Kitabı oxu: «Grundwissen Konfessionskunde»

Şrift:

Dr. habil. Gisa Bauer / Dr. Paul Metzger

Grundwissen Konfessionskunde

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© 2020 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen

Print-ISBN 978-3-8252-5254-0

ePub-ISBN 978-3-8463-5254-0

Inhalt

  Vorwort

 1 Einleitung1.1 Einführung in das Fach Konfessionskunde1.2 Konfessionskundliche Systematisierung1.3 Die Realisierung der Apostolizität als Zugang der Konfessionskunde1.4 Die Herausforderung der Konfessionskunde in der GegenwartWeiterführende Literatur

  2 Die Ausdifferenzierung des Christentums im Überblick 2.1 Die ersten vier Jahrhunderte 2.2 Die christologischen Auseinandersetzungen und das Konzil von Chalcedon 451 2.3 Die Trennung der Ost- und Westkirche 2.4 Die orthodoxen Kirchen unter islamischer Herrschaft 2.5 Die Kirche des Westens im Mittelalter 2.6 Die Reformation 2.7 Die Entwicklungen im 16. und 17. Jahrhundert 2.8 Konfessionelle Aufbrüche im 18. und 19. Jahrhundert Weiterführende Literatur

 3 Die personelle apostolische Sukzession3.1 Die Römisch-katholische Kirche3.1.1 Die Realisierung der Apostolizität: Theologische Grundlagen3.1.2 Besonderheiten der historischen Entwicklung3.1.3 Die wichtigsten LebensvollzügeWeiterführende Literatur3.2 Die Altkatholische KircheWeiterführende Literatur3.3 Die Orthodoxe Kirche3.3.1 Die Realisierung der Apostolizität: Theologische Grundlagen3.3.2 Besonderheiten der historischen Entwicklung3.3.3 Orthodoxe Kirchen3.3.4 Die wichtigsten LebensvollzügeWeiterführende Literatur3.4 Die Anglikanische Gemeinschaft3.4.1 Die Realisierung der Apostolizität: Theologische Grundlagen3.4.2 Besonderheiten der historischen Entwicklung3.4.3 Die wichtigsten LebensvollzügeWeiterführende Literatur

 4 Die inhaltliche apostolische Sukzession: Die evangelische Konfessionsfamilie4.1 Die Realisierung der Apostolizität: Theologische Grundlagen4.1.1 Ekklesiologie4.1.2 Amtsverständnis4.1.3 Die geistliche Ordnung der Kirche4.2 Besonderheiten der historischen Entwicklung4.2.1 Die Wittenberger Reformation4.2.2 Die Zürcher Reformation4.2.3 Die Täuferbewegung4.2.4 Die Genfer Reformation4.2.5 Das Landesherrliche Kirchenregiment und seine konfessionelle Bedeutung4.2.6 Das Verhältnis von Landes- und Freikirchen in Deutschland4.3 Evangelische Kirchen und Bewegungen4.3.1 Kirchen des Landeskirchentums4.3.2 Freie Kirchen und StrömungenWeiterführende Literatur

 5 Die persönliche Apostolizität: Die Neuapostolische Kirche5.1 Die Realisierung der ApostolizitätEin eigener Typ von Apostolizität5.2 Besonderheiten der historischen Entwicklung5.3 Die wichtigsten LebensvollzügeWeiterführende Literatur

 6 Ausblick6.1 Die Bedeutung der kirchlichen Positionierung zu Frauenordination, Homosexualität und Schriftverständnis6.1.1 Frauenordination als Thema der Kirchen und Konfessionsfamilien6.1.2 Homosexualität als Thema der Kirchen und Konfessionsfamilien6.1.3 Die Heilige Schrift und ihre (Be-)Deutung6.2 Die Bedeutung ethischer Kontroversen für Ökumene und Konfessionskunde

  Literaturverzeichnis

  Sachregister

Vorwort

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum.

(J.W. von Goethe, Faust 1, Studierzimmer II, 2039–2040)

Das Leben ist immer größer als die Wissenschaft. Das gilt für die Theologie im Allgemeinen, aber es gilt insbesondere für die KonfessionskundeKonfessionskunde. Denn gerade auf dem Feld der gelebten ReligionReligion gibt es nichts, was es nicht gibt. Das ist uns vollkommen bewusst und es erstaunt uns nicht, dass das, was wir und alle Leserinnen und Leser mit und in den Kirchen erleben, nicht immer dem folgt, wie es die reine Lehre erwarten lässt.

Ein kleines Beispiel mag das verdeutlichen: Auf einer römisch-katholischen Hochzeit, die mit vielen evangelischen Freunden des Paares gefeiert wird, lädt der PriesterPriester im Traugottesdienst ganz selbstverständlich „alle Gäste“ zum AbendmahlAbendmahl ein. Nahezu die gesamte Hochzeitsgesellschaft nimmt daraufhin an einem römisch-katholisch gespendeten Abendmahl teil: neben Katholikinnen und Katholiken evangelisch-landeskirchliche und freikirchliche Christen, aus der Kirche Ausgetretene, sogar einige Atheisten, die den merkwürdigen kirchlichen Ritus „den beiden zuliebe“ über sich ergehen lassen. Die Mitverfasserin dieses Einführungsbandes, ihrer Konfession nach evangelisch-lutherisch, ist eine der wenigen, die sich nicht einreiht und danach während des Festes von einigen Gästen in die Diskussion verwickelt wird, warum sie gerade an einem solchen Tag, an dem „Gemeinschaft und Verbindungen gefeiert werden“, auf theologischen Unterschieden herumreitet und nicht an dem Abendmahl teilgenommen hat. Ihre Argumentation, dass sie sich ja neben einigen anderen Gründen auch an die Maßgabe des römisch-katholischen Kirchenrechts gehalten habe („Katholische Spender spenden die SakramenteSakrament erlaubt nur katholischen Gläubigen; ebenso empfangen diese die Sakramente erlaubt nur von katholischen Spendern.“ [can. 844 § 1 CIC]) wird mit Augenrollen abgetan. Die Braut und gleichzeitig enge Freundin der Abendmahlsverweigererin attestiert ihr lachend: „Ihr Protestanten müsst es aber auch so pingelig genau nehmen!“

Dieses Beispiel lässt konfessionelle Lebenswirklichkeit erkennen, die mit der Theorie von Kirchen so gut wie nichts mehr gemein hat.

Wir sind uns darüber im Klaren, dass die Lektüre unseres an der theologischen Lehre orientierten „Grundwissens KonfessionskundeKonfessionskunde“ vor diesem Hintergrund zuweilen irritieren kann. Dies zeigt, dass die KonfessionskundeKonfessionskunde ein ungemein interessantes Fachgebiet der Theologie ist. Weil die christliche Welt so bunt ist und weil sich die Konfessionskunde mit dieser bunten Welt beschäftigen darf, mag die Theorie grau sein, aber der Gegenstand der Konfessionskunde ist so grün wie des Lebens goldner Baum. Und grau ist bekanntlich auch nicht grau, sondern hat viele unterschiedliche Grautöne.

Das „Grundwissen KonfessionskundeKonfessionskunde“ wählt einen theologischen ZugangZugangTheologisch zu seinem Fachgebiet und ermöglicht damit einen grundlegenden Zugriff auf seinen Gegenstand. In der Einleitung wird dieses Ordnungsprinzip näher erläutert. Ihm liegt die Beobachtung zugrunde, dass alle Konfessionen den Anspruch erheben, apostolisch zu sein, dies aber in ihrer Theologie, ihrer Struktur, ihrer Institution oder Ordnung unterschiedlich umsetzen.

Dieses Prinzip bildet ein Grundgerüst, das es erlaubt, die einzelnen Konfessionen relativ einfach zu klassifizieren. Der Leserin/dem Leser wird so eine erste Orientierung im Fachgebiet ermöglicht. Zudem werden Aufgabe und Gegenstand einer KonfessionskundeKonfessionskunde beschrieben und das ekklesiologische Grundproblem jeder Konfession verdeutlicht.

Im Anschluss skizziert das zweite Kapitel einen Überblick über die Ausdifferenzierung des ChristentumsAusdifferenzierung (des Christentums) in seiner Geschichte. Es entlastet damit die historische Darstellung der einzelnen Konfessionen und gibt Auskunft über die wichtigsten Entwicklungen der Kirchengeschichte, die verschiedene Konfessionen hervorbringen.

Die einzelnen Konfessionen werden in den folgenden Kapiteln vorgestellt. Jede Kirche wird in drei Perspektiven dargestellt, die je nach Kirche zuweilen voneinander im Detail abweichen können. Grundsätzlich wird zunächst gemäß dem theologischen Zugriff dieser KonfessionskundeKonfessionskunde die konkrete Realisierung der ApostolizitätApostolizitätRealisierung der Apostolizität der jeweiligen Kirche vorgeführt. Dies beinhaltet die der Umsetzung inhärenten theologischen Grundsatzentscheidungen. Diese erste Perspektive stellt damit im Ergebnis die wesentlichen dogmatischen Aussagen der jeweiligen Kirche dar.

Die zweite Perspektive skizziert die eigenständige, historische Entwicklung der Kirche und hilft dadurch, deren Eigenheit besser zu verstehen.

Die dritte Perspektive widmet sich den grundsätzlichen Lebensvollzügen der Kirche. Es ist notwendig, hier auszuwählen und dabei gerade die charakteristischen Wesensmerkmale zu erfassen. In der Regel werden die SakramenteSakrament, die Organisationsformen, verschiedene Ausprägungen der Konfessionsfamilie und weitere Wesensmerkmale der Kirchen behandelt. Mittels der dogmatischen, der historischen und der phänomenologischen Perspektive soll also ein möglichst aussagekräftiges Bild der jeweiligen Kirche skizziert werden.

Im dritten Kapitel beschreiben wir zunächst die Kirchen, die darauf bestehen, dass ihre höchsten geistlichen Würdenträger in einer personellen Nachfolge der ApostelApostel stehen. Diese Auffassung teilt die römisch-katholische Kirche z.B. mit den orthodoxen und anglikanischen Kirchen.

Das vierte Kapitel stellt die Kirchen dar, die ihre ApostolizitätApostolizität in erster Linie durch ihre Treue zum apostolischen Zeugnis realisieren. Dort, wo das Prinzip „Allein die Schrift“ hervorgehoben und zum Kennzeichen der Kirche erklärt wird, gilt die Apostolizität als gegeben. Zu dieser evangelischen Konfessionsfamilie gehören neben den deutschen „Landeskirchen“ vor allem die im deutschen Kontext sogenannten „FreikirchenFreikirchen“, deren problematische Bezeichnung eigens thematisiert werden muss.

Das fünfte Kapitel widmet sich der Kirche (und ihrer Vorgängerin), die die ApostolizitätApostolizität der KircheKircheApostolizität der Kirche nur da vollgültig realisiert sieht, wo es lebende ApostelApostel gibt. Dieser Ansatz unterscheidet sich fundamental von den bisher behandelten Kirchen, sodass die Neuapostolische Kirche als eigener Typus von realisierter Apostolizität in den Blick genommen werden muss.

Das abschließende Kapitel beschäftigt sich mit den gegenwärtig heftig umstrittenen Themen zwischen und in den Konfessionen. Es gehört zum Erkenntnisgewinn dieser KonfessionskundeKonfessionskunde, dass sich nicht nur zwischen Konfessionen Diskussionen entspinnen, sondern immer mehr auch in den Konfessionen selbst. Die Trennlinien zwischen den Konfessionen verblassen im Alltag des gelebten Glaubens und neue Fronten und Gräben tun sich auf. Was dies für die Konfessionskunde bedeutet, wird zum Abschluss betrachtet.

Der Band enthält zudem einige Elemente, die die Lektüre erleichtern und zum Selbststudium anregen sollen: Mit Infokästen werden bestimmte Themen sowie wichtige Theologen hervorgehoben. Literatur, die für die Weiterarbeit an einem speziellen Thema gedacht ist, wird am Ende des jeweiligen Kapitels genannt. Mit dem Symbol → wird auf andere Kapitel im Band verwiesen, die Näheres zum Thema beschreiben. Ein Register erschließt die wichtigsten Personen und Themen, sodass ein rascher Zugriff möglich ist.

Ein Buch wie eine KonfessionskundeKonfessionskunde schreibt man zwar auch als Team letztlich allein am Schreibtisch, aber es entsteht aus einem permanenten Dialog. Es speist sich aus dem Gespräch mit Texten, deren Autoren schon vor langer Zeit verstorben sind, es lebt aber auch in einem hohen Maße vom Dialog mit lebenden Vertretern der unterschiedlichen Konfessionen und mit befreundeten Fachleuten.

Einige Kollegen haben verschiedene Teile und Entwürfe des Manuskripts in der Entstehungsphase gelesen und uns wertvolle Rückmeldungen gegeben (wobei wir für evtl. auftretende Fehler selbstverständlich allein verantwortlich sind). Für ihre kollegiale, freundliche Hilfe danken wir herzlich: ApostelApostel Volker Kühnle von der Neuapostolischen Kirche, PD Dr. Burkhard Neumann vom römisch-katholischen Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik, unseren ehemaligen Kolleg/innen Frau Annegret Lingenberg und Herrn Pfarrer i.R. Dr. Walter Fleischmann-Bisten M.A., dem Inhaber der Professur für Kirchen- und Religionsgeschichte des 1. Jahrtausends in Kiel Prof. Dr. Andreas Müller und FeG-Pastor Dr. Jochen Wagner.

Die Endfassung haben befreundete Pfarrer und Lehrer Korrektur gelesen: Volker Keller, Alfred Metzger und Wieland Schubing. Auch ihnen herzlichen Dank für diesen Einsatz!

Weiterhin danken wir Frau Corina Popp, M.A., die die Entstehung des Buches von Seiten des Verlags aus kompetent und freundlich unterstützt hat.

Schlussendlich gilt unser großer Dank unseren Frauen, die die Entstehung des Buches teils mit bodenständiger Nüchternheit, teils mit ungläubigem Staunen, aber immer mit wohlwollender Gelassenheit begleitet und manchmal ertragen haben.

Gisa Bauer / Paul Metzger

Karlsruhe / Ludwigshafen-Pfingstweide

am 31. Oktober 2019, dem Reformationstag

1 Einleitung
1.1 Einführung in das Fach KonfessionskundeKonfessionskunde

Die KonfessionskundeKonfessionskunde betrachtet Leben und Lehre der christlichen Kirchen. Sie ist eine Disziplin der theologischen Wissenschaft, die sich vorwiegend in historischer, systematischer, praktischer und phänomenologischer Perspektive mit den christlichen Kirchen der Gegenwart befasst. Sie arbeitet deskriptiv und ist bestrebt, die wesentlichen Merkmale der jeweiligen Kirchen zu erfassen und darzustellen. Darum wählt sie einen möglichst umfassenden ZugangZugang zu ihrem Gegenstand. Zwar ist es erkenntnistheoretisch unmöglich, einen objektiven Standpunkt „über“ den existierenden Kirchen einzunehmen, doch strebt die Konfessionskunde an, jede Kirche so zu erfassen, dass sich sowohl die beschriebenen Kirchen in ihrem Selbstverständnis wiederfinden können als auch wesentliche Außenwahrnehmungen in die Charakteristik einfließen. Sie gestaltet ihre Darstellung – so gut es geht – neutral und enthält sich jeglicher Wertungen.

Der Begriff KonfessionskundeKonfessionskundeDer Begriff „KonfessionskundeKonfessionskunde“ leitet sich vom Begriff der Konfession (lat.: ‚Anerkennung‘; ‚Eingeständnis‘; im theologischen Sinn: ‚BekenntnisBekenntnis‘) ab. Damit ist die Zustimmung zu einer bestimmten Haltung bezeichnet. Mit einem Bekenntnis legt man Zeugnis ab und bekennt sich zu einem bestimmten Glauben. Dieser Glaube ist dabei in der Regel in bestimmten Texten fixiert, in Glaubensbekenntnissen oder Glaubensgrundsätzen.

Da verschiedene Kirchen verschiedene Glaubensgrundlagen haben, unterscheiden Glaubensaussagen in ihren verschiedenen Wertigkeiten die Kirchen voneinander und haben daher eine integrierende Funktion nach innen und eine ausschließende Funktion nach außen. Wer ein bestimmtes GlaubensbekenntnisGlaubensbekenntnis mitsprechen kann und dessen Inhalt „glaubt“, gehört dazu, wer es nicht als einen angemessenen Ausdruck seines Glaubens akzeptiert, gehört nicht zur entsprechenden Gemeinschaft oder BewegungBewegung(en). So bildeten sich innerhalb des Christentums im Laufe der Geschichte bis heute verschiedene Gruppen, die sich in und als „Kirchen“ zusammenfinden.

Da manche Kirchen ihr Selbstverständnis nicht in Bekenntnistexten adäquat ausgedrückt sehen und es ihnen widerstrebt, BekenntnisseBekenntnis zu benennen, die sie von anderen Kirchen unterscheiden (z.B. die → Orthodoxe Kirche), kann der Begriff der Konfession nicht auf alle Kirchen in gleichem Maße angewendet werden. Genuin ist „Konfession“ ein lutherischer Terminus, da sich die → Lutherischen Kirchen durch eine ausweisbare Phase der Bekenntnisbildung im 16. Jahrhundert auszeichnen, die auch durch eine Textsammlung (die lutherischen „BekenntnisschriftenBekenntnisBekenntnisschriften“) abgeschlossen und fixiert wurde.

SymbolikSymbolikVon diesem speziellen ZugangZugang, die BekenntnisseBekenntnis (griech.: SymbolaSymbolaBekenntnis) als Identifikationsmerkmale einer Kirche anzusehen, leitet sich der Begriff der SymbolikSymbolik als Vorläufer des Fachs KonfessionskundeKonfessionskunde ab. Da inzwischen erkannt wurde, dass die Bekenntnisse lediglich (und teilweise unvollständig) die Lehre einer Kirche wiedergeben, aber die Eigenart der Kirche nicht zwingend erfassen, vergrößert die Konfessionskunde im Vergleich zur Symbolik ihren Untersuchungsgegenstand. Weil also nicht nur das Bekenntnis die Konfession beschreibt, scheint der Begriff „KirchenkundeKirchenkunde“ als alternativer Begriff zur Konfessionskunde angeraten. Durch ihn wird die vermeintliche Engführung auf die Lehre einer Kirche vermieden, allerdings wirft dieser Begriff die Frage auf, wie Gruppierungen, die keine Kirche sein wollen, erfasst werden können. Weder „Konfessionskunde“ noch „Kirchenkunde“ sind also in der Lage, jede christliche Gruppe gleichermaßen adäquat zu erfassen.

DenominationDenominationUm christlichen Gruppen gerecht zu werden, die keine Konfession sein oder keine Kirche bilden wollen, hat sich vor allem im englischsprachigen Raum der Begriff DenominationDenomination (‚Benennung‘) bewährt. Durch seine Neutralität kann er im Gegensatz zur Konfession auch BewegungenBewegung(en) (z.B. die ErweckungsbewegungErweckungsbewegung) und Gruppierungen erfassen, die kein gemeinsames BekenntnisBekenntnis ablegen wollen oder können. Er kann auch Kirchen bezeichnen, die keine Kirche im engeren Sinne bilden. Allerdings bleibt er aufgrund seiner Neutralität zwangsläufig inhaltlich wenig bestimmt und wird gegenwärtig deshalb auch dazu verwendet, Gruppierungen in anderen ReligionenReligion (z.B. im Judentum) zu bezeichnen. Im deutschen Sprachraum konnte er sich als Bezeichnung christlicher Gruppierungen bislang nicht durchsetzen. Deshalb gibt es auch keine Derivate wie „Denominationskunde“ o.ä.

Letztlich zeigt sich der Durchgang durch die vorgeschlagenen Bezeichnungen des Fachs wie SymbolikSymbolik oder KirchenkundeKirchenkunde, dass jeder Begriff die Fülle der Ausgestaltungen von Kirche nicht in gleicher Weise zutreffend beschreiben kann, sodass sich die Beibehaltung des traditionellen Begriffs KonfessionskundeKonfessionskunde empfiehlt. Er gibt für den deutschsprachigen Raum die Bemühungen dieses Buches treffend wieder.

Regionale und globale KonfessionskundeKonfessionskundeEine KonfessionskundeKonfessionskunde nimmt alle christlichen Konfessionen weltweit in den Blick. Dieser globale und transkonfessionelle Blick ist allerdings regional verankert und fokussiert, woraus sich wiederum Einschränkungen bei der Betrachtung ergeben. Die hier vorliegende Konfessionskunde richtet sich an eine deutschsprachige Leserschaft, d.h. sie greift die deutsche historische und kirchliche Situation im Besonderen auf. So ist beispielsweise das v.a. in Deutschland präsente und die deutsche protestantische kirchliche Landschaft konstituierende LandeskirchentumLandeskirchentum eine regional-spezifische Erscheinung. Im Falle der hier vorliegenden Konfessionskunde sind das Landeskirchen- und das Freikirchentum strukturgebende Größen für die konfessionelle Gliederung evangelischer Kirchen.

In Nordamerika hat das LandeskirchentumLandeskirchentum keinerlei Relevanz, d.h. eine KonfessionskundeKonfessionskunde Nordamerikas würde konfessionelle Zuordnungen anders vornehmen.

Weiterhin kommen in dieser KonfessionskundeKonfessionskunde Kirchen und Gemeinschaften ausführlich zur Sprache, die in Deutschland und im europäischen Raum Relevanz haben. Kleinere Gemeinschaften anderer Regionen und Länder bleiben außerhalb der Betrachtung.

Das Ziel der KonfessionskundeKonfessionskundeDie KonfessionskundeKonfessionskunde hat in ihrer Geschichte verschiedene Ziele verfolgt. Dies liegt in der NaturNatur des Faches. Ähnlich wie im persönlich-individuellen Kontext gilt: Man kann sich mit jemandem beschäftigen, um ihn kennenzulernen, um ihm näher zu kommen oder um sich abzugrenzen oder zu bekämpfen.

So diente die KonfessionskundeKonfessionskunde und ihre Vorläufer entweder dazu, die verschiedenen Kirchen näher zusammenzubringen (IrenikIrenik), die eigene Identität gegen andere Kirchen zu verteidigen (ApologetikApologetik) oder die eigene Kirche als die überlegene zu erweisen (PolemikPolemik).

KonfessionskundeKonfessionskunde und ÖkumeneÖkumeneGegenwärtig verfolgt die KonfessionskundeKonfessionskunde das Ziel, Wissen über die jeweiligen Kirchen zu erlangen und zu vertiefen. Sie stellt die Grundlage aller zwischenkirchlichen, interkonfessionellen Dialoge dar, da sie es den Gesprächspartnern überhaupt erst ermöglicht, vor ihrer eigentlichen Arbeit, dem Beitrag zu einem besseren Verstehen der verschiedenen christlichen Kirchen, sich über die Identität, die Eigenarten und die Spezifika ihres Gegenübers in Kenntnis zu setzen. So bereitet die Konfessionskunde den Weg für einen gelingenden Dialog und ist deshalb eine unverzichtbare Voraussetzung für die ökumenische Verständigung und die ökumenische Theologie. Sie stellt das Wissen bereit, das es erlaubt, sich in die jeweils andere Kirche einzufinden. Daher hat sie die Aufgabe, die Kirchen kritisch zu begleiten und die jeweiligen Kirchen mit sich selbst zu konfrontieren, ihre geschichtliche Kontingenz im Bewusstsein zu halten und so die stetige Entwicklung der Kirchen nach innen und nach außen zu fördern.

Die KonfessionskundeKonfessionskunde als Fach verfolgt dabei kein Programm, das auf ökumenischen Fortschritt oder ähnliche Zielvorstellungen ausgelegt ist. Insofern unterscheidet sich die Konfessionskunde von der Ökumenik, sofern diese die Aufgabe hat, der ökumenischen BewegungBewegung(en), z.B. durch die Erarbeitung von Konsensdokumenten oder einer gemeinsamen Hermeneutik, zu dienen. Der Konfessionskunde geht es nicht darum, eine – wie auch immer zu definierende – Einheit der KircheKircheEinheit der Kirchen zu suchen, zu fördern und zu erreichen. Sie sucht nicht nach dem „Einheitspotenzial“ in den einzelnen Kirchen, sondern akzeptiert vielmehr die PluralitätPluralität – Pluralisierung der Kirchen und verhält sich dazu weitgehend bewertungsfrei. Dies ist ein grundsätzlicher Unterschied zur ökumenischen Theologie. Insofern registriert die Konfessionskunde das ekklesiologische Grundproblem der ÖkumeneÖkumene und jeder einzelnen Kirche, versucht aber nicht, es aktiv zu beeinflussen.

Das ekklesiologische GrundproblemDie KonfessionskundeKonfessionskunde betrachtet christliche Kirchen. Mit dieser Formulierung ist bereits eine Frage aufgeworfen: Wenn sich Konfessionskunde vom Begriff BekenntnisBekenntnis ableitet, wie oben genannt, und alle Bekenntnisse der Alten Kirche von „der Kirche“ im Singular sprechen ist fraglich, warum das Sujet der Konfessionskunde „die Kirchen“ im Plural sind.

Verschiedene Kirchen haben verschiedene Glaubensbekenntnisse. Ein GlaubensbekenntnisGlaubensbekenntnis aber haben alle christlichen Kirchen gemeinsam, sofern sie BekenntnisseBekenntnis anerkennen: das Nicäno-KonstantinopolitanumBekenntnisNicäno-Konstantinopolitanum aus dem Jahr 381. Es ist deshalb das wichtigste Bekenntnis der Christenheit. Nach den Bekenntnisaussagen zu Gott und Jesus ChristusJesus Christus heißt es im Nicäno-Konstantinopolitanum: „Wir glauben an den Heiligen GeistHeiliger Geist […] und die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche.“

Damit sind zwei Punkte deutlich. Erstens: Die Kirche ist ein Gegenstand des Glaubens. Zweitens: Diese geglaubte Kirche hat vier Attribute. Sie ist „eine“ Kirche, sie ist „heilig“, sie ist „katholisch“ und sie ist „apostolisch“.

Zunächst ist wichtig festzuhalten, dass im GlaubensbekenntnisGlaubensbekenntnis von einer Kirche gesprochen wird, an die geglaubt wird. Hieraus ergibt sich das Grundproblem jeder Lehre von der Kirche, der EkklesiologieEkklesiologie, und damit auch implizit der KonfessionskundeKonfessionskunde: Wie ist der Zusammenhang zwischen der geglaubten Kirche (Singular) und den vorfindlichen Kirchen (Plural) zu denken? Jede Kirche muss auf diese Frage eine Antwort finden.

Zwei gegensätzliche Lösungen sind hier denkbar: Die geglaubte Kirche fällt mit der irdischen Kirche zusammen. Beide sind identisch. In diesem Fall gibt es nur die eine wahre Kirche und alle anderen existierenden Kirchen sind Irrtümer der geschichtlich handelnden Personen. Oder das Gegenteil ist der Fall: Die geglaubte Kirche hat nichts mit der realen Kirche zu tun. Diese hat keine Verbindung zur geglaubten Kirche. Dann stellt sich die Frage, wieso die irdische Kirche die geglaubte Kirche sein soll.

Beide Antworten implizieren zahlreiche Probleme, sodass die meisten Kirchen Zwischenpositionen einnehmen.

Grundsätzlich lässt sich also festhalten: Im GlaubensbekenntnisGlaubensbekenntnis wird von der einen Kirche gesprochen, an die geglaubt wird. Sobald diese Kirche gemeint ist, muss der Singular verwendet werden. Im Plural muss dagegen von real vorfindlichen Kirchen gesprochen werden.

Es ist für die KonfessionskundeKonfessionskunde eine Herausforderung, diese Beziehung, die die jeweiligen Kirchen für sich bestimmen, nicht von einem als „richtig“ gedachten Standpunkt aus zu beurteilen und somit ein präferiertes oder das eigene Kirchenmodell als Maßstab zu setzen. Während im Rahmen der EkklesiologieEkklesiologie die Diskussion um den Zusammenhang zwischen geglaubter und irdisch vorfindlicher Kirche geführt werden und jede Kirche dies für sich klären muss, belässt es die Konfessionskunde bei dieser Unterscheidung und wendet sich so neutral wie möglich den jeweiligen Lösungen in deskriptiver Absicht zu.

Die Abgrenzung des FachgebietsBetrachtungsfeld der KonfessionskundeKonfessionskunde sind die christlichen Kirchen. Warum von „den Kirchen“ die Rede ist, obwohl das BekenntnisBekenntnis nur von einer Kirche spricht, ist aus evangelischer Sicht geklärt. Was aber zeichnet „christliche Kirchen“ aus?

Um diese Frage fundiert beantworten zu können sind die Bestimmungen des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRKÖkumenischer Rat der Kirchen (ÖRK)) nützlich, die auch in der vorliegenden KonfessionskundeKonfessionskunde als Definition einer „christlichen Kirche“ herangezogen werden.

Der ÖRKÖkumenischer Rat der Kirchen (ÖRK) ist der wichtigste Verband der ökumenischen BewegungBewegung(en), in dem sich laut eigener Auskunft 350 Kirchen aus der ganzen Welt zusammengeschlossen haben. Er selbst definiert sich als „eine Gemeinschaft von Kirchen, die den Herrn Jesus ChristusJesus Christus gemäß der Heiligen Schrift als Gott und Heiland bekennen und darum gemeinsam zu erfüllen trachten, wozu sie berufen sind, zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen GeistesHeiliger Geist“ (Was ist der Ökumenische Rat der Kirchen, 2018). Mit dieser Basisformel sind die wesentlichen Bezugspunkte für die Definition einer christlichen Kirche gegeben. Ausführlich sind die Erkennungsmerkmale einer christlichen Kirche in einer 1950 in Toronto verabschiedeten Erklärung des ÖRK ausgeführt.

Bedingungen des „Kirche-Seins“Eine Kirche kann von anderen Kirchen dann als christlich anerkannt werden, wenn sie den Glauben an den dreieinigen Gott bekennt. Dieser Glaube ist im bereits genannten BekenntnisBekenntnis Nicäno-KonstantinopolitanumBekenntnisNicäno-Konstantinopolitanum zusammengefasst und grundgelegt in der Heiligen Schrift. Die BibelBibel ist demnach die einzige textuelle Quelle der göttlichen OffenbarungOffenbarung. Andere schriftliche Offenbarungsquellen neben den biblischen Texten werden vom ÖRKÖkumenischer Rat der Kirchen (ÖRK) nicht akzeptiert. Daraus folgt, dass eine Glaubensgemeinschaft, die Erkenntnisse aus einer Schrift neben der Heiligen Schrift als gleich- oder höherwertig ansieht, keine christliche Kirche im Sinne des ÖRK sein kann. Dies trifft z.B. auf die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten TageKirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen), die Mormonen, zu, die neben der Schrift auch die Texte des Buches „Mormon“ als göttliche Offenbarungsquelle anerkennt. Obwohl sie sich selbst als „Kirche“ versteht, kann sie im Sinne des ÖRK aufgrund der zweiten textuellen Offenbarungsquelle nicht als „christliche“ Kirche angesehen werden. Sie wird daher als Sondergemeinschaft verstanden und ist deshalb kein Gegenstand einer KonfessionskundeKonfessionskunde.

Weiter definiert der ÖRKÖkumenischer Rat der Kirchen (ÖRK), dass eine Kirche die frohe Botschaft verkünden und SakramenteSakrament feiern muss. Eine Kirche tauft auf die Formel aus Mt 28 („auf den Namen des Vaters, des Sohns und des Heiligen GeistHeiliger Geists“) und akzeptiert dergestalt ausgeführte Taufen in anderen Kirchen. Sie strebt weiterhin auch die allgemeine Anerkennung dieser anderen Taufen an. Eine Kirche darf nicht exklusiv das Heil an sich binden. Es soll anerkannt werden, dass der Heilige Geist auch in anderen Kirchen wirken kann. Die Souveränität Gottes, der sich auch anderer Kirchen bedienen kann, um sein Heil zu schaffen, muss akzeptiert werden. Dabei bedarf es keines Abrückens vom eigenen Kirchenverständnis. Eine Kirche sollte lediglich anerkennen, dass es andere Kirchen neben ihr gibt, die für sich gleichfalls in legitimer Weise das Anliegen beanspruchen, Kirche Jesu ChristiJesus Christus zu sein.

Mit der Definition von Kirche durch den ÖRKÖkumenischer Rat der Kirchen (ÖRK) ergeben sich eine theologische und eine ekklesiologische Bestimmung, die der KonfessionskundeKonfessionskunde erlauben, ihren Gegenstandsbereich zu konkretisieren. Jede Kirche, die die biblische Gottesoffenbarung als exklusiven Grund ihres Glaubens an den dreieinigen Gott bekennt und die die legitime Existenz anderer Kirchen anerkennt, wird als christlich angesehen. Sonderlehren der verschiedenen Kirchen können insofern akzeptiert werden, solange sie diesen Rahmen nicht verletzen.

1.2 Konfessionskundliche Systematisierung

Die christlichen Kirchen sind Gegenstand der KonfessionskundeKonfessionskunde. Da diese versucht, wertneutral vorzugehen, ist bereits die Anordnung des Gegenstands eine zentrale Frage.

Der ÖRKÖkumenischer Rat der Kirchen (ÖRK) bezeugt seine Neutralität, indem er seine Mitgliedskirchen in alphabetischer Reihenfolge auflistet. Diesem Beispiel könnte eine KonfessionskundeKonfessionskunde folgen. Allerdings ist dieses lexikalische Vorgehen wenig geeignet, um die Zusammengehörigkeit bestimmter Kirchen zu zeigen, die ein leichteres Verstehen ihrer selbst ermöglicht.

Ein historischer ZugangZugangHistorisch?Konfessionskundliche Darstellungen wählen meist einen historischen ZugangZugangHistorisch, um die gewachsenen Beziehungen zwischen den Kirchen deutlich zu machen. Dieser ZugangZugang hat den Vorteil, eine klare, durch die Chronologie strukturierte Gliederung zu bieten. Problematisch dabei ist allerdings, dass bestimmte Kirchen anderen Kirchen historisch vorgeordnet werden, obwohl dies dem Selbstverständnis der zeitlich nachrangig behandelten Kirchen widerspricht. Werden z.B. die protestantischen Kirchen der Römisch-katholischen Kirche nachgeordnet, erweckt das den Eindruck, dass diese erst seit dem 16. Jahrhundert existierten, während die Römisch-katholische Kirche älter sei. Aber auch die protestantischen Kirchen berufen sich in ihrem Selbstverständnis auf die ersten Zeugen Jesu. Sie wollen gerade keine neue Kirche darstellen, sondern die Überlieferung der alten Kirche bewahren. Umgekehrt hat auch das Argument Gültigkeit, dass die Römisch-katholische Kirche in ihrer heutigen Gestalt das Ergebnis einer Entwicklung des 16. Jahrhunderts ist, da sie ihren Anfang als dezidiert römisch-katholische Kirche auf dem KonzilKonzil / Konziliarismus von TrientKonzil / KonziliarismusKonzil von Trient nimmt.

Weiterhin ist fraglich, welche Kirche(n) als älteste Kirche(n) angenommen werden sollte(n): die altorientalischen Kirchen oder die (Römisch-)katholische Kirche? Und auf welche Zeit sind deren jeweilige Anfänge zu datieren?

Außerdem steht bei einer historischen Betrachtung meist die Vorstellung im Hintergrund, dass es ältere Kirchen gibt, von denen sich jüngere abgespaltet hätten. Der negativ besetzte Begriff der Spaltung beinhaltet aber eine deutliche Wertung. Deshalb ist es zutreffender, von gelungenen Manifestationen kirchlicher PluralitätPluralität – Pluralisierung zu sprechen.

Der historische ZugangZugangHistorisch beruht letztlich auf der Vorstellung einer Kirche, die sich in verschiedene Zweige ausdifferenziert hat. Dabei wird aber die geglaubte Kirche des BekenntnissesBekenntnis implizit in die Wirklichkeit eingetragen und historisch verrechnet. Die Einsicht in die PluralitätPluralität – Pluralisierung des Christentums, das von Anfang an so vielfältig wie seine verschiedenen Zeugen und die daraus resultierenden Textcorpora ist, verbietet eine solche Vorstellung. Durch die Akzeptanz der dem Christentum genuin inhärenten Pluralität wird nicht nur die Vorstellung einer linearen Entwicklung und Ausdifferenzierung des ChristentumsAusdifferenzierung (des Christentums) verstellt, sondern auch die Zielvorstellung einer ÖkumeneÖkumene, die glaubt, eine Einheit des Christentums (wieder-)herstellen zu müssen.

Eine historische Anordnung der christlichen Kirchen ist aufgrund der genannten Aspekte für die KonfessionskundeKonfessionskunde schwierig, obwohl sie gleichfalls die historischen Prozesse, die zur Manifestation kirchlicher Gemeinwesen geführt haben, stets in die Betrachtung einbeziehen muss.

Ein quantitativer ZugangZugangQuantitativ?Ein weiterer ZugangZugang zum Gegenstand der KonfessionskundeKonfessionskunde kann anhand der Größe der Kirchen erfolgen. Die Kirche, die die meisten Mitglieder zählt, wäre am Anfang zu behandeln und so ergäbe sich eine Reihenfolge. Allerdings haben manche Kirchen (insbesondere die der → Pfingstbewegung und anderer christlichen BewegungenBewegung(en)) kein Interesse an der Erhebung von Mitgliederzahlen oder verfügen über keine Möglichkeiten, ihre Gläubigen statistisch zu erfassen. Generell können Mitgliederzahlen für viele Kirchen immer nur – mehr oder minder grob – geschätzt werden.

Die bisher besprochenen Varianten von Ordnungssystemen für die Betrachtung der christlichen Kirchen erweisen sich also als zu eng geführt. Unbefriedigend scheinen sie aber vor allem deshalb, weil sie keinen theologischen Zugriff bieten. Im Hinblick auf das Fach KonfessionskundeKonfessionskunde als Disziplin der Theologie ist gerade das bedauerlich. Diesem Mangel will die vorliegende Konfessionskunde abhelfen und ein dezidiert theologisches Kriterium als Ordnungsprinzip des Gegenstands einführen.

Ein theologischer ZugangZugangTheologischWieder ist beim BekenntnisBekenntnis einzusetzen: Es besagt, dass jede Kirche von sich behauptet, apostolisch zu sein. Die ApostolizitätApostolizität ist laut GlaubensbekenntnisGlaubensbekenntnis neben der Einheit, der Heiligkeit und der Katholizität ein Merkmal der Kirche.

Die ApostolizitätApostolizität dient der vorliegenden KonfessionskundeKonfessionskunde als Richtschnur, die es erlaubt, die verschiedenen Kirchen in theologischer Perspektive zu verstehen und zu ordnen. Sie bietet sich in besonderer Weise an, da sie im Gegensatz zu den anderen Kennzeichen der Kirche – Einheit, Heiligkeit und Katholizität – unterschiedlich realisiert wird.

Die Einheit der KircheKircheEinheit der Kirche ist durch ihre Bindung an den einen Gott und einen Herrn Jesus ChristusJesus Christus gegeben (1.Kor 8,6). Die geglaubte Kirche kann demnach nicht geteilt werden. An diesem Punkt ist keine unterschiedliche Realisierung möglich.

Die Heiligkeit der KircheKircheHeiligkeit der Kirche folgt gleichfalls aus der Beziehung der Kirche zu Gott. Die Kirche ist heilig, weil Gott sie berufen und aus der Welt erwählt hat, letztlich weil Gott selbst heilig ist. Die Heiligkeit der Kirche ergibt sich nicht aus ihr selbst, sondern wird durch Gott garantiert. Dies kann daher gleichfalls nicht zu einem Unterscheidungsmerkmal der irdischen Kirchen dienen.

Die Katholizität der KircheKircheKatholizität der Kirche beruht auf der Einsicht in den universellen Auftrag der Kirche. Sie ist nicht beschränkt auf ein bestimmtes Volk oder ein bestimmtes Land. Sie ist ihrem Wesen allumfassend, weil Gott der Gott aller Menschen sein will. Deshalb hat sie einen globalen Anspruch. Durch diesen Wesenscharakter von Kirche kann auch die Katholizität kein Unterscheidungsmerkmal von Kirchen sein.

1.3 Die Realisierung der ApostolizitätApostolizitätRealisierung der Apostolizität als ZugangZugang der KonfessionskundeKonfessionskunde

Da der Begriff des ApostelsApostel im Neuen TestamentNeues Testament unterschiedlich bestimmt wird, ist eine historische Herleitung des Zusammenhangs von Kirche und Aposteln im Detail schwierig. Klar ist aber, dass die Kirche aufgrund der Verkündigung der ersten Zeugen Jesu entstand. Laut Paulus, der sich selbst als Apostel sah (Röm 1,1), kommt der Glaube aus dem Hören der Verkündigung (Röm 10,17). Diese Verkündigung der ersten Christen war das Fundament jeder christlichen Gruppierung. Deshalb sind die neutestamentlichen Texte als schriftlicher Niederschlag dieser Verkündigungstätigkeit die zentrale Quelle der christlichen Heilserschließung. Laut Eph 2,20 ist die Kirche demnach auf dem Grund der Apostel und ProphetenProphet erbaut. Apostolisch ist die Kirche also, weil sie von den Aposteln abstammt und auf deren Zeugnis aufbaut.

Bei dem Zusammenhang von Kirche und ApostelnApostel lassen sich drei Typen der apostolischen Nachfolge ausmachen, die sich als theologisches Ordnungsmerkmal einer KonfessionskundeKonfessionskunde eignen. Kirchen teilen im Grunde das gleiche Anliegen, ihre ApostolizitätApostolizität realisieren zu wollen, verwirklichen dieses Anliegen aber unterschiedlich.

Das Bemühen um kirchliche KontinuitätKontinuitätDeutlich ist bei jeder Kirche das Bemühen um KontinuitätKontinuität mit den eigenen Ursprüngen. Dass alle Kirchen den ApostelnApostel nachfolgen, ist nicht strittig. So besagt das „Apostolische“ in seinem Kern, dass die Kirchen heute die gleiche Botschaft verkündigen wie die ersten Zeugen des auferstandenen Christus. Dieses Bestreben zeigt sich bereits im Neuen TestamentNeues Testament selbst. Prominent bezeugt der Prolog des Lukasevangeliums, dass die Augenzeugen Jesu und die Diener des Wortes diejenigen sind, auf denen das EvangeliumEvangelium fußt (Lk 1,1–4). Die Dignität der Zeugen der göttlichen OffenbarungOffenbarung in Jesus ChristusJesus Christus verbürgt die Botschaft, die festgehalten werden soll. Es geht um die ,Nachfolge der Apostel‘, um die apostolische SukzessionSukzessionApostolische SukzessionApostolizitätApostolische Sukzession, und damit um die ApostolizitätApostolizität der KircheKircheApostolizität der Kirche, die verschieden realisiert wird.

Typ 1: Die personelle SukzessionSukzessionPersonelle SukzessionDer erste Typus der Nachfolge bildete sich historisch in den Streitigkeiten der ersten Jahrhunderte heraus. Um die „richtige“ Lehre zu bewahren, die allerdings immer wieder für jede Zeit neu ausgesprochen werden muss, greifen Theologen kein inhaltliches Kriterium der apostolischen Lehre heraus, sondern beziehen sich auf die Träger der Überlieferung. Die personelle Nachfolge wird zum Garant der Wahrheit. Über das, was überliefert wurde und wird, lässt sich streiten, aber nicht über den, der es überliefert. Die Integrität der Zeugen wird zum Kriterium der Wahrheit, die personelle AutoritätAutorität gewährleistet – wie es schon der Begriff Autorität ursprünglich besagt – die Zuverlässigkeit der Botschaft. Hier wird also ein ganz bestimmter Typ der apostolischen Nachfolge etabliert: die personelle Nachfolge im AmtAmt der ApostelApostel. Kirchen, wie die Orthodoxe, die Römisch-katholische und die Anglikanische halten für ihr Kirchenverständnis an diesem Typus fest. Ihr Kirche-Sein wird bedingt – unterschiedlich ausdifferenziert – von dieser NachfolgeNachfolgeSukzession im Amt.

Typ 2: Die inhaltliche SukzessionSukzessionInhaltliche SukzessionDer zweite Typus, der die apostolische SukzessionSukzessionApostolische SukzessionApostolizitätApostolische Sukzession bewahren will, negiert diese personelle Nachfolge nicht gänzlich, macht sie aber nicht zum Kriterium der Wahrheit oder der Funktionsfähigkeit kirchlicher ÄmterAmt. Das Kirche-Sein wird nicht bedingt von einer mehr oder weniger ausweisbaren personellen SukzessionSukzessionPersonelle Sukzession, sondern vom Bleiben in der Wahrheit des EvangeliumsEvangelium. Die Nachfolge bezieht sich also nicht auf die Person eines historisch nur schwer greifbaren ApostelsApostel und seiner vermeintlichen Nachfolger, sondern auf die Lehre der Apostel, konkret: auf den schriftlichen Niederschlag der apostolischen Verkündigung.

Jede Kirche, die sich auf die biblische Überlieferung als den normativen Maßstab ihrer Verkündigung beruft, steht in apostolischer Nachfolge, ohne dass eine personelle Nachfolge im AmtAmt notwendig ist. Die Heilige Schrift bildet die Grundlage der Nachfolge. Wird das EvangeliumEvangelium verkündigt, wie es in ihr bezeugt wird, ist die apostolische Nachfolge gesichert und die ApostolizitätApostolizität der KircheKircheApostolizität der Kirche realisiert. Dieser Typus ist bei der evangelischen Konfessionsfamilie Kernanliegen des Kirche-Seins.

Typ 3: Das lebendige ApostelamtDer dritte Typus hebt sich von beiden beschriebenen Typen ab. Beide setzen voraus, dass es keine ApostelApostel in der Gegenwart mehr gibt. Sie haben andere Modelle entwickelt, die ApostolizitätApostolizität trotzdem zu bewahren. Der dritte Typus realisiert sie, indem er neue Apostel in der Gegenwart erkennt und lebende Personen als Apostel bestimmt. Das AmtAmt der Apostel wird also nicht lediglich „vererbt“, sondern neu belebt und ausgefüllt. Damit ist im Grunde die unmittelbarste Form der Apostolizität buchstäblich verkörpert und das Apostolat „belebt“. Dieser Typus entstand im Rahmen der ErweckungsbewegungErweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts. Exemplarisch ist er in der „Neu-Apostolischen“ Kirche anzutreffen.

Die Strukturierung der vorliegenden KonfessionskundeKonfessionskunde nach diesen drei Typen der apostolischen Nachfolge ist insofern gewinnbringend, als dass sie das theologische Anliegen der verschiedenen Kirchen sichtbar macht, wirklich die Kirche Jesu ChristiJesus Christus realisieren zu wollen. Es lässt sich zeigen, dass jede Kirche auf ihre Weise versucht, die Kirche des GlaubensbekenntnissesGlaubensbekenntnis in der Gegenwart zu leben. Differenzen zwischen den Kirchen werden damit nicht eingeebnet, aber deutlich gezeigt, dass die Kirchen ein gemeinsames Anliegen verbindet. Es kann so zwischen der Gestalt einer Kirche und ihrer eigentlichen Absicht unterschieden werden. Damit findet sich ein gemeinsames Fundament – die ApostolizitätApostolizität der KircheKircheApostolizität der Kirche –, das nicht ausschließt, nicht über- oder unterordnet, sondern einen Punkt bietet, an dem das gegenseitige (ökumenische) Verstehen anknüpfen kann.

Konkret ordnet die vorliegende KonfessionskundeKonfessionskunde die Betrachtung der einzelnen Kirchen anhand der vorgeschlagenen Kriterien wie folgt:

1 Die personelle Nachfolge im AmtAmt als Realisierung der ApostolizitätApostolizitätRealisierung der Apostolizität

2 Die inhaltliche Nachfolge als Realisierung der ApostolizitätApostolizitätRealisierung der Apostolizität

3 Die ApostelApostel als Realisierung der ApostolizitätApostolizitätRealisierung der Apostolizität

Kirche, ApostolizitätApostolizität und AmtAmtEkklesiologieEkklesiologie und ApostolizitätApostolizität sind eng miteinander verknüpft und bedingen einander. Eine KonfessionskundeKonfessionskunde, deren Ordnungsprinzip die Realisierung der ApostolizitätApostolizitätRealisierung der Apostolizität ist, dringt dabei folgerichtig zum Kern ekklesiologischer Selbstverortungen vor.

Darüber hinaus wird unmittelbar das mit der ApostolizitätApostolizität verbundene kirchliche Amtsverständnis erfasst. In der Praxis stellen das AmtAmt inkludierende kirchliche Strukturen eine der größten gegenwärtigen Herausforderungen für die ÖkumeneÖkumene dar, im Übrigen bereits seit den 1970er, 1980er Jahren. Die Kenntnis der Verortung des Amtes in den einzelnen Kirchen und Konfessionsfamilien stellt, wie eingangs bereits erwähnt, die Grundlage für den ökumenischen Dialog über das Amt dar. Insofern versteht sich die vorliegende KonfessionskundeKonfessionskunde in Bezug auf EkklesiologieEkklesiologie, Apostolizität und Amt als Vorarbeiterin ökumenischen Denkens und Agierens. Da sie ihren Gegenstandsbereich theologisch aufbereitet, schafft sie gleichermaßen die Grundlage für die Anschlussfähigkeit weiterer Disziplinen der theologischen Wissenschaft.

1.4 Die Herausforderung der KonfessionskundeKonfessionskunde in der Gegenwart

In der orthodoxen TraditionTradition ist es wichtig, mit der Kirche zu leben. Wer diese Strömung der Christenheit kennenlernen will, kann sie nach orthodoxer Selbstauskunft nicht am Schreibtisch erfassen, sondern muss in die GottesdiensteGottesdienst gehen und das MysteriumMysterien des Glaubens und der Kirche erleben. Die LiturgieLiturgie ist der wesentliche Faktor, der es erlaubt, diese Kirche kennenzulernen.

Dieses Prinzip gilt wesentlich auch für alle anderen christlichen Kirchen, doch zeigt sich bei diesem Beispiel eine Herausforderung, die für die KonfessionskundeKonfessionskunde in doppelter Weise wichtig ist. Grundsätzlich stellt sich die Frage: Wie gewinnt man ZugangZugang zu einer Konfession? Daraus folgt die zweite Frage: Welche Relevanz und welche Bedeutung hat dieser spezielle Zugang, um das Wesen der Konfession zu erfassen?

Der in diesem Buch gewählte Ansatz versucht, einen theologischen ZugangZugangTheologisch zu den Konfessionen zu finden und in dessen Folge möglichst viele Aspekte der einzelnen Kirchen zu beschreiben, in deren Summe die wesentlichen Grundzüge der Kirche erfasst werden können. Dieses Anliegen – abgesehen vom speziellen theologischen Zugriff – verbindet die vorliegende KonfessionskundeKonfessionskunde mit ähnlichen Werken. Allerdings wird bei diesen oft die zweite Frage außer Acht gelassen, die in der Gegenwart vor allem in praktischer Hinsicht wesentlich relevant ist.

Gegenwärtige Grenzen der KonfessionskundeKonfessionskundeWer sich in einer KonfessionskundeKonfessionskunde informiert, „wie eine Kirche ist“, um danach in deren GottesdienstGottesdienst zu gehen und sich dort zurecht zu finden, kann Überraschungen erleben. Innerhalb der Konfessionen – mal mehr, mal minder – herrscht eine PluralitätPluralität – Pluralisierung, die es kaum erlaubt, von der Lehre auf das Leben zu schließen. Man kann römisch-katholische Messen erleben, die in vollem Ornat und mit viel Weihrauch in üppigen Barockkirchen zelebriert werden, man kann aber auch sehr nüchtern gehaltene römisch-katholische Messen in karg eingerichteten modernen Betonkirchen feiern, die lediglich (aber immerhin!) durch die gleiche LiturgieLiturgie geeint sind.

Wer den GottesdienstGottesdienst in einer anglikanischen Kirche besucht, weiß im Vorfeld nicht, was ihn erwartet. Je nachdem, welcher kirchlichen Richtung die Gemeinde angehört, kann der Betreffende einen katholisch wirkenden Gottesdienst erleben oder einen charismatisch ausgerichteten.

Auch bei den Kirchen, die der evangelischen Konfessionsfamilie angehören, kann man im Voraus kaum Aussagen darüber treffen, wie deren GottesdiensteGottesdienst aussehen werden, wenn man sie nicht bereits kennt. Während in der einen Kirche Heilungs-, Salbungs- und Lobpreisgottesdienste aus dem charismatisch-pfingstlerischen Milieu die Sehnsucht nach einem sinnlichen Gottesdienst befriedigen, ist dies für eine reformierte Kirche kaum denkbar und würde dort strikt abgelehnt. Lutherische Gottesdienste wiederum können Formen der Hochkirchlichkeit annehmen, die auf Gläubige anderer evangelischer Prägung wie römisch-katholische Gottesdienste wirken. Die Beispiele ließen sich zahlreich fortführen.

Das Phänomen der interkonfessionellen Vermischung oder der transkonfessionellen Präsentation ist keineswegs nur auf die GottesdiensteGottesdienst beschränkt. Bei öffentlichen Diskussionen zu strittigen, vor allem ethisch relevanten Fragen der Gegenwart kann nur noch der Fachmann sagen, wer zu welcher Konfession gehört, und es muss schon sehr genau beobachtet werden, wer wie argumentiert, um eine konfessionelle Prägung erkennen zu können.

Bezeichnend für die konfessionelle Verwirrung aufgrund von Unkenntnis ist der Befund, dass Christen aller Konfessionen aus ihren Kirchen austreten, wenn beispielsweise ein römisch-katholischer BischofBischof einen medienwirksamen Skandal verursacht oder römisch-katholische PriesterPriester und Bischöfe des Missbrauchs von Kindern überführt werden, auch wenn es Amtsträger einer anderen christlichen Kirche sind. Alle Kirchen werden bei Skandalen, Missmanagement oder gar kriminellen Taten in Mitleidenschaft gezogen, obwohl sie mit den entsprechenden Fällen in anderen Konfessionen nichts zu tun haben. „Die Kirche“ wird in Haftung für alle Konfessionen genommen.

Für die KonfessionskundeKonfessionskunde folgt daraus, dass ihre Beschreibungen einer Kirche lediglich Wegmarken zum besseren Verständnis sein können. Sie können und dürfen keinen Anspruch auf Vollständigkeit und erst recht keinen normativen Anspruch erheben. Konfessionskunde ist die Beschreibung einer Kirche oder Glaubensgemeinschaft und muss akzeptieren, dass sich ihr Forschungsgegenstand unter Umständen schneller verändert, als sie ihn beobachten und untersuchen kann.

Reale Kirche und kirchliches IdealDie Existenz einer Spannung zwischen dogmatischer Bestimmung und empirischer Wirklichkeit der Kirche ist nicht nur Thema der KonfessionskundeKonfessionskunde, sondern auch der anderen theologischen Fächer. Sie wird z.B. in der Systematischen Theologie als Problemanzeige in ekklesiologische Definitionen einbezogen (vgl. Laube, 2011; Hovorun, 2015). Die Einsicht, dass nur indem dieses Spannungsverhältnis konkret bestimmt und offen benannt wird, die geschichtlich gegebene Wirklichkeit einer Kirche überhaupt theologisch begriffen werden kann, setzt sich zunehmend durch. Es geht nicht mehr darum, ein dogmatisch definiertes Ideal mit einer real vorfindlichen Kirche zu vergleichen und so deren Defizite herauszustellen. Wichtiger ist es von der kirchlichen Wirklichkeit auszugehen und aufzuzeigen, inwiefern jede Kirche über sich selbst hinausweist, um so das Wesen von Kirche zu erfassen (vgl. Laube, 2011, 148). Der Konfessionskunde, die sowohl die ekklesiologisch-dogmatische Selbstbestimmung als auch die empirisch-kirchliche Wirklichkeit in ihre Betrachtung und Untersuchung einbezieht, kommt hierbei die wesentliche Funktion zu, die sich aus dem Spannungsverhältnis ergebenden Widersprüche, Kompensationsversuche und Unverhältnismäßigkeiten zu verarbeiten, ohne sie zu systematisieren, zu bewerten oder normative Schlüsse aus ihnen abzuleiten. Das bedeutet auch, dass paradoxe Phänomene innerhalb von Kirchen nebeneinander stehen bleiben, ohne dass der Spannungsbogen zwischen Ideal und Wirklichkeit aufgelöst wird bzw. aufgelöst werden kann.

Die interne PluralisierungPluralität – Pluralisierung der KonfessionenInnerhalb einer Konfessionsfamilie, zuweilen sogar innerhalb einer einzigen Kirche, sind die faktischen Lebensvollzüge der Kirchen oft sehr unterschiedlich und weisen eine hohe PluralitätPluralität – Pluralisierung auf. Das ist zum einen durch die verschiedenen Inkulturationen, d.h. die konkret vorfindlichen Milieus, historischen Kontexte, Mentalitäten und Frömmigkeitsstile zu erklären, zum anderen aber auch durch die Pluralisierung und Individualisierung der modernen Gesellschaft, die auf die Kirchen ausstrahlt. Weder ein polemisches Klagen, dass jeder (evangelische) Geistliche „macht, was er will“ noch eine Ignoranz der durch die Individualisierung aufgeworfenen Probleme ist dabei angeraten. Es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die Pluralität einer Kirche nicht nur eine Stärke sein kann, sondern die gemeinsame Identität und Erkennbarkeit auch schwächt. Die gegenwärtig große Herausforderung für das Christentum ist der angemessene Umgang mit Pluralität und Pluralismus, ohne in eine oberflächliche Gleich-Gültigkeit oder eine Verteidigungshaltung der absoluten Wahrheit abzugleiten. Die Einübung einer am Anderen interessierten, toleranten und gleichermaßen fest verankerten eigenen Haltung ist eine der aktuell wichtigsten Aufgaben in Theologie und Kirche.

Beispiel: Die „Heilig-Rock-WallfahrtHeilig-Rock-Wallfahrt“Als Beispiel für konfessionsinterne PluralisierungPluralität – Pluralisierung kann die Diskussion um die Heilig-Rock-WallfahrtHeilig-Rock-Wallfahrt 2012 in Trier angeführt werden. Progressive römisch-katholische Christen beschwerten sich bezüglich dieser Wallfahrt in evangelischen Pfarrämtern darüber, dass es so etwas wie Wallfahrten überhaupt noch gibt, und hielten evangelischen Geistlichen vor, dass diese keinen Einspruch erheben würden. Gleichzeitig warfen konservativeKonservativ römisch-katholische Christen ihrer Kirchenleitung vor, dass sie durch den Begriff der „Christuswallfahrt“ den speziellen Charakter einer Reliquienwallfahrt verdunkelten und erhoben den Vorwurf, dass der BischofBischof von Trier, Stephan Ackermann$Ackermann, Stephan, geb. 1963, römisch-katholischer Bischof von Trier (geb. 1963), in Rom keinen besonderen AblassAblass, wie es bei einer Heilig-Rock-Wallfahrt möglich ist, erbeten habe und ihnen diesen nun vorenthalte.

Auf evangelischer Seite kam Kritik daran auf, dass evangelische Christen der Einladung zur Wallfahrt folgten, anstatt Martin Luthers$Luther, Martin, 1483–1546, evangelischer Theologe, Reformator, Namensgeber der Lutheraner Einsichten zum Thema Reliquien zu verinnerlichen.

Das Beispiel zeigt, dass in beiden Konfessionen der gleiche Anlass heftigen Streit nach sich zog und dass neue Koalitionen jenseits der Konfessionsgrenzen gesucht und gefunden wurden. Trotz einer klaren theologischen Ablehnung von AblassAblass und Wallfahrt nahmen und nehmen Protestanten an der Heilig-Rock-WallfahrtHeilig-Rock-Wallfahrt teil, während römisch-katholische Christen zum großen Teil problemlos auf einen Ablass verzichten, der ihnen durch ihren BischofBischof aus ökumenischer Rücksichtnahme sowieso vorenthalten wird.

Paradigmatisch wird hier die Schwierigkeit deutlich, in der Moderne die Konfessionsgrenzen klar zu erfassen und dadurch bestimmte Beschreibungen der Realität zu liefern. Aus Sicht der KonfessionskundeKonfessionskunde muss eine Verwischung klassischer Konfessionsgrenzen und die Bildung neuer Koalitionen klar erkannt und benannt werden.

Die Entwicklung jenseits der KonfessionenDie Moderne hat im Umgang mit dem Transzendenten und der ReligionReligion in den westlichen Gesellschaften umwälzende Veränderungen hervorgebracht, u.a. Prozesse der SäkularisierungSäkularisierung, die bis in die Gegenwart den Verlust von Religionsrelevanz zeitigen und TraditionsabbrücheTraditionTraditionsabbruch beschleunigen. Teil solcher Entwicklungen ist das Phänomen der religiösen SelbstermächtigungSelbstermächtigung.

Der postmoderne Mensch lässt sich nicht mehr vorschreiben, was er zu glauben hat, sondern wählt aus, was ihm zu glauben sinnvoll erscheint. Schon das Beispiel der Heilig-Rock-WallfahrtHeilig-Rock-Wallfahrt hat dies klar gezeigt: Wenn ein Protestant zum Heiligen Rock pilgern möchte, dann tut er das ohne Rücksicht auf die Lehren seiner Kirche. Wenn ein evangelischer Christ bei seiner Trauung das klassisch katholische „Ave Maria“ hören will, weil es „einfach so schön ist“, dann kann sich auch ein Pfarrer dem kaum in den Weg stellen. Umgekehrt sind evangelikale Lobpreislieder als Sacropop in römisch-katholischen Jugendmessen keine Seltenheit. Traditionelle Rituale werden ihres Sinnes entleert, z.B. führt ein Vater die Tochter zum Traualtar, weil es romantisch ist, nicht, wie ursprünglich gemeint, als Zeichen der Übergabe des Besitzes, an das (hoffentlich) dabei niemand mehr denkt.

Besonders aus konfessionskundlicher Perspektive lassen sich zwei wesentliche Entwicklungen erheben: Einerseits werden die klassischen ökumenischen Streitfragen, obwohl sie nicht gelöst sind, in der kirchlichen Lebenswelt zunehmend verdrängt und sind in ihren theologischen Begründungen nur noch Fachleuten zugänglich. Auf der anderen Seite bilden sich neue Problemfelder, die die interne PluralisierungPluralität – Pluralisierung in den Konfessionen beschleunigen. Neue transkonfessionelle Koalitionen entstehen, jenseits der traditionellen Abgrenzungen der Konfessionen, und machen sie obsolet. Neue Gruppen finden sich anhand von gemeinsamen Interessen, Themen und gemeinsamen Gegnern in verschiedenen Konfessionen und formulieren gemeinsame Anliegen zu bestimmen kirchlichen Positionen oder theologischen Fragen.

Sackgassen des DialogsIm Allgemeinen wird wenig beachtet, wie umfangreich in den ökumenischen Dialogen der letzten 50 Jahre wesentliche kirchentrennende theologische Sachverhalte aufgenommen, bearbeitet und diskutiert wurden und in vielen Fällen zu Annäherungen geführt haben. Obwohl genügend Brücken zur Verständigung gebaut worden sind, scheint es gegenwärtig in der ÖkumeneÖkumene kaum Schritte aufeinander zu zu geben. Warum ist z.B. das AbendmahlAbendmahl/die EucharistieEucharistie ein Trennungsmerkmal der Konfessionen, obwohl viele Protagonisten der ökumenischen BewegungBewegung(en) der Meinung sind, dass es genügend Möglichkeiten gibt, diese Trennungen aufzuheben und/oder zu umgehen? Unterschiedliche Positionen zur Amtsfrage oder dem Verständnis von Kirche generell verhindern ebenfalls ein Aufeinanderzugehen. Allerdings treten die theologischen Ursachen der Konflikte langsam in den Hintergrund des allgemeinen Interesses. Viele Menschen lassen sich – wie beschrieben – nicht mehr vorschreiben, was sie glauben sollen und fühlen sich nicht mehr gebunden an die Gebote oder Verbote ihrer jeweiligen Konfession.

Evangelische Christen bekommen grundsätzlich von ihren Kirchenleitungen nicht gesagt, was sie glauben sollen, sondern erhalten Orientierungshilfen und Denkschriften. Inwiefern diese rezipiert werden, liegt in der Hand des Einzelnen oder der einzelnen Gemeinde. Römisch-katholische Christen erfahren oft nicht umfassend, welche Verlautbarung vom Vatikan ausgeht bzw. rezipieren Lehrnormen nach individuellem Gutdünken. So nehmen z.B. viele römisch-katholische Christen ohne Gewissensprobleme am AbendmahlAbendmahl in evangelischen Kirchen teil und verzichten damit auf die theologische Klärung des ökumenischen Problems. Umgekehrt partizipieren evangelische Christen gern und ohne theologische Zweifel an besonderen Andachtsformaten der Römisch-katholischen Kirche (z.B. in der Fastenzeit) oder an den sinnlich beeindruckenden, liturgisch opulenten orthodoxen GottesdienstenGottesdienst.

Selbst die Klärung wesentlicher theologischer Fragen vermag in der kirchlichen Praxis der ÖkumeneÖkumene kaum weiterführende Impulse zu setzen. Deutlicher Beleg für diese Erkenntnis ist die „Gemeinsame Erklärung zur RechtfertigungslehreRechtfertigung / Rechtfertigungslehre“, die das zentrale reformatorische Problem der Rechtfertigung allein aus Glauben zum Gegenstand hat. Dieses Konsensdokument, das im Dialog zwischen Lutherischem Weltbund (LWB) und der Römisch-katholischen Kirche entworfen, das 1999 feierlich unterzeichnet wurde und dem 2006 der Weltrat methodistischer Kirchen zustimmte, ist in der Regel nur theologischen Experten zugänglich, die sich darum auch wieder heftig streiten können. Obwohl mit diesem Dokument die zentrale Frage der Reformation nach der Rechtfertigung des Menschen weithin einvernehmlich geklärt wurde, ist deren Relevanz bereits für die kirchliche Praxis gering, von der öffentlichen Wahrnehmung ganz zu schweigen.

Auf der anderen Seite steht eine mitunter ganz erstaunliche Scheu an der kirchlichen Basis, sich nicht in „zivilem Ungehorsam“ über Konfessionsgrenzen hinwegzusetzen, wie es sogar Papst Franziskus (Pontifikat: seit 2013)$Franziskus, Pontifikat seit 2013, römisch-katholischer Papst in der Frage des gemeinsamen AbendmahlsAbendmahl von konfessionsverschiedenen Ehepaaren angeraten hat (vgl. Metzger, 2016, 40–42). Einer Verflachung der Konfessionalität und der konfessionellen Problematik widerspricht darüber hinaus auch das zu beobachtende Interesse von Christen in einer globalisierten Welt an dem, was andere Christen leben und wonach sie sich ausrichten. Gleichfalls ist der Bildungshunger von Christen zu konstatieren, die in Zeiten des Relevanzverlustes des Christentums über ihre eigene Konfession Bescheid wissen möchten. Von daher ist es nach wie vor ein wichtiges und wesentliches Unterfangen, konfessionelles Wissen zu erwerben, ökumenische Diskussionen zu führen und die ökumenische Annäherung zu praktizieren. Besonders scheint es da angeraten, wo praktische Probleme ihrer Lösung harren (vgl. Metzger, 2014).

Streitfelder in und zwischen den KonfessionenWährend sich durch die religiöse SelbstermächtigungSelbstermächtigung und den „zivilen Ungehorsam“ scheinbar mühelos aus den ökumenischen Sackgassen der alten Probleme befreit wird, werden andere Diskussionen in den Konfessionen mit großer Wucht geführt. Dabei verlaufen neue Fronten nicht mehr entlang der Konfessionsgrenzen, sondern durch alle Konfessionen und Kirchen hindurch. Um diese Entwicklung auf den Punkt zu bringen, lässt es sich am ehesten auf die Begriffe liberalLiberal und konservativKonservativ zurückgreifen, ohne dass hier politische Ausrichtungen oder wertende Konnotationen mitschwingen. Auch eine allzu präzise Zuordnung von Haltungen, Charakteristika oder Gruppenzugehörigkeiten ist mit diesen Termini nicht möglich. Liberal meint im weitesten Sinne die progressive Bereitschaft, neue Positionen einzunehmen, konservativ das Bestreben, traditionelle Positionen als zukunftsweisend zu bewahren. Liberale und konservative Gruppen stehen sich gegenüber, ohne dass dabei traditionelle Konfessionsgrenzen ein Hindernis darstellen.

Die wesentlichen Diskussionspunkte, die gegenwärtig liberaleLiberal und konservativeKonservativ Fronten evozieren, sind → FrauenordinationFrauenordination und Frauen in kirchlichen Leitungsämtern, → HomosexualitätHomosexualität von Kirchengliedern und Geistlichen und – mit beidem im Zusammenhang stehend – die Frage nach dem Verständnis der Heiligen Schrift. Auf diese drei Aspekte als konfessionsüberschreitende Frontlinien wird im → Ausblick ausführlich eingegangen werden. An dieser Stelle aber werden kurz die Folgen dieser Frontstellung für die KonfessionskundeKonfessionskunde skizziert.

Konsequenz für die KonfessionskundeKonfessionskundeDie Herausforderung für das Fach KonfessionskundeKonfessionskunde ist, dass sich konfessionelle Grenzen zunehmend schwerer definieren lassen. Sobald bei den transkonfessionellen Frontstellungen die gemeinsamen Ziele der aus verschiedenen Konfessionen zusammengesetzten Gruppen erreicht wurden (oder sie sich eingestehen, dass die Ziele nicht zu erreichen sind), zerfallen die sozialen Einheiten, können sich aber bei einem anderen kontroversen Thema, sogar auf verschiedenen Seiten, wieder begegnen. Die jeweilige konfessionelle Anbindung spielt dabei so gut wie keine Rolle.

In Analogie zur zunehmenden Bedeutungslosigkeit früherer politischer oder sozialer Zuordnungen wie „rechts“ und „links“ oder „oben“ und „unten“ verlieren Bezeichnungen wie „katholisch“ oder „evangelisch“, „orthodox“ oder „anglikanisch“ ihre Deutekraft, wenn es darum geht, konkrete Positionen zu bezeichnen. Somit steht die KonfessionskundeKonfessionskunde zunehmend unter dem Druck des Zerfalls ihrer Beobachtungsfelder in eine konfessionslose Praxis und eine kirchliche Theorie ihrer selbst. Wenn sich Gruppen innerhalb einer Kirche von ihrer „eigentlichen“ Position, d.h. der konfessionellen Bindung ihrer Kirche, kaum noch leiten lassen, dann kann konfessionskundlich nur darauf hingewiesen werden, dass es sich im Folgenden um Darstellungen des theoretischen Selbstbildes handelt, nicht um ein reales Abbild. Dann stehen mitunter konfessionelle Grenzen nur noch unverstanden in nicht gelesenen Büchern – u.a. Papst Franziskus wies darauf hin, dass die Lehre der Kirche in Büchern stehe, die schwer zu lesen seien (vgl. Metzger, 2014) – und werden deshalb vergessen, nicht beachtet oder nur als Verbote erlebt, ohne dass ihre Begründungen und ihr historisches Geworden-Sein verstanden wird.

Eine jede KonfessionskundeKonfessionskunde muss sich ihrer Grenzen bewusst sein, ebenso der Veränderungen, in denen sie selbst steht, und sich darum bemühen, die theologischen Beschreibungen einer Kirche mit der in ihr gelebten Wirklichkeit in Beziehung zu setzen. Phänomenologisch kann es hier zu Überraschungen kommen, die entweder zeigen, wie belastbar konfessionelle Merkmale geworden sind und wie dehnbar oder durchlässig konfessionelle Grenzen geworden sind. Die Konfessionskunde muss die Fähigkeit entwickeln, ohne Scheuklappen kirchlich-plurale, transkonfessionelle und zunehmend auch synkretistische Phänomen zu erfassen. Dann, aber nur dann, gewinnt sie entscheidend an Bedeutung für die Durchdringung und Beschreibung der religiösen Landschaft der Gegenwart.

Weiterführende Literatur

Albrecht, Christian (Hg.) (2011), Kirche, Themen der Theologie 1, Tübingen.

Frieling, Reinhard / Geldbach Erich / Thöle, Reinhard, KonfessionskundeKonfessionskunde. Orientierung im Zeichen der ÖkumeneÖkumene, Grundkurs Theologie 5,2, Stuttgart 1999.

Heyer, Friedrich (Hg.) (1977), KonfessionskundeKonfessionskunde, Berlin/New York.

Körtner, Ulrich H.J. (2018), Ökumenische KirchenkundeKirchenkunde, Lehrwerk Evangelischer Theologie 9, Leipzig.

Mühling, Markus (Hg.) (2009), Kirchen und Konfessionen, Grundwissen Christentum 2, Göttingen.

Oeldemann, Johannes (Hg.) (2015), KonfessionskundeKonfessionskunde, Paderborn/Leipzig.

Pinggéra, Karl (2013) KonfessionskundeKonfessionskunde als Begegnungswissenschaft, Materialdienst des Konfessionskundlichen Instituts 64, 9–13.

2 Die Ausdifferenzierung des ChristentumsAusdifferenzierung (des Christentums) im Überblick

Jesus ChristusJesus ChristusAm Anfang der Kirchengeschichte steht die Interpretation der Person Jesu von Nazareth. Die Anhänger dieses jüdischen ProphetenProphet behaupteten nach dessen Kreuzigung, dass dieser Mensch der erwartete Messias, der Sohn Gottes gewesen sei. In diesem Anfang liegt die Begründung der PluralitätPluralität – Pluralisierung des Christentums. Verschiedene Menschen sahen in Jesus von Nazareth den Christus. Sie fanden sich zusammen und bildeten den Kern dessen, woraus sich verschiedene Kirchen entwickelten.

Vielfalt und AusdifferenzierungAusdifferenzierung (des Christentums)Die historische Entwicklung von den Anfängen in Jerusalem oder Galiläa bis zu den gegenwärtigen Kirchen kann als Ausdifferenzierungsprozess der einzelnen Interpretationen verstanden werden. Weil jeder Mensch partiell anders erkennt und versteht, gibt es zu keiner Zeit eine einzige Kirche, die aufgrund von Spaltungen ihre „gottgegebene“ Einheit und Identität verloren hat, sondern es stehen von Anfang an unterschiedliche Interpretationen nebeneinander, die einmal mehr, einmal minder friedlich koexistieren.

Das Neue Testament, als normatives Zeugnis der frühen Zeit des Christentums, enthält keine homogene Theologie und stellt keine einheitliche Kirchenlehre dar, sondern ist in sich plural und bezeugt das von Anfang an stattfindende Ringen um die Deutung der Person Jesu. Der KanonKanon selbst ist Dokument einer Vielzahl von theologischen Entwürfen. Bereits 1951 stellte der Neutestamentler Ernst Käsemann (1906–1998)$Käsemann, Ernst, 1906–1998, evangelischer Theologe deshalb fest:

Der neutestamentliche KanonKanon begründet als solcher nicht die Einheit der KircheKircheEinheit der Kirche. Er begründet als solcher, d.h. in seiner dem Historiker zugänglichen Vorfindlichkeit dagegen die Vielzahl der Konfessionen. Die Variabilität des Kerygmas im NT ist Ausdruck des Tatbestandes, daß bereits in der Urchristenheit eine Fülle verschiedener Konfessionen nebeneinander vorhanden war, aufeinander folgte, sich miteinander verband und gegeneinander abgrenzte. (Käsemann, 1970, 221)

Deshalb ist es im Rahmen einer KonfessionskundeKonfessionskunde angebracht, stets in Erinnerung zu behalten, dass die Vielzahl von Kirchen an sich keine zu überwindende Illegitimität darstellt, sondern dem Christentum von seinem Ursprung her immanent ist.

Die viel zitierte Bitte des johanneischen Jesus in Joh 17,11.21 („dass sie alle eins seien“) zielt gerade nicht auf die Uniformität einer Einheitskirche, sondern auf das gemeinsame Wirken aller Christen in der Welt Vielfalt und Einheit(so wie Gott und Jesus in johanneischer Perspektive zusammen in der Welt wirken) und die Erkenntnis, dass alle Christen in einer von Gott her gegebenen Wirklichkeit, die über Zeit und Raum hinausgeht, bereits eins sind. Der Vers ist keine Handlungsaufforderung für die ÖkumeneÖkumene, sondern eine Erinnerung an die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen. Diese Bitte ist deshalb so zu verstehen, dass Christen sich ihrer gemeinsamen Identität bewusst sein sollen, um in der Welt gemeinsam agieren zu können. So sollen sie „der Welt“ die Attraktivität und die Heilsmöglichkeit des Christentums zeigen.

Sobald bewusst ist, dass PluralitätPluralität – Pluralisierung kein zu überwindender Mangel der christlichen Kirchen ist, kann auch die historische Ausdifferenzierung des ChristentumsAusdifferenzierung (des Christentums) in verschiedene Kirchen akzeptiert werden, ohne dass dabei von Orthodoxie (‚richtige Lehre‘), von dem „rechten Glauben“ im Gegensatz zu HäresieHäresie im Sinne von ‚Irrlehre‘ oder ‚(Ab-)Spaltung‘ gesprochen werden muss. Kirchen wachsen miteinander, differenzieren sich in ihrem Innern, halten Spannungen entweder aus oder manifestieren sich in neuen Kirchen. Dabei führt sich jede Kirche im Prinzip auf das Ereignis des Anfangs zurück. Es ist demnach verfehlt, „Geburtsstunden“ einzelner Kirchen anzugeben oder eine Kirche als ältere bzw. jüngere zu bestimmen, da dabei übersehen wird, dass jede Kirche sich dem Anfang verpflichtet weiß und von diesem her ableitet. Die Geschichte jeder christlichen Kirche beginnt in dieser Perspektive deshalb mit der Interpretation Jesu als Christus.

2.1 Die ersten vier Jahrhunderte

Beginn der christlichen GemeinschaftNach der Kreuzigung Jesu löste sich die von ihm ins Leben gerufene jüdische Erneuerungsbewegung nicht vollständig auf und reintegrierte sich nicht umfänglich in das antike Judentum – obwohl das vorstellbar und zu erwarten gewesen wäre. Stattdessen begann die Verkündigung, die aus der jüdischen BewegungBewegung(en) eine neue ReligionReligion werden ließ.

Mit der Aufnahme von Heiden und den damit verbundenen theologischen Implikationen beschäftigt sich der ApostelApostel Paulus. Seine Briefe zeigen, wie sich die neue ReligionReligion in der Welt zurechtfindet. Rituelle und theologische Fragen, z.B. Beschneidung oder Speisegebote wurden zuweilen kontrovers diskutiert (Gal 2; Apg 15) und mit der Neuinterpretation der TaufeTaufe als InitiationsritualInitiationsritual ging das Christentum schließlich über das Judentum hinaus. Die genauen Entwicklungen dieser Zeit liegen im Dunkeln. Während die Apostelgeschichte die Anfänge des Christentums harmonisierend erzählt und auf Jerusalem konzentriert, deutet der Schluss des Markusevangeliums auf einen Neubeginn der Jesusbewegung in Galiläa hin. Die Texte des Neuen TestamentsNeues Testament zeigen also, dass bereits in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts eine erstaunliche Vielfalt des Christentums präsent war.

Erste LehrentscheidungenVerschiedene Theologien und verschiedene christliche Strukturen an verschiedenen Orten bestimmten die frühen Jahre, in denen sich das Christentum in der Welt nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum organisierte. Zunächst von der herrschenden Macht des Zeitalters, dem römischen Reich, nicht beachtet, dann nicht verstanden und schließlich bekämpft, versuchte das Christentum sich nach der ausgebliebenen Naherwartung einzurichten. Nachdem es im Reich von der verfolgten zur tolerierten ReligionReligion und schließlich sogar zur Staatsreligion (381) aufgestiegen war, mussten wesentliche Glaubensinhalte bestimmt werden. Nach Vorarbeiten, die zum Teil im Westen, zum größeren Teil im Osten des Reichs geleistet wurden, charakterisierten die KonzileKonzil / Konziliarismus von Nicäa (325) und Konstantinopel (381) die TrinitätslehreTrinitätTrinitätslehre in der Weise, dass auch der Sohn und der Heilige GeistHeiliger Geist eines Wesens mit dem Vater sind und hielten die Göttlichkeit von Sohn und Heiligem Geist fest.

Auf dem KonzilKonzil / Konziliarismus von Konstantinopel wurde als Ergebnis der Beratungen das wichtigste, weil allen gegenwärtigen Kirchen gemeinsame GlaubensbekenntnisGlaubensbekenntnis, das Nicäno-KonstantinopolitanumBekenntnisNicäno-Konstantinopolitanum, verabschiedet. Es ist das einzige Glaubensbekenntnis, das ökumenisch verbindlich für alle christlichen Kirchen gilt. Doch bereits um die Bestimmung Gottes gab es heftige Auseinandersetzungen und Verwerfungen, die die frühe PluralitätPluralität – Pluralisierung des Christentums belegen. Die Gegner der TrinitätslehreTrinitätTrinitätslehre, z.B. die Arianer oder Homöer, zeitigten zwar vereinzelt Nachwirkungen, z.B. bei den Germanen, konnten aber keine bis heute existierende Kirche gründen. Anders sah dies bei den Auswirkungen des nächsten Schritts der dogmatischen Entwicklung aus.

Das Interesse richtete sich nach der Klärung des trinitarischen Gottesbildes nun auf die Person Christi.

2.2 Die christologischen Auseinandersetzungen und das KonzilKonzil / Konziliarismus von Chalcedon 451

Das Problem der zwei NaturenDie sogenannten christologischenChristologie Auseinandersetzungen in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts waren ausschlaggebend für die Trennung der altorientalischen Kirchen von den byzantinisch-orthodoxen Kirchen des oströmischen Reichs. Dabei ging es um die zwei Naturen von Jesus ChristusJesus Christus, um das Verhältnis von Göttlichkeit und Menschlichkeit in seiner Person, und wie die Beziehung der beiden Naturen zueinander zu begreifen und zu beschreiben ist. Im 4. und 5. Jahrhundert wurden die christologischen Debatten im Wesentlichen zwischen den beiden theologischen Zentren der damaligen Zeit, Alexandrien und Antiochien, ausgetragen. Die alexandrinischen Theologen hoben besonders die Einheit der menschlichen und göttlichen NaturNatur Jesu Christi hervor. Die antiochenischen Gelehrten unterstrichen dagegen den Unterschied der beiden Naturen.

Ein elementarer Aspekt der christologischenChristologie Fragen ist die soteriologische Implikation: Wie kann Jesus ChristusJesus Christus als ein Mensch, dessen Göttlichkeit nicht präsent ist, die Menschheit erretten? Oder welchen „Wert“ hat die Errettung durch einen Gott, der nicht auch ganz und gar Mensch war?

Die schließlich vom KonzilKonzil / Konziliarismus in Chalcedon 451 verabschiedeten Beschlüsse, die von dem römischen Papst Leo I.$Leo I., Pontifikat 440–461, römischer Bischof, römisch-katholischer Papst (Pontifikat: 440–461) vorbereitet worden waren, gingen von zwei Naturen in einer Person aus. Das Verhältnis der beiden Naturen wurde dogmatisch in der Zwei-Naturen-LehreZwei-Naturen-Lehre festgeschrieben: Christus war vollkommener Gott und gleichermaßen vollkommener Mensch, weder miteinander vermischt noch voneinander getrennt. Die Schlagworte dazu lauteten: unvermischt, unverwandelt, ungeschieden, ungetrennt.

Mono- bzw. miaphysitische AuseinandersetzungenObwohl mit der Charakterisierung unvermischt die Anliegen der Antiochener und mit ungetrennt die Position der Alexandriner aufgenommen wurden, erfuhren die Streitigkeiten in den sogenannten mono-ChristologieMonophysitische oder miaphysitischenChristologieMiaphysitische Auseinandersetzungen nach dem KonzilKonzil / Konziliarismus ihre Fortführung.

Eine theologische Haltung, die sich wiederum in diverse Richtungen ausdifferenzierte, war die, in Christus eine gottmenschliche NaturNatur und nicht zwei Naturen am Wirken zu sehen. Diese miaphysitischeChristologieMiaphysitische (griech.: mia physis = ‚eine Natur‘) Vorstellung setzte sich bei mehreren orientalischen Kirchen durch, und wird bis heute von der Armenischen, Koptischen, Äthiopischen, Eritreischen, Syrischen und Malankara Orthodoxen Kirche vertreten. Diese Kirchen kritisierten am Chalcedonense, dass die Einheit Christi zerstört würde. Die Äthiopischen und Eritreischen Kirchen tragen in ihren Selbstbezeichnungen bekenntnishaft den Begriff TewahedoTewahedo (= ‚Einheit‘). Mit dieser „Einheit“ ist nicht die Kircheneinheit o.ä. gemeint, sondern die Einheit der beiden Naturen Christi gemäß der miaphysitischenChristologieMiaphysitische Vorstellung.

Politische DifferenzenZu den theologischen Auseinandersetzungen kamen spezifisch politische und kirchenpolitische Schwierigkeiten. Für die Auseinandersetzungen zwischen Antiochien und Alexandrien waren die kirchenpolitischen Rivalitäten der Patriarchate gegenüber Konstantinopel relevant. Die Kirchen in Ägypten und Syrien widersetzten sich der Byzanz-Zentrierung. Kirchen auf Gebieten, die politisch nicht zum oströmischen Reich gehörten, z.B. Armenien und Äthiopien, strebten nach Erhalt der Unabhängigkeit, in enger Verflechtung mit ihren regionalen Königtümern. So begannen sich schon in der frühen Zeit des Christentums einzelne Kirchen vom Hauptstrom der Kirche im (ost)römischen Reich zu distanzieren.

2.3 Die Trennung der Ost- und Westkirche

Das Große Morgenländische SchismaSchismaMorgenländischesMorgenländisches SchismaEine weitere Trennung grundsätzlicher Art vollzog sich in der Zeit des Mittelalters zwischen der östlichen und der westlichen Kirche. Diese Trennung, das Große Morgenländische SchismaSchismaMorgenländischesMorgenländisches Schisma, wird im Allgemeinen auf das Jahr 1054 datiert, bahnte sich aber mit einer schleichenden Entfremdung der östlichen und westlichen Kultursphäre, bedingt u.a. durch die sprachlichen Unterschiede, über mehrere Jahrhunderte hinweg an. Zusätzlich sorgte das wachsende kirchenpolitische Interesse des römischen Papstes an der Jurisdiktionsgewalt über die anderen Bischofssitze für Spannungen. Diese mündeten schließlich in den Ereignissen des Jahres 1054, als durch einen Legaten von Papst Leo IX.$Leo IX., Pontifikat 1049–1054, römisch-katholischer Papst (Pontifikat: 1049–1054) in einer Bannbulle die ExkommunikationExkommunikation über den damaligen PatriarchenPatriarch Michael I.$Michael I. (Kerularios), um 1000–1059, orthodoxer Patriarch von Konstantinopel (Kerularios; um 1000–1059) von Konstantinopel und weiterer oströmischer Kirchenführer verhängt wurde. Im Gegenzug wurde der römische Abgesandte von Michael I. exkommuniziert – bemerkenswerterweise nicht der Papst selbst – sowie der Name des römischen Papstes aus den Passagen der Fürbitte in der byzantinischen LiturgieLiturgie gestrichen. Die gegenseitige Exkommunikation wurde erst 1965 von Papst Paul VI.$Paul VI., Pontifikat 1963–1978, römisch-katholischer Papst (Pontifikat: 1963–1978) und dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras I.$Athenagoras I., 1886–1972, orthodoxer Patriarch von Konstantinopel (1886–1972, Patriarch: 1948–1972) offiziell zurückgenommen.

Das FilioqueFilioqueIn der päpstlichen Bulle von 1054 wurde den östlichen Kirchen u.a. unterstellt, das FilioqueFilioque (= ,und aus dem Sohn‘) aus dem GlaubensbekenntnisGlaubensbekenntnis gestrichen zu haben. Allerdings war dieses von der westlichen Kirche ohne Absprache mit der östlichen überhaupt erst in das BekenntnisBekenntnis eingefügt worden. Im griechischen Urtext des Nicäno-KonstantinopolitanumBekenntnisNicäno-Konstantinopolitanum, den das KonzilKonzil / Konziliarismus 381 festgelegt hatte, heißt es: „[Wir glauben] an den Heiligen GeistHeiliger Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater hervorgeht“. Der westkirchliche Zusatz zum Glaubensbekenntnis „[Wir glauben] an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht“ ist von den östlichen Kirchen nie bestätigt und anerkannt worden. Das Filioque sollte die gesamte Kirchengeschichte als das trennende Symbol von Ost- und Westkirche durchziehen.

Der KreuzzugKreuzzug gegen Konstantinopel 1204Zum endgültigen Bruch zwischen Ost- und Westkirche kam es durch den 4. KreuzzugKreuzzug 1204, als ein Kreuzfahrerheer aus französischen und venezianischen Rittern und Seefahrern, deren geplante Eroberung Ägyptens zu scheitern drohte, gegen das Verbot des Papstes den Kreuzzug nach Konstantinopel umlenkte. Die Tragweite dieses Ereignisses bestand darin, dass eine christliche Stadt von christlichen Rittern, die sich eigentlich der Verteidigung des Christentums gegen den Islam verschrieben hatten, geplündert und ihre Bewohner getötet oder grausam misshandelt wurden. Auch die christlichen Kirchen wurden von den Kreuzfahrern nicht verschont, kostbare Reliquien geraubt und Kirchengut gestohlen. Der byzantinische Kaiser wurde vertrieben und für einige Jahrzehnte herrschten an seiner Stelle Vasallen des Papstes und der Stadt Venedig über das byzantinische Reich. Die byzantinische Kultur entwickelte sich in dieser Zeit in mehreren kleinasiatischen Exilreichen neu. Mit dem 4. Kreuzzug war die Trennung zwischen Ost- und Westkirche nicht mehr nur ein theologisches oder kirchliches Phänomen, sondern eine für das Volk spürbare Realität.

UnierteUnion / Uniert Kirchen des OstensIn den folgenden Jahrhunderten kam es zu weiteren, für die Orthodoxie schmerzlichen Eingriffen der westlichen Kirche in ihre Kirchensituation. Im grundsätzlichen Bemühen der Römisch-katholischen Kirche, die altorientalischen und griechisch-orthodoxen Kirchen in die römische Jurisdiktion zurückzuführen, entstanden vor dem Hintergrund verschiedener kirchenpolitischer Konstellationen und politischer Ereignisse im Orient und in Ost- und Südosteuropa sogenannte unierteUnion / Uniert, d.h. griechisch-katholische, mit Rom verbundene Kirchen. Kennzeichen der unierten Kirchen ist, dass sie orthodox geprägt sind, die orthodoxe LiturgieLiturgie feiern und strukturiert sind wie orthodoxe Kirchen, bis hin zu dem Umstand, dass es bei ihnen verheiratete PriesterPriester gibt [→ Orthodoxe Kirche], dass sie aber der Jurisdiktion des Papstes unterstehen und als äußeres Kennzeichen das GlaubensbekenntnisGlaubensbekenntnis mit dem FilioqueFilioque beten.

Die Entstehung der unierten Kirchen führte zu einer Verdoppelung der Hierarchien: Zu nahezu jeder altorientalischen oder byzantinisch-orthodoxen Kirche existiert ein römisch-katholisches Pendant. So ist z.B. die römisch-katholische Entsprechung der → Heiligen Apostolischen Katholischen Assyrischen Kirche des Ostens die Chaldäisch-Syrische Kirche (auch: Chaldäisch-Katholische Kirche) des Ostens. Der → Armenischen Kirche entspricht die 1742 unierteUnion / Uniert Armenisch-Katholische Kirche. Das römisch-katholische Pendant der griechisch-orthodoxen Kirche von Alexandrien [→ Patriarchat von Alexandrien] und von Antiochien [→ Patriarchat von Antiochien] ebenso wie der orthodoxen Jerusalemer Kirche [→ Patriarchat von Jerusalem] ist die Melkitische Griechisch-Katholische Kirche, die sich in einem längeren Prozess im 17. Jahrhundert herausbildete und heute eine der größten Kirchen im Libanon darstellt.

Nur wenige römisch-katholische östliche Kirchen sind nicht als Re-Unionsbemühung Roms aus einer altorientalischen oder orthodoxen Kirche hervorgegangen. Die altorientalische römisch-katholische Maronitisch-Syrische Kirche [→ Syrische Orthodoxe Kirche von Antiochien und dem ganzen Osten], die im 7. Jahrhundert entstand und sich auf den Bischofssitz in Antiochien zurückführt, ist ein Beispiel für eine solche selbstständig gediehene römisch-katholische östliche Kirche.

Im 17. Jahrhundert trieb besonders das Wirken der Societas JesuSocietas Jesu, der ,Jesuiten‘, das römisch-katholische Bestreben voran, die Orthodoxie mit dem Katholizismus zusammenzuführen, im 19. und frühen 20. Jahrhundert waren es häufig nationalpolitische Interessen, die die Gründung unierter Kirchen forcierten. In den meisten osteuropäischen Ländern unter kommunistischer Herrschaft wurden die mit Rom unierten Kirchen im 20. Jahrhundert verboten und ihre Geistlichen und Mitglieder zur Konversion zur Orthodoxie gezwungen.

Im Hinblick auf Mitgliederzahlen sind diese Kirchen eher kleine Religionsgemeinschaften. Aber sie bilden bis heute ein Spannungsfeld im Verhältnis von Orthodoxie und römischen Katholizismus.

2.4 Die orthodoxen Kirchen unter islamischer Herrschaft

Die nachhaltigste Erschütterung in der Geschichte der meisten altorientalischen und einiger byzantinisch-orthodoxer Kirchen stellte die jahrhundertelange muslimische Herrschaft auf ihren Gebieten dar.

In der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts gewannen die Araber die Vormacht im gesamten Orient. Von Ende April bis Anfang Mai 1453 wurde Konstantinopel erobert. Das bedeutete das Ende des byzantinischen Reichs. Die Flucht zahlreicher griechischer Gelehrter in den lateinischen Westen und die damit verbundene Anhebung von Wissen und antiker Bildung leitete in Europa RenaissanceRenaissance und HumanismusHumanismus ein. Anfang des 16. Jahrhunderts weitete sich die osmanische Herrschaft auch über Syrien und Ägypten aus.

Lebensbedingungen der ChristenMit der Herrschaft von Nicht-Christen änderten sich die Lebensbedingungen der Christen auf den jeweiligen Gebieten grundlegend, wenn auch regional sehr verschieden und von den Lokalbehörden flexibel geregelt. Prinzipiell waren Christen Schutzbefohlene, die gegen die Zahlung einer Kopfsteuer ihre ReligionReligion frei ausüben durften. Allerdings waren Mission unter Muslimen und die öffentliche Repräsentation des Christentums verboten. Durch die fehlenden Möglichkeiten der Verbreitung des Christentums, durch Repressionen und Fluchtbewegungen entwickelte sich das Christentum, ehemals die beherrschende Religion des Orients, im Laufe der Jahrhunderte zu einer Minderheitenreligion. In den meisten Ländern unter muslimischer Oberhoheit stagnierte die Entfaltung und Weiterentwicklung von Theologie durch die Einschränkungen im Bildungsbereich und das Fehlen eigener theologischer Ausbildungsstätten.

Die Situation vom 19. bis zum 21. JahrhundertDie Krise des osmanischen Reichs im 19. und frühen 20. Jahrhundert und die Herausbildung muslimischer Nationalstaaten führte die christlichen Gemeinschaften auf den entsprechenden Gebieten teilweise in schwerste Christenverfolgungen.

Heute ist das Zusammenleben von Christen und Muslimen in den verschiedenen orientalischen Nationalstaaten unterschiedlich geregelt.

2.5 Die Kirche des Westens im Mittelalter

Abendländisches SchismaInnerhalb der westlichen Reichskirche kam es an verschiedenen Orten in verschiedenen Zusammenhängen zu Spannungen. Ein Brennpunkt war der mal mehr, mal minder offen ausgetragene Konflikt zwischen Kaiser und Papst um die weltliche Vorherrschaft.Das Abendländische SchismaSchisma Die Kirche geriet immer mehr in enge Vernetzungen mit der Politik der Zeit und wurde davon geprägt. Das führte die Reichskirche letztlich zur babylonischen Gefangenschaft des Papstes in Avignon und 1378 zum Abendländischen SchismaSchismaAbendländischesAbendländisches Schisma, einer Zeit, in der es zwei bzw. drei Päpste gab. Erst auf dem KonzilKonzil / Konziliarismus von KonstanzKonzil / KonziliarismusKonzil von Konstanz (1414–1418) konnte dieser Zustand überwunden werden.

Reformbewegungen und KirchenkritikDie politischen und kirchenpolitischen Turbulenzen, in denen sich die Reichskirche befand, erklären, warum theologische Impulse vielfach von den OrdenOrden ausgingen. Sie gaben mit ihren Reformbemühungen den Anstoß für neue geistliche Aufbrüche. Insbesondere die Armutsbewegungen führten der Reichskirche vor Augen, wie weit sie sich von ihren Anfängen entfernt hatte. Neue BewegungenBewegung(en) wie die KatharerKatharer (= die ,Reinen‘) oder die → Waldenser brachen mit der Reichskirche und wurden als Ketzer verfolgt. Diese Bewegungen und auch Kirchenkritik und Reformbemühungen einzelner Theologen wie John Wyclif$Wyclif, John, um 1320/30–1384, Theologe, Vorreformator (um 1320/30–1384) oder Jan Hus (1370–1415)$Hus, Jan, 1370–1415, Theologe, Vorreformator konnten kirchlicherseits unterdrückt werden, jedoch ohne die zugrundeliegenden Ideen ganz auslöschen zu können. Lediglich die politische Lage im 16. Jahrhundert verhinderte, dass die römische Kirche ähnliche Reformbestrebungen auf deutschem Gebiet unterbinden konnte. So kam es in diesem Jahrhundert zur tiefgreifenden Veränderung der kirchlichen Landschaft im Westen.

2.6 Die Reformation

Die westliche Kirche wurde durch das Wirken des Wittenberger Mönches Martin Luther (1483–1546)$Luther, Martin, 1483–1546, evangelischer Theologe, Reformator, Namensgeber der Lutheraner grundlegend verändert. Sein Ziel, die römische Kirche zu reformieren, führte dazu, dass sich in Westeuropa mehrere Konfessionen manifestierten.

Die Wittenberger ReformationMartin Luther entdeckte als Professor für biblische Exegese in Wittenberg im Zuge der Auslegung des Römerbriefs, dass die Gerechtigkeit Gottes kein distributiv-strafendes Handeln Gottes meint, sondern eine heilschaffende Kraft ist. Allein der Glaube an Jesus ChristusJesus Christus als den Retter und Erlöser rechtfertigt den Menschen. Keine guten Taten, keine verdienstvollen Werke, kein AblassAblass, nicht einmal die Vermittlung der Kirche sind für die Erlangung des Heils notwendig, lediglich das gnädige Handeln Gottes. Mit dieser Theologie geriet Luther in Widerspruch zu seiner Kirche. Er stieß eine kirchliche Reformbewegung an, der sich sowohl große Teile des Kirchenvolkes als auch Fürsten anschlossen. Die Reformation nahm politische Dimensionen an.

Auf dem Augsburger Reichstag 1530 überreichten die „neugläubigen“ Stände Kaiser Karl V.$Karl V., 1500–1558, 1520–1556 Kaiser des Heiligen Römischen Reichs (1500–1558; König seit 1516 /1519, Kaiser des Heiligen Römischen Reichs seit 1520, 1556 Niederlegung aller ÄmterAmt) das bis heute grundlegende GlaubensbekenntnisGlaubensbekenntnis der evangelischen Kirchen, die Confessio AugustanaConfessio Augustana (CA), das ‚Augsburger BekenntnisBekenntnis‘.

Eine der wesentlichen Veränderungen, die die neue Lehre kirchenrechtlich auf den protestantischen Gebieten bewirkte, war die Übernahme der Verantwortung für die neue religiöse Ordnung durch die Landesherren, die die Rolle der Bischöfe einnahmen. In den Jahren 1526 bis 1532 bildete sich das protestantische → LandeskirchentumLandeskirchentum heraus.

Die Zürcher ReformationEin Zweig der Reformation neben dem, der sich in Wittenberg herausbildete, entstand in Zürich unter dem Einfluss des vom HumanismusHumanismus geprägten Huldrych Zwingli (1484–1531)$Zwingli, Huldrych, 1484–1531, evangelisch-reformierter Theologe, Reformator, der um 1516 zu der Einsicht kam, dass die Klarheit der Schrifterkenntnis im Erfassen des buchstäblichen Sinns der Schrift liege. Zwingli wurde 1519 an die bedeutendste Kirche des Stadtstaates Zürich, an das Großmünster, berufen und setzte in dieser Position seine Ideen einer Reform der Kirche durch. In der Perspektive reformierter Kirchen stellt seine Berufung den Beginn der oberdeutschen Reformation dar.

So entwickelten sich im frühen 16. Jahrhundert parallel zwei Hauptstränge der Reformation: Einmal durch das Wirken Zwinglis in Zürich, zum anderen unter Luthers$Luther, Martin, 1483–1546, evangelischer Theologe, Reformator, Namensgeber der Lutheraner Führung in Wittenberg. Aus diesen Zweigen der Reformation entwickelten sich die → Lutherischen Kirchen und die → Reformierten Kirchen.

Wesentlich unterschieden sich beide bei der Interpretation des AbendmahlsAbendmahl, eines der beiden SakramenteSakrament der evangelischen Konfession. Während Luther die reale Präsenz Christi „in, mit und unter“ den Elementen vertrat, war für Zwingli$Zwingli, Huldrych, 1484–1531, evangelisch-reformierter Theologe, Reformator Christus im Abendmahl in der Erinnerung präsent.

Die TäuferbewegungDie Zürcher Reformation war die Wiege einer weiteren BewegungBewegung(en), die auch als der „radikale Flügel der Reformation“ bezeichnet wird: die Täuferbewegung. Den Namen „Täufer“ erhielten die Anhänger dieser aus der Reformation hervorgegangenen Strömung, weil sie die TaufeTaufe als das Siegel der bewussten Bekehrung zum Christentum ansahen und deshalb die Kindertaufe ablehnten. Als WiedertäuferTaufeWiedertäufer (,Anabaptisten‘) erlitten sie grausame Verfolgungen. Aus ihrer Bewegung gingen unter der Führung des ehemaligen römisch-katholischen Priesters Menno Simons$Simons, Menno, 1496–1561, römisch-katholischer Priester, Theologe, führende Persönlichkeit der Täuferbewegung, Namensgeber der Mennoniten (1496–1561) Gemeindegründungen hervor, die sich als → Mennoniten eine Struktur gaben. Weitere aus der Täuferbewegung hervorgegangene religiöse Gemeinschaften sind die in Nordamerika verbreiteten HuttererHutterer und die AmischenAmischen.

Die Genfer ReformationNeben Huldrych Zwingli$Zwingli, Huldrych, 1484–1531, evangelisch-reformierter Theologe, Reformator ist Johannes Calvin (1509–1564) ein für die reformierten Kirchen bedeutender Reformator. Er gehörte der zweiten Generation der Reformatoren an und wirkte seit den späten 1530er Jahren in Genf. Da für ihn die Sorge um die Gestalt der Gemeinde und um die Übereinstimmung von Lehre und Leben im Mittelpunkt der theologischen Überlegungen stand, wollte er die Kirche nach der Ordnung des EvangeliumsEvangelium erneuern. Dazu gehörte eine strenge KirchenzuchtKirchenzucht, die kennzeichnend für den Calvinismus wurde, der sich in den folgenden Jahrzehnten erfolgreich in Europa, v.a. in Frankreich, England, Schottland und den Niederlanden, ausbreitete und in Nordamerika Fuß fasste. Einen direkten Einfluss hatte der Calvinismus sowohl auf den französischen Protestantismus, dessen Anhänger, die Hugenotten, von der Römisch-katholischen Kirche verfolgt wurden, als auch auf den sich der anglikanischen StaatskircheStaatskirche in England widersetzenden PuritanismusPuritanismus. Die presbyterianische Kirche von Schottland wurde ebenfalls stark vom Calvinismus beeinflusst. In Deutschland war der Calvinismus nur schwach vertreten, hatte aber Berührungspunkte mit dem PietismusPietismus, der über die ErweckungsbewegungErweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts in die Gemeinschaftsbewegung hineinwirkte.

2.7 Die Entwicklungen im 16. und 17. Jahrhundert

Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 und der den Dreißigjährigen Krieg abschließende Westfälische Friede von 1648 hielten u.a. fest, dass es keine Reichskirche mehr gab, sondern auf deren Territorium verschiedene Kirchen mit eigenem BekenntnisBekenntnis, d.h. dem des Fürsten. Zunächst waren das nur „lutherische“ und „katholische“, später auch „reformierte“ Kirchen. Weitere in dieser Zeit entstandene Glaubensgemeinschaften waren nicht geduldet.

In England wurde die von Rom unabhängige Church of England, die ,Kirche von England‘, und damit die → Anglikanische Kirche gegründet. Auf dem Kontinent waren die Altgläubigen [→ Römisch-katholische Kirche] herausgefordert, ihre Identität auf dem KonzilKonzil / Konziliarismus zu Trient (1545–1563) neu zu begründen. Dieses Konzil mit seinen Entscheidungen bildete eine, im konfessionellen Sinn, „katholische“ Identität aus. Unter diesem Gesichtspunkt ist auch die Römisch-katholische Kirche eine aus der Reformation hervorgegangene Kirche.

2.8 Konfessionelle Aufbrüche im 18. und 19. Jahrhundert

GroßbritannienAus der Kirche von England erwuchsen im 18. Jahrhundert die → Methodisten und verbreiteten sich in Großbritannien und den USA. Von ihnen wiederum leitete sich die → Heilsarmee/Salvation Army ab, die Kirche des Nazareners sowie andere Glaubensgemeinschaften.

Deutsches ReichIm 19. Jahrhundert verbanden sich auf deutschem Gebiet unter dem Eindruck von PietismusPietismus, Aufklärung und Rationalismus einige reformierte und einige lutherische Kirchen zu den → unierten Kirchen.

Die Römisch-katholische Kirche erlebte, dass die Dogmenentwicklung des 19. Jahrhunderts, speziell die Papstdogmen von 1870, nicht auf den Konsens der Gläubigen stieß und sich in Deutschland die → Altkatholische Kirche bildete.

Westeuropa und NordamerikaDie Erweckungs- und Heiligungsbewegung des 18. und 19. Jahrhunderts wurde in verschiedenen Regionen und Ländern der Welt für aufkommende christliche Strömungen und Kirchenbildungen bedeutsam. Prediger, die sich Elemente verschiedener Glaubenssysteme bedienten, brachten neue Impulse in das religiöse Leben und gewannen v.a. für → Methodisten und → Baptisten neue Mitglieder. Daneben entstanden Gemeinschaften wie die sich vom LandeskirchentumLandeskirchentum scharf abgrenzenden → Freien Evangelischen Gemeinden und die → Siebenten-Tags-Adventisten, die auf die baldige Wiederkehr ChristiWiederkehr ChristiParusie hofften. Von einer ähnlich endzeitlich geprägten Stimmung waren die katholisch-apostolischen Gemeinden ergriffen, aus denen sich im 19. Jahrhundert die → Neuapostolische Kirche entwickelte.

Die konfessionelle Entwicklung in der Neuzeit und neueren Geschichte war gekennzeichnet von einer gegenseitigen Beeinflussung der Kirchen und Glaubensgemeinschaften.

Weiterführende Literatur

Moeller, Bernd (2011), Geschichte des Christentums in Grundzügen, 10., völlig neu bearb. Aufl., Göttingen.

Hauschild, Wolf-Dieter, Drecoll, Volker Henning (2016), Alte Kirche und Mittelalter, Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte 1, 5., vollst. überarb. Aufl., Gütersloh.

Hauschild, Wolf-Dieter (2001), Reformation und Neuzeit, Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte 2, 2., durchges. Aufl., Gütersloh.

Jung, Martin H. (2010), Kirchengeschichte, Göttingen.

Wallmann, Johannes (2006), Kirchengeschichte Deutschlands seit der Reformation, 6., durchges. Aufl., Tübingen.

3 Die personelle apostolische SukzessionSukzessionApostolische SukzessionApostolizitätApostolische Sukzession
3.1 Die Römisch-katholische Kirche

Katholisch ist ein lateinisches bzw. griechisches Lehnwort und bedeutet ‚allgemein‘, ‚umfassend‘. In diesem Sinn versteht sich jede Kirche als katholisch. Der Mönch Vinzenz$Vinzenz von Lérins, gest. um 434/450, Mönch, Kirchenvater von Lérins (gest. um 434/450) formulierte im 5. Jahrhundert, was katholisch ist: „In eben jener katholischen Kirche selbst ist mit größter Sorgfalt dafür zu sorgen, dass wir halten, was überall, was immer, was von allen geglaubt wurde. Denn das ist wirklich und wahrhaft katholisch, was, wie der Name und Grund der Sache erklären, alle insgesamt umfasst.“

Dieses Selbstverständnis lebt in ganz besonderer Weise die Römisch-katholische Kirche. Der Zusatz römisch spezifiziert also die Bezeichnung katholisch und kennzeichnet eine Konfession, deren Selbstverständnis darin besteht, nicht eine Kirche neben anderen zu sein, sondern die Kirche. Henri Kardinal de Lubac SJ (1896–1991)$Lubac, Henri de, 1896–1991, römisch-katholischer Kardinal, Jesuit formulierte dazu:

Im Katholizismus eine ReligionReligion neben anderen, eine Lehre neben anderen zu sehen, hieße, sich über sein Wesen zu täuschen. Der Katholizismus ist die Religion. Er ist die Form, die die Menschheit annehmen soll, um endlich sie selbst zu werden. Er ist die einzige Wirklichkeit, die um zu sein, es nicht nötig hat, sich entgegenzusetzen. Die Kirche ist überall zu Hause, und jeder soll sich in der Kirche zu Hause fühlen können. (Lubac, 1970, 263).

Die Messe als Herz der KircheDie Römisch-katholische Kirche ist mit ca. 1,3 Milliarden Gläubigen die größte der Welt. Ihr Herz schlägt in der Feier der Messe. Das Feiern der LiturgieLiturgie bildet die Identität der Kirche. Sie verbindet Gläubige in der ganzen Welt zu einer Gemeinschaft. Überall auf der Welt finden sie in der Messe ihre Kirche vor. Die Einheitlichkeit der Liturgie entspricht dabei dem Bewusstsein der Gläubigen, einer Weltkirche anzugehören, die in und aus verschiedenen Ortskirchen besteht. Dieses Bewusstsein findet seinen deutlichsten Ausdruck im hierarchischen Aufbau der Kirche, an deren Spitze der BischofBischof von Rom steht. Der Papst ist das Zeichen der Einheit dieser Kirche. Innerhalb dieser Hierarchie und Einheit findet sich eine erstaunliche Vielfalt an Lebensformen und theologischen Strömungen, die dazu führen, dass die Römisch-katholische Kirche kein monolithischer Block, sondern in sich bunt und vielfältig ist.

Dieser scheinbare Gegensatz wird von dem französischen Schriftsteller Georges Bernanos$Bernanos, Georges, 1888–1948, Schriftsteller (1888–1948) exemplarisch ausgedrückt:

Nichts scheint besser geregelt, strikter geordnet, hierarchisiert, angeglichen als das äußere Leben der Kirche. Aber ihr inneres Leben überbordet von unwahrscheinlichen Freiheiten, fast möchte man sagen, von göttlichen Extravaganzen des Heiligen Gottes. (Heyer, 1977, 495)

3.1.1 Die Realisierung der ApostolizitätApostolizitätRealisierung der Apostolizität: Theologische Grundlagen

Die Römisch-katholische Kirche versteht sich laut der Dogmatischen Konstitution „Lumen Gentium“ (LG) des II. Vatikanischen KonzilsKonzil / KonziliarismusII. Vatikanisches Konzil von 1964 als Volk Gottes, Leib Christi und Tempel des Heiligen GeistesHeiliger Geist. Sie sieht dabei eine Analogie zur Zwei-Naturen-LehreZwei-Naturen-Lehre Christi (LG 8) und bestimmt ihr Wesen als MysteriumMysterien, da sie „eine einzige komplexe Wirklichkeit, die aus menschlichem und göttlichem Element zusammenwächst“ (LG 8), bildet. Die Kirche versteht sich als ein Zeichen Gottes in der Welt, das die Verbindung der Glaubenden untereinander und mit Gott anzeigt und vermittelt. Sie ist darin – wieder analog gedacht – einem SakramentSakrament ähnlich. Allerdings lässt sie sich eher als Grundsakrament verstehen. In ihr findet sich die Fülle des Heils und die Fülle der Heilsmittel, der Sakramente im engeren Sinn. Die Kirche ist deshalb keine Kirche unter anderen, sondern Volk Gottes und der sichtbare Leib Christi, der in diese Welt hineinwächst (LG 3).

Die Notwendigkeit der KircheDie Kirche ist notwendig, um das Heilsangebot Gottes in die Welt zu tragen. Sie hat den Auftrag, das EvangeliumEvangelium zu verkünden, damit alle Menschen die Möglichkeit haben, sich ihr anzuschließen. Wer sich wissentlich und willentlich entschließt, ihr nicht angehören zu wollen, geht nach römisch-katholischem Verständnis verloren. Nur diejenigen, die „der Gemeinschaft der Kirche voll eingegliedert“ sind, die ihre „Heilsmittel annehmen und in ihrem sichtbaren Verband mit Christus, der sie durch den Papst und die Bischöfe leitet, verbunden sind“ (LG 14), können vollkommen darauf vertrauen, dass ihnen Heil zuteilwerden wird.

Die hohe Bedeutung der Kirche wird in dieser Bestimmung sichtbar. Die Kirche ist selbst Gegenstand des Glaubens. Darum ist auch ihre irdische Gestalt, ihre Organisation nicht beliebig. Sie ist die „mit hierarchischen Organen ausgestattete Gesellschaft und der geheimnisvolle Leib Christi,Die Kirche als Gegenstand des Glaubens die sichtbare Versammlung und die geistliche Gemeinschaft, die irdische Kirche und die mit himmlischen Gaben beschenkte Kirche.“ (LG 8) Das II. Vatikanische KonzilKonzil / Konziliarismus formulierte die Selbstwahrnehmung der Römisch-katholischen Kirche: Sie ist „die einzige Kirche Christi, die wir im GlaubensbekenntnisGlaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen.“ (LG 8) Ihre Gestalt ist nicht beliebig, sondern „sie zu weiden, hat unser Erlöser nach seiner Auferstehung dem Petrus übertragen, ihm und den übrigen ApostelnApostel hat er ihre Ausbreitung und Leitung anvertraut.“ (LG 8) Die wahre Kirche Jesu ChristiJesus Christus ist demnach „in dieser Welt als Gesellschaft verfasst und geordnet.“ Sie „ist verwirklicht (subsistit) in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird.“ (LG 8) Diese Bestimmung schließt allerdings nicht aus, so das Konzil weiter, dass „außerhalb ihres Gefüges vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit zu finden sind, die als der Kirche Christi eigene Gaben auf die katholische Einheit hindrängen.“ (LG 8) Hier öffnet sich die Römisch-katholische Kirche also den anderen Kirchen der Welt und erkennt deren Existenzberechtigung an. Weiter zu interpretieren bleibt nur, inwiefern die „Elemente der Heiligung und Wahrheit“ auf eine katholische Einheit drängen. Ist hier eine „römisch-katholische“ Einheit oder eine „katholische“, also allgemeine Einheit gemeint? Grundsätzlich ist diese Bestimmung aber ökumenisch anschlussfähig und die Römisch-katholische Kirche gibt damit zu erkennen, dass keine totale Identifikation des Leibes Christi mit der Römisch-katholischen Kirche gemeint ist. Vielmehr lässt das Konzil erkennen, dass Kirche-Sein in verschiedener Abstufung vorkommen kann und deshalb auch andere Konfessionen Spuren des Kirchlichen aufweisen.

Die Leitung der KircheDer bleibende Auftrag zur Leitung der Kirche wird realisiert, indem die ApostelApostel Nachfolger bestimmt haben bzw. die Kirche Nachfolger der Apostel erkannt und benannt hat. Die Kirche hat die volle ApostolizitätApostolizität bewahrt, weil sie sich historisch auf die Apostel Jesu zurückbezieht, die Jesus selbst zur Leitung seiner Kirche eingesetzt hat. Die Bischöfe sind Nachfolger der Apostel und achten auf den Verbleib der Kirche bei ihrem apostolischen Ursprung. Diese personelle apostolische SukzessionSukzessionApostolische SukzessionApostolizitätApostolische Sukzession garantiert die bleibende Botschaft des EvangeliumsEvangelium. Ebenso wichtig ist die Gemeinschaft der Bischöfe untereinander. Es ist nicht nur die ununterbrochene Kette von Handauflegungen, um die es hier geht, sondern vordringlich um die Aufnahme jedes BischofsBischof in die Gesamtheit des Episkopats.

Das AmtAmt des BischofsBischof ist notwendig für die Existenz der Kirche und beruht letztlich auf göttlicher Einsetzung durch Jesus. „Wo der Bischof ist, da ist die Kirche“ (ubi episcopus, ibi ecclesia), legte bereits Cyprian$Cyprian von Karthago, gest. 258, Bischof, Kirchenvater von Karthago (gest. 258) fest.

Die Römisch-katholische Kirche ist ihrer Struktur nach eine bischöflich orientierte Kirche. Trotzdem haben auch die „Laien“ ihre Funktion in der Kirche. Als „Laie“ wird dabei jeder Gläubige verstanden, „mit Ausnahme der Glieder des Weihestandes und des in der Kirche anerkannten Ordensstandes.“ (LG 31) Die Laien sind dazu aufgerufen, „dafür zu wirken, dass der göttliche Heilsratschluss mehr und mehr alle Menschen aller Zeiten und überall auf der Erde erreiche.“ (LG 33)

Der Stand der Amtsträger, der KlerusKlerus, ist von den Laien qualitativ verschieden:

Der Amtspriester nämlich bildet kraft seiner heiligen Gewalt, die er innehat, das priesterliche Volk heran und leitet es; er vollzieht in der Person Christi das eucharistische Opfer und bringt es im Namen des ganzen Volkes Gott dar; die Gläubigen hingegen wirken kraft ihres königlichen Priestertums an der eucharistischen Darbringung mit und üben ihr Priestertum aus im Empfang der SakramenteSakrament, im Gebet, in der Danksagung, im Zeugnis eines heiligen Lebens, durch Selbstverleugnung und tätige Liebe. (LG 10)

Die geistliche Ordnung der KircheDer BischofBischof steht an der Spitze des geistlichen Amtes, das in sich dreigeteilt ist. Durch Handauflegung und Gebet wird der Bischof bei seiner WeiheWeihe zum Dienst der Verkündigung, zur Verwaltung der SakramenteSakrament und der Leitung seiner Diözese berufen und in die personell verstandene apostolische SukzessionSukzessionApostolische SukzessionApostolizitätApostolische Sukzession eingegliedert. Weil er in seiner Person Christus in der Gemeinde verkörpert (LG 22), ist sein AmtAmt sakramentaler NaturNatur. Die Amtsübertragung wird dadurch selbst zum Sakrament (Weihe). „Die Bischöfe leiten die ihnen zugewiesenen Teilkirchen als Stellvertreter und Gesandte Christi durch Rat, Zuspruch, Beispiel, aber auch in AutoritätAutorität und heiliger Vollmacht.“ (LG 27) Sie sind demnach „aufgrund göttlicher Einsetzung an die Stelle der ApostelApostel als Hirten der Kirche getreten […]. Wer sie hört, hört Christus, und wer sie verachtet, verachtet Christus und ihn, der Christus gesandt hat.“ (LG 20) Aufgrund ihrer Einsetzung verlangen die Bischöfe von den Gläubigen Gehorsam: „Die Gläubigen aber müssen mit einem im Namen Christi vorgetragenen Spruch ihres Bischofs in Glaubens- und Sittensachen übereinkommen und ihm mit religiös gegründetem Gehorsam anhangen.“ (LG 25) Allerdings haben die Gläubigen auch das Recht und die Pflicht, zur Willensbildung der Kirche beizutragen und sich an Diskussionen zu beteiligen.

Das AmtAmt des Priesters als zweite sakramentale Weihestufe entwickelte sich aus dem Presbyterium, das in der Alten Kirche den BischofBischof bei der Leitung einer größeren Ortskirche unterstützte. Der PriesterPriester wird vom Bischof geweiht und beauftragt. Er ist der Stellvertreter des Bischofs, wenn er den Hirtendienst in der Gemeinde am Ort wahrnimmt. Dazu heißt es in „Lumen Gentium“: „Die Priester haben zwar nicht die höchste Stufe der priesterlichen WeiheWeihe und hängen in der Ausübung ihrer Gewalt von den Bischöfen ab; dennoch sind sie mit ihnen in der priesterlichen Würde verbunden und kraft des Weihesakramentes nach dem Bilde Christi … zur Verkündigung der Frohbotschaft, zum Hirtendienst an den Gläubigen und zur Feier des GottesdienstesGottesdienst geweiht.“ (LG 28)

An dritter Stelle steht das AmtAmt des DiakonsDiakon, dessen WeiheWeihe die erste sakramentale Weihestufe bildet. Hier muss zwischen dem ständigen Diakonat und der zum Priesteramt führenden Weihestufe unterschieden werden, da der ständige Diakonat auch von verheirateten Männern ausgeübt werden kann, während die weiteren Weihestufen nur unverheirateten, zölibatär lebenden Männern vorbehalten sind. Der Diakon ist in erster Linie für karitative oder katechetische Aufgaben zuständig, kann aber auch liturgische Funktionen übernehmen. Die Diakone

dienen … dem Volke Gottes in der Diakonie der LiturgieLiturgie, des Wortes und der Liebestätigkeit in Gemeinschaft mit dem BischofBischof und seinem Presbyterium. Sache des DiakonsDiakon ist es, je nach Weisung der zuständigen AutoritätAutorität, feierlich die TaufeTaufe zu spenden, die EucharistieEucharistie zu verwahren und auszuteilen, der Eheschließung im Namen der Kirche zu assistieren und sie zu segnen, die Wegzehrung den Sterbenden zu überbringen, vor den Gläubigen die Heilige Schrift zu lesen, das Volk zu lehren und zu ermahnen, dem GottesdienstGottesdienst und dem Gebet der Gläubigen vorzustehen, Sakramentalien zu spenden und den Beerdigungsritus zu leiten. (LG 29)

Zusammenfassend zum Amtsverständnis stellte das II. Vaticanum fest:

Christus, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat, hat durch seine ApostelApostel deren Nachfolger, die Bischöfe, seiner eigenen WeiheWeihe und Sendung teilhaftig gemacht. Diese wiederum haben die Aufgabe ihres Dienstamtes in mehrfacher Abstufung verschiedenen Trägern in der Kirche rechtmäßig weitergegeben. So wird das aus göttlicher Einsetzung kommende kirchliche Dienstamt in verschiedenen Ordnungen ausgeübt von jenen, die schon seit alters Bischöfe, PriesterPriester, DiakoneDiakon heißen. (LG 28)

Diese Struktur gehört zum wahren Sein der Kirche, weshalb Kirchen, die eine solche Amtsstruktur nicht kennen, aus römisch-katholischer Sicht keine Kirchen im Vollsinn des Begriffs sind.

Den Amtsträgern, dem „KlerusKlerus“, ist also das Hirtenamt Jesu verliehen. Weil der Hirte anstelle Christi handelt, z.B. im Rahmen der Eucharistiefeier „in persona Christi“, muss er Christus gleichgestaltet sein. Weil Christus selbst außerdem nur Männer in den Dienst berief, können nur Männer zu Amtsträgern berufen werden.

Beide Feststellungen – gewichtiger dürfte der zweite Gedanke sein – verbieten also grundsätzlich die WeiheWeihe von Frauen. Allerdings ist hier auch in der Römisch-katholischen Kirche die Diskussion noch nicht am Ende [→ FrauenordinationFrauenordination].

Der Papst als Garant und Zeichen der EinheitDie Bischöfe bilden in ihrer Ortskirche, in der Diözese oder in dem Bistum, Christus als Haupt der Kirche ab. Sowohl in diesen Ortskirchen als auch aus ihnen besteht die Römisch-katholische Kirche als Weltkirche, deren Oberhaupt wiederum der Papst, der BischofBischof von Rom, bildet. Er steht an der Spitze des Episkopats, der Gesamtheit der Bischöfe, die gemeinsam das Kollegium der ApostelApostel symbolisieren.

Das Kollegium oder die Körperschaft der Bischöfe hat aber nur AutoritätAutorität, wenn das Kollegium verstanden wird in Gemeinschaft mit dem BischofBischof von Rom, dem Nachfolger Petri, als seinem Haupt, und unbeschadet dessen primatialer Gewalt über alle Hirten und Gläubigen. Der Bischof von Rom hat nämlich kraft seines Amtes als Stellvertreter Christi und Hirt der ganzen Kirche volle, höchste und universale Gewalt über die Kirche und kann sie immer frei ausüben. (LG 22)

Da der Episkopat der Einheit der KircheKircheEinheit der Kirche dient, muss er diese Einheit in sich selbst abbilden. „Damit … der Episkopat selbst einer und ungeteilt sei, hat [Jesus ChristusJesus Christus] den heiligen Petrus an die Spitze der übrigen ApostelApostel gestellt und in ihm ein immerwährendes und sichtbares Prinzip und Fundament der Glaubenseinheit und der Gemeinschaft eingesetzt.“ (LG 18) Auch hier zeigt sich der Analogiegedanke: Weil Christus als Person die Einheit der Kirche garantiert, muss auch in Analogie dazu eine Person (und nicht etwa ein Prinzip wie z.B. die Mehrheit der Bischöfe) die Einheit der Kirche sichern und repräsentieren. Diese historisch gewachsene Vorstellung wird dann mit biblischen Zitaten belegt. So werden Joh 21,15 und Mt 16,18 herangezogen, um die Bedeutung des Papstamtes zu belegen. Als Nachfolger des Petrus kann der Papst deshalb die AutoritätAutorität in der KircheAutoritätAutorität in der Kirche allein beanspruchen. Er ist „das immerwährende, sichtbare Prinzip und Fundament für die Einheit der Vielheit von Bischöfen und Gläubigen.“ (LG 23)

Bereits das I. Vatikanische KonzilKonzil / Konziliarismus stellte in seiner Dogmatischen Konstitution „Pastor Aeternus“ (PA) von 1870 klar, dass der römische Papst der Nachfolger des „heiligen Apostelfürsten Petrus“ sei und „wirklich der Stellvertreter Christi, das Haupt der ganzen Kirche, der Vater und Lehrer aller Christen“, dem von Christus durch Petrus die Vollmacht übergeben ist, „die gesamte Kirche zu weiden, zu regieren und zu leiten.“ (PA 10)

Die Vollmachten des PapstesUm seine Aufgabe als Garant der Einheit ausführen zu können, werden dem Papst zwei grundlegende Rechte zugesprochen:

Erstens besitzt er die höchste Rechtsgewalt in der Kirche, den Jurisdiktionsprimat. Dadurch kann er in die einzelnen Bistümer und die Befugnisse des Ortsbischofs eingreifen. Der Papst besitzt „über alle anderen Kirchen den Vorrang der ordentlichen Gewalt.“ (PA 11) Ihm gegenüber sind „die Gläubigen und die Hirten jeglichen Ritus und Ranges, und zwar sowohl einzeln wie in ihrer Gesamtheit, zu hierarchischer Unterordnung und zu wahrem Gehorsam verpflichtet.“ Das betrifft nicht nur „Fragen des Glaubens und des sittlichen Lebens“, sondern alles, „was zur Disziplin und zur Regierung der Kirche“ gehört (PA 11).

Zweitens kommt dem Papst in Fragen des Glaubens und der Moral Unfehlbarkeit (= Infallibilität) zu. Das bedeutet, wenn er

‚ex Cathedra‘ spricht, – das heißt, wenn er in Ausübung seines Amtes als Hirte und Lehrer aller Christen mit seiner höchsten Apostolischen AutoritätAutorität erklärt, dass eine Lehre, die den Glauben oder das sittliche Leben betrifft, von der ganzen Kirche gläubig festzuhalten ist, – dann besitzt er kraft des göttlichen Beistandes, der ihm im heiligen Petrus verheißen wurde, eben jene Unfehlbarkeit, mit der der göttliche Erlöser seine Kirche bei Entscheidungen in der Glaubens- und Sittenlehre ausgerüstet wissen wollte. Deshalb lassen solche Lehrentscheidungen des römischen Papstes keine Abänderung mehr zu, und zwar schon von sich aus, nicht erst infolge der Zustimmung der Kirche. (PA 21)

Die OffenbarungOffenbarung und das LehramtLehramtDie Dogmatische Konstitution „Dei Verbum“ (DV) des II. Vatikanischen KonzilsKonzil / KonziliarismusII. Vatikanisches Konzil von 1965 behandelt die Frage nach der OffenbarungOffenbarung. Die Offenbarung Gottes ist die Selbstmitteilung Gottes. Gott offenbart sich in Christus als die Liebe (DV 2). Christus ist deshalb der einzige und entscheidende Mittler zwischen Gott und den Menschen. Die Kirche bezieht sich aus diesem Grund immer auf Christus zurück und bleibt auf ihn angewiesen. Auf die Offenbarung Gottes in Christus antwortet die Kirche als Nachfolgerin der Jünger Jesu mit dem Glauben. Der Glaube der Kirche ist dem Geschehen der Offenbarung Gottes daher zwar nachgeordnet, gehört aber untrennbar als Wirkung der Selbstmitteilung Gottes zu dieser hinzu (DV 5).

Die persönliche Begegnung mit Gott, die durch die Kirche vermittelt wird, steht dabei im Vordergrund. Die Kirche bezeugt und vermittelt die OffenbarungOffenbarung Gottes in Jesus ChristusJesus Christus. In ihr begegnet Gott dem Menschen. Die BibelBibel enthält als „Heilige Schrift“ die Offenbarung Gottes. Sie ist wesentlicher Inhalt der kirchlichen Überlieferung und dient dieser gleichzeitig als Quelle der OffenbarungOffenbarungQuelle(n) der Offenbarung. Die Bibel ist das Zeugnis des von Gott berufenen Volkes, in dessen Raum, also in der Kirche, die Bibel zugleich Antwort auf Gottes Offenbarung wie auch Richtschnur der Kirche ist. Als geschriebenes Wort ist sie die Fortsetzung der mündlichen Predigt der ApostelApostel. Sie bildet die Grundlage und Orientierung der weitergehenden Verkündigungstätigkeit der Kirche. Zusammen mit der kirchlichen Überlieferung bildet sie das Wort Gottes, das der Kirche überlassen ist.

Das richtige Verständnis der Heiligen SchriftUm die Schrift richtig zu verstehen, muss man im römisch-katholischen Verständnis zunächst ihren inneren Zusammenhang beachten. Da das Heil des Menschen im Mittelpunkt der göttlichen OffenbarungOffenbarung steht, dient es auch als hermeneutisches Prinzip der Schriftauslegung. Die heilvolle Zuwendung Gottes zum Menschen gibt die Richtung der Auslegung jeder einzelnen Textstelle vor und führt zur „kanonischen Lektüre“, die alle Texte des Schriftkanons auf die Mitte des Christusgeschehens hin interpretiert. Deshalb bedarf das Schriftstudium letztlich des kirchlichen Kontextes, der den Rahmen des Verstehens setzt. Das KonzilKonzil / Konziliarismus erklärt dazu:

Da die Heilige Schrift in dem Geist gelesen und ausgelegt werden muß, in dem sie geschrieben wurde, erfordert die rechte Ermittlung des Sinnes der heiligen Texte, daß man mit nicht geringerer Sorgfalt auf den Inhalt und die Einheit der ganzen Schrift achtet, unter Berücksichtigung der lebendigen Überlieferung der Gesamtkirche und der Analogie des Glaubens. Aufgabe der Exegeten ist es, nach diesen Regeln auf eine tiefere Erfassung und Auslegung des Sinnes der Heiligen Schrift hinzuarbeiten, damit so gleichsam aufgrund wissenschaftlicher Vorarbeit das Urteil der Kirche reift. (DV 12)

Aufgabe aller Bibelausleger ist, die Vorarbeit für die Auslegung durch das LehramtLehramt zu leisten, dem allein die verbindliche Erklärung des geschriebenen oder überlieferten Wortes Gottes zusteht. Seine Vollmacht übt es im Namen Jesu ChristiJesus Christus aus und dient dem Wort Gottes. Da es das Wort Gottes „aus göttlichem Auftrag und mit dem Beistand des Heiligen GeistesHeiliger Geist voll Ehrfurcht hört, heilig bewahrt und treu auslegt“ (DV 10) lehrt es nichts, was nicht überliefert ist. Die „Heilige Überlieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt der Kirche“ sind gemäß des weisen Ratschlusses Gottes so miteinander verknüpft, „daß keines ohne die anderen besteht und daß alle zusammen, jedes auf seine Art, durch das Tun des einen Heiligen Geistes wirksam dem Heil der Seelen dienen.“ (DV 10)

Die Heilige Schrift und das LehramtLehramtDas LehramtLehramt nimmt für sich in Anspruch, die letztverbindliche Kompetenz und AutoritätAutorität zur Bibelauslegung zu besitzen. Gleichzeitig betont es, dass die BibelBibel nicht allein die Grundlage der Glaubenslehre sein könne, sondern der harmonischen Ergänzung durch die Überlieferung bedarf, die wiederum wesentlich vom Lehramt selbst nicht nur definiert, sondern auch produziert wird. Das Lehramt beugt sich zwar unter das Wort Gottes. Das allerdings wird nur durch das Lehramt selbst vorgelegt und soll als von Gott geoffenbart geglaubt werden. Dies ist nur in der Heiligen Kirche, d.h. der Römisch-katholischen Kirche, möglich. Zusammengefasst heißt das: „Alles, was die Art der Schrifterklärung betrifft, untersteht letztlich dem Urteil der Kirche, deren gottergebener Auftrag und Dienst es ist, das Wort Gottes zu bewahren und auszulegen.“ (DV 12)

Die Heilige Schrift ist zwar die einzige und oberste Instanz der Kirche, kann aber nur durch die Kirche selbst ausgelegt werden. Losgelöst von der kirchlichen Gemeinschaft kann die BibelBibel nicht richtig verstanden werden. Interpretationen, die nicht von der kirchlichen Lehre gedeckt werden, können deshalb nicht kritisch gegen die Kirche ins Feld geführt werden. Das KonzilKonzil / Konziliarismus von TrientKonzil / KonziliarismusKonzil von Trient verurteilte in diesem Sinne in seinem Dekret über die VulgataVulgata-Ausgabe der Bibel und die Auslegungsweise der Heiligen Schrift eine solche Vorgehensweise. Niemand solle es wagen, „auf eigene Klugheit gestützt in Fragen des Glaubens und der Sitten, soweit sie zum Gebäude christlicher Lehre gehören, die heilige Schrift nach den eigenen Ansichten zu verdrehen“. Besonders aber sei verboten, die Schrift „gegen jenen Sinn, den die heilige Mutter Kirche festgehalten hat und festhält […] oder auch gegen die einmütige Übereinstimmung der Väter auszulegen.“ Nur der Kirche obliege die Aufgabe, „über den wahren Sinn und die Auslegung der heiligen Schriften zu urteilen.“ (DH 1507) Damit wird im Grunde jede „private“ Bibellektüre verboten – was dann erst 1965 mit „Dei Verbum“ wieder aufgehoben wurde.

Die Geschichte der Kirche bildet ihre TraditionTradition. Die Überlieferung des EvangeliumsEvangelium in der Kirche und durch sie gehört deshalb konstitutiv zur OffenbarungOffenbarung hinzu. Die TraditionTradition der KircheDie Überlieferung ist dabei als ein dynamischer Prozess zu verstehen: Die Kirche gewinnt durch den Heiligen GeistHeiliger Geist immer weitere Einsichten in das göttliche Wort und vervollständigt es somit.

Als Garant für die richtige Überlieferung des EvangeliumsEvangelium gilt dabei die personell verstandene apostolische SukzessionSukzessionApostolische SukzessionApostolizitätApostolische Sukzession. Die TraditionTradition wird im Laufe der Zeit aus der Lebenspraxis und Lehre der Kirche gebildet und als Vertiefung der Schrift angesehen. Die Heilige Schrift ist „Gottes Rede“, die Überlieferung gibt das Wort Gottes weiter. Es liegt also auf der Linie des dynamischen Verständnisses von OffenbarungOffenbarung, dass das Wort Gottes durch seine Vermittlung an Tiefe gewinnt und das LehramtLehramt immer wieder neu auf das Wort hören kann. Die Kirche bekommt ihre Lehren nicht nur aus der Schrift allein, sondern auch im dynamischen Prozess der Überlieferung (DV 9).

Die Überlieferung der OffenbarungOffenbarungUm die OffenbarungOffenbarung Gottes sachgemäß zu überliefern, sind im römisch-katholischen Verständnis mehrere Faktoren nötig. Zunächst steht die gesamte Kirche, auch die Laien, in der Pflicht, durch den ihr verliehenen Glaubenssinn das EvangeliumEvangelium festzuhalten. In Gemeinschaft mit dem bischöflichen LehramtLehramt sollen die Laien durch ihr Hören und Sagen die Überlieferung der christlichen Botschaft pflegen und ausbreiten. Im Zweifelsfall spricht allerdings das Lehramt der Kirche. Dem BischofBischof als Nachfolger der ApostelApostel ist unmittelbar die Verantwortung aufgetragen, das Evangelium weiterzugeben und auszulegen, wobei die letztendliche Verantwortung beim Bischof von Rom liegt. Dass die Kirche durch ihn unfehlbar die Schrift aus- und Lehren vorlegen kann, verdankt sie dem Heiligen GeistHeiliger Geist. Durch ihn will Gott der Kirche beistehen und ihr ermöglichen, seinen Heilswillen für die Welt zu realisieren. Um potenzielle Unklarheiten der biblischen Botschaft zu vermeiden, ist die Kirche als göttliches Werkzeug mit der Gewissheit ausgerüstet, ihre Auslegung autoritativ verbreiten zu können. Heilswahrheiten können daher den Gläubigen zum Gehorsam vorgelegt werden. Daher ist die Unfehlbarkeit des Lehramtes in der römisch-katholischen Vorstellung keine Anmaßung, sondern logische Konsequenz der Gnadengabe Gottes an seine Kirche.

Die AutoritätAutorität des Lehramtes in Glaubens- und SittenlehreDas LehramtLehramt besitzt nicht nur weitreichende Vollmachten in Bezug auf die Glaubenslehre, sondern untrennbar damit verwoben auch der Morallehre. Es hat die Aufgabe, den Gläubigen eine sichere Orientierung für deren Handeln an die Hand zu geben. Das ist gegenwärtig allerdings umstritten.

Papst Johannes Paul II.$Johannes Paul II., Pontifikat 1978–2005, römisch-katholischer Papst (Pontifikat: 1978–2005) diagnostizierte in der Enzyklika „Veritatis splendor“ (VS) von 1993 die Notwendigkeit, die Morallehre der Kirche zu festigen. Sie läuft

im heutigen Kontext Gefahr […], verfälscht oder verneint zu werden. Es ist nämlich eine neue Situation gerade innerhalb der christlichen Gemeinschaft entstanden, die hinsichtlich der sittlichen Lehren der Kirche die Verbreitung vielfältiger Zweifel und Einwände menschlicher und psychologischer, sozialer und kultureller, religiöser und auch im eigentlichen Sinne theologischer Art erfahren hat. Es handelt sich nicht mehr um begrenzte und gelegentliche Einwände, sondern um eine globale und systematische Infragestellung der sittlichen Lehrüberlieferung aufgrund bestimmter anthropologischer und ethischer Auffassungen. Diese haben ihre Wurzel in dem mehr oder weniger verborgenen Einfluss von Denkströmungen, die schließlich die menschliche Freiheit der Verwurzelung in dem ihr wesentlichen und für sie bestimmenden Bezug zur Wahrheit beraubt. So wird die herkömmliche Lehre über das Naturgesetz, über die Universalität und bleibende Gültigkeit seiner Gebote abgelehnt; Teile der kirchlichen Moralverkündigung werden für schlechthin unannehmbar gehalten; man ist der Meinung, das LehramtLehramt dürfe sich in Moralfragen nur einmischen, um die ,Gewissen zu ermahnen‘ und ,Werte vorzulegen‘ nach denen dann ein jeder autonom die Entscheidungen und Entschlüsse seines Lebens inspirieren wird. (VS 4)

Das LehramtLehramt lehnt es entschieden als Irrtum ab, aus dem Glauben eigenständig moralische Urteile entwickeln zu können. Glaube und Moral hängen vielmehr eng zusammen, sodass das Lehramt auch für die Morallehre zuständig ist:

Verbreitet ist auch der Zweifel am engen und untrennbaren Zusammenhang zwischen Glaube und Moral, so als würde sich die Zugehörigkeit zur Kirche und deren innere Einheit allein durch den Glauben entscheiden, während man in Sachen Moral einen Pluralismus von Anschauungen und Verhaltensweisen dulden könnte, je nach Urteil des individuellen subjektiven Gewissens bzw. der Verschiedenheit der sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen. (VS 4)

3.1.2 Besonderheiten der historischen Entwicklung

Die Römisch-katholische Kirche führt sich wie andere Kirchen auch auf die Gründung durch Jesus ChristusJesus Christus selbst zurück. Ihre Entwicklung hängt in den ersten Jahrhunderten eng mit der allgemeinen Geschichte des europäischen Westens zusammen.

Die Zeit der Alten Kirche

Der Beginn des PapsttumsPapsttumDie Vorstellung, dass der BischofBischof von Rom einen Vorrang gegenüber anderen Bischöfen hat, wurzelt in der Bedeutung der christlichen „Hauptstadtgemeinde“, die zwei ApostelApostel als ihre Säulen anführen konnte: Petrus und Paulus. Das Bewusstsein, eine besondere Gemeinde zu sein, zeigte sich bereits sehr früh. Der 1. Clemensbrief, ein um 100 verfasstes Schreiben der römischen Gemeinde nach Korinth, verdeutlicht, dass sich die römische Gemeinde bereits zu diesem Zeitpunkt als AutoritätAutorität anderer Gemeinden ansah und diesen ermahnende Ratschläge gab.

190 verlangte der römische BischofBischof Viktor$Viktor, Pontifikat 189–199, römischer Bischof (Pontifikat: 189–199) im Zusammenhang mit der Frage, wann Ostern gefeiert wird, dass sich alle Gemeinden nach dem römischen Brauch richten müssten.

Die biblische BegründungIm 3. Jahrhundert verwies BischofBischof Stefan$Stefan, Pontifikat 254–257, römischer Bischof (Pontifikat: 254–257) im Kontext eines Streites mit Cyprian$Cyprian von Karthago, gest. 258, Bischof, Kirchenvater von Karthago (gest. 258) auf Mt 16,18, um diesem seine besondere Machtfülle zu demonstrieren. Erst spät trat zur weltlichen und kirchlichen Bedeutung der Stadt Rom die biblische Begründung dafür hinzu. 382 machte Bischof Damasus$Damasus, Pontifikat 366–384, römischer Bischof (Pontifikat: 366–384) den biblischen Beleg der „Schlüsselgewalt“ zur theologischen Basis des Primatsanspruches der römischen Bischöfe.

Das römische ErbrechtDer im römischen Erbrecht begegnende Gedanke eines Erblassers und Erbnehmers wurde in Bezug auf ein kirchliches AmtAmt in Anschlag gebracht. So konnte die Verheißung an Petrus auch auf römische Bischöfe übergehen, die sich als seine Erben verstanden.

BischofBischof Damasus$Damasus, Pontifikat 366–384, römischer Bischof behauptete mithilfe dieser Argumentation, dass nur er der rechtmäßige Erbe des Petrus sei und die petrinische Sukzessionslinie die Bindegewalt des Petrus nun an den römischen Bischof übermittelt habe. Als zweites Argument führte Innozenz I.$Innozenz I., Pontifikat 401–417, römischer Bischof (Pontifikat: 401–417) ins Feld: Von Rom aus habe das EvangeliumEvangelium seinen Weg in die Welt gefunden und deshalb seien alle westlichen Gemeinden verpflichtet, der römischen LiturgieLiturgie zu folgen.

Profan römisches Recht, die Bedeutung der in Rom gestorbenen ApostelApostel und biblische Belege verbanden sich zu der Idee, dass Rom eine besondere Stellung in der Kirche einnehmen könne.

Zum Aufstieg des römischen Bischofes zum Papst – der Titel begann sich gegen Ende des 4. Jahrhunderts einzubürgern – trug wesentlich der Fall des Imperium Romanum im 5. Jahrhundert bei. Der römische BischofBischof als PapstDie römische Kirche stieß in das Vakuum, das der Staat hinterlassen hatte, indem sie sich sozial engagierte, und eine Form der Rechtsnachfolge, die Translatio Imperii, antrat. In dieser Zeit war BischofBischof Leo I.$Leo I., Pontifikat 440–461, römischer Bischof, römisch-katholischer Papst (Pontifikat: 440–461) der wichtigste Papst. Er griff den Titel des Pontifex maximus auf, der bereits von den römischen Kaisern benutzt wurde, und bekräftigte die Leitlinien der bischöflichen Politik, wie sie schon Damasus$Damasus, Pontifikat 366–384, römischer Bischof entwickelt hatte. Nach seiner Deutung war das KonzilKonzil / Konziliarismus von Chalcedon rechtgläubig, weil er es bestätigt hatte.

Augustin

Theologisch stand der Westen lange Zeit im Schatten der östlichen Kirche, von der er die wesentlichen Impulse für die ersten dogmatischen Festlegungen, z.B. der TrinitätslehreTrinitätTrinitätslehre, empfing. Neben Ambrosius von Mailand$Ambrosius von Mailand, 339–397, Bischof, Kirchenvater (339–397) und Hieronymus$Hieronymus (Sophronius Eusebius), 347–420, Theologe, Kirchenvater (347–420) war BischofBischof Augustin von Hippo$Augustin von Hippo, 354–430, Bischof, Kirchenvater (354–430) der herausragende Theologe, der im Westen ein eigenständiges Konzept der Theologie entwarf und dabei der westlichen Kirche wesentliche Impulse gab. Als gebildeter Philosoph und Rhetor gelang es ihm, die frühe christliche Überlieferung mit der griechischen PhilosophiePhilosophie zu verbinden. Er nahm entscheidende Weichenstellungen hinsichtlich verschiedener theologischer Themen vor. Gegenüber den sogenannten donatistischen Positionen, die die Gültigkeit der SakramenteSakrament mit der Würde des Sakramentspenders verknüpften, argumentierte er, dass das Sakrament durch seinen Vollzug in der wahren Kirche gültig sei. Christus selbst handle im Sakrament, nicht der menschliche Spender. Die Wirkung der TaufeTaufe werde nicht durch den Taufenden bestimmt, sondern dadurch, dass sie in rechter Weise im Namen der Dreieinigkeit und auf sie hinausgeführt werde. In der späteren mittelalterlichen Scholastik wurde das als Wirksamkeit des Sakraments ex opere operato bezeichnet, da die Handlung selbst das Wesentliche sei.

Weiterhin behandelte Augustin das Verhältnis von Kirche und Staat, das im Westen eines der beherrschenden Themen der Kirchengeschichte werden sollte. In seiner Schrift „De civitate Dei“ („Vom Gottesstaat“), die er zwischen 413 und 426 verfasste, entwickelte er die Vorstellung eines Gottesstaates, der zum irdischen Staat in einem dauerhaften Gegensatz steht. Er sah in der Kirche das Reich Gottes, gegenüber dem der Staat die Aufgabe des Schutzes habe. Der Staat bewahrt nach Augustin die Kirche in Frieden und Freiheit und darf aufgrund seiner Funktion für sie nicht absolut gesetzt werden. Zwar ist er als Folge des menschlichen Sündenfalls und da er dem Chaos und Unrecht wehrt nötig, doch kommt ihm in göttlicher Hinsicht keine Qualität zu. Ebenso wie der Staat nicht absolut gesetzt werden kann, darf es auch die irdische Kirche nicht. Sie ist nicht das Reich Gottes. Innerhalb der Kirche ist keine perfekte Gesellschaft anzutreffen, sondern es muss zwischen Wölfen und Schafen unterschieden werden. Nur Gott allein kennt die Gläubigen der wahren Kirche. Die irdische Kirche aber ist ein Mischgebilde zwischen Gläubigen und Sündern. Mit diesem Thema griff Augustin die Frage auf, was Kirche in dieser Welt sein kann und wo ihre Grenzen liegen.

Papst Gelasius$Gelasius, Pontifikat 492–496, römischer Bischof, römisch-katholischer Papst (Pontifikat: 492–496) setzte die Erkenntnisse Augustins in die Praxis um. Er verlangte, dass sich die Geistlichen in irdischen Dingen zwar dem Kaiser verpflichteten, dass es aber umgekehrt die Pflicht des Kaisers sei, sich in kirchlichen Angelegenheiten dem Papst zu beugen.

Erbsünde und GnadeGnadeDurch die Konfrontation mit dem britischen Mönch Pelagius$Pelagius, um 350/360-um 419, Prediger, Theologe, Laienmönch (um 350/360-um 419) [→ Anglikanische Gemeinschaft] erwuchs Augustin ein weiteres großes Thema.

Pelagius$Pelagius, um 350/360-um 419, Prediger, Theologe, Laienmönch war von dem moralisch zweifelhaften Lebensstil der römischen Bischöfe beunruhigt und hielt ihnen vor, billige GnadeGnade zu predigen und die Moral zu missachten. Ihm lag daran, die persönliche Schuld des Menschen aufzuweisen. Deshalb wandte er sich gegen die Annahme, dass es eine erbliche Übertragung der Sünde gebe, die an den Fortpflanzungsprozess gebunden sei. Sünde sei vielmehr eine freiwillige Nachahmung der Übertretung Adams, keine angeborene Schuld. Augustin argumentierte gegen diese Position und vertrat die Ansicht, dass in der NaturNatur des Menschen die Erbsünde angelegt wäre. Der Mensch sei von Geburt nur durch die Gnade Gottes fähig, das Gute zu tun. Die Gnade aber gewähre von Gott bestimmten Menschen den Weg zum Heil. Der Mensch bedürfe der Gnade Gottes unbedingt. Sie sei eine Kraft, die für ihn unwiderstehlich sei. Augustin betonte mit dieser Lehre, dass der Mensch von Anfang an auf Gottes Gnade angewiesen sei. Kein menschlicher Wille könne die Erlösung des Menschen unabhängig von Gott herbeiführen. Nur durch das Wirken des Geistes könne der Mensch seinen Willen auf ein moralisch gutes Leben ausrichten.

Besonderheiten der Entwicklungen im Mittelalter

Der BischofBischof von Rom blieb in der Zeit der Völkerwanderung, des Zusammenbruchs des römischen Reichs und des Übergangs von der Antike zum Mittelalter eine Konstante. Als Papst versuchte er, seinen Primatsanspruch auf das ganze Reich auszudehnen.

Während die östliche TraditionTradition eine Harmonie, die SymphoniaSymphonia, zwischen Staat und Kirche herzustellen suchte [→ Orthodoxe Kirchen], kontrastrierte Papst Gelasius$Gelasius, Pontifikat 492–496, römischer Bischof, römisch-katholischer Papst I. (Pontifikat: 492–496) die weltliche Macht durch die kirchliche und wies der kirchlichen eine größere Macht zu.

Der wichtigste Papst dieser Zeit war Gregor I. (der Große; Pontifikat: 590–604)$Gregor I. (der Große), Pontifikat 590–604, römisch-katholischer Papst, der als Mönch Papst wurde und dem es gelang, das Ideal des Hirten seiner Gemeinde zu verkörpern. Er verlangte von den Klerikern, dass sie ihr Leben als christliches Vorbild führen sollten. Die Bischöfe rief er zur Solidarität untereinander auf. Für die Stadt Rom war er bedeutend, da er nach dem Untergang des Reichs mit sozialen Leistungen die Not der Bevölkerung zu lindern versuchte. Außerdem unternahm er vermehrt missionarische Anstrengungen, z.B. unter den Goten und den Angelsachsen.

Entfremdung zwischen Ost und WestIm Frühmittelalter verschlechterten sich die Beziehungen zwischen der West- und Ostkirche des Reichs. Der Einfluss Ostroms wurde schwächer und die Päpste begannen, sich mit großem Selbstbewusstsein in die Belange der östlichen Kirche einzumischen. So widersetzte sich Papst Gregor II. (Pontifikat: 715–731)$Gregor II., Pontifikat 715–731, römisch-katholischer Papst den Steuerpflichten, die ihm vom oströmischen Kaiser auferlegt waren und widersprach ihm im Bilderstreit.

Er weihte den Angelsachsen Wynfreth$Bonifatius (Wynfreth), 653–755, Missionar, römisch-katholischer Bischof von Mainz und Utrecht (673–755) zu BischofBischof Bonifatius und gab ihm missionarische Vollmachten in Mitteleuropa. Bonifatius war direkt dem Papst unterstellt und wurde zum Bischof geweiht, ohne dass er ein Bistum erhielt. Er erhielt vielmehr die Aufgabe, Volksstämme wie die Friesen oder die Hessen zu missionieren. Bonifatius ging rigoros gegen heidnische Götter vor und ließ z.B. 723 in der Nähe von Geismar im heutigen Hessen eine dem Gott Donar (Thor) geweihte Eiche, ein germanisches Heiligtum, fällen, um die Ohnmacht der germanischen Götter zu beweisen. 732 wurde Bonifatius zum ErzbischofBischofErzbischof erhoben und zum Legaten für Germanien bestellt. Der Missionar wurde damit zum Organisator einer neuen Kirchenprovinz. Er gründete Klöster und unterstellte sie der Mönchsregel Benedikts von Nursia$Benedikt von Nursia, 480–547, römisch-katholischer Ordensgründer (480–547), der 529 die Abtei Montecassino gegründet hatte, die Keimzelle des Benediktinerordens. Das Wirken des Bonifatius markierte den Weg des PapsttumsPapsttum in den Westen.

Papst Gregor III. (Pontifikat: 731–741)$Gregor III., Pontifikat 731–741, römisch-katholischer Papst wandte sich endgültig vom Osten ab und suchte weltliche Unterstützung bei Karl Martell$Karl Martell, um 690–741, fränkischer Hausmeier, Begründer der Dynastie der Karolinger (um 690–741), dem karolingischen Hausmeier. Das PapsttumPapsttum wurde vom Frankenreich abhängig.

Die Zeit der KarolingerDas PapsttumPapsttum geriet im Mittelalter immer mehr in Auseinandersetzung mit den weltlichen Königen, da es neben seinen geistlichen Aufgaben auch politisch agierte.

Pippin III.$Pippin III., 714–768, fränkischer Hausmeier, König der Franken (714–768), der Sohn Karl Martells, ließ sich von der römischen Kirche zum König krönen. Sein Königtum wurde damit eine Herrschaft von Gottes Gnaden (lat.: dei gratia). Die Würde des Königs wurde also nicht durch seine königliche Abstammung begründet, sondern das AmtAmt wurde verliehen. Aufgrund seines Selbstverständnisses als „unmittelbar zu Gott“ fühlte sich der König auch für die Kirche verantwortlich. Kirche und weltliche Herrschaft rückten eng zusammen.

Die Krönung Karls des Großen$Karl der Große, 747–814, König des Fränkischen Reichs, 800–814 römisch-deutscher Kaiser (747–814), des bedeutendsten Herrschers der Karolinger, durch Papst Leo III.$Leo III., Pontifikat 795–816, römisch-katholischer Papst (Pontifikat: 795–816) an Weihnachten 800 in Rom war deutlicher Ausdruck dieser engen Verbindung. Das neue Kaisertum war an Rom gebunden. Der Papst konnte die Kaiserwürde verleihen.

Darüber hinaus war die Absage an das oströmische Reich manifestiert. Der Papst hatte einen „eigenen“ Kaiser kreiert. Für Kaiser Karl$Karl der Große, 747–814, König des Fränkischen Reichs, 800–814 römisch-deutscher Kaiser war die Aufgaben- und Machtverteilung zwischen ihm und dem Papst eindeutig: Dem Kaiser oblag es, das Reich und die Kirche nach außen zu verteidigen und nach innen zu festigen. Der Papst wiederum hatte die Aufgabe, den Kaiser in seinen Aufgaben zu unterstützen.

Der KirchenstaatUm sich gegen den in Italien einfallenden Volksstamm der Langobarden zu schützen, bat Papst Stephan II.$Stephan II., Pontifikat 752–757, römisch-katholischer Papst (Pontifikat: 752–757) 754 Pippin III.$Pippin III., 714–768, fränkischer Hausmeier, König der Franken (714–768), Sohn Karl Martells, erster karolingischer König und Vater Karls des Großen, um Schutz. Pippin III. gewährte ihm seine Hilfe und versprach dem Papst die Rückgabe der von den Langobarden eroberten Gebiete. Diese Gebiete vermachte Pippin in der sogenannten Pippinischen Schenkung dem Papst und schuf damit die Grundlage des Kirchenstaates, dem weltlichen Hoheitsgebiet der Päpste. Der Papst verlieh Pippin mit dem Titel Patricius Romanorum die Herrschaft über dieses Gebiet.

Stephan II.$Stephan II., Pontifikat 752–757, römisch-katholischer Papst festigte die weltliche Macht über dieses Territorium, indem er ein Dokument vorlegte, das angeblich von Kaiser Konstantin$Konstantin (der Große), 270/288–337, 306–337 Kaiser des Römischen Reichs, seit 324 als Alleinherrscher (270/288–337; Kaiser: 306–337) stammte, aber gefälscht war: die Konstantinische Schenkung. In dieser Urkunde vererbte Konstantin sein halbes Reich dem Papst und erhob diesen zu einem zweiten Kaiser neben ihm. Angeblich habe er diese Schenkung verfügt, weil Papst Silvester$Silvester, Pontifikat 314–355, römischer Bischof (Pontifikat: 314–355) ihn von einer unheilbaren Krankheit geheilt und getauft habe. Der Papst begründete seinen weltlichen Rechtsanspruch mit dem Erbe des Kaisers, also dezidiert nicht theologisch. Obwohl bereits früh Zweifel an der Echtheit der Konstantinischen Schenkung aufkamen, wurde sie erst im 15. Jahrhundert endgültig als Fälschung entlarvt.

Dem Papst wurden im frühen 9. Jahrhundert kaiserliche Rechte übertragen, und die Bindung des Kaisertums an Rom erfuhr seine, wenn auch auf einer Fälschung beruhende Begründung. Der Papst konnte, wenn er es machtpolitisch durchzusetzen vermochte, das Recht beanspruchen, den Titel des Kaisers zu vergeben und auch wieder abzuerkennen. Dieser prinzipielle Anspruch mündete in den Investiturstreit des 11. und 12. Jahrhunderts.

Zunächst aber waren die Päpste gegenüber den Kaisern zu schwach, um ihren politischen Anspruch durchsetzen zu können. Kirche und PapsttumPapsttum erlebten Ende des 9. Jahrhunderts und im 10. Jahrhundert einen kirchenpolitischen wie moralischen Niedergang.

Die Cluniazensische Reform der Kirche910 wurde in Cluny in Burgund ein Benediktinerkloster gegründet, das von den Stiftern dadurch gegen die den Grundgedanken des ursprünglichen Christentums verwässernde weltliche Zugriffe geschützt wurde, indem es direkt dem Papst unterstellt wurde.

Das Kloster Cluny, das im 11. und 12. Jahrhundert im Mittelpunkt eines ganzen Klosterverbundes stand, entfaltete eine überragende Wirkung. Von ihm ging in der Zeit vom 10. bis 13. Jahrhundert eine der umfassendsten Reformen, die Cluniazensische Reform, aus, die auf den KlerusKlerus, auf das Kirchenvolk und schließlich auch auf das PapsttumPapsttum ausstrahlte.

Es begann sich das Bewusstsein durchzusetzen, dass auch das PapsttumPapsttum reformiert werden müsse. Der Kampf gegen den Verkauf von geistlichen ÄmternAmt, die Simonie, war dabei ein wichtiges Ziel.

Regelung der PapstwahlIn Rom hatte der Adel im frühen 11. Jahrhundert die Machtverhältnisse zu seinen Gunsten entschieden und hatte großen Einfluss auf den römischen Bischofssitz. Um den Streitigkeiten bei den Papstwahlen Herr zu werden, beschloss eine Lateransynode 1059 das Papstwahldekret „In nomine Domini“, das die bis heute gültige Regelung enthält, dass der römische BischofBischof nur von den Kardinälen gewählt werden darf. Dem übrigen KlerusKlerus und dem Volk wurde lediglich das Zustimmungsrecht eingeräumt und dem Kaiser ein Bestätigungsrecht.

Der InvestiturstreitUnter Papst Gregor VII. (Pontifikat: 1073–1085)$Gregor VII., Pontifikat 1073–1085, römisch-katholischer Papst flammte der Streit um die Investitur auf, d.h. um das Recht der ,Einkleidung‘ der Bischöfe mit den Insignien. Gregor VII., der als Mönch in Cluny gelebt hatte, lehnte jede Einmischung der weltlichen Gewalt in Kirchenbelange ab, wandte sich entschieden gegen die Nichtbeachtung des ZölibatsZölibat, bekämpfte die Simonie und betonte die normative Rolle Roms für die gesamte Christenheit. In Konflikt geriet Gregor VII. mit dem Salier Heinrich IV. (1050–1106; Kaiser 1084–1105)$Heinrich IV., 1050–1106, römisch-deutscher König, 1084–1105 römisch-deutscher Kaiser in der Frage, wer die letzte Entscheidungsgewalt bei der Einsetzung von Bischöfen habe: der Papst oder der Kaiser. Die Frage der Einsetzung von Bischöfen war deshalb so wichtig, weil die Bischöfe neben ihrem geistlichen AmtAmt auch die weltliche Macht im Reich innehatten. Wer Bischöfe einsetzte, hatte einen großen Einfluss über die Kirche hinaus. Die Lehre der zwei Gewalten, einer geistlichen und einer weltlichen, wie sie seit der Karolingerzeit bekannt war, wurde nun infrage gestellt.

Die deutschen Bischöfe schwankten in dem Streit zwischen der Treue gegenüber dem Kaiser und der Gehorsamsverpflichtung gegenüber dem Papst. 1076 forderten sie mit Heinrich an der Spitze auf dem Hoftag zu Worms Gregor VII.$Gregor VII., Pontifikat 1073–1085, römisch-katholischer Papst auf, das Papstamt aufzugeben. Daraufhin verhängte Gregor den Bann über Heinrich.

Da der Kaiser daraufhin von den Fürsten seines Reichs, auf deren Unterstützung er angewiesen war, mit einem Ultimatum unter Druck gesetzt wurde den Konflikt mit dem Papst beizulegen, entschloss sich Heinrich$Heinrich IV., 1050–1106, römisch-deutscher König, 1084–1105 römisch-deutscher Kaiser 1077 zum Bußgang nach Canossa, wohin sich Gregor zurückgezogen hatte. Der Papst löste daraufhin den Bann, um ihn nach verschiedenen Streitigkeiten um die kaiserliche Macht 1080 wieder in Kraft zu setzen. Allerdings hatte sich das Machtgefüge in der Zwischenzeit verändert, sodass Heinrich Gregor für abgesetzt erklären und einen neuen Papst zum Gegenpapst ausrufen konnte. Gregor konnte sich nicht durchsetzen und musste aus Rom fliehen.

Gleichwohl hinterließ er mit der Schrift „Dictatus Papae“ von 1075 ein eindrückliches Dokument für das päpstliche Selbstbewusstsein der Zeit. Der Lehr- und Jurisdiktionsprimat des römischen BischofsBischof wurden darin bereits vorformuliert und die Vorrangstellung der römischen Kirche deutlich unterstrichen.

Erst unter Papst Calixt II.$Calixt II., Pontifikat 1119–1124, römisch-katholischer Papst (Pontifikat: 1119–1124) erfolgte 1122 die Beilegung des Investiturstreits mit der Unterzeichnung des Wormser Konkordats. Darin wurde festgelegt, dass die Bischöfe durch das Domkapitel in Anwesenheit kaiserlicher Beauftragter gewählt werden. Der Kaiser verzichtete auf die grundsätzliche Investitur und war verpflichtet, die Wahl zu akzeptieren. Ihm blieb es überlassen, den Gewählten mit der Verwaltung kaiserlicher Hoheitsrechte zu beauftragen.

Das IV. LaterankonzilKonzil / KonziliarismusIV. LaterankonzilDas IV. LaterankonzilKonzil / KonziliarismusIV. Laterankonzil von 1215 war das bedeutendste und folgenreichste KonzilKonzil / Konziliarismus des Mittelalters, da es wesentliche Glaubenselemente verbindlich verkündete. Beichte und Kommunion wurden vorgeschrieben, die TrinitätslehreTrinitätTrinitätslehre bestätigt und die Transsubstantiationslehre zum adäquaten Verständnismodell der EucharistieEucharistie erklärt. Die Lehre von der realen Wandlung von Brot und Wein dauerhaft in Blut und Leib Christi wurde manifestiert.

Darüber hinaus erließ Papst Innozenz III.$Innozenz III., Pontifikat 1198 bis 1216, römisch-katholischer Papst (Pontifikat: 1198 bis 1216) eine Fülle weiterer Canones, die das Leben der Kirche in Bezug auf die Kleriker und Laien prägten.

Thomas von Aquin$Thomas von Aquin, 1225–1274, Theologe, Dominikanermönch

Der Dominikaner Thomas von Aquin$Thomas von Aquin, 1225–1274, Theologe, Dominikanermönch (1225–1274) war einer der bedeutendsten Lehrer der katholischen Kirche und einer der wichtigsten Theologen des Mittelalters. In Anknüpfung an den griechischen Philosophen Aristoteles$Aristoteles, 384 v. Chr.-322 v. Chr., Philosoph, Wissenschaftsbegründer beschäftigte er sich mit dem Verhältnis von Glaube und Vernunft bzw. Theologie und PhilosophiePhilosophie. In seinen beiden Hauptwerken „Summa theologiae“ und „Summa contra gentiles“ unterschied er beide Disziplinen und grenzte sie klar voneinander ab, verband sie aber in einem gemeinsamen System. Während die Theologie das Verhältnis zu Gott thematisiert, untersucht die Philosophie nach Thomas, wie sich Dinge zu sich und in sich verhalten. Die Theologie erklärt die Welt von Gott, also ihrer ersten Ursache her. Die Philosophie befasst sich mit Ursache und Wirkung der Dinge. Der Erkenntnisweg der Theologie führt vom Schöpfer zur Schöpfung, der der Philosophie von der Schöpfung zum Schöpfer.

Die Frage nach dem Sein

Die Frage nach dem Sein führte Thomas zu der Frage nach dem höchsten Sein, das für ihn Gott war. Die Vernunft bestätigt in der Vorstellung von Thomas von Aquin$Thomas von Aquin, 1225–1274, Theologe, Dominikanermönch die OffenbarungOffenbarung Gottes, die wiederum die Vernunft in ihrem Erkenntnisdrang unterstützt. Ausgehend von der Betrachtung der NaturNatur kam er zu dem Schluss, dass Gott das absolute Sein selbst darstellt, das höchste Wesen, die erste Ursache, der erste Beweger der Welt.

Über die Systematisierung von Theologie und PhilosophiePhilosophie hinausgehend erarbeitete Thomas Überlegungen zur göttlichen GnadeGnade und ihrer Wirkung. Die Gnade Gottes führt die natürliche Erkenntnis über die menschlichen Möglichkeiten hinaus. Sie bewirkt, dass der Mensch eine Wirklichkeit über der natürlichen erkennt. Damit begründete Thomas den Unterschied zwischen NaturNatur und Gnade. Die Gnade rüstet den Menschen mit einem übernatürlichen Habitus aus, die Gnade „erhöht“ die geschöpfliche Natur des Menschen. Gott kommt dabei dem menschlichen Willen zur Erkenntnis unterstützend entgegen. In den SakramentenSakrament erlangt der Mensch ZugangZugang zur Gnade.

Die babylonische Gefangenschaft der KircheBabylonische Gefangenschaft der Kirche (1309–1376)Der Jurist Benedetto Caetani veranlasste 1294 Papst Coelestin$Coelestin V., Pontifikat Juli-Dezember 1294, römisch-katholischer Papst V. (Pontifikat: Juli-Dezember 1294) zum Rücktritt und konnte dadurch dessen Nachfolge antreten. Als Papst Bonifatius VIII.$Bonifatius VIII., Pontifikat 1294–1303, römisch-katholischer Papst (Pontifikat: 1294–1303) beanspruchte er die volle Verfügungsgewalt über alle kirchlichen ÄmterAmt und geriet darüber in Konflikt mit dem französischen König Philipp IV., dem Schönen$Philipp I. von Hessen, (der Großmütige), 1504–1567, Landgraf von Hessen (1268–1314; König 1285–1314), der den französischen Klerikern verbot, Gelder aus Frankreich nach Rom abzuführen. 1302 erließ Bonifatius mit „Unam Sanctam“ die wohl berühmteste päpstliche Bulle, d.h. ,Urkunde‘, des Mittelalters. Der Text beginnt mit der Feststellung:

Eine heilige katholische und ebenso apostolische Kirche zu glauben und festzuhalten, werden wir auf Drängen des Glaubens gezwungen, und diese glauben wir fest und bekennen wir aufrichtig, außerhalb derer weder Heil noch Vergebung der Sünden ist. (DH 870)

Dieser Kirche gebühre der Vorrang vor allen anderen Machtansprüchen. Das geistliche Schwert stehe über dem weltlichen und dieses habe sich der Kirche nicht nur zu beugen, sondern ihr auch zu dienen:

Beide also sind in der Gewalt der Kirche, nämlich das geistliche Schwert und das materielle. Jedoch ist dieses für die Kirche, jenes aber von der Kirche zu handhaben. (DH 873)

Außerdem stehe der geistlichen Macht zu, über die weltliche zu richten:

Wenn also die irdische Gewalt abirrt, dann wird sie von der geistlichen Gewalt gerichtet werden; wenn aber eine niedrigere geistliche abirrt, dann von ihrer höheren; wenn aber die höchste, dann wird sie allein von Gott, nicht vom Menschen gerichtet werden können. (DH 873)

Konzentriert formuliert die Bulle diesen Machtanspruch in dem Satz:

Wir erklären, sagen und definieren nun aber, daß es für jedes menschliche Geschöpf unbedingt notwendig zum Heil ist, dem Römischen BischofBischof unterworfen zu sein. (DH 875)

Damit hatte das PapsttumPapsttum zumindest ideell den Zenit seiner Macht erreicht. Faktisch konnte Bonifatius$Bonifatius VIII., Pontifikat 1294–1303, römisch-katholischer Papst den französischen König mit der Bulle allerdings nicht in die Schranken weisen. Vielmehr demütigte Philipp IV.$Philipp IV., (der Schöne), 1268–1314, König von Frankreich, als Philipp I. König von Navarra den Papst 1303, indem er ihn in der päpstlichen Sommerresidenz in Anagni festnehmen ließ. Wenige Wochen danach starb Bonifatius.

1309 verlegte Papst Clemens V. (Pontifikat: 1305–1314)$Clemens V., Pontifikat 1305–1314, römisch-katholischer Papst, der ehemalige ErzbischofBischofErzbischof von Bordeaux, unter Einfluss der französischen Krone den Sitz der päpstlichen Kurie nach Avignon. In den folgenden Jahrzehnten wurde das PapsttumPapsttum zum Spielball der französischen Könige. Die babylonische Gefangenschaft der KircheBabylonische Gefangenschaft der Kirche, so die nachträgliche Bezeichnung in Anlehnung an das Exil Israels in Babylonien, endete erst 1377 mit der Rückverlegung der päpstlichen Residenz nach Rom durch Gregor XI. (Pontifikat: 1370–1378)$Gregor XI., Pontifikat 1370–1378, römisch-katholischer Papst.

Das Abendländische SchismaSchismaAbendländischesAbendländisches SchismaDie Epoche der babylonischen Gefangenschaft der Kirche hatte dem von Frankreich abhängigen PapsttumPapsttum schweren Schaden zugefügt. Die weiteren Papstwahlen waren vor diesem Hintergrund problematisch, geprägt von Interessenkonflikten und Machtkämpfen. Das Ergebnis wurde von der jeweils unterlegenen Seite meist angezweifelt. Papst Urban VI.$Urban VI., Pontifikat 1378–1389, römisch-katholischer Papst (Pontifikat: 1378–1389), der die Macht der französischen Kardinäle im Kardinalskollegium zu brechen versuchte, sah sich 1378 mit einem von eben den französischen Kardinälen erhobenen Gegenpapst konfrontiert. Damit war ein SchismaSchisma vollzogen. Der Gegenpapst residierte in Avignon, Urban VI. in Rom. Beide Päpste fanden Nachfolger im AmtAmt, sodass das Schisma aufrecht erhalten blieb, die Kirche zwei Päpste hatte und das westliche Christentum in zwei Lager geteilt wurde. Auf einem KonzilKonzil / Konziliarismus 1409 in Pisa versuchten die Konzilsteilnehmer das Problem zu lösen, indem sie die beiden zu der Zeit amtierenden Päpste für abgesetzt erklärten und einen neuen Papst wählten. Die anderen Päpste akzeptierten dieses Vorgehen und ihre Absetzung nicht, was dazu führte, dass nun drei Päpste den Stuhl Petri für sich beanspruchten. Das Vertrauen in das Papsttum war zerrüttet und die Zeit gekommen, dass eine andere Institution an die Spitze der Kirche trat.

Das KonzilKonzil / Konziliarismus von KonstanzKonzil / KonziliarismusKonzil von Konstanz1414 wurde das KonzilKonzil / Konziliarismus von KonstanzKonzil / KonziliarismusKonzil von Konstanz einberufen, das u.a. das bedeutende Dekret „Haec sancta“ verabschiedete, welches das Konzil zur gegenwärtigen Vertretung der Christenheit erklärte. Jeder, auch der Papst, schulde ihm Gehorsam. Der markante Satz dazu lautete:

Diese heilige SynodeSynodalitätSynode zu Konstanz […] erklärt erstens, daß sie, im Heiligen GeistHeiliger Geist rechtmäßig versammelt, ein allgemeines KonzilKonzil / Konziliarismus abhaltend und die irdische katholische Kirche repräsentierend ihre Vollmacht unmittelbar von Christus hat. Ihr ist ein jeder, welchen Standes und welcher Würde auch immer, sei es auch die päpstliche, in denjenigen Angelegenheiten zum Gehorsam verpflichtet, die sich auf den Glauben, auf die Ausrottung des besagten SchismasSchisma und die allgemeine Reform der Kirche Gottes an Haupt und Gliedern beziehen. (Dekret ,Haec sancta‘ 2001, 235)

Der sogenannte KonziliarismusKonzil / Konziliarismus war damit auf der Höhe seines Einflusses und ebnete den Weg für eine neue Papstwahl. 1417 wurde Martin V.$Martin V., Pontifikat 1417–1431, römisch-katholischer Papst (Pontifikat: 1417–1431) zum alleinigen Papst gewählt. Das Konzil beendete somit das Abendländische SchismaSchismaAbendländischesAbendländisches Schisma und ermöglichte dem PapsttumPapsttum die Rückkehr an die Macht.

Neue AufbrücheSignifikant für die Herausforderungen und Anfragen, mit denen sich die römische Kirche bald konfrontiert sehen sollte, war das Auftreten und Wirken von Jan Hus$Hus, Jan, 1370–1415, Theologe, Vorreformator in Böhmen [→ Herrnhuter Brüdergemeine] und seine Forderungen nach weitreichenden Reformen in der Kirche. Noch war es möglich, Reformer wie Hus ebenso wie zuvor die Aufbrüche der KatharerKatharer oder → Waldenser zu unterdrücken. Hus wurde trotz der Zusicherung freien Geleits 1415 durch das KonzilKonzil / Konziliarismus verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ein Jahrhundert später gelang das im Falle eines weiteren Reformers, des Wittenberger Theologen Martin Luther$Luther, Martin, 1483–1546, evangelischer Theologe, Reformator, Namensgeber der Lutheraner, nicht mehr [→ Evangelische Kirchen].

Spezifika in der Neuzeit

Das KonzilKonzil / Konziliarismus von TrientKonzil / KonziliarismusKonzil von Trient (Tridentinum)Auf die theologischen und ekklesiologischen Herausforderungen der Reformation reagierte die römische Kirche durch das KonzilKonzil / Konziliarismus von TrientKonzil / KonziliarismusKonzil von Trient, das in mehreren Tagungsphasen zwischen 1545 und 1563 stattfand und die katholische Identität in einer gegenwärtig noch prägenden Weise bestimmte. Die Bedeutung dieses Konzils für den heutigen Katholizismus ist sehr hoch anzusetzen. Erst durch dieses Konzil wurde die alte Reichskirche zur „römisch-katholischen“ Kirche. Insofern ist die Römisch-katholische Kirche ebenfalls eine Kirche, die durch die Reformation entscheidend geprägt wurde und entscheidende Impulse für ihre ekklesiologische Formung erhielt.

Die römische Kurie stand lange Zeit einem KonzilKonzil / Konziliarismus ablehnend gegenüber, da sie den Höhepunkt des Konziliarismus und dessen Implikationen für das PapsttumPapsttum noch deutlich vor Augen hatte. Allerdings war der Druck auf die gesamte Kirche durch die fortschreitende Reformation so hoch geworden, dass auch die Kirchenführung die Notwendigkeit eines Konzils und von Reformen einsah. Es war deutlich, dass sich die Kirche selbst reformieren musste, um sich in den Auseinandersetzungen mit den reformatorischen Ideen und Forderungen zu behaupten und der Ausbreitung des Protestantismus etwas entgegen setzen zu können. Auch das Papsttum musste sich neu finden und der ganzen Kirche eine zeitgemäße Form geben, denn durch die Reformation wurde der alten Reichskirche verdeutlicht, dass die katholische Kirche eine Kirche war, die im Wesentlichen durch das Papsttum repräsentiert wurde.

Ignatius von Loyola

Eine tragende Säule der katholischen Reformen wurde der spanische PriesterPriester Ignatius von Loyola (1491–1556)$Ignatius von Loyola, 1491–1556, römisch-katholischer Priester, Mitbegründer der Societas Jesu (Jesuiten), der 1540 den Jesuitenorden, die „Societas JesuSocietas Jesu“, gründete. Er verband das Bild des Frommen mit dem des Ritters und schuf damit einen Typ des Glaubenskämpfers, der in der Welt für den Papst und die katholische Sache stritt. Die Jesuiten wurden zur Mission ausgesandt und standen für eine unbedingte Erneuerung der Kirche ein. Sie etablierten das katholische Bildungswesen, dienten als Seelsorger und konnten große Erfolge bei der Rekatholisierung protestantischer Gebiete verzeichnen, z.B. in Polen. Ausgangspunkt der sogenannten Gegenreformation bildete das KonzilKonzil / Konziliarismus von TrientKonzil / KonziliarismusKonzil von Trient.

Theologische WeichenstellungenAuf dem KonzilKonzil / Konziliarismus wurden mehrere theologische Positionen der Scholastik zu DogmenDogma erhoben. Thomas von Aquin$Thomas von Aquin, 1225–1274, Theologe, Dominikanermönch wurde zum ersten Kirchenlehrer seit der Antike ernannt. Theologisch bearbeitete das Konzil die von der Reformation aufgeworfenen Fragen. Als Grundlage der Diskussionen wurde die VulgataVulgata zum authentischen Text der BibelBibel erklärt und der KanonKanon der Bibel endgültig festgelegt. Gegenüber der Reformation betonte das Konzil, dass nur die Kirche selbst die Bibel auslegen dürfe. So heißt es im Originaltext:

Außerdem beschließt es [das KonzilKonzil / Konziliarismus], um leichtfertige Geister zu zügeln, daß niemand wagen soll, auf eigene Klugheit gestützt in Fragen des Glaubens und der Sitten, soweit sie zum Gebäude christlicher Lehre gehören, die heilige Schrift nach den eigenen Ansichten zu verdrehen und diese selbe heilige Schrift gegen jenen Sinn, den die heilige Mutter Kirche festgehalten hat und festhält, deren Aufgabe es ist, über den wahren Sinn und die Auslegung der heiligen Schriften zu urteilen, oder auch gegen die einmütige Übereinstimmung der Väter auszulegen, auch wenn diese Auslegungen zu gar keiner Zeit für die Veröffentlichung bestimmt sein sollten. (DH 1507)

Damit immunisierte sich die Kirche gegen Auslegungen der Schrift, die gegen sie ins Feld geführt werden könnten.

Das KonzilKonzil / Konziliarismus erkannte im Hinblick auf die reformatorische RechtfertigungslehreRechtfertigung / Rechtfertigungslehre und ihrem Kerngedanken allein aus GnadeGnade an, dass die göttliche Gnade in Gestalt der Verkündigung des EvangeliumsEvangelium den rechtfertigenden Prozess in Gang setze. Allerdings habe der Mensch dieser zuzustimmen und wirke insofern an dem Heilsgeschehen mit. Allein aus Gnaden geschieht sie in katholischer Sicht nicht.

Auch der Glaube allein ist für die Heilsgewinnung nicht ausreichend. Nur innerhalb der Kirche und mit ihrer Hilfe kann Heil gewonnen werden. Kirche und SakramenteSakrament sind heilsnotwendige Institutionen. Die Siebenzahl der Sakramente und ihre Wirkung aufgrund des äußeren Vollzuges wurden festgeschrieben (ex opere operato).

Katholische IdentitätDas KonzilKonzil / Konziliarismus schuf eine einheitliche LiturgieLiturgie: das Missale RomanumMissale Romanum, den sogenannten Tridentinischen Ritus von 1570, eine gemeinsame Lehrgrundlage durch einen römischen Katechismus. Die Ämterhäufung im Bischofsamt wurde verboten. Die Gründung von Priesterseminaren zur besseren Ausbildung der Geistlichen wurde angeregt, das Ablasswesen reformiert und gegen die reformatorische Kritik die Heiligenverehrung verteidigt.

Aufgrund einer Vielzahl weiterer Dekrete schuf das KonzilKonzil / Konziliarismus die theologische Basis der Gegenreformation und gab der Kirche das nötige Selbstbewusstsein, um sich den neuen, reformatorischen Lehren nicht nur militärisch und politisch entgegenzustellen, sondern auch theologisch. Das Konzil von TrientKonzil / KonziliarismusKonzil von Trient bildete die Basis für die weltweite Mission der Kirche und definierte für lange Zeit die „katholische“ Identität.

Vom Tridentinum zum I. Vatikanischen KonzilKonzil / KonziliarismusI. Vatikanisches KonzilDas PapsttumPapsttum ging innerkirchlich gestärkt aus der Reformation hervor, allerdings war sein Verhältnis zu den weltlichen Herrschern stets aufs Neue spannungsreich. In Frankreich und Österreich kam es durch Gallikanismus (staatliches System in Frankreich, das die Römisch-katholische Kirche von Rom unabhängig machen wollte) und Josephinismus (Versuch, die AutoritätAutorität der Kirche für die habsburgische Monarchie zu nutzen) zu je eigenen Auseinandersetzungen zwischen König und Papsttum in den jeweiligen Herrschaftsgebieten.

Neben den Fragen nationaler Verankerungen des Katholizismus in Europa entwickelte sich im Zuge der Mission eine Fülle von Inkulturationen des Katholizismus auf der ganzen Welt. Die im 18. und 19. Jahrhundert entstandenen Vorstellungen des Katholischen prägten die Länder der südlichen Hemisphäre. Da diese die größten Wachstumsraten innerhalb der Weltkirche aufweisen, bestimmen sie auch gegenwärtig das Bild der gesamten katholischen Kirche.

Die Bedeutung des PapsttumsPapsttum als dem wichtigsten Bezugspunkt des Katholizismus nahm zu. Das kam nicht zuletzt in den DogmenDogma zum Ausdruck, die das I. Vatikanische KonzilKonzil / Konziliarismus 1869/70 verabschiedete. Das Papsttum wurde mit einer umfassenden geistlichen Machtfülle ausgestattet. Dadurch konnte es die Einbuße seiner weltlichen Macht angesichts der Bedrohung des Kirchenstaates durch die Einigung Italiens, der Gründung des italienischen Königshauses und der Eroberung Roms 1870 durch Giuseppe Garibaldi$Garibaldi, Giuseppe, 1807–1882, italienischer Guerillakämpfer, Nationalheld (1807–1882) kompensieren. Papst Pius IX.$Pius IX., Pontifikat 1846–1878, römisch-katholischer Papst (Pontifikat: 1846–1878) fühlte sich seit Verlust des Kirchenstaates 1870 als „Gefangener im Vatikan“.

Gleichzeitig brachte das 19. Jahrhundert eine Stärkung des PapsttumsPapsttum mit sich, da es in der Bedrängnis durch die politischen, sozialen und geistigen Umwälzungen zur Orientierung für viele Katholiken wurde. Es entstand der UltramontanismusUltramontanismus (lat.: ultra mons = ‚der Blick über die Alpen auf Rom‘).

Für das PapsttumPapsttum wurde der Kampf gegen den ModernismusModernismus, eine HäresieHäresie in den Augen der Kirche, zum Stellvertreterkrieg gegen eine Welt, die zunehmend ohne Kirche und Christentum auskam.

Bereits 1864 hatte Pius IX$Pius IX., Pontifikat 1846–1878, römisch-katholischer Papst., dem die politischen Freiheitsbestrebungen seiner Zeit fremd waren, in der Enzyklika „Quanta Cura“ Forderungen der modernen Gesellschaft, wie Religionsfreiheit oder die grundsätzliche Trennung von Kirche und Staat, verurteilt. Im „Syllabus errorum“ (1864) verurteilte der Papst weitere „Irrtümer“ der Moderne, wie Pantheismus und Rationalismus, Sozialismus, Freimaurerei, Protestantismus und Pressefreiheit oder die Aufwertung der Vernunft, die sich selbst Gesetz sei. Außerdem unterstrich er, dass nur in der römisch-katholischen Kirche das Heil zu finden sei.

Mit dem Antimodernismus hatte Pius IX.$Pius IX., Pontifikat 1846–1878, römisch-katholischer Papst die Weichen für den Weg des Katholizismus in die Moderne gestellt, der erst im II. Vatikanischen KonzilKonzil / KonziliarismusII. Vatikanisches Konzil eine Neujustierung erfuhr.

Das I. Vatikanische KonzilKonzil / KonziliarismusDas 1869/70 einberufene I. Vatikanische KonzilKonzil / Konziliarismus sollte ebenfalls dem Abwehrkampf gegen die Moderne dienen. Begrüßt wurde es v.a. von den konservativenKonservativ Strömungen, die eine Bestätigung des Syllabus und eine Verstärkung des UltramontanismusUltramontanismus anstrebten. Die Mehrheit der rund 700 Teilnehmer des Konzils war für die Verabschiedung der Unfehlbarkeitslehre, die Ergebnis des Konzils wurde, und meinte, wenn der Papst „als Lehrer aller Christen“ ex cathedra eine Glaubensüberzeugung zum DogmaDogma erklärt, gilt diese als verbindlich und irrtumsfrei. Es können jedoch nur solche Glaubensüberzeugungen zum Dogma erklärt werden, die nicht im Widerspruch zur BibelBibel und zur apostolischen TraditionTradition stehen, wie sie in der katholischen Kirche geglaubt werden.

Antimodernismus1910 stärkte Papst Pius X.$Pius X., Pontifikat 1903–1914, römisch-katholischer Papst (Pontifikat: 1903–1914) die antimoderne Haltung der Kirche, indem er alle Geistliche auf den AntimodernisteneidAntimodernisteneid verpflichtete. Pius X. legte so Grundlinien katholischer Glaubenslehre fest: Jeder, der diesen Eid leistete, bekannte sich zur Wahrheit, wie sie die Kirche, konkret das päpstliche LehramtLehramt, festhält und überliefert. Die Irrtümer der Moderne standen für Pius X.$Pius X., Pontifikat 1903–1914, römisch-katholischer Papst ursächlich im Zusammenhang mit dem Aufkommen des Protestantismus. In der Enzyklika „Pascendi dominici gregis“ von 1907 hielt er fest: „Der Protestantismus war der erste Schritt; dann folgt der ModernismusModernismus; das Ende ist der Atheismus.“ (Neuner, 2009, 39)

Durch die Einführung dieses Eides wurden diejenigen katholischen Kräfte unterdrückt, die sich um einen Ausgleich mit der modernen Welt bemühten, was den Katholizismus in eine Erstarrung führte.

Im Zuge der Frontstellung gegen die Moderne unternahm die Kurie Anstrengungen zur innerkirchlichen Konsolidierung und widmete sich unter Papst Benedikt XV$Benedikt XV., Pontifikat 1914–1922, römisch-katholischer Papst. (Pontifikat: 1914–1922) der Vollendung und Inkraftsetzung des allgemeinen Kirchenrechts durch den Codex Iuris CanoniciCodex Iuris Canonici.

Die Lösung der römischen FrageUnter dem Pontifikat von Pius XI.$Pius XI., Pontifikat 1922 bis 1939, römisch-katholischer Papst 1922 bis 1939 konzentrierte sich die Kirche ganz auf ihre religiöse und moralische Kraft und verzichtete auf weltlichen Einfluss.

1929 erhielt sie durch die Lateranverträge mit dem faschistischen Italien unter Benito Mussolini$Mussolini, Benito, 1883–1945, italienischer faschistischer Diktator (1883–1945) den Kirchenstaat als 44 Hektar großes Gebiet im Zentrum von Rom zurück. Darüber hinaus erhielt die Römisch-katholische Kirche als Kompensation für den 1870 erlittenen Verlust Geldzahlungen und die Zusicherung der religiösen Vormachtstellung in Italien. So erhielt sie einen großen Einfluss auf das gesellschaftliche Leben.

Nicht unproblematisch war die Haltung des Vatikans während des Zweiten Weltkrieges. Die Frage, ob sich Papst Pius XII.$Pius XII., Pontifikat 1939–1958, römisch-katholischer Papst (Pontifikat: 1939–1958) genug für den Schutz verfolgter Juden eingesetzt habe, wird bis heute kontrovers diskutiert.

Das II. Vatikanische KonzilKonzil / KonziliarismusDie Ankündigung des II. Vatikanischen KonzilsKonzil / KonziliarismusII. Vatikanisches Konzil war eine Überraschung. Papst Johannes XXIII.$Johannes XXIII., Pontifikat 1958–1963, römisch-katholischer Papst (Pontifikat: 1958–1963) entschied sich dafür, ein KonzilKonzil / Konziliarismus einzuberufen, um den Dialog, den er anstrebte, sichtbar zu machen. Sein wichtigstes Ziel war die ‚Heutigwerdung‘ (ital.: Aggiornamento) der Kirche. Der Papst wollte die Fenster zur Welt öffnen und die Kirche in die Moderne führen. Darüber hinaus lag ihm die Förderung der Einheit aller Christen am Herzen.

Im Oktober 1962 wurde das KonzilKonzil / Konziliarismus eröffnet. Seine Beschlüsse bilden bis in die Gegenwart die wesentlichen Grundlagen der katholischen Glaubenslehre. Das Konzil legte die katholische EkklesiologieEkklesiologie dar und erstrebte die innere Erneuerung der Kirche, indem es z.B. die LiturgieLiturgie reformierte und den Laien mehr Raum einräumte. Es nahm das Gespräch mit der Moderne auf und wandte sich den getrennten Kirchen zu. Vor allem die vier Konstitutionen zur OffenbarungOffenbarung, zur Kirche, zur Liturgie, zur Kirche im Verhältnis zur Welt sind grundlegend. Auch die Dekrete zur Religionsfreiheit und zur ÖkumeneÖkumene spielten für das Außenverhältnis der Kirche eine wichtige Rolle.

Ein bedeutendes Ergebnis des KonzilsKonzil / Konziliarismus war die Rücknahme des Bannes von 1054, der das SchismaSchisma von Ost- und Westkirche symbolisierte. 1967 wurde der AntimodernisteneidAntimodernisteneid abgeschafft.

Mit dem II. Vatikanischen KonzilKonzil / KonziliarismusII. Vatikanisches Konzil legte die Römisch-katholische Kirche ihre Abwehrhaltung gegenüber anderen ReligionenReligion und Konfessionen ab, beendete die sogenannte nachtridentinische Epoche und legte die Basis dafür, wie sie sich heute darstellt.

3.1.3 Die wichtigsten Lebensvollzüge

Die meisten Menschen, die sich zur „katholischen“ Kirche zählen, gehören dem römischen (oder lateinischen) Ritus an, deshalb bezeichnet man den weitaus größten Teil dieser Kirche als „römisch-katholisch“. Sie haben ein einheitliches Kirchenrecht und eine einheitliche Gestaltung der GottesdiensteGottesdienst. Neben diesem Typus gibt es auch die griechisch-katholischen Christen [→ AusdifferenzierungAusdifferenzierung (des Christentums)]. Sie gehören den unierten Ostkirchen an und umfassen weltweit ca. 17 Millionen Gläubige. Es sind Kirchen, die aus der östlichen (orthodoxen und altorientalischen) TraditionTradition kommen, ihren Ritus beibehalten haben, allerdings den PrimatPrimat des Papstes anerkennen. Sie unterliegen einem eigenen Kirchenrecht (Codex Canonum Ecclesiarum OrientaliumCodex Canonum Ecclesiarum Orientalium; CCEO von 1990), sodass katholische PriesterPriester der unierten Ostkirchen heiraten dürfen, während dies ihre, dem römischen Kirchenrecht (Codex Iuris CanoniciCodex Iuris Canonici; CIC von 1983) unterstehenden Amtsbrüder nicht dürfen.

Der Papst übt sein AmtAmt frei aus, weil seine Entscheidungen keiner Zustimmung von dritter Seite bedürfen (CIC can. 333, § 3). Allerdings unterliegt er auch dem Kollegialitätsprinzip, d.h., dass er sein Amt in Gemeinschaft mit den anderen Bischöfen führen soll. Hier zeigt sich das katholische Prinzip des „sowohl als auch“. Soweit es möglich ist, versucht die katholische Kirche verschiedene Ansätze zu integrieren und nicht auszuschließen.

Ein Ökumenisches KonzilKonzil / KonziliarismusÖkumenisches Konzil der katholischen Kirche ist nach dem Papst die höchste Instanz der Kirche, kann aber nur zusammen mit dem Papst Entschlüsse fassen. Auch Bischofssynoden haben nur beratende Funktion.

Die WeltkircheDie Weltkirche wird von verschiedenen Behörden geleitet, die den Papst unterstützen. Ihre Gesamtheit wird als Römische Kurie bezeichnet. Sie nimmt die ihr vom Papst übertragenen Aufgaben und Rechte wahr (CIC can. 360). Die wichtigste Behörde ist das Staatssekretariat mit dem Kardinalstaatssekretär als Leiter.

Während die Mehrzahl der Gläubigen mit dem Vatikan und der Kurie wenig zu tun haben, vollziehen sich die einzelnen Lebensvollzüge vor Ort. Deshalb ist der BischofBischof, der der Diözese vorsteht, in der er lebt, die zentrale Gestalt einer Ortskirche. In der Ortskirche und aus den Ortskirchen besteht die Weltkirche (CIC can. 368).

Der BischofBischofDer BischofBischof hat das AmtAmt des Lehrens und Leitens. Als Stellvertreter kann ihm ein AuxiliarbischofBischofAuxiliarbischof (Weihbischof) (,Hilfsbischof‘, auch ,Weihbischof‘) zur Seite stehen, in größeren Bistümern auch mehrere. Alle Bischöfe werden vom Papst ernannt bzw. deren Wahl von ihm bestätigt und leisten ihm gegenüber einen Treueid (CIC can. 380). Die Bischöfe eines Staates oder einer vergleichbaren Organisation bilden eine Bischofskonferenz, um „gewisse pastorale Aufgaben für die Gläubigen ihres Gebietes nach Maßgabe des Rechts gemeinsam auszuüben.“ (CIC can. 447)

Der Diözesanbischof leitet seine Diözese durch ein Ordinariat, dem ein Generalvikar und Ordinariatsräte angehören. In den Gemeinden wirkt der BischofBischof durch die Pfarrer. Er fungiert als Vertreter des Bischofs in der Ortsgemeinde und wird vom Bischof ernannt.

Die PfarreiDer Diözese als nächste organisatorische Einheit nachgeordnet ist die Pfarrei bzw. Pfarrgemeinde oder Kirchengemeinde. Dem Pfarrer ist die Seelsorge der Gemeinde anvertraut. Er steht der Messe vor, weil nur ein geweihter PriesterPriester die EucharistieEucharistie feiern kann. DiakoneDiakon wiederum helfen dem Pfarrer, die Gemeinde zu betreuen. Ihnen ist erlaubt, zu taufen, Wortgottesdienste zu halten, z.B. Trauungen oder Bestattungen, oder bei der Eucharistie zu helfen.

Während DiakoneDiakon geweiht werden, ist dies bei Pastoral- oder Gemeindereferenten nicht der Fall. Diese Funktion steht deshalb auch Frauen offen. Ihre einzelnen Aufgaben sind in verschiedenen Diözesen unterschiedlich gefasst, allerdings können sie aufgrund der fehlenden WeiheWeihe keine SakramenteSakrament spenden.

In den meisten Diözesen ist das Mitspracherecht der PriesterPriester und Laien durch verschiedene Gremien geregelt, z.B. Priesterrat, Seelsorgerat u.ä. Vor allem im wirtschaftlichen Leitungsbereich einer Gemeinde gibt es verschiedene ÄmterAmt, z.B. in einem Verwaltungsrat oder Kirchenvorstand, die Laien ausfüllen.

OrdenOrdenWichtige Impulse, die die katholische Kirche in ihrer geschichtlichen Entwicklung stark geformt haben, kommen aus dem Bereich der OrdenOrden. Sie sind ein wesentlicher Teil des römisch-katholischen Lebens und tragen durch ihre verschiedenen Ausrichtungen zur Vielfalt der Kirche bei.

Ein OrdenOrden ist durch das Leben in einer Gemeinschaft bestimmt, die sich durch Gelübde für Gott zum Dienst für die Kirche und für die Menschen verpflichtet hat. Ein Mensch, der sich einem Orden anschließt, lebt nach den evangelischen RätenEvangelische Räte (Armut, Keuschheit, Gehorsam). Sie prägen das gesamte Leben eines Ordens. Auch hier geht es gemäß dem katholischen „sowohl als auch“ um die Freiwilligkeit, dieses Leben zu wählen und um die Verbindlichkeit, dies dann auch konsequent umzusetzen.

Ihre Ursprünge haben die OrdenOrden in asketischen BewegungenBewegung(en) der Alten Kirche. Ihnen ging es zunächst um eine radikale Nachfolge Christi. Geprägt von wirkmächtigen Personen wie Benedikt von Nursia$Benedikt von Nursia, 480–547, römisch-katholischer Ordensgründer, der Klöster gründete und eine Ordensregel verfasste, entwickelten sich zwei verschiedene Arten von Orden. Aktive Orden sind in vielen gesellschaftlichen Bereichen karitativ oder missionarisch tätig. Kontemplative Orden hingegen leben in Abgeschiedenheit von der Welt und widmen sich der Gottesschau. Deshalb haben die verschiedenen Orden grundsätzlich verschiedene Lebensformen entwickelt und Aufgaben definiert. Aktive Orden predigen und missionieren, pflegen Kranke oder unterrichten die Kinder, kontemplative Orden widmen sich eher dem Gebet und der Spiritualität.

Neben den klassischen OrdenOrden finden sich gegenwärtig weitere geistliche BewegungenBewegung(en), die ganz verschiedene Formen des Zusammenlebens etablieren und sich verschiedenen Aufgaben widmen.

Das gottesdienstliche LebenDer GottesdienstGottesdienst ist das Herz der katholischen Kirche. Sie versteht sich als feiernde Kirche. Die LiturgieLiturgie ist nach der Konstitution über die Heilige Liturgie „Sacrosanctum Concilium“ (SC) „der Gipfel, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt.“ (SC 10) Sie ist „in vorzüglichem Sinn heilige Handlung, deren Wirksamkeit kein anderes Tun der Kirche an Rang und Maß erreicht.“ (SC 7) Sie ist der „Heiligungsdienst“ der Kirche, in ihr „vollzieht“ sich geradezu „das Werk unserer Erlösung.“ (SC 2)

Die Verkündigung des EvangeliumsEvangelium (martyria) ist deshalb die Grundlage allen kirchlichen Lebens. Aus ihr speist sich der diakonische Dienst (diakonia), das tätige Leben in der Welt.

Der Heiligungsdienst der LiturgieLiturgie ist dabei Vollzug des Priesteramtes Jesu ChristiJesus Christus. Christus selbst ist der eigentliche Liturg. Der PriesterPriester vollzieht an seiner Statt (,in persona‘) das Heilswerk, in ihm und damit in der Kirche begegnet Christus selbst. Deshalb „ist jede liturgische Feier Werk Christi, des Priesters, und seines Leibes, der die Kirche ist.“ (SC 7)

Im GottesdienstGottesdienst sind daher zwei Blickrichtungen zu unterscheiden. Gott handelt an den Gläubigen durch die Präsenz Christi im zelebrierenden PriesterPriester. Er heiligt die Gläubigen dadurch und stärkt sie für ihr Leben in der Welt. Auf der anderen Seite steht die Blickrichtung von unten nach oben. Die Gläubigen antworten in der LiturgieLiturgie auf die Heiligung Gottes und versichern ihre Hingabe als Dank auf das Handeln Gottes. Das ganze gottesdienstliche Leben kann daher als Eucharistia bezeichnet werden: als ‚Danksagung‘.

Die EucharistieEucharistieIn der Eucharistiefeier hat der Gläubige Anteil an dieser BewegungBewegung(en) des GottesdienstesGottesdienst. Es geht also nicht um ein Opfer, das immer wieder dargebracht werden muss, sondern um die Teilhabe am einmalig, aber immer gültig dargebrachten Opfer Christi.

LiturgieLiturgie ist für die katholische Kirche also theozentrisch gefasst und hat die Verherrlichung Gottes zum Ziel.

Zentrale liturgische Handlung der katholischen Kirche ist die Eucharistiefeier, meist Heilige Messe oder einfach Messe genannt. In der Grundordnung des römischen Messbuches (Missale RomanumMissale Romanum) heißt es:

Als Werk Christi und des hierarchisch gegliederten Volkes Gottes ist die Feier der heiligen Messe für die Universalkirche und die Ortskirche wie auch für jeden einzelnen Gläubigen die Mitte des ganzen christlichen Lebens. […] Alle anderen heiligen Handlungen und alle Werke des christlichen Lebens stehen mit der Messe in Zusammenhang: Sie gehen aus ihr hervor und sind auf sie hingeordnet. (MR 16)

Wer nicht am sonntäglichen GottesdienstGottesdienst teilnimmt, begeht – laut dem Katechismus der Römisch-katholischen Kirche (KKK) „eine schwere Sünde“ (KKK 2181), da er die Kirchengemeinschaft schwächt.

SakramenteSakramentIn der Kirche „lebt und handelt Christus fortan in und mit seiner Kirche auf eine neue, für diese Zeit eigene Weise. Er handelt durch die SakramenteSakrament.“ (KKK 1076) Die Sakramente stellen den Höhepunkt des gottesdienstlichen Lebens dar. Christus und die Kirche verbinden sich hier ganz eng.

Weil Christus in den SakramentenSakrament handelt, sind sie aus sich selbst heraus wirksam: sie wirken ex opere operato. Selbst wenn der menschliche Spender unwürdig ist, kann Christus wirken, weil das Sakrament nur als Medium aufgefasst wird, durch das Christus selbst wirkt. Lediglich der Empfänger kann die Wirkung des Sakraments verhindern, wenn er sich dem Empfang der GnadeGnade verschließt (KKK 1128).

Die SakramenteSakrament sind von Christus eingesetzt. Seiner Kirche hat er die Vollmacht übertragen, sie zu feiern. Wie sie genau gefeiert werden, muss die Kirche festlegen. Ein Sakrament, das ohne die Kirche gefeiert wird, kann es deshalb nicht geben. Deshalb ist z.B. die Feier der EucharistieEucharistie an die Zugehörigkeit zur Kirche gebunden. Gemeinschaft im Sakrament setzt die Einheit der KircheKircheEinheit der Kirchengemeinschaft voraus.

Die katholische Kirche kennt sieben Heilszeichen. TaufeTaufe, Firmung und EucharistieEucharistie bilden gemeinsam die „SakramenteSakrament der christlichen Initiation“ (KKK 1212). Hier werden die Grundlagen des christlichen Lebens vermittelt und gespendet. Buße und Krankensalbung sind „Sakramente der Heilung“ (KKK 1421). PriesterweiheWeihePriesterweihe (Presbyterat) und Ehe sind „Sakramente des Dienstes für die Gemeinschaft“ (KKK 1534). Taufe und Eucharistie stehen dabei als sacramenta maiora den übrigen sacramenta minora gegenüber. Taufe, Firmung und Priesterweihe sind nicht wiederholbar, sie verleihen den character indelebilis (‚unauslöschliches Prägemal‘).

Marien- und HeiligenverehrungDas GlaubensbekenntnisGlaubensbekenntnis formuliert den Glauben an die „Gemeinschaft der Heiligen“. Damit ist inhaltlich ausgesagt, dass Gott Menschen nach ihrem Tod zu sich genommen hat. Diese Gemeinschaft umfasst die Gläubigen also durch Raum und Zeit hinweg. Das Miteinander von lebenden und toten Gläubigen ist die gedankliche Grundlage des Ablasses und der Anrufung (nicht Anbetung) von Heiligen. Kein katholischer Christ ist verpflichtet, Heilige anzurufen, allerdings prägt das Heiligenwesen vor allem die katholische Volksfrömmigkeit. Deshalb bestimmen Heiligenfeste, Wallfahrten und Patronatsfeste einzelner Kirchen oft den kirchlichen Alltag.

Die katholische Kirche kennt einen geordneten Heiligsprechungsprozess und eine Kongregation für die Heiligsprechung. Letztlich bestimmt der Papst über die Heiligsprechung. Wenn eine Heiligsprechung erfolgt, ist diese unwiderruflich, weil die Kirche „kraft stellvertretender göttlicher Gewalt“ handelt. In den Heiligen erkennt die Kirche, dass Menschen schon zu Lebzeiten die göttliche GnadeGnade verwirklichen können.

Die Kirche unterscheidet zwischen Seligen, die in ihrer Ortskirche verehrt werden dürfen, und Heiligen, die für die gesamte Kirche anrufbar sind. Um selig bzw. heilig gesprochen zu werden, muss ein Verstorbener zunächst aufgrund seines Lebens von Gläubigen verehrt werden. Um aber kirchenrechtlich anerkannt werden zu können, muss er ein bzw. zwei vom Vatikan anerkannte Wunder bewirkt haben. Ausnahmen sind Märtyrer, also Menschen, die für ihren Glauben gestorben sind. Diese müssen als Glaubenszeugen kein Wunder nachgewiesen bekommen.

Die besondere Verehrung von Maria, der Mutter Jesu, speist sich volkstümlich aus dem Wesen der Mutterschaft und theologisch aus der Überzeugung, dass Maria als Sinnbild für die Kirche an sich steht. Das DogmaDogma der Unbefleckten Empfängnis Mariens (1854) besagt, dass Maria als einziger Mensch neben Christus ohne Sünde war. Sie ist deshalb – so das Dogma der Leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel (1950) – als einziger Mensch bereits vollkommen erlöst. Deshalb kommt ihr besondere Verehrung als Fürsprecherin zu.

Weiterführende Literatur

Böttigheimer, Christoph (2009), Lehrbuch der Fundamentaltheologie. Die Rationalität der Gottes-, Offenbarungs- und Kirchenfrage, Freiburg i.Br.

Böttigheimer, Christoph (2016), Die eine BibelBibel und die vielen Kirchen. Die Heilige Schrift im ökumenischen Verständnis, Freiburg i.Br.

Fitschen, Klaus (2001), Der Katholizismus von 1648 bis 1870. KGE III/8, Leipzig.

Knop, Julia (2013), Wie geht katholisch. Eine Gebrauchsanleitung, Freiburg i.Br.

Müller, Gerhard Ludwig (2005), Katholische Dogmatik. Für Studium und Praxis der Theologie, Freiburg i.Br.

Pesch, Otto Hermann (2016), Katholische Dogmatik aus ökumenischer Erfahrung. Die Geschichte der Menschen mit Gott. Die Geschichte Gottes mit den Menschen, Ostfildern.

Pesch, Otto Hermann (2001), Das Zweite Vatikanische KonzilKonzil / Konziliarismus. Vorgeschichte – Verlauf – Ergebnisse – Nachgeschichte, Würzburg.

Rahner, Johanna (2014), Einführung in die katholische Dogmatik, Darmstadt.

Ratzinger, Joseph (2013), Der Geist der LiturgieLiturgie. Eine Einführung, Freiburg i.Br.

Thönissen, Wolfgang (2013), Ein KonzilKonzil / Konziliarismus für ein ökumenisches Zeitalter. Schlüsselthemen des Zweiten Vaticanums, Paderborn/Leipzig.

3.2 Die Altkatholische Kirche

Die Altkatholische (in der Schweiz: Christkatholische) Kirche führt ihrem Selbstverständnis nach TraditionenTradition katholischer Kirchen fort, die sich gegenüber Rom als unabhängig verstehen. Besonderen Bezug nimmt sie auf die bereits im 18. Jahrhundert von Rom losgelöste katholische Kirche in Utrecht, in deren Sukzessionslinie die Bischöfe der Altkatholischen Kirche stehen.

Die historischen AnfängeDie Anfänge der Altkatholischen Kirche liegen in der Entwicklung der Römisch-katholischen Kirche im Zuge des I. Vatikanischen KonzilsKonzil / KonziliarismusI. Vatikanisches Konzil. Die dort dogmatisierten Vorrechte des Papstes, Jurisdiktionsprimat und Infallibilität, wurden unter der maßgeblichen Führung des Münchner Professors für Kirchengeschichte, Johann Joseph Ignaz von Döllinger$Döllinger, Johann Joseph Ignaz von, 1799–1890, römisch-katholischer Theologe (1799–1890), der diese DogmenDogma 1870 als weder biblisch noch kirchengeschichtlich korrekt begründet ansah, nicht als der katholischen Lehre gemäß betrachtet und deshalb abgelehnt. Gegenüber diesen „neuen“ Dogmen hielten Altkatholiken an den „alten“ Lehren fest – daher der Name „altkatholisch“.

Diejenigen, die die neuen DogmenDogma der Römisch-katholischen Kirche nicht anerkennen konnten, wurden exkommuniziert und gründeten deshalb die Altkatholische Kirche. 1873 wurde ihr erster BischofBischof Josef-Hubert Reinkens$Reinkens, Josef-Hubert, 1821–1896, altkatholischer Bischof (1821–1896) geweiht.

Die Entwicklung der Altkatholischen KircheIm Vergleich zur Römisch-katholischen Kirche des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zeigte sich die Altkatholische Kirche den Entwicklungen der Moderne und der ökumenischen BewegungBewegung(en) gegenüber aufgeschlossener. Belegt ist dies z.B. durch die Bonner Unionskonferenzen 1874 und 1875, bei denen die Altkatholische Kirche Kontakte zu anderen Konfessionsfamilien aufnahm. 1931 wurde in der Bonner Vereinbarung bereits die volle Kirchengemeinschaft mit der Kirche von England, später der gesamten → Anglikanischen Gemeinschaft erklärt, nachdem die Lambeth-KonferenzLambeth-Konferenz bereits 1878 Sympathien für die Altkatholische Kirche erklärt hatte. Seit 1985 gibt es eine Vereinbarung zur gegenseitigen Einladung zu dem unter beiderlei Gestalt stattfindenden AbendmahlAbendmahl mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) [→ Evangelische Kirchen]. Außerdem ist die Altkatholische Kirche Gründungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACKArbeitsgemeinschaft der christlichen Kirchen (ACK)).

Die Utrechter UnionUtrechter Union1889 schlossen sich die Altkatholischen Kirchen der Niederlande, der Schweiz und Deutschlands in der Utrechter UnionUtrechter Union zusammen, die bis heute – mittlerweile ergänzt durch weitere Altkatholische Kirchen – die internationale Zusammenarbeit regelt. Die Utrechter UnionUnion / Uniert hat gegenwärtig ca. 70000 Mitglieder, in Deutschland zählt sie ca. 15000 Gläubige.

Die Organisation der KircheDie Altkatholische Kirche ist synodal strukturiert. Der BischofBischof wird von Gemeindevertretern gewählt und steht in der personellen apostolischen Nachfolge. Von daher ist die Altkatholische Kirche in ihrer Struktur manchen evangelischen Landeskirchen ähnlich, allerdings mit dem starken Akzent des Bischofsamtes. Deshalb ist die Verfassung als bischöflich-synodal zu verstehen. Es gibt seit 1878 keinen (Pflicht-)ZölibatZölibat. Frauen können seit 1996 die PriesterweiheWeihePriesterweihe (Presbyterat) empfangen und Laien Führungsaufgaben in der kirchlichen Hierarchie übernehmen. Im Gegensatz zur Römisch-katholischen Kirche werden geschiedene und wiederverheiratete Menschen nicht von der Teilnahme an den SakramentenSakrament ausgeschlossen.

Weiterführende Literatur

Eßner, Günther (2016), Die Alt-Katholischen Kirchen, BensH 116, Göttingen.

3.3 Die Orthodoxe Kirche

Die konfessionelle Orthodoxie wird im deutschsprachigen Raum aufgrund der Unkenntnis östlicher Kirchen schnell mit der lutherischen oder reformierten Orthodoxie, mit der sie konfessionell aber nichts gemein hat, verwechselt.

Herleitung des NamensDie Selbstbezeichnung „orthodox“ ist für die Orthodoxe Kirche ein signifikantes Wesensmerkmal. Sie versteht sich nicht nur als „Kirche der Rechtgläubigkeit“, sondern bringt in ihrem Namen schon wesentliche theologische Charakteristika ihrer selbst zum Ausdruck. Das griechische Wort orthodoxos setzt sich zusammen aus orthos = ‚richtig, aufrecht‘ und dokeo = ‚meinen, glauben, sich bekennen‘. Verbunden mit dokeo ist das Verb doxazo = ‚ehren, lobpreisen‘, das der Wortbedeutung eine spezielle Prägung verleiht: „Ortho-dox“ meint demnach den „rechten LobpreisLobpreis Gottes“, der besonders in der LiturgieLiturgie, im Kult und im kirchlichen Leben zum Ausdruck kommt.

Bedeutung der ErfahrungIn der Orthodoxie steht die LiturgieLiturgie im Mittelpunkt von Theologie und Frömmigkeit. In ihr drücken sich in unmittelbar erfahrbarer Form das gesamte orthodoxe Glaubensleben und die gesamte orthodoxe Theologie aus. Erfahrung ist in diesem Verständnis Ausgangspunkt des Glaubens. Manche der orthodoxen Theologen sehen das eigentlich Besondere der Orthodoxie darin, dass sie nur auf dem Weg der Erfahrung begriffen werden könne, d.h. speziell durch die Teilnahme am GottesdienstGottesdienst, an den MysterienMysterien, d.h. den SakramentenSakrament, sowie durch die kirchlich rezipierte AskeseAskese, das kirchliche geistliche Leben, durch Gebet und LobpreisLobpreis. Theologie erschließt sich nach orthodoxer Vorstellung im Vollzug des kirchlichen Lebens. Somit ist der Erfahrungsbegriff eng mit „Kirchlichkeit“ verbunden, die der Erfahrung den Raum gibt.

Heilige Schrift und OffenbarungsquellenIn der Orthodoxie gilt neben der Heiligen Schrift auch die kirchliche Überlieferung, die TraditionTradition als Quelle der OffenbarungOffenbarungQuelle(n) der Offenbarung. Eine Fixierung auf die Schrift als alleinige OffenbarungOffenbarung Jesu ChristiJesus Christus ist der Orthodoxie fremd. Tradition, Überlieferung und die Aussagen der Kirchenväter können biblischen Aussagen durchaus vor-, zumindest aber gleichwertig beigeordnet werden.

Die Rezeption der Lehren der Kirchenväter und ihre Aneignung unter den Bedingungen der Moderne ist eine zentrale Aufgabe besonders der neopatristischen Richtung innerhalb der orthodoxen Theologie. Dabei werden mit den Kirchenvätern auch gegenwärtige ethische Konzepte gemessen und die BibelBibel auf Bestätigung ihrer Aussagen geprüft.

LiturgieLiturgieIm orthodoxen Selbstverständnis fußt die orthodoxe Identität weder auf einem DogmaDogma noch einer speziellen Organisationsstruktur, sondern in erster Linie auf dem rechten LobpreisLobpreis des dreieinigen Gottes. Der GottesdienstGottesdienst hat theophanischen Charakter, d.h. er ist Ort der Gegenwart und Selbstoffenbarung Gottes. Damit erhalten alle im Zusammenhang mit dem Gottesdienst stehenden Elemente und Aspekte eine besondere Bedeutung, die von der LiturgieLiturgie her zu verstehen sind und durch sie definiert werden. Das betrifft u.a. das Wirken des BischofsBischof und Priesters und ihre Stellung im gottesdienstlichen Geschehen.

Die LiturgieLiturgie als ein Volksdienst, abgeleitet von leitou = ‚Volk‘ und ergon = ‚Werk‘, ist kein privater religiöser Akt, d.h. sie kann nicht wie in der Römisch-katholischen Kirche als Ritus für Einzelne vollzogen werden und fokussiert ebenso wenig eine individuelle Beziehung des Einzelnen zu Gott wie im Protestantismus. Die Liturgie wird verstanden als ein Glaubensakt des kirchlichen Volkes Gottes in Christus.

Orthodoxe Christen sehen ihre jeweilige Konfession und Kirchenzugehörigkeit am deutlichsten in ihren gottesdienstlichen Ordnungen und Liturgien zum Ausdruck gebracht. Nach welchem Kalender die Abfolge der Gottesdienstfeiern und Feste stattfindet, welcher Ritus und welche Sprache in Gebrauch ist, nach welchen Liturgieformularen gefeiert wird, ist bei aller regionalen Vielfalt zentral für die orthodoxe konfessionelle Identität.

3.3.1 Die Realisierung der ApostolizitätApostolizitätRealisierung der Apostolizität: Theologische Grundlagen

EkklesiologieEkklesiologieDie Orthodoxie sieht sich als die authentische Fortführung der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche. Sie ist der Ursprung, von dem sich alle anderen Kirchen, auch die westliche, Römisch-katholische Kirche abspalteten, und somit die Heimat aller Christen.

Die orthodoxe EkklesiologieEkklesiologie erfuhr lediglich durch die Konzilien eine gewisse allgemeine Fixierung, aber nicht durch weiterführende dogmatisch-theologische Festschreibungen, die verbindlich für die gesamte Kirche sind. Das gilt ebenso für das Kirchenrecht: Es gibt keinen allgemein verbindlichen Rechtskodex, auch wenn bis ins Mittelalter verschiedene Kanones und andere Normenlisten entwickelt wurden, die auch heute weitgehend die Grundlage des kirchlichen Lebens bilden.

Die Kirche wird als „lebendiger Organismus“ gesehen, deren Wirklichkeit eher erfahrbar ist, als dass sie dogmatisch festgeschrieben werden kann.

SynodalitätSynodalität/GemeinschaftIm Allgemeinen beschreibt sich die orthodoxe Kirche, wie z.B. in den Dokumenten des im Sommer 2016 stattgefundenen (Pan)orthodoxen KonzilsKonzil / Konziliarismus, dessen Beschlüsse von zehn der zu dem Zeitpunkt 14 autokephalen Kirchen getragen werden, als dreifach geeint, und zwar in den SakramentenSakrament, besonders in der Göttlichen EucharistieEucharistie, im orthodoxen Glauben und in ihrer SynodalitätSynodalität. Grundlage des Synodalismus, der die kanonische Struktur der Kirche bestimmt, ist sein Charakter als Gemeinschaft(lichkeit), die im orthodoxen Verständnis das Leben der Kirche trägt und eines der herausragenden Elemente orthodoxer EkklesiologieEkklesiologie ist.

Eine treffende Bezeichnung für diese Vorstellung der Gemeinschaft(lichkeit) ist sobornost. Der Begriff entstand Ende des 19. Jahrhunderts in der russischen Orthodoxie. Er leitet sich von ‚Sammlung‘ ab und meint ‚Konziliarität‘, ‚Katholizität‘ oder ‚Gemeinschaft‘. Die jeweiligen theologischen Deutungen können leicht variieren, meinen aber stets Formen der Verbindung des Individuellen und des Gemeinschaftlichen, ohne ein Element dem anderen unterzuordnen.

Die leibhaftige Gemeinschaft der Gläubigen in der Kirche kann christologischChristologie, d.h. in Bezug auf Jesus ChristusJesus Christus, oder pneumatologisch, d.h. im Hinblick auf den heiligen Geist, gedeutet werden. Auch der Rückbezug auf die TrinitätTrinität ist gebräuchlich: Die innertrinitarische Gemeinschaft der drei göttlichen Hypostasen hat sich der Gemeinschaft der Kirche mitgeteilt und erfährt durch sie eine Verkörperung.

Die Gemeinschaftlichkeit, die qualitative Katholizität, hält u.a. sakramentales und allgemeines Priestertum zusammen. Mit der Vorstellung der kirchlichen Gemeinschaft ist das Amtsverständnis untrennbar verbunden.

Eschatologische PerspektiveIn der orthodoxen Theologie und in der orthodoxen Frömmigkeit wird die Kirche als mystisch in Gott verankert und damit vor der Zeit existierend verstanden (so z.B. bei Bulgakov, 1993, 19). Damit ist sie unabhängig von ihrer historischen Entstehung und Entwicklung. Sie wird von der Zukunft ausgehend eschatologisch gedacht, weniger von der Vergangenheit her. Aktuell begegnet diese Vorstellung u.a. bei Johannes Zizioulas (geb. 1931)$Zizioulas, Johannes, geb. 1931, orthodoxer Theologe, Titular-Metropolit von Pergamon, Titular-Metropolit von Pergamon und einer der gegenwärtig einflussreichsten Theologen der Orthodoxen Kirche.

Eucharistische EkklesiologieEkklesiologieDer Kern dieser Anschauung ist die schon in der Alten Kirche vertretene eucharistische EkklesiologieEkklesiologie, die in der die EucharistieEucharistie feiernden Ortsgemeinde die Kirche selbst sieht. Das Feiern der Eucharistie unter der Leitung eines BischofsBischof in jeder einzelnen Gemeinde stellt die Kirche schlechthin dar. Da die Eucharistie die Inkarnation des ungeteilten Jesus ChristusJesus Christus ist, wird durch sie auch die Einheit der KircheKircheEinheit der Kirche selbst gewahrt. In orthodoxer Sicht ist die Eucharistie kirchenkonstituierend. Die Gültigkeit der Eucharistie wiederum hängt von der Gültigkeit des Amtes und des Trägers ab, der sie zelebriert.

Vor diesem Hintergrund nimmt das Amtsverständnis eine untergeordnete Stellung in der orthodoxen Theologie und Dogmatik ein. Gleichermaßen kommt ihm im Hinblick auf das Zentrum des Glaubens und der Theologie eine eminent wichtige Rolle zu. Das kirchliche AmtAmt wird nicht aus sich selbst heraus begriffen, sondern in seinem Bezug zu EucharistieEucharistie und GottesdienstGottesdienst und in deren Zusammenhang zur EkklesiologieEkklesiologie.

Aufgrund dieser Nachrangigkeit fehlen Beschreibungen der orthodoxen Definition des kirchlichen Amtes in so gut wie jeder deutschsprachigen konfessionskundlichen Darstellung seit Beginn des 20. Jahrhunderts bzw. finden nur peripher im Zusammenhang mit dem GottesdienstGottesdienst Erwähnung.

EucharistieEucharistie und PriesteramtDer Bezug auf EucharistieEucharistie und GottesdienstGottesdienst verleiht dem AmtAmt seine ekklesiologische Bedeutung. Die unmittelbare Zuordnung zur Eucharistie, die als SakramentSakrament und LiturgieLiturgie Mitte des kirchlichen Lebens ist, erhöht den Stellenwert des BischofsBischof- und Priesteramtes, trotz seiner Nachrangigkeit bei der Betrachtung als eigenständiges Amt und im Vergleich mit anderen, markanteren Erscheinungen des kirchlichen Lebens. Für die eucharistische Gemeinschaft ist das Priestertum unerlässlich.

Die LiturgieLiturgie ist in der Orthodoxie Ausdruck und Element der Vergegenwärtigung des Heils. In theologischer Terminologie bedeutet das: anamnetische Aktualpräsenz der HeilsökonomieHeilsökonomie. In der Liturgie wird in einer Vielzahl einzelner Akte und Handlungen Heilswirklichkeit aktualisiert und die Wiederkunft Christi vergegenwärtigt. In der EucharistieEucharistie nimmt die Gemeinde sakramental an dem Opfer Christi zum Heil des Menschen teil. Christus selbst ist der PriesterPriester, der das in seiner Kirche gefeierte Opfer darbringt. Die Kirche feiert die Eucharistie im Bewusstsein, in ihrer sichtbaren Gestalt mystischer Leib Christi zu sein.

Der BischofBischof oder PriesterPriester ist dabei die Versinnbildlichung des sakramental Vollzogenen – seine einzigartige Funktion besteht darin, das Priestertum Christi, des einzigen und wahren Priesters, abzubilden und zu vergegenwärtigen.

Apostolische SukzessionSukzessionApostolische SukzessionDie Orthodoxe Kirche vertritt den Standpunkt, dass es ein von Jesus ChristusJesus Christus gestiftetes AmtAmt gibt, das von den ApostelnApostel durch sukzessive OrdinationOrdination weitergegeben wurde und wird. Die ekklesiologischen Voraussetzungen der SukzessionSukzession werden in der Aufgabe der Verbreitung und Mission der in der Geschichte existierenden Kirche gesehen sowie der Vorstellung der Übertragung von AutoritätAutorität durch Stellvertretung und Repräsentanz (Zizioulas$Zizioulas, Johannes, geb. 1931, orthodoxer Theologe, Titular-Metropolit von Pergamon, 1996, 153f. u.ö.). Die apostolische SukzessionSukzessionApostolische SukzessionApostolizitätApostolische Sukzession wiederum ist Voraussetzung der Einheit der KircheKircheEinheit der Kirche und so untrennbar mit SynodalitätSynodalität und Konziliarität verbunden. Die einzigartige Rolle des BischofsBischof besteht darin, die sichtbare Einheit der Gemeinschaft in der EucharistieEucharistie zu garantieren. Steht der Bischof nicht in der apostolischen Sukzession, bricht die Einheit der Kirche auseinander bzw. wird nicht hergestellt. Damit ist die Kirche keine im GlaubensbekenntnisGlaubensbekenntnis bezeugte Kirche mehr, kein MysteriumMysterien.

Einheit der KircheKircheEinheit der Kirche im HirtenamtDas Hirtenamt ist aufgrund seiner engen Verbindung mit dem Apostolat das AmtAmt, das alle anderen Ämter umschließt. Seine besondere Aufgabe ist die Förderung der Einheit der KircheKircheEinheit der Kirche. Dies wird in den von der Orthodoxie rezipierten Gedanken der Kirchenväter Ignatius von Antiochien (2. Jahrhundert)$Ignatius von Antiochien, 2. Jahrhundert, Bischof von Antiochien, Kirchenvater und Cyprian$Cyprian von Karthago, gest. 258, Bischof, Kirchenvater von Karthago (um 200–258) deutlich: Die Kirche sei das in ihrem BischofBischof vereinte Volk, eine Herde, die sich um ihren Hirten dränge, und somit habe der Bischof nur in der Kirche und die Kirche nur im Bischof Bestand.

Das dreigliedrige HirtenamtNach orthodoxer Scholastik vereint und verkörpert das Hirtenamt, das höchste und das zentrale AmtAmt der Kirche, die dreifache messianische Würde Jesu ChristiJesus Christus als ProphetProphet, Hohepriester (Lehrer) und König (Kirchenleiter). Keiner dieser drei Komponenten kann vom Hirtenamt gelöst werden. In ihnen spiegelt sich die trinitarische HeilsökonomieHeilsökonomie. Die Vor- oder Unterordnung eines Amtes gegenüber einem anderen schadet dem Ganzen, allerdings steht die priesterliche Würde im Mittelpunkt und umfasst die beiden anderen.

Das SakramentSakrament der Handauflegung/die PriesterweiheWeihePriesterweihe (Presbyterat)Das Weihesakrament der Handauflegung oder der OrdinationOrdination ist in der Orthodoxie dreigeteilt in den DiakonDiakonat (die DiakonenweiheWeiheDiakonenweihe), den PresbyteratWeihePriesterweihe (Presbyterat) (die Priesterweihe) und den Episkopat (die BischofsweiheWeiheBischofsweihe). Neben dem Weihesakrament gibt es die sogenannten niederen WeihenWeihe, z.B. zum Lektorat oder zum Subdiakonat.

Im SakramentSakrament der PriesterweiheWeihePriesterweihe (Presbyterat) wird durch Weihegebete und Handauflegung (griech.: Cheirotonia) des BischofsBischof der Heilige GeistHeiliger Geist auf den zum Priesteramt Erwählten herabgerufen. Er wird dadurch befähigt, die MysterienMysterien zu feiern, allen voran das Mysterium der EucharistieEucharistie, Sakramente zu spenden (bei PriesternPriester ausgenommen das Sakrament der WeiheWeihe), zu segnen und sich am kirchlichen Hirten- und LehramtLehramt aktiv zu beteiligen.

Die gesamte Fülle der priesterlichen Gewalt wird in der BischofsweiheWeiheBischofsweihe, die eingeschränkte priesterliche Gewalt in der PriesterPriester- und Diakonatsweihe mitgeteilt.

Das priesterliche AmtAmt ist christologischesChristologie Abbild mit pneumatologischer Perspektive. Der PriesterPriester wird u.a. in der Nachfolge des aaronitischen Priestertums gesehen (Lilienfeld, 1995, 428). Pneumatologisch gedeutet empfängt der Priester in seiner WeiheWeihe, so der orthodoxe Theologe Alexander Schmemann (1921–1983)$Schmemann, Alexander, 1921–1983, orthodoxer Theologe, „nicht das ,Priestertum‘, sondern die Gabe der Liebe Christi“ (Schmemann, 1974, 115), und die pneumatische Befähigung, die unsichtbare ParusieParusie des Herrn, seine Gegenwart und deren Wirkung in seiner Kirche zu verkörpern. In dieser OffenbarungOffenbarung der Liebe ähnele das SakramentSakrament der PriesterweiheWeihePriesterweihe (Presbyterat) dem Ehesakrament.

ÄmterstrukturDie Ämterstruktur in der Orthodoxen Kirche weist eine hierarchische Gliederung auf: An der Spitze einer Lokalkirche steht der BischofBischof, der als primus inter pares im Kollegium der Bischöfe wirkt. Bezeichnungen wie „PatriarchPatriarch“, „Metropolit“ oder „ErzbischofBischofErzbischof“ sind lediglich Titel, die sich auf Leitungsfunktionen oder Ehrenämter beziehen. Der Bischof wird als Hohepriester verstanden (griech.: Archiereis, seltener: Bischof = griech.: Episkopos), als „Vorarbeiter“ und „Aufseher“. Bischöfe sind geistlich und kirchenrechtlich gleichgestellt, sodass auch ein Patriarch oder Metropolit keine höhere AutoritätAutorität oder Jurisdiktionsgewalt gegenüber einem Bischof hat. Er vertritt lediglich die Kirche nach außen.

Ein BischofBischof wiederum leitet die PriesterPriester (Priester = griech.: Hiereus, seltener: Presbyteros = ‚Ältester‘). Es gibt für Priester Ehrentitel wie „Erzpriester“ (griech.: Archipresbyteros) oder „Archimandrit“ u.ä.

BischofBischof und PriesterPriesterPriesterPriester besitzen ihre AutoritätAutorität nur Kraft der bischöflichen Delegation. Diese zeigt sich konkret an der Überreichung des Antimension, des Altartuchs, das die Signatur des BischofsBischof trägt. Ohne das Antimension kann ein Priester keine EucharistieEucharistie feiern. Ein weiteres Zeichen der Delegation der bischöflichen Autorität ist die liturgische Kommemoration des Bischofs durch den Priester. Der Priester vollzieht die SakramenteSakrament in Abhängigkeit vom Bischof.

In der Gemeinde ist wiederum der PriesterPriester der Hirte der spirituellen Herde, auch wenn seine AutoritätAutorität eine delegierte ist. Sie ist ebenso real und von der Art wie die des BischofsBischof, von der sie sich ableitet.

Die DiakoneDiakon (griech.: Diakonos) sind Helfer des Priesters in der Gemeinde oder sind einem BischofBischof und dessen Aufgabenbereichen zugeordnet.

Eheschließung bei PriesternPriesterEin Spezifikum der orthodoxen Kirche, welches auf altkirchliche kanonische Praxis zurückgeht, ist die Möglichkeit der Eheschließung für DiakoneDiakon und PriesterPriester, bevor sie die WeiheWeihe empfangen. Bischöfe sind immer Mönche und von daher zum ZölibatZölibat verpflichtet. Da aber auch verwitwete Priester, die in den Mönchsstand eingetreten sind, zu Bischöfen gewählt und geweiht werden können, kommt es in der Praxis immer wieder vor, dass orthodoxe Bischöfe und kirchliche Würdenträger verheiratet waren und Kinder haben. Allerdings dürfen Priester, wenn sie Witwer werden oder sich von ihrer Frau trennen, kein zweites Mal heiraten. Geweihte Priester hingegen dürfen nicht mehr heiraten – darin ähneln sie römisch-katholischen Priestern. Die PriesterweiheWeihePriesterweihe (Presbyterat) stellt in der Orthodoxie wie im römischen Katholizismus in kirchenrechtlicher Terminologie ein Ehehindernis dar.

3.3.2 Besonderheiten der historischen Entwicklung

Grundsätzlich werden in der konfessionskundlichen Systematik der Orthodoxen Kirche zwei Kirchenfamilien unterschieden, die sich in je eigenen historischen Entwicklungen herausbildeten: die orientalischen oder altorientalischen orthodoxen Kirchen und die orthodoxen Kirchen byzantinischer TraditionTradition. Beide Kirchenfamilien sehen sich selbst als „orthodoxe“ Kirchen an. Im allgemeinen Sprachgebrauch aber sind es die byzantinischen Kirchen, die im engeren Sinne orthodoxe Kirchen heißen, während die altorientalischen Kirchen nach ihrer geografischen Lage als orientalische oder altorientalische Kirchen bezeichnet werden.

Kennzeichnend für die beiden Kirchenfamilien ist ihre jeweilige Orientierung an den frühkirchlichen Konzilien [→ AusdifferenzierungAusdifferenzierung (des Christentums)], besonders dem KonzilKonzil / Konziliarismus von Chalcedon 451. Die orientalischen Kirchen verweigerten den Beschlüssen des Konzils ihre Zustimmung. Deshalb werden sie auch „vor-chalcedonensische“ oder „nicht-chalcedonensische“ Kirchen genannt. Mit dieser Bezeichnung wird versucht, den museal anmutenden, jedoch am meisten gebräuchlichen Begriff altorientalische Kirchen in einen neutralen und nicht pejorativen Terminus umzuwandeln.

Die autokephalen Kirchen der byzantinischen Kirchenfamilie erkennen die Beschlüsse aller sieben altkirchlichen Ökumenischen KonzilKonzil / KonziliarismusÖkumenisches Konzilien an.

3.3.3 Orthodoxe Kirchen

Orthodoxe Lokal- und Nationalkirchen und die Orthodoxe KircheIn ekklesiologischer Perspektive gibt es nur eine universale Orthodoxe Kirche. Unter historischen, jurisdiktionellen und organisatorischen Gesichtspunkten existieren allerdings zahlreiche orthodoxe Lokal- oder Nationalkirchen, die mitunter eng mit der Geschichte und der nationalen Identität des Landes verbunden sind, auf dessen Territorium sie liegen.

Das Ideal der SymphoniaSymphoniaDas orthodoxe Verständnis des Staat-Kirche-Verhältnisses ist geprägt von dem byzantinischen Ideal der SymphoniaSymphonia, das in der Zeit der byzantinischen Reichskirche entstand. Es meint die politisch enge Verbindung von Kaisertum und Patriarchat, das einträchtige Zusammenwirken von politischer und kirchlicher Gewalt, die zwar getrennte Lebens- und Seinsbereiche betreffen, aber doch ineinander verflochten sind. Historisch ließ sich das Prinzip der Symphonia so lange realisieren, wie sich die orthodoxen Kirchen in einem orthodoxen Staat befanden. In der Zeit der osmanischen Herrschaft in Ost- und Südosteuropa [→ AusdifferenzierungAusdifferenzierung (des Christentums)] kam es zur Verlagerung dieser alten Kirche-Staat-Beziehung hin zu einer Kirche-Nation-Beziehung (Bremer, 2000, 470).

Kanonisches TerritoriumBereits im Namen der Kirche zeigt sich die Zugehörigkeit zu einem Land, einer Nation, einer Volksgruppe, auch wenn in orthodoxer Selbstwahrnehmung „Nation“ eine nachrangige Kategorie von Kirche, Frömmigkeit und Glauben ist.

In der Orthodoxie gilt das kanonische Territorialprinzip als jurisdiktionelle Festlegung, auf welchem Gebiet eine Kirche existiert und tätig ist. Auf dem kanonischen Territorium einer orthodoxen Kirche darf keine andere Kirche wirken, missionieren oder eine ihr zugehörige Kirche gründen.

Auch wegen des kanonischen Territorialprinzips sind die Gebiete von Ländern und Staaten in vielen Fällen deckungsgleich mit denen der jeweiligen Lokalkirchen.

AutokephalieAutokephalie und AutonomieAutonomieKirchenrechtlich unterscheiden sich die orthodoxen Lokalkirchen in autokephale, autonome und Kirchen mit ungeklärtem rechtlichem Status.

AutokephalieAutokephalie meint, dass die betreffenden Kirchen selbstständig in ihrer Verwaltung und Jurisdiktion sind, ihnen eigene Bischofsversammlungen und ein eigener PatriarchPatriarch oder ErzbischofBischofErzbischof vorstehen. Bischofsernennungen gehen von der Kirche selbst aus, unabhängig von den anderen Kirchen. Die Kirchen dürfen sich nicht gegenseitig in ihre Angelegenheiten einmischen.

Derzeit gibt es 14 autokephale orthodoxe Kirchen nach byzantinischem Ritus. Dazu kommt mit der Orthodoxen Kirche der Ukraine eine Kirche, deren AutokephalieAutokephalie-Status zwar vom Ökumenischen Patriarchat proklamiert wurde, der aber momentan in der orthodoxen Gemeinschaft noch umstritten ist.

Autonome orthodoxe Kirchen besitzen eigene Verfassungen und verhandeln ihre internen Angelegenheiten auch selbst, unterstehen jedoch einem anderen Patriarchat, in der Regel dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel. Von dem PatriarchenPatriarch, dem sie unterstehen, müssen sie sich die Wahl ihres Kirchenoberhauptes bestätigen lassen. Zu den autonomen orthodoxen Kirchen gehören beispielsweise die kleine Orthodoxe Kirche vom Berg Sinai [→ Patriarchat von Jerusalem, → Autonome Kirchen] oder die Orthodoxe Kirche Finnlands [→ Autonome Kirchen].

Trotz dieser klaren Regelungen gibt es in der Praxis immer wieder Spannungen, wenn die Anerkennung von autonomen Kirchen nicht oder nur von einem Teil der autokephalen Kirchen erfolgt. So wird z.B. die AutonomieAutonomie der Estnischen Apostolischen Orthodoxen Kirche, die sich als die eigentliche orthodoxe Kirche Estlands sieht und dem Ökumenischen Patriarchat untersteht, nicht von der Russisch-Orthodoxen Kirche anerkannt, die mit der Estnisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats eine eigene estnisch-nationale Jurisdiktion hat.

Die Problematik der autonomen Kirchen war u.a. Thema des 2016 stattgefundenen (Pan)orthodoxen KonzilsKonzil / KonziliarismusPanorthodoxes Konzil. In dem entsprechenden Konzilsbeschluss wurde die Regelung festgehalten, dass eine autokephale Kirche nur dann den Status der AutonomieAutonomie verleihen darf, wenn die betreffende Kirche auf ihrem geografischen Kirchengebiet liegt. In der orthodoxen Diaspora kann eine Kirche nur in panorthodoxer Übereinstimmung durch Vermittlung des Ökumenischen Patriarchats die Autonomie erhalten.

3.3.3.1 Die altorientalischen Kirchen

Die Heilige Apostolische Katholische Assyrische Kirche des Ostens als eine der ältesten christlichen Kirchen wird mitunter aufgrund von Lehrunterschieden nicht zu der altorientalischen Kirchenfamilie gezählt, sondern wird gesondert genannt. Ihre TraditionTradition, Geschichte und viele Bräuche sind allerdings ähnlich der der anderen altorientalischen Kirchen.

Die altorientalische Kirchenfamilie umfasst die ebenfalls schon in der christlichen Frühzeit entstandene Heilige Apostolische Kirche der Armenier, die vorrangig in Ägypten verbreitete Koptische Orthodoxe Kirche sowie die Äthiopische Orthodoxe TewahedoTewahedo-Kirche. Aus letzterer ging 1993 mit der Unabhängigkeit Eritreas die Eritreische Orthodoxe Tewahedo-Kirche hervor. Die Stadt Antiochien (altgriech.: Antiocheia) am Orontes war die Ursprungsgemeinde von mehreren Kirchen, zu denen zwei orthodoxe Kirchen zählen: In der Spätantike teilte sich die Gemeinde in die altorientalische Syrische Orthodoxe Kirche von Antiochien und dem ganzen Osten mit engen Verbindungen zu den Thomaschristen in Indien und in das autokephale byzantinisch-orthodoxe Patriarchat von Antiochien und dem ganzen Osten. Altorientalische orthodoxe Kirchen in Indien sind die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Malankara, die Teil der Syrisch-Orthodoxen Kirche (von Antiochien) ist, die Malankarisch Orthodoxe Syrische Kirche und die Unabhängige Syrische Kirche von Malabar. Im Folgenden werden die genannten Kirchen in ihrer Geschichte und mit ihren konfessionskundlichen Spezifika skizziert.

Heilige Apostolische Katholische Assyrische Kirche des Ostens (auch: Kirche des Ostens der Assyrer, Assyrische Kirche, Apostolische Kirche des Ostens)

Geschichte

Die Assyrische Kirche ist eine der ältesten christlichen Kirchen, im 21. Jahrhundert allerdings auch im Hinblick auf die Mitgliederzahlen eine der kleinsten Kirchen im Nahen Osten. Ihre Geschichte begann etwa 100, als das Christentum auf dem Gebiet zwischen Euphrat und Tigris Fuß fasste, und zwar sowohl auf dem oströmischen als auch auf dem persischen Gebiet.

Ein wichtiges geografisches Zentrum für die Ausbreitung des Christentums in der damaligen Zeit war die Stadt Edessa, heute Şanlıurfa oder kurz Urfa im Süden der Türkei an der Grenze zu Syrien. Die Bedeutung Edessas wird im Zusammenhang mit der → Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien ausführlich erläutert. Aber auch für die Assyrische Kirche spielte Edessa eine bedeutende Rolle, u.a. als Ausbildungsstätte ihrer Theologen.

In den ersten Jahrhunderten erlebten die Christen an der Grenze zwischen dem römischen und neupersischen Reich schwere Christenverfolgungen. Zudem geriet die Assyrische Kirche durch die Feindschaft der persischen Sassaniden und der Oströmer zwischen die politischen Fronten. Sie war gezwungen 424 ihre Unabhängigkeit vom Christentum des oströmischen Reichs zu erklären und wurde zur christlichen Kirche im Perserreich. Damit einher ging in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts die Stabilisierung der Kirchenstrukturen in Abgrenzung zum oströmischen Reich. Die Assyrische Kirche organisierte sich in Diözesen mit dem Zentrum Seleukia-Ktesiphon, der Reichshauptstadt am Tigris im heutigen Irak. Eigene christologischeChristologie Erklärungen wurden Ende des 5. Jahrhunderts formuliert und 612 endgültig festgehalten. Im Gegensatz zu den theologischen Beschlüssen des KonzilsKonzil / Konziliarismus von Chalcedon präferierten die persischen Christen die Vorstellung, dass Jesus ChristusJesus Christus nicht nur in zwei Naturen in einer Person existiert, sondern mit zwei Naturen und zwei Hypostasen in einer Person ausgestattet sei. Dadurch war die Assyrische Kirche nicht nur organisatorisch, sondern auch theologisch-dogmatisch von der oströmischen Kirche getrennt.

Seit dem 6. Jahrhundert führte die Assyrische Kirche weitreichende Missionsunternehmungen durch, und zwar bis hin zu den Gebieten des heutigen Jemen, des Oman, Südindiens, Tibets, der Mongolei und Chinas. Die Kirche hatte im Mittelalter ihre größte geografische Ausdehnung und errichtete sogar in Peking einen Bischofssitz. Die Assyrische Kirche ist die erste Weltkirche und Missionskirche der Christenheit. Auch unter der arabischen Herrschaft seit 633 konnte sie bis ins 9./10. Jahrhundert ihre theologische und kirchliche Ausstrahlungskraft im östlichen Raum bewahren.

Anfang des 20. Jahrhunderts erlebte diese Kirche ähnliche Verfolgungen und Massaker durch die Osmanen wie die Armenische Kirche [→ Heilige Apostolische Kirche der Armenier], teilweise mit dieser zusammen. Die darauffolgende assyrische Fluchtbewegung führte die Gläubigen in den britisch besetzten Irak. Als sich 1933 die Briten aus dem Irak zurückzogen, begann eine neue Verfolgungswelle, diesmal seitens des um seine nationale Unabhängigkeit und Identität ringenden Irak, in dem die Christen als britische Kollaborateure angesehen wurden. Als die Assyrer versuchten, nach Syrien zu emigrieren, wurden Tausende von ihnen auf den Flüchtlingszügen getötet. Die meisten der Überlebenden flohen in die USA.

Es gab im Laufe der Geschichte einige SchismenSchisma in dieser Kirche. Die wesentlichste im 20. Jahrhundert ist die Abspaltung der Alten Apostolischen und Katholischen Kirche des Ostens 1964, die im Irak staatlicherseits 1972 anerkannt wurde, mit Sitz in Bagdad.

In jüngster Zeit litt die Kirche wie alle christlichen Gemeinschaften in Syrien und im Irak im Golfkrieg (1980–1988), den beiden Irakkriegen (1990/91, 2003) und im Syrienkrieg (seit 2011). Viele Assyrer flohen aus ihren Heimatgebieten. Besonders schwer wiegen die Anfeindungen und Bedrohungen, denen Christen seitens radikalislamischer Gruppen, Milizen und Rebellengruppen und des Islamischen Staats (IS) ausgesetzt waren und die das Christentum in diesen Gebieten nahezu zum Erliegen brachten.

Der Großteil der assyrischen Christen lebt heute in den USA. Der Sitz der Kirche liegt demzufolge auch in den USA, in Morton Grove bei Chicago.

Theologie, Kirche, Frömmigkeit

 Die frühere und heute abgelehnte Bezeichnung der Assyrischen Christen als Nestorianer geht darauf zurück, dass sich die Assyrische Kirche bereits 431 von den Beschlüssen des KonzilsKonzil / Konziliarismus von Ephesus distanzierte. Auf diesem Konzil wurde die Lehre des PatriarchenPatriarch von Konstantinopel Nestorios$Nestorios, um 386-um 450, orthodoxer Patriarch von Konstantinopel (um 386-um 450) verurteilt. Nestorios ging von zwei Naturen in Christus aus. Sein Schwerpunkt lag aber darauf, dass diese keinesfalls vermischt werden dürften, da verschiedene Eigenschaften der menschlichen NaturNatur, z.B. der Tod Jesu, nicht der göttlichen Natur zugerechnet werden können. Nestorios wurde von seinen Gegnern unterstellt, mit der getrennten Verortung der beiden Naturen die Person Jesu zu „zerreißen“. Seine Anhänger wurden deshalb auch Dyophysiten (griech.: dyo = zwei, physis = Natur) genannt.

 Mit dem alexandrinischen und dem römischen Papst entspann sich die Auseinandersetzung um den Begriff Gottesgebärerin oder, so von Nestorios$Nestorios, um 386-um 450, orthodoxer Patriarch von Konstantinopel vertreten, Christusgebärerin.

 Die Zuschreibung nestorianisch für die Assyrische Kirche gilt heute als falsch, da die Kirche einen, wie auch immer gearteten Nestorianismus auch nach der Trennung von der oströmischen Kirche nicht einführte. So argumentierte der antiochenische Theologe Theodor von Mopsuestia$Theodor von Mopsuestia, um 350–428/29, Theologe, Bischof (um 350–428/29), der in der Assyrischen Kirche intensiv rezipiert wurde, Christus habe in zwei Naturen existiert und sei in einer Person geeint gewesen. Theodors Gegner wiederum wollten die Einheit auf der Ebene der Naturen sehen und warfen ihm vor, keine wirkliche Einheit der Göttlichkeit und Menschlichkeit Jesu ChristiJesus Christus herzustellen, sondern eine Form des Adoptianismus zu vertreten, bei dem die göttliche NaturNatur die menschliche „adoptiert“ habe. Auch Theodor von Mopsuestia wurde 553 als Häretiker verurteilt, was die Kluft zwischen der Assyrischen Kirche und den Oströmern vergrößerte.

 Theologische Aspekte, die die Assyrische Kirche in der Tat von anderen Kirchen unterscheiden, sind das Fehlen einer tiefergehenden Hypostasenlehre sowie die Ablehnung der Augustinischen Erbsündenlehre. Der biblische KanonKanon der Assyrischen Kirche weist eine andere Zusammensetzung auf: Aufgenommen wurde das Buch „Jesus Sirach“, nicht aufgenommen sind der 2. Petrusbrief, der 2. und 3. Johannesbrief, der Judasbrief und die OffenbarungOffenbarung des Johannes.

 Der PatriarchPatriarch der Kirche ist „Katholikos-Patriarch“ im Sinne eines Amtes, das sich als allumfassend zuständig für die „eine und gesamte Kirche“ versteht.

 Die Assyrische Kirche hatte 2010 weltweit etwa 330000 Gläubige. Aufgrund des Bürgerkriegs in Syrien und der unbekannten Anzahl von Todesopfern und Flüchtlingen lässt sich für die Zeit danach für den nahöstlichen Raum keine genaue Angabe zu Mitgliederzahlen machen.

Heilige Apostolische Kirche der Armenier (Armenische Apostolische Kirche)

Geschichte

Als Gründer der armenischen Kirche gilt Gregor der Erleuchter (um 240-um 331/32)$Gregor der Erleuchter, um 240-um 331/32, Gründer und Apostel der armenischen Kirche, der der Legende nach 301 den armenischen König Tiridates III.$Tiridates III., um 250–330, König von Armenien (um 250–330) taufte. Die historische Forschung geht bei diesem Übertritt zum Christentum von mehreren anderen (späteren) Zeitpunkten aus. Zumindest konkurriert die Gründung der armenischen StaatskircheStaatskirche mit der Errichtung des Staatskirchentums im oströmischen Reich. Im Falle einer Hinwendung des armenischen Königs zum Christentum noch vor der Annahme des Christentums durch Kaiser Konstantin$Konstantin (der Große), 270/288–337, 306–337 Kaiser des Römischen Reichs, seit 324 als Alleinherrscher wäre sie die älteste christliche Staatskirche.

Die WeiheWeihe der armenischen Bischöfe nahm bis etwa 370 der Metropolit von Kaisareia (lat.: Chaesarea) in Kappadokien vor; seitdem wurden die armenischen Oberhirten im Lande selbst geweiht. Damit war die armenische Kirche unabhängig und selbstständig. Ihr oberster Geistlicher war der „Katholikos“, der in Edschmiadzin residierte und eng mit der politischen Leitung des Landes verbunden war. Umso härter traf es die Kirche, als das armenische Reich 387 zwischen dem römischen und persischen Reich aufgeteilt wurde. Noch Ende des 4. Jahrhunderts, bereits unter persischer und römischer Oberhoheit, entwickelte der Mönch Mesrop Maschtotz$Mesrop Maschtotz, um 360–440, armenischer Mönch, Erfinder des armenischen Alphabets (um 360–440) das armenische Alphabet. Das war der Beginn der beeindruckenden armenischen Literaturgeschichte, die nicht nur eine reichhaltige eigene Literaturproduktion aufweist, sondern auch mit zahlreichen Übersetzungen besticht, denn in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts, dem armenischen Goldenen Zeitalter, wurde damit begonnen, in großem Umfang griechische und syrische Werke ins Armenische zu übersetzen. Die armenische Sprache diente in den folgenden Jahrhunderten, die von einer politischen und kirchenpolitischen Zersplitterung gekennzeichnet waren, der Wahrung der armenischen Identität und des kirchlichen Zusammengehörigkeitsgefühls.

Unter den sassanidischen Großkönigen kam es im 5. Jahrhundert zur Unterdrückung der Kirche, die in kriegerischen Erhebungen der Armenier mündete. Die Schlacht von Avarair 451 spielt im kulturellen Gedächtnis der Armenier bis heute eine Rolle. Die armenischen Kämpfer unterlagen zwar der persischen Übermacht. Fortan aber gestaltete sich die persische Religionspolitik weniger repressiv für die Armenier.

Im 7. Jahrhundert wurde Armenien von arabischen Heeren erobert, die Kirche konnte sich aber auch unter muslimischer Herrschaft entfalten. Erst mit der Rückeroberung durch Byzanz, dessen StaatskircheStaatskirche abweichende christliche Kirchen unterdrückte, und durch die Kriege im Zuge des Untergangs des byzantinischen Reichs und den erneuten Eroberungsfeldzügen der Muslime erlebte die Kirche neue Verunsicherungen. Sie führten dazu, dass sich ein Teil der Armenier im 11. Jahrhundert aufmachte, um ein neues Siedlungsgebiet zu suchen, das sie in Kilikien an der Mittelmeerküste fanden. Die Kirche folgte der Auswanderung. Unter byzantinischer Oberhoheit und in Anbindung an das abendländische Christentum entstand in Kilikien ein neues Zentrum der armenischen Kirche. 1294 wurde der Sitz des Katholikos, inzwischen in Hromkla (osman./türk.: Rum Kalesi) bei Edessa, nach Sis verlegt. 1441 erfolgte die Rückverlegung des Katholikossitzes in das großarmenische Gebiet nach Edschmiatzin, wobei der Katholikos von Sis weiterhin im Katholikat Kilikien residierte. Die Kirche zersplitterte in der Zeit vom 12. bis zum 15. Jahrhundert in drei Katholikate und zwei Patriarchate, deren Jurisdiktionen nicht klar zu unterscheiden waren und die Kirche erheblich schwächten. Seit dem 17./18. Jahrhundert wurde zwar der Vorrang des Katholikats von Edschmiatzin anerkannt, aber die Kirchenspaltung nicht aufgehoben.

Die Armenische Kirche ist bis heute eng mit der armenischen Identität verbunden, ein Aspekt, der die Kirche in den nationalpolitischen Auseinandersetzungen Ende des 19. Jahrhunderts sowohl stärkte als auch zum Verhängnis wurde. Als im Zuge des Untergangs des osmanischen Reichs und des aufbrechenden türkischen Nationalismus muslimische Massaker an Christen verübt wurden, betraf das in starkem Maße die armenische Kirche. Während des Ersten Weltkrieges erlitten hunderttausende, vorrangig armenische Christen auf Gewaltmärschen in der Wüste einen qualvollen Tod. Die geschätzten Opferzahlen bewegen sich bei etwa eineinhalb Millionen Menschen.

Die internationale Debatte um die Verwendung des in der Türkei abgelehnten, rechtlich und politisch determinierten Terminus „Völkermord“ für diese Massenmorde ist seit Ende des 20. Jahrhunderts virulent. Deutschland war im Ersten Weltkrieg Verbündeter des osmanischen Reichs und hinderte seinen politischen Partner nicht an den Massakern an Christen. Im Jahr 2015 wurde in Deutschland der Begriff Völkermord in den offiziellen Sprachgebrauch übernommen.

Theologie, Kirche, Frömmigkeit

 Nicht zuletzt durch die Trennung der Kirche im Kalten Krieg gibt es bis heute zwei armenische Katholikate: das Katholikat von Etschmiadzin in der ehemaligen Sowjetrepublik Armenien, wo das kommunistische Regime das Christentum wie in allen Sowjetrepubliken massiv unterdrückte, und das Katholikat von Kilikien im Libanon mit Sitz in Antelias bei Beirut, in dem die auf Ausgleich mit der Sowjetregierung bedachte armenische Kirchenpolitik kritisiert worden war. Außerdem existieren in Jerusalem und Istanbul eigene Patriarchate der Kirche. Seit Mitte der 1990er Jahre wird an der Beseitigung der historisch gewachsenen Rivalitäten zwischen den Katholikaten gearbeitet.

 Die armenische Kirche war auf dem KonzilKonzil / Konziliarismus von Chalcedon 451 nicht vertreten, da die Armenier zu dieser Zeit gegen die Perser kämpften. Unter kirchenpolitischem Druck wurde 506 das Chalcedonense abgelehnt, obwohl die Kirche 431 die Verurteilung von Nestorios$Nestorios, um 386-um 450, orthodoxer Patriarch von Konstantinopel auf dem Konzil von Ephesus noch bejaht hatte. Auch auf den folgenden Synoden des 6. Jahrhunderts verwarf die Kirche die Zwei-Naturen-LehreZwei-Naturen-Lehre. Damit grenzte sie sich sowohl gegen die westliche Reichskirche als auch gegen die → Heilige Apostolische Assyrische Kirche des Ostens im Perserreich ab.

 Im Vergleich mit anderen orientalischen und v.a. byzantinisch-orthodoxen Kirchen ist die armenische Kirche wenig ikonografisch orientiert und geprägt. IkonenIkone spielen bei ihr kaum eine Rolle, aber dafür werden umso mehr fein gearbeitete Reliefs verwendet. Ikonografisch sind die Chatschkar, die ,Kreuzsteine‘, von besonderer Bedeutung.

 Eine hohe Bedeutung in der Kirche haben, ebenfalls im Vergleich zu anderen orthodoxen Kirchen, die kirchlichen Laien bzw. das allgemeine Priestertum im Gegensatz zum sakralen Priestertum. Auf die fundierten Kenntnisse religiöser und kirchlicher Sachverhalte bei den Laien legt die Kirche ebenso Wert wie auf eine sehr gute theologische Ausbildung ihrer Geistlichen. Die hohe Bedeutung der (theologischen) Bildung wird in dieser Kirche mit einem eigenen Weihegrad gekennzeichnet: Der Vardapet, der theologische ,Lehrer‘ oder ,Lehrmeister‘, wird in einer Weihehandlung ordiniert und kann verschiedene Aufgaben in der Kirche wahrnehmen.

 Zur Armenischen Apostolischen Kirche gehören etwa sechs bis sieben Millionen Mitglieder, von denen ca. vier Millionen im Ausland leben. In Armenien stellen sie die Bevölkerungsmehrheit dar.

Koptische Orthodoxe Kirche

Geschichte

Der arabische Begriff für das aus dem Griechischen stammende Wort „ägyptisch“ ist qibtī, von dem sich der Terminus koptisch ableitete. Kopten sind also „Ägypter“. Bereits im Namen wird die enge Verbindung des ägyptischen Volkes mit dem koptischen Christentum zum Ausdruck gebracht. Diese Verschränkung hat in der historischen Entwicklung seinen Ursprung. Aus der frühen christlichen Gemeinde in der antiken Weltstadt Alexandrien (altgriech.: Alexandreia) gingen zwei Kirchen hervor: eine nicht-chalcedonensische Kirche und eine byzantinisch-orthodoxe Kirche [→ Patriarchat von Alexandrien]. Letztere umfasste hauptsächlich den griechischsprachigen Adel und eingewanderte Kaufleute, die als Fremde und nicht als „Ägypter“ wahrgenommen wurden. Im Gegensatz dazu bürgerte sich für die nicht-chalcedonensische, altorientalische Kirche mit Sitz in Alexandrien der Begriff koptisch ein, als Signum der engen Verbindung der Kirche mit dem Volk. Heute machen etwa 90 % des Christentums in Ägypten die Mitglieder der Koptischen Kirche aus.

Über die frühe Geschichte des Christentums in Alexandrien ist wenig historisch Gesichertes bekannt. Der Legende nach soll der Evangelist Markus die Gemeinde gegründet haben. Sowohl das Oberhaupt der Koptischen Kirche als auch des byzantinisch-orthodoxen Patriarchats von Alexandrien sehen sich als Nachfolger des Evangelisten und führen die Amtsbezeichnung PatriarchPatriarch des Stuhles des Heiligen Markus. Vom koptischen papé (= Oberhaupt) leitet sich außerdem der Titel Papst ab, den der BischofBischof von Alexandrien schon vor dem Bischof von Rom führte und der auch heute der Ehrentitel der Kirchenoberhäupter ist.

Die Christenverfolgungen der römischen Kaiser Decius$Decius, um 190/200–251, 249–251 Kaiser des Römischen Reichs (um 190/200–251), Diokletian$Diokletian, um 240–313, 284–305 Kaiser des Römischen Reichs (um 240–313) und Maximinus Daia$Maximinus Daia, 270–313, 305/311–313 Kaiser des Römischen Reichs (270–313) wüteten unter den ägyptischen Christen besonders grausam. Diese Märtyrerzeit prägte sich tief in das kulturelle Gedächtnis der Kopten ein und schlug sich sogar in der Zeitrechnung nieder: Das Jahr 1, der Beginn der Ära der Märtyrer im Kalender der Koptischen Kirche fällt auf das Jahr 284, in dem Kaiser Diokletian seine Regierung antrat.

Im dritten Jahrhundert begann in Ägypten das christliche Mönchtum mit dem Wirken des „Wüstenvaters“ Antonios$Antonios (der Große), um 251–356, ägyptischer Mönch und Einsiedler (um 251–356) und des Gründers des koinobitischen, d.h. ,gemeinschaftlichen‘ Mönchlebens Pachomios$Pachomios (der Ältere, der Große), um 292–346/47, ägyptischer Mönch (um 292–346/47). Die koptische Kirche hat bis heute eine tiefe innere Verbindung zu ihrem Mönchtum, mit dem sie in ihrer Geschichte eng verbunden war und das wiederum auf Teile ihrer Geschichte unmittelbar einwirkte.

Mit der Auseinandersetzung um die Beschlüsse des KonzilsKonzil / Konziliarismus von Chalcedon zerbrach die koptische Kircheneinheit. Seit 566, dem Tod des letzten anti-chalcedonensischen PatriarchenPatriarch, wählten die ägyptischen Gegner des Konzils, die die Mehrheit des Volkes hinter sich sammelten, ihre eigenen Patriarchen.

Am Ende des 7. und im 8. Jahrhundert kam es zu einer Blüte der koptischen christlichen Literatur, die die miaphysitischeChristologieMiaphysitische Prägung der Theologie [→ AusdifferenzierungAusdifferenzierung (des Christentums)] ebenso wie die ägyptische Identität der Kirche unterstrich und beförderte. Das geschah bereits unter arabischer Oberhoheit, die allerdings nach der Zeit der persischen Besetzung von 619 bis 628/29 und der nachfolgenden byzantinisch-reichskirchlichen Herrschaft bis etwa 639 zumindest anfangs als Zeit des Wiederaufbaus wahrgenommen wurde. Sowohl die Perser als auch die Byzantiner hatten die Koptische Kirche unter Druck gesetzt.

In den folgenden Jahrhunderten wechselten die islamischen Richtungen der muslimischen Herrscher, was jeweils Positionswechsel der Koptischen Kirche in Staat und Gesellschaft bedeutete. Auch die individuellen Haltungen der Sultane zu der Kirche bestimmten das Geschick der Christen in Ägypten. Unter den fatimidischen Herrschern vom 10. bis zum 12. Jahrhundert war die Behandlung von Christen wohlwollend, unter den ayyubidischen und mamelukischen Sultanen verschlechterte sich ihre Situation bis hin zur Erduldung von Verfolgungen. Unter der osmanischen Herrschaft von 1517 bis 1798 gestaltete sich die Lage für Christen ebenfalls weitgehend prekär. Erst im 19. Jahrhundert erhielten Christen, im Zuge der allgemeinen bürgerlichen Gleichstellung, eine den Muslimen gleichgesetzte Position.

1922 wurde Ägypten unabhängiges Königreich und die Gleichheit aller Ägypter vor der Verfassung festgelegt. Trotz einiger islamistischer politischer Zwischenspiele blühte die Koptische Kirche seit dieser Zeit auf. Es gab einen bedeutenden Aufschwung des kirchlichen Lebens und der theologischen Ausbildung, eine Erneuerung des Mönchtums, des weiblichen Mönchtums inbegriffen, und eine Entfaltung des sozialen Engagements der Kirche. Getragen wurden diese Neuerungen u.a. von Reformbewegungen, die schon im 19. Jahrhundert im koptischen Christentum virulent waren oder diesem entstammten. Dem koptischen Papst Schenuda III.$Schenuda III., 1923–2012, Patriarch von Alexandrien und Papst des Stuhls des heiligen Markus (1923–2012), der von 1971 bis 2012 amtierte und der zu den profiliertesten Persönlichkeiten der Koptischen Kirche gehört, gelang es, nachdem er 1984 unter Husni Mubarak$Mubarak, Muhammad Husni, geb. 1928, ägyptischer Staatspräsident (geb. 1928) aus dem Exil zurückkehren konnte, seine Kirche zu exponieren und aufzubauen.

Seit dem Fall des Mubarak$Mubarak, Muhammad Husni, geb. 1928, ägyptischer Staatspräsident-Regimes 2011 verschlechterte sich die Lage der Kopten wieder drastisch. Muslimische Übergriffe sind in Ägypten nach wie vor an der Tagesordnung.

Theologie, Kirche, Frömmigkeit

 Seit dem 10. Jahrhundert gab es eine bemerkenswerte Verbindung von koptischer Theologie und arabischer Sprache, die im 13. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte. Unter der arabischen Oberhoheit entwickelten koptische Gelehrte ihre Theologien auf Arabisch. Dadurch trat die koptische Theologie in eine intensive Auseinandersetzung mit dem Islam und öffnete sich dem arabischen Kulturraum. Ein Ansteigen des theologischen Niveaus war die Folge. Ähnliche christlich-arabische Literaturentwicklungen gab es in Syrien und dem mesopotamischen Raum.

 In der Koptischen Kirche gehört das 3. Makkabäerbuch zur BibelBibel. Proverbien sind in zwei Bücher geteilt. In der kirchlichen Überlieferung und für die Volksfrömmigkeit spielt die im Matthäusevangelium bezeugte Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten eine große Rolle.

 Das diakonisch-karitative Engagement erfolgt in der Koptischen Kirche nicht nur auf lokaler, sondern auch auf gesamtkirchlicher Organisationsebene. Im Hinblick auf Bildungsarbeit ist die Koptische Kirche eine der wenigen orthodoxen Kirchen, die Sonntagsschulen und Katechismusunterricht anbietet.

 Es gibt ca. elf Millionen Gläubige, von denen etwa neun Millionen in Ägypten selbst leben.

Äthiopische Orthodoxe TewahedoTewahedo-Kirche

Geschichte

Die Äthiopische Kirche verdankt ihre Entstehung im 4. Jahrhundert der Mission durch die aus Syrien stammenden Brüder Frumentius$Frumentius, gest. um 383, syrisch-orthodoxer Missionar, Gründer der äthiopischen Kirche (gest. um 383) und Aedesius$Aedesius, Missionar, Mitbegründer der äthiopischen Kirche und deren Verbindungen nach Alexandrien [→ Koptische Orthodoxe Kirche, → Patriarchat von Alexandrien]. Vom alexandrinischen PatriarchenPatriarch wurden die Bischöfe geweiht, die in Äthiopien tätig waren.

Um die Mitte des 4. Jahrhunderts erklärte König Ezana$Ezana, geb. erste Hälfte 4. Jhd., äthiopischer König von Aksum (geb. in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts) in Aksum, der alten Hauptstadt des äthiopischen Reichs, das Christentum zur Staatsreligion. Zunächst war der christliche Glaube wohl auf den Königshof beschränkt, aber seit dem 6. Jahrhundert wurde die weitere Verbreitung des Christentums, und zwar in seiner miaphysitischenChristologieMiaphysitische Form, durch Mönche aus dem östlichen Mittelmeerraum vorangetrieben. Mit dem Niedergang Aksums und seiner christlichen Herrscher begann ein Zerfall des Christentums. Erst seit dem 12. Jahrhundert kam es mit dem Aufstieg christentumsfreundlicher Herrscherdynastien wieder zu einer Blüte des Christentums. Im 13. Jahrhundert erfolgte ein Aufschwung des Mönchtums, das sich im 4./5. Jahrhundert herausgebildet hatte und eine nicht unerhebliche Rolle bei der Bildung des äthiopischen Volkes spielte. Im 15. Jahrhundert erfolgte die offizielle Implementierung der Marienverehrung und unter Kaiser Zara Yaqob$Zara Yaqob (Konstantin I.), 1399–1468, 1434–1468 Kaiser von Äthiopien (1399–1468), der von 1434 bis 1468 in Äthiopien herrschte, wurden in großem Stil heidnische Praktiken, Magie und Zauberei verboten und verfolgt. Bis ins 16. Jahrhundert konnte sich das Königreich Äthiopien, das von islamischen Herrschaftsgebieten umgeben war, seine Unabhängigkeit bewahren, auch von der lateinischen und der byzantinischen Kirche.

Von 1527 bis 1543 geriet schließlich auch Äthiopien unter muslimische Oberhoheit. Die Invasoren gingen hart gegen die Christen vor und erzwangen die Konversion zum Islam unter Todesandrohung. Durch ein zur Hilfe gerufenes portugiesisches Heer konnten die muslimischen Eroberer geschlagen werden. Aber noch in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts begann die Volksgruppe der heidnischen Oromo aus dem Süden nach Äthiopien vorzudringen. Dieser Einwanderungsprozess dauerte bis ins 18. Jahrhundert und rief immer wieder Konflikte hervor. Außerdem erfolgten auch weiterhin muslimische Einfälle ins Land.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts begann die zentrale Staatsgewalt zu zerfallen. Stattdessen gelangten lokale Herrscher in verschiedenen Regionen an die Macht, bis Mitte des 19. Jahrhunderts die Einheit des Reichs unter Kaiser Tewodros$Tewodros II., 1818–1868, 1855–1868 Kaiser von Äthiopien II. (1818–1868) unter Einführung des alten Staatskirchentums wiederhergestellt wurde. Im Zuge dessen wurden protestantische Missionare und katholische Jesuiten, die mit den portugiesischen Befreiern ins Land gekommen waren, bekämpft. In Anlehnung an das Patriarchat von Alexandrien erfolgte die Klärung theologischer Streitfragen, um die theologische Einheit der KircheKircheEinheit der Kirche dogmatisch zu festigen.

Unter Menelik II.$Menelik II., 1844–1913, 1889–1913 Kaiser von Äthiopien (1844–1913), von 1889 bis 1913 Kaiser und ein Förderer der Kirchenbelange, erreichte Äthiopien die größte Ausdehnung seit dem Mittelalter. Addis Abeba wurde neue Hauptstadt. Unter dem von 1930 bis 1974 herrschenden Kaiser Hailä Selassi$Hailä Selassi, 1892–1975, 1930–1974 Kaiser von Äthiopien (1892–1975), ebenfalls ein Freund der Kirche, erlangte die Äthiopische Kirche ihre AutokephalieAutokephalie. Als Folge der Verfassungserklärung von 1955, die die Kirche als StaatskircheStaatskirche deklarierte, weihte 1959 der koptische Papst Kyrillos$Kyrillos, 827–869, byzantinischer orthodoxer Priester und Missionar, zusammen mit seinem Bruder Methodios „Slawenapostel“ VI.$Kyrillos VI., 1902–1971, Patriarch von Alexandrien und Papst des Stuhls des heiligen Markus (1902–1971) den äthiopischen Metropoliten Baselyos I.$Baselyos I., gest. 1970, äthiopischer orthodoxer Erzbischof, erster Patriarch der äthiopischen Kirche (gest. 1970) zum PatriarchenPatriarch der Äthiopischen Kirche.

Nach dem Sturz des Kaisers 1974 wurde in der folgenden, bis 1991 herrschenden kommunistischen Militärdiktatur das Staatskirchentum der Kirche aufgelöst, die Kirche enteignet und dem Regime genehme PatriarchenPatriarch an ihrer Spitze eingesetzt. Mit dem Machtwechsel erfolgte ein SchismaSchisma in der Kirche, das 2018 aufgehoben wurde. Seit 1991 erlebt die Kirche, vor dem Hintergrund der in der Verfassung festgeschriebenen Trennung von Staat und Kirche, einen bedeutenden Aufschwung.

Theologie, Kirche, Frömmigkeit

 Der Legende nach reichen die Wurzeln der Äthiopischen Kirche bis in die alttestamentliche Zeit. So soll aus der Verbindung von König Salomon und der Königin von Saba der sagenumwobene äthiopische König Menelik I. von Aksum hervorgegangen sein, der die Bundeslade mit den Gesetzestafeln nach Aksum bringen ließ. In der Volksfrömmigkeit hat diese Legende eine große Bedeutung.

 Die Wertschätzung der alttestamentlichen TraditionTradition schlägt sich sogar liturgisch nieder. Insbesondere die Verwendung des sich in Kopie in jeder äthiopischen Kirche befindlichen Tabot als Sinnbild der Bundeslade bei der EucharistieEucharistie oder verhüllt bei Prozessionen ist Ausdruck davon.

 Die Überzeugung, schon vor der Christianisierung Erbe des alten Israel gewesen zu sein, zeigt sich in einer Nähe zu jüdischen Praktiken, z.B. bei der Beschneidung von Knaben, der Heiligung des Sabbats oder der Nachahmung des jüdischen Tempels bei der Gestaltung des Kirchenraums. Eine direkte historische Verbindung zum alttestamentarischen Judentum muss aber stark bezweifelt werden.

 Seit 1878 nennt sich die Äthiopische Kirche Äthiopisch-Orthodoxe TewahedoTewahedo-Kirche. Tewahedo bedeutet ,Einheit‘ und meint nicht die Einheit der KircheKircheEinheit der Kirche, sondern greift theologisch tiefer und bezieht sich auf die miaphysitischeChristologieMiaphysitische Einheit der beiden Naturen Christi.

 Die Äthiopische Kirche ist die derzeitig größte altorientalische Kirche mit geschätzten 50 Millionen Gläubigen.

Eritreische Orthodoxe TewahedoTewahedo-Kirche

Geschichte

Die Eritreische Kirche wurde 1993, im gleichen Jahr der Unabhängigkeitserklärung der ehemaligen Provinz Äthiopiens, Eritrea, autokephal. Die Eigenständigkeit erteilte der koptische Papst [→ Koptischen Kirche, → Patriarchat von Alexandrien], ohne Einverständnis des äthiopischen PatriarchenPatriarch [→ Äthiopische Orthodoxe TewahedoTewahedo-Kirche], von dessen Patriarchat sich die Eritreische Kirche löste. Das sorgte für schwere Verstimmungen zwischen der äthiopischen und der koptischen Kirche.

Es ist davon auszugehen, dass etwa 50 % der Bevölkerung Eritreas der Eritreisch-Orthodoxen Kirche angehören. Allerdings lassen sich keine genauen Daten erheben, da Eritrea seit Staatsgründung unter dem diktatorischen Regime von Isayas Afewerki$Afewerki, Isayas, geb. 1946, Staatspräsident von Eritrea (geb. 1946) steht.

2006/07 setzte die Regierung willkürlich den amtierenden PatriarchenPatriarch Abune Antonios$Antonios, geb. 1927, orthodoxer Patriarch der eritreischen orthodoxen Kirche (geb. 1927) ab und stellte einen regierungstreuen Gegenkandidaten auf, der von den anderen orientalischen Kirchen nicht anerkannt wird.

Betroffen von den Christenverfolgungen, Inhaftierungen und Folterungen in Eritrea sind besonders Christen kleinerer verbotener Religionsgemeinschaften, insbesondere evangelikaler Kirchen, aber es muss auch von Verfolgungen orthodoxer Christen ausgegangen werden.

Aus keinem anderen Land in Afrika fliehen derzeit so viele Menschen wie aus Eritrea. Schätzungen aus dem Jahr 2015 gingen von bis zu 5000 Menschen monatlich aus, bei einer Bevölkerungszahl von ca. vier Millionen.

Theologie, Kirche, Frömmigkeit

 Die Eritreische Kirche nennt sich in der Selbstbezeichnung ebenso wie die Äthiopische Kirche TewahedoTewahedo-Kirche, um schon im Namen auf ihr miaphysitischesChristologieMiaphysitische BekenntnisBekenntnis der Einheit der beiden Naturen Christi hinzuweisen.

 Die Kirche hat geschätzt zwei Millionen Gläubige. Genaue Angaben können aufgrund der derzeitigen politischen Lage nicht erhoben werden.

Syrische Orthodoxe Kirche von Antiochien und dem ganzen Osten

Geschichte

Eine besondere Wurzel des Christentums in der Antike stellte die Gemeinde von Antiochien am Orontes dar, das heutige Antakya in der Südtürkei. Antiochien war im römischen Reich nach Rom und Alexandrien die drittgrößte Weltstadt, aus deren christlicher Gemeinde gleich mehrere Kirchen hervorgingen. In altkirchlicher Zeit war die Kirche von Antiochien sowohl griechisch- als auch aramäischsprachig.

Der aramäische Sprachgebrauch war im ländlichen Hinterland noch ausgeprägter. Zu diesem Hinterland gehörte Edessa, das heutige Urfa. In Edessa bestanden seit spätestens Mitte des 2. Jahrhunderts christliche Gemeinden, deren theologische Ausrichtungen, gestützt von berühmten Gelehrten der damaligen Zeit, ein vielfältiges Kaleidoskop abgaben. In dieser Vielfalt war die spätere orthodoxe Gemeinde nur eine unter vielen. Das großkirchliche Christentum fand sein Zentrum schließlich in Antiochien.

In Edessa wurde schon früh christliche Literatur in aramäisch verfasst, wobei der aramäische Dialekt in Edessa Syrisch war. Dieses Syrisch wurde zur klassischen Kultur- und Literatursprache der aramäischen Christenheit. Heute wird es nicht mehr gesprochen, verbindet aber immer noch die Kirchen, die sich auf seiner Grundlage gebildet haben.

Für das griechisch geprägte, byzantinische → Patriarchat von Antiochien war griechisch die Sprache der LiturgieLiturgie, zunächst neben dem Aramäischen, schließlich aber als alleinige Ausdrucksform. Zu den sprachlichen Differenzen zwischen den Gemeinden kamen dogmatische Probleme. Die griechisch-orthodoxe Kirche nahm die Beschlüsse des KonzilsKonzil / Konziliarismus von Chalcedon an, die syrisch-orthodoxe, die dem MiaphysitismusChristologieMiaphysitische zuneigte, nicht. So bildeten sich nebeneinander zwei orthodoxe Kirchen heraus, die beide ihren Patriarchatssitz in Antiochien lokalisierten: Das syrisch-orthodoxe Patriarchat von Antiochien und das griechisch-orthodoxe Patriarchat von Antiochien.

Mit dem Regierungsantritt Kaiser Justins (um 450–527)$Justin, um 450–527, 518–527 Kaiser des (Ost)römischen Reichs im Jahr 518 setzte eine Verfolgungswelle der nicht-chalcedonensischen Gemeindegruppen ein, die erst durch die islamische Herrschaft seit dem 7. Jahrhundert ihr Ende fand. Dabei blieben den syrisch-orthodoxen Christen aufgrund ihrer Nichtzugehörigkeit zur muslimischen ReligionReligion Repressionen nicht erspart. Aufgrund erneuter Unterdrückung während der Phase der Rückeroberung Nordsyriens durch die Byzantiner im 10. Jahrhundert erscheint allerdings im kulturellen Gedächtnis der Syrisch-Orthodoxen Kirche die islamische Eroberung als Befreiung von der Zwangsherrschaft der Griechen.

In die Zeit der byzantinischen Herrschaft im 6. Jahrhundert fällt das Wirken des syrischen Mönches Jakob Baradaios$Baradaios, Jakob, um 490–578, syrisch-orthodoxer Mönch und Priester, Namensgeber der Jakobiten (um 490–578), der für die nicht-chalcedonensische Kirche eine große Rolle spielte und der Legende nach die Syrisch-Orthodoxe Kirche gründete. Von ihm leitet sich der Name Jakobiten ab, der den syrisch-orthodoxen Christen von ihren Gegnern verliehen wurde. Sie selbst lehnen diesen Begriff ab.

Eine Blütezeit mit einer fruchtbaren Literaturproduktion erlebte die Syrisch-Orthodoxe Kirche im 12. und 13. Jahrhundert. Diese Epoche wird auch als syrische RenaissanceRenaissance bezeichnet, da die Rückbesinnung auf die syrische Sprache in dieser Zeit besonders ausgeprägt war. Die Herrschaft der in religiöser Hinsicht toleranten Mongolen seit 1258 förderte diese Prosperität noch. Aufgrund des Fehlens einer guten Kirchenorganisation und einer eigenen kirchlichen Repräsentanz, defizitärer kirchenpolitischer Strukturen und innerkirchlicher Spannungen begann seit dem 14. Jahrhundert ein Niedergang der Syrisch-Orthodoxen Kirche.

Im 19. Jahrhundert wurde die Kirche nicht von Verfolgungen verschont, die sie im Zuge des Zusammenbruchs des osmanischen Reichs und dem aufbrechenden türkischen Nationalismus ereilten. Trauriger Höhepunkt waren die Massaker in der heutigen Südosttürkei im Jahr 1915, die v.a. Armenier und Assyrer trafen [→ Heilige Apostolische Kirche der Armenier, → Heilige Apostolische Katholische Assyrische Kirche des Ostens], aber auch fast hunderttausend syrisch-orthodoxe Christen.

Nach einer langen Repressions- und Vertreibungsgeschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Türkei, wo die Kirche bis heute nicht zu den anerkannten Religionsgemeinschaften zählt, wurde der Sitz des Patriarchats nach Damaskus, der Hauptstadt der 1930 gegründeten Syrischen Republik, verlegt. In ihrem einstigen Stammland, der Türkei, sind die syrisch-orthodoxen Christen nur noch eine kleine Minderheit. In Syrien ist das Leben der Kirche, wie das anderer christlichen Kirchen auch, aufgrund des Krieges seit 2011 und Verfolgungen durch islamistische Milizen auf das massivste eingeschränkt.

Präzise Zahlen zur Kirchenmitgliedschaft sind nicht zu erheben. Schon vor Kriegsbeginn lebte der Großteil der syrisch-orthodoxen Christen im Ausland bzw. als Gläubige der Syrisch-Orthodoxen Kirche in Indien [→ Indische Orthodoxe Kirchen].

Theologie, Kirche, Frömmigkeit

 Die Marienverehrung spielt in der syrischen Orthodoxie eine große Rolle. Die Ikonenverehrung ist allerdings nicht so stark ausgeprägt wie in den östlich-byzantinischen Kirchen.

 Eine besondere Belastung für die Kirche vor dem Hintergrund ihrer starken monastischen Prägung und langen TraditionTradition monastisch-asketischer Spiritualität ist der Zusammenbruch fast aller Klöster und monastischen Zentren in den Kriegsgebieten Syriens und des Iraks, ebenso wie in der Türkei.

 Die Syrisch-Orthodoxe Kirche versteht sich als Nationalkirche Syriens. Die Gemeinden haben im Allgemeinen angeschlossene Kulturvereine, die Sprache und Bräuche pflegen, was sich auch in der Diaspora fortsetzt.

 Generell verzeichnen syrisch-orthodoxe Gemeinden eine ausgeprägte und gute Jugendarbeit.

Die Syrisch-Orthodoxe Kirche hat in der Bundesrepublik Deutschland das Recht, eigenen Religionsunterricht an staatlichen Schulen abzuhalten. Das ist z.B. der Fall in Nordrhein-Westfalen, wo es eine große syrisch-orthodoxe Diaspora gibt.

 Mit der Maronitisch-Syrischen Kirche von Antiochien (auch: Maronitische Kirche) gibt es eine syrische, nicht unierteUnion / Uniert, → Römisch-katholische Kirche [→ AusdifferenzierungAusdifferenzierung (des Christentums)]. Der Legende nach von einem syrisch-aramäischen Mönch, dem heiligen Maroun$Maroun (von Belt), gest. 410, syrisch-orthodoxer Priester, Eremit, Namensgeber der Maroniten, gegründet, machte sie sich schon im 7. Jahrhundert mit einem eigenen PatriarchenPatriarch von der Syrisch-Orthodoxen Kirche unabhängig, wobei sich die Maroniten durch den Bischofssitz von Antiochien in apostolischer SukzessionSukzessionApostolische Sukzession sehen. Die Maronitisch-Katholische Kirche ist mit etwa einer Million Mitglieder eine der größten Kirchen im Libanon. Weltweit gehören der Kirche rund sechs Millionen Gläubige an.

Indische orthodoxe Kirchen

Eine konfessionskundlich vielfältige Landschaft und teilweise unübersichtliche Gemengelage mit sieben unterschiedlichen Kirchen bzw. Gemeinschaften der syrischen Orthodoxie bieten die indischen orthodoxen Kirchen, die in verschiedenen Traditionslinien und historischer Genese ihre Ursprünge auf die frühen Thomaschristen zurückführen.

Geschichte

Auf den ApostelApostel Thomas geht in den Ostkirchen eine alte und gewichtige Traditionslinie zurück. Er hat in dieser Region eine ähnlich große Bedeutung wie Petrus für Rom. Historisch lässt sich das Wirken des Apostels Thomas nur in Bruchstücken rekonstruieren und sein Leben und Wirken genauso wenig geschichtlich klären wie das des Petrus. Fest steht die Verbindung des Thomas zu Edessa. Vermutlich kam er bei seinen Missionen bis nach Nordindien. Die indischen Thomaschristen, von denen sich die orthodoxen Kirchen in Indien und darüber hinaus weitere christliche Gemeinschaften ableiten, behaupten eine direkte Mission durch den Apostel.

Theologie, Kirche, Frömmigkeit

 Die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Malankara steht in Gemeinschaft mit der → Syrischen Orthodoxen Kirche. Um diese Verbundenheit darzustellen, nennt sie sich auch Malankarische Jakobitische Syrisch-Orthodoxe Kirche. In einem SchismaSchisma ging 1912 aus ihr die Malankarisch Orthodoxe Syrische Kirche (auch: Indisch-Orthodoxe Kirche) hervor, die als einzige der orthodoxen Kirchen in Indien den Status der AutokephalieAutokephalie hat. Insgesamt umfassen die syrisch-orthodoxen Kirchen Indiens ca. zwei Millionen Gläubige, die sich zu etwa gleichen Teilen auf die beiden Kirchen aufteilen.

 Weiterhin gibt es die relativ kleine, sich im 18. Jahrhundert vom → Patriarchat von Antiochien und dem ganzen Osten abtrennende Unabhängige Syrische Kirche von Malabar und eine Metropolie der Assyrischen Kirche [→ Heilige Apostolische Katholische Assyrische Kirche des Ostens].

 Große Kirchen stellen dagegen die mit Rom unierteUnion / Uniert Syro-Malabarische und die Syro-Malankarische Kirche mit knapp vier Millionen bzw. knapp einer halben Million Kirchenmitgliedern dar.

 In der TraditionTradition der Thomaschristen sieht sich auch eine presbyterianische und mit der → Anglikanischen Gemeinschaft in Kirchengemeinschaft stehende Kirche, die Syrische Mar-Thoma-Kirche von Malankara, von der sich 1952 die Evangelische St. Thomas Kirche von Indien abspaltete.

 Trotz der Kirchenspaltungen und der internen Zersplitterung spielen die Thomaschristen im Bundesstaat Kerala, in dem es bei einer Gesamtbevölkerung von 33 Millionen Menschen sechs Millionen Christen gibt, eine herausragende Rolle in der Bildungsarbeit und im Sozialwesen.

3.3.3.2 Die byzantinischen Kirchen

Die zweite große orthodoxe Konfessionsfamilie sind die byzantinisch-orthodoxen Kirchen oder orthodoxe Kirchen nach byzantinischem Ritus, die sich ursprünglich innerhalb des byzantinischen Reichs befanden und an dessen Zentrum Konstantinopel orientierten. Diese byzantinischen Kirchen stimmen in Kirchenverständnis, Lehre und Kult weitgehend überein. Ihren historischen Kern bildet die altkirchliche Pentarchie, zu der neben dem Bischofssitz in Rom, der zum Zentrum der Kirche des weströmischen Reichs wurde, die Bischofssitze von Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien und Jerusalem gehörten. Heute sind das das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel, das Patriarchat von Alexandrien und ganz Afrika, das Patriarchat von Antiochien und dem ganzen Osten sowie das Patriarchat von Jerusalem. Hinzu kommen folgende autokephale Kirchen: das Patriarchat von Georgien, das Patriarchat von Bulgarien, das Patriarchat von Moskau und ganz Russland, das Patriarchat von Belgrad und das Patriarchat von Bukarest sowie die Kirche von Zypern, die Kirche von Griechenland, die Polnische Autokephale Orthodoxe Kirche, die Orthodoxe Autokephale Kirche von Albanien und die Orthodoxe Kirche der Tschechischen Länder und der Slowakei.

Seit 2018/19 ist die Orthodoxe Kirche der Ukraine eine durch das Ökumenische Patriarchat anerkannte autokephale Kirche. Diese Ernennung wird derzeit von einigen orthodoxen Kirchen abgelehnt und scharf kritisiert. Die Orthodoxe Kirche der Ukraine wird im Folgenden gesondert gezählt, da ihre AutokephalieAutokephalie-Ernennung (noch) nicht von der orthodoxen Gemeinschaft bestätigt ist (Stand Januar 2019).

Zu den Kirchen mit autonomem Status gehören die Orthodoxe Kirche vom Berg Sinai, die Orthodoxe Kirche Finnlands, die Moldauische Orthodoxe Kirche, das Erzbistum Ohrid sowie die Russische Orthodoxe Kirche im Ausland [→ Patriarchat von Moskau / Russische Orthodoxe Kirche im Ausland]. Im Allgemeinen wird zu den autonomen Kirchen auch das Erzbistum von Japan [→ Patriarchat von Moskau / Erzbistum von Japan] gezählt. Dieser Status trifft nur eingeschränkt zu, da die AutonomieAutonomie der Japanisch-Orthodoxen Kirche lediglich von Russland anerkannt wird. Auch diese Kirchen sollen im Folgenden skizziert werden.

Ökumenisches Patriarchat von Konstantinopel

Geschichte

Mit der Gründung der Kaiserresidenz Konstantinopel 330 und durch die enge Verbindung von Kaiser und PatriarchPatriarch erhielt der Bischofssitz von Konstantinopel eine hohe Bedeutung. Während des 2. Ökumenischen KonzilsKonzil / KonziliarismusÖkumenisches Konzil 381 wurde ihm der zweite Rang nach Rom verliehen.

Konstantinopels Stellung als Zentrum des östlichen Christentums kommt seit dem 6. Jahrhundert in dem Titel seines PatriarchenPatriarch als Ökumenischer Patriarch, d.h. zuständig für die gesamte Welt, zum Ausdruck, ein Titel, der auf starken Widerspruch des römischen Papstes stieß.

Nach dem Niedergang des byzantinischen Reichs und der Eroberung Konstantinopels 1453 behielt der PatriarchPatriarch im Milletsystem des osmanischen Reichs eine Führungsrolle für die Christen und wurde religionspolitischer Ansprechpartner der Herrscher. Als Nachfolger der byzantinischen, aufs engste mit der politischen Macht verbundenen Kirche [→AusdifferenzierungAusdifferenzierung (des Christentums)] repräsentierte das Ökumenische Patriarchat das orthodoxe Christentum im gesamten osmanischen Einzugsbereich. Es hielt seine Führungsposition im östlichen Christentum über Jahrhunderte hinweg aufrecht, auch wenn die Osmanen, wie bereits zuvor die byzantinischen Kaiser, häufig direkt Einfluss auf die Besetzung des Patriarchenstuhls nahmen. Dieser Umstand schwächte die Kirche neben den allgemeinen Einschränkungen der Christen im osmanischen Reich, z.B. zusätzliche Steuerabgaben, das Verbot von christlicher Mission sowie fehlende gesellschaftliche Aufstiegschancen.

Im 16. Jahrhundert bestätigte der Ökumenische PatriarchPatriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche [→ Patriarchat von Moskau und ganz Russland] den Titel Patriarch für ihre Oberhäupter. In Russland war die Vorstellung virulent, dass nach dem Untergang Roms und dem Untergang Konstantinopels als das Zweite Rom, Moskau das Dritte Rom sei, Zentrum des östlichen Christentums und Hort des wahren orthodoxen Glaubens. In russischer Perspektive beerbte das orthodoxe Christentum in Russland ideell das Konstantinopler Patriarchat um seine Vorrechte im Pantheon der orthodoxen Patriarchate und Lokalkirchen.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts kam es zu einem theologischen Austausch des Ökumenischen PatriarchenPatriarch Jeremias$Jeremias II., 1536–1595, orthodoxer Patriarch von Konstantinopel II. (1536–1595) mit Tübinger lutherischen Theologen [→ Lutherische Kirchen], bei dem es um die zentralen theologischen Inhalte der beiden ReligionenReligion, d.h. der christlichen Konfessionen ging. Es konnte in dem Dialog, wenn er auch freundlich geführt und beendet wurde, kein theologischer Konsens herbeigeführt werden. Exemplarisch zeigten sich die Divergenzen der je konfessionell geprägten theologischen Schwerpunkte.

In der ersten Hälfte des 17. Jahrhundert bestieg mit Kyrillos$Kyrillos, 827–869, byzantinischer orthodoxer Priester und Missionar, zusammen mit seinem Bruder Methodios „Slawenapostel“ Loukaris (1572–1638)$Kyrillos I. (Loukaris), 1572–1638, orthodoxer Patriarch von Konstantinopel ein dem Calvinismus [→ AusdifferenzierungAusdifferenzierung (des Christentums) / Besonderheiten der historischen Entwicklung der evangelischen Konfessionsfamilie] nahestehendes Oberhaupt der orthodoxen Griechen den Patriarchenstuhl. Wegen seiner protestantismusfreundlichen Tendenzen brachten ihn römisch-katholische Kirchenpolitiker, die ihrerseits eine orthodox-römisch-katholische UnionUnion / Uniert avisierten, beim Sultan in Verruf. Nach mehrmaliger Amtsenthebung und Amtseinsetzung wurde er schließlich von muslimischen Schergen ermordet.

Im 19. Jahrhundert erkannte das Ökumenische Patriarchat die AutokephalieAutokephalie gleich mehrerer orthodoxer Kirchen an: die der → Kirche von Griechenland, des → Patriarchats von Belgrad und des → Patriarchats von Bukarest. An dem Bemühen um Autokephalie, das den Verleihungen vorausging, zeigte sich der im 19. Jahrhundert auch in der Orthodoxie zunehmende Einfluss von nationalen Interessen innerhalb der Kirchenpolitik. Im Kernland des Ökumenischen Patriarchats begann mit der Gründung der Republik Türkei 1923 ein rasanter Einflussverlust der griechisch-orthodoxen Kirche. Im Zuge der Ratifizierung der zwischen Griechenland und der Türkei vereinbarten Konvention zum Bevölkerungsaustausch wurden 1922/23 etwa 1,25 Millionen Griechen aus der Türkei vertrieben.

Im türkischen Staat herrschte zwar Religionsfreiheit, aber insbesondere nach dem Tod von Staatsgründer und Präsident Mustafa Kemal Atatürk$Atatürk, Mustafa Kemal, 1881–1938, Gründer und erster Präsident der Republik Türkei (1881–1938) erlitten die Rechte von Christen in der Praxis oft eine starke Beschneidung.

Nach dem Pogrom von Istanbul 1955, als bei gewalttätigen Ausschreitungen in Istanbul, Ankara und Izmir gegen griechisch-orthodoxe und armenische Christen sowie türkische Juden mindestens elf Menschen getötet wurden (die genauen Zahlen sind bis heute nicht klar), verließen zehntausende orthodoxe Griechen ihre türkische Heimat.

Die theologische Ausbildungsstätte des Ökumenischen Patriarchats, die Hochschule von Chalki, ist seit 1971 geschlossen, die religiöse Ausbildung von PriesternPriester und Religionslehrern verboten. Theologen der griechisch-orthodoxen Kirche in der Türkei erhalten ihre Ausbildung im Ausland. Innerhalb der Türkei hat das Ökumenische Patriarchat einen schweren Stand und ist immer wieder Angriffen ausgesetzt. Das Attribut „ökumenisch“ im Titel des PatriarchenPatriarch ist in der Türkei umstritten und de jure verboten.

Theologie, Kirche, Frömmigkeit

 Die apostolische SukzessionSukzessionApostolische SukzessionApostolizitätApostolische Sukzession des BischofsBischof von Konstantinopel wird in der byzantinischen TraditionTradition bis auf den ApostelApostel Andreas zurückgeführt, der als erster Jünger von Jesus noch vor Petrus berufen wurde.

 Auch heute hat das Ökumenische Patriarchat eine Ehrenwürde unter den byzantinisch-orthodoxen Kirchen, welches nicht mit einem PrimatPrimat wie das des römisch-katholischen Papstes verwechselt werden darf.

 Seit 1612 befindet sich die Residenz des Ökumenischen PatriarchenPatriarch im Phanar in Konstantinopel.

 Der für die Orthodoxie heilige Berg Athos und die sich darauf befindliche Mönchsrepublik gehört zur Jurisdiktion des Ökumenischen Patriarchats.

 Im 20. Jahrhundert gingen vom Ökumenischen Patriarchat wesentliche Impulse für die ÖkumeneÖkumene, für den innerorthodoxen Ausgleich und für die Zusammenarbeit mit den orientalischen orthodoxen Kirchen aus. Der derzeitige Ökumenische PatriarchPatriarch Bartholomaios I.$Bartholomaios I., geb. 1940, orthodoxer Patriarch von Konstantinopel (geb. 1940) setzt sich seit Jahrzehnten profiliert für Umweltschutz und Ökologie ein.

 Dem Ökumenischen Patriarchat unterstehen weltweit 133 Bischöfe, 6000 PriesterPriester und geschätzt vier bis fünf Millionen Gläubige. Von ihnen lebt der allergrößte Teil in Amerika, Europa, Japan, Ozeanien, Australien, der wesentlich geringere Teil auf dem Gebiet der Türkei, Nordgriechenlands, Kretas und der Dodekanes.

Patriarchat von Alexandrien und ganz Afrika

Geschichte

Die Gemeinde in Alexandrien bestand anfangs aus Judenchristen und Griechen. Erst nach und nach stieß die einheimische koptische Bevölkerung hinzu, die sich später mit einer eigenen Kirche von dem griechisch-orthodoxen Teil der Gemeinde, den Melkiten, trennte [→ Koptische Orthodoxe Kirche]. Die Bezeichnung Melkit kommt aus dem Arabischen, meint ,kaiserlich‘, ,königlich‘ und galt als Bezeichnung für die oströmischen „Kaisertreuen“.

Seit dem 2. Jahrhundert war das Patriarchat durch die Katechetenschule von Alexandrien ein theologisch einflussreiches Zentrum des Ostens. Im 4. Jahrhundert spielte es bei den trinitätstheologischen Streitigkeiten eine ausschlaggebende Rolle, sowohl in theologischer als auch kirchenpolitischer Hinsicht.

Alexandrien stand ursprünglich wie Konstantinopel mit Rom in Konkurrenz. Auf dem zweiten KonzilKonzil / Konziliarismus von Konstantinopel 381 wurde dem Patriarchat der dritte Rang nach Rom und Konstantinopel verliehen. Nach und nach aber, und ganz besonders mit der arabischen Eroberung, verlor das griechisch-orthodoxe Patriarchat seinen Einfluss und seine Bedeutung. Der PatriarchPatriarch residierte bis 1846 als Titularbischof in Konstantinopel.

Im 20. Jahrhundert hatte die Kirche große missionarische Erfolge in Afrika. Es gibt Bischofssitze des Patriarchats von Alexandrien in den Ländern Zentral-, Ost- und Südafrikas.

Theologie, Kirche, Frömmigkeit

 Zentrale Charakteristika der → Koptischen Kirche treffen auf die alexandrinische orthodoxe Kirche zu.

 Das Patriarchat von Alexandrien und ganz Afrika versammelt ca. 350000 Gläubige in Ägypten und 1,2 Millionen auf dem restlichen afrikanischen Kontinent Afrika.

Patriarchat von Antiochien und dem ganzen Osten

Geschichte

Neben der zu der altorientalischen Kirchenfamilie gehörigen Syrisch-Orthodoxen Kirche [→ Syrische Orthodoxe Kirche von Antiochien und dem ganzen Osten] erwuchs das Patriarchat von Antiochien aus der altkirchlichen Gemeinde von Antiochien. Über die Annahme und Ablehnung der Beschlüsse von Chalcedon zerbrach die Einheit der Gemeinde. Bis ins 7. Jahrhundert war das orthodoxe Patriarchat eines der bedeutendsten Zentren der Christenheit, erlebte aber in den folgenden Jahrhunderten einen sukzessiven Niedergang. Sein Weg blieb an der Seite Konstantinopels, weshalb das Patriarchat auch Rum-Orthodoxe Kirche von Antiochien heißt (Rum = arab.: ‚Rom‘, d.h. Konstantinopel als das Zweite Rom). Im 18. und 19. Jahrhundert konnten nur Griechen die Patriarchenwürde der antiochenischen Kirche erlangen.

Theologie, Kirche, Frömmigkeit

 Der Sitz des PatriarchenPatriarch befindet sich heute in Damaskus.

 Die LiturgieLiturgie erfolgte bis ins 20. Jahrhundert auf Aramäisch.

 Zur Kirche gehören ca. 800000 bis eine Million Gläubige in Syrien, im Libanon, in der Türkei, im Iran und Irak sowie in Amerika.

Patriarchat von Jerusalem

Geschichte

Das Jerusalemer Patriarchat ist das kleinste der altkirchlichen Patriarchate, hat aber aufgrund seines Standortes eine besondere Bedeutung und war stets Anlaufpunkt von Pilgerbewegungen. Auf dem KonzilKonzil / Konziliarismus von Chalcedon 451 wurde die Kirche zu einem eigenständigen Patriarchat ernannt und der jurisdiktionellen Zuordnung unter das Patriarchat von Antiochien entzogen. Auf dem zweiten Konzil von Konstantinopel 553 erhielt das Patriarchat Jerusalem den fünften Rang innerhalb der Patriarchate.

638 wurde die Stadt von Arabern erobert. Bis zum Ende der muslimischen Oberhoheit 1099 verlor das Patriarchat einen Großteil seiner Gläubigen.

Bis 1860 nahm der Ökumenische PatriarchPatriarch von Konstantinopel Einfluss auf die Wahl des Patriarchen von Jerusalem [→ Ökumenisches Patriarchat von Konstantinopel].

Im 20. Jahrhundert war das Patriarchat von einer Geschichte des Niedergangs und der Repressionen durch den türkischen Staat betroffen.

Theologie, Kirche, Frömmigkeit

 Die LiturgieLiturgie des Heiligen Jakobus, die auch als Alt-Jerusalemer Liturgie bezeichnet wird, und eines der Liturgieformulare der Orthodoxie ist, geht auf die Gemeinde von Jerusalem zurück. Von dort breitete sie sich in den Jahrhunderten bis zur Übernahme der liturgischen Gebräuche Konstantinopels aus und fand neben Jerusalem auch im → Patriarchat von Antiochien Anwendung. Zentrales Element der Liturgie ist das Darbringungsgebet für die EucharistieEucharistie, die Anaphora, des ApostelsApostel und Herrenbruders Jakobus. Das heute gebräuchliche Formular stammt aus dem 4./5. Jahrhundert, geht aber auf eine ältere, schriftlich nicht erhaltene Form zurück.

 Besondere Herausforderungen für die Jerusalemer Kirche in der Gegenwart bringt der Umstand mit sich, dass das Patriarchat sowohl israelische als auch palästinensische Gebiete umfasst und daraus politische, kulturelle und soziale Komplikationen innerhalb der Gemeinden resultieren. Darüber hinaus ergaben sich in der Vergangenheit immer wieder Spannungen zwischen der griechischen Kirchenleitung und der arabischstämmigen Mehrheit der Kirchenmitglieder.

 Trotz seines die ökumenische Zusammenarbeit evozierenden Standortes, und dem hervorragenden Engagement des Patriarchats beim Schutz von Minderheiten vor Ort, steht das Patriarchat von Jerusalem der weltweiten ökumenischen BewegungBewegung(en) kritisch gegenüber.

 Die autonome Orthodoxe Kirche vom Berg Sinai [→ Autonome Kirchen] ist dem Patriarchat zugeordnet. Der ErzbischofBischofErzbischof und Abt des Sinai- bzw. Katharinenklosters wird vom PatriarchenPatriarch von Jerusalem geweiht.

 Die griechisch-orthodoxe Kirche von Jerusalem hat ca. 120000 Gläubige in Israel, Palästina, Jordanien und Ägypten.

Patriarchat von Georgien (Orthodoxe Apostolische Kirche in Georgien)

Geschichte

Eine ebenfalls sehr alte byzantinisch-orthodoxe Kirche ist die Georgisch-Orthodoxe Kirche. Der Legende nach hat der ApostelApostel Andreas in Iberien (der Name „Georgien“ kam erst im 11. Jahrhundert auf) missioniert, wobei die eigentliche Christianisierung der Heiligen Nino$Nino die Erleuchterin, um 300-um 361, georgische Missionarin, Heilerin, Einsiedlerin (um 300-ca. 361), der „Erleuchterin“, zugeschrieben wird, die um 337 den georgischen König Mirian III.$Mirian III., gest. um 345, König von Georgien (gest. um 345) zum christlichen Glauben gebracht haben soll. Damit wurde das Christentum in Iberien/Georgien im 4. Jahrhundert Staatsreligion.

Ebenfalls im 4. Jahrhundert geriet der Osten Iberiens unter die Herrschaft der persischen Sassaniden, der Westteil verblieb unter byzantinischer Oberhoheit. Dies zog eine Teilung der jurisdiktionellen Zuordnung der Kirche nach sich. Während der westliche Teil weiterhin mit der byzantinischen Reichskirche verbunden blieb und damit dem → Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel unterstellt war, erhielt das → Patriarchat von Antiochien die Jurisdiktion über ostiberische Gebiete.

Das antiochenische Patriarchat hatte allerdings wenig Einfluss auf die Kirche und stellte lediglich den Katholikos als kirchliches Oberhaupt. Gegen Mitte des 8. Jahrhunderts verlieh es der georgischen Kirche in seinem Einzugsgebiet die AutokephalieAutokephalie.

Im 11. Jahrhundert, nach der Befreiung von der arabischen Herrschaft und der Vereinigung der Landesteile, entstand in Georgien ein unabhängiges Königreich, in dem das Christentum eine wesentliche Rolle spielte und sich in den nächsten Jahrhunderten eng mit der Nationalidentität verband. Das Oberhaupt der Kirche erhielt den Titel PatriarchPatriarch von ganz Georgien. Die georgischen Könige unterstützten und förderten die Kirche. Herausragendes Beispiel hierfür ist Königin Tamar$Tamar, 1160–1213, Königin von Georgien (1160–1213), die von 1184 bis 1212 über das georgische Reich herrschte und von der Georgisch-Orthodoxen Kirche heiliggesprochen wurde. Mit dem Tod Tamars endete das Goldene Zeitalter Georgiens, das mit dem Einfall der Mongolen und durch Kriege mit Persern und Türken einen Niedergang erlebte.

Im 19. Jahrhundert wurde Georgien Bestandteil des russischen Reichs und die Georgische Orthodoxe Kirche Exarchat der russischen Kirche [→ Patriarchat von Moskau und ganz Russland]. Ende des 19. Jahrhunderts brachen sich in Georgien Nationalbestrebungen Bahn und der Ruf nach nationaler Eigenständigkeit wurde immer lauter. Unmittelbar nach Ende des Zarentums in Russland 1917 verkündete die Georgisch-Orthodoxe Kirche ihre AutokephalieAutokephalie, die erst 1943 von der Russisch-Orthodoxen Kirche und 1990 vom Ökumenischen Patriarchat bestätigt wurde.

Seit 1991 ist die Georgisch-Orthodoxe Kirche in Georgien StaatskircheStaatskirche.

Theologie, Kirche, Frömmigkeit

 Trotz der Nachbarschaft zu der nicht-chalcedonensischen Armenischen Kirche nahm die Georgisch-Orthodoxe Kirche um 600 die Beschlüsse des KonzilsKonzil / Konziliarismus von Chalcedon an und distanzierte sich damit von den miaphysitischenChristologieMiaphysitische Armeniern.

 Die georgische Kirche zählt ca. 3,5 Millionen Mitglieder.

Patriarchat von Bulgarien (Bulgarisch-Orthodoxe Kirche)

Geschichte

Das bulgarische Großreich stellte seit dem 8. Jahrhundert durch seine Landnahme und zunehmende Ausdehnung einen immer gewichtigeren politischen Faktor im Grenzgebiet von byzantinischem, römischem und fränkischem Reich dar. Mit dem Anwachsen der politischen Bedeutung Bulgariens wurde die Frage, nach welcher ReligionReligion und schließlich welcher christlichen Konfession sich die Bulgaren ausrichten sollten, auch für die mittelalterlichen Großmächte immer bedeutender. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es im bulgarischen Reich Christen, die aber keine größere Rolle spielten. Um das Land religiös zu vereinheitlichen, wurde seine Christianisierung durch den bulgarische Khan Boris I.$Boris I., gest. 907, bulgarischer Khan (gest. 907; unter Boris’ Sohn Symeon$Symeon I. (der Große), 864–927, Zar des bulgarischen Reichs [864–927] nahmen die bulgarischen Kaiser den Titel Zar an) beschlossen. Nach wechselhaften Konstellationen erfolgte ab 869 der Aufbau einer Bulgarisch-Orthodoxen Kirche, die sich an Konstantinopel orientierte. Boris I. lavierte geschickt zwischen den Interessen Roms und Konstantinopels und erlangte einen weitgehend unabhängigen Status für seine orthodoxe Kirche. Die aus Mähren vertriebenen Schüler der Slawenapostel Methodios (815–885)$Methodios, 815–885, byzantinischer orthodoxer Priester und Missionar, zusammen mit seinem Bruder Kyrillos „Slawenapostel“ und Kyrillos$Kyrillos, 827–869, byzantinischer orthodoxer Priester und Missionar, zusammen mit seinem Bruder Methodios „Slawenapostel“ (827–869) führten slawisch als Liturgiesprache ein. 927 wurde die Kirche vom Ökumenischen PatriarchenPatriarch als autokephal anerkannt. Das 10. Jahrhundert war für die bulgarische Kirche das Goldene Zeitalter. Parallel zum Ausbau der mit dem bulgarischen Volksbewusstsein eng verbundenen Kirche in einem politisch konsolidierten Reich entwickelte sich eine blühende slawische Kultur.

Im 10. Jahrhundert entstand in Bulgarien eine neognostische BewegungBewegung(en), die sich im byzantinischen Reich v.a. in monastischen Kreisen verbreitete, von dort auf Westeuropa einwirkte und bis in das 15. Jahrhundert eine Breitenwirkung entfaltete, die zu einer Herausforderung für die mittelalterlichen Kirchen wurde: die als Häretiker verfolgten Bogomilen.

Mit der Eroberung Bulgariens durch das byzantinische Reich 1018 wurde die Bulgarisch-Orthodoxe Kirche bis 1870 zum autonomen Erzbistum von Ochrid und ganz Bulgarien. Die Oberhäupter der Kirche wurden vom byzantinischen Kaiser ernannt.

Eine erneute Proklamation der AutokephalieAutokephalie erfolgte in der Zeit des Zweiten Bulgarischen Reichs 1186 bis 1393, das wiederum im Zuge der türkischen Eroberung aufgelöst wurde. Die muslimischen Herrscher schränkten die Kirche stark ein. Die Religionsausübung der Bevölkerung wurde erschwert, im 17. Jahrhundert sogar gewaltsam islamisiert und Kirchen und Klöster vernichtet. Parallel dazu griff das → Ökumenische Patriarchat in das kirchliche Leben der bulgarischen Kirche ein.

Seit dem 18. Jahrhundert leistete eine erstarkende bulgarische Nationalbewegung Widerstand sowohl gegen die osmanische Herrschaft als auch die kirchliche Jurisdiktion Konstantinopels. 1860 kam es aus Unzufriedenheit mit dem dominanten Ökumenischen Patriarchat zur UnionUnion / Uniert eines Teils der Bulgarisch-Orthodoxen Kirche mit der → Römisch-katholischen Kirche. Dies führte zur Gründung der relativ kleinen Bulgarisch-Katholischen Kirche als Exarchat mit Sitz in Sofia. Als 1870 der Sultan das Bulgarische Exarchat ausrief und damit die Unabhängigkeit der Bulgarisch-Orthodoxen Kirche herstellen wollte, wurde die Kirche vom Patriarchat in Konstantinopel für schismatisch erklärt. Nach der Befreiung Bulgariens von der osmanischen Herrschaft 1878 blühte die Kirche auf. Unter der kommunistischen Herrschaft wiederum wurde sie massiv verfolgt.

Das SchismaSchisma von 1872 wurde erst 1945 vom Ökumenischen Patriarchat aufgehoben und 1953 das bulgarische Patriarchat erneuert.

Theologie, Kirche, Frömmigkeit

Die Bulgarisch-Orthodoxe Kirche zählt etwa 6,5 Millionen Mitglieder in Bulgarien sowie 1,5 bis zwei Millionen in der restlichen Welt, hauptsächlich in Europa.

Patriarchat von Belgrad (Serbische Orthodoxe Kirche)

Geschichte

Das jurisdiktionell ursprünglich zu Rom gehörende östliche Illyricum, das heutige Serbien, wurde zu Beginn des 8. Jahrhunderts im Zuge des Bilderstreits durch die byzantinischen Kaiser dem Patriarchat von Konstantinopel zugeschlagen und dadurch orthodox. Die Missionstätigkeit der Slawenmissionare Kyrillos$Kyrillos, 827–869, byzantinischer orthodoxer Priester und Missionar, zusammen mit seinem Bruder Methodios „Slawenapostel“ und Methodios$Methodios, 815–885, byzantinischer orthodoxer Priester und Missionar, zusammen mit seinem Bruder Kyrillos „Slawenapostel“, die den römischen Hoheitsanspruch auf dem Balkan gegen Byzanz vertraten, und die ihrer Schüler im 9. Jahrhundert bereiteten die Christianisierung vor und begleiteten sie. Ihre Bedeutung besonders für die Einführung der slawischen LiturgieLiturgie war enorm.

Achrida (Ochrid) wurde im 9./10. Jahrhundert Mittelpunkt sowohl des kirchlichen als auch des klösterlichen Lebens des serbischen Reichs. 1219 setzte der PatriarchPatriarch von Konstantinopel den Mönch Sava$Sava (Saba), um 1174-um 1236, serbischer Mönch, orthodoxer Erzbischof von Serbien (Saba) (um 1174-um 1236) als ErzbischofBischofErzbischof der Serben ein. Sava gilt als Vorbereiter und Gründer einer eigenen serbischen Kirche, die 1346 vom König des altserbischen Großreichs Stefan$Stefan, Pontifikat 254–257, römischer Bischof Dušan (1308–1355)$Stefan IV. Dušan (der Mächtige), 1308–1355, serbischer König, 1346–1355 Zar des serbischen Reichs in Selbstproklamation ausgerufen wurde, woraufhin das → Ökumenische Patriarchat das Erzbistum Peć für schismatisch erklärte. 1375 erkannte der Ökumenische Patriarch die serbische AutokephalieAutokephalie an. Allerdings währte diese nicht lange, denn unter türkischer Herrschaft wurde das Patriarchat zweimal abgeschafft: erstmalig 1459 und nach einer Neueinsetzung 1557 durch den Sultan noch einmal 1766.

Unter der vierhundertjährigen Herrschaft der Türken kam es immer wieder zu Auswanderungsbewegungen der Serben, v.a. in das Habsburgerreich, in dem sie religiöse AutonomieAutonomie genossen. In den verlassenen Gebieten im serbischen Stammland siedelten sich v.a. Albaner an, die den islamischen Glauben annahmen.

Ende des 17. Jahrhunderts etablierte sich das serbische Patriarchat im Ausland: 1716 wurde Karlowitz Patriarchensitz und 1848 die Metropolie Karlowitz zum Patriarchat erhoben.

Als das im 19. Jahrhundert entstandene Fürstentum Serbien 1879 den Sieg über die Türken errang und damit die Unabhängigkeit erlangte, wurde das Patriarchat Peć-Karlowitz nach Belgrad verlegt. Die Kirche erhielt als Metropolie von Serbien die AutokephalieAutokephalie. Aber erst nach dem Ende der Habsburgermonarchie kam es 1920 zur offiziellen Erklärung der Eigenständigkeit der Serbisch-Orthodoxen Kirche.

In den 1940er Jahren erlitten orthodoxe Serben durch faschistische Kroaten grausame Verfolgungen. Im kommunistischen Jugoslawien war die orthodoxe Kirche nach sowjetischem Vorbild Repressionen ausgesetzt, wobei sich ab den 1960er Jahren die Situation etwas entspannte.

Die dem Zerfall Jugoslawiens folgenden Balkankriege wurden zur Herausforderung für die sich ambivalent verhaltende serbische Kirche, die Massaker an Kroaten nicht verurteilte. Eine zusätzliche Belastung im Krieg zwischen den Kosovo-Albanern und den Serben war der Umstand, dass sich das für die serbische Kirche identitätsstiftende Peć auf dem Gebiet des Kosovo befindet.

Theologie, Kirche, Frömmigkeit

 Eine jahrzehntelange Herausforderung für die Serbische Orthodoxe Kirche ist die Orthodoxe Kirche in Mazedonien [→ Autonome Kirchen], die 1957 von der serbischen Kirche als autonom anerkannt wurde und sich 1967 selbst, ohne kanonische Anerkennung, für autokephal erklärte.

 Die Serbisch-Orthodoxe Kirche hat etwa neun Millionen Gläubige.

Patriarchat von Bukarest (Rumänische Orthodoxe Kirche)

Geschichte

Das Christentum kam in seiner lateinischen Prägung bereits mit den Römern, die 106 Dakien eroberten, auf das Gebiet des heutigen Rumäniens. Im Osten breitete sich über das Schwarze Meer von Konstantinopel über Tomis / Constanţa das griechisch-orthodoxe Christentum aus.

Am Ausgang der Antike und im frühen Mittelalter übernahm die orthodoxe Kirche des bulgarischen Großreichs die Jurisdiktion über die Gemeinden.

Im 14. Jahrhundert entstanden aus Unabhängigkeitsbewegungen gegen Ungarn die Fürstentümer Walachei und Moldau, die im 19. Jahrhundert vereint Altrumänien bildeten. 1359 wurde die Metropolie der Ungro-Walachei, 1401 die der Moldau gegründet, die beide dem → Ökumenischen Patriarchat unterstanden. In Siebenbürgen wurden im 14. und 15. Jahrhundert Erzdiözesen, z.B. in Bălgrad, dem späteren Alba Iulia, gebildet. Die Metropolie Siebenbürgens wurde 1861 gegründet.

Die Verbreitung des dem Hesychasmus (Herzensgebet) nahestehenden Mönchtums trieb auf diesen Gebieten der serbische Athosmönch Nikodemus$Nikodemus von Tismana, 1320–1406, serbischer orthodoxer Mönch, Klostergründer von Tismana (1320–1406) voran. Berühmtheit erlangten die Moldauklöster, besonders die Bauten unter Ștefan III.$Ștefan III. cel Mare (der Große), um 1433–1504, moldauischer Woiwode cel Mare, der Große (um 1433–1504) Ende des 15. Jahrhunderts.

1642 wurde die griechische Fassung der von dem Kiewer Metropoliten Petru Mohyla$Mohyla, Petru, 1596–1647, Metropolit von Kiew, Galizien und ganz Russland (1596–1647) verfassten Confessio fidei orthodoxae von einer rumänischen orthodoxen SynodeSynodalitätSynode angenommen.

Politisch gerieten die Fürstentümer Walachei und Moldau – weniger das an Ungarn angelehnte Siebenbürgen – seit Ende des 14. Jahrhunderts durch das vorrückende osmanische Reich unter Druck, gegen das sie sich militärisch zunächst erfolgreich zur Wehr setzten. Sie bildeten geraume Zeit einen Puffer zwischen der türkischen Invasion und den nördlichen und westlichen europäischen Gebieten. Seit dem 15. Jahrhundert waren sie tributpflichtig und wurden im 16. Jahrhundert, mit dem Untergang des ungarischen Großreichs, Vasallen der Türken. Das bedeutete zugleich den Versuch der Gräzisierung durch die von Konstantinopel eingesetzten Phanarioten. Im 17. und 18. Jahrhundert trat die Habsburgermonarchie in das Machtvakuum, das durch die Zurückdrängung des osmanischen Reichs entstand. Beide Fremdherrschaften brachten Einschränkungen und Repressionen der Orthodoxie im Land mit sich. 1781 wurde mit dem Toleranzedikt Kaiser Josephs II.$Joseph II., 1741–1790, 1765–1790 Kaiser des Heiligen Römischen Reichs (1741–1790) die Orthodoxie erstmals als gleichwertig gegenüber den anderen christlichen ReligionenReligion anerkannt.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann sich in den Fürstentümern eine rumänische Unabhängigkeitsbewegung durchzusetzen. 1861 vereinte Alexandru Ioan Cuza$Alexandru Ioan I. (Cuza), 1820–1873, Gründer und erster Fürst des Fürstentums Rumänien (1820–1873) als Fürst der Walachei und Moldau die beiden Herrschaftsgebiete zum Fürstentum Rumänien, dem rumänischen Altreich. 1881 wurde das Königreich Rumänien ausgerufen und 1885 die Rumänisch-Orthodoxe Kirche vom Ökumenischen Patriarchat zur autokephalen Kirche erklärt, nachdem 1882 der Metropolit von Bukarest bereits eigenständige Weihehandlungen vorgenommen hatte.

Die Friedensverträge von Versailles und Trianon 1919/20 legten die Gebiete und Grenzen fest, die im Wesentlichen das heutige Rumänien ausmachen. Kurz zuvor, Ende 1918, hatte sich Siebenbürgen an Altrumänien angeschlossen und damit Großrumänien gebildet.

1925 wurde die Rumänisch-Orthodoxe Kirche zum Patriarchat erhoben.

Nach 1945 litt die Kirche wie ihre Schwesterkirchen massiv unter der kommunistischen Herrschaft.

Theologie, Kirche, Frömmigkeit

 Eine bemerkenswerte Entwicklung seit der Wiederherstellung der Metropolie Ende des 19. Jahrhunderts, nachdem sie im 18. Jahrhundert aufgehoben worden war, nahm die Orthodoxie in Siebenbürgen. In dem multikonfessionellen Fürstentum kam es zu einem befruchtenden Austausch der Konfessionen. Der Metropolit Andrei Șaguna$Șaguna, Andrei, 1809–1873, orthodoxer Metropolit von Siebenbürgen (1809–1873) öffnete seine Kirche für Bildung und Moderne generell und leitete Kirchenreformen ein, die von einer Rezeption der Aufklärung zeugen.

 Die Rumänische Orthodoxe Kirche hat etwa 17 Millionen Mitglieder.

Patriarchat von Moskau und ganz Russland

Geschichte

Der Beginn der Orthodoxie in Russland ist mit dem Jahr 988 markiert, als sich die sogenannte Kiewer Rus von einem BischofBischof des Patriarchats von Konstantinopel taufen ließ. Die Kiewer Rus war ein slawischer Vielvölkerstaat auf dem Gebiet von Teilen des heutigen Russlands, der Ukraine und Weißrusslands, an dessen Spitze Fürst Wladimir I.$Wladimir I. (der Große), um 960–1015, Großfürst von Kiew (um 960–1015) stand. Wladimir, der Große oder der Heilige, der „Täufer der Rus“, erreichte durch den mit der TaufeTaufe verbundenen Zusammenschluss mit Konstantinopel einen Machtzuwachs, den er in den Jahren seiner Herrschaft politisch geschickt auszubauen wusste. Das Reich wurde durch die gemeinsame ReligionReligion geeint. Kirchenpolitisch förderte Wladimir den Aufbau der Kirchenorganisation mit dem Zentrum Kiew.

Ihr Ende fand die Kiewer Rus aufgrund der Tatareneinfälle: 1169 wurde Kiew erobert und geplündert, 1237 und 1240 fanden die entscheidenden Vernichtungsschlachten statt. Das Gebiet der Rus wurde Besatzungsgebiet der Goldenen Horde und existierte als politische Größe nicht mehr.

Zahlreiche Bewohner flohen vor den Tataren in den Norden, vorzugsweise in die kleine Stadt Moskau in einem dünn besiedelten Gebiet, das nicht im Fokus der Tataren stand. Durch taktisch kluge Politik mit den Mongolen expandierte das Fürstentum und spätere Großfürstentum Moskau. 1321 wurde der Sitz des russisch-orthodoxen Metropoliten nach Moskau verlegt, sodass die Stadt sich auch als religiöses Zentrum etablierte.

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhundert erlebte das Reich während der 43-jährigen Regierungszeit Iwans$Iwan III. (der Große), 1440–1505, Großfürst von Moskau III., des Großen (1440–1505), den Aufstieg zur europäischen Großmacht. Es war Iwan, der die Idee von Moskau als dem Dritten Rom prägte [→ Ökumenisches Patriarchat]. Der Zar erhob die Orthodoxie nicht nur in den Rang einer StaatskircheStaatskirche, sondern verschmolz auch Politik und Kirchenpolitik: Die Politik Russlands war nun per se nur noch christlich-orthodoxe Politik. Parallel dazu erfolgte die Loslösung der Russisch-Orthodoxen Kirche vom Patriarchat von Konstantinopel. 1448 wählte die Kirche erstmalig den Metropoliten von Kiew und ganz Russland, ohne die Genehmigung des Ökumenischen Patriarchats einzuholen. 1589 wurde eigenständig der erste Moskauer PatriarchPatriarch, vom Zaren vorgeschlagen, eingesetzt. Ein Jahr später erfolgte die Bestätigung durch den Ökumenischen Patriarchen.

In der Regierungszeit Zar Peters I.$Peter I. (der Große), 1672–1725, 1682–1725 Zar von Russland/des Russischen Reichs (1672–1725) von 1682 bis 1725 begann die Europäisierung Russlands. Das implizierte gravierende Kirchenreformen nach europäischem Vorbild. So ersetzte der Zar 1721 das AmtAmt des PatriarchenPatriarch durch ein Geistliches Reglement bzw. Kollegium, später durch den Heiligen Synod, der auf Bitte des Zaren durch das Patriarchat von Konstantinopel und das → Patriarchat von Antiochien als orthodoxes Gremium mit allen Rechten eines Patriarchats anerkannt wurde. Diese Oberste Kirchenleitung, die bis 1917 das Leitungsorgan der Russisch-Orthodoxen Kirche war, unterstand der vollständigen staatlichen Kontrolle.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich auch in Russland ein starker Nationalismus, in Folge dessen es zu einer Abwendung vom Westen kam. Die Kritik an Europa überwog in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und es wurde, flankiert von Großmachtvorstellungen, die Sammlung des Slawentums propagiert. Auch kirchliche Bestrebungen erhielten nun nationale Untertöne.

Nach einem Vorbeben durch die erste russische Revolution im Jahr 1905 ereignete sich mit der Februarrevolution 1917 die erste massive Erschütterung für die russische Kirche im 20. Jahrhundert. Der Zar dankte im März ab. Damit war das jahrhundertealte Staat-Kirche-Verhältnis beendet und ein Teil der Kirchenstruktur der Russischen Kirche brach zusammen. Die Kirche versuchte sich mit einem allgemeinen KonzilKonzil / Konziliarismus den Herausforderungen der Zeit zu stellen. Viele der auf dem Landeskonzil von 1917/18 angegangenen Reformen der Kirche, die erstmalig in ihrer Geschichte befreit von der staatlichen Dominanz war, hatten einen progressiven Charakter, konnten aber nicht umgesetzt werden, da seit der zweiten Jahreshälfte die kirchenfeindlichen Bolschewiki die Macht zunächst in den großen Städten und dann in ganz Russland übernahmen. Eine der wenigen vom Landeskonzil noch realisierten Maßnahmen war die Wiedereinsetzung des PatriarchenPatriarch.

Im Januar 1918 wurde von der bolschewistischen Sowjetregierung das Gesetz „Über die Trennung der Kirche vom Staat“ erlassen, welches der Kirche ihre privilegierte Stellung innerhalb des Staates und der Gesellschaft nahm. In der Praxis wurde die Lage für die Kirche prekär. In den nächsten Jahrzehnten wurden unter der Ägide Wladimir Iljitsch Lenins (1870–1924)$Lenin, Wladimir Iljitsch (Uljanow), 1870–1924, russischer Kommunist, Vorsitzender der Partei der Bolschewiki, Begründer und Regierungschef der Sowjetunion und Josef Stalins$Stalin, Josef, 1878–1953, sowjetischer Diktator (1878–1953) zehntausende orthodoxe Geistliche ermordet und verschleppt – genaue Opferzahlen sind bis heute nicht klar –, Kirchengut beschlagnahmt, Gläubige drangsaliert und zur Verleugnung ihres Glaubens gezwungen. Das kirchliche Leben konnte nur noch minimal fortgeführt werden und lag oft in der Hand von Laien. Erst im Zweiten Weltkrieg milderte sich die Situation etwas, da für die nationale Verteidigung auch die Ressourcen der Kirche benötigt wurden.

Von 1945 bis 1990 war die Russisch-Orthodoxe Kirche eine propagandistisch verfolgte und innerlich und äußerlich zerrissene Kirche. Weder Theologie noch kirchliches Leben konnten sich entfalten und entwickeln. Die kirchlichen ÄmterAmt wurden mit regierungsloyalen, mitunter auch dem Geheimdienst angehörenden Männern besetzt. Parallel dazu erhielt die Kirche eine lokale Ausdehnung und, besonders in der ökumenischen BewegungBewegung(en), eine weltweite Aufmerksamkeit, wie sie sie nie zuvor erlebte.

Der Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur in der ehemaligen Sowjetunion führte zu einem Aufblühen der Orthodoxie. Die orthodoxe Kirche wurde von Anfang an von der Politik als Kompensator fehlender demokratischer Institutionen eingesetzt. Diese Weichenstellung erklärt nicht nur die heutige gesellschaftlich starke Rolle der Orthodoxie, sondern auch die semipolitische Position der Kirche innerhalb des Staates. Außerdem wurde die Orthodoxie zu einem wesentlichen Fundament der russischen Nationalidentität und bekam dadurch eine hohe kollektive Bedeutung, durchgehend in allen gesellschaftlichen Schichten und Gruppen. Trotzdem ist die Russisch-Orthodoxe Kirche im juristischen Sinne keine StaatskircheStaatskirche.

Eine dauerhafte Herausforderung für die russische Kirche ist das oft ambivalente Verhältnis zu orthodoxen Kirchen in den Ländern, die ehemals zur Sowjetunion gehörten und nun eigene Nationalstaaten bilden.

Theologie, Kirche, Frömmigkeit

 Das Patriarchat von Moskau beziffert die Zahl ihrer Gläubigen selbst mit etwa 150 Millionen und ist damit die größte aller orthodoxen Lokalkirchen.

 Die Mitgliederzahl der Kirche ergibt sich aus Angaben von soziologischen statistischen Umfragen, nicht aus kirchlichen Taufregistern o.ä., die in Russland nicht geführt werden. In den Auswertungen bzw. in der Verwendung solcher Umfragen wird meist der Umstand nicht gebührend berücksichtigt, dass sich viele Russen selbst als „orthodox“ bezeichnen, u.a. weil das zu der russischen Identität gehört, sie aber weder regelmäßige Kirchgänger sind noch überhaupt an Gott glauben. Das Phänomen der nationalen oder „kulturellen Orthodoxie“ in Russland ist bisher noch wenig erforscht. Einen regelmäßigen Kirchenbesuch geben, ebenfalls statistischen Umfragen zufolge, etwa 1–3 % der sich als orthodox bezeichnenden Russen an.

Altgläubige (auch: Altritualisten)

Unter PatriarchPatriarch Nikon$Nikon (Minin), 1605–1681, orthodoxer Patriarch von Moskau und ganz Russland (Minin) (1605–1681) kam es Mitte des 17. Jahrhunderts zu einer Abspaltung von der Russisch-Orthodoxen Kirche. Ursache war ein Reformprojekt des Patriarchen, das dazu dienen sollte, den russischen Ritus dem anzunähern, was als griechisch-byzantinische Gottesdienstform der frühen Jahrhunderte angesehen wurde. Dazu gehörte u.a. die Bekreuzigung mit drei Fingern statt mit zwei, weiterhin eine Veränderung der Anzahl der gesungenen Halleluja und der Prosphora, der liturgischen Brote bei der EucharistieEucharistie, sowie die Umkehrung der Richtung des Prozessionsverlaufs. Diese Neuerungen, die im Kern die Intention „zurück zu den Wurzeln“ hatten, riefen Widerspruch hervor. Unter Führung des Protopopen Avvakum$Avvakum (Petrow), um 1620–1682, orthodoxer Protopope, führende Persönlichkeit der Altgläubigen Petrow (um 1620–1682) sammelten sich aus allen Ständen und Schichten der russischen Gesellschaft die Gegner der Reform, die Altgläubigen, wie sie sich selbst bezeichneten. Im kirchlichen und gesellschaftlichen Umfeld wurden sie abwertend Raskolniki genannt (russ.: raskol = ‚Spaltung‘, Raskolniki = ‚Schismatiker‘). Nach vereinzelten Verfolgungen in den 1650er Jahren belegte sie das Große Moskauer KonzilKonzil / Konziliarismus 1666/67 als Häretiker mit dem Kirchenbann. Daraufhin wurden Zehntausende verfolgt, verbannt oder hingerichtet, teilweise auf dem Scheiterhaufen. Es kam zu einem SchismaSchisma in der Russisch-Orthodoxen Kirche, wobei die Altgläubigen deutlich in der Unterzahl waren. Viele von ihnen flohen ins Ausland, wo es zur Herausbildung altgläubiger Kirchentümer kam. 1971 wurde das Anathema über die Altgläubigen durch das Moskauer Patriarchat zurückgenommen.

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