Kitabı oxu: «Superhelden»

Was wir Menschen von
Superman, Batman, Wonder Woman & Co.
lernen können
Aus dem Englischen von Paul Fleischmann

www.hannibal-verlag.de
Für Kristan, eine Superheldin.
Impressum
Originalausgabe
© 2013 by Hannibal
Hannibal Verlag, ein Imprint der Koch International GmbH, A-6604 Höfen
www.hannibal-verlag.de
ISBN 978-3-85445-419-9
Dieses Buch ist auch erhältlich als Paperback mit der ISBN 978-3-85445-418-2
Der Autor:
Grant Morrison ist einer der populärsten zeitgenössischen Comic-Autoren. Die lange Liste seiner Werke reicht von Batman: Arkham Asylum, der erfolgreichsten Graphic Novel aller Zeiten (mehr als 600 000 Verkäufe weltweit), über Animal Man, Doom Patrol und New X-Men bis zu Superman und JLA – Justice League Of America. Morrison ist bekannt für seinen Einfallsreichtum und seine Kreativität. Er modernisiert traditionsreiche Comic-Serien und transportiert sie in unsere heutige Zeit. Dazu verfasst er Drehbücher für Kinofilme und Computerspiele. Für seine Arbeit wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt von der britischen Queen 2012 mit dem Orden MBE (Member of British Empire) für seine Verdienste um Film und Literatur.
Titel der Originalausgabe:
SUPERGODS – WHAT MASKED VIGILANTES, MIRACULOUS MUTANTS, AND A SUN GOD FROM SMALLVILLE CAN TEACH US ABOUT BEING HUMAN
ISBN: 978-1-4000-6912-5
eBook ISBN: 978-0-679-60346-7
Copyright © 2011 by Supergods Ltd.
Published in the United States by Spiegel & Grau, an imprint of The Random House Publishing Group, a division of Random House, Inc., New York.
All DC Comics characters and images are TM & © DC Comics.
All Rights Reserved. Used with Permission.
Lektorat: Eckhard Schwettmann, Gernsbach
Korrektorat: Dr. Matthias Auer, Bodman-Ludwigshafen
Übersetzung: Paul Fleischmann, Innsbruck
Layout und Satz: www.buchsatz.com, Innsbruck
Coverdesign: © Will Staehle and Greg Mollica
Adaption deutsches Cover: bürosüd, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt und darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlags nicht verwertet oder reproduziert werden. Das gilt vor allem für Vervielfältigungen, Übersetzungen und Mikroverfilmungen sowie die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Inhalt
Einführung
Teil 1: Das Goldene Zeitalter
Kapitel 1: Der Sonnengott und der Dunkle Ritter
Kapitel 2: Der Sohn des Blitzes
Kapitel 3: Der Superkrieger und die Amazonen-Prinzessin
Kapitel 4: Explosion und Niedergang
Teil 2: Das Silberne Zeitalter
Kapitel 5: Superman auf der Couch
Kapitel 6: Chemikalien und Blitzschlag
Kapitel 7: Die Fab Four und die Geburt der Marvelhaften
Kapitel 8: Superpop
Kapitel 9: Parallelerden
Kapitel 10: Neue Götter
Teil 3: Das Dunkle Zeitalter
Kapitel 11: Der hellste Tag, die schwärzeste Nacht
Kapitel 12: Gefürchtet und missverstanden
Kapitel 13: Beängstigende Symmetrie
Kapitel 14: Zenit
Kapitel 15: Hass und Tod
Kapitel 16: Image versus Substanz
Kapitel 17: King Mob – Mein Leben als Superheld
Teil 4: Die Renaissance
Kapitel 18: Muskulöse Mysterien
Kapitel 19: Was ist so witzig an Wahrheit, Gerechtigkeit und dem American Way?
Kapitel 20: Respekt vor Autorität
Kapitel 21: Hollywood leckt Blut
Kapitel 22: 9/11 und Marvel-Neu
Kapitel 23: Der Tag, an dem das Böse siegte
Kapitel 24: Iron Man und die Incredibles
Kapitel 25: Jenseits des Ereignishorizonts
Kapitel 26: Star, Legende, Superheld, Supergott?
Epilog: Genug der Worte
Danksagungen
Lesetipps
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Zitat
„Seht! Ich lehre euch den Übermenschen:
Der ist dieser Blitz, der ist dieser Wahnsinn!“
Friedrich Nietzsche | Also sprach Zarathustra

In Schottland, wo ich lebe, liegt ganz in der Nähe RNAD Coulport, wo die britische Atom-U-Bootflotte, ausgestattet mit Nuklearwaffen, stationiert ist. Dort, in unterirdischen Bunkern, so wurde mir erzählt, befindet sich mehr als 50 Mal die Sprengkraft, die nötig wäre, um die menschliche Bevölkerung unseres Planeten auszulöschen. Eines Tages, falls uns 50 böse Erden-Doppelgänger in einen Hinterhalt im Hyperraum locken sollten, könnte uns dieses mega-zerstörerische Arsenal ironischerweise den Hals retten – doch bis dahin erscheint es übertrieben und irgendwie auch sinnbildlich für die rastlose digitale Hypersimulation, die wir heute bevölkern.
In der Nacht sieht die spiegelverkehrte Reflexion der U-Boot-Docks auf dem Wasser aus wie eine geballte rote Faust, die an einer Fahne aus Wellen zerrt. Ein paar Meilen die gewundene Straße hinauf wurde einst mein Vater verhaftet, als er in den Sechzigern an den Anti-Atom-Demonstrationen teilnahm. Er war ein Veteran des 2. Weltkriegs aus der Arbeiterklasse. Sein Bajonett hatte er gegen einen Aufnäher, der für Abrüstung warb, getauscht, und er war nun zum pazifistischen „Spion für den Frieden“ in einer britischen Antikriegsorganisation geworden. Schon die Welt meiner Kindheit war eine, die erfüllt war mit einer stets zunehmenden Zahl von Abkürzungen und Codenamen des Kalten Kriegs.
Und die Bombe, immer diese Bombe, dieser grimmige und bedrohliche Gast, bereit, jede Minute hochzugehen und jeden und alles zu töten. Ihre Minnesänger waren schwermütige existenzialistische Folkmusiker, die ihre Klagelieder wie „Hard Rain“ oder „All on That Day“ herunterjammerten, während ich in der Ecke zitterte, das letzte Gericht und die totale Auslöschung erwartete. Die dazu passenden Bilder lieferten die radikalen, im Selbstverlag veröffentlichten Magazine, die mein Vater aus den politischen Buchläden auf der High Street mitbrachte. Typischerweise waren diese leidenschaftlich pazifistischen Manifeste mit schrecklichen, von Hand gezeichneten Bildern illustriert, die zeigten, wie die Welt nach einem thermonuklearen Schlagabtausch aussehen würde. Die Urheber dieser kadaverhaften Landschaften ließen dabei keine Möglichkeit ungenutzt, zerschlagene, ausgeblichene Skelette vor dem Hintergrund einer zerbombten und rußgeschwärzten Horrorvision abzubilden. Wenn der Künstler außerdem noch Platz für eine makabre Darstellung eines 800 Fuß hohen Sensenmannes auf einem ausgemergelten Ross des Grauens finden konnte, von dem aus dieser Raketen wie Getreide über den lückenhaften und halb geschmolzenen Horizont säte, dann war das umso besser.
Wie Visionen von Himmel und Hölle auf einem mittelalterlichen Triptychon lagen die post-atomaren Wüsten aus den Heften meines Dads neben den mit drei Sonnen gespickten Aussichten, welche die geliebten Science-Fiction-Taschenbücher meiner Mum zierten. Wie kleine Fenster in eine strahlende Zukunft boten sie Roboter-Amazonen in verchromten Einteilern, die gestrandete Weltraummänner über perlenfarbene Himmelszelte in unglaublich fremde Welten hetzten. Mit Seelen belastete Androiden schleppten sich durch neonfarbene Dschungel oder schritten über die Laufbänder, die durch Städte führten, die an eine architektonische Verschmelzung von Le Corbusier, Frank Lloyd Wright und LSD denken ließen. Die Titel erinnerten an surrealistische Dichtung: Der Tag, an dem der große Regen kam, Der Mann, der vom Himmel fiel, Die Mars-Chroniken, Blumen für Algernon, Eine Rose für Ecclesiastes, Barfuß im Kopf.
Im Fernsehen wechselten Bilder von heroischen Astronauten mit trostlosen Szenen aus Hiroshima und Vietnam: Es war wie eine Alles-oder-nichts-Entscheidung zwischen der Atombombe und einem Sternenschiff. Ich hatte mich zwar schon für eine Seite entschieden, doch wurde die Spannung des Kalten Kriegs zwischen Apokalypse und Utopia zunehmend unerträglich. Und schließlich prasselten die Superhelden auf der anderen Seite des Atlantiks in einer grellen, prismatischen Reflexion ihrer heraldischen Kostüme auf die Erde nieder und schufen neue Möglichkeiten, wie man diese Welt wahrnehmen konnte.
Großbritanniens erster Comicladen – der Yankee Book Store – öffnete in Paisley, vor den Toren Glasgows gelegen, ein paar Jahre nach dem Krieg. Es ist schon etwas ironisch, dass die Comics gemeinsam mit den amerikanischen Soldaten landeten, deren Raketen meine Existenz bedrohten. So wie frühe R&B- und Rock’n’Roll-Platten in Liverpool ankamen, um eine ganze Generation von Musikern zu inspirieren, so kamen die Comics wegen der militärischen Anlagen in den Westen von Schottland, beflügelten die Gedanken und änderten das Leben von Kindern wie mir für immer.
Die Superhelden lachten über die Bombe. Superman konnte auf der Oberfläche der Sonne spazieren und bekam dabei nur eine unmerkliche Bräune ab. Die Abenteuer des Hulks hatten gerade erst unmittelbar nach einem fehlgeschlagenen Experiment mit einer Gammastrahlenbombe begonnen, in das sein Alter Ego Bruce Banner verwickelt war. Im Schatten von Zerstörern kosmischen Ausmaßes wie Anti-Monitor oder Galactus wirkte die sonst allmächtige Bombe allerhöchstens provinziell. Ich hatte ein von unserer Welt abgetrenntes Universum entdeckt, einen Ort, an dem sich Dramen über Jahrzehnte erstreckten und Galaxien sich über die zweite Dimension der Papierseiten auftaten. Hier waren Männer, Frauen und noble Monster in Fahnen gewandet. Sie traten aus dem Schatten, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Die Welt, in der ich lebte, fühlte sich bereits besser an. Ich begann zu verstehen, dass ich etwas gefunden hatte, das mir dabei half, mit meinen Ängsten klarzukommen.
Bevor es die Bombe gab, war sie bloß eine Idee.
Superman hingegen war eine stärkere, schnellere, bessere Idee.
Es war nicht so, dass Supermann für mich „real“ sein musste. Er musste nur realer sein als die Vorstellung von der Bombe, die mich in meinen Träumen heimsuchte. Ich hätte mich nicht sorgen müssen; Supermann ist so ein kraftvolles Produkt der menschlichen Vorstellungskraft, so ein perfekt entworfenes, freundliches, weises und zähes Symbol für uns selbst, dass die Bombe nicht den Funken einer Chance hatte. Mit Superman und den anderen Superhelden hatten moderne Menschen Ideen erschaffen, die unverwundbar waren, immun gegen Zerstörung. Erschaffen, um diabolische Superhirne auszutricksen, sich dem Bösen zu stellen und dabei – trotz verschwindend geringer Chancen – immer siegreich aus den Kämpfen hervorzugehen.
Ich betrat das Feld der amerikanischen Comics als Schreiber Mitte der Achtziger, einer Zeit des radikalen Umbruchs und technischen Fortschritts, als Meilensteine des Superheldengenres wie etwa Batman – Die Rückkehr des Dunklen Ritters oder Watchmen herauskamen und die Möglichkeiten – auch in puncto kreativer Freiheit – grenzenlos schienen. Ich war Teil einer Generation von Schreibern und Zeichnern, meist der britischen Arbeiterklasse entstammend, die in den morbiden Welten der Comic-Helden das Potenzial sahen, um ausdrucksstarke, erwachsene, anspruchsvolle Arbeiten zu schaffen, die das ausgedörrte Konzept des Superhelden mit neuer Relevanz und Vitalität erfüllten. In Folge wurden die Geschichten cleverer, die Illustrationen ausgereifter, und der Superheld erhielt ein neues Leben in Comic-Büchern, die gleichzeitig philosophisch, postmodern und sehr ambitioniert waren. In den letzten 20 Jahren haben Dutzende von einzigartigen und originellen Talenten erstaunliche und innovative Arbeiten vorgelegt. Die niedrigen Produktionskosten (Stift und Tusche können Szenarien erschaffen, die Millionen Dollar für eine Umsetzung auf der Leinwand kosten würden) und kurze Abstände zwischen den Veröffentlichungen sorgen dafür, dass in Bezug auf Comics alles möglich ist. Keine Idee ist zu bizarr, keine Wendung zu abstrus, kein Erzählstil zu experimentell. Mir ist die Tragweite von Comics, mir sind die großen Ideen und Emotionen, die sie transportieren können, nun schon lange bewusst. So sehe ich mit Staunen, und auch ein wenig mit Stolz erfüllt, die stetig fortlaufende friedliche Kapitulation der Mainstream-Kultur vor der unnachgiebigen Kolonisierung, die ihren Ursprung im Hinterland absonderlicher Streber, sogenannten Geeks, hat. Namen, die früher als obskure Erkennungszeichen unter Außenseitern galten, stehen nun im Mittelpunkt globaler Vermarktungskampagnen.
Batman, Spiderman, X-Men, Heroes, Iron Man. Weshalb sind die Superhelden so groß geworden? Und warum gerade jetzt?
Auf der einen Seite ist es einfach: Irgendjemand hat irgendwo spitzgekriegt, dass Superhelden – genau wie Schimpansen – alles unterhaltsamer machen. Eine langweilige Teegesellschaft? Man gebe ein paar Schimpansen hinzu, und schon hat man ein unvergessliches Comedy-Chaos. Eine konventionelle Mordgeschichte? Ein paar Superhelden hinzugefügt, und schon hat man ein erstaunliches und provokantes neues Genre. Ein großstädtischer Krimi? Hat man alles schon gesehen … bis Batman auftaucht. Superhelden peppen jede Geschichte auf. Aber es steckt noch mehr dahinter, hinter unserer Lust auf die Eskapaden extravagant kostümierter Protagonisten, die uns niemals im Stich lassen würden. Wenn man vom Comic-Heft aufblickt oder sich vom Bildschirm abwendet, so könnte man meinen, dass Superhelden bereits bis ins Bewusstsein der Massen – wie auch überall sonst wohin – vorgedrungen sind, um auf ein verzweifeltes SOS-Signal unserer krisengeschüttelten Welt zu reagieren.
Wir haben uns damit abgefunden, dass die meisten Politiker letzten Endes als sexsüchtige Lügner oder Idioten entlarvt werden, genauso wie wir mittlerweile akzeptieren müssen, dass hinreißende Supermodels bulemische, neurotische Scheinwesen sind. Wir haben die Illusionen durchschaut, die einst unsere Fantasien beflügelten, und wissen aus bitterer Erfahrung, dass sich uns liebe Comedians nur allzu bald als alkoholkranke Perverse oder lebensmüde Depressive offenbaren. Wir sagen unseren Kindern, dass sie wie Ratten gefangen sind, und zwar auf einem todgeweihten, bankrotten, von Gangstern beherrschten Planeten, dem die Ressourcen ausgehen, auf dem es für sie nichts geben wird außer steigenden Meeresspiegeln und unmittelbarem Massensterben. Im Anschluss beäugen wir sie voller Missgunst, wenn sie als Reaktion beginnen, sich nurmehr in Schwarz zu kleiden, sich mit Klingen zu ritzen, sich zu Tode zu hungern, sich fett zu fressen oder sich gegenseitig zu massakrieren. Traumatisiert durch Kriegs- und Katastrophenberichterstattung, ausspioniert von omnipräsenten Überwachungskameras, bedroht durch exotische Bösewichte, welche in ihren Höhlen und unterirdischen Verstecken lauern, gejagt von düsteren und monumentalen Göttern der Angst, werden wir unaufhaltsam in die Wirklichkeit der Comic-Bücher gesaugt, wobei üblicherweise nur Augenblicke verbleiben, um die Welt zu retten. Überlebensgroße verwesende Todesengel wie jene auf den Titelblättern der Anti-Atom-Heftchen meines Dads scheinen ihre Schatten über unsere kollektive Imagination zu werfen.
Könnte es sein, dass sich eine Zivilisation, die so nach optimistischen Bildern hungert, sich auf ihrer Suche nach utopischen Vorbildern zurück zu deren Urquelle orientiert hat? Könnte der Superheld mit seinem Cape und seinem hautengen Kostüm die aktuelle Repräsentation dessen sein, was wir werden könnten, wenn wir uns selbst gestatten, uns würdig zu fühlen für eine Zukunft, in der unsere besten Eigenschaften so stark sind, um die zerstörerischen Impulse, die danach streben, das Menschheitsprojekt zu beenden, endgültig zu überwinden?
Wir leben die Geschichten, die wir uns erzählen. In einer säkularen wissenschaftlichen Kultur, der jegliche überzeugende spirituelle Führung fehlt, sprechen Geschichten über Superhelden klar und deutlich unsere größten Ängste, tiefsten Sehnsüchte und höchsten Erwartungen an. Superhelden bieten Hoffnung, schämen sich nicht, optimistisch zu sein, und sind auch im Dunkeln absolut furchtlos. Die Geschichten über sie sind so weit von unserer gesellschaftlichen Realität entfernt, wie es nur eben geht, doch behandeln die besten Superhelden-Geschichten direkt die mythischen Seiten des menschlichen Daseins, mit denen sich jeder identifizieren kann, und zwar auf fantasievolle, tiefgründige, witzige und provokante Weise. Das vorliegende Buch ist der ultimative Guide zur Welt der Superhelden – was sie sind, woher sie kommen, und wie sie uns helfen können, uns selbst, unsere Umwelt und das Multiversum an Möglichkeiten, das uns umgibt, wahrzunehmen und zu überdenken. Seid bereit, Eure Maskierung fallenzulassen, das Zauberwort für Eure Verwandlung zu flüstern und das Gewitter heraufzubeschwören. Es ist an der Zeit, die Welt zu retten.


AN ALLE HEISSBLÜTIGEN JUNGEN AMERIKANER!
Hiermit bist Du, (hier Name und Adresse einsetzen), offiziell erwählt worden, um als MITGLIED dieser Organisation alles zu tun, um Deine KRAFT und Deinen MUT für die GERECHTIGKEIT einzusetzen, den SUPERMAN CODE absolut GEHEIM zu halten und alle Regeln eines braven Staatsbürgers zu befolgen.
Es sind vielleicht nicht die Zehn Gebote, aber als moralische Orientierungshilfe für eine Jugend in einem aufgeklärten Zeitalter war das Credo der Supermen of America, eines Superman-Fanclubs, schon mal ein Anfang.
Dies ist die Gründungsgeschichte eines neuen Glaubens und seiner Eroberung der Welt:
Mit einem Blitzschlag entzündete der göttliche Funken der Inspiration billiges Zeitungspapier. Der Superheld ward geboren, aus einer Explosion von Farbe und Action. Von Anfang an präsentierten der Ur-Gott und sein düsterer Zwilling den Rahmen, durch den wir unsere besten wie unsere abgründigsten Impulse personifiziert und im ewigen Kampfe sehen konnten – ausgebreitet über eine epische, zweidimensionale Leinwand, auf der sich unsere äußeren und inneren Welten, unsere Gegenwart und Zukunft, abbilden und erforschen ließen. Sie kamen, um uns aus einem existentialistischen Abgrund zu erretten, jedoch mussten sie sich zuerst einen Weg in unsere kollektive Vorstellungskraft bahnen.
Superman war das erste dieser neuen Wesen, frisch aus der Druckerpresse im Jahr 1938, neun Jahre, nachdem der Börsencrash an der Wall Street eine katastrophale, weltweite Depression ausgelöst hatte. In Amerika gingen Banken Pleite, verloren Menschen ihre Jobs und ihre Häuser, zogen in extremen Fällen in hastig zusammengebaute Barackensiedlungen. Auch vernahm man Gepolter aus Europa, wo sich der ehrgeizige Reichskanzler Adolf Hitler zum Diktator von Deutschland erklärte, nachdem er fünf Jahre vorher bei der Wahl triumphiert hatte. Mit dem Auftauchen des ersten globalen Super-Bösewichts war die Bühne frei für die fantasievolle Antwort der freien Welt. Dieser Konter kam ausgerechnet aus den Reihen der Underdogs: Zwei junge, bebrillte und ideenreiche Science-Fiction-Fans aus Cleveland waren es, die, bewaffnet mit Schreibmaschine und Zeichenkarton, eine Macht entfesselten, die stärker war als Bomben, und ein Ideal formten, das mühelos Hitler und seine Träume von einem Tausendjährigen Reich überlebte.
Jerry Siegel und Joseph Shuster feilten sieben Jahre an ihrer Idee, bevor sie bereit war, der Welt präsentiert zu werden. Ihr erster Versuch im Comic-Genre resultierte in einer dystopischen Sci-Fi-Story über einen telepathischen Despoten. Der zweite Entwurf enthielt einen großen, starken, aber sehr menschlichen Helden, der sich um die Missstände in den Straßen kümmerte. Keine der beiden Geschichten entsprachen dem Geschmack der Verleger. Vier Jahre später, nach vielen fruchtlosen Versuchen, Superman als Comicstrip in die Zeitungen zu bringen, gelang es Siegel und Shuster schließlich, das Tempo und die Struktur ihrer Geschichten an die Möglichkeiten des Comic-Buchs anzupassen – womit auch diesem noch jungen Format plötzlich sein definierender Inhalt beschert wurde.
Der Superman, der es auf das Cover der Action Comics, Ausgabe 1,schaffte, war einfach nur ein simpler Halbgott, nicht die popkulturelle Gottheit, die er einst werden sollte. Der Prototyp von 1938 vermochte 200 Meter weit zu hüpfen, ein zwanzigstöckiges Gebäude im Sprung zu überwinden, kolossale Gewichte zu stemmen, schneller als ein Expresszug zu sprinten, und seine Haut konnte allerhöchstens mittels Granatbeschuss durchdrungen werden. Obwohl er ein Genie war, ein wahrer Herkules und der Erzfeind aller Bösewichte, war diese Version von Superman noch flugunfähig und beschränkte sich stattdessen auf seine in der Tat enorme Sprungkraft. Er konnte weder die Erde in Lichtgeschwindigkeit umkreisen noch den Fluss der Zeit aufhalten. Das kam erst später. In seinen Jugendtagen war er beinahe noch glaubwürdig. Siegel und Shuster bemühten sich, seine Abenteuer in einer zeitgenössischen, aber fiktiven Stadt, allerdings nicht unähnlich dem realen New York, zu verankern, welche genauso wie der Rest der realen Welt von nur allzu bekannten Ungerechtigkeiten heimgesucht wurde.

Die Abbildung auf dem Cover, die der Welt diesen bemerkenswerten Typen vorstellte, bot etwas komplett Neues, etwas, das noch nie jemand gesehen hatte. Es ähnelte einer Höhlenmalerei, welche Forscher einmal, zehntausend Jahre in der Zukunft, an der Wand eines prähistorischen U-Bahn-Schachts entdecken könnten – ein kraftvolles, gleichsam futuristisch wie primitiv anmutendes Abbild eines sagenhaften Jägers, der ein wildgewordenes Auto zur Strecke bringt.
Der knallgelbe Hintergrund der rot gezackten Korona – beides in den Farben Supermans gehalten – erinnert an eine explosive Detonation von roher Kraft, die den Himmel erleuchtet. Neben dem schlichten Logo von Action Comics, dem Datum (Juni 1938), der Ausgabe (Nr. 1) und dem Preis (10 Cents) findet sich keine einzige Erwähnung des Namens Superman. Die Botschaft war prägnant genug. Zusätzliche Schriftzüge wären überflüssig gewesen: Die Action war, was zählte. Die Taten eines Helden zählten weit mehr als seine Worte, und von Anfang an war Superman permanent in Bewegung.
Zurück zum Cover: Seht Euch den schwarzhaarigen Mann in seinem eng anliegenden rot-blauen Outfit und seinem roten Cape an, wie er sich von links nach rechts entlang des Bildäquators bewegt. Das auffällige Emblem auf seiner Brust deutet ein „S“ an. Der Mann ist in vollem Schwung festgehalten, auf den Zehenspitzen seines linken Fußes, beinahe, als würde er zum Abflug ansetzen, während er mühelos das olivgrüne Auto über seinen Kopf stemmt. Mit beiden Händen zertrümmert er das Gefährt an einem Felsen. In der unteren linken Ecke stürmt ein Mann in blauem Anzug aus dem Bild, wobei er seinen Kopf ähnlich Edvard Munchs Schreihals in seinen Händen hält. Sein Gesicht ist erfüllt mit existentieller Angst, wie ein Mann, der durch das, was er gerade miterlebt, an die Grenzen seiner Vernunft getrieben wird. Über seinem Kopf sieht man einen anderen Mann in einem konservativ anmutenden Zweiteiler, der sich ebenso Richtung Bildrand verabschiedet. Ein dritter, nicht weniger erschütterter Protagonist kauert auf Händen und Knien am Boden und blickt ganz ohne Jacke auf den übermenschlichen Vandalen. Seine elende Haltung symbolisiert seine totale Unterwerfung gegenüber diesem ultimativen Alphamännchen. Einen vierten Mann gibt es nicht: Sein potentieller Platz in der rechten unteren Ecke des Bildes wird von einem Weißwandreifen, der von seiner Achse gerissen wurde, eingenommen. Ähnlich den glupschäugigen Ganoven versucht er, die Flucht vor diesem zerstörerischen Muskelmann zu ergreifen.
In den Händen jedes anderen würde der grüne Roadster des Covers stolz die technologische Überlegenheit Amerikas und die Wunder der Massenfabrikation repräsentieren. Man stelle sich die Werbung vor: „Luxuriöse Weißwandreifen lassen Sie wie auf Watte dahingleiten.“ Aber dies war nun einmal der Sommer 1938. Die Fließbandherstellung machte viele Arbeiter überflüssig, während Charlie Chaplins Modern Times pantomimisch den stillen Schrei des kleinen authentischen Mannes, der nicht vergessen werden hätte sollen, artikulierte.
Superman machte seinen Standpunkt klar: Er war ein Held des Volkes. Der ursprüngliche Superman war eine kühn-humanistische Antwort auf die Ängste, die die Ära der Weltwirtschaftskrise mit ihrem seelenlosen Industrialismus mit sich brachte. Diese frühe Inkarnation von Superman brachte gigantische Züge zum Stillstand, warf Panzer um oder stemmte Baukräne. Superman schrieb die Legende vom amerikanischen Volkshelden John Henry und seinem tapferen, wenn auch letztendlich vergeblichen Kampf gegen einen Dampfhammer zu einem Happy-End um. Er thematisierte die Träume des kleinen Kerls von der Straße. Er war wie Charlie Chaplin bereit, erbittert gegen die Ungerechtigkeit anzukämpfen, nur: An Stelle von Witz und Charme hatte Superman die Kraft von 50 Männern und war außerdem unverwundbar. Wenn die dystopischen Visionen dieser Zeit eine entmenschlichte und mechanisierte Welt prophezeiten, so stand Superman für eine Alternative: nämlich für eine von Menschen geprägte Zukunft, in der das Individuum über die Mächte der industriellen Unterdrückung siegen würde. Er war nicht weniger bescheiden und genauso stets auf Seiten der Armen wie ein in einem Stall geborener Erlöser.
Um noch einmal auf das Cover zurückzukommen: Bitte beachtet, wie die Komposition sich in einer unschwer zu erkennenden X-Form über das Bild erstreckt, was der Zeichnung ihr solides Gerüst und ihre grafische Ausstrahlung verleiht. Dieses unterschwellige X deutet auf die Faszination des Unbekannten hin, schließlich war Superman zu Zeiten dieser Erstausgabe auch nichts anderes: ein wandelndes Enigma im Umhang. Er steht in der Bildmitte, ein Meister über die vier Elemente und Himmelsrichtungen. Im haitianischen Voodoo steht eine Kreuzung als Pforte für das Geistwesen des Legba, einer weiteren Manifestation des „Gottes“, der u. a. auch schon als Merkur, Thoth, Ganesh, Odin oder Ogma verehrt wurde. Wie diese anderen Gottheiten ist Legba ein Torwächter, der das Grenzgebiet zwischen den Welten der Menschen und jener der Götter bewacht. Es macht absolut Sinn, dass Superman sich gleichfalls in so einem nexushaften Übergang aufhält.
Wie eine kompositorische Schranke erlaubte dieses „X“ Shuster, mehrere Elemente in eine Drehbewegung zu versetzen, welche die zentrale Figur hervorhob. Man sieht sich in Bewegung befindliche Menschen mit Ausdrücken auf ihren Gesichtern, grelle Farben, die jedoch, sorgfältig um die starke Struktur des „X“ gelegt, ein sekundäres, spiralartiges Arrangement formen, welches unsere visuelle Wahrnehmung auf eine Riesenradfahrt mitnimmt, fieberhafte Fragen aufwirft und so unseren Verstand in Bewegung setzt:
Warum hat der rennende Mann so eine Angst?
Was macht das Auto da oben?
Warum wird es gegen einen Felsen gehämmert?
Auf was blickt der kniende Mann?

Mit unserem heutigen Wissen können wir annehmen, dass die fliehenden, verängstigten Männer wohl irgendwelche Kriminelle sein dürften. Die Leser damals hatten aber überhaupt keine Ahnung, was da vor sich ging. Ganz offensichtlich ging es hier um Action, aber der erste Blick auf Superman war zwiespältig. Die Männer, die für uns eindeutig als Gangster zu identifizieren sind, hätten genauso nichts ahnende Passanten sein können, die sich vor einem Über-Halunken in einer Art russischem Ballettkostüm in Sicherheit bringen wollten. Schließlich sehen wir keine gestohlene Beute, welche aus Räubersäcken hervorquillt, keine unrasierten Visagen oder billige Anzüge – nicht einmal Waffen, die die Flüchtenden als etwas anderes als harmlose Zaungäste entlarven würden. Dem ersten Eindruck nach könnte dieser auffällige Muskelprotz Feind wie Freund sein – und die einzige Möglichkeit, alle Fragen aufzuklären, war: weiterzulesen.
Noch eine weitere Innovation bot dieses Cover, noch einen Taschenspielertrick, um uns in die Geschichte zu locken: Das Titelbild zeigt uns eine Momentaufnahme vom Höhepunkt einer Story, die wir noch nicht kennen. Zum Zeitpunkt, zu dem sich Superman der Welt vorstellt, bringt er ein Abenteuer zum Abschluss, das wir nun scheinbar bereits verpasst haben! Nur durch die Lektüre der Geschichte können wir dieses Bild in einen passenden Kontext setzen.
Dieses erste, unbetitelte Abenteuer Supermans explodierte seinen Lesern mit einem actionreichen Standbild entgegen. Siegel warf traditionellere Einstiege über Bord und schnitt direkt in der eröffnenden Panele zur Action, um so konventionelle Erzählweisen auf originelle Weise umzuarrangieren. Der Text verrät uns: „EINE RASTLOSE GESTALT EILT DURCH DIE NACHT, SEKUNDEN ZÄHLEN … VERZÖGERUNG HIESSE, EIN UNSCHULDIGES LEBEN ZU RISKIEREN.“ Diese Zeilen begleiten eine Illustration von Joe Shuster, die zeigt, wie Superman durch die Luft springt und eine gefesselte und geknebelte Frau unterm Arm hält. Das Bild strahlt so viel Kraft wie der Held selbst aus.
Ab der zweiten Panele haben wir das Anwesen des Gouverneurs erreicht. Superman sprintet bereits über den Rasen und wendet sich dabei an das verschnürte Mädchen im Bildvordergrund, das er bei einem Baum abgelegt hat: „BERUHIGE DICH! ICH KANN MICH JETZT NICHT UM DICH KÜMMERN.“ Wir wissen nicht, wer sie ist, obwohl Supermans grobes Verhalten auf eine üble Person hindeutet – außer, wie das Cover nicht abgeneigt ist zu unterstellen, der Protagonist ist ein Bösewicht.
Durch die Erzählweise werden wir von Supermans Geschwindigkeit mitgerissen und gezwungen, uns auf das Notwendigste in jeder Szene zu konzentrieren. Die einzige Lösung ist, sich an sein wehendes rotes Cape zu heften, immer einen Schritt hinter ihm.
Als der Butler des Gouverneurs dem muskelbepackten Fremden im hautengen Kostüm die Türe nicht öffnen will, zertrümmert dieser sie einfach, hastet die Treppen hoch, wobei er den lautstark protestierenden Adlatus über seinen Kopf hält. Dann reißt er eine Stahltür aus ihren Angeln und erreicht einen schockierten und sichtlich um seine Sicherheit besorgten Beamten. Der Butler hat sich inzwischen so weit gesammelt, dass er eine Waffe auf den Eindringling richten kann: „LEGEN SIE DAS SPIELZEUG NIEDER“, warnt ihn Superman. Der Butler drückt ab, muss aber feststellen, dass der muskulöse Held immun gegen Patronen ist, welche harmlos von seiner Brust abprallen.