Kitabı oxu: «Herbarium, giftgrün»

In einem Hörsaal der Eberhard-Karls-Universität wird eine Studentin tot aufgefunden. Die Todesursache ist unklar, die Polizei tappt im Dunkeln. In den Unterlagen der Toten findet sich eine rätselhafte Botschaft, die durch Zufall dem jungen Maler Max Kersting in die Hände fällt, den das Geheimnis zu interessieren beginnt. Kommissar Neunzig nimmt den ›Hobby-Detektiv‹ zunächst nicht ernst, da passiert ein neuer Mord.
Die Spuren, die Zeichen, die Kersting so hartnäckig wie erfindungsreich verfolgt, führen tief hinein in die so gelehrte wie geschlossene Universitäts-Gesellschaft – und weit über die altehrwürdige Universitätsstadt hinaus.
Gert Ueding, 1942 geboren, lebt bei Heidelberg, bis 2009 Ordinarius für Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen, bis 2012 Gastprofessor an der Universität St. Gallen. Essayist, Literaturkritiker verschiedener großer Zeitungen, u. a. der FAZ und der Welt. Mitglied zahlreicher literarischer Jurys, u. a. der Jury zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels sowie zur Bücherbestenliste des SWR. Bei Klöpfer & Meyer hat er über viele Jahre die renommierte Essayreihe Promenade herausgegeben. 2016 erschien, hoch gelobt, in drei Auflagen: Wo noch niemand war. Erinnerungen an Ernst Bloch.

Gert Ueding
Herbarium, giftgrün
Roman
1. Auflage
in der Edition Klöpfer
Stuttgart, Kröner 2021
ISBN DRUCK: 978-3-520-75301-4
ISBN EBOOK: 978-3-520-75391-5
Umschlaggestaltung: Denis Krnjaić
unter Verwendung eines Motivs von Liia Chevnenko, shutterstock.com
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In dieser Universitätsluft entarten die Besten.
FRIEDRICH NIETZSCHE
Ameisen – hochsoziale Insekten aus der Familie der Formicidae – sind für ihre außerordentlich gut organisierten Kolonien und Nester bekannt. In einer neuen Studie fanden Wissenschaftler der Universität Leeds und der Universität Kopenhagen nun allerdings heraus, dass Ameisen trotz ihrer organisatorischen Talente gern betrügen und korrumpieren, egal ob es sich um Arbeiterinnen, Drohnen oder Königinnen handelt.
Etwas ist nicht geheuer, damit fängt das an.
ERNST BLOCH
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
1Erste Vorzeichen
2Der Fall entwickelt sich
3Wir sind in Tübingen!
4Hinter den Kulissen
5Annäherungen
6Folgen eines Unfalls
7Neue Spuren
8Der Verdacht wird konkreter
9Das kleine Herbarium
10Die Oberfläche reißt
11Mit knapper Not
12Verräterische Bilder
13Alte und neue Indizien
14Falsche Nachrichten
15Neue Gefahren
16Uni-Sex
17Lokal-Termine in Konstanz
18Im Herbarium
19Fatale Vorfälle
20Letzte Geheimnisse
21Das Summen der Bienen
22Aufklärung
1 Erste Vorzeichen
Festlichkeiten dieser Art waren Kersting zuwider. In jedem Herbst nach den Sommerferien lud der Präsident der Universität die Spendierfreudigen unter den Absolventen zu einem Mittagessen mit anschließender Führung durch eine der vielen wissenschaftlichen Fachsammlungen ein. Diesmal sollten die archäologischen Exponate vorgeführt werden. Kersting hatte beschlossen, es beim Mittagessen zu belassen. Er kannte die archäologische Sammlung bestens und hatte sich eigentlich nur eingefunden, weil er mit seiner Arbeit nicht vorwärtskam und sich inspirierende Abwechslung erhoffte. Diesmal würde sie von einer Seite kommen, die er niemals erwartet hätte. Später stellte er sich manchmal die Frage, wie sein Leben wohl verlaufen wäre ohne dieses Treffen. Weniger aufregend, weniger gefährlich, dafür aber vielleicht förderlicher für seine Arbeit.
Es war nicht viel, was er gelegentlich aufs Unikonto überwies, doch hing eines seiner Bilder, eine großformatige Variation auf die Fassade der Alten Aula, im Versammlungsraum des kleinen Senats. Beides reichte für eine ehrenvolle Erwähnung in der glücklicherweise kurzen, völlig humorlosen Tischrede des Präsidenten. Wenn man Kersting in dieser Gesellschaft sah, hätte man ihn kaum für einen Künstler gehalten, so korrekt war er gekleidet. Schon gar nicht hätte man ihn auf Mitte dreißig geschätzt. Seinem schmalen gebräunten Gesicht mit den ins Dunkle spielenden olivgrünen Augen, sah man an, dass er gerne lächelte und der Ausdruck des Ernstes nur auf das Stichwort dafür wartete. Kersting saß neben dem Dekan der philosophischen Fakultät, auf eigenen Wunsch. Philosophie war sein Hauptfach gewesen, und wenn die Malerei ihm jetzt noch Zeit ließ, griff er am liebsten zu Montaignes Essays oder den kleinen Schriften Schopenhauers, auch lagen Lichtenbergs Aphorismen und die »Fröhliche Wissenschaft« oft in Reichweite auf dem Regal neben den Schachteln mit Pinseln, Farben, Firnissprays oder Strukturpasten. »Ein miserabler Redner und durchschnittlicher Präsident«, flüsterte ihm sein rechter Nachbar nach der drögen Rede des Rektors zu. Er kannte ihn noch aus seiner Studienzeit und erinnerte sich nach kurzem Überlegen auch wieder an den Namen: Müller-Riedel, Germanistikprofessor kurz vor der Emeritierung, eine Koryphäe der Hölderlin-Philologie und exzellenter Rezitator, noch voller Spannkraft und Bosheit. Man erzählte sich wilde Geschichten von seiner Trinkfestigkeit, Nase und Haut zeugten davon, doch die Augen blickten klar, ein wenig listig sogar in die Welt.
»Durchschnittlich?« fragte Kersting, »als Präsident meinen Sie? Er hat doch die Universität in die Exzellenz-Förderung gebracht, viel Geld eingesammelt. Die Zeitungen waren voll des Lobes.«
»Nachdem er das erste Mal alles vermasselt hatte.« Müller-Riedel hüstelte mehrmals trocken, eine Angewohnheit, die, wie sich Kersting erinnerte, seine Vorlesungen zur Qual machten, weil er fast jede Satzpause damit füllte. »Der erste Antrag vor vier Jahren war voll von Fehlern und Versäumnissen gewesen, ein schlampiger Witz. Den Posten hat er bloß bekommen, weil es an Gegenkandidaten fehlte. Gelegenheit macht Verhältnisse, wie sie Diebe macht. Wer will schon seine Wissenschaft für einen reinen Verwaltungsjob aufgeben – es sei denn, er machte auch vorher schon nichts anderes. Man braucht nur zu sehen, was er aus den Institutionen macht, die sich nicht auf ›exzellent‹ reimen: abwickeln ist da die bürokratische Losung – wie beim Universitätszeichenlehrer.«
Kersting dachte sich sein Teil, wusste schließlich, dass auch für den boshaften Müller-Riedel, der da neben ihm saß, als Dekan und damit als Vorsitzender einer großen Fakultät keine bedeutenden wissenschaftlichen Sprünge mehr möglich waren. Er sah sich in dem kleinen Festsaal der Museumsgesellschaft um, der im ersten Stock über dem Restaurant lag.
In dem schmucklosen Raum war eine ganze Anzahl runder Tische verteilt, die meisten voll besetzt, man hatte offensichtlich darauf geachtet, dass an jedem Tisch mindestens ein Professor, eine Professorin Platz nahm. Das Stimmengewirr schwoll mal hier mal da an, je nach Alkoholkonsum.
Kersting kannte kaum jemanden. Die meisten waren im vorgeschrittenen Alter, viele begleitet von ihren professionell geschminkten oder, im krassen Gegenteil, naturbelassenen Ehefrauen. Nur wenige in seinem Alter. Ein paar Tische weiter erkannte er den Besitzer eines Textilunternehmens, das seinen Erfolg vor allem luftigen Dessous und exquisiter Nachtwäsche verdankte. Wenn man nicht genau hinsah, hätte man ihn, wie auch Kersting selber, für einen frisch examinierten Uniabsolventen halten können. Beide etwa gleichaltrig, noch ohne die hier übliche Geselligkeitsroutine. Ihre Blicke trafen sich, sie nickten sich verständnisinnig zu. Kersting strich sich eine Locke seines kastanienbraunen Haares aus der Stirn.
Auch von den Repräsentanten der Universität waren ihm wenige Gesichter vertraut: der Kanzler, der Prorektor noch. Sonst auffallend viele junge Leute, deren Aussehen auch an einem Bank- oder Postschalter nicht fremd gewirkt hätte. Eine rundliche junge Frau sonnte sich in der Aufmerksamkeit ihres graumelierten Gegenüber. Ziemlich weit entfernt sah er einen zwar weißhaarigen, aber den ausdruckslos glatten Gesichtszügen nach, noch jungen Mann. Ein Professor namens Knaipp, wie er sich jetzt erinnerte. Sogenannter Kommunikationswissenschaftler und Sprecher des Rektors. Seine Affären waren Stadtgespräch. Einen sonnigen Intriganten, hatte ein Kollege ihn öffentlich genannt.
Kersting ärgerte sich jetzt doch, die Einladung angenommen zu haben. Überall im Saal beherrschte gepflegt-langweilige Plauderei die Atmosphäre, überall freundliche, doch nichtssagende Gesichter. Er hätte Besseres zu tun gehabt. An einem der näher gelegenen Tische begann immerhin ein lebhafteres Gespräch die Stimmung etwas zu heben. Er hörte Satzfetzen, von einem Artikel im ›Tagblatt‹ war die Rede, vom Versagen der Polizei. Worum es genau ging, bekam er nicht mit.
Bevor der Hauptgang kam, Tafelspitz mit Meerrettich und reicher Gemüsebeilage, erkundigte sich Kersting bei seinem Tischnachbarn nach einigen seiner früheren Professoren, die er aus den Augen verloren hatte, erhielt aber nur zerstreute Antwort. Der Grund zeigte sich bald. Müller-Riedel begann in seiner Sakkotasche zu kramen und zog einen kleinen quadratischen Zettel hervor, schob ihn zu seinem Nachbarn hinüber. »Können Sie sich einen Reim draus machen?«
Auf dem kleinen Papier standen, etwas schräg aufeinander zulaufend, drei Zeilen, per Hand mit dem Kugelschreiber geschrieben und gut lesbar: »Denk an unser herbarium sidereum oder die andere schreit und lärmt in allen Gassen. Wie immer F20« –
Die lateinische Wendung (übersetzt: ›das himmlische Kräuterbuch‹) kam Kersting von fernher nicht unbekannt vor, doch wusste er nicht, wo er sie einordnen sollte.
»Ich müsste darüber nachdenken, aber wo haben Sie das her?«
Doch bevor Müller-Riedel antworten konnte, wurden von hinten die gefüllten Teller auf den Tisch gestellt, der Präsident wünschte an seinem Platz stehend, mit erhobenem Glas, guten Appetit. Kersting wollte den Zettel zurückreichen, aber Müller-Riedel winkte ab: »Behalten Sie ihn und rufen Sie mich an, wenn Sie eine Idee haben.«
Die kleine Pause vor dem Nachtisch kam dann gerade recht, um die Frage nach der Herkunft der Notiz zu wiederholen.
»Erinnern Sie sich an die Uni-Tragödie, den Kriminalfall, vor einem halben Jahr? Die tote Studentin, die man im Seminarraum der Kommunikationswissenschaftler fand, an einem Montag, noch vor Veranstaltungsbeginn des Sommersemesters, im April?«
Max Kersting erinnerte sich natürlich. In der noch immer pietistisch geprägten Bevölkerung der Universitätsstadt hatte der Fall große Aufmerksamkeit erregt, zumal einige Indizien darauf hindeuteten, dass die junge Frau vor ihrem Tode nicht allein gewesen war. Auch munkelte man, dass Rauschgift eine Rolle gespielt hatte, obwohl niemand wusste oder wissen wollte, dass sie Rauschgift nahm. Auch sollte sie ihr Studium nicht mehr sehr ernst genommen haben, was man einem unbekannten Freund angelastet hatte. Mehr war Kersting von der Sache nicht in Erinnerung geblieben, er hatte sie nicht weiterverfolgt, zumal die Polizei Fremdverschulden schließlich ausgeschlossen hatte.
»Der Zettel stammt von ihr«, fuhr Müller-Riedel fort. »Die Polizei hat ihn bei ihr gefunden und nach der Untersuchung mit einigen aus der Bibliothek stammenden Büchern und sonstigen Seminarmaterialien zurückgegeben. Er lag in einer Mappe mit Photokopien zu einem Referat, das sie vorbereitete. Das Thema hieß ›Der Ursprung der Faust-Sage‹ und hat mit den Zeilen hier aber offenbar nichts zu tun. Mir hat die Botschaft, denn das ist es ja wohl, trotzdem keine Ruhe gelassen. Ich glaube auch, dass sich die Schlussbemerkung auf ein geplantes Treffen bezieht. Vielleicht auf das, was sie dann nicht überlebt hat.«
»Sie meinen die Schlussbemerkung ›wie immer F20‹?«
»Ja. Klingt wie eine Verabredung: ›Wie immer Freitag‹, also vielleicht der Tat-Tag, und die Uhrzeit, 20 Uhr. Man sollte doch wissen, was das Übrige heißen soll.«
»Könnte natürlich auch ein Seminarraum gemeint sein …«
»Unwahrscheinlich, gibt’s zumindest in unserm Haus nicht. Ist mir auch sonst nicht begegnet. Aber sei’s drum, wichtig wär auch das. Doch sicher ein Hinweis auf den Freund, mit dem sie in den letzten Wochen zusammen war, den auch ihre Freundinnen nicht kennen und möglicherweise der letzte, der sie lebend gesehen hat.«
Darüber sollte man nachdenken, war auch Kerstings Meinung. Auf Geheimnisse war er schon immer angesprungen. Innerlich belustigt dachte er an manchen Titel seiner Kinderlektüre. Er versprach, seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, bat um einen Stift, um sich die Sätze von dem Zettel abzuschreiben.
»Behalten Sie ihn ruhig erst mal. Vermisst ja niemand.«
Müller-Riedel lehnte sich zurück, zufrieden, etwas zur Aufklärung des Rätsels getan zu haben, das ihn so sehr beschäftigte – kaum ein Kollege, den er damit verschont hätte. Kersting steckte das Papier in seine Jackentasche und wandte sich jetzt wieder der illustren Versammlung zu.
Sie hatten sich mit einigen wenigen Unterbrechungen unterhalten, ohne sich besonders um ihre anderen Tischnachbarn zu kümmern. Zu seiner Linken saß ein Unternehmer aus Mössingen in mittleren Jahren, etwas korpulent, aber in weißem Leinenanzug und vom Urlaub gebräunt; Vorstand eines kleinen Familienunternehmens, das Gardinenstoffe herstellte und in wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecken sollte.
Rechts von Müller-Riedel saß ein schlanker junger Mann um die dreißig, den er offenbar mitgebracht hatte, vielleicht sein Assistent, vielleicht ein Gast von außen, bei der Vorstellung war das undeutlich geblieben. Gleich gegenüber eine Frau, um die fünfzig, untersetzt, blau punktierte helle Bluse mit Wasserfall-Ausschnitt, der ihrer weichen Körperform schmeichelte. Nur die flink hin und her huschenden blassgrauen Augen störten das freundliche Bild, sie liefen oftmals wie von selbst nach oben weg, als ob an der Decke der eigentliche Film lief. Offenbar eine Kollegin seines Nachbarn, die, wie sich jetzt zeigte, das Gespräch mitangehört hatte.
»Die Polizei hat den Fall ganz nachlässig verfolgt«, behauptete sie. »Tut ja auch jetzt nichts. Das ist ein Skandal, ja ein Skandal! Nicht mal die genaue Todesursache weiß man. Wo sind wir? Auf dem Balkan?«
Inzwischen war der Nachtisch, Eis mit allerlei Früchten, verzehrt, die Weingläser geleert. In das Gespräch über den Kriminalfall mischten sich nun auch die anderen Tischgäste. Der junge Mann neben Müller-Riedel, den Kersting für einen Assistenten hielt, hatte das Ereignis etwas wegwerfend als Medienspektakel beschrieben und dafür lebhaften Widerspruch von einem fetten Mann geerntet, der ausgiebig schwitzte und ständig mit dem Taschentuch über den glattrasierten Kopf wischte. Die Frau an seiner Seite unterstützte ihn, indem sie nickend ihrem langen Gesicht einen energischen Ausdruck zu geben versuchte.
Das ging noch eine Weile hin und her, bis die Gesellschaft sich an den Rändern und den Tischen, die dem Saalausgang am nächsten waren, aufzulösen begann. Kersting hatte den Kommentaren nur noch zerstreut zugehört. Er wollte noch einen Spannrahmen in Fellbach kaufen und verabschiedete sich von seinem Tischnachbarn. Er versprach anzurufen, wenn er irgendetwas über die Bedeutung des Zettels herausgebracht hätte und ging eilig die breite Treppe des Museums-Restaurants hinunter. Auf der Straße und bevor er die Richtung zur Tiefgarage am Nonnenhaus einschlug, änderte er seine Absicht und wandte sich in Richtung Bibliothek. Er schwitzte in seinem Anzug. Der September war bisher ungewöhnlich warm gewesen.
Die nächsten zwei Stunden las er im kühlen Lesesaal alte Presseartikel zu dem Fall Verena Roeder, mit dem er sich so unvermutet konfrontiert sah und der ihn nicht losließ. Die Fakten waren dürftig, die Spekulationen umso blühender. Er sah einige Photos. Eine hübsche junge Frau Mitte zwanzig, wohl in der Endphase ihres Studiums. Lange, offenbar dunkle Haare, auf einem Bild trug sie eine Sonnenbrille mit großen dunklen Gläsern, auf einem anderen sah man sie in einem leichten, kurzen Sommerkleid. Sie stammte aus Bremen. Die Eltern beide Ärzte, ein jüngerer Bruder studierte in Frankfurt. Das gab alles nicht viel her. Dafür beherrschte der unbekannte Freund die Berichterstattung. War er ein Mitstudent? Aber warum hatte sie dann ein Geheimnis aus seiner Person gemacht?
Oder war er verheiratet oder einer ihrer Professoren oder beides? Von früheren Freunden wusste man nichts, auch die Eltern hatten keine Ahnung. Vielleicht eine Geliebte – und gerade das sollte niemand wissen? Sie hatte im Wohnheim auf der Wanne gewohnt. Eine Nachbarin wollte sie zweimal mit einer älteren Frau in Stuttgart auf der Königstraße gesehen haben.
Das alles war wenig aufschlussreich. Nur auf eine Information stieß er, die ein besonderes Licht auf sie warf. Im Hauptfach war sie Germanistin, doch hatte sie sich besonders für das Mittelalter interessiert, historische und auch philosophische Kurse über diese Epoche besucht. Eine eher ungewöhnliche, aber interessante Orientierung heutzutage, fand er.
Als Kersting die Unibibliothek verließ, wäre er beinah mit Müller-Riedels Kollegin, die so lebhaft die örtliche Kriminalpolizei kritisiert hatte, zusammengestoßen. Sie kam vom sogenannten Brechtbau her, dem üblichen Betonklotz, in dem die philologischen Fächer untergebracht waren. Er hatte sich vorhin nicht vorgestellt und beschloss, das Versäumte jetzt nachzuholen.
»Max Kersting – es gab leider gar keine richtige Gelegenheit, uns bekannt zu machen.« »Der Maler, von dem die ›Gelehrtenrepublik‹ im kleinen Senat hängt? Ich bin Sophie Jansen, versuche, die Studenten für Sprachtheorien zu interessieren. Hartes Brot, ganz hartes Brot!«
Sie sagte das lachend, fügte dann aber, sofort ernst, hinzu: »Verena, über deren Tod Sie sich mit Müller-Riedel unterhalten haben, war bis zuletzt in meinem Seminar über Sprachmystik im Mittelalter. Fleißig und interessiert, eine seltene Freude heutzutage.«
»Eine ungewöhnliche Wahl oder die Mentalität der Studenten muss sich seit meiner Zeit sehr geändert haben.« »Hat sie nicht. Acht Leute waren im Seminar, davon sechs Studentinnen.« »Fiel Frau Roeder irgendwie auf, hatte sie spezielle Fragen, haben Sie irgendetwas von ihrem Privatleben mitbekommen?«
»Na, Sie haben wohl Feuer gefangen? Ist eine rätselhafte Geschichte, das Ganze. Sie war ziemlich verschlossen, ohne eigenbrötlerisch zu sein. Ich hatte manchmal den Eindruck, ihre Zurückhaltung hatte sie sich verschrieben wie eine Medizin. Verstehen Sie? Mit Vorsatz, nicht aus natürlichem Temperament.«
»Und das hielt sie durch?«
»Im Seminar ja. Da wirkte sie auch sonst in manchem, wie soll ich sagen … unzeitgemäß. Die anderen hocken mit ihren Laptops oder Ipads da, notieren sich ihre Stichworte und referieren sozusagen vom Bildschirm aus. Aber Powerpoint, das sag ich Ihnen, gibt es bei mir nicht.
Verena war ganz anders! Sie schrieb auf einem altmodischen Papierblock mit und ihre Vorträge bereitete sie auf Karteikarten vor. Völlig selbstverständlich, auch selbstbewusst. Nur einmal habe ich sie anders erlebt. In der Sprechstunde. Sie kam schon niedergeschlagen zur Tür rein, dann begann sie aber schnell die Fassung zu verlieren, die Fassade bröckelte gewissermaßen, aber was dann …«
Frau Jansen brach ab.
»Ja?«
»Ach nichts weiter. Wir müssen jetzt Schluss machen, sonst erwische ich den Bus nach Pfrondorf nicht mehr; mein Auto steht in der Werkstatt. Hat mich gefreut, Sie kennen zu lernen.«
Sie wandte sich um und ging eilig die Wilhelmstraße hinauf. Kersting sah ihr hinterher. Eine kleine, rundliche Person, aber von höchst einnehmenden Wesen, dem auch er sich, obwohl soviel jünger, nicht entziehen konnte. Er hätte gerne etwas mehr von ihren Eindrücken über ihre unglückliche Studentin erfahren, auch über jene offenbar merkwürdige Sprechstunde. Noch war das bloße Neugier, angeregt durch die Zeitungslektüre und das Gespräch mit Müller-Riedel. Einen Augenblick wunderte er sich dann aber doch darüber, dass er an dem Fall soviel Anteil nahm und sogar stundenlang alte Zeitungsartikel studiert hatte, um sich mit Fakten und Personen vertraut zu machen.
Sollte er noch nach Fellbach fahren? Es ging schon auf den Abend zu, aber er würde es noch vor Geschäftsschluss schaffen. Brauchte auch die Leinwand. Die Pflicht siegte, im Nachhinein musste er sagen: unglücklicherweise. Er holte den alten eckigen Volvo-Kombi aus der Parkgarage und fuhr los.
Die Straßen waren um diese Zeit voll, er reihte sich in die Schlange ein und wappnete sich mit Geduld. Einmal wäre er beinah umgekehrt, hatte dann aber schon Vaihingen fast erreicht. Verena Roeder ging ihm nicht aus dem Kopf, die ganze Fahrt über. Er hatte sie nicht gekannt, auch niemanden aus ihrer Nähe, außerdem schien der Fall inzwischen unter Aktenbergen begraben. Wie kam er plötzlich zu diesem Interesse. Vielleicht lag es an den Photos von ihr? Er sah sie immer wieder vor sich, fühlte ein Bedauern über ihren Tod, so als sei er ihr im Leben begegnet. Ihre ernsten dunklen Augen sah er vor sich, wie in einem Tagtraum, der unerfüllbar bleibt. Er erinnerte sich an die elende Liebesgeschichte des Studenten in Hoffmanns Erzählungen, der einer leblosen Puppe verfiel und wahnsinnig wurde.
Ob die merkwürdige lateinische Formel auf dem Zettel in seiner Tasche aus dieser Gegend, also aus romantischem Geist stammte? Maler waren besonders anfällig für Fernlieben dieser Art, sogar wenn von Erfüllung keine Rede sein konnte, weil die Angehimmelte längst schon Geschichte war. ›Dies Bildnis ist bezaubernd schön‹. Er hatte, als er studierte, einen Zimmernachbarn, der die Uta vom Naumburger Dom auf einem fast lebensgroßen Photoplakat in seinem Zimmer hängen und sie wieder und wieder gemalt hatte. Die Fata Morgana machte ihn nicht satt, er verzweifelte schließlich, gab die Malerei auf.
Die Rückfahrt von Fellbach war nicht weniger mühsam, immerhin lagen die Keilrahmen im Auto, er konnte weiterarbeiten. Die Unterbrechung mit den Gesprächen im Geschäft und der üblichen Fachsimpelei hatten ihn wieder in die Wirklichkeit geholt. Als er sich Unterjesingen und seinem Atelier, ganz am Ende einer Wohnstraße näherte, freute er sich nur auf ein Glas Rotwein. Er rangierte auf seinen Parkplatz vor dem Haus, erleichtert, zuhause zu sein. Er stieg aus und merkte erst jetzt, da die Autoscheinwerfer ausgeschaltet waren, dass mit der Straßenlaterne vor dem Haus etwas nicht stimmte, genauer: sie leuchtete nicht, flackerte nicht einmal, so dass es ihm nicht leichtfallen würde, die Rahmen so aus dem Kofferraum zu ziehen, dass sie nicht beschädigt wurden. Ob er die Innenbeleuchtung noch mal einschalten sollte? Er kam nicht dazu. Hörte hinter sich Geräusche, schnelle Schritte, drehte sich um, sah schattenhaft zwei kräftige Gestalten auf sich zukommen.
»Raus mit dem Papier!«
»Was …«
»Komm schon, raus damit!«
Mehr Worte machten sie nicht. Der eine hielt ihn fest, der andere versuchte, in seine Jacke zu fassen. Kersting wehrte sich jetzt so gut er konnte, trat mit den Füßen, bekam einen Arm frei. Das nützte wenig, ein Faustschlag in die Nieren tat höllisch weh, er krümmte sich, ein Schlag traf seinen Kopf, ein Knie rammte gegen seine Nase, noch ein Schlag, er lag auf dem Boden, benommen und hilflos. Später wunderte er sich, dass er nicht um Hilfe geschrien hatte, aber alles war sehr schnell gegangen. Nicht ohne einigen Lärm allerdings, in dem etwas entfernt stehenden Nachbarhaus ging die Außenbeleuchtung an.
2 Der Fall entwickelt sich
»Los, weg, ich hab’s,« hörte er etwas verschwommen einen der beiden Angreifer sagen, dann war der böse Spuk vorbei. Er rappelte sich auf, schnappte nach Luft, atmete hastig und schwer und brauchte eine Weile, bevor er wieder aufrecht stehen konnte. Das Licht nebenan war jetzt ausgegangen. Er verzichtete für heute darauf, seine Einkäufe aus dem Kofferraum zu holen, schloss den Wagen ab und verzog sich etwas mühsam ins Haus.
Max Kersting bewohnte es alleine. Er hatte es auf Erbpacht von der Gemeinde erworben, als nach den beiden Ausstellungen in Stuttgart und Baden-Baden die Sammler auf ihn aufmerksam geworden waren. Der Verkaufserfolg hatte ihm etwas Geld eingebracht. Ursprünglich besaß es nur ein Stockwerk, das spitze Dach hatte er zu einem hellen Atelier mit Schlafraum und kleinem Badezimmer ausgebaut.
In dem Spiegel im Bad gab er jetzt kein besonders schönes Bild ab: auf der hohen Stirn sah er einen langen, zum Glück flachen Riss, der aber blutete, als habe ein Ring ihn aufgeschlitzt, das ganze Gesicht war blutverschmiert, die Unterlippe aufgerissen, der Unterleib schmerzte. Er säuberte sich vorsichtig, ging dann ins Atelier, wo die Cognacflasche stand, ein kräftiger Schluck, der zwar an der Lippe schmerzte, aber doch guttat, dann verzog er sich in seinen Lesesessel und überdachte das Geschehen.
Klar war, dass die beiden Schläger es auf Müller-Riedels oder vielmehr Verenas Zettel abgesehen hatten. Was sollte er jetzt tun? Die Polizei rufen? Zeugen gab es keine, und selbst wenn der Nachbar durchs Fenster gelinst hatte, bevor er das Licht anschaltete, hatte er nicht mehr als flüchtige Schatten sehen können. Er selber konnte keinen von beiden beschreiben, sie hatten etwa seine Größe, um die einsachtzig herum, glaubte er; es waren trainierte Halunken gewesen, besonders der eine, der ihm zielsicher seine Hiebe verpasst hatte. Das war alles, damit konnte man keine Suchmeldung losschicken. Und schließlich: der Zettel war zwar weg, aber die paar Worte konnte er auswendig.
Warum also, fragte er sich ziemlich ratlos, haben die Angreifer dieses Risiko auf sich genommen? Der Abend hatte gerade erst angefangen, und auch wenn er am Ende der Straße wohnte, ohne Gegenüber, hätte doch leicht ein anderer auch unterwegs sein können, den Hund ausführen oder einfach zwischen den Weinbergen spazieren. Sie mussten überdies damit rechnen, dass er sich den Inhalt des Zettels gemerkt hatte. Also kam es darauf wohl nicht an. Vielleicht weil es ihr Zettel, also der Zettel mit Verenas Handschrift, gewesen war, und dieser Zusammenhang sich jetzt nicht mehr beweisen ließ. Da hätten sie beide, Müller-Riedel und er, noch so viel bezeugen können.
Aber wie konnten sie wissen, dass er das Stück Papier eingesteckt hatte? Müller-Riedel hatte die Übergabe bei Tisch im oberen Saal des Museums nicht besonders heimlich vollzogen, sie beide hatten dabei unbefangen über die Bedeutung gerätselt. Kein Zweifel: jemand, der in den Fall auf irgendeine Weise verwickelt war und nicht weit weg gesessen hatte, musste das mitbekommen und seine Maßnahmen getroffen haben.
Eines hatten die ungebetenen Besucher aber nicht bedacht: War er vor der Attacke noch nicht sehr engagiert an des Rätsels Lösung interessiert gewesen, so wollte er es jetzt unbedingt und so schnell wie möglich aufklären.
Bloß nicht gleich. Er fühlte sich ganz zerschlagen (kein Wunder), und seine Grübelei machte ihn auch nicht munterer. Also verschob er alles weitere auf den folgenden Tag, kletterte ohne Verzug ins Bett und war im Nu eingeschlafen.
Als Kersting nach neun Stunden aufwachte, fühlte er sich elend. Der Riss auf der Stirn war nur noch eine rote Ritze und blutete nicht mehr. Aber die verletzte Lippe war angeschwollen, sein Bauch schmerzte, Kopfschmerzen kamen hinzu, kaum dass er aufgestanden war. Er saß in der Essecke seiner großen Küche, die zusammen mit Flur und einem kleinen Gästezimmer das Erdgeschoss einnahm. Der Kaffeeduft erfüllte den Raum. Vorsichtig wegen des harten Porzellanrandes, dann aber fast gierig trank er die erste Tasse.
Was tun? fragte er sich, als er sehr vorsichtig vom morgendlichen Toastbrot einen Bissen zwischen die verletzten Lippen schob. Zur Polizei wollte er immer noch nicht, aber die beiden Ganoven hätte er zu gerne identifiziert. Das präsidentielle Mittagessen erschien ihm als die einzige Möglichkeit, einen Faden in die Hand zu bekommen, der ihn am Ende zu den Schlägertypen führen konnte.
Müller-Riedel fiel aus, es sei denn, er hatte jemandem von ihrem Gespräch erzählt. Dasselbe galt wohl für Frau Jansen und die anderen Gäste am Tisch. Der Assistent oder wer immer da auf der anderen Seite seines Nachbarn gesessen hatte, schien ihm die vielversprechendste Adresse: er hatte sicher das meiste vom Gespräch mitbekommen, kam vom Alter her infrage und hatte, falls er zum germanistischen Kollegium gehörte, vielleicht sogar die Tote gekannt.
Ein paar Klicks im PC brachten Kersting auf die Seite mit dem Programm der germanistischen Veranstaltungen des letzten Semesters. Ein Seminar mit dem Thema »Para-Feminismus im Mittelalter« fiel ihm auf. Der Dozent: ein Mann namens Gregor Sautter. Das Photo auf der Seite des Instituts bestätigte seinen Verdacht. Das schmale Gesicht, die dunklen Haare und seine selbst im Bild noch auffordernd blickenden Augen: das war der Mann, der den Kriminalfall als Medienspektakel verharmlost hatte. Vielleicht ein Ansatzpunkt.
Also fuhr Kersting die paar Kilometer nach Tübingen, stellte das Auto ins Parkhaus nahe der Bibliothek. Im Seminargebäude studierte er als erstes die zum Teil recht wirr bestückten Aushängetafeln im Erdgeschoss, auf denen alle Lehrenden der hier untergebrachten Fächer mit der Angabe ihrer Diensträume verzeichnet waren. Mit der nötigen Information fuhr er in dem engen und recht betagten Aufzug ruckelnd in den 3. Stock, fand nach kurzem Suchen das Zimmer, an dem zwei Namen standen, darunter der gesuchte, und klopfte. Trotz Semesterferien hatte er Glück und konnte nach Zuruf eintreten.
Hinter dem Schreibtisch erhob sich ein mittelgroßer junger Mann, das blonde Haar kunstvoll verstrubbelt, darunter ein rundes Gesicht mit üppigem Schnauzbart, der wohl das bubihafte Aussehen kaschieren sollte, es im Gegenteil aber betonte. Die sehr hellen grauen, aber kalt blickenden Augen passten nicht dazu. Das ist der Falsche, war auf Anhieb Kerstings Eindruck. Er stellte sich vor, der Schreibtischbewohner begrüßte ihn freundlich, nannte seinen Namen: Franz Buch; er hatte ihn draußen an der Tür schon gelesen. Er erinnerte sich auch, im germanistischen Programm seinen Namen vor dem Seminarthema »Walther von der Vogelweide in der Übertragung Peter Rühmkorfs« gefunden zu haben.
»Ich habe gehofft, Herrn Dr. Sautter anzutreffen …«
»Da sind Sie im falschen Zimmer gelandet … Ja, ich weiß: ich muss das Namensschild an meiner Tür ändern. Aber mein Kollege ist sowieso gerade heute nach Berlin abgereist, um an einem Kongress teilnehmen zu können. Über Paracelsus in der deutschen Literatur. Er kommt wohl erst am Wochenende zurück.«
»Hm, schade. Ich hätte mich gerne mit ihm über sein Seminarthema vom letzten Semester unterhalten. Wir suchen einen Referenten über die Geschichte des Feminismus.«
Kersting fiel es wegen seiner verletzten Lippe immer noch schwer, deutlich zu artikulieren. Buch schienen erst jetzt die Blessuren seines Gastes aufzufallen. Er musterte ihn jedenfalls genauer.
»Wem sind Sie in die Quere geraten?«
»Bloß meiner Haustür, aber das genügte. Die Sache ist eilig, deshalb bin ich trotzdem hier.«
»Ob Sie da bei ihm an der richtigen Adresse sind? Der interessiert sich jetzt mehr für allerlei Elementargeister. Eine Mode, wie so vieles in unserer Wissenschaft. Auch wenn Sie der Titel seines letzten Seminars angelockt hat …«
»Genau deshalb bin ich hier.«
»Mit Feminismus in unserem Sinne hat das wenig zu tun.« Kersting spürte eine Spur von Geringschätzung im Tonfall, machte aber ein fragendes Gesicht.
»Es ging viel mehr um so etwas wie die Chemie der Geschlechter, wenn Sie wissen, was ich meine – aber nehmen Sie doch Platz«, unterbrach er sich, wies auf einen Stuhl schräg vor seinem Schreibtisch, und setzte sich selber wieder nieder.
»Ich glaube schon, dass ich weiß, worauf Sie hinauswollen. So etwas, wie Goethe es in den »Wahlverwandtschaften« thematisiert hat, nehme ich an.«
»Das hat natürlich mit Feminismus nichts zu tun. Aber dessen Verfechter nehmen’s nicht so genau. Eine Kollegin behauptete, Paracelsus habe seine ganzen medizinischen Kenntnisse aus weiblicher Quelle und begründete das mit einem angeblichen Zitat: ›Alles, was ich weiß, weiß ich von weisen Frauen‹. Nirgendwo belegt, hat man ihm untergeschoben.« Buch begleitete seine Kritik mit einer wegwerfenden Handbewegung.
»Erstaunliches Thema für das kurzatmige Studium, das man den Studenten heute zumutet. Ist das denn modulgerecht?«
Kerstings Spott fiel auf fruchtbaren Boden. Buch kicherte. »Wenn man danach gehen wollte, gäbe es nur noch Kurse wie »Drama 1« oder »Drama 2« oder »Romantischer Roman 1« und so weiter, wie bei den Maschinenbauern. Aber etwas anderes wollen die Studenten, pardon, die Studierenden nicht. Schön wär’s ja, wenn unsere Studenten Studierende wären, aber studieren tun nur die wenigsten, die aber sammeln sich dann in Kursen über Paracelsus oder Niklaus von Flüe.«
»Immerhin gibt es noch die, die nicht den Trampelpfad gehen.«
»Eine ganz kleine Minderheit. Die meisten wollen billiges Grundwissen, leblos und breitgetreten. Dann werden sie möglichst schnell auf die Schüler losgelassen und lesen mit denen den »Wilhelm Tell« als Comic. Unsere didaktischen Kollegen finden das super und liefern noch das gute Gewissen dazu. In Sautters Seminar saßen sieben Teilnehmer, davon fünf Studentinnen.«
Da hatte Kersting offenbar einen Nerv getroffen! Wie aber nun zu den Fragen kommen, die ihn interessierten?
»Warum soviel Studentinnen?«
»Einmal, weil sie prozentual in der Mehrheit sind. Aber sie sind auch hartnäckiger. Paracelsus lesen, ist nicht so einfach, man muss die Sprache regelrecht lernen. Dann aber begeistert sie einen, so kernig, so bildhaft, dagegen wirkt unser heutiges Deutsch wie eine Verfallssprache. Eine von Sautters Studentinnen wollte darüber ihre Doktorarbeit schreiben. Daraus wird nun nichts …«
»Lust verloren?«
»Nein, tot. Sie haben bestimmt vor ein paar Monaten darüber gelesen. Man fand sie tot im Gebäude nebenan.«
»Ja, ich erinnere mich. War nicht die Todesursache rätselhaft?«
»Meint jedenfalls die Polizei, oder verbreitet diese Meinung aus ermittlungstaktischen Gründen. Wie auch immer. Man wird schon wissen, woran sie gestorben ist! Auch junge Leute können schon mal an Herzversagen sterben, ganz natürlich.«
»Sie schließen ein Verbrechen aus?«
Kersting wollte ihn am Ball halten; vielleicht erfuhr er etwas über sein Zeitungswissen hinaus. Seine Hoffnung wurde aber gleich enttäuscht. Buch erwiderte lapidar: »Ich bin sicher« und riet ihm dann, sich im Sekretariat um einen Gesprächstermin bei Herrn Sautter zu bemühen.
Als Kersting das Zimmer verließ, trat er in den immer noch leeren Flur, überlegte einen Augenblick, ob er vielleicht an Müller-Riedels Tür klopfen sollte, der auch hier oben sein Dienstzimmer hatte. Verzichtete dann darauf, da er mit der Aufgabe, die der ihm gestern zugeschanzt hatte, nicht weitergekommen war.
Aber sein Besuch im Brechtbau sollte Kersting noch einen unvermuteten Erfolg bringen.
Als er ins Erdgeschoss hinuntergefahren war und sich in der Eingangshalle aus etwas zerstreuter Neugier auf den Tischen umsah, die überall standen und mit Prospekten über Veranstaltungen, Zeitungsabos und Firmenanzeigen überfüllt waren, fiel ihm ein Faltblatt besonders ins Auge. Ein Fitness-Studio annoncierte darin Sonderkonditionen für Studenten. In der ersten Spalte ein Photo mit mehreren Trainerinnen und Trainern, von denen ihn das Bild eines jungen Mannes stutzen ließ. Es war die Frisur, die ihn aufmerksam machte: die Seiten des Kopfes kahlgeschoren, oben das Haar wie ein Vogelnest mit Gel geformt. So ähnlich (der Einfall kam ihm ganz unvermutet) hatte das James Bonds schwarze Gegnerin in einem der alten Filme schon getragen.
Inzwischen war diese Frisur Mode geworden. Irgendeine Fußballergröße hatte sie populär gemacht. Am vorigen Abend hatte er zwar keinen seiner Angreifer erkennen können, doch trug zumindest der, der ihn niederschlug, eine Frisur wie diese – Kersting hatte das, am Boden liegend, sehen können, als sich die Silhouette des Schlägers einen Augenblick gegen den trotz der Wolken nicht ganz schwarzen Himmel abhob. Er nahm das Faltblatt mit und ging zu seinem Auto.
Ein Blick auf die Uhr. In ein paar Minuten könnte er in der Weststadt im hier angezeigten Fitness-Studio sein.
Der Laden unterschied sich nicht von anderen Etablissements dieser Art. Gleich nach dem Eingang der lange Tresen, hinter dem sich zwei junge Frauen angeregt über Tübinger Friseure unterhielten. Beide blond und mit trainierter Figur, in eng anliegende Trikots gekleidet, denen der Studioname aufgedruckt war, verrieten in Gestalt und Aussehen, dass sie das hier herrschende Körperbewusstsein auch anregend zu repräsentieren hatten. Neben ihnen ein untersetzter junger Mann mit glattrasiertem Schädel, der gerade aus der Kaffeemaschine seine Tasse füllte. Das Kaffee-Aroma überdeckte kaum die sonst herrschende Geruchsmischung aus Duftspray und Schweiß.
Kersting fragte, ob er sich umsehen könne, er trüge sich mit dem Gedanken, seiner körperlichen Verfassung etwas auf die Sprünge zu helfen.
Die etwas Ältere von den beiden maß ihn mit einem Blick, der im umgekehrten Falle sofort die feministische MeToo- Bewegung alarmiert hätte. Kein Zweifel, er gefiel ihr: mit seinem etwas dunklen Teint, dem freundlich-strahlenden Augenausdruck und der schlanken Figur. Sie erbot sich jedenfalls sofort, ihm die Trainingsräume zu zeigen. Der große saalartige, im Hintergrund etwas verwinkelte Raum stand voller Marterinstrumente, von deren teilweise weit in die Gegend krakenden Armen Lederschlingen herabhingen oder Gewichte baumelten, oder die sich bei näherem Zusehen als überdimensionale Fahrräder, Schlitten oder Laufbänder entpuppten. Ein Paradies für alle mittelalterlichen Hexenmeister oder Folterkünstler, von denen es ja wieder viele gab.
Bei jeder Maschine erläuterte die Begleiterin Funktion und Aufgabe. Bauchmaschine (»Haben Sie ja nicht nötig!«), Bizeps- und Trizeps-Trainer, Rückendehner. Kersting musste sich gestehen, dass seine nachlässige Haltung und sein schlaksiger Gang durchaus ein korrigierendes Training vertragen könnten, ließ es sich aber dennoch nicht anmerken, dass ihn die Benutzer mehr interessierten als diese beeindruckenden Apparate. Er war enttäuscht, dass nicht mehr als ein Dutzend schwitzender Gestalten sich in dem reichhaltigen Angebot abmühten. Einer von ihnen stemmte ein Gewicht und stieß dabei Laute aus, die man sonst nur in zoologischen Gärten oder aus einschlägigen Hotelzimmern hören konnte.
Auf seine Bemerkung hin erfuhr Kersting, dass die Mittagszeit von den meisten Mitgliedern gemieden wurde. Er hatte also die falsche Zeit erwischt.
Sie gingen durch einen Bogengang in einen großen, seitlich angegliederten Raum, der vor allem der Muskelbildung gewidmet war. Hier war mehr los, vor allem junge Leute, Männer mit Muskelpaketen bepackt und von obskuren Tattoos überzogen stemmten unter Ächzen und mit schweißdurchtränkten Trikots Gewichtstangen oder zogen schwere Blöcke zu sich herab. Kersting kam es so vor, als ob nicht sie die Maschinen lenkten, sondern die Maschinen ihnen jede Bewegung diktierten.
Inzwischen hatte er allerdings eingesehen, dass ihm sein spontaner Einfall nicht den gewünschten Erfolg bringen würde. Nicht nur die Tattoo-Uniformen, auch die Frisuren verrieten auffälligen Corpsgeist: beinah jeder dieser Verrenkungskünstler hatte sich die Kopfseiten kahl rasieren und auf dem Kopf ein dichtes Haarbüschel stehen lassen, das jene Silhouette formte, wie er sie in der vorigen Nacht bei einem seiner Peiniger bemerkt hatte.
Er ließ sich den Rest der Führung mit guter Miene gefallen. Was ihm nicht schwer fiel. Einige junge Frauen bemühten sich, es ihren Kombattanten möglichst gleich zu tun. Der Anblick gefiel ihm und war von einem leichten Frösteln begleitet, wenn er sich diese Verrenkungen in andere Situationen übertragen vorstellte.
Als er sich verabschiedete, drückte ihm die hinter dem Tresen gebliebene Hostess einen Prospekt in die Hand.
»Darin finden Sie alles, Kursprogramme, Öffnungszeiten, Kosten. Wenn Sie wollen, können wir gleich eine Probewoche vereinbaren. Dann wird einer unserer Trainer (sie wies auf den Kahlköpfigen, der inzwischen seinen Kaffee ausgetrunken hatte und in einem Magazin blätterte) Ihnen für ihre Wünsche ein Trainingsprogramm zusammenstellen.«
Kersting überlegte einen Augenblick, ob er seine Suche auf diese Weise vertiefen sollte. Er hatte geradezu hautnah gespürt, was ihm fehlte, seit Christa ihn verlassen hatte. Doch war er vom Anblick der uniformierten Geräte-Artisten auch entmutigt. Er dankte, erbat sich Bedenkzeit, verließ, betont ernst und aufmerksam um sich blickend, die schweißtreibende Stätte und fuhr nach Hause.
Auf der Staffelei wartete nun schon einige Tage das gerade erst begonnene Bild der Tübinger Neckarfront. Er hatte das Motiv ausgewählt, weil er aus diesem meistphotographierten und von Ansichtskarten und Prospekten völlig verschlissenen Ensemble etwas Neues machen, es so verfremden wollte, dass man seine Schönheit wieder wahrnehmen konnte. Als er das erste Mal in die Neckarstadt gekommen war, hatte ihn der Anblick beinah umgeworfen, diesen Moment vergaß er nie.
Eine überzeugende Idee war ihm bisher nicht eingefallen, so dass ihm die Erinnerung an den geraubten Zettel mit der rätselhaften Botschaft als Ausrede gerade recht kam. Oder sollte er sich nicht gleich offen eingestehen, dass er höchst zufrieden war über die Störung mitten in seiner Arbeit? Als hätte er eine neue Begabung entdeckt, die ihn nicht bloß von der Staffelei fernhielt, sondern ihm andere Erfahrungen, neue Reize und Genüsse versprach, die ihm bislang unbekannt waren, aber seine Malerei durchaus bereichern könnten.
Er schrieb sich die Zeilen aus Verenas Nachlass in sein Notizbuch. »Herbarium sidereum«, himmlisches Kräuterbuch, wo war ihm das schon einmal begegnet?
Mit einem Male (er musste über sich selber lachen) wurde ihm bewusst, wie überflüssig diese Frage im Zeitalter der Computer und Suchdienste war. (Wieso war Müller-Riedel nicht auf dieselbe Idee gekommen?) Und wirklich, das lateinische Stichwort führte auf mehrere Treffer. Im Handbuch der Geschichte der Medizin fand er den Eintrag »Herbarium spirituale sidereum« und den Hinweis auf die Entsprechungslehre des Paracelsus: Jedem elementar körperlichen Gegenstand entspricht ein geistig himmlischer, hat von dorther seine Form – was eben auch für alle Heilkräuter, jede Arznei gilt.
Aber was sollte das nun in diesem Falle bedeuten?
In der Hoffnung, auf irgendeine Spur zu stoßen, nahm er sich die Zeitungsartikel vor, die er in der Universitätsbibliothek gesichtet und von denen er die wichtigsten mit dem Smartphone abphotographiert hatte. Darunter auch ein Interview mit einer Freundin der Toten. Er überflog noch einmal den Text, und fand gleich zu Beginn die Antwort auf die Frage, wann und wo sich die beiden kennengelernt hatten: »Das war im Sommersemester vor zwei Jahren, in einem Cusanus- Seminar, wir arbeiteten gemeinsam an einem Referat über die Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos …«
Nun, aber was sollte diese Reminiszenz an eine vergangene Seminararbeit auf dem später gefundenen Zettel bedeuten, zudem offenbar verbunden mit der Bestätigung einer Verabredung? Und dann die Fortsetzung: »oder die Andere schreit und lärmt in allen Gassen«? Klang das nicht fast wie eine Drohung?
Er richtete sich noch einmal an seinen Laptop und gab die Wendung ein. Nach einigen Fehlschlägen landete er beim Stichwort »Anderheit«, das für den Cusaner eine wichtige Kategorie gewesen war; und da, noch ein Treffer: sie kommt aus dem Nichts, diese Anderheit, hält es eben deshalb nicht bei sich aus, ein Vakuum, das nach Sein schreit und sich füllen will. Es ging der Schreiberin also darum, dem Adressaten ihrer Nachricht sehr eindringlich klar zu machen, wie lebenswichtig ihr Anliegen sei. Und sie musste damit gerechnet haben, dass der andere die verschlüsselte Botschaft auch verstand.
Befriedigt lehnte sich Kersting zurück, musste sich aber bald eingestehen, dass er mit seinen Erklärungen nur scheinbar weitergekommen war. Im Gegenteil: das Ganze erschien ihm jetzt noch rätselhafter. Er suchte noch etwas herum, dann gab er es für diesmal auf.
Mit ein paar Schritten war er am Regal mit seiner kleinen philosophischen Bibliothek und zog einen flachen Karton heraus. Er öffnete ihn, eine hölzerne Spielschale, etwa 30 Zentimeter im Durchmesser, mit nummerierten Außenfeldern kam zum Vorschein. Eine kleine Holzkugel und ein etwas kantiger Holzkreisel gehörten dazu. Wenn man Glück hat, befördert der Kreisel die Kugel in eines der äußeren Gewinnlöcher. Eine viertel Stunde spielte Kersting wie abgeschaltet von der Welt mit diesem Roulette, dann wendete er sich wieder der Staffelei zu. Immer noch gingen ihm die Begriffe und Cusanischen Ideen im Kopf herum: Anderheit, das Andere, das Chaos, das zum Baumaterial der Welt wird, die der Philosoph die »kleine Welt«, parvus mundus, genannt hatte. Wie von selber begann er, den Gedanken ins Bild und auf die kleine Leinwandwelt da vor sich auf der Staffelei zu übertragen, Mauern in halbfertige Quader und Fenster in pflanzliche Form zu verwandeln. Zufrieden war er dennoch nicht, holte den Kohlestift hervor und fing an zu skizzieren.
Der Nachmittag verging im Nu. Erst als das schwindende Licht anfing, ihm Probleme zu bereiten, unterbrach er seine Arbeit und machte sich einen Imbiss. Die Tote aus dem Germanistik-Seminar und ihre Zettelhinterlassenschaft waren weit weggerückt.
Max Kersting sollte höchst unsanft wieder an sie erinnert werden.
3 Wir sind in Tübingen!
Nach dem Abendimbiss hatte er sich die Tagesschau angesehen und musste in seinem Sessel einen Augenblick eingenickt sein, als er aus dem Erdgeschoss unter sich zwei Mal kurz hintereinander ein lautes Scheppern mit anschließendem Aufprall hörte. Er schreckte auf, sprang, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinunter, in die Küche, aus der die Geräusche gekommen waren. In beiden Fenstern ein großes Loch, auf der Arbeitsplatte und dem Boden die Scherben, dazwischen zwei große Steine, auf einem der beiden, mit Paketband festgeklebt, eine Spielzeugpistole. Draußen war es schon ziemlich dunkel, er hörte und sah niemanden. Die Straßenlaterne war immer noch defekt, obwohl er gestern deswegen bei der Stadtverwaltung angerufen hatte.
Das hier war kein Streich dummer Jungen, sondern eine gezielte Aktion, eine Warnung an seine Adresse, daran zweifelte er nicht. Ob prophylaktisch als Verlängerung des gestrigen Überfalls? Oder ob es mit seinem Besuch im Fitness-Studio zusammenhing? Das erschien ihm zwar wenig wahrscheinlich; wäre doch ein zu großer Zufall gewesen, wenn wirklich einer seiner gestrigen Gegner Mitglied dieses Clubs, außerdem just anwesend gewesen war und ihn erkannt hätte. Aber ganz ausschließen konnte er das natürlich nicht.
Diesmal allerdings wollte er die Polizei benachrichtigen. Die kleine Spielzeugpistole, ein symbolisches Ausrufezeichen gewissermaßen, beunruhigte ihn nun doch.
Die beiden Beamten brauchten fast eine ganze Stunde von der Tübinger Adenauerstraße hinaus nach Unterjesingen. Sie waren noch jung, schienen kaum dem Schulalter entwachsen. Ein lang aufgeschossener Kerl mit etwas sauertöpfischem Gesicht und ein alert wirkender, mehr als einen Kopf kleinerer Kollege, der forsch nach dem »Tatort« fragte. Beide waren offenbar zunächst entschlossen, die Angelegenheit nicht ganz so dramatisch zu nehmen, wie sie ihm selber erschien. Erst als er nun auch vom gestrigen Überfall berichtete, merkten sie auf.
»Warum haben Sie uns da nicht gleich gerufen?« fragte der kleinere und, wie Kersting glaubte, aufgewecktere von beiden.
»Gestern kam mir das wenig sinnvoll vor, Sie hierher zu bemühen. Ich hatte ein paar Schrammen, die beiden waren abgehauen, ich hätte nicht mal eine gute Personenbeschreibung geben können, an eine Wiederholung glaubte ich nicht.« (Zumal sie ja bekommen hatten, was sie wollten, dachte er, ohne das aber auszusprechen – hätte arg abenteuerlich und verschwörungsgläubig geklungen.)
»Haben Sie Feinde, denen Sie derartige Gewalttätigkeiten zutrauen?«
»Fällt mir niemand ein.«
Sie rätselten noch ein wenig an dem Motiv herum, die beiden machten ein paar Photos mit ihren Handys, sammelten Steine und Plastikpistole ein (»Werden sicher keine Fingerabdrücke drauf zu finden sein.«) und fuhren dann wieder ab, nachdem sie Kersting gebeten hatten, am nächsten Tag vorbeizukommen, um das Protokoll des Vorfalls und die offizielle Anzeige zu unterschreiben.
Kersting schloss die alten, aber noch festen Fensterläden im Erdgeschoss, fegte die Scherben zusammen und stieg wieder die Treppe hoch in sein Atelier, wo er sich instinktiv sicherer fühlte.
Eines war ihm klar geworden. Irgend etwas stimmte nicht mit den Umständen um den Roeder-Fall, und jemand versuchte, ihn sehr handfest vom weiteren Nachforschen abzuhalten. Was seinen Eigensinn freilich nur stimulierte: Jetzt gerade! Doch wie sollte er sich gegen weitere mögliche Attacken schützen?
Eine richtige Waffe? Besser nicht. Würde nur zur Eskalation beitragen. Außerdem: wie drankommen? Schießen hatte nicht zu seiner Ausbildung gehört.
Dann erinnerte er sich, dass er Christa, als sie beide noch zusammen waren und sie von einsamen Waldgängen nicht ablassen wollte, einen angeblich höchst wirksamen Pfefferspray gekauft hatte. Auch würde er sich eine von den neuen und sehr lichtstarken LED-Taschenlampen besorgen. Am besten eine von den schweren röhrenförmigen Exemplaren, die auch als Waffe dienen konnten? Und ganz sicher würde er je einen starken Scheinwerfer vorne über der Tür und hinter dem Haus anbringen lassen. Mit Bewegungsmelder.
Die konkreten Pläne erhöhten sein Sicherheitsempfinden, noch bevor sie in die Tat umgesetzt waren und beruhigten ihn nach der Aufregung des Abends. Aber wie sollte es jetzt weitergehen? Dass er nicht aufgab, verstand sich. Er wurde den Verdacht nicht los, dass die Ereignisse der beiden letzten Tage mit dem eigentlichen Roeder-Fall nur weitläufig zusammenhingen oder ihr Zusammenhang erst wichtig und ersichtlich wurde, wenn er mehr wusste.
Es ging also darum, mehr zu erfahren: Von den Studienbedingungen, die Verena Roeders Leben bestimmt hatten, von ihren Freunden und Freundinnen, ihren Dozenten – er musste mehr ins studentische »Milieu« hinein, durfte nicht so weit entfernt von außen agieren, da entgingen ihm die wichtigen konkreten Details. Er spürte, wie er sich wieder in den Fall zu verbeißen begann. Die Angriffe auf sich nahm er persönlich, das mochte falsch sein, doch offene Rechnungen hatte er nie gemocht. Auch gab es Ansatzmöglichkeiten genug, wenn er an seinen Besuch bei den Germanisten dachte.
Als erstes wollte er morgen den Namen der Studentin herausbekommen, die in dem Interview den Hinweis auf das Cusanus-Seminar gegeben hatte. Im Zeitungsartikel war sie nur mit dem Namenskürzel J. O. aufgetaucht, aber ihr Zeitungsbild hatte er zusammen mit dem ganzen Interview-Text im Photospeicher seines Smartphones.
Unterdessen war es spät geworden, beinah zweiundzwanzig Uhr, doch er war noch hellwach und zum Lesen zu aufgeregt. Er griff zum Handy und wählte die Nummer von Boris Karlsdorf, einem befreundeten Redakteur des Südwestrundfunks, der im Studio oben auf dem Tübinger Österberg arbeitete und ihn auch schon zwei Mal interviewt hatte. Als er sich meldete, hörte er im Hintergrund lautes Stimmengewirr, sicher aus Boris’ Stammkneipe.
»Ich bin noch zu nervös zum Schlafen und brauche einen Auslauf. Wo bist du gerade?«
»Im ›Bären‹.«
»Dacht’ ich mir. Ich setze mich ins Auto und komme für eine Stunde dazu.«
»Schön, ich warte. Ist wenig los hier, die Studenten fehlen.«
Als Kersting die Tür in den stickigen Gastraum aufstieß, sah er nur an zwei Tischen die volle Besetzung, aber in so lebhafte, laute Unterhaltung verstrickt, dass sie es zumindest akustisch mit der doppelten Anzahl hätten aufnehmen können. Boris saß am Tresen, nahm, als er ihn erblickte, sein halbgefülltes Glas und steuerte einen Tisch in der hinteren Ecke an. Er war etwas größer als Kersting, breitschultrig und beleibt, mit braungesprenkelten Augen und Dreitagebart im ovalen Gesicht, das sonst Gutmütigkeit und Witz ausstrahlte, jetzt aber misslaunig wirkte.
»Ich habe gerade die zweite Attacke hinter mir«, begann Kersting.
»Welcher Kritiker hat dich denn diesmal aufs Korn genommen? Nicht so ernst nehmen. Kritiker sind die skrupellosesten aller Menschen, und die bestechlichsten und faulsten aller Menschen: eine ganz und gar niederträchtige Sorte …«
»Ach, du weißt ja noch gar nicht – « Kersting hatte ihm tatsächlich bisher noch nicht von dem gestrigen Überfall vor seinem Haus berichtet und holte das jetzt nach.
»Du glaubst, das hängt alles mit dem Fall Roeder zusammen?«
»Eine andere Erklärung fällt mir nicht ein. Auch wenn es mir immer noch schwerfällt, unsere beschauliche Stadt als Schauplatz von Mord und Totschlag zu akzeptieren.«
»Beschaulich? War Tübingen wahrscheinlich nie. Dafür hat die Universität schon gesorgt. Die Professoren sind die verlogensten Kreaturen, verlogener und korrupter als die Politiker. Egozentrisch, niederträchtig und korrupt. Wenn ihnen Geld oder Ruhm winkt, sind sie zu jeder Schandtat bereit. In Deutschland waren sie immer zuerst Staatsdiener oder Parteidiener oder beides zusammen und dann lange nichts, irgendwann mal Wissenschaftler, aber ganz zum Schluss. Verdorbene Charaktere, die ohne Verdorbenheit gar nicht auf einen Lehrstuhl gekommen wären, und wenn sie ihn haben, dann wachsen sie dran fest, wie geklebt, und verderben alles, was sich ihrer Verdorbenheit widersetzt.«
»Boris, du klingst wie Thomas Bernhard, wenn er auf die Künstler schimpft. Was für eine Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?«
»Nicht eine Laus, sondern zwei Läuse, ich meine Professoren, die auf den Köpfen der Dichter sitzen und saugen und schaben bis sie das schönste Werk ruiniert haben. Sie ruinieren die Kunst, wo sie sie antreffen. Diesmal im Hölderlinturm. Ich sollte das moderieren. Aber moderiere du mal gespreizte Eitelkeit und hochtrabende Dummheit!«
Kersting lachte über den Furor des Freundes, dessen gerötete Wangen zeigten, dass auch einige Gläser Bier sein Temperament angestachelt hatten. Nach kurzem Zögern stimmte er aber in Kerstings Heiterkeit ein.
»Manchmal muss man übertreiben, um der Wirklichkeit wenigstens nahe zu kommen. Mich wundert in Unisachen gar nichts mehr. Ein Studentenvertreter hat mir aus der Sitzung berichtet, in der die Philosophische Fakultät zu der unsinnigen Bologna-Reform Stellung nehmen wollte. Du weißt: Umstellung auf Bachelor- und Master-Studiengänge. Der Ruin unserer Universitäten. Haben die nach so vielen Jahren nun auch gemerkt! Waren natürlich alle ›eigentlich‹ dagegen, aber öffentlich zu protestieren hat sich keiner getraut. Handlanger des Staates, dem sie ein Leben lang dienen und dabei so tun, als gehe er sie nichts an, aber sie lecken ihm die Pranken, wo es nur geht, und wenn es drauf ankommt, machen sie den täglichen Kotau noch ein bisschen tiefer.«
»Du bist vielleicht geladen heute!«
»Wir sind in Tübingen! Wenn du, wie ich, jeden zweiten Tag mit diesen Leuten zu tun hättest, würdest du auch nicht anders reden. Der Roeder-Fall bestätigt doch alles, was ich sage. Erst vergiften sie die Köpfe ihrer Studenten, dann bringen sie sie noch um, Existenzverhinderer allesamt und mit der Polizei im besten Ruhe-und-Ordnung-Einvernehmen. Oder hast du etwas anderes als ›weiß nicht, weiß nicht‹ gehört? Keiner will etwas wissen! Und wenn dann einer die Ruhe stört wie du, muss man ihn eben zur Ordnung rufen. Wenn nötig mit Gewalt.«
Jetzt kamen Kersting die Reden seines Freundes arg überhitzt und gallig vor, dem frustrierenden Tagesgeschäft eines Journalisten entsprungen, der sich endlich mal Luft machen konnte. Er sollte bald schon etwas anders darüber denken.
Der schöne Septembertag, der sich am nächsten Morgen anmeldete, würde sicher ideales Licht für seine Arbeit bringen. Als Kersting zum Fenster hinausblickte, sah er einen fast provenceblauen Himmel, über den einige weißgelockte Wolken strichen. ›Und der Himmel, so weit, so weit.‹ Doch ihm fehlte die Ruhe, die tote Verena ließ ihn nicht los. Er kannte den Kulturredakteur des ›Schwäbischen Tagblatts‹, der über seine Ausstellungen geschrieben und mit ihm vor einigen Wochen ein ›Interview im Atelier‹ gemacht hatte. Er musste einen plausiblen Grund finden, um an den Namen der Freundin, vielleicht sogar an ihre Adresse zu kommen; die neuen Datenschutzregeln erschwerten solche Recherche.
Er habe (könnte er sagen) von ihr einige Skizzen gemacht, einmal habe sie ihm sogar einen ganzen Nachmittag gesessen, die Porträtzeichnung, die daraus entstand, solle nun in eine Ausstellung in … (besser nicht zu nah), in … Bonn gehen, er brauche ihr Einverständnis, habe aber die Adresse verlegt … Ja, so müsste es gehen.
Er hatte Glück und erreichte Uwe Sprenger in der Redaktion.
»Aber wie kommen Sie denn auf die Idee, dass ich Ihnen da helfen könnte?«
»An jenem langen Nachmittag, als ich eine ganze Reihe von Skizzen von ihr machte, haben wir auch über den Tod ihrer Freundin Verena gesprochen; sie erwähnte, dass sie vom ›Tagblatt‹ interviewt worden war.«
»Ich erinnere mich. Wir haben in der Konferenz damals darüber debattiert, ob wir das Gespräch wirklich machen sollten. Ich war dafür nicht zuständig, der Kollege Kurz ist unser Uni-Mann. Ich frage ihn und rufe zurück.«
Ausgerechnet! Hermann Kurz kannte er flüchtig, er war ihm einige Male begegnet. Ein kleingewachsener Giftzwerg und unangenehmer Zeitgenosse, der seinen Ehrgeiz dareinsetzte, andere »zu packen«, wie er sich ausdrückte. Was nichts anderes hieß, als sie durch Fangfragen, scheinbare Freundlichkeit und geheucheltes Verständnis reinzulegen. Dass er mit der gewünschten Information herausrückte, bezweifelte Kersting. Zumal, wenn er vom Fragesteller erfuhr: die Antipathie war gegenseitig.
Das Telefon schepperte (es stand noch auf der leeren Obstschale, wohin er es gedankenlos abgelegt hatte). »Der Kollege ist unterwegs, aber unsere Sekretärin hat schnell in die Mails gesehen. Jana Olivier wohnt hier, in der Nauklerstraße, irgendeine Nummer offenbar in den 40ern, jedenfalls stand hinter der 4 ein Fragezeichen.«
Kersting bedankte sich. Auf Sprengers Frage nach der Ausstellung spielte er ihre Bedeutung herunter: eine kleine Galerie in Bonn, die Auswahl an Zeichnungen und Graphiken werde auch nicht sehr umfangreich ausfallen. Eröffnung sei erst Ende nächsten Jahres geplant.
Er sah auf die Uhr, es war noch früh am Tage. Vor zehn konnte er wohl kaum versuchen, diese Jana zu treffen – soviel wusste er noch von studentischer Zeiteinteilung. Noch dazu mitten in den Semesterferien. Aber im Haus hielt ihn auch nichts. Also vorher noch in einen Baumarkt, die Scheinwerfer kaufen. Eine gute Taschenlampe mit dreißig Zentimeter langem Schaft fand er auch. Mit den vier Batterien geladen, war das eine veritable Keule. Nach einigem Zögern legte er noch einen schweren Schraubenschlüssel in den Einkaufswagen.
Es dauerte dann noch einige Zeit, bis er das richtige Haus in der Nauklerstraße gegenüber einer Reinigung gefunden hatte. Er blickte die Fassade hoch, vier Stockwerke, darüber noch einige Mansarden. Wie es nach der Klingel-Reihenfolge aussah, wohnte Jana Olivier wohl in einer von ihnen. Die Haustür hatte einen Schnappverschluss, der nicht gesperrt war, so dass er die Tür nur aufzudrücken brauchte. Ein ziemlicher Aufstieg, denn tatsächlich entdeckte er das gesuchte Türschild mit ihrem Namen erst an einer Tür ganz oben. Eine Klingel fehlte, er klopfte.
Erst jetzt fiel ihm ein, dass er sich gar keinen Vorwand für seinen Besuch überlegt hatte, da war es auch schon zu spät. Die Tür öffnete sich, jedenfalls so weit, wie es die Sicherheitskette erlaubte. Der Halbdämmer des Flures reichte aus, um das Gesicht wiederzuerkennen, das er sich nach dem Zeitungsphoto eingeprägt hatte. Und doch war die Überraschung groß.
Das grob gerasterte Schwarz/Weiß des Photos auf der Zeitungsseite hatte zwar die Konturen, doch nichts von dem Leben wiedergegeben, das ihn da frisch und ausdrucksvoll, zugleich mit fragender Miene entgegenblickte. Der Maler, der in Kersting sofort erwachte, wusste nicht, was ihn auf Anhieb mehr ergriff, das kräftige, doch lichtvolle Blond der schulterlangen gelockten Haare, der intensive Blick aus blaugrauen Augen oder der sanfte, doch kräftige Schwung der Lippen.
»Wie mit Liebe gearbeitet …«, entfuhr es ihm.
»Waas meinen Sie?«
Gedehnt vor Erstaunen, wuchs die Frage auf doppelte Länge. Kersting, der sie immer noch unverwandt bewundernd ansah, begriff die Komik der Situation, sagte lachend:
»Natürlich Sie, ich meine Sie.« Wodurch sich ihre Verwirrung nicht minderte, so dass er die Gelegenheit beim Schopf ergriff.
»Ich möchte Sie malen!« Einen Augenblick fürchtete er, sie hielte ihn für verrückt und schlüge die Tür zu.
»So, Sie möchten mich malen. Das werden Sie nicht hier draußen tun wollen!«
Sprach’s, schob den Riegel zurück und öffnete die Tür ganz. Was nun wieder Kersting verblüffte. Jana Olivier, sie war es, ganz ohne Zweifel, und sie war es nicht, so leer erschien dagegen das graue Zeitungsphoto in seiner Erinnerung. Sie geht unbefangen vor ihm her, in Jeans und weißem T-Shirt, was beides ihre schmale Taille, den Hüftschwung und die langen kräftigen Oberschenkel aufregend in Szene setzt. Geradewegs führt sie ihn in ein großes Zimmer, das durch einen breiten hohen Schrank offenbar zweigeteilt ist. Die Rückseite zieren drei große Poster: das Plakat einer Cezanne-Ausstellung aus der Tübinger Kunsthalle mit einer Wiedergabe der »Großen Badenden«, ein Ausstellungsplakat von Horst Janssen mit einem Stilleben aus verfallenden Blumen. Das dritte, eine surrealistische Landschaft, deren Hügel, Wälder und Buschwerk sich zu menschlichen Gliedern auswachsen und das er auf Anhieb niemandem zuordnen kann. Eine Wand voller Bücher, zwischen den beiden Fenstern ein Schreibtisch vollgepackt mit Computer, Papierstapeln und Büchern. In jeder Ecke die typisch studentischen Accessoires: ein noch halbvoller Rucksack, aus dem eine leere Wasserflasche ragt, eine Laptop-Tasche, Postkarten mit Waechter-Cartoons, Photos.
»Glauben Sie nicht, dass ich Sie hereingelassen hätte, wenn ich nicht wüsste, wer Sie sind«, sagt sie und zeigt mit einer einladenden Armbewegung auf einen der drei mit Stoff bespannten Sessel, die aussehen wie Liegestühle für einen Garten. Als sie beide sitzen, fällt Kersting immer noch keine Erklärung für seinen Überfall ein. Das helle Licht des vorgeschrittenen Vormittags fällt auf die junge Frau. Er hätte einen Stift, er hätte Farben gebraucht, um auszudrücken, was er sieht und empfindet. Er ist sprachlos. Sie zum Glück nicht.
»Sie sind Max Kersting, haben der Universität eines Ihrer Bilder zum Freundschaftspreis überlassen, die ›Gelehrtenrepublik‹, die Sie aus lauter Ansichten der Alten Aula gebaut haben. Bei der Übergabe habe ich dann auch Sie gesehen … Warten Sie …«
Seine Gastgeberin durchforstet einen Stapel Papiere auf einem niedrigen Tisch neben sich, der zwei Holzkisten vereint. Sie zieht ein Photo hervor, zeigt ihm die Ablichtung seines Bildes.
»Ich habe mir einen Abzug machen lassen, für die Studentenzeitung, die digitalen »OnlineNotizen«, auch etwas dazu geschrieben. Es gefällt mir gut, Ihr Bild.« Und indem sie das Photo wieder auf den Tisch legt: »Immer noch!«
Kersting will es noch nicht gelingen, auf die Höhe des Augenblicks zu kommen. Also redet er drauflos.
»Was für einen unerwarteten Namen Sie haben, bei der erstaunlichen Farbe Ihres Haares, ob ich das jemals hinbekomme?«
»Sie wollen also wirklich …?«
»Ja, ja, schon lange.« Er sagt es, erschrickt und begreift im selben Moment, dass ihn seine Lüge aus der Morgenstunde jetzt eingeholt hat. Was er Sprenger am Telefon vorgeflunkert, ist in seinem Kopf Realität geworden, der Vorwand zur ausgemachten Sache. Janas bass erstaunter Gesichtsausdruck, das komische Geflecht der Geschichte, die in diesem Augenblick ihre Fortsetzung findet, machen ihn lachen.
»Ich muss Ihnen die ganze Geschichte erzählen.«
Das tat er denn auch, vom Festmahl im Museum angefangen. Nicht immer der Chronologie getreu, zunächst stockend, dann immer flüssiger.
»Und jetzt bin ich hier. Und ich will Sie wirklich malen.«
Sie sah ihn intensiv und lange an, schweigend, ihre Augen schienen ihm einen Ton weicher geworden.
»Sie kennen mich doch gar nicht. Das Zeitungsphoto …«
Sie macht eine verächtliche Handbewegung, schweigt eine Zeitlang. Kersting wartet, ohne die Stille im Zimmer zu unterbrechen. Instinktiv weiß er, dass er nur etwas verderben kann, wenn er jetzt weiterspricht. Auch genießt er den Augenblick. Durch das geöffnete Fenster dringt etwas Verkehrslärm, aus der Ferne Geräusche von einer Baustelle. Schräg fallen Sonnenstrahlen auf die dunklen Bohlen des Fußbodens, gerade neben die Sessel und den Tisch an dem sie sitzen und rahmen das Bild ein.
Bevor Kersting sich mit weiteren Details des Zimmers vertraut machen konnte, war Jana offenbar mit sich ins Reine gekommen.
»Wir machen’s einfach so, dass wir von dem ausgehen, was Sie ursprünglich wollten, nämlich mehr über Verena zu erfahren. Das will ich auch, ich weiß ja gar nicht viel. Und was mit ihr passiert ist, wie das geschehen konnte, warum sie so anders wurde in der letzten Zeit vor ihrem Tod, das habe ich mich oft gefragt. Was halten Sie von der Idee: wir verbünden uns und dann können wir uns das mit dem Porträt später überlegen.«
Jana klang entschieden und vernünftig, so dass Kersting zustimmte, auch wenn er am liebsten gleich zu zeichnen begonnen hätte.
»Übrigens«, fügte sie lächelnd hinzu, »meinen Namen, den Sie so unpassend finden, habe ich von meinem Vater, der aus Lyon stammt. Meine Mutter ist Schwedin. Beide leben schon sehr lange in München. Ich sehe sie nicht oft.«
»Die Entfernung …« Bevor er seine Plattitüde zu Ende brachte, hörte man ein kräftiges Klopfen an der Wohnungstür.
»Das wird Lena sein, die mich zum Reiten abholt.«
»Klar, ich bin in Ihr Tagesprogramm so einfach reingeplatzt.« Kersting entschuldigte sich etwas verlegen, während sie aufstand und in Richtung Tür laut »Ich komme« rief.
»Wann hätten Sie etwas Zeit für unser … Unternehmen?«
Sie verabredeten sich auf 16 Uhr im Café Ludwigs. Beim Hinausgehen grüßte Kersting die eintretende Lena flüchtig. Er nahm sie kaum wahr, eine junge Frau, doch etwas älter als Jana und von kräftiger Statur. Später sollte er sie als liebenswürdige, sehr praktisch veranlagte Person kennenlernen, die für Jana so etwas wie die ältere Schwester war.
Als Kersting auf der Straße stand, war er ratlos, wie er die Zeit bis zum Nachmittag nutzen sollte. Weiter am Problembild Neckarfront arbeiten? Unsinn, zwei, drei Stunden waren nichts vor der Staffelei. Am liebsten hätte er sich hingesetzt und das schöne Mädchen aus der Erinnerung wenigstens skizziert. Fast eine Stunde hatten sie zusammengesessen. Ihre etwas spröde Stimme klang noch in seinem Ohr nach, und er war ehrlich genug sich einzugestehen, dass nicht nur das Auge des Malers so entzückt von ihrem Anblick war, das Auge des Mannes mischte sich ununterscheidbar mit hinein. Eines Mannes auch, dem die Frau fehlte, der sich in Arbeit vergraben hatte und nur gelegentlich mit seinen Freunden mal frühstückte oder abends ein Glas Bier oder Rotwein mit ihnen trank.
Er war in Richtung Schimpfeck gegangen und stand jetzt vor dem großen Schreibwarengeschäft, in dem er gelegentlich seine Stifte und Zeichenblöcke kaufte. Warum nicht doch eine Skizze versuchen, jetzt, mit dem frischen Eindruck im Kopf. Hier konnte er sich schnell holen, was er brauchte: einen Skizzenblock, ein paar Kohlestifte. Vor dem Regal, auf das er gleich zusteuerte, standen zwei junge Männer, Studenten wohl, doch bekam er gleich unfreiwillig mit, dass sie als Hiwis, als wissenschaftliche Hilfskräfte, in einem medizinischen Projekt arbeiteten. Daher das Jackett zu den Jeans, schloss Kersting prompt; in den Fakultäten, die er näher kannte, ging es schlampiger zu. Einen Kinnbart hatte sich der eine immerhin geleistet, wohlgepflegt, versteht sich. Unter dem Jackett trug er ein schwarzes Hemd, das dunkelbraune Haar fiel ihm über die Stirn. Den zweiten beachtete er erst, als er ihn sprechen hörte. Mit etwas quäkender Stimme verkündete der gerade: »Das habe ich alles selbst nachgeprüft, sollte ja das Publikationsverzeichnis von Zimmer zusammenstellen. Die Hälfte drauf, die kannst du vergessen.«
Die Gestalt passte zur Stimme, höchstens einssiebzig groß, dünn und eifrig gestikulierend, ein Gesicht wie eine Lazaruskarikatur.
»So viel?«
»Na, vielleicht die knappe Hälfte. Waren auch nicht alle gänzlich gefakt. Einige echte Titel gab es, aber das waren zum Beispiel kurze Notizen, die in irgendeiner Zeitschrift über geplante Vorhaben berichteten, manchmal nicht mehr als zehn Zeilen! Aber das Tollste ist ein nichtssagender Geburtstagsartikel für die Sommer, habe ich mir extra besorgt, darin lobt er deren Grundlagenforschung über den grünen Klee. Obwohl jeder weiß, dass von der seit ihrer Habilitation vor zehn Jahren nichts, aber auch gar nichts Neues mehr gekommen ist.«
Kersting hörte interessiert zu, was der Kleinere von den beiden halb empört, halb wissend-zynisch aus den Hinterzimmern der Universität zu berichten hatte.
»Und der Geburtstagsartikel flog nicht gleich am Titel auf?«
»Ach wo, klang wie ein Forschungsthema. Und dass der die Lobhudelei nur geschrieben hat, weil die beiden miteinander pennen, weiß bei der DFG ja niemand. Hauptsache das Geld kommt.«
Kersting trat nun entschlossen auf das Regal mit den Stiften zu, die beiden hoffnungsvollen Jungwissenschaftler, die offenbar auf ihre spätere Karriere in ihrer jetzigen Anstellung gut vorbereitet wurden, verstummten und traten zur Seite. Das zufällig mitgehörte Gespräch erinnerte Kersting an den Wutausbruch Karlsdorfs vom gestrigen Abend.
Er war nach seinem Einkauf ein paar Schritte in den alten Botanischen Garten gegangen und hatte sich auf eine der wegen der Semesterferien leeren Bänke gesetzt. Dass Wissenschaft und Moral allenfalls flüchtig zusammentrafen, wenn sich das für die Beteiligten als nützlich erwies, war ihm nichts Neues. Die Skandale um gefälschte Promotionen und Habilitationen, um veruntreute Forschungsgelder und Titelhandel bewegten immer mal wieder die Feuilletons oder die Blogs im Netz.
Er versuchte sich an der ersten Skizze von Janas Porträt, war unzufrieden, wechselte die Perspektive auf ihre Gestalt im Sessel, auch das befriedigte ihn wenig, er gab auf.
Einige Spaziergänger flanierten an ihm vorbei. Gesprächsfetzen bekam er mit, auch englische und französische Brocken. Ein paar Studenten hatten es brandeilig, aus Gewohnheit oder weil sie in die Mensa zum Essen wollten. Der Gedanke hatte Wirkung, er verspürte nun selber Hunger, stand auf, um beim Italiener nahe der Stiftskirche seine Lieblingspasta, Spaghetti mit frischen, nur kurz erhitzten Tomaten, zu bestellen. Auch würde darüber die Zeit bis zu der Verabredung mit Jana schneller vorüber gehen.
Man begrüßte ihn wie einen Stammgast, der er gar nicht war, hin und wieder nur aß er mal eine Kleinigkeit hier. »Dottore, ganz frische Meeresfrüchte heute. Oder venezianisches Lamm …« Kersting winkte ab. Auch auf Wein verzichtete er lieber, der Nachmittag konnte anstrengend werden.
Das Lokal war gut besucht, wenige Plätze frei, trotz der Semesterferien. An einigen Tischen saßen offenbar Eltern mit ihren Söhnen oder Töchtern, auch deren Freunde schienen hier und da mitgekommen zu sein, was die Stimmung etwas förmlicher machte. Immerhin ging es an zwei Tischen hoch her. Gleich neben sich hörte er, wie ein Wuschelkopf, den er im ersten Augenblick einer Studentin zugeschrieben hatte, beredt seinen Entschluss verteidigte, eine Klausur, die jetzt schon fällig gewesen wäre, erst im nächsten Semester nachzuschreiben. An einem anderen Nebentisch diskutierte man die Entscheidung eines Dekanats, die Abschlussklausuren für alle ein zweites Mal schreiben zu lassen. Beim ersten Versuch hatte die Hälfte der Kandidaten den Raum verlassen, kaum dass die Aufgaben verteilt waren. Eigentlich galt das als durchgefallen. Alle waren in kurzen Abständen bei einem der hiesigen und einschlägig in Studentenkreisen bekannten Ärzte aufgetaucht, hatten über unerträgliche Migräne, Brechdurchfall, Panikattacken geklagt und waren mit einem Attest befriedigt abgezogen. Obwohl dieser medizinische Retter in höchster Not seine Hilfsbereitschaft schon häufiger unter Beweis gestellt hatte, sorgte die schiere Anzahl der Atteste diesmal für Ärger.
»Die Uni will jetzt sogar die alten Atteste von Dr. Jäger überprüfen«, beklagte sich ein hochgeschossener magerer Jüngling.
»Bist du denn auch mal bei dem gewesen?« erkundigte sich die Mutter. »Ich glaub ein Mal. Ist aber schon lange her«, beruhigte sie der Sprössling. »Dass man jetzt aber alle noch mal schreiben lässt, ist doch das Eingeständnis, dass die Aufgaben zu schwer waren.« Das war sicher die Stimme des Vaters, der hinzusetzte: »Ungerecht bleibt es aber für die, die sich gestellt haben.«
»Die bessere Note zählt, wenn man ein zweites Mal teilnimmt«, wurde er belehrt.
Solche Momentaufnahmen interessierten Kersting, weil sich der Studienbetrieb seit seiner Zeit doch stark verändert hatte. Man sammelte jetzt sogenannte Credit-Points statt der Scheine, wie er sie noch in seinem Studienbuch abgeheftet hatte, stolz über die Unterschriften seiner renommierten Lehrer. Statt der Referate gab es jetzt Power-Point-Präsentationen, mit animierten Graphiken und Illustrationen, die manchmal passten, aber meist nicht. Die Substanz dünn, das Design dafür glänzend, Argumente ersparte man sich. Oftmals wiederholte der Vortrag bloß den an die Wand projizierten Text, und zwar Wort für Wort. Sogar die Schlussformel mit dem obligatorischen »Danke für die Aufmerksamkeit« leuchtete von der Projektionswand und wurde getreulich ebenfalls nachgebetet. Selbst in öffentlichen Vorträgen fand sich die Leerformel. Als Kersting einmal den Redner fragte, wieso er schon beim Formulieren und Einrichten seines Vortrages wissen konnte, »ob wir später wirklich aufmerksam folgten«, erntete er bloß Unverständnis. Die Leerformel war das Signum der Zeit, und sie beherrschte Podium und Katheder ebenso wie die Rednertribünen der Politik.
Er hatte sich auch beim Espresso Zeit gelassen, konnte nun langsam die Wilhelmstraße Richtung Bahnhof hinunter gehen und im Café »Ludwigs« auf Jana Olivier warten.
Ihren Anblick, als sie auf den Tisch zukam, an dem er saß, würde er nicht vergessen. Es war ihm wie nach einem neuen Filmschnitt, plötzlich klärte der Raum sich auf und wich mit Gästen und Personal zugleich in den Hintergrund, um ihr Platz zu machen. Alles an ihr war hell und strahlte aus, dabei trug sie dunkle Jeans wie am Vormittag; weißes Tshirt und blaue Weste waren darauf abgestimmt, der Eindruck von Licht und Leichtigkeit nahm mit jedem Schritt zu. Kersting war wie geblendet und sah doch alles an ihr überscharf, die sanften Augenbrauen, die klare Stirn und, als sie näher kam, den schmalen braunen Ring um die blaugraue Iris ihrer großen Augen. Sie ging mit entschlossenem Schritt, sobald sie ihn entdeckt hatte, machte aber einen gelassenen Eindruck und als sie ihn anlächelte, war nichts Künstliches oder Konventionelles darin.
Sie musste seinen Augen, seiner Miene angesehen haben, wie hingerissen er war, denn ihr freundliches Lächeln vertiefte sich.
»Wunder … Wunderbar! Ich meine … dass Sie Zeit für mich haben«, fasste er sich gerade noch rechtzeitig im Aufstehen, rückte ihr den Stuhl zurecht und kam sich im selben Moment furchtbar altmodisch und steif vor.
»Wie war der Ausritt?«
»Es gab keinen Ausritt. Wir blieben in der Halle, wie leider meist, trotz des immer noch so schönen und warmen Wetters.«
Verlegenes Schweigen, das durch die Kellnerin zum Glück unterbrochen wurde. Das Gespräch kam allmählich in Gang. Landete schnell bei Verena Roeder. Dass die zwei befreundet gewesen waren, wusste Kersting bereits.
»Aber nicht sehr eng«, erfuhr er nun. Ja, sie habe sich seit einem Jahr vor ihrem Tode sogar noch weiter von allen anderen entfernt.
»Gab es einen persönlichen Anlass, ein Zerwürfnis vielleicht?«
»Mir ist nichts davon bewusst, höchstens der Zeitpunkt ihrer Veränderung könnte ein Hinweis sein. Sie war gerade aus ihren Ferien in der Provence zurück. Verena war mit einer Freundin gefahren, die tödlich verunglückte – beim Photographieren. In Bonnieux. Frau Decker war auf eine hohe Mauer gestiegen, hinter ihr ging’s 20 Meter in die Tiefe. Sie wollte dort oben photographiert werden, machte einen Fehltritt zurück und stürzte ab.«
»Solche Erlebnisse können Menschen verändern!«
»Ich weiß schon. Aber die Veränderung war irgendwie merkwürdig. Extreme Stimmungsschwankungen. Mal hochgestimmt und für jeden Scherz dankbar, dann wieder deprimiert. Reden wollte sie gar nicht über das schlimme Ereignis. Mit einer Ausnahme. Sie hatte immer wieder denselben Traum. Ein Krankenwagen, der nur im Schritttempo fahren konnte und immer zu spät kam, um noch helfen zu können. Sie war anscheinend recht ruppig von der Polizei verhört worden. Auch dem Ehemann hier in Tübingen gegenüberzutreten, war sicher nicht leicht. Dass sie das belastete, reimte ich mir aus einigen Bemerkungen zusammen. Sie verschloss sich.«
»Wer ist der Ehemann? Ich kenne einen Dr. Decker aus den Verhandlungen mit der Universität über den Ankauf meines Bildes: der Unikanzler heißt so …«
»Ja, das war seine Frau. Sie und Verena waren Freundinnen.«
»Trotz des sicher großen Altersunterschieds?«
»Ja, sicher zehn Jahre oder sogar mehr. Ihre Eltern kannten wohl die Deckers. Waren, glaube ich, entfernt verwandt.«
»Was ihr die Last nicht leichter gemacht haben wird. Von einem Freund wissen Sie nichts? Ich meine, der ihr vielleicht hätte beistehen können?«
»Sie hatte wohl zuletzt keinen. Aber unser Verhältnis war auch nicht mehr so, dass sie mir gleich erzählt hätte, wenn da ein neuer Mann aufgetaucht wäre.«
Gab es noch mehr zu fragen? Kersting hatte gehofft, dass Verena die Freundin ins Vertrauen gezogen hatte. Auch war sein Interesse für Verena abgekühlt, seit er auf Jana gestoßen war. Viel lieber hätte er ihr andere Fragen gestellt: welche Filme sie am liebsten sah, ob sie gerne las, was ihr wichtig war im Studium und wie weit fortgeschritten sie darin war, – und vor allem: ob es einen Freund gab. Er hatte das schöne Mädchen angesehen, so oft ihm das, ohne aufdringlich zu wirken, möglich war, und nur selten einmal den Blick schweifen lassen. Jetzt schaute er auf, als der Kaffee gebracht wurde und nahm erstmals seit dem Beginn ihrer Unterhaltung die Umgebung wieder wahr.
An den Tischen saßen meist Studenten. Redeten über ihre Professoren, sicher auch über Prüfungstermine oder was sie mal vorhatten im wirklichen Leben, jenseits der Schonfrist, die ihnen noch gestundet war. Nur wenige Schritte entfernt saß ein Pärchen, die beiden redeten leise aufeinander ein. Sie, eine Brünette mit kurzen Haaren, schirmte ihren Mund sogar mit der Hand ab, beugte sich weit zu ihrem Partner hinüber, einem lang aufgeschossenen jungen Mann, der sich schlecht hielt. Am Tisch unmittelbar neben ihnen zwei Männer um Ende fünfzig, doch leger in Jeans und Weste gekleidet, die sich lebhaft über ein geplantes Symposium unterhielten: »Aber Peter, das schaffen wir nicht«, zweifelte zögernd der eine.
»Aber sicher, da mach dir keine Sorgen, das krieg ich hin«, war die Antwort des anderen. »Du weißt doch, meine Beziehungen zum Universitätsbund …«
Sonst hätten Kersting solche Momente interessiert, er hätte sie in sein imaginäres Bildtagebuch aufgenommen, vielleicht schnell eine Karikatur auf einem Blatt Papier umrissen. Jetzt war seine Aufmerksamkeit sofort wieder bei Jana.
»Können Sie sich noch daran erinnern, ob Verena von ihrer Schule gesprochen hat?«
»Selten, und wenn, dann von einer Englischlehrerin, der sie viel zu verdanken hatte.«
»Von Schulfreundinnen?«
»Nicht viel. Mit den meisten hatte sie den Kontakt verloren.«
»Fielen irgendwelche Namen?«
»Das kann schon sein, aber behalten habe ich keine.«
»Neigte Verena denn insgesamt zur Heimlichtuerei? Dieser merkwürdige Zettel aus ihren Seminar-Papieren: irgend etwas muss er zu bedeuten haben.«
»Ganz bestimmt. Sie hatte ein Faible für geheimnisvolle Dinge, seit sie als Kind einmal von einem Blitz gestreift wurde.«
»Gestreift? Und hat dann doch überlebt?«
»Sie hat es so genannt. Auf einem Sportplatz, bei einem Gewitter, das sie überrascht hatte. Sie war nicht schnell genug in den Umkleideräumen verschwunden wie ihre Mitschüler, ihr war die Sportuhr vom Arm gerutscht, beim Suchen passierte es. Ein Blitz schlug neben ihr in eine Abzäunung und eine gleißend-helle und heiße Wand blendete sie. Bevor sie das Bewusstsein verlor, sah sie, wie darin sich ein Tor auftat und eine Hand sie heranwinkte. Sie erwachte im Krankenhaus, konnte zuerst weder sehen noch hören, das ging aber nach einiger Zeit vorüber.«
»Eine erstaunliche Geschichte.«
»Ja. Es gab auch noch eine Vorgeschichte. Sie habe einige Tage vor diesem Erlebnis einen Traum gehabt, erzählte sie, in dem auch eine solche weiße Wand mit einem Tor eine Rolle spielte. Sie habe hindurch gehen wollen, aber da habe sich das Tor plötzlich verschlossen.«
Kersting, als Maler für solche Geschichten empfänglich, war der Traum aber doch etwas zu viel, eine Drehung, die das Rätsel noch etwas unheimlicher machen sollte, es dadurch aber in Zweifel zog. Ein Fehler, in den Kinder und Politiker gerne verfallen.
Jana stimmte zu. Ihre großen, leicht schräg geschnittenen Augen mit Wimpern, etwas dunkler als ihre Haare, blickten ihn jetzt ernst an.
»Müssen wir weiter über Verena reden? Mir kommt es vor, als würden wir das Tuch von ihrem toten Körper wegziehen. Wie man das immer in den Krimifilmen sieht, wenn ein Mordopfer identifiziert werden muss. So hatte ich mir unser Gespräch nicht vorgestellt. Lassen wir sie ruhen. Die Polizei hat nichts gefunden, jetzt wird alles wieder aufgerührt.«
»Wir können über das Porträt reden, ich habe es ernst gemeint: ich möchte Sie malen.«
»Erzählen Sie erst einmal etwas von sich. Ich weiß ja viel zu wenig von Ihnen, bin wissbegierig wie Elsa von Brabant …«
Sie lachte ihn an, wurde aber plötzlich wieder ernst, dann ein wenig rot, als ihr bewusst wurde, dass die Anspielung mehrere Zweideutigkeiten eröffnete. Kersting rettete sie, indem er einfach zu erzählen begann.
Von der Schulzeit in Krefeld und wie er für Beuys geschwärmt, sogar an seinen Aktionen teilgenommen hatte (»Wo es nur ging, haben wir Bäume gepflanzt, wie er selber, damals bei der Dokumenta in Kassel. Manchmal mit seiner Förderung, manchmal in seinem Geiste.«) Wie er begonnen hatte, diese Aktionen zu zeichnen. Dann sein Studium an der Kunstakademie und bei dem Bense-Nachfolger, dem Philosophen Hubig in Stuttgart. Wie er dann nach Tübingen gekommen war, seine philosophischen Studien fortgesetzt und entdeckt habe, dass die Philosophie voller Bilder stecke, dass es eigentlich nichts in ihr gebe, was nicht auch eine Bildbotschaft enthielte. »Hegels Maulwurf sous la terre war mein erster Versuch, noch sehr nah an der Vorstellung. Und die List der Vernunft, die male ich auch noch. Überhaupt Hegel! Am liebsten würde ich die Phänomenologie des Geistes in meine Bilder übersetzen.«
Kersting hatte sich in Begeisterung geredet und jetzt wich Jana kaum einmal mit dem Blick von seinen enthusiastisch glänzenden Augen. Der Kriminalfall schien weit weg und sollte ihnen doch schon am nächsten Tag sehr nahe rücken.
4 Hinter den Kulissen
»Es wird brenzlig, wir dürfen jetzt nicht die Ruhe verlieren.«
Der Sprecher hatte sich näher zu seinem Gesprächspartner gewandt und die Stimme gesenkt, obwohl bis zum nächsten besetzten Tisch im Lokal eine große Lücke war, sie beide außerdem in einer Nische saßen. Auf den ersten Blick zwei Geschäftsfreunde im dunkelblauen Anzug, trotz des warmen Septembertages. Sie mochten um die fünfzig sein, gepflegte Erscheinungen. Der die Warnung mit leiser Stimme ausgesprochen hatte, verriet durch fahrige Handbewegungen die Erregung, die ihn untergründig beherrschte. Er hatte rötlich blondes strähniges Haar, eine ungesunde weiße Hautfarbe und rot geränderte helle Augen und sah aus wie ein Archivar, der selten ans Tageslicht kommt.
Der andere, etwas korpulenter als sein Gegenüber, dunkelhaarig und mit einem eckigen Kinn, versuchte, beruhigend zu lachen, kniff dabei aber die braunen Augen zusammen, so dass man auch ihm eine gewisse Unruhe anmerkte, als er antwortete.
»Es ist alles auf sicheren Konten in Luxemburg, jeweils keine großen Beträge, mach dir bloß keine unnötigen Sorgen.«
»Sicher ist heute gar nichts, mein Lieber, das weißt du genau. Nicht mal mehr in der Schweiz. Aber darum mache ich mir die geringsten Sorgen. Viel zu viele Leute sind ganz oder teilweise informiert und denken sich ihr Teil. Viel zu viele!«
In seiner Stimme schwang ein panischer Unterton. »Deine Assistenten, meine auch, unsere Sekretärinnen, sogar die wissenschaftlichen Hilfskräfte haben wir schließlich eingesetzt – du ja auch. Und ohne Dr. Decker hätten wir die Aufträge gar nicht bekommen. Oder glaubst du etwa, dass ›Wiemann und Krepp‹ von sich aus auf uns gekommen wären? Auch die haben in ihren Forschungsabteilungen einige Mitwisser an unserem Unternehmen sitzen!«
»Das schadet gar nichts. Die wissen bloß von einer wissenschaftlichen Kooperation. Da schöpft niemand Verdacht. Geld gezahlt, Ergebnisse bekommen, basta!«
»Naja, schon. Ich bin auch mehr beunruhigt über unsere engeren Mitarbeiter. Werner Fink hat mich neulich abgepasst und um ein Gespräch gebeten. War sehr merkwürdig. Berichtete von finanzieller Klemme und ob er nicht so beschäftigt werden könne, dass für ihn zusätzlich zum mageren Gehalt etwas dabei rausschaut. ›Woran haben Sie denn gedacht?‹, fragte ich. ›Gutachten zum Beispiel‹, erwiderte er oder ›Beteiligung an einem Drittmittelprojekt, dann aber nicht als Universitätsangestellter.‹ Geht nicht, habe ich ihm auseinandergesetzt. Was aus Drittmitteln erwirtschaftet wird, geht an die Universität. Hat gelacht wie einer, der’s besser weiß und ist aufgestanden. ›Denken Sie an mich, wenn doch eine Möglichkeit auftaucht!‹ Sagte es und war verschwunden.«
»Das heißt noch gar nichts. Darin kann ich keine fiese Anspielung sehen. Und unter uns: das Gehalt unserer Mitarbeiter ist schäbig. Der Staat fördert doch geradezu die Selbsthilfe. Nimm auch unsere Verhältnisse! Was wird in der Wirtschaft gezahlt und was bekommen wir monatlich aufs Konto? Und wenn man den Universitäten nicht genug Forschungsmittel gibt, müssen wir uns eben anderswo umsehen.«
Das bestellte Essen kam und unterbrach das Gespräch. Man unterhielt sich über Restaurants in und um Frankfurt und darüber, dass hier in der etwas abgelegenen »Gerbermühle« mit ihrer guten Küche und diskreten Bewirtung sozusagen ideales Geschäftsklima herrsche.
Als sie ihre Rechnungen bezahlt hatten und dem Ausgang zustrebten, erhob sich an einem der hintersten Tische des langgestreckten Raumes eine Frau, wohl Mitte dreißig, hoch und schlank gewachsen, mit langen brünetten Haaren. Eine gepflegte Erscheinung im modisch geschnittenen Hosenanzug. Sie hatte Kopfhörer getragen, nahm sie ab und verstaute sie in ihrer großen Handtasche. Sie verließ mit zügigem, aber nicht eiligem Schritt den Speisesaal, trat hinaus. Das Tuckern zweier Schlepper klang vom Main herauf.
Vor der Tür des Restaurants zog sie ihr Smartphone aus der Tasche, photographierte die aushängende Speisekarte, wandte sich aber rechtzeitig zum Parkplatz um, auf dem die beiden Professoren gerade auf einen größeren BMW zusteuerten. Ein ganzes Stakkato von Klicken verriet, dass sie die beiden beim Einsteigen in einer Serie von Photos festhielt. Als der BMW rückwärts setzte, kehrte sie sich nochmals der Speisekarte zu, als wolle sie sich eine Einzelheit besonders einprägen, ging dann auf einen weißen VW-Beetle Cabrio zu, stieg ohne große Eile ein, wendete und verließ den Parkplatz im Schritttempo. 45 Minuten später konnte man das Auto auf dem weitläufigen Parkgelände des FAZ-Verlagsgebäudes einparken sehen. Die Fahrerin war noch nicht ausgestiegen, da rangierte ein blauer Passat in die Lücke neben ihr. Sie waren Kollegen, das verrieten schon die F - AZ-Zulassungsschilder an ihren Autos, und begrüßten sich freundlich.
»Hallo, Sigrid. Immer noch am selben Fall dran?« fragte der Neuankömmling, ein untersetzter, gerade noch nicht korpulenter junger Mann, den man sich eher in einer Kantinenküche als in einer Zeitungsredaktion vorgestellt hätte.
»Und wie! Ein aufschlussreiches Mittagessen, von dem ich gerade komme. Schade, dass meine Aufzeichnung noch nicht gerichtsverwertbar ist.«
»Bist du so nahe herangekommen?«
»Ist heute ja gar nicht mehr nötig. Ich saß bestimmt 15 Meter entfernt, beste Aufnahmequalität.«
»Und was jetzt?«
»Muss ich mit dem Chef besprechen. Wahrscheinlich werde ich die Informationen als Vermutung präsentieren, nach komplizierter Recherche und so … In der Art eben. Oder zunächst auf Halde legen, weiter machen und später mit einbauen, wenn ich auf verwertbare Informationen gestoßen bin, zum Beispiel von einem Informanten, der ausgestiegen oder unzufrieden oder einfach ein ›glücklicher Verräter‹ ist, wie wir die Typen nennen. Darauf wird es wahrscheinlich hinauslaufen.«
»Ob sich das Dranbleiben lohnt?«
»Hundertprozentig! Das ist ein ganzes Netz, da sind nicht bloß hiesige Institute beteiligt. Mindestens noch die Uni Tübingen.«
»Dann viel Glück!«
Die beiden Journalisten trennten sich und steuerten das Verlagsgebäude nach verschiedenen Richtungen an.
Ihren Arbeitsplatz erreichte Sigrid Stern nach einigen Begrüßungen in Flur und Fahrstuhl. Sie fuhr den PC hoch, doch bevor sie ihre Beute sichern konnte, entdeckte sie die kleine Nachricht.
»Der Schönheit Fürstenmajestät / wenn Deine hochaufragenden Beine / über mir / den Geist betäuben und die Sinne rasend machen.«
Sie lächelte. Hans Seliger war ein verhinderter Poet, seine Preisungen ihres Körpers füllten zuhause eine ganze Schachtel, denn sie kamen zwar per Mail, doch schrieb sie sie gleich ab und löschte sie sofort. »Sozusagen aus Sicherheitsgründen«, hatte sie ihm nach seiner ersten Botschaft gesagt, die noch viel indiskreter war als die heutige, eine Reminiszenz an ihre erste Nacht. »Redaktionen leben schließlich davon, Geheimnisse zu lüften, gerade die verschlüsselten.«
Er war ihr erster Informant in der Sache, die sie gerade verfolgte, gewesen. Er hatte in der Mensa Bruchstücke eines merkwürdigen Gesprächs mitbekommen. Zwei wissenschaftliche Mitarbeiter eines benachbarten Instituts, die er vom Sehen kannte, hatten sich beschwert, dass sie trotz ungewöhnlicher Überstunden »vom Gewinn nichts sähen«, obwohl es in ihrer Hand läge, »das Ganze hochgehen zu lassen«. Seliger hatte ihr vor Monaten davon erzählt. Später war ein Kollege auf ihn zugekommen und hatte von undurchsichtigen Geschäften in einem benachbarten Institut berichtet und da hatte sie Lunte gerochen.
Sie lächelte in sich hinein. Ein wirklich gutes Team, sie beide, im Bett und auf der Jagd!
Auf den gemeinsamen Abend freute sie sich schon jetzt.
Am Morgen wachte Kersting von einem eintönig sich wiederholenden Klopfen auf, das er zunächst noch in seinen Traum hatte einbauen können (natürlich war es da Jana, die an seine Schlafzimmertür klopfte und verführerisch strahlend eintrat); dann aber verscheuchte die beharrliche Fortdauer des Geräuschs die anregenden Traumbilder.
Wer wollte so früh etwas von ihm: halb acht zeigte die Uhr auf dem Büchertischchen neben dem Bett? Und warum benutzte der unbekannte Besucher nicht die Haustürklingel? Wobei ihm im selben Augenblick einfiel, dass der kleine weiße Knopf, den man schließlich drücken musste, vor ein paar Tagen herausgefallen war und er nicht mehr ans Reparieren gedacht hatte.
Er setzte sich schnell auf, sprang, noch mit seinem Traumbild im Kopf, aus dem Bett und lief die Treppe hinunter. Eben wollte er die Haustür öffnen, da kam ihm noch rechtzeitig der Gedanke, dass die Ereignisse der letzten Tage zur Vorsicht rieten.
»Ja, bitte, wer ist da?«
Eine Frauenstimme: »Ich … also Sophie Jansen, wir haben uns …«
Kersting ließ sie gar nicht aussprechen und öffnete. Vor ihm stand mit etwas verlegenem Gesichtsausdruck die Linguistin, die ihm von Verena Roeders Interesse an sprachmystischen Spekulationen erzählt hatte.
»Oh, ich sehe … entschuldigen Sie, es ist noch sehr früh, aber seit wir über Verena gesprochen haben, komme ich innerlich nicht zur Ruhe. Ich habe die ganze Nacht über die letzte Begegnung mit ihr nachgedacht …«
»Kommen Sie nur ruhig herein, wenn Sie mein Aufzug nicht stört. Ich mache uns schnell einen Kaffee.«
Kersting führte seine Besucherin in die Wohnküche und verschwand, um Jeans und Pullover überzustreifen.
Während er am Herd hantierte, entschuldigte sich Sophie Jansen nochmals für die frühe Störung. Er beruhigte sie mit ein paar Worten.
Als sie einander gegenübersaßen, die großen Henkeltassen vor sich, ein paar Kekse hatte er auch noch gefunden, sah er sie fragend an.
»Dass Verena in meinem Seminar war, wissen Sie. Ich mochte sie, sie war eine Stütze in den meisten Diskussionen, immer gutvorbereitet, belesen weit über die Pflichtlektüre hinaus. Wenn wir uns außerhalb des Seminars trafen, also … natürlich in meiner Sprechstunde, haben wir manchmal weiter diskutiert, so engagiert war sie. Wenn sie auf irgendein neues Problem gestoßen war, wollte sie meine Meinung darüber wissen.«
Während Sophie Jansen erzählte, rutschte ihr Blick immer wieder nach oben an die Decke, was Kersting schon bei ihrer früheren Begegnung irritiert hatte, weil er ihm unwillkürlich folgte: als sei dort tatsächlich etwas zu sehen.
»Ich habe auch von allen gehört, dass sie eine außergewöhnlich fleißige, wissenschaftlich interessierte Studentin war«, warf er ein. »Das hat aber kaum etwas mit ihrem Tod zu tun?«
»Nein. Sicher nicht und auch nicht damit, dass ich Sie so früh am Morgen störe«, ergänzte sie mit etwas künstlichem Lächeln. »Was mir keine Ruhe lässt, war einer ihrer Besuche vor fast einem Jahr in meiner Sprechstunde. Sie war gerade aus der Provence zurück, wo ihre Freundin tödlich verunglückt war. Ich war eine der ersten, die sie hier aufsuchte, um davon ausführlich zu erzählen, noch vor ihren Eltern in Bremen.«
»Was hat sie beunruhigt?«
»Sie machte einen ganz widersprüchlichen Eindruck, versprach sich oft. Fast so als fühle sie sich, wie soll ich sagen, verantwortlich für den Unfall.«
»Verwunderlich ist das nicht.«
»Ja sicher. Aber der Bericht war so seltsam, oder vielmehr die Art, wie sie redete. Ihre Freundin, das wissen Sie, war von einer hohen Mauer abgestürzt, als sie ein Photo von ihr machen wollte, jede Hilfe kam zu spät. Beunruhigt haben mich bei ihrer Erzählung vor allem zwei Dinge: die detaillierte Genauigkeit, mit der sie den Hergang schilderte …«
»Nun, das war wohl Folge der Verhöre durch die französische Polizei, da wurde sie sicher wieder und wieder nach dem genauen Hergang gefragt.«
»Sollte man da nicht meinen, sie meidet es, sich nun Schritt für Schritt hier wieder das ganze Geschehen vor Augen zu führen? Mir kam es vor, als wollte sie sich rechtfertigen. Vielleicht, dass sie nicht rechtzeitig die Gefahr sah, dass die Idee für diesen Standort auf der alten Stadtmauer von ihr kam – sie behauptete zwar das Gegenteil – ich weiß es nicht.«
»Nun, diffuses Schuldbewusstsein ist in solchem Fall nicht ungewöhnlich.«
»Sie fühlte sich aber gar nicht schuldig. Das war das zweite, was mich befremdete. Sie berichtete ganz sachlich, unbeteiligt, wie man ein Ereignis schildert, das interessant ist, aber nicht persönlich berührt, wenn Sie verstehen, was ich meine.«
»Könnten verdrängte Motive dafür verantwortlich sein? Wie war das Verhältnis der beiden Frauen?«
»Sie waren weitläufig verwandt, glaube ich.«
»Mochten sie sich?«
»Sonst wären sie wohl kaum miteinander in den Urlaub gefahren.«
»Sie sprachen von zwei befremdlichen Eindrücken.«
»Ja, da war noch etwas … Kaum fertig mit ihrem Unfallbericht, kam sie auf ihre sprachlichen Beobachtungen, auf die Unterschiede des Okzitanischen (das sind die in der Provence gesprochenen Sprachen), in Marseille und Nizza. Wo sie mit alteingesessenen Leuten hatte sprechen können. Da änderte sich der Ton ihrer Stimme, da war sie plötzlich ganz dabei.«
»Scheint mir auch psychologisch plausibel.«
»Mag ja sein. Aber alles zusammen genommen … Nicht bloß besorgt, fast verstört wirkte sie, als sie von einem fünfjährigen Jungen berichtete, der das Unglück mitangesehen haben müsste (er habe an einem Fenster gestanden), aber sich an nichts erinnern wollte. Komisch fand ich auch, dass sie es geradezu auffällig vermied, von dem Ehemann zu sprechen, geschweige mit ihm. Als ich sie darauf ansprach, wich sie aus, sie habe ihn brieflich gebeten, ihr eine Frist einzuräumen, sie könne ihm jetzt nicht gegenübertreten.«
»Liebe Frau Jansen, das ist doch verständlich, beides verständlich!«
»Schon. Der eigentliche Stein des Anstoßes kam zum Schluss. Um ihr Mut zu machen, doch mit dem Ehemann zu sprechen, sagte ich darauf so etwas wie: Decker, obwohl ausgefuchster Jurist, sei in der Uni als rücksichtsvoll und entgegenkommend bekannt. Und dann kam es: ›Ein wunderbarer Mann‹, entfuhr es ihr, und das mit einer – es ist nicht zu viel gesagt – Inbrunst, die mich erschreckte.«
Der Besuch von Sophie Jansen ließ Kersting etwas ratlos zurück. Warum sie ihn so frühmorgens heimgesucht hatte, war ihm auch nach ihrer Erzählung nicht plausibel geworden. Alles, was sie ihm von dem Gespräch mit ihrer Studentin mitgeteilt hatte, erschien ihm wenig verwunderlich. Vielleicht mit Ausnahme des offenbar so gefühlvollen Schlussakkords »Ein wunderbarer Mann.« Aber selbst das …
Ihm war etwas unwohl, als er noch einmal den Verlauf der letzten Stunde an seinem inneren Ohr vorbei passieren ließ.
Da störte sie ihn am frühen Morgen auf, obwohl sie sich nur flüchtig kennengelernt hatten. Und dann erzählte sie ihm eine völlig unspektakuläre Geschichte, die eigentlich nur eine Wirkung haben konnte: Verena Roeder in seinen Augen in ein Zwielicht zu setzen. Aber vielleicht war das der Zweck der morgendlichen Unternehmung? Oder mehr noch. Vielleicht hatte Frau Jansen ihm ihre Version von Verenas Tod einflüstern wollen. Eine verwirrte junge Frau in einer Lebenskrise, belastet durch ein unglückseliges, quälendes Erlebnis – möglicherweise deshalb lebensmüde?
Auf der anderen Seite hatte sie ihn daran erinnert, dass es noch einige lose Fäden gab, die er eigentlich hatte wieder aufgreifen wollen. Durch Jana war ihm der Fall Verena etwas fern gerückt. Paradox eigentlich. Denn er hätte sie ohne das Schicksal ihrer Freundin gar nicht kennen gelernt. Jansen hatte ihn auch an Müller-Riedel und den seltsamen Zettel denken lassen, den er zu enträtseln begonnen hatte. Auch an Franz Buch, den auskunftsfreudigen Assistenten, dem er trotz seines biederen Äußeren nicht recht über den Weg traute. Und durch ihn an seinen Kollegen Sautter, der inzwischen aus Berlin wieder zurück sein konnte.
Der so früh angefangene Sonntag eignete sich leider nicht dazu, diese Spuren weiter zu verfolgen.
Fast widerwillig verließ er die Küche, stieg die Treppen hinauf ins Atelier, wo der »Tanz der Prospekte« (so nannte er inzwischen das angefangene Bild von der Neckarfront) auf ihn wartete. Das große Fenster schaute auf die Weinberge nach Nordost, und er zog das rechte der drei weißen Rollos herunter, weil noch einige Strahlen der Morgensonne hereinfielen. Über einem Stuhl hingen sein Schlafanzug und der Morgenmantel. Er war alles andere als ein Ordnungsfanatiker, obwohl ihn Christa im Scherz öfter »penible« genannt hatte, doch die abgelegten Kleider störten ihn jetzt und er brachte sie ins Schlafzimmer, bevor er sich der Staffelei zuwandte.
Kersting arbeitete konzentriert, einige Details des noch fragmentarischen Bildes gewannen neue Gestalt. Auf den ineinander gespellten drei Balkonansichten auf der Rückseite des Zimmertheaters zum Neckar hin drängten sich bald Masken in taumelnder Bewegung, zwischen ihnen ein hageres Gesicht mit verschreckt blickenden Augen, die rechte Hand nach oben in die Luft greifend, wie vergeblich dort Halt suchend. Kersting überlegte einen Augenblick, ob er dem verzweifelnden Hölderlin eine Vision Suzette Gontards vor die Augen stellen sollte, entschied sich aber dagegen: nicht aus historischer Gewissenhaftigkeit heraus, es wäre einfach eine Assoziation zu viel gewesen und mehr ein literarischer denn ein malerischer Einfall.
Als das Licht schwächer wurde, brach er ab, stand eine Zeitlang ruhig vor der großen Leinwand. Hölderlins Gesicht, das einzige menschliche unter all diesen aberwitzigen Masken, kam ihm wie eine Botschaft vor. Der Roeder-Fall wirkte gleich einem Wahrheitsserum, das alle Menschen, die darin verwickelt waren, veränderte. Und nicht nur die Menschen, auch ihre Umwelt, ihre Geschäfte, ihre Wirkungen. In der Fassade der Normalität, des Alltäglichen zeigten sich Risse. Die malerische Stadt mit ihrem so seriös, so objektiv erscheinenden Wissenschaftsbetrieb verwandelte sich mehr und mehr in eine Potemkinsche Täuschung.
Kersting löste sich aus solchen Gedanken, reinigte Pinsel, Schaber und Palette. Er hatte ohne Pause durchgearbeitet und verspürte zwar heftigen Hunger, brauchte aber noch einen Übergang in die Wirklichkeit. Er grinste spöttisch über sich selber, holte das noch nicht wieder verpackte Roulettespiel aus dem Regal, schnippte den Kreisel an und brachte die Kugel auf Anhieb in die fünfhunderter Kuhle.
Jetzt stieg er zufrieden hinunter in die Küche, schnitt Zwiebeln, würfelte Knoblauch, fischte ein paar Sardellen aus der Salzlake. Ließ alles in einer Pfanne in reichlich Olivenöl leicht Farbe annehmen, brühte drei reife Tomaten, schälte ihre Haut ab und schnitt sie in kleine Würfel. Die Hälfte ließ er in die Pfanne gleiten, erhöhte die Hitze und gab mittelscharfen Paprika, Basilikumsalz, Pfeffer dazu, ließ alles leicht köcheln und rührte dabei mit dem Holzlöffel bis eine cremige, aber nicht zu glatte Sauce entstand. Inzwischen waren die Spaghetti gar geworden, er pürierte sehr grob die zweite Hälfte der Tomatenwürfel, fügte sie zur Sauce, die er vom Herd nahm, streute kleingeschnittene Basilikumblätter und (seine Zutat) den Mus von zwei kleinen, frisch gepressten Knoblauchzehen hinzu, schmeckte noch mit Salz und Pfeffer ab und setzte sich zufrieden an den Tisch, wo er schon eine Flasche Rotwein aus dem Cahors bereitgestellt hatte. Vor dem Haus gingen die Straßenlaternen an, die nun alle wieder brannten. Der Himmel hatte sich bewölkt, morgen sollte es regnen, wie die Wetter-App ihm verriet. Er freute sich auf die erste Sitzung mit Jana. Sie hatten sich auf 15 Uhr verabredet.
5 Annäherungen
Morgens, noch mit dem faden Geschmack des, er wusste nicht wie, misslungenen Kaffees im Mund, rief Kersting im germanistischen Seminar der Universität an. Man erwarte Müller-Riedel in einer Stunde, Herr Sautter aber sei eben eingetroffen. Kersting bat, ihn bei beiden anzumelden.
Sein Vormittagsprogramm stand. Und der Nachmittag … Er lenkte seine Gedanken schnell in Richtung der Gespräche, die ihn in der Universität erwarteten, sonst hätte er sich in anregend frivolen Vorstellungen verloren. Draußen war es, wie angekündigt, heute kühl und bewölkt. Es regnete zwar noch nicht, aber ihn fröstelte. Bevor er ins Auto stieg, holte er sich noch schnell die Lederjacke aus dem Haus.
Im Vorgarten des Nebenhauses arbeitete der Nachbar an den Ziersträuchern und bedeutete ihm winkend, einen Moment zu warten. Kersting ging ihm entgegen. Der war Postbeamter gewesen, wusste Kersting, und jetzt seit zwei Jahren Rentner. Er trug alte Jeans, ein verfärbtes Flanellhemd spannte über seinem Bauch, darüber eine am Hals offene fleckige Cordweste, und die Morgentoilette hatte er offenbar noch vor sich.
»Bei Ihne isch in letzter Zeit ja mordsmäßig was los. Wen habe Se denn geärgert?«
Er blickte Kersting mit seinen dunklen Dackelaugen vorwurfsvoll an.
»Erst werde Se überfalle, dann schmeißt einer Ihre Fenschter ein und seit e paar Tag macht en junger Motorradgängschter hier d’ Stroß unsicher, dass mer sich gar nit meh raustraut!«
»Motorradgangster?«
»Ha, son junger Kerle. Tuckert langsam die Straße nunter, dann wieder zrück. Hab ihn scho paarmol gsehn.«
»Wie sah er aus? Können Sie ihn beschreiben?«
»Hat halt sei Montur getrage, schwarzes Leder, und au sein Helm auf, wie halt alle die Gängschter, die kennt mer ja ausm Fernsehe.«
»Woran haben Sie erkannt, dass er noch so jung war?«
»Gsehn hab ich sei Gsicht nit, natürlich nit, wegen dem Helm, aber, aber …« Er überlegte.
»Ja. Jetzt hab ichs. Wie er gfahre isch, beschleunigt het und hinte um d’ Kurv kratzt isch. Mer isch ja vor dene nirgends meh sicher.«
Kersting bedankte sich und versprach, der Polizei einen Wink zu geben.
Schon auf dem Flur hörte er laute Stimmen und fröhliches Lachen; es kam aus der geöffneten Tür des Sekretariats. Als er eintrat, erblickte er am Computer eine Frau mit wild gelocktem, rötlich blondem Haar. Er schätzte sie auf Anfang fünfzig, ihr fröhlich-lautes Lachen hatte er schon von fern gehört, als er aus dem Fahrstuhl stieg. Um sie herum stand eine Handvoll junger Leute, die ihr amüsiert zuhörten und mit ihren Kommentaren zur Erheiterung der ganzen Runde beitrugen. »Sie ist die Seele des Seminars«, würde ihm Müller-Riedel gleich auf seine launige Frage hin antworten.
Kerstings Eintritt unterbrach das gesellige Miteinander. Er habe heute früh angerufen und um einen Termin bei Herrn Müller-Riedel gebeten.
»Er erwartet Sie, die übernächste Tür: Sie brauchen nur zu klopfen.« »Und«, fügte Sie hinzu, »er ist vielleicht etwas aufgeregt, irgend jemand hat in seinem Zimmer einiges durcheinandergebracht. Ich hab ihn schon wieder aufgerichtet«, sagte der Wuschelkopf mit heiterer Miene.
»Schaffen Sie das noch bei ihm?«, fragte anzüglich ein langaufgeschossener Pickelhering, dem sie dafür einen Knuff in die Seite verpasste.
Dann fügte sie noch hinzu: »Die Bücher machen viel Vergnügen, besonders, wenn sie drunten liegen. Der Vers hat ihm gefallen, als ich aufräumte.«
»Hört sich nach Wilhelm Busch an.«
»Klar! Der hat auch schon was über Sie geschrieben: Ein hoffnungsvoller junger Mann gewöhnt sich leicht das Malen an!«
Kersting lachte. »Maler Klecksel ist meine Lieblingsbildergeschichte, aber darin habe ich diese Verse nicht gelesen.«
Das Telefon auf dem Schreibtisch schnarrte und sie raunzte gespielt ärgerlich in die Runde: »Jetzt aber raus hier. Ich hab zu arbeiten!«
Müller-Riedel begrüßte ihn und bat ihn, in einem der Sessel in der Besucherecke Platz zu nehmen. Er setzte sich ihm gegenüber, hüstelnd, wie es seine Unart war. Kersting berichtete ihm zunächst die Ereignisse, die auf das gemeinsame Essen gefolgt waren, und auch wie ihm Verenas Zettel abhanden gekommen war.
»Ein Überfall?« In Müller-Riedels Erstaunen mischte sich fast etwas wie Unglauben. »Aber doch nicht wegen dieses Stücks Papier! Noch dazu mit einem Text, den wir beide doch auch so behalten haben.«
»Aber ob er von Frau Roeder stammte, ist jetzt nicht mehr zu beweisen. Ja, dass er überhaupt existierte, beruht nun auf Treu und Glauben unseres Zeugnisses.«
»Haben Sie über die Bedeutung etwas ausgemacht?«
»Das war nicht so schwierig, mein Computer hat das für mich erledigt. Ist einer der Vorzüge des Internet, und doch habe ich zunächst ziellos ’rumgerätselt. Stieß mit Googles Hilfe auf …«
»Paracelsus, ich weiß schon. Habe natürlich auch im Internet Rat gesucht. Aber der Nachsatz? Und vor allem die tiefere Bedeutung dieser Zeilen. Sie wirken doch wie eine Art Geheimschrift. Ich habe versucht, ob die ersten oder die letzten Buchstaben der Wörter einen Sinn ergeben oder wenn man sie im Wechsel liest. Erfolglos, alles erfolglos leider.«
Kersting berichtete von seinem Cusanus-Fund, dass er aber dadurch auch nicht schlauer geworden war.
Sie rätselten noch gemeinsam an dem Text herum: wahrscheinlich eine versteckte Warnung oder Mahnung, die aber vielleicht nie den Adressaten erreichte, weil sich das Notizblatt unter den Uni-Papieren der Studentin befunden hatte.
»Ihre Sekretärin deutete an, dass es hier bei Ihnen auch etwas Aufregung gegeben habe?« fragte Kersting schließlich, um einen Übergang zum Aufbruch bemüht.
»Nicht mit dem Vorfall zu vergleichen, der Sie betroffen hat. Ich sehe auch keine Verbindung zum Roeder-Fall. Trotzdem ärgerlich, enorm ärgerlich! Wenn es nicht die Reinigungstruppe war, die meine Papiere in Unordnung gebracht hat (das glaubt nämlich Frau Schöndenn … meine Sekretärin), hängt das vielleicht mit Unerfreulichkeiten im Umkreis meines Lehrstuhls zusammen, die den freien Künstler nicht interessieren werden.«
»Glauben Sie das nicht. Wissenschaft und Kunst sind, jedenfalls was den Betrieb in und um sie betrifft, nicht so weit voneinander entfernt. Was meinen Sie, was unter Galeristen und Sammlern, Kuratoren und Museumsleuten los ist: bellum omnium contra omnes, Hobbes fände für seine These vom Kampf aller gegen alle jedenfalls auch in meinem Gewerbe die schönsten Beispiele.«
»Haben Sie schon mal etwas von ›Fake-Press‹ gehört?«, fragte Müller-Riedel.
»Von Fake-News schon …«
»Was ich meine, ist nicht weit davon entfernt. Es handelt sich dabei um kriminelle Verlage, die mit falschen, geschönten, rein hypothetischen, jedenfalls völlig ungesicherten, aber wissenschaftlich auftretenden Forschungsergebnissen ihr Geschäft machen. Ein Milliardengeschäft.«
»Wirklich? In den Geisteswissenschaften?«
»Da beginnt es jetzt. Bisher waren nur die Naturwissenschaften betroffen, vor allem Medizin, Pharmazie, auch die technischen Fächer. Da gibt es eine Reihe von Verlagen, die Zeitschriften, Bücher, Internetauftritte produzieren, mit wissenschaftlichen Namen glänzen, angeblich jede eingereichte Arbeit penibel vor der Veröffentlichung prüfen. Das kostet natürlich, und nicht zu knapp, dreitausend, viertausend Euro sind keine Seltenheit. Also ganz enorm! Was dann veröffentlicht wird, ist oftmals hanebüchen, reine Erfindung oder Teilplagiat, mit Scheinbelegen reichlich umrahmt, natürlich im jeweiligen Wissenschaftsjargon gehalten. Die Frechheit kennt keine Grenzen. Man hat sogar Kinderbücher als wissenschaftliche Studie in den Literaturverzeichnissen gefunden.«
»Das ist nicht längst aufgeflogen?«
»Wie gesagt: ein Milliardenmarkt und gut getarnt. Die Verlage, oft in Indien, Neuseeland, sogar den USA beheimatet, haben hochtrabende, aber wissenschaftlich seriös klingende Namen; zum Beispiel (er steht auf und kramt in einem Stoß Papiere auf seinem Schreibtisch) ›Indian Journal of integrative Sciences‹. Man lädt namhafte Wissenschaftler ein, in solchen Zeitschriften zu publizieren, zahlt ein gutes Honorar und führt sie dann als Mitarbeiter. Oder auch Nachwuchsforscher aus renommierten Universitäten, die dennoch gerne auf jeden Call for papers eingehen, weil sie unter enormem Veröffentlichungsdruck stehen.
Mächtige Firmen etwa der Arzneimittel-Industrie sind auch dabei, sponsern Kongresse, wo dann die verrücktesten Thesen ausgebreitet werden, und werben dabei Gutachter für ihre Produkte.«
»Und das soll auch in Philosophie, Literatur- und Sprachwissenschaften funktionieren?«
»Gewiss nicht in diesen Dimensionen. Aber auch in unseren Fächern zählt die Zahl der Veröffentlichungen, es gibt zu wenige seriöse Publikationsorgane. Also bilden sich Zitierkartelle.
Ein Heidelberger Kollege ist dabei besonders erfolgreich, wurde gerade schon zum x-ten Male dafür ausgezeichnet. Schließlich werden Millionen für Editionen, biographische Forschungen und so freche Dummheiten wie die Genderforschung ausgegeben. Jedenfalls habe ich Wind von einer Verlags- und Zeitschriftengründung bekommen, die nach dem Vorbild dieser Fake-Verlage funktionieren soll. Aus dem Haus sind auch Kollegen dabei. Ich habe ein durchaus brisantes Dossier zusammengestellt. Man muss den Anfängen wehren.«
Gregor Sautters neues Dienstzimmer lag nur wenige Türen von dem Müller-Riedels entfernt. Er teilte es mit zwei weiteren Kollegen, deren Namen ebenfalls an der Tür aufgeführt waren, und bot sogar noch weniger Raum als das Franz Buchs. Schreibtisch, Bücherregale, ein Besucherstuhl, mehr hatte nicht Platz. Kersting stellte sich vor und wurde mit einer Handbewegung aufgefordert, Platz zu nehmen.
»Buch hat mir von Ihnen erzählt, es geht um ein Referat oder ähnliches. Aber setzen Sie sich doch.«
Kersting sah sich einem schlanken, dunkelhaarigen Mann gegenüber, der einen schmalen Oberlippenbart trug und ein Ziegenbärtchen am Kinn dazu. Bei der Uni-Gala hatte er nicht weiter auf ihn geachtet, erkannte in ihm aber dennoch sofort Müller-Riedels Tischnachbarn wieder. Sympathisch war er ihm nicht.
»Ich möchte Sie für einen Vortrag gewinnen.«
»Und wie kommen Sie auf mich?«
»Ich habe im Internet die Themenschwerpunkte der Tübinger Germanistik recherchiert. Auch hat eine ihrer Studentinnen, Jana Olivier, von Ihren Vorlesungen geschwärmt.«
»Jana Olivier« – er dehnte die Silben, als ob er sich erinnern müsse, doch Kersting war sicher, dass dies Kramen im Gedächtnis nur gespielt war. Auf einmal hatte er es leid, große Umwege zu machen.
»Jana Olivier«, wiederholte er, »die beste Freundin von Verena Roeder«.
»Ach natürlich, wo Sie das sagen. Hübsches Mädchen, wenn ich mich jetzt nicht täusche.«
»Sie trauert immer noch über Verenas Tod.«
Kersting insistierte. Über Jana wollte er mit Sautter gewiss nicht sprechen.
»Das hat uns alle sehr getroffen. Verena Roeder war eine der begabtesten Studentinnen, die hier rumlaufen. Und übrigens auch, wenn ich das bemerken darf, eine hinreißende Erscheinung. Seltene Kombination. Sie waren alle hinter ihr her, von der Bibliotheksaufsicht bis zum Prodekan.«
»Sie auch?«
Sautter schaute einen Augenblick zur Seite, fixierte Kersting dann sofort wieder.
»Gefühle spielen in unserem Fach eine große Rolle. Wer keine hat oder sie unterdrückt, ist auch ein schlechter Wissenschaftler. Was ich damit sagen will: sie hat mich beeindruckt, wie andere auch. Aber ich kenne die Grenze.«
»Gab es andere, die die Grenze nicht kannten?«
In Sautters dunklen Augen lag jetzt ein spöttischer Zug, als wolle er signalisieren: ›ich weiß wohl, worauf du aus bist‹.
»Es ist schwer für manche Kollegen, sogar für seriöse Familienväter, zu begreifen, dass sie nicht unwiderstehlich sind. Das gibt dann Grenzverletzungen, das gefundene Fressen für die alberne MeToo-Bewegung. Von Samuel Beckett stammt der herrliche Satz, dass es Frauen gibt, die einen stehenden Phallus schon wittern, bevor der Mann das Haus nur betreten hat, und sich dann noch fragen, wie der sie denn überhaupt hat sehen können. Verena gehörte zu ihnen, was aber nicht gegen sie spricht.«
»Gab es denn jemanden, auf den sie es abgesehen hatte?«
»Da bin ich ganz sicher. Sie war in einem Seminar von mir über den Liebesgarten in der mittelalterlichen Literatur. Hielt auch ein Referat. Wenn man sah, wie sie die Quellen zitierte – und sie zitierte zu unser aller Vergnügen viel –, dann merkte jeder, der sich auskennt, dass ihre eigene Gefühlsgeschichte immer miterzählt wurde.«
»Aber eine bestimmte Person wüssten Sie nicht zu nennen, die ihr da vor Augen stand?«
»Vor Augen wohl weniger, siehe Beckett. Doch Spaß beiseite (wieder der spöttische Ausdruck in seinen Augen): nein, ich weiß niemanden Bestimmten. Sie war sehr diskret, auch wenn sie durchaus ihre Gefühle zeigte. Zu nahe treten durfte man ihr nicht!«
›Du hast es auch versucht, da bin ich mir sicher‹, dachte Kersting, begriff aber, dass er nicht mehr erfahren würde, sah auf die Uhr, der Mittag war nahe.
»Aber«, ergänzte nun Sautter mit deutlicher Ironie, »wir haben noch gar nicht über einen Vortrag gesprochen.«
»Für mich heute wäre vor allem wichtig, ob Sie grundsätzlich zu einem Vortrag über die Frühgeschichte des Feminismus bereit wären?«
»Frühgeschichte?«
»Ich bin kein Spezialist«, gab Kersting zu. »Aber ›Frauen in der Renaissance‹, erschien uns ein spannendes Thema.«
»Vor allem ein weites Feld«, bemerkte Sautter nun geradezu süffisant, so dass Kersting schnell den Rückzug antrat. Er stand auf.
»Ich habe noch eine Verabredung und melde mich noch einmal. Die Finanzierung des Kongresses ist noch nicht gesichert. Wir hätten Sie gerne als Referenten, müssen aber noch eine Entscheidung abwarten. Darf ich wiederkommen?«
»Gerne. Aber wer ist ›wir‹?«
Kersting hatte daran nicht gedacht und improvisierte, mit halbem Gedanken an das Gespräch mit Müller-Riedel: »The international Society of Renaissance«. Sprach’s und war schleunigst zur Tür hinaus.
Bei der Rückfahrt dachte er über das Gespräch mit Sautter nach. Natürlich wusste der mehr, als er herausgelassen hatte. Zweifellos ein Zyniker, der eine Gelegenheit zu nutzen verstand. Einer von den smarten homme à femmes, wie sie heute Mode waren, ob auf dem Laufsteg oder im Hörsaal. Immer auf der Jagd, billige Nachfahren der alten Gesellschaftslöwen. Er würde ihm nicht über den Weg trauen, glaubte aber noch nicht an eine tiefere Verstrickung in den akuten Fall. Sautter war einer, der den Laufpass gab, wenn es kompliziert wurde, und sich sauber der Folgen entledigte. Wollte gewiß nicht ewig Assistent bleiben. Ob er zu den Kollegen im Haus gehörte, die an der Gründung des neuen Fake-Verlags beteiligt waren, von dem Müller Riedel erzählt hatte? Er hätte ihn nach Namen fragen sollen.
In der Universitätsbibliothek war, der Semesterferien wegen, wenig los. In einer Ecke saßen Studenten und sichteten die abgeholten Bücher, mehrere waren in ihre Smartphones vertieft, einer wäre beinah die Treppe herunter gestolpert, und konnte sich erst im letzten Moment fangen, dafür schlitterte das mobile Gerät wie ein Stück Seife über den Flur. Man konnte dem Besitzer die Panik ansehen, als er seiner verlorenen Kostbarkeit hinterher hechtete.
Frau Professor Jansen hatte kaum einen Blick für die vertraute Umgebung mit ihrem scheinbar immer gleichen Personal. Das Literaturverzeichnis für ihre Vorlesung im Wintersemester hatte sie fertig und überlegte, ob sie noch in ihr Büro gehen oder gleich nach Hause fahren sollte. Für das häusliche Arbeitszimmer sprach, dass sie weder von eifrigen Studenten gestört würde, noch, dass Kollegen, die sich langweilten, unter irgendeinem Vorwand klopften, um Banalitäten auszutauschen.
Entschlossen ging sie in Richtung des nur wenige Minuten entfernten Parkhauses in der Brunnenstraße, in dem sie einen Platz gemietet hatte. Die auch für eine Professorin beträchtliche Ausgabe lohnte sich – die Parkverhältnisse in der Unistadt waren selbst in den Semesterferien prekär, seit mehr als 25 Tausend Studenten die Uni heimsuchten, und viele von ihnen in der näheren und weiteren Umgebung, oft noch bei Muttern, wohnten; der dürftige öffentliche Nahverkehr zwang sie, mit dem Auto nach Tübingen zu kommen. Beinah hätte sie vergessen, den Brief, den sie in ihrer Hand hielt, in den Kasten zu werfen und lief noch einmal ein paar Schritte zurück.
Es hat begonnen, leicht zu regnen, die Straße ist schon feucht und die Reifengeräusche der vorbeifahrenden Autos übertönen ihre Schritte. Den Regenschirm, den sie am Morgen vorsorglich eingesteckt hat, jetzt noch aufspannen? Sie ist ja gleich da. Das selbst am Mittag verschattete Parkhaus mit seinen vielen uneinsichtigen Ecken ist ihr heute, an diesem trüben Tag noch unangenehmer als sonst. Beim Eintritt sieht sie sich um. Sie ist allein, um die Zeit kein Wunder, hört hier drinnen außer dem Piepsen und hastigem Flügelschlag einiger Spatzen nichts. Sie erinnert sich dabei an jenes Pärchen, das sie an einem Abend des letzten Semesters an ihren niedrigen Z3 gepresst vorgefunden hatte, wo die beiden nicht nur mit heftigem Küssen beschäftigt waren. Sie erreicht den Stellplatz ihres Autos an einer Rückwand tief hinten im Erdgeschoss. Sie will aufschließen, merkt aber, dass die Tür unverschlossen ist und etwas klafft. Sie streift mit ihrem Blick gerade noch die Kratz- und Beulspuren im Lack, da hört sie ihr bekannt vorkommende Schritte, schon ganz nahe, sieht einen Schatten, will schon gerade erleichtert einen Namen rufen, da trifft sie, bevor sie sich ganz umdrehen kann, ein harter Schlag an der Schläfe, dann, beim Stürzen, ein zweiter, noch kräftiger, am Hinterkopf.
Ein Student findet sie fast eine Stunde später, weil er die Mensamarken in seinem Auto vergessen hat.
Dass Sophie Jansen, Professorin für Sprachgeschichte und neue Sprachtheorien, Opfer eines brutalen Überfalls im Universitätsparkhaus geworden und schon beim Transport in die Klinik an den Folgen gestorben war, sprach sich in Universität und Stadt noch am selben Tag mit allerlei zusätzlichen Gerüchten herum. Gewaltverbrechen dieser Art waren hier selten, noch dazu im Universitätsmilieu, jetzt schienen sie sich zu häufen. Erst Verena Roeder, darauf – der erste Fall war noch gar nicht geklärt – eine Professorin, an deren Seminaren jene Studentin regelmäßig teilgenommen hatte: wer da nicht zu spekulieren begann … Jedenfalls tat das später auch der Journalist der Lokalzeitung, mit dem Selbstbewusstsein dessen, der es auf die erste Seite gebracht hatte. Gab es Verbindungen zwischen den beiden Fällen? Worin konnten die bestehen? Hatte Frau Jansen etwas über den Roeder-Mord gewusst, was dem Mörder oder seinen Hintermännern, so es sie gab, gefährlich erschienen war? Oder waren beide in undurchsichtige Geschäfte verstrickt, denen sie dann zum Opfer fielen?
Was das sein könnte, war dem Autor des Artikels aber unerklärlich, auch wenn sich, wie er schrieb, die Universitäten mehr und mehr in gewinnorientierte Unternehmen verwandelten.
Also begnügte er sich mit Andeutungen über verwickelte Privatgeschichten. Auch diesmal sei von keinem Sexualdelikt im üblichen Sinne auszugehen, obwohl ihre Schuhe und Strümpfe verschwunden seien. Vielleicht sei der Täter gestört worden. Im Interview mit dem für beide Fälle zuständigen Kommissar erhielten diese Mutmaßungen einen Dämpfer. Er, so der Ermittler, gehe von einem zufälligen Zusammentreffen aus. Im Fall Roeder (der durchaus nicht ad acta gelegt worden sei) verfolge er Spuren, die in völlig andere Richtung wiesen. Seiner Meinung nach hätte Frau Jansen denjenigen, der ihr Auto aufgebrochen hatte, auf frischer Tat ertappt. Er hätte sie vielleicht gar nicht töten, sondern nur niederschlagen wollen, um zu fliehen. Die fehlenden Kleidungsstücke sollten die Untersuchung wahrscheinlich nur in die falsche Richtung lenken; für ein Sexualverbrechen gebe es keine Indizien. Eine Tat aus dem Augenblicksaffekt heraus. Jedenfalls wiesen alle Spuren in diese Richtung, doch gehe man allen Möglichkeiten nach.
Kersting erfuhr von dem Verbrechen noch am Nachmittag des Tattages und ausgerechnet in den Stunden, in denen er mit den ersten Zeichnungen von Jana Olivier für das geplante Porträt begonnen hatte.
Sie war pünktlich gewesen, ein paar Minuten nach drei hatte es an seine Haustür mit der immer noch defekten Klingel kräftig geklopft, er war gerade in der Küche beschäftigt: die Vorbereitungen für den Tee, den er in einer Pause servieren wollte. Porträtsitzungen waren schließlich immer sehr anstrengend. Als er die Tür weit öffnete, traf ihn ihre Ausstrahlung wieder so heftig, dass er sie in hilfloser Bewunderung umarmen wollte, aber unsicher, ob ihr das nicht zu schnell ging, blieb er mitten in der Bewegung stecken.
Natürlich hatte sie seine Absicht bemerkt, war aber gar nicht verstimmt, trat mit schnellem Schritt auf ihn zu und umarmte ihn nun ihrerseits, flüchtig zwar, doch mit deutlicher Freude in den Augen. Ihre weiße Regenjacke mit dem großen Kragen war sogar auf dem kurzen Weg vom geparkten Auto zum Haus etwas feucht geworden, es nieselte aus dem grauen Himmel. Er hängte sie sorgfältig auf einen Garderobenbügel neben dem Eingang, von ihrer Begrüßungsgeste eingefangen.
Er stieg ihr voraus die Treppe hinauf. So waren sie ins Atelier getreten, sie mit unverstellter, aber unaufdringlicher Neugier, er leicht verlegen, denn erst jetzt, gleichsam durch ihren Blick hindurch, sah er, wie unaufgeräumt es hier oben war. Auf dem großen Metallregal mitten im Raum lagen Skizzenblöcke, Photoapparate, Kreiden und Stifte in Metallbehältern oder Keramikbechern, in der Ablage darunter farbverschmierte Tücher und Glasplatten, ausgedrückte Farbtuben, Farbspraydosen und Paletten. Die Pinsel immerhin waren sorgfältig ausgewaschen und in Porzellanständern aufgereiht. Ganz oben Bücher und Broschüren gestapelt.
Ein schwerer großer Holztisch im Hintergrund, seitlich von der Fensterfläche, die durch eine Glastür auf einen kleinen Balkon hinaus vergrößert wurde, nahm eine schwere Holzdruckpresse auf; neben ihr ziemlich wild verstreut Probedrucke in verschiedenen Stadien. Darunter ein Halbschrank mit schmalen Graphikschubläden. Die Sitzgelegenheiten: sein dunkelblauer Lesesessel, auch nicht ganz von Farbflecken verschont, eine zweisitzige blaue Couch, der in der Höhe verstellbare Hocker und zwei Armlehnstühle, die immerhin von unpassendem Ballast verschont geblieben waren. Rechts und links von der Tür, durch die sie eingetreten waren, standen große, prall gefüllte Bücherregale.
Auf der Staffelei: der »Tanz der Prospekte«. Er verriet ihr den Titel, den er bisher für sich behalten hatte. Das Bild war noch unfertig, die Idee aber trat schon hervor. Es gefiel ihr, das sah er ihr an. Sie musterte es aus drei Metern Entfernung und trat dann ganz nah herzu, um den Farbauftrag besser zu sehen.
An der dem Fenster gegenüberliegenden Seite, mit dem Bild zur Wand hintereinander gestapelt, die fertigen Arbeiten, die noch zusammengepackt und an seine Galerie in Hannover verschickt werden mussten. Er sah ihren Blick.
»Ich zeige Ihnen gern alles, aber vielleicht später, wenn das heute etwas arg trübe Licht gar nicht mehr ausreicht.«
»Oh ja!« Mehr sagte sie nicht, sah sich aber weiter unbefangen um. Trat in den Hintergrund, wo die Wand zwischen zwei Türen mit Bildern in verschiedenen Graden der Fertigstellung engbehängt war.
»Sehr hell haben Sie es hier aber nicht, trotz der großen Fensterfläche.«
»Das macht heute das Wetter. Hell soll es sein, nur kein direkter Sonneneinfall. Die Fenster sehen nach Nordosten.«
Seit zwei Stunden sitzen sie nun hier, sie auf dem bequemsten Stuhl, den er aufbieten kann und dessen gerade Rückenlehne doch die aufrechte Haltung und Körperspannung unterstützt, er auf einem gepolsterten Schemel wie Pianisten ihn benutzen, den Papierblock vor sich auf einem schräg gestellten Zeichentisch festgeklemmt. Zwei Stunden, die er zu den intensivsten, den reichsten seines Lebens zählen wird, so viel geschieht unsichtbar in ihnen, so frei und leicht schwingen die Gedanken zwischen ihnen, so klarsichtig auch, dass jeder von ihnen meint, die des anderen lesen zu können.
Bis das Schrillen des Festnetztelefons die nur von gelegentlichen Bitten und Bemerkungen unterbrochene Stille abrupt beendet. Er hatte es auf lautlos stellen wollen und will es jetzt einfach ignorieren, doch Jana bewegt sich schon, dehnt den Körper ein wenig.
»Gehen Sie nur ran, eine Pause tut mir gut.«
Kersting erschrickt, zögert, entschuldigt sich für seine Unachtsamkeit, nimmt den Hörer. Es ist der Freund Reinke, Anwalt in einer Stuttgarter Kanzlei mit Wohnung in Tübingen. Seit ihrer gemeinsamen Studienzeit ein Freund, auf den er sich unbedingt verlassen kann.
So erfahren sie von dem Verbrechen, das längst die ganze Stadt erregt, nachdem auch bereits die Lokalnachrichten des SWR es gemeldet haben. »Auf Facebook und WhatsApp kann man bereits abenteuerliche Theorien und Täterprofile lesen.«
Sie sitzen dann beim Tee zusammen, in anderer Stimmung, als Kersting es sich erhofft hatte, ernst und bedrückt, die vergangenen zwei Stunden scheinen weit zurück zu liegen, ganz woanders, auf einer hellen Insel jenseits aller grausamen Vorkommnisse. Sie sind beide mit Erinnerungen an die Tote beschäftigt, wobei sie sich gestehen, dass sich bei beiden ein herzliches Verhältnis zu Frau Jansen oder wenigstens der Antrieb dazu nicht eingestellt hatte. Kersting lenkt dann das Gespräch auf die Hauptfrage, die sie unausgesprochen seit der telefonischen Nachricht bewegt: ob nämlich diese Tat mit den anderen Ereignissen um Verena Roeders Tod zusammenhängen könnte. Er meine ›ja‹, sagt Kersting, erntet Zustimmung, aber einen handfesten Grund dafür können beide nicht angeben. »Wir wissen zu wenig!«
»Das ist eine kleine Stadt«, bemerkte er, »da bleibt selten etwas verborgen. Die Einheimischen kennen sich, auch wenn die Verhältnisse durch die so kräftig gewachsene Universität nicht mehr so eng sind wie früher. Ich habe mit vielen gesprochen, bei Ausstellungen oder wenn man mich beim Skizzieren in Stadt und Umgebung ansprach. Jeder hatte etwas von jemand anderem zu erzählen. Dem einen waren Veränderungen an Nachbarhäusern aufgefallen, der andere wusste, dass der Sohn eines Bekannten ein Verhältnis mit einem Max-Planck-Spitzenforscher haben soll, eine Dritte berichtete von dem Erweiterungsprojekt eines Autohauses und welche Rolle der Baubürgermeister dabei spielt. Ich hatte den Eindruck, jeder weiß alles von jedem.«
»Und das haben die Ihnen einfach so erzählt?«
»Ein Maler ist für die meisten eine ganz neutrale Figur, der abseits von den lokalen Querelen lebt. Auf den man aber neugierig ist.«
»Das verstehe ich gut«, sagte die junge Frau mit leichtem Lächeln – »so haben Sie mich ja auch gefangen!« Beide lachten. Der Bann der bösen Nachricht lockerte sich etwas.
»Sind aber nicht Universität und Stadt ganz verschiedene Sphären, mit wenig Berührung? Ich jedenfalls komme mit echten Tübinger Ureinwohnern nur in Berührung, wenn ich mir mal eine Flasche Löwensteiner Riesling im Weinhaus Schmid leiste. Da sitzen dann einige an den zwei, drei kleinen Tischen, trinken ihr Viertele Wein und erzählen sich Geschichten in einer Sprache, in der für mich alles Hekuba ist!«
»Das gilt sicher für die meisten Studenten. Im Übrigen gibt es genug Überschneidungen. Da sind die Clubs wie Rotary oder Lions, in denen die Tübinger Geschäftswelt ebenso präsent ist, wie Institutsdirektoren, Ärzte, Architekten, Verleger. Und dann die Vorlesungen im Studium generale, da sitzen zur Hälfte Tübinger Bürgerinnen und Bürger.«
Kersting sah, dass es Jana fröstelte, stand auf, holte aus seinem Schlafzimmer eine leichte Decke und legte sie um ihre Schultern.
»Haben Sie von dem Millionenprojekt gelesen«, fuhr er fort, »das Stadt, Universität, Landesregierung und die großen Konzerne aus Stuttgart gemeinsam stemmen wollen? Überall schießen ja Silicon Valleys aus dem Boden, und das jetzt auch hier, in der Oberstadt, hinter den Kliniken, in der Nähe der Max-Planck-Institute. ›Man scheißt uns mit Geld zu‹, so hat das ein Spezialist für Künstliche Intelligenz drastisch beschrieben, den man mit viel Geld von Stanford eingekauft hat und der wegen eines Bildes zu mir kam. Geht inzwischen an den Universitäten zu wie beim DFB beziehungsweise in der Bundesliga man ersteigert sich die Spieler für die höchste Summe.«
Kersting hatte sich zuletzt in bitteren Eifer hineingeredet und brach ab, als er das Erstaunen in Jana Oliviers Augen sah.
»Entschuldigen Sie die Rage, aber mich macht diese Entwicklung, die Digitalisierung unserer Welt wütend. Mehr noch der ruchlose Optimismus unserer Politiker und Wissenschaftler; bei den Wirtschaftsbossen wundert’s mich nicht, natürlich.«
»Oh, Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen.« Sie sah ihn mit einem ganz neuen Interesse an, sichtlich beeindruckt. »Künstler sind selten so beredt, wenn es nicht um ihre Sachen oder mindestens um die Freiheit der Kunst geht.«
»Nun ja,« gestand Kersting, »irgendwie geht es auch um diese Freiheit. Was ich fürchte, ist die technische Barbarisierung der Gesellschaft. Was möglich ist, wird gemacht, erst recht, wenn man Geld, viel Geld damit verdienen kann. Aber ich will nicht wieder eine lange Rede halten. Kehren wir zum lokalen Kriminalfall zurück, der liegt uns gerade mehr auf der Seele.«
»Lokaler Kriminalfall? Als Sie mir gerade das babylonische Tübinger Projekt schilderten, wusste ich plötzlich, was mir bisher nur so als Ahnung oder als Gefühl schon bei Verenas Tod gekommen ist und was dann stärker wurde, als Sie mir Ihre Erlebnisse mit den beiden Schlägern erzählt haben. Ich konnte es bloß noch nicht ausdrücken. Was wäre, wenn wir es hier gar nicht mit einem Lokalverbrechen zu tun haben?« Sie schwieg einen Augenblick.
»Verena hatte sich nach dem bösen Provence-Erlebnis verändert, aber der Unfall war nicht der einzige Grund dafür. Denn sie verreiste auf einmal öfter als zuvor. Ich, aber auch die anderen, die sie kannten, erfuhren selten – und immer erst nachträglich davon. In Frankfurt war sie, glaube ich. Ganz sicher aber oft am Bodensee. Wir fragten, sie blieb sehr vage: Eine Freundin aus dem Bremer Gymnasium, die zusammen mit ihr Abitur gemacht habe, ihr Bruder oder irgend ein anderer Verwandter, der sie wiedersehen wollte.«
Pulsuz fraqment bitdi.