Kitabı oxu: «Casmilda's Gewinn durch Verlust»

Şrift:

Gery Wolfsjäger

Casmilda's Gewinn durch Verlust

Eine Geschichte der Selbstfindung

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Kapitel 1 Lebhafte Mitt-Zwanziger… und ihre Freizeit

Kapitel 2 Sexuelle Neigungen

Kapitel 3 Normaler Friseusen - Alltag

Kapitel 4 Schmerz kommt bitte in den privaten Müll!

Kapitel 5 Frau liebt Frau

Kapitel 6 Der Arbeitskollege als Lustobjekt

Kapitel 7 Wer mit wem und weshalb?

Kapitel 8 Rache ist lüstern

Kapitel 9 Der Versuch, die Realität zu verdrängen

Kapitel 10 Der Versuch, die Realität zu hinterfragen

Kapitel 11 Casmilda‘s Zerstörung der Fassade

Kapitel 12 Wohlig verdrängte Vergangenheit

Kapitel 13 Gib mir meine Weiblichkeit wieder!

Kapitel 14 Zuhause sein

Epilog 2 Jahre später

Danksagung

Impressum neobooks

Vorwort

Für Angela, deren Freundschaft mich zu diesem Werk inspirierte

Kapitel 1 Lebhafte Mitt-Zwanziger… und ihre Freizeit

„Welcher Teufel hat mich denn da wieder geritten?“

Casmilda las sich die Sms durch, die sie am Vortag im betrunkenen Zustand an Marco gesandt hatte.

„Ich weiß nicht, welcher es dieses Mal war!“, meinte ihre Freundin Cornelia, die sich dabei ein gewisses Grinsen, bei dem ihre Mundwinkel beinahe über die Ohren lappten, nicht verkneifen konnte.

Sie saßen bei Junk-Food-Mood - einem namhaften Fast Food-Restaurant - in der Mariahilferstraße, im sechsten Bezirk in Wien.

Aus dem Radio ertönten verträumte Songs über die Liebe. Die weichen Sonnenstrahlen glitten durch die Fensterscheiben des Lokals und spielten mit Connys Haar. Vor einer Woche hatte Casmilda ihrer Freundin und Kollegin ihre langen Naturlocken gefärbt, schokoladenbraun mit goldblonden Strähnen.

Die letzte Nacht hatten sie im Dance for Chance verbracht, einer bekannten Wiener Diskothek. Konsequent hatten sie die Männer ignoriert, die ihnen ständig Drogen angeboten hatten, oder sie auf ein Getränk einladen wollten. Zwar waren diese ziemlich attraktiv, aber was konnten sie sich schon von ihren zugedröhnten, betrunkenen Zuständen erwarten? Der erste Eindruck zählte bekanntlicherweise, obwohl man Vorurteile außer Acht lassen sollte, andererseits war eine gewisse Skepsis mit Intuition zu vergleichen. Beide Dinge ähnelten einander, wobei sie vor Dummheiten schützen sollten. Und doch, Vorurteile sendeten ihre Botschaften vom Gehirn aus, Intuition lag im Herzen oder im Bauchgefühl. Vorurteile hatten außerdem einen billigen Beigeschmack: aus Angst oder Ungeduld, jemandem eine Chance zu geben, wurde er in eine Schublade gesteckt, ohne ihn vorher ausreichend kennenzulernen. Viele männlichen Wesen ließen sich außerdem heutzutage von der allseits verbreiteten modernen Emanzipation der Frau einschüchtern, die sich unter anderem in einem gewissen Selbstvertrauen ausdrückte. Somit sollte jede Frau in gewisser Weise nachsichtig sein. Die Männer, die Casmilda und Conny jedoch Drogen angeboten hatten, wirkten bei Weitem nicht schüchtern, trotz des weiblichen Selbstvertrauens, das Conny und Casmy ausstrahlten, doch hinter ihrer rauhen Fassade verbarg sich möglicherweise ein weicher Kern.

Ach, wie dumm nur, dass das Leben nicht so ablief wie in Kitschromanen!, dachten Casmy und Conny beinahe gleichzeitig, während sie ihre Burger aßen. In diesen romantischen Geschichten schaffte es die Protagonistin immer wieder, einen hart gesottenen Mann in einen kuschelbedürftigen Liebhaber zu verwandeln. Wie glücklich wären sie in so einer Welt der Harmonie! Von Zufriedenheit und innerem Standbein wollten die jungen Frauen in ihren dahinschwelgenden Gedanken nichts wissen, denn darüber berichten Kitschromane nicht. Sie wollten lieber hoch oben in den Wolken fliegen, vielleicht sogar auf Nummer sieben, anstatt sich den Boden der Tatsachen anzusehen. Daher genehmigten sich Casmilda und Cornelia zwischendurch liebend gerne die Welt des Kitsches, da sie die Ausflucht des Alltages in die Illusion sehr genossen.

In Maßen konnte ihrer Meinung nach ein wenig Illusion sogar die Realität beflügeln oder erträglicher machen.

Das Maß ließ sich jedoch sehr leicht überspannen. Auch Glücksgefühle führten zur Sucht – man könnte diese Abhängigkeit sogar gewissermaßen als Bestandteil der klassischen Depression beschreiben, denn ein Zuviel des Glücks würde andererseits den Realitätssinn verschleiern. Früher oder später würde den Beiden langweilig werden, oder ihre übertriebene Euphorie sie letztendlich in eine Psychiatrie führen. Dort hätten sie endlich wieder einen Grund, unglücklich zu sein, es gäbe ihnen paradoxerweise den passenden Ausgleich zu ihrem seligen Lebenskick.

Casmilda empfand ein enormes Glücksgefühl, als sie lächelnd auf ihr Handy blickte. Den inneren „Teufel“, den sie für die Nachricht verantwortlich machte, benannte sie in einen einfühlsamen Gefühlsmenschen um. Obwohl Marco ihr nicht geantwortet hatte, breitete sich in ihrer Brust ein Gefühl der Hoffnung und Glückseligkeit aus, und sie strahlte mit einem verträumten Blick versonnen in die Ferne.

„Willst du wirklich mehr von ihm als seine flüchtige Bekanntschaft?“, fragte Conny, die Casmildas Sms als übertrieben emotional deutete.

„Oh“. Casmilda fühlte sich beim Tagträumen ertappt, klimperte mit ihren langen Wimpern und öffnete den Mund in einer starren, lächelnden Haltung, ehe sie zu sprechen begann.

„Nun“, sagte sie in einem zärtlichen Flüsterton , „was bedeutet mehr? Ich möchte ihn jedenfalls kennenlernen.“

Die Sms bestand aus klaren Worten: „Hallo Marco, bist du wirklich so stark wie die Anmut deiner Muskeln es verspricht, so sanft wie dein charmantes Lächeln, deine einfühlsamen Worte? So zeige es mir. Deine Casmilda.“

Casmy wusste selbst, dass ihr Hang zur Romantik bei diesen Worten mit ihr durchgegangen war, doch der Alkohol hatte ihre Hemmschwelle am gestrigen Abend vollkommen hinweggeschwemmt. Zum ersten Mal hatten sie Tequila und Co dazu gebracht, ihre Gefühle auf romantische und doch diplomatische Art und Weise zu vermitteln.

Der März dieses Jahres beschreib ein ziemlich verwirrendes Wetterspiel aus entsetzlicher Wärme und Kälte. Casmy und Conny liebten Sonne, deshalb gaben sie sich mit diesen halben Sachen von warmem Klima kaum zufrieden. Doch immerhin hatten sie einen Ausflug in sonnige Gefilde geplant. Dort wollten sie sich den heißen Temperaturen ebenso hingeben wie den attraktiven Männern, die sie dort erwarteten, sowie möglicherweise einer kleinen Phase des abschließenden Liebeskummers, wenn das Feuer der Urlaubsaffäre erloschen war.

Sie wussten wie schön der Sommer in Wien sein konnte, wie leidenschaftlich die durchtrainierten Männer ihre Muskeln auf der Donauinsel zum Ausdruck brachten, aber die Neugierde des Unbekannten hatte sie wieder einmal erfasst, wie die Neugierde auf ein Paket, das es auszupacken galt.

Casmilda spielte mit ihren schulterlangen, aubergine getönten Haaren, um ihrem unbewussten Wunsch nach Geborgenheit eines Mannes Ausdruck zu verleihen. Sie liebte es, wenn Männer ihre glänzende Mähne streichelten.

„Meinst du, Marco würde mit uns nach Mallorca fliegen?“ fragte Casmilda.

„Wie wär’s wenn du ihn einfach fragst, Dummerchen? Du bist doch sonst nicht so schüchtern!“, erwiderte Cornelia, und zwinkerte ihrer Freundin vergnügt zu.

Diese zuckte mit den Schultern.

„Es sind nur noch zwei Monate bis zu unserem Urlaubsantritt“, meinte Casmy. „Ich sollte ihn wohl bald fragen, nicht wahr?“, fügte sie lächelnd hinzu.

„Ja, aber andererseits haben wir ihn erst kürzlich kennengelernt, meine Liebe. Du und ich hingegen teilen seit Anbeginn unserer Lehrzeit diverse Launen und Tagesverfassungen miteinander, zehn lange Jahre. Himmel, wie die Zeit vergeht!“, seufzte Conny, um anschließend nachdenklich die Stirn zu runzeln.

„Ich habe eine Idee, wir vergessen dieses spanische Last – Minute – Angebot und bleiben hier, um sein Wesen genauer unter die Lupe zu nehmen, was natürlich in erster Linie deinem Interesse naheliegt!“

Casmilda blinzelte überrascht. Seit einigen Monaten beschäftigten sie sich mit der Diskussion, wo sie ihren Sonnengebeten am besten nachgehen könnten. Cornelia ignorierte die Verblüffung ihrer Freundin und lehnte sich bequem in ihrem Stuhl zurück, um ihrem Gedanken eine freudige Entspannung zu verleihen. Sie wechselte die Stellung ihrer Beine, die sie übereinandergeschlagen hatte.

„Das ist typisch für dich Conny, kein Wunder, dass deine Bindungen erlischen, kurz nachdem sie entflammt sind, du machst dich von Männern abhängig! Soll Marco doch hier bleiben, wir machen uns alleine unseren Spaß, auf Mallorca gibt es bestimmt viele attraktive Touristen!“

Nun war es Cornelia, die einen verdatterten Blick aufsetzte und sich die Hände in die Hüften stützte.

„Meine Liebe, kann es sein, dass du plötzlich Angst davor hast, dich Marco zu nähern? Vorhin hast du noch in den höchsten Tönen von ihm geschwärmt, und jetzt redest du plötzlich von irgendwelchen Touristen!“, spöttelte Conny in gespielt dramatischem Ton.

„Vergiss nicht,“, seufzte Casmy, „wir arbeiten im selben Salon. Also ist es wohl das Beste, wenn ich mir die Sache mit ihm aus dem Kopf schlage – und aus dem Herzen. Außerdem hat er seinen Urlaub vielleicht bereits geplant, und verbringt ihn außerhalb Wiens.“ Conny fühlte mit ihr und strich ihr kurz über den Kopf.

„Du hast recht. Lass' lieber die Finger von ihm. Tut mir leid für dich, aber du weißt ja: Privates und Geschäftliches zu trennen ist die Basis für eine gute Teamarbeit!“

Casmilda konnte Cornelia nicht widersprechen. Dennoch schwärmte sie für Marco, und sie wusste über die Schwäche ihres Verstandes gegenüber diesem Gefühl Bescheid.

Wenige Augenblicke später unterhielten sie sich zur Abwechslung über ein bodenständiges, realistisches Thema: die Finanzierung des Hotels und des Flugs .Das Endergebnis des Debakels hinderte sie daran, nach Mallorca zu reisen. Sie entschieden sich für einen Aufenthalt in Wien, weil ihre Ersparnisse kein anderes Urlaubsziel zuließen. Zwar rentierte sich der Luxus des Quartiers und auch der Flug um Haaresbreite, aber letztendlich müssten sie auf den Eintritt in die diversen Discotheken, die der Ballermann 6 hergab, verzichten, da diese Kosten ihr Budget überstiegen, ganz zu schweigen von den Getränkepreisen. Sie verabschiedeten sich also gedanklich von ihrem Sommertrip ins Ausland und beschlossen, sich davon nicht die Vorfreude auf die hitzige Jahreszeit verderben zu lassen.

Das Haarstudio Die fliegende Schere hatte im Mai 3 Wochen lang geschlossen, somit blieb genügend Zeit, einmal so richtig ausspannen zu können. Conny nippte an ihrem Cherry-Shake. Sie dachte kurz über Marco nach, den auch sie sehr attraktiv fand. Aber mehr war da nicht. Mehr durfte da nicht sein. Weder Conny noch Casmy konnten sich Gefühle, sexuelle Erlebnisse oder zu viel Freizeit mit Marco erlauben, es würde dem Geschäftsleben nichts Gutes abgewinnen. Außerdem definierte ein Ehrenkodex in ihrer Freundschaft, sich nur objektiv in die aktuelle oder bereits beendete Liebesbeziehung ihres Gegenübers einzumischen, ganz gleich, welcher Intensität diese entsprang, somit waren Flirt – oder Annäherungsversuche jeglicher Natur für die jeweilige beste Freundin tabu.

Die drei Stylisten wohnten in einem Jugendwohnhaus im 12. Bezirk, Meidling. Die U4 – Station „Meidling Hauptstraße“ befand sich in der Nähe jenes Gebäudes. Das Haarstudio war ebenfalls öffentlich mit der U4 gut zu erreichen, vom Schwedenplatz entfernt waren es nur ein paar Schritte in Richtung Rotenturmstraße, sowie zur Vorlaufstraße Nr. 19.

Im Jugendwohnhaus lebten Menschen verschiedenster Herkunft. Marco war gebürtiger Italiener und von Linz nach Wien gezogen, Casmy kam aus Wilhelmsburg im Bezirk St. Pölten Land, und Cornelia stammte aus dem weinreichen Burgenland. Rein zufällig ergab es sich, dass sie alle im selben Wohnheim untergebracht waren, sowie im selben Geschäft arbeiteten. Conny und Casmy wohnten bereits seit Anbeginn ihrer Lehrzeit in Wien. Marco war erst vor 5 Wochen eingezogen.

Es war nur Bewohnern außerhalb Wiens sowie einreisenden Ausländern die Erlaubnis vorbehalten, in diversen Jugend – und Studentenwohnheimen zu leben. An und für sich gab es auch eine Vorschrift, die die Altersgrenze für das Beziehen einer Wohnung konkret festlegte, aber die Bewohner hätten teilweise rein theoretisch die Väter oder Mütter der jüngeren Insassen sein können. Die Verwaltung jedoch blickte über diesen kleinen Regelverstoß hinweg.

Casmy und Conny nutzten diese älteren Menschen als abschreckendes Beispiel. Die Aussicht, noch in gehobenem Alter in einer Stätte zu wohnen, die für Studenten und Lehrlinge oder junge Leute mit geringem Einkommen vorgesehen war, sollte ihnen kein Vorbild sein.

Im gesamten Jugendwohnhaus gab es diverse Freizeiteinrichtungen wie beispielsweise einen Fitness, – Musik – und Partyraum, einen Tischtennistisch, den Squash – Bereich, Internetzugang sowie einen Tennisplatz. Nicht zu vergessen waren natürlich die Getränke – und Snack-Automaten, die Bibliothek und die gemütlichen Couchen und Sitzecken.

Die Zeiger der Uhr im Restaurant zeigten 18:30.Sie nahmen die letzten Bissen ihrer Happy – Schmecky – Burger zu sich, kauften für unterwegs noch eine Sweetmouse – Kirschschnitte , und verließen das Fastfood– Restaurant. Junk – Food – Mood hatte seine Eröffnung vor einem Jahr gefeiert, die Menüs waren an jenem Tag dementsprechend günstig gewesen. Auch danach bewegten sich die Preise in einem durchaus toleranten Rahmen, allerdings enthielt der Speiseplan nicht unbedingt Nahrungsmittel, die sich mit diversen Schlankheitskuren gut vereinbaren ließen. Die Zeitungen berichteten mehr oder minder theatralisch über wilde, klatschsüchtige Skandale: „Happy – Schmecky – Burger lassen Sie bei regelmäßigem Konsum nach drei Monaten aussehen wie ein Walross, da ein Stück so viele Kalorien enthält wie drei gebackene Schweineschnitzel“, oder „Die Desserts bei Junk – Food – Mood sind mit Stoffen angereichert, mit denen Sie möglicherweise Fenster putzen könnten!“ Die Ernährungswissenschaftler im Fernsehen neigten ebenfalls gerne zu ähnlichen Übertreibungen, aber Casmy und Cornelia wussten, warum sie in letzter Zeit ständig den Fitnessraum im Jugendwohnhaus aufsuchten, insofern sie ihren inneren Schweinehund dazu überwinden konnten.

Die jungen Frauen gähnten, als sie den Gehsteig der Mariahilferstraße betraten, da die Nacht im Dance for Chance ihre Nachwirkungen zeigte. Zwei geschlagene Stunden waren sie nun in diesem muffigen Schuppen gesessen. Beim Betreten des Restaurants hatten sie die Burger, Süßigkeiten oder Milchshakes als äußerst delikat empfunden, doch beizeiten begann ihr abgespanntes Gehirn zu begreifen, wie die Gerüche gesunden Essens sich im Vergleich anfühlten.

Connys Handy klingelte, als sie auf dem Gehsteig standen.

„Was? Das wirst du noch bereuen! Du wirst nie eine Frau kennenlernen, die dein Wesen über längere Zeit toleriert, das schwöre ich dir!“

Mit hastigen Bewegungen drückte sie auf den roten Knopf und warf ihr Mobiltelefon in die Handtasche. „Was hast du?“ fragte Casmilda entsetzt. Besorgt blickte sie in das traurige Gesicht ihrer Freundin, dessen Augen sich langsam mit Tränen füllten. Sie tätschelte sanft ihren Arm.

„Er will unsere Beziehung aufgeben!“, entfuhr es Conny lauter, als sie beabsichtigt hatte.

„Wer?“

„Drei Mal darfst du raten!“

„Äh, Jakob?“

„Nein, diese Liaison ist seit sieben Wochen passé, es geht um Daniel! “

„Oh, entschuldige, da habe ich mich wohl vertan, du wechselst ja auch die Männer wie die …..“

„Ruhe!“

„Ich bin ja schon still. Tut mir leid, das war nicht sehr einfühlsam von mir. Ach ja, zurück zu Daniel: so ein gemeiner Typ. Und warum will er sich von dir trennen?“ Casmy fragte sich, inwiefern sie diesem übertrieben Drama ihre Ernsthaftigkeit beisteuern konnte.

„Er meinte nur, seine Intuition rate ihm zu dieser Handlung. Doch wieso quält er mich drei Wochen lang mit seinem romantischem Getue, um mich schließlich derart kalt abzuservieren?“

Casmilda tippte sich nachdenklich mit dem Finger an die Stirn Ihr kam ein Gedanke.

„Entweder hat er sich emotional noch nicht von seiner Ex-Freundin gelöst, eine ganz andere Person hinter deinem Rücken kennen gelernt, oder er ist schwul.“ Letzteres sollte ein Witz sein, um Conny aufzuheitern. Aber der Versuch war vergebens. Conny verzog keine Miene. Casmilda seufzte und hob erneut an zu sprechen.

„Wer weiß, vielleicht ist er oberflächlich und wollte nur eine rein sexuelle Beziehung mit dir führen, ohne Regeln von Treue oder Rechenschaft. Das würde dann wohl allerdings auch bedeuten, dass du nicht den Typ Frau repräsentierst, den er auf sexueller Ebene attraktiv findet!“

„Aufbauende Worte, danke!“ Conny verschränkte trotzig die Arme vor der Brust.

„Tut mir leid, wenn ich noch folgendes Ass im Ärmel habe, aber andererseits solltest du dir Gedanken darüber machen, welchen Beitrag du selbst leistest, der die Männer in die Flucht schlägt. Schließlich sagst ausgerechnet du zu Daniel, er sei ein Typ, dessen Eigenschaften schwierig zu tolerieren seien. Damit hättest du dich gut und gerne selbst meinen können.“

„Lass’ mich jetzt kurz in Ruhe, bitte!“ Conny hatte ihr scheinbar kaum zugehört und schwelgte mit ihren Gedanken in einer Opferhaltung.

Die zwischenmenschliche Liebe ist die komplexeste Erfindung der Menschheit, die es gibt, schoss es der frustrierten jungen Dame durch den Kopf. Sie glaubte, fähig zu sein, eine Beziehung zu führen, und den Partner sowie sie selbst glücklich machen zu können, wirkte aber auf Männer durch ihr überempfindliches, launisches Wesen ziemlich unreif, trotz der 25 Jahre, die ihr Alter beschrieben. Casmy war zwei Monate älter als Conny.

Casmilda fragte sich ernsthaft, was Cornelia bedrückte. Es fiel ihr schwer, diese Situation wirklich akzeptieren zu können. Conny hatte Daniel doch nur drei Wochen gekannt, und nun verhielt sie sich, als sei ihr Herz gebrochen. Konnte Liebe auf den ersten Blick sie tatsächlich so sehr verletzen, wenn sie nicht erwidert wurde? Sie fragte sich, wie sie sich fühlen würde, wenn Marco ihr eine Abfuhr erteilen würde, auch, wenn sie nicht in ihn verliebt war, sondern nur für ihn schwärmte. Ihr Herz machte dabei einen traurigen Satz und sie verdrängte den Gedanken sofort wieder. „Diese Sache ist sowieso hinfällig“, meldete sich ihr innerer Kritiker zu Wort. Ihr Herz jedoch war ganz anderer Ansicht.

Casmilda hatte ihren Arm um Connys Taille gelegt. Conny schwieg und weinte still. Ihr Kopf lag auf der Schulter ihrer Freundin. So schritten sie Arm in Arm die Straße entlang, bis sie sich schließlich auf einer Bank niederließen. Es gab viele Momente, in denen Casmilda Cornelia nicht verstand, aber sie war für sie da, wann auch immer sie ihre Hilfe brauchte. Sie setzten sich auf eine Parkbank. Auch Situationen, in denen Cornelia in solchen Momenten der Traurigkeit frustriert und lautstark ihren Kummer zum Besten gab, mitten auf der Straße oder auch in einem Café, nahm Casmilda einfach hin - diese Szenen waren ihr schon lange nicht mehr peinlich. Auch in einer Freundschaft konnte ein verinnerlichtes Gewohnheitstier Wunder bewirken.

Conny zeigte ihre Launen auch gut und gerne am Arbeitsplatz. Ungeduldig verdrehte sie des Öfteren entnervt an einem Dienstagmorgen die Augen– montags hatte Die fliegende Schere geschlossen - , weil sie sich darüber ärgerte, dass jemand ihre rosa Schnitt-Fit – Schere verlegt hatte, bis ihr die Erleuchtung kam, jene aufgrund von Schwarzarbeit am Wochenende noch in ihrer Handtasche liegen gelassen zu haben .Diese Kleinigkeit beschrieb nur ansatzweise ihre überempfindliche, tollpatschige Natur. Eines Tages, als sie einem attraktiven Mann hinterherstarrte, weil er ihres Erachtens nach einen tollen Hintern besaß, lief sie wenige Augenblicke später gegen ein riesiges, kaum übersehbares Stoppschild. Ein prägnantes, ironisches Massaker krönte schließlich ihre Tollpatschigkeit. Sie stieß ein frustriertes „Scheiße!“ aus und stand 2 Sekunden später in einem Hundehaufen.

Bei jeder dieser Pannen war Casmy dabei gewesen, die derartigen Situationen einen Heidenspaß abgewann. Sogar die überempfindliche Conny schaffte es mittlerweile, ihre Lachmuskeln bei jenen Erinnerungen anzuspannen.

Cornelia wurde bewusst, dass sie ihr Make – Up in Ordnung bringen musste, da ihre Tränen ihr mühevoll errichtetes Werk zunichte machten.

„Geht es dir jetzt ein wenig besser?“, fragte Casmilda, während sie ihre Hand hielt.

„Nein, um ehrlich zu sein, nicht. Du hast Recht, ich sollte mich nicht grämen, wir haben uns nur drei Wochen lang gekannt. Ich bringe mich ständig in derartige Situationen, wie du ebenfalls richtig erkannt hast, und dieses innere Zugeständnis tut mir weh. Wie kann ich mit mir selbst ins Reine kommen?“

Casmilda hatte eine glänzende Antwort parat, doch sie wurde unterbrochen. Ihr blieb der Mund offen stehen, und die langen Wimpern schienen gen Himmel zu wachsen, zumindest fühlte es sich so an.

Da, einen Meter von ihr entfernt, ging er schnellen Schrittes seinen Weg, wohin auch immer. Marco.

„Hey Marco, hallo, bleib' doch mal stehen!“, rief sie ihm von weitem zu. Sie fühlte eine tiefe Euphorie in ihr aufsteigen, und ihr Herz begann zu pochen, als er sich langsam zu ihr umdrehte. Er lächelte, als er sie erkannte, und Casmilda stieg die Röte ins Gesicht, da sie sein attraktiver Anblick aus der Fassung brachte. Er machte auf dem Absatz kehrt und bewegte sich auf die beiden Frauen zu. Der hübsche Italiener trug ein weißes, ärmelfreies Shirt, eine kurze schwarze Hose, und sein Haar hatte er mit Wet-Gel einen Stand verliehen, der ihn ein wenig größer wirken ließ, da er mit 1,75cm nicht unbedingt eine stattliche Körpergröße aufwies. Hingegen unterstrichen seine dunkelbraune Haut und die charismatischen Augen die Attraktivität seiner Ausstrahlung, die von seinen stark hervortretenden Muskeln an Brust, Armen und Beinen vollendet wurde. Casmy erschienen seine Bewegungen wie ewige Kilometer, da in diesem Moment ihre Sehnsucht nach seiner strotzenden, beschützenden Kraft eine eigene Persönlichkeit anzunehmen schien. Darüber hinaus liebte sie es, ihm zuzusehen, wie er seinen tollen, braungebrannten Körper in der Sonne wiegte.

„Hallo ihr Beiden“, begrüßte er Casmilda und Conny mit einem Handschlag. „Ich habe euch leider nicht gesehen.“

„Macht doch nichts“, entgegnete Casmilda, die gerade mit der Sonne um die Wette strahlte, „ich habe dich gesichtet und nun bist du hier.“

Marco setzte sich zu ihnen. Der Schweiß lief ihm von der Stirn, was Casmilda als höchst erotisch empfand, weil sie die Tropfen am liebsten sanft mit ihren Fingern weggewischt hätte. Wie gerne würde sie näher an ihn heranrutschen. Doch er wandte seine Aufmerksamkeit Cornelia zu.

„Conny, geht es dir nicht gut?“, wollte Marco wissen, der in das Gesicht einer Frau blickte, die dringend ein neues Make-Up nötig hatte und vor allen Dingen ein Taschentuch. Marco reichte ihr eines aus seiner Hosentasche.

„Danke Marco, das ist lieb von dir. Casmy und ich haben keine dabei!“, stammelte Conny verlegen, ohne seine Frage zu beantworten.

Sie ärgerte sich über diesen Frevel. Daniel war auch freundlich zu ihr gewesen, und hatte ihr binnen kurzer Zeit sehr weh getan. Andererseits konnte sie solch attraktiven, männlichen Wesen nicht böse sein. Außerdem hatte er mit charmanter, einfühlsamer Stimme nach ihrem Befinden gefragt, somit vergaß sie ihre nachtragende Natur.

„Was machst du denn hier?“, wollte Casmilda wissen, als sie ihren Kopf in einer verträumten Schräglage auf ihre Hand stützte.

„Ich war gerade bei meiner Großmutter zu Besuch, sie wohnt gleich in der Nähe des Westbahnhofs.“ Er warf Conny einen kaum merklichen Seitenblick zu. „Soll ich euch lieber alleine lassen? Unsere Kollegin scheint Trost zu brauchen“, fragte er, seinen Blick wieder Casmy zugewandt. Obwohl diese genau wusste, wie Recht der hübsche Italiener hatte, flehte sie ihn innerlich an, zu bleiben.

„Wie du willst, Marco, du störst jedoch in keinster Weise!“, entgegnete sie mit einem zuckersüßen und doch aufrichtigen Lächeln.

„Hau’ ab!“, hätte Conny aufgrund ihres gebrochenen Herzen am liebsten geschrien, doch sie ließ es bleiben. Für Marco würde sie sich ausnahmsweise zusammennehmen.

Casmildas Worte sprudelten aus ihr heraus, ehe sie sie aufhalten konnte. Nervös stammelte sie: „Äh, Marco, übrigens, wegen der Sms gestern, das war irgendwie…“

„Sehr direkt!“, beendete Marco den Satz, wobei sein aufrichtiger Blick keine Vermutung aufkommen ließ, wie er ihre Nachricht bewertete.

„Ja, da hast du wohl die richtigen Worte getroffen. Aber vergiss sie einfach und lösche sie, ich hatte ein bisschen zu viel getrunken.“ Casmilda verletzte sich an ihren eigenen Worten, was sich in ihrer Herzgegend mit einem ziehenden Stechen bemerkbar machte. Intuitiv legte sie die Hand an jene sensible Körperstelle, wie um damit den Schmerz lindern zu können. Doch es war das Beste, sich von Marco privat zu distanzieren.

„Wenn du das sagst“, meinte Marco mit einem strahlenden Charisma, das seine Worte weder arrogant noch kalt erklingen ließ, sondern einfach von Herzen freundlich wirkte.

Anfangs hatte sie ein ganz anderes Bild von ihm. Er hatte erst vor vier Wochen im Salon angefangen zu arbeiten. Casmilda hasste ihn, denn er wirkte arrogant und schleimte sich scheinbar mit seinem technischen Gerede über Haarschnitte – und Colorationen bei ihrem Vorgesetzten ein. Eines Tages lächelte er die junge Friseuse jedoch verlegen an, und sie begann innerlich für ihn zu schwärmen. Als die beiden miteinander ins Gespräch kamen und merkten, dass sie im selben Studentenwohnheim lebten, tauschten sie ihre Telefonnummern aus, um sich für einen Plausch in ihrer Freizeit zu verabreden. Conny beobachtete das Geschehen und ein kleiner Anflug von Eifersucht zierte ihr Gesicht. Wenige Tage später hatte Marco Casmy gefragt, wann sie denn Lust hätte, besagten Drink zu konsumieren, daraufhin entgegnete sie nur lässig, sie hätte Orangensaft zuhause, „aber trotzdem danke“.

Der junge Hairstylist verstand ihren Humor nicht ganz, bis sie anfing zu grinsen.

„Und eine Dusche habe ich auch, falls du mit mir mal schwimmen gehen möchtest, ich bin mit allem gut versorgt!“ Marco hatte zu lächeln versucht, war aber scheinbar zu verklemmt, um diese Witze zu begreifen. Somit war ihr gemeinsames Treffen auf einen ungewissen Zeitpunkt verschoben worden.

Marco hatte seine Marlboro zu Ende geraucht und zertrat die Kippe mit seinem Fuß, der an einem stark durchtrainierten Unterschenkel herausragte.

„Meine Lieben, ich muss jetzt wieder los. Meine Schwester wartet auf mich. Wir sehen uns dann am Dienstag!“

Er reichte ihnen höflich die Hand und ging seines Weges.

Wie familiär er ist, ging es beiden Damen durch den Kopf, ein Rätsel.

Casmy strich sich ihr aubergine getöntes Haar aus der Stirn, wo sich schon langsam der Schweiß sammelte. Dieser Mann hatte ihr den Kopf verdreht, und sie wusste über den Auslöser ihrer Schweißperlen sehr gut Bescheid – die Sonne alleine konnte sie bestimmt nicht hervorgerufen haben.

Marco hatte die Tönung auf ihr Haar appliziert. Sie trug an jenem Tag ein trägerloses Top, und ihre wohlgeformten Brüste kamen gut zur Geltung. Sie bemerkte, wie sehr er sich mit dem Auftragen des Präparates beeilte, und mit hochrotem Kopf bemerkte, dass sie sich zwischendurch mit den Fingern über den Busen strich. Seine offensichtliche Verklemmtheit gab ihr zu denken.

Conny hatte neues Make-Up aufgelegt und fühlte sich ein wenig besser. „Männer sind und bleiben Herzensbrecher“, meinte sie, um die Verantwortung für ihre Gefühle an Daniel abzuschieben. „Am liebsten würde ich jetzt da weitermachen, wo wir gestern aufgehört haben, auch, wenn ich immer noch einen Kater verspüre.“

„Wir brauchen unsere Gehirnzellen noch für andere Dinge. Konzentriere dich lieber auf deinen Selbstwert als Frau“.

Conny blickte ihre Freundin verdattert an. „Also willst du mir sagen, eine anstrengende Art an den Tag zu legen, mit der die Männer nicht umgehen können, ja? Ist es das, worauf du hinaus willst?“ In ihrer Stimme schwang ein nervöser und gleichzeitig aggressiver Tonfall mit.

„Um ehrlich zu sein: ja. Du bist von dir selbst nicht überzeugt, daher rührt dein unsicheres und oftmals launisches Auftreten. Es verschreckt die männlichen Wesen. Nimm dich selbst wie du bist, hab dich gerne, dann tun es auch andere. Das ist die Grundregel jeder Beziehung!“, entgegnete Casmilda und blickte Cornelia tief in die Augen. Dieser missfielen die Worte, weil sie über ihre eigene Schwäche Bescheid wusste, und dabei ertappt zu werden war ihr äußerst unangenehm. Ihr letztes Kontra bestand daher aus einem kurzen Schnauben, dann verließen sie die Bank und machten sich auf den Weg zur U-Bahn.

In Connys Gedanken ging ein typisches Schema vor, das wusste Casmy. Sie glaubte, eine Freundin müsse mehr Loyalität zeigen, und diese in Form von sanften Worten der Zustimmung und des Verständnisses ausdrücken. Casmilda kritisierte Conny stattdessen, um ihre Denkweise zu ändern, was dieser sicher gut täte.

Ihre kleinen Reibereien beschäftigen sich öfters mit der Thematik der Männerwelt. Anstatt sich jedoch gegenseitig zu verstehen, ging das Desaster immer wieder von neuem los: Casmy dachte anders als Conny, und die beiden verspürten keine Lust, sich in die Lage ihres Gegenübers zu versetzen. Casmilda betrachtete Conny des Öfteren als kindisch, wenn sie solche Szenen wie die oben genannte beobachtete, wobei Cornelia ihre Freundin dabei als unsensibel empfand.

Um die heutigen Standpunkte der Beiden zu verstehen, waren ihre Vorgeschichte und Kindheit von Bedeutung: Cornelia wuchs als wohlbehütetes Kind in einer gut situierten Familie in Deutsch-Kreuz im Burgenland auf. Sobald ihre Mutter sie im Alter von 10 oder 12 ermahnte, ihr im Haushalt zu helfen, oder mehr Engagement für die Schule aufzubringen, kam ihr Vater hinzu, um sie vor der Mutter in Schutz zu nehmen, obwohl eigentlich kein verbaler Angriff von dieser erfolgt war. Connys Mutter hatte in ihrem Leben nicht sonderlich viel erreicht, was ihren beruflichen Erfolg anbelangte, deshalb glaubte sie, eine höhere Schule würde ihrer Tochter bestimmt gut tun, da ein dementsprechender Abschluss ihr die Möglichkeiten erschießen würde, die ihr selbst verborgen geblieben waren. Sie meinte es nur gut mit Conny. Ihr Vater jedoch liebte seine Tochter über alles, und klammerte sich an sie, weil er in seiner Kindheit nicht gelernt hatte, die Liebe, die ihm sein Vater verweigert hatte, nicht erzwingen zu können. Somit sah er in allem Liebevollen einen Zwang, den man an sich band und festhalten musste, um die betreffenden Liebe nicht zu verlieren. Conny wuchs somit zu einer verwöhnten Göre heran, die bei jeder Kleinigkeit ins Wanken geriet und zu jammern begann, und jeder Mensch, der das nicht verstand, war ihres Erachtens nach unsensibel, und musste sie trösten und vergöttern wie ihr Vater. Diese Vorstellung haftete noch heute an ihr.

Nur ihre Außenwelt, sprich Connys Arbeitskollegen, ihr Chef und ihre Freundin Casmy wollten sie aus diesem verwöhnten Trott herausziehen, wenn auch nicht alle Betroffenen bewusst dieses Ziel verfolgten, da nur Casmy über Connys Vergangenheit Bescheid wusste. Sich gewissen Gegebenheiten wie Kritik oder Hilfsbereitschaft im Alltag hinzugeben fiel Cornelia immer noch schwer.

Casmilda wuchs in einem kleinen Dorf namens Wilhelmsburg an der Traisen im Bezirk St. Pölten Land auf. Sie wusste, was es hieß, selbstständig zu sein. Sie wurde nicht verwöhnt, was ihre Kindheit betraf, ganz im Gegenteil, was ihr wichtig war, musste sie sich hart erarbeiten. Ihre Noten in der Schule waren immer exzellent. Nach der 4. Klasse lernte sie selbstständig und alleine für die Schule.

Wie groß war die Enttäuschung, als sie ihr Abschlusszeugnis der Hauptschule in den Händen hielt, mit lauter Einsern, und ihren Eltern in den Ohren hing: „Mama, Papa, wir ihr schon wisst ist mein Zeugnis überdurchschnittlich gut ausgefallen! Ich würde so gerne eine höhere Schule besuchen! Danach möchte ich vielleicht Psychologie studieren, und…!“

„Vergiss es, Schätzchen“, warf ihre Mutter sachlich ein, „für derartigen Luxus haben wir kein Geld. Die ständigen Bücherkosten, die Ausflüge und dergleichen übersteigen unser monatliches Budget. Erlerne einen anständigen Beruf, Mädchen!“

Als Casmilda vorschlug, einen Nebenjob anzunehmen, um sich die Schulkosten selbst leisten zu können, wurde ihr dies verboten. „Dein Engagement in allen Ehren, Liebes, aber ich glaube, damit wirst du dich überfordern.“

Somit bewarb sie sich im Alter von 15 Jahren bei Die fliegende Schere. Sie hatte es nicht leicht mit Cornelia, die am selbigen Tag wie Casmilda ihre Lehre antrat .Conny nahm alle ihre Aussagen persönlich, hinterfragte dabei ihren eigenen Wert und war schnell beleidigt. Es dauerte eine Weile, bis die beiden einander verstehen lernten. Ihre Kolleg -und Freundschaft war jedoch nicht immer von Kompromissen übersät, weil sie abgesehen von ihren charakterlichen Unterschieden in vielen Punkten einer Meinung waren, sei dies nun gekennzeichnet durch private Dinge wie gemeinsame Hobbies oder berufliche Dinge wie dieselben Geschmäcker bei einer fachlichen Typberatung – sie fanden mehr und mehr zueinander. Tief in ihrem Inneren wussten Casmilda und Cornelia über die Wichtigkeit der Akzeptanz ihrer jeweiligen Unterschiede Bescheid, sie würden sich nicht grundsätzlich füreinander ändern, aber mehr und mehr Bereitschaft zeigen, ihr Gegenüber zu verstehen. Casmilda brachte mit ihrer Persönlichkeit im Salon eine starke Powerfrau zum Ausdruck, die mit Elan und Motivation ans Werk ging.

Cornelia trat den Kunden mit einer sehr feinfühligen Ader entgegen, die sie sehr an ihr schätzten, obwohl Ausnahmen die Regel bestätigten. Somit stellten sie an ihren guten Tagen ein fantastisches Team dar, das balanciert und richtig handelte. Misslungene Teamkonzepte konnte ein Außenstehender an Connys beleidigter Miene oder Casmildas zornigen Blicken erkennen. Selbstverständlich jedoch waren beide mit einer selbst antrainierten Schauspielergabe ausgestattet, die es ihnen ermöglichte, die „schlechten“ Tage vor den Kunden zu verbergen. Irgendwie schafften es Casmy und Conny immer wieder beide, aufeinander einzugehen, wenn sie sich gestritten hatten, egal ob aus privaten oder beruflichen Gründen. Sie konnten immerhin viel voneinander lernen, wenn die Bereitschaft dafür gegeben war.

Der Abend bei Junk-Food -Mood hatte einen Anflug von Müdigkeit über die Gemüter der Stylistinnen gezogen. Zuerst waren sie sturzbetrunken am Sonntag Morgen nachhause gekommen, hatten danach ein paar Stunden geschlafen und sich statt frischer Luft die Düfte eines Fast Food-Restaurants gegönnt.

Sie hockten abends zusammen in Connys Zimmer im Jugendwohnheim und schwiegen sich gegenseitig an, dabei wanderten ihre Blicke zwischendurch zum Fernseher, der eine kitschige Serie ausstrahlte. Seit ihrer Diskussion wegen Daniel hatten die beiden sich nicht mehr miteinander unterhalten, kein einziges Wort gewechselt. Doch Casmy tat eben nur, worum Conny sie gebeten hatte. „Lass' mich bitte zufrieden!“, hatte sie gesagt. Dabei war Casmilda vollkommen bewusst, wie wichtig Conny in solch trotzigen Momenten Worte des Mitleides waren, doch sie tat ihr diesen Gefallen nicht, weil er sich letztendlich nicht als Gefallen herausstellen würde. Sie musste lernen, Mücken Mücken sein zu lassen, anstatt sie zu Elefanten aufzublasen. Schließlich sah Casmy ihre Freundin an und grinste. In ihren Augen erkannte Conny Aufmunterung und Zuversicht. Spätestens dann wurde Cornelia klar, welche Übertreibung sie wieder einmal an den Tag gelegt hatte, ihr Schmerz galt immerhin ihrem Liebeskummer wegen Daniel, nicht der ganzen Welt um sie herum.

Nun musste auch Cornelia grinsen und schloss ihre Freundin in die Arme. Dabei merkten beide die nicht zu verleugnende Fälligkeit eines Rückentrainings, die ihr Berufsleiden hervorbrachte. Eine halbe Stunde später rüttelte Conny Casmy sanft am Arm, die bereits eingeschlafen war.

Es folgte die typische Küsschen – Verabschiedung und Conny ging zu Bett.

Auch Casmilda befand sich wenige Minuten später in ihrem kleinen Schlafgemach. Kurz, bevor sie sich selig in den Schlaf wiegen wollte kam ihr ein Gedanke. Ihre schweren Lider aufrechterhaltend beschäftigte sie Connys Verhalten dahingehend, wie wichtig sich die Liebe eines Mannes für sie selbst darstellte. Doch anstatt diesem Gedanken tiefgründige Philosophien folgen zu lassen, entdeckte sie in ihrem Inneren eine sexuelle Begierde.

Kurzerhand öffnete sie die Nachttischschublade und nutzte ihren Vibrator, sowie ihre zärtlichen Hände, um sich wenige Minuten später einem sinnlichen Orgasmus hinzugeben.

Ein Anflug leichter Reue streifte sie, während sie das Penisimitat unter das lauwarme Wasser im Badezimmer hielt. Sie wusste genau, dass sie die Möglichkeit hätte nutzen können, sich der lebendigen Fleischeslust eines Mannes im Dance for Chance vollkommen hingeben zu können, was Küsse oder sexuelle Begierden anbelangte, die sich letztendlich in einem privaten Bett ihre Bahn gebrochen hätten, somit hätte sie auf den Nutzen des Vibrators vollkommen verzichten können. Doch die Rücksichtnahme auf Conny, dessen Vorwürfe, sie hätte sie alleine in der Diskothek zurückgelassen, hatten sie davon abgehalten, ihrem erotischen Drang bereits am Samstag nachzugeben, trotz des hohen Alkoholspiegels.

„Doch ich habe Connys Unsicherheit gegenüber Männern nicht zu verantworten, obwohl sie mir diese Verantwortung in Form von Vorwürfen gerne unterbreiten möchte“, sagte sie laut in den Raum, als sie in ihrem Bett liegend die Decke anstarrte. Die Kompromisse in unserer Freundschaft sind nicht immer einfach für mich, dachte sie. Wenige Sekunden später war sie eingeschlafen.

Unterdessen dachte Conny erneut über Daniel nach. Nun, da sie alleine mit sich selbst war, und Casmilda sie nicht von ihrer uneinsichtigen Art, die Situation zu sehen, abhalten konnte, trieben in ihren Gedanken einige Hassfantasien gegen ihren Exfreund ihr Unwesen. Es war einerseits gut, sich von ihren Emotionen treiben zu lassen, denn sie entsprachen ihrer wahren Natur, die Dinge zu sehen. Andererseits wusste Cornelia tief in ihrem Inneren, wie sehr sie es in ihrem Leben befürworten würde, mehr Selbstvertrauen zuzulassen und somit ihre Wahrnehmung für die Außenwelt zu verändern. Doch Veränderung war ihr ein Gräuel, sie barg keine Sicherheit. Also würde sie sich bestimmt noch eine Zeit lang mit ihrem alten selbstzweifelnden Ich herumschlagen müssen. Wenige Minuten später fiel auch sie in einen tiefen Schlaf.

Am nächsten Tag wurde Casmilda bereits sehr früh am Morgen wach, als sie schlaftrunken registrierte, an ihrem arbeitsfreien Montag noch viel länger ausschlafen zu können.

Doch die Erinnerung an einen realistischen Traum hielt sie davon ab, weiterhin auszuruhen. Sie setzte sich ruckartig im Bett auf, schloss die Augen und ließ die Bilder vor ihrem geistigen Auge revue passieren: Marco und Casmy hatten die sexuelle Vereinigung der Reiterstellung genossen, wobei sie ihn mit gierigen Blicken fixiert, sowie mithilfe obszöner Worte motiviert hatte, tiefer in sie einzudringen. Schließlich erschien Conny und filmte die beiden bei ihrem Lustakt. Mit den Worten: „Das Internet wird seine Freude an dem Film haben!“, bedachte sie Casmy mit einem eiskalten Lächeln. Gefühle der Scham und des Entsetzens durchfuhren ihren nackten Körper, als sie ihre Hände verzweifelt um ihn schlang. An dieser Stelle riss sie erschrocken die Augen auf. Schnell schnappte sie sich ihr Tagebuch und begann, den Traum schriftlich zu analysieren: „ 9.3.: Ich träumte von Marco, der mich sexuell befriedigte, und Conny, die den Akt unterbrach. Sie filmte uns während ich mich auf ihm bewegte, und drohte damit, das Ganze ins Internet zu stellen. Was soll das bedeuten? Mir scheint, als hätte ich Angst, Conny würde mir dieses Gefühlshoch mit Marco nicht gönnen, das sich in meinem Traum anhand einer sexuellen Vorstellung ausdrückt. Doch wieso sollte sie das tun? Sie ist meine beste Freundin. Obwohl ich mir darüber im Klaren bin, welch übertriebenes Ausmaß Connys Neid annehmen kann, wissen sie und ich, woher seine Wurzeln rühren – sie würde bestimmt nichts unternehmen, um mir Marco abspenstig zu machen. Dennoch verarbeite ich in diesem Traum wohl auch ein gewisses Unwohlsein bezüglich ihrer Blicke, die sie mir im Dance for Chance zuwarf, als ich versuchte, mit den anwesenden Männern zu flirten. Und diese Fantasie bezüglich des Internets beschreibt meine Angst davor, die Öffentlichkeit, sprich mein Chef Larcy Biksmer könnte von der Affäre zwischen mir und Marco erfahren. Dies würde seine strenge Erinnerung an die Trennung zwischen Privat – und Berufsleben bedeuten. Doch ich muss auf den Boden der Tatsachen zurückkehren – zwischen Marco und mir läuft keine Affäre.“ Zumindest noch nicht fügte sie im Stillen hinzu.

Sie atmete tief durch, beruhigt durch ihre analysierenden Worte und legte das Tagebuch zurück in die Schreibtischschublade.

Sie machte sich Kaffee und putzte sich die Zähne. Dann aß sie, noch im Pyjama, eine Schüssel mit Sckoko-Müsli und extraleichter Milch, um schlank zu bleiben.

Casmilda duschte, rauchte nackt ein paar Zigaretten, und bekleidete sich mit einer dünnen Leinenhose sowie einem türkisen, bauchfreien Top. Nachdem sie sich nochmals die Zähne geputzt hatte, klopfte es an der Tür. Wer das wohl sein mochte um diese Zeit? fragte sie sich. Die Uhr zeigte 9:40.

Sie öffnete und ein unheimlich gut aussehender, junger Mann stand vor ihr. Er schien nicht älter als 20 zu sein. Er hatte dunkle, kurze Locken und schokoladenfarbene Augen, passend zu seinem braunen Teint, der seinen muskulösen Körper zierte.

„Ja, bitte?“

„Ich bin Florenzo, Marcos Cousin, das ist für Sie!“, brachte er mit einem Lächeln hervor, das nur dem leidenschaftlich geformten Mund eines Italieners entspringen konnte.

„Du kannst mich auch sehr gerne duzen!“, erwiderte Casmilda und streckte ihm aufgeregt ihre rechte Hand hin, die er vorsichtig drückte. Casmilda nahm eine weiße Rose entgegen, die laut Florenzos weiterer Ausführung von Marco stammte. Ihr Duft schien den gesamten Raum zu erfüllen, zumindest fühlte ihn Casmilda derart intensiv, da ihre Glückshormone ihr einen Streich spielten. Da war auch ein Kärtchen dabei: „Für eine liebe Arbeitskollegin, dein Marco“.

„Danke sehr, Florenzo, möchtest du gerne einen Kaffee mit mir trinken?“, fragte sie lächelnd, als ihre Bäckchen eine zarte rötliche Farbe annahmen.

„Nein danke, das ist lieb von dir, ich muss mich beeilen um Zeitungen auszufahren!“

Mit diesen letzten Worten verschwand er.

Was für ein Charmeur Marco doch war! Obwohl sie ihn für taktvoll und einfühlsam hielt, überraschte es die junge Dame doch, dass ihr Kollege solch einen würdevollen Schwang der Romantik an den Tag legte. Sie steckte die holde Blume zwischen den Busen in ihr Top und drehte sich vergnügt im Kreis. Wo er jetzt wohl ist, ob er an mich denkt?, fragte sie sich. Sie wollte die Rose einwässern und nahm sie vorsichtig aus ihrer provisorischen Halterung, wobei die prallen Brüste der Blume einen guten Halt verliehen hatten. Sie befüllte eine langstielige Vase mit kaltem Wasser, als sie sich die weiße Rose genauer ansah. Da bemerkte sie die ersten bräunlichen Flecken an den Blütenblättern. Wollte er mir schmeicheln oder mich in meiner Würde kränken?, dachte sie. Angeekelt verzog sie den Mund zu einer schmalen Linie und legte ihre Stirn in Falten.

Doch sie beruhigte sich wieder. Einem geschenkten Gaul schaute sie nicht ins Maul.

Doch eine andere Sorge schlich sich in ihr Bewusstsein. Sie nahm auf ihrem Bett Platz und befühlte ihren aufgeregten Herzschlag. Sie sammelte ihre Gedanken, als sie den Kopf in den Händen gestützt hielt. Marco, der aufgrund seiner femininen Mimik und Gestik die Frage aufkommen ließ, inwiefern er dem gleichen Geschlecht zugetan war, ließ ihr eine Rose überbringen. Doch warum besaß er derart viele Fotos von seinen Ex-Freundinnen, die er prahlerisch präsentierte? Oder zeigten die Fotos seine platonischen Freundinnen? Schwulen Männern war es immerhin eigen, Frauen als ihre Seelenverwandten zu betrachten.

Um sich von ihrer selbst auferlegten Verwirrung abzulenken, erfreute sie sich weiterhin an der Rose. Weiß symbolisiert die Reinheit, sagte man. Sie zündete sich eine Zigarette an und schmunzelte. Marco steckt vielleicht all seine Hoffnung in meine Jungfräulichkeit, die ich schon längst verloren habe, dachte sie und stieß den Rauch aus. Das würde auch erklären, warum er so nervös gewesen war, als er ihr die aubergine-Farben Tönung aufgetragen hatte und sie sich mit den Fingern über den Busen gestrichen hatte, um ihn sexuell anzuheizen. Sie drehte sich schmunzelnd auf den Rücken und zog genüsslich an ihrer Zigarette. Es machte ihr Vergnügen, Spekulationen über Marcos Gedanken anzustellen. Vielleicht meinte er ja, sie solle sich ein Beispiel an der Rose nehmen, weil Casmildas Sündhaftigkeit Bände sprach. „Diese Bände darfst du gerne lesen“! , rief sie euphorisch aus und verfiel einem Lachanfall, als sie kurz darauf bemerkte, wie die Asche ihrer Zigarette auf den Boden fiel, weil sie sich zu weit aus dem Bett gelehnt hatte. Sie holte einen Aschenbecher und dämpfte die Zigarette aus. Dann holte sie ihre Gedanken wieder ins Hier und Jetzt zurück.

Wenige Minuten später klopfte sie an die Tür ihrer Freundin und Nachbarin Valetta. Verschlafen öffnete sie. Sie hatte ebenfalls ihren freien Tag, und arbeitete im Kaufhaus Lipsmelker auf der Mariahilferstraße in einer Pizzeria.

„Wie spät ist es?“, fragte Valy verschlafen, ohne ein Wort des Grußes.

„Es ist zehn!“

Da wollte Valetta schon die Türe zuknallen, als Casmy den Fuß dazwischen legte, und sie flehend ansah.

Valetta ließ sie herein. „Kaffee, Tee?“

„Nein, danke!“, antwortete sie fröhlich.

In knappen Worten berichtete sie von ihrem blumenreichen Ereignis, und Valy hörte mit kaum aufgerissenen Augen zu.

„Wie kommt er auf die Idee, dir eine Blume überbringen zu lassen?“, fragte sie, als sie sich auf ihr Bett setzten.

„Ich weiß es nicht“, antwortete Casmy mit verträumtem Blick und elfengleicher Stimme, „ er verwirrt mich ein wenig. Ich frage mich einerseits ob er schwul ist, seiner Mimik und Gestik wirken ziemlich feminin, wie ich dir bereits erzählt habe, andererseits schickte er mir diese herzallerliebste Rose!“

Anschließend zeigte sie Valetta die Sms, die sie ihm gesandt hatte, und musste schmunzeln. Diese strich sich mit einer flotten Handbewegung ihr kurzes Haar aus dem Gesicht und verzog ihren Mund zu einer schmalen, nachdenklichen Linie. Was sollte sie ihrer Freundin raten? Dass sie die Finger von ihm lassen sollte? Valetta hatte ihre Bedenken über Beziehungen mit Arbeitskollegen bereits geäußert, sie davor gewarnt, Privates und Berufliches derart gedankenlos in einen Topf zu werfen. Mehr konnte sie für sie nicht tun. Casmy betrachtete ihre Freundin. Sie konnte ihre Gedanken teilweise erahnen.

Valetta war eine hübsche, 23 – jährige Blondine, naturblond, wofür sie viele ihrer Freundinnen beneideten.

Eine ihrer wenigen Schwächen bestand darin, schnell die Geduld zu verlieren, und dementsprechende Aggressionen aufkommen zu lassen. Einen Teil ihres feurigen Temperaments nutzte sie auch in diesem Moment, als sie Casmilda aufgrund ihrer Schlaftrunkenheit nach einer halben Stunde zur Tür hinausschob, ohne großartige Rechenschaften darüber abzulegen. Sie meinte nur, sie würden sich später treffen. Und sie solle auf dem Boden bleiben, denn immerhin sei eine einzige Rose kein Grund, sie zu behandeln wie einen gesamten Strauß. Casmilda lächelte ihr zu, bevor sie sich umdrehte und ging. Mit diesem Lächeln versuchte sie sich selbst und Valetta Verständnis für ihr raues Wesen entgegenzubringen, das sie des Öfteren stutzig machte.

Valetta führte ein eher solides Leben. Die attraktive Lesbierin verbrachte ihre Freizeit gerne zuhause, lackierte sich ihre Fuß – und Fingernägel mit der Nuance hottest chocolate, ever been , ihrer Lieblings- Nackellackfarbe, rauchte Kette, und lud Freunde oder Freundinnen zum Kaffee ein, auch lesbische Damen zu One – Night – Stands hatten ihre Wohnung schon des Öfteren von Innen gesehen. Valetta und Casmilda diskutierten oft, ob Homo – oder Heterosexualität in der Frauenwelt die zufriedenstellendere Variante sei, doch diese Diskussion schien ins Endlose zu führen.

Valy hatte oft dem einen oder anderen männlichen Wesen verbal und körperlich ihre Dominanz spüren lassen, weil er in der Diskothek ihre feste Freundin gefragt hatte, ob sie bereit für Sex wäre, oder ob die beiden an einem flotten Dreier interessiert waren. Auch Casmy war einmal dabei gewesen, und weil deren flotte Dreier bis jetzt immer nur mit zwei Männern stattgefunden hatten, hielt sie den Mund, obwohl in ihr die Neugier gewachsen war, wie sich Sex mit einer Frau anfühlte. Einen gewissen Sexhunger in ihrem Gefühlsverhalten konnte Casmilda nicht bestreiten. Sie schaffte das Klischee des testosterongesteuerten Mannes ab und projizierte es mit ihrer sexuellen Offenheit auf sie selbst.

Valy begab sich wieder zu Bett, genoss traumlos ihren Schlaf und stand pünktlich um 14 Uhr auf um sich für den gemeinsamen Tag vorzubereiten. Ebenso pünktlich klopfte auch Casmilda an der Tür, diesmal wurde sie von ihrer Freundin mit einer Umarmung und zwei Wangenküsschen begrüßt.

Sie nahmen die nächste U-Bahn, um zu Junk Food Mood zu gelangen, das ungesunde Fast Food schmeckte Valy, Casmy und Conny unbeschreiblich gut. Casmy öffnete das U-Bahn-Fenster, um ein wenig frischen Fahrtwind abzubekommen.

Durch das herrliche Wetter spiegelten sich in Valys Haaren glänzende Reflexionen des Sonnenlichts, die ihr wunderschönes Blond zur Geltung kommen ließen. Casmilda betrachtete die kaputten Enden und meinte: „Deine Spitzen könnten einen Schnitt vertragen, sie sehen aus, als hättest du eine Spinne in deinen Haaren fuhrwerken lassen, wobei der Spliss die Netze darstellt!“

Sie lachte über ihren eigenen Witz. Dabei rümpfte sie theatralisch die Nase, und fuhr Valetta kurz mit den Fingern durch ihre Wuschelmähne, was jene mit einem Einziehen des Kopfes als überflüssig deutete. „Ja ja, du immer mit deiner überheblichen Friseurzunge, aber gut, tob' dich aus wenn du meinst, es würde mir dann besser gehen, heute noch, wenn du willst. Ich persönlich finde, es gibt wichtigere Dinge im Leben eines Menschen als kaputte Haarspitzen.“ Sie schüttelte mit gespielter Entrüstung den Kopf und grinste.

„Das ist nun mal eine Berufskrankheit, meine Liebe!“ Casmilda war um kein Kontra verlegen.

„Berufskrankheit! Dass ich nicht lache“, entgegnete Valy mit theatralischer Miene, „deinem Prinzip nach müsste ich also jedem Gast in unserer Pizzeria davon abraten, unsere Pizzen zu essen, wenn sie ab und zu ein bisschen angebrannt sind, weil ich meinen Beruf derart ernst nehme, nicht wahr?.“ Gespielt dramatisch stemmte sich Valy die Hände in die Hüften. Casmy nahm die Herausforderung an.

„Was kann ich denn dafür, dass du ihn nicht ernst nimmst?“, bemerkte sie, und verlieh ihrer Stimme einen gespielt abwertenden Ton. Mit einem lockeren Lächeln winkte Valetta ab. Die U – Bahn rollte schließlich in der Station „Längenfeldgasse“ ein, sie stiegen um und waren wenige Minuten später an ihrem Ziel angelangt.

Sie setzten sich an einen Ecktisch im Freien. Im Fast-Food-Paradies bestellten sie je einen Happy Schmecky-Burger sowie zwei Lufti – Schoki - Erdbeermuffins. Sie orderten keine Getränke, da sie aus Sparmaßnahmen in ihren Handtaschen für je eine große Flasche mit verdünntem Fruchtsaft gesorgt hatten.

Casmilda ließ sich gerade die Mischung aus sauren Gurken, Rindfleisch und Tomaten schmecken, als sie einen hektischen Daniel bemerkte, der beinahe an ihr vorbeigelaufen wäre. Nahezu atemlos hielt er inne. Casmy blinzelte, als sie seine Anwesenheit registrierte, um auch sicherzugehen, dass er tatsächlich vor ihr stand. Sie hatte ihn nur ein einziges Mal gesehen. Nach Atem ringend kam er direkt auf sie zugesteuert.

„Weißt du, wo Conny ist?“, fragte er Casmy, ohne eine Begrüßung zu erwähnen.

Sie bemerkte seine Schweißperlen und legte angewidert ihren Burger zur Seite.

„Sie ist zuhause, wo denn sonst? Was willst du denn von ihr?“, fragte Casmy in leicht gereiztem Ton. Hat er nicht bemerkt, dass ich gerade genüsslich einen Burger verspeise? dachte sie bei sich.

„Ich will mit ihr reden, spätestens dann, wenn ich meinen Termin zum Haareschneiden bei ihr einhalte.“ Sein Keuchen war nicht zu überhören, als er den Oberkörper nach vorne gebeugt hielt, um sich mit den Händen auf seinen Knien abzustützen. Seine Stimme verriet einen leicht verzweifelten Unterton. Casmilda blickte ihn emotionslos an, nicht etwa aus Loyalität gegenüber Conny, aber weil er scheinbar keinen Funken Anstand besaß. Er hatte sie weder begrüßt, geschweige denn sich für die Störung entschuldigt, die er während ihres appetitlichen Genusses verursacht hatte.

„Woher weißt du überhaupt, dass ich hier bin?“, wollte sie wissen, und fühlte sich in diesem Moment ein klein wenig verfolgt. Beunruhigt verschränkte sie die Arme vor der Brust.

Daniel antwortete: „Das wusste ich nicht, ich habe nur gerade verspätete Mittagspause, und dachte, ich hole mir ein Menü. Warum ist Conny eigentlich nicht bei dir, ich dachte, ihr verbringt jede freie Minute miteinander?“

Seine Mimik und Gestik sprachen für die vollkommene Überzeugung, ein Recht auf die Befriedigung seiner Neugierde zu besitzen.

„Nein, dem ist nicht so, außerdem geht dich das überhaupt nichts an!“, mahnte ihn Casmy nun ihn lauter werdendem, gereiztem Ton.

Daniel war von Beruf Bäcker und hatte Tagdienst. Entweder war es die Müdigkeit, die sein Beruf mit sich brachte, oder er war aus Schüchternheit wortkarg geworden, denn von einer Minute auf die andere hielt er plötzlich den Mund.

„So ein Zufall aber auch, dass wir uns hier treffen!“, meinte Casmy sarkastisch, um die Gesprächspause zu decken.

„Zufälle gibt’s nicht!“, mischte sich Valy wütend ein, die das Gespräch mit wachsamen Elefantenohren belauschte. Sie sahen einander an und mussten grinsen. Echte Freundinnen hielten zusammen, und seien dies auch nur gekennzeichnet durch einen viel sagenden Blick des Lächelns. Sie konnten Daniel aufgrund seines taktlosen Auftrittes nicht ausstehen und machten keinen Hehl daraus, ihren Emotionen freien Lauf zu lassen. Das eine Mal, als Casmy ihm begegnet war, hatte er auch keine Anstalten der Höflichkeit gemacht. Grüßen wurde bei ihm klein geschrieben. Dieser desinteressierte und selbstgefällige Tonfall machten ihn auch nicht unbedingt zu einem Sympathisanten.

Daniel marschierte schnurstracks ins Restaurant, bestellte einen Zwiebel – Crunchy – Snack, einen Sugarlover als Dessert und ging - natürlich ohne ein Wort des Abschieds.

„So ein unverschämter Kerl!“, meinte Valetta und schüttelte den Kopf. „Ich weiß schon, warum mir Frauen die lieberen Beziehungs – und Gesprächspartner sind!“ Zur Beruhigung steckte sie sich eine Marlboro zwischen die blassrosa geschminkten Lippen.

„Du hast Recht. Abgesehen davon verhält sich dieser Typ glaube ich immer so. Aber apropos lesbische Beziehungen“, sagte Casmilda mit neugierigem Blick, „bist du dir sicher, dass das deine endgültige Bestimmung ist, das Lesbisch - Sein?“, fragte Casmy.

„Äh, ja!“, antwortete Valy. „Und jetzt halt’ bitte die Klappe, darüber haben wir bereits oft genug diskutiert, meine Teuerste!“ Ihr dominanter Tonfall duldete keinen Widerspruch. Casmy zuckte nur mit den Achseln.

Gemütlich saßen sie an ihrem Tisch und genossen stillschweigend das ungesunde Mahl, erfreut über Daniels Verschwinden. Nach einem kräftigen Schluck Erdbeer-Trauben -Juice verspürte Valetta einen starken Harndrang.

„Entschuldige mich bitte!“, grinste sie Casmy zu.

„Du könntest Daniel Nachhilfe in Sachen Höflichkeit geben, meine Liebe!“, lachte Casmilda zurück.

Auf der Toilette konnte Valy immer gut ihren Gedanken nachhängen und sich entspannen. Seelenruhig ließ sie sich auf dem Deckel nieder und verrichtete mit geschlossenen Augen entspannt ihr Geschäft. Wäre da nicht dieses Wimmern gewesen, das sie augenblicklich aus ihrem Tagtraum aufwachen ließ, hätte sie bestimmt noch einige weitere Augenblicke in dieser Position verharrt.

Sie öffnete die Augen und verließ den WC-Raum. Sie fragte sich nervös, ob sie diese Stimme kannte und schlug die Hände vor ihr Gesicht, als ihr eine Ahnung zu verstehen gab, wem diese gehören könnte. Das Geräusch drang aus der Toilette nebenan. Als sie genauer hinhörte, ließen sich die jammernden Töne in Worte und Sätze zusammenfassen. „Ich bin so arm, alle Welt hasst mich!“, säuselte die Stimme.

Ja, tatsächlich, kein Zweifel. Valetta kniff sich kurz in den Unterarm, obwohl sie genau wusste, welcher Albtraum ihr bevorstand.

Es war ihre Ex-Freundin Tatjana. Sie kam aus Tirol, war 27 Jahre alt, und ein richtiges Drogenwrack. Voller Wucht wurde die WC-Türe geöffnet und Tatty stürmte aus der Toilette. Sie war ebenfalls zugezogen, und wohnte in Simmering. Ihre Haare waren feuerrot getönt, aber ausgewaschen, trotz des fettigen Ansatzes. Sie stank nach Schweiß und hatte tiefe, dunkle Ringe unter den Augen.

Aber trotz ihres verdatterten Innenlebens erkannte sie Valetta.

„Hallo, Valy!“, stammelte sie mit einem abgehobenen Lächeln.

Valy unterließ es zu antworten und stand schweigend da. Mit langsamen Schritten bewegte sie sich auf das Waschbecken zu und wusch sich die Hände. Sie versuchte, ihre Erschütterung zu verbergen. Wie hatte sie sich nur mit diesem Menschen auf eine Beziehung einlassen können? Tatjana war aggressiv, anhänglich und lebte immer in ihrer eigenen Welt, die sie mithilfe diverser Drogen wie Ecstasy oder Speed betreten konnte. Trotz des Deliriums, in dem sie sich auch an diesem Tag bewegte, bemerkte sie die kühle Ignoranz ihrer Ex-Freundin und schlang wie zum Trotz ihre Arme um deren Körper. Dann begann sie zu schluchzen. Valetta stieß sie von sich, weil sie von ihrer Gestalt und ihrem Gestank angewidert war. Mit einem heftigen Knall landete Tati der Länge nach auf den hellblauen Fliesen. Sie hielt sich die Hände vors Gesicht.

Valetta drehte sich erschrocken zu ihr um und riss die Augen auf. „Entschuldige, das wollte ich nicht!“, versuchte sie sie schließlich zu beschwichtigen. Eine kleine Welle des Mitgefühls durchströmte ihr Bewusstsein. Valy kniete sich auf den Boden und versuchte vorsichtig, die Hände ihrer Ex-Freundin aus ihrem Gesicht zu wenden, während diese ihren Kummer still und leise ertrug.

Kurz bevor Valettas Hand Tatjanas Schutzbarriere berühren konnte, holte Tatti in Sekundenschnelle aus und wollte ihr einen heftigen Schlag auf die Nase verpassen.

Valettas Reflexe ließen sie jedoch in diesem Moment nicht im Stich, also wich sie geschickt aus, während Tatjanas Schlag unbeholfen in der Luft landete. Valy stand auf und blickte das Häuflein Elend am Boden mit herablassender Miene an, während sie die Arme vor der Brust verschränkt hatte, eine Rechenschaft abwartend.

„Du hast mich verlassen, genau wie alle anderen auch“, hauchte Tatjana dumpf.

„Niemand liebt mich“, stieß sie anschließend mit wütender Stimme hervor, die der Ausgeburt der Hölle gleich klang. Auf welchen Trip sie sich wohl diesmal begeben hatte?, fragte sich Valetta ungerührt.

„Denke einmal darüber nach, warum du immer und immer wieder verlassen wirst!“, entgegnete sie kühl , ohne mit der Wimper zu zucken. Sie bemühte sich, Haltung zu wahren und verließ langsamen Schrittes den Vorraum des WCs. Ihr innerer Schockzustand drang nicht nach außen, sie war eine perfekte Schauspielerin. Dennoch wühlte sie die Tatsache auf, vor wenigen Minuten Casmilda in überzeugenden Tönen von lesbischen Beziehungen erzählt zu haben, und kurze Zeit später mit der Wahrheit einer verrückten, homosexuellen Frau konfrontiert zu werden, mit der sie früher ihre Gefühle geteilt hatte.

Sie atmete tief durch setzte sich wieder zu Casmy an den Tisch. Sie wollte diesen Vorfall einfach verdrängen und biss gedankenverloren in ihren Burger. Casmilda verspeiste genüsslich ihr Dessert, und bemerkte Valys Miene nicht. Wenige Minuten später wurde die Toilettentür gewaltsam aufgerissen, sodass alle Gäste ihre Aufmerksamkeit auf den Knall richteten, den sie hinterlassen hatte. Tatjana rannte schnurstracks nach draußen, nachdem sie Valy im Innenbereich des Restaurants nicht gefunden hatte.

„Valetta, du Schlampe! Wo bist du?“, schrie sie.

Sie gab der Eingangstür einen kräftigen Schubs und beschleunigte ihre Schritte, als sie Valetta draußen erblickte. An ihrem Tisch angekommen sagte sie beinahe seelenruhig: „Ist das deine Neue, du Flittchen?“ Ihr zynisches Lächeln trieb Valetta zur Weißglut, doch sie spielte ihre Rolle weiterhin gut, während sich in ihrem Inneren Aggressionen aufstauten, die sie nur schwer zu bändigen vermochte. Dennoch reagierte sie lässig, als sie erwiderte: „Geh' nachhause, Tatti, lass' uns zufrieden, oder ich rufe die Polizei und erzähle den Bullen von deinem köstlichen Cocktail.“

Casmilda war der Appetit vergangen. Sie wartete ungeduldig auf eine Analyse der Situation, während sie nervös an ihren Fingernägeln herumkaute.

„Wir sehen uns wieder!“, brachte Tatjana aufgebracht hervor, „spätestens, wenn du dich wieder einsam fühlst.“ Mit diesen letzten Worten machte sie auf dem Absatz kehrt und marschierte in Richtung U-Bahn. Casmilda starrte ihr hinterher, verwundert über den wackligen Gang, den diese für sie eigenartige Emanze benützte, um sich fortzubewegen. Sie legte die Stirn in Falten.

„Wer ist diese niveaulose Person? Daniels Auftritt war dagegen harmlos!“, empörte sich Casmilda, ohne ihren Blick von Tatti abzuwenden. Als sie ihre Aufmerksamkeit wieder Valetta entgegenbrachte, da sie registrierte, keine Antwort von ihr erhalten zu haben, bemerkte sie die Tränen in deren Augen. Von Betroffenheit ergriffen richtete Casmy ihre Augenbrauen nach unten.

„Komm, wir gehen irgendwohin, wo wir ungestört miteinander reden können,“ versuchte sie, ihre Freundin zu beschwichtigen.

Sie packten ihre Sachen und suchten sich ein gemütliches Plätzchen auf einer Straßenbank, weit weg von all den neugierigen Schaulustigen, die sie bei Junk Food Mood beobachtet hatten, als Tatti ihre Worte zum Besten gegeben hatte. Casmilda wusste, dass Valetta in solch schwachen Momenten nicht in den Arm genommen werden wollte, also ließ sie sie in ihrer verschlossenen Haltung verharren. Wenige Minuten später ließ Valy ihren Tränen freien Lauf, während Casmilda ihre Neugierde nun vollkommen durch ein Gefühl der Empathie ersetzt hatte. Sie drückte ihr ein Taschentuch in die Hand. Nachdem sich Valy geschnäuzt hatte, atmete sie tief durch, biss wütend die Zähne zusammen und ließ wieder locker, um den Mund zu öffnen und Casmilda aufzuklären. In ihrem Bewusstsein wurde eine Erinnerung wachgerufen, die sie trotz aller Verdrängung in diesem Moment der Verwirrtheit und Zerrissenheit klar und deutlich aufrüttelte.

Langsam drehte sie ihr tränenbenetztes Gesicht Casmilda zu, die den Wink des Blickes verstand, ihre volle Aufmerksamkeit nun auf das Folgende zu konzentrieren.

Und dann erzählte Valy ihrer Freundin eine entsetzliche Wahrheit : „Ich war zwanzig, als es geschah. Der Typ drückte mich in der Toilette gegen die Wand, es war zwei Uhr morgens, in einer Diskothek in Vorarlberg. Er wollte in mich eindringen, hatte bereits seine Hose und Unterhose heruntergezogen.“ Bei dieser Erinnerung zuckte sie zusammen, sprach aber mit brüchiger Stimme weiter. „, Ich sagte ihm, er solle sich zum Teufel scheren und mich in Ruhe lassen, doch es schien ihm eine gewisse Genugtuung zu verleihen, dass ich unter meiner aggressiv gestimmten Aussage eine höllische Angst verstecken wollte, die ihm wohl nicht ganz entging.“ Nach einer kurzen Atempause fuhr sie unbeirrt fort, so als hätte sich das Ereignis erst vor kurzer Zeit zugetragen. „Mit lüsternem Lächeln gab er mir zu verstehen, ich solle mich fügen, denn es könnte mich sowieso keine Menschenseele hören, falls ich schrie, denn die Leute in der unmittelbaren Umgebung seien derart zugedröhnt, dass sie meine Laute als alles andere deuten würden, als das, was sie in Wahrheit wären. Dennoch schrie ich natürlich aus tiefer Kehle, als er mich mit einer Hand festhielt und mit der anderen meinen Hosenknopf öffnete. Gewaltsam zerriss er meinen Slip, während die Zahl meiner Herzschläge sich verdoppelte.“

Valetta verzog ihr Gesicht zu einem Ausdruck des Ekels und Zorns, als sie die Nase rümpfte und die Augenbrauen mit aller Kraft nach unten presste, um ihren Hass gegenüber ihrem Vergewaltiger auszudrücken.

„Ich werde niemals das pulsierende Zucken seines Penis vergessen, dessen Erregung des Trägers sich sichtlich steigerte, als er merkte, wie ängstlich und klein ich mich fühlte, als mir die Tränen die Wangen hinunterliefen und meine Aggression diesen Emotionen wich, oder sein widerwärtiges Lächeln, als er mit heftigen Bewegungen sein Geschäft verrichtete . Ich wich seinem Blick aus, so gut ich konnte, doch während er mit der einen Hand meine Taille fixierte, drückte er mein Gesicht mit der anderen in das Blickfeld seiner niederträchtig wirkenden Visage. Dieser Akt der Grausamkeit schien ewig anzudauern. Ich weiß nicht, wie lange er seine gewalttätigen Stöße gegen meinen Willen einsetzte. Ich weiß aber, dass er mich einfach auf dem kalten Fliesenboden liegen gelassen, nachdem er seinen Samen auf meinem Rock verteilt hatte, und mich anspuckte. Dann ging er.“ Valy sagte nichts mehr. Ihre leisen Tränen, die sich in große Sturzbäche der puren Verzweiflung auszudrücken schienen, sprachen Bände. Das laute Treiben der hektischen Menschen auf der Straße ging an den beiden jungen Frauen spurlos vorüber. Casmilda hatte ihrer Freundin gebannt zugehört, und wusste nicht, ob sie sie aufgrund dieser körperlich und seelisch grausamen Erfahrung in die Arme nehmen oder stillschweigend ihren Schmerz alleine ausweinen lassen sollte. Valettas emotionsgeladene Schilderungen ihrer Vergewaltigung lösten beklemmende Bilder in ihr aus, die ihre Augen weiteten, weil sie sich während ihrer Konzentration auf Valys Worte in ihre Lage versetzt hatte. Während des seelischen Beistandes musste sie sich jedoch emotional abgrenzen, um sich selbst zu schützen, da ihr diese Geschichte schier den Atem raubte.

Casmy lockerte ihre Arme, die sie fest um ihren Körper gepresst hatte, um ihrem inneren Selbstschutz Ausdruck zu verleihen. Sie wollte am liebsten auch weinen, verdrängte jedoch ihren eigenen Schmerz des Mitgefühls, um ihrer Freundin eine seelische Stütze zu sein, also schwieg sie, unsicher und verzweifelt, weil sie nicht wusste, wie sie Valy helfen konnte. Der Widerspruch zwischen ihrem Wunsch, sie seelisch zu stützen, und nicht zu wissen wie, war ihr dabei deutlich bewusst, wobei sie diese Tatsache noch ein wenig verzweifelter stimmte, doch sie tat ihr Bestes, um Ruhe zu bewahren. Valy wurde unterdessen langsam bewusst, warum Tatjana sie an ihren damaligen sexuellen Missbrauch erinnert hatte. Als sie ihre Ex-Freundin bei Junk-Food-Mood versehentlich zu Boden geworfen hatte, wurden jene Erinnerungen in ihr wachgerufen. Valetta tupfte sich mit dem Taschentuch das tränennasse Gesicht ab und wandte sich wieder an Casmilda, die eine Erleichterung verspürte, weil sie scheinbar das Richtige getan , und nichts unternommen hatte, um Valy zu trösten. „ Dieses Erlebnis legte den Grundstein meiner Homosexualität“, erklärte sie mit zittriger Stimme. „Die Menschen lassen sich ständig darüber aus, was für ihr seelisches Wohlbefinden gut bzw. förderlich ist – sei es die Beziehung zu einem Mann, oder zu einer Frau, aber ich gehöre zu den Personen, die nicht unbedingt das Gefühl in sich aufkommen lassen, eine Wahl zu haben. Mein Vertrauen zu Männern ist jedenfalls gebrochen, das weiß ich. Frauen sind für mich Wesen, denen ich mich körperlich und seelisch hingeben kann, weil sie niemals in der Lage sind, mich mit einem männlichen Glied in einem der eben genannten Punkte zu verletzen. Das mag sich vielleicht seltsam anhören, aber es ist meine persönliche Wahrheit. Ich habe Angst vor Männern.“ Beim letzten Satz verbarg Valetta ihr Gesicht in ihren Händen. Sie schämte sich, diese Angst laut auszusprechen, obwohl ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern kennzeichnete.

Casmy versuchte, ihren Schock zu verbergen, der sich durch dicke Schweißperlen auf ihrer Stirn abzeichnete. Ihr fiel jedoch ebenso auf, wie viel Verständnis sie durch diesen Akt des Vertrauens ihrer Freundin gewonnen hatte.

Nun schien sich alles aufzuklären: Valettas Mangel an Geduld, ihr resolutes, kaltes Wesen, ihre Aggressionen. Casmilda überkam erneut eine Welle des tiefen Mitgefühls für Valy, und sie hatte ein weiteres Mal begriffen, wie wichtig es war, niemanden für das zu verurteilen, was sein Dasein ausmachte, solange die Hintergründe für sein Verhalten unbekannt waren. Sie hatte Valetta niemals verurteilt, aber sich oft über ihr Auftreten gewundert. Doch sie begriff, dass Hintergründe sich als diese benannten, weil sie nichts Sicht – oder Greifbares darstellten, das für die Außenwelt bestimmt war, sondern einen sehr persönlichen Teil eines Menschen verkörperten, der seine Präsenz im Verborgenen ausdrückte. Hintergründe beschrieben ein intimes Geheimnis, und manche Leuten wussten gar nicht Bescheid, welch intensiven Einfluss dieser Teil auf sie ausübte, Tag für Tag. Valetta kannte ihren Schmerz, und dennoch fühlte sie sich dadurch nicht besser.

Casmilda brachte ihren Rücken in eine gerade Lage, der während des Gespräches eine krumme Haltung der Traurigkeit angenommen hatte. Sie wollte mithilfe dieser Körperhaltung ihre Gedanken zum Fließen bringen, doch ihr fiel nichts ein, was sie hätte sagen können. Nach langem Überlegen jedoch brach sie das Schweigen, das auch Valetta erreicht hatte. Sie wollte die Gesprächslücke füllen, da ihr die Stille nach einem Ausdruck solch heftiger Emotionen ein wenig Angst einjagte. Sie stellte Valy aufgrund ihrer Unbeholfenheit eine Frage, deren Insensibilität ihr in aller Deutlichkeit auffiel.

„Wie…, war es, ich meine, wie kamst du damit klar?“, fragte sie schließlich, und bereute ihre Worte, sobald sie sie ausgesprochen hatte.

„Wie bitte?“, entgegnete Valetta in schnippischem Ton. „Von Klarkommen kann doch nicht die Rede sein!“ Schließlich sah sie in Casmys Augen eine gewisse Hilflosigkeit, und versuchte, das Thema ein wenig lockerer zu betrachten, was ihr einerseits schwerfiel, andererseits die Stimmung, die zwischen ihnen herrschte, ein bisschen aufhellen sollte. „Mein Leben lang dachte ich, dass ich diese Existenz als Geschenk betrachten sollte, jetzt scheint es eher ein Gewinn durch Verlust zu sein!“ sagte sie in gespielt theatralischem Ton, und wippte ihre Hüften hin und her, um der dramatischen Situation ein wenig Komik zu verleihen.

„Philosophierst du jetzt?“, fragte eine verwirrte Casmilda, die sich eine Haarsträhne hinters Ohr schob.

„Nimm es, wie du es willst!“

Gewinn durch Verlust - diese Worte faszinierten Casmy. Erneut entstand eine Gesprächspause, und für Casmilda eine gewisse Weile, die sie wieder einmal zum Nachdenken nutzte. Wenn sie Valettas Worte richtig interpretierte, bedeutete es, die Sichtweise eines Geschenkes in der eigenen Wahrnehmung zu verändern. Da kam ihr ein Geisterblitz.

„Oh, ich habe gerade eine interessante Eingebung“, rief Casmilda laut aus, und hob ihren rechten Zeigefinger geradewegs zum Himmel gestreckt, „du willst also damit sagen, dass das Leben für dich ein Geschenk war, und du einige Dinge verlieren musstest, um dieses Geschenk erneut als Gewinn betrachten zu können!“

„Richtig!“, entgegnete Valetta in beinahe gleichgültigem Ton, weil dieses Detail für sie als selbstverständlich galt. „Um genau zu sein bin ich noch immer damit beschäftigt, dieses Phänomen zu verstehen. Ich war bereits in einer Psychotherapie, die mich wieder ein Stück weiter zu mir selbst gebracht hat, und dennoch erarbeitete ich mir mit dieser Philosophie sehr viele neue Einstellungen, die ich heute gut in mein Leben integriert habe, ganz unabhängig von den therapeutischen Sitzungen. Aber ich will jetzt nicht mehr darüber sprechen. Ich kann dir nur eines sagen“ - bei diesen Worten stand sie auf, legte sich ihre Tasche leger über die rechte Schulter, und blickte Casmilda durchdringend an - „ wenn du etwas in deinem Leben verändern möchtest, musst du genau die inneren Überzeugungen loslassen, sozusagen, verlieren, die dafür sorgen, dass du an einem gewohnten, meist lähmenden Verhaltensmuster festhältst. Dieser befreiende Akt wirkt jedoch vorerst wie eine innere Katastrophe und Leere, weil kein Halt anwesend ist, an den du dich klammern kannst.“

Valy bemühte sich um einen autoritären, belehrenden Tonfall, merkte aber bei den letzten Worten, wie brüchig sich ihre eigene Stimme anhörte. Sie hielt kurz inne, holte tief Luft, und sprach weiter: „Aus diesem Verlust jedoch entstehen neue Ideen und Konzepte für dein Leben, somit lohnt es sich, zu verlieren, denn der Gewinn ist darin enthalten.“

Casmilda lächelte zufrieden, als sie diese Worte vernahm. Ein Anflug schlechten Gewissens durchfuhr sie, und sie legte besorgt eine Hand auf ihre rechte Wange. Sollte sie jetzt nicht eigentlich bestürzt und besorgt um ihre Freundin sein, die ihr gerade ihr Herz ausgeschüttet hatte? Nichtsdestotrotz verstand sie, wie wenig hilfreich ein solch schlechtes Gewissen war, es half weder ihr selbst noch Valetta. Sie wusste, sie konnte diese Lebensweisheit gut gebrauchen, sie schien wie ein Rezept gegen gewisse psychische Leiden zu fungieren.

Wie aus dem Nichts erschien plötzlich ein Schmetterling und setzte sich auf Casmildas Nase. Sie musste heftig niesen. „Ich gewann eine Berührung, und befreite mich dadurch von Viren, und diesen Verlust kann ich positiv für mich verbuchen, da ich diese Krankheitserreger sowieso nicht mehr brauche!“, rief sie wie von Sinnen, als sie freudig in die Hände klatschte und zufrieden grinste, bevor Valy „Gesundheit“ sagen konnte.

„Hör’ jetzt bitte auf mit deinen Philosophien, ich habe diesen sexuellen Missbrauch als demütigend empfunden, daher wirkt die Theorie des ,Gewinnes durch Verlust' im Zusammenhang mit einem Schmetterling nicht unbedingt sehr einfühlsam!“ Valetta hatte ihre Hände in die Hüften gestemmt und blickte ein wenig verärgert auf Casmy hinab, die bei diesen Worten ihre Arme verschränkte, und den Kopf senkte, während sie immer noch auf der Bank saß.

„Entschuldige, du hast recht!“, erwiderte Casmilda. Doch innerlich freute sie sich weiterhin über ihre neu gewonnene theoretische Erkenntnis. Valetta hingegen fühlte, wie das Durcheinander ihrer Emotionen sich auf ihrer Stirn in Form von dicken Schweißperlen ausdrückte, die von der lauen Märzsonne vergrößert wurden. Sie wusste, wie schwierig es war, in der Gesellschaft weiterhin gut zu funktionieren, und diverse Rollen zu spielen, die das Leben ihr abverlangte, da die Vergewaltigung Tag für Tag schwer auf ihrer Seele lastete, heute nicht mehr derart grausam wie früher, aber ein Restschmerz war ihr geblieben.

In ihrer Vorstellung konnte überall jemand lauern, der ihr selbiges noch einmal antat. Sie hatte die Möglichkeit, diesen Gedanken ins Unterbewusstsein zu verdrängen, aber sie vermochte es nicht, diese Angst vollkommen auszulöschen. Trotz ihrer Lebenserkenntnis des Gewinnes durch Verlust fiel es ihr äußerst schwer, die alten Wunden loszulassen, bzw. daraus neue, bereichernde Erkenntnisse zu erzielen. Oft fühlte sich ihre Theorie speziell auf ihre eigene Situation bezogen ziemlich makaber und widersprüchlich an. Dennoch empfand sie ein wenig gönnerhaftes Wohlwollen unter ihrer harten Schale, da sie Casmilda eine neue Information mit auf den Weg gegeben hatte, die sie offensichtlich begeisterte. Somit war dieses Gespräch äußerst produktiv verlaufen, Casmilda hatte etwas dazugelernt und Valetta fühlte sich ein bisschen besser. Sie hatte Casmilda ein intimes Geheimnis anvertraut, über das außer ihrer Therapeutin bisher niemand Bescheid gewusst hatte. Und sie bereute es nicht, Casmy eingeweiht zu haben. Nun hatte sie eine zweite Ansprechpartnerin, mit der sie über ihre Ängste, die noch lange nicht überwunden waren, sprechen konnte. Außerdem empfand sie eine gewisse Erleichterung, von Casmilda nicht gefragt worden zu sein, ob sie die Polizei verständigt hätte, um den Vergewaltiger aufzuspüren und festnehmen zu lassen. Dass er sich wenige Tage später nach seinem gewaltsamen Akt erhängt hatte, brauchte sie nicht zu wissen, und Valetta wollte nicht darüber sprechen – zu viele Erinnerungen an Grausamkeiten konnte sie in diesem Moment nicht gebrauchen. Sie merkte ohnehin, wie rücksichtslos ihr die Realität der Erinnerung an den sexuellen Missbrauch ihre Kraft zu rauben schien, und erlaubte sich, in ihrem Kopf einen Ohrwurm entstehen zu lassen, der sie ablenken sollte. Manchmal störte es sie immens, dass gewisse Songs in ihr Bewusstsein drangen, aber es geschah meistens dann, wenn sie einen tief sitzenden Schmerz verdrängen wollte, so wie jetzt in diesem Moment. Doch die Lieder trugen Botschaften, die ihr Unterbewusstsein mit der aktuellen Situation verglich. Valys Gedanken wählten „Let it be“ von den Beatles, der Situation nach zu urteilen war das kein Zufall. Ab und zu schien es Valetta, als könnte sie ihre Gedanken und Gefühle nicht kontrollieren, ebenso wie die Ohrwürmer, die einfach aus dem Nichts in ihrem Bewusstsein aufflackerten.

Um 15 Uhr verdunkelten sich langsam die Wolken, und es begann zu regnen und zu donnern. Valetta wurde von kühlen Regentropfen aus ihrer Illusion der beruhigenden Beatles-Melodie gerissen, als auch Casmilda sich schließlich von der Bank erhob und beschloss, das Gedankenspiel über ihre neue Lebensphilosophie zu einem späteren Zeitpunkt fortzusetzen. Valetta fluchte, weil sie sich über derartige Witterungsverhältnisse prinzipiell ärgerte, und sie in ihrer emotional immer noch aufgewühlten Situation das Gefühl hatte, im wahrsten und auch symbolischen Sinne ein begossener Pudel zu sein. Casmy hingegen empfand Gewitter als etwas Interessantes, ja, sie liebte sie, weil sie ihres Erachtens nach zeigten, dass auch die Natur einen Charakter besaß, den diese auslebte. Behände schnappte sie sich ihre Handtasche, nahm Valy intuitiv bei der Hand, was sie noch niemals getan hatte, und so liefen sie gemeinsam zur U-Bahn, bereits ein wenig durchnässt.

Die geplante, gemütliche Shopping – Tour fiel damit ins Wasser, man konnte es nicht treffender ausdrücken. Angesichts des aufwühlenden Gesprächs der letzten halben Stunde war es für Beide jedoch ohnehin das Beste, ruhige Gefilde aufzusuchen. Casmilda wollte für Valy da sein. Langsam und bedächtig stiegen sie die Stufen hinunter, die zur U-Bahn führten. Valetta bemühte sich um einen entwaffnenden Witz, als sie sich auf die Wartebank bei den Gleisen niederließen: „Na, Frau Haargenau, wo ist denn nun Ihr batteriebetriebener Fön und Ihre Rundbürste, um Ihre zerzauste Frisur in Ordnung zu bringen?“ Casmilda lachte laut auf, und warf den Kopf in den Nacken, doch ihr Lachen galt mehr der Freude, die sie empfand, weil Valy zumindest versuchte, für ein bisschen heitere Stimmung zu sorgen. Valetta lächelte kurz zurück. Casmy versuchte es zu verbergen, aber das Gespräch von vorhin wühlte sie immer noch sehr auf. Obwohl sie sich zwischenzeitlich abgegrenzt hatte, spürte sie in diesem Moment eine nachhaltige Wirkung der tiefen Besorgnis um Valetta in ihrem Herzen. Außerdem nahm sie sich für ihr eigenes Leben fest vor, Männer in Zukunft sehr genau zu beobachten und kennenzulernen, bevor sie mit ihnen den sexuellen Akt praktizierte. Als sie sich mit diesen Gedanken des Selbstschutzes auseinandersetzte, ließen langsam auch die roten Flecken auf der Stirn nach, die sich aufgrund ihrer emotionalen Befindlichkeit gebildet hatten. Trotz aller gut gemeinten Empathie, die sie für ihr Gegenüber aufgebracht hatte, musste sie sich eingestehen, dieses Abebben der Flecken der Konzentration auf ihre eigenen Bedürfnisse zuschreiben zu müssen.

„Wie geht es dir ?“, fragte Valetta, als sie auf die U-Bahn warteten. „Bei aller Aufmerksamkeit, die ich von dir gefordert habe, fielen mir die roten Flecken auf deiner Stirn kaum auf, aber jetzt sind sie beinahe verschwunden.“

„Mach' dir um mich keine Sorgen, mir geht es gut, und vor allen Dingen gut genug, um für dich da zu sein. Danke für dein Vertrauen, dein Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben“, sagte Casmilda lächelnd, während sie ihrer Freundin mit einem wohlgemeinten Augenzwinkern sanft eine Hand auf ihre Schulter legte.

„Das ist nett von dir“, erwiderte Valy kurz und blickte mit starren Augen in die andere Richtung. Casmy wusste jedoch, wie sehr sie sich über diese kleine Geste des Zusammenhalts freute, dies jedoch nach außen hin nicht zeigen wollte.

Die U-Bahn rollte eine Minute später in der Station ein. Die jungen Damen wählten einen Platz in der Mitte des Waggons, wobei Casmilda ihre Überraschung kaum zu verbergen wusste, als Valy sich direkt neben sie setzte. Ein wenig verwirrt hob Casmy daher die Augenbrauen, als Valy sie verzweifelt ansah und kaum hörbar flüsterte: „ Ich brauche jetzt Nähe, und kann mir denken, wie seltsam dieser Wunsch wohl auf dich wirken muss, da ich in typischen Situationen ein kühles, abweisendes Verhalten an den Tag lege, aber glaube mir, das hier ist keine typische Situation.“ Ihr kühler Blick ruhte traurig auf Casmildas Augen, die am liebsten den Kopf geschüttelt hätte, um sich selbst innerlich aufzuwecken und daran zu erinnern, wie deutlich sich die Verhaltensweise ihrer Freundin von ihren sonstigen unterschied, bis ihr einfiel, dass Valy dieses Kopfschütteln vielleicht als Zurückweisung empfinden würde. Einfühlsam erwiderte Casmy den Blick ihres Gegenübers. Am liebsten hätte sie sie in die Arme genommen. Schließlich öffnete Casmilda diese intuitiv ein wenig. Valetta tat es ihr gleich, als sie mit heftiger Wucht das Angebot der Geborgenheit entgegennahm, und sich einfach fallen ließ. Casmy beruhigte ihren Schrecken über das Ausmaß des festen Druckes, das sich in Valys haltsuchenden Fingern, die sich in Casmildas Fleisch der Oberarme gruben, ausdrückte, mit dem Gedanken, Valy würde den Druck verringern, sobald sie merkte, dass ihr Gegenüber sie nicht verletzte, so wie damals ihr sexueller Peiniger, sondern ihr einfach nur bedingungslosen Trost spenden. Wenige Augenblicke später lockerte Valetta tatsächlich ihre Finger. Casmy spürte die heißen Tränen an ihrem Hals, doch sie wischte sie nicht hinfort, sondern hielt vertraulich die Stellung, die ihrer Freundin nun gut tat. Casmy drückte sie fest zu sich und strich ihr über den Kopf, tröstete sie mit beschwichtigenden Worten, darauf bedacht, die neugierigen und missbilligenden Blicke der anderen Fahrgäste zu ignorieren. Auch für sie bedeutete es ein gewisses Maß an Überwindung, so viel Kraft für ihre Freundin aufzuwenden, da sie eine solch immense Forderung der Geborgenheit von Valetta ausgehend noch nie zuvor erlebt hatte. Und es überraschte sie immer noch ein wenig, dass Valys ach so harte Schale einen weichen Kern in sich trug.

Es hatte aufgehört zu regnen, und den Rest des Nachmittags blitzten ein paar vereinzelte Sonnenstrahlen vom Himmel herab, die die jungen Damen dazu einluden, die Restwärme des Tages bei einer Tasse Kakao im JWH auf der Terrasse zu genießen. Sie saßen einander auf einer großen, hölzernen Bank gegenüber. Casmilda begann zu träumen, als sie die rote Rosenhecke erblickte, die sich aus dem nahe gelegenen Garten des Nachbargrundstückes erstreckte. Marco würde mich niemals zum Sex zwingen, dachte sie bei sich.

„Manchmal trieb mich dieses Schwein zu den grausamsten Selbstmordfantasien!“

Valettas laute Stimme der Entrüstung riss Casmilda aus ihren Gedanken, die sie mit einem Kopfschütteln hinwegfegte, um Valy erneut ihr Ohr zu leihen. Doch sie wollte und konnte sich mit diesem Kapitel aus dem Leben ihrer Freundin nicht mehr auseinandersetzen, weil es ihre innerste Substanz auslaugte. Also wechselte sie das Thema.

„Darf ich dich noch etwas fragen?“

„Ja, okay“, brachte Valetta mit runzelnder Stirn und aggressiver Stimme hervor.

„Wer ist diese komische Rothaarige bei Junk Food Mood gewesen?“

Valetta verschränkte entschieden die Arme vor ihrer Brust und verdrehte die Augen bei der Erinnerung an die Person, die sie als primitiv und asozial empfand, und dennoch ihre Ex-Freundin verkörperte.

„Ach so, die meinst du, dieses Drogenwrack. Sie heißt Tatjana, wir waren kurz zusammen, das ist aber schon ein halbes Jahr her. In ihrem Delirium redet sie ständig von irgendwelchem Kauderwelsch, den sie wohl nicht einmal selbst versteht. Wer drogenabhängig ist, kann sich aus seiner Sucht nur schwer befreien. In der Zeit, als wir eine Beziehung führten, habe ich auch ab und zu ein paar Pillen eingeworfen. Aber ich bin froh, diese Phase hinter mich gebracht zu haben.“

„Du meinst, die ,Tatjana-Phase'?“, witzelte Casmilda und grinste.

„Ja genau, wenn du so willst!“

Sie lachten. Dann wurde Valetta wieder ernst.

„Es ist wirklich schlimm, was passiert ist, aber ich muss damit leben, Tag für Tag. Doch die Frage, ob ich aus tiefster Überzeugung an Frauen interessiert bin, kann ich mir nicht beantworten. Ich lernte Tatti kennen, als ich kurz nach der Vergewaltigung neue Wege für mich finden wollte, die mich leider zu der abtrünnigen Persönlichkeit führten, die sie darstellt. Sie ist ein schlechter Umgang für mich. Aber jetzt empfinde ich nichts mehr für sie, außer vielleicht ein wenig Ekel und trotz ihrem provokanten Charakter und Auftreten ein Quäntchen Mitleid.“

Casmilda nickte stumm. Der Themenwechsel schien keine goldenen Früchte zu tragen, sodass sie nicht wusste, was sie sagen sollte. Also zündete sie sich mit flinken Handbewegungen eine Zigarette an, um zumindest irgendetwas zu tun, das ihr ein bisschen Sicherheit vermittelte.

Kapitel 2 Sexuelle Neigungen

Die Sonnenstrahlen verzogen sich langsam.

„Casmy, ich möchte noch ein bisschen Zeit mit dir verbringen. Lass' uns zu dir nach oben gehen, ja?“

Casmilda konnte ein warmherziges Lächeln, unterstrichen von aufrichtig meinenden Augen im Gesicht ihres Gegenübers erkennen. Ohne zu fragen, warum Valy den Ortswechsel als wichtig empfand, nickte die junge Friseuse. Es erschien ihr zwar seltsam, plötzlich von einer Sekunde auf die andere in ihre Wohnung zu gehen, weil sie dafür keinen für sie ersichtlichen Grund finden konnte, aber sie wollte, dass es Valy wieder richtig gut ging. Casmilda warf noch einen letzten Blick auf die Rosenhecke, dachte kurz an Marco und ging schließlich mit Valy zum Lift. Sie fuhren nach oben. Casmy sperrte die Tür auf und sie setzten sich auf ihr Bett. In diesem Moment fiel es Casmilda wie Schuppen von den Augen. Ein Hauch von Sex lag in der Luft. Ihre weibliche Intuition würde sie nicht täuschen.

„Möchtest du einen Drink?“ fragte Casmy betont unwissend in Bezug auf die sexuelle Aura, was Valetta dazu veranlasste, ihr einen feurigen Blick zuzuwerfen.

„Nein danke, trinken möchte ich nichts“, entgegnete sie, während sie sich auf dem Bett ein wenig aalte. Casmy war nicht entgangen, dass die Betonung auf dem Wort „trinken“ ihr klarmachen sollte, was sie tatsächlich mit ihr vorhatte. Aber das ist doch absurd!, dachte sie bei sich. Ich kann nicht ihre Seelentrösterin sein und mich anschließend auf ein sexuelles Abenteuer mit ihr einlassen. Das passt einfach nicht zusammen. Plötzlich fiel ihr die Selbstverständlichkeit ihrer Einstellung Valetta gegenüber auf, mit der sie automatisch davon ausging, sexuelle Impulse von Valy wahrzunehmen, denn vielleicht täuschte sie sich ja. Sie blickte aus dem Fenster, die Arme starr mit den Handflächen nach unten auf die Matratze gepresst. Die innere Anspannung, sowie die Angst vor Zurückweisung ihres Körpers trieben ihr Schweißperlen auf die Stirn. Beim Geschlechtsverkehr mit einem Mann war sie kurz vor seinem Geschehen noch nie so nervös gewesen, auch nicht bei ihrem ersten sexuellen Akt.

Schließlich gestand sie sich auch ein, an Valettas Körper interessiert zu sein, und dieses ungewöhnliche, noch niemals gefühlte Phänomen mischte ein wenig Scham in ihre nervöse Geisteshaltung. Falls sie sich tatsächlich getäuscht hatte, und Valetta gar nicht mit ihr schlafen wollte, hatte ihr ihre Fantasie einen Streich gespielt – und zumindest ihr eigenes sexuelles Interesse geweckt. Valetta ließ Casmilda in ihrer eigenen Welt umherschweifen, massierte sich einstweilen geduldig die Schläfen. Wenige Sekunden später fiel es Casmilda wie Schuppen von den Augen: sie wusste von Anfang an, sobald Valetta die Worte bezüglich des Ortswechsels ausgesprochen hatte, warum diese ihn vorgeschlagen hatte, sie wollte es nur nicht richtig wahrhaben. Langsam drehte sie ihren Kopf in Valettas Richtung. Sie lag da, mit geschlossenen Augen, massierte ihre Schläfen, als würde sie sich gedanklich auf ein wundervolles Ritual vorbereiten wollen.

„Valy, ich kann das nicht“, brachte sie schließlich kleinlaut hervor. „Du bist meine platonische Freundin und...“

„Beruhige dich.“ Valy öffnete ihre Augen. Ihre Stimme war ein erotisches Flüstern, zumindest empfand Casmilda es so. „Ich bin froh, mit dir über dasselbe Thema zu sprechen, ohne genau zu betonen was es ist. Wir wissen beide, was Sache ist. Und ich spüre dein gewisses Interesse, das dich mit meinem Körper verbindet.“

Casmilda war durch diese Worte nicht überzeugt. Sie setzte sich ein bisschen weiter weg von Valetta, was diese jedoch nur anzuspornen schien, ihr näher zu kommen, als sie einander jemals waren.

Sie folgte Casmy bis an den Rand des Bettes. „In der Mitte hätten wir es viel kuscheliger“, flüsterte sie Casmy lächelnd ins Ohr. Diese keuchte leiste auf, als Valettas Atem die Innenseiten ihrer Ohrmuschel streichelte. Das war Valettas symbolisches Stichwort. Sie zog Casmilda fest an ihren prallen, geschmeidigen Busen, und begann sie zu küssen. Sie erwiderte den Kuss für den Bruchteil einer Sekunde, zuckte jedoch anschließend erschrocken zurück. Trotz ihrer weiblichen Intuition, die sie dazu veranlasst hatte, Valettas sexuelles Signal von Anfang an wahrzunehmen, übernahm die Schüchternheit in ihr wieder das Kommando. Als Valetta traurige Blicke durch den Raum schweifen ließ, weil sie sich zurückgewiesen fühlte, wurde sie zu ihrer Überraschung heftig von Casmilda geküsst, und das nicht, weil sie ihr leid tat, sondern weil die Lust in ihr mehr und mehr aufkeimte. Ihre Schüchternheit war mit einem Male verflogen.

Sie fassten sich gegenseitig unter die Bluse, kneteten darunter ihre Brüste, bis ihre Brustwarzen hart waren, und ehe sie sich’s versahen, waren beide nackt ausgezogen.

Ihre Küsse wurden immer heftiger, die Umklammerungen ihrer Arme an ihre Körper immer gieriger, sie kosteten jede Körperstelle, sprich Hals, Nacken, und Schenkel mit ihren Zungen, und ließen sich fallen, tiefer und tiefer. Erst jetzt wurde Casmilda bewusst, wie sehr es sie interessierte, mit dem gleichen Geschlecht sexuell zu verkehren. In ihrem Lustspiel baute sich sehr viel Zärtlichkeit auf, aber auch eine gewisse Gier, die die „Anfängerin“ ein wenig erschreckte. Dennoch nahm sie auch diesen Schrecken hin und überwand ihre Angst mehr und mehr vor dem Neuen, Unbekannten, das sie in einen tiefen Rausch des Genusses zog.

Beide Frauen wussten genau, wie sie einander anfassen mussten. Natürlich lag das wohl daran, dass sie demselben Geschlecht entsprangen. Durch ihre Freundschaft war zusätzlich ein gewisses Vertrauen aufgebaut worden, das zu einer tiefen Intensität der Gefühle führte, die sie während ihres Austausches empfanden. Für einen Moment lang wurde ihr Liebesspiel jedoch unterbrochen.

Als Valetta Casmilda mit ihrer Zunge zwischen den Beinen streicheln wollte, überkam letztere erneut eine Welle von Scham.

„Nein!“, entfuhr es Casmilda lauter, als sie beabsichtigt hatte. Erschrocken über die immense Lautstärke ihres Gefühlsausbruchs blickte sie in das Gesicht ihrer ebenso erschrockenen Sexualpartnerin.

Plötzlich klingelte Valy’s Handy. In diesem Moment wurde Casmilda bewusst, was sie mit ihrer platonischen Freundin gerade anstellte. Der Klingelton des Mobiltelefons hatte sie aus ihren sexuell erregenden Praktiken gerissen. Sie hörte die Stimme ihres Verstandes, der ihr riet, sich anzuziehen, während Valetta telefonierte. Doch ihre sexuelle Erregung wiederum entzog sich schließlich aller Scham und jeglichem Verstand. Sie starrte unverhohlen auf Valettas Brüste, während diese den Anruf entgegennahm.

„Hallo, hier ist Conny, ist Casmy bei dir?“ Valetta drückte Casmilda das Gerät in die Hand, wobei Casmy ein entnervtes Augenrollen ihrer Freundin nicht verborgen blieb. Cornelia und Valetta konnten einander nicht sonderlich gut leiden, trotzdem hatte die eine die Telefonnummer der anderen, nur für alle Fälle. Und dieser Fall spielte sich höchstwahrscheinlich deshalb ab, weil Conny Casmilda telefonisch nicht erreicht hatte. Lächelnd über Valettas Schmollmund hielt sie sich das Handy ans Ohr.

„Hallo, Conny, was gibt’s denn?“ Sie nickte einige Male, und antwortete schließlich: „Ich weiß nicht, ob Feuchtigkeitscreme von L’Oréal mehr Pflegestoffe enthält als die von Nivea, warum fragst du nicht einfach die Verkäuferin?“

So ging dieses Gespräch eine geschlagene Viertelstunde weiter, bis Valy Casmy das Handy brutal aus der Hand riss, und auflegte. Sie legte es auf das Nachtkästchen.

„Hey, Moment mal!“, protestierte Casmilda, doch dann verstummte sie plötzlich, als sie zwei Finger von Valy in ihrer feuchten Vagina spürte, die sie im Kreis massierten, ihren G-Punkt stimulierten und ihre Gefühle in Wallung versetzten. Ihr Anflug von Scham war nun vollkommen verflogen. So etwas hatte Casmilda noch nie erlebt. Es war so anders, von einer Frau berührt zu werden. Sie spreizte ihre Beine mehr und mehr auseinander und legte sich ein sanftes Kissen unter den Rücken, um sich nun vollkommen in den Akt der Lust fallenlassen zu können. Mit geschlossenen Augen genoss sie jede einzelne Berührung der zärtlichen Finger. Dabei stöhnte Casmilda laut auf, und vergaß dabei die Welt um sich herum. Auch die Tatsache der dünnen Wände in den Wohngebäuden trat in den Schatten des Vergessens.

In diesem Moment schien es nur wichtig zu sein, einander zum Orgasmus zu bringen. Dies wurde ihr bewusst, als sie die Welle von erotischen Empfindungen innerhalb und außerhalb ihres Körpers wahrnahm, wobei die eine den G -Punkt umfing, und die andere die körperliche Hitze, die von ihr Besitz ergriffen hatte. Doch sie wollte noch nicht zum Höhepunkt kommen. Sie löste sich von Valettas Fingern und bedeutete ihr, sich bequem auf das Bett zu legen. Dann schob sie die Beine ihrer Freundin langsam auseinander und streichelte die Innenseiten ihrer Schenkel. Valetta keuchte und ächzte. Casmilda konnte ihre wilde Sucht nach mehr spüren. Doch sie ließ sie mit ihrer einfühlsamen Ader zappeln. Dann nahm sie den rechten Zeige – und Mittelfinger, um beide in der feuchten Vagina ihrer Partnerin versinken zu lassen. Diese stöhnte immer lauter.

Mit einem letzten Streicheln der nassen Schamlippen zog Casmy die Finger aus Valys Scheide. Schließlich öffnete die Stylistin ihren voluminösen Mund, um mit ihrer Zungenspitze die Innenseiten der Lustgrotte ihrer Freundin zu stimulieren. Valetta zeigte ihre Erregung offen und schamlos, als sie sich ihre Lippen leckte, und ihre Augen abwechselnd schloss, und wieder weit aufriss, begleitet von ihrem heißen, stöhnenden Atem. Casmilda genoss es, so viel Bestätigung zu erlangen. Denn diese Bestätigung konnte sie lange genießen. Ein Mann hingegen nahm sich ihrer Erfahrung nach für ein Vorspiel niemals so viel Zeit, und war größtenteils am Hauptakt des vereinigenden Geschlechtsaktes und dessen Orgasmus interessiert. Aber bei diesem lesbischen Szenario der Sexualität merkte sie, wie aufregend es war, den intimsten Lustbereich des eigenen Geschlechts so lange als möglich zu verwöhnen, bevor der Orgasmus eintrat.

Die absolute Krönung für Valy war es, als ihre Sexpartnerin ihren eigenen Vibrator mit einem Kondom überzog, um ihn langsam in die wartenden Schamlippen der völlig entspannt da liegenden Lesbierin einzuführen.

Das Summen des Geräts ließ Valettas Herz höher schlagen. Sie ließ sich vollkommen gehen, als Casmilda mit anfangs sanften, und schließlich immer schnelleren Bewegungen in sie eindrang. Ein Rinnsal von Schweiß ihrer Stirn begleitete sie bei einem heftigen Orgasmus, der einen großen Schwall an Scheidensekret freisetzte. Das Laken auf dem IKEA – Bett ließ sich bequem in der Waschmaschine reinigen. Das wichtigste war der Genuss. Sie lag vollkommen erschöpft da, keuchte und stöhnte, als der Orgasmus schon vorüber war, um die nachhaltige, befreiende Wirkung seiner Natur vollkommen auszukosten. Casmilda verspürte einen gewissen Stolz bezüglich der Tatsache, eine Frau zum Höhepunkt gebracht zu haben. Sie blickte in Valettas Richtung, die die Augen immer noch geschlossen hielt. Ich lasse sie noch ein wenig in Ruhe, dachte Casmy bei sich. Die Sinnlichkeit des sexuellen Genusses kannte sie von einem Mann nach seinem Höhepunkt nicht, doch sie wusste genau, was sie normalerweise tat, nachdem der Verkehr zu Ende war – sie zündete sich eine Zigarette an. Somit hob sie ihre Tasche vom Boden auf und nahm sich eine Zigarette aus der Packung. Sie inhalierte den Rauch tief und genüsslich. Erst jetzt wurde ihr so richtig bewusst, wie sehr sie sich selbst nach einem Orgasmus sehnte, aber auch, dass sie ohnehin schon viel zu weit über ihre gewohnten sexuellen Verhältnisse hinausgegangen war, indem sie eine Frau befriedigt hatte.

Wenige Minuten später richtete sich Valy auf.

Ihr Gegenüber blickte sie verträumt und gleichzeitig ein wenig frech an. Valetta wich ihrem Blick aus. Ihre Gesten waren hektisch und unbeherrscht, als sie sich ebenfalls eine Zigarette anzündete. Dann überrumpelte sie Casmilda mit einer Aussage, die sich mit ihrem sexuellen, friedlichen Genuss vor noch wenigen Minuten eindeutig widersprach.

„Und damit das klar ist“, fuhr Valy sie streng an, „das bleibt unter uns, und unterlasse jedwede Hoffnungen wegen einer festen Beziehung zwischen uns Beiden! Ich möchte mein Sexualleben frei und offen gestalten, wie ich will, und habe schon öfters mit heterosexuellen Frauen geschlafen!“

„Okay“, antwortete ihre Freundin verdutzt. Sie schwiegen beide. Casmilda hielt diesen Zustand nicht mehr aus. An diesem Tag war es für sie immerhin schon das zweite Mal, dass sie heftige Emotionen über sich ergehen ließ, und anschließend diese unerträgliche Stille zwischen den Beiden herrschte.

„Warum bist du plötzlich so aggressiv?“, wollte sie daher wissen, um die Stille zu brechen, und sich Klarheit über die Situation zu verschaffen. Casmildas Stimme wirkte ein wenig gereizt.

Valy bedachte sie mit einem kühlen, undurchdringbaren Blick.

„Ich bin nicht aggressiv, meine Liebe. Ich sage nur klipp und klar, was Sache ist. Ich will diesen Akt auch nicht hinterfragen oder mit dir besprechen, oder darüber diskutieren, ob es wieder geschehen wird. Falls du eine Heftigkeit in meiner Stimme gehört hast, rührt sie sicher nur daher, nicht missverstanden werden zu wollen, so wie es manche Heterofrauen eben tun, die nach dem sexuellen Lustspiel glauben, ich wolle mehr. Sex ist eben Sex. Außerdem wende ich diesen Tonfall ständig in unserer Kommunikation an, er erscheint dir nur derart brutal, weil du wohl dein Herz bei unserem Sexualakt ein wenig geöffnet hast. Keine Erwartungen, bitte, versprich es mir! Ich bin nicht böse auf dich, ich will nur für Klarheit sorgen.“

Casmilda bemühte sich, diese Worte zur Kenntnis zu nehmen und nickte, auch wenn sie für sie einen Widerspruch darstellten – zuerst dieser leidenschaftliche, zärtliche Sex, dann diese Aussage, die sie als gefühlskalt empfand. Scheinbar hatte Valetta eine enorme Bindungsangst, was Casmilda seit der Lüftung ihres Geheimnisses gut verstehen konnte. Dennoch war da dieses Unverständnis über die zeitliche Abfolge eines netten Verkehrs, und der Behauptung, das sei alles nur Sex gewesen.

Sie wollte mit ihr keine Beziehung eingehen, nein. Sie stellte sich jedoch eine interessante Frage: wie würden sich jetzt ihre weiteren Treffen gestalten? Würden sie wieder Sex miteinander haben, oder so tun, als wäre dieser Sex niemals geschehen? Was war eigentlich an dem Wort Beziehung großartig zu rütteln, das die Gesellschaft mit aller Heftigkeit plattzutreten schien? Bedeutete dieses Wort in seiner ursprünglichsten Form nicht, dass man zu jemandem oder etwas einen Bezug, sprich eine Verbindung hergestellt hatte? Sie ließ diese Fragen offen, um ihrem bereits überforderten Gehirn eine Denkpause zu gönnen. Nach einer kurzen Verabschiedung ging Valy. Ein knappes „ciao, bis bald“ ertönte im Raum, als sie sich mit schnellen Schritten in Richtung Tür bewegte. Casmy erschien es, als hätte sie in Valys Augen etwas Falsches getan. Als sie die Türe im Schloss zufallen hörte, bemühte sie sich, ruhig zu bleiben und tief durchzuatmen. Wenige Minuten später zog sie sich aus.

Sie putzte sich die Zähne, dachte bei der Masturbation mithilfe ihres Vibrators an ihre erste Erfahrung mit einer Frau, und schlief nach einem bald darauf folgenden Höhepunkt ein.

Die Welt überraschte Casmy in ihrer Seltsamkeit. Sie hatte sich immer für Männer interessiert, sexuell und auch emotional, was ihre Partnerschaften anbelangte. Diese Beziehungskonflikte waren schon schwierig genug. Und vor wenigen Stunden hatte sie mit einer Frau geschlafen.

Mit einem Mal wachte sie plötzlich mit jenem Gedanken auf, der sie irgendwo in einem Traum verfolgt haben mochte. Ihre Hirngespinste überschlugen sich: Sie hatte mit Valetta Sex gehabt. War sie nun etwa lesbisch oder bisexuell? Die Frage alleine brachte sie völlig durcheinander. Sie begann plötzlich zu zittern und Rinnsale aus Schweiß nässten ihre Achseln, auch ihre Stirn wurde feucht. Casmy setzte sich auf. Um halb 2 Uhr morgens fing sie an, ihre gedanklichen Verwirrungen in ihrem Tagebuch aufzuschreiben. Die Frage, ob es denn für sie selbst in Ordnung sei, eine lesbische Neigung zu empfinden, bzw. auszuleben, oder aus Überzeugung homosexuell zu sein war an erster Stelle. Einige Minuten später jedoch legte sie das Buch zur Seite und zündete sich eine Zigarette an. Die Fragen blieben weiterhin unbeantwortet. Der Rauch tat ihrer Lunge nicht sonderlich gut, sie hustete, weil sie vor lauter Aufregung ziemlich stark inhaliert hatte, aber der Geschmack des Glimmstängels und die beruhigende Wirkung des Nikotins waren in diesem Moment Balsam für ihre Seele, auch, wenn er das Problem unverändert ließ. Und da, mit einem Male, schoss ihr ein quälendes Faktum durch den Kopf, das sich auch in ihrem Herzen skrupellos auszubreiten begann: sie hatte mit einer ihrer besten Freundinnen den Beischlaf ausgeübt. Sex und Freundschaft ließen sich unmöglich vereinbaren. Welchen Level hatten die beiden nun in ihrem Beisammensein erreicht? Casmy musste an Valettas Worte denken, bevor letztere die Wohnung verlassen hatte: „Ich habe schon öfters mit Heterofrauen Sex gehabt , falsche Hoffnungen kannst du dir abschminken!“, oder so ähnlich.

Casmilda war aber nicht irgendeine Heterofrau, sie war eine Seelenkumpanin von Valy. Die sexuelle Lust, die sie empfunden hatten, einfach so auszuleben, war dumm. Sex sollte man nur dann haben, wenn man einen Menschen wirklich liebte. Sie liebte Valetta platonisch, aber wollte mit ihr keine feste Beziehung eingehen. Doch wann war eine Beziehung als „fest“ zu bezeichnen? Eine seelische Bindung waren sie schon lange, vor diesem gemeinsamen Sexerlebnis eingegangen. Als die junge Friseuse früher spontanen Sex genossen hatte , so war es mit Männern, die sie einen langen Abend lang kannte, und dann nie wieder anrief. Nach dem Geschlechtsakt hatte sie sich immer ausgelaugt gefühlt, bis sie einsah, dass Sex und Liebe zwei Paar Dinge waren, die man zwar miteinander vereinbaren konnte, aber nur wenn das Vertrauen der Liebe im seelischen Bereich ihr Anwesen zeigte. Deshalb war es in ihren Augen achtsamer, auf Nummer Sicher zu gehen und nur mit Männern zu schlafen, die auch ihr Herz berührten. Bei Valetta und Casmilda war natürlich ein gewisses Vertrauen über die Jahre hinweg aufgebaut worden, weil sie einander lange kannten, also war es an und für sich kein Problem, sich auch sexuell auszutauschen. Aber teilen wahre Freunde wirklich alles miteinander, sogar das körperliche Empfinden?, fragte sich Casmilda und runzelte müde die Stirn. „Es wird schon alles gut gehen“, gähnte sie laut in die stille Nacht hinein. Sie legte sich in der Embryostellung in ihr kuscheliges Bett und verschränkte ihre Arme vor der Brust. Mit dem Mantra, alles würde gut gehen, wollte sie sich beruhigen, das sie sich leise mit geschlossenen Augen einsuggerierte, als sie ein zweifelnder Gedanke, den sie bereits kannte, bei ihrem Abendritual störte: sollte sich dieses Ereignis nun wiederholen, oder konnten die beiden so tun, als wäre es nie passiert? Die Variante der sturen Ignoranz war für Casmy die perfekte Wahl, sich endlich in ihren wohlverdienten Schlaf fallen zu lassen, zumindest glaubte sie das. Doch die zweifelnden Gedanken ließen nicht nach. Selbstvorwürfe kamen hinzu, und die Angst davor, Valetta zu verlieren, weil Casmy vielleicht dazu beigetragen hatte, ihre Freundschaft aufgrund der sexuellen Neugierde zu gefährden. Sie konnte nicht einschlafen. Sich pure, sexuelle Lust einzugestehen war ihr ein weiteres schamhaftes Gräuel, auch bei Männern. Sie wälzte sich im Bett hin und her, wischte sich mit dem Laken den Schweiß von der Stirn, der sich aufgrund ihres inneren Stressfaktors gebildet hatte, weil sie körperlich zu müde war, um aufzustehen und ein Stück Küchentuch zu holen. Ihr Geist jedoch war hellwach. Als die junge Dame das nächste Mal auf die Uhr blickte, war es bereits 4 Uhr morgens, um halb neun läutete der Wecker. Es gab 2 Dinge in ihrem Leben, die sehr lange dauerten, ohne dass sie es registrierte: stundenlanges Vorspiel mit Rauchpausen, wohlgemerkt mit Männern, da der lesbische Sex für sie eine vollkommen neue Erfahrung darstellte, und Schlaflosigkeit, wobei ihr deren zeitraubende Kraft erst in dieser Nacht bewusst wurde.

Kapitel 3 Normaler Friseusen - Alltag

Sie traf sich am nächsten Tag mit Cornelia, um einen Kaffee zu trinken, bevor sie zur Arbeit gingen. Sie hatte diesen nach ihrer beinahe schlaflosen Nacht bitter nötig. Schnell war sie unter die Dusche gesprungen und hatte sich angezogen. Die Uhr zeigte 9:00, um 10:00 würden sie ihren Dienst antreten, damit beginnen, nette, lästige hübsche, hässliche, meckernde und anspruchsvolle, sowie anspruchslose Kunden zu bedienen, wobei letztere im 1. Bezirk sehr selten verkehrten. Immerhin besuchten diesen Stadtteil Wiens für ihren Haarstyle nur Leute, die auch die finanziellen Mittel besaßen, um sich dort aufzuhalten: Ein Haarschnitt mit Waschen und Föhnen kostete bei Die fliegende Schere mit allem Drum und Dran 65 Euro für langes Haar, 40 für kurzes und 50 für mittellange Frisuren. Die Gestaltung des Hauptes war für jeden, und besonders für die anspruchsvollen Kunden dieses Salons ein wichtiges Muss, um ihre Persönlichkeit auszudrücken, sei es um weiße Haare zu kaschieren, kahle Stellen zu verdecken, mehr Fülle ins Haar zu zaubern oder die richtige Pflege- und Typberatung zu erhalten.

Oft war es Casmy und Conny durchaus bewusst, wie sinnlos eine reichhaltige Pflegekur oder ein feuchtigkeitsspendendes Shampoo sein konnten, wenn jene Produkte nur im Salon am Kunden angewandt wurden, denn zuhause würden die meisten von ihnen irgendwelche billigen Marken verwenden, von denen die Werbung im Fernsehen versprach, was sie nicht halten konnte. An dieser Stelle spürten sie den Geiz ihrer Besucher, weil sie sich schließlich doch nicht mehr leisten wollten, als sie unbedingt brauchten. Aber Friseure mussten natürlich finanziell tragbar sein, somit ließen die beiden keine Möglichkeit aus, um verschiedenste Dienstleistungen und Produkte zu verkaufen, das gab ihnen nebenbei noch eine große Menge Selbstvertrauen, sofern der Verkauf glückte.

Der Kaffee schmeckte Casmilda nicht, billiges Zeug aus dem Automaten. Eine Brühe aus frisch gemahlenen Bohnen ohne Milch wäre ihr nun sehr angenehm gewesen. Sie saßen unten in der Eingangshalle und starrten jeder für sich gedankenverloren in ihre Plastikbecher. Conny hatte Ringe unter den Augen.

Ihre Fönfrisur saß sehr schlecht. Diese war auch einigermaßen hektisch erstellt worden: die Haare wurden lange vorgetrocknet, bis sie beinahe zu fliegen begannen, dann die Bürsten ungenau im Haar angebracht, wobei dieses stellenweise noch Feuchtigkeit aufwies, um dann eine Viertelstunde lang mit letztendlichem Erfolg zu versuchen, die Mähne aus den Stylinghelfern zu befreien. Ein wenig Haarspray sollte den Look vervollkommnen. Mit dieser missglückten Tortur sah sie nicht sonderlich professionell aus, aber es kümmerte sie nicht. Die ganze Nacht hatte sie an Daniel gedacht. Ihn machte sie auch für das heutige Desaster auf ihrem Kopf verantwortlich. Würde er nicht mit immenser Deutlichkeit in ihrem Kopf herumspuken , hätte sie sich beim Föhnen besser konzentrieren können. Ansonsten saß die Aufmachung ihres Hauptes immer perfekt und glänzend. Doch eines hatte sie von ihm gelernt: eine zwischenmenschliche Beziehung der Liebe konnte zwar zeitlich kurz sein, doch geistig gleichzeitig ewig dauern – letzteres da Conny beschloss, an Kleinigkeiten krampfhaft festzuhalten. Doch wie lange soll ich ihm noch hinterhertrauern?, fragte sie sich traurig, und nippte an ihrem billigen Instantkaffee. All ihre anderen Beziehungen hatten auch nur kurzweilig gehalten, und sie hatte sich schnell von ihrem Kummer erholt, aber Daniel hatte eine besonders sensible natürliche Art an sich, die sie immer noch begeisterte, obwohl sie sich dies in ihrer Ablehnung gegen ihn kaum eingestehen wollte.

Geistesabwesend meinte Casmilda: „ Ach ja, dein Ex-Freund hat einen Termin bei dir, heute Abend. Das hat er mir bei JFM erzählt.“

„Davon hast du mir bereits vor 5 Minuten berichtet. Diese unangenehme Tatsache hatte ich erfolgreich verdrängt. Vielen Dank für die Erinnerung, du aufweckende Glocke!“, schnippte Cornelia und zog entnervt eine Augenbraue hoch. Casmilda zuckte gleichgültig mit den Achseln. Sie zog sich in ihre eigene Welt zurück.

Conny schwelgte wiederum in ihren Gedanken, als Casmy sie aufforderte zu gehen, sie müssten sich startklar machen, und sie sollten pünktlich sein. Cornelia bewunderte die Strenge ihrer Freundin, doch sie wollte noch ein bisschen träumen, also dachte sie an die letzte Nacht. Sie hatte sich mit ihrem Dildo befriedigt, mit hektischen Bewegungen, die aus ihrer Verzweiflung rührten, um sich von ihrem Liebeskummer abzulenken. Doch es war eben etwas anderes als Daniel’s angenehmer, mit Blut gefüllter, steifer Penis. Dieser überstieg die Qualität eines billigen Imitats aus Gummi oder Latex, er bestand aus purem Fleisch, und strotzte nur so vor Potenz. Sie hatte an ihre gemeinsamen sexuellen Erlebnisse gedacht, als sie den Dildo verwendete. Und an jenem Dienstag sollte sie ihm die Haare schneiden. Was er sich wohl nur dabei gedacht hat?, dachte Conny erbost, und knirschte mit den Zähnen. Dieser gemeine Kerl will ausgerechnet jetzt meine Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, wobei er sich sicher vorstellen kann, wie ich momentan auf ihn zu sprechen bin. Soll Marco doch den Termin für mich übernehmen, spann sie ihre Gedanken erzürnt weiter und drückte wütend auf einem vermeintlichen Pickel auf ihrem Hals herum. Doch Marco würde zur selben Zeit laut Kalender mit dem Wickeln einer Volumenwelle beschäftigt sein, die anstrengende Frau Petschobitz, und Casmy musste die letzten 5 Haare der gnädigen Frau Windigbüst mit all ihrer magischen Friseusen-Zauberkraft in 15 Haare verwandeln. Somit musste sich Cornelia wohl ihrem Schicksal fügen. Sie trank ihren Kaffee aus und ging gemeinsam mit Casmilda zur U-Bahn.

Diese fuhr wenige Minuten später gemächlich in der Station ein und sie wählten einen Platz in einem der hintersten Waggons. Auch Casmilda fiel es wie Cornelia schwer, sich gedanklich auf den bevorstehenden Arbeitstag einzulassen, da sie unentwegt an Valetta dachte. Stirnrunzelnd schob sie sich eine imaginäre Haarsträhne hinters Ohr. Dann beschloss sie, sich selbst ein wenig abzulenken. Immerhin hatten die beiden kein einziges Wort über ihr jeweiliges Empfinden ausgetauscht, wobei dieses Gespräch normalerweise ihr Morgenritual darstellte. Sie sprach ihre Freundin offen und ehrlich auf die Situation mit Daniel an, da sie lieber Conny helfen wollte, anstatt sich um ihre eigene Problematik mit Valy zu kümmern.

„Wie stehst du momentan zu Daniel?“, fragte sie gedankenverloren, als Marco und Valetta abwechselnd in ihrem Kopf herumspukten.

„Er ist ein Mistkerl, wenn du´s genau wissen willst,“ meinte Conny, wobei sie ihrer Stimme ein erzürntes Flüstern verlieh, und ihre Augen zu Schlitzen verzog. „Warum fragst du? Ich habe vorhin nicht sonderlich optimistisch reagiert, als du mich an den Termin erinnert hast. Das sagt doch alles, oder?“

Casmilda nickte beschwichtigend. Conny verschränkte die Arme vor der Brust und starrte aus dem Fenster. Der Fahrtwind drang zu ihr herein und tat ihr gut. Sie schwiegen. Dennoch glaubte Casmilda, Conny helfen zu können. Anstatt jedoch Kritik zu üben, begann sie, sie ihr konkrete psychologische Fragen zu stellen, damit hatte ihr Gegenüber vielleicht die Möglichkeit, sich gedankliche Klarheit zu verschaffen.

Casmilda räusperte sich, und wartete, bis Conny ihren Blick auf sie gerichtet hatte.

„Wie intensiv war euer Sexualleben?“

Eine naivere Frage war ihr leider nicht eingefallen. In 3 Wochen konnte sie wohl kein intensives Sexualleben gehabt haben, zumindest keines, das von großartigem Vertrauen begleitet wurde, ging es Casmilda durch den Kopf, sobald sie die Worte ausgesprochen hatte. Cornelia runzelte verständnislos die Stirn.

„Wie bitte? Wie kommst du auf solch eine dumme Frage?“ Jetzt war Conny wirklich gereizt, stemmte empört die Hände in die Hüften.

„ Okay, es gibt keine dummen Fragen“, fuhr sie fort, als sie hektisch mit einer Hand in der Luft herumfuchtelte, „ sondern nur dumme Antworten, dieses Sprichwort passt aber in diesem Fall nicht ganz, weil ich dir von dieser Sache bereits ausführlich berichtet habe. Es war sehr intensiver Sex, nur zur Erinnerung. Du solltest bitte in solch einer heiklen Situation keine Fragen stellen, deren Antworten du bereits kennst.“

Mit diesen Worten schlug sie entschlossen die Beine übereinander und verschränkte erneut die Arme vor ihrer prallen Brust. Casmilda blieb ruhig und geduldig, beruhigte auch ihr schlechtes Gewissen, weil sie vergessen hatte, was Conny ihr anvertraut hatte. Ihre Überraschung über die Vorstellung, binnen 3 Wochen sei es möglich, ein intensives Sexualleben zu entwickeln, wenn man einander kaum kannte, verbarg sie. Ich sollte nicht überrascht sein, Conny empfindet Leidenschaft vielleicht sehr schnell und tatsächlich intensiv, egal, wie lange sie die Person kennt, dachte sie, sich selbst tadelnd. Dann wandte sie sich erneut an sie: „Natürlich, du hast Recht. Aber wie hast du dich gefühlt, als er dich angefasst hat?“

Bei diesem Satz zuckte Cornelia mit dem rechten Augenlid. Casmilda schien ihre starre Haltung ein wenig gelockert zu haben, als Conny langsam ihre Arme öffnete und sie neben ihrem Körper auf dem Sitz platzierte.

„ .Nun ja“, begann Conny, und kniff die Augen zusammen, weil sie die richtigen Worte suchte, „ ich fühlte mich bei ihm sehr geborgen und geliebt, als er mich berührte, wie von einem großen Bruder, den ich niemals hatte. Und den wollte ich doch immer haben, wenn du dich erinnern kannst, es war immer mein großer Traum als ich noch klein war. Mir ist schon klar, dass man mit seinen Geschwistern keinen Sex hat, aber sein gesamtes Wesen, unabhängig von der Sexualität, strahlte Geborgenheit und Schutz aus. Seine Umarmungen waren für mich bspw. sehr beschützend. Dennoch konnte ich auf dieser Grundlage unseren Sex hemmungslos genießen und auskosten. Wenn ich diesen Bruder gehabt hätte, wäre es mir sicher erspart geblieben, dass mich die Mädchen aus meiner Klasse immer hänselten und schikanierten, indem sie mir Schnecken in die Schultasche steckten oder mein Jausenbrot aus dem Fenster warfen. Ein Bruder wie Daniel hätte ihnen die Meinung gepfiffen und mich verteidigt!“

Casmilda fühlte sich wie eine wissende Therapeutin. Diese Rolle gefiel ihr. Ihre Augen leuchtete vor Neugierde, als sie die nächste Frage stellte: „Warum hast du den Wunsch nach einem großen Bruder, oder warum hattest du ihn? Es hätte ja auch eine große Schwester sein können!“

„Ja, das ist wahr, aber mit dieser hätte ich mich höchstwahrscheinlich immer gemessen. Ich sehe es ja bei meinen wenigen, ehemaligen Hauptschulfreundinnen. Sie haben sich immer mit ihren großen Schwestern verglichen. Aber um beim Thema zu bleiben: ich glaube, Daniel wird mich noch eine Weile auf Trab halten, es wird dauern, bis ich verkraftet habe, dass er mich verlassen hat.“

Sie hatten noch drei Stationen vor sich, bevor sie aussteigen mussten. Casmy schaltete die innere Therapeutin ab und ersetzte sie durch eine mahnende, dominante Person. Sie entgegnete erhobenen Fingers: „Aber bedenke: lasse deine Wut nicht an den Kunden aus! Larcy hasst das, und das weißt du genau. Er ist ohnehin sehr tolerant zu dir, was deine Launen anbelangt.“

Cornelia verdrehte genervt die Augen.

„Schon gut, schon gut, ich werde mein Privatleben verdrängen, während ich eine tolle Schauspielerin abgebe, okay? Auch, wenn es mich innerlich auffrisst, ich werde meine Gedanken abschalten, sobald ich den Salon betrete, mich quasi nur noch auf die Arbeit konzentrieren. Bist du damit zufrieden?“

Jetzt war es an Casmilda, die Stirn entnervt in Falten zu legen, weil Cornelia wieder einmal Kritik abwehrte und dies mit einem sarkastischen Ton auffällig werden ließ. Deshalb erteilte sie ihr noch einen Rat.

„Bitte höre auf, dich selbst zu bemitleiden. Manchmal müssen wir Friseure eben gewisse Dinge ins Unterbewusstsein abschieben, die uns privat beeinflussen. Die Kunden können nichts dafür, dass du oder ich Probleme haben, sie wollen Wellness erleben. Wir arbeiten in einem entspannten Ambiente, mein Schatz! Ich meine es dir nicht böse!“ Casmildas Stimme und Augen nahmen nun einen weichen Charakter an.

„Ich weiß!“, erwiderte Conny mit treuem Hundeblick und sie umarmten sich, als sie kurz danach die U – Bahn verließen, und im Laufschritt auf ihren Arbeitsplatz zusteuerten.

Die Anwesenheitspflicht war für 9:45 festgelegt. Um 9:48 betraten die jungen Friseusen völlig außer Atem den Salon, woraufhin ihr Chef sie nur anlächelte und meinte: „.Guten Morgen. Trinkt noch einen Kaffee, aber beeilt euch, ihr seid ohnehin schon spät dran!“

„Guten Morgen!“, riefen die beiden fröhlich aus, und zeigten eine verlegene Röte auf ihren Gesichtern. Der Sender Musiksüchti ließ fröhliche Lieder im Haarstudio erklingen. Das entspannte die beiden Friseusen ein bisschen. Sie hatten keine Lust mehr, Kaffee zu trinken. Normalerweise konsumierten sie ihn literweise, aber durch ihre momentan angespannte Stimmung fehlte ihnen der entsprechende Gusto. Sie verdrängten die Tatsache, um punkt halb 11 ihre ersten beiden anstrengenden Kunden Frau Tütteltet und Herrn Eisblöcke zu empfangen. Frau Tütteltet, Casmildas Kundin, trug immer ein sehr helles Blond, ohne Gelbstich, aber man durfte laut des vermeintlichen Wissens der Dame ihre Haare nicht blondieren, sondern nur färben, sonst würden sie zu sehr strapaziert. Casmy klatschte ihr regelmäßig Blondierung auf den Ansatz, ohne dass die hochnäsige Emanze darüber Bescheid wusste. Manchmal fragte sie sich, was sie von diesem Beruf halten sollte. Es war ja verständlich, dass jeder Mensch gut aussehen wollte, aber warum dachten die Menschen so selten an ihre innere Werte? Sobald eine Haarfarbe zu hell ausfiel oder ein Schnitt zu kurz, machte sich jeder Kunde gleich in die Hose, scheinbar deshalb, weil er viel zu sehr auf sein Äußeres bedacht war.

Conny und Casmy lenkten sich noch ein wenig mit dem Reinigen der Kaffeemaschine von ihren privaten Sorgen ab. Gott sei Dank war Marco seit 10 Uhr mit Frau Leuchtbeller beschäftigt, somit blieb es Casmilda erspart, ständig in seine wunderschönen Augen zu blicken, was sie vermutlich noch mehr aus dem Konzept gebracht hätte. Sie hatten sich bei der morgendlichen Begrüßung nur kurz zugenickt.

Schließlich war die halbe Stunde vorüber, die Kaffeemaschine glänzte, sodass man beinahe Schutzbrillen brauchte, um nicht im Augenbereich von der Strahlung geschädigt zu werden.

Als hätten sie sich miteinander verabredet, betraten Frau Tüttenleut und Herr Eisblicker gleichzeitig den Laden. Die elegante Dame ließ sich von Casmilda aus ihrem modischen Frühlingsmantel helfen und nahm in der hintersten Ecke des Salons Platz, immerhin könnte sonst jemand sehen, dass ihre Haare gefärbt wurden, und das müsse ein Geheimnis bleiben, hatte sie Casmilda hoch erhobenen Fingers gewarnt.

Wenige Minuten später befand sich Casmy in einem emotionsgeladenen Gespräch mit ihrer Kundin, wobei die junge Friseuse die Fassung wahrte und die heftigen Emotionen von ihrem Gegenüber ausgingen.

„Bedenken Sie bitte, dass nur der Nachwuchs eingestrichen werden darf, sonst brechen mir wieder meine Haare ab, so wie beim letzten Mal!“, erwähnte Frau Tüttenleut, als sie an ihrem schwarzen Kaffee nippte. Dabei fuchtelte sie aufgeregt mit ihrem rechten Arm durch die Gegend und gackerte wie ein Huhn.

Wenn sie nur einen Moment lang verstehen würde, dass ihre Haare brechen, weil sie billige Produkte für die vermeintliche Pflege benützt, dachte Casmy. Die Dame prahlte regelmäßig mit ihren Finanzen, gehörte aber zu der bereits erwähnten Sorte von geizigen Kunden, die sich ein gutes Shampoo sowie eine reichhaltige Haarkur für den Hausgebrauch nicht leisten wollten. Herr Eisblicker war wieder einmal sehr gut gelaunt. Er schnauzte Conny an, dass sie ihm letztes Mal am Oberkopf die Haare zu kurz geschnitten hätte, und jetzt sähe man seine große Nase noch viel deutlicher aus dem Gesicht hervorragen.

„Wie wäre es mit einer Schönheitsoperation?“, hätte Cornelia am liebsten erwidert, doch sie erinnerte sich an die Worte ihrer Freundin, die besagten, wie wichtig es sei, Privatleben und Beruf zu trennen. Also hielt sie ihren Mund und tat, was sie tun konnte. Sie nahm sich vor, die Haare am Oberkopf gar nicht zu schneiden, obwohl sie wusste, dass der gnädige Herr sich das nächste Mal darüber beklagen würde, wie unmöglich lange dieser Bereich doch sei, da die Frisur an diesem Punkt keinen Stand hätte.

Und dennoch, der Ehrlichkeit halber musste sie sich selbst eingestehen, dass Herr Eisblicker mit diesem Kurzhaarschnitt aussah, als würde ihm gerade eine Kartoffel oberhalb des Mundes herauswachsen.

Marcos Kunden, diejenigen, die er sich innerhalb der kurzen Zeit, die er im Salon beschäftigt war, durch Weiterempfehlungen geangelt hatte, waren dagegen sehr locker und freundlich. Sie fragten ihn, wie es ihm bei der Arbeit erginge, wie es um sein Liebesleben bestellt sei, usw.. Eine junge Dame meinte sogar, sie verstünde gar nicht, wie so ein hübscher junger Mann sein Dasein als Single fristen würde, woraufhin er aufs Dunkelste errötete. Ein wenig neidisch hatten Conny und Casmy sich die Gespräche zwischen Marco und seinen Kunden angehört. Was hat dieser Mensch nur an sich?, fragten sie sich, obwohl sie die Antwort genau kannten. Die Frauen lagen ihm zu Füßen, und die Männer empfanden ihn als Kumpel. Sein Charme, sowie sein Aussehen begeisterten das weibliche Geschlecht des Klientelles. Die Herren mochten sein sichtbar eitles Styling, in dem sie sich selbst spiegelten, oder mit dem sie sich verglichen. Casmilda und Conny beruhigten sich des Öfteren mit dem Gedanken, Marco habe seinen Erfolg einzig und allein seinem Geschlecht zu verdanken. Trotzdem wussten sie über den Vorwand dieses Gedankens Bescheid, der einzig und alleine darauf abzielte, ihren persönlichen Neid zu verdrängen.

Gegen Mittag herrschte ein reges Treiben im Geschäft. Die Kundschaften forderten von ihren Stylisten Höchstleistungen, was ihre Friseurkunst anbelangte, verhielten sich an diesem Tag wieder einmal ganz besonders heikel, und kommandierten das Personal herum. Der Vormittag schien nur die „Ruhe vor dem Sturm“ gewesen zu sein. Die unausgeschlafene Conny wurde von den Kunden beinahe regelrecht schikaniert, was auch mit ihrem Mangel an Konzentration zu tun hatte. Casmilda dagegen spürte ihren fehlenden Schlaf der letzten Nacht kaum. Um 11:30 spielte es im Radio einen Song, der Cornelia an Daniel erinnerte. Zu diesem Lied hatten sie bei ihrem zweiten Treffen getanzt. Ein verträumtes Lächeln zierte ihre Lippen und sie schmolz dahin, als ihre Kundin, Frau Mutschmay, rief: „Vorsicht, nur die Spitzen schneiden, Sie junges, törichtes Ding!“

„Ähm, Verzeihung Frau Mutschmay, ja, nur die Spitzen, kein bisschen mehr!“ Conny gestand sich ein, beinahe ein wenig zu viel als „ein Bisschen“ abgeschnitten zu haben, zumindest war sie ziemlich knapp davor gewesen, es zu tun.

Sexuell orientierte Gedanken waren in diesem Moment überhaupt nicht angebracht, doch Marco starrte Casmy unentwegt an, sooft er das nur konnte, während er seinem Kunden, Herrn Langkrämser, blonde Strähnen ins Haar strich.

„Vorsicht, nicht zu breit, Sie Träumer!“, meckerte dieser, „wenn die Strähnen zu breit sind, könnte jemand die künstliche Nachhilfe bemerken.“

Herr Langkrämser war immer schlecht gelaunt, einer der wenigen Kunden, die auf Marcos charmante Art nicht reagierten. Er war auch einer der wenigen, dem Marcos weibliche Gesten auf die Nerven gingen, aber er wollte trotzdem bereits zum zweiten Mal von ihm bedient werden, weil er sehr gut beraten, schneiden und färben konnte. Manch anstrengender Besucher des Salons jammerte natürlich nur, um seinen Frust loszulassen.

„Nein, mein Teuerster, ganz bestimmt nicht, versprochen!“, meinte der junge Stylist mit einer balett-ähnlichen Handbewegung dazu schweifend, worauf Casmilda wie erstarrt in die andere Richtung schaute. Ist mein Herzallerliebster nun doch homo – oder bisexuell?, fragte sie sich.

Eine gewisse Neugierde ergriff von ihrer Konzentration Besitz. Doch blitzschnell besann sie sich eines Besseren und lenkte ihre Gedanken wieder auf die Arbeit. Frau Tüttenleut hielt ausnahmsweise ihren Mund, weil sie sich am Waschbecken entspannte, während Casmy ihr eine wohltuende Kopfmassage genehmigte. Sie dachte wieder an ihren Sex mit Valetta. War sie selbst lesbisch? War das wichtig? Wenn sie das Cornelia erzählen würde, was würde diese davon halten? Casmy blickte kurz zu ihr hinüber.

Diese schien sich vollkommen auf den Kopf ihrer Kundin zu konzentrieren, als Frau Semmelbrack rief: „Wenn Sie sich bitte ein wenig mit meiner Dauerwelle beeilen würden, ich habe nicht den ganzen Tag für diesen Salonbesuch reserviert!“ Conny nickte nur lächelnd und verständnisvoll. Sie hatte sich so sehr beeilt, die Frisur von Frau Mutschmay fertigzustellen, da diese ebenfalls nicht unbedingt viel Zeit für ihren Salonbesuch mitgebracht hatte, und nun folgte schon wieder eine Ohrfeige.

Casmilda schweifte in Gedanken. Sie war die einzige, die sich Träumerei zu diesem Zeitpunkt erlauben durfte, da Frau Tüttenleut gerade eine Handmassage erhielt, während ihre Haarpflegepackung einwirkte. Ihre Kollegen war alle beschäftigt. „Reiß dich zusammen, Casmy,“ führte sie einen inneren Monolog, während sie die Hände ihrer Dame knetete, sodass diese mit offenem Munde dahindösend beinahe zu schnarchen begann, „es ist in diesem Moment nicht relevant, ob Marco sich zu Männern hingezogen fühlt oder inwiefern Valettas sexuelles Interesse das deinige vielleicht verändern wird“. Die jungen Stylistinnen arbeiteten in einem Haarstudio erster Klasse und dachten an ihre privaten Problemchen. Es grenzte an ein Wunder, dass noch keine von den anwesenden Kunden verschnitten, verfärbt, oder „verwickelt“ war.

Casmilda beendete die Massage, legte die Hand der Kundin zurück auf deren Schoß und merkte erst jetzt, dass diese richtiggehend eingenickt war. Sie lag entspannt auf dem Handtuch, das ihren Hals auf dem Waschbecken stützte. Casmy nutzte die kurze, von ihr selbst so definierte Verschnaufpause und ging schnell nach draußen vor den Laden, um sich eine Zigarette zu genehmigen, wobei sie die Packung und das Feuerzeug immer in der untersten Lade ihres Arbeitswagens verstaut hatte. Sie zog hastig an ihrem Glimmstängel, und warf zwischenzeitlich einen Blick in Frau Tüttenleuts Richtung. Zwei Minuten später musste sie ausdämpfen, weil ihre Kundin nach ihr rief und mit bösen Blicken und starr ausgestrecktem Finger auf ihre Armbanduhr deutete. Casmilda steckte sich schnell ein Pfefferminzbonbon in den Mund und betrat wieder den Laden. Larcy warf ihr ebenfalls einen vielsagenden Blick der Dominanz zu, so als würde er sagen: „Beeil' dich, wir haben noch einiges zu tun!“ Casmilda spülte die Pflege ab, trocknete das kaputte Haar ihrer Kundin vorsichtig ab, wobei diese wie immer Rufe des Leidens von sich gab, unabhängig davon, wie vorsichtig sie mit dem Handtuch abgetupft wurde, und schnappte sich ihre Schere, um einen erstklassigen Schnitt zu kreieren, wie sie sich fest vornahm.

Herrn Larcy Biskmer blieben die Klagen der Kunden nicht verborgen. Er kannte sie wie seine Westentasche, da er ein guter Beobachter war, und obwohl er wusste, wie snobistisch und pingelig die Gesellschaft des ersten Bezirks sein konnte, merkte er, dass sie sich an diesem Tag teilweise wirklich unruhiger als sonst verhielten. Trotz seines männlichen Geschlechts besaß er eine zu bewundernde, stark ausgeprägte Multitasking-Fähigkeit. Er konnte am Geschäftstelefon hängen und gleichzeitig Farbe auftragen, sowie nebenbei registrieren, was im Salon vor sich ging, um ein Beispiel zu nennen.

Sein Geduldsfaden riss schließlich, er hatte sich dieses Gezeter seit 10 Uhr morgens zu Gemüte geführt.

„Was ist heute nur mit meinem Personal los?“, fragte er mit friedlichem Ton aufgrund der Kundenanwesenheit, jedoch ernteten Conny und Casmy durchdringende, klare Blicke. Die beiden Stylistinnen verstummten blitzartig, und trauten sich nicht einmal mehr mit den Kunden über das Wetter zu plaudern.

Ich habe meine Mitarbeiter unter Kontrolle, dachte Herr Larcy zufrieden, womit er Recht hatte. Sein strenger Mund verzog sich zu einem Grinsen, als er die langen Haare von Frau Nümsenschleus weiter zu einer exakten Banane aufsteckte. Letztendlich verließen alle Besucher zufrieden den Salon, das hohe Trinkgeld ließ an dieser Zufriedenheit keinen Zweifel aufkommen.

Der Nachmittag verlief ziemlich rasch. Dann war der große Moment für Cornelia gekommen. Pünktlich um 18:30 betrat Daniel den Salon.

Sie hatte ihn schon durch die glasklare Scheibe des Schaufensters hindurch bemerkt, als er etwa zwei Meter von der Eingangstüre des Geschäftes entfernt war, und fühlte sich, als würde ihr die Galle aufsteigen, sobald ihre geweiteten Augen seine Präsenz wahrnahmen. Zorn machte sich in ihrem Magen breit. Dann atmete sie tief durch, ging zu ihm, begrüßte ihn mit einem kurzen Handschlag und einem kühlen Lächeln.

Sie bot ihm einen Fensterplatz an, als er sich errötend setzte.

„Möchtest du gerne etwas trinken?“, fragte sie mit zuckersüßem Unterton.

„Ja bitte, einen Kaffee mit Milch und Zucker, und ein Glas Wasser dazu!“ stammelte Daniel verlegen und schuldbewusst, als er sich verlegen am Hinterkopf kratzte. Immerhin hatte er sie vor kurzem sitzen gelassen.

Er hatte beide Hände gesenkten Hauptes in den Schoß gelegt, so als wäre er ein kleiner Junge, dem man vor kurzem erklärt hatte, dass er bei Rot nicht über die Straße gehen dürfe. Sie brachte den Kaffee und das Wasser, während sie ihn mit einem bösen Blick auf seinen Hinterkopf bedachte. „Rein zufällig“ verschüttete sie dabei das Wasser auf Daniels Hose. Dieser schreckte kurz auf. Er sah aus, als hätte er sich angepinkelt. Das unterstrich natürlich den Eindruck des kleinen Jungen um ein Weiteres.. Cornelia führte einen inneren Freudentanz der Rache auf.

„Oh nein, wie ungeschickt von mir, tut mir leid!“ beteuerte sie mit theatralischer Stimme ihr aufgesetztes Mitgefühl, und setzte dabei wieder ihr künstliches Lächeln auf, wobei ihre Augen ihren Hass nicht zu kaschieren vermochten. Ihr Kunde und Exfreund verzog enttäuscht und verletzt den Mund, als er traurig in den Spiegel blickte und ein leises „macht nichts“ hinzufügte. Sie scheint wirklich wütend zu sein, dachte er bei sich. So hatte er sie in den 3 Wochen ihrer Bekanntschaft nie erlebt. Nun, was lässt sich schon in drei Wochen großartig ausrichten? Sie wussten schließlich nicht viel voneinander.

„Wollen wir die Haare vor dem Schneiden waschen?“, fragte sie. „Eine Kopfmassage tut jedem gut.“

Ihr tiefer Ausschnitt verleitete Daniel einen kurzen Moment lang dazu, lüsterne Blicke zu erzeugen, woraufhin Conny nur noch wütender wurde. Als er ihr Gesicht im Spiegel sah, die hochgezogenen Brauen und Lippen, die eine schmale Linie bildeten, blickte er sofort mit großen Augen wieder zu ihr auf.

Und so jemand hätte mein großer Bruder sein können?, fragte sich Conny belustigend. Ihre psychologische Analyse über Daniel war wohl nach hinten losgegangen. Die Sache hatte jedoch auch ihr Gutes, denn der junge Mann würde fortan, wenn er klug war, stets mit dem Gesicht einer Frau sprechen, wenn Gespräche die passende Thematik beschrieben, statt mit ihrem Busen, zumindest wünschte Conny ihm das Verständnis dieser Lektion. Natürlich hatte sie sich an diesem Tag ganz bewusst ein Top ausgesucht, das ihre pralle Oberweite gut zur Geltung kommen ließ, um Daniel zu testen. Sie fragte sich, ob er in ihr vielleicht doch nur ein Sexobjekt gesehen hatte. Der Bäcker konzentrierte sich verkrampft auf die einfache Frage, die ihm gestellt worden war, doch für ihn gab es in diesem Moment weit wichtigere Dinge zu besprechen als eine Haarwäsche. Er war gekommen, um Conny zurückzuerobern.

„Äh, ja, aber, was ich gerne sagen wollte…“, doch da ging Cornelia schon koketten Schrittes zum Waschplatz und wartete auf ihn. Er ließ nicht viel Zeit vergehen. Es gefiel ihr, dass sie ihn in der Hand hatte.

Mit lässigen Körperbewegungen drehte sie den Wasserhahn auf, testete jedoch die unangenehme Temperatur bewusst nicht an ihrem Handgelenk.

„Au, ist das heiß!“

Daniel warf den Kopf nach vorne, sodass das Wasser auf den Boden plätscherte .Conny hatte ihn absichtlich verbrüht. Ein vorsichtiges „Entschuldige, bitte“ kam ihr über die Lippen. Daniel war knapp davor, aufzuspringen, und den Laden zu verlassen, doch dann dachte er wieder an das Gespräch, das er mit Conny führen wollte. Zu diesem Zeitpunkt war Herr Larcy gerade mit seinem Hund spazieren gegangen, damit dieser sein Geschäft verrichten konnte. Gott sei Dank, hätte er erlebt, wie die junge Friseuse mit ihrem Kunden umging, hätte er sie wohl entlassen.

„Bitte nicht so kalt!“

Auch für die eisige Temperatur sorgte Conny mit Absicht. Sie bediente den Regler, wie es ihr gerade in den Sinn kam. Dabei dachte sie keinen Moment lang an Daniels Gefühle, weder an seine körperlichen noch seine seelischen Empfindungen, auch seine Prioritäten als Kunde waren ihr völlig einerlei. Als die grobe, bewusst unangenehme Kopfmassage beendet war, und sie den Schaum des Shampoos abgespült hatte, fühlte sich Daniel wie neu geboren – in der Hölle der Rache seiner Ex-Freundin. Während der Massage hatte sie sich genau durch den Kopf gehen lassen, wie es sich angefühlt hatte, als Danny mit ihr am Telefon Schluss gemacht hatte. Sie empfand diese Art von Beendigung eines Kontaktes als ziemlich unreif, obwohl sie tief in ihrem Inneren wusste, wie unüberlegt und dumm sie selbst in diesem Moment handelte. Casmilda beobachtete ihre Kollegin mit kaum merklichem Kopfschütteln, versuchte jedoch, die Beiden zu ignorieren und konzentrierte sich wieder auf die Föhnfrisur ihrer Kundin. Ich habe sie heute Morgen davor gewarnt, ihre Launen nicht an den Kunden auszulassen, dachte sie. Im Nachhinein erschien es ihr sinnvoller, sie hätte Daniel vor Cornelia gewarnt.

„Wie hättest du sie denn gerne?“, fragte Cornelia, und klopfte genervt mit ihrem Kamm gegen ihre rechte Hüfte, um ihrem Kunden ein wenig Entschlussfreudigkeit zu vermitteln, während sie die andere Hand starr in die andere Hüfte gestemmt hatte. Für gewöhnlich besprach sie die Anliegen eines Kunden bezüglich seines Schnittes im trockenen Zustand, damit sie den Haar fall im ursprünglichen Sinne deuten konnte, doch sie wollte Daniel so schnell als möglich wieder loswerden. Du wirst fantastisch aussehen, wie auch immer deine Wünsche lauten mögen, dachte sie gehässig.

„Am Oberkopf hätte ich sie gerne etwas kürzer, und an den Seiten kannst du ein wenig mehr abschneiden.“ Die junge Stylistin nickte enthusiastisch und nahm die ersten Strähnen zwischen ihre Finger, um sie entsprechend zu kürzen. Daniel hatte in den letzten zwei Tagen oft versucht, Conny telefonisch zu erreichen. Doch sie hatte alle seine Anrufe ignoriert. Er musste also persönlich mit ihr sprechen, um die Dinge zu regeln, die ihn bezüglich seiner Herzensdame beschäftigten. Als sie zu schneiden begann, wurde ihm das Ausmaß seiner Dummheit bewusst, während er seufzend einen Punkt am Rand des Spiegels fixierte. Schließlich kratzte er all seinen Mut zusammen, seine Lippen öffnete sich langsam.

„Conny, es tut mir leid. Ich habe mich wie ein Idiot verhalten, als ich dich in knappen Worten am Telefon von mir wies. Bitte lass' uns diesen Freitag gemeinsam zu Abend essen, bei einem Glas Rotwein will ich dir meine Beweggründe für mein Verhalten erklären, das heißt, insofern du zu dieser Zeit noch keine anderen Pläne geschmiedet hast“, stammelte er schüchtern. Während seiner wohl bedachten Worte hatte er zwischenzeitlich die Augen seiner Ex-Freundin im Spiegel vor ihm gesucht, doch es war vergebene Liebesmüh'. Cornelia musste sich ein Lachen verkneifen, als sie diese Sätze des ihres Erachtens nach aufgesetzten Selbstmitleides vernahm. So viel Anstand und Stolz wollte sie nun besitzen, sich nicht von diesem Möchtegern-Casanova einwickeln zu lassen. Sie schwang ihre Schere mit adretten Bewegungen, tänzelte dabei locker um Daniel herum, ohne jedoch auf seine Bitte zu reagieren. Diese kokettierte sie nur mit einem angespannten Lächeln der Herablassung. Sie empfand es als dreist und respektlos von ihm zu glauben, ein romantisches Abendessen könne sie eventuell umstimmen, um mit ihm einen Neuanfang zu wagen. Conny interessierte sich in ihrem momentanen Zorn nicht für die Beweggründe des Schlussstriches ihres Exfreundes, insofern man ihn als jenen bezeichnen konnte, binnen der kurzen Zeit ihres Beisammenseins. Daniel fuhr fort, deutete an, wie sehr er ihre kurze gemeinsame Bindung genossen habe, wie sehr er seine Entscheidung bereue, verschwendete jedoch in Wirklichkeit seine Zeit. Nach wenigen Minuten gab er auf, ließ die Schultern hängen, und fragte sich, was Cornelia für Unfug auf seinem Haupt verrichtete. Er zuckte kurz mit dem rechten Augenlid, zeigte jedoch ansonsten keinerlei Reaktion. Sie schnitt ihm am Oberkopf drei Zentimeter ab, missachtete die starke Rundung seines Kopfes und setzte ihm einen optischen Ballon auf. An den Seiten raspelte sie seine Haare kurz ab. Casmy wollte sich dieses Desaster nicht länger ansehen. Nachdem ihre Kundin an der Kassa bezahlt hatte, ging sie schnurstracks zu ihrer Kollegin, beugte sich zu ihr hinunter und flüsterte: „Was machst du da? Soll Daniel etwa Antiwerbung für unseren Salon verbreiten? “ Doch Cornelia tat, als hätte sie nichts gehört. Der junge Bäcker hatte mittlerweile die Augen geschlossen, weil er dieses Desaster nicht länger mit ansehen wollte, somit entging ihm auch Casmys Anwesenheit. Diese ärgerte sich über die typische Arroganz ihrer besten Freundin und machte eine Kaffeepause.Binnen zehn Minuten hatte Conny ihr „Meisterwerk“ zu Ende gebracht. Schnelligkeit war zwar in der Friseurbranche ein wichtiges Thema, aber man sollte auch auf die Wünsche des Kunden eingehen, und sich eine gewisse Zeit für ihn nehmen, erst recht in einem snobistischen Salon. Im „Normalfall“ tat Cornelia das ja auch.

Kapitel 4 Schmerz kommt bitte in den privaten Müll!

Dieser Haarschnitt ließ den jungen Bäcker missraten aussehen, zwar war er sauber erarbeitet worden, ließ aber sein rundes Gesicht trotz körperlich schlanker Statur viel zu stark zur Geltung kommen. Ein rundes Gesicht, eine runde Kopfform und ein Haarstyle, der die Rundung betonte – diese Kombination entstellte sein Äußeres definitiv. Gekünstelt stolz zeigte die Friseuse ihrem Kunden den hässlichen Schnitt im Handspiegel. Daniel blickte traurig in die glasklare Fläche.

„Geht es dir jetzt besser?“

Langsam aber sicher erstarb Connys hämisches Grinsen, und ihre straff gespannten Lippen sanken nach unten. Sie ließ den Spiegel sinken, lauter Motive, die ihre Besinnung andeuteten. Cornelia schwieg. Auf diese Frage fiel ihr momentan keine Antwort ein. In Daniels Augen lag eine interessante Mischung aus Verzweiflung, Unsicherheit, und Suche nach Halt, den Cornelia ihm nicht geben wollte.

„Ich wollte dir nicht weh tun!“ sprudelte es aus ihm heraus, lauter als er die Absicht danach hegte. Er schien den Tränen nahe zu sein. Conny behielt ihr Schweigen weiterhin bei, ihr arroganter Blick war jedoch einer klaren Unsicherheit gewichen, als sie mit verdattertem Blick seinen traurigen Augen zu entkommen versuchte. Endlich meinte sie, ihre letzte Energie der Künstlichkeit aufwendend: „Wie gefallen dir deine Haare?“, um abzulenken.

„Das ist mir einerlei, ich sehe aus wie eine Niete, aber du hattest wohl allen Grund, mich zu verunstalten. Ich verstehe das!“ Zwar wusste er, dass diese Aussage nicht ganz der Wahrheit entsprach, denn derartig grob und zynisch wurde er noch nie behandelt, weder in einem Friseursalon noch in anderen Institutionen der sozialen Dienstleistung, aber er erhoffte sich von diesen Worten, Conny doch noch weichklopfen zu können. Zumindest riss sie nun erstaunt die Augen auf. Mit diesem Satz hatte sie jetzt am wenigsten gerechnet. Warum auch? Sie konnte selbst kaum begreifen, warum sie Daniel so sehr hasste, doch er schien Verständnis für ihre haltlos gesteuerten Emotionen zu haben. Wenn sie nicht so stur gewesen wäre, hätte sie ihn um eine Erklärung gebeten. Sie hatte ihn als einen sensiblen Menschen eingeschätzt, aber dass er in derart hohem Maße gefühlvoll sein konnte, überraschte sie nun doch. Sie starrten sich eine Weile im großen Spiegel an. Schließlich schloss Cornelia kurz die Augen, schüttelte den Kopf, um sich von ihrem Bild seiner verständnisvollen und einfühlsamen Seite zu verabschieden, öffnete sie wieder und sagte mit zitternder Stimme: „Es ist aus zwischen uns, ein für alle Mal, außerdem bin ich nicht bindungsfähig! Casmilda kann das bestätigen, nicht wahr?“ Sie neigte ihr Haupt in Richtung Mitarbeiterraum, doch Casmy schüttelte nur den Kopf. Sie nahm sich vor, über dieses Thema mit Conny nicht mehr zu sprechen, sie würde ihres Erachtens nach schon eines Tages auf die Nase fallen und lernen.

„Es ist irrelevant, was deine Freundin darüber denkt“, kommentierte Daniel plötzlich in saloppem Ton, als er sich samt seines Friseurstuhls mit einer schnellen Körperbewegung in Richtung des Gesichtes seiner Friseurin drehte, um ihr tief in die Augen zu schauen, die sie ihm aufgrund eines überraschten Reflexes zuwandte, dabei kaum merklich erschrak und kurz zusammenzuckte.

„Wenn du es sagst, wird es schon so sein,“ fuhr er unbeirrt fort, „ doch eine Bindung geschieht von selbst, in dir. Wenn du meinst, du bist nicht bindungsfähig, bin ich wohl auch nicht derjenige, für den du diese Unfähigkeit aufgeben wirst. Ich kann und will dich zu nichts zwingen.“

Diese Worte kamen ihm kälter über die Lippen, als er es geplant hatte. Dann stand er raschen Mutes auf, legte das Geld auf den Bedienungsplatz und ging. Auf provokante Art schloss er bewusst langsam und leise die Türe hinter ihm, als er bemerkte, wie Cornelia ihm offenen Mundes mit großen Augen hinterherstarrte. Sie rang um Fassung, wischte sich eine Träne hinfort. Anschließend ging sie flotten Schrittes in den Mitarbeiterraum, setzte sich auf einen Stuhl, und gab sich, den Kopf in ihre flachen Hände gelegt, den darauffolgenden Tränen hin. Sie fühlte sich alleine und im Stich gelassen, und wusste, dass niemand sie trösten würde, da hierfür die Zeit fehlte. Casmilda hatte ihre kurze Verschnaufpause bereits beendet. Um 19 Uhr hatte Die fliegende Schere eigentlich schon geschlossen, aber langjährige Stammkunden, so wie sie an diesem Abend erschienen, wurden noch bedient.

Conny blickte auf ihre Armbanduhr, dessen Schutzhülle die Tränen abperlen ließ. Die Uhr zeigte fünf nach sieben. Sie wusch sich das Gesicht im Spülbecken des Aufenthaltsraumes und begann, das schmutzige Kaffeegeschirr abzuwaschen, während Marco und Casmilda den letzten Kunden dieses Tages ihre Haare verschönerten. Wenige Minuten später kam Larcy mit seinem Hund zurück. Natürlich hatte er Connys Tränen des Öfteren gesehen, wie sie in dicken Tropfen die Wangen herunterkullerten, er rechnete ihr jedoch hoch an, dass sie sich zumindest weitgehend dahin kontrollieren konnte, nicht vor den Kunden zu weinen, da ihr dementsprechende Traurigkeiten nicht zum ersten Mal zum Verhängnis wurden (von Connys Malheur bezüglich Daniel wusste er Gott sei Dank nichts).

Es war aber weder seine Aufgabe, noch stand es in seiner Macht, sie zu trösten. Hätte er das nur einmal getan, würde sie vielleicht ständig erwarten, seelischen Beistand zu erhalten. Er betrachtete seine Angestellte mit einem mitfühlenden Blick, von dem er wusste, dass er sie niemals erreichen konnte, weil er ihn hinter einer kühlen Fassade verbarg. Das tat ihm ab und zu auch sehr leid, weil er als Chef gegenüber seinen Stylistinnen, die er seit der Lehrzeit an begleitete und ihnen mit Rat und Tat zur Seite stand, ein gewisses väterliches Gefühl entwickelt hatte. Dennoch ermahnte er sich jedes Mal, speziell Cornelia nicht auf ihre Emotionen anzusprechen, wenn sie bahnbrechend ausarteten. Falls die beiden, wie es laut seiner Ahnung heute den gesamten Tag lang der Fall gewesen war, ihr Privatleben mit in den Salon nahmen und ihre Schwierigkeiten damit hatten, sich innerlich abzugrenzen, war es gerade für ihn als Vorbild wichtig, private Themen oder Gefühlsausbrüche nicht zu besprechen. Und dennoch wusste er um die Wichtigkeit einer eventuell bald folgenden Debatte Bescheid, wenn solche schier offensichtlichen Vermischungen von Berufsleben und jenem außerhalb des Salons auftraten. Schon zu Anbeginn ihrer Lehrzeit hatte er seinen Mädchen beigebracht, wie wichtig es sei, dass ein Friseur die Gabe des Schauspieltalents besaß. Natürlich waren sie keine ausgebildeten Schauspieler, sie mussten es nur schaffen, an Tagen, an denen sie schlecht gelaunt waren, ihre wahren Gefühle, seien es Traurigkeit oder Ähnliches, zurückzuhalten, sowie zu überspielen.

Conny nahm ein Kleenex aus der Box neben der Kaffeemaschine und beobachtete Larcy, als er den Laden verließ. Mit einem tiefen Seufzer atmete sie auf und setzte sich auf einen Stuhl. Pure Erleichterung strömte bei jedem Atemzug durch ihre Lungen, weil ihr die Peinlichkeit erspart blieb, ihrem dominanten Arbeitgeber ihre Schwäche zeigen zu müssen. Könnte ich doch nur ohne Männer glücklich werden, dachte sie still bei einem schwarzen Kaffee. Am liebsten hätte sie sich eine Zigarette genehmigt, aber so weit würde sie es nicht kommen lassen. Die Nacht im Dance for Chance war ihr eine Lehre, in der nächsten Zeit wenig bis gar nicht zu rauchen, da sie an diesem Abend beinahe zwei Packungen genossen hatte. Sie nippte an ihrem Kaffee, dann öffnete sie träge und mutlos den Kühlschrank, um aus dem Eisfach ein wenig Vanilleeis in ihr Heißgetränk zu geben. Gedankenverloren ertränkte sie die cremige Substanz im heißen Kaffee, so, wie sie ihr eigenes Dasein in Selbstmitleid suhlte. Sie starrte traurig in ihre Tasse, und ließ sich von dem beruhigenden Muster des weißen Vanilleschaums auf der braunen Unterlage ablenken. Ihre Fönfrisur sah nun noch zerzauster als in den Morgenstunden aus, sie konnte es förmlich spüren. Für den nächsten Tag nahm sie sich vor, sich mehr Mühe für ihr Styling zu geben, und eine gute Schauspielerin ohne professionelle Ausbildung zu verkörpern, wie Larcy so schön zu sagen pflegte.

Sie stellte die Tasse ins Spülbecken und fasste den Gedanken, den Laden zu kehren, als sie plötzlich innehielt und ihre Arme fest um den Körper schlang. Die Augen geschlossen fragte sie sich, inwiefern Daniel seine Worte der Reue und Versöhnung ernst gemeint hatte. In ihrem Herzen entstand dabei ein Gefühl der Wertlosigkeit. Vielleicht konnte sie ihm gar nichts vorwerfen, was seine heutigen Sätze anbelangte, sondern musste sich eingestehen, seinen Worten keinen Glauben geschenkt zu haben, weil sie nicht davon überzeugt gewesen war, sie verdient zu haben. Der Gedanke vermittelte ihr einen ehrlichen, aufrichtigen Stich in ihrem Herzen. In solchen Zeiten des traurigen Daseins dachte Conny oft einfach nur an ihr Bett. Sie wollte darin liegen und schlafen, am liebsten gleich den lieben, langen Tag. Doch was hätte das für einen Sinn? Selbstmitleid hatte die trügerische Eigenschaft, die Gefühle des Menschen in Sphären zu bringen, die er selbst nur noch schwer einschätzen konnte. Der Verstand wurde dabei ausgeschaltet, andererseits hörte sie nicht auf die innere Stimme des Herzens, die ihr riet, positiv zu denken und zu fühlen. Das einzige, was sie als selbst definiertes Opfer in diesem Moment wahrnahm, war die von ihr persönlich einsuggerierte Haltung, machtlos zu sein. Hatte Daniel, der zurückhaltende Junge mit dem kühlen Blick doch ein Herz? War sie nur zu hart zu ihm gewesen? Sie kannte die Antwort nicht.

In meinem Bett kann ich diesen fordernden Fragen entfliehen, deren Antworten ich nicht kenne, dachte sie still bei sich, als sie den Besen aus der hintersten Ecke des Salons holte, und durch den Laden schwang. Bei einem alkoholischen Rausch könnte ich ebenfalls vergessen, fügte sie noch gedanklich hinzu, aber sie nahm sich vor, dieses sinnlose Ritual doch lieber bleiben zu lassen. Plötzlich hielt sie inne und betrachtete Casmildas überzeugtes Lächeln, als sie ihrer zufrieden wirkenden Kundin den Rückspiegel zeigte. Conny drückte den Stiel des Besens, sodass die Knöchel weiß hervortraten und biss wütend die Zähne zusammen. „Manche Frauen haben doch einfach alles, nicht wahr?“, sprach der Neid zu ihr.

Casmilda und Marco verabschiedeten sich höflich von ihren letzten Kunden und halfen Ihnen beim Anziehen. Wenige Sekunden später waren sie verschwunden. Beinahe gleichzeitig stießen die beiden einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus, da ihnen die Ruhe nach dem Sturm gut tat. Sie lachten einander kurz an, während Conny einen Haufen Haare in den Mülleimer neben dem Waschbecken warf und nun hilfesuchend neben ihm stand. Sie fühlte sich wie ein Kind, das nach Aufmerksamkeit rief, als Casmy ihren Blick auffing und ihr mitfühlend von der Kasse aus zublinzelte. Marco ging in den Mitarbeiterraum, um seine Tasche zu holen. Conny konnte ihr inneres Kleinod nur schwer unter Kontrolle bringen. Casmilda kam auf sie zu und nahm sie in die Arme. Sie weinte still vor sich hin. Conny hinterließ auf Casmildas Top eine Pfütze aus Tränen. Nach wenigen Minuten hob sie ihren Kopf von Casmildas Schulter, wobei jene sie fest an den Unterarmen hielt und ihr tief in die Augen blickte. Aus dem toten Winkel erhaschte Conny einen Blick auf Marco, der gerade seine Farbschüsseln auswusch. Neutral und konzentriert wirkend vermittelte er nicht den Eindruck, sich in die Angelegenheit zwischen Casmy und Conny einmischen zu wollen. Sie drehte ihren Kopf kurz in seine Richtung und fand Gefallen an seinen beschützend wirkenden Muskeln, wie sie sich im leichten Strudel des Wassers hin - und herwiegten. Ich hätte ihn jetzt gerne an meiner Seite, dachte sie bei sich und schüttelte dann den Kopf.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Casmilda besorgt.

Sie behielt ihr inneres Versprechen bei, Conny nicht zu tadeln, weil sie Daniel so abwertend behandelt hatte, wollte ihr aber dennoch den Trost und das Gehör geben, das sie brauchte. Conny wandte sich wieder ihrer Freundin zu.

„Ja, danke, es geht mir einigermaßen gut“.

Sie wusste nicht, ob diese Aussage der Wahrheit entsprach, wollte aber nicht weiter über ihren emotionalen Zustand sprechen. Die Stylistinnen vereinbarten mit Marco eine entsprechende Einteilung, was die Nacharbeiten angelangte, und er nickte mit einem kollegialen Lächeln auf den Lippen.

Conny ließ das Wasser in den Putzeimer laufen, den sie aus dem Mitarbeiterraum geholt hatte. Marco und Casmilda lehnten wenige Meter von ihr entfernt lässig am Tresen. „Dein Top gefällt mir gut, es betont deine schmalen Hüften!“, durchbrach Marcos motivierte Stimme die Abendruhe. Langsam wandte Cornelia den Kopf in Casmildas Richtung, und ließ anschließend den Blick zu deren Hüften hinabgleiten. Casmy streifte kurz mit ihren ellenlangen Fingern über besagte Körperpartie. „Marco, du bist und bleibst ein Charmeur“, erwiderte Casmilda und entblößte bei einem breiten Lächeln ihre wunderschönen Perlenreihen perfekt gepflegter Zähne.

„Haben die gnädigen Anwesenden die Muße, ihr Tête á Tête zu verschieben und sich zu erniedrigen, mir behilflich zu sein?“

Cornelias Stimme überraschte sie selbst. Doch auch Casmy und Marco gaben mit weit aufgerissenen Augen zu verstehen, wie aufrüttelnd die Lautstärke und wütende Emotion ihres Organs durch den Raum hallte. Sie nickten stumm, während Conny ein verlegenes „Bitte“ hinzufügte, als ihr Gesicht die Farbe einer Tomate annahm. Marco half Cornelia, während Casmilda die Kassenabrechnung durchführte. Wenige Minuten später war die Arbeit getan. Marco schnappte seine Tasche und nahm nach einem kurzen Abschied Reißaus.

Casmilda bedachte Cornelia mit einem strengen Blick, die Arme vor der Brust verschränkt, als sie bei der Eingangstür auf sie wartete.

„Ich weiß, meine Launen passen wieder einmal so gar nicht in dein optimistisches Weltbild“, rief Conny ihr aus dem Mitarbeiterraum zu, während sie ihre Handtasche einräumte, „doch um ehrlich zu sein, möchte ich heute nicht über unsere unterschiedlichen Ansichten sprechen. Du brauchst nicht auf mich zu warten.“ Casmilda verzog verständnislos das Gesicht. „Nun gut, dann sehen wir uns morgen, ich wünsch' dir einen schönen Abend.“

„Danke, gleichfalls“, erwiderte Conny geistesabwesend. Casmilda machte auf dem Absatz kehrt, verließ den Laden und ging zur U-Bahn. Conny blieb noch eine Weile im Aufenthaltsraum sitzen. Nein, ich werde mich nicht vor dir entblößen, Casmy, dachte sie bei sich, während sie sich nervös am Hinterkopf kratzte, der Stress mit Daniel wühlte meine Gefühle bereits zur Genüge auf, von meinem Neid dir gegenüber will ich schon gar nichts wissen.

Entschlossen stand sie mit hektischen Bewegungen auf, schwang ihre Handtasche über die rechte Schulter und ging ihres Weges.

Kapitel 5 Frau liebt Frau

An einem kalten Apriltag stand Valetta vor ihrem Fenster und beobachtete den Regen. Die dicken Tropfen fielen laut hörbar auf die Straßen, die Dächer, schienen sogar ihr Herz zu berühren. Das Radio gab Musik von sich, die einen klar unterstreichenden Hintergrund zum Wetter und ihrer emotionalen Lage darstellte.

Sie hatte an diesem Dienstag ihren freien Tag und war am gestrigen Abend in einer Lesben- Diskothek namens Women’s Secret gewesen, und erst um vier Uhr morgens mit dem Taxi nachhause gefahren .Sie dachte an Casmy, während sie ihre Aufmerksamkeit nicht vom Regen abwenden konnte . Und sie musste sich eingestehen, dass ihr gemeinsames sexuelles Ereignis die platonischen Gefühle zu ihr verändert hatte. Sie war verliebt. Valy blickte kurz gen Himmel, um in den dunklen Wolken eine Antwort auf die Frage zu finden, wie sie ihr dies schonend beibringen könnte. Darüber hinaus hoffte sie verzweifelt auf eine Erwiderung ihrer Gefühle. Dieses innere Chaos hatte sie dazu veranlasst, sich seit dem letzten Treffen bei Casmy nicht mehr zu melden. Auch diese wahrte die Distanz zwischen ihnen. Jene Haltung konnte Valy ihrer Freundin jedoch nicht verübeln, nachdem sie sie das letzte Mal mit solch scharfen Worten der Aggression konfrontiert hatte. Sie möge sich bloß nicht einbilden, aus diesem Techtelmechtel würde sich eine Liebesbeziehung entwickeln, hatte sie ihr zugeraunt, doch sie spürte ironischerweise in diesem Moment bereits ihre eigenen herzenswarmen Gefühle für Casmilda aufkeimen.

Ihre Freundinnen Sharna und Mel‘, 2 gebürtige Engländerinnen, die seit geraumer Zeit ein Liebespaar waren, hatten ihr im Woman's Secret geholfen, ihren Frust bezüglich Casmy in Wodka Orange oder Bacardi Cola zu ertränken. Inwiefern dieser Zug hilfreich war, sei dahingestellt, dachte Valetta im Nachhinein bitter. Sie setzte sich auf ihr Bett und raufte sich die Haare, während sie den Kater ihres Alkoholkonsums wahrnahm und versuchte, die Erinnerungsstücke des Vorabends zusammenzuflicken.

Sie hatte sich mit Sharna und Mel um 23 Uhr in der Bar verabredet und ihnen nach dem Ritual der Begrüßungsküsschen bei einigen Drinks ihr Herz ausgeschüttet. Sie saßen an einem Ecktisch. Als sie von der Freundschaft zwischen ihr und Casmy sowie dem sexuellen Erlebnis berichtet hatte, machte sie eine Atempause, wobei sie bemerkte, dass ihr Herzschlag in die Höhe geschnellt war und der Alkohol seine Wirkung tat.

„Du solltest ihr wirklich sagen, was du für sie feelst!“, hatte Sharna angemerkt, die es witzig fand, die englische mit der deutschen Sprache zu mischen. Mehr fiel ihr dazu vorerst nicht ein.

Valy geduldete sich und blickte abwartend in das lächelnde Gesicht ihrer Freundin, weil sie glaubte, noch ein paar Ratschläge zu erhalten. Nachdem sich diese Erwartung als Zeitverschwendung herausstellte, ergriff sie selbst wieder das Wort. „Und wie wird sie darauf wohl reagieren?“, fragte sie verärgert und zog eine Augenbraue hoch. „Ich habe Angst, dass sie sich nach diesem Geständnis von mir abwenden wird. Warum habe ich mich eigentlich so plötzlich von einem Tag auf den anderen in sie verliebt, kann mir das bitte jemand sagen? Wie kann ein sexueller Akt die Gefühle eines Menschen nur derart verändern? Ich verstehe mich selbst nicht mehr,“ meinte Valy, und klopfte fest mit der Faust auf den Tisch. Sie zündete sich eine Zigarette an, leerte ihr Getränk in einem Zug und bestellte ein neues. Wieder verhielten sich Sharna und Mel äußerst wortkarg. Valys Wut über die Situation, in die sie sich selbst gebracht hatte, trug nicht unbedingt zu deren Kommunikationsbereitschaft bei. Sharna und Mel nippten an ihren Drinks und beobachteten die hübschen Exemplare der weiblichen Gattung an der Bar. Somit erhob Valetta die Stimme, um die Aufmerksamkeit der beiden erneut auf sich zu ziehen. Und es funktionierte.

„Hört mir bitte einen Moment lang aufmerksam zu. Seitdem ich mit Casmilda geschlafen habe, sind meine Gefühle für sie viel intensiver als vor dem sexuellen Akt. Bin ich vielleicht oberflächlich und nur in ihren Körper verliebt? Nein, das kann nicht sein, es scheint mir eher so, als würde ich sie nun viel besser kennen.“ Ihr Blick wanderte fragend zu ihren Freundinnen, die jedoch nur mit großen Augen ihre gänzliche Aufmerksamkeit ausdrückten. „Wir haben schon so vieles miteinander geteilt, was unseren emotionalen und geistigen Ausdruck anbelangt, und uns nun auch sexuell ausgetauscht“, fuhr sie fort. Selbstzufrieden mit dieser Analyse ihrer Gefühle stand sie auf und stemmte die Hände in die Hüften. Durch ihre Selbstsicherheit, die ihr der Alkohol und das Wissen über ihre Empfindungen vermittelten, wurde ihr erneut die Eindeutigkeit der Konzentration ihrer Freundinnen auf Valys Worte bewusst. Überrascht blickten sie sie an, erwartungsvoll, so als wollten sie wissen, was als nächstes käme. Valetta genoss sichtlich ihren Mittelpunkt, was sich in ihrer glatten Stirnpartie ausdrückte, die normalerweise des Öfteren in Falten gelegt war, und sagte: “Als wir uns leidenschaftlich unserer Ekstase hingaben, erlebten wir auch intensive Augenblicke der Zärtlichkeit, und ihr wisst ja, wie wichtig ich prinzipiell eine gewisse Grobheit und Dominanz bei meinen sexuellen Akten definiere. Umso überraschender empfand ich das plötzliche Interesse meinerseits, ihr meine sanfte Seite zu zeigen, die ich selbst noch nicht sonderlich genau kenne.“ Sie hielt inne und dämpfte ihre Zigarette aus. Dann sprach sie weiter: „Mir erscheint unser gemeinsamer Sex wie eine Vervollkommnung unserer platonischen Liebe, die sich dadurch in Richtung Partnerschaft bewegt. Aber wenn sie das anders, sich diesem eventuellen Geständnis nicht gewachsen sieht, wird sie mich möglicherweise ablehnen, vielleicht sogar den Kontakt zu mir generell meiden wollen, und das wäre sehr traurig.“

Sie setzte sich wieder, um Sharna und Mel nicht ein Gefühl der Minderwertigkeit zu vermitteln, die während ihres Gespräches die ganze Zeit sitzen geblieben waren. Schließlich meldete sich Mel zu Wort. „Wie steht es eigentlich um ihre Gefühle zu ihrem Arbeitskollegen, von dem du uns neulich erzählt hast? Sie scheint nicht genau zu wissen, was sie will“, bemerkte sie mit ernster, und leicht abfälliger Miene. „Einerseits schwärmt sie für Marco, andererseits genießt sie den Sex mit dir und sorgt damit für vergebliche Hoffnungen in deinem Herzen. Gut, sie konnte ja nicht wissen, was die Konsequenz dieser Liebelei sein würde. Vielleicht hat sie es einfach nur aus Neugierde getan“, beendete sie ihren Kommentar, und lehnte sich gemütlich in ihrem Sessel zurück, so als hätten diese Worte ihren Sprachwerkzeugen eine enorme Anstrengung abverlangt. Valetta verdrehte genervt die Augen, weil sie den Aspekt, ein Objekt der Neugierde für Casmilda zu sein, nicht so gerne in Anbetracht ziehen wollte. Bei der Vorstellung, Marco und Casmilda könnten sich zu einem glücklichen Liebespaar vereinen, nahm sie einen weiteren großen Schluck ihres hochprozentigen Gesöffs, wobei sie darauf achten musste, mit ihren wutentbrannten Fingern das dünnwandige Glas nicht zu zerdrücken. Sie schloss kurz die Augen und atmete tief durch. Dann kam ihr ein Geistesblitz.

„Wisst ihr, ich glaube, das Beste ist, wenn ich ihr einfach klar und deutlich sage, was ich für sie empfinde, deinem Ratschlag folgend, Sharna“, erwiderte sie. „ Dann weiß ich wenigstens, woran ich bin. Habt ihr schon einmal daran gedacht, dass sie vielleicht auch in mich verliebt sein könnte? Vielleicht hat sie sich nicht mehr bei mir gemeldet, weil ihr gerade klar wird, was sie für mich empfindet, und diese Neuartigkeit ihrer Gefühle erschreckt sie ein wenig. Sie ist außerdem nicht der Typ Mensch, der sich einfach nur aus Neugierde einem sexuellen Akt hingibt. So gut glaube ich sie zu kennen“, sagte sie mit Nachdruck.

„Ich empfinde ihr gegenüber eine tiefe Zuneigung“, fügte sie hinzu. Dabei lächelte sie verträumt und nahm einen großen Schluck Bacardi Cola, um ihre Glückshormone um ein weiteres anzuregen, da sie die Vorstellung der Verliebtheit und auch deren Erwiderung in euphorische Sphären verleitete.

Sharna und Mel blickten einander verdattert an. Was hatte Valetta gerade gesagt? Hatte sie über Gefühle gesprochen? Die drei Frauen kannten einander bereits zwei Jahre, jedoch hatte Valy das Wort Gefühle oder Empfindungen noch nie zuvor im Zusammenhang mit einem verträumten Augenaufschlag oder sanften Lächeln erwähnt, wenn sie über ihre Beziehungen sprach. Sie meinte es scheinbar wirklich ernst. Sharna und Mel warfen einander ein wissendes Augenzwinkern zu. Falls Casmy und Valy tatsächlich ein Paar würden, müssten sie sich warm anziehen, da Valetta bis jetzt gegenüber ihren Partnerinnen meist heftige Aggressionen empfand, weil sie mit wahren, aufrichtigen Gefühlen nicht gut umgehen konnte. Die aufrichtigen Empfindungen für Casmy würden dementsprechend wahre Vulkane der Wut in ihr auslösen. Ihre beiden englischen Freundinnen waren in solchen Fällen immer diejenigen gewesen, die Valettas heftige Gefühlsausbrüche beruhigen sollten. Doch solange das Beziehungsglück ihrer Freundin bestärkt würde, sollten sie sich nicht allzu viele Sorgen machen. Sie meinten, Valetta würde als Partnerin in gewisser Weise sehr gute Beziehungsqualitäten aufweisen, wenn man ihre raue Art außer Acht ließ. Sie war hübsch mit ihren blauen großen Augen und den naturblonden Haaren, dem schlanken Körper, sowie den vollen Brüsten. Außerdem sorgte ihre direkte Art in der Kommunikation für Klarheit. Sharna und Mel pflegten des Öfteren oberflächliche Konversation mit lesbischen Frauen, daher wussten sie auch um deren typische, sich selbst bestätigende Klischees Bescheid, die sich anhand eines Kurzhaarschnitts, typisch männlichen Gesten sowie einer verstellten, tiefen Stimme darstellten. Valetta dagegen wirkte wie eine klassifizierte, natürliche Frau, da ihre betont feminine Gangart, bei der ihre sexy Hüften geschmeidig hin - und herwippten, sowie ihre langen Wimpern und der sinnliche Mund sich als klares Zeichen reiner Weiblichkeit ausdrückten, die sie in keinster Weise zu kaschieren versuchte. Einzig und allein ihr zwischenzeitlich aggressives Verhalten könnte manch böse Zunge dazu verleiten, ihr Verhalten als das einer dominanten, typischen Lesbierin einzustufen. Sharna und Mel wussten jedoch genau, wie wichtig es war, äußeres Auftreten nicht unbedingt mit einer sexuellen Ausrichtung in einen Topf zu werfen.

Nach ihrem vierten Glas Wodka Orange blickte Valetta mit einer Mischung aus Verzweiflung und Verwirrtheit zu ihren beiden Freundinnen hinüber. Scheinbar fehlt ihr der Mut für das Geständnis, das sie Casmy überbringen möchte, dachte Mel und streckte den Arm aus, um ihn Valy auf die Schulter zu legen. Da zupfte sie Sharna am Ärmel ihres knielangen Kleides, um ihr zu verstehen zu geben, Valetta nun bestenfalls in Ruhe zu lassen. Schließlich erinnerte sich Mel an eine Situation, in der sie Valetta tatsächlich ihren Arm um die Schulter gelegt hatte, um sie zu trösten. Die Reaktion ihres Gegenübers darauf zeigte sich in einem eisigen Blick, danach schob Valy Mel grob zur Seite und sagte kein Wort. Diese Erinnerung und die Wirkung des Alkohols motivierten Mel dazu, sich folgende Bemerkung zu erlauben: „Ich und Sharna wissen genau, dass du jetzt nicht angefasst und getröstet werden willst, obwohl es dir offensichtlich nicht gut geht. Wir wollen dich dazu auch nicht zwingen. Aber soweit ich von deinem Gespräch mitbekommen habe, ist diese Casmy ein sehr sensibler Mensch. Wenn eure Beziehung tatsächlich emotionale Tiefen erreichen sollte, möchte sie bestimmt körperliche, zärtliche Nähe mit dir erleben, hast du schon einmal darüber nachgedacht?“ Mit besserwisserischem Gesichtsausdruck lächelte sie Valetta an. Dieser fehlten die Worte.

„Abgesehen davon“, fuhr nun Sharna fort „hat sie dich während eures Sexualaktes ebenfalls gestreichelt. Was ist also so schlimm daran, wenn du dich generell ein wenig mehr deiner Sanftheit hingibst, in platonischen wie auch in sexuellen Angelegenheiten? Ich glaube, tief in deinem Inneren wünschst du dir doch einen zärtlichen Umgang mit deinen Mitmenschen, nicht wahr? Oder hat Casmy noch niemals deine Tränen gesehen, um dich daraufhin zu trösten?“ Valetta verspürte Zorn in sich aufsteigen, als sie diese Worte vernahm. Sie erinnerte sich an die Situation, als sie Casmilda von ihrer Vergewaltigung erzählt hatte, und danach in ihrem Arm gelegen und sich ausgeweint hatte. Doch davon wussten Sharna und Mel nichts. Sie wussten auch nichts von der Vergewaltigung an sich. Dabei wollte sie es auch bleiben lassen.

Valettas Augen vergrößerten sich, ihre Mundwinkel zuckten. „Was soll das?“, schrie sie hemmungslos in Mels Richtung. „Verschone mich gefälligst mit deinem Helfersyndrom. Wie du schon gesagt hast, Mel, man kann mich nicht zum Körperkontakt zwingen. Es geht euch übrigens beide nichts an, ob Casmy mich in den Armen hielt oder halten möchte, aus welchen Beweggründen auch immer. Falls ihr jedoch die Vermutung habt, es sei so, und deshalb eifersüchtig seid, weil ihr noch nie das Privileg hattet, mich körperlich zu trösten, so ist das euer Problem.“ Die drei erhaschten einige erschrockene Blicke der Kellner sowie der umliegenden Gäste. „Schon gut, schon gut“, erwiderte Sharna lässig und gefasst, weil sie mit solch einem Ausbruch gerechnet hatte, „sei es drum.“ Mit diesen Worten stießen sie an. Valy leerte ihr Glas erneut in einem Zug. Trotz ihrer Trunkenheit hatten die beiden Engländerinnen bemerkt, dass Valetta sich verraten hatte, als sie sagte, es ginge Sharna und Mel nichts an, ob Valys Kopf bereits auf Casmys Schulter geruht hatte. Wenigstens hatten sie jetzt eine ungefähre Gewissheit - Valetta hatte sich Casmilda gegenüber scheinbar bereits in großem Vertrauen geöffnet. Valys aggressive Abwehr bei diesem Thema sprach Bände. Somit vergaßen sie ihre Sorgen über die Harmonie der vermeintlichen Liebesbeziehung ihrer Freundin zu Casmy, die scheinbar an körperlichem und geistigem Vertrauen keine Mängel aufwies. Der restliche Abend verlief friedlich. Die drei Freundinnen tanzten vergnügt im Diskobereich und beschränkten sich auf Smalltalk und Witze.

Nun saß Valetta in ihrer kleinen Wohnung, die ihr Selbst widerspiegelte : sie fühlte sich klein. Sie strich sich durch das blonde Haar. Es fühlte sich angenehm weich an, doch diesen Gedanken schob sie sofort wieder beiseite, sie wollte jetzt nichts Weiches oder Kuscheliges auf ihrer Haut spüren. Dieses kurze Ritual der Nervosität erinnerte sie nur an ihr schönes Abenteuer mit Casmilda, was ihr in der Seele wehtat.

Was war zwischen ihr und Casmy geschehen?, fragte sie sich zum zigsten Mal. Weise Menschen sagten, man solle mit seinen Freunden keine sexuellen Gelüste austauschen, da diese Praktik die Freundschaft im Keim ersticke. Valetta konnte sich ungefähr denken, was dieser Ratschlag bezweckte. Der Sex stellte den Status zwischen den beiden platonisch Liebenden infrage. Sexuelle Erregung war keine Entschuldigung dafür, ihn dennoch auszuüben. Doch dieser Ratschlag half ihr nun auch nicht weiter. Ich hätte mich lieber selbst befriedigen sollen, anstatt mit meiner Freundin zu schlafen, dachte sie frustriert . Sie wusste allerdings zu Beginn nicht, wie intensiv dieser Akt von Vertraulichkeit und Intimität geprägt sein und ihre gierigen Gelüste in den Hintergrund drängen würde.

Der Abend im Woman's Secret hatte ein Nachspiel. Valetta fühlte sich fiebrig. Sie konnte jedoch getrost der Arbeit fernbleiben, da sie in diesem und auch im vorigen Jahr keinen einzigen Tag gefehlt hatte, außer, sie war im Urlaub gewesen. An ihre Türe hatte Valy ein selbst gemachtes Schild gehängt, auf dem in großen Lettern „Bitte nicht stören!“ stand. Sie vermisste Casmilda zwar, an die das Schild indirekt gerichtet war, wollte aber erst wieder Kontakt mit ihr aufnehmen, wenn sie sich sicher war, welche Worte sie wählen würde, um ihr ihre Gefühle zu verdeutlichen. Sie stand auf und ging ins Bad. Ihr Spiegelbild zeigte ihr eine blasse, verzweifelte Frau. Sie fragte sich in diesem Moment, ob ihre blonden Haare sich wirklich mit ihrem inneren Befinden vereinbaren ließen. Sie hielt ihre Naturhaarfarbe für aufgesetzt und künstlich, auch, wenn sich dieser Gedanke teilweise wie ein Widerspruch anfühlte, da ihre Haarfarbe von Natur aus blond war. Doch ihre Einstellung ließ sich in ihrem Äußeren nicht mit blondem Haar vereinbaren, nicht mit heller euphorischer Stimmung oder reinem Gewissen, das sie mit dieser Nuance in Verbindung brachte. Ihr kam ein Geistesblitz, den sie schnell wieder verwarf. Sie schüttelte den Kopf, wollte das Badezimmer verlassen, als er sich erneut in ihr Bewusstsein bohrte. Sie hielt inne, den Rücken bereits zum Spiegel gewandt. Langsam drehte sie sich um und starrte in das klare Glas, ging ein paar Schritte vorwärts, bis ihre Nasenspitze die Platte berührte. Sie stellte sich die Frau im Spiegel mit pechschwarzen Haaren vor, die ihren Typ niemals optisch beleben, sondern eher verdecken würden. Damit hätte sie den Vorteil, ihre inneren Gefühle im Außen ausdrücken zu können. Sie würde sich selbst daran erinnern, dass ihre helle Natur von einem Schleier der Traurigkeit und des Zorns verdeckt wurde, und sich erst wieder erlauben, die Haare blond zu tragen, wenn diese Phase vorüber war. Valy zog ihren Kopf zurück und wiegte ihn zweifelnd hin und her, von links nach rechts, von rechts nach links. Ihr war bewusst, wie sehr dieser Plan mit einer Selbstbestrafung einherging, die ihr erst wieder Harmonie gestattete, wenn sie ihre Verzweiflung bezüglich der Vergewaltigung sowie die Aufruhr bezüglich der Beziehung zu Casmilda verarbeitet hatte. In ihrer emotionalen Verwirrung gefangen dachte sie nicht daran, wie schwierig es war, schwarz gefärbte Haare aufzuhellen, falls sie ihre Entscheidung bereuen sollte. Doch was würde ihr Chef zu ihrer Typveränderung sagen? Er liebte Valetta als die attraktive Blondine, die sie war, und mit deren Charme sie die Gäste in ihren Bann zog, wobei dieser Charme nicht nur mit inneren Werten zu tun hatte. Ohne sich diese Frage zu beantworten, zog sie ihre Schuhe an, schnappte ihre Handtasche und machte sich auf den Weg zur Drogerie Feistenberg, um sich eine schwarze Haarfarbe zu besorgen. Bei der Vorstellung, ihre Haare tatsächlich derart dunkel zu colorieren, überkam sie ein gewisser Selbsthass. Als sie sich jedoch an die Zeiten erinnerte, in denen sie sich körperliche Verletzungen zuführte, wenn sie sich selbst ablehnte, erschien ihr diese Variante als harmlos. Casmilda würde zwar schimpfen, weil diese Farben viele haarschädigende Metallsalze enthielten, Friseurfarben seien viel pflegender, sagte sie immer. Doch das war Valetta egal, als sie wenige Minuten später an der Kasse stand. Als sie das Geld aus ihrer kleinen Börse fischte, wurde ihr zum ersten Mal vollkommen bewusst, was sie vorhatte: sie wollte sich selbst verunstalten, weil sie keine blonde Unschuld mehr ausstrahlte. Sie hatte ihre platonische Beziehung zu Casmilda gefährdet. Das war der Hauptgrund für ihr Vorhaben. Diese selbstauferlegte Strafe sollte ihr eine Lehre sein: wer blond sein wollte, musste auch die innere Unschuld dafür aufweisen.

Zuhause angekommen las sie sich die Gebrauchsanweisung durch. Davor hatte sie das hübsche Mädchen auf der Packung bemerkt: eine schlanke Gestalt, etwa 26 Jahre alt mit kantigen Wangen, schmalen Lippen und einem frechen Kurzhaarschnitt. Dieses Mädchen wirkte so freudig, so natürlich. Es ist egal, welche Haarfarbe ich trage, dachte sie, inspiriert durch das Bild auf der Verpackung, ich brauche innere Freude. Doch dieser Gedanke brachte sie nicht davon ab, sich der Typveränderung zu unterziehen.

Ein Hautverträglichkeitstest? Nein, dafür hatte sie jetzt keine Zeit. Die Durchführung des Tests dauerte laut Anweisung immerhin 48 Stunden. Schnurstracks ging sie ins Badezimmer, um ein altes Handtuch aus dem Kasten zu kramen, um wenige Minuten später fündig zu werden.

Sie legte es sich um die Schultern, drückte dann den Inhalt der Cremetube in die Flasche mit der weißen, dicklichen Flüssigkeit und schüttelte kräftig, als ihr erneut ein Gedanke kam: ich laufe mit dieser bequemen Aktion der Tatsache davon, Casmilda die Wahrheit über meine Gefühle sagen zu wollen, ohne zu wissen, ob ich unsere Freundschaft tatsächlich gefährdet habe, dachte sie, während sie wütend die Plastikflasche mit der Farbe darin fest drückte. Doch diese erneute Wut gegen sich selbst, weil sie ihre Angst vor dem Geständnis nicht leiden konnte, bestärkte sie noch einmal mehr, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen, da sie mit der Farbe schwarz sehr viele „dunkle“ Emotionen verband: Wut, Hass, Trauer, Schmerz, und so weiter. Diese heftigen Ausdrücke ihres inneren Befindens kannte sie nur allzu gut. Also, warum soll ich mein Inneres nicht im Außen tragen?, fragte sie sich erneut, und beschloss nun definitiv, ihren Plan in die Tat umzusetzen.

Sie hatte mit dem Haarefärben keinerlei Erfahrung, somit würde sie sich damit abfinden müssen, dieses Erlebnis als einen Versuch zu definieren, bei dem das Ergebnis eventuell unliebsame Überraschungen bereithielt. Doch sie ging das Risiko ein. Wie in der Gebrauchsanweisung beschrieben drückte sie ein wenig auf die Plastikflasche, um sich langsam mit der Konsistenz der Haarfarbe vertraut zu machen.

Die Masse war dünnflüssig, somit tropfte Valetta ein wenig davon auf ihre weiße Hose . Sie wusste jedoch, wie sie diesen Fleck mit Danclorix wieder entfernen konnte.

Als sie dann aber aus unvorsichtigen Gründen der Handhabung einen Spritzer im Auge abbekam, wurde sie wütend, und ließ einen lauten Schrei vernehmen. Sie dachte darüber nach, die Behandlung abzubrechen, weil sie mit der Ungeduld kämpfte, besann sich dann aber und wusch sich die Augen mit klarem Wasser aus .Dann verteilte sie weiterhin die Farbe in ihrer noch blonden Wuschelmähne.

Als sie sich mehr und mehr auf ihr Werk konzentrierte, fielen ihr Casmildas Worte über „Gewinn durch Verlust“ ein. Obwohl Valy diese Aussage als philosophisch abtat, und sie Philosophie hasste, weil sie ihrer Meinung nach so realitätsfern war, wollte sie sie jetzt definieren.

Gewinn durch Verlust, dachte sie, ich gewinne durch den Abschied meiner blonden Haare eine Typveränderung, die kaum zu übersehen sein wird. Sie brach in schallendes, ironisches Gelächter aus. Was für ein Gewinn, binnen einer halben Stunde würde sie eine rabenschwarze Haarpracht ihr eigen nennen!

Von einer Sekunde auf die andere wurde sie ruhig. Sie arbeitete weiter an ihrer Behandlung, verspürte dabei jedoch eher einen gewissen Ernst anstelle des ironischen Humors. Was sich vor wenigen Momenten noch wie ein Witz anfühlte, schien eine tiefgründige Wahrheit zu offenbaren. Welchen Gewinn erreiche ich gerade durch welchen Verlust?, fragte sie sich, und kratzte mit einem behandschuhten Finger ihren Hinterkopf, da die Farbe zu jucken begann. Erschrocken trat sie einen Schritt zurück, als ihr die Antwort dazu einfiel, an der sie nicht unbedingt Gefallen fand. Durch den Verlust ihrer hellen Haarfarbe konnte sie nur die Erkenntnis gewinnen, einen fatalen Fehler zu begehen, den sie vor wenigen Momenten noch als Lappalie abgetan hatte. Was würde sich ändern, wenn sie ihre Haare schwarz trug? All ihre inneren Einstellungen würden bleiben, wie sie waren. Zwar konnte sie sich künftig anhand ihrer dunklen Mähne daran erinnern, wie wichtig es für sie war, ihr Gefühlsleben in Einklang zu bringen, eine symbolische Helligkeit im Innen wie im Außen anzustreben, andererseits bestand auch die Möglichkeit, sich die Haare nur deshalb zu färben, um von der Lehre, die sie zu bewältigen hatte, abzulenken. „Es liegt nun an mir“, sagte sie laut zu ihrem Spiegelbild, „entweder, ich halte mich an meinen Vorsatz, mein Leben zu behelligen, oder ich habe mir diese unnatürliche Farbe umsonst zugelegt.“ Wenn sie die Colorationscreme in diesem Moment abgespült hätte, wären Flecken in ihrem Haar die Folge gewesen, außerdem wollte sie grundsätzlich eine Sache beenden, sobald sie mit ihrer Durchführung begonnen hatte. Verunsichert blickte Valetta in den Spiegel, als sie merkte, wie dunkel das Ergebnis bereits nach zehn Minuten aussah. Dann fasste sie wieder Mut . Sie drückte eine große Portion der Farbcreme in ihre linke Hand, und massierte sie einfach in ihr Haar ein. Diesen Vorgang wiederholte sie, bis alle Haare bedeckt waren. Mit einem grobzinkigen Kamm verteilte sie das Produkt gleichmäßig und reinigte ihre Haut mir einem Watte-Pad, den sie zuvor mit Essig getränkt, sowie mit Zigarettenasche bestäubt hatte, um Farbränder auf der Haut zu entfernen. Diese Tricks hatte ihr Casmy beigebracht. Während der 30 Minuten Einwirkzeit löste sie eine Kopfschmerztablette in Wasser auf und trank in gierigen Schlucken, um ihre Migräne zu beruhigen. Ich werde aussehen wie der lebendige Tod, dachte sie, als sie sich eine Zigarette anzündete. Fühle ich mich denn nicht auch manchmal so?, sinnierte sie weiter. Die klare Antwort auf diese Frage schockierte Valetta nicht mehr, sie war ihr nicht unbekannt. So oft es ihre psychische Stabilität erlaubte, ging sie in Gedanken zu der schrecklichen Erinnerung ihrer Vergewaltigung zurück. Diesen Tipp hatte ihr eine Therapeutin gegeben. „Ich verstehe, was Sie meinen, wenn Sie sagen, sie fühlen sich nicht mehr richtig lebendig, seitdem Ihnen dieser Gewaltakt widerfahren ist“, hatte Frau Mag. Bogschlew zu ihr gesagt. „Aber Sie müssen diesen Schmerz in Ihrer Erinnerung an das Geschehene zulassen. Ansonsten verdrängen Sie ihn, und er wird Herr über die Sichtweise ihrer Außenwelt. Dieses Stück Leben, in dem sich der Missbrauch abspielte, war für Sie erschütternd. Tasten Sie sich dennoch Schritt für Schritt an den Schmerz heran. Er ist ein Teil von Ihnen, leben Sie ihn aus, ohne ihre Außenwelt für ihn verantwortlich zu machen.“

Sie blickte auf die Uhr: noch fünfzehn Minuten, dann würde sie die Farbe abwaschen können. Sie wollte die letzten Minuten nutzen, um ihre Meditation durchzuführen. Mit langsamen, ängstlichen Schritten bewegte sie sich auf ihr Bett zu. „Ruhig, ruhig, es wird nur eine Erinnerung sein“, flüsterte sie sich leise zu, wobei sie mit ihren Worten die Tränen nicht aufhalten konnte, die ihr die Wangen hinunterliefen. Sie nahm ein Taschentuch und schnäuzte sich. Es hatte keinen Sinn, in der Vergangenheit zu schwelgen. Dennoch erschien es ihr in diesem heftigen Moment des Schocks, der ihr den Schweiß auf die Stirn trieb, angenehm und beruhigend, sich an die junge Frau zu erinnern, die sie vor dem sexuellen Missbrauch war. Valy begab sich mit schweren Gliedern auf ihr Bett, den Kopf mit der dunklen Farbe auf ein altes Handtuch stützend, und schloss die Augen. Sie entsann sich ihrer Hilfsbereitschaft, ihrem selbstlosen Wesen anderen gegenüber, ihrem blonden, langen Haar, das ihr bis über die Schultern reichte. Sie sah ein Bild der Vollkommenheit, dachte an die vielen Abende mit ihren tiefgründig gesinnten Freundinnen, mit denen sie Pech und Schwefel überstand und jederzeit ein offenes Ohr für sie hatte; harmonisches Geben und Nehmen unter jungen Damen. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, das von innen kam. Doch dann zerplatzte ihre Imagination wie eine Seifenblase. Sie sah sich selbst in der Toilette, den Mann mit dem grässlichen Mundgeruch über ihr. „Es ist vorbei, du bist nur eine Illusion!“, rief sie ihm zu, und bemerkte in ihrem Tagtraum, wie ihr Herz zu schlagen begann und die Bildung der Schweißperlen erneut einsetzte. „Ich bin nicht echt?“, raunte die grässliche Stimme des Mannes in ihrer Erinnerung. „Deine Angst ist jedenfalls real, darauf kannst du Gift nehmen, Süße. Und jetzt zieh' dich aus!“ Valetta riss die Augen auf. Sie war sich nicht sicher, ob sie für einen Moment eingedöst war und geträumt hatte, oder ob sie in der Meditation unbewusst ihrer eigenen Angst die Gestalt und Stimme des Mannes gegeben hatte. Sie wollte es auch gar nicht mehr wissen. Sie atmete tief durch und ließ die Tränen zu. Es hätte jetzt keinen Sinn, sie zu trocknen. Doch wann würde sie aufhören zu weinen? Wann würde sie den Schmerz verarbeitet haben? Frau Mag. Bogschlew sagte, das sei abhängig davon, wie oft sie ihre meditativen Übungen machte. Es gab in ihrem psychologischen Repertoire jedoch nicht nur die Übung der Erinnerung an schreckliche Erlebnisse, sondern auch die Meditation von Kraftbildern. Vor drei Jahren hatte sich das schreckliche Ereignis zugetragen. Valetta war bei der Arbeit mit sich selbst ein kleines Stück weitergekommen, aber es sollte wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen, bis sie verkraftet hatte, was geschehen war. „Nur Geduld“, sprach sie sich selbst Mut zu und ging ins Badezimmer. Die Einwirkzeit war vorüber.

Sie brauchte jetzt im wahrsten Sinne des Wortes einen kühlen Kopf, somit ließ sie eiskaltes Wasser über ihr Haupt laufen. Sie empfand den Strahl angenehm und beruhigend. Gab es auch für ihren inneren Rebell Ruhe und Frieden? Seit der Vergewaltigung ließ sie kaum jemanden an sich heran, rebellierte gegen ziemlich jeden Menschen, der ihre Meinung nicht teilte. Ich brauche Sicherheit, dachte sie bei sich. Sicherheit würde bedeuten, zu akzeptieren, dass es Kritik für sie gäbe, die es anzunehmen statt abzuwehren galt, oder ruhig und geduldig zu bleiben, wenn ihr jemand widersprach. Traurig und demütig empfand sie die Tatsache, froh und dankbar sein zu müssen, Freunde wie Sharna, Mel und vor allen Dingen Casmy an ihrer Seite zu haben. Wie kommen diese nur mit meinem aggressivem Umgangston zurecht?, wollte sie wissen. Sie hatte einen guten Kern in sich, den ihre Freundinnen aufgrund deren Neutralität klar sehen konnten, Valetta jedoch blieb diese Sichtweise verborgen.

Sie verteilte ein wenig Shampoo auf ihrem Haar, auch wenn diese Information nicht in der Gebrauchsanweisung enthalten war, aber sie wollte den intensiven Geruchs des Ammoniaks loswerden. Danach trug sie die die beiliegende Kurpackung auf das handtuchtrockene Haar auf, ließ sie kurz einwirken und spülte sie wieder aus. Sie betrachtete sich im Spiegel. Valetta empfand keine Reue oder Angst vor den Reaktionen ihrer Mitmenschen auf die radikale Veränderung, sondern eher eine innere, selbst auferlegte Disziplin. Für einen Moment lang blickte sie konzentriert auf ihre Handgelenke. Die Narben ihrer Schnitte würden sie immer an die seelischen Wunden erinnern, die ihr angetan worden waren. Doch sie schob den Gedanken beiseite, die schwarzen Haare mit den Narben zu vergleichen, da die Haarfarbe keine Selbstverstümmelung für sie darstellen sollte. „Mit diesem Look erinnere ich mich von nun an tagtäglich, dass ich eine tiefe Verzweiflung in mir trage, die es mehr und mehr aufzuarbeiten gilt“, sagte sie zu ihrem Spiegelbild und lächelte. „Dass mir die Farbe nicht steht, war mit ohnehin von Anfang an klar.“ Mit dieser Einstellung empfand sie ihren neuen Look als ziemlich tragbar, wenn man die optische Vertuschung ihrer schönen blauen Augen aufgrund der Schwärze außer Acht ließ. Die Hände in die Hüften gestemmt betrachtete sie sich neugierig. Nun hatte sie also doch die Möglichkeit, einen Gewinn durch Verlust geschehen zu lassen, indem sie sich mithilfe der schwarzhaarigen Symbolik von ihrer dunklen Vergangenheit mehr und mehr verabschiedete, und daraus neues Leben in ihrem Inneren entstehen ließ.

Ihr Magen knurrte, als sie beim Verlassen des Badezimmers die Kochnische mit ihren Augen streifte. Frische Zutaten hatte sie nicht im Haus. Ein Fertiggericht sollte es auch tun, also stellte sie einen Topf mit Wasser zu, und streute den Inhalt einer Instant-Packung „Nudeln in Brokkoli - Knoblauchsauce“ hinein, sobald dieses zu kochen begonnen hatte. Das sind Casmys Lieblingsnudeln, dachte sie verträumt. Normalerweise teilte sie die Portion immer mit ihr. Aber nun war sie nicht hier. Auch, wenn sie nicht zur Arbeit gegangen wäre, was die pflichtbewusste Friseuse natürlich aus Gewohnheit unterließ, wäre es keine gute Idee gewesen, an ihre Tür zu klopfen, solange Valetta nicht wusste, wie sie mit der Situation umgehen sollte. Vielleicht bildete sich Valy ihre Verliebtheit nur ein. Es konnte sich genauso um eine Schwärmerei handeln, weil sie die Erinnerung an den Sexualakt sehr genoss. Als sie langsam mit einem Holzlöffel im Topf zu rühren begann, stellte sie sich Casmy erneut vor.

Sie dachte an ihre wunderschönen Schenkel. Dann diese glattrasierte Vagina, die Art, wie sie mit gekonnten Bewegungen ihren Körper zur Geltung brachte. Der Geschmack ihrer Zunge, dieser endlos langen, erregenden Zunge. Sie dachte an ihr aubergine getöntes Haar, wie es sich um ihre prallen Brüste geschmiegt hatte. Valy hatte eigentlich ein Faible für kurzhaarige Frauen, aber bei Casmy machte sie eine Ausnahme. Sie war der weibliche Typ, für den Valetta all ihre Aggressionen fallen ließ, zumindest wirkte es so, als sie sich mehr und mehr den Gedanken an ihr sexuelles Abenteuer hingab. Sie brauchte jetzt keine dominante Lesbierin mehr, die ihr die Herausforderung ihres Lebens bot, geschweige denn Dominanz oder Kampfgeist. Was sie für eine erfülltes Leben benötigte, war Ruhe. Das Gleich – und Gleich gesellt sich gern – Prinzip hatte sie in homosexuellen Beziehungen bereits erlebt. Momentan jedoch fühlte sie sich offen für das natürliche Gesetz von Gegensätze ziehen sich an . Sie würde dabei viel von Casmy lernen können, ihre gesamte Sturheit ablegen und sich dessen ruhiger, und doch temperamentvollen Art widmen. Im Gegenzug würde sie sie lehren, belastende Dinge, die schon lange mit sich herumgetragen wurden, herauszuschreien, falls sie diese Lehre benötigte. Ein wahres Geben und Nehmen. Valetta schüttelte den Kopf. „Genug geträumt“, sagte sie in tadelndem Ton zu sich selbst, als sie die Nudeln auf einem Teller drapierte. Sie konnte heißes Essen nicht ausstehen, und wartete ungeduldig mit auf dem Platz tretenden Fuß auf die Abkühlung. Schließlich platzierte sie ein Handtuch auf ihrem Kopf und begann zu essen. Doch die Erinnerung an Casmy und deren sexuelle Hingabe hielten sie davon ab. Dabei wehrte sie sich mit aller Kraft gegen diese Bilder in ihrem Kopf, um zu verhindern, sehnsüchtige Gefühle aufkommen zu lassen. Es erschien ihr außerdem so, als würde eine Mahnung aus ihrer Kindheit seine Fühler nach ihr ausstrecken: der Reiz des Verbotenen war das Endergebnis dieser Mahnung. Alle Dinge, die sie nicht tun durfte, hatten einen gewissen Reiz, sie doch zu tun. Und nun verbot sie als Erwachsene ihrem eigenen inneren Kind, von Casmilda zu träumen, mit wenig Erfolg.

Mit einem Mal verließ sie der Appetit, weil sie sich nicht auf das Hier und Jetzt konzentrieren konnte. Casmys Körper begleitete sie in ihren Gedanken auch, als sie die Nudeln mit ein wenig Ketchup krönte, um den Geschmack zu verbessern, in der Hoffnung, einen Grund zu haben, mit vollkommenem Gusto zu essen. Sie schmeckte kaum einen Unterschied, versah ihre Nudeln noch mit ein wenig Sauce Hollandaise aus der Packung, aber die gewünschte Veränderung für den Gaumen blieb aus. Den Gedanken, ein wenig Staubzucker zu verwenden, verwarf sie wieder. „Nein, ich bin nicht schwanger“, sagte sie mit einem Lächeln zu sich selbst und bemühte sich, Bissen für Bissen hinunterzuwürgen.

Nach diesem seltsam gewürzten Essen verspürte sie Magenschmerzen, was sie nicht überraschte.

Im fiebrigen Zustand sollte sie allerdings auch auf ihren Körper hören, anstatt ihre Aufmerksamkeit auf Tagträumereien zu lenken, die sie seltsame Speisen zu sich nehmen ließen, und sich lieber auf die Genesung ihrer restalkoholischen Disharmonie konzentrieren. Um sich von den Magenschmerzen zu erholen, die starken Brechreiz in ihr auslösten, begab sie sich mit eiligen Schritten zur Toilette und steckte sich den Finger in den Hals. Sie würgte und würgte, bis die gesamte bunte Kreation ihres Mittagessens in der Toilette schwamm, die sie schnell hinfort spülte. Sie putzte sich die Zähne und verwendete Mundwasser. Einem Gefühl der Schläfrigkeit nachgebend gähnte sie laut, wenige Minuten später legte sie sich in ihr Bett, fühlte ihre schweren Beine. Erschöpft von ihrem Brechreiz atmete sie langsam ein und aus. Nun gab sie sich den Tagträumen von Casmilda vollkommen hin. Vielleicht würde sie ja im Schlaf ebenfalls von ihr träumen, wenn sie nun langsam einnickte. Sie drehte sich auf die Seite, den Kopf in Richtung der Wand gerichtet, winkelte die Beine an, um die Embryostellung einzunehmen, die sie zum Schlafen immer bevorzugte, als sie fühlte, wie ihre Augenlider schwerer und schwerer wurden. Gerade, als sie sich in ihrem Körper fallen lassen wollte, erschreckte sie ein Gedanke, der sich als beängstigendes Gefühl in ihrer Herzgegend ausbreitete :sie verurteilte sich selbst als oberflächlich. Warum empfinde ich diese starken Gefühle für Casmilda erst seit unserem gemeinsamen sexuellen Akt? Natürlich konnte die Theorie stimmen, dieser Akt sei die Vervollkommnung ihres platonischen Verständnisses gewesen. Vielleicht aber täuschte sie sich auch. Dies würde sie wissen, wenn ihr Bestreben in nächster Zeit darin lag, mehr und mehr sexuellen Austausch mit ihrer Freundin erleben zu wollen. Andererseits fand sie diesen Wunsch nicht sonderlich verwerflich, weil sie wusste, nicht von einer sexuellen Sucht ergriffen worden zu sein. Dennoch überwog das schlechte Gewissen gegenüber dem vermeintlichen Vorhaben, Casmilda – wenn auch unabsichtlich - auf ein Objekt der Begierde zu degradieren. Das Gespräch über diese eventuelle Oberflächlichkeit mit Sharna und Mel hatte sie am Vortag auch nicht sonderlich weitergebracht. Vielleicht hätte sie aber mehr Kritik erfahren, wenn sie konkret danach gefragt hätte. Valetta massierte ihre Schläfen und drehte ihren Körper Richtung Zimmerdecke. All ihre Spekulationen erschienen ihr bei dieser kurzen Entspannung wiederum als überflüssig. Sie musste mit Casmy über ihre Gefühle sprechen. Andernfalls würde sie niemals herausfinden, was diese über den gemeinsamen sexuellen Akt dachte, ob sie sich eine Beziehung mit ihr vorstellen könnte, oder ob sie diesen Sexualakt jemals wieder praktizieren wollen würde, und wenn ja, war das Warum eine entscheidende Frage. Sie konnte jedoch eine Sache für sich selbst beschließen: sie wollte Casmilda als platonische Freundin nicht verlieren, und würde sie ihre intensiven Gefühle nicht erwidern, würde sie die Tiefe ihrer platonischen Freundschaft weiterhin als das akzeptieren, was sie war: ein wertvolles Geschenk überwältigenden Vertrauens, ohne Sex. „Du kannst niemanden verlieren, den du niemals besessen hast“, meldete sich eine innere Stimme in ihrem Kopf. Valetta nickte, um diese Erkenntnis zu bestätigen. Also hing es von der beiderseitigen Freiwilligkeit der jungen Frauen ab, inwiefern sich die Beziehung zueinander aufgrund ihres Sexualaktes veränderte.

Ihr wurde langsam bewusst, dass ihre aufgeregten Gedanken keine Ruhe finden würden, als sie sich nervös in ihrem Bett hin und her wälzte, also kapitulierte sie und verzichtete auf den Schlaf, der ihr sicherlich gut getan hätte. Von Neugierde ergriffen stellte sie sich noch einmal ins Badezimmer und betrachtete sich einen Moment lang, das Handtuch fest um ihre Haare geschlungen. „Spieglein, Spieglein an der Wand, ist mein Haar zurecht galant?“, witzelte sie mit breitem Lächeln, als sie das Handtuch abnahm. „Galant ist euer Busen hier, schwarz wie die Nacht das Hauptquartier!“ Bei der „Antwort“ des Spiegels hatte Valy die Stimme verstellt und einen tiefen Ton gewählt. Jetzt inspizierte sie die Farbe genau. Trotz allem Humor, inspiriert von Schneewittchen oder sonstigen Fantasievorstellungen, musste sie zugeben, ihren natürlichen Typ in den Schatten gestellt zu haben. Und dieser Schatten drückte sich wortwörtlich auf ihrem Kopf aus. Valetta schlug die Hände vors Gesicht und bereute ihr Werk, als sie die Augen aufriss und immer noch nicht glauben konnte, wie kontrastreich die dunkle Mähne zu ihrer Haut und den Augen wirkte. Dennoch hatte sie sich schnell wieder gefangen, weil sie keine Reue zulassen wollte. Es wäre gelogen gewesen, zu behaupten, die Färbung könnte nicht rückgängig gemacht werden, aber sie wusste von Casmilda , wie schwierig sich diese Prozedur darstellte. Also versuchte sie sich, damit abzufinden und erinnerte sich gleichzeitig an ihr Vorhaben, den Gewinn durch Verlust auszuleben.

Einige Stunden später kamen Casmilda und Conny von der Arbeit nachhause. Casmy sah das Schild und grübelte darüber nach, was es wohl zu bedeuten hatte. Auch für sie war es nicht einfach, ihre liebe Freundin Valetta seit zwei Wochen nicht mehr gesehen zu haben. Cornelia wohnte einen Häuserblock weiter und hatte ein richtiges Problem mit Lesbismus. Im Allgemeinen konnte sie der Homosexualität nichts abgewinnen, sondern verabscheute sie. Ihre Mutter und ihr Vater hatten ihr eingebläut, Menschen, die die Form der gleichgeschlechtlichen Liebe auslebten seien des Teufels Sünder. Conny hatte diesen Glauben übernommen, ohne ihn großartig zu hinterfragen. Eines Tages hatte Cornelia Casmilda von dieser Überzeugung erzählt. Aber diese konnte solch lächerlichen Einstellungen nichts abgewinnen, und lachte nur.

Sie klopfte um halb 8 Uhr abends fest an Valettas Tür, weil sie das „Bitte nicht stören“-Schild irritierte, außerdem musste einer von den beiden das Schweigen brechen. Hätte sie der Sex mit Valetta nicht so durcheinandergebracht, wäre sie schon viel früher auf sie zugegangen. „Lass' mich in Ruhe, ich bin krank, tut mir leid!“, ertönte Valys heißere Stimme von drinnen. Das war natürlich nur die halbe Wahrheit, es ging ihr körperlich wieder ein wenig besser, doch Casmys Klopfen erinnerte sie daran, ein sich selbst auferlegtes Liebesgeständnis ablegen zu wollen, was Valetta nervös und verlegen machte. Aber Casmilda ließ sich nicht abwimmeln. Valy verhielt sich in ihren Augen ziemlich seltsam.

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