Kitabı oxu: «NICHT WIEDER ROSA MOOS»
Gloria Fröhlich
NICHT WIEDER ROSA MOOS
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
Impressum neobooks
1. Kapitel
Wer ich bin und wie ich heiße, ist nicht wichtig und würde nichts bringen.
Hin und wieder habe ich das Gefühl, ich wäre ein Mensch. Ich habe nämlich so viel Verstand, dass ich nicht bei Rot über den Zebrastreifen laufe. Nachts, wenn der Verkehr ruht, ist es mir möglich, der Versuchung, es doch zu tun, eisern zu widerstehen, und das auch nur, weil ich nachts nicht unterwegs bin. Und ich kann gut artikulieren, was ich möchte, aber viel weniger gut, was ich nicht will. Und davon gibt es meistens mehr. Ist das nun bockig, gelinde gesagt schüchtern, um das Adjektiv feige zu vermeiden oder einfach nur dumm? „Einst haben die Kerle auf Bäumen gehockt, behaart und mit böser Visage…es geht noch weiter in Erich Kästners Gedicht „Die Entwicklung des Menschen“. Und wer will von meinen Stärken und Schwächen ein Urteil ableiten, wie es um mich steht oder mir einen Namen geben, der zu mir passen würde? Die Bockigen, die Schüchternen oder die Dummen? Und auch alle die, die auch nicht bei Rot über den Zebrastreifen laufen und sich das auch nachts nicht trauen? Aber es macht mich stutzig, dass mein Verstand sich weigert, zu begreifen, warum ein Ende meines Bademantelgürtels nach dem reinigenden Prozess in der Waschmaschine aus einer der beiden Ösen, die ihn normalerweise in seiner Position halten, so viel länger heraushängt, als das andere. Und ich habe nicht herausfinden können, ob es jedes Mal dasselbe Ende ist. Um Bescheid zu wissen, hätte ich es mir merken müssen, um Vorkehrungen treffen zu können, damit sich diese Sache nicht ständig wiederholt. So muss ich nach jeder Wäsche wieder für Ausgleich sorgen, damit nichts den Fußboden berührt und wieder schmutzig wird, bevor ich die gesamte textile Feuchtigkeit zum Trocknen an die Wäscheleine hänge. Da versagt etwas, das nur funktioniert, wenn nicht eingeweicht, tüchtig geschäumt, systematisch hin und her und von rechts nach links gedreht und dann wie wild geschleudert wird, bis nichts mehr tropft. Dazu braucht die Waschmaschine unter anderem auch meinen Bademantel, damit sie sich als das fühlt, was sie ist und beweisen kann, dass sie ihre Pflicht erfüllt. In einem Prospekt, der mir ins Haus flatterte, habe ich gelesen, dass es eine Testsiegerin bei Personenwaagen gibt. Es ist nicht zu glauben, da finden doch tatsächlich merkwürdige Stresssituationen und Prüfungsängste statt, von denen ich keine Ahnung habe. Die Waage, die gewonnen hat, hat Teppichfüße! Es würde mir nicht an Vorstellungskraft mangeln, wenn ein Läufer Füße hat, weil ein Läufer ohne Füße nur sehr schwer vorstellbar ist. Aber meine Fantasie holpert, denn ich habe noch nie einen Teppich mit Füßen und wie viele er haben könnte, gesehen, bei denen die Möglichkeit besteht, sie bei einer Personenwaage einzusetzen, damit Pluspunkte und ein Sieg garantiert sind. Da fällt mir gerade der dunkle Puck auf der weißen Eisfläche bei einem hektischen Eishockeyspiel ein. Wahrscheinlich deshalb, weil er auch an Siegen beteiligt ist. Ein Großraumbüro ist übrigens nicht so mein Ding. Zu viel geballte Aktivität auf einem Haufen, die sich eifrig hochschraubt. Beim übereifrigen Basteln mit Schrauben, kommt nach fest bekanntlich lose. Aber zurück zum Puck. Es gibt die Ampel und den Zebrastreifen, um mich im Griff zu haben, damit ich nicht schon bei Gelb unruhig werde und geduldig auf Grün warte, mit der Gewissheit, dass ich mich in wenigen Sekunden auf eigenen Beinen in Bewegung setzen darf. Nicht so der Puck, der nichts tut, um sich zu bewegen und somit gezwungener Maßen in sich selbst ruht. Das ist für ihn ganz selbstverständlich. Der Puck ist total fremdbestimmt und ohne Vorahnung von einer Horde siegeswilliger und ehrgeiziger Schläger umzingelt, die ihn bei einem „Spiel“, das für den Puck „bitterer Ernst“ ist, im Auge behalten. Mit roher Gewalt und einer unvorhergesehenen Geschwindigkeit und einer Willkür, die unberechenbar ist, wird er in alle Richtungen gedroschen, damit die, die das am besten können, siegen. Dann bekommt die Mannschaft einen Pokal. Und der Puck? Überflüssig, ihn noch zu erwähnen. Außerdem ist er es ja gewohnt, hin und wieder geprügelt zu werden. Wie Tennisbälle und Golfbälle in angeblich bester Gesellschaft schließlich auch. Durch Fremdeinwirkung so richtig Fahrt aufzunehmen, ob über spiegelglattes Eis oder durch die Luft, ist auch eine Möglichkeit, aktiv zu sein. Alles nur halb so schlimm. Bei jedem Spiel gibt es Regeln, damit man weiß, warum andere siegen, wenn man sich nicht daran hält, sie zu beachten. Da nützt es auch nichts, wenn man besser ist. Und häufig fühlt man sich wie ein Puck. Wird zum Spielball. Und auch unser Alltag ist gespickt mit Regeln. Und da kann ich wieder auf das Beispiel Ampel zurückgreifen. Aber ich muss nicht zwangsläufig bei Grün mit den anderen mitlaufen. Und wenn, ist es klug, zu verhindern, in den Gegenverkehr zu geraten. Ich darf nicht gegen den Strom schwimmen. Dann gibt es ein gerempeltes Durcheinander, böse Blicke, und ich werde unter Umständen auf meinem Weg zum Ziel ganz erheblich zurückgeworfen. An einer Ampel die Regel zu missachten, kann im schlimmsten Fall den Tod und eine Urne bedeuten. Die sieht so ähnlich aus, wie ein Siegerpokal. Das ist kein Trost, ich weiß. Aber ich habe an der Ampel meistens die Möglichkeit, ob Urne oder nicht, selbst zu entscheiden, wenn nicht ein Raser die Kontrolle über sein Fahrzeug verliert. Und ich stehe nicht nur so unentschlossen rum, sondern habe etwas vor, wenn ich in der Warte- und kurzen Ruhephase am Straßenrand verweile, nicht all zuviel denke und der Ampel das Kommando für mein Vorankommen überlasse. Eigentlich fehlt mir da das Blau. Für mich ist Blau nämlich eine Angstfarbe. Dann könnte man von mir aus das Rot weglassen. Bei Blau wäre ich auch dann schon sehr vorsichtig, wenn es nicht durch LED hell erleuchtet und noch warnender nach Aufmerksamkeit schreit. Pflaumen und Blaubeeren sind allerdings auch blau. Das bringt mich jetzt etwas durcheinander. Aber fest steht, Rot ist eine Signalfarbe und bedeutet Gefahr. Da ist Vorsicht geboten! Beim giftigen Fliegenpilz ist das deshalb auch überhaupt keine Frage. Weil das, was nach dem Verzehr geschieht, nicht unbekannt ist und unter Umständen übel endet. Vielleicht sogar in einer Urne. Bei Erdbeeren und Kirschen ist die Farbe Rot ein völlig falsches Signal für uns, wenn wir an die Ampel denken. Das gilt natürlich nicht für die Stare und für Schnecken, die davon keine Ahnung haben. Gegen den Appetit der Stare sollen grüne Netze über den Kirschen schützen, obwohl grün da als Signal ja auch völlig falsch ist. Ein wirklich heilloses Durcheinander, für das es eigentlich auch ein Signal geben müsste, um eine Verunsicherung zu vermeiden. Zur Abwehr der Stare gibt es außerdem noch Schreckschüsse in regelmäßiger Abfolge, die sie ebenfalls von der unrechtmäßigen Ernte abhalten sollen. Gegen Schnecken, die aus ihrer Sicht überhaupt kein Unheil anrichten, wird Schneckentod gestreut, um sie umzubringen, bevor sie sich an den reifen Früchten zu schaffen machen und die saftige Süße in ihre gierigen Mäuler stecken. Was mich jetzt nachdenklich macht ist, dass sich Schnecken nicht von der Farbe Gelb vorwarnen lassen, wie wir bei der Ampel. Da werden wir unruhig, weil wir sogleich mit Rot rechnen müssen und da bleiben sollen, wo wir sind. Vielleicht reagieren Schnecken nicht auf Gelb, weil sie glauben, dass nach Gelb das köstliche Erdbeerrot kommt, mit dem sie rechnen können und sich schon auf den Weg machen. Und das haben pfiffige Menschen herausgefunden, die sich über die schleimigen Kriechtiere immer wieder ärgern. Absichtlich und hinterlistig locken sie sie mittels Bier in den Tod. Denn die Schnecken schleimen sich in ein volles Bierglas, fallen hinein und bevor sie ganz und gar betrunken sind und nicht merken, welcher Gefahr sie sich aussetzen, ertrinken sie qualvoll. Das Verspeisen der meisten roten Früchte geht bei Schnecken eindeutig zunächst einmal in Richtung Genusssucht, die wir als bodenlose Frechheit empfinden und uns einen Dreck um ihre Versorgung mit wichtigen Mineralstoffen und Vitaminen scheren, weil sie für uns widerliches Ungeziefer sind. Aber hier möchte ich anmerken, nicht für alle Menschen! Und es gibt Menschen, die auf Erdbeeren allergisch reagieren und sie meiden! Schnecken würden uns alles, aber auch alles an Erdbeeren wegfressen, wenn wir sie nicht daran hindern würden. Und wenn wir die herrlichen Früchte für uns gerettet haben, die wir zuckern und unter Bergen von Schlagsahne begraben und uns damit die Bäuche voll schlagen und sie außerdem noch auf Tortenböden gelegt und zu Marmelade verarbeitet haben, dann erinnern wir uns doch wieder an die kulinarischen Vorzüge von Schnecken und frönen dann einer weiteren Genusssucht, indem wir das Ungeziefer, das es noch in größerer, mundgerechterer Ausführung gibt, in geschmolzener Knoblauchbutter schwenken und sie uns als Delikatesse auf der Zunge zergehen lassen! Wir Gourmets, wir Feinschmecker! Das Leben ist nun mal ein Nehmen und nicht unbedingt immer ein Geben. Aber gierig nach Leckereien, verspeisen wir Gourmets tatsächlich die falschen Schnecken, nämlich die fünfzig Millimeter große Helix pomatia aus ihrem kugelförmigen Gehäuse, die bei der Reduzierung der fresswütigen Nacktschnecken helfen würde. Eine Weinbergschnecke kann fünf bis acht und in einem Terrarium sogar dreißig Jahre alt werden, wenn sie nicht zu Speisezwecken in eine Küche verschleppt wird.
Rot ist aber auch die Farbe der Liebe. Und da ist Rot ein verdammt hinterhältiges Signal, das man immer erst als solches erkennt, wenn man sich das Gegenteil beweisen wollte und es nicht funktioniert hat. Die rote Rose warnt nicht. Nein, sie lockt hartnäckig und mit Raffinesse unter dem Mäntelchen der Liebe. Für dieses Spiel braucht sie aber mindestens zwei, die mitmachen und bereit sind, Kompromisse einzugehen oder einen Irrtum und eine Trennung, viele Tränen und ein gebrochenes Herz in Kauf zu nehmen. Stiel und Blätter der Rose gehen vielleicht sogar bewusst ohne gelbes Innehalten und Vorsicht zu raten, geschmeidig ineinander über. Und zu dem Rosenrot, kommen noch spitze Dornen, die ganz erheblich verletzen können. Mehr Warnung geht eigentlich nicht! Es gibt aber auch rote Nelken als Alternative, die aber in beiden Richtungen nicht das Gewollte erreichen und dann doch Zweifel an der Ehrlichkeit des Überbringers in der Herzensangelegenheit aufkommen lassen. Liebe braucht keinen Zebrastreifen, die geht alle möglichen Wege. Auch Blut ist rot und bedeutet Verletzung, wenn es austritt und uns die Gefahr, in der wir stecken, bewusst macht.
Und jetzt gebe ich noch einen Einblick in mich als Mensch, der ich glaube zu sein. Ich möchte sterben, um zu leben, wenn Sanftmusik intensiv auf mein Innerstes trifft und wenn es weit über Gänsehaut bekommen, hinausgeht. Das gilt nicht nur für klassische Musik. Hinzukommt außerdem noch, und das ärgert mich zuweilen und ist mir auch in Gesellschaft sehr unangenehm, dass ich nah am Wasser gebaut bin, und das extrem nah. Das heißt unter anderem auch, dass mich ein handgroßer Kloß im Hals würgt und es mich sichtbar große Anstrengung kostet, mich gegen die Tränen zu wehren, um letztendlich doch wie ein Schlosshund zu heulen, wenn es unter anderem auch um Menschen geht, die ich überhaupt nicht kenne, aber ihre Schicksale erfahre. Und dann habe ich mich neulich gefragt, was Karotten eigentlich wollen, wenn sie während einiger Tage in meinem Kühlschrank auf ihrer Oberfläche noch zusätzlich helle, haarfeine Wurzeln bilden, die in der Kühle des Gemüsefaches doch so sinnlos ins Leere greifen. Was soll das? Ich habe immer geglaubt, ausgewachsenes, essfertiges Gemüse vom Wochenmarkt in mein Haus getragen zu haben und freute mich auf eine Mahlzeit, ohne etwas schlachten zu müssen, das noch zappelt und dann blutet. Aber was wäre aus den Karotten noch geworden, hätte man sie in der Erde gelassen? Wer weiß das? Ich kaufe sie am liebsten mit Kraut. Das buschige Grün ist viel versprechend, trügt aber über die eigentliche Nahrungsmenge hinweg. Und auch das ist ein Irrtum, denn auch das Kraut ist essbar, nicht nur für Meerschweinchen. Neugierig geworden, habe ich es einmal probiert, dabei jedoch das Mümmeln der Meerschweinchen nicht aus meinem Kopf bekommen. Dass der Appetit beim Essen kommt, traf bei mir nicht zu. Obwohl, bei Katzenfutter wäre ich mir nicht so sicher, denn das wird angeblich auf Qualität geprüft. Und Mausefleisch ist garantiert nicht drin, sonst müsste es draufstehen. Aber da spielt die Fantasie zu sehr mit und verdirbt mir garantiert den Appetit, weil ich keine Katze bin. Aber durch das Kraut an den Karotten ist die bewusste Selbsttäuschung auch wie ein Kick, das Gemüse selbst frisch vom Feld geerntet zu haben. Nimmt man den Karotten nicht das Kraut, fühlen sie sich vielleicht noch sehr lebendig. Sie haben dadurch nur völlig andere Lebensumstände, keine Bodenhaftung mehr, sind ohne Halt, aber arbeiten noch eifrig an ihrer Zukunft, von der ich keine Vorstellung habe, wie die aussehen könnte und nie erfahren werde, was sie noch vorhätten. Grützwürste mit oder ohne Rosinen sind eine ganz andere Sache. Es ist nicht miteinander zu vergleichen. Die haben ihre Wurzeln ganz woanders.
2. Kapitel
Und es ist jetzt die Zeit zwischen Abend und Morgen und Geisterstunde. Und ich bin bereit für diesmal vielleicht mit oder ohne Geister, je nach Befindlichkeit und offen für heikle Überraschungen mit Folgen für alle Beteiligten. Und wer war Friedrich von Bodenstedt? Ein Schriftsteller von 1810 bis 1892, der den Dichternamen Mirza Schaffy hatte. Er soll so etwas Ähnliches gesagt haben, wie: „Wenig große Lieder bleiben, mag ihr Ruhm auch stolzer sein, doch die kleinen Sprüche schreiben, sich ins Herz des Menschen ein. Schlagen Wurzeln, treiben Blüte, tragen Frucht und wirken fort. Wunder wirkt oft im Gemüte ein geweihtes Dichterwort“. Und das hört sich großartig an, so dass ich dabei mitwirken möchte. Aber wenn sich das folgende Gedicht von mir nun nicht in die Herzen und Seelen der Menschen liest, habe ich nicht das erreicht, was Mirza Schaffy in dem Glauben, dass es so ist, versprochen hat. Aber ich möchte es trotzdem versuchen. „Monster gibt es überall und Gespenster auch. Beide Spezis haben Angst und Schrecken in Gebrauch. Monster gruseln tüchtig und Gespenster spuken. Nachts sind Monster flüchtig, überwinden Luken. Am Morgen sitzen sie am Tisch, man sieht sie in den Läden, sie fahren Bus und ärgern fies und das durchaus verwegen. Kein Gespenst mag helles Licht, sie heulen und krakeelen, auch wenn man will, man sieht sie nicht, kann sie deshalb nicht zählen. Verstecken sich in allen Zimmern, sie kriechen durch die Fenster, ein schaurig, nächtlich Gruselwimmern, das machen nur Gespenster. Sie stürmen Fliegengitter, nichts nützt die Mausefalle, Erfahrungen sind bitter, das wissen wir doch alle. Ein Monster sein, auf Erden, dann wird man Ängste los, selbst ein Gespenst zu werden, sehr fies und rigoros“. Wenn das nicht in die Herzen geht, dann geht es vielleicht ein klein wenig in einige Köpfe, wenn man zwischen den Zeilen etwas entdeckt. Mal sehen! Eigentlich sollte ich die Nacht nicht zum Tag machen und in dieser Dunkelzeit mit geschlossenen Augen in tiefem Schlaf daliegen und vielleicht etwas träumen. „Was macht die Nacht, wenn du nicht schlafen kannst, Unruhe schafft und mit des Schlafes Bruder tanzt? Wenn sie lauert, die Müdigkeit bis zur Weißglut reizt, dich nicht bedauert und nicht mit ihrem Nachtblei geizt? Zählst die endlosen Stunden mit ihr, verschwendest die Gedanken? Du Störenfried in ihrem Revier, wirst du dich mit ihr zanken? Siehst die Schuld allein bei ihr und wiegt dein Vorwurf schwer? Oder meinst du dann ein Wir, erfährst nur Gegenwehr?“ Reimend frage ich mich, wie die Nachtgeschichte weitergeht. Und sie geht tatsächlich sofort weiter. „Dringt das Gewissen ins Geschehen? Wer ist irgendwann gescheiter und lässt das Spiel zu Ende gehen? Die Nacht ist kein Tag, du erlebst sie hellwach und pur. Die Nacht tut, was sie vermag, hat auch ihre Stunden nur. Hoffst du auf das Morgenlicht, die jeder Nacht das Dunkel raubt, worauf verlegst du das Gewicht und welcher Vorwurf ist erlaubt? Kommt die Geduld auf leisen Sohlen und schiebt die Nacht dann vor sich her, um sie auch diesmal abzuholen, bis zu ihrer Wiederkehr?“ Und genauso ist es, ich bin hellwach und allein mit diesem Wortschwall aus meinem Hirn, den ich in meinem Bett sitzend, aufgeschrieben habe und jetzt friere. Tag hat schon begonnen. Und es ist genau dieser Tag, für den ich mich spontan entscheide, weil es mich drängt, einmal zu versuchen, alles, was während der nächsten vierundzwanzig Stunden in meinem Kopf herumgeistert und von außen noch dazukommt, zu komprimieren, ohne darüber zu spekulieren, ob der Tag, der diesem folgt, für mein Vorhaben vielleicht noch mehr Potential hergeben würde und dadurch effektiver wäre. Oder ein Tag in der nächsten Woche oder im nächsten Monat, eventuell im Juni. Und wer glaubt, es wird jetzt geistig hochtrabend, der wird sicherlich enttäuscht, denn dieser Tag wird bestimmt so profan, wie viele andere davor und noch folgende Alltage. Und unsortiert und ohne Zusammenhänge wird es sein, so, wie es mir gerade in den Sinn kommt. Sozusagen schriftlicher Smalltalk. Die Idee mit diesem einen Tag kam mir gerade eben und bei vollem Bewusstsein. Dazu muss ich klarstellen, dass ich mehr Zeit dafür brauche, als diesen einen Tag. Meine Schreiberei wird sich über Wochen hinziehen, bis daraus ein Buch entstanden ist.
Ich liege gut zugedeckt, auf kühlem Laken, und meine Augen wandern mit diesem Vorhaben aufmerksam durch die seltsame, stille Licht- und Schattenwelt dieser doch so vertrauten Umgebung. Und ich stelle fest, dass diese vier Wände für mich nachts schon immer wie ein Abendteuer hätten sein können. Auch mystisch, wenn der Vollmond sein silbernes Theaterstück aufführt und unkompliziert und gemächlich mit seiner Helle erst durch das Fenster, dann über den Fußboden kriecht und eine ganze Weile auf meinem Kopfkissen verweilt. Und das nicht, weil es so gemütlich ist, sondern weil er gar nicht weiß, dass er auf seiner Reise bei mir Rast macht. Es interessiert ihn nicht, so einfach ist das. Er wird wahrscheinlich in vielen anderen Zimmern und auf manchem Kissen sogar lästig sein. Und ich nehme an, nicht nur in den Betten, auch auf Sofas und Bettvorlegern oder Teppichen und Auslegewaren. Neugierig wandert er über Buchrücken in dunkelbraunen Schrankwänden und klebt eine Weile mit seinem Licht an Hausfassaden, wie Straßenlaternen das immer tun, sobald es dunkel wird. Es gibt aber auch Menschen, die können den Vollmond nicht leiden. Doch mich fasziniert er immer wieder. Stundenlang kann ich ihn anschauen, und ich möchte ihn anheulen wie ein Wolf. Warum? Vielleicht aufgrund einer Erinnerung an ein früheres Leben? Wer weiß das schon. Es gibt so viele Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir uns nicht erklären können. Und nicht nur darum liebe ich die Vollmondnächte, dieses großartige, atemberaubende, magische Licht- und Schattenspektakel aus dem Universum. Ich sehne diese hellen, schattenreichen Nächte herbei, weil sie mich inspirieren. Mein Gehirn läuft dann auf Hochtouren, und meine Begeisterung hält sich überhaupt nicht in Grenzen. Dann muss ich etwas tun und schreibe bis ins Morgenrot. Da turnen Worte und eilende Zeilen, ohne Halt auf Linien zu finden, schnurstracks in das Notizbuch, das in ständiger Bereitschaft auf meinem Nachttisch liegt. Dann wird der leuchtende Trabant zu meiner Muse: „Mond, ich schließe nicht die Lider, wenn ich von dir träumen will. Mit dir kommt die Sehnsucht wieder und das wahre Glücksgefühl, wenn dein Silber mich verführt und dein Licht mein Herz berührt. Wenn du mich in dunkler Stille, mit auf deine Reise nimmst, wenn sich doch mein Traum erfülle, doch das ist ein Hirngespinst. Mond, ich schließe nicht die Augen, fühle mich mit dir verbunden, aber ich muss wieder glauben, DU hast mich noch nicht gefunden. (Damit meine ich, dass er mich nicht kennt, und das wird ja auch nie geschehen, aber ich will keine wehmütige Stimmung und es geht weiter). Mond, ich schließe nicht die Lider, eine Träne glänzt im Licht, tröstlich ist, ich seh’ dich wieder, und ich weiß schon, wann das ist“. Ende!
Nun bin ich ein wenig abgeschweift und kehre gedanklich zurück ins Nachtzimmer, dessen spannende Abwechslung ich bisher nur als normal und nicht als großartiges Erlebnis erkannt und verpasst habe. Und ich werde zunehmend neugierig auf diese stille Dunkelwelt, an die sich meine Augen schnell gewöhnen. Über mir gibt es keine gewöhnliche Zimmerdecke. Nein, es gibt überhaupt keine Decke, sondern eine ganz erhebliche Höhe bis in die Dachspitze mit vielen, dicken Balken, die sich nicht nur nach oben strecken und an der Dachkonstruktion beteiligt sind, sondern drei von ihnen sind mit großen Abständen auch eine unbedingt erforderliche Stütze von der Schräge zur graden Wand gegenüber. Sie stemmen sich gegen die Verkleidung aus Rigipsplatten und gegen das Dach.
Ich bin mal gespannt, wie lange die Revierkämpfe der beiden Drosselmänner noch dauern. Es scheint zwischen ihnen so eine Art Hassliebe zu geben. Zuerst springen sie sich wütend Brust gegen Brust an, als hätten sie sich diese Art zu kämpfen, von den imposanten Hähnen, die, bevor sie getrennt, sprich umgesiedelt oder geschmort werden, auf einem Bauernhof in Konkurrenz unter einer Horde Hennen leben, abgeguckt. Das sieht bei den sehr viel kleineren Drosselkerlen jedoch nicht ganz so gefährlich aus. Da fliegen auch keine Federn, und sie bleiben unverletzt. Kaum haben sie festgestellt, dass das viel zu Nerven aufreibend ist, lassen sie voneinander ab und rennen hintereinander her, als wäre nichts geschehen, picken beinah an derselben Stelle nach Kleinstlebewesen, meistens erwischen sie Regenwürmer und sitzen dann friedlich nebeneinander in der Rotbuche. Genauso war es neulich im Linienbus. Zwei Männer, ich schätzte sie Ende dreißig, die ihre Muskeln über Jahre systematisch unter professioneller Anleitung zu festen, strammen Faserbündeln aufgebaut haben, bauten sich in stummer Drohgebärde nur einen winzigen Schritt von etwa dreißig Zentimeter von einander, aber beinahe Bizeps an Bizeps an der Tür auf. Für mich war es spannend, wem es von den beiden gelingen würde, als Erster den Bus zu verlassen, denn es war eindeutig das Ziel für die Bestätigung in der Öffentlichkeit, hier der Platzhirsch zu sein. Den starken Muskelprotzen war der Wille, sich hier auszuprobieren und zu produzieren, auch sofort anzumerken, als der Bus langsam an die Haltestelle fuhr. Als sich die Tür öffnete, machten sie tatsächlich gleichzeitig einen Schritt nach vorn. Ein kurzes, heftiges Gedrängel, und wie nicht anders zu erwarten, verkeilten sie sich mit verbissenen Gesichtern in der Türöffnung und rührten sich nicht mehr von der Stelle. Vielleicht hätte jetzt ein treffsicherer Fausthieb die Rangordnung geregelt, wenn die Menschen hinter ihnen nicht laut darauf bestanden hätten, dem noch immer stummen, kampfwütigen Gehabe ein Ende zu machen, um aussteigen zu können, so dass der Klügere mit den noch geringfügig, weniger bepackten Muskeln, schließlich nachgab und einen knallroten Kopf bekam, sich das jedoch nicht bieten lassen wollte und dem „Sieger“ kräftig in die Hacken trat, als der mit stolz geschwellter Muskelbrust mit seinem Ellenbogen den Rivalen mit sichtlicher Verachtung streifte und den Bus mit Elan verließ. Der Blick auf die Kampfhähne, die jetzt so richtig in Fahrt kamen und noch etwas zu erledigen hatten, blieb mir leider verwehrt, als sich die Tür schloss und der Bus sich in Bewegung setzte.
3. Kapitel
Es war bisher nicht auszumachen, zu welchem Drosselmann das ein wenig magersüchtig und ziemlich gleichgültig wirkende Drosselweibchen gehört, um das es bei den beiden kämpfenden Drosselmännchen in unserem Garten geht, und das wohl in der dichten Kirschlorbeerhecke brüten will. Es erscheint nur, um zu fressen, ohne den seltsamen Rivalen auch nur die geringste Beachtung zu schenken. Ich kann mir vorstellen, was die Drosselin dazu sagen und ihre Entscheidung vielleicht gern noch einmal überdenken würde, käme ihr die Natur mit dem Drang zur Fortpflanzung nicht dazwischen. „Die Flucht. Er kann es kaum erwarten, der schwarze Drosselmann, es gibt den Tanz im Garten, der ist im Frühling dran. Da geht es um ein Weibchen, so scheu und kaum zu sehen, verliebt ist er in Scheibchen, kann ihr nicht widerstehen. Für sie, da wird er bauen, ein Nest am Gartenteich, und dafür Zweiglein klauen und rosa Moos, ganz weich. Und jeden Nebenbuhler, den schlägt er in die Flucht, denn er ist doch viel cooler, das Balzen, eine Sucht. Das Weibchen noch allein, versteckt im Blätterdach, wie wird es diesmal sein, denkt oft darüber nach. Nicht wieder rosa Moos und bitte nicht am Teich und nichts aus ihrem Schoß, nicht wieder alles gleich! Und dann beginnt der Tanz, der Drosselmann holt auf, er echauffiert den Wanst, ist trotzdem prima drauf. Die Drosselfrau, sehr klug, schaut zu und ist entspannt, denn jetzt ist sie am Zug und hat es in der Hand, wann, wie, weshalb, warum und ob und überhaupt, er macht sich für sie krumm, weil er an Liebe glaubt. Auch sie ist überzeugt, es gibt den Herzensraub, hat sich ihm oft gebeugt, macht sich jetzt aus dem Staub! Und er ist ahnungslos, der Tanz bauscht sein Gefieder, Held denkt an rosa Moos, doch sie, sie kommt nicht wieder“. Und ich habe wirkungsvoll dekoriert, um mein Schlafgemach gemütlich zu machen. Auf einem der dicken Querbalken sitzt mit nacktem Po und kurzem Hemdchen ein Engel, der ungefähr so groß ist, wie ein hockendes Kaninchen aus einer Kleintierzucht. Vor einigen Jahren hat mich der Engel in einem Drogeriemarkt regelrecht überrascht und mich von meinem eigentlichen Vorhaben, Zitronensäure zu kaufen, abgelenkt. Ich war total überrumpelt, weil ich ihn dort nicht erwartet hatte. Er verzauberte mich und ohne lange zu überlegen, wurde ich mit sicherem Griff seiner habhaft und habe ihn gekauft. Glücklich über diese Errungenschaft, blieb ich ohne Zitronensäure, ohne mich deswegen zu ärgern. Zu groß war mein Glück über das himmlische, geflügelte Wesen. Um den Engel oben auf dem Balken zu platzieren, war die Trittleiter aus dem kleinen Kabuff im Keller nötig. Die Tür zu dem Kabuff steht immer einen Spalt weit offen. Das erledigt eine altrosa, metallicfarbene Flasche Brut Dargent, die ich mit Sand gefüllt habe, damit sie genug Gewicht hat und sich nicht so ohne weiteres beiseite schieben lässt. Ich weiß nicht mehr, zu welchem Anlass wir uns den perlenden Inhalt gegönnt haben. Es war wohl nicht so wichtig, denn sonst hätte ich es nicht vergessen. Es kann auch sein, dass es keinen besonderen Grund gab, und wir haben ihn getrunken, weil er da war. Vielleicht war er ein Geschenk, ein Mitbringsel von Freunden.
Der Engel befindet sich in einer ganz enormen Schieflage, wenn er keinen Balken oder keine Schrank-, Tisch- oder Bordkante unter sich hat. Ein vermeintlicher Schutzengel in Schieflage, das war ein sehr befremdliches Gefühl für mich. Was soll das werden? Aber ich habe ihn mir mit diesem Wissen ins Haus geholt und so hängt eins der dicken Beinchen über den Rand des Balkens, damit er aus seiner unwürdigen Situation und Position herauskommt.
Ihn richtig hinzusetzen, das war bei seiner Erschaffung schließlich auch so geplant. Engel und Balken erscheinen bei Nacht in demselben Grau. Bei Tageslicht in Wollweiß. Das geflügelte Himmelswesen pustet in ein sehr einfaches Musikinstrument aus Blech in Richtung Dachspitze. Ich glaube, man nennt so ein Ding auch Tröte. Es besteht aus einem langen, dünnen Rohr, in das kräftig hinein geblasen wird und an dessen Ende ein Trichter einen Ton hinausschleudert, den ich mir kaum vorstellen kann. Der Engel hält das Instrument mit beiden Händen umklammert, an seine geschürzten Lippen. Ich könnte es ihm sogar wegnehmen. Mach ich aber nicht, weil es dann aussehen würde, als wenn er mit seinen Fäustchen einen Trichter bildet und etwas in den Himmel brüllt. Das machen Engel nicht. Oder dass er mit seinem Atem versucht, seine kalten Hände zu wärmen. Ein verfälschter Eindruck würde entstehen, denn Engel frieren nicht. Unter ihm ist der Rauchmelder fest an den Balken geschraubt, der seine Pflicht nicht vergisst und in regelmäßigen Abständen für eine halbe Sekunde ein Lämpchen rot aufleuchten lässt. Nachts ist es gut zu sehen. Dann weiß ich, dass die Batterie noch nicht ausgewechselt werden muss. Der Engel sitzt sozusagen auf einem ungewöhnlichen Vulkan, der aufschreit, wenn es woanders raucht.
Zitronensäure löst im Handumdrehen und gründlich Kalkablagerungen. Dann brauche ich keine Chemie. Im Nachhinein ist es doch ärgerlich, dass ich wegen des Engels vergessen habe, welche zu kaufen. Das Zimmer ist rechteckig. Mein Bett steht nicht an der graden Wand, sondern macht seitlich unter der Schräge vom Giebel aus mit den Beinen am Fußende einen großen Schritt in den Raum. An den Enden vom Kopf- und Fußteil steht je eine etwa siebzig Zentimeter hohe, armdicke Säule, auf der eine Kugel, so groß wie eine geballte Faust den Abschluss bildet. Ich wollte das Bett aufgemotzt und deshalb sind die Kugeln aus hellgrauem Marmor. Es hat ein wunderschönes, geschnitztes Kopfteil.
Es ist die Rede davon, dass es wieder Bettwanzen geben soll. Das sind Plagegeister. Nächtliche Blutsauger am Menschen. Die verstecken sich tagsüber in Ritzen und hinter Tapeten und legen dort ihre Eier ab. Das kann ich zu meinem Glück noch nicht bestätigen.
An der graden Wand rechts von meinem Bett, hängt ein großer Spiegel in einem aufwendigen Rahmen, in den ich von meinem Bett aus hinein und durch das Fenster der Gaube, das sich in ihm spiegelt, nach draußen sehen kann. Das habe ich ganz bewusst so gewählt. Neben dem Bett steht ein Nachttisch. Das Wort irritiert, denn Tisch ist völlig falsch. Und auch Nacht stimmt nur teilweise, denn er steht auch am Tag dort. Es gibt auch Stehtische. Stehen Tische nicht immer? Aber Ausziehtische ziehen sich auch nicht aus. Ich mag derartige Wortspielereien. Manchmal bricht es mir das Genick, wenn diese Leidenschaft nicht auf Gleichgesinnte trifft. Aber dann passt es eben nicht.
Das Wort Nachttopf ist auch nicht korrekt. Solche Gefäße gibt es nur noch in einigen Antiquitätenläden als Dekoration fürs Badezimmer zur Aufbewahrung von Seifen oder als Übertopf für Alpenveilchen, die auch wieder modern sind. Aber wenn ich damit jetzt nicht aufhöre, ufert es aus. Aber eins noch. Ein Ameisenhaufen ist kein Haufen Ameisen, die es da zwar zuhauf gibt, aber es ist ein perfekt ausgeklügeltes, unterirdisches Tunnelsystem, von dem wir nur die Spitze sehen. Es geht aber ziemlich tief in die Erde. Manchmal sogar zwei Meter. Eine bessere Bezeichnung ist Ameisennest. Und nun doch noch eins. Mein Nachttisch ist auch kein Schränkchen, denn man nennt so ein Kleinmöbel auch Nachtschrank. Auch hier Irritation bei mir. Aber jetzt belasse ich es bei Nachttisch. Auf ihm liegen die Utensilien, die ich vor dem Einschlafen brauche. Es gibt selbstverständlich einen Wecker. Handteller groß, weiß und rund, der mit einer Batterie die Zeiger in Bewegung hält. Daneben liegt ein Kugelschreiber. Ein wahres Schmuckstück. Er glitzert überaus festlich im Licht der kleinen Nachttischlampe mit dem wunderschönen Blütenschirm aus weißem Glas. Fürs Glitzern sorgen in seiner Transparenz eine Menge kleiner Swarowskikristalle. Ein Gebrauchsgegenstand ist er trotzdem für mich. Inzwischen hat er jedoch seinen Geist aufgegeben, das heißt, die Miene ist leer. Ich habe noch nicht herausgefunden oder besser gesagt, mich auch noch nicht darum gekümmert, wie sie ausgewechselt wird und wo ich Ersatz bekommen kann. Außerdem hat auch jedes Buch, in dem ich mich schläfrig lese, auf dem Nachttisch den Platz in unmittelbarer Nähe zu mir.
In dem Glas mit den Mini-Gewürzgurken schwimmen nur noch zwei von den kleinen, krummen Dingern. Die Senfkörner, Zwiebel- und Chilistückchen sind eindeutig in der Überzahl. Die Gurken halten sich aber noch eine Weile in dem Sud, der noch so klar ist, wie ein Bergbach. Das Glas steht aber nicht auf meinem Nachttisch, sondern im Kühlschrank. Dazu habe ich mir eine Geschichte ausgedacht, die unbedingt erzählt werden muss. Es handelt sich um das verlorene Glück eines Zwiebelringes. Die Gurke auf dem Tellerrand, die diesen Zustand grässlich fand, erinnert sich an jedem Tag, als sie im Glas in „Sauer“ lag. Sie war ein wohl gewachsnes Ding, verlobt mit einem Zwiebelring. Der gab sein „delikates“ Wissen, an sie auf einem Senfkornkissen, das auf dem Glasgrund, wie ein Bett, gut abgeschirmt vom Etikett, zwar keinen Blick von außen ließ, was aber überhaupt nicht hieß, dass niemand, was sie taten, sah, denn über sich die Gurkenschar, erfreute sich im Gurkenglas, am Zwiebelring und Gurkenspaß. Doch damit war es nun vorbei, ein Messer teilte sie entzwei, die Gabel spießte sie dann auf, so nahm das Schicksal seinen Lauf. Zwar fingen Zähne an zu funkeln, doch Gurke sah nichts mehr im Dunkeln. Sie wurde schnell und fest gepackt, sehr grob zerbissen und zerhackt, sie ließ sich von der Zunge heben und durfte noch am Gaumen kleben. Es gab dann keinen Weg zurück, der Zwiebelring verlor sein Glück.
An der geraden Wand lehnt ein hohes, schmales, verschnörkeltes Regal, über das ich später noch berichten werde. Daneben stehen zwei weitere Schränkchen, die durch einen hohen, ovalen Spiegel, zwar einen halben Meter voneinander getrennt, aber durch ein Brett, ziemlich weit unten, in das er eingelassen ist und unter dem es unter einem Bord noch zwei Schubladen gibt, fest miteinander verbunden sind. Ich hoffe, dass ich dieses weiße, besondere Möbel verständlich genug beschrieben habe. Es könnte aus dem 19ten Jahrhundert sein. Der Spiegel zeigt mich in ganzer Größe, wenn ich vor ihm stehe und hat bereits einige Altersflecken, die mich aber nicht weiter stören.
Lachsschnitten mit Haut habe ich immer falsch gebraten. Zuerst die Hautseite. Warum, weiß ich nicht, ich fand es wohl irgendwie richtig. Seit einiger Zeit weiß ich, dass die Haut zuletzt gebraten wird, damit sie kross bleibt und nicht in dem flüssigen Fett wieder aufweicht, wenn ich dann erst die Seite ohne Haut brate. Ist doch klar! Labbrig ist sie so ein richtiger Hautlappen, wie zum Implantieren und drückt den Appetit auf Null. Es gibt Lachs auch ohne Haut.
4. Kapitel
Neben der Tür, durch die es auf den Flur geht, befindet sich ein hoher Nachtschrank aus Weichholz unter Farbe. Er ist größer als normale Nachtschränke und die Bezeichnung kann ich tolerieren. Nun kommt wieder meine Fantasie ins Spiel.
Ich stelle mir eine Idylle weit draußen auf dem Land vor. Goldgelbe Kornfelder bis zum Horizont. Dazwischen Knicks aus Weißdornhecken und wildem Flieder, in denen Rotkehlchen nisten. Uralte, knorrige Eichen oder Kastanien, die ein altes Bauernhaus mit einem tief heruntergezogenen, moosbedeckten Reetdach unter ihre Fittiche nehmen.
In meiner Vorstellung ist es etwa fünfzehn Uhr. Außer ein paar Hühnern, die nach Futter scharren oder Flügel schlagend in Staub gehüllt, ein Sandbad nehmen, rührt sich außer dem imposanten Hahn, der seinen Harem bewacht, nichts auf dem Hof. Das riesige, in tiefgrüne Farbe getauchte Scheunentor ist einen Spalt weit geöffnet. Aus dem Dunkel kriecht hin und wieder ein heimeliges Schweinegrunzen. Schwalben haben ihre Nester unter das Dach geklebt oder nisten in der Tenne und fliegen durch den Spalt in dem Tor elegant ein und aus. Sie haben eine Horde Schwälbchen zu füttern. Eine leere Schubkarre steht herum. Man ist auf den Feldern, das Vieh auf den Weiden, der Misthaufen ist riesig, wenn der Hof einem Großbauern gehört. Und es ist windstill und friedlich in der warmen Nachmittagssonne. Mein Nachttisch steht jetzt noch lange nicht bei mir, sondern noch in diesem Bauernhaus in einem dämmrigen, schlecht gelüfteten Schlafzimmer neben einem bedrohlichen, breiten Ehebett aus schwerem Eichenholz und üppig geschnitztem Kopfteil, mit bauschigen Federbetten in weißen Leinenbezügen. Zwei Paradekissen, zwei außerordentlich gelungene Handarbeitsbeweise aus der Aussteuer der stolzen Bauersfrau, mit aufwendigen Lochmustern, Hohlsäumen und gestickten Monogrammen, thronen am Kopfende. Die Wände sind mit einer tristen, hellbraunen, klein bedruckten Blümchentapete beklebt. Über dem Bett hängt ein ovales Bild mit einer Schar graziöser Elfen, die sich bei den Händen halten und in durchsichtigen, bunten Gewändern barbusig und barfüßig im taufeuchten Gras in der Vollmondnacht tanzen. Sie werden von einem gehässig grinsenden Teufelchen, das im Gebüsch kauert, beobachtet. Von der Decke hängt eine schlichte, dreiarmige Lampe aus dunklem Holz. Am Ende eines jeden Arms ist eine milchiggelbe Schale aus Glas, das mit braunen Schlieren durchzogen ist. Die Lampe gibt ein schauriges Licht, wie bei einer vollständigen Sonnenfinsternis.
Die gesamte Einrichtung wird an die Generationen weitervererbt, die in diesem Bett, eine verpflichtende Ehewerkstatt des Paares, das sich dem Zwang gefügt und aus gut gemeinten, vernünftigen und wirtschaftlichen Gründen vor dem Traualtar die Ringe tauschte, gezeugt wurden. Und all diese Nachkommen führen nacheinander verantwortungsvoll den Hof und die Erbfolge weiter, bis niemand mehr das alte Zeug haben will. Bett und Nachtschränke, und ganz sicher gibt es auch eine passende Frisierkommode, die dann als Erinnerung erst einmal auf dem Dachboden untergebracht werden. Irgendwann landen die einzelnen Teile schließlich für’n Appel und n Ei in irgendwelchen Trödelläden. So könnte es gewesen sein. Und vielleicht gibt es den zweiten Nachtschrank ja noch, wenn er inzwischen nicht schon vollkommen verwurmt war, deswegen zertrümmert und verheizt wurde. Dann hat er für kurze Zeit wohlige Wärme gespendet. Lange vorher aber, haben beide Nachtschränke immer wieder die Farbe gewechselt, wenn sie nicht dem Zeitgeist entsprachen und die Harmonie in dem Schlafzimmer der Nachkommen oder später die neuen, fremden Besitzer störten. Die Nachtschränke haben Bäder in ätzenden Laugen hinter sich, um auch die kleinsten, störenden Farbreste aus Poren und Ritzen gründlich zu entfernen. Experten haben sie danach perfekt abgeschliffen, bis es keine Unebenheiten mehr gab und kein Splitter in eine Hand stach, von der sie gut behandelt wurden. Sie waren nicht nur Wachs in den Händen, sie wurden auch gründlich damit eingerieben und mit weichen Lappen auf Hochglanz poliert. Und dann gingen sie weg wie geschnitten Brot als begehrte Weichholzmöbel. Und schließlich, wenn sie erneut den Besitzer wechselten, dem das rohe Holz zu nackt war, bekamen sie einen neuen Farbanstrich, um zu gefallen und geliebt zu werden. Mein Nachtschrank hat eine Schublade und darunter ein Bord und auch noch ein ziemlich hohes Fach. Ich kann mir vorstellen, dass dort der Toiletteneimer untergebracht wurde, der häufig aus Porzellan war und aus triftigem Grund einen Deckel hatte.
Als das Grab meiner Mutter aufgelöst wurde, habe ich von dem riesigen Lebensbaum, der unmittelbar an ihrem Grabstein stand, einige Zweige abgeschnitten und mit nachhause genommen. Da sie nicht verbrannt, sondern beerdigt wurde, bin ich mir sicher oder möchte es sein, dass in dem Baum etwas von ihr in einer anderen Dimension weiterlebt. Die Zweige in den Händen zu halten, war ein sonderbares, aber ein so beruhigendes Gefühl, das kaum zu beschreiben war. Seitdem gibt es den großen, ovalen, schwarzen Rahmen mit dem gewölbten Glas, den ich vor vielen Jahren aus Belgien mitbrachte. In ihn habe ich den kleinen Strauß, der sich nach und nach braun verfärbte, zusammen mit einer Fotografie von meiner Mutter in einem kleinen silbernen Rahmen so arrangiert, dass der Vers, den ich für sie geschrieben habe gut zu lesen ist. Es war mir ein Bedürfnis, sie in der Form zu ehren und ihr dafür zu danken, dass sie mir das Leben geschenkt hat. Und dieses etwa vierzig Zentimeter hohe Bild wird mich stets begleiten und hängt auch in diesem Haus in meinem Zimmer über dem Nachtschrank. Und ich denke, meine Mutter weiß, dass sie nicht vergessen ist.
5. Kapitel
Lüdenscheid liegt im Sauerland, und ich frage mich, was die da wollen. Es muss einen Grund geben, denn die wären doch sonst nie auf die Idee mit Lüdenscheid gekommen. Mir wurde ziemlich aufgeregt und mit einem verschmitzten Lächeln erzählt, dass es eine Überraschung werden soll. Also nehme ich an, dass sie dort jemanden kennen. Ich bin gar nicht dazu gekommen, sie danach zu fragen, weil sie in ihrem Redeschwall von einer Frau unterbrochen wurde, die uns zufällig über den Weg lief. „Wir kennen uns aus dem Landfrauenverein“, wurde ich sofort aufgeklärt. „Mit der möchte ich mich anfreunden, weil die so gut aussieht“, sagte sie. Das ist ja unglaublich, dachte ich und fragte, ob sie Doria Gray kennt. Woraufhin sie fragte, ob der auch hier in der Gegend wohnt und woher ich ihn kenne, sie hätte noch nie von ihm gehört. Da habe ich mir einen Spaß erlaubt und gesagt, dass der den Oskar Wilde sehr gut kennt. Sie zuckte nur mit den Schultern und sagte gelangweilt: „Den kenne ich auch nicht, wir haben wenig Kontakt zu Ausländern, denn das hört sich total Englisch an. Und was ist mit dem?“. Ich zögerte zunächst, doch dann sagte ich: „Ach, es gibt Zitate in dem Roman Das Bildnis des Dorian Gray. Zum Beispiel, ich wähle meine Freunde nach dem guten Aussehen, meine Bekannten nach ihrem guten Charakter und meine Feinde nach ihrem guten Verstand“. „Ach, so, der hat was geschrieben, darum kenne ich den nicht. Ja, das mit dem Verstand, das würde auch noch passen, denn clever ist die auch, ich lade sie einfach mal ein, denn wir kennen uns nur oberflächlich“. Wir waren damals endlich vor meiner Haustür angelangt und ich sagte nur: „Dann bis zum nächsten Mal“.
Aber nun glaube ich, dass die, die überrascht werden sollen, vielleicht Leute von Sylt sind, die sie kennen gelernt hat, als sie mit ihrem Schmusi, so nennt sie ihren Mann, im Urlaub war. Sonne, Strand, Meer und Wein. Man ist ausgelassen, in einer unbedarften, redseligen Stimmung. Und da rutscht einem schon mal so ein Satz heraus wie: „Wenn ihr mal im Sauerland seid, dann kommt doch einfach mal vorbei“. So könnte es gewesen sein, denn sie fahren doch schon jahrelang immer wieder nach Sylt. Ich meine dieses Ehepaar, das ich kenne. Besser gesagt, kenne ich eigentlich nur diese Frau. Sie arbeitet in einem Frisörsalon mit integriertem Nagelstudio im Empfang und wohnt ein paar Straßen weiter in so einem spießigen Sechzigerjahre-Bungalow. Da nützt es auch nichts, wenn sie den gelben Klinker mit einer Kletterhortensie bewachsen lässt, die ewig braucht für ein paar Zentimeter mehr an Größe und Volumen im Jahr, um das zu kaschieren, wofür sie sich mit einem Krisengesicht immer wieder zu entschuldigen versucht. Ich habe Efeu gelobt, aber es hat nichts genützt, die Kletterhortensie bleibt. Wir sind nicht befreundet. Nein, wir gehen lediglich seit einem halben Jahr zusammen zum Yoga und haben gleich am ersten Tag festgestellt, unsere Matten lagen nebeneinander, und wir kamen zwangsläufig ins Gespräch, dass wir denselben Weg haben. Sie läuft quasi an unserem Haus vorbei, klingelt kurz, und ich komme dann sofort heraus. Sie ist ziemlich schwatzhaft, so dass ich meistens diejenige bin, die zuhört. Und dann stelle ich mir vor, wie es sein wird, wenn sie demnächst ins Sauerland fahren. Mal etwas anderes sehen wollen, als immer nur Sylt. Das verstehe ich. Und die Einladung steht ja noch, wie sie erzählte. Sie ist eine ganz Taffe, immer so springlebendig, wirkt manchmal sogar überaus zappelig, was mir manchmal etwas auf die Nerven geht. Aber, sie kann den Gruß an die Sonne perfekt und wackelt dabei kein bisschen. Und sie wird nicht einfach losfahren. Ganz sicherlich wird sie sich gründlich vorbereiten. Wie zum Yogakurs. Auch da war sie zur ersten Stunde gut präpariert, denn sie turnt und entspannt sich auf einer perfekten Unterlage, die sich leicht zusammenrollen lässt und die sie mit einem breiten Gurt über der Schulter tragen kann. Meine trage ich als Rolle umständlich unter dem Arm. Und sie hat eine Designer-Wolldecke und ein Sitzkissen, das nicht die Form verliert, wie meins. Und dazu auch noch den teuersten Yogaanzug, der im Schritt keine Falten wirft. Alles ist perfekt und auch farblich aufeinander abgestimmt. Also wird sie es sich auch nicht nehmen lassen und eine Route für die Reise ausarbeiten, nach der sie sich richten, wenn es in Richtung Sauerland geht, beziehungsweise wenn sie fahren. Mit dem Mercedes in Silbergrau, den sie geleast haben. Sie nehmen immer das neueste Modell. Dann atmet sie tief den strengen Herstellungsgeruch ein, mit dem ein neues Auto die Luft des Innenraumes schwängert. Ganz tief, weil sie diesen Duft liebt, und ich denke nur, wie eklig! Aber es gibt tatsächlich ein Raumspray mit diesem Geruch. Habe ich ihr aber nicht erzählt, weil ich es überflüssig fand.
Eigentlich ist es so, dass ich gar nicht weiß, was ich mit ihr auf dem Hin- und Rückweg zum Yoga und vom Yoga reden soll. Sie ist ziemlich oberflächlich, man könnte auch sagen, dass sie einfach gestrickt ist. Außerdem war sie auf dem Weg zum Yoga kurz vor Weihnachten ziemlich böse auf mich, als sie mir von ihrem Arzt vorschwärmte, der eine wahre Konifere auf seinem Gebiet wäre und ich ihr heftig widersprach, indem ich behauptete, dass das überhaupt nicht sein könne. Doch, doch, sagte sie mit Nachdruck, als ich lachend wiederholte, dass er garantiert keine Konifere wäre. Sie reagierte so empört, dass sie abrupt stehen blieb und mich anstarrte und schimpfte, ich würde ihn nicht kennen, um ihn mies zu machen, und sie könnte ihn mir nur empfehlen, warum ich ihr nicht glaubte und wieso es da etwas zu lachen gäbe. Ich habe mir verkniffen, sie zu kompromittieren, dass sie ihren Arzt, der vielleicht tatsächlich eine Koryphäe auf seinem Gebiet ist, zu einem immergrünen Gehölz degradieren würde und schwieg dann mit ernstem Gesicht.
Und natürlich will sie von der Reise noch andere Eindrücke mitnehmen und viele Fotos machen, die sie sich an Regentagen immer wieder anschaut und in der Vergangenheit hängen bleibt. „Die ist bei ihr immer viel, viel schöner als die Gegenwart“, wie sie mir verriet, weil sie ständig unter Fernweh leidet. Ihr Gatte, ich weigere mich, ihn Schmusi zu nennen, hat nur genickt, als sie ihm davon erzählte, dass sie ins Sauerland fahren würden, und sie meinte etwas verschmitzt, dass er vielleicht nicht glaubt, dass sie tatsächlich Ernst macht mit Lüdenscheid. Und ich stelle mir jetzt vor, dass sie demnächst den großformatigen Bertelsmann Hausatlas aus dem Regal holt, der im Gästezimmer mit allen anderen wichtigen Büchern zur Verfügung steht und sucht in dem umfangreichen Inhaltsverzeichnis unter „L“ nach Lüdenscheid. Sie hat es schnell gefunden und ruft ihrem Gatten trällernd zu: „Lüdenscheid liegt gleich hinter Ludendorf, Seite 122 F 2“. Der Mann schüttelt den Kopf und sagt: „Ludendorf, wo soll das sein? Das wüsste ich doch, aber davon habe ich noch nie gehört. Lüdenscheid liegt in der Nähe von Remscheid und Wuppertal, da haben wir einen Kunden“. Sie hat irgendwann durchblicken lassen, dass ihr Gatte mit Küchengeräten aller Art zu tun hat. Mit Pürierstäben, Bestecken, Sparschälern, Drahtschwämmen aus Edelstahl und mit beschichteten Bratpfannen in allen Größen und Brätern auch aus Edelstahl, und er kommt daher beruflich viel herum und scheint die Gegend gut zu kennen. Aber die Frau zwitschert: „Aber hier steht es doch. Ludendorf! Und Lüdenscheid kommt gleich als nächstes unmittelbar dahinter. Sie schaut in seine Richtung und drückt die Spitze ihres Zeigefingers auf die Stelle des Inhaltsverzeichnisses. „Hier, hier, mein Lieber, hier steht es doch, schwarz auf weiß, ich kann doch lesen“. Der Mann legt genervt die Zeitung beiseite, steht auf, ist mit drei Schritten bei ihr und beugt sich über den aufgeschlagenen Atlas. Sie muss den Kopf zur Seite biegen, damit sie beide über der Seite vom Atlas Platz haben. Der Mann sagt: „Hier, lies, Lüdenscheid ist auf Seite 130-131 E 4, das sind acht Seiten weiter. Er blättert jetzt aber erst einmal die Seite 122 auf und rutscht mit dem Finger auf F 2. „Da ist es doch, Ludendorf, da siehst du es! Ludendorf ist ein Ort direkt am Kurischen Haff und in diesem alten Atlas unter sowjetischer Verwaltung, das war vor dem Krieg noch Ostpreußen“. Er blättert die ersten Seiten im Atlas auf und sagt: „Der Atlas ist von 1960, kein Wunder. Du musst auf die angegebenen Seitenzahlen gucken und dich nicht nach der alphabetischen Reihenfolge richten, meine Güte, das ist doch wohl logisch“. Die Frau beißt sich auf die Unterlippe und wimmert entschuldigend: „Stimmt, wieso habe ich denn nicht, ach, gut, dass ich dich habe, jeder von uns kann etwas. Und weißt du, ich kann uns jetzt mal eine schöne Reiseroute zusammenstellen und nachher gibt es Spiegeleier“. Sie konzentriert sich und findet den Gebirgszug Schneifel und den Zitterwald und beschließt, dass sie zuerst über Arloff in Richtung Köln fahren, sich dann nach rechts schlagen und Rast in Halver machen und dann schwupps, geht es ab ins Sauerland. „Das ist gar nicht so weit, wie ich dachte“, spricht sie zu sich selbst. Penibel schreibt sie alles auf ein DINA5 Papier. „Schade, dass die nicht in Heidelberg wohnen, da waren wir noch nie. Da ist es sicherlich netter als in Lüdenscheid. In Heidelberg haben schon viele Studenten ihr Herz verloren und darüber gibt es doch auch ein Lied“, zwitschert sie und weiß schon, dass sie keine Antwort bekommt. Der Mann antwortet tatsächlich nicht, er liest in der Zeitung. Und die Frau sagt: „Und was hat Lüdenscheid zu bieten, das musst du doch wissen“. Der Mann legt seine Zeitung auf die Knie, sein leerer Blick wandert nach oben zum Gardinenbrett, als er sagt: „In Lünsche, so sagen die Westfalen, hat Graf Zeppelin seine Luftschiffe bauen lassen, viel mehr weiß ich auch nicht. Ja, da gibt es auch noch eine Fußgängerzone mit Läden und einen Italiener, da war ich mal Pizza essen, eine Stadt eben, wie überall mit Kino und Rathaus und so“. Und dann stelle ich mir weiter vor, wie sie an einem sonnigen Morgen aufbrechen mit Butterbroten in Frischhaltefolie, hart gekochten Eiern und einer großen Thermosflasche mit einem Heißgetränk und einer Plastikdose mit Apfelspalten. Alles ordentlich sortiert in der alten, blauen Kühltasche mit Lillifee auf der einen und mit der Eisprinzessin Elsa auf der anderen Seite. Die Frau ist in großer Vorfreude, der Mann lässt sich nichts anmerken, dass er sauer ins Sauerland fährt, weil er das Fußballspiel von Schalke Null Fünf heute Nachmittag nicht im Fernsehen verfolgen kann und konzentriert sich auf die stark befahrene Strecke, auf der an diesem Morgen nur Idioten unterwegs sind, wie er feststellt. Sie fahren durch und machen keine Rast in Halver. Die Frau holt auf der Fahrt eine Klappstulle mit Pfeffermettwurst aus der Frischhaltefolie und reicht sie dem Mann. Bei Apfelspalten winkt er genervt ab. Für sich schält sie ein extrem hart gekochtes Ei. Der Dotter ist olivgrün und krümelig. Zusammen mit dem Dottergelb sieht es so schön aus, dass sie heimlich in Erwägung zieht, sich in den Farben ein Paar Stulpen für den Winter zu stricken. Steif gesessen kommen sie in Lüdenscheid an. Die Adresse stimmt noch. Das Navi hat sie ohne Schwierigkeiten hingeführt. Natürlich ist die Frau jetzt noch viel aufgeregter, als noch vor einer halben Stunde und zieht noch mal ihre Lippen mit dem kussechten, blutroten Lippenstift nach. Sie nehmen die erste Parklücke und gehen den Rest zu Fuß. Ihre Augen suchen die Häuser nach der Hausnummer ab. Und dann stehen sie vor der Tür eines vierstöckigen, altrosa Mietshauses in einer öden Straße. „Hier ist nicht ein Baum“, stellt die Frau mit heruntergezogenen Mundwinkeln fest und schaut skeptisch nach rechts und nach links. „Wie die wohnen, das hätte ich nicht gedacht“, flüstert sie gedehnt und abwertend. „Psscht“, raunt der Mann. Und sie erinnert sich noch ganz genau an die wahnsinnig lustigen und netten Leute in ihrem Urlaub auf Sylt, als wäre es erst gestern gewesen. Die wollten eigentlich am FKK-Strand bleiben, einfach mal so ausprobieren und auch mal nahtlos braun werden, erzählte das Ehepaar ihnen, als sie am Eisstand aufeinander trafen und ins Gespräch kamen. Aber da waren ihnen dann doch zu viele Nackte, die nicht dezent auf ihren Wolldecken blieben, sondern herumhampelten, Rad schlugen, Federball spielten und so, wie sie das unangenehm berührt ausdrückten, als wäre das äußerst unanständig. Na, ja, entschuldigten sie sich, wir sind durchaus nicht prüde, aber wir haben es ja heute wieder hautnah erlebt. Die nehmen keinerlei Rücksicht, und jetzt reicht es! Wir, so unauffällig wie möglich unten auf dem Badelaken und die allesamt Splitterfasernackten schamlos an unserem Strandkorb vorbei oder davor, und wir dann auf Augenhöhe mit ihren Sachen, sie wissen schon, was wir meinen, das erträgt ja kein anständiger Mensch, ohne das einem übel wird und man die Lust verliert. Ab morgen sind wir da jedenfalls weg. Und ER! Jetzt nenne ich ihn auch wenigstens einmal Schmusi, weil es in diese Szenerie so gut passt. Also, ER, nicht ganz so breite Schultern, wie sie es bestimmt gern gehabt hätte und unten schmal wie ein Hering. Jedenfalls kein flotter Hecht. Ich denke mal, er ist Ende fünfzig, mit silbernem Brusthaar auf der von einer halben Woche leicht gebräunten Haut in einer viel zu knappen Badehose, in die er sich gezwängt hatte, die aber von ausgezeichneter Qualität war. Die muss schon verdammt alt gewesen sein, denn da war das Seepferdchen ordentlich von seiner Mutter aufgenäht und überhaupt noch nicht vom vielen Baden und Waschen ausgeblichen, sondern noch ganz deutlich zu erkennen. Auch bei steifer Brise hatte er wahnsinnig gute Laune, nicht wegen des Seepferdchens, sondern überhaupt immer. Sogar, als er an dem einzigen Regentag im Strandkorb nichts als diese alte, knappe Badehose trug, vermasselte ihm das nicht das großartige Gefühl von herrlicher, textiler Befreiung, obwohl er leicht fröstelte. „Meine Frau ist mein Hobby“, flötete er, wenn er auf seinem Frauchen, so nannte er sie zärtlich, großzügig die Sonnenmilch verteilte. Und SIE! So viel gesalbte Haut und so wenig Bikini in frechem grün, und so viel Gold an den Fingern, seit vorigem Tag auch noch mit in Silber gefasstem Bernstein um den Hals und als weiteres Kettchen bis runter ans rechte Fußgelenk. Und so ein spritziges Lächeln, das sie über Mund, Nase, bis rauf über die Wangen und die Stirn schickte, wenn ER nicht nur Lacherfolge bei den Damen einheimste, sondern auch von den Männern Beifall bekam. Dann räkelte sie sich behaglich auf dem kunterbunten Badelaken, stützte sich mit den Ellenbogen auf, sah aus der Sandflohperspektive zu seinen gebräunten und geölten, strammen Waden im Strandkorb und dachte, mit dem über Jahre gewachsenen, sicheren Urgefühl, das ist MEINER!
Pulsuz fraqment bitdi.