Kitabı oxu: «Wunder wird es hier keine geben»

Şrift:

Goran Ferčec

Wunder
wird es hier
keine geben

Roman

Aus dem Kroatischen übersetzt

von Mascha Dabić


Die Herausgabe dieses Werks wurde gefördert durch TRADUKI, ein literarisches Netzwerk, dem das Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten der Republik Österreich, das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland, die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, die Interessengemeinschaft Übersetzerinnen Übersetzer (Literaturhaus Wien) im Auftrag des Bundesministeriums für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport der Republik Österreich, das Goethe-Institut, die S. Fischer Stiftung, die Slowenische Buchagentur, das Ministerium für Kultur und Medien der Republik Kroatien, das Ressort Kultur der Regierung des Fürstentums Liechtenstein, die Kulturstiftung Liechtenstein, das Ministerium für Kultur der Republik Albanien, das Ministerium für Kultur und Information der Republik Serbien, das Ministerium für Kultur Rumäniens, das Ministerium für Kultur von Montenegro, die Leipziger Buchmesse, das Ministerium für Kultur der Republik Nordmazedonien und das Ministerium für Kultur der Republik Bulgarien angehören.


Die Originalausgabe ist 2011 unter dem Titel »Ovdje neće biti čuda« im Verlag Fraktura, Zagreb, erschienen.

© 2021 Residenz Verlag GmbH

Salzburg – Wien

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

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Alle Rechte, insbesondere das des auszugsweisen Abdrucks und das der fotomechanischen Wiedergabe, vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Boutiquebrutal.com

unter Verwendung einer Zeichnung von Siniša Ilić

Lektorat: Jessica Beer

ISBN Print 978 3 7017 1740 8

eISBN eBook 978 3 7017 4653 8

Alle machten Lärm; aber dann passierte etwas, das niemand erwartet hatte.

F. M. Dostojewski: Die Dämonen

Da hatte er sich das eine gemeinproletarische Haus ausgedacht, anstelle der alten Stadt, wo auch heute die Menschen noch hof- und zaunweise lebten. In einem Jahr wird die ganze örtliche Klasse des Proletariats die Kleinbezirksstadt verlassen und fürs Leben das monumentale neue Haus beziehen.

Andrej Platonow: Die Baugrube

Mein Vater hatte einen Sohn, in den große Hoffnungen gesetzt wurden. Für solch große Hoffnungen ist eine kleine Sorge nicht genug. Und lasst uns nicht in unserer Enttäuschung auf tragische Weise unglücklich werden. Das ist es nicht wert.

Knut Hamsun: Auf überwachsenen Pfaden

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

1

Bender denkt, er könnte alles, was passieren wird, auch falsch verstehen. Dann klingelt es. Bender macht ein paar Schritte, geht zur Tür und öffnet sie. Vor der Tür sieht er niemanden. Er steckt den Kopf durch die Tür und sucht mit Blicken den Flur ab. Die Lifttür schließt lautlos. Jemand ist in den Lift gestiegen. Bender macht einen Schritt aus der Wohnung. Der Mechanismus von Gewichten und Hebeln zieht einen Unbekannten hinunter. Bender spürt das Unbehagen einer Situation, in der die Positionen noch nicht klar definiert sind. Er bleibt vor der offenen Wohnungstür stehen und horcht auf Schritte, Stimmen und Geräusche, in denen er ein Zeichen zu finden hofft, dass all das hier auch ohne ihn so passieren würde. Er kann kein Zeichen finden, das ihn davon überzeugen könnte. Alles Weitere hängt nur von seiner Entscheidung ab. Wenn er in die Wohnung zurückgeht und die Tür hinter sich zumacht, wird der verfallene Flur, in dem der Stuck bröckelt, wieder leer und frei von Zeugen sein. Statt in die Wohnung zurückzukehren und die Situation zu beenden, schiebt Bender mit dem Fuß ein farbiges Flugblatt beiseite und rennt die Treppe hinunter, wobei er immer wieder mehrere Stufen überspringt. Mit der linken Hand hält er sich am Geländer fest, während er mit dem rechten Arm sein Gleichgewicht aufrechthält. Seine Absicht ist es, schneller als der Lift zu sein. Obwohl die Vertikale dafür sorgt, dass der Lift einen kürzeren Weg hat als der Mensch, ist Bender überzeugt, dass er noch vor dem Lift im Erdgeschoß ankommen wird. Bis zum dritten Stock sind es sieben Treppenläufe. Als er unten im Erdgeschoß ankommt, hat er das Gefühl, es waren weniger. Der Lift hält. Bender atmet ein. Die Spannung, in die er seinen eigenen Körper gebracht hat, erreicht einen Höhepunkt, als die Lifttür aufgeht und sich herausstellt, dass da niemand ist. Bender schaut auf sein Spiegelbild im Lift und springt hinein, eine Sekunde bevor die Tür wieder zugeht. Er drückt auf Nummer drei. Als sich die Lifttür wieder öffnet, befindet sich Bender in der Position, von der aus er gestartet ist. Er steigt aus dem Lift und steht vor seiner offenen Wohnungstür. Er könnte schwören, er hat die Tür zugemacht, bevor er sich auf die Jagd nach dem Unbekannten begeben hat. Er ertastet seinen Schlüssel in der Hosentasche. Mit der Hand stößt er die Tür weiter auf und betritt seine Wohnung. Alles sieht genauso aus wie vor ein paar Minuten. Zuerst schaut er hinter die Tür, in der Hoffnung, dass die Gefahr schon dort auf ihn warten wird. Hinter der Tür ist niemand. Er geht weiter durch die Wohnung wie durch eine soeben entdeckte Kolonie, die vom weißen Mann bedroht ist. Er überprüft jedes einzelne Zimmer, und bevor er beschließt, das Spiel zu beenden, ruft er mehrmals HALLO. Das Ausbleiben einer Antwort ermutigt ihn. Er geht zur Eingangstür und schließt sie, zieht sich die Schuhe aus und geht barfuß weiter. Seine Fußsohlen hinterlassen feuchte Flecken auf dem Boden und begleiten ihn bis in die Küche. Bender setzt sich an den Tisch. Die Küche ist voll von diffusen Stimmen, die durch das offene Fenster hereinkommen. Die Geräuschkulisse breitet sich in Wellen aus und trägt all das weg, was er bis jetzt für eine nicht zu hinterfragende Wahrheit gehalten hat. Aus der Küche ins Vorzimmer, aus dem Vorzimmer ins Zimmer, aus dem Zimmer wieder ins Vorzimmer, Wellen von Kinderstimmen, Hundegebell, Stimmen aus dem Radio, weinende Frauen, Geschirr, Schritte. Erneut hört er Schritte vor der Tür. Diesmal wartet er nicht, bis die Türglocke ihm wieder eine Überraschung bereitet, sondern steht auf und geht zur Wohnungstür. Von all dem, was fortgeschwemmt wurde, sind nur noch die Schritte im Stiegenhaus übriggeblieben. Diese Hartnäckigkeit bringt Bender zu der Überzeugung, dass es dieselben Schritte wie vorhin sein müssen, nur dass er sie zuvor nicht erwartet hat, während er jetzt bereit ist, sich mit ihnen zu konfrontieren. Eine metallische Männerstimme ertönt aus dem Lautsprecher des Radios in der Wohnung über Bender, fällt durch das offene Küchenfenster herein und bestimmt die exakte Stunde, Minute und Sekunde. Die genaue Uhrzeit holt Bender im Vorzimmer ein und bringt seine Absicht, sich unauffällig zu verhalten, ins Wanken. Bender hält mitten in einer Bewegung inne und wartet, dass die Stimme im Radio verstummt. Die Stimme des Radiosprechers ist jedoch weiterhin zu hören, das macht Benders Entschluss zur Konfrontation zunichte, und schließlich verkündet die gleiche Stimme eine Direktübertragung. Nach der Pause, die nötig ist, um die Übertragung technisch zu bewerkstelligen, wird die ganze Wohnung von einem liturgischen Gesang überschwemmt. Das Gebet bricht sich an den Wänden der Kathedrale und schießt wie ein Schrapnell in die Wände der Wohnung. Bender fragt sich, ob das Gebet, das aus dem Radio dringt, einen Zustand des erhöhten Risikos anzeigt. Er hält inne und wartet ab, ob aus dem Lautsprecher eine Explosion ertönt, aber nichts passiert. Der liturgische Gesang setzt sich fort und lässt Benders Schritte feierlich aussehen. Durch den Türspion sieht er einen Mann, der dasitzt, mit dem Rücken gegen die Tür der Nachbarwohnung gelehnt, und eine Zigarette raucht. Auf der Türschwelle der Wohnung hat der Mann eine kleine Decke zusammengerollt und sich daraus einen Sitz gebastelt, daneben hat er einen Aschenbecher hingestellt. Bender hat diesen Mann noch nie an der Türschwelle sitzen und rauchen gesehen. Das sieht er zum ersten Mal. Das Haar des Mannes ist schwarz, seine Haut ist von einer bräunlichen Farbnuance, die man nur einer anderen Rasse zuordnen kann. Bender hat den Mann schon mehrmals im Treppenhaus und im Lift getroffen. Zuerst gingen sie wortlos aneinander vorbei. Später begannen sie, einander zu grüßen, und dann trafen sie sich längere Zeit nicht mehr. Bender war zu dem Schluss gelangt, dass der türkische Nachbar weggezogen war. Sollte er nun Bender doch wieder grüßen, müssten sie sich verschämt und stolpernd in einer Sprache unterhalten, die niemals die ihre sein würde. Nur im wiederholten Stolpern kann die Kommunikation einen Sinn erhalten. Man müsste wieder neu anfangen. Ihn wieder fragen, wie er heißt. Jede weitere Frage würde durch die vorige gerechtfertigt sein. Wer hat die Türklingel betätigt? Für diese Frage müsste man das Terrain vorbereiten. Der Mann bläst Rauch aus, den die Zugluft durch die Risse in Benders Tür in seine Wohnung hereinweht. Bender versucht, unbemerkt zu bleiben, aber er drückt unvorsichtig mit den Händen gegen die Tür. Das Schloss widersetzt sich Benders Gewicht und klickt. Bender spürt, er ist nun aufgeflogen. Der Türke hebt den Kopf und schaut zuerst auf Benders Wohnungstür, dann richtet er seinen Blick auf den Türspion. Bender denkt, eine so subtile Reaktion auf eine kaum merkliche Veränderung muss entweder mit dem Beruf eines Menschen oder mit seiner Volkszugehörigkeit zusammenhängen. Das Gesicht des Mannes ist dunkler, als Bender es in Erinnerung hatte. Das Haar über der Stirn ist schütter geworden. Der Mann atmet den Zigarettenrauch tief ein und in kurzen Stößen aus. Bender betrachtet ihn durch den Türspion und ist sich bewusst, dass der Türke das weiß. Der Türke, der an seine Position als Fremdkörper gewöhnt ist, gibt sein Einverständnis dazu, beobachtet zu werden. Bender hält seine Position des Unsichtbaren aufrecht, eingedenk der Tatsache, dass die geschlossene Tür ihn schützt. Der Türke steht auf, nähert sich Benders Tür und buchstabiert den Nachnamen auf dem Türschild. Bender sieht, wie die Lippen des Mannes sich bewegen und jeden einzelnen Laut formen. Der Türke legt den Kopf schief, als könnte ihm ein veränderter Blickwinkel aufzeigen, was der Name an der Tür bedeutet. Dann nähert er sich dem Guckloch noch mehr und schaut tief in Benders Iris hinein. Bender bleibt reglos stehen. Der Türke entfernt sich von der Tür und buchstabiert den Namen noch einmal. Eigentlich würde Bender am liebsten die Tür aufmachen und sagen, dass er das nicht ist, dass in seinem Fall der Name an der Tür nicht denjenigen bezeichnet, der mit einem Türschild üblicherweise bezeichnet wird. Wenn er könnte, würde er die Tür aufmachen und mit der Hand auf das Türschild mit dem Nachnamen zeigen und dann mehrmals sagen, er sei nicht derjenige. Das bin nicht ich. Der weiße Körper der Zigarette nähert sich seinem Ende, der Filter ist schon nah, es ist wenig Zeit geblieben. Einen Augenblick, bevor Bender endgültig beschließt, die Tür aufzumachen, lacht der Türke in seinen Bart hinein und drückt die zu Ende gebrannte Zigarette an dem Glas des Türspions aus. Diese unerwartete Geste lässt Bender in die Wirklichkeit zurückkehren, etwas, was ihm bis zu diesem Augenblick gefehlt hatte. Der Türke entfernt sich von der Tür und wirft die Kippe durch das offene Fenster. Bender glaubt zu hören, wie der Filter auf die Metalloberfläche des Vordachs fällt, abprallt und schließlich auf dem Asphaltboden des Innenhofs landet. Das, was soeben passiert ist, fasst Bender als Rache für etwas auf, das sie beide schon vergessen haben. Die Schultern des Türken entfernen sich aus dem Sichtfeld des Gucklochs und verschwinden hinter der Tür der Nachbarwohnung. Ruhe kehrt ein. Bender bleibt noch eine Zeitlang erwartungsvoll stehen, dann kommt ihm ein Gedanke, der ihn wie ein plötzlicher Schlag von der Tür wegstößt. Bender wiederholt den Gedanken. Er führt mehrere Variationen zu dem Thema aus, wobei er den Satz seinem Sinn anzupassen versucht, dann reißt sich die ganze Konstruktion von allen anderen Sätzen los und erklingt in ihrer Unausgesprochenheit wie eine Drohung. So soll man nicht denken. Bender richtet seine Gedanken auf etwas anderes. Er dreht den Schlüssel im Schloss um, bis die Tür versperrt ist, und diese Geste erscheint ihm komisch. Dann bringt er den Schlüssel wieder zurück in die Position, in der die Tür nicht versperrt ist, und entfernt sich, wobei er die Beschreibung dessen, was passiert ist, so wiederholt, als würde er etwas beschreiben, von dem er nicht ganz überzeugt ist oder für das er keine stichhaltigen Beweise liefern kann. Bender kehrt in die Küche zurück. In seinem Kopf stellt er eine Erklärung zusammen. In den letzten Tagen hat eine unbekannte Person gehäuft auf die Türklingel neben der Tür 3a gedrückt, wobei der Bewohner, wenn er die Tür aufmachte, niemanden vorfand. Obwohl der Bewohner selbst ein Migrant ist, schöpft er den Verdacht, dass Migrantenkinder sich einen Spaß mit ihm erlauben, aber für diesen Verdacht hat er keinerlei Beweise, also ist es unmöglich, den genannten Subjekten die volle Verantwortung zuzuschreiben. Die genannten Subjekte gehen den ganzen Tag lang die Straße auf und ab und suchen einen Platz, um Unfug zu treiben, oder aber sie sitzen auf der niedrigen Mauer, die den Park umgibt, und rauchen. Der Bewohner der Wohnung 3a schaut ihnen manchmal vom Fenster zu. Der Bewohner der Wohnung 3a beschreibt das besagte Klingeln an seiner Tür als eine Unannehmlichkeit, aber nicht mehr als das. Er fühlt sich weder unsicher, noch hat er das Gefühl, dass ihm irgendjemand vermitteln will, er sei nicht willkommen. Man hat ihm gesagt, hier sei Platz für jeden. In seinem Kopf setzt er eine völlig unleserliche Unterschrift unter das imaginäre Protokoll. Er spürt Übelkeit. Die Übelkeit ist die Folge seiner schlechten Angewohnheit, jeden Morgen eine große Menge Kaffee auf nüchternen Magen zu trinken. Alles, was er später in den Mund nimmt, führt dazu, dass das schwarze Loch mitten in seinem Magen nur größer wird. Das Loch ist größer als der Magen und droht, größer als der gesamte Körper zu werden. Er ist überzeugt, dieses Loch unter Kontrolle zu haben, obwohl das Loch so angeboren ist wie Augenfarbe oder Kahlköpfigkeit. Es gibt Methoden, um die Übelkeit erträglich zu machen. Manchmal hilft ein Glas Wasser, manchmal hilft gar nichts. Heute wird vermutlich nichts helfen. Er ist viel zu schnell die Treppe hinuntergelaufen. Häufig überschätzt er seine Möglichkeiten. Das liegt an der Resignation, die sich wiederum aus seinem Unterlegenheitsgefühl ableitet. Er wird seine Symptome ignorieren, um sich Spaghetti mit Sauce Bolognese zubereiten zu können. Der größte Topf ist für die Spaghetti, der etwas kleinere für die Sauce. Alles ist schon halb fertig. Jedes Mal, wenn er ein Glas mit der fertigen Sauce in die Hand nimmt, macht ihn die Größe der Packung wütend. In der Ökonomie des Handels existieren Alleinstehende nicht als Zielgruppe. Ihre Bedürfnisse werden in die Bedürfnisse von mindestens zwei oder höchstens vier Personen eingerechnet. Bender schließt daraus, dass die Gesellschaft zu langsam ist, öffnet das Glas und schüttet die Hälfte des Inhalts in den Metalltopf. Er wird nicht überleben, wenn er nicht lernt zu improvisieren. Die Improvisation dauert weniger als eine Viertelstunde. Die Zeit, die in die Zubereitung der Mahlzeit investiert wurde, ist nicht proportional zu dem, was serviert wird. Das Produkt ist immer besser als die Menge der investierten Zeit. Er setzt sich mit dem Rücken zum Fenster und beginnt zu essen. Außer dem, was auf seinem Teller ist, hat nichts einen eigenen Geruch. Obwohl Bender schon seit Jahren allein lebt, isst er nicht wie ein Schwein, er benützt noch immer Löffel, Gabel und Messer, noch immer isst er nicht vom Boden. Allerdings isst er manchmal gar nicht. Kaum hat er zu essen begonnen, hört er wieder Schritte im Stiegenhaus. Er beschließt, dass das Schritte sind, vor denen man am besten weglaufen sollte, fährt aber dennoch fort mit dem, was er gerade tut, schiebt sich das Essen in den Mund, kaut und schluckt. Er dreht den Kopf und horcht. Die Schritte verraten nichts über die Person, die die Treppen hinaufsteigt. Weder ihr Alter noch ihr Geschlecht, noch ihr Gewicht. Das Einzige, was die Schritte verraten, ist, dass derjenige, der hinaufsteigt, seine Schritte absichtlich verlangsamt, je näher er Benders Wohnungstür kommt. Das ruft Nervosität hervor. Bender schaut sich um. Seine Wohnung könnte einen nicht angekündigten Besucher empfangen. Die Putzfrau war erst gestern da. Die Farbeimer müsste man in den Keller bringen. Das Flügelgeflatter der Tauben, die sich auf dem Balkon paaren, übertönt die Schritte, aber als die Tauben sich wieder beruhigen, sind die Schritte nicht mehr zu hören. Bender fällt ein, dass er ja jederzeit so tun könnte, als wäre er nicht da. Den Atem anhalten und an der Stelle, wo der Parkettboden am wenigsten knarrt, stillhalten. Bender entspannt seinen Körper und entlässt die Luft aus der Lunge, aber er tut es zu früh. Der Angriff erfolgt aus beiden Richtungen gleichzeitig. Die Türklingel ertönt im selben Augenblick wie das Läuten des Telefons. Bender geht zur Tür und ignoriert das Läuten, aber dann dreht er doch um und geht zum Telefon. Er wischt sich mit der Hand über den Mund, bevor er den Hörer abhebt. Sein abgewischter Mund grüßt ins Leere. Auf der anderen Seite ist Stille. Bender fordert die Stille mehrmals heraus, bekommt jedoch keine Antwort. Er ist zu alt, um an einen Zufall zu glauben. Er legt den Hörer auf, die Schritte im Flur setzen sich wieder in Bewegung und steigen weiter hinauf, zu den höheren Stockwerken. Bender akzeptiert die Schritte wie ein unvermeidliches Echo eines Lebens, das sich parallel zu seinem abspielt, und kehrt in die Küche zurück.

2

Er schlief und träumte in Farben. Der Traum duftete nach zerbröselter Erde und Angst. Im Traum trägt er einen Pyjama, er ist einer sommerlichen Nachmittagshitze ausgeliefert, er sitzt im hinteren Teil eines offenen Militär-Jeeps, neben ihm zwei Typen in Uniform. Sie bringen ihn irgendwohin, er kann die Landschaft nicht erkennen. Die Männer haben ihm nichts gesagt, er weiß gar nicht, wie er hier gelandet ist. Er denkt, das könnte ein schmerzloses Ende seiner Reise sein. Die untergehende Sonne brennt auf seinen Rücken. Er muss weglaufen, aber die Wächter halten ihn fest. Sie führen ihn ins Unbekannte. Er ist überzeugt, dass er nicht viel tun kann, um sich zu retten, aber der Traum ist auf seiner Seite, und so muss einer von den beiden Typen, der rechte, seine Blase entleeren. Das Fahrzeug hält an. Das ist die Gelegenheit, die er ausnützen muss. Er schlägt dem linken, tollpatschigeren Wächter auf den Kopf, mit einer Kraft, die nur in Träumen existiert. Der Wächter fällt tot um. Er selbst läuft in ein weiches Gestrüpp, das am Straßenrand wächst, und fällt hin, dann rollt er über die Blätter wie über Wasser. Er lacht, weil genug Licht da ist, dass er seine Hände sehen kann, und wenn es Licht gibt, dann ist auch die Rettung nah. Er springt auf, läuft auf die leere Straße hinaus, schnurstracks den beiden Männern, vor denen er davongelaufen ist, in die Arme. Der rechte, der seine Blase entleert hat, fasst ihn am rechten Unterarm, der linke, lebendig und unverletzt, am linken. Sie zwingen ihn, wieder in den Jeep einzusteigen, und fahren weiter. Er wendet sich an sie und sagt, er glaube, vor ihnen sei schon jemand auf diesem Weg gegangen. Die beiden schweigen zunächst, dann unterhalten sie sich miteinander in einer Sprache, die er erkennt, jedoch nicht versteht. Die stumpfen Sätze, die er aufschnappt, während der Wind in seinen Ohren rauscht, lassen ihn schlussfolgern, dass die Männer ihn an den Ort seines Anfangs führen. Ganz leise, wie ein Kind, das sich mit Unterwürfigkeit Schokolade erschleichen möchte, beginnt er zu bitten, sie mögen ihn freilassen. Und sie lassen ihn frei. Er steht auf der Straße, schaut zu, wie der Jeep weiterfährt, und sieht sich selbst, wie er zwischen den beiden Typen sitzt. Ein anderes Ich. Er dreht sich um, um dorthin zu gehen, wo er herkommt. Er sieht riesige Buchstaben auf einer Werbefläche, durch die die Sonne scheint. Im Kopf reiht er einen Buchstaben an den anderen. AIVALSOGUY. Er steht auf der falschen Seite. Man hat ihn zurückgebracht. Dann wacht er auf. Es ist schon wieder passiert. Es beginnt in den Fingerspitzen und steigt allmählich hinauf in die Schultern. Eine Lähmung, wie wenn man die eigenen Glieder vernachlässigt und die halbe Nacht mit den Armen unter dem Oberkörper geschlafen hat. Er hat es schon vergessen und gedacht, es würde nicht wieder vorkommen. Seiner eigenen Erfahrung nach wiederholt sich jeder Zustand und dauert eine bestimmte Zeit lang. Jetzt ist es wieder soweit. Beim ersten Mal hat er Angst verspürt. Jetzt ist es ihm egal. Er ist wütend auf die Fähigkeit seines Körpers, Signale zu wiederholen, die unzweideutig darauf hinweisen, dass das, was war, jetzt nicht mehr ist. Wenn etwas verschwindet, dann sollte es nicht mehr sein. Sein Körper signalisiert, dass die Häufigkeit eines Symptoms nichts mit seinem geistigen Willen zu tun hat. Er versucht, seinen Körper zu drehen, als gäbe es keine Kraft, die ihn festhält, an das Bett drückt. Er liegt auf dem Bauch, die Beine gespreizt, den Kopf zur Seite gedreht. Das Bett übernimmt seine Körperwärme. Er würde sich gerne von der Bettoberfläche abstoßen und auf den Füßen landen, so geschickt, als lenkte der Wille eines unsichtbaren Puppenspielers seinen Körper, als wären seine Hand- und Fußgelenke mit dünnen, unsichtbaren Fäden irgendwo befestigt. Das würde bestätigen, dass der Verzicht auf den eigenen Willen endlich Früchte getragen hat. In der Tat gibt es weniger Willensstärke in seinem Geist, und auch sein Körper ist träger als noch vor fünf oder zehn Jahren. Daraus folgert er, dass das gesamte philosophische Denken des Westens zwar gute Gründe hat, das eine mit dem anderen verbinden zu wollen, aber er selbst weiß davon nicht mehr als das, was er bislang aus seinem eigenen gespaltenen Wesen erfahren hat. Mit der linken Hand versucht er, die Finger der rechten Hand aufzuwärmen. Die Angst hat ihn dazu getrieben, sich zu berühren. Sonst würde er das nicht tun. Er vermeidet es tunlichst, seine eigenen Hände zufällig zu berühren. Er meidet Momente, in denen der Körper sich mit sich selbst beschäftigt und sich in seiner Selbstgenügsamkeit zeigt. Immer schon erschauerte er davor, wie einfach es ist, mit der Hand sein eigenes Knie zu umfassen und zu massieren, oder davor, wie schnell seine Hände in der Lage sind, die Finger miteinander zu verflechten, ein perfektes Fischgrätenmuster zu bilden und damit Wärme zu speichern. Es fällt ihm schwer, die Symmetrie des menschlichen Körpers zu ertragen. Des eigenen langweiligen Körpers. Eines langweiligen Körpers, der seinen eigenen Willen durchsetzen will. Er bewegt seine Finger, als würde er einen unsichtbaren Gummiball kneten, und streckt seine Hand wie zum Protest in die Luft. Die Nervosität lässt seinen Hinterkopf brennen. Er hat den Nachmittag verschlafen. Er hebt seinen Oberkörper an und setzt die Füße auf dem Boden ab. Es ist am sichersten, die Stunden, die unmittelbar auf den Schlaf folgen, am Bettrand zu beginnen. Durch das Doppelfenster mit Betonrahmen dringt das Nachmittagslicht, dermaßen verdünnt, dass man sich am Geiz dieses Lichts gar nicht sattsehen kann. Das äußere Glas, überzogen von der Gravur, die das inzwischen getrocknete Regenwasser hinterlassen hat, sieht aus wie ein kleines Kirchenfenster für den Hausgebrauch, für einen einzigen Gläubigen. Wenn er lange genug das Glas betrachtet, dann sieht jeder zufällige Fleck irgendwann wie eine Erscheinung Gottes aus. Vielleicht fehlt Gott ein Auge. Vielleicht fehlt ihm ein Finger, aber wenn Gott den Menschen nach seinem eigenen Bild geschaffen hat, dann kann der Mensch das Antlitz Gottes auch seinem eigenen Ebenbild anpassen. Bender hebt seinen Hintern vom Bett, um einen Furz zu befreien. Die Abenddämmerung bricht allmählich herein. Er steht auf. Das Gleichgewicht im Kopf verliert sein Verhältnis zur Welt und löst eine übermäßige Ansammlung von Spucke im Mund aus. Die Spucke schmiert die Speiseröhre, um das Essen leichter aus dem Magen zurückzutransportieren. Die Säure schießt in seinen Kopf, und Bender rast zur Toilette. Mit geschlossenen Augen speit er das Essen aus und spürt den Geruch der Säure. Er öffnet die Augen. In der Toilette ist es dunkel. Er drückt auf den Schalter. Das monotone Vibrieren des Ventilators setzt sich in Gang, und im Licht von fünfundvierzig Watt erwacht ein Fleck zum Leben, der aussieht wie die Spaghetti auf dem Bild I LOVE YOU WITH MY FORD von James Rosenquist aus dem Jahr neunzehnhunderteinundsechzig. Bender hat vergessen, den Klodeckel hochzuheben. Rosenquists Bild ist horizontal geteilt und zeigt drei ganz unterschiedliche Motive, aber während Bender über dem eigenen Erbrochenen steht, kann er sich nicht erinnern, was in der oberen Hälfte von Rosenquists Werk zu sehen ist. Das Einzige, woran er sich erinnern kann, sind die leuchtenden Spaghetti in roter Sauce in der unteren Hälfte des Bilds. Spaghetti, die einigermaßen lebendig aussehen, so wie die Spaghetti, die er in diesem Moment sieht. Irgendetwas von alldem muss doch eine Bedeutung haben, entweder Rosenquists Illusion oder diese Realität hier. Der Fußboden im Vorzimmer ist kalt. Auf Zehenspitzen geht er ins Bad. Er hebt den Kopf und schaut in den Spiegel. Die getrocknete Spur des verdauten Essens auf seiner Oberlippe lässt ihn für einen Moment an eine Hasenschnauze denken. Er dreht das Wasser auf und wäscht sich mit den Fingern das Essen aus dem Gesicht. Er schaut noch einmal hin. Unter dem Waschbecken zieht er einen Putzlappen hervor. Dann nimmt er einen gelben Eimer, füllt Wasser ein und geht zurück zur Toilette. An der Tür bleibt er stehen. Sein Mund füllt sich mit Spucke. Der Ekel im Mund ruft die gleiche Reaktion hervor wie Hunger. Wenn er es nicht schafft, an etwas anderes zu denken, wird er sich noch einmal übergeben müssen. Während er mit dem Putzlappen die ausgespienen Essensreste einsammelt, fällt ihm wieder ein, was in der oberen Hälfte von Rosenquists Bild zu sehen ist. Ganz oben die Vorderansicht eines Ford-Modells aus den Sechzigern, darunter die Seitenansicht eines Frauenkopfs im Zustand der melancholischen Geistesabwesenheit. Er übertreibt. Die Sechziger ertragen nur das Konkrete. Nur das Buchstäbliche. Das Frauenprofil auf dem Bild liebt seinen Ford, und das Unbewusste beschwört Spaghetti herauf. Der Putzlappen hat eine hohe Saugkraft. In nur zwei Zügen gelingt es Bender, die gesamte Unordnung, die er angerichtet hat, wieder einzusammeln. Im Wasser aufgelöst, verströmt die Unordnung keinen Geruch mehr. Das Wasser neutralisiert sowohl die Gerüche als auch die Inhalte. Die substanzlose Mischung im Eimer ist bloß Wasser mit den Resten von etwas, das aussieht, als würde es von einem Menschen stammen. Durchsichtig und namenlos. Vielleicht ein wenig salzig. Konkretisieren lässt es sich nur durch eine unendlich lange Beschreibung oder durch dreistündiges Kochen. Wie Knochen. Aber warum sollte man sich abmühen für etwas, das ohnehin in der nächsten Sekunde in der Klomuschel enden wird? Er hebt den Eimer vom Boden, vermischt den Inhalt durch Kreisbewegungen und schüttet alles in die Klomuschel. Er betätigt die Spülung und lässt dreizehn Liter Wasser hinunter, wodurch die restlichen Bilder aus dem Traum ebenfalls hinuntergespült werden. In zehn Sekunden werden die Überreste des Traums schon im Untergrund sein. Er erinnert sich an den Traum. Was sagt ihm der Traum über das Leben? Nichts. Er bringt den Eimer zurück zu seinem Platz unter dem Waschbecken. Er wäscht den Putzlappen in der Badewanne, und während er versucht, ihn zum Trocknen auseinanderzuziehen, läutet das Telefon im Wohnzimmer. Er wirft den Putzlappen achtlos in die Badewanne und trocknet sich die Hände am Hemd ab. Er läuft und tritt mit bloßen Füßen auf den Boden, und kurz bevor er in das Zimmer kommt, in dem das Telefon läutet, spürt er, wie sich etwas Spitzes in den weichen Bogen seiner Fußsohle bohrt. Er konstruiert einen Fluch aus Wut, Schmerz und Überraschung. Er wiederholt ihn und humpelt auf dem linken Fuß zum Telefon. Während er sich über den plärrenden Apparat beugt, spürt er, wie die Neugier ihn verlässt. Es genügt, nur einen Augenblick lang nachzudenken; am anderen Ende der Leitung kann niemand sein, mit dem er gerne sprechen möchte. Das Telefon läutet hartnäckig noch etwa dreißig Sekunden lang, dann verstummt es. Bender bleibt lange genug aufrecht in seiner verletzten Haltung stehen, um die Wut vom anderen Ende der Leitung zu besänftigen. Er wartet, bis das Läuten ganz aus seinem Bewusstsein verschwunden ist, dann zieht er den Stuhl heran und setzt sich hin. Er hebt den Fuß. Der Fuß blutet. Die Wunde auf der Fußsohle sieht aus wie jene, die beim Heiligen Thomas Verdacht erregt hatte. Wenn Bender seine Zehen bewegt, weitet und verengt sich die Wunde. Er berührt sie leicht mit der Spitze seines Zeigefingers. Er spürt überhaupt keinen Schmerz. Das ist ein Memento aus der Ferne, eine Warnung, die ihm diejenigen schicken, die noch immer glauben, ihn zu lieben. Er steht langsam auf. Sich nur auf die Ferse stützend, humpelt er zu dem Gegenstand, der auf seinem Weg gelegen hat, und hinterlässt dabei kleine Stempel aus Blut. Im Vorzimmer ist es halbdunkel wie in einem Übergangsraum. Er kann das Stück Plastik auf dem Boden kaum erkennen. Er schaltet das Licht ein. Auf dem Boden liegt ein kleiner Mann aus Plastik, der trotzig seine Arme ausgebreitet hat. Im ersten Moment erkennt er die Warnung nicht. Ein Stück Unbekanntes. Bender bückt sich. Er versucht, in die Hocke zu gehen, aber der Schmerz in der Fußsohle zwingt ihn dazu, sich auf den rechten Fuß unter seinem Hintern zu setzen. Er nimmt das Stück Plastik in die Hand. Er hält es näher ans Gesicht und schaut genau. Das Männlein ist keine zwanzig Zentimeter groß. Es ist so genau gearbeitet, dass Bender für einen Moment scheint, als würde es aus eigenem Willen seine Glieder bewegen. Die kleine schmutzige Hand ist zu einer masturbationsartigen Faust geballt und hält den Griff des Schwerts fest, das Bender die Haut durchbohrt hat. Mit den Fingern fasst Bender die Plastikhand und versucht, sie am Körper der Figur entlang hinunterzudrücken. Doch wie er es auch anstellt, die Hand kehrt in ihre ursprüngliche Position zurück. Bender verliert die Geduld und biegt die Faust selbst in ihre kriegerische Stellung. Ihm wird klar, dass er eine Sünde begeht, aber da ist es schon zu spät. Die Hand des Kriegers bleibt zwischen Benders Daumen und Zeigefinger zurück, wie ein abgerissenes Insektenbeinchen. Ein Krieger ohne Hand. Kein Blut. Keine Adern, Muskeln oder Sehnen. Bender versucht, den abgerissenen Körperteil wieder anzubringen. Für einige Sekunden ist alles wieder beim Alten, dann fällt die Hand des Kriegers von allein wieder ab. Niederlage. Die Hand hat doch nur versucht, sich selbst zu verteidigen. Sie hat Benders Fußsohle eine Wunde zugefügt und ist umgekommen. Es ist seine Schuld. Bender gerät in Panik. Die kleine Figur von Viggo Mortensen aus dem Herrn der Ringe hat nun ihre Hand verloren. Bender hat Aragorn mit einem einzigen Auftreten seines Fußes besiegt. Jemand wird ihn dafür zur Rechenschaft ziehen. Die Putzfrau hatte gestern ihr Kind dabei. Das Kind nimmt sein Spielzeug, den Krieger, überallhin mit. Das Kind hat das Spielzeug auf dem Boden liegen gelassen, um sicher zu gehen, dass es wieder in die Wohnung zurückkommen wird. Das ist eine mögliche Erklärung, warum der Spielzeug-Krieger auf dem Boden im Vorzimmer gelegen ist. Bender muss einen Weg finden, der Putzfrau und ihrem Kind zu erklären, dass er das, was er getan hat, nicht mit Absicht gemacht hat. Er steht auf, indem er sich auf seine linke Hand stützt, als hätte er soeben einen Weitsprung absolviert und seine Sporthose wäre voller Sand. Er klopft sich mit den Händen auf den Hintern. Dann schaut er auf die Wanduhr über dem Spiegel im Vorzimmer. Er wird hinausgehen und einen neuen Krieger kaufen müssen. Um einen Fehler wiedergutzumachen, bleibt einem immer zu wenig Zeit. Er darf es nur nicht vergessen. Bender merkt sich den Stand der Uhrzeiger. Dann schaut er auf den Spiegel unter der Wanduhr. Das hätte er nicht tun sollen. Das Fehlen der Brille führt dazu, dass er sich im ersten Moment gar nicht erkennt. Direkt vor sich sieht er sein Bild im großen Spiegel. Er sieht aus wie ein Idiot. Alles ist schief oder zu weit nach rechts oder nach unten verschoben. Es gibt keinen einzigen sicheren Punkt, den er als seinen eigenen erkennen könnte. Er löst sich auf wie eine Spiegelung im Wasser. Das zerrissene Hemd, das er ausziehen sollte, überdeckt die ausgewaschene Unterhose. Ein zu hoher Haaransatz, zerzaustes Haar, winzige Augen, ein schmales ausdrucksloses Gesicht wie aus Marmor. Jean-Luc Godard. Er sieht aus wie Jean-Luc Godard. Er greift nach einer Zigarette und steckt sie sich in den Mund. Er hebt die Hände und versucht, Godards Skalp vom eigenen Kopf zu entfernen. Er zieht das Haar in die Stirn runter. Noch schlimmer. Dann streicht er sich das Haar mit einer verschwitzten Handfläche zur Seite. So ist es schon besser. Aber der Franzose, der sich hierher verirrt hat, steht noch immer in seinem Spiegelbild und grinst ihn an. Bender denkt nicht daran, sich auch noch eine Brille aufzusetzen. Das wäre eine Kapitulation vor dem eigenen Spiegelbild. In einer Ecke des Spiegels erblickt er die verstümmelte Plastikfigur und begreift, dass er verloren hat. Kapituliert vor Aragorn und Godard. Um weitermachen zu können, ist er gezwungen, die verwischte Erscheinung im Spiegel aus dem Gedächtnis zusammenzusetzen. Er streicht sich mit der Hand durch das schüttere Haar und stellt fest, dass es am besten wäre, sich die Haare ganz abzurasieren. Er wendet seinen Körper nach links, um in die Küche zu gehen. Einige Schritte lang bleibt sein Spiegelbild noch stehen, es ist identisch mit seinem physischen Wesen, ein Körper im weißen Hemd mit einer weißen schlabbrigen Unterhose. Er sieht es nicht, weiß aber, dass hinter seinem Rücken seltsame Dinge passieren. Jemand hat Milch über den Küchentisch verschüttet und sie stehen gelassen, damit sie sauer wird. Die Welt hat sich verlangsamt, die Dimensionen haben sich vermischt. Diesen letzten Gedanken überprüft er, indem er den Finger in den Marmorkuchen steckt, den er, ohne nachzudenken, für einen solchen Nachmittag gekauft hat. Eine weitere unnötige Geste der Aufmerksamkeit sich selbst gegenüber. Unter der Oberfläche ist der Kuchen ganz gesund. Bevor Bender hierher kam, wusste er gar nicht, was ein Marmorkuchen überhaupt ist. Er hätte nicht laut sagen sollen, dass er sein ganzes Leben lang ausgerechnet einen Marmorkuchen kosten wollte, auch wenn es die Wahrheit war. Doch leider nehmen die Leute manche Wahrheiten durchaus wörtlich und reagieren dann direkt darauf. Die Leute erzählten ihm also alles über die Zubereitung von Marmorkuchen und über deren ethnischnationalen Zusammenhang. Mehrmals. Damit er ja nicht vergessen möge, wo er gelandet ist und woher er kommt. Er kann den Marmorkuchen nicht mehr loswerden. Der Marmorkuchen als Ersatz für alles, was fehlte. Marmorkuchen als Grund für seine Ankunft hier. Marmorkuchen für die Augenblicke seiner Einsamkeit. Marmorkuchen, um das Bewusstsein über seine Herkunft in seinem Inneren zu versenken. Er könnte zurückkehren, und sei es nur, um dem Marmorkuchen zu entfliehen. Er setzt sich auf den Stuhl, so bequem wie möglich, ohne ihn unter dem Tisch hervorziehen zu müssen. Die Stuhllehne bohrt sich in seinen Rücken wie eine falsch gewachsene Rippe. Er bricht ein Stück Marmorkuchen ab und legt es sich in den Mund, wobei er den Kopf zurückwirft. Ein paar Krumen fallen ihm auf die Brust und bleiben zwischen seinen Brusthaaren hängen. Dass es keine einfache Methode gibt, um die Krumen aus den Haaren zu entfernen, ruft bei Bender eine überbordende Bedrücktheit hervor sowie eine Verachtung aller Dinge, die eine Tendenz aufweisen, Krumen zu bilden. Er putzt seine Brust mit der Hand und wirft die Krumen zu Boden. Als er vor fünfzehn Jahren flüchtete, musste er einen Zufluchtsort finden, selbst wenn er dort für immer hätte bleiben müssen. Jetzt hat er keine andere Sicherheit außer der Tatsache, dass es in seiner Wohnung, obwohl noch Sommer ist, kalt geworden ist. Er steht auf, reibt sich die Hände und geht, den Schmerz auf der Fußsohle vergessend, als ob nichts, rein gar nichts Enttäuschendes passiert wäre, zum Fenster und schließt es. Die einzige Hoffnung, die noch nachhallt, als die Stimmen nicht mehr von der Straße hereinkommen, ist in seinem Kopf. Die Hoffnung ist immer ein Wunsch, der sich in eine Frage verwandelt. Während er die Stirn gegen das Glas lehnt, leuchtet die Frage in seinem Kopf wie eine Neonreklame. DAS ZUCKEN, DIE LÄHMUNG IM RÜCKEN, DIE ER IM NACHMITTÄGLICHEN TRAUM GESPÜRT HAT, HAT DIESE LÄHMUNG EINEN NAMEN?

3

Bender hockt da und sammelt Haare vom Boden auf. Als er seinen kahlrasierten Kopf berührt, wandern seine Gedanken in die falsche Richtung. Er hätte das schon vor langer Zeit tun sollen. Er steht auf und trägt das abgeschnittene Haar zum Mülleimer. Während er seine Hände säubert, erscheint ihm das Haar wie lebendig. In der halbdunklen Wohnung gibt es genug Nachmittagslicht, um Lebendiges von Nichtlebendigem zu unterscheiden. Er pustet in die Handflächen, dann beschließt er, Hose und T-Shirt zu suchen. Seine ganze Kleidung sieht gleich aus. Das erleichtert die Auswahl. Die schwarze Hose trägt er schon seit Tagen. Es gibt niemanden, der ihn dazu bringen könnte, Kleidung in die Schmutzwäsche zu tun. Eine Hose, ewig und steif wie eine Mönchskutte. Die Hose gilt es zu verschleißen, um zu sehen, wie lange sie seinen Zweifeln standhalten kann. Er zieht den Gürtel zu. Schon ist ihm wärmer. Das Blut fließt wieder durch seine Adern. Als er sich das T-Shirt über den rasierten Kopf zieht, ist er froh, dass die Geste, sich mit der Hand durchs Haar zu fahren, keinen Sinn mehr hat. Er sieht sich im Spiegel an. Seine Kleidung wirkt nicht luxuriöser, als sie aussieht, wenn sie im Schlafzimmer über der Stuhllehne hängt. Einen Augenblick lang erscheint er sich selbst zufrieden, wie er da so mitten im Zimmer steht und sich über die Haut an den Oberschenkeln fährt, durch den ausgedünnten Stoff der Hosentaschen hindurch. Er ist noch immer in der Lage, Annehmlichkeiten zu spüren. In seine linke Hosentasche legt er eine Zigarettenschachtel. In die rechte Hosentasche die Schlüssel. Er wendet sich zum Fenster. Zwischen den Zweigen der Platanen sieht er ein großes, magentafarbenes T mit einem kleinen Zeichen darüber. Dann hat er plötzlich den Eindruck, dass ihm jemand vom waagrechten Teil des T aus zuwinkt. Er geht zum Fenster, schärft seinen Blick und sieht tatsächlich einen kleinen Mann in Schwarz, der ihm zuwinkt. Er wirkt, als würde er tanzen oder Geister beschwören. Bender löst seinen Blick von dem leuchtenden Magenta-T und verlässt die Wohnung. Im Treppenhaus schaltet er das Licht ein, obwohl es noch genug Tageslicht gibt. Er trifft niemanden. Er geht auf die Straße, und eine unbekannte Vibration klebt sich in sein Gesicht statt eines Grußes und macht ihn fast stumm. Zuerst ist es ein ganz leises Brummen wie aus dem Blasinstrument aus Eukalyptusstämmen, das die Aborigines spielen. Die Fensterscheiben erzittern leicht, als würden tausend starke Frauen gleichzeitig die Fenster vor einem Sturm schließen. Das Brummen ähnelt immer mehr einer Katastrophe in Friedenszeiten, dann aber erblickt er eine Lokomotive und begreift, dass es keinen Grund zur Panik gibt. Immer wenn ein Zug gegenüber von seinem Wohnblock vorbeifährt, hält Bender inne. Als würde eine Trauergemeinde vorbeiziehen. Er kann nicht zulassen, dass ein Zug voller Menschen, die die Stadt verlassen, unbemerkt wegfährt. Obwohl manche beschämten Stadtflüchtlinge das vielleicht ganz gerne hätten. Er winkt ihnen nach, starr wie eine Säule, die Hand in Höhe der Schulter gehoben. Er winkt wie jene Kinder, die es gewohnt sind, neben der Eisenbahn zu leben, oder so, wie Geisteskranke winken könnten. Er steht da und winkt. In seiner linken Hand hängt der Müllsack, in dem auch die Reste seiner Haare sind. Die Lokomotive ist ganz nah und die Stahlräder sind so hoch, dass er darunter die Welt auf der anderen Seite der Eisenbahnschienen sehen kann. Wäre er schlau und geschickt genug, könnte er sich darunter durchschlängeln. Jemand hat ihm von einem Mann erzählt, der in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts unbedingt nach Paris reisen wollte, aber die Behörden wollten ihm keine Reisedokumente ausstellen. Dieser Mann, er kann sich an seinen Namen nicht mehr erinnern, hat sich unter einen Waggon auf der Strecke Belgrad–Paris gehängt. Der Mann hat die gesamte Fahrt durchgehalten. Er hatte seine Schulter an einen Griff unter dem Waggon gebunden und kam fünfzehn Stunden später in Paris an. Bender hat dem Mann, der ihm die Geschichte erzählt hat, nie Glauben geschenkt, trotzdem sucht er jedes Mal, wenn ein Zug vorbeifährt, mit dem Blick den Mann, der an einem Griff unter dem Waggon festgebunden ist. Er sollte seinen Kopf auswechseln. Das Geschrei der Kinder auf den Schaukeln und das Brummen des Zuges, der Richtung Westen fährt, werden von Fahrradglocken übertönt. Die Räder fahren hinter ihm vorbei. Das ist die zweite Angst, die zu überwinden ihm gelungen ist. Anfangs hatte er Panik vor den gebückten Radfahrern und ihren Glocken. Dann wurde ihm klar, dass das Risiko eines Zusammenpralls minimal ist, denn es ist leichter für den Menschen, den Willen des Fahrrads zu beherrschen, als den Willen eines anderen Menschen. Zwar besteht immer die Gefahr, dass ihn ein Radfahrer beim Bremsen leicht streift, aber ein Zusammenprall lässt sich verhindern. Die Radfahrer fahren hinter ihm vorbei. Sie sind ausreichend weit weg, dass er ihre Gedanken nicht spürt. Aus dem Augenwinkel betrachtet, sehen sie aus wie eine berittene Division. Er denkt, er sollte sich ein Fahrrad kaufen, und geht zu einem der drei Container. Mit der linken Hand hebt er den Deckel des zweiten Containers in der Reihe, und bevor er den Müllsack hineinschmeißt, bückt er sich und wirft einen Blick hinein. Er schaut sich an, wo er die Abfälle seines eigenen Körpers entsorgen wird. Es gibt gute Gründe für eine solche Geste. Am Boden des Containers erblickt er den Rest eines Menschen bzw. von etwas, das einmal einem Menschen gehört hat. Ein schwarzer Converse-Tennisschuh mit einem roten Stern auf der Seite. Identisch mit dem Turnschuh, den er selbst gerade am rechten Fuß trägt. Bevor er den Müllsack in den Container wirft, bückt er sich und wühlt darin herum. Mit den Fingerspitzen holt er den Turnschuh heraus. Tadellos. So gut wie neu. Er schaut hinunter auf seinen Turnschuh. Nein, er kann noch immer keine Verbindung entdecken zwischen dem Turnschuh, den er in der Hand hält, und jenem an seinem rechten Fuß. Er lässt zu, dass ein unvermeidliches Gefühl des Zerfalls in ihm aufsteigt wie erhöhte Temperatur, er überzeugt sich selbst davon, dass er hier soeben auf die Überreste gestoßen ist von dem, was aus ihm eines Tages werden wird. Schreiende Kinder freuen sich über seinen Fund. Er hebt seinen rechten Fuß, legt ihn auf das linke Knie und gleicht den gefundenen Überrest mit der Länge seines Fußes ab. Ein Gegenstand, der aller Logik nach ihm gehören könnte, aber überflüssig ist. Wem gehört er dann? Er hat keine Illusionen. Sein Verhältnis zu Sachen hat ihm noch nie Probleme bereitet. Den Sachen ihren Platz zuzuweisen, das ist ihm immer schon leichtgefallen. Drübersteigen. Verlassen, ersetzen, vergessen. Nur so kann sich die Welt nach einer Katastrophe wieder und noch einmal erneuern. Selbstverständlich ist sie nur begrenzt haltbar. Ort und Zeit sind zufällig, ebenso der Turnschuh in seiner Hand. Die Unbestimmbarkeit des Zufalls löst eine primäre Angst aus, mit der er noch immer nicht zurechtkommt. Er hat Angst, jemand könnte ihn zufällig auf der Straße anhalten, ihm die Hand auf die Schulter legen, ihn an der Wange streicheln, seine Hand drücken, alles dafür tun, dass er sich sicher fühlt, ihn dann jedoch mit einem Faktum abschießen wie mit einer Gewehrpatrone, dummdumm. Mit einem Faktum, das sich auf egal was beziehen könnte. Er legt den Converse-Turnschuh von einer Hand in die andere, wie einen Teil von sich selbst, mit dem er nichts anzufangen weiß. Seine Lippen bewegen sich auf der Suche nach einem Halm, durch den er eine weniger wiedererkennbare Realität mit weniger Fakten einatmen könnte. Wenn er nicht auf der Stelle losgeht, werden alle Spielwarengeschäfte vor seiner Nase schließen. Dann würde er erklären müssen, warum es den starken Aragorn nicht mehr gibt. Um sich dem Kind gegenüber nicht rechtfertigen zu müssen, muss er weitergehen. Aragorn muss wiederauferstehen. Bender legt den Turnschuh neben den Container, für den Fall, dass ein Einbeiniger vorbeikommt. Neben der Tafel mit dem Straßennamen biegt er links ab und geht geradeaus weiter zu dem Gebäude mit dem Archiv, das eigentlich der getarnte Sitz des Geheimdienstes ist. Das hat er sich selbst ausgedacht. Seit er nicht mehr arbeitet, ist das seine Art, die Realität aufrechtzuerhalten. Das Gebäude ist von den trägen Strahlen der Nachmittagssonne überzogen. Am Eingang steht ein Wächter und raucht. Bender sieht die Polnisch-Lehrerin, die ihren Hund spazieren führt. Er hat sie an dem großen, schwarzen Labrador mit dem muskulösen Körper und der feuchten Schnauze erkannt. Er nickt ihr zu, während sie darauf achtet, dass ihr Blick nicht den Blick des Wächters am Eingang trifft. Sie hat sich einen durchsichtigen Plastiksack über die rechte Hand gezogen, damit wird sie den Hundekot aufsammeln. Sie erkennt ihn, schweigt jedoch. Es ist zu wenig Zeit für ein Gespräch. Irgendwann früher, als er noch etwas gemacht hat, hat sie für ihn einen Text über Kieślowski übersetzt. Sie hat ihm geholfen zu verstehen. Irgendwann früher, da kam es vor, dass sie bei einem Treffen ein paar Sätze wechselten. Über den Hund. Oder über Kieślowski. Da gibt es immer irgendetwas, das man hinzufügen kann. Obwohl der Hund sich nicht verändert und Kieślowski schon lange nicht mehr atmet. Sie geht hinter ihm vorbei. Der Hund dreht seinen Kopf und schaut ihn an, als würde er ihn wiedererkennen. Dann reißt er sich los, zieht der Polin den Griff seiner Hundeleine aus der Hand und läuft zu ihm, verlangsamt, während ihm die Zunge wie ein Stück Menschenfleisch aus dem Maul hängt und die Spucke in alle Richtungen spritzt. Bender bleibt wie angewurzelt stehen. Er versucht, der Situation entsprechend zu reagieren. Man muss schnell denken. Eine Entscheidung treffen. Er wird seine rechte Hand für den Biss hinhalten. Seine rechte Hand ist schließlich stärker als seine linke. Er spürt keine Angst, während er im Hintergrund sieht, wie die kleine Polin die Hände in die Höhe hält und den Hund beim Namen ruft. Sie sieht aus wie eine schwarz verhüllte Klagefrau auf einer Insel. Zu ihm dringt nur das Echo eines slawischen Namens, der ebenso stark ist wie der Hund selbst. Witold. Der Hund, der sich ihm mit leidenschaftlicher, jedoch unklarer Absicht nähert, heißt Witold. Sollte Bender deshalb weniger oder mehr besorgt sein? Witold sieht aus, als hätte sich der Schatten des Wächters am Eingang zum Staatsarchiv losgerissen, und als er schon ganz nah ist, hebt Bender den rechten Arm und hält ihn hin, im Bewusstsein, dass er ein Opfer bringen muss. Witold läuft an Bender vorbei, ohne auf ihn zu achten, er lässt ihn stehen, wie angewurzelt, erschrocken und mit erhobenem rechten Arm. Bender lässt den Arm sinken und schaut dorthin, wo die Polin gestanden ist, von der keine Spur mehr zu sehen ist. Er schaut sich nach Witold um, sieht jedoch nur den leeren und gut gepflegten Eingang zum Stadtpark. Das große Metalltor ist offen. Eltern mit Kindern und Hunden kommen lachend aus der klaffenden Dunkelheit des Parks heraus. Eine wenig überzeugende Idylle, gestört durch das eine oder andere Kind, das herumschreit und genervt mit seinen Sachen um sich wirft. Bender beschließt, später hineinzugehen, wenn der Park für Eltern und Kinder geschlossen sein wird. Er geht weiter in Richtung Norden. Von der Nebenstraße kommt er auf die Hauptstraße und stößt mit einem demonstrierenden Menschenstrom zusammen. Wie bei einem Fisch-Exodus bewegen die Menschen langsam ihre Körper und öffnen ihre Münder, wobei sie ihren Singsang nach Norden und Süden hin murmeln. Vielleicht wartet am Ende der Straße ein Wegweiser für ihr weiteres Vorgehen. Alles Verbrauchte sollte man verlassen oder abwerfen. Bender schaut in beide Richtungen. Das, was er sucht, befindet sich in der Richtung, in die die Mehrheit unterwegs ist. Kein Grund zur Panik. Er wird in den Menschenstrom eintreten, und wenn er beim Spielwarengeschäft ankommt, wird er langsam wieder heraustreten. Die Straße ist für Autos gesperrt. Das deutet darauf hin, dass etwas Schlimmes passieren könnte. Eine blaue Neonlichtröhre in einem Schaufenster, das wie ein mit Wasser gefülltes Aquarium aussieht, fesselt seine Aufmerksamkeit. Sein Staunen kennt kein Ende. Hier wird er sich kurz erholen, eine Weile innehalten und sich seinem Begehren nach dem, was hier angeboten wird, hingeben. Die Angebote sind tatsächlich sehr günstig. Bender steht vor dem Reisebüro und reibt seinen Oberschenkel. Kuba. Siebenhundert Euro. Malta. Neunhundert Euro. Dreisternehotel. Istanbul. Vierhundertachtzig Euro. Viersternehotel. Das Angebot für Tansania ist verziert mit einem Foto von Sansibar, aufgenommen von einem Schiff aus. Das Meer ist türkisblau, sein Versuch, das Meer darzustellen, ist gar nicht überzeugend. Die blaue Neonlichtröhre lässt die ganze Szene noch weniger überzeugend aussehen. Häuser im arabischen Kolonialstil wirken verlassen und tot. Auf dem Platz vor den Häusern ist kein Mensch. Die offenen Fenster sind mit stumpfem Schwarz gefüllt. Der Himmel ist weniger blau als das Meer. Das letzte ideale Bild der Welt bietet Griechenland. Das Foto, das die Entscheidung für diese Reise auslösen soll, zeigt die Akropolis. Vor dem weißen Tempel sind gehende Menschen zu sehen, gefangen im Format einer Fotografie von neun mal dreizehn, Menschen, die nie wieder in ihre Hotelzimmer zurückkehren werden. Eine Tragödie, von der niemand berichtet hat. Bender schaut in das Reisebüro hinein. Innen ist es kühl und leer. Die Frau, die die Reisearrangements verkauft, hat entweder das Büro verlassen oder ist mit den restlichen Sachen verschmolzen. Er könnte versuchen, hineinzugehen und die unsichtbare Frau wieder zurück unter die Lebenden zu holen. Er liest weitere Angebote, bis die Städtenamen sich zum unleserlichen Namen einer inexistenten Megalopolis vermischen. Er löst den Blick von der Glasoberfläche erst, als er darin die Spiegelung einer Menschenmasse sieht, die plötzlich hinter seinem Rücken angewachsen ist und die Straße wie eine Flutwelle erfüllt hat. Bender dreht sich um zu den Demonstrierenden. Niemand achtet auf ihn. Die Menschenmasse bewegt sich langsam. Für einen achtlosen Passanten ist es ein Leichtes, Teil dieser Kolonne von Männern und Frauen in roten T-Shirts mit Transparenten und Fahnen in den Händen zu werden. Die Masse öffnet ihre Münder in einem gemeinsamen Rhythmus, aber die Stimmen, die herauskommen, zerbröseln ohne Bedeutung. Die Masse brummt wie ein Bienenschwarm. Die Passanten stehen mit überraschtem Gesichtsausdruck an der Häuserwand und warten, dass dieser ungünstige Moment vorübergeht. Er erkennt kein einziges Gesicht. Jemand aus der Kolonne hebt die Hand und winkt Bender zu, er solle sich doch der Masse anschließen. Bender ignoriert diese Einladung. Der Mann schlägt sich durch bis zum Rand der Kolonne, kommt ganz nahe an Bender heran und gibt ihm ein Zeichen, das sich nicht mehr ignorieren lässt. Bender lächelt. Das Gesicht des Mannes kommt ihm bekannt vor. Noch bevor er Zeit hat, nachzudenken und eine Entscheidung zu treffen, stößt ihn ein Passant von der Wand weg, und Bender macht einen Schritt mit dem falschen Fuß, hinein in die Menge der Demonstranten. Der Mann, der ihn gerufen hat, ist verschwunden. Bender ist plötzlich mitten in einer Gruppe von Afrikanern, die lauter sind als der Schmerz an seiner Fußsohle. Die Menschenmasse trägt ihn weiter, und hätte er sich nicht mit der Hand an einem unbekannten Mann festgehalten, hätte er das Gleichgewicht verloren und wäre hingefallen. Der Mann dreht sich mit einem fragenden Blick um. Bender schüttelt den Kopf und antwortet mit einem brüderlichen Lächeln. Später auf dem Heimweg wird er darüber nachdenken, wie wenig überzeugend dieses Lächeln war. Einige Schreie lösen eine Kettenreaktion aus. Die Menge beginnt zu brüllen. Bender versucht, die Schrift auf den T-Shirts zu lesen, versteht aber die Botschaft nicht. Die Straße, durch die die Demonstranten marschieren, ist für den Verkehr gesperrt. Polizisten stehen am Rand und beobachten die Lage. Es könnte sich als Fehler erweisen, weiterhin in der Kolonne zu bleiben. Als die Demonstration für einen Augenblick innehält, versucht Bender, durch einen Spalt zwischen den Körpern zu entkommen. Kaum ist er draußen, taucht ein Polizist vor ihm auf und stößt ihn zurück in die Menge. Bender verliert wieder das Gleichgewicht. Der Zustand ohne Gleichgewicht ist vergleichbar mit der Panik, die man empfindet, wenn man seine Dokumente oder seine Geldtasche verliert, oder wenn etwas, das einmal verloren ist, für immer verloren bleibt. Je näher die Kolonne dem Hauptplatz kommt, desto schneller wird ihr Rhythmus. Bender spürt den Geruch von Verbranntem. Er tastet seinen Körper ab, aus Angst vor Flammen, dann sieht er eine Fackel, die einer von den Anführern in den ersten Reihen angezündet haben muss. Der Rauch füllt die Kolonne dort, wo am wenigsten Leute sind. Der Polizist kommt näher und zwingt den Mann mit der Fackel, diese zu löschen. Man hört Pfeiftöne und Geschrei. Der Polizist achtet nicht auf die Beschimpfungen. Das Stimmengewirr wird bald durch Pfeiftöne ersetzt. Von irgendwoher kommt ein Feuerzeug geflogen und fällt wenige Meter von Bender zu Boden. Die Explosion des Feuerzeugs übertönt die Stimme aus dem Megafon. Bender wird sich erst jetzt der Stimme bewusst, die die Kolonne schon die ganze Zeit begleitet hat. Die Stimme aus dem Megafon zerstört die Illusion eines friedlichen Nachmittags. Bender erkennt die Wörter Recht, muss, nehmen, Hände. Danach beginnt die Menge zu klatschen, und Bender verliert den Sinn des Satzes. Die Stimme aus dem Megafon macht weiter, sobald der Applaus verstummt. Jemand neben Bender erwähnt den Tod. Bender schaut in die Richtung, aus der das Wort gekommen ist. Er sieht eine Gruppe von Frauen. Eine von ihnen hat einen Strumpf über das Gesicht gezogen. Sie würde erschreckend aussehen, wäre da nicht ihr rundlicher Körper, der ihr ein träges Aussehen verleiht, so dass sie nicht bedrohlich wirkt. Bender stellt sich auf die Zehenspitzen eines Fußes und versucht zu sehen, was vorne geschieht. Das ist nicht die Richtung, in die er gehen wollte. Er will die Kolonne ausnützen, um bis zu dem Spielwarengeschäft am Ende der Straße zu kommen. Dann wird er rechtzeitig die Demonstration verlassen und seines Weges gehen. Er geht weiter. Jemand schubst ihn und gibt ihm ein Zeichen, dass er sich beeilen muss. Er versucht, seinen Rhythmus zu halten. Der Schmerz im Fuß zwingt Bender zu humpeln. Er ignoriert den Schmerz. Er konzentriert sich auf den Punkt, wo die Menge am dünnsten ist. Er sucht nach dem Loch, durch das er schlüpfen kann, um seinen Weg fortzusetzen. Ein Stein, den jemand auf die Kolonne wirft, trifft ihn fast an der Schulter. Er versucht, sich auf beide Zehenspitzen zu erheben, aber der Schmerz hindert ihn daran. Vorne scheint sich etwas zusammenzubrauen. Bender hüpft auf einem Bein herum. Er wiederholt den Sprung so viele Male, wie nötig ist, um zu sehen und zu begreifen, dass die Kolonne auf eine Mauer von Polizisten zusteuert, die nicht so aussehen, als würden sie die Demonstrierenden durchlassen. Sobald die Demonstrierenden die Polizisten sehen, schreien sie lauter und werfen Parolen wie Gummigeschosse. Bender versteht, ein Zusammenstoß mit der Polizei ist unvermeidlich. Dieser Zusammenstoß zwischen dem Gefühl der Ungerechtigkeit auf der einen Seite und dem Befehl auf der anderen Seite könnte Narben an der Zeit hinterlassen. Bender versucht, seine Panik vor dem offensichtlichen, aber unklaren Befehl, dem die Kolonne sich nähert, in den Griff zu bekommen. Er weiß nicht genau, wie er sich verhalten soll, falls er mitten im Konflikt landet. Als die Demonstration sich dem Polizeikordon nähert, wird es auf einmal still, und für einen Augenblick kann man keine einzige Stimme mehr hören. Bender hebt den Kopf und sieht in einem Fenster in der Ferne eine menschliche Figur, die reglos dasteht. Bender stellt fest, für diese Person am Fenster muss all das hier wie eine Massenszene in einem Film aussehen, in der es absolut egal ist, wogegen die Menschen in der Kolonne eigentlich aufbegehren. Die Person am Fenster verschwindet, kehrt aber dann mit einem Fotoapparat zurück und richtet diesen auf das leere, angespannte Feld zwischen Demonstration und Polizeimauer. Ein Hund taucht zufällig dort auf und läuft umher, wobei er mit dem Schwanz wedelt und zuerst die eine, dann die andere Seite beobachtet. Aus den hinteren Reihen kommt wieder Lärm. Statt Worte wirft jemand einen Stein auf den Polizeikordon. Nun vermag nichts mehr die Köpfe aufzuhalten, die schneller sind als die Körper und auf die Polizeischilde zulaufen. Vom Fenster aus betrachtet, muss der große Körper der Masse müde und unwichtig aussehen. Der Mensch am Fenster hält mehrmals die Kamera ans Auge, zieht sich dann in die Dunkelheit seiner Wohnung zurück und schließt das Fenster. Das geschlossene Fenster ruft bei Bender das Gefühl hervor, dass es keinen Ausweg gibt. Er hört einen dumpfen Schlag, Faust gegen Kopf. Die ersten Reihen der Demonstranten mischen sich unter die Polizisten. Der Durchbruch sorgt für Schweigen in der Menge. Dann schreit jemand eine Parole, die sich wie Tränengas ausbreitet. Die Augen füllen sich mit Tränen. Eine Frau beginnt zu schreien. Ein Mann neben Bender reißt die Arme in die Höhe, als wäre er bereit, einen Schuss ins Herz aufzunehmen. Für Bender scheint die Geste des Mannes erschütternd. Bender versucht, eine Stelle zu finden, von der aus er sich aus der Masse entfernen kann, die ihn für einen Gleichgesinnten hält. Als Menschenrechte erwähnt werden, bricht eine Frau mit einer Zigarette in der Hand in Tränen aus. Bender geht zum Ende der Kolonne, in die Gegenrichtung der Demonstration. Er schlägt sich mit Hilfe seiner Schultern durch. Er bekommt ein paar Schläge in den Rücken ab, dreht sich aber nicht um. Er ist überzeugt, dass er bis zum Ende weitergehen muss. Am schlimmsten ist es, die Flucht anzutreten und dann auf halbem Wege stehenzubleiben. Jemand ruft ihm zu: Feigling! Bender hebt den Blick, findet den Schuldigen aber nicht. Er geht weiter, bis zum Ende. Dass er am Ende angelangt ist, begreift er, als er eine leere Straße voller Papier, Dosen und Zigarettenkippen erblickt. Einfach weiterzugehen, erscheint ihm dumm. Er dreht sich um. Von dort, wo er steht, sieht er, wie immer mehr Polizeihelme sich unter die Masse mischen. Wie auch sonst im Leben führt auch ein anderer Weg zum Spielwarengeschäft. Bender geht die Straße weiter, in Richtung Norden. Ein paar Straßen weiter sieht es aus, als wäre gar nichts passiert. Er geht weiter nach Osten und durch die Fußgängerzone zu einem kleinen Platz. Dann noch ein paar Meter nach Süden. Während er sich dem Spielwarengeschäft nähert, scheint ihm, als würden die Mütter mit den Kinderwägen ihm wohlwollende Blicke oder ein Lächeln schenken. Vielleicht sieht er aus wie ein Mann, der soeben aus einer Schlacht kommt. Er stellt sich vor den Eingang des Spielwarengeschäfts und wartet, dass die Tür aufgeht. Die Tür geht nicht auf. Bender kommt näher, aber das ändert nichts. Die Tür ist noch immer zu. Bender nähert sich weiter, und erst als er das gedämpfte Licht im leeren Geschäft sieht, versteht er, dass es geschlossen ist. Er bückt sich. Er hält sich die Hände über die Augen und schaut hinein. Das, was er für lebende Menschen gehalten hat, sind Puppen, die Mütter und Kinder darstellen. Väter gibt es keine. Außer einen. Einen lebenden. Während ein pickliger junger Mann in einer Wächteruniform aus dem Inneren des Geschäfts auf ihn zugeht, steckt Bender die Hände in die Hosentaschen und begreift, dass er eine Bewegung gemacht hat, die der junge Mann als bedrohlich aufgefasst haben könnte. Bender lässt die Hände in den Hosentaschen, obwohl jemand denken könnte, dass er eine Bombe festhält oder eine andere Bedrohung parat hat, die den idyllischen Ort des Glücks in einen Ort der gesellschaftlichen Frage nach Schuld und Verantwortung verwandeln könnte. Darauf hat er keine Lust. Er hat ganz andere Gründe, vor der Glastür des geschlossenen Spielwarengeschäfts zu stehen. Er spürt, dass sein Rücken taub wird. Er hebt einen Arm und hält sich die Nase an die Achsel. Der junge Mann nähert sich der Tür und zeigt durchs Glas künstliche Zähne, die einen Satz kauen. Bender versteht nicht, was der junge Mann versucht, ihm zu sagen, also nähert er sich der Tür und gibt dem jungen Mann mit dem Kopf ein Zeichen, er solle das, was er gesagt hat, wiederholen. Der junge Mann wiederholt seine Grimasse, aus der Bender die Silben GE-SCHLOS-SEN herausliest. Bender richtet seinen Blick auf die Schulter des jungen Mannes. Eine angenähte Epaulette mit einem Adlerkopf. Selbst wenn Bender es sich vorgenommen hätte, diese Situation ist viel zu sinnlos, um es mit Ehrlichkeit zu versuchen. Er müsste durch die Glasscheibe erklären, dass er eine Kriegerpuppe sucht, auf die er draufgetreten ist und deren Hand er gebrochen hat. Er sagt nichts. Er starrt nur ins Gesicht des jungen Mannes, das sich in das Gesicht eines Buben verwandelt hat. Das Bubengesicht schaut ihn noch einige Momente erschrocken an, dann entspannt es sich, nimmt eine Habt-Acht-Stellung ein und setzt wieder eine Grimasse auf. Der Bub bewegt seine Lippen WIR-HA-BEN-ZU-WE-GEN-DER-DE-MON-STRA-TIO-NEN, dann zuckt er mit den Schultern, dreht sich um und geht wieder zurück zu den schlafenden Puppen, wobei er sich mit der rechten Hand die Unterhose aus der Arschspalte zieht. Während der Bub-Wächter in der Dunkelheit des Spielwarengeschäfts verschwindet, gibt die zu kurze Hose den Blick auf dessen Elefantenbeine frei. Bender entfernt sich vom Eingang und geht die Straße hinunter. Als er um die Ecke biegt, gerät er in die zerschlagene Kolonne, die er schon ganz vergessen hatte. Als wäre das alles vor dreißig Jahren passiert, und nicht vor fünfzehn Minuten. Um sich nicht wieder reinziehen zu lassen, nimmt Bender den Eingang zur U-Bahn und steigt humpelnd auf die Rolltreppe, die ihn in den Untergrund bringt. Am Bahnsteig sieht er eine große chinesische Familie, die von einem Ausflug zurückkommt. Der Schmerz im Fuß zwingt Bender, sich auf den Blechstuhl unter einem körnigen Plakat zu setzen. Er hebt seinen Fuß, löst die Schuhbänder am Turnschuh, zieht langsam seinen Fuß heraus und sieht einen Blutfleck auf der weißen Socke. Er zieht die Socke aus und bewegt die Zehen. Er spürt nichts. Dann berührt er die Wunde mit den Fingern und glaubt, das Geschrei jener, die sich noch immer der Polizei widersetzen, zu hören. Bender horcht. Die Stimmen der Demonstranten werden übertönt von einem U-Bahn-Zug, der mit großer Geschwindigkeit in die Station einfährt.

4

Der Stadtpark schließt um sechs. Bender steht vor dem versperrten Tor und verzieht das Gesicht. Er möchte die Passanten glauben machen, er sei enttäuscht, weil er zu spät gekommen ist, dabei hatte er gar nicht die Absicht gehabt, den Park von Norden her durch den Haupteingang zu betreten. Hier gelangt man durch ein gusseisernes Tor in der Mauer in den Park, von Süden her durch einen offenen U-Bahn-Tunnel. Der Haupteingang öffnet um elf Uhr und schließt um sechs, den anderen Eingang kennen jedoch nur wenige. Er befindet sich auf der Südseite. Zwei U-Bahngeleise und eine grasbewachsene Lichtung trennen ihn vom nächstgelegenen Wohnhaus. Wenn man aber die genaue Stelle nicht kennt, an der man den Drahtzaun auseinanderbiegen und sich durchschlängeln muss, kann man diesen Eingang nicht finden. Leichter ist es, wenn man in Begleitung kommt. Dann kann man sich gegenseitig helfen. So wurde es Bender erklärt, von den Typen, die den Park regelmäßig nachts frequentieren. Sie kommen und gehen ohne Zeugen und auch ohne jemanden, der ihnen helfen würde. Sie trudeln nach und nach ein, wenn der Nordeingang um sechs Uhr zugesperrt wird. Da auf der Mauer nach außen gebogene Spitzen angebracht sind, hat sich die Stadtverwaltung dagegen entschieden, einen Nachtwächter zu beschäftigen. Für die Männer, die sich nach sechs Uhr hier einfinden, bedeutet das eine Sache weniger, auf die sie in einer Kontrollgesellschaft achten müssen. Für Bender wird es das erste Mal sein. Die Dunkelheit ist auf die Minute pünktlich angebrochen. Der Park liegt im Halbdunkel. Die Vögel sind still. Die Kiefern weichen dem Wind aus. Auf der Straße zum Nordtor bewegt sich Bender so, als würde er ein anderes Ziel anpeilen, irgendwo weit weg vom Park. Dann biegt er ab und setzt seinen Weg auf dem Gehsteig fort, entlang des Geländers, das ihn von der verkehrsreichen Straße trennt, die zum Südeingang führt. Es gibt fast keine anderen Passanten. Der Verkehr ist so dicht, dass keiner der Autofahrer auf ihn achtet. Er nähert sich dem Park von der südlichen Seite. Seine Bewegungen sind sicher, als wäre er schon einmal hier gewesen. Die riskanteste Stelle ist jene, wo es darauf ankommt, zwei U-Bahngeleise zu überqueren. Wer es schafft, dem herandonnernden Zug auszuweichen, dem droht die Hochspannungsleitung. Wer es schafft, alle Hindernisse zu überwinden, den erwartet ein einsamer Spaziergang auf den Pfaden des Parks. Bender beruhigt seinen Atem und horcht. Er überquert die Schienen, anschließend die Betoninsel zwischen den Bahngeleisen, dann horcht er wieder und überquert das zweite Gleis. Er schlängelt sich durch den Bogen des offenen Tunnels und gelangt zu einer Lichtung, die aussieht, als würde sich jemand systematisch um sie kümmern. Unter den Sohlen spürt er Glassplitter, Plastik und Steine. Er geht schnell, in der Überzeugung, dass einem Menschen auf einer Lichtung zwangsläufig Gefahr droht. Mehrmals sieht er sich um. Die Abenddämmerung dauert kürzer als ein Augenaufschlag. Bender verkalkuliert sich und macht einen zu großen Schritt. Er landet ungünstig auf der verletzten Fußsohle. Der Schmerz breitet sich im gesamten Turnschuh aus. Er stützt die Hände auf die Knie und rastet kurz. Bis zum sicheren Park sind es wenige Meter, er muss bloß noch einige Hindernisse überwinden, die sich wie in einem Märchen zusehends häufen. Er hebt den verletzten Fuß und macht einige Sprünge. Dann hält er sich am Drahtzaun fest. Den schmerzenden Fuß lässt er kurz auf der Ferse ruhen und wartet, dass sich die Lage beruhigt. Aus dem Park dringt feuchte Luft, es riecht verrottet. Benders Lunge füllt sich mit dem Geruch der toten Blätter. Er beschließt, auf Zeit zu spielen, und zündet sich eine Zigarette an. Damit geht er in seiner exponierten Situation ein Risiko ein. Er macht einige Züge, verspürt jedoch Übelkeit. Er wirft die Zigarette zu Boden. Auf der Ferse humpelt er weiter, den Drahtzaun entlang, und sucht den Durchgang, von dem man ihm erzählt hat. Beim Gehen versuchen seine Knie, eine eigene Richtung einzuschlagen. Das Gehen auf der Ferse vermag den gesamten Körper gegen dessen Besitzer aufzubringen. Die Knie sind die labilste Schwachstelle. Seine Gelenke, geschwächt vom bürgerlichen Leben, versuchen, ihn aus dem Park zu befreien und zurück zum Stadtzentrum zu lotsen. Bender zwingt seine Knie, seinen Willen zu respektieren. Er ist es, der sie führt, und nicht umgekehrt. Er führt sie zu einem Spaziergang aus, den zu erleben bislang nur wenige Knie die Gelegenheit gehabt haben. Ein guter Bürger verdient es, dass sein Weg durchgehend beleuchtet bleibt, bis zum letzten Schritt, so lange, bis er selbst beschließt, in die Dunkelheit einzutreten. Bender hat die Hände in den Hosentaschen vergraben. Der Inhalt seiner Hosentaschen gräbt sich von selbst in die Handflächen. Der Schlüssel in die linke, Feuerzeug und Zigarettenschachtel in die rechte Hand. Rechts ist der Köder. Links die Ängstlichkeit. Er darf den Schlüssel auf keinen Fall irgendwo in der Dunkelheit verlieren. Er muss auf die Geräusche in seiner Umgebung achten. Jedes Geräusch, das nicht hierhergehört, ist ein Hinweis auf eine mögliche Gefahr. Er muss auf den Inhalt seiner Hosentaschen Acht geben. Das ist alles, was er hat. In der Dunkelheit etwas zu suchen, könnte sich als erniedrigend herausstellen. Bender umfasst die Schlüssel fester mit den Fingern. Der scharfe Rand hinterlässt einen Abdruck in der Handfläche. Er hört ein Trällern. Die Melodie bleibt hinter ihm, wie in Parfüm getunkte Brotkrumen. Köder. Vielleicht könnte er wieder eine Zigarette anzünden. Rauch ausblasen. Das Territorium seiner Nervosität kennzeichnen. Die Nacht ist noch jung. Er könnte eine Runde um den Park drehen, sein Begehren so verstecken, wie die Schlange ihre Beinchen versteckt, und nach Hause gehen. Er zündet sich eine Zigarette an. Dort, wo der Drahtzaun des Parks aufhört und eine dicke historistische Säule morphologisch und formal dieses Ende kennzeichnet, biegt Bender ab und geht weiter, wobei er mit der Hand den Zaun nach einer Schwachstelle abtastet. Seit dem neunzehnten Jahrhundert hat sich der Park nicht weiter ausgebreitet als bis zu diesem Punkt. Es gab keinen Platz mehr. Der Park blieb eingeklemmt zwischen Straßen, Wohnhäusern und U-Bahngeleisen. Er wurde zu einer Metapher für das banale bürgerliche Glück, das man tief einatmen konnte. Versteckt zwischen den Straßen taucht der Park stets unerwartet auf und bereitet dem zufälligen Passanten eine Überraschung. Wie ein grüner Stein, mitten im Asphalt. Bender erkennt am Gestank, dass er sich in der Nähe der Stelle befindet, wo Pflanzen, Wurzeln und Dünger verrotten, um Abfälle in Energie umzuwandeln. Der Gestank führt ihn dorthin, wo er hinkommen möchte. In der Zwischenzeit ist es dunkel geworden. Er erkennt nur vage seine Finger, denen sich die Glut der Zigarette bedrohlich nähert. Mit der Hand ertastet er die Stelle, an der die Drahtkonstruktion verbogen ist. Das ist die einzige Stelle, an der man illegal in den Park gelangen kann. Er muss unten durchkriechen, dort, wo schon Hunderte vor ihm das Material verbogen und abgenutzt haben. Der Gestank des verrotteten Grases ist dermaßen stark, dass Bender einen Augenblick lang ans Aufgeben denkt. Er zieht ein paar Mal an der Zigarette. Dann beruhigt sich sein Magen. Alle, die hineingegangen sind, haben den gleichen Weg und die gleiche Methode gewählt. Bender lässt die Kippe fallen und schaut sich um. Er hebt den Drahtzaun leicht an. Er wartet, bis die Autos in der Ferne vorbeigefahren sind, dann zieht er das Drahtgeflecht über seinen Kopf wie einen Schleier. Er schlängelt sich darunter durch, setzt seinen Fuß auf dem haarigen Bauch des Bodens ab und versucht, so leise wie möglich zu sein. Die trockenen Tage haben dafür gesorgt, dass die Feuchtigkeit aus dem Haufen Kompost entweichen konnte. Statt auf den Dünger tritt er auf eine Kuppel. Durch den Tunnel dringt das Donnern der U-Bahn. Die Autos klingen wie zischende Schlangen. Der Park ist still. Er weiß, man hat ihn schon bemerkt. Diejenigen, die vor ihm da waren, stehen im Dunkeln und warten darauf, dass er sich irgendwie ausweist. Er muss beweisen, dass er weder ein Polizist oder Inspektor noch ein Dieb oder ein Migrant mit einer diagnostizierten Posttraumatischen Belastungsstörung ist, oder womöglich eine andere Art eigenwilliger Rechtshüter, der willkürlich beschlossen hat, denen, die sich hier aufhalten, einen Verstoß gegen seine Gesetze vorzuwerfen. Bender zündet sich eine Zigarette an. Er spürt, wie die Stelle, auf der er steht, allmählich nachgibt und ihn wie etwas Lebendiges in sich aufnimmt. Wie Treibsand. Die rotierende Männermaschine hält für einen Augenblick inne und kehrt dann zu ihrem ursprünglichen Rhythmus zurück. Bender nimmt den Pfad, der in einem Bogen in Richtung Westen führt. Der Pfad ist zu kurz, da ist nichts los. Der südliche Teil ist vollkommen finster. Bender spaziert umher, als hätte er auf einer Sitzbank etwas vergessen. Unter den Füßen spürt er die Nervosität der zermalmten Kieselsteine. Er orientiert sich an den Geräuschen und Stimmen aus dem Dunkeln. Immer wieder sendet eine Zigarettenglut ein Signallicht aus. Flüstern und unterdrücktes Schreien sind die einzigen Laute, die ihn umgeben. Er versucht, sicherer aufzutreten. Er hebt den Kopf. Fast Vollmond. Noch ein Millimeter mehr am Rand des Mondes, dann würden die Paare, die sich im Park verstecken, im Mondlicht baden. Bender schreitet voran, als hätte die Tatsache, dass er sich ausgerechnet hier befindet, gar nichts mit seinem eigenen Begehren zu tun. Würde jemand an ihn herantreten und ihm etwas anbieten, ganz gleich was, würde ihn jemand auch nur um eine Zigarette bitten, er, Bender, würde ablehnen. Ganz ohne Grund, damit bloß nicht jemand denkt, es würde eine Absicht dahinterstecken, warum er zu so später Stunde in einem so dunklen Park spazierengeht, der auf der einen Seite durch Bahngeleise und auf der anderen Seite durch eine hohe, gleichsam mit Speerspitzen gespickte Mauer eingegrenzt ist. Er hält inne und betrachtet die kaum sichtbare Szenerie um sich herum. Im Gegenlicht der Straße sieht er, wie Füße und Beine über die Pfade gehen und aus seinem Blickfeld verschwinden. Der Park ist voller Männer. Bender möchte seine Zeit mit ihnen teilen. Sonst nichts. Er hätte den Park auch leicht umgehen können. Nach links abbiegen statt nach rechts. Um etwas nicht zu tun, muss man einen Grund haben, ebenso wie um etwas zu tun. Die Motivation, etwas zu tun, ist dennoch von komplexerer Natur. Das ist ein Thema, über das im Nachhinein gesprochen werden wird. Jedoch soll man, während es passiert, nicht über die sprunghafte Natur des Begehrens nachdenken. Bender geht weiter und zündet sich eine Zigarette nach der anderen an. Ungeachtet dessen, wieviel Potenzial er in der derzeitigen Situation vorfindet, das Leben, das er sieht, ist zu schlecht beleuchtet, um eine gute Geschichte abzugeben. Wenn er sich nicht mehr anstrengt, wird er keinerlei Nutzen aus dieser Szene ziehen können, weder er noch jene, die an ihm vorbeigehen und ihm ihren Blick als Pfand hinterlassen. Er hat das vierzigste Lebensjahr noch nicht erreicht. Sein Körper gehorcht ihm, und in der Dunkelheit kann er anständig genug aussehen, um in der Morgendämmerung keine Enttäuschung abzugeben. Wenn er tief Luft holt, wölbt sich seine Brust und wirkt größer. Seine Schultern könnten jemanden tragen, der stärker ist als er selbst. Er geht weiter im Kreis. Hier kennt niemand seinen Namen. Er möchte ein Gesicht treffen, das er nicht kennenlernen muss. Der Name kann unbekannt bleiben. Direkt vor sich erblickt er eine Parkbank und zwei Männer, die sie besetzen. Die Männer und die Bank haben die gleiche Farbe. Es ist schwer festzustellen, wo die Bank zu Ende ist, und wo die Körper anfangen. Einer der Männer hebt die Hände und verschränkt sie hinter dem Kopf. Der andere zündet sich eine Zigarette an. Bender steht in der Nähe, und die Flamme des Feuerzeugs in der Hand des Mannes zeigt ihm mehr als genug. Bender kann mit Sicherheit sagen, dass der Mann eine stark ausgeprägte Nase hat, dunkle Augen, Koteletten, die eine hohe Stirn betonen, und außerdem kann er mit Sicherheit sagen, dass sich ein Gespräch mit diesem Mann durchaus lohnen würde. Bender legt noch ein paar Schritte zurück. Der Kies unter seinen Schuhsohlen knirscht, als würde ihn die Natur warnen wollen. Er kann erkennen, dass die linke Hand des rechten Mannes auf dem rechten Oberschenkel des linken Mannes ruht. Die Paarung der beiden vollzieht sich ohne den geringsten Ton. Die Körper haben jegliches Geräusch zunichte gemacht. Die Berührung ist stumm. Möglicherweise ist es auch die für die Abenddämmerung typische Halbblindheit, die alle anderen Reize hat verschwinden lassen. Bender nähert sich den beiden Männern und zieht eine Zigarette hervor. Das brennende Zündholz lässt die Gesichter der beiden zum Vorschein kommen, sie stellen einen Ausdruck falscher Sicherheit zur Schau. Wie bei einer nächtlichen Erscheinung gibt es statt der Augen erschrockene schwarze Punkte. Der Zigarettenrauch durchdringt die Situation, es wird weitergeatmet, und es breitet sich die Überzeugung aus, die Situation würde sich in eine gute Richtung entwickeln. Er steht noch immer vor den beiden und erahnt sie eher, als dass er sie sieht. Aber auch das genügt. Hauptsache, er hat das Gefühl, etwas bieten zu können. Das verleiht ihm die Sicherheit, keinen Schritt von der Stelle zu weichen, an der er erstarrt ist und von der aus er das betrachtet, was der herrschenden Meinung nach Privatsache ist. Neben den beiden, die auf der Bank sitzen, gehen andere vorbei. Der Zigarettenrauch macht sämtliche Dilemmata und nicht gestellten Fragen obsolet. Die beiden Männer ziehen hier ihre Show ab, nur für ihn. Sie tun so, als würden sie ihn nicht sehen. Eine eingeübte Geste des nächtlichen Liberalismus. Jeder hat das Recht auf sein Bedürfnis. Was genau ist sein Bedürfnis? Er spürt, wie der offene Nachthimmel sein Selbstbewusstsein niederdrückt. Es ist Zeit, der Sommer war lang. Mehrmals schluckt er seinen Nasenrotz hinunter. Er versucht, die Luft auszuatmen, bleibt aber aufgebläht wie ein Fisch. Die weggeworfene Zigarette knistert im Flug und brennt kurz stärker. Er weiß nicht, was er mit seinen Händen anstellen soll, nachdem er die Zigarette zu Boden geworfen hat, also vergräbt er sie tiefer in die Hosentaschen. Sein Geschlechtsteil kann er durch die Hosentaschen nicht berühren, die Schlüssel auf der einen und die Zigarettenschachtel auf der anderen Seite hindern ihn daran. Ihm gefällt die Szene, die sich vor ihm in der Dunkelheit abspielt. Dennoch, wenn er sich nicht bemüht, wird er nichts davon haben. Er könnte den Männern noch näher kommen und einen von ihnen am Kopf berühren. Oder beide. Vielleicht würden sie zutraulich werden wie Hunde. Oder aber einer von ihnen würde ihm die Hand abbeißen. Um eine Reaktion zu erhalten, muss er die Hände aus den Hosentaschen ziehen. Freie Hände bedeuten Absicht. Absicht ruft Angst hervor, man könnte etwas voneinander wollen. Bender steht da, aber wenn er weiterhin nur dasteht, kann er bis zum Morgen warten. Aus der Ferne hört er eine Polizeisirene. Sobald die Sirene verstummt, zieht er die Hände aus den Hosentaschen, um seine Absicht zu bestätigen, dann macht er ein paar Schritte auf die Männer zu, die keine totalen Fremden mehr sind, aber noch immer kein Gesicht haben. Als er einen Augenblick lang mutig und verwundbar genug ist, um ihnen die Angst vor seinem eigenen Begehren in allen Nuancen zu zeigen, steht einer der beiden Männer auf und zielt mit der Faust direkt auf Benders Kopf. Benders Fuß ist noch nicht richtig verheilt, und schon nimmt er den nächsten Schlag entgegen. Das Geräusch, das ein Echo bleibt, begleitet von salzigem Blut, das sich sogleich in seinem Mund ausbreitet, ähnelt dem Aufplatzen einer Wassermelone in Zeitlupe, wenn die Frucht jemandem zufällig aus der Hand fällt und am Boden aufschlägt. Eine Tragödie, nicht größer als der Tod, aber so gewiss wie der Tod selbst. Benders Körper krümmt sich nach vorne und wankt. Der Fall ist unvermeidlich. Er versucht, etwas zu finden, woran er sich festhalten könnte, aber er kassiert noch einen weiteren Schlag auf den Rücken und streckt seine Arme aus, um den Fall abzufedern. Er lässt sich mit unsichtbarer Kraft auf einen Ringkampf ein. Er spürt noch einige weitere Schläge in die Rippen und einen Schlag auf den Kopf. Niemand spricht auch nur ein Wort. Kein Schimpfwort begleitet die Schläge. Der Augenblick, in dem die Sprache in Vergessenheit gerät, verbindet sich mit der Konzentration auf die Effizienz eines Schlags. Er hätte statt der beiden sprechen können. Beide Seiten des Dialogs aussprechen. Ihnen beiden zunächst einen guten Abend wünschen. Guten Abend. Hallo. Die Nacht ist schön. Ja. Der Mond ist fast voll. Nicht ganz. Es stinkt nicht einmal sehr stark. Ihr also auch über die Geleise drüber. Wir auch über die Geleise drüber. Das ist gefährlich. Wir riskieren es. Hier ist es immer ein Risiko. Was hast du anzubieten. Was wollt ihr. Wenn er doch bloß rechtzeitig gesprochen hätte, dann wäre weniger Blut geflossen. Jetzt hört er, wie Schritte und Zischlaute sich entfernen. Am liebsten würde er sich ausstrecken und einschlafen, um nicht unaufhörlich Blut spucken zu müssen. Es hätte ein ganz gewöhnlicher Tag sein können. Ein Tag, an den man sich erinnert, obwohl nichts Wichtiges passiert ist. Er hätte diesen Tag in Erinnerung behalten können als einen Tag, an dem die Stadt für ihn so aussah, als hätte die Pest darin gewütet. Einen Tag, an dem die ganze Stadt sich zu einer Demonstration eingefunden hat, anstatt auf Urlaub zu fahren. Einen Tag, an dem es aussah, als würde endlich der erste reinigende Regen fallen und die Hoffnung auf ein besseres Morgen zurückbringen. Einen Tag, der schließlich jede andere Möglichkeit ausschloss, außer jener, am Ende des Tages vollgepisst im Park zu liegen und zu versuchen, seine Zigarettenschachtel rauszuziehen, die in der nassen Hosentasche feststeckt. Je fester er die Zigarettenschachtel mit den Fingern umfasst, desto zerknitterter und urindurchnässter werden die Zigaretten. Er muss sich retten. Auf demselben Weg, auf dem er hergekommen ist. Er stützt sich auf die Ellbogen, dann auf die Knie und bleibt so auf allen Vieren. Er schaut sich um. Der Park ist klein, aber groß genug, um eine Orientierungstafel zu haben. Er könnte die Diagonale der Wahnsinnigen einschlagen und über die finsteren Pfade laufen, über Grasflächen und umgestürzte Baumstämme springen. Er könnte mit der gleichen Kraft, mit der seine Beine ihn tragen, brüllen. Er hat nicht damit gerechnet, dass es so ausgeht. Er versucht, sich mit den Handflächen einigermaßen zu säubern, und putzt sich mit der Hand die Nase. Er spuckt Fleisch und Blut aus. Als er sich endlich aufrafft, wieder auf die Beine zu kommen, hört er aus der Ferne Explosionsgeräusche, anschließend gehen mehrere bunte Feuerwerke weit über seinem Kopf auf. Das Feuerwerk erleuchtet den Park ihm zu Ehren. Die Autos verlangsamen ihre Fahrt. Die Passanten schauen hinauf. Die Lichtblumen verschließen sich. Seinem verdreckten Kopf zu Ehren geht im südlichen Teil des Himmels ein weiteres Feuerwerk auf. Gebückte Körper versuchen, sich im Dunkeln zu verstecken. Alle Geheimverstecke sind aufgedeckt. Die Statisten, die in der Dunkelheit für die Illusion zuständig sind, sind einander nun gezeigt worden. Die Spannung ist dahin. Bender steht auf und macht einen Schritt. Er macht noch einige Schritte, dann hält er inne. Er kann sich nicht entscheiden, welchen Weg er nehmen soll, um den Ausgang zu finden. Der Himmel ist nach dem Feuerwerk voller Rauch. Man sieht weder den Mond noch die Sterne. Man sieht auch die Milchstraße nicht, die den Verirrten hilft. Er kann nur mit Mühe seine Füße bewegen. Den Blick auf das Signallicht neben der U-Bahn geheftet, nähert er sich dem Drahtzaun, ertastet mit den Händen den Durchgang und schlängelt sich hindurch, halb kriechend. Er richtet sich auf und geht weiter, zum beleuchteten Teil der Straße. Im Lichte der Straßenlampe überblickt er die gesamte Katastrophe jenes Augenblicks, in dem Begehren auf Aggression getroffen ist. Sein braunes Hemd ist mit Blutspritzern übersät. Es sieht nicht erschreckend aus, sollte ihn überhaupt irgendjemand anschauen wollen. Allerdings ist seine Hose ein offensichtlicher Beweis für seinen Misserfolg. Der nasse Fleck fühlt sich auf der Innenseite seiner Oberschenkel kühl an und zieht die Blicke der Autofahrer auf sich, die zwar schnell unterwegs sind, aber doch langsam genug, um seine Schande zu sehen. Die raucherfüllte Luft nagt an seinen Nasenlöchern. Er denkt, an vorderster Front muss es wohl so ausgesehen haben. Er zieht die Ärmel seines Hemds über die Handflächen hinunter und wischt sich damit das Gesicht ab. Dann krempelt er die Ärmel über die Ellbogen hoch. Er bricht auf zur Hauptstraße. Am Eingang zur U-Bahnstation stehen Menschen und tun so, als würden sie weder ihn noch seine verletzte Nase sehen. Er hätte an ihrer Stelle das Gleiche getan. Sie schauen hypnotisiert auf einen Punkt. Das Feuerwerk hat sie geblendet und ihnen Freude bereitet. Für einen Augenblick haben sie beschlossen, gut zu sein. Heute wollen sie niemanden verurteilen. Keine Verachtung zeigen. Die braven Bürger werden so tun, als sei alles in bester Ordnung. Die Hose ist nicht vollgepisst. Die Nase ist nicht gebrochen. Unter den Nägeln ist keine Erde. Die Schuhe sind nicht schlammig. Das Gesicht ist nicht von Prügeln gezeichnet. Das Blut bleibt lieber im Kopf, als durch die Nase herauszukommen. Die Muskeln sind stark genug, um sich zu verteidigen. Fremde werden hier wie lästige Anhängsel geduldet. Die glückseligen Blicke der Bürger, die da und dort an Bender hängenbleiben wie Kletten, sind lediglich ein Symptom. Die, an denen er jetzt vorbeigeht, werden es niemals schaffen, gute Zeugen zu sein, weil sie Angst haben vor dem, was sie sehen. Ihre Kälberblicke und die leicht geöffneten Münder verraten sie. Bevor ein Zeuge begreift, was er da sieht, muss er dreihundert Mal blinzeln. Wenn er es endlich begriffen hat, ist das Blut schon getrocknet, und die Bilder, deren Zeuge er wurde, haben sich bereits in Luft aufgelöst. Für die Passanten mag es aussehen, als wäre er aus dem Kampf als Sieger hervorgegangen. Vom Park nach Hause wie von der Schule nach Hause. So viele Köder für einen Unschuldigen. Die Kommentare, die er hört, erscheinen ihm seltsam. Das ist nicht seine Sprache. Er muss sich bemühen, um sie zu verstehen. Der Sinn kommt nur von der rechten Seite. Die Stille auf der linken Seite ist Folge der eingesteckten Schläge. Sein Blickwinkel ist verschoben, und er ist nicht mehr ganz sicher, was es ist, das er da sieht. Was genau sieht er, wenn nicht das Spiegelbild seiner eigenen Panik in den Gesichtern der Männer, die ein Grüppchen bilden, und auf die er zugeht und die auf ihn zugehen? Er erkennt sie. Es sind die Demonstranten vom Nachmittag, die von ihrem Sieg überzeugt waren, allerdings fühlen sie sich, sobald es dunkel wird, als Verlierer. Eine Überzeugung, die sich nie wieder in das Gefühl, es sei die Sache wert gewesen, verwandeln lassen wird. In einer Hand halten die Männer Fähnchen mit Parolen, in der anderen je eine Bierflasche. Einer von ihnen steckt sein Fähnchen in die Flasche und zeigt das den anderen. Sie machen Geräusche, die Verwunderung und Begeisterung ob der praktischen Idee zum Ausdruck bringen sollen. Nun stecken alle ihr Fähnchen in ihre Bierflasche. Jetzt haben sie je eine freie Hand, wissen aber nicht, was sie mit ihr tun sollen. Bender geht an ihnen vorbei, den Blick auf den Boden gerichtet. Sie sagen etwas zu ihm, aber er kann sie nicht hören. Er sieht nur ihre Münder, die sich öffnen. Die blutige Nase fordert immer dazu auf, zu überprüfen, ob noch Trotz in ihm steckt. Bender begreift, dass sie ihn einladen, sich ihnen anzuschließen. Nasenbrüder. Niederlagenbrüder. Sie spüren, dass sie das Recht haben, ihn anzusprechen. Er muss doch einer von ihnen sein. Einer von den Hundert, denen es gelungen ist auszuweichen, vor Feuersbrunst, Verstümmelung, Hängen, Kastration und Komasaufen. Geblieben sind ihnen Willkür, Selbstbewusstsein, Selbstverachtung und vollgepisste Oberschenkel. Gerade daran erkennen sie ihn, während er an ihnen vorbeigeht. Er ist ihr Mitkämpfer, der sich vor Angst in die Hose gemacht hat. Sie verstehen ihn. Am liebsten würden sie ihn an der Schulter tätscheln und ihm zuflüstern, er solle doch den nassen Fleck auf seiner Hose vergessen. Er sieht nur ganz zufällig wie einer von ihnen aus. Alle Niederlagen sind gleich, alle Verlierer sehen gleich aus. ER SELBST SIEHT GANZ ZUFÄLLIG GENAUSO AUS! Sie haben ihn als einen Verlierer erkannt und somit als einen, der zu ihnen gehört. Sie winken ihm zu, als hätten sie jemanden gesehen, der ihnen Trost spenden kann. Jungs, sollte er zu ihnen sagen, Jungs, nehmt eure Hände wieder runter. Fuchtelt hier nicht so rum wie Käfer auf dem Rücken. Jungs, er hat sich nicht vor Angst angepisst. Er hat sich angepisst, weil er an sich selbst gedacht hat, in einem Augenblick, als er an etwas anderes hätte denken sollen: an sich selbst als ein nützliches Mitglied der Gemeinschaft. An das Zugehörigkeitsgefühl. An Würde. Vielleicht sollte er zu ihnen gehen, mit ausgestreckten Händen, um sich vor einer falschen Verbindung zu schützen. Aber was soll er ihnen sagen? Dass Würde, Zugehörigkeitsgefühl und Nützlichkeit in der Gemeinschaft so etwas sind wie das Fähnchen in der Bierflasche? Bender zieht an ihnen vorüber, so wie die Tage an ihnen vorüberziehen. Mit einem schnellen Blick in ihre Gesichter erfasst er die tragische Maske ihrer Enttäuschung. Es ist keine kurzfristige Konsequenz, sondern ein endloser Zustand. Bender geht weiter und blickt zu Boden.

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