Kitabı oxu: «Die wichtigsten Werke von Oskar Meding»

Şrift:

Oskar Meding Gregor Samarow

Die wichtigsten Werke von Oskar Meding

Der Todesgruß der Legionen + Um Szepter und Kronen + Zwei Kaiserkronen + Kreuz und Schwert…


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musaicumbooks@okpublishing.info

2017 OK Publishing

ISBN 978-80-272-3747-0

Inhaltsverzeichnis

Um Szepter und Kronen

Europäische Minen und Gegenminen

Zwei Kaiserkronen

Kreuz und Schwert

Held und Kaiser

Die Saxoborussen

Plewna

Die Römerfahrt der Epigonen

Ritter oder Dame

Palle

Der Todesgruß der Legionen

Um Szepter und Kronen

Inhaltsverzeichnis

Erster Band.

Erstes Kapitel.

Zweites Kapitel.

Drittes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Zweiter Band.

Achtes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

Elftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Vierzehntes Kapitel.

Dritter Band.

Fünfzehntes Kapitel.

Sechzehntes Kapitel.

Siebenzehntes Kapitel.

Achtzehntes Kapitel.

Neunzehntes Kapitel.

Zwanzigstes Kapitel.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Vierter Band.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Erster Band.

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Es war um die neunte Abendstunde eines dunklen Aprilabends des Jahres 1866. Eine berliner Droschke fuhr in dem, diesen Kommunikationsmitteln eigenthümlichen Trab die Wilhelmsstraße herauf und hielt vor dem breiten durch zwei Gaslampen hell erleuchteten Thor des Hauses Nr. 76, des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten. Das Erdgeschoß dieses langgedehnten zweistöckigen Hauses war hell erleuchtet und man sah, wenn man scharf durch die grünen Vorsätze der Fenster blickte, in mehrere Bureauzimmer hinein, welche trotz der vorgerückten Abendstunde von eifrig arbeitenden Beamten erfüllt waren. Die Fenster des ersten Stocks zeigten theilweise eine matte Erleuchtung.

Aus der Droschke, welche vor diesem Hause hielt, stieg ein Mann von Mittelgröße, in dunklem Paletot und schwarzem Hut, näherte sich der Gaslampe, um in seinem Portemonnaie die zur Bezahlung der Droschke nöthige Münze zu finden, und läutete, nachdem er seine Rechnung mit dem numerirten Automedon ausgeglichen, stark an der neben dem Thor befindlichen Glocke. Fast unmittelbar darauf öffnete sich dieß Thor und der Einlaßbegehrende trat in eine breite Einfahrt, an deren Ende sich zwischen zwei mächtigen ruhenden Löwen die Aufgangstreppe in das Innere des Hauses befindet. An der Seite der Einfahrt über Manneshöhe öffnete sich ein in die Portierloge führendes Fenster und an demselben erschien der Kopf des Portiers mit der eigentümlichen gleichgültigen Miene, welche den Thürstehern großer Häuser überall eigen ist.

Der Portier blickte den Eintretenden durch das halbgeöffnete Fenster fragend an.

Dieser erhob jedoch nur flüchtig das Gesicht gegen das Fenster und schritt mit ruhigem, gleichmäßigen Schritt der Ausgangstreppe zu.

In dem hellen Licht, das bei dieser Bewegung des Eingetretenen aus dessen Antlitz fiel, sah man die Züge eines Mannes von etwa 60 Jahren, von gesunder, ein wenig gelblicher Gesichtsfarbe. Das scharfe, lebhafte dunkle Auge funkelte stechend und durchdringend, aber zugleich ruhig, wohlwollend und freundlich durch die Gläser einer feinen goldenen Brille. Eine scharfgeschnittene, feine Nase neigte sich in leichter Krümmung zu dem schmalen, festgeschlossenen, bartlosen Munde herab, unter welchem ein energisch gewölbtes Kinn dieses eigentümliche Gesicht abschloß, das man schwer wieder vergessen mochte, wenn man es einmal gesehen.

Kaum hatte der Blick jenes Auges unter dem goldenen Brillenreif hervor einen seiner blitzenden Strahlen nach dem Fenster der Portierloge geschossen, als der Kopf des Portiers wie durch einen Zauberschlag seine Physiognomie veränderte.

Der gleichgültige, vornehm herablassende Ausdruck verschwand urplötzlich, das Gesicht legte sich so zu sagen in dienstliche Falten und der Inhaber dieses Kopfes eilte an die nach der Aufgangstreppe führende Thüre seiner Loge, wo er in straffer Haltung, die den altgedienten Militär erkennen ließ, dem Eingetretenen gegenüber stehen blieb, welcher inzwischen die bis zum Vestibüle des Erdgeschosses führenden Stufen der großen Treppe hinaufgestiegen war.

»Der Herr Ministerpräsident zu Hause?« fragte der Eintretende leicht und mit jener einfachen vornehmen Freundlichkeit, welche, gleich fern von der Höflichkeit des Bittstellers und der gezwungenen Nonchalance des Parvenüs, den Mann charakterisirt, der gewohnt ist, auf den Höhen des Lebens sich in sicherer Natürlichkeit zu bewegen.

»Zu Befehl, Excellenz,« erwiederte der Portier im Tone dienstlicher Meldung. »Soeben ist der französische Botschafter fortgegangen und es ist Niemand mehr da. Der Herr Ministerpräsident werden allein sein.«

»Nun und wie geht es bei Ihnen? Noch immer rüstig und tüchtig zum Dienst?« fragte der Eingetretene freundlich.

»Danke unterthänigst für Eurer Excellenz gnädige Nachfrage, es geht ja noch immer, freilich etwas schwächer wird man schon, es ist nicht Jeder so fest wie Excellenz.«

»Nun, nun, wir werden Alle älter und gehen dem Ende entgegen, halten Sie sich tapfer — Gott mit Ihnen« — mit diesen freundlich und herzlich gesprochenen Worten stieg der ernste Mann mit der goldenen Brille die breite Treppe zum ersten Stockwerk hinauf, während der alte Portier ihm ehrerbietig und erfreut nachblickte und sich dann in seine Loge zurückzog.

Der Eingetretene fand in dem oberen Vorzimmer den Kammerdiener des Herrn von Bismarck-Schönhausen und wurde von demselben sogleich durch den großen matterleuchteten Vorsaal in das Kabinet des Ministerpräsidenten eingeführt, dessen Thüre der Kammerdiener mit den an seinen Herrn als Meldung gerichteten Worten öffnete: »Excellenz von Manteuffel!«

Herr von Bismarck saß vor dem großen mit Akten und Papieren überdeckten und durch eine hohe Lampe mit dunkler Kuppel erleuchteten Schreibtisch in der Mitte des Zimmers. Auf der andern Seite dieses Tisches befand sich ein Fauteuil, in welchen der Minister die ihn besuchenden Personen niedersitzen zu lassen pflegte.

Bei der Meldung des Dieners erhob sich Herr von Bismarck und trat seinem Besuch entgegen, während Herr von Manteuffel mit einem einzigen Blick seines scharfen Auges das Zimmer umfaßte und dann mit einem fast unmerkbaren halb wehmüthigen Lächeln die dargebotene Hand des Ministerpräsidenten ergriff.

Es war ein charakteristisches Bild von tiefem Inhalt, diese beiden sich gegenüberstehenden Männer in dem Sekundenatome der Gegenwart berührten sich die Vergangenheit und die Zukunft, das alte und das neue Preußen.

Beide Männer fühlten selbst etwas von diesem Eindruck: sie standen einen Augenblick stumm einander gegenüber.

Wir haben Herrn von Manteuffel bereits bei seinem Eintritt in das Hotel des auswärtigen Amtes charakterisirt, es bleibt nur noch hinzuzufügen, daß der abgenommene Hut leicht graues und dünn gewordenes, kurz geschnittenes Haar zeigte. Er stand ruhig da, die rechte Hand in der des Herrn von Bismarck, während er in den weichen weißen Fingern der linken den Hut hielt. Seine Züge hielten ihre stereotype Ruhe fest, der Mund war fast noch hermetischer geschlossen und eine abwehrende Zurückhaltung drückte dem ganzen ernst dastehenden Manne ihren Stempel auf.

Fast um eines Hauptes Länge über ihn hervorragend stand Herr von Bismarck vor ihm.

Seine mächtige Gestalt zeugte in ihrer Haltung dafür, daß er gewohnt war, die militärische Uniform zu tragen; sein kernig geformtes, stark markirtes Gesicht sprach in seinen tiefen Zügen von mächtigem, leidenschaftlichem innerem Leben, das graue, klare, durchdringende Auge richtete sich fest und gerade mit kaltem und kühnem Blick auf den Gegenstand, den es beobachten wollte, und unter der hohen und breiten, weit hinauf kahlen Stirn konnte man die in elementarischer Urkraft arbeitenden, durch eisernen Willen in logische Ordnung gezwungenen Gedanken errathen.

»Ich danke für Ihren freundlichen Besuch,« begann Herr von Bismarck nach einigen Sekunden, — »Sie haben hierher kommen wollen, statt mich bei sich zu empfangen, wie ich gebeten hatte.«

»Es ist besser so,« erwiederte Herr von Manteuffel, »in meinem Hotel hätte Ihr Besuch Aufsehen erregt, — auch ist man hier sicherer unbehorcht, und da ich vermuthe, daß ein ernster Gegenstand unsere Unterredung veranlaßt —«

»Ja, leider muß es eine ernste und außergewöhnliche Veranlassung sein, die mir die Freude verschafft, den bewährten Rath meines alten Chefs zu hören. Sie wissen, wie oft ich mich darnach sehne, und doch entziehen Sie sich stets jedem eingehenden Gedankenaustausch« — sagte Herr von Bismarck mit leichtem Anflug schmerzlichen Vorwurfs.

»Wozu sollte ein solcher führen?« entgegnete Herr von Manteuffel, in verbindlichem, aber kaltem Ton, — »selbst zu handeln und selbst zu verantworten ist mein Grundsatz gewesen, als ich an der Stelle stand, an der Sie jetzt stehen; fängt ein leitender Staatsmann erst an, Rath von rechts und links zu hören, so verliert er die Kraft, in fester Thatfreudigkeit auf dem Wege vorzuschreiten, den seine Vernunft und sein Gewissen ihm als den richtigen zeigen.«

»Nun wahrlich, meine Art ist es nicht, nach allen Seiten zu hören, und an Entschluß fehlt es mir nicht, meinen Weg zu gehen,« rief Herr von Bismarck lebhaft, »und,« setzte er mit leichtem Lächeln hinzu, »meine Freunde, die Herren Kammerredner, werfen mir ja täglich vor, daß ich von ihrem guten Rath nicht genügend Gebrauch mache; darum aber werden Sie mir zugeben, daß es Augenblicke geben kann, in welchen auch der festeste Sinn sich danach sehnt, die Ansicht und den Rath eines Meisters zu hören, der auf solche Thaten zurückblickt, wie Sie, mein verehrter Freund!«

»Und ein solcher Augenblick ist jetzt gekommen?« fragte Herr von Manteuffel ruhig, indem er sein scharfes Auge einen Augenblick forschend auf Herrn von Bismarck's bewegtem Gesicht ruhen ließ, ohne daß das im Tone innerster Ueberzeugung ausgesprochene Kompliment den geringsten Eindruck auf seinen Zügen erkennen ließ.

»Wenn jemals, so ist jetzt der Augenblick gekommen, in welchem auch dem härtesten Sinne der Zweifel näher treten mag als sonst. Sie kennen die Lage Deutschlands und Europas und wissen, daß die gewaltige Krisis kommen muß, von der vielleicht Jahrhunderte der Zukunft abhängen werden,« sagte Herr von Bismarck.

»Ich glaube, daß sie kommen wird — ob sie kommen mußte? — doch,« fügte Herr von Manteuffel nach einer kurzen Pause hinzu, »unsere Unterredung wird Gegenstände der höchsten Wichtigkeit betreffen und Sie kennen meine tiefe Abneigung gegen unberufene Einmischung in Dinge, die mich nicht angehen. Darf ich daher fragen: Weiß der König um diese Unterredung und ihren Gegenstand?«

»Seine Majestät weiß und wünscht, daß ich Sie um Ihren Rath bitte,« erwiederte Herr von Bismarck.

»Dann ist es meine Pflicht, meine unmaßgebliche Meinung zu sagen, soweit ich dieselbe mir bilden kann,« sagte Herr von Manteuffel ruhig, indem er sich auf den neben dem Schreibtisch stehenden Fauteuil niederließ, während Herr von Bismarck auf seinem Arbeitsstuhle Platz nahm. »Bevor ich mich jedoch über die Lage der Dinge aussprechen kann, muß ich wissen, welches Ihre Absichten sind, wo das Ziel Ihrer Politik liegt und durch welche Mittel Sie dasselbe zu erreichen hoffen. — Erlauben Sie,« fuhr er fort, indem er mit einer leichten, artigen Handbewegung eine beabsichtigte Bemerkung des Herrn von Bismarck zurückwies, »daß ich nach meiner ganz privaten und fernstehenden Beobachtung meine Meinung über Ihre Absichten ausspreche, Sie werden mir offen sagen, ob ich Recht habe oder mich täusche.«

Herr von Bismarck verneigte sich schweigend und richtete sein klares Auge mit dem Ausdruck gespanntester Aufmerksamkeit auf Herrn von Manteuffel.

»Sie wollen,« fuhr dieser ruhig fort, »nach der Ueberzeugung, die ich mir aus der Verfolgung der Ereignisse gebildet habe, die große deutsche Frage lösen, oder vielmehr beenden. Sie wollen Preußen an die Spitze der ökonomischen und militärischen Macht Deutschlands stellen und Denjenigen die Spitze des Schwertes zeigen, welche sich Ihnen entgegenstellen. Sie wollen mit einem Wort die lange chronische Krankheit, welche man die deutsche Frage nennt, zu einer akuten Krisis treiben und« — fügte er mit leichtem Lächeln hinzu — »durch das Arkanum von Blut und Eisen ein für allemal kuriren.« —

»Das will ich,« erwiederte Herr von Bismarck, ohne eine Bewegung zu machen und ohne den Ton zu erhöhen, aber seine Stimme vibrirte so eigentümlich, daß der Klang dieser drei Worte wie ein Waffenklirren durch das Zimmer zog, während seinem unverändert auf Herrn von Manteuffel gerichteten Auge ein elektrisches Leuchten entströmte.

So erklang, als Laokoon's Lanze das Pferd von Troja berührte, aus seinem Innern heraus das leise Klirren der griechischen Waffen, der erste Ton jenes furchtbaren Akkords, vor welchem die Mauern von Pergamus zusammenstürzten und der von den Saiten der Leier Homer's wiederklingend seit zweitausend Jahren die Herzen der Menschengenerationen erbeben läßt.

»Sie werden sich auch darüber nicht täuschen,« — fuhr Herr von Manteuffel fort, »daß Sie entschlossenem Widerstand gegenüberstehen, daß die Krisis da ist und daß Sie den Kampf aufnehmen müssen und zwar sehr bald, denn wenn mich nicht Alles täuscht, so drängt man auf der andern Seite ebenso zur Entscheidung.«

»Ich weiß es,« erwiederte Herr von Bismarck.

»Nun,« fuhr Herr von Manteuffel fort, »so handelt es sich denn um die Mittel des Kampfes. Sie haben zunächst die preußische Armee — ein sehr wesentliches, sehr schwer in die Wagschale fallendes Mittel, dessen Bedeutung ich gewiß am wenigsten verkennen möchte, — Sie haben in dieser Armee Vorzüge, welche ich nicht verstehe, aber nach militärischem Urtheil sehr bedeutend sind: das Zündnadelgewehr, die Artillerie, den Generalstab. — Aber es kommen bei diesem Kampf noch andere Faktoren in Betracht; die Allianzen und die öffentliche Meinung. Die Allianzen scheinen mir sehr zweifelhaft. Frankreich? Sie müssen am besten wissen, wie Sie mit dem schweigsamen Manne stehen, — England wird den Erfolg abwarten — Rußland ist sicher. Die öffentliche Meinung —«

»Gibt es eine solche?« warf Herr von Bismarck ein. Herr von Manteuffel lächelte fein und fuhr fort: »Die öffentliche Meinung unter gewöhnlichen Verhältnissen ist ein effektvolles Dekorationsstück, das seines lebhaften Eindrucks auf die corona des Publikums nicht verfehlt und bald Fiesco's wogendes Meer, bald die himmlische Lichtwolke in Egmont's Kerker darstellt — für die Maschinisten hinter den Coulissen, ist es eine Maschinerie, welche am rechten Faden zur rechten Zeit an rechter Stelle zu erscheinen hat, — ich glaube, wir kennen Beide die Coulissen und die Maschinerie. — Doch es gibt auch eine andere öffentliche Meinung, welche kommt und da ist wie der Wind, unfaßbar und unlenkbar wie er und furchtbar wie er, wenn er zum Sturme wird. — Der Kampf, welcher im Schooße der nächsten Zukunft liegt, ist ein Kampf von Deutschen gegen Deutsche, ein Bürgerkrieg, und in einem solchen Kampf verlangt die öffentliche Meinung ihr Recht, — sie ist ein mächtiger Alliirter und ein furchtbarer Feind, furchtbar am meisten dem Besiegten, dem sie schonungslos ihr vae victis entgegenruft. Die öffentliche Meinung aber ist gegen den Krieg, in Deutschland vielleicht noch weniger als in Preußen selbst, und gerade bei der Zusammensetzung der preußischen Armee ist das nicht gleichgültig.«

Herr von Bismarck fuhr lebhaft auf: »Sollten Sie es für möglich halten, daß —«

»Die preußische Armee ihrer Pflicht vergäße und zu marschiren sich weigerte?« fiel Herr von Manteuffel ein. »Nein, niemals, gewiß nicht — es mögen vereinzelte Unregelmäßigkeiten in der Landwehr vorkommen; sie werden vereinzelt, höchst vereinzelt bleiben, die Armee wird ihre Pflicht thun, sie ist die Inkarnation des Pflichtbewußtseins — werden Sie aber leugnen wollen, daß es ein gewaltiger Unterschied ist, ob die Pflicht mit Freude und Begeisterung oder mit Widerwillen und Abneigung gethan wird?«

»Die Freude und Begeisterung kommt mit dem Erfolg,« sagte Herr von Bismarck.

»Aber bis dahin?«

»Bis dahin muß eben die Pflichterfüllung aushalten und die Leitung ihre Schuldigkeit thun.«

»Gut,« sagte Herr von Manteuffel, »ich zweifle nicht, daß das geschehen wird; ich wollte nur konstatiren, daß ein in solchem Kampfe mächtiger und bedeutungsvoller Faktor nicht für, sondern gegen Sie ist.«

»Ich gebe Ihnen Recht für den Augenblick,« entgegnete Herr von Bismarck nach einer sekundenlangen Pause, »heute ist jene öffentliche Meinung gegen mich, die Sie so treffend mit dem Wehen des Windes verglichen, — allein sie wechselt auch eben so leicht wie jener. — Und doch kann ich Ihnen nicht ganz Recht geben. Freilich wohl, diese oberflächlich gebildete Welt, der seichte Liberalismus des Parkets und der Bierstuben spricht von jenem Deutschland, das in ihren Köpfen ein blauer Begriff ist, spricht von Bürger- und Bruderkrieg gegen Oesterreich — aber, glauben Sie mir, im preußischen Volke steckt das nicht, der Geist des preußischen Volkes geht aus der Armee hervor und durch die Armee klingt der hohenfriedberger Marsch — das Volk sieht den Staat Maria Theresia's als den Feind an des preußischen Geistes, den der alte Fritz der Monarchie eingehaucht. — Und jene Redner und Phraseologen? O, sie und ihre öffentliche Meinung fürchte ich nicht, sie werden wie die Wetterfahne vor dem Winde sich zum Erfolg wenden.«

»Auch ich gebe Ihnen theilweise, nur nicht ganz Recht,« sagte Herr von Manteuffel — »aber der Erfolg? Ist er sicher? Ist er vorbereitet? Wir haben zwei Faktoren berührt; kommen wir zum dritten, vielleicht zum wichtigsten — den Bündnissen. — Wie stehen Sie mit Frankreich, mit Napoleon III.?«

Bei dieser direkten und scharf accentuirten Frage, welche fast eben so sehr mit dem stahlscharfen Blicke als mit dem Laut der Worte gestellt wurde, zuckten Herrn von Bismarck's Lippen eine Sekunde fast unmerklich und es schien etwas, wie Unsicherheit, Zweifel oder Mißtrauen oder eine Mischung von alledem zusammen über den Spiegel seines Auges zu gleiten — dieß Alles verschwand aber eben so schnell und er antwortete ruhig und mit derselben metallischen Stimme wie vorher:

»Gut, — so gut als man mit dieser räthselvollen Sphinx stehen kann.«

»Haben Sie Zusagen, Verträge — oder weit besser als das —haben Sie ein persönliches Wort Napoleon's?« fragte Herr von Manteuffel.

»Sie inquiriren scharf,« antwortete Herr von Bismarck, doch — ich stehe ja vor meinem Meister; — so hören Sie denn, was in jener Richtung geschehen ist und wie die Frage dort steht.

»Schon vor zwei Jahren — im November 1864, sprach ich mit dem Kaiser bei Gelegenheit der dänischen Frage — er wünschte lebhaft die Restitution der nordschleswig'schen Distrikte an Dänemark — über die schlimme und bedenkliche Lage der preußischen Monarchie, welche in zwei getheilte Hälften gespalten ist; ich wies ihn darauf hin, wie falsch die Errichtung eines neuen Kleinstaates im Norden wäre und wie viel besser es für Dänemark sein würde, einen großen und mächtigen Staat zum Nachbar zu haben, als an seinen Grenzen den kleinen Hof eines Fürsten, der auf die dänische Krone Ansprüche macht. Der Kaiser hörte Alles an, schien mit einigen Worten meine Ansicht über die Nothwendigkeit einer bessern Begrenzung Preußens zu billigen, war jedoch wie gewöhnlich nicht dazu zu bringen, sich klar und bestimmt zu äußern; doch war es wohl bemerkbar, daß seine Verstimmung gegen Oesterreich bedeutend sei und daß er den wiener Hof einer großen Unzuverlässigkeit anzuklagen habe.«

»Und haben Sie ihm die Distrikte von Nordschleswig versprochen, wenn er Ihren Ideen zustimmte?« fragte Herr von Manteuffel.

»Er mag es glauben« — erwiederte Herr von Bismarck mit leichtem Lächeln — »indeß da er sich auf Zuhören und Kopfnicken beschränkte, so hielt ich es nicht für nöthig, bei meinen Bemerkungen aus einer allgemein objektiven Haltung herauszugehen.«

Herr von Manteuffel neigte schweigend den Kopf und Herr von Bismarck fuhr fort:

»Bei Gelegenheit des Vertrages von Gastein fanden einige Erörterungen statt, ohne daß es mir gelang, positivere Erklärungen zu bekommen, und ich ging im November 1865 nach Biarritz, aber auch dort war es unmöglich, den schweigsamen Mann aus seiner absoluten Reserve zu bringen. Ich wußte, daß damals sehr ernstlich mit Oesterreich negoziirt wurde, um einen Abschluß der italienischen Frage zu erreichen, vielleicht lag daran der Grund der kalten Zurückhaltung gegen mich, vielleicht auch — Sie kennen den Grafen Goltz?«

»Ich kenne ihn,« sagte Herr von Manteuffel mit feinem Lächeln.

»Sie werden also auch wissen, daß man damals in gewissen Kreisen das Gerücht zirkuliren ließ, Graf Goltz werde mich ersetzen — was damals in Paris vorging, war mir nicht klar; indeß es ging Etwas vor oder vielmehr es ging nicht wie ich wollte und wie es sollte. Ich handelte selbst. Auf der Rückkehr von Biarritz sprach ich den Prinzen Napoleon.«

»Ernstlich?« fragte Herr von Manteuffel.

»Ganz ernstlich,« erwiederte Herr von Bismarck, indem ein leichtes Lächeln über seine Lippen spielte, »und ich sah, daß Italien der Punkt war, an welchem die kaiserliche Politik gefaßt werden mußte. Der gute Prinz Napoleon wurde Feuer und Flamme, ich ließ in Florenz agiren und binnen Kurzem gestalteten sich feste Negoziationen, deren Resultat ich Ihnen heute vorlegen kann.«

Herr von Manteuffel drückte durch eine Bewegung seine große Gespanntheit auf diese Mittheilung aus.

Herr von Bismarck blätterte leicht in einem kleinen Fascikel von Papieren, die im Bereich seiner Hand auf dem Schreibtisch lagen, und fuhr fort:

»Hier ist der Vertrag mit Italien, den der General Govone verhandelte und der uns den Angriff gegen Oesterreich von Süden her mit aller italienischen Land- und Seemacht sichert.« —

»Und Frankreich?« fragte Herr von Manteuffel.

»Der Kaiser gesteht zu,« erwiederte Herr von Bismarck, »die Erwerbung von Holstein und Schleswig ohne die nordschleswig'schen Distrikte, er erkennt die Notwendigkeit an, die beiden Hälften der preußischen Monarchie zu verbinden, wozu Theile von Hannover und Kurhessen erworben werden müssen, und wird sich nicht dem preußischen Kommando über das 10. Bundesarmeekorps widersetzen.«

»Und was verlangt er?« fragte Herr von Manteuffel.

»Venetien für Italien.«

»Und für sich, für Frankreich?«

»Für sich« — erwiederte Herr von Bismarck — »Nichts.«

»Nichts?« sagte Herr von Manteuffel — »Nichts? Sollten Sie nicht Vermuthungen über seine vielleicht nicht ausgesprochenen Gedanken haben? So viel ich mich erinnere, hatte er auch nichts verlangt, als er nach dem italienischen Krieg Savoyen und Nizza nahm.« —

»Was seine Gedanken betrifft,« sagte Herr voll Bismarck, »so glaube ich vermuthen zu dürfen, daß ihm die Erwerbung von Luxemburg höchst wünschenswert ist und daß vielleicht in weiterer Perspektive ein näherer Anschluß Belgiens an Frankreich eine Rolle in seinen Kombinationen spielt. Sie wissen, daß etwas orleanistische Lust in Brüssel weht.«

»Und was hat Napoleon über Ihre Stellung zu diesen seinen Gedanken Grund zu glauben?« fragte Herr von Manteuffel weiter.

»Was er will,« warf Herr von Bismarck ziemlich leicht hin. »Wenn er nichts verlangt, habe ich doch keinen Grund, ihm etwas zu versprechen, und seine Wünsche — nun, — diese als thöricht und unerfüllbar zu bezeichnen, ist gewiß nicht meine Aufgabe.«

»Ich verstehe,« nickte Herr von Manteuffel.

»Hannover soll für die Abtretung seiner Gebietsteile in Lauenburg und Holstein entschädigt werden,« fügte Herr von Bismarck hinzu.

»Hat das der Kaiser Napoleon verlangt?« fragte Herr von Manteuffel etwas verwundert.

»Durchaus nicht,« — erwiederte Herr von Bismarck. »Nach der Tradition seiner Familie liebt er die Welfen nicht und, Sie sehen es, die Basis des ganzen Arrangements ist ja die preußische Suprematie in Norddeutschland; was also dort geschieht, ist ihm gleichgültig — nein, unser allergnädigster Herr legt den größten Werth darauf, daß Hannover in dem bevorstehenden Kampfe auf unserer Seite steht und daß die alten Familienbande, welche zwischen den beiden Häusern bestehen, in der Zukunft erhalten bleiben.«

»Und Sie selbst,« forschte Herr von Manteuffel, »wie denken Sie über die hannöverische Frage?«

»Stelle ich mich auf den rein objektiv politischen Standpunkt« — entgegnete Herr von Bismarck mit Offenheit — »so muß ich wünschen, daß Hannover gar nicht existirte, und muß bedauern, daß es unserer Diplomatie auf dem wiener Kongreß nicht gelungen ist, das englische Haus zur Abtretung dieser Sekundogenitur zu bringen — was vielleicht hätte gelingen können. Hannover ist ein Nagel in unserem Fleisch und selbst bei der besten Gesinnung lähmt es uns gewaltig. Herrscht aber dort, wie seit langer Zeit, böser Wille, so wird es uns geradezu gefährlich. — Wäre ich so sehr Macchiavellist, wie man es mir zuweilen vorwirft, so müßte ich mein ganzes Augenmerk darauf richten, Hannover zu erwerben. Und vielleicht wäre das so schwer nicht, als es scheint« — fuhr Herr von Bismarck, wie unwillkürlich einer in seinem Geiste auftauchenden Gedankenreihe folgend, fort — »weder die englische Nation noch das königliche Haus dort möchte sich viel darum kümmern und — doch wie Sie wissen, unser allergnädigster Herr ist sehr konservativ und hat eine tiefe Pietät für die hannöverisch-preußischen Traditionen, welche durch Sophie Charlotte und die Königin Louise verkörpert werden — und ich — nun, ich bin nicht minder konservativ und mir sind jene Traditionen nicht minder heilig, und ich gehe von Herzen und mit Ueberzeugung auf die Ideen des Königs ein, die Zukunft jenen Traditionen gemäß zu gestalten und die dauernde Existenz Hannovers möglich zu machen. Aber so wie bisher geht es freilich nicht, Garantieen müssen wir haben, und je mehr sich das Leben der Staaten in seiner Eigentümlichkeit accentuirt und konzentrirt, je mehr sich der Verkehr entwickelt und in seinen reichen Lebensadern zu einem Faktor, ja zur Basis der Politik wird, um so weniger kann Preußen dulden, daß in seinem Körper, seinem Herzen so nahe, ein fremdes, bei jeder Krisis vielleicht feindliches Element bestehe. — Ich kann Ihnen also mit vollem Ernst erwiedern: ich strebe ehrlich und aufrichtig darnach, Hannover zu gewinnen und ihm, wenn es seinerseits die alten Traditionen achtet und treu zu uns steht, eine sichere und ehrenvolle, ja glänzende Stellung in Norddeutschland zu schaffen. — Aber freilich muß man dort aufhören, uns fortwährend fühlen zu lassen, daß man ein Hinderniß ist.«

»Und haben Sie Aussicht, zur Verständigung mit Hannover zu gelangen — zum ernsten, festen Bündniß?« fragte Herr von Manteuffel.

»Ich hoffe es,« antwortete Herr von Bismarck nach einer augenblicklichen Pause. »Graf Platen war hier — Sie kennen ihn?«

Herr von Manteuffel lächelte.

»Nun,« fuhr Herr von Bismarck fort — »man hat nichts gespart, man hat ihn überschüttet mit Liebenswürdigkeit aller Art, man hat ihm das Großkreuz vom rothen Adler gegeben.«

»Nicht den schwarzen?« fragte Herr von Manteuffel.

»Bah, — man muß immer noch Pulver behalten — er war ja überglücklich; und dann — ich habe ihm eine Familienverbindung vorgeschlagen, die von Seiner Majestät selbst lebhaft gewünscht wird und durch welche vielleicht die ganze Frage mit einem Male in der freundlichsten Weise gelöst würde.«

»Ich weiß dieß zufällig,« warf Herr von Manteuffel ein — »glauben Sie, daß dieß Projekt reüssirt?«

»Man schien demselben in Hannover selbst günstig,« erwiederte Herr von Bismarck, »und in Norderney sowohl als auf der Marienburg — doch das wird sich zeigen, für's Erste lege ich allerdings mehr Gewicht auf die Politik. — «

»Und was hat Graf Platen in dieser Beziehung versprochen?«

»Die Neutralität — wie er es bereits früher gegen den Prinzen Ysenburg gethan —«

»Und der Vertrag darüber ist geschlossen?«

»Graf Platen konnte das natürlich nicht allein, auch schien er Geheimhaltung der ganzen Sache zu wünschen, um nicht vor der Zeit in Frankfurt und Wien Susceptibilitäten zu erregen; indeß hat er mir die bestimmtesten Versicherungen gegeben und sich zugleich persönlich so beißend über Beust und die wiener Staatskanzlei ausgesprochen, daß ich ihm glauben muß.«

»Verzeihen Sie mir,« warf Herr von Manteuffel ein, »daß ich diese hannöverische Frage — auf welche ich einen gewissen Werth lege, kurz — wenn Sie wollen, etwas skeptisch resümire. Dieselbe beschränkt sich, wie mir scheint, auf Verhandlungen ohne ein bestimmtes Resultat — auf Versicherungen und Versprechungen des Grafen Platen — wäre es nicht vielleicht besser gewesen, in Hannover selbst ernstliche Schritte zu thun — Georg V. ist kein Louis XIII. und Graf Platen — kein Richelieu.«

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Yaş həddi:
18+
Litresdə buraxılış tarixi:
31 mart 2025
Həcm:
5250 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9788027237470
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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