten der schroffen Bergwelt waren sie zahlreich daheim. Ausgerechnet vor einer bewirtschafteten Hütte, der „Enzianhütte“ unterhalb des Linkerskopfs. Sie waren deshalb die Menschen gewohnt, keinesfalls mehr scheu und pfiffen nur, wenn ein Hund auftauchte.
So erging es mir mit meinem jungen Schweißhund, der zum ersten Mal in seinem Leben mit diesen Gesellen zusammenkam. Nach einer Pirsch in der Höhe gönnten wir uns eine Rast vor der Hütte. Bald darauf schlupften die ersten neugierigen Murmele wieder aus ihren Bauen und beäugten, Mannderl machend, uns Neuankömmlinge. Die junge Hündin vermutete, es wären die ihr verhassten Katzen und sauste los, um denen eine gehörige Lektion zu erteilen. Aber – wie sonderbar, die vermeintlichen Gegner waren sofort vom Erdboden verschluckt. Und sie rochen ganz anders, gar nicht nach den Stubentigern. Ratlos stand Silva vor dem Bau. Das war offenbar nicht ihr Wild. Seit diesem ersten, prägenden Erlebnis stand für sie fest, diese Höhlenbewohner sind genauso uninteressant wie Nachbars schwarze Hühner.
Ein ähnlich enttäuschendes Erlebnis hatte sie im gleichen Jahr bei einem Urlaub an der Nordsee. An einem breiten, endlos langen und menschenleeren Strand robbte vom höher gelegenen Dünenkamm eiligst ein Seehund dem Meer zu. Er hatte wohl dort oben verschlafen. Die Silva startete los, um den sonderbaren Hasen oder Fuchs anzuschauen. Neben dem wunderlichen Tier herlaufend ging’s den Wellen zu. Als dann die Robbe spur- und geruchlos darin verschwand, war die junge Hündin fassungslos. Es fehlte nur, dass sie kopfschüttelnd zurückkam. Dies war wohl das einzige Mal, dass jemals ein Schweißhund mit einem Seehund um die Wette gerannt ist.
Doch zurück ins Allgäu. Seit Jahren haben die Murmele hier keine Jagdzeit mehr, und nur der Adler darf sie sich erjagen. Wie es jedoch dazu kam, dass unser Berufsjäger mich mit Murmelöl zum Schmieren der Gelenke bedienen konnte, ist wohl sein Geheimnis geblieben.
Meine Schwiegermutter, die aus einem Gasthof im Hintersteiner Tal stammte, wusste von einer anderen Verwendung des Murmelfetts. Im elterlichen Gasthof kehrten zur Winterzeit nach getaner Arbeit immer die Wegmacher ein. Was heutzutage der Straßenräumdienst mit Motorkraft bewältigt, erledigten die Älpler früher mühevoll mit der Schaufel. Das macht Hunger und Durst. Der Wirt spendierte dazu die entsprechende Stärkung. Zur Erhöhung der Bekömmlichkeit von Speis, Bier und Enzianschnaps setzte jeder der Mannsbilder hernach die eigene Flasche mit Murmeleschmalz an und nahm einen kräftigen Schluck. Für diesen Genuss muss man allerdings in hochalpiner Wolle gefärbt sein.
Am südlichen Ende unseres ehemaligen Jagdreviers, welches zugleich der südlichste Punkt Deutschlands ist – man blickt von dort hinunter nach Warth im Vorarlberger Lechtal – liegt eine kleine Hochebene, wo sommers das Vieh hinaufgetrieben wird. Mehrere Hütten bieten Unterkunft für Hirten und Sennen. Hier ist ebenfalls der ideale Lebensraum für die Murmele. Doch überall, wo der Mensch die Umwelt für sich allein beansprucht, kommt es zu Kollisionen. Die Hirten beschwerten sich, dass die Kühe mit ihren Haxen in die Bau-Einfahrten einbrechen und so zu Schaden kämen. Fazit: Die Murmele müssen weg!
Um die aufgebrachten Bauern zu beschwichtigen, wurde eine Eingabe an die Behörde gemacht und um Abschussgenehmigung für ein paar Murmele angesucht. Wie wir hörten, stand die Genehmigung kurz bevor. Als aber eine grün orientierte Beamtin davon Wind bekam, landete das Gesuch im Papierkorb.
Da griffen die Hirten zur Selbsthilfe. Irgendwie hatte sich eine Gruppe der kleinen Höhlenbewohner unter einer der Hütten in eine Kellergrube verirrt, wo sie nicht mehr herauskonnten. Die Bauern erschlugen sie alle. Dem Jäger war die Ernte und Erlegerfreude genommen, die „Schädlinge“ waren erledigt und der bäuerliche Zorn verraucht. Der Amtsschimmel wieherte siegesfreudig.
Die Verwandtschaft dieser Langschläfer ist über die nördlichen Regionen des Globus beinahe weltweit mit etwa vierzehn verschiedenen Unterarten verbreitet. Einige dieser Verwandten konnte ich auf der Steinbockjagd im mongolischen Altai kennenlernen.
Zusammen mit meinem Guide Darmaa pirschte ich in den Gipfelregionen des Hochaltai. Bei einer Rast sahen wir unterhalb unseres Ausgucks eine große Murmelefamilie beim eifrigen Äsen. Nur ein einzelner großer Bär hielt nahe beim Felsenbau aufrecht stehend Wache. Auffallend waren seine Größe und sein fast steingrauer Balg. Auch der Warnpfiff unterscheidet sich von dem unserer Alpenmurmeltiere. Wir hatten bereits auf der Herfahrt bei diversen Rasten den sich ganz anders anzuhörenden Pfiff vernommen. Er klingt eher wie ein Kreischen, halt „Murmelisch“ auf Mongolisch.
Mit dem Spektiv konnte ich dem Sippenchef lange zuschauen, bis er plötzlich mit gellendem Pfiff die ganze Bande in den Bau scheuchte. Was war da los? Da sah ich auch schon einen prächtigen, großen Fuchs – auch er hatte einen mehr steingrauen als roten Balg – heranschnüren. Der Wächter ließ ihn nicht aus den Augen und tauchte auch nicht ab, selbst als der Graue – der „Rote“ kann man in diesem Fall ja nicht sagen – nur wenige Meter an ihm vorbeischnürte. „Reineke mongolicus“ schenkte ihm nicht einmal einen Seitenblick, so als wollte er dokumentieren: „Du interessierst mich gar nicht, wohl bist du auch schon recht zäh!“ Man kennt das ja aus der Fabel, wo dem Fuchs die ohnehin unerreichbaren Trauben sowieso viel zu sauer sind.
Darmaa erzählte mir, dass er es bedauere, dass noch keine Jagdzeit auf Murmele sei. Diese Delikatesse darf erst in einigen Wochen bejagt werden. Dann aber wird Mitte Juli zum Naadam Fest auch „Chorlog“ bereitet.
Auf meine Frage, was das denn wohl Köstliches sei, gab mir der Mongole das Rezept: Man ziehe dem Murmele den Balg wie einen Sack ab, nur mit der Öffnung oben und unten. Dann wird das zerlegte Tier hineingefüllt und beide offenen Sackenden verschlossen. Daraufhin kommt der Murmelesack in heiße Holzasche oder unter glühend gemachte Steine. Nach der Garzeit öffnet man den Sack, und der „würzige“, ölige Fleischsaft ist der kulinarische Himmel aller Steppen-Gourmets.
Darmaa musste bei der Beschreibung dieser edlen Speise vor Appetit schlucken. Vielleicht erging es dem Fuchs auch so?
Auf jeden Fall hätte es mich sehr gefreut, wenn ich wenigstens einmal im eigenen Jagdbann solch seltene Beute machen, mich an Erlegung, Balg und der raren Trophäe von gelben Nagezähnen hätte erfreuen können. Lieber jedoch ohne anschließenden Chorlog – auch wenn Darmaa mich nur zu gerne an diesem Hochgenuss hätte teilhaben lassen.
Als ich einem Jagdfreund von meinem Wunsch erzählte, tröstete er mich mit einer Einladung zur legalen Murmelejagd in Tirol. Er habe einen Freund, der eine kleine Eigenjagd auf dem Kitzbüheler Horn hat. Es gäbe da viele Mankei – dort heißen sie halt so – und der Eigentümer mit dem schönen Namen Severin freue sich über einen Gast.
Heiß brannte die Septembersonne vom wolkenlosen Himmel, als Severin uns hinauf zu den Hochalmen geleitete. Unterwegs bekam ich all die Ermahnungen, die mir aus Literatur und Erzählungen bekannt waren.
„Schieß nie, wenn der Mankei in der Nähe des Baues ist. Er muss im Schnall liegen, sonst ist er verloren. Und – was hast denn für a Büchs?“
Für diesen Fall hatte mir mein Freund seine 222 ausgeliehen, denn all meine eigenen Waffen hatten ein zu grobes Kaliber für das kleine Wild. Die Probeschüsse saßen perfekt, und so war der Gastgeber beruhigt.
Die baum- und strauchlose Hochebene ist eine bucklige Welt. Schon von weitem sahen wir etliche Mankei umherhuschen, und auf gellende Warnpfiffe hin waren sie blitzschnell abgetaucht. Hinter einem Felsbrocken fanden wir Deckung. Es dauerte keine halbe Stunde, da erschienen wieder ihre sichernden Köpfe vor den Einfahrten. Bald waren wieder kleine Affen und größere Bären und Katzen unterwegs zum Äsen. Ich wollte mir einen möglichst starken Bären auswählen, und so wurde mir die Zeit nicht lang, zumal das Bergpanorama allein den Aufstieg gelohnt hätte.
Plötzlich huschte ein größerer Bursche auf einen der kleinen Hügel, richtete sich auf und sicherte rundum.
„Den packsch!“, flüsterte mir der Severin zu. „Herrschaft! Des isch a amol a starker Bär!“
Dort auf dem kleinen Buckel war er weit genug vom Bau entfernt, und mit der guten Auflage an dem Felsen war der Schuss kein Kunststück. Im Knall der kleinen Büchse lag der Bär verendet auf der Hügelkuppe, schlegelte noch einmal kurz und rutschte auf der abgewandten Seite in die Senke. Das ging ja schnell und einfach. Mir ging’s fast zu schnell. Die Freunde beglückwünschten mich mit kräftigem Schulterklopfen, und freudig stiegen wir hinab zur Beute.
Doch da kam die Enttäuschung wie eine kalte Dusche. Genau in der Senke, in die der Bär abgekippt war, gähnte ein großer Bau. Da war er hineingerollt.
Severin kratzte sich am Kopf. „Der Deixl solls holen!“
Die Baueinfahrt ging mindestens einen Meter weit senkrecht in die Tiefe. Wie es dort weiterging, konnte man nur ahnen. Unsere Arme waren zu kurz, um da hinunterzulangen.
„Jetzt müss’ mer graben“, war Severins Vorschlag. Hier lag eine dicke Humusdecke, unsere Chancen waren gut, ein gutes Stück hinunterzugraben. Bei einem Felsenbau wären alle Mühen vergebens gewesen. So aber fuhr der Bauer zu Tal, um Hacke und Schaufel zu holen.
Jetzt jedoch kam die große Schinderei. Im glühenden Sonnenschein lief uns der Schweiß in Strömen herab. Hemd und Hose mussten wir ablegen. Abwechselnd gruben mein Freund und ich in die Tiefe. Bis zur Hüfte schon waren wir zum Erdmittelpunkt in Richtung Neuseeland vorgedrungen, doch kein Haar des Bären war weder zu sehen noch zu greifen. Und dann die große Enttäuschung: Der Fels begann. Ende der Graberei. Doch ich dachte nicht ans Aufgeben. Weit unterhalb der Almfläche wuchs ein Haselstrauch. Da wollte ich mir eine Gerte holen, um wenigstens zu ertasten, wo der Mankei lag.
Und tatsächlich, vorsichtig, den Stecken um eine Biegung schiebend, stieß ich auf etwas Weiches. Das musste der Bär sein. Doch wie ihn da herausziehen? Der Stecken hatte ja keinen Greifarm. Da fiel mir eine Geschichte ein, die ich einmal gelesen hatte. Da sah es so aus, als würden die Jäger ebenfalls in einem Felsenbau einen Dachs auf die gleiche Weise wie ich den Mankei verlieren. Sie spalteten einen Stecken am Vorderende zu einer Gabel. Mit dieser drehten sie den Stock in die langen Haare der Schwarte und zogen den Dachs langsam und vorsichtig heraus.
Das wollte ich auch probieren. Die Freunde runzelten zweifelnd die Stirn, doch machten sie mir Mut zum letzten Versuch. Also musste ich nochmals zum Haselstrauch hinunter und eine andere, biegsamere Gerte schneiden. Dann stocherte ich mit der gespaltenen Spitze vorsichtig nach dem Murmele. Bloß – wo hatte der die längeren Haare, in die sich der Stecken eindrehen ließ? Sehen konnte ich eh nichts, und so blieb mir nur das Probieren. Immer wenn ich auf den weichen Körper stieß, drehte ich mein Steckerl wie eine Spaghettigabel. Doch umsonst, sie konnte sich nicht festbeißen. Ich musste die langen Haare des Bürzels erwischen, das könnte gehen. Aber ohne Sicht dahin finden? Geduld ist des Jägers wichtigste Tugend, und ich gab nicht auf. Und dann – juhe – plötzlich ließ sich die Gerte nicht mehr drehen. Sie hatte gebissen. Zentimeter für Zentimeter konnte ich sie mit dem Mankei daran herziehen, immer in Angst, sie könnte sich vom Wild lösen. Und nach spannenden Minuten sah ich das schwarze Ende vom Bärenbürzel. Jetzt nur langsam. Den könnte ich jetzt mit den Händen fassen. Dazu musste ich kopfüber in die Grube hinab. Die Freunde hielten mich an den Füßen fest, und endlich gelang es mir, bis zum Mankei hinunterzugreifen. Erdverschmiert, aber glücklich zog ich meine Beute ans Tageslicht.
Der Bär vom Kitzbüheler Horn

Weit hinunter mussten wir graben …
Nach dem Schuss war ich ein wenig frustriert gewesen, dass die ganze Jagerei zu einfach und zu schnell gegangen war. Doch wie man sieht – da man kann sich gewaltig täuschen. Zwischen Schuss und Rucksack kann allerlei geschehen.
Auf der Weiherwiese
„Kommt schnell, ihr werdet staunen, um die Randbäume der Weiherwiese drängelt sich eine Riesenversammlung von Rehen! Der reinste Wahnsinn! Grad wutz’ln tut’s. Schaut’s euch das an! Los! Auf geht’s! Diesen Anblick werdet ihr nie vergessen!“
Mit dieser aufgeregt hervorgesprudelten Meldung polterte ich in die Jagdhütte meines Freundes Hubertus. Mit einem „Gell, du Zweifler, da siehst du mal, wie das Zaubermittel Buchenholzteer wirkt!“, sprang er mit seinen beiden Söhnen rasch ins Auto und brauste davon, dass der Kies aufspritzte.
Zurück blieb ich bei seiner Frau, die mich stirnrunzelnd und voller Zweifel anblickte.
„Da stimmt doch was nicht!? Oder?“
Nun konnte ich nicht mehr länger das Lachen zurückhalten und rückte mit der Wahrheit heraus. Ich hatte den Freund in den April geschickt.
Vor einigen Tagen war er, der großzügige Jagdherr, bei dem ich unbeschränktes Jagen genießen durfte, auf die Idee gekommen, Rehe mittels Buchenholzteer anzulocken. In einem Inserat in der Jagdzeitung pries ein Hersteller dieses Wundermittel mit folgendem Werbespruch an: „Sie werden staunen! Unvorstellbare Wirkung!“ In der Beschreibung stand, dass davon nicht nur Sauen – die gab es damals noch nicht in unserem Revier –, sondern auch Rehe magnetisch angezogen würden. Man müsse nur einige Baumstämme damit bestreichen, dann – nun ja, siehe oben.
Ich lachte den Freund aus, das sei Blödsinn, nur ein plumper Verkäufertrick. Doch nein, alle meine Argumente halfen nichts. Werbung lügt nicht. Punkt! Er bestellte einen Eimer von dem „Wundermittel“ und schickte mich los, um die Randbäume an der Weiherwiese mit dem schwarzen Zeug zu bestreichen. Diese Wiese war ein überaus beliebter Platz für unsere Rehe. Hufeisenförmig, sanft hügelig ansteigend umrahmte sie der Wald. An der offenen Stelle des Hufeisens, an eine Erle gelehnt, erwartete eine Kanzel den Jäger. Zu jedem Waldsaum im großen Halbrund war es von hier grad einen guten Kugelschuss weit. Rechts, im Rücken der Kanzel, träumte ein kleiner Weiher, etwa fünfzehn Meter im Geviert. Seine schilfigen, von Erlen gesäumten Ufer waren eine Heimstatt für allerlei Lurche. Dort quarrten sommers die grünen Teichfrösche, läuteten die Gelbbauchunken und lärmten bei Sonnenuntergang die Laubfrösche, dass man meinte, die Luft vibriere. Linkerhand, wie von den rodenden Bauern vergessen, wuchs eine kleine Buschinsel aus einem Brennnesseldschungel. Hier bildete der Wiesenboden eine sumpfige Senke. Das saure Binsengras rentierte keine Mahd. Das ließ die Insel überleben.
Nach einer halben Stunde kehrten die drei mit langen Gesichtern zurück. An der Weiherwiese, nachdem die „Reh-Demo“ dort offensichtlich beendet war, waren ihnen erste Zweifel an meiner Sensationsmeldung aufgekommen. Unser homerisches Gelächter bei ihrem Eintritt zerstreute alle Bedenken. Hubertus ertrug den „Aprilscherz“ mit Humor. Letztendlich lachte er mit – und der Teereimer verschwand.
Es ist wohl eine menschliche Eigenschaft, immer mehr, immer Besseres zu wollen. Dabei war dieser Platz an der Weiherwiese immer schon ein Eldorado für Rehe. Für gute Böcke. Die Waldstücke, welche die Wiese im weiten Bogen umgeben, boten ruhigen Einstand. Das Dorf war weit. Spaziergänger verirrten sich niemals hierher. Nur ich blies zuweilen meiner Frau mit dem Jagdhorn ein Ständchen. Das Echo, der Hall waren hier wie in einer riesigen Kathedrale, dass man meinte, der ganze Wald würde erklingen. Wir beide hatten in dem über tausend Hektar großen Revier freie Büchse, nachdem wir unser eigenes Revier – es war das Nachbarrevier – ein paar Jahre zuvor verloren hatten.
Noch war hier der Maiswahnsinn nicht ausgebrochen, sodass die Rehe, so sie nicht im Getreide standen, ihren Einstand im Wald fanden. Bei jedem Ansitz – ich führte ein kleines Notizbuch, in dem ich jetzt nachschlage – hatte man Anblick. Unglaublich, was ich da lese. Ob Mai, August oder Oktober, zu jedem Datum sind da ein, zwei, drei Böcke, Geißen, Schmalrehe oder Kitze verzeichnet. Und das war am Ende der noch gar nicht so lang vergangenen Achtzigerjahre. Und – ob man’s glaubt oder nicht – der Wald steht dennoch immer noch prächtig da.
Von drei Seiten her strebten die Rehe aus ihren Einständen zur Äsung auf die Wiese, die noch natürlich war, das heißt bunt von vielerlei Kräutern, Blumen und Gräsern. Das Waldstück rechterhand mit altem Baumbestand und Unterwuchs von Weichhölzern war relativ klein, ging aber in eine lang gezogene Dickung über. Hinter den beiden anderen Seiten jedoch erstreckte sich tiefer Wald in verschiedenen Altersklassen. Von hierher kamen die meisten seiner Bewohner.
Im 87er Jahr machte die Weiherwiese ihrem legendären Ruf alle Ehre. Im Juni hatte ich dort einen recht ordentlichen, reifen Sechserbock bestätigt. Da meine Frau in dem Jahr noch blanken Büchslauf hatte, riet ich zur Weiherwiese und beschrieb ihr diesen Bock genau.
„Etwa drei Zentimeter kurze Sechserenden, eine Hand breit über Luser hoch, normal weit gestellt. Da brauchst du dich mit dem Ansprechen nicht lang zu plagen, der ist gar nicht zu verwechseln.“
Mit dieser Empfehlung wünschte ich ihr für den Ansitz Weidmannsheil.
Im Dämmern, ich saß jenseits des Waldes, fiel bei ihr ein Schuss. „Na wunderbar“, dachte ich, „das ging ja ganz nach Programm!“ Als ich sie dann beim erlegten Bock abholte, schaute sie mich zweifelnd an. „So alt, wie du meinst, scheint er doch nicht zu sein.“
Der Unterkiefer bestätigte ihre Vermutung. Der Bock war nicht älter als höchstens drei Jahre. Wie konnte ich mich so irren!? Es ist wohl am schwersten, so tröstete ich mich, unter allen Schalenwildarten Rehe altersmäßig genau anzusprechen.
Drei Wochen darauf schoss ich den als unverwechselbar beschriebenen Bock. Er war etwa siebenjährig und die ziemlich genaue Vorlage für sein leider zu früh erlegtes Abbild. Wenn es eine typmäßige Vererbung gibt, dann war der Bock meiner Frau mit Sicherheit sein Sohn. Selten habe ich eine solche Duplizität der Erscheinung gesehen. Die beiden ähnelten sich dermaßen, dass eine Verwechslung durchaus verzeihlich ist. Damals machten wir uns den Vorwurf mangelnder Sorgfalt. Doch bei allem modernen Zeitgeist – von wegen „Zahl vor Wahl“ – ich würde ihn mir auch heute noch machen.
In den Tagen zwischen diesen Erlegungen ereignete sich auf der Weiherwiese Überraschendes. Ein Freund von mir sollte seinen ersten Rehbock bei mir schießen. Wochen zuvor hatte ich einige geringe Böcke ausgemacht, die so recht als Erstlinge infrage kamen. Dem jungen Jäger war das Erlebnis in Begleitung seines alten Freundes das Wichtigste. Auch ging’s ihm gar nicht um was Besonderes, er wäre, so versicherte er mir, auch mit einem Knöpfler zufrieden. Diese Einstellung fand ich absolut richtig, denn ein anderer junger Jäger, der in meinem ehemaligen Revier vom Treiber zum Jäger geworden war, fuhr extra nach Ungarn, um dort seinen Ersten zu erlegen. Das musste für ihn was ganz Tolles sein, und so schoss er einen 550-Gramm-Bock. Danach bereitete ihm alles, was geringer war, keine besondere Freude. Er achtete nicht das Erlebnis, entscheidend war für ihn nur die stetige Steigerung des Trophäengewichts und der Punktezahl.
Aber mein Freund hatte Pech. In diesem Revier, wo man denkt, man könne jeden Tag einen passenden Bock erlegen, fanden wir nur Zukunftsböcke. Es war wie verhext. An seinem letzten Tag wollten wir’s noch auf der verlässlichen Weiherwiese probieren. Aber außer einem nachdenklich vor sich hinmümmelnden Hasen zeigte sich nichts. Im letzten Licht jedoch zog aus der kleinen Buschinsel ein körperlich geringes Reh.
„Pass auf, jetzt kommt einer für dich!“, raunte ich dem Freund noch zu, da fiel mir beinahe das Glas aus der Hand. Was da heranwechselte, war der Bock der Böcke. Knuffig und rau geperlt schien hier das Geweih mit dem Bock spazieren zu gehen. Zwischen den Lusern war alles „voll“. Aus der grobstacheligen Perlung ragte ein kleines viertes Ende. Ein ungerader Achter! Jeden Widerspruch ausschließend, drückte mir der junge Jäger seine schussbereite Büchse (ich hatte die meinige nicht dabei) eilig drängend in die Hand und zischte mir zu: „Schnell, schieß du, das ist so nicht abgemacht! Das ist kein Erstlingsbock für mich!“ Flüsternd ging’s noch kurz hin und her, doch als der Bock, der von unserem Getuschel offenbar was bemerkt hatte, sich bereits abwenden wollte, gab’s für mich kein Zögern mehr. In beinah letzter Sekunde fiel der Schuss, und der Kapitale versank nach kurzer Flucht in den Brennnesseln.
Als wir vor dem erlegten Bock standen, fiel mir der Freund um den Hals und mir ein Stein vom Herzen. So herzlich gratulierte er mir, dass ich, obwohl ich mich ob meiner unerfüllten Gastgeberpflicht ein wenig schämte, nun erlöst meiner unbändigen Freude freien Lauf lassen konnte. Ich habe davon ein wenig auf anderen Blättern erzählt, auch dass der Freund im nächsten Jahr einen Bock – nun war’s sein zweiter – in meinem Hochgebirgsrevier erlegen konnte. Und der konnte sich wahrlich sehen lassen.
Das Hallo auf der Hütte meines Gönners war groß. Neidlos gratulierte er mir zu meinem (bis auf den heutigen Tag) stärksten Bock. Niemand hatte ihn zuvor in Anblick gehabt. Und freudig nutzte Hubertus jetzt seine Chance zur Retourkutsche für den „Aprilscherz“: „Den Bock hast du nur dem Buchenholzteer zu verdanken.“
Dieses unverhoffte Weidmannsheil erweckte bei einem anderen Mitgänger, dem alten Martl, wilde Jagdlust. Er kombinierte, wo ein Guter geht, da geht vielleicht noch so einer; da muss ein Nest sein. Jeden Tag lauerte er morgens und abends auf der Weiherkanzel. So eine Idee des Reh-Doppelpacks würde jeder andere als reichlich naiv abtun – aber – wie’s die Waldgeister manchmal so einrichten, Glück haben bevorzugt Kinder und Narren. Der beinah achtzigjährige „Narr“ schoss ein paar Tage später am gleichen Platz einen ebenfalls sehr guten und reifen Bock.
Auf der Trophäenschau – damals hieß das noch so – behängte man meinen Bock mit einer Goldmedaille. Er war der beste des an guten Rehböcken wirklich reichen Landkreises. Der des alten Herrn bekam eine Silbermedaille. Das wurmte den Alten ganz arg, da doch sein Bock nach seiner Ansicht viel mehr hermachen würde, als der meine. Auf sein Klagen hin nahm ich das Goldtaferl von meinem Bock herunter und hing es dem seinen über die Stange. Da ging ein Strahlen über das Gesicht des alten Jägers. Wie man mit einem Stück goldfarbenen Metalls solch eine Beglückung auslösen kann! Ich hab’s ihm von Herzen vergönnt. Vielen Jägern bedeutet eine solche Auszeichnung sehr viel. Als „Jäger und Sammler“ freue auch ich mich an einer reifen und starken Trophäe. Mir geht’s jedoch in erster Linie um das Drum und Dran des Erlebnisses, ich messe Jagdfreude nicht an Geweihgewicht, Punkten und Medaillen.
Pulsuz fraqment bitdi.