Kitabı oxu: «Die Königin des Lichts»

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Die Königin des Lichts
Eine spannende Geschichte für kleine und große Leute – gesponnen
Im Zauberland der Fantasie
Gisela Luise Till

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Impressum:
Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
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© 2020 Papierfresserchens MTM-Verlag GbR
Mühlstr. 10, 88-85 Langenargen
Lektorat: Melanie Wittmann
Titelbild: © Heike Georgi
Alle Rechte vorbehalten. Taschenbuchausgabe erschienen 2018.
Herstellung: Redaktions- und Literaturbüro MTM
ISBN: 978-3-86196-751-4 - Taschenbuch
ISBN: 978-3-96074-296-8 - E-Book
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Inhalt
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Für meine Familie –
die ich für keine Zauberperle eintauschen würde!
Die Quelle des Lebens ist das Licht,
geh zur Sonne und du findest dich.
*
Das Versprechen
Die Sonne stand schon tief am Himmel, als Luzie im roten Schein der untergehenden Sonne die Bergwiese hinaufrannte. Ab und zu blieb sie stehen, vergewisserte sich, dass ihr niemand folgte, und eilte weiter. Das blonde Mädchen sah gehetzt aus. Ihr Blick irrte hin und her und suchte nach einem sicheren Versteck. Am liebsten hätte sie sich gleich hinter die ersten Büsche verkrochen, doch der Schlupfwinkel bot nicht genug Deckung. Sie lief bis zum Wiesenrand, blieb beim alten Heuschober stehen, lauerte nach allen Seiten und huschte in den Schuppen.
Leise fiel die Tür ins Schloss und sie stand im Dunkeln. Luzie lehnte sich keuchend an die Wand und schnaufte ein paarmal kräftig durch. Sie wartete, bis ihr Atem sich beruhigte, sank auf die Knie und kroch im Lichtschein, der unter ihrem Pullover leuchtete, hinter die abgestellten Bretter.
Ihr Vater mochte es nicht, wenn sie sich hier versteckte: Er befürchtete, dass die Bretter umkippen und sie verletzen könnten. Doch sie hatte keine Angst, solange sie achtgab, war alles gut! Das Versteck war sicher, abends trauten sich die Kinder nicht mehr hierher. Max war der Einzige, der sich das traute, und wenn sie Glück hatte, kam er heute nicht auf die Idee, hier nach ihr zu suchen. Das wünschte sie sich so sehr. Immer war sie die Erste, die gefunden wurde, das machte überhaupt keinen Spaß.
Luzie krabbelte in die hinterste Ecke, schlang ihre Arme um die Knie und kauerte sich in den engen Winkel. Es war so eng, dass bei jeder Bewegung die Latten bedenklich wackelten. Sie traute sich kaum noch zu atmen. Wenn die Bretter kippten, war alles verloren: Max würde es hören und sofort wissen, wo sie war.
In der Ecke war es beklemmend, aber sie tat, was sie sich vorgenommen hatte. Sie legte den Kopf auf die Knie, schirmte das Licht ab und blieb stocksteif hocken. Draußen war alles still. Nichts war zu hören. Die Minuten schlichen dahin. Luzie glaubte schon, eine Ewigkeit in der Enge ausgeharrt zu haben, als plötzlich draußen Stimmen kreischten. Der Wind wehte die Worte zu ihr herüber und sie hörte die Kinder rufen: „Blinki will sich verstecken, wir werden sie entdecken!“
Sie hielt sich die Ohren zu.
Da hörte sie es schon wieder. „Blinki, Blinki, die verrückte Blinki.“
Verärgert presste sie die Lippen zusammen. Egal, was sie tat, überall johlten die Kinder: „Blinki, Blinki, da kommt die blinkende Blinki!“
Der Name Blinki brannte wie tausend Nadelstiche in ihren Ohren. Diesen blöden Spitznamen wollte sie nicht mehr hören. Beim Verstecken war es besonders schlimm. Dann sangen alle Kinder zusammen:
„Blinki will sich verstecken,
wir werden sie entdecken!
Blinki, Blinki, die verrückte Blinki.“
Und jetzt passierte es schon wieder. Wo sie sich auch versteckte, das blöde Licht verriet sie immer. Wie sie dieses Licht hasste! Ach, sie hasste alles: den Namen Blinki und das Licht.
Luzie hockte in ihrem engen Versteck und vertraute darauf, dass noch niemand wusste, wo sie sich befand. Wenn sie sich ruhig verhielt und das Licht abdeckte, konnte es Stunden dauern, bis jemand sie entdeckte. Sie wusste genau, Max würde sie suchen. Aber was sollte sie tun, wenn er sie nicht aufspürte? Den Schlupfwinkel wollte sie nicht verlassen, selbst wenn es die ganze Nacht dauern würde.
Luzie stützte sich an der Wand ab, streckte vorsichtig ihre steif gewordenen Glieder und linste durch ein Astloch. Unten am Apfelbaum stand Max, sie konnte ihn sehen.
Er lehnte mit dem Kopf am Baumstamm und rief: „Eckstein, Eckstein, alles muss versteckt sein, eins ... zwei ... drei ...“ Bei zehn drehte er sich um, schüttelte sein lockiges schwarzes Haar und schaute suchend umher.
Der zwölfjährige Junge war schlank und hochgewachsen. Er hatte ein aufgewecktes Lächeln und verschmitzte braune Augen. Obgleich er ein Jahr älter als Luzie war, liebte er es, mit ihr zu spielen, denn sie war klüger und stärker als alle anderen und hatte immer die besten Ideen.
Max betrachtete die Büsche und musterte den Schuppen. Es dauerte keine Minute, da sah er ein Licht durch die Ritzen der Holzwand schimmern und wusste sofort: Dahinter verbarg sich Luzie. Ein verschmitztes Lächeln huschte über sein Gesicht. Er pfiff vergnügt vor sich hin, eilte die Wiese hoch, blieb an der hinteren Stallwand stehen und drückte sein Ohr an die Wand. Luzie hielt den Atem an. Plötzlich hatte sie das Gefühl, in ihrem Versteck eingesperrt zu sein. Max wusste schon wieder, wo sie sich verbarg. Egal, was sie auch tat, er fand sie immer und überall. Das machte überhaupt keinen Spaß!
Max schlich zur Vorderseite, riss die Tür auf, blieb breitbeinig im Eingang stehen und rief: „Eins, zwei, drei, gefunden!“
Luzie kroch mit steifen Gliedern aus ihrem Versteck. In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie taumelte gegen die Bretter und schwankte zur Tür. Max reichte ihr die Hand, doch Luzie stieß ihn zur Seite und rannte davon. Der heftige Stoß traf Max in die Rippen. Er stolperte, rutschte aus und fiel hin. In dem Moment stürzten die Bretter um und begruben ihn.
Luzie hörte das Poltern, drehte sich aber nicht um. Aus Angst, sie könnte ein Kind treffen, das wieder ihren verhassten Spitznamen rief, schaute sie nicht nach links und rechts und sauste geradewegs nach Hause. Wütend knallte sie die Tür hinter sich zu, setzte sich an den Küchentisch und vergrub ihren Kopf zwischen den Händen.
Maria, Luzies Mama, blickte sie erstaunt an. „Was ist passiert? Warum bist du so verärgert?“
Luzie presste die Lippen zusammen, knallte ihre Faust auf den Tisch und murrte: „Ich spiel nie mehr Verstecken!“
Maria schüttelte verdutzt den Kopf. „Wieso nicht? Was ist passiert?“
„Das blöde Licht verrät mich immer. Max kann allein Verstecken spielen, der findet mich sowieso sofort.“ Luzie zog mürrisch die Stirn kraus. Sie hasste das Licht in ihrer Brust, das Leuchten ihrer Haut, das sie immer und überall verriet. Kein Mensch hatte so ein Licht – nur sie. Solange sie klein gewesen war, hatte sie es lustig gefunden, doch nun wurde ihr immer mehr bewusst, dass sie anders war als andere Kinder. Das, was ihr widerfuhr, war nicht normal! Sie fühlte sich so scheußlich und dachte: „Vielleicht bin ich verrückt? Nur Verrückte haben so ein Licht, darum bin ich auch die Einzige, die so leuchtet. So muss es sein! Ich bin verrückt und alle wissen es. Die Kinder rufen ja schon: Da kommt Blinki! Die verrückte Blinki!“
Luzie schluchzte, schluckte die aufkommenden Tränen runter und jammerte: „Mama, bin ich verrückt?“
Maria ließ bestürzt den Kochlöffel fallen. „Du meine Güte, Kind! Wie kommst du denn darauf?“
Luzie zuckte die Schultern und verschluckte die Worte, die ihr auf der Zunge lagen. Sollte sie sagen, dass die Kinder sie hänselten? Damit würde sie ihre Mutter nur ängstigen und das wollte sie auf keinen Fall. Sie zog ihr Taschentuch aus der Hosentasche, schnäuzte kräftig ihre Nase und suchte nach einer Antwort. Während sie die Nase umständlich abwischte, ging die Tür auf und Max humpelte herein.
Er sah fürchterlich aus: Die Haare standen ihm zu Berge, seine Hose war zerrissen, der Ärmel seiner Jacke hatte ein Loch und sein Arm blutete. Mit schmerzverzerrtem Gesicht presste er den Arm gegen seinen Körper und hinkte zur Küchenbank.
Maria schrie entsetzt auf: „Oh Gott, Max! Wie siehst du aus? Was ist passiert?“
„Ich bin gefallen, die Bretter sind auf mich gestürzt. Ich glaub, mein Arm ist gebrochen. Es tut so weh.“
Maria betrachtete den Arm. Er zeigte einige Hautabschürfungen und blutige Schrammen, schien aber nicht gebrochen zu sein. Sie eilte zum Wasserhahn, ließ kaltes Wasser über ein Tuch laufen und legte Max einen Verband an. „Hab keine Angst“, tröstete sie. „Ich muss den Arm kühlen, damit er nicht anschwillt.“
Während sie Max behandelte, ließ Luzie beschämt den Kopf hängen und Marie hegte den Verdacht, dass ihr Kind etwas angestellt hatte. Ihr Gefühl gab ihr recht, Luzie fühlte sich schuldig. Max war verletzt. Das hatte sie nie und nimmer gewollt! Im Gegenteil. Sie verabscheute es, wenn sie mit Max stritt, hinterher fühlte sie sich immer so schlecht, als hätte sie eine große Schuld auf sich geladen. Max war ihr Freund, er war stets lieb zu ihr, und egal, was sie auch anstellte, er verzieh ihr alles. Ihm wollte sie auf keinen Fall wehtun.
Luzie hatte insgeheim selbst auf etwas Trost gehofft, aber nun brauchte Max ihr Mitgefühl, er hatte Schmerzen. Sie setzte sich zu ihm, streichelte seinen Arm und bat: „Verzeih mir, das hab ich nicht gewollt. Tut es sehr weh?“
Er zuckte die Schultern. „Es ist halb so schlimm. Leg deine Hand drauf, dann ist es gleich vorbei.“
Max wusste, dass von Luzies Händen eine heilende Wirkung ausging. Immer wenn er sich verletzte und Luzie mit der Hand über die Stelle rieb, strömte eine Wärme in seinen Körper und der Schmerz verging. Deshalb war er Luzie auch nie lange böse, sie machte alles wieder gut. Es war sonderbar, immer wenn Luzie sich aufregte, passierten die merkwürdigsten Sachen. Das hatte etwas mit ihrer Kraft zu tun. Wenn sie wütend war, bekam sie Bärenkräfte und dann traute sich außer ihm kein Kind mehr in ihre Nähe. Einmal hatte sie so fest mit der Faust auf den Tisch geschlagen, dass er in zwei Teile zerbrochen war. Das konnte sonst niemand. Im ganzen Waldaland gab es kein Kind, das so viel Kraft hatte!
Luzie hatte etwas Geheimnisvolles, Unerklärliches; es war, als wohnten zwei Seelen in ihrer Brust.
Max saß grübelnd auf der Bank, als Maria ihm den Verband anlegte und sorgenvoll seufzte: „Ach, Luzie, wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du die Kinder nicht schubsen darfst, du weißt doch, wie stark du bist. Du musst deine Kräfte im Zaum halten. Wenn du alle Kinder verletzt, will niemand mehr mit dir spielen. Sei froh, dass du Max zum Freund hast. Alle anderen kommen schon nicht mehr. Die Kinder haben Angst vor dir.“
Maria war in tiefer Sorge und hatte ständig Angst, dass Luzie etwas anstellen könnte. Sie liebte ihr Kind über alles und wollte ihren Sonnenstrahl so lange wie möglich beschützen. Doch die Zeit rückte immer näher, da sie Luzie in ihr Geheimnis einweihen musste. Sie konnte es nicht länger verschweigen, allmählich wurde es zu gefährlich. Luzie musste wissen, was mit ihr los war. Obwohl Maria wusste, dass es höchste Zeit war, ihrem Kind das Geheimnis zu verraten, schob sie es immer wieder vor sich her. Luzie sollte so lange wie möglich ein sorgloses Kind bleiben und wie alle anderen aufwachsen. Deshalb hatte sie die Wahrheit über Luzie und das Licht noch nicht über ihre Lippen gebracht. Doch lange konnte sie es nicht mehr verheimlichen. Je älter Luzie wurde, umso gefährlicher wurde es. Ihre Kräfte nahmen zu! Vor allem musste sie Luzie beibringen, ihr heißes Temperament zu zügeln, ihre Wut zu beherrschen und sich nichts unkontrolliert zu wünschen, was dann vielleicht in Erfüllung gehen und ungeahnte Folgen haben würde.
Maria lief ein kalter Schauer über den Rücken. Wie oft hatte sie schon mit diesem inneren Zwiespalt gehadert und nun kämpfte sie schon wieder den gleichen Kampf. Sie wollte nicht schuld sein, wenn etwas Schreckliches passierte, nur weil sie den Mut nicht aufbrachte, um ihrem Kind die Wahrheit zu sagen.
Am Abend wartete Maria mit dem Abendessen auf Luzies Vater Falko. Sie erblickte ihn durchs Fenster und öffnete die Tür. Das Erste, was Falko sah, war Max’ Verband. Falko hätte sich gerne hingesetzt und etwas getrunken, aber Max sah so ramponiert aus, dass er gleich zu ihm ging. „Was ist passiert? Hast du dich verletzt?“
Max sah Hilfe suchend zu Luzie und stammelte: „Ja ... nein ... ich weiß nicht!“
Luzie wurde ganz verlegen. „Das ist meine Schuld. Das hab ich gemacht.“
„Duuu?“, wunderte sich Falko. „Wie ist das passiert? Was hast du angestellt?“
„Wir haben Verstecken gespielt, Max hat mich sofort gefunden, da hab ich ihn weggeschubst und die Bretter sind auf ihn gefallen.“
„Willst du damit sagen, dass ihr im Schuppen gespielt habt?“
Luzie ließ den Kopf hängen, ihre Lippen wurden ganz schmal und dicke Tränen kullerten über ihre Wangen. Falko bemerkte, dass ihre Schultern leicht zitterten, er konnte kaum hinsehen und streichelte tröstend ihre Hand. „Aber, aber, mein Sonnenstrahl. Hör auf zu weinen – so schlimm wird das doch nicht gewesen sein.“
Luzie trocknete ihre Tränen. Ihr Vater nannte sie Sonnenstrahl, das war ein gutes Zeichen. Sie kletterte auf seinen Schoß, schlang die Arme um seinen Hals und erzählte, was geschehen war.
Falko nahm ihr das Versprechen ab, den Schuppen mit den gefährlichen Gerätschaften zu meiden, und seufzte: „Geh schlafen, Sonnenstrahl, es ist schon spät, ich begleite Max nach Hause, ich will noch mit seinem Vater reden.“
Luzie verabredete sich mit Max für den nächsten Tag, ging in ihr Zimmer und zog ihre Kleider aus. In der Abenddämmerung leuchtete ihre nackte Brust besonders hell und ihr ganzer Körper war umgeben von einem goldenen Schein. Sie betrachtete ihr Spiegelbild und fragte sich, warum sie so anders war. Allein ihr blondes Haar sonderte sie von allen anderen ab. Niemand im Waldaland hatte solche blonden Haare. Alle waren schwarz- oder braunhaarig. Doch das konnte sie verstehen; ihre Oma wohnte in einem fernen Land und war auch blond. Befremdlicher waren ihre Augen, mit denen stimmte etwas nicht. Sie waren braun, von einem blauen Rand umgeben und wechselten wie feurige Diamanten die Farbe.
Es war sonderbar, manchmal strahlten ihre Augen wie die Sonne und schickten goldene Strahlen zur Erde. Deshalb nannte Papa sie auch Sonnenstrahl. Doch etwas passte nicht, das fühlte sie genau. Wenn sie nur wüsste, was. Es war alles so verworren. Genauso verworren war das Theater, das ihre Mama immer machte, wenn sie sich etwas wünschte. Nie durfte sie sich etwas wünschen.
Stattdessen sollte sie sagen: „Es wäre schön, wenn ich eine Katze hätte. Es wäre schön, wenn ich einen Hund hätte. Es wäre schön ...“
Das war doch blöd! Sie wünschte sich schließlich einen Hund! Und wenn sie gerne einen Hund hätte, warum sollte sie sich dann keinen wünschen?
Luzie fühlte sich plötzlich so allein und der Wunsch nach einem Hund wurde immer größer. Sie sah das Tier deutlich vor sich. In ihrer Fantasie hielt sie den Hund an der Leine und spazierte mit ihm im Zimmer umher. Sie sah sich schon mit Max und dem Hund im Wald herumtollen. Diese Vorstellung war so schön, dass ihre Sehnsucht nach einem Hund von Minute zu Minute drängender wurde. Sie konnte an nichts anderes mehr denken und das Verlangen steigerte sich noch.
Plötzlich kniff sie die Augen zu, und ehe sie wusste, was sie tat, flüsterte sie aus tiefster Seele: „Ich wünsche mir einen Hund! Einen wuscheligen weißen mit schwarzen Augen, schwarzer Nase und lockigem Schwanz!“
Während Luzie von dem Hund träumte, jaulte etwas unter ihrem Fenster. Sie zog ihre Schmusedecke vom Bett, wickelte sie um ihren nackten Körper und schaute zum Fenster hinaus. Sie lehnte sich weit hinaus und konnte kaum glauben, was sie sah. War das möglich?
Unten bellte ein weißer Hund und blickte ihr in die Augen. Es war genau der Hund, den sie sich gewünscht hatte.
Sie legte ihren Finger auf die Lippen. „Psst, sei still. Bleib, wo du bist, ich komm dich holen!“ Luzie schleuderte die Decke von ihren Schultern, schlüpfte in ihren Schlafanzug und schlich ins Treppenhaus. Vorsichtig lehnte sie sich über das Geländer, spähte nach unten und vergewisserte sich, dass niemand im Flur war. Die Luft war rein. Doch wie sollte sie den Hund hochholen? Niemand durfte ihn sehen!
Sie holte ihre Kuscheldecke, eilte zurück und hörte plötzlich unten eine Tür quietschen. Erschrocken blieb sie stehen und beobachtete, wie die Mutter eine Jacke aus dem Garderobenschrank nahm und damit ins Wohnzimmer ging. Erleichtert stieß Luzie die Luft aus und huschte die Treppe hinunter. Da die vierte und fünfte Stiege knarrten, schwang sie ein Bein über die Brüstung und rutschte das letzte Stück auf dem Treppengeländer hinunter. Sie öffnete die Haustür und pfiff leise durch die Zähne. Der Hund kam sofort angerannt. Luzie versteckte ihn unter der Decke und schlich mit ihm die Treppe hoch. Bei der vierten und fünften Stufe trat sie auf die äußerste Kante, überlistete das Knarren und kam geräuschlos nach oben.
In ihrem Zimmer tanzte sie durch den Raum. Sie drückte das Tier an ihre Brust, legte ihr Gesicht in sein weiches Fell und küsste seine schwarze Nase. Sie tanzte so glücklich durch den Raum, dass sie das Knarren der Stufen überhörte. Plötzlich klopfte jemand an die Tür. Luzie huschte ins Bett, schubste den Hund darunter und stellte sich schlafend.
In dem Moment, als der weiße Schwanz unter dem Bett verschwand, betrat die Mutter das Zimmer. Sie schloss das Fenster, strich Luzies gelbe Decke glatt und gab ihr einen Kuss. „Gute Nacht, mein Kind. Soll ich dir noch etwas vorlesen?“
Luzie schüttelte den Kopf. „Nöö! Heute nicht, ich bin müde und möchte schlafen.“
„Gut, wenn du zu müde bist, dann schlaf schön, ich lass dir die Tür etwas auf.“
Luzie gähnte. „Nein. Mach sie zu, ich schlaf sofort ein. Gute Nacht, Mama!“
Maria schüttelte den Kopf. Freiwillig war Luzie noch nie ins Bett gegangen. Und jetzt, ohne Licht und Gutenachtgeschichte, das war etwas völlig Neues. Sie warf ihrer Tochter einen fragenden Blick zu, sah, dass ihre Augen schon geschlossen waren, und verließ leise das Zimmer.
Kaum dass die Tür zu war, krabbelte der Hund unter dem Bett hervor und legte sich auf den Bettvorleger. Luzie schlug die Decke zurück, setzte sich auf den Boden, zog den Hund auf ihren Schoß und lachte. „Was bist du für ein kluger Hund! Dich hat der Himmel geschickt, jetzt gehörst du mir, ich geb dich nie mehr her.“
Luzie kraulte seinen Kopf und sah ihm fragend in die Augen. „Du brauchst einen Namen. Wie willst du heißen?“
Der Hund tapste mit den Pfoten auf Luzies Beine, stieß sie immer wieder an, tippelte hin und her und bellte. Luzie blickte besorgt zur Tür und zog den Hund zurück auf ihren Schoß.
„Psst! Nicht so laut, es darf niemand wissen, dass du hier bist. Warum tippelst du denn so herum? Willst du mir was sagen? Oder willst du Tipper heißen?“
Ein qualvolles „Wau, wau“ erklang.
„Heißt das Ja?“
Der Hund schlackerte mit den Ohren und jaulte: „Wau, wau.“
„Nein? Heißt zweimal bellen Nein?“
„Wau“, schnaufte er.
„Prima, jetzt weiß ich Bescheid. Einmal bellen bedeutet Ja, zweimal bellen Nein.“
Der Hund legte seinen Kopf schief und stieß ein zufriedenes „Wau“ aus.
Luzie zog die Stirn kraus. „Aber jetzt hab ich immer noch keinen Namen für dich. Wie soll ich dich nennen?“
Grübelnd streichelte sie sein Fell und nuschelte leise vor sich hin: „Wino ... Mino ... Bino ... Tino ...“ Bei Tino sprang sie auf. „Ich hab’s! Tino ist schön! Wie wäre es mit Tino?“
„Wau“, bellte der Hund.
„Du bist einverstanden?“
„Wau.“
„Prima, dann heißt du Tino. Jetzt müssen wir nur noch einen Schlafplatz für dich finden. Wo willst du schlafen?“
Tino hüpfte auf das Bett und kuschelte sich in Luzies Decke. Es dauerte nicht lange, da lagen beide Kopf an Kopf im Bett. Nach ein paar Minuten sprang der Hund auf, legte sich winselnd vor die Tür und hob sein Bein.
Luzie erschrak. „Oh Gott, du musst pinkeln! Ist es dringend?“
„Wuff, wuff, wuff“, kam es drängend von der Tür.
Luzie verstand: Es war dringend! Dreimal bellen bedeutete Alarm!
Sie spähte in den Flur. Unten wuselte die Mutter mit dem Staublappen herum. Jetzt konnten sie auf keinen Fall runtergehen. Der Hund musste irgendwo anders pinkeln. Aber wo? Sie schaute sich um, vielleicht gab es eine Möglichkeit in ihrem Zimmer? Doch es war nichts da, keine Vase, kein Topf, kein Becken. Nichts, wo Tino Pipi machen konnte. Sie blickte zum Fenster. Außer dem gab es nichts. Es blieb keine andere Wahl: Tino musste aus dem Fenster pinkeln!
Luzie schaute Tino fragend in die Augen. „Verstehst du, was ich sage?“
„Wau.“
„Ich wusste, dass du mich verstehst. Pass auf! Wir können nicht nach draußen, meine Mutter darf dich nicht sehen, du musst aus dem Fenster pinkeln. Ist das okay?“
„Wau.“
„Gut, dann machen wir es so. Ich halte dich an den Vorderpfoten fest, du stellst dich mit den Hinterpfoten draußen auf den Sims und dann machst du Pipi. Kannst du das?“
Tino bellte einmal kurz und sprang auf die Fensterbank. Luzie drehte sein Hinterteil nach draußen, legte einen Arm unter seine Vorderpfoten und hielt mit dem anderen seinen Körper fest. Dann hob Tino sein linkes Bein. Der Strahl traf den Fensterrahmen, spritzte Luzie ins Gesicht und floss innen auf die Fensterbank. Luzie zog Tino rasch zur Seite. Doch nun landete alles auf dem Fußboden. Das Kunststück war völlig danebengegangen.
Tino legte sich auf das Lammfell und sah Luzie unschuldig an. Die schüttelte lachend den Kopf, trocknete mit dem T-Shirt die Pfütze auf und schlich ins Badezimmer. Sie warf das Hemd in die Schmutzwäsche, wusch sich Hände und Gesicht und plumpste anschließend erleichtert auf das Bett. Tino sprang auf ihren Rücken und tollte mit ihr herum. Plötzlich bellte er Alarm und huschte unter das Bett. Kurz darauf öffnete die Mutter die Tür. Sie hatte komische Geräusche gehört und wollte nachsehen, ob alles in Ordnung war.
„Was geisterst du hier herum, kannst du nicht schlafen?“
„Dooch“, schwindelte Luzie. „Ich hatte Durst und hab Wasser getrunken.“
Maria blickte verwundert zum Fenster. „Weshalb steht das Fenster auf. Ist dir nicht gut?“
„Es war so heiß, ich hab etwas Luft reingelassen.“
Maria stellte das Fenster auf Kipp und strich mit der Hand über die Fensterbank. „Hier ist ja alles nass. Hast du Wasser verschüttet?“
„Ein wenig, das meiste hab ich aufgewischt.“
„Ach, hier ist noch alles nass. Ich hol mal einen Putzlappen.“ Die Mutter holte Wasser und machte alles sauber. Anschließend deckte sie Luzie bis zum Kinn zu. „Jetzt schlaf schön, gute Nacht.“
Als die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war, sprang Tino ins Bett. Luzie drückte ihr Gesicht in sein Fell und kicherte: „Mein kluger, lieber Hund, du darfst bei mir schlafen und morgen gehen wir zu Max. Der wird staunen!“
*
Das Geständnis
Falko saß bei Max’ Vater Johann und berichtete, was geschehen war. Sein alter Jugendfreund wusste von Luzies Geheimnis. Die beiden Familien verband eine enge Freundschaft und so war es für Max und Luzie normal, dass sie bei jedem zu Hause waren. Falko saß mit Johann bei einem Glas Wein und sie diskutierten Max’ Unfall. Johanns Rat war ihm wichtig. Als Schulleiter wusste er, mit den Sorgen und Nöten der Kinder umzugehen, und hatte für jeden ein offenes Ohr.
Als Johann hörte, dass Luzie Max mit einem Handstreich umgehauen hatte, zog er nachdenklich die Stirn kraus. Er schenkte seinem Freund Rotwein nach und seufzte: „Luzies Kräfte nehmen zu. Sobald sie wütend wird, brechen sie durch. Mit ihren elf Jahren kann sie die Kraft nicht kontrollieren und niemand weiß, wie es endet.“
Falko nickte sorgenvoll und Johann mahnte: „Du musst Luzie aufklären, heute noch. Du siehst ja, was passiert. Warte nicht länger, sonst ist es eines Tages zu spät und es geschehen Dinge, die du nicht mehr in Ordnung bringen kannst.“
Falko zuckte hilflos die Schultern. „Du hast gut reden, aber wie soll ich Maria dazu bringen? Sie will davon nichts wissen. Luzie soll, solange es geht, wie alle anderen Kinder aufwachsen.“
Johann schüttelte verärgert den Kopf, er verstand seinen Freund nicht mehr. Er war doch sonst nicht so zaghaft. Wie lange wollte er denn noch warten? Langsam verlor er die Geduld und murrte: „Indem du Luzie endlich die Wahrheit sagst. Geh nach Hause, Falko, mach es jetzt gleich. Geh, bevor noch mehr passiert!“
Falko fühlte Übelkeit in sich aufsteigen. Er streckte seine Glieder und stand auf. „Du hast recht, Johann, ich muss es tun. Ich mach mich sofort auf den Weg. Danke für deinen Rat.“
Auf dem Heimweg durchdachte Falko nochmals sämtliche Möglichkeiten. Dabei kam er zu dem Entschluss, Maria sofort anzusprechen und von der Notwendigkeit, Luzie aufzuklären, zu überzeugen. Er hatte sich fest vorgenommen, keinen Aufschub mehr zu dulden, und ging festen Schrittes nach Hause.
Während er seine Jacke an den Garderobenhaken hängte, rief er nach Maria. Er fand sie im Wohnzimmer und kam gleich zur Sache. „Wir müssen reden. Du kannst Luzie nicht länger im Ungewissen lassen. Wir müssen ihr jetzt sagen, was mit ihr los ist.“
Maria schaute Falko mit großen Augen an. Vor dieser Aussprache hatte sie sich schon lange gefürchtet. Sie wusste, dass er recht hatte, trotzdem versuchte sie, ihn wieder davon zu überzeugen, noch zu warten.
„Ach, Falko, Luzie ist doch noch so klein. Ich möchte, dass sie so lange wie möglich ein unbekümmertes Kind bleibt. Wenn sie lernt, ihre Kräfte zu kontrollieren, dann ist doch alles gut.“
„Und wie willst du das machen? Du kannst ihre Gedanken nicht kontrollieren. Wie willst du ihr erklären, dass sie Zauberkräfte hat und wenn sie sich etwas wünscht, alles in Erfüllung geht?“
„Indem ich ihr sage, dass sie keinen Wunsch aussprechen darf. Sie muss ihre Wünsche anders formulieren. Sie muss fragen: Kann ich ein Pferd bekommen? Oder: Es wäre schön, wenn ich ein Pferd bekommen würde. Dann ist doch alles gut.“
Falko raufte sich die Haare. „Oh Gott, Maria! Das ist gefährlich! Irgendwann passiert noch was, das wir nicht mehr in Ordnung bringen können. Hör auf mich, sag es ihr!“
„Du hast gut reden! Wie soll ich einem elfjährigen Mädchen erklären, dass es unsterblich ist? Und überhaupt, niemand weiß, ob es ein Fluch oder ein Segen ist. Stell dir vor, sie weiß, dass sie unsterblich ist, läuft blindlings in jede Gefahr und verletzt sich ständig! Oder jemand nimmt sie gefangen, lässt sie hungern und dursten und sie muss das immer und ewig ertragen. Das wäre doch die Hölle auf Erden!“
„Um Himmels willen, Maria, wie kommst du auf solche Schauergeschichten? Das ist ja furchtbar.“
„Siehst du, Falko? Jetzt überleg mal! Wenn du ein Kind wärst, könntest du mit so einem Wissen glücklich und sorglos leben?“
„Nie und nimmer! Du hast recht, sie darf es nie erfahren!“ Falko war ganz schwindelig geworden. Er sah seinen kleinen Sonnenstrahl schon in den Klauen eines Berggeists. Seine Angst war nicht unbegründet, wusste er doch, dass bei Opa im Stall ein Käfig mit einer Krähe im Gebälk hing, die ein verzauberter Berggeist war. Sie hatten ihn seinerzeit gefangen und im Land der Eltern, wo er keinen Schaden anrichten konnte, in Verwahrung gegeben.
Falko sank kraftlos in den Sessel und sein ganzer Mut war dahin. Maria versuchte, ihn auf andere Gedanken zu bringen. Sie stellte sich hinter ihn, legte die Arme um seinen Hals und flüsterte in sein Ohr. „Es gibt etwas, das wir tun können, Falko. Wie du weißt, ärgert Luzie sich über den Spitznamen Blinki. Wie wäre es, wenn wir ihr ein Hemdchen anfertigen, das leicht wie eine Feder, dünn wie Papier und undurchdringlich wie Gold ist? Sie könnte das Hemd unter ihren Kleidern tragen und damit das Licht unsichtbar machen. Wenn niemand mehr das Licht sieht, ärgern die Kinder sie auch nicht mehr.“
„Hm, das wäre schön. Woraus willst du das machen?“
„Aus ihren Haaren. Sie sind wie goldene Fäden, dünn und stark wie Seide, damit müsste es gehen. Die Zauberkraft, die in ihrem Körper wohnt, findet sich auch in ihrem Haar.“
„Das könnte klappen, Maria. Einverstanden, versuch es.“
Während die beiden darüber nachdachten, wie sie das Hemdchen anfertigen wollten, polterte in Luzies Schlafzimmer etwas auf den Boden. Falko schnellte aus seinem Sessel empor, spurtete die Treppe hoch, stürmte in Luzies Zimmer und stieß einen grellen Schrei aus.
„Mariaaa! Wo kommt das Tier her?“ Er konnte nicht glauben, was er sah. Auf dem Boden lag Luzie und in ihrem Bett machte sich ein weißer Hund breit.
Maria hastete die Treppe hoch, starrte auf den Hund und stammelte: „K...k...keine Ahnung, der war eben noch nicht da!“
„Aber du musst doch wissen, wo der herkommt, du warst doch die ganze Zeit hier! Das ist eine Katastrophe. Wenn du nicht weißt, wo der herkommt, ist das der Anfang vom Ende.“
„Beruhige dich, Falko, das ist doch nur ein Hund.“
„Beruhigen? Was redest du für einen Unsinn? Wenn niemand weiß, wo der Hund herkommt, hat das etwas zu bedeuten!“
Maria war den Tränen nahe. So aufgebracht hatte sie Falko noch nie gesehen. Er schien ernsthaft in Sorge zu sein und hatte für ihre beruhigenden Worte kein Ohr. Während sie noch nach einer Erklärung suchte, erwachte Luzie. Verschlafen rieb sie sich die Augen und blickte erstaunt auf ihre Eltern, die mit roten Köpfen in ihrem Zimmer standen.
Falko hob sie auf und ließ sie unsanft aufs Bett plumpsen. „Was ist das für ein Hund? Wo kommt der her?“
Tino huschte unter das Bett und Luzie hätte am liebsten gesagt: „Ich sehe keinen Hund“, doch sie merkte, dass der Vater böse war und sie mit dieser Lüge alles noch schlimmer machen würde. Deshalb antwortete sie wahrheitsgemäß: „Den hab ich mir gewünscht und dann war er plötzlich da.“
„W...a...a...as?! Den hast du dir gewünscht?“
Luzie nickte.
Falko stockte der Atem. Er bekam keine Luft mehr. Der Boden schwankte unter seinen Füßen und er hatte das Gefühl, jemand schnürte ihm die Kehle zu. Nun war das passiert, was er vermeiden wollte und wovor er immer gewarnt hatte. Er warf Maria einen vorwurfsvollen Blick zu, öffnete seinen Hemdkragen und sank ächzend auf das Bett.
Als er sich etwas beruhigt hatte, klopfte er auf die Bettkante. „Luzie, setz dich zu mir. Mama und ich müssen mit dir reden. Wir müssen dir etwas sagen, was wir schon längst hätten tun sollen.“
Maria setzte sich neben Luzie und kraulte Tino, der sich zwischen sie gedrängt hatte. Falko wusste nicht, wie er anfangen sollte, und es entstand eine beklemmende Stille.
Schließlich raffte Maria ihren Mut zusammen und sagte leise: „Luzie, du hast etwas gemacht, was du nie mehr tun darfst. Deshalb erklären wir dir heute, weshalb deine Brust so leuchtet und warum du so stark bist.“ Maria legte den Arm um Luzies Schultern und suchte nach den richtigen Worten.
Plötzlich sprudelten die Worte aus ihrem Mund und sie erzählte Luzie ihre eigene Lebensgeschichte: „Vor einigen Jahren besaß ich eine Zauberperle, die alle Wünsche erfüllte. Der Berggeist Schakan wollte sie haben und mit der Magie der Perle groß und mächtig werden, damit er alle Bewohner im Waldaland beherrschen konnte. Papa und ich haben gegen ihn gekämpft. Während des Kampfes verwandelte der Berggeist sich in eine Krähe. Wir haben ihn besiegt, eingefangen, mit einem Bannspruch belegt und in das Land deiner Großeltern gebracht. Dieses ist frei von Magie, dort kann der Berggeist Schakan keine neuen Kräfte sammeln. Nur bei uns im Waldaland kann er seine Zauberkräfte benutzen. Deshalb haben wir beschlossen, unser Land auch von der Magie zu befreien und keine Zauberkräfte mehr zu nutzen. Du kennst den Berggeist Schakan. Es ist die alte Krähe, die in dem Käfig in Opas Stall sitzt. Weil er so gefährlich ist, haben wir dir stets verboten, dich diesem Tier zu nähern. Als du drei Jahre alt warst, hast du meine Zauberperle gefunden und sie verschluckt. Seitdem steckt sie in deiner Brust und leuchtet aus dir heraus. Die Prophezeiung sagt, wer die Perle schluckt und nicht daran stirbt, erhält das ewige Leben. Du hast die Perle in dir und mit ihr alle Macht der Magie. Deshalb hast du ungeahnte Kräfte, und immer wenn du dir etwas ganz heftig wünschst, geht es in Erfüllung.“
Luzie war so überrascht, dass sie kein Wort sagen konnte.
Maria warnte noch einmal: „Das ist gefährlich! Wenn du dir unbedacht etwas wünschst, können schlimme Dinge passieren, die du vorher nicht bedacht hast. Es könnte jemand davon erfahren, der deine Kraft haben will, und dir etwas antun. Deshalb müssen wir darauf bestehen, dass du dir nichts mehr wünschst. Versprichst du uns das?“
Luzie rutschte unruhig hin und her und senkte traurig ihren Blick. „Ich darf mir nie mehr was wünschen? Nie mehr?“
Maria nickte. „Nie mehr! Du weißt ja, wie du es machen musst, wenn du etwas haben willst, das haben wir doch geübt.“
Falko sah den Kummer in Luzies Augen und versprach: „Wenn du dich daran hältst, darfst du den Hund behalten. Wenn nicht ...“
Luzie hörte nur „Hund behalten“ und versprach alles, was man von ihr verlangte. Sie drückte ihr Gesicht in Tinos Fell und jauchzte: „Hast du gehört, Tino? Ich darf dich behalten!“
Am nächsten Morgen war Luzie schon früh aus den Federn. Sie schlang das Frühstück hinunter, rief Tino und rannte zur Tür.
Die Mutter hielt sie fest.„Halt, halt, wohin so eilig?“
„Ich will zu Max.“
Maria schüttelte den Kopf. „Nicht so schnell! Zuerst muss ich dich kämmen.“
„Ich bin gekämmt!“
„Setz dich hin, Luzie. Dein Haar ist struppig. Bevor du gehst, muss ich dich kämmen.“
Luzie setzte sich seufzend auf den Stuhl und Maria bürstete ihr Haar. Sie rupfte ihr eine Handvoll Haare aus und murmelte seltsame Sprüche dazu.
Luzie schrie: „Au! Das tut weh. Du reißt mir ja die Haare aus.“
Maria streichelte ihren Kopf und lachte. „Eins, zwei, drei, schon vorbei.“
Luzie verdrehte böse die Augen und wollte weg. Die Mutter drückte sie auf den Stuhl, bürstete weiter und murmelte monoton:
„Drei wie Vater, Mutter, Kind;
drei miteinander verwoben sind.
Drei mal drei vieltausendmal,
drei mal drei ist die richtige Zahl.“
Als sie wieder einige Haare ausriss, sprang Luzie auf und lief mit Tino hinaus. Sie nahm die Abkürzung über die Bergwiese, rannte zur Dorfstraße, klopfte bei Max an die Tür und brüllte: „Mach auf, ich bin’s. Luuuzie!“ Sie stand mit Tino vor der Tür und trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.
Als sich nichts rührte, rief sie aus Leibeskräften: „Max! Komm raus, ich muss dir was zeigen!“ Zwei Sekunden später pochte sie abermals gegen die Tür, ging einen Schritt zurück und blickte zum Fenster. Als sich immer noch nichts rührte, trommelte sie mit den Fäusten gegen die Tür.
Luzie tigerte ungeduldig vor dem Haus auf und ab und konnte es kaum erwarten, Max den Hund zu zeigen. Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit, bis sie endlich Schritte hörte und Max verschlafen die Tür öffnete. „Warum kommst du so früh? Es sind doch Ferien!“
Luzie hielt ihm Tino unter die Nase und jauchzte: „Ist der nicht süß?“
Max riss die Augen auf: „Oooh! Ist das deiner? Woher hast du den?“
„Den hab ich mir gewünscht und dann war er plötzlich da.“
„Einfach so? Kannst du zaubern?“
Luzie schaute sich um und flüsterte: „Ich denke schon. Wenn du niemandem etwas erzählst, verrate ich dir ein Geheimnis.“
Max verdrehte beleidigt die Augen. „Warum fragst du? Du weißt doch, dass deine Geheimnisse bei mir sicher sind!“
„Heb deine Hand und schwöre!“
Max streckte drei Finger in die Luft und Luzie erzählte: „In meiner Brust steckt eine Zauberperle, und wenn ich mir was wünsche, geht es in Erfüllung. Deshalb musste ich meinen Eltern versprechen, dass ich mir nie mehr was wünsche.“
„Und hast du?“
„Na klar! Sonst hätte ich Tino nicht behalten dürfen.“
„Schade, ich habe so viele Wünsche, ein paar hättest du mir erfüllen können.“
„Genau davor hat meine Mutter mich gewarnt. Es darf niemand wissen, sonst kommen alle Leute mit tausend Wünschen und ich hätte keine ruhige Minute mehr.“
„Na ja, kann sein, aber es wäre schon schön!“ Max streichelte Tino versonnen das Fell und dachte an die vielen schönen Sachen, die er sich wünschte. Er schob den verführerischen Gedanken zur Seite und fragte: „Und was machen wir jetzt? Sollen wir dem kleinen Kerl ein paar Kunststücke beibringen?“
„Na klar! Dann zeig ich dir, wie schlau Tino ist. Du wirst sehen, er versteht alles, was ich sage.“
Max zog seine Schuhe an, steckte sich ein belegtes Brot vom Frühstückstisch in seine Tasche, nahm noch eins in die Hand und lief hinaus. Bei jedem Schritt, den er machte, sprang Tino an ihm hoch. Max lachte und überlegte, ob der Hund ihn als neuen Freund begrüßte oder ob er nur das Wurstbrot haben wollte. Er warf ihm ein Stöckchen zu und schleuderte irrtümlich das Brot weg. Tino schnappte danach, verschlang es hastig und sauste davon. Luzie und Max liefen lachend hinterher in den Wald. Sie rannten zum Perlbach, an dem die großen Tauerweiden standen. Dort machten sie halt, warfen Steine ins Wasser und planschten eine Weile.
Danach tobten sie mit Tino auf der angrenzenden Wiese herum. Den ganzen Tag verbrachten sie dort. Erst als die Sonne sank und der Abend nahte, gingen sie heim.
Am anderen Morgen kämmte Maria Luzie wieder ausgiebig ihr Haar. Sie nahm die Bürste, rollte ein paar lange Haarsträhnen ein, murmelte den gleichen Vers wie am Vortag und riss sie aus. Luzie schimpfte und wetterte. Die Mutter hörte jedoch gar nicht hin, sagte nur: „Eins, zwei, drei, schon vorbei“, und machte am anderen Tag genau das Gleiche. Luzie hasste die Prozedur, ließ sie aber über sich ergehen und rannte anschließend mit Tino zu Max.
Max hatte schon den Rucksack mit Essen und Trinken gepackt und alles für ein schönes Picknick am Bach vorbereitet. Tino begrüßte ihn wie einen alten Freund. Er machte Männchen, schlug Purzelbäume und zeigte, was er gelernt hatte.
Das Wetter versprach einen sonnigen Tag. Max holte seine Angel, schulterte den Rucksack und machte sich mit Luzie und Tino auf den Weg zum Perlbach. Heute wollten sie Fische fangen und sie am Lagerfeuer braten. Sie verbrachten wieder einen herrlichen Ferientag am Bach und gingen abends glücklich nach Hause.
Am vierten Tag stand Luzie früh auf. Max wartete, sie wollten in den Wald und Tino neue Kunststücke beibringen. Heute hatte sie es besonders eilig. Deshalb nahm sie ein Brot vom Tisch, steckte es in den Mund und wollte weg.
Die Mutter hielt sie fest und bürstete wie immer ihr Haar. Sie kämmte und kämmte. Luzie konnte kaum stillhalten und quengelte herum. Die Mutter hielt sie fest und bürstete ihr Haar heftiger als sonst. Sie nahm sich heute besonders viel Zeit und machte nicht den Eindruck, dass sie bald aufhören wollte. Genau wie an den drei Tagen zuvor riss sie Luzie einige Haarsträhnen aus und murmelte geheimnisvolle Sprüche. Luzie hielt es nicht länger aus, sie nahm ihr die Bürste aus der Hand, zog sie dreimal durch ihr Haar, sprang auf und sauste mit Tino zu Max.
Es dauerte nicht lange, da waren die drei auf dem Weg zu ihrem Lieblingsplatz. Als sie zum Perlbach kamen, machten sie bei den Trauerweiden halt. Max drehte einige Äste der Weide wie ein Seil zusammen und ließ Tino darüber springen. Die Übung war viel zu leicht für Tino, er brauchte etwas Anspruchsvolleres. Max verknotete die Zweige der Weide zu einem Ring und hielt ihn Tino vor die Nase.
Luzie verbeugte sich tief und rief: „Manege frei für den großen Hundedompteur. Jetzt kommt Max, der große Tierbändiger.“
Max dirigierte Tino mit einem Stock in die richtige Stellung, zählte bis drei und ließ Tino durch den Reifen springen. Danach warfen sie Tino kleine Stöcke zu, die er alle zurück brachte. Sie waren so in ihr Spiel vertieft, dass sie blindlings immer tiefer in den Wald liefen.
Die Zeit verflog und niemand merkte, dass die Mittagsstunde schon lange vorüber war. Erst als der Hunger sich meldete und ihre Mägen knurrten, unterbrachen sie ihr Spiel. Sie durchwühlten ihre Taschen, aber keiner hatte etwas Essbares dabei. In der Hoffnung, im Wald etwas zu finden, schauten sie sich die Umgebung etwas genauer an. Der Wald hatte sich verändert. Hier war tiefster Urwald und der Weg, auf dem sie sich befanden, führte direkt zur hohen Gracht.
Die beiden steckten die Köpfe zusammen und trauten sich kaum zu atmen. Sie wussten, dass sie hier nicht spielen durften; die hohe Gracht war für Kinder verboten. Um den Berg rankten sich geheimnisvolle Geschichten. Er war verhext und es war strengstens untersagt, sich allein in seiner Umgebung aufzuhalten.
Die Dorfbewohner erzählten, dass einst ein Erdrutsch ein ganzes Zwergenvolk ausgelöscht hatte und hier ihre Seelen umhergeisterten. Andere erzählten von schwarzhaarigen Gestalten, die Menschen und Tiere fraßen. Obwohl niemand solche Ungeheuer je gesehen hatte, machten alle im Waldaland einen großen Bogen um den Berg. Umso unheimlicher war es, dass sie nun, mit Hunger im Bauch, allein im schwarzen Wald standen.
Der Wald war schaurig und still. Kein Vogel zwitscherte in den Zweigen und kein Tier raschelte im Gebüsch. Die Stille verströmte ein beklemmendes Gefühl und beide spürten, dass sie diesen unheimlichen Ort schleunigst verlassen mussten.
Max nahm Luzies Hand und drehte sich wortlos um. Sie waren kaum ein paar Schritte gegangen, da kroch Tino ein ekliger Geruch in die Nase. Er knurrte und fletschte die Zähne. Plötzlich schoss er davon, rannte zu einer Reihe Tannen und kläffte sie an. Luzie pfiff ihn zurück. Doch Tino reagierte nicht und bellte Alarm.
Luzie ging in die Knie. „Tino, was hast du? Komm her!“
Tino bellte weiter. Max blickte sich um, er konnte nichts Verdächtiges sehen und zuckte ratlos die Schultern. Tino konnte sich kaum beruhigen und bellte immer wieder Alarm. Die Sache wurde unheimlich. Max schlich zu ihm, packte sein Halsband und versuchte, ihn wegzuziehen. Der Hund war keinen Zentimeter fortzubewegen; er bellte und fletschte die Zähne.
Max hielt ihm die Schnauze zu. „Psst! Ich weiß, dass du uns warnen willst. Sei still, ich erkunde mal die Gegend.“ Max kroch durchs Gebüsch und entdeckte in einer Senke eine heruntergekommene Hütte. Die hatte er noch nie gesehen. Er winkte Luzie heran und murmelte: „Guck mal, da ist eine Hütte, kennst du die?“
Luzie schüttelte den Kopf. „Nee, die hab ich noch nie gesehen. Vielleicht gibt es da was zu essen!“
Die Hütte sah verfallen aus und Max bezweifelte, hier überhaupt etwas zu finden. Trotzdem schlich er näher heran. Er duckte sich unter das Fenster und spähte ins Innere. Nichts war zu sehen: Die kleinen Scheiben waren mit so viel Grünspan überzogen, dass es unmöglich war, etwas zu erkennen. Er lauschte auf irgendein Geräusch. Als sich nichts regte, klopfte er leise an das Fenster. „Ist da jemand?“ Niemand antwortete.
Max schlich um die Hütte herum. Er überprüfte die Rückseite, blieb an der Vorderseite stehen, öffnete die schiefe Tür und ging hinein. Luzie folgte ihm mit Tino. Sie stand dicht hinter Max und spähte über seine Schulter in die Stube.
Als der Lichtstrahl durch die geöffnete Tür drang, erkannten sie eine düstere Kammer, in der sich ein Ofen und ein paar Regale befanden. Der Boden war übersät mit Abfall und auf den Möbeln, die aus einem Bett, Tisch und zwei Stühlen bestanden, klebten sauer stinkende Essensreste. Ein beißender Gestank strömte aus dem düsteren Raum und brannte in ihren Nasen. Max hielt die Luft an und wollte raus. Er hatte schon einen Fuß draußen, als plötzlich etwas auf ihn zuschlurfte.
In der dunkelsten Ecke der Hütte bewegte sich ein schwarzer Schatten und eine Stimme krächzte: „He, ihr Saubande! Was wollt ihr hier?“
Max machte einen Satz rückwärts, stolperte über Tino und fiel auf den Boden. Luzie riss ihn hoch und rannte mit ihm davon. Sie waren grade mal ein paar Meter gelaufen, da vermissten sie Tino. Sie blieben stehen und schauten sich um. Tino war noch bei der Hütte und kläffte eine alte Frau und einen schmuddeligen Jungen an, die daraus hervortraten. Die Alte, die Tino in einem fort ankläffte, war eine bucklige Zwergin und sah einer Hexe zum Verwechseln ähnlich. Lange graue Haare fielen auf ihre Schulter und im Gesicht prangte eine spitze Nase. Ihre Haut war bleich und faltig und die runzeligen Lippen waren ein Anzeichen für eine Reihe fehlender Zähne. Aus ihrem geöffneten Mund schauten ein paar wacklige, faule Eckzähne heraus, die ebenfalls einen stinkenden Geruch verbreiteten.
Der Junge sah nicht besser aus. Völlig verdreckt verströmte auch er einen muffigen Gestank. Sein Fuß war verkrüppelt und seine Oberlippe gespalten. Sabber floss aus seinem Mund und aus seiner Kehle drangen krächzende Laute. Der Junge duckte sich hinter die Alte, schielte hinter ihrem Rücken hervor auf den Hund und warf kleine Steine nach ihm. Tino kläffte, als wollte er mit seinem Gebell die beiden verscheuchen.
Luzie spürte die Gefahr und schrie: „Tino! Hierher!“
Die Alte grinste honigsüß, schnippte mit ihren langen Fingern und säuselte: „Komm, mein Hündchen, komm zu mir, ich hab Leckerchen für dich.“
Als Luzie sah, wie heimtückisch die Alte sich an den Hund heranmachte, kam ihr ein schrecklicher Gedanke. Ihr fielen die furchtbaren Geschichten über diese Gegend ein und sie befürchtete, dass die zwei die Schreckgespenster waren, die sich an Tiere und Kinder heranmachten. Tino war in Gefahr.
Luzie zwinkerte Max zu und murmelte mit unbeweglichen Lippen: „Bleib hier und halte mir den Weg frei. Ich hol Tino. Wenn ich ihn habe, läufst du los!“ Zwei Sekunden später flitzte sie zu Tino und wollte ihn einfangen.
Doch die Alte versperrte ihr den Weg und keifte: „Verschwinde. Der Hund bleibt hier!“
Die schrille Stimme klang wie eine quietschende Eisentür. Luzie zuckte zusammen und rief: „Tino! Hierher!“
Tino kläffte weiter. Luzie wurde langsam böse und brüllte lauter. Doch alles Rufen und Pfeifen war vergebens. Es war wie verhext: So hatte Tino sich noch nie verhalten. Luzie überlegte, wie sie ihn weglocken konnte, und tat so, als würde sie fortgehen. Plötzlich lief der Junge mit einer Geschwindigkeit, die man ihm nie zugetraut hätte, zu Tino, schnappte ihn und rannte mit ihm davon.
Die Alte klatschte in die Hände und lachte. „Satan, mein Junge, komm zu mir! Komm, bring das Hündchen zu deiner Mami!“
Luzie lief ein kalter Schauer über den Rücken. Sie blickte zu Max und wollte etwas sagen, doch sie brachte keinen Ton heraus. Wie versteinert stand sie da und zeigte auf den Jungen. Der war der Sohn der Hexe und sie nannte ihn Satan ... wie den Teufel. Ihre Lippen formten stumm das Wort „Lauf“.
Max verstand, was sie wollte, und rannte hinter dem Jungen her. Er holte ihn ein, bekam seinen Ärmel zu fassen und hielt ihn fest. Doch Satan war schnell. Er riss sich los, boxte Max in den Bauch und entkam. Max krümmte sich für ein paar Sekunden zusammen. Als der Schmerz verging, sah er Luzie mit blitzenden Augen hinter Satan her rennen und er folgte den beiden eilig.
Satan blickte Luzie in die Augen und blieb geblendet stehen. Was war das? Ihre Augen funkelten und versprühten grelle Lichtstrahlen. So etwas hatte er noch nie gesehen. Er starrte in Luzies Augen und konnte sich nicht bewegen. Inzwischen hatte Max ihn eingeholt, er hielt ihn fest und Luzie zerrte Tino aus seinen Armen.
Die Jungen wälzten sich im Gras und kämpften. Die Alte stand abseits und sah grinsend zu, wie sie rauften. Es schien ihr zu gefallen, denn sie dachte nicht daran, die Streitigkeiten zu beenden. Erst als Max Satan wegstieß und mit Luzie und Tino davonlief, kam Bewegung in ihren buckligen Körper. Mit drohenden Fäusten eilte sie hinterher und kreischte: „Halt, der Hund bleibt hier!“
Max blieb verdutzt stehen. Luzie knuffte ihn in die Seite. „Los, Max. Komm weiter, renn!“
Luzie flitzte den Waldweg entlang und wurde immer schneller. Max hatte Mühe, ihr zu folgen, und blieb keuchend stehen. „Ich kann nicht mehr. Hoffentlich erreichen wir das Dorf, bevor wir schlappmachen.“
Plötzlich bewegte sich hinter der Wegbiegung ein Schatten. Luzie beschleunigte ihre Schritte. „Komm schneller, Max, ich glaub, wir werden verfolgt.“
„Ist das die Alte?“
„Ja, komm!“
Sie sausten weiter. Ein paar Sekunden später bog die Alte mit wehenden Haaren um die Ecke.
Luzie zerrte an Max’ Ärmel. „Lauf, lauf!“
Max rannte, was seine Lungen hergaben. Er schielte dauernd zurück und wunderte sich, dass die Greisin mit ihren kurzen Beinen die Geschwindigkeit halten konnte. So ein schneller Schritt war für eine Zwergin nicht normal. Er legte noch einen Zahn zu.
„Guck mal, wie schnell die läuft. Das ist Hexerei!“
Luzie drehte sich um. „Nichts wie weg hier, das ist bestimmt wirklich eine Hexe.“
Max hastete den Weg entlang. Doch jedes Mal, wenn er sich umschaute, war die Alte noch einen Schritt näher gekommen. Er versuchte, das Tempo zu steigern, doch von Seitenstechen geplagt, wurde er wieder langsamer. Es dauerte nicht lange, da konnte er kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen. Aus der Puste torkelte er von einer Seite zur anderen und hatte Mühe, aufrecht zu gehen. Luzie sah ihn schwanken und nach Atem ringen. Sie nahm seinen Arm, legte ihn um ihren Hals und zog ihn weiter. Auf ihr ruhte nun die ganze Last. Rechts schleppte sie Max und links hing Tino schwer in ihrem Arm. Sie konnte ihn nicht absetzen, das Risiko war zu groß, dass er zurücklief und die Hexe wieder ankläffte. Trotzdem mussten sie weiter, die Alte war schon dicht hinter ihnen.
Max sah, wie sie aufholte, und japste erschöpft: „Ich wünschte, es würde jemand die Alte aufhalten. Ich kann nicht mehr.“
„Das wünsche ich mir auch. Komm weiter, Max, reiß dich zusammen, vielleicht gibt sie bald auf.“
Luzie glaubte selbst nicht daran, aber irgendwie musste sie Max Mut machen. Er musste weiter, die Hexe streckte schon ihre langen Finger aus und versuchte, sie zu ergreifen. Max stolperte und fiel hin. Luzie zog ihn am Hosenbund hoch. Nun hing er wie eine Marionette in Luzies Armen und seine Füße schwebten kraftlos über dem Boden. Sie flitzte mit ihm den Weg hinunter, bekam einen Vorsprung und bald war von der Hexe nichts mehr zu sehen.
Luzie folgte dem abschüssigen Weg zum Bach und eilte zu den am Ufer stehenden Trauerweiden. Sie wollte sich verstecken und lief zu der abseits stehenden Weide, deren lange Zweige bis zum Boden reichten und eine dichte Laube bildeten. Während sie auf den Baum zusteuerte, suchten ihre Augen nach einem Schlupfloch, um unbemerkt in das Gewirr der langen Äste einzudringen.
Sie war noch ein paar Meter entfernt, da neigte die Trauerweide plötzlich ihre Krone, schlang ihre Zweige ineinander und formte aus ihren dünnen Ästen ein riesiges Vogelnest. Der Wind frischte auf und in den Blättern säuselte es: „Springt rein! Hier seid ihr sicher.“
Luzie sprang und kullerte mit Max und Tino erschöpft in das Nest. Die Weide richtete sich auf und einen Augenblick später ging es wie auf einer Achterbahn in die Höhe.
Das leichte Schwingen der Äste machte Max schwindelig. Kreidebleich drückte er sich an Luzie. „Wie ist das passiert, hast du dir das gewünscht?“
Luzie schüttelte den Kopf. „Ich ... nee! Du hast dir gewünscht, dass jemand die Alte aufhält!“
„Stimmt! Doch ich glaub nicht, dass es mein Wunsch war, der das bewirkt hat. Du hast es dir doch auch gewünscht! Also ist dein Wunsch in Erfüllung gegangen.“
Luzie zuckte zusammen. „Oje, Max. Meinst du wirklich? Wenn das stimmt, darfst du es niemandem erzählen, sonst muss ich Tino abgeben.“
„Au Backe! Daran hab ich nicht mehr gedacht. Keine Angst, Luzie, ich halt dicht.“
Luzie lehnte sich beruhigt zurück und schloss müde die Augen. Da wehte ihr ein muffiger Geruch in die Nase. Plötzlich war die Müdigkeit wie weggeblasen. Sie lugte durch die Äste und sah die Hexe um den Baum schleichen. Max hielt Tino die Schnauze zu und zeigte nach unten. Die Hexe schlich um den Baum herum und maulte etwas vor sich hin.
Plötzlich stachen Luzie tausend Nadelstiche in die Ohren, denn sie hörte das, was sie nie mehr hören wollte:
„Blinki blinkt aus allen Ecken,
sie kann sich nicht verstecken.“
Ihr Kopf wurde feuerrot, sie presste die Lippen zusammen und kniff die Augen zu. Max sah, wie sie ihre Fäuste ballte, und befürchtete einen Wutausbruch. Er hielt ihr die Ohren zu, neigte sich über den Nestrand und schrie: „Du alte Hexe, verschwinde!“
Die Alte kicherte. Jetzt wusste sie, wo die Kinder waren. Sie starrte ins Blätterdach und wetterte: „Nur nicht so frech, du Erdling! Komm runter, wenn dir dein Leben lieb ist. Ich hab dich schon längst gesehen.“
Luzie glaubte nicht, dass die Alte sie gesehen hatte. Die Baumkrone war so hoch und die Blätter so dicht, dass es schier unmöglich war, von unten das Licht zu sehen. Sie lugte über den Nestrand und rief furchtloser, als ihr zumute war: „Dann hast du uns eben gesehen, du alte Hexe. Was willst du?“
„Komm runter, dann sag ich es dir. Du weißt doch, dass du dich nicht verstecken kannst, deshalb heißt du ja Blinki!“
„Na und?! Besser ich heiße Blinki und blinke, als dass ich so stinke wie du. Auch wenn du meinen Freund Erdling nennst, ist dieser Name genauso wie der meine besser als deiner!“
„Ach! Und wie heiß ich deiner Meinung nach?“
„Das ist nicht schwer zu erraten. Du stinkst drei Kilometer gegen den Wind und deine drei Zähne sind wackelig. Du kannst nur Stinki Wackelzahn heißen.“
Max zupfte Luzie am Ärmel. Ihm war es peinlich, so respektlos über die alte Frau zu sprechen, und er wunderte sich, woher Luzie den Mut nahm. Trotzdem musste er lachen. Stinki Wackelzahn, der Name passte hervorragend.
Luzie sah ihn finster an. Immer wenn jemand sie ärgerte oder etwas Unrechtes geschah, gerieten ihre Gefühle außer Kontrolle. So konnte sie ihr Versprechen, sanftmütiger zu sein, nie einhalten. Nun passierte es schon wieder. Verärgert schlug sie mit der Faust gegen den Ast. „Wieso kennt die Alte meinen Spitznamen?“
„Keine Ahnung, vielleicht hat sie uns heimlich beobachtet.“
„Waaas?! Wenn das stimmt, dann weiß die Wackelzahn, wo wir wohnen.“
Max erschrak. Er spähte nach unten, beobachtete die Hexe und erschauderte. „Luzie! Guck mal, die Hexe hängt an den Zweigen und will hoch.“
Luzie lehnte sich über den Nestrand und sah, wie Stinki sich an einen Ast klammerte und dauernd abrutschte. Es war sonderbar, sobald sie ihre Füße vom Boden hob, brauste ein Sturm durch die Weide und peitschte ihr die langen Zweige ins Gesicht. Diese trafen ihren Rücken, ihre Arme und schlugen auf ihre Beine. Die Hexe verlor den Halt, fiel runter und blieb auf dem Boden liegen. Sie wartete, bis der Wind sich legte, und versuchte es erneut. Doch es passierte genau dasselbe wie zuvor. Sobald sie sich der Trauerweide näherte, heulte der Wind durch das Geäst und die Zweige peitschten sie zurück.
Max lachte. „Na, hast du jetzt genug? Hau ab!“
„Halt’s Maul, Erdling! Ich krieg dich noch. Wenn nicht heute, dann morgen. Irgendwann kreuzen sich unsere Wege.“
Luzie duckte sich tiefer ins Nest. Sie drückte Tino enger an sich, schlang ihre Arme um Max und flüsterte: „Was will die Hexe von uns? Hoffentlich haut die bald ab.“
„Vielleicht hat das was mit deinem Licht zu tun und sie will dich fangen.“
„Das glaub ich nicht. Die ist hinter Tino her, das hat sie doch gesagt.“
„Stimmt! Am besten bleiben wir hier und warten, bis sie weg ist.“
Die drei saßen eng beieinander und warteten. Keiner sagte ein Wort. Plötzlich wurde Max ganz verlegen. Er druckste herum, wollte was fragen, traute sich aber nicht. Nach ein paar Minuten gab er sich einen Ruck und sagte mit gespielter Gleichgültigkeit: „Luzie ... zeigst du mir das Licht in deiner Brust?“
Luzie zog schweigend den Pullover hoch und ließ ihr Licht leuchten. Max war wie geblendet. Mitten in ihrer Brust leuchtete ein goldener Punkt und strahlte wie eine kleine Sonne aus ihrem Körper. Er legte seine Hand darauf und fühlte eine wohltuende Wärme. Luzie saß ganz still und ließ es geschehen.
Max legte seinen Kopf auf ihre Brust, kuschelte sich an sie und murmelte aus tiefer Seele: „Meine Blinki, meine strahlende Blinki!“
Plötzlich begriff er, was das bedeutete, und befürchtete einen Wutausbruch. Doch Luzie lächelte ihn an. Es war unbegreiflich! Er nannte sie Blinki und Luzie lächelte.
Verwirrt rückte er ein Stück von ihr ab. „Entschuldige. Ich wollte dich nicht ärgern. Ich find Blinki schön!“
Sie knuffte ihn in die Rippen. „Wenn du meinst. Erdling ist auch nicht schlecht.“
Max schloss erleichtert die Augen und genoss Luzies Wärme, die in seinen Körper eindrang. Die Hitze floss durch seine Adern, durchflutete seinen Leib und hinterließ ein wunderbares Glücksgefühl. Max hatte noch nie so ein schönes Gefühl kennengelernt und genoss jede Sekunde an Luzies Seite. Selbst Tino fühlte die Wärme und kuschelte sich näher an sie heran. So saßen sie eng zusammen und vertrauten darauf, dass die Hexe verschwand. Trotz der Gefahr, die noch immer unten lauerte, versank Max in einem wunderschönen Traum.
Er rekelte sich benommen, als Luzie ihn plötzlich anstupste, ihren Pullover runterzog und ankündigte: „Die Hexe ist weg, wir können nach Hause.“
Die Zeit war wie im Flug vergangen und er hatte ganz vergessen, dass sie nur darauf warteten, dass die Hexe verschwand. Er raffte sich auf und fragte verdutzt: „Und wie kommen wir hier runter?“
Luzie zuckte die Schultern. „Ich frag die Weide, sie hat uns hochgeholfen und wird uns gewiss auch wieder runterhelfen.“
Max zog die Augenbrauen hoch. „Wenn du meinst.“
Luzie sprach mit der Weide wie mit einer alten Freundin und bat, sie hinabzulassen. Die Weide schüttelte sich, neigte ihre Krone und schob das Nest auf den Boden.
Luzie bedankte sich, sprang hinaus und rief Max zu: „Bist du bereit, Erdling? Komm, wir rennen heim!“
*
Das goldene Hemd
Drei Tage hatte Maria Luzies Haare kräftig gekämmt, alle Haarsträhnen aus der Bürste gezogen und diese in einer Schachtel gesammelt. Heute, am vierten Tag, fehlten ihr noch einige. Deshalb nahm sie sich an diesem Morgen besonders viel Zeit. Sie bürstete Luzies Haar heftiger als je zuvor und murmelte dazu geheimnisvolle Sprüche. Selbst als Luzie herumquengelte, ließ sie sich nicht davon abhalten und kämmte weiter. Als sie wieder einige Haarsträhnen ausriss, verlor Luzie die Geduld. Drei Tage hatte sie stillgehalten, doch als es nun am vierten Morgen wieder passierte, nahm sie die Bürste, zog sie dreimal durch die Haare, warf sie auf den Tisch und sauste mit Tino zu Max.
Maria betrachtete zufrieden die vielen Haare in der Bürste und ordnete sie der Länge nach auf dem Tisch. Heute wollte sie das Zauberhemd nähen. Es musste weich wie Samt, leicht wie Federn und dünn wie Seide werden. In Luzies Haar steckte die Zauberkraft und diese Zauberkraft sollte das Licht in Luzies Brust unsichtbar machen.
Maria wählte den besten Seidenkokon, den sie in ihrer Sammlung fand, und setzte sich ans Spinnrad. Sie streifte den Faden über ihre Finger, fügte einzelne Haare hinzu und wickelte alles auf eine Spule. Danach webte sie alles zusammen. Sie webte und nähte, nähte und webte. Und während sie flocht und spann, murmelte sie eine Zauberformel nach der anderen:
„Rädchen, dreh dich geschwind,
will heut weben für mein Kind.
Aus goldnem Haar gewonnen,
wird das Garn gesponnen.
Drei wie Vater, Mutter, Kind,
drei miteinander verwoben sind.
Drei heißt die magische Zahl,
drei ist die richtige Wahl.
Wie die Seide rein und fein
soll das Hemd geflochten sein.
Aus Zauberhaar gewonnen,
wird das Hemd gesponnen.“
Maria hatte den ganzen Tag gesponnen, gewebt, genäht und machte nun die letzten Stiche. Sie war so in ihre Arbeit versunken, dass sie gar nicht bemerkte, wie spät es schon geworden war. Ein lauter Schlag und freudiges Hundegebell rissen sie aus ihren Gedanken. Dann hörte sie eine Tür zuknallen und hastige Schritte über den Flur rennen. Luzie lief, gefolgt von Max und Tino, in die Küche, öffnete den Kühlschrank und stellte alles Essbare auf den Tisch.
Maria blickte zur Uhr und bekam ein schlechtes Gewissen. Es war schon Abend und sie hatte noch kein Abendbrot gemacht. Steifbeinig stand sie auf, versteckte das Hemd hinter ihrem Rücken und ging in die Küche. Die Kinder saßen wie Kannibalen am Küchentisch und stopften sich große Scheiben Wurst und Brot in den Mund. Selbst Tino fraß gierig eine riesige Wurst.
Maria traute ihren Augen nicht und fragte verwundert: „Wo kommt ihr denn her? Wieso seid ihr so hungrig?“
Luzie steckte sich gerade ein Stück Speck in den Mund. Sie würgte es mit dicken Backen hinunter und nuschelte: „Aus dem Wald. Wir haben Tino Kunststücke beigebracht und den ganzen Tag noch nichts gesessen.“
„Ihr wart den ganzen Tag im Wald? Wieso kommt ihr denn so spät nach Hause? Max, wissen deine Eltern, wo du bist?“
Max biss ein Stück von seiner Wurst ab: „Jaaa ... bei Luzie.“
„Aber das erklärt immer noch nicht, wieso ihr so spät heimkommt. Wart ihr bei Papa? Der war auch im Wald.“
Die Kinder sahen sich kopfschüttelnd an und verneinten.
„Wo wart ihr dann?“
Luzie druckste herum und wollte nicht so recht mit der Sprache heraus. Doch sie begriff, dass sie ihrer Mutter alles erzählen musste.
„Wir haben im Wald eine verfallene Hütte entdeckt. Darin haust eine alte Frau mit ihrem Jungen. Kennst du die zwei?“
„Ich weiß nicht, wo war das denn?“
„Auf dem Weg zur hohen Gracht.“
„Was?! Ihr wart an der hohen Gracht? Aber Luzie! Das ist doch Sperrgebiet!“
„Ich weiß, wir haben nicht gemerkt, dass wir schon so weit gelaufen waren, und standen plötzlich im schwarzen Wald vor der Hütte.“
Maria runzelte nachdenklich die Stirn. „Das kann nur die alte Einsiedlerin gewesen sein. In der Gegend hat mal ein Zwergenvolk gehaust. Die Männer suchten in den Bergen nach Gold und Diamanten. Nachdem sie bei einer Explosion in der hohen Gracht umgekommen sind, zogen die Frauen und Kinder in ein anderes Land. Die Alte blieb als Einzige zurück. Papa ist ihr schon mal im Wald begegnet. Doch meistens versteckt sie sich. Hat sie euch denn gesehen?“
„Und ob!“, knirschte Max. „Die war richtig gruselig und wollte uns Tino wegnehmen.“
„Was? Was wollte sie denn mit dem Hund?“
„Keine Ahnung, Mama. Aber du solltest mal den Jungen sehen, der sieht vielleicht gruselig aus. Und weißt du, wie die Alte ihn nennt? Sie nennt ihn Satan. Wie den Teufel!“
„Nein, so was! Das macht doch keiner. Wie kann man denn einem Kind so einen Namen geben? Vielleicht ist sie doch nicht so harmlos, wie Papa sagt. Ich hab schon mal mit ihm über diese Frau gesprochen. Aber einen Jungen hat er noch nie bei ihr gesehen. Vielleicht sollte Papa die Frau mal beobachten.“
Luzie bemerkte, dass die Mutter etwas hinter ihrem Rücken versteckte, und griff nach ihrem Arm. „Was hast du da?“
Maria drehte sich hin und her. Als Luzie fast vor Neugier platzte, hielt sie ihr das Hemdchen vor die Nase. „Ach, das hab ich ganz vergessen. Das ist für dich. Damit kannst du dein Licht abdecken. Probier mal, ob es funktioniert.“
Luzie riss ihr das Hemd aus der Hand, streifte es über und zog alle Vorhänge zu. Im Dunkeln watschelte sie zu Max und fragte: „Kannst du mich sehen?“
Max schüttelte überrascht den Kopf.
Als Luzie keine Antwort bekam, fragte sie noch mal: „Siehst du mich?“
„Nein! Wie sollte ich? Es ist dunkel.“
Luzie musste die Antwort erst verdauen, doch dann sprang sie jubelnd in die Höhe. „Juhu! Es funktioniert, es funktioniert.“
Luzie hatte mit allen möglichen Sachen versucht, das Licht abzudecken, nie hatte es geklappt. Jetzt war es das erste Mal, dass im Dunkeln kein Lichtschein zu sehen war. Sie zog das Hemd hoch und es wurde wieder hell. Voller Freude schob sie das Oberteil rauf und runter, und so wie das Zimmer hell und dunkel wurde, fragte sie: „Siehst du mich? Und jetzt? Siehst du mich jetzt?“
Max nickte und Max schüttelte den Kopf. Im Zimmer wurde es hell und dunkel. Es war, als würde jemand einen Lichtschalter betätigen und das Licht an- und ausknipsen. Luzie machte es so viel Spaß, dass sie gar nicht mehr damit aufhören wollte. Sie war glücklich, endlich konnte sie bestimmen, wann sie leuchtete und wann nicht.
Als es draußen dämmerte, funkelte ein schelmisches Blitzen in ihren Augen. Sie zwinkerte Max zu und lief hinaus. „Komm, ich bring dich nach Hause.“
Max wunderte sich, warum Luzie ihn begleiten wollte. Die Abkürzung über die Wiese war ein Katzensprung. Er kannte hier jeden Maulwurfhügel und fand auch im Dunkeln zielsicher nach Hause. Es gab also keinen Grund, weshalb sie ihn begleiten wollte.
„Wieso willst du mit? Ich kann allein nach Hause gehen.“
„Das lässt du hübsch bleiben. Ich will doch wissen, ob es draußen auch klappt.“
„Warum soll das denn nicht klappen?“
„Was weiß ich?! Vielleicht ist die Luft zu feucht, das Gras zu nass oder eine Hexe unterwegs.“
Luzie schaute zum Sternenhimmel, drehte sich um die eigene Achse und tanzte wie ein Wirbelwind um Max herum. Dabei hob und senkte sie ihr Hemdchen und vergewisserte sich immerzu: „Siehst du mich, siehst du mich?“
Tino tänzelte vor Max’ Füßen, sodass er Mühe hatte, einen vernünftigen Schritt zu tun.
Luzie versteckte sich vor und hinter Max, zog das Hemd rauf und runter und fragte: „Siehst du mich?“
Als Max verneinte, zog sie ihr Hemd über den Kopf. „Und jetzt?“
Max verdrehte die Augen. „Jetzt seh ich dich.“
Luzie hopste im Zickzack über die Wiese und zog im Zweivierteltakt ihr Hemdchen rauf und runter. Ihr Licht flammte auf und erlosch. Im Mondlicht sah sie aus wie ein Leuchtturm, der alle paar Sekunden ein Lichtsignal sendete.
Max beobachtete sie mit Unbehagen. „Luzie, hör auf! Du flackerst wie eine kaputte Laterne, kein Wunder, dass dich alle Blinki nennen.“
Luzie blieb so abrupt stehen, dass Max glaubte, sie sei auf ihn wütend. Er holte tief Luft und wollte sich rechtfertigen. Doch sie zwinkerte ihm zu und lachte. „Na klar, Erdling. Ich bin Blinki und kann blinken, wo und wann ich will. Ist das nicht herrlich?“
Max verstand die Welt nicht mehr. Es war das erste Mal, dass Luzie sich über den Namen Blinki freute. Als er begriff, was das bedeutete, legte er den Arm um ihre Schultern. „Ja, das ist wunderbar, damit können wir bestimmt herrliche Streiche machen.“
Mittlerweile senkte sich die Nacht hernieder, sie standen am Wiesenrand und Max überlegte: „Wir könnten morgen mit Tino ein Picknick machen. Was hältst du davon?“
Luzie hob ihr Hemdchen und ließ das Licht kurz aufblitzen.
Max zog fragend die Augenbraue hoch. „Und was heißt das jetzt?“
Die Antwort gab Tino. Er bellte einmal kurz und das bedeutete: „Ja.“
*
Satan
Der Wald lag in tiefem Schweigen. Weiße Nebelschleier stiegen vom feuchten Boden auf und hüllten die Bäume in ein gespenstisches Licht. In diesem schummrigen Morgenschein streifte Satan ziellos durch den Wald. Er war wie immer allein: Seine Mutter sonderte ihn von der Außenwelt ab, ließ ihn nicht zur Schule und behauptete, dass er alles, was er brauchte, von ihr lernen würde. Doch das war eine Lüge! Sie vernachlässigte den Jungen und war froh, wenn er den Tag draußen verbrachte.
Satan hatte schnell gelernt, seiner Mutter aus dem Weg zu gehen, und schlich bei Tagesanbruch in den Wald. So wurde er zum Einzelgänger und sein Name verstärkte das Ganze noch. Warum seine Mutter ihn Satan wie den Teufel genannt hatte, wusste er nicht. Doch verwunderlich war es nicht, die Alte selbst war der Teufel in Person.
Obwohl Satan für seine Mutter alles tat, schimpfte sie den ganzen Tag. Sie schlug ihn wegen jeder Kleinigkeit. Nichts konnte er ihr recht machen, dauernd hatte sie etwas auszusetzen. Trotzdem liebte der Junge seine Mutter und war stets bemüht, ihr eine Freude zu machen. In der Hoffnung, ein liebes Wort von ihr zu bekommen, schleppte er täglich Geschenke an. Er schoss Hasen, Rehe, Vögel und hoffte auf ein Dankeschön. Manchmal ging er den ganzen Tag durch den Wald und suchte nach besonders schönen Pilzen. Selbst wenn sie giftig waren, nahm er sie mit. Seine Mutter konnte alles gebrauchen und machte daraus geheimnisvolle Tränke, von denen er nie probieren durfte.
Satans Fuß war ein Stumpen mit verkrüppelten Zehen. Da er es von klein auf nicht anders kannte, hatte er gelernt, damit zu laufen. Ein Paar Schuhe hatte er noch nie besessen. Seine Mutter redete ihm ein, dass er ohne Schuhe besser laufen könne, und hatte ihm zum Schutz vor Dornen und Steinen Hasenfelle um die Füße gebunden. Damit streifte er nun durch die Büsche und stocherte mit einem Stock, den er stets bei sich trug, in jedes Erdloch. Sobald der Stock in einem tiefen Loch versank, griff er mit der Hand hinein und ließ die lockere Erde durch seine Hände rieseln. Er hatte schon einige Löcher durchsucht, als nun seine Finger etwas berührten. Ein Blitzen trat in seine Augen. Er warf den Stock beiseite, legte sich flach auf den Boden und betastete das Erdreich. Plötzlich stieß er auf etwas Weiches. Er presste es zwischen Daumen und Zeigefinger, und als er die Hand herauszog, ringelte sich ein dicker Regenwurm um sein Handgelenk. Satan schnalzte mit der Zunge, legte den Wurm in sein Halstuch und suchte weiter die Erde ab. Aus Erfahrung wusste er, dass hier noch mehr zu holen war. Die Erde duftete nach Wald und feuchtem Moos, dies war ein untrügliches Zeichen für ein gutes Brutgebiet und wurde meistens mit weiteren Würmern belohnt.
Satan drückte nochmals seinen Arm tief in die Röhre, befingerte die Erde und beförderte einen Wurm nach dem anderen ans Tageslicht. Plötzlich fühlten seine Finger etwas Warmes. Ein zufriedenes Lächeln erhellte sein Gesicht. Er hatte es schon oft erlebt und trotzdem verblüffte es ihn immer wieder, wie zielsicher er die richtigen Löcher ausfindig machte. Beherzt griff er zu. Kurz drauf zerrte er fünf nackte Mäuse aus dem Erdreich und stopfte sie in seine Jackentasche. Er nahm das Halstuch mit den Würmern, steckte es in die Hosentasche.
Satan prüfte schnuppernd die Luft. Noch immer lag ein frischer Morgenhauch auf dem Wald und feine Tautropfen hingen wie kleine Perlen an den Blättern. Er atmete tief die frische Luft ein und ging weiter. Sein Blick wanderte zu den Baumkronen und es dauerte nicht lange, da entdeckte er ein Vogelnest. Rasch kletterte er auf den Baum. Das Klettern war mühsam, aber es hatte sich gelohnt: In dem Nest lagen fünf bunt gefleckte Eier. Er stopfte sie in seinen Rucksack und verschwand.
Zufrieden mit seiner Ausbeute folgte er einem schmalen Pfad, der zu einem kleinen Weiher führte. Je näher er dem Gewässer kam, umso feuchter und sumpfiger wurde der Boden. Den Weg trockenen Fußes zu finden, erforderte viel Geschick. Das Sumpfgebiet war tückisch und nur ein erfahrener Waldläufer wie er kannte den sicheren Pfad. Satan bahnte sich durch hohe Gräser und Schilf einen Weg zum Teich. Mittlerweile plagten ihn die Fliegen und kleine Stechmücken krabbelten in seine Haare. Er beeilte sich, aus dem Gewirr der Plagegeister rauszukommen, lief zielstrebig den rutschigen Pfad entlang und erreichte kurze Zeit später das Ufer.
In dem Gewässer wimmelte es von quakenden Fröschen. Die Tiere waren in Paarungsstimmung und leicht zu fangen. Sie hingen zu mehreren aufeinander, sodass er sie mit der bloßen Hand herausfischen konnte. Er steckte einige in den Rucksack, schaute noch eine Weile dem Liebestreiben zu und ging denselben Weg zurück, den er gekommen war.
Als er wieder festen Boden unter den Füßen hatte und auf den sicheren Waldweg sprang, flogen plötzlich zwei Tauben aus einer Baumkrone heraus. Satan zog blitzschnell einen Kieselstein aus seiner Brusttasche, spannte die Steinschleuder, die um seinen Hals baumelte, und schoss. Der Stein traf sein Ziel, und während die Taube zu Boden fiel, schoss er die zweite vom Himmel. Zufrieden mit seiner Beute verstaute er die Vögel im Rucksack und trat den Heimweg an.
Er war noch nicht weit gekommen, da wehte der Wind leises Gelächter zu ihm herüber. Überrascht blieb er stehen, schirmte mit der Hand die Augen ab und spähte ins Tal. Unten am Bach saßen Max und Luzie und machten mit dem Hund Picknick. Sie lachten, aßen Brote und warfen dem Hund Leckerbissen zu. Die beiden sahen so glücklich aus, dass er kaum hinsehen konnte. Die Harmonie, das Lachen und die Gemeinsamkeit zerrissen ihm beinahe das Herz. Er neigte den Kopf und schielte wehmütig hinüber. Sein Gesicht verlor alle Härte und seine Mimik zeigte eine tiefe Traurigkeit. Plötzlich schossen Tränen in seine Augen. Er wollte nicht weinen, doch er konnte sich gegen das Gefühl, das sich in seiner Brust breitmachte und ihn so traurig stimmte, nicht wehren. Wie gerne hätte er sich zu den beiden gesetzt und mit ihnen gegessen. Doch er traute sich nicht, denn er wusste, überall wo er auftauchte, wurde er vertrieben und keiner wollte ihn haben. Es war ein Fluch, je öfter er vertrieben wurde, desto härter wurde sein Herz und seine Seele verkümmerte von Tag zu Tag mehr. Satans Gesichtsausdruck wurde finster, er wischte mit dem Ärmel die Tränen weg und schlich den Berghang hinunter. An dem gewundenen Bach, der die Wiese vom Wald trennte, kroch er in die dichten Holunderbüsche. Hier hatte er einen guten Überblick und niemand konnte ihn sehen.
Max und Luzie rekelten sich behaglich. Obwohl die Sonne ihren höchsten Stand noch nicht erreicht hatte, war es schon brütend heiß und Tino hechelte mit heraushängender Zunge nach Kühlung. Plötzlich sprang der Hund auf und rannte zum Bach. Luzie folgte ihm und schritt samt Kleidern knietief ins Wasser.
Sie klatschte ihre Hände auf das kalte Wasser und rief: „Max, komm, wir nehmen ein Bad.“
Max dachte nicht daran. Er machte es sich auf der Decke bequem und aalte sich schläfrig in der Sonne. Als er wohlig stöhnte, schlich Luzie mit den Händen voll Wasser heran und spritzte es ihm auf den erhitzten Bauch. Erschrocken sprang er auf.
„Bist du verrückt? Lass das! Oder soll ich einen Hitzschlag kriegen?“
Luzie rannte zum Bach. „Wieso? Komm mit, du Feigling! Oder bist du wasserscheu?“
Max spurtete hinterher. „Von wegen wasserscheu. Du bist wasserscheu! Warte, jetzt gibt’s ’ne Dusche!“
Luzie stelzte durch den Bach. „Fang mich doch, fang mich doch!“
Max schlich sich von hinten an sie heran und spritzte ihr, als sie nicht guckte, eine Fontäne Wasser auf den Rücken. Sie erschauderte, rutschte aus und landete kopfüber im Wasser.
Der Gebirgsbach war kalt und Luzie wollte schnellstens raus. Auf den glitschigen Steinen fand sie aber so schnell keinen Halt, rutschte erneut aus und platschte ins Wasser. Tino fand das Spiel herrlich. Er sprang auf ihren Bauch und leckte ihr das Gesicht. Luzie fuchtelte wild mit den Armen und versuchte aufzustehen, doch Tino schubste sie immer wieder um.
Max stand am Ufer und rief schadenfroh: „Brauchst du Hilfe?“
„Was fragst du? Hilf mir lieber. Du siehst doch, dass ich nicht hochkomme!“
Max ließ Luzie noch eine Weile zappeln, dann watete er zu ihr. Er packte ihre Hand und zog sie zum Ufer. Als sie glaubte, endlich Halt gefunden zu haben, ließ Max plötzlich ihre Hand los und sie platschte wieder ins Wasser. Luzie erwischte Max’ Beine, riss seine Füße vom Boden hoch und tauchte seinen Kopf unter Wasser. Nun waren beide pitschnass und eine wilde Wasserschlacht war im Gange.
Tino nahm Reißaus, schüttelte das Wasser aus seinem Fell und tänzelte bellend am Ufer hin und her. Er lief am Bach rauf und runter und versuchte, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Doch niemand beachtete ihn. Als er merkte, dass sich keiner für ihn interessierte, durchstreifte er die Gegend und beschnupperte die Sträucher. An jedem Busch blieb er stehen und beschnüffelte die Ranken und Blätter. Allmählich näherte er sich den Holundersträuchern, unter denen Satan sich versteckte. Es dauerte nicht lange, da witterte Tino seinen sauren Gestank. Schnuppernd hob er die Nase und lief im Zickzack nach rechts und links. Er kroch unter einen Strauch, schnüffelte hier und dort und knurrte leise. Plötzlich änderte er die Richtung, verschwand unter einem dichten Holunderstrauch und bellte Alarm.
Satan lag keinen Meter von ihm entfernt und starrte Tino direkt in die Augen. Ärgerlich kroch er tiefer ins Gebüsch, brach einen Zweig vom Strauch und fuchtelte Tino damit vorm Maul herum. „Hau ab oder ich brech dir alle Knochen.“
Tino kroch zähnefletschend näher und Satan befürchtete, entdeckt zu werden. Er zog eine Maus aus seiner Hosentasche und wedelte damit vor Tinos Nase herum. Er wartete, bis Tino das Tier neugierig beschnupperte, packte sein Halsband und zerrte ihn in die Büsche. „Komm her, du blöder Kläffer, ich nehm dich mit, du bist ein schönes Geschenk für meine Mutter!“
Tino bellte und bellte, doch niemand hörte ihn. Satan drückte ihm die Schnauze zu und Tino verstummte. Der Hund wälzte sich herum, kratzte mit den Pfoten und versuchte sich zu befreien. Doch es war unmöglich: Satan kniete schnaubend über ihm und hielt ihn mit eiserner Hand fest. Drei, vier Minuten vergingen, dann ließ der Druck nach. Satan passte einen Augenblick nicht auf und seine Hände erschlafften. Das war Tinos Rettung. Er riss sich los, flitzte aus dem Gebüsch und bellte lautstark Alarm.
Endlich hörten Max und Luzie seine Hilferufe. Sie sprinteten aus dem Wasser und erspähten Satan, der Tino verfolgte. Der Hund rannte, so schnell er konnte, zu Luzie und sprang in ihre ausgebreiteten Arme.
Max versperrte Satan den Weg, packte ihn am Hemd und brüllte: „Was willst du hier? Mach, dass du wegkommst!“
Luzie kam mit Tino hinzu und Satan begriff, dass er verloren hatte. Gegen drei kam er nicht an. Aufgeben wollte er aber auch nicht. Er lächelte, zuckte gleichgültig die Schultern und tat, als wolle er weggehen. Doch als er zwei Meter entfernt war, drehte er sich blitzschnell um und rannte zur Decke. Dort trampelte er die Becher und Teller kaputt, schnappte sich den Picknickkorb und flitzte davon.
Max heftete sich an seine Fersen, bekam seinen Rucksack zu fassen und hielt ihn fest. Satan riss sich los und sauste in die andere Richtung. Doch da stand Luzie und hinter ihm blockierte Max den Weg. Tino sprang zähnefletschend an ihm hoch. Er saß in der Falle. Wenn er hier entkommen wollte, musste er sich etwas einfallen lassen. Die Zeit drängte. Luzie hob schon ihre Fäuste und er wollte keine Prügel riskieren. Satan dachte an seine Mutter, überlegte, was sie tun würde, und machte das Gleiche.
Mit einem scheinheiligen Grinsen verbeugte er sich vor Luzie. „Entschuldigung. Das hab ich nicht mit Absicht gemacht, ich bin über die Sachen gestolpert.“
Luzie glaubte ihm kein Wort und ihre Augen funkelten böse. „Was willst du mit dem Korb? Gib ihn her, das ist meiner!“
Satan stand ihr gegenüber und verspürte leichtes Unbehagen. Er warf ihr den Korb vor die Füße und zog unbemerkt die Mäuse aus seiner Hosentasche. Als Luzie sich bückte, setzte er ihr rasch die Tiere in den Nacken.
Luzie fühlte etwas Warmes auf ihrer Haut. „Was ist das? Max, guck mal, was hat der in meinen Pulli gesteckt?“
Max zog ihren Pulli hoch, sah aber nichts. Luzie hüpfte herum und versuchte, das warme Etwas zu entfernen. Max wusste keine andere Lösung und schlug ihr heftig auf den Rücken. Doch das war ein Fehler: Die Mäuse steckten unter ihrem Hemd und durch die harten Schläge zerquetschte er sie. Luzie fühlte, wie eine dickflüssige Masse ihren Rücken runterrutschte. Sie riss das Hemd hoch, bekam es aber nicht aus der nassen Hose und zerriss es fast. Plötzlich gab es nach und die zermatschten Mäuse rutschten heraus. Der Brei verteilte sich auf dem Boden und Luzie starrte angewidert auf die blutige Pampe.
Satan hatte sich inzwischen fortgeschlichen und beobachtete aus sicherer Entfernung seinen gelungenen Streich. Luzie sah, wie er sich hinter einen Busch duckte und schadenfroh grinste. Sie fühlte, wie die Wut in ihr hochstieg und ihre Kräfte wuchsen. Ihr Zorn schwoll an. Sie konnte nichts dagegen unternehmen und rannte zu dem Gebüsch. Mit festem Griff zerrte sie Satan heraus, packte seinen Hals und schüttelte ihn kräftig durch. Die Magie übernahm die Macht über sie. Ihre Kraft wurde größer und Satan war ihr hilflos ausgeliefert. Luzie drückte seinen Hals zu. Er bekam keine Luft mehr, sein Gesicht schwoll an und färbte sich rot.
Max bangte um das Leben des Jungen und schrie: „Luzie, lass los, du bringst ihn ja um!“
Luzie erwachte wie aus einem bösen Traum. Sie löste den Griff, schubste Satan weg und schimpfte: „Glaub nicht, dass du so davonkommst. Das verzeih ich dir nie!“
Satan torkelte benommen einen Schritt zurück und lief verängstigt weg.
Max legte seinen Arm um ihre Schultern. „Lass ihn laufen, Luzie, der Bursche ist es nicht wert, dass du seinetwegen Ärger bekommst.“
Luzie war den Tränen nahe. „Kannst du mir sagen, was der Kerl will? Und was die Schweinerei mit den Mäusen sollte?“
„Ich denke, er wollte uns damit ablenken und sich in Sicherheit bringen.“
„Ich versteh das nicht, Max. Warum lässt der uns nicht in Ruhe? Wir haben ihm doch nichts getan.“
„Ich begreife es auch nicht, vielleicht steckt die Hexe dahinter.“
„Mag sein, Max. Auf jeden Fall müssen wir die beiden beobachten. Die haben irgendetwas mit Tino vor. Der Bursche wollte ihn schon wieder fangen. Es wäre gut, wenn wir ihn verfolgen und mal gucken, was der so treibt.“
Für Luzie war es beschlossene Sache. Sie zog ihren Pulli aus, säuberte ihre Sachen im Bach und legte alles in die heiße Sonne zum Trocknen. Dann zupfte sie die Decke gerade und streckte sich in der Unterhose im heißen Sonnenlicht aus. Max legte seinen Pulli und seine Hose daneben, schlang ein Handtuch um seine Hüfte und ließ sich auch von der Sonne wärmen. Ihre leichten Sommersachen waren im Nu trocken. Es dauerte keine halbe Stunde, da kleideten sie sich an und packten ihre Sachen zusammen.
Pulsuz fraqment bitdi.