Kitabı oxu: «Die Nachtwache am Weiher und zwei andere Erzählungen»

Şrift:

Gertrud Fussenegger

Die Nachtwache am Weiher und zwei andere Erzählungen

SAGA Egmont

Die Nachtwache am Weiher und zwei andere Erzählungen

Das Zimmer. Der Zeppelin. Die Nachtwache am Weiher

Copyright © 1963, 2018 Gertrud Fussenegger und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711677810

1. Ebook-Auflage, 2018

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Die nachtwache am weiher

Es war ein kühler gewittriger Spättag im August, an dem sich die junge Frau aufmachte, um ihren Mann im Gebirge zu besuchen. Sie schloß das kleine Haus ab, das sie nun schon seit Wochen allein bewohnte, und zog das Gittertörchen des Gartenzaunes hinter sich zu. Einen Augenblick hielt sie inne: über die Gitterstäbe bogen sich die grünen Flammen der Goldruten zu ihr hinaus, dahinter nickten die Sonnenblumen mit ihren großen schweren gelbmähnigen Blütenköpfen, deren Inneres sich schon zu bräunen begann. Anna schulterte ihren Rucksack und schritt die Straße hinab, ihre genagelten Schuhe klangen auf dem Pflaster. Ihr Schatten wanderte vor ihr her, schmal und langhinzüngelnd, denn es war nicht mehr früh am Tag und beinahe zu spät für einen Aufbruch ins Gebirge. Aber Anna hatte den nächsten Morgen nicht mehr zu Hause erwarten, hatte ihre unruhige Vorfreude nicht mehr zwischen den vier engen Wänden vertrösten wollen: so hatte sie beschlossen, wenigstens ein Stück des Weges heute noch hinter sich zu bringen. Sie konnte auf halber Höhe in einem Dorf übernachten und beim ersten Licht weiterwandern, ehe der neue Tag Schatten und Kühle aufzehren würde. Sie war als junges Mädchen oft allein gewandert und sie freute sich darauf, diesen lange nicht mehr geübten Brauch ihrer Jugend zu erneuern.

Sie schritt rüstig aus. In Gedanken war sie — wie schon den ganzen Tag — längst droben auf den Lärchenwiesen und Felshalden, die sie kannte, und auf der letzten Hochalm, wo jetzt ihr Mann lebte; zwei Monate schon lebte er dort, zwei Monate hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Zwei Monate! wiederholte es sich die Frau und erschrak beinahe darüber, sie waren ihr vergangen, sie wußte selbst nicht, wie. So ist das, dachte sie, wenn die Liebe schläfrig und die Sehnsucht lau wird, vor zwei, drei Jahren wäre mir eine Trennung fast unerträglich gewesen. Jetzt aber — und sie beschleunigte ihre Schritte noch mehr — war eine neue und süße Ungeduld in ihr erwacht, jetzt fühlte sie, was unter der Gewohnheit geschlummert hatte, wieder in sich lebendig werden: sie stellte sich vor — und lächelte unbewußt vor sich hin —, wie sie morgen dem Mann begegnen würde, er wußte nicht, daß sie kam, er würde zuerst seinen eigenen Augen nicht trauen wollen, wenn er sie plötzlich auftauchen sähe auf dem Pfad unterhalb seiner Hütte, in großen Sprüngen würde er ihr dann entgegeneilen; vielleicht würde sie ihn auch in der Hütte überraschen, von hinten herantretend, ihm die Hände über die Augen legen: Rat’, wer gekommen ist! —

Er leitete in dem Hochtal droben den Bau einer kleinen Straße, wohnte schon seit dem Frühjahr mit seinen Arbeitern in einer rasch errichteten Baracke, schlief auf einem Strohsack und aß die grobe selbstgekochte Mannskost. Anna hatte allerlei in den Rucksack gesteckt, von dem sie denken konnte, es würde ihm willkommen sein: eingemachtes Huhn, Backwerk, frische Wäsche: Dinge, die ihn dessen versichern sollten, daß ihn bei ihr, Anna, nach Beendigung seiner Arbeit die Annehmlichkeiten einer bequemen und geordneten Häuslichkeit erwarteten.

Gleich hinter dem Dorf führte der Weg eine steile Waldstufe empor. Anna hatte sie bald hinter sich gebracht und stand droben still, tiefatmend, und blickte zurück. Zu ihren Füßen lag die Ortschaft, ein freundlicher Flecken mit den vertrauten Würfeln weißer Häuser, in die Bucht eines breiten krümmungsreichen Tales geschmiegt. Unter tiefhängenden Wolkenschwärmen begann es allmählich einzudunkeln, nur da und dort zuckte noch das messingfarbene Licht der untergehenden Sonne aus vergoldeten Wolkenschlitzen hervor. Dann erglühte ein ferner Felsen unter dem Strahlenkuß oder es leuchtete der smaragdgrüne Fleck einer Alm sekundenlang auf. Über dem Hochgebirge im Norden und Süden braute es blauschwarz, ein ferner Donner grollte, und zwischen den höchsten Gipfeln zwinkerten Blitze, als spielten sie oder prüften erst ihre Kräfte, ehe sie über die Gratlinie vorstoßen und über das Tal hereinbrechen wollten.

Anna sah, bald würde es Nacht sein, und rasch setzte sie ihren Weg fort. Das Gewitter blieb hinter den Bergen, doch begann ein linder Regen zu fallen. Flüsternd bewegte er Gras und Laub. Üppige Spätsommerwiesen wogten um den sich schlängelnden Pfad. Mit weißen Mauern tauchte das Dorf aus der Dunkelheit auf.

Anna kannte es und kannte auch das einzige einfache Wirtshaus neben der Kirche. Sie trat ein, fragte um ein Quartier und gab ihren durchfeuchteten Mantel in die Küche zum Trocknen. Dann setzte sie sich in die zirbene Stube, bestellte ein Abendbrot und aß. Sie war der einzige Gast dahier. Aber vor der Stube, ein paar Staffeln tiefer und durch ein breites, mit Blumenstöcken halb verstelltes Fenster überschaubar, lag ein verglaster Vorsaal, die Wirtshausveranda. Dort saßen ein paar junge Leute beisammen, tranken Wein und zupften an ihren Gitarren. Die Mädchen waren in der Tracht des Landes, blühend in ihren Miedern und weißen Ärmelblusen; den Burschen stand der Jägerrock gut zu den kecken und feurigen Mienen. Die jungen Leute spielten und sangen, bald im Chor, bald nur mit einzelnen Stimmen, in einem Terzett wetteiferten zwei helle Frauenstimmen mit einem warm und voll klingenden Bariton. So ging das eine Weile fort, dann brachen die Sänger auf, paarweise, und Arm in Arm wanderten sie in die Nacht hinaus. Anna lauschte ihnen nach, wie sich ihr Tralala und Dudeldei allmählich entfernte und sich endlich draußen in der Dunkelheit verlor.

Plötzlich fühlte sie sich müde, trotzdem mochte sie noch nicht schlafen gehen. Sie langte sich einen alten Kalender vom Bord und blätterte darin. Ihre Augen liefen die Kolonnen der Monate und Wochen entlang: abgelebte und, wie ihr einmal erschien, ungelebte Tage. So wartete Anna, sie wußte selbst nicht, worauf.

Es war schon spät geworden, da erhellte sich der finstere Vorsaal unten abermals: ein Paar war durch die äußere Tür hereingekommen und hatte das Licht angedreht, jetzt schlenderte es langsam zwischen den Tischen heran und unter dem Fenster vorbei, hinter dem Anna saß. Weder der Mann noch das Mädchen sahen zu ihr auf, aber sie, Anna, sah sie gut, alle beide, und sie hätte beinah einen Ruf ausgestoßen, dann aber schwieg sie still, beide Hände vor den Mund gepreßt und vor Schrecken wie versteinert, denn der Mann da war der ihre, aber das Mädchen kannte sie nicht.

Die beiden schienen zu glauben, sie seien allein. Sie rückten ihre Stühle zurecht und saßen nieder, sie saßen nicht zum erstenmal miteinander am Tisch, nein, sie gehörten wohl zu den häufigen Gästen des Hauses, so vertraut zeigten sie sich mit seinen Einrichtungen: denn das Mädchen wandte sich jetzt zurückzu dem Schubschrank, öffnete eine Lade und holte selbst die Servietten heraus. Aus einer zweiten holte sie Messer und Gabel und legte sie für sich und den Mann zurecht. Schließlich langte sie noch den Korb mit dem Brot herbei; sie tat das alles, als hätte sie es schon oft getan, und mit einer selbstverständlichen fürsorglichen Vertraulichkeit, die nur einer Frau zusteht — oder einer Geliebten. Schließlich wandte sie das junge Gesicht dem Manne zu und lächelte. Ihre Hand stahl sich über den Tisch neben die seine, und, als hätte er gefühlt, was dieses stumme Darbieten bedeutet, schloß sich seine braune Rechte um ihre Hand und barg sie in sich.

Anna sank zurück, doch zugleich richtete sie sich von neuen auf, halb sitzend, halb knieend preßte sie das brennende, das lauschende Gesicht gegen die Fensterscheibe und sog fressenden Blickes das Bild dort in sich hinein.

Sie hörte nicht, was die beiden sprachen, sie flüsterten oder murmelten wohl auch nur, wenn sich, wie jetzt, ihre Lippen zueinander regten. Das rötliche Licht der Lampe schwebte über ihren Köpfen, ringsum war Schatten und dahinter Nacht, Nacht stand hinter den gläsernen Wänden des Vorsaals, in dem sie saßen, allein, in einer sanftglühenden Lichtzelle, und sie waren in Liebe zueinander entbrannt. Anna konnte des Mannes Gesicht nicht sehen, denn er drehte ihr den Rücken zu, doch sie sah sein Gesicht in den Zügen des Mädchens gespiegelt: sie waren verklärt in einem schmerzlichen Glück und gleichsam aufgelöst in einer Seligkeit, die nur die unglücklich Liebenden kennen. Anna sah, daß alles an der jungen Gestalt da unten Hingebung ausdrückte, und mit der sicheren Witterung des Weibes fühlte sie, daß dieses Mädchen den Mann liebte, mehr liebte als sie selbst, die seine Frau war, drei Jahre schon und ein Kind von ihm erwartete. Das aber wußte er noch nicht.

Sie war von daheim aufgebrochen, um es ihm zu sagen. Wochenlang hatte sie die wachsende Gewißheit mit sich herumgetragen, in Freude und Bangen wie jede hoffende Frau. Nun sollte er, der Vater, es auch erfahren. Am morgigen Tag hätte sie es ihm zuflüstern wollen, in seine Arme geschmiegt, unter Küssen, vielleicht unterTränen des Glückes. Deshalb hatte es sie nicht mehr zuhause gelitten, deshalb war sie hierhergekommen.

Ein Schluchzen stieg in ihr auf, sie preßte die Faust gegen die Lippen, riß den Handrücken zornig über das Auge, weil die hervorquellende Träne ihr den Blick verschleierte. Vorsichtig tastete sie nach dem durchbrochenen Vorhang und zog ihn bis auf einen schmalen Spalt zusammen, um, desto sicherer vor den beiden, unbemerkt hinunterspähen und sie belauschen zu können. Da — fuhr sie erschrocken zurück: die Wirtin war in die Stube gekommen, sie ging vorbei in den Vorsaal hinab, ein Klingelzeichen mochte sie gerufen haben. Wie eine Ertappte, dunkelrot, beugte sich Anna über ihr altes Kalenderheft. Doch dann schob sie sich wieder an das Fenster heran. Jetzt stand die Wirtin bei ihren Gästen, schräg über den Tisch gelehnt, einen Arm in die ausladende Hüfte gestützt. Sie hatte die kleine Karte vorgelegt und deutete darauf, und die Gäste deuteten wieder und redeten lächelnd zu ihr hinauf. Gleich darauf kam das Schankmädchen getrippelt, es brachte einen Weinkrug und Gläser, und später brachte es die bestellten Speisen. So war eine Weile Unruhe um die beiden, geschäftiges Hin und Her, und wenn die Tür für einen Augenblick offen stehen blieb, hörte Anna das Tellerklappern und das Klickern des Bestecks gegen das Porzellan. Das Paar begann zu essen, der Mann scherzte mit der Wirtin, die sich einen Stuhl herangezogen hatte und Gesellschaft leistete. Doch schließlich verließ sie die Gäste, und die beiden blieben wieder allein, über ihnen das Licht und jenseits der hohen verglasten Wände die unermeßliche, dunkel schauernde Nacht. Sie hatten getrunken, ohne bisher miteinander anzustoßen. Doch — der kleine Krug war schon halb geleert, die Wangen des Mädchens hatten Farbe bekommen und ihr Lächeln war gelöster, heiterer, beinahe strahlend — nun füllte der Mann noch einmal nach, sie ergriffen die Gläser und neigten sich zueinander —. In diesem Augenblick sprang Anna auf, und während hinter ihr etwas polternd und scherbend zu Boden fiel, stürzte sie aus der Stube und davon.

Die beiden draußen hatten den dumpfen und zugleich klirrenden Schlag gehört und, weil sie glaubten, auch den Schrei eines Menschen vernommen zu haben, stand der Mann auf, sprang die Staffeln hinauf und öffnete die Stubentür. Da sah er, daß vom Fensterbord ein Blumenstock herabgestoßen worden war, der Topf war zersprungen, die schwarze Erde über den Boden verstreut, die Pflanze, ein großes grünes starkes Gewächs, lag mit geknickten Zweigen, entblößten Wurzeln, und die einzige Blüte, rosenrot wie Fleisch, lag abgebrochen und beschmutzt daneben. Der Mann schaute auf die Scherben, auch auf den Tisch, wo noch der abgegessene Teller stand, daneben eine zerbröselte Krume Brot und ein Glas, halb geleert, mit gewässertem Wein.

Daß seine Frau hier gesessen hatte, das freilich konnte dem Mann nicht einfallen, achselzuckend wandte er sich ab und kehrte in den Vorsaal zurück.

„Was ist gewesen?“ fragte ihm das Mädchen entgegen.

„Nichts“, sagte der Mann, „gar nichts.“ Dann lachte er: „Du siehst aus, Irene, als hättest du dich erschreckt.“

Das Mädchen senkte den Kopf und schwieg. Ja, sie war erschrocken, jede Kleinigkeit konnte sie zusammenfahren lassen, jede Kleinigkeit konnte sie beunruhigen. Sie konnte sich sagen, daß das unvernünftig sei, trotzdem —

Sie war noch sehr jung, ängstlich von Natur aus und jetzt erst recht: seit sie den Mann kannte und wußte, daß er verheiratet war, wurde sie von Ahnungen geplagt. Sie fühlte das Verbotene ihrer Liebe tiefer als er. Nach langem Sträuben nur hatte sie sich dazu überreden lassen, in diesem Wirtshaus Wohnung zu nehmen, wo er seine Freizeit mit ihr verbringen konnte. Immer fürchtete sie Entdeckungen, Begegnungen, immer war sie, beim gemeinsamen Herumstreifen in der Gegend darauf aus, allen Menschen aus dem Wege zu gehen. Freilich: die Wirtsleute waren sich über das Verhältnis längst im klaren, aber auch ihnen gegenüber bestand das Mädchen auf einer gewissen Vorsicht.

Dem Mann konnte die Scheu, wenn sie auch manchmal unbequem war, im Grunde nur recht sein. Auch ihn beunruhigte der Gedanke an seine Frau, doch hielt er eine Entdeckung für unwahrscheinlich. Er liebte das Mädchen, obwohl er sich zugab, zugleich an seiner Frau zu hängen. Eines Tages würde ja doch — aber diese Erwägungen schob er von sich.

Wenn er bemerkte, daß seine junge Geliebte traurig war, sprach er ihr Mut zu. Dann und wann, in leidenschaftlichen Augenblicken hatte er sich schon zu unbedachten Äußerungen hinreißen lassen, hatte von einem Neubeginn des Lebens und immerwährendem Beisammensein gesprochen.

Er merkte dann, daß Irene auflauschte, daß in ihr irgendetwas zu zittern begann, doch später kam sie nicht mehr darauf zurück und dafür war er ihr dankbar. Hörte sie ihn nur mit halbem Glauben an?

Das Mädchen glaubte dem Mann, aber sie glaubte nicht an die Gunst ihres Schicksals. Sie war als Waise bei lieblosen oder doch gleichgültigen Verwandten aufgewachsen, sie hatte noch nie zuvor geliebt und fühlte sich ihren Gefühlen schutzlos preisgegeben. Dann und wann wollte sich eine ungeheure Hoffnung ihrer bemächtigen, aber im Grunde wußte sie, daß diese Hoffnung Wahnsinn sei, und daß sie letzten Endes werde verzichten müssen. Dann sagte sie sich, die Tage des Glückes seien ihr nur geliehen und sie werde sie, und vielleicht schon bald, mit Zins und Zinseszinsen einem unerbittlichen Verhängnis zurückzahlen müssen; dann werde ihr Leben keinen Wert mehr haben und dann werde sie auch wissen, was ihr zu tun noch übrig bleibe.

So oft sie dem Mann gegenüber, wenn auch nur andeutungsweise, solche Gedanken äußerte, schalt er sie aus und wollte ihr ein Versprechen abnehmen, daß sie von nun an mehr Vertrauen in die Zukunft fassen und sich bemühen werde, derartigen Anwandlungen zu widerstehen. Dann lächelte das Mädchen wie ein Mensch, der es besser weiß und den anderen nur deshalb reden läßt, weil dieser doch nie begreifen würde. Aber nie gestand sie dem Mann, was sie seit frühester Kindheit mit sich herumtrug, was damals oft eine Bürde für sie gewesen und jetzt zu einer Art bitter-süßen Trostes für sie geworden war, nämlich, daß sich ihre Mutter in einer ähnlichen Lage den Freitod gegeben und sich in einem See ertränkt habe.

„Nun, Irene,“ sagte der Mann, „wir haben noch nicht einmal miteinander angestoßen. Nimm das Glas — auf dein Wohl!“

„Auf das Deine!“

Aug in Aug ließen sie die Kelche klingen, dann hoben sie sie an die Lippen und tranken.

Indessen war Anna ins Freie gelaufen, auf den Dorfplatz, wo sich nichts mehr regte als der immer plätschernde Brunnen. Es hatte ein wenig aufgehellt, das Gewitter war über das Firmament zerpflückt, doch dafür hatte die Frau jetzt kein Aufschauen, blind und rasend in innerem Aufruhr und wie von einer fremden fürchterlichen Macht gejagt, rannte sie die Straße hinab, rannte, wo Häuser und Zäune hinter ihr blieben, querfeldein. Die hohen nassen Halme schlugen ihr um die Knie, sie rannte einen Hügel hinauf, jenseits wieder hinab, dort ließ sie sich in das kalte schwarzgrüne Gras niederfallen und schrie lautlos in sich hinein.

Doch dieser Ausbruch währte nur eine Weile, denn dann sammelte sich in Anna, was sie im ersten besinnungslosen Schmerz verloren hatte, ein Gefühl ihrer selbst: wie, sollte sie fliehen, die doch als Gattin das Recht für sich hatte, mußte sie sich verstecken vor denen dort? Sollte sie sich nicht wehren können mit Fleisch und Blut und allen Sinnen? — Und so raffte sie sich auf und suchte, während Frost und Glut sie wechselnd durchschauerten, den Weg zum Gasthaus zurück.

Dort traf sie die Wirtin im Flur und fragte nach dem Namen und dem Woher des Mädchens. Die Frau antwortete vorsichtig, sie wisse wenig, dennoch erfuhr Anna, was sie erfahren wollte, nämlich, in welchem Zimmer des Hauses jene wohnte. Sie dankte für die Auskunft und lief in den Oberstock, sie suchte die bezeichnete Tür, nahm den Schlüssel vom Haken und sperrte auf. Sie schlich sich nicht ein wie eine Unbefugte, sie wollte nicht leise sein. Mit harten Schritten durchmaß sie den Raum, sie war gewappnet und gefaßt, hier angetroffen zu werden und jener zu begegnen, die ihre, Annas Rechte gebrochen, die sich in ihre Ehe eingeschlichen hatte. Bittere heftige verächtliche Worte quollen in ihr empor, und sie konnte es kaum erwarten, sie jener entgegenzuschleudern, mitten in ihre sanfte bläßliche Miene hinein. Haßerfüllt blickte Anna um sich.

Aber was sie sah — der einfache kleine Raum zwischen den weiß getünchten Wänden und den altmodisch steifgestärkten Gardinen am Fenster, der kahle Tisch, der wacklige Stuhl, das kleine schwarze Kreuz im Winkel — das alles war so anders, als sie sich gedacht hatte, es machte sie so seltsam schwach, entwaffnete ihren Zorn und blies ihrer Empörung die Flamme aus. Zögernd stand sie und suchte nach einem Gegenstand, an den sich ihr Haß hätte klammern können: doch auf dem Bett lag kein Nachthemd aus Spitzen, in aufreizender Farbe, auf dem Waschtisch standen keine Schminktiegel, Cremes und Parfums, noch waren etwa seidene Pantoffel zu entdecken. Ein Paar schwere und etwas angestaubte Bergschuhe standen im Winkel, ein Rucksack hing am Fensterkreuz, und über die Lehne des alten Ohrenstuhls aus schwarzem Wachsleder war ein blaues Kopftuch gebreitet. Anna ergriff es, um es fortzuschleudern, doch dann legte sie es zurück wo es gelegen hatte. Mit einem Mal fühlte sie sich ihrer selbst so elend ungewiß. Es erschien ihr so armselig, daß die beiden diesen Ort als Zufluchtsstätte ihrer Liebe gewählt hatten, diese traurige Kammer, die eher für eine Magd als für einen Sommergast paßte. Diesen Raum hatten sie also zum Schauplatz ihrer selig-unseligen Begegnungen für gut genug gefunden, so reich dünkten sie sich zu sein miteinander, aneinander, daß ihnen die Armseligkeit nichts galt.

Anna dachte an ihr eigenes Heim, das kleinbürgerlich-behagliche, das sie mit Sorgfalt pflegte und mit Aufwand eingerichtet hatte, sie dachte an die gelbe Seidenampel in ihrem Schlafzimmer, an die Rosentapete, die rüschenbesetzten Kissen, und plötzlich schien ihr, als wären diese Dinge, an denen sie sich bis jetzt arglos gefreut hatte, nutzlos, falsch und unecht, und es beschlich sie etwas wie Reue oder Scham.

Nach einer Weile — der Atem stockte ihr — hörte sie einen fremden Schritt vor der Tür. Das Mädchen öffnete — und prallte zurück: Verwunderung und Schrecken malten sich auf ihrem Gesicht. Es glaubte wohl, sich in der Tür geirrt zu haben und wollte — mit einer gemurmelten Entschuldigung — davon, doch Anna lief hin und schloß hinter ihr, und so standen sie voreinander, Blick in Blick, beide errötend und wieder erbleichend, als triebe ein einziges Wesen sein Blut in ihre Gesichter und saugte es von dort zurück zu ihren Herzen. Das dauerte eine Minute, vielleicht auch länger, bis Anna endlich ein rauhes Flüstern gelang: Ob die andere wüßte, wer sie sei? Das Mädchen nickte, — sie wankte, hielt sich jedoch aufrecht und kam tiefer in die Kammer herein. Anna folgte ihr und sagte, was zu sagen sie sich vorgenommen hatte, sie verlange — nein, verbesserte sie sich rasch — sie bitte, daß die andere gehe, jetzt, im Augenblick, und nie mehr wiederkomme. Nie mehr! wiederholte sie flehentlich.

Das Mädchen stand und schaute die Bebende an, aber in seinem Blick war eine Abwesenheit, die Anna erschreckte. Es sagte nur: „So mußte es ja kommen.“

„Ja!“ stammelte Anna, „so und nicht anders!“ Und plötzlich ergriff sie die eine Hand des Mädchens und preßte sie zwischen ihre beiden Hände und redete überstürzt und atemlos auf sie ein: Sie sagte, was sie bisher noch niemand gesagt hatte, daß sie ein Kind erwarte und daß das junge Leben ein Recht habe, ein Recht auf Mutter und Vater, vor diesem Recht müsse alles weichen und darum müsse auch alles zu Ende sein.

Das Mädchen hatte gehört, ohne Bewegung, mit geschlossenen Augen, nur einmal, als Anna das Wort „Kind“ ausgesprochen hatte, hatten ihre Lider gebebt. Jetzt wiederholte sie Annas Wort: „Zu Ende. Zu Ende.“

Und plötzlich riß sie sich los und stürzte, wild um sich blickend, auf den kleinen Schrank zu und begann, mit fliegenden Händen, die wenigen Dinge, die darin waren, herauszureißen. Sie griff sich den Rucksack vom Fensterkreuz und stopfte hinein, was er fassen wollte. „Ich gehe ja schon!“ schrie sie leise. „Ich gehe schon.“

Anna war zurückgewichen. Sie erschrack über diese planlose Hast, und plötzlich wallte eine Furcht in ihr auf um das junge Geschöpf, ein mütterliches Gefühl für dessen hilfloses Elend. Soeben hatte sie noch verlangt, es solle augenblicklich gehen, jetzt fragte sie, wohin es wolle, es könne doch nicht fort in die finstere Nacht.

Die Nacht sei nicht so finster, antwortete das Mädchen, und der Schein eines irren Lächelns zuckte um ihren Mund.

Unmöglich! rief Anna, und da fiel ihr ein, daß sie das Mädchen auf ihr eigenes Zimmer bringen könne, dort mochte es die Nacht über bleiben und morgen aufbrechen, sobald es hell würde. Sie selbst würde bleiben, in dieser Kammer, und würde den Mann erwarten anstelle der anderen, um mit ihm zu reden, da schon geredet werden müsse. Schluchzend versprach sie, sie werde den Mann ruhig empfangen, keine bitteren Klagen erheben, die angetane Kränkung in sich verschließen. Endlich war es so weit: sie hängte dem Mädchen selbst den Rucksack über den Arm, drückte ihr die Schuhe und das Tuch in die Hände und lief ihr voran in den Oberstock, wo ihr eigenes Quartier war. Dort schob sie sie noch durch die Tür und kehrte dann in die untere Kammer zurück.

Hier sank sie auf dem Sessel zusammen, sie fühlte sich wie nach einer ungeheuren Anstrengung matt und elend. Doch sogleich begann ihr tobendes Herz abermals Schauer der Erregung durch ihre Adern zu treiben. Nun würde er wohl kommen, der Ungetreue, und statt der Geliebten sie, die Gattin, hier finden. Wie würde er ihr begegnen? Wie sich zu rechtfertigen suchen? Obwohl sie eben noch versichert hatte, ruhig und gefaßt zu sein, jetzt verlangte es sie, ihm ihren Schmerz entgegenzuschreien. Aller Eide wollte sie ihn erinnern, in denen er ihr Liebe und Treue geschworen, erinnern wollte sie ihn ihrer gemeinsamen Jahre, ihrer Eltern und der seinen, die ihren Bund gesegnet hatten, ihres mühsam erbauten gemeinsamen Heimes, ihrer Pläne für die Zukunft — — Alles hatte er verraten und aufs Spiel gesetzt — wofür?

Doch, so eigensinnig sie sich in ihrem Recht be stärken wollte, es gelang der Frau nicht mehr, ihr Inneres den Dämonen der Eifersucht noch einmal ganz auszuliefern. Das Gesicht des Mädchens stand vor ihr — es war nicht nur von Schmerz, Scham und Verwirrung, sondern auch von etwas anderem, Anna Unbegreiflichem gezeichnet gewesen. Sie empfand Angst, auch in des Mannes Gesicht Beschämung und Schuld zu erblicken, noch mehr aber fürchtete sie, die über Beschämung und Schuld triumphierende Liebe aus seinen Augen lodern zu sehen. Aufstöhnend verbarg Anna ihr Gesicht und, als sie die Hände sinken ließ, begegnete sie ihrem eigenen Bild in dem Spiegel an der Wand, sie starrte es an, entsetzt, fremd schien es ihr aus dem trüben Glas entgegen, hohläugig, mit runden brennend roten Malen auf den Backen, verwüstet unter dem zerrauften Haar. War dieses Bild sie selbst? Und durfte sie, diese Frau, sich ein Recht erhoffen neben Jugend und Schönheit?

Schaudernd wandte sie sich ab. Was tat sie eigentlich, was suchte sie hier? Lauerte sie nicht blutdürstig wie eine Spinne im Netz? Stand es ihr denn an, hier wie ein Rachegeist zu warten, gierig, das angebahnte Unheil zu vollenden? Denn, kam er jetzt, der Mann, und traf er sie hier, wie sollte sie ihm jemals, wie sollte er ihr jemals vergeben? Und kam er nicht — (doch er würde kommen!) was würde ihr damit geholfen sein? Dann konnte sie sich damit trösten, daß er ihr eine Art Treue hielt, doch nicht die Treue aus Liebe, sondern eine Treue aus Pflicht und Ängstlichkeit, und sie selbst, Anna, war dann nichts als ein Gespenst, das ihn erschreckte, ein Schatten, über den hinwegzuspringen er nur noch nicht den Mut gefunden hatte. Aber — so war es nicht. Wie konnte sie noch zweifeln nach dem, was sie gesehen hatte? Was konnte sie noch über diese Liebe erfahren nach dem einen Anblick, den sie unten empfangen hatte, als sich die beiden lächelnd zueinander neigten?

Anna sprang auf. Sie wollte nicht mehr bleiben. Angst schnürte ihr den Atem ab. Knarrte nicht schon ein Tritt im Flur? Griff nicht schon eine Hand nach der Klinke? Hinaus, hinaus und fort. Sie öffnete die Tür.

Der Gang lag dunkel. Sie drückte sich die Wand entlang, der Treppe zu, sie tastete sich hinab. War niemand mehr im Hause wach? Aus der Küche hörte sie noch Tellergeklapper. Ein Lichtfaden blitzte über einer Schwelle. Auf Zehenspitzen stahl sich Anna vorbei, sie fand den Ausgang in den Hof und floh hinaus.

Da stand sie nun: zwischen Stall und Tenne senkte sich der Boden einem Anger zu, an dessen Ende zwischen Zäunen und Büschen ein Weiher lag. Sein blinder Glanz traf Annas Auge, der Mond war zwischen Wolkenschleiern aufgegangen, und die leichten Silbersträhnen seines Lichts spannen sich durch Laub und Geäst und träufelten über die schlummernden Dinge eine Ahnung ihrer Tag-Gestalt.

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Yaş həddi:
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100 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9788711677810
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Bookwire
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