Kitabı oxu: «Wanda und Wendelin»

Şrift:

Gerti Gabelt

WANDA
UND
WENDELIN

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2016

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig

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Titelfoto Elephant fight © 2630ben

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Dieses Buch widme ich allen, die sich ihre Neugier auf das Leben bewahrt haben. Vor allem denen, die ein Alter erreicht haben, in dem sie um die Endlichkeit des Lebens wissen, wenn der Weg wichtiger geworden ist als das Ziel, wenn Liebe eine neue Intensität erleben lässt.

Für meine Kinder,

für meine Enkelkinder

Anna, Lara Tabea, Eva und Lenni

Danken möchte ich Iris Bleeck für ihre hilfreichen Anmerkungen, Günter, für seine Geduld.

Ungeachtet dessen, ob ich glücklich oder traurig bin, habe ich gelernt, mich in beiden Situationen lebendig zu fühlen.

Ich habe mein inneres Glück gefunden Sergio Bambaren

PROLOG

Eine neue Erkenntnis gesellt sich zu vielen anderen Erfahrungen und wird zur Realität. Die Attribute des Älterwerdens zeichnen ihre unverkennbare Form und Farbe auf die Leinwand Körper, formen eine Collage daraus und lassen sich nicht mehr rückgängig machen. Unebenheiten und Farbenflecke, die früher nicht da waren, werden sichtbar. An Oberarmen und Händen besonders auffallend. Nun muss ich lernen, mit dem Entdeckten umzugehen, es als Teil meines Selbst betrachten und selbstbewusst annehmen. Es kommt nicht urplötzlich, nein. Aber heute, in der Dusche, tangierte es mir besonders oder besser gesagt, es ist mir deutlich bewusst geworden. Da wünschte ich mich ehrlich, dass der Spiegel doch, wie so oft, beschlagen wäre.

Wie sagte meine Mutter, ‚wenn die Haut nicht mehr so jugendlich rosig ist, brauche sie einen feinen Fummel’.

Damals, als Kind, habe ich nur halb hingehört. Meine Mutter war schon älter, Anfang Vierzig, als ich geboren wurde. Sie war einfach schön, wie sie war. Sie hat sich für mich, während meiner Kindheit, nie sonderlich verändert, vielleicht, weil sie ihre Oberarme immer bedeckt hatte, eben unter einem feinen Fummel versteckt.

Aber nicht nur die Haut zeigt die Uhr des ‚Fortschritts’. Auch die Sehfähigkeit hat sich verändert – aber nicht bei mir – sagt so mancher Mann. „Dafür hört sie aber schlechter“ – meldet er nach kurzer Pause und gibt ein Geheimnis seiner Frau preis.

Kann Frau oder Mann trotzt dieser und zusätzlicher Zimperleins noch begehrenswert sein? Älterwerden ist nicht einfach, kann aber in gegenseitiger Liebe wunderschön sein. Und das Alter hat einen eigenen Bonus, den muss man nur herausfinden.

Wanda und Wendelin

SENIORENRESIDENZ

Wanda und Wendelin gehören dazu. Sie bilden mit den Anderen eine Gruppe. Aber eigentlich fallen sie ständig auf, so dass sie doch nicht dazu gehören. Sie fallen durch das Raster, sie sprengen die Gesetze.

In Wanda erzeugt es ein heimliches Lächeln, nicht zu „gehorchen“, nicht angepasst zu sein.

‚Ich bin anders. Mich könnt ihr nicht zähmen. Auch wenn ihr denkt, die Alte ist sonderlich, vielleicht schon leicht dement? Glaubt es nur. Aber wundert euch nicht, wenn ihr eines Tages feststellen müsst, dass ihr es seid, die sich fragen müssen, wer war denn nun wunderlich, wer war im Irrtum? Diese Dame – ja ihr hört ganz recht – ich bin eine nicht mehr ganz junge Dame, fordert euch heraus. Zumindest eure Anerkennung, vielleicht auch eure Bewunderung. Dieses liegt wiederum an eurer geistigen Beweglichkeit. Es liegt an eurer Intelligenz, euch diesem Reichtum an Einfällen und Spiritualität zu öffnen. Aber es geht noch ein Stück weiter. Ihr werdet sehen. Na, das alles überlasse ich euch.’

Ein bekannter Psychologe schrieb, hütet euch vor den Normalen! Sorgt euch also nicht um mich, ich bin anders.

Natürlich erfordert das Leben in einer Gemeinschaft eine bestimmte Strategie, ein strukturelles Vorgehen, um ein harmonisches – wie die Direktorin meint – Miteinander zu gewährleisten. Da bleibt für das Individuum in seinem Handeln und Sein wenig Raum. Die Grenzen sind gesteckt. Kommen und Gehen, Schlafen und Wachsein, Essen und Schlafen, alles bewegt sich innerhalb dieser vorgegebenen Grenzen.

Die Menschen würden hier in einer langweiligen Eintönigkeit zur Passivität verdammt sein, wenn es nicht einzelne Bewohner gäbe, die aus dem Rahmen fallen – wer hat sie eigentlich in den Rahmen gestellt? – und somit die Lebendigkeit in der Enge des Tagesablaufs noch wahrnehmen.

Wanda hat sich Spiritualität bewahrt. Mit wachem Geist gestaltet sie ihren Alltag und so sagt sie sich:

‚Sicher gebe ich häufig Anlass zur Kuriosität. Und ich lebe von dem Echo meiner Kuriosität. Meine Heiterkeit beflügelt mich zu immer neuen Taten. Das heißt nicht, dass ich auch die Gegenseite dieser Tugend, nämlich Aggressivität kenne und lebe. Früher war es für meine Umgebung direkt anstrengend – nur früher? – meine Unausgeglichenheit zu ertragen. Aber wir alle leben in der Polarität. Eine interessante Frau ist keine langweilige Frau. Und für einen Mann ist es gut, nie ganz sicher zu sein, was wohl als nächstes geschehen mag. Ein kleines Geheimnis gehört zur Diplomatie der Frau und hält überdies die Spannung in der Partnerschaft.’

DIE EHE MIT JACOB

Wanda war über dreißig Jahre verheiratet gewesen, genau 35 Jahre und 9 Monate. Dann starb Jacob. In ihrer Ehe war es im Anfang ganz schön turbulent zugegangen. Bis jeder von ihnen die Persönlichkeit des anderen anzunehmen gelernt hatte. Dann war Respekt die Basis, die Säule des Zusammenlebens geworden. Das Band ihrer Ehe hieß gegenseitiges Verständnis und Liebe. Später, als der Job als „semi-tired“ bezeichnet wurde, war es zwischen den beiden ruhiger geworden. Sie reisten viel, konnten kulturelle Veranstaltungen gemeinsam wahrnehmen. Das Interesse im geistigen und kulturellen Bereich bekam nun eine neue Bedeutung und hatte ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl stabilisiert. So war es durchaus nicht selten, dass Wanda am Samstagvormittag meinte, man könne doch mal eben nach Zürich fahren. Oder ein Wochenende am Genfer See verbringen. Brüssel bezaubert durch sein kulturelles Angebot und war nur eine Tagesreise entfernt. Und Brügge mit dem alten Markt, den hübschen Fachwerkhäusern, deren Giebeln ihr Gesicht dem alten Marktplatz zuwenden und an eine zeitüberdauernde Geschichte erinnern, die eine heimelige Atmosphäre verbreitet. Die Kathedrale bildet den Mittelpunkt des Marktes. In hübschen Boutiquen kann man hin und wieder ein Unikat entdecken. Bis zum Meer nach Knogge ist es nicht mehr weit.

Ob Jacob wohl diese Kurzreisen ebenso gemocht hatte wie sie? Ganz plötzlich kommen ihr diese Gedanken. Nie zuvor hat sie sich diese Frage gestellt. Sicher ist es unrealistisch, heute dieser Frage nachzugehen. Es bringt ihr kein gutes Gefühl.

Wanda steht auf. Sie will die Gedanken beenden. Sie geht zum Schrank und holt einen bunten Geschenkkarton heraus. Genau gesagt, handelt es sich um einen roten Schuhkarton. Edle, silberfarbene Satinschuhe hatte sie lange darin aufbewahrt. Als sie Königin gewesen war, im langen silberschimmernden Seidenkleid – dessen Rockweite sieben Meter betrug – hatte sie diese Schuhe getragen. Damals hatte Jacob bei der Schützenbruderschaft von 1545 die Königswürde erschossen. Eine Bruderschaft, die sich mit Stolz ihrer langjährigen Tradition bewusst war, deren Regeln minutiös und diszipliniert befolgt und gewissenhaft pflegend präsentierte. Mit vierunddreißig Jahren war sie für zwei Jahre Jacobs Königin, eine für die Männerbruderschaft ungewöhnlich junge Königin, geworden.

Mit allen Pflichten und Rechten, die eine historische Bruderschaft pflegte, war sie eine Majestät gewesen. Eine wunderbare Zeit hatten sie gemeinsam erlebt.

Also, nachdem Jacob seinen Weg gegangen war, und sie nun ihren Weg gehen muss, hat sie nun beim Räumen den Schuhkarton gefunden. Die Satinschuhe hatte ihre Nichte bekommen. Sie fand sie „echt geil“ und toll passend zu schwarzen Jeans.

Schon wieder abgerutscht in die Vergangenheit. Dabei hatte die „red box“, wie Wanda den Schuhkarton genannt und auch beschriftet hatte, eine ganz neue, wichtige Funktion.

Also, nun zur red box. Wanda räumt den Karton leer und breitet die Sachen auf eine weiße Decke auf den Tisch. Sie zündet eine Kerze und ein Räucherstäbchen an. Der „Indische Duft“ erfüllt den Raum. Wanda verliert sich ein wenig in mystischen Empfindungen. Dann nimmt sie einen bunten Seidenschal aus Indien und einen ungeschliffenen Rosenquarzstein. Sie entkorkt einen Medòc 2011 und lässt den dunklen Rotwein in das bauchige Glas fließen. Gerüche, gedämpftes Kerzenlicht, das Schattengebilde an der Zimmerdecke hüpfen lässt, und der Rotwein, vermitteln eine entspannende Gelassenheit, ja, etwas Vertrautes. Der Raum ist erfüllt mit positiver Energie.

Wanda öffnet den roten Deckel des Kartons und sagte: „Ich gebe dir den Namen Red Box. Du hütest nun meine Geheimnisse, alle Erinnerungen und Geschehnisse, die der Vergangenheit angehören. Es hat dies alles gegeben für mich und es ist ein Teil von mir, durch das ich zu dem geworden bin, was ich heute sein kann. Das ist gut so. Mein Leben war so reich. Ich habe geliebt, habe getrauert, habe unendlich gelitten, habe die Grenzen der Endlichkeit gespürt, habe Unendlichkeit berührt. Ich habe unentschlossen an Wegkreuzungen gestanden. Habe mich, der Lehre Mahatma Ghandi folgend, für den Umweg entschieden. Ich bin Menschen begegnet, die Freunde wurden und habe sie später aus den Augen verloren. Sie waren sehr wichtig und haben immer noch eine große Bedeutung für mich. Ich habe das Leben gespürt.

Bevor Teile der Vergangenheit zum Ballast werden könnten, lege ich sie ab. Ich übergebe meine Schätze dir, Red Box und du, red box, hütest diese meine Vergangenheit. Denn ich will heute bewusst im Hier und Jetzt leben. Vergangenes kann nun nicht verloren gehen, aber auch nicht belastend werden.“

Am Tisch sitzend, den Kopf von den Händen tragend, spürt sie Stärken in sich aufkommend, die sie nie geordnet, nie hinterfragt, ja bewusst nie wahrgenommen hat. Wanda denkt zurück, erlebt sich in völlig neuem Licht, Abläufe aus ihrem Leben, genau gesagt, „Meilensteine“ in Granit gemeißelt. Langsam, sehr langsam, kommt Erlebtes zurück in ihr Bewusstsein.

So hat Wanda in einer Feierstunde der Red box ihre Aufgabe übertragen. Ein Bild von Jacob. In einer kleinen Fototasche gibt es noch Bilder von Menschen, die ihr sehr nahe gestanden hatten. Ein älterer Herr mit weißen Haaren und blauen, lustigen Augen, einem gütigen Blick. „Mein Kind“, so hatte er Wanda genannt.

Dann ein Herr mit Glatze und tiefbraunen, sehr lebendigen Augen, die sie immer noch voller Leidenschaft anschauen. – Wanda, das ist deine eigene Impression – Eine Vaterposition hatte er für Wanda bedeutet und für einige Zeit auch mehr.

Zu unters ein fast in Vergessenheit geratenes Foto. Pechschwarzes Haar umrahmt ein sonnengebräuntes, jungenhaftes Gesicht. Verträumt schaut Wanda in diese dunklen Augen, die die Unbeschwertheit, die Lebenslust und Sorglosigkeit der Jugend widerspiegeln.

Daneben ein Babyfoto, das einzige, was ihr blieb. Linus, der Australier.

Ihre unvergessene, erste Liebe, damals in Florida. So lange ist es her und immer noch so lebendig.

Ein kleines Kreuz aus Metall und ein weißer Engel.

Ein Seidentuch aus Indien, Kerze und Räucherstäbchen und ein kleiner Spiegel finden nun einen Platz in der Red Box. Sie symbolisieren alles was gewesen ist.

Wandas Augen füllen sich mit Tränen. Beim Blick in den Spiegel sieht ihr ein Gesicht voller Zweifel und Unentschlossenheit entgegen. Beim Lachen zeigen sich kleine Grübchen.

Wie kann ein Mensch nur so viele Gesichter haben? Ein Geschenk des Schöpfers an den Menschen. Die Möglichkeit der unterschiedlichen Gesichter ist in der Schöpfung angelegt.

Dann holt sie die Red Box. Ihre rechte Hand umschließt ganz fest den Rosenquarzstein, der eine beruhigende Wirkung vermittelt. Es sind ihre kreativen Zeiten in denen etwas Neues entsteht. Man könnte es mit einer Geburt vergleichen. Aus dem Suchen ergeben sich neue Gedanken, entstehen klare Formen. Sie hat den Rosenquarzstein noch immer in ihrer Hand, die sich nun leicht öffnete. Sie ist im Reinen mit sich selbst. Plötzlich ist alles ganz einfach.

MÄRCHENSTUNDE

In ihrem Kleiderschrank hat sie nach einigem Suchen das bunte Etwas gefunden. Ein fließendes Gewand ohne Ärmel, das seitlich durch kurze Nähte unter den Armen zusammengehalten wird. Vor vielen Jahren hatte sie diesen Kaftan in einem indischen Shop in Neuseeland gefunden. Kleine cent-große, eingenähte Spiegelchen bildeten den Saum, lassen die schillernden Farben glitzern. In diesem Kleid wird sie heute Nachmittag eine Märchenfee sein. Märchenfee oder weiße Hexe mit magischen Kräften.

Im Aufenthaltsraum breitet sie eine rote Decke auf dem Boden aus. Darauf stellt sie eine flache Schale aus Keramik. Das Innere der Schale ist in glänzendem Blau gehalten. Im Wasser schwimmende Duftlichter geben Wärme und ein gedämpftes Licht. Hinter einem Paravent sieht man einen Lichtkegel, der dem Raum etwas Mystisches verleiht. Welch ein Leuchten in den Augen der älteren Leute, die heute ihr Publikum sind. Diese Augen, die so oft ohne Glanz scheinen, zeigen heute eine ungewohnte Lebendigkeit. Oder scheint es nur so?

Damen und Herren, Männer und Frauen folgen mit ihren Augen jeder Bewegung von Wanda, während diese mit den Vorbereitungen für ihre Märchenstunde beschäftigt ist. Eine erwartungsvolle Spannung liegt in der Luft. Wanda glaubt, eine positive, ans Erotische grenzende Stimmung zu spüren.

Vor der Schale mit den Lichtern liegt ein großes, schwarzes Kissen, das ihr als Sitzplatz auf dem Boden dient. Von hier aus führt Wanda ihre Zuhörer in die zauberhafte Welt des Märchens.

DAS MÄRCHEN VON DEM HÄSSLICHEN ENTLEIN

„Die Erntezeit nahte und die Feldarbeiter brachten das Korn ein. Die ersten welken Blätter fielen von den Bäumen und unten am Fluss saß eine Entenmutter in ihrem Nest unter dem Schilfgras verborgen und brütete ihre Eier aus. Eines nach dem anderen schlüpften die Entenjungen aus ihren Eiern und watschelten unstet dem Ufer entgegen, wo sie in ihrem Element waren. Nur ein Ei blieb still wie ein Stein im Nest liegen und wollte nicht aufbrechen. Es war größer als die anderen. Manchmal kam es der Entenmutter vor, als hätte es einen ungewöhnlichen Farbton. Eine ältliche Entendame flatterte quakend herbei, um der Mutter zu ihrer frisch ausgeschlüpften Brut zu gratulieren, aber dann sah sie das übergroße Ei im Nest liegen, schüttelte den Kopf, dass die Wassertropfen flogen und verkündete:

„Man hat dir ein Putenei untergeschmuggelt, meine Liebe, das sehe ich sofort. Du darfst es auf keinen Fall ausbrüten, denn Puter können nicht schwimmen. Und überhaupt…“ Die alte Ente wusste wovon sie sprach. Auch sie hatte selbst einmal versucht, einen Truthahn auszubrüten.

Aber die Entenmutter hatte nun schon so lange auf dem Ei gesessen, dass es ihr nicht gefiel, all ihre Mühe sollte umsonst gewesen sein. Also blieb sie weiter auf dem Ei sitzen und brütete. Und siehe da, eines Tages erzitterte es und ein großes unansehnliches Geschöpf pickte sich den Weg ins Leben frei. Seine Haut war von rot/blauen Blutgefäßen durchzogen, seine Augen schimmerten rosarot und seine Füße hatten eine ungesunde blässliche, grauviolette Farbe.“ -

Später, es war Frühling geworden, kamen die Dorfkinder zum Teich. Sie sahen es zuerst. Sie schwenkten die Arme, liefen aufgeregt hin und her und riefen immer wieder, bis das ganze Dorf es wusste:

„Oh, schaut doch, schaut, ein Schwan! Ein neuer weißer Schwan ist zu uns gekommen.“

Nahezu eine Stunde dauerte das Märchen.

Nach einer Pause – es herrschte atemlose Stille – sagt Wanda: „Manchmal benötigt es einen langen Weg, zum Ziel zu kommen.“

Dann spricht Wanda noch das Anderssein an, das jeder Persönlichkeit anhaftet, ja, erst zur Persönlichkeit werden lässt: „Die Problematik des Ausgestossenseins steht im Mittelpunkt zahlreicher Märchen und Mythen. Die Helden solcher Geschichten müssen oft ohne eigenes Verschulden, unter den Folgen eines Ereignisses außerhalb ihrer Kontrolle leiden, meistens, weil ein wichtiges Detail aus Ignoranz, Naivität oder purer Bosheit von der Umwelt ausgehend, übersehen wird. In dem Märchen von Dornröschen wird die dreizehnte Fee vergessen und nicht zur Taufe des Königskindes eingeladen, woraufhin das Neugeborene mit einem Zauberspruch behaftet wird, der sämtliche Mitglieder des Königshauses in einen hundertjährigen Zustand symbolhafter „Eingeschlafenheit“ versetzt. Würdet ihr nun wollen, dass ich Euch – vorausgesetzt es wäre mir möglich – in junge Menschen verzaubern könnte?“

Diese Fragestellung ergibt eine lebhafte Diskussion verbunden mit der jeweils eigenen Rückblende, angestoßen vom soeben gehörten Märchen. Selbst die älteren Menschen, deren Geist zeitweise verwirrt scheint, haben in diesem Augenblick ein klares Erinnerungsvermögen, Gelebtes wird lebendig.

SENIOREN FLIRT – SPÄTE WERBUNG

Umständlich, aber zielsicher, rückt Wendelin seinen Stuhl in die Nähe von Wanda.

„Vielleicht könnte ich Sie in eine junge Frau verzaubern, wie wäre es dann mit Ihrer Antwort?“

„Ich brauche keine Verwandlung, ich bin jung. Hier, ganz tief drinnen“, bei diesen Worten zeigt Wanda auf ihr Herz und lacht.

„Ja, Sie sind wirklich erfrischend jung. Eine zauberhafte Märchenfee, in die man sich verlieben könnte.“ Leise fügte er hinzu: „Das habe ich vielleicht schon getan.“

Wanda sieht ihn schelmisch lachend an. Sie hat etwas von verlieben gehört, aber genau verstanden hatte sie es nicht.

Egal, es geht ihr gut und sie freut sich, dass sie die Menschen hier mit dem Märchen ein wenig hatte entführen können, aus dem Alltag und der Eintönigkeit des Seniorenhauses in eine Zauberwelt, die den Kindern ebenso gehört wie den Erwachsenen. Und ganz sicher auch den älteren Menschen zum Verweilen einlädt.

Die lebhafte Diskussion wird durch das Klingelzeichen, dass das Abendessen ankündigt, beendet. Wanda träg ihr Kissen in ihr Zimmer. Dann räumt sie die Kerzen weg. Gerade will sie den Paravent in ihr Zimmer bringen, da steht Wendelin neben ihr. Galant bittet er, das Wegräumen des Paravents ihm zu überlassen. Sie antwortet nicht, wobei sie ein Lächeln unterdrückt.

Er hat einige Mühe, den Paravent zu tragen ohne ihn zusammen zu klappen. Wanda hilft ihm, indem sie den Paravent mit einigen geschickten Handgriffen verkleinert.

Dann legt sie ihre Hände auf den Rücken und überlässt Wendelin den Rest des Aufräumens.

Als Kind hatte sie immer ihre Hände auf dem Rücken gefaltet, um eine Situation diszipliniert zu überstehen. Es war beim Einkaufen im Supermarkt, wenn es um Spielsachen oder Süßigkeiten ging, die verführerisch an jeder Ecke greifbar angeboten wurden.

Zuletzt noch einmal an der Kasse. Wenn man dann in einer Schlange warten musste, wurde die Versuchung, doch noch Kaugummi oder Schokolade in den Korb zu legen, besonders groß. Bis zum letzten Moment im Supermarkt musste man die Hände auf dem Rücken halten, wollte man mit der Mutter keine Probleme bekommen.

Oder beim höflichen Hände schütteln, was sie hasste und später auch für sich immer bewusst entschied, ob sie nun ‚shake hands’ machen wollte oder nicht. Bei ihren Auslandsaufenthalten hatte sie es als sehr wohltuend empfunden, ohne dieses shake hands sich zu begrüßen und zu verabschieden.

Heute nun hat sie erneut die Situation für sich entschieden, indem sie ihre Hände auf dem Rücken hält und sich der männlichen Hilfe anvertraut. Oh, war das schmeichelhaft, hier im Seniorenhaus ganz plötzlich wieder als Frau wahrgenommen zu werden.

‚Eigentlich denke ich, dass ich das auch noch mit Siebzig, Achtzig oder Neunzig erleben werde. Nun glaube ich ganz fest daran. Denn ich werde mich ja nun nicht mehr sehr verändern. Aus dem Seniorenhaus werde ich nicht mehr auf die Penne gehen, werde keinen Tanzkurs mehr besuchen oder gar in der Disco steppen. Tanzkurs, wer weiß? Also, es geht weiter. Angemessen, aber eben doch anders, vielleicht etwas besonnener. Aber letztlich behalten die Urkräfte im Menschen, die eigentlich nur der Fortpflanzung dienen sollten, will man der Lehre der Kirche folgen, ihre uneingeschränkte Gültigkeit.

Ich denke an die unverminderte Anziehungskraft zwischen den Geschlechtern. Sie endet nicht mit einem bestimmten Alter.

‚Leben, lernen und lieben werden wir bis zum letzten Atemzuge.’

So hat Sheldon Kopp, ein Psychotherapeut aus Amerika, es formuliert.

EINKAUFSTAG

‚Einkaufstag! Ich brauche Rotwein und etwas Obst. Der Rotwein gehört zu meinem abendlichen Ritual, bevor ich zu Bett gehe. Und eben dieser Rotwein ist mir ausgegangen. Das heißt, ich habe eine Reserve von zwei Flaschen. Aber nur für den Notfall. Wenn ich einmal krank sein sollte.’

Wanda mag es, Frau Wind einfach mal zuzuhören, was Frau Wind natürlich sehr begrüßt.

Frau Bach, sie wohnt Wanda gegenüber, bittet häufig, Schokolade für sie zu besorgen.

Aber nur Noisette Schokolade. Manchmal bringe ich eine kleine Packung edler Pralinen mit, Feodora oder Lind bevorzugt die Dame. Ein kleines Schwätz’chen wird von Frau Bach ebenfalls geschätzt – vielleicht hat es sogar einen größeren Wert als die Süßigkeiten.

Nie zuvor im Leben ist es so schwierig, Zeit – die Zeit, die übrig bleibt – sinnvoll zu füllen. Wanda hatte immer zu wenig Zeit. Und nun erfährt sie, dass alte Menschen zu viel Zeit haben. Sie wissen alleine oft nichts mit der noch verbleibenden Zeit anzufangen.

Zeit ist kostbar, so war es ein ganzes Leben lang, und nun?

Herr Knopf braucht immer Tabak. Er dreht sich seine Zigaretten selber. Dann sei er beschäftigt und rauche weniger. Ein gütiger, älterer Herr, ganz Kavalier der alten Schule. Wenn Wanda bei ihm klingelt, begrüßt er sie immer mit einem Handkuss, dezent, galant.

Sicher gab es früher nicht wenige Damen, die sich für ihn interessierten. Hier nun lebt er sehr zurückgezogen.

Für Ms Wighton bringe ich eine Zeitung in englischer Sprache mit. Die bekomme ich am Bahnhof. Nur ein kleiner Umweg.

Zu ihr werde ich zum Tee gehen. Wir beide plaudern gerne etwas miteinander. Für Ms Wighton ist es erholsam, und für mich ist es ein Vergnügen, in ihrer Sprache zu kommunizieren.

Ms. Wigthon kommt aus Schottland. Für sie ist es ungeheuer wichtig, dass sie Schottin ist, nicht Engländerin, nicht irischer Herkunft, nein, sie ist eine echte Schottin. Sie leidet darunter, von ihrer Familie getrennt zu sein.

Vor Jahren kam sie mit ihrem Mann nach Deutschland, aus beruflichen Gründen. Sie sei nicht mehr zurückgegangen, da sie zwei Herzen in der Brust habe. Das würde sich auch nicht ändern, wenn sie in ihrer Heimat leben würde. Immer würde ihr das fehlen, was sie gerade nicht hat. Außerdem liebt sie den Süden, Italien und Frankreich. Von hier aus sind diese sonnigen Ziele näher als von Schottland aus. Diese kürzere Distanz zum Süden war einer der Gründe für sie und ihren Mann, sich hier in Deutschland niederzulassen.

Ihre Kinder waren in Schottland geboren und zur Schule gegangen. Den Schulabschluss machten sie in Deutschland. Später dann ging Ihre älteste Tochter zurück nach Schottland und heiratete dort. Sie kam nur zu Besuchen nach Deutschland. Ihr Sohn blieb hier. Dann geschah das Unfassbare. An seinem 18. Geburtstag hatte er einen Autounfall und konnte nur noch tot geborgen werden. Er wurde in der Morgendämmerung gefunden. Jede Hilfe kam zu spät. Ms Wighton hat den Verlust ihres Sohnes nie überwunden. Nachdem auch ihr Mann gestorben war, kam sie ins Seniorenhaus. Hier, so sagt sie, sei sie gedanklich ihren beiden Männern sehr nahe. Sehr häufig rede sie mit den beiden. Dabei ist keine Traurigkeit bei ihr zu spüren. Sie trifft ihre Vorbereitung auf ein Wiedersehen mit ihrem Mann und ihrem Sohn. Nein, sie ist nicht verschroben. Sie hat eine Möglichkeit gefunden, ihr Schicksal anzunehmen.’

Herr Mehl spricht sehr laut. Man hört ihn über den ganzen Flur hinweg. Wanda mag ihn nicht. Vielleicht stört sie deshalb seine laute Stimme. Sein Hörvermögen ist eingeschränkt. Er gehört zu den Menschen, die von der Basis her unzufrieden und humorlos sind. Nichts für Wanda.

Und dann ist da noch Frau Busch. Eine kultivierte, gebildete Dame. In fünf Sprachen kann sie lesen und schreiben. Sie muss durch eine längere Phase von Einsamkeit und Schmerz gegangen sein. Dabei wurde der Alkohol ihr einziger, ständiger Begleiter, der zeitweise ihren Geist verwirrt. Sie muss wohl einmal sehr verletzt worden sein, Sie hat ein Misstrauen den Menschen gegenüber entwickelt, das ihrer verletzten Seele Schutz vor weiteren Verletzungen und Enttäuschungen bietet. Wenn man jedoch ihr Vertrauen gewonnen hat, so hat man für kurze Zeit eine interessante Gesprächspartnerin gefunden. Wenn sie Zuwendung erlebt, und das Misstrauen überwunden ist, entspannt sie sich. Ihre Erinnerungen kehren zurück. Sie erzählt von Reisen nach Italien. In Florenz hat sie einige Semester Kunst studiert. Ihre Schilderung von der ewigen Stadt Rom ist geradezu so, als würde man mit ihr gemeinsam auf der Spanischen Treppe sitzen und augenblicklich die Atmosphäre spüren. Während des Erzählens erinnert sie sich plötzlich an ihre Tochter, die in Rom lebt. Sie schweigt. Ihr Körper nimmt eine leicht starre Haltung an. Sie scheint müde zu sein. Ihre Augen verändern sich. Der Blick wird leer. Es ist, als wäre die Türe zu dem Gestern nun wieder verschlossen.

Wanda verabschiedet sich.

‚Heute Abend werde ich ihr den Wein bringen, den ich für sie in der Stadt kaufen werde. Ich habe mit ihrem Arzt und mit ihrer Tochter vereinbart, dass sie abends ihr Glas Wein trinken kann. Es wird ihr helfen, einen ruhigen Schlaf zu finden.’

Frau Hubertus hat eine taubstumme Tochter. Bis vor kurzem lebten die beiden Damen zusammen. Nun wollte die Tochter, die durch die Gehörlosensprache, die sie schon als junges Mädchen gelernt hat und dadurch unabhängig wurde, ein eigenes Leben führen. Eine immense Überzeugungsarbeit war erforderlich gewesen, Frau Hubertus Zustimmung zur neuen Lebensform der Tochter zu bekommen. Für Frau Hubertus war die Eingewöhnungszeit sehr schwierig. Aber nun ist sie glücklich, hier zu sein.

„Ein neues Leben hat begonnen. Und wissen Sie, ich glaube, ich habe mich sogar noch einmal ein bisschen verliebt.

Herr Schneider, Sie kennen ihn doch. Der mit dem Hund.

Meine Katze und sein Hund, sie mochten sich vom ersten Augenblick an. Ist das nicht Zeichen von oben?“

Ein verträumtes Lächeln umspielt ihre Mundwinkel.

Jeden Tag führt Herr Schneider seinen Hund spazieren. Dabei lernt er andere Menschen kennen. Hundebesitzer finden leicht Kontakt. Bei Gleichgesinnten gibt es dann einen kleinen Plausch. Die Katze von Frau Hubertus trägt nun auch ein Halsband beim Spazierengehen. Seit Herr Schneider mit Frau Hubertus und Hund und Katze kommen, hat sich die Schar der Damen um Herrn Schneider bis auf einige wenige, vermindert.

Wanda findet es schön, dass sich zwei Menschen im Alter noch einmal verlieben können.

Frau Barossa war Schauspielerin am Wiener Theater. In ihrer Wohnung hängen an den Wänden ihre Fotos aus „der guten alten Zeit.“ Sie war wohl in Theaterkreisen zu ihrer Zeit, in den 50ziger und 60ziger Jahren, erfolgreich und sehr bekannt. In Zeitschriften, die sie aufgehoben hat, finden sich Fotos von ihr und eine positive Kritik.

Einmal schmückte sie sogar als Hauptdarstellerin das Cover einer österreichischen Frauenzeitschrift.

„Das ist Vergangenheit. Dieser Glanz verblasst sehr schnell und zurück bleibt nur die Erinnerung.“

„Und ein außergewöhnliches, ein erfülltes Leben.“

„Ja, und Einsamkeit.“

„Haben Sie sich nicht ein wenig mit Frau Feterowski angefreundet? Sie kommt auch aus Österreich, ich glaube aus Linz?“

„Sie haben Recht, wir beide verstehen uns und es fühlt sich gut an, in der Heimatsprache miteinander zu reden. Sie ist eine Dame, feinsinnig und mit Humor. Ein Zufall, dass wir uns hier im fremden Land begegnen. Finden Sie nicht?“

„Wunderbar.“

Frau Barossa bittet mich, ihr Champagner mitzubringen, etwas Salzgebäck und Käsewürfel.

„Wenn Frau Feterowski abends kommt, trinken wir manchmal ein Gläschen, nicht immer nur Wasser.“

Frau Barossa ist gehbehindert, aber mit ihrer Freundin geht sie mit Hilfe ihres Rollators bei gutem Wetter in den Garten. Weiter schafft sie es nicht. In einen Rollstuhl mag sie sich nicht setzten „Noch nicht“ wie sie immer wieder bemerkt.

Herr Fiedler ist gehbehindert. „Zum Einkaufen reicht es nicht mehr.“ Daher ist er dankbar, dass Wanda ihm Zeitschriften, fünf Zigarren und „etwas für die Seele“, damit meint er einen guten Cognac und Feodora Pralinen, mitbringt.

Er war Banker, liest „Das Capital“, den „Spiegel“ und manchmal auch den „Stern“.

Diese Besuche sind zu einem Ritual geworden. Zweimal in der Woche geht Wanda in die City um die Einkäufe zu erledigen. Es ist ein relativ kleiner Laden. Hier kaufen die älteren Leute aus dem Ort ein, die sich seit Jahren kennen und so werden dann hier alle Neuigkeiten ausgetauscht.

Wanda kennt hier kaum jemanden und außer einem höflichen Wortwechsel mit der Kassiererin redet sie mit niemandem. Mit ihrem langen Rock, der gelben Bluse und dem dunkelblauen Rucksack auf dem Rücken, zieht sie teils verwunderte, teils fragende Blicke auf sich. So sorgt sie heute wieder mal für ein Gesprächsthema im Ort.

Als sie mit prall gefülltem Rucksack und einer Tasche die Treppe zu ihrem Appartement heraufsteigt, glaubt sie, eine Gestalt vor ihrer Eingangstüre gesehen zu haben. Aber ihre Türe ist abgeschlossen und sie schenkt dieser vermeintlichen Täuschung keinen weiteren Gedanken.

Ganz fest drückt sich Wendelin in die dunkle Nische der gegenüberliegenden Wand. Er hatte so lange gewartet, hier an Wandas Türe, er wollte sie unbedingt sehen und dann einfach ansprechen.

Als er nun ihre Schritte auf der Treppe hört, verlässt ihn der Mut. Alles, was er ihr hatte sagen wollen, ist weg.

Er kommt sich wie ein Dieb vor oder etwas ähnliches. Was ist mit ihm passiert? Mein Gott, das ist aber doch verrückt. Ja, es ist eine verrückte Situation.

Vergessen wir es. Selbstbewusst geht er den Flur entlang zu seinem Appartement. Als er an Wandas Türe vorbei kommt, wird sein Schritt ein wenig unsicher. Das ignoriert er. Dabei hat er heute den ganzen Tag an nichts anderes als an sie, Wanda, denken müssen. Er hatte so gehofft, dass er sie beim Mittagessen sehen würde. Verzweifelt überlegt er, wie er es wohl einrichten könnte, an ihrem Tisch zu sitzen? Jeder hat hier seinen festen Platz beim Essen. Und er hätte es schon überzeugend begründen müssen, seinen Platz zu wechseln. Das Problem ist, dass es nur über einen Tausch möglich ist, an dem begehrten Tisch zu kommen. Denn gerade an diesem Tisch sind alle Plätze besetzt. Erschwerend kommt noch hinzu, dass es ein ausgesprochener Damentisch ist. Es sitzt kein Herr an diesem Tisch. Angestrengt sucht er nach einem überzeugend wirkenden Vorwand, diesen von ihm so begehrten Platz an Wandas Tisch zu ergattern.

Dabei muss dieses Vorgehen sehr behutsam eingeleitet werden. Denn er will keinesfalls Anlass zu Spekulationen geben. Da aber der Alltag hier ziemlich eintönig ist, ist jeder Anlass zu einer Diskussion höchst willkommen. Einen Platzwechsel würde man im ganzen Restaurant sofort bemerken. Ja, es könnte zu einem brisanten Thema werden. Das würde sich niemand entgehen lassen.

Im Augenblick sieht er keine Möglichkeit, in dieser Angelegenheit weiterzukommen. Also nimmt er seinen bisherigen Platz wieder ein. Hin und wieder schaut er zu Wanda. Dabei gelingt es ihm sogar einen Augenkontakt herzustellen. Nun gut. Wenigstens etwas. Nach dem Mittagtisch verlässt er wie zufällig neben Wanda das Restaurant. Sie nimmt die Treppe, wobei alle anderen mit dem Aufzug hochfahren. Er nimmt auch die Treppe. So sind sie für wenige Minuten alleine. Diese Zeit muss er für ein Gespräch nutzen.

„Hat es Ihnen geschmeckt?“, sogleich findet er, dass seine Worte so banal sind wie Wetterfloskeln.

„Ach ja, danke, ich bin ziemlich anspruchslos, was das Essens betrifft. Ich lebe nahezu vegetarisch. Ganz wenig Fleisch, lieber Gemüse und Salat. Zum Dessert nehme ich Obst, wenn es nicht gerade Moussè áu Chocolate gibt. Aber das ist ja eher selten.“

„Wann verwöhnen Sie uns denn noch einmal mit einer Märchenstunde?“, will er wissen. Er möchte eine Unterhaltung so lange wie möglich fortsetzten.

„Ich bin dabei, etwas anderes zu planen. Ich denke an eine Gesprächsrunde. Vielleicht wäre das eine Möglichkeit für alle Bewohner, eigene Ideen oder Wünsche einzubringen. Es bedarf sicher mehrerer Gespräche, um das Vertrauen der Teilnehmer zu gewinnen und sie zum Diskutieren zu bewegen. Aber es könnte eine lohnende Sache werden, wenn Kommunikation und Kreativität geweckt werden. Damit erhöht sich die Lebensqualität. Die Themen müssen so gewählt sein, dass sie ein breites Interessengebiet abdecken.“

Nach einer kurzen Pause, sie sind an der Eingangstüre zu Wandas Zimmer angelangt, sagt Wanda: „Was halten sie davon, mir bei dabei zu helfen? Ich könnte mir vorstellen, dass es eine gute gemeinsame Sache werden könnte, Teamwork sozusagen.“

Wendelin kann zuerst nicht antworten. Ihre Frage kommt so unerwartet für ihn. „Oh, ja, ich … ich weiß nicht, ich muss darüber nachdenken.“ Dabei hätte er am liebsten jubelnd zugestimmt. Aber, es war einfach doch sehr überraschend für ihn.

Später, in seinem Sessel sitzend, glaubt er, als Mann sehr klug gehandelt zu haben, indem er seine Antwort offen gelassen hatte.

So machen es die Damen ja auch. Sie lassen die Herren ja auch ganz gerne zuerst einmal in Unsicherheit. Oder sind das alte Kamellen? Überholtes Verhalten, das heute keine Gültigkeit mehr hat? In einem Hochgefühl, das er seit sehr langer Zeit nicht mehr erlebt hat, schläft er auf seinem Sessel ein.

‚Anpassen’ so schwirrt es durch Wandas Kopf, ist ein Wort, mit dem sie schon als kleines Mädchen Probleme hatte. Sätze wie:

Sich altersangemessen verhalten! Das tut man nicht! Es ist zum Besten für dich! Das machen gut erzogene Mädchen nicht. Das schickt sich nicht!

Buh, noch heute kann sie sich geradezu aufregen, wenn sie diese Sätze hört. Woher nur dieses ‚Anpassen’ jetzt?

Morgens um 7:30 Uhr beginnt das Frühstück im Speiseraum. Restaurant, das wäre ein viel besseres Wort. Dann hätte man das Gefühl im Hotel zu wohnen. Obwohl, man kann am Frühstücksbuffet wählen. Ein Vorteil, den Wanda ganz bewusst bei der Entscheidung, hier ihren Wohnsitz zu nehmen, berücksichtigt hat. Die Redewendung, letztes Zuhause, letzter Lebensabschnitt, das hasst sie genauso wie angepasst zu sein. Sie hat nämlich ganz heimlich beschlossen, noch etwas ganz anderes zu erleben. Das Letzte ist dieses hier für Wanda nicht. Mögen alle anderen das auch glauben. Wanda spürt wieder neue Energie, die sie voran treibt. Sie erlebt dieses hier als eine Übergangszeit, die sie dazu nutzt, ihre vielen Ideen wahrzunehmen und auszuwerten. Es hilft ihr, Realisierbares von Illusionen zu unterscheiden. Ruhezeit, zum Auffüllen von neuer Energie, nennt Wanda es. Morgens, wenn sie aufwacht, beginnt sie ihren Tag mit einer Gymnastik.

Die Übungen der fünf Tibeter basieren darauf, durch gezielte Bewegungen die Energie im Körper in einen harmonischen Fluss zu bringen. Das geschieht über das Ansprechen der Chakren, die über die Meridiane aktiviert werden. Es sind Übungen, bei der die Atmung angesprochen wird, der Geist und die Psyche mit dem Körper ins Gleichgewicht gebracht werden. Wir hier im Westen haben diese Form der Gymnastik von den Tibetern übernommen. Menschen in den Fünfzigern beginnen mit diesen Übungen und werden häufig Anhänger dieser Form der Gymnastik. Die Beweglichkeit des Körpers so lange wie möglich zu erhalten und darüber hinaus die Harmonie zwischen Körper, Seele und Geist zu fördern und zu festigen. Wanda strebt einem Ziel entgegen, dessen Umrisse noch unklar sind. Sie muss feststellen, was sie nicht will. Aus dem Schemenhaften entstehen Konturen und ergeben langsam das Wesentliche, das Ziel. Mit zunehmender Klarheit formt sich das Bild.

Etwa so: In Gedanken entsteht etwas Plastisches, etwas zum Anfassen. Aber jede gute Idee basiert auf einer Illusion und daraus entwickelt sich die Realität.

Wanda muss und will weg von hier.

‚Schiebe es nicht auf die lange Bank’, so hört sie ihre innere Stimme.

‚Wohin soll es diesmal gehen?’

Ich beginne heute mit einer kleinen Reise.

EIN DATE

Sie hatten sich verabredet. An der Kapelle um 14:30 Uhr. Von ihrem Fenster aus sieht Wanda den Wagen von Wendelin aus der Tiefgarage auf die Strasse fahren. Nun muss sie sich beeilen, denn sie will ja pünktlich sein. Sie wundert sich, dass Wendelin mit dem Auto den kurzen Weg zu ihrem Treffen fährt. Na, ist ja seine Sache.

Er sitzt wartend auf der Bank hinter der Kapelle in der Sonne. Nun erblickt er Wanda, steht auf und geht ihr entgegen: „Schön, dass Sie gekommen sind, Wanda. Und hübsch sehen sie aus.“

Wanda errötete leicht, blickt in seine braunen Augen. Bisher war es ihr nicht aufgefallen, wie dunkel und geheimnisvoll seine Augen scheinen. „Haben sie lange gewartet? Der Weg zieht sich doch länger hin als ich dachte, und ich habe etwas mehr Zeit gebraucht, als ich eingeplant hatte. Aber nun bin ich da.“

„Dann möchte ich sie zu einer kurzen Fahrt einladen. Es gibt hier in der Nähe ein hübsches Weinhäuschen, direkt am Rhein gelegen und doch ziemlich ruhig, ohne Autoverkehr. Nur das Tuckern der Schiffe ist zu hören. Oder würden sie ein Cafe in der Stadt vorziehen?“

„Heute überlasse ich mich ganz ihrer Führung. Sonne und Wasser, ja das mag ich schon sehr. Also, fahren wir.“

Im Restaurant werden sie vom Kellner zu einem Tisch in einer Fensterecke geführt. Beide entscheiden sich für ein Glas Champagner. Die Situation entspannt sich und die Konversation kommt in einen zwanglosen Fluss.

Wendelin bemerkt: „Ich empfinde ein neues Gefühl der Freiheit hier außerhalb des ‚Hotels’, wie Sie unsere Residenz zu nennen pflegen, sich zu begegnen. Es ist wie ein Aufatmen.“

„Wissen Sie, ich habe die Verantwortung mir selber gegenüber bewahrt. Das heißt, dass ich damit auch meinen Freiheitsraum vergrößere. Aus dem Leben hier lerne ich etwas ganz Wichtiges, nämlich, dass es mir sehr gut geht, im Vergleich zu vielen anderen. Und das gibt mir ein gutes Gefühl. In dem mir geschaffenen Freiraum innerhalb der Seniorenresidenz, bin ich heute hier mit Ihnen zusammen. – Haben Sie Lust etwas aus ihrem Leben zu erzählen?“

„Ja, nun … ich bin vor zwei Monaten aus Brisbane gekommen. Ich bin in München geboren. Mit meinen Eltern habe ich Deutschland als Neunjähriger verlassen. Zuerst lebten wir in Melbourne. Aber Mutter wollte weiter nördlich. Dort ist das Klima wärmer. Mutter wollte in Sydney leben. Ich glaube, diese Stadt war ihre große Liebe. Sydney ist eine Stadt, von einer bezaubernden Faszination. Durch den Bau des architektonisch auffällig gestalteten Opera House, hat Sydney in der ganzen Welt an Popularität und Bedeutung gewonnen. Aber nicht nur das Opera House, auch Paddington, das Künstlerviertel oder Bondi Beach, Badestrand für jedermann oder Double Bay, noble Residenz der VIPs sowie der Hyde Park oder The Rocks. All das ist Sydney. Später bin ich dann nach Queensland gegangen. Ins Land der Sonne der wunderschönen Sonnenuntergänge über dem Pazifik. In der Nähe von Brisbane habe ich gelebt.“

„Das klingt ja wie im Märchen. Dazu kommt, dass Ihre Art zu erzählen das Gefühl vermittelt, man sei gerade auf einer Rundreise durch Ihr Land. Aber nun würde ich gerne wissen, was Sie zurück nach Deutschland gebracht hat?“

„Ich weiß es nun nicht mehr so genau. Vielleicht glaubte ich, hier noch Wurzeln zu finden, wollte dem Ursprung meiner Familie hinterher laufen. Nun, das Interesse ist inzwischen auf einem Nullpunkt angelangt. Ich habe wohl einen Fehler gemacht. ‚Der Mensch muss zurück zu seinen Anfängen. Wo er geboren wurde, da sollte er sterben.’ Diesem Spruch glaubte ich folgen zu müssen. Inzwischen weiß ich, dass das alles Quatsch ist. Aber ich habe mich nun mal entschieden und bin gekommen. Nun muss ich hier bleiben und werde wohl hier sterben.“

„Ihre letzte Bemerkung kann ich nicht einordnen. Sie sollten es sich aussuchen, wo Sie sterben möchten. Und sie müssen auch nicht für immer bleiben. Sie sind ein freier Mensch, mit dem Recht, ihre Meinung jederzeit zu ändern. Vielleicht hilft ihnen der Ausspruch des ersten Bundeskanzlers von Deutschland, Konrad Adenauer. Als er von seinen Beratern darauf hingewiesen wurde, dass er seine Meinung vom Tag zuvor in eine gegenteilige Meinung am nächsten Tag verwandelte, antwortete der große, alte Herr: ‚Meine Herren, was kümmert mich mein Geschwätz von gestern.’ Ein Schmunzeln entspannte die Runde seiner Berater. Niemand konnte ihm widersprechen. Heute Nacht, wenn sie aufwachen, erinnern sie sich an dieses Beispiel. Dann sehen wir weiter, abgemacht?“

Nach einer kurzen Pause fragte Wendelin: „Aber nun zu Ihnen, liebe Wanda. Sie haben nicht immer hier gelebt. Ihr zauberhafter Akzent verrät mir, dass Sie aus einem anderen Land, vielleicht sogar Kontinent, kommen. Ich möchte gerne erfahren, warum Sie zurück sind?“ „Um wieder wegzugehen, wenn mein Bauch mir sagt, dass Weggehen das Richtigere ist. – Wissen Sie, ich bin in Bonn geboren. Mit meinem Mann habe ich später in der Nähe von Miami, in Fort Lauderdale, gewohnt. Ich kenne das Gefühl des ewigen Sommers. Mit Jacob bin ich sehr viel durch Europa gereist. Ich habe diesen Kontinent gemocht. Vielleicht auch wegen der Gegensätze zu Florida. Vor allem haben mich die historischen Städte der griechischen und römischen Kultur interessiert. Jacob hatte es immer so eingerichtet, dass wir während der Sommermonate in London, Paris oder München waren. Athen oder Rom besuchten wir dann von unserem jeweiligen Sommerdomizil aus. Im November sind wir meist zurück nach Florida gegangen, so dass wir Weihnachten in der Sonne erleben konnten. Ich bin nach hier gekommen, um alte Bekannte und Freunde aufzusuchen. Ich betrachte diese Einrichtung als Hotel, das ich verlassen kann, wann immer ich es möchte. In ein Hotel gehe ich nicht zum Sterben. Wobei ich, wie schon erwähnt, die Vorzüge des kompletten Versorgt-Seins ganz bewusst in meine Wahl einbezogen habe.“

„Weibliche Logik, die ich bisher vergeblich zu erlernen versucht habe. Ich, als Mann, werde also vergeblich danach streben, sie mir anzueignen.“

„Schauen wir uns doch dieses alles in der Gesamtheit an. Alles Geschehen, jede Aktion, zieht eine Reaktion nach sich. Alles bedingt einander.

Man könnte das auf eine erotische Studie ausweiten. Aber das machen wir beim nächsten Mal – Wendelin, stellen Sie sich vor, ich bin eine gute Fee und sie haben drei Wünsche frei. Was wären ihre Wünsche?“

„Dass Sie sich wünschen, mit mir nach Australia zu reisen. Und nicht nur, um die Orte der Austragung der Olympischen Spiele zu sehen.“

Spontan war dieser Wunsch ausgesprochen.

„Das war nur e i n Wunsch. Sie haben noch zwei offen.“

„Hm, ja, und ich soll nun an ihre Zauberkraft glauben. Ich spreche einen Wunsch aus, und Sie erfüllen ihn?“

„Meine Möglichkeiten haben Grenzen. Innerhalb dieser Grenzen befinden wir uns in einem Areal, in dem wir einiges bewirken können. Wir benutzen dazu Energien und die Signale aus dem Unbewussten, aus dem Bauch, wenn Sie so wollen. Dann geschehen Dinge, die unsere Vorfahren mit ‚Berge versetzen’ bezeichneten. Auch das basiert auf der, vielleicht weiblichen, Logik.“

„Also, wenn ich Sie richtig verstanden habe, sagen Sie damit, dass ich mir selber den Wunsch oder die Wünsche erfüllen muss.“

„Ich darf Sie noch mal darauf hinweisen, lieber Wendelin, dass Sie überhaupt nichts müssen. Sie können und sie dürfen. Aber Sie müssen nicht. Meine Aufgabe als Fee sehe ich darin, Ihnen bei der Erfüllung Ihrer Wünsche behilflich sein zu dürfen, indem ich versuche, mit Ihnen gemeinsam herauszufinden, was Sie wirklich wollen und Sie zum Beispiel am Anfang begleite. Später können Sie dann alleine gehen.“

„Dass ich noch so viel zu lernen habe, ist mir bisher nicht bewusst gewesen. Nun habe ich ihre Rolle übernommen, indem ich neugierig und sehr interessiert bin an Ihrem Leben.“

„Ich habe eine Idee. Sie überlegen sich zwei Wünsche für unsere nächste Begegnung. Dann sehen wir weiter. Abgemacht?“

„Abgemacht!“

Wanda war etwas müde, heute will sie nicht über ihr Leben reden. Geschickt bringt sie das Gespräch auf die Bundeskunsthalle, wo die unterschiedlichen Ausstellung zu sehen sind.

Während der Heimfahrt reden Wanda und Wendelin wenig miteinander. Kurz vor der letzen Biegung, vor der Senioren Residenz, von wo aus die Straße nicht einsehbar ist, verlässt Wanda das Auto. Sie will den letzten Rest des Weges laufen. Ein wenig frische Luft tut ihr gut. Und beide wollen ihre Freundschaft in der Privatsphäre eingebettet wissen. Vorerst jedenfalls. Wanda entscheidet sich, wie meistens, die Treppen zu nehmen. Bis zur ersten Etage schafft sie die Stufen mühelos. Außerdem hält das Treppensteigen sie fit. Das Klappern des Geschirrs sagt ihr, dass das Essen noch nicht begonnen hat. Es wird aufgetragen. Sie ist also noch pünktlich.

CHRISTIAN

Die Hälfte der Stufen hat sie hinter sich und plötzlich hört sie ungewohnte Laute, ein Wimmern. Jemand weint, röchelt. Das kommt von der oberen Treppe, die zur zweiten Etage führt. So schnell es geht steigt sie weiter die nächsten Stufen hoch. Nun sieht sie eine Gestalt am dem Boden liegen.

Es ist Christian. Er lebt seit achtzehn Jahren hier. Von der Schwester hatte Wanda erfahren, dass Christian bei der Geburt eine irreparable Schädigung des Gehirns davongetragen hatte.

Seine Mutter hatte ihn sehr geliebt und vor ihrem Tode mit Schwester Anja die Vereinbarung getroffen, den nächsten Platz für ihren Sohn zu reservieren. Das war vor achtzehn Jahren geschehen. In einer Behinderten Werkstatt hatte er einige handwerkliche Fähigkeiten erworben, die er hier anwenden konnte. Er half in der Waschküche, ordnete im Keller die Regale und beim Service in der Küche. Alle mochten ihn. Er war hilfsbereit und fröhlich und dankbar für ein gutes Wort. Zigaretten liebte er. Für seine kleinen Dienste wurde er mit seiner „Lieblingsnahrung Schokolade“ von den Bewohnern entlohnt. So hatte er seine feste Position im Seniorenheim.

Endlich erreicht sie ihn. Verzweifelt versucht Christian mit einer Hand nach einem Halt zu greifen. Atemlos kniet Wanda neben Christian nieder, nimmt seine Hand in ihre und hält sie ganz fest.

Spontan wird ihr bewusst, dass hier ein Mensch, Christian, im Sterben liegt und Hilfe braucht. Was kann sie tun? Verzweifelt sucht sie jemanden, der sich um ihn kümmern könnte. Niemand ist da.

Das Wimmern von Christian, den sie nur durch wiederholte Begegnungen kennt, löst eine Aktivität in ihr aus und lässt sie unbewusst handeln.

„Christian, ich bin bei dir. Sei ganz ruhig. Alles wird gut.“ Sie streicht ihm übers Haar, das ihm in nassen Strähnen in die Stirn fällt. Dann streichelt sie auch über sein Gesicht. Mit angstgeweiteten Augen schaut Christian sie an. „Christian, ich bin ja da.“

Dann versucht Wanda Hilfe herbei zu rufen. „Hilfe! Bitte helfen sie! Hilfe. So helft mir doch.“

Niemand rührte sich. Niemand hört ihre Rufe.

‚Was kann ich nur machen?’ flüstert Wanda leise. Dann redet sie ruhig auf Christian ein. „Alles wird gut. Christian, kannst du mich hören?“

„Lass mich nicht allein. Bleib bei mir“, es war nur ein leises, mühevolles Flüstern.

„Christian, ich bleibe bei dir. Alles ist gut. Christian, ich bin bei dir.“ Wanda bettet seinen Kopf auf ihren Schoss. Dann nimmt sie seine Hand in ihre. Sie streicht über sein Gesicht.

Die Hand von Christian entspannte sich. Doch Wanda hält sie fest als könne sie ihre Energie auf Christian übertragen.

Wanda legt ihre Finger an die Halsschlagader um seinen Puls zu tasten. Vergeblich. Dann legt sie ihre Hand auf seine Brust. Ein letzter tiefer Seufzer, sein Herz hat aufgehört zu schlagen. Alles Leben hat seinen Körper verlassen. Seele und Körper haben sich getrennt. Christian ist tot. Und obwohl sie das spürt, will sie es nicht wahr haben. Umständlich zieht sie ihre Jacke aus und deckte ihn zu. Vorsichtig hebt sie seinen Kopf und schiebt ihren Schal als Kissen darunter. Sie steht auf und schaut sich suchend um, aber niemand ist zu sehen. Dann kniet sie neben Christian streicht noch einmal über sein Gesicht und seine Hand.

Leise betet sie, dass die Engel ihn geleiten, ins Licht, in die andere Dimension.

Um diese Zeit ist so etwas wie Rushhour im Haus. Die Schwestern und Helferinnen führen die Bewohner, die alleine nicht gehen können, zu den Tischen. Dann helfen sie beim Essen. Alle Bewohner und das Personal befinden sich im Speiseraum.

Für die Bewohner hier besteht Essen zu einem der wenigen Highlights des Tages. Während des Essens kann man der Einsamkeit im Zimmer entfliehen, bevor der Tag zu Ende geht.

„Es ist eine ungünstige Zeit, zum Sterben, Christian.“

Plötzlich denkt Wanda an Wendelin. Wo ist er geblieben? Er musste doch längst sein Auto abgestellt haben und ins Haus gekommen sein.

Sicher hatte er den Lift genommen.

Noch einmal streicht sie über Christians Wangen.

Dann geht alles sehr schnell. Sr. Anja und Sr. Paula stehen plötzlich neben ihr. Sie hat das Kommen der Beiden nicht bemerkt. Sie ist weit weg, bei Christian.

Behutsam nimmt Sr. Anja die Hand von Wanda und führt sie in ihr Zimmer während Paula sich um Christian kümmerte. Wanda setzt sich auf einen Stuhl. Langsam lässt die Spannung nach und ein erlösendes Weinen lässt ihre Muskeln entspannen. Nach einer Weile kehrt Wanda wie aus einer Ohnmacht zurück ins Hier und Jetzt.

„Tief einatmen, ja das hilft. Sie haben einen leichten Schock erlitten. Ganz ruhig“, wohltuend hört sie die Stimme von Schwester Anja.

„Soll ich Ihnen etwas zum Essen besorgen?“

Schwester Anja bringt Tee und eine Scheibe Brot mit Käse.

„Sie können mich aber nun alleine lassen. Ich bin okay. Danke für alles, Schwester Anja.“

„Meine Gedanken begleiten ihn auf seinem Weg. Das habe ich ihm versprochen.“

Schwester Anja drückte die Hand von Wanda. „Er war ein Kind Gottes, so haben wir ihn immer gesehen.“ Mit diesen Worten und einem beruhigen Lächeln verlässt Schwester Anja das Zimmer.

Sie spürt, dass Wanda jetzt alleine sein will. Sr. Anja hat seit über vierzig Jahren ältere Menschen begleitet, ist ihnen nahe gewesen. Hat die Angehörigen oft getröstet, wenn Mutter oder Vater gestorben waren. Dabei hat sie eine Sensibilität entwickelt, die es ihr ermöglicht, in entscheidenden Situationen einfühlsam zu reagieren.

Wanda schiebt einen Stuhl in die Nähe des Sessels, um ihre Beine darauf zu legen. Sie setzt sich hin und schließt die Augen.

Was für ein Tag.

Es war das erste Mal gewesen, dass sie den Tod so nahe erlebt hatte. Jacob war im Krankenhaus gestorben und so hatte sie sein Sterben, sein Letztes auf dieser Welt, nicht erlebt. Er hatte mehrere Tage im Koma gelegen und sie war tagsüber und viele Nächte bei ihm gewesen. Sie hatte neben seinem Bett auf einem Sessel geschlafen. Die Ärzte hatten gesagt, sie solle nach Hause gehen und sich ausruhen. Eine Stunde nachdem sie gegangen war, war er dann gestorben. Vielleicht hatte er es so gewollt.

Vorhin hat sie dem Tod von Angesicht zu Angesicht gegenüber gestanden. Sie hatte ihn direkt erlebt. Nun empfand sie das Sterben anders.

Plötzlich glaubt sie ein Geräusch zu hören. Sie öffnete die Augen. Vor ihr steht Wendelin und nimmt sie ganz fest in seine Arme. Sie hat sein Klopfen nicht gehört.

„Wanda, soviel ist geschehen, seit wir uns verabschiedeten. Und doch sind erst weniger als hundert Minuten vergangen.“

„Oh Wendelin, ich hatte mir vorhin so gewünscht, dass du kommst.“

Wanda setzte sich auf die Couch und Wendelin nimmt im Sessel, ihr gegenüber Platz.

„Wenn du nicht zu müde bist, würde ich gerne erfahren, wie und was alles geschehen ist.“

„Ich hole uns einen Wein?“

Wendelin nickt zustimmend.

Unbemerkt, wie selbstverständlich, waren sie zum Du übergegangen. „Auf Christian, dass er eine gute Reise hat.“

„Es ging alles sehr schnell. – Ich glaube, es war gut, dass ich bei ihm war. Er wollte nicht alleine sein.“

„Ich habe ihn kaum gekannt da ich ja noch nicht so lange hier bin. Er hatte eine Behinderung, wie ich hörte.“

„Er war ein ‚Kind Gottes’ wie Sr. Anja es nannte. Das ist wohl eine sehr passende Formulierung, denn er war ein fröhlicher Mensch.“

„Nun endet dieser erste gemeinsame Tag mit einem so traurigen Ereignis.“

„Es ist eigentlich nicht so traurig. Christian ist seiner Bestimmung entgegen gegangen. Wir beide sind uns näher gekommen. Lass’ es uns von dieser Seite sehen. Alles hat eine Bedeutung. – Es ist mir bestimmt gewesen, heute bei Christian zu sein, damit er nicht alleine war. Und das gibt mir ein gutes Gefühl. Es ist größer als Traurigkeit. Ich kann in seinem Tod sogar etwas wie Freude für ihn empfinden, Freude darüber, dass er sein Ziel erreicht hat. Er hat nun keine Angst mehr.“

„Welch ein Zufall, dass du die Treppe genommen hast und nicht den Lift. Wahrscheinlich hätte man ihn erst gefunden, als er schon tot war.“

„Ich glaube nicht an Zufälle. Damit kann ich nichts anfangen. Alles hat einen Sinn, alles unterliegt einer Bestimmung. Oder man kann auch sagen, es war eine meiner Aufgaben in diesem Leben, Christian beim Abschied zu begleiten. Ich habe ein so gutes Gefühl im Nachhinein, dass ich es sein durfte, die bei ihm war. Es gibt mir ein friedvolles, dankbares Gefühl.“

Sie schweigen beide.

Wanda ist plötzlich sehr müde. Sie hebt ihr Glas. „Wendelin, trinken wir auf diesen Augenblick, den wir gemeinsam erleben.“

Wendelin hebt sein Glas und leert es. Dann verabschiedet er sich. Es war ein erlebnisreicher Tag. Auch er spürt nun, nachdem er mit Wanda gesprochen hat, eine kaum zu unterdrückende Müdigkeit aufsteigen. Beide schlafen ganz bald ein. Jeder in seinem Zimmer und doch spüren beide die Nähe des anderen.

Im Traum geht Wanda durch einen langen, dunklen Tunnel. Sie sieht das Licht am Ende des Tunnels. Aber sie muss umkehren. Es ist nicht ihr Weg. Noch nicht. Sie läuft zurück, immer schneller. Plötzlich ist es kein Tunnel mehr. Es ist ihr Strand. Sie steht vor ihrem Haus in Fort Lauderdale. Die Türe ist angelehnt und sie geht hinein. Aus dem großen Spiegel im Eingang lächelt ihr eine junge Frau entgegen. Welcome at home.

Unruhig dreht sie sich im Bett. Sie schläft wieder ein. Sie träumt erneut. In einem Boot fährt sie durch eine enge, dunkle Schlucht zwischen zwei Felsen hindurch. Ein Jeep hält auf der anderen Seite der Felsen. Ein Mann kommt auf sie zu. Das offene Meer liegt vor ihr. Sie verlässt das Boot und geht über schwarzen Kies. Bis zu den Fußgelenken versinkt sie im Wasser. Sie schaut sich um. Einer der beiden Männer, die mit dem Jeep kamen, versinkt im schwarzen Kies. Nur noch sein Kopf schaut heraus. Sie hat Angst, läuft immer schneller bis sie einen steilen, grasbewachsenen Hang erreicht. Mühevoll zieht sie sich an den Grasbüscheln hoch. Oben ist eine Straße. Dort muss sie hin. Menschen in indischen Gewändern gehen lachend über diese Straße. Sie muss diese Straße erreichen. Dort kann sie leben. Nur nicht zurück, dort unten ist der Tod. Mühevoll versucht sie, sich die letzten Meter hoch zu ziehen. Doch die Grasbüschel reißen. Nun versucht sie rechts neben sich andere Grasbüschel zu fassen. Ihre Finger umklammern ein Stück Holz, das fest im Boden steckt. Es ist eine Wurzel. Sie hält sich daran fest. Es ist einfacher, seitwärts höher zu steigen. Noch einmal nimmt sie die verbleibenden Kräfte zusammen. Nur nicht nach unten schauen. Die Gedanken arbeiten fieberhaft. Hoch, ich muss hoch. Nur Zentimeter trennen sie vom Straßenrand. Ich muss dort oben einen Halt finden. Den Fuß zwischen Wurzel und Boden klemmen. Sie erwacht. Ihr Puls rast. Sie wäre so gerne dort oben angekommen!

Noch lange liegt sie wach – - – Sie ist müde von der Anstrengung, denn es war ein energieraubender Weg.

Sie steht auf und macht sich kurze Notizen über den Traum. Auf dem Tisch steht ihr Glas vom Abend. Den letzten Schluck Wein trinkt sie aus, und dann legt sie sich erneut ins Bett. Sobald sie den Kopf auf das Kissen legt, den Geruch ihres Haarsprays auf dem Kissen riecht, kehren die Bilder des Traumes wieder, etwas schwächer jetzt, aber doch noch deutlich genug, um sie am Einschlafen zu hindern. Sie riecht das Gras. Wird sie in einem neuen Traum die Straße erreichen?

Was ist geschehen?

Wanda hat Wendelin in der letzten Woche nicht gesehen. Ohne eine Nachricht für sie, Wanda, zu hinterlassen, ist er verschwunden. Sicher könnte sie von der Schwester erfahren, wo er so plötzlich abgeblieben ist. Aber sie will keineswegs das Interesse der anderen auf sich lenken. Und trotzdem, sie muss etwas tun. Denn sie vermisst Wendelin. War er denn schon so wichtig geworden? Na gut, zuerst telefoniert sie mit Ihrer Freundin Anna. Sie verabredet sich zu einem gemeinsamen Nachmittag. Es gibt so vieles zu besprechen. Da ist die Sache mit Christian. Die hat Wanda zwar überwunden, aber mal sehen, welche Bedeutung Anna darin sieht. Dann müssen sie über Träume sprechen und Anna wird auch noch ihre Gedanken zu anderen Gesprächsbereichen einbringen wollen. Sie haben viel zu lange nicht miteinander kommuniziert. Die Zeit fliegt.

‚Aber zuerst möchte ich doch sehr gerne wissen, wo Wendelin sich aufhält. Sollte ich denn zu viel an weiblicher Erwartungshaltung eingebracht haben?’

Immer öfter denkt Wanda an Wendelin. Sie wünscht ihn herbei. Nicht, dass er Anna ersetzen könnte. Das sind zwei Menschen, die in unterschiedlicher Form wichtig sind. Sie ergänzen sich. Ja, für Wanda bedingen sie sich sogar in der Form der emotionalen Intelligenz. Die Gelassenheit, die Anna ihr vermittelt, braucht sie nun. Wendelin hat eine andere Bedeutung. Das Treffen mit ihm hat eine Seite in Wanda berührt, die eigentlich ganz unpassend zu ihrem Alter ist. Auch das muss sie mit Anna besprechen, ob es möglich ist, sich noch einmal verlieben zu können?

‚Wo Wendelin nur sein mag?’ Er ist so vertraut, als würde sie ihn aus einem anderen Leben kennen …

Das Klingeln des Telefons weckt Wanda aus ihren Gedanken.

„Wanda, ich bin in London. Es ist wegen meines Sohnes Marcel.“ Pause.

„Wendelin, was machst Du in London? Ich verstehe das nicht. Wieso warst Du plötzlich und ohne mir etwas zu sagen weg? Was ist geschehen?“ Als sie keine Antwort erhält, redet sie einfach weiter.

„Geht es Dir gut?“

„Ich komme morgen zurück. Der Flieger landet um 11.05 Uhr. Wir sehen uns dann.“

„Möchtest Du dass ich Dich abhole?“

„Ja, ich wünsche mir, dass Du mich abholst. Bis morgen dann.“

Eine fremde Stimme hat zu ihr gesprochen. Und doch war ein Hauch, ein Unterton, der vertraut war. Und ganz viel Traurigkeit. Unendliche Traurigkeit.

Wanda schaut dem Sekundenzeiger zu, wie er sich nur langsam vorwärts zu bewegen scheint. Es sind dies die Momente, da man glaubt, die Zeit habe aufgehört sich ihrer Gesetzmäßigkeit zu unterwerfen. Man glaubt, sie stehe still.

Heute Nachmittag wird Wanda den Bewohnern eine Geschichte vorlesen. Die Geschichte von den roten Schuhen. Hinterher wird es zu einem Gespräch kommen, das Wandas ganzen Einsatz fordert.

Dann wird es nur noch eine Nacht der Ungewissheit geben. Sie ist erleichtert. Obwohl sie ahnt, dass Wendelin sich einer schwierigen Sache in London stellen musste.

Wanda glaubt, einen weiteren Part ihrer Bestimmung erfüllen zu müssen. Mit dem Älterwerden hat sie gelernt, bestimmte Signale aus dem Unbewussten zu erkennen. Über die Meditation erlangt Wanda eine tranceähnliche Entspannung. Intuitiv reagiert sie. Blitzartig erlebt sie Visionen. Es dauert meist eine Weile bis sie diese einzuordnen in der Lage ist. Die Gewissheit, dass unser menschliches Dasein kosmischen Gesetzen unterliegt, lässt dem eigenen Entscheidungsraum dennoch einen Freiraum. Diese Visionen erfordern ihre ganze Energie, hinterher fühlt sie sich total erschöpft.

Dieses Spiel, in Form einer ständigen Herausforderung, wird niemals enden. Es gilt, jeden Augenblick bewusst zu leben. Die Schattenseiten in uns gehören zum Ganzen, machen den Menschen in seiner Persönlichkeit erst liebenswert. C.G. Jung hat darauf hingewiesen, dass es wichtig ist, seine Schattenseiten anzunehmen.

WIEDERSEHEN

Wanda steht vor dem ‚Board of Arrival Flight 8235 landed.’

Gedanken schießen durch ihren Kopf, denen sie nachgeben möchte, sie möchte weglaufen. Zu spät, Wendelin tritt durch die Schiebetüre und sogleich begegnen sich ihre Augenpaare.

„Wer ist dieser Wendelin, dass er mir so vertraut ist?“ – kurzer Gedankensprung, wirbelt durch Wandas Kopf. „Es ist gut, dass Du da bist.“

„Wie war der Flug? Hast du wenigstens unser Wetter vermisst?“

Sie gehen schweigend zum Auto. Als das Gepäck im Kofferraum verstaut ist und Wanda zur Autobahn heraus fährt, beginnt Wendelin zu sprechen.

„Wanda, zuerst einmal sorry, dass ich dir nicht mitgeteilt habe, dass ich nach London fliege. Es ging alles ziemlich schnell. Trotzdem, es ist keine Rechtfertigung. Ich versuche zu erklären, auch mir selber gegenüber, warum ich dich nicht informierte. Ich wollte zuerst Gewissheit haben, was wirklich geschehen war. – Ich bekam einen Anruf in der Nacht vom Police Department Headquaters in London, wobei man mir mitteilte, dass mein Sohn tödlich verunglückt sei. Ich glaubte kein Wort. Wie im Schock buchte ich den nächsten Flug nach London. Natürlich wäre mir Zeit geblieben, dich zu verständigen. Aber ich wollte keinen Menschen sehen. Nicht reden, nicht in Erwägung ziehen müssen, was, wenn … Ich wollte nur alleine sein.“

„Ja, ich verstehe. Wendelin, erzähle mir nur das was du möchtest und wann du es möchtest. Lass uns versuchen, eine Freundschaft auf dieser Basis entstehen zu lassen. – Ich würde nun gerne mit dir ein Café aufsuchen bevor wir ins Haus fahren. Was meinst Du dazu?“

„Ich erlebe ein Gefühl der Geborgenheit, jetzt, da ich mit dir zusammen bin.“

Im Café hat Wanda die Bestellung aufgegeben. Heute ist es so ganz anders als beim ersten gemeinsamen Treffen außerhalb des Hauses.

Wanda erzählt, wie sie den Nachmittag mit den Bewohnern verbracht hat. Sie hatte die Geschichte von den roten Schuhen erzählt und die Frauen waren wieder zurückversetzt in ihre Jugendzeit, waren wieder kleine Mädchen, Teenager geworden. Sie hatten ihre Bedürfnisse und Wünsche aus ihrer Kinderzeit neu empfunden. Nicht wenige der „Mädchen“ hatten den großen Wunsch gehabt, einmal rote Schuhe zu besitzen. Heute hatten sie ihre Gebrechen und Krankheiten vergessen. Die Gegenwart war für die Bewohner mit der Vergangenheit ausgefüllt worden. Alle ließen sich in eine Märchenwelt führen, die eigenen Träume neu erleben.

Niemand hat bemerkt, dass Wanda eigentlich egoistisch ‚Zeit füllen’ musste, um das Warten auf Wendelins Kommen zu verkürzen. Das alles erzählt Wanda nun. Mit keinem Wort berührte sie sein Erlebnis in London. Er lächelt sie an. Und das genügt.

Am Abend kommt Wendelin, wie damals, als Christian gestorben war, zu Wanda. Damals, das war vor zehn Tagen.

„Gibt es noch eine Flasche Wein für uns beide? Ich denke, der Anlass rechtfertigt einen guten Tropfen.“

Er hört sich selber reden, so als stände er außen vor. Das waren doch nicht seine Worte! Es klang so, als gäbe es etwas zu feiern! Wie absurd! Wie ein Echo hallt das Gesprochene in seinem Kopf, „rechtfertigt“, hatte er wirklich „rechtfertigt“ gesagt?

Wanda gibt Wendelin die Flasche zum Entkorken und stellt zwei Gläser bereit.

Als der Wein in den bauchigen Kelch fließt und ihn zu einem Drittel mit seinem warmen Rot füllt – durch den Schein der Kerze wird die Farbe noch um eine Nuance dunkler – beginnt Wendelin zu sprechen. Etwas Feierliches erfüllte den Raum.

MARCEL

„Mein Sohn ist tot. Ich fühle mich an seinem Tode mitschuldig. – Als kleiner Junge war er ein Sonyboy. Den ersten Schmetterling sah er im Frühjahr. Und die einzige Sonnenblume, die aus dem Samen erblühte, wuchs in seinem Topf. Der Frosch, den er im Bach gefangen hatte, quakte zu seinem Vergnügen, wenn er ihn rief. Der Bussard kreiste über ihm, sobald er in den Wald ging. Die Enten im Teich hatte er dressiert, dass sie über eine Leiter hintereinander liefen und morgens auf dem Dach eines niedrigen Schuppens ihre Körner holten. Hund Robby und Kater Hermann liefen ihm entgegen, wenn er aus der Schule nach Hause kam. Er investierte viel Zeit, die Tiere zu versorgen, sie vertraut zu machen. Ein Rabe weckte ihn morgens in seinem Bett, wenn sein Fenster geöffnet war. Geduldig wartete der Rabe, pickend und lärmend, zerkratzte die Tapete hinter dem Kopfende seines Bettes, was der Mutter nun gar nicht gefiel, bis Marcel sich endlich reckte und wach wurde. Dann holte Marcel Brotkrümel und fütterte seinen Raben. In der Schule hatte er keine nennenswerten Probleme. Seine Mutter unterstütze seine Aktivitäten. Sie war sehr stolz auf ihren Sohn. Wir liebten ihn beide sehr. In der Pubertät gab es zwischen meinem Sohn und mir schon einige disharmonische Situationen. Aber da ich sehr häufig unterwegs war, wurde der Machtkampf zwischen uns beiden nie ausgetragen. Als meine Frau starb, war Marcel gerade achtzehn geworden. Der Tod seiner geliebten Mutter hatte ihn aus der Bahn geworfen. Mit diesem Tag war er erwachsen geworden. Seither gab es den unbekümmerten Jungen nicht mehr. Ein Hauch von Vorwurf mir gegenüber am Tode der Mutter Schuld zu haben, glaubte ich bei ihm zu spüren. Es war wohl eher Verzweiflung und Schmerz über den Verlust eines so sehr geliebten Menschen. Das Band zwischen meinem Sohn und mir war empfindlich dünn geworden und hatte seine Elastizität von Verstehen und Vertrauen verloren. Jahre waren vergangen. Marcel hatte seine Karriere als Banker gemacht. Er hatte in New York, Paris und Zürich Erfahrungen gesammelt und lebte nun seit drei Jahren in London. Erst vor einem Jahr hatte ich ihn in England besucht und während eines gemeinsamen Wochenendes haben wir Nähe für einander gespürt und herausgefunden, dass wir um den gleichen Menschen geweint hatten. Seine hübsche Freundin Angela habe ich während eines Dinners erlebt. Sie war sehr zurückhaltend, jedoch auch sehr selbstbewusst. Seit diesem Wochenende hatten wir ein neues harmonisches Miteinander. Ich habe dort meinen Sohn wiederbekommen. Ein neues Gefühl für Marcel war entstanden. Mir gegenüber stand ein Mann, kein Kind mehr, ein Mensch, dessen Nähe ich spürte, der in meinen Gedanken einen festen Platz einnahm. Ich glaubte, ihn zu kennen, weil er ja mein Sohn war. Wie einfach hatte ich es mir gemacht. Wie wenig habe ich wirklich von ihm gewusst. Und doch, auch wenn ich nur einen Teil von ihm kannte, so wurde nun mit seinem Tod ein Stück aus mir herausgeschnitten. Wie mit einem Skalpell säuberlich herausgetrennt. Ähnlich wie damals, als ich meine Frau verlor. – Und immer wieder steht der Mensch vor dem ewigen Alleinsein.“ Die letzten Worte flüstert Wendelin leise, als spräche er zu sich selbst.

Es ist ganz ruhig. Eine Stille, die der Würde des Augenblickes angemessen ist und nicht verletzt werden darf.

Wanda weiß, sie muss diese Stille ertragen. Sie scheint endlos.

Erneut beginnt Wendelin zu sprechen: „Man hat ihn in seinem Office gefunden. Er hatte sich mit einer Pistole in den Kopf geschossen. – Das große WARUM steht im Raum. Die Antwort bleibt offen. Ich werde viel Zeit benötigen, um herauszufinden, wo mein Part in diesem Spiel beginnt und endet. – Nichts habe ich über ihn gewusst. Wie weit entfernt waren wir uns, dass er mit seinen Sorgen nicht zu mir kommen konnte. Wie verzweifelt muss er gewesen sein – Am Ende habe ich als Vater total versagt.“

Wieder ist es still geworden. Wanda ist erschüttert. Mitgefühl und Hilflosigkeit lassen sie vergebens nach Worten suchen.

Was kann ein Mensch in einem solchen Augenblick einem anderen Tröstliches sagen? Was kann man überhaupt sagen?

Wanda sieht Wendelin hilflos an. Stumm versucht sie ihr Mitgefühl aber auch ihr Entsetzen auszudrücken.

Dann hörte sie Wendelin sagen: „Sorry, ich habe dir einen Schock versetzt. Sorry, Wanda. Vielleicht hätte ich nach besseren Worten suchen sollen. – Ich hatte einige Tage Zeit, um mich mit dem Unabänderlichen abzufinden, jedoch für dich ist es sehr plötzlich …“ –

„Es tut mir so entsetzlich leid.“

Wanda geht zum Fenster und öffnete es. Die kühle Luft tut ihr gut. – Sie friert obwohl die Sonnenstrahlen ihre nackten Arme wärmen.

Dann dreht sie sich um und geht zu Wendelin hin. Stumm umarmt sie ihn. So stehen sie lange als suche der eine bei dem anderen Halt. Als sie sich von einander lösen, spürte Wanda wie sich auch die Spannung in ihr langsam löst.

„Wie wenig ist doch der Mensch im Vergleich zur Unendlichkeit, was bleibt ist ein Nichts – und doch, wie viel ist er im Vergleich zum Nichts! – Es ist Alles! Der Körper löst sich auf, vergeht. Was bleibt, sind die Spuren der Liebe. Wir bleiben zurück mit unserem Gefühl, das ist die Verbindung. Trauer wird abgelöst von Erinnerungen. Alles was begonnen hat, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Wenn zwei Menschen einander lieben, entstehen Gefühle für einander. Es ist etwas geschehen, was durch nichts mehr ungeschehen gemacht werden kann. Emotionen können sich verändern, zur Erinnerung werden, aber sie können nicht verloren gehen.

Dieser Tod hat außer der Trauer, die bei dir ausgelöst wurde, eine Bedeutung. Es wird nun nichts mehr so sein wie vorher. Wenn du magst, versuchen wir gemeinsam die Bedeutung dieser Tatsache für dich zu erkennen und die Veränderung in eine Richtung zu bringen, die deine Bestimmung sein könnte. Du siehst, ich glaube ganz fest an Aufgaben, die wir wahrzunehmen haben in diesem Leben. Wenn du das erkennst und annimmst, wird die Zeit deine Verbündete werden. Gemeinsam mit ihr wirst du immer mehr erkennen, wohin dein Weg führt. Du bist nur dir selber gegenüber verantwortlich. Das beinhaltet, dass du dir selber verpflichtet bist, dich zu lieben und so anzunehmen, wie du bist. Wenn es möglich ist, respektiere die Entscheidung deines Sohnes, die er für sich getroffen hat, ohne dass du dabei Schuldgefühle empfindest. Es gibt keine Schuld. Schuld und Angst sind Monster und Killer, sie haben keinen Nutzen. Wir haben kein Recht, jemandem oder gar sich selber, Schuld’ zuzusprechen, für etwas, was wir nicht verstehen. Aber es gibt die Verantwortung. Schuldzuweisung ist auch immer Rechtfertigung und aus einem destruktiven Verhalten entstanden. Konstruktiv sein, heißt, annehmen und einen neuen Weg finden. Denn, der Weg ist das Ziel. Auch weiterhin. Wir dürfen klagen und fragen und zweifeln und trauern. Aus diesen unterschiedlichen Phasen entstehen konstruktive Ansätze zur positiven Weiterentwicklung.“

„Eines kann ich annehmen. Das eine Veränderung begonnen hat. Aber mit der Schuld, da habe ich ein Problem. Verantwortung zu haben bedeutet doch gleichzeitig auch Schuld zu übernehmen. Das eine ist mit dem anderen verknüpft.“

„Verantwortung ist begrenzt. Es wäre vermessen, zu glauben, ein Mensch könne die totale Verantwortung für einen anderen übernehmen. Jeder Mensch hat durch die Tatsache, mit einem freien Willen geboren zu sein, auch die Verantwortung für seine Entscheidungen übernommen, ja übernehmen müssen. Du und ich, haben die Verantwortung für unser Handeln. Und den Respekt vor dem Anders-Sein des Anderen. Und mit diesem Respekt grenzen wir uns ab. Deine Trauer gehört dir. Dein Sohn hat eine Entscheidung getroffen, die du annehmen musst. Ich habe den Respekt vor deiner Trauer. Ich spüre deinen Schmerz und stehe hilflos dem Geschehen gegenüber. Was mir bleibt ist die Möglichkeit, über Schuld mit dir zu sprechen. Heute oder irgendwann. Ich kann meine Gefühle nicht auf dich übertragen. Aber ich kann mit dir über Dinge reden, die mich berühren, weil sie eine große Bedeutung für dich haben. Dein Sohn hat den Suizid gewählt. Es war seine Entscheidung. Nun ist es an Dir, ihm deinen Respekt zu erweisen. Deine Aufgabe kann es sein, das Geschehene anzunehmen. Auf ein WARUM wirst du keine Antwort finden. Annehmen ist der einzige Weg für dich und für ihn, Frieden zu finden.“

„Wanda, das was du sagst, birgt eine Logik in sich. Aber ich weiß nicht, ob ich es annehmen kann. Es ist alles so unverständlich, so endgültig. Ich will versuchen, zu verstehen.“

„Du wirst ihn nicht verstehen können. Und er konnte nicht anders handeln, als er tat. Du musst ihn nicht verstehen. Versuche, seine Entscheidung anzunehmen, sie in dein Leben zu integrieren. Du hast Zeit. Sprich mit ihm. Er ist noch nicht so weit weg. Er braucht dich und deine Liebe.“

„Was meinst du mit, ‚nicht so weit weg’?

Es folgte eine längere Pause.

„Ich denke, seine Seele ist noch in der Nähe. Es ging alles zu schnell. Die Trennung von Körper und Seele wurde zu schnell vollzogen. Die Seele sucht ihren Weg in die andere Dimension. Sie braucht dein liebevolles Wort, damit sie sich lösen kann. Gib ihn frei, lass ihn los.“ Wendelin nimmt Wandas Hand in die seine und hält sie ganz fest. Seit Tagen hatte es in seinem Innern getobt. Verzweiflung, Wut und Trauer lösten einander ab. Nur für Minuten. Dann wieder tobten diese Gefühle wild durcheinander, alle gleichzeitig. Er war in einem Raum eingeschlossen, aus dem keine Türe nach draußen führte. Und immer stieß er mit seiner Frage ‚Warum’ an Grenzen, es gab keine Antwort. Ja, er wollte ihn festhalten, ihn fragen, ihm etwas sagen. Er wollte nicht hinnehmen, dass es ihn nicht mehr gab.

Nun, mit Wandas Worten, schien sich eine Türe zu öffnen, ein Lichtstrahl fällt in den dunklen Raum, in dem er sich seit Tagen befindet. Er braucht nun nur noch heraus zu treten ins Sonnenlicht. Die Türe in seinem Innern ganz öffnen und die dunklen Gedanken zurücklassen, loslassen. Auch seinen Sohn, Marcel, muss er loslassen. In diesem Licht kann er zu neuen Perspektiven finden, sein eigenes Leben neu ordnen. Das heißt, keine Fragen mehr, kein Suchen nach einer Antwort. Nur Loslassen, ruhig werden. Der inneren Stimme lauschen, die zu seinem Kind spricht.

„Geh’ du deinen Weg. Ich bin bei dir.“

ANNEHMEN OHNE WARUM

Er atmete tief, ein und aus, ein und aus. Der Beginn einer wohltuenden Gelassenheit entspannt Körper und Psyche. Wendelin spürt irgendwo im Innern, so etwas wie Ruhe und gleichzeitig eine tiefe Müdigkeit für diesen Moment. Was Wanda gesagt hat, scheint sein Inneres erreicht zu haben. Er überlässt sich seinem starken Bedürfnis nach Frieden, ja, er lässt los. Und plötzlich übermannt ihn das ganz natürliche Bedürfnis, einfach auszuruhen.

„Glaubst du an Reinkarnation?“

Von weither hört er die Stimme. „Wanda, ich würde gerne ein andermal mit dir darüber sprechen. Ich bin so müde“

SÜD AFRIKA

Den November muss man mögen. Oder aber man lehnt ihn total ab. Wenn Sehnsucht nach warmen Ländern unruhig macht, das Rauschen des Meeres in den Ohren hallt, bei Vollmond das Wasser des Ozeans im Silberglanz erscheinen lässt, dann heißt es, das Weite suchen. Denn es gibt diesen November.

Sich an der Natur orientieren. Nicht alle Vögel bleiben während des Winters in kalten, vertrauten Gefilden. Viele nehmen die Strapazen einer sehr langen, gefahrvollen und erschöpfenden Reise auf sich, um die Wärme der Sonne auch während der Winterzeit zu spüren …

Ein wichtiger Mensch in Wandas Leben formulierte es so:

„Die Vögel verlassen uns. Sie ziehen gen Süden. So werde auch ich mein Bündel schnüren, der Sonne entgegen gehen …“

Es kann wunderbar sein, im November vom vertrauten Gurren der heimischen Taube am südlichsten Zipfel von Afrika geweckt zu werden. Oder den lautlosen Flügelschlag des Milan zu beobachten, der im nächsten Sommer wieder im Norden sein wird. –

Das Geräusch der Motoren wirkt einschläfernd. Wanda hat eine bequeme Position gefunden, sie möchte nun schlafen. Nachdem der Flieger seine vorgesehene Höhe erreicht hat, das Essen abgeräumt ist und die Stimme des Kapitäns durch den Lautsprecher in unterschiedlichen Sprachen einen angenehmen Flug wünscht, wird es ruhig in der Kabine. Die Passagiere setzen oder lehnen sich in ihren Sitzen zurück, suchen eine bequeme Position um die nächsten Stunden möglichst zu schlafen.

Nichts ist wie gestern und doch wiederholt sich alles. Ob mein Sohn lebt oder tot ist, wird keinen Unterschied machen. Nicht im Weltgeschehen, nicht in seiner Bank, und nicht in meinem Leben. Auch ich lebe weiter. Fliege mit einer Frau, die ich vor einigen Wochen noch nicht kannte, nach Süd-Afrika, um dem europäische Winter zu entfliehen. Verhalte mich so, als hätte sich nichts verändert. Was bedeutet der Mensch dem Menschen?

‚Marcel, ich bin bei dir und du bist hier und fliegst mit mir nach Süden. Du wirst nun immer bei mir sein. Viel näher als jemals zuvor. Wanda erzähle ich von dir. Ein Part von dir lebt in mir weiter. Irgendwann werde ich zu dir in die andere Dimension eintreten.

Du lebst nicht mehr – doch, du lebst, deine Seele lebt. Hast nur deine körperliche Hülle abgestreift, bist frei.

Der erste Tag in Süd Afrika beginnt mit dem Anflug über dem Atlantik. Seitlich unter ihnen nähert sich mit einem Lichtermeer die südlichste Metropole von Süd Afrika, Cape Town. Dann leuchten die Begrenzungslichter der Landebahn auf. Hier in Kapstadt sind sie die letzten Passagiere in dieser Nacht und die ersten des neuen Tages.

Hinter der Passkontrolle erwartet sie Bert Brenner vom Hotel Continental. Auf einem Schild, das er hoch über seinem Kopf hin und her wedelt, lesen Wanda und Wendelin ihre Namen. Mit dem Hotel Transfer erreichen sie zwanzig später Minuten das Hotel. Zuerst mal nur schlafen.

Wendelin und Wanda gehen langsam durch den weißen Sand zurück zu ihrem Hotel. Sie haben sich für ein Mittagsschläfchen entschieden.

„Das Ausruhen gibt uns neue Energie. Vielleicht gehen wir heute am Spätnachmittag zur Waterfront. Dort finden wir kleine, hübsche Shops, Restaurants und Cafes. Ich würde gerne in der Mall ein bisschen stöbern.“

Wanda findet in fast jedem Shop etwas Hübsches, das sie in Augenschein nimmt. Wendelin wartet geduldig bei einem Glas Wein auf die Rückkehr seiner Wanda. Er sieht sie schon von weitem. Ein blauer Beutel mit der Aufschrift ZARA in der einen Hand und ihre Tasche über der anderen Schulter, so erreicht sie den Tisch. ‘Wie ein junges Mädchen, Bewegungen, ein spitzbübisches Lächeln, das ist meine Wanda.

„Ich habe einen luftigen Top gefunden, gerade so, wie er mir für die Sonnentage hier am Meer gefällt.“

Mit dieser Ankündigung zaubert Wanda ein leichtes hellblaues Etwas aus dem Beutel, hebt es zur Begutachtung hoch.

Erwartungsvoll schaut sie Wendelin an. Mit einem Schmunzeln drückt Wendelin seine Zustimmung aus.

„Du sagst nichts. Gefällt es dir nicht, was ich gekauft habe?“

„Ich muss das Kleid angezogen sehen, dann werde ich meine…“

„Wendelin, es ist kein Kleid, es ist ein Top!“

„Oh, sorry Liebes, du siehst, ich muss es an deinem Körper sehen, dann werde ich dir meine ehrliche Bewunderung geben. Jedenfalls sieht es lustig aus.“

Enttäuscht packt Wanda ihr erstandenes Oberteil wieder ein. „Du meinst lustig oder luftig?“

„Beides. Genaueres sage ich dir bei Anprobe, einverstanden?“

Nach einer kurzen Pause will Wendelin wissen: „Wie wäre es mit einem Glas Wein? Oder lieber Sekt?“

„Einen Chardonay, halbtrocken, wäre fein.“

Nachdem der Wein mit Nüssen und Salzgebäck serviert ist, fühlt Wanda eine Müdigkeit aufsteigen. „Lass uns ein wenig laufen, dann werde ich wieder richtig wach.“

Mit einem zustimmenden Kopfnicken legt Wendelin seine Hand auf Wandas Arm. „Eine gute Idee, der Wind und die Bewegung werden unsere Lebensgeister wieder wecken.“

Beim Spaziergang auf einem befestigten Gehweg entlang des Wassers beobachten sie die Möwen, die die hereinkommenden Fischerboote begrüßen. Nicht des Begrüßens willen, vielmehr erwarten sie ein delikates Abendbrot.

BLUEBERGSTRAND

Das Hotel bietet alle Annehmlichkeiten, die man sich als Gast wünscht. Aber es ist ein wenig laut. Wendelin und Wanda halten Ausschau nach einem etwas ruhiger gelegenen Hotel. Bei der Information erhalten sie hilfreiche Angebote und ziehen am nächsten Tag in eine ruhige Privat Pension.

An das Linksfahren gewöhnen sich Wanda und Wendelin schnell. Kennt Wendelin doch diese Fahrweise aus Australia.

Am Fuß des Table Mountains lehnt sich Kapstadt wie schutzsuchend an den Berghang. Cape Town ist geprägt von den Holländern. Jedoch hat auch die Präsenz der Engländer ihre Spuren hinterlassen. Gegenüber von Old Town House findet auf einem Parkplatz am Wochenende der Fleemarket statt. Hier kann man afrikanische Kunst sehen und preiswert erwerben. Das South African Museum sowie die St. Mary’s Cathedral erzählen ihre Geschichte, eine von unterschiedlichen Kulturen bestimmte und daraus geprägte Geschichte von Süd Afrika. „Company’s Garden“ bietet eine Oase der Entspannung mitten in der City. Eine Gruppe Gospel singender Männer und Frauen laden zum Mitsingen ein. Die Religion hat in Süd Afrika eine große Bedeutung.

An der „Victoria-and-Alfred-Waterfront“, dem neueren Teil der Stadt, pulsiert das Leben bis spät in die Nacht. Die „Waterfront“ mit ihren 130 Shops und Restaurants gibt dieser kosmopolitischen Stadt am Südzipfel des afrikanischen Kontinents ein exotisches Flair. Cape Town bietet mit seinen 800.000 Einwohnern und 21 Millionen Besuchern im Jahr, ein weltbedeutendes Wirtschaftsleben und ein exotisches Reiseziel. Auf dem medizinischen Sektor wurde Kapstadt bekannt durch die erste Herztransplantation durch Dr. Barnard.

Das Police Department, unweit des Regierungsgebäudes in der Lane Street vermittelt, ein Gefühl der Sicherheit. Etwa 65 000 Deutsche haben diese Region als ihre neue Heimat gewählt und sie hier gefunden.

Von hier aus erreicht man in wenigen Minuten die Cable Car, die die Gäste auf den 1048 m hohen Table Mountain bringen.

Auf dem Plateau führen befestigte Wanderwege zu unterschiedlichen, aus Beton angelegten Aussichtspunkten. Diese Plätze erheben sich über die Felswand hinaus. Durch dicke Eisenträger, die im Felsen verankert sind, erhalten sie ihre Stabilität. Zerklüftetes Felsmassiv wechselt zu Steinen mit seidig glatter Oberfläche. Bei klarem Wetter hat man einen Blick über den Ozean.

„Clipp-Schliefer“, kaninchengroße Pelztiere, laufen und klettern zwischen den Felsspalten hindurch. Die jungen Tiere aalen sich in der Sonne. Sie sind an Besucher gewöhnt. Fast zutraulich bewegen sie sich, laufen zwischen den Touristen hin und her.

Aus dem kargen Boden wachsen einzelne Pflanzen. Neugierig strecken sie ihre Blütenköpfchen der Sonne entgegen.

Ohne auf die Plattform des Aussichtpunktes zu gehen, bietet sich immer noch ein grandioser Blick über das Wasser.

Unweit der Küste von der Südseite des Table Mountain einzusehen, präsentiert sich Robben Island, ein Gefängnis, das bekannt geworden war durch die Inhaftierung Nelson Mandelas, der hier mehr als zwanzig Jahre gefangen war.

Wenn Nebelwolken den Table Mountain einhüllen und er vom Strand aus nicht zu sehen ist, so sagen die Einheimischen, über dem Table ist ein Tischtuch ausgebreitet.

„Wendelin, schau nur, hier sind wir dem Himmel ganz nah!“

Wendelin legt seinen Arm um Wandas Schulter. „Ach Wanda, manchmal denke ich, dass ich mit dir überall dem Himmel näher bin.“

Zur linken Seite erhebt sich der Signal Hill. Man kann mit dem Auto bis zum höchsten Punkt fahren. Eine wunderschöne Landschaft breitet sich unterhalb des Signal Hills aus, in die der Botanische Garten eingebettet liegt. Etwas weiter westlich erstreckt sich eine schroffe Felswand die Küste entlang. Den Signal Hill haben schon viele Verliebte als ihr ganz persönliches Hochzeitsziel gewählt. Immer wieder sieht man Brautpaare und der durch den ständigen Wind bewegte Schleier der Braut wird meist als erstes sichtbar, wenn das Brautpaar die geschmückte „Hochzeitskutsche“ verlässt.

In einem Mietwagen unternehmen Wanda und Wendelin kurze Tages- meist Halbtagestouren. Am Atlantischen Ozean ist das Wasser unerwartet kalt. Bis zu 16 Grad Celsius. Das bewirkt der Bengoela Strom, der – entgegen des Golfstroms – vom Südpool her die poolische Kälte zur Westküste bringt. Das Wasser im Indischen Ozean, also an der Ostseite von Süd-Afrika, ist deutlich wärmer.

Kapstadt und Pretoria sind die beiden Hauptstädte von Südafrika. Hier leben Farbige und Weiße in harmonischem Einvernehmen, so scheint es jedenfalls. Sie geben der Stadt ein exotisches Flair.

Wanda und Wendelin besuchen heute eine Veranstaltung, die von afrikanischen Frauen organisiert wird. Es ist ein Projekt der UNO zur Familienplanung. Südafrikanerinnen, die in Europa und Amerika gelebt und studiert haben, wollen die Weiterentwicklung im eigenen Land fördern und setzen sich für Frauenrechte ein. Es sind die Einheimischen, die dieses Projekt ihren afrikanischen Schwestern präsentieren. Ihr Bonus zeigt sich darin, dass sie das Vertrauen der Afrikanerinnen genießen, die ungeschriebenen Gesetzte der seit Generationen übertragenen Tradition kennen und sich durchaus der sich daraus gebildeten Macht in der Gesellschaf bewusst sind. Daher wirken sie überzeugender als die Entwicklungshelfer, die aus fremden Nationen kommen. Verhütungsmittel kennen zu lernen und sie anzuwenden, ist primäres Ziel und in erster Linie Frauensache.

Es erfordert ein echtes Einfühlungsvermögen und die sprichwörtliche „himmlische Geduld“, die uns verloren gegangen ist – die die Menschen in dieser Region mit der Muttermilch aufgenommen zu haben scheinen – sie hilft ihnen, diesen Entwicklungsprozess, wenn auch zuerst zögernd, aber dann doch beständig, voran zu treiben. Vor allem ist es wichtig, dass Verhütungsmittel und Familienplanung auch von den Midland-People akzeptiert werden, somit im Landesinnern ein Umdenken bewirken. Eine über Jahrhunderte bestehende Tradition durch eine neue, fremde, völlig unbekannte Denk- und Handlungsweise zu ersetzen, ist ein nobles Ziel.

Es scheint, als würde die Sonne sich in den Farben der Garderobe widerspiegeln. Auch einige Männer gehören zu den Gästen. Es ist sehr wichtig, dass die Männer einbezogen werden und ihre Meinung in partnerschaftlicher Weise mit den Frauen diskutieren. Die Vorstellung, viele Kinder zu haben, sei eine gute Altersversorgung, muss auch in den Köpfen der Männer reformiert werden.

Ein über Grenzen, Tradition und Farbe hinweg sich zeigendes, solidarisches Verhalten, das Frauen auf der ganzen Welt miteinander verbindet, zeigt sich hier in verblüffender Weise. Sicher gibt es Unterschiede, bedingt durch genetisches Erbe, Erziehung und Bildung. Die wirkungsvollste Veränderung – Geburtenregelung – in einem Land geht oft von den Frauen aus, weil sie betroffen sind. Vor allem heißt es, bei den jungen Männer und Frauen ein Umdenken sowie Verantwortungsübernahme für sich selbst, die Familie und das Land, zu übernehmen. Es ist ein Lernprozess auf allen Ebenen.

Mit einem Gedicht in Afrikaans gesprochen, werden alle Gäste zum Buffett gebeten. Hier gibt es selbstgebackenen Kuchen und Konfekt. Unterschiedliche Getränke werden gereicht. Rotwein und Weißwein aus der Gardenregion rings um Stellenbusch. Natürlich gibt es auch alkoholfreie Getränke.

Lebhafte Konversation entsteht. In kleinen Gruppen sitzen und stehen die Menschen und diskutieren. Wanda und Wendelin sitzen an einem Tisch mit einer Französin und einer Dänin zusammen. Ein Herr aus Germany, Martin, kommt dazu. Er war als Arzt lange in Tansania und später in Äthiopien tätig. Er kennt die Probleme in diesem Land und die Notwendigkeit einer Veränderung. Einige Projekte unter deutscher Leitung haben einen Teil des erwarteten Erfolges gebracht. Interessant berichtet er von seinen Erfahrungen in diesem Land. Er erwähnt das Projekt „Menschen für Menschen“ unter der Leitung von Karl Heinz Böhm, dessen Popularität die Spendenfreudigkeit der Menschen speziell in Deutschland und Österreich positiv angeregt hat und einen entsprechenden Erfolg verbuchen kann.

Süd Afrika geht einer ungewissen Zukunft entgegen. Nelson Mandelas Werk, das er im Amt des „President of South Africa“ innehatte und nach seiner Inhaftierung mit der verbleibenden Kraft wahrnimmt, setzt er neue Impulse. Jedoch fordert das Alter seinen Tribut. Er gibt sein Amt in jüngere Hände. Mit dem neuen Präsidenten stagniert die Weiterentwicklung, Korruption wird immer häufiger entlarvt. Vor allem in den Bereichen Bildung und Schulwesen, Universitäten, Handel und Wirtschaft, Gesundheitswesen und Altersversorgung. Nicht zu übersehen ist, dass an die Stelle von Vertrauen und der daraus sich entwickelnden Motivation zur Eigenverantwortung, die Situation eines schwelenden Vulkans spürbar wird. Die farbige Bevölkerung ist unruhig, will über die Weißen herrschen, ist aber gleichzeitig unerfahren und unfähig.

Helen aus Lyon wendet sich an Wanda. „Ich bin Helen, ich glaube, Sie sind zum ersten Mal hier bei uns. Leben sie hier in Kapstadt?“

„Hallo Helen, ich bin Wanda und das ist Wendelin. Wir beide kommen aus Deutschland. Bisher haben wir nur aus Medienberichten über Süd-Afrika gehört.“

„Etwas außerhalb von Kapstadt, haben sich Townships gebildet. Flüchtlinge aus dem Kongo und Ruanda leben hier in armseligen Blechhütten. Vor Krieg und Unruhen im eigenen Land sind sie geflohen, hoffnungsvoll, sich ein neues Leben hier aufzubauen, landeten sie in den Slums von Süd Afrika. Das birgt eine große Gefahr für Kapstadt. Die Menschen haben keine Arbeit, leben oft unter menschenunwürdigen Bedingungen. Es ist der Nährboden für Gewalt, für Aids und andere Krankheiten. Die UNO versucht zu helfen, indem sie die Regierung auffordert, die Flüchtlinge zu integrieren, ihnen Land zu geben, damit sie sich eine Existenz aufbauen können. Für viele ist das zu spät. Vor allem die jungen Leute brauchen dringend eine Aufgabe. Erfreulicherweise beobachten wir immer wieder, dass ein Teil dieser Menschen Arbeit gefunden hat, in Steinhäusern wohnt und ihre Kinder zur Schule schickt. Leider gibt es immer noch zu viele Gangs, die glauben, es gebe nur eine Problemlösung, die durch Gewalt geschieht. Es ist ein langer Weg. Manchmal möchte man resignieren. Wenn das eine Problem gelöst ist, und man aufatmen will, sieht man sich plötzlich neuen, noch größer scheinenden Problemen gegenüber. Es endet nie. Eine gute Arbeit wird von Organisationen der Kirche geleistet. Dazu gehört die Betreuung der Flüchtlinge mit Hilfe zur Anerkennung des Flüchtlingsstatus. Ein erster, wichtiger Schritt, der eine Arbeitserlaubnis gewährt.“

In der Commercial Street, unweit der Regierung, gibt es Scalabrini, eine erste Anlaufstelle für Flüchtlinge. Eine Schule ist integriert, die Englisch- und PC-Kurse anbietet für Newcomer. Außerdem erhalten die Flüchtlinge Hilfe bei der Antragstellung zur Anerkennung des Flüchtlingsstatus. In Scalabrini gibt es Gästezimmer für Touristen. Der Erlös dieser Einnahme wird zur Unterhaltung und Abdeckung der Kosten für die Seminare verwendet.

„Gibt es ein Programm für die Kinder aidskranker Eltern?“

„Es gibt kleinere Hilfsorganisationen die bewundernswerte Arbeit leisten. Ich habe von „Child care“ gehört. Die Kinder, deren Eltern an Aids erkrankt oder schon gestorben sind, werden von dieser Organisation betreut. Aber es sind natürlich viel zu wenige Plätze vorhanden. Außerdem gibt es eigens für an Aids erkrankte Kinder eingerichtete Krankenhäuser. Auch hier verrichten die Kirchen in ihren Einrichtungen sehr gute Arbeit. Sie erhalten Unterstützungen aus Europa von ihrem Mutterhaus oder durch Spenden. Viele der Einrichtungen können nur bestehen, weil die Mitarbeiter viel Eigeninitiativ und Idealismus aufbringen. Sie bringen sich ganz ein für die Kinder. Es gibt einzelne sehr harte Fälle. Eine kleine Jody, gerade sechs alt, fand ich völlig entkräftet sitzend auf dem Boden neben der sterbenden Mutter. Sie hielt die Hand der Mutter, rief ihren Namen immer wieder, als die Mutter längst schon gestorben war. Ich nahm das Mädchen bei der Hand, aber es wollte seine Mutter nicht loslassen. Sie sagte mir, dass die Mutter schlafe und sie wolle bei ihr bleiben bis sie wieder aufwache. Oft sind es Kinder unter zehn Jahren, die die schwerkranke Mutter bis zum Sterben begleiten. Sie bleiben dann alleine, verlassen und hilflos auf der Straße zurück. Glücklicherweise gibt es immer wieder Helfer, die sich um die Straßenkinder kümmern.“

„Ich habe heute sehr viel mehr erfahren, als ich erwartet hatte. Wie gut, dass wir gekommen sind. Vielleicht gibt es ja noch einmal eine Veranstaltung ähnlich dieser hier. Wir möchten uns nun verabschieden. Es war ein langer Tag.“ Mit diesen Worten verlassen Wanda und Wendelin die Damen vom Rotary Club und anderen Organisationen. In den nächsten Tagen wollen sie eine Missionsstation besuchen, etwa 80 Kilometer von Cape Town entfernt.

Wanda ist erschöpft. Zu viel hat sie in den letzten Wochen an Ungewöhnlichem erlebt.

Spontan entscheiden Wanda und Wendelin, am Morgen des Heilig Abend in den Botanic Garden zu gehen. Südöstlich, also hinter dem Table Mountain, erstreckt sich der Botanic Garden. Ein Temperaturunterschied von mehr als 10° C erwartet sie hier. Hier im Botanic Garden ist man geschützt vor dem herben Wind an der Westküste.

Exotische Vögel leben hier ungestört. Ein Summen und Zwitschern vermischt sich mit unterschiedlichen Lauten der Pinguine und erzählt von der Lebendigkeit dieses Paradieses. Aber auch die Flora bietet ein Meer von unterschiedlichen Blütenfarben und Düften.

Nach dem Besuch im Botanic Garden fahren sie, einem spontanen Entschluss folgend, noch einmal zur Waterfront. Wanda möchte noch ein kleines Geschenk für Wendelin besorgen, es ist ja Weihnachten!

Überrascht sehen sie, dass hier am Seeufer ein Open Air Christmas Concert stattfindet, das um 17:00 Uhr beginnt. Vor der Kirche sind Stuhlreihen aufgestellt. Bei näherem Hinschauen sehen sie, dass die ersten Besucher schon Platz genommen haben. Sie finden günstige Plätze, von wo aus sie die Darbietung gut übersehen können. Rote Kleider tragen die Damen des Chors, die nun die Bühne betreten. Es werden Weihnachtslieder in Englisch und Africaans vorgetragen, von einem Piano, zwei Geigen und einer Gitarre begleitet. Mit diesen vertrauten Melodien entsteht nun doch, ganz unerwartet, eine Weihnachtstimmung.

Am späten Nachmittag erreichen sie ihre Pension am Bluebergstrand, wo sie von Lady Dina und deren Tochter zu einer Weihnachtsfeier mit internationalen Gästen erwartet werden. Ein schwedisches Ehepaar, ein Herr aus Spanien und die beiden aus Germany oder Australia und Florida, bilden mit den Gastgebern Lady Di, wie sie liebevoll genannt wird, ihrer Tochter Dana und deren Mann Winston, sowie ihre beiden Kinder, die Weihnachtsgesellschaft. Alle singen Weihnachtslieder. Dabei werden sie von Winstons erwachsenem Sohn mit der Gitarre begleitet. Dana liest die Weihnachtsgeschichte, die immer wieder von einem „Stille Nacht … unterbrochen wird. Eine feierliche Atmosphäre ist spürbar.

Wanda und Wendelin haben vorgesehen, in der ersten Januarwoche den Bluebergstrand zu verlassen und zur Weiterfahrt aufzubrechen. Die Küste entlang zum Indian Ocean und von dort aus weiter in den Norden. Die genaue Wegstrecke wollen sie von einem Tag auf den anderen festlegen.

Von Winston, dem Gastgeber der letzten, Tage haben sie erfahren, dass es in der Nähe eine alte, hübsche Kapelle gibt. Unweit, zur Kapelle gehörend, soll es ein Waisenhaus geben, für Kinder, deren Eltern an Aids erkrankt oder verstorben sind. Wanda möchte den Ort aufsuchen, da es sich um eine deutsche Stiftung handelt. Etabliert wurde dieses Waisenhaus von einem Ehepaar aus Köln. Die Unterhaltung wird heute überwiegend aus Spenden finanziert und durch freiwillige Helfer, Ärzte und Schwestern unterstützt, die einige Monate oder länger hier arbeiten.

„Ich finde es bewundernswert, dass sich Leute für dieses Projekt einsetzten. Gerne würde ich sehen, wie das in der Praxis gestaltet wird. Lass uns den kleinen Umweg machen, bevor wir dann in den Norden aufbrechen.“

„Willst du etwa dort tätig werden?“

„Wenn ich 20 Jahre jünger wäre, würde ich bestimmt meinen Einsatz einbringen. Aber so, in meinem Alter – leider zu spät. Aber ich würde gerne wissen, was ich versäumt habe.“

Mit dem Auto brauchen sie etwa 50 Minuten bis zur Kapelle. Mitten im Wald in einer Lichtung gelegen, stehen sie vor einer Kapelle in einem Gutshof ähnlichen Park gelegen.

Der Spätnachmittag vermittelt ein ungewöhnliches Licht. In dem einzigen Innenraum scheinen die letzten Sonnenstrahlen das Licht zu verstärken und zu bündeln, als würde später die Nacht von diesem gespeicherten Licht erhellt, somit den Energiefluss innerhalb dieses Raumes in den nächsten Tag fließen lassen, um dann wieder neu zu beginnen und neue Energie aufzunehmen.

Eine Türe führt zur modern eingerichteten Küche. In der Mitte steht ein Gasherd mit sechs Kochstellen und rechts neben dem Geschirrschrank befindet sich der Kühlraum. Back- und Micro-ofen sowie Arbeitsplatten sind neben dem Spülautomaten angebracht. Von dieser funktionstüchtigen Küche in gepflegtem Zustand, können Gäste mit Essen versorgt werden. Obwohl niemand hier zu sein scheint, sind alle Türen geöffnet. Die Missionsanlage besteht aus einem U-förmigen Gebäude. Im kleineren Teil befindet sich der sakrale Raum. Wanda ist begeistert von der Lage und von der Einrichtung. Zu gerne hätte sie gewusst, welche und wie häufig hier Veranstaltungen stattfinden. Es wäre der geeignete Ort für eine soziale Einrichtung.

Lächelnd nimmt sie Wendelins Arm und die beiden gehen weiter in den Wald. Es ist sehr heiß. In den Bäumen geht es sehr lebendig zu. Vögel fliegen zwitschernd zwischen den Zweigen hindurch, Eichhörnchen huschen den Baumstamm hinauf, überall ist Leben und Lebensfreude spürbar. Durch ein leises Scharren im Laub aufmerksam geworden, entdeckt Wendelin eine Eidechse, die sich durch das Unterholz schlängelt. Wendelin hat einen kleinen Steinhügel entdeckt, dem er seine ganze Aufmerksamkeit widmet. Er schiebt einen der oberen Steine etwas zur Seite und ihm eröffnet sich eine Welt voller Leben. Es wimmelt und krabbelt von unzähligen Käfern, Würmern und Insekten, die sich hier zwischen den Steinen ihre Wohnung gebaut haben. Eine ganze Weile beobachtet er das geschäftige Treiben, ähnlich eines Ameisenhügels.

Versunken in Erinnerung an seine Kinderzeit, betrachtet Wendelin mit welch einer Emsigkeit die Insekten ihren Tag gestalten.

„Wanda, schau’ nur wie viel Leben sich unter diesen Steinen verbirgt.“

Lächelnd geht sie zu Wendelin und streicht über seinen Rücken.

Was für ein wunderbarer Mann.

Wendelin setzt sich zu Wanda auf die Bank. Schweigend hängt jeder seinen eigenen Gedanken nach. Beide haben ja ein Leben ohne den anderen schon gelebt, bevor sie sich neu begegneten.

Aus einem plötzlichen Impuls legt Wanda ihre Hand auf seinen Arm. „Wendelin, soll ich dir sagen, was ich jetzt gerne möchte?“

Wendelin schaut ihr in die Augen. Am liebsten würde er die Hand von Wanda streicheln, die auf seinem Arm ruht. Aber er fürchtet, sie würde sie zurückziehen.

„Was möchtest du Wanda?“, er versucht seiner Stimme Festigkeit zu geben, was ihm aber nicht ganz gelingen will.

„Ich möchte dich einfach küssen.“

Wendelin umfasst ihr Gesicht mit beiden Händen. Er schaut auf ihre Lippen, die sich leicht geöffnet haben. Langsam nähert sein Mund sich dem ihren. In einem langen Kuss bestätigen sie beide, was sie für einander empfinden.

„Ich habe bei dir ein Gefühl, was ich es damals als Oberschüler hatte, als ich zum ersten Mal ein Mädchen in den Armen hielt. Eben ein Gefühl der Unsicherheit. – Schon lange habe ich mir gewünscht, dich zu küssen. – Du bist ein wunderbares Mädchen!“

„Oberschüler“ hat er gesagt, einer der noch zur Penne geht!

„Wo bist du denn zur Schule gegangen, als Oberschüler?“

Ohne eine Antwort zu geben, streichelt Wendelin über ihren Rücken und ihre nackten Arme. So sitzen sie lange ohne ein Wort.

Wendelin hält eine neue Wanda in seinen Armen. Von der selbstbewussten Frau ist nun nichts mehr zu spüren. Dabei kehrt seine Selbstsicherheit zurück, beschützend drückt er sich an sich. Sie scheint in diesem Augenblick so zerbrechlich.

Eine ganze Weile hatten sie auf dem Baumstamm gesessen verträumt dem lebendigen Treiben auf dem Biotop zugeschaut.

Ob das, was sie zu Wendelin hinzieht, mit Liebe zu definieren ist? Was ist schon Liebe? Abnutzungserscheinungen weist sie auf. Ein zu oft und zu schnell gesprochenes Wort. Seiner eigentlichen Bedeutung scheint es oft so weit entfernt zu sein. Für Wanda ist Liebe etwas so Besonderes, dass sie es nur sehr selten in ihrem Leben ausgesprochen hat! Das wird sich auch nicht ändern.

Sie, Wanda, ist sehr vorsichtig geworden, mit diesem Wort. Und sie glaubt, je häufiger man es benutzt, umso mehr verliere es seinen Wert. Aber nun will sie sich nicht mit diesen Gedanken beschäftigen und schiebt sie weg. Was ist nur los? Unterschiedliche Erinnerungen, fast chaotisch anmutend, die vergessen waren – oder nur verdrängt – scheinen sie einzuholen. Warum gerade jetzt?

Einfach nur da sein, ruhig sein, dem inneren Frieden lauschend Geborgenheit spürend.

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9783960083399
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