Kitabı oxu: «Drogen und soziale Praxis - Teil 2: Das Drogenthema und wie es in Berufsfeldern der sozialen Arbeit auftaucht»

Şrift:

Gundula Barsch

DROGEN UND SOZIALE PRAXIS

Teil 2: DAS DROGENTHEMA UND WIE ES IN BERUFSFELDERN DER SOZIALEN ARBEIT AUFTAUCHT

Für alle, die sich von Drogenproblemen weit weg wähnen und überrascht sind, dass das Thema im Berufsalltag eine große Rolle spielt.

Engelsdorfer Verlag

2014

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Erste Auflage

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

1.Alkoholfolgeprobleme: Grundproblem, Handlungsdruck und Handlungsmöglichkeiten von Sozialer Arbeit

1.1Alkoholfolgeprobleme: Weit verbreitet, aber wenig beachtet

1.2Die Rolle von Sozialer Arbeit bei der Prävention und Behandlung von Alkoholfolgekrankheiten

1.2.1Voraussetzungen für professionelles sozialarbeiterisches Handel: Eigene Klärungsprozesse

1.2.2Professionelles Knowhow für sozialarbeiterisches Handeln zu Alkoholfolgekrankheiten

1.2.3Wie die Trinkmengen des Klienten ermitteln?

1.2.4Beratungsansätze zur Reduktion der Trinkmenge

1.3Zusammenschau

1.4Nachlesenswert

2Medikamentenkonsum: Grundproblem, Handlungsdruck und Handlungsmöglichkeiten von Sozialer Arbeit

2.1Der Konsum von Medikamenten: Weit verbreitet, oft selbstverständlich und kaum beachtet

2.2Kann denn Medikamenteneinnahme problematisch sein?

2.3Medikamentenkonsum differenzieren: Langzeitgebrauch, Medikamentenmissbrauch oder abhängig von Medikamenten?

2.3.1Medikamentengebrauch: Eine Medikation bei ernsthaften Erkrankungen

2.3.2Medikamentenmissbrauch: Ein Phänomen mit vielen Facetten

2.3.3Mit Medikamenten als Krücke durch den Alltag

2.3.4Wenn Medikamente zu „Partyhits“ werden

2.3.5Medikamentenabhängig oder langzeitbedürftig?

2.4Die iatrogene Abhängigkeit

2.5Zusammenschau

2.6Nachlesenswert

3Das System einer abhängigkeitsbelasteten Partnerschaft: Grundproblem, Handlungsdruck und Handlungsmöglichkeiten von Sozialer Arbeit

3.1Partnerschaft als System

3.2Der abhängige und der nichtabhängige Partner: Miteinander verstrickt

3.2.1Abhängigkeitsbelastete Partnerschaften als System

3.2.2Rollenverschiebungen in abhängigkeitsbelasteten Partnerschaften

3.3Der Abhängige als Symptomträger

3.4Der Nichtabhängige als Mitbetroffener

3.5Mögliche Umgangsstile in abhängigkeitsbelasteten Partnerschaften

3.6Zusammenschau

3.7Nachlesenswert

4Die abhängigkeitsbelastete Familie: Grundproblem, Handlungsdruck und Handlungsmöglichkeiten von Sozialer Arbeit

4.1Die Familie: Ein Beziehungssystem mit besonderen Aufgaben und Funktionen

4.2Elterliche Abhängigkeit und Konsequenzen für das Familiensystem

4.2.1Problematischer elterlicher Konsum und seine Folgen für die familiale Mikrowelt

4.2.2Problematischer elterlicher Konsum und seine Folgen für die Funktionen der Familie

4.2.3Problematischer elterlicher Konsum und seine Folgen für die Familienmuster

4.2.4Zusammenschau: Elterliche Abhängigkeit und Konsequenzen für das Familiensystem

4.3Familien mit abhängigen Kindern: Grundproblem, Handlungsdruck und Handlungsmöglichkeiten für Soziale Arbeit

4.3.1Große Kinder große Sorgen – vor allem, wenn es um „Drogen“ geht

4.3.2Die familiäre Katastrophe: „Mein Kind nimmt Drogen“

4.3.3Was für ein Unglück, wenn es immer so weitergeht

4.3.4Zusammenschau

4.4Nachlesenswert

5Kinder aus abhängigkeitsbelasteten Familien: Grundproblem, Handlungsdruck und Handlungsmöglichkeiten von Sozialer Arbeit

5.1Die Auswirkungen elterliche Abhängigkeit auf die Kinder

5.1.1Punkte besonderer Achtsamkeit in Bezug auf die körperliche Entwicklung

5.1.2Punkte besonderer Achtsamkeit in Bezug auf die psychische Entwicklung

5.1.3Punkte besonderer Achtsamkeit in Bezug auf die intellektuelle Entwicklung

5.1.4Punkte besonderer Achtsamkeit in Bezug auf die soziale und moralische Entwicklung

5.2Ressourcen und Resilienzen: Empowerment-Modelle und deren Bedeutung für die Arbeit mit Kindern aus abhängigkeitsbelasteten Familien

5.2.1Resilienzen: Die Art, wie man mit seinen Lebensumständen umgeht

5.2.2Schutzfaktoren für Kinder aus abhängigkeitsbelasteten Familien

5.3Ziele der Arbeit mit Kindern aus abhängigkeitsbelasteten Familien

5.4Zusammenschau

5.5Nachlesenswert

6Anlage: K.E.I.M. - Prüfbögen

Endnoten

Vorwort

Wenn in der Ausbildung von Sozialarbeitern und Sozialpädagogen das Thema „Soziale Arbeit zu den Themen Drogen und Abhängigkeit“ auf dem Plan steht, scheiden sich die Geister. Die einen finden es spannend und können sich gut vorstellen, in den Arbeitsfeldern von Drogen- und Suchtkrankenhilfe tätig zu werden. Für die anderen ist dieses Thema wenig fassbar – in Anbetracht der kolportiert wenigen Erfolge, die man in diesem Arbeitsbereich erreichen könne, auch ein unattraktives Tätigkeitsfeld. Deshalb erscheint es zunächst uneinsichtig, sich überhaupt damit auseinandersetzen zu müssen. Vor allem für diejenigen, die glauben, dass sich Drogenproblemlagen auf wenige Arbeitsbereiche beschränken, ist dieses Buch gedacht. Es soll dafür sensibilisieren, dass sich Gebrauch, Missbrauch und abhängiger Konsum psychoaktiver Substanzen nicht von anderen Lebensthemen separieren lassen. Sie erscheinen in unterschiedlichen Facetten und fordern in allen Bereichen Sozialer Arbeit zum Handeln auf. Dabei bedürfen diese Problemlagen nicht unbedingt und sofort einer hochspezialisierten Hilfe – Angebote, die oft nicht nur räumlich, sondern für die Betroffenen auch mental kaum erreichbar sind. Oft kann eine Eskalation verhindert werden, wenn Drogenprobleme couragiert angesprochen und mit einem passenden Handwerkzeug angegangen werden. Auch dafür soll mit diesem Buch ermutigt werden.

Wenn im Weiteren die Rede auf Akteure kommt, die zu Drogenthemen reagieren können und sollen, wird regelmäßig auf den Begriff „Soziale Arbeit“ zurückgegriffen. Damit ist zweifellos zunächst eine Institution angesprochen: „Das Insgesamt von Einrichtungen und Dienstleistungen, welche über die privaten, individuellen Anstrengungen zur Daseinsvorsorge hinaus ein menschenwürdiges Leben sichern und gegen Risiken und Notlagen im Lebenszyklus und Arbeitsprozess schützen sollen“ (C.W. Müller, zit. in Kreft/Mielenz (1996): Wörterbuch Soziale Arbeit, Beltz, S. 510). Es mutet deshalb sehr unpersönlich an, nicht klar diejenigen zu benennen, die zur Mitwirkung aufgefordert sind. Da sich aber kein einzelnes Arbeitsfeld benennen und auch kein spezielles Grundmuster des Umgangs mit diesen Themen ausweisen lässt, blieb keine andere Wahl, als auf diesen sehr abstrakten Begriff zurückzugreifen – dies aber immer in der Hoffnung, dass sich möglichst alle angesprochen fühlen.

März 2014

Gundula Barsch

1.Alkoholfolgeprobleme: Grundproblem, Handlungsdruck und Handlungsmöglichkeiten von Sozialer Arbeit
1.1Alkoholfolgeprobleme: Weit verbreitet, aber wenig beachtet

Folgekrankheiten oft übersehen

Der Konsum von Alkohol durch Erwachsene wird in öffentlichen Debatten in der Regel mit dem Verweis auf die Gefahr einer Suchtentwicklung problematisiert. Das ist für die meisten Menschen eine deutliche Mahnung. Zwar kann das Phänomen „Alkoholabhängigkeit“ von Nicht-Experten selten sachgerecht beschrieben werden. Die über Presse, Funk und Fernsehen vermittelten Informationen haben aber dafür gesorgt, dass regelmäßiger und sehr starker Alkoholkonsum mit einer furchteinflößenden, außer Kontrolle geratenen Entwicklung in Verbindung gebracht wird, die in extremer physischer, psychischer und sozialer Verelendung endet.

Übersehen wird dabei allerdings, dass die Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit eine relativ seltene, wenn auch sehr leidvolle Konsequenz übermäßigen Alkoholkonsums ist. Weit verbreiteter, allerdings im Bewusstsein der Menschen weniger präsent ist, dass ein regelmäßig zu hoher Alkoholkonsum erhebliche Folgen für die physische und psychische Gesundheit hat. Diese können sich schleichend auch dann einstellen, wenn der Konsum sozial völlig unproblematisch ist und so auch von Außenstehenden beurteilt wird.

Merkenswert: Das Entstehen von Alkoholfolgekrankheiten ist nicht zwangsweise daran gebunden, dass der Betroffene alkoholabhängig ist. Es kann zwar einerseits davon ausgegangen werden, dass Alkoholabhängige in der Regel auch behandlungsbedürftige Folgekrankheiten entwickelt haben. Andererseits können aber auch Menschen, die keineswegs sozial auffällig Alkohol konsumieren, unter Alkoholfolgekrankheiten leiden, wenn der Alkoholkonsum regelmäßig eine empfohlene Menge übersteigt.

Folgekrankheiten: Risiko eines regelmäßig zu hohen Alkoholkonsums

Die gesundheitlichen Risiken eines regelmäßig zu hohen Alkoholkonsums ergeben sich aus den toxischen und neurotoxischen Wirkungen, die Alkohol auf alle menschlichen Körperzellen hat. Folgerichtig besteht die Gefahr eines regelmäßig zu hohen Alkoholkonsums in Schädigungen, die an diversen Organen und in verschiedenen Bereichen des Nervensystems auftreten. Ein verbreiteter Irrtum ist, dass allein die Leber, als unser wichtigstes Entgiftungsorgan, durch Alkoholkonsum belastet wird. Richtig ist, dass der Alkohol mit dem Blut durch den Körper zirkuliert und durch seine Wasser-und Fettlöslichkeit selbst die Blut-Hirnschranke überwindet. Er gelangt also in jede Körperzelle und kann diese schädigen.

Die durch regelmäßigen Alkoholkonsum verursachten Folgekrankheiten variieren in Abhängigkeit von individueller Anfälligkeit. Letztlich sind je nach Neigung mehr oder weniger schnell ganze Organe und Organsysteme von den negativen Auswirkungen zu hohen Alkoholkonsums betroffen. Dies erklärt, warum Krankheiten, die auf regelmäßig zu hohen Alkoholkonsum zurückgeführt werden müssen, quasi an allen Organen und in allen Bereichen des Nervensystems gefunden werden können (vgl. Abbildung). Sie reichen von Veränderungen der Haut, über Störungen des Magen-Darm-Traktes, der Milz und Bauchspeicheldrüse bis hin zu Schädigungen des Nervensystems, die sich insbesondere an den Extremitäten und in deutlichen Einschränkungen der Hirnleistungen bemerkbar machen können. Auch für einen bedeutenden Teil der Krebserkrankungen im Mund- und Rachenraum, an der Speiseröhre, am Magen, Darm sowie an Leber und Bauchspeicheldrüse werden Alkoholfolgekrankheiten verantwortlich gemacht.

Merkenswert: Alkoholfolgekrankheiten können ernstzunehmende gesundheitliche Folgen verursachen, die bis zu letalen Erkrankungen reichen und sowohl die Lebensqualität (z. B. bei Gelenkserkrankungen) als auch die Lebenserwartung einschränken.

Alkoholfolgekrankheiten: Schwer als solche auszumachen

Eine Besonderheit der Alkoholfolgeerkrankungen ist, dass sie sich relativ unspezifisch bemerkbar machen. Die auftretenden Symptome können in der Regel auf sehr unterschiedliche Ursachen zurückgeführt werden. Deshalb wird nicht unbedingt zuerst an einen regelmäßig zu hohen Alkoholkonsum als Auslöser der jeweiligen Störung gedacht. Wenn auch der Volksmund oft über die Belastungen der Leber durch starken Alkoholkonsum witzelt, lassen sich selbst auffällige Leberbefunde durch andere Erkrankungen ebenfalls erklären. Wenn also nicht andere Anzeichen des Patienten (z. B. eine regelmäßige Alkoholfahne) unübersehbar auf diese Vermutung verweisen, geht die medizinische Klärung in der Regel zunächst anderen möglichen Ursachen nach.


Abbildung: Alkoholfolgekrankheiten (Winter, Stoiber, Engel 1987, S. 36)

Oft unerkannt: Ursache Alkohol

Für fast alle Alkoholfolgekrankheiten gilt, dass sie sich hinter vielen Krankheitsbildern verstecken können. Unter Mediziner werden sie deshalb auch als die „Affen unter den Krankheiten“ bezeichnet. Angedeutet wird damit, dass die tatsächlich ursächlichen Bezüge kaum zu ermittelt sind, wenn nicht gleichzeitig das Trinkverhalten der Patienten mit in den Blick genommen wird. Darauf verzichten aber viele Mediziner. Nicht nur, weil die pro Patient zur Verfügung stehende Zeit dafür nicht ausreicht und/oder entsprechende Leistungen nicht honoriert werden. Oft ist es den Ärzten auch unangenehm, den Alkoholkonsum ihrer Patienten anzusprechen und sich dazu kritisch zu äußern. Die Angst vor einem Vertrauensverlust, aber auch das Risiko, dass sich dieser Patient zukünftig von einem anderen ärztlichen Kollegen behandeln lassen könnte, verhindern oft ein couragiertes Handeln. Und dies selbst dann, wenn verschiedene Zeichen unmissverständlich auf eine Alkoholfolgekrankheit weisen.

Merkenswert: Die ätiologische Unklarheit der Beschwerden sorgt dafür, dass Alkoholfolgekrankheiten in der Regel nicht zweifelsfrei als solche erkannt werden können. Um regelmäßig zu hohen Alkoholkonsum als Ursache der Störung/Erkrankungen feststellen zu können, ist immer auch das Trinkverhalten des Betroffenen in den Blick zu nehmen. Die Tatsache, dass damit oft Tabugrenzen tangiert werden, erklärt, weshalb Prävention und Behandlung von Alkoholfolgekrankheiten Herausforderungen sind.

Zu hohe Trinkmengen sind weit verbreitet, aber kaum erkannt

Riskant hoher Alkoholkonsum ist mit unserer Trinkkultur durchaus vereinbar. In unserer Gesellschaft ist der Konsum von Alkohol in so viele Aktivitäten und Anlässe eingebunden, dass in der Regel weder vom Konsumenten selbst noch vom sozialen Umfeld wahrgenommen wird, dass die täglich getrunkenen Mengen ein problematisches Maß haben.

Zwar unterscheiden sich in den sozialen Schichten, Gruppen und kulturellen Milieus die Anlässe und Gelegenheiten, bei denen mehr oder weniger stark Alkohol getrunken wird. Aber allen Bevölkerungsgruppen ist gemeinsam, dass kaum jemand Anstoß an der Alltäglichkeit des Trinkens nimmt, so dass sich sozial völlig unauffällig, oft sogar getrieben durch einen sozial mehr oder weniger stark formulierten Trinkzwang Alkoholmengen summieren, die mit einem erheblichen Risiko für das Entstehen einer Alkoholfolgekrankheit einher gehen.

Merkenswert: In unserer Gesellschaft ist das Trinken von Alkohol unreflektiert und selbstverständlich in viele Lebensbereiche und Aktivitäten eingeordnet. Oftmals unbemerkt summieren sich die täglich getrunkenen alkoholischen Getränke zu einer Alkoholmenge, die ein unproblematisches Maß weit überschreitet.

Diese Besonderheit unserer Trinkkultur sorgt dafür, dass das Risiko einer Alkoholfolgekrankheit weit und in allen sozialen Gruppen, Schichten und kulturellen Milieus gleichermaßen stark verbreitet ist.

1.2Die Rolle von Sozialer Arbeit bei der Prävention und Behandlung von Alkoholfolgekrankheiten

Wenig Wissen zu Folgekrankheiten

Das Wissen über Alkoholfolgeerkrankungen und Möglichkeiten, diese zu verhindern, ist in der Bevölkerung vergleichsweise wenig verbreitet. Insofern stehen neben Ärzten, Pflegediensten und medizinischem Personal auch Sozialarbeiter in der Verantwortung, in ihren Arbeitsfeldern für Alkoholfolgekrankheiten zu sensibilisieren und ihre Klienten zu einem Risikomanagement beim Umgang mit Alkohol zu befähigen.

Die Berufsgruppe der Sozialarbeiter ist dafür auf besondere Weise prädestiniert: Sie entwickelt in Zuge einer oft langandauernden Beratungs- und Betreuungstätigkeit einen sehr persönlichen, vertrauensvollen Kontakt zu ihren Klienten und gewinnt dabei auch detaillierte Einblicke in deren persönliche Lebensgewohnheiten. Sozialarbeiter erfahren deshalb oft auch aus erster Hand etwas über Trinkgewohnheiten, können sich einen Überblick über regelmäßig konsumierte Trinkmengen verschaffen und aus diesen Positionen heraus am ehesten Zusammenhänge zwischen dem Alkoholkonsum und gesundheitlichen Beschwerden herstellen.

Merkenswert: Wie kaum eine andere Berufsgruppe verfügen Sozialarbeiter über Möglichkeiten, sich in Bezug auf die Prävention von Alkoholfolgekrankheiten zu engagieren:

 Sie können erstens durch eine frühzeitige Intervention die Entwicklung von Alkoholfolgekrankheiten ausbremsen.

 Zweitens kann Soziale Arbeit durch ein gezieltes Hinlenken in ärztliche Betreuung dazu motivieren, bereits bestehende Alkoholfolgekrankheiten einer sachgerechten Behandlung zuzuführen.

 Soziale Arbeit sollte schließlich drittens bei unklaren Beschwerden an eine möglicherweise alkoholbedingte Verursachung denken und an einer Aufklärung der tatsächlichen Gründe der Symptome mitwirken.

Es sind also drei sehr verschiedene Bereiche, in denen Soziale Arbeit einen Beitrag leisten kann, zusammen mit den Klienten Gesundungsprozesse schnell und zielsicher in Gang zu setzen.

1.2.1Voraussetzungen für professionelles sozialarbeiterisches Handel: Eigene Klärungsprozesse

Die Mitwirkung an der Prävention und Behandlung von Alkoholfolgeerkrankungen setzt allerdings voraus, dass sich jeder Sozialarbeiter klare Positionen erarbeitet, wie er sich zum Thema „Alkoholfolgekrankheiten“ verhalten will. Dieser individuelle Klärungsprozess ist oft schwerer als vermutet und hat verschiedene Themen/Ebenen.

 Erstens bewegen sich auch Sozialarbeiter in der extremen Ambivalenz, mit der der Alkoholkonsum in unserer Gesellschaft verhandelt wird: In der Regel wird er verklemmt zwischen der hohen positiven Bewertung des „Trinkens“ an sich und der starken Abwertung von „Trinkern/Säufern“ diskutiert. Sozialarbeiter müssen sich zu diesem Spannungsbogen verhalten und mit realitätsgerechten Positionen Modelle anbieten, die Genuss, Spaß und Vergnügen erlauben, für negative physische, psychische und soziale Konsequenzen sensibilisieren und auf ein sachgerechtes Risikomanagement verweisen.

 Zweitens muss ein Sozialarbeiter darauf vorbereitet sein, dass derjenige, der den Alkoholkonsum anderer thematisiert, immer auch riskiert, dass das eigene Trinken ebenfalls angesprochen wird. In solchen Situationen lenken Verweise auf einen asketischabstinenten Trinkstil auf Ausnahmen, die in unserer Kultur selten vorkommen, von der Masse der Menschen aber weder erstrebt noch geschätzt werden. Sie sind in den notwendigen Auseinandersetzungsprozessen deshalb oft auch nicht hilfreich. Auch hier sind realitätsgerechte Modelle nützlicher.

 Drittens muss ein Sozialarbeiter damit rechnen, dass sein Bemühen um Prävention und Behandlung von Alkoholfolgekrankheiten mit der Begründung zurückgewiesen wird, dass der Alkoholkonsum eine „rein private Angelegenheit“ sei, weshalb der Klient strikt jeden Hinweis als Einmischung zurückweist. Dies geschieht immer dann mit großer Wahrscheinlichkeit, wenn auf Seiten des Sozialarbeiters fachliches Wissen fehlt und deshalb eine Veränderung des Trinkens mit moralischen Attitüden eingefordert wird, die das Recht auf Genuss in Frage stellen und stattdessen Askese fordern. Derartige Zurückweisungen lassen sich oft mit dem Verweis aufweichen, dass viele Menschen gar nicht wissen, dass übermäßiger Alkoholkonsum Alkoholfolgeerkrankungen auslösen kann. Auch eine Aufklärung zu dem verbreiteten Irrtum, nachdem Alkoholfolgekrankheiten nur auftreten würden, wenn jemand zugleich alkoholabhängig sei, könnte die Bereitschaft fördern, sich mit Unterstützung des Sozialarbeiters mit dem eigenen Trinkverhalten auseinanderzusetzen.

Erkennbar wird, dass Einsicht und Mitwirkung an einer Änderung des Trinkens sehr davon abhängen, dass die Hinweise und Motive des Sozialarbeiters zum Thema Alkoholkonsum sachlogisch und weitestgehend ohne moralische Vorwürfe vorgetragen werden.

1.2.2Professionelles Knowhow für sozialarbeiterisches Handeln zu Alkoholfolgekrankheiten

Für ein erfolgreiches Engagement bei der Prävention und Behandlung von Alkoholfolgekrankheiten ist ein professionelles Knowhow erforderlich, das sich aus inhaltlichen und methodischen Bausteinen zusammensetzt. Dazu gehören:

 Erstens das Wissen über Trinkmengen, deren Einhaltung empfohlen wird, um das Risiko von Alkoholfolgekrankheiten klein zu halten.

 Zweitens Kenntnisse dazu, wie sich Trinkmengen grob abschätzen, aber auch detaillierter ermitteln lassen.

 Drittens methodisches Handwerkzeug, um einen Überblick über die Trinkgewohnheiten des Klienten ermitteln zu können.

 Viertens Beratungsansätze, mit denen Klienten befähigt werden, ihre Trinkmengen zu reduzieren.

Diese Bausteine professionellen Knowhows sollten nicht darüber hinweg täuschen, dass die Voraussetzungen professionellen Agierens überschaubar sind und von jedem Sozialarbeiter in kurzer Zeit angeeignet werden können. Ein Verweis auf mangelnde Zeit oder Überlastung kann als Grund für eine Unterlassung kaum akzeptiert werden.

Was sind empfohlene Trinkmengen?

Bereits im ersten Band dieser Reihe wurde erörtert, welche Einseitigkeiten sich ergeben, wenn einzig am Kriterium der konsumierten Substanzmenge ein Urteil gefällt würde, ob ein Missbrauch vorliegt oder nicht (vgl. Drogen und soziale Praxis, Bd. 1, 2010, S. 93-108). Mit dem Fokus auf Alkoholfolgekrankheiten werden jedoch in der Tat rein medizinische Aspekte des Alkoholkonsums in den Blick gerückt. Insofern ist auch die Frage berechtigt, ab welcher Menge ein regelmäßiger Alkoholkonsum Erkrankungen auszulösen vermag. Die Antwort darauf könnte sehr simple und eindeutig sein, ist sie aber nicht!

Empfehlungen müssen realitätsgerecht sein

In den letzten dreißig Jahren haben sich die Limit-Empfehlungen für den regelmäßigen Alkoholkonsum von Männern, Frauen und Jugendlichen mehrfach geändert. Sie sind dabei immer weiter nach unten korrigiert worden. Weltweit kursieren heute diverse Angaben zu medizinisch begründeten Mengengrenzen, deren Einhaltung empfohlen wird, um das Risiko körperlicher Folgeerkrankungen zu vermeiden:

 Die Empfehlungen der WHO für unschädlichen Alkoholkonsum betragen für gesunde Männer täglich 40 g und für gesunde Frauen und Jugendliche 20 g reinen Alkohol.

 Die Britische Ärzteschaft (Britisch Medical Association) definiert eine kritische Tagesmenge reinen Alkohols von 30 g für gesunde Männer und 20 g für gesunde Frauen.

 Die amerikanische Gesundheitsbehörde National Institut on Alcohol Abuse and Alcoholism (NIAA) verweist sogar auf eine kritische Menge von 24 g bei gesunden Männern und 12 g bei gesunden Frauen (zit. nach Klingemann et al. 2004).

Deutlich wird, dass sich die Empfehlungen zu Grenzwerten für einen Alkoholkonsum, durch den das Entstehen alkoholbedingter somatischer Erkrankungen verhindert werden kann, gravierend unterscheiden.

Empfehlungen zu Trinkmengen sind immer auch Ideologie

Dies ist keineswegs nur auf einen veränderten Wissensstand zurückzuführen. Zu bedenken ist zugleich, dass solche Richtlinien auf angenommenen Wahrscheinlichkeiten basieren, mit der die benannten Ereignisse eintreten könnten. Die sehr unterschiedlichen Empfehlungen berufen sich also auf verschiedene Erkrankungswahrscheinlichkeiten. Konsequent zu Ende gedacht könnten derartige Empfehlungen also beispielsweise auch darin gipfeln, überhaupt keinen Alkohol zu trinken. Dann wäre zu 100 % ausgeschlossen, dass sich die vorliegenden Erkrankungen auf den Konsum von Alkohol zurückführen lassen. Popularisierte Mengenempfehlungen sind also immer auch von Normativen, sozialen Konventionen und Ideologien mitbestimmt.

Merkenswert: Unter den Experten gibt es keineswegs Einigkeit bei den Empfehlungen zu Mengen für einen regelmäßigen und dennoch unschädlichen Alkoholkonsum. Die popularisierten Limits unterscheiden sich zum Teil gravierend. Sozialarbeiter müssen deshalb entscheiden, welche Empfehlungen sie ihrer Arbeit zugrunde legen wollen.

Auch hier kann als Empfehlung gelten, sich an realitätsgerechten Limits zu orientieren1. Dies beinhaltet immer auch die Chance darauf verweisen zu können, dass durchaus auch Grenzwerte popularisiert werden, die weit limitierender sind, als die gewählten.

Methoden, um Trinkmengen zu bestimmen

Das Bedürfnis, einen Überblick über die jeweils getrunkene Menge Alkohol zu behalten, ist schon alt und hat sich quasi in unseren Trinkgefäßen „festgeschrieben“. „So verfügte im 10. Jahrhundert der angelsächsische König Edgar, an den Trinkgefäßen sollten Eichmarkierungen angebracht und jeder bestraft werden, der in einem Schluck über diese Markierung hinaus trinke.“ (Legnaro 1981, S. 90)

Trinkeinheiten – die Methode fürs Grobe

Noch heute lässt sich die Grundidee einer Normierung des Trinkens in der Ausgestaltung der traditionellen Trinkgefäße für die verschiedenen alkoholprozentigen Getränke wiederfinden: Jeder weiß, dass Alkoholika traditionell in jeweils unterschiedlichen Trinkgefäßen (Bierkrug, Weinglas, Sektglas, Likörbecher, Cognacschwenker) gereicht werden. Diese enthalten zwar eine unterschiedliche Menge; bezogen auf die jeweils in dem Getränk enthaltene Menge reinen Alkohols beinhalten aber alle Gläser, wenn sie normal gefüllt werden, etwa 10-12 Gramm.


Die traditionellen Trinkgefäße vereinheitlichen also, unabhängig von der Art des Getränkes, den getrunkenen reinen Alkohol auf eine Menge von 10-12 g reinen Alkohol. Man spricht deshalb auch von Trinkeinheiten. Diese Einheit ist in der Regel auch diejenige Menge, die physiologisch eine kleinste spürbare Wirkung auszulösen vermag.

Unsere Trinkkultur kommt also dem Vorhaben entgegen, die jeweils konsumierte Menge Alkohol grob zu schätzen. Über die jeweils traditionell verwendeten Trinkgefäße ist dies relativ leicht möglich.

Werden also beispielsweise die Empfehlungen der Britischen Ärzteschaft zu Limits für regelmäßigen täglichen Alkoholkonsum zugrunde gelegt, so dürften gesunde Männer drei Gläser, gesunde Frauen und Jugendliche zwei Gläser Alkohol pro Tag trinken. Damit gingen sie dann nur ein geringes Risiko ein, an Alkoholfolgekrankheiten zu erkranken.

Anzumerken ist jedoch, dass dabei nicht zwischen den verschiedenen Alkoholika und den damit verbundenen Trinkstilen unterschieden wird. Mit Blick auf mögliche Alkoholfolgekrankheiten sollte jedoch bedacht werden, dass der Blutalkoholgehalt beim Trinken oder besser gesagt Kippen hochprozentiger Getränke sehr schnell sehr hoch ansteigt, woraus sich ein höheres Schädigungspotential ergibt. Im Gegensatz dazu werden geringprozentige Getränke allein wegen ihrer Flüssigkeitsmenge in der Regel langsamer getrunken und bewirken folgerichtig auch keine so hohen Spitzen im Blutalkoholspiegel. Unter diesen Aspekt betrachtet sind sie also etwas schonender für den Körper.

Merkenswert: Die Methode der Trinkmengenkalkulation über Trinkeinheiten ist bestechend einfach. Sie eignet sich zumindest, um eine grobe Kalkulation über die getrunkene Menge reinen Alkohols vorzunehmen. Sie bietet sich zudem hervorragend als alltagstaugliches Verfahren für alle an, die sich unkompliziert einen Überblick über ihre Trinkmengen verschaffen wollen. In diesem Sinne kann die Ermittlung von Trinkeinheiten als Methode auch Klienten empfohlen werden, die sich unsicher sind, ob sie mit ihrem regelmäßigen Alkoholkonsum bereits ungewollt gesundheitliche Folgeerkrankungen riskieren oder nicht.

Zur Fehlerquelle wird in diesem Verfahren jedoch vor allem die Tatsache, dass durch die Alkoholindustrie Getränke auf den Markt gebracht werden, die heute einen weit höheren Alkoholgehalt haben als die traditionsreichen Vorgänger: Man denke an Weine, die ursprünglich 10-12 Volumenprozent hatten, heute aber mit bis zu 15-16 Volumenprozent ausgebaut werden. Ähnliche Entwicklungen gibt es auch bei den Bieren, bei Cocktails etc. Insofern sind Verfahren zur exakteren Bestimmung der konsumierten Mengen reinen Alkohols durchaus sinnvoll und wichtig.

Trinkmengen bestimmen: Mit UNITS wird es exakter

Auch in vielen Bereichen Sozialer Arbeit reichen grob ermittelte Trinkmengen nicht aus: Zu denken ist z. B. an Situationen, in denen Interaktionen zwischen Medikamenten und Alkohol bedacht werden müssen oder wenn zu einem bestimmten Zeitpunkt absolute Nüchternheit erforderlich ist. Auch mit Blick auf das Risiko von Alkoholfolgekrankheiten ist ein exakterer Überblick über die konsumierten Alkoholmengen wichtig.

Angesichts der schon genannten praktischen Probleme, ist von der Britischen Ärzteschaft ein Verfahren entwickelt worden, mit dem die getrunkene Menge reinen Alkohols exakter ermittelt werden kann, weil das jeweils konsumierte Getränk mit seinen Alkoholprozenten in die Berechnungen einbezogen wird. Dieses Verfahren rechnet nach UNITS (übersetzt: Einheiten).

Merkenswert: Für die Darstellung der getrunkenen Mengen reinen Alkohols ist eine exakte Ermittlung wichtig, bei der auch der sehr unterschiedliche Alkoholgehalt der jeweils konsumierten Getränke berücksichtigt wird. Dafür kann auf die Berechnung sogenannter UNITS zurückgegriffen werden.

Bezogen auf die Empfehlungen Britischer Ärzte zu Trinklimits werden für gesunde Männer 3-4 Units und für gesunde Frauen und Jugendliche 2-3 Units als Grenzen gesehen, in denen das Risiko einer Alkoholfolgekrankheit nur gering ist.

Units errechnen ist einfach und unkompliziert

Units lassen sich nach folgender Formel berechnen:


Der Konsum einer Flasche Radeberger Bier ließe sich also wie folgt in Units umrechnen:


Wie viel reiner Alkohol ist wo drin?

Im Grunde ist auch diese Art der Ermittlung von Trinkmengen unkompliziert, der Rechenweg einfach und die eigentliche Berechnung nicht aufwendig. Zumal heute in fast jedem Handy ein Taschenrechner verfügbar ist. Einzige, aber wichtige Voraussetzung ist, dass es Informationen dazu gibt, wie hochprozentig das jeweils konsumierte Getränk tatsächlich ist.

Eine Zusammenstellung der Alkoholika, die auf dem Markt verfügbar sind, ist jedoch schnell getan. Mit Hilfe von Listen, die von den Klienten selbst z. B. per Internet zusammengestellt werden, könnte ein Überblick über die verschiedenen Getränke sogar darüber informieren, wie hochprozentig konkrete Alkoholika tatsächlich sind und welche Alternativen sich anbieten, um weniger reinen Alkohol zu sich zu nehmen.

Merkenswert: Die Methode der Bestimmung von Trinkmengen über berechnete Units bietet sich an, wenn ein exakterer und detaillierterer Überblick über die täglich getrunkene Menge reinen Alkohols wichtig wird.

In der Berechnung von Units wird der sehr unterschiedliche Wirkstoffgehalt von Alkoholika berücksichtigt. Deshalb zwingt diese Methode dazu, sich mit den weit auseinanderdriftenden Anteilen von Alkohol in ein und derselben Getränkesorte (Bier, Wein, Spirituosen) auseinanderzusetzen. Dies öffnet die Augen dafür, dass der Alkoholgehalt oft unerwartet hoch ist und schafft eine gute Grundlage, den eigenen Konsum selbstkritischer in den Blick zu nehmen.

1.2.3Wie die Trinkmengen des Klienten ermitteln?

Nachdem im Methodenkoffer bereits das Wissen um Alkoholfolgekrankheiten und Empfehlungen zu Trinkmengenlimits liegen, braucht es nun eine Herangehensweise, mit der sich der regelmäßige Alkoholkonsum einer Person sehr konkret ermitteln lässt. Erforderlich ist eine Methode, die möglichst exakte und damit solide Informationen erbringt.

Viele Mengen Alkohol werden übersehen

Oberflächlichkeit nach der Methode „Pi mal Daumen“ hilft nicht weiter, denn die Ermittlung der tatsächlich getrunkenen Mengen Alkohol ist ohnehin schwierig. So sorgt die Einbindung des Alkoholtrinkens in viele soziale Situationen in Form einer mehr oder weniger beachteten Begleitaktivität dafür, dass gerade bei kleinen Mengen oft nicht daran gedacht und auch nicht registriert wird, dass die Substanz „Alkohol“ konsumiert wird.

Zudem gilt auch beim Alkoholkonsum, dass es kaum eine Regelmäßigkeit ohne Ausnahmen gibt. Und gerade diese Ausnahmen - das Glas Sekt zum Geburtstag eines Kollegen, die Jim-Beam-Cola im Kino, der doppelte Eierlikör auf dem Schokoladeneis, das Bier nach der Sauna, der Kräuterschnaps nach dem Eisbein – sind es, die oft unbeachtet bleiben. Diese kommen zu dem regelmäßigen Feierabendbier dazu, können sich schließlich zu erstaunlichen Größen summieren und für das Überschreiten empfohlener Limits sorgen. Insofern wird erst mit der Berücksichtigung wirklich aller konsumierten Alkoholika in der Gesamtrechnung deutlich, wie die oft überraschenden Grenzüberschreitungen zustande kommen.

Exakte Buchführung macht es möglich

Länger als nur für ein paar Tage

Die Ermittlung der Trinkmengen setzt voraus, dass sowohl alle konsumierten Mengen als auch die jeweilige Art des getrunkenen Getränks sorgfältig notiert werden. Diese „Buchführung“ kann natürlich durch den Konsumenten selbst am besten vorgenommen werden; zumindest seine Mitwirkung ist unerlässlich, selbst wenn der Sozialarbeiter gemeinsam mit dem Klienten den oft unreflektierten Trinkgewohnheiten auf die Spur kommen will.

Das Registrieren der getrunkenen Mengen Alkohol sollte mindestens über drei bis vier Wochen erfolgen. Auf diese Weise wird es möglich, sowohl Wochen mit vielen Konsumtagen als auch solche mit wenig oder gar keinem Alkoholkonsum in den Blick zu nehmen. Allerdings empfiehlt es sich, die registrierten Trinkmengen wöchentlich auszuwerten. Auf diese Weise gelingt es besser, sich selbst in Bezug auf die wohl regelmäßig vorkommenden wöchentlichen Schwankungen in den konsumierten Alkoholmengen zu beobachten.

Bei einer solchen Wochenschau können Familienmitglieder oder Freunde, die einen Einblick in das Trinkverhalten des Einzelnen haben, eine gute Hilfe sein. Gerade die Einbindung des Trinkens als Beiwerk vieler sozialer Situationen erschwert es, auch den versteckten und unabsichtlich übersehenen Trinkmengen auf die Spur zu kommen.

Die Idee des Trinktagebuchs

Für die nötige Buchführung eignet sich eine tabellarische Übersicht, die im Rahmen von Therapieansätzen zum „Kontrollierten Trinken“ als Trinktagebuch verwendet wird (vgl. Körkel 2007). Zur Anwendung kommt dabei ein Aufzeichnungsbogen, der nach Woche und Wochentag unterteilt ist und dazu auffordert, jedes getrunkene alkoholische Getränk zu registrieren. Gefragt wird dabei, wann, wo, was und wie viel getrunken wurde (siehe Tabelle). Durch das Abfragen erinnert das Trinktagebuch also an viele Diätempfehlungen, die zum Beispiel dazu anregen, sich einen Überblick über die verzehrten Lebensmittel und deren Kaloriengehalt zu erarbeiten.

Für die Auswertung sind die konkreten Angaben zum Alkoholgehalt des jeweils konsumierten Getränks zu ermitteln. Dann sind alle Informationen zusammengetragen, auf deren Basis sich ermitteln lässt, wie viel Units mit jedem einzelnen Trinkakt konsumiert wurden und zu wie viel Units sich diese pro Tag summieren.


Tabelle: Muster eines Trinktagebuches

Merkenswert: Die Ermittlung der tatsächlich getrunkenen Menge Alkohol ist fast immer schwierig. Die Selbstverständlichkeit, mit der das Trinken in viele soziale Situationen unbedacht eingebunden ist, erschwert es, einen Überblick darüber zu erhalten und nicht versehentlich bestimmte Konsummengen zu übersehen. Das Führen eines Trinktagebuches kann helfen, bewusster darauf zu achten, in welchen Situationen und an welchen Orten welche Sorte Alkohol in welchen Mengen getrunken wird.

Die Summation der Mengen pro Tag, pro Woche und pro Monat ermöglicht, die allgemein üblichen Schwankungen in den konsumierten Mengen festzuhalten und davon ausgehend festzustellen, wie die oft überraschenden Überschreitungen der empfohlenen Trinklimits zustande kommen.

1.2.4Beratungsansätze zur Reduktion der Trinkmenge

Mit dem Führen des vorgeschlagenen Trinktagebuchs entsteht eine Informationsbasis, die sich hervorragend eignet, auf den individuellen Fall bezogene Strategien zur Reduktion der Trinkmengen zu entwickeln.

Wenn der Klient über seinen Alkoholkonsum sorgfältig Buch führt, dann lassen sich aus den tagebuchartigen Aufzeichnungen sehr unterschiedliche Informationen zu den Trinkgewohnheiten entnehmen und Empfehlungen für Veränderungen ableiten:

 Erstens ist mit Blick auf die Vermeidung von Alkoholfolgekrankheiten die wichtigste, aus dem Trinktagebuch ableitbare Information, wieweit es dem Einzelnen gelingt, die empfohlenen Trinkmengenlimits einzuhalten.

 Mit einem exakt geführten Trinktagebuch lässt sich aber zweitens auch die Aussage belegen, dass diese Trinklimits überschritten werden, in welchem Umfang und wie oft. Auf diese Aussagen wird oft spontan ungläubig reagiert. Insofern helfen die zusammengetragenen Daten mit ihren klaren und unmissverständlichen Aussagen, die zudem frei von moralischen Vorwürfen sind und ausschließlich einer Sachlogik folgen, Einsichtsfähigkeit zu entwickeln

 In einem nächsten Schritt kann die Auswertung des Trinktagebuchs drittens aber auch dazu dienen, unreflektierte Gewohnheiten in Bezug auf das Alkoholtrinken aufzudecken und deren Bedeutung für das Trinkverhalten insgesamt herauszuarbeiten. Insbesondere wenn die Trinklimits deutlich überschritten werden, kann es hilfreich sein herauszufinden, wo, wann und in welchen Trinksituationen so viel Alkohol getrunken wird, dass die Limits regelmäßig überschritten werden.

 Das Trinktagebuch ist viertens auch eine Hilfe bei der Erarbeitung von Strategien, um die Trinkmengen deutlich zu reduzieren. So kann gemeinsam mit dem Klienten darüber nachgedacht werden, welche Trinkmengen sich ohne viel Anstrengung durch Äquivalente ablösen lassen: Indem z. B nach einer sportlichen Aktivität gegen den Durst nicht mehr Bier, sondern Apfelsaftschorle oder ein Gemisch aus Bier und Sprite getrunken wird; indem statt einem großen Glas Wein ein kleines getrunken wird; indem das Feierabendbier auf die wieder verfügbaren kleinen Flaschen reduziert wird; indem hochprozentige Bier- und Weinsorten durch niedrigprozentige abgelöst werden usw.

 Schließlich kann fünftens das Trinktagebuch auch genutzt werden, um die Art und Weise der Umsetzung der erdachten Strategien zu dokumentieren. Mit einem exakt geführten Tagebuch wird nicht nur festgehalten, wo es gelungen ist, den erarbeiteten Plan einzuhalten und wo dies weniger gut gelungen ist. Es gibt auch Hinweise darauf, wie ein erneuter Versuch aussehen könnte, die empfohlenen Trinkmengenlimits einzuhalten, ohne das Gefühl enormer Verzichtsleistungen zu provozieren.

Wenn die Debatte offen geführt werden kann, kommt bei der Arbeit mit dem Trinktagebuch in der Regel ein großer Einfallsreichtum zustande. Dieser kreist legitimer Weise darum, wie sich den empfohlenen Mengenlimits ohne einschneidenden Verzicht genähert werden kann. Eine starke Motivation und Handlungsbereitschaft kann gerade von der Tatsache ausgehen, dass in diesem Nachdenken die Berechtigung von Genuss nicht in Abrede gestellt wird und durch den Klienten Strategien für eine Trinkmengenreduktion ersonnen werden, die diesem realistisch und praktikabel erscheinen.

Merkenswert: Auf der Basis eines sorgfältig geführten Trinktagebuches lassen sich Beratungsstrategien entwickeln, die auf sehr verschiedene Weise Hilfe und Unterstützung bei der Entwicklung eines Trinkens geben, das den empfohlenen Trinkmengen zur Vermeidung von Alkoholfolgekrankheiten entspricht. Diese Strategien beschränken sich nicht allein auf die Kontrolle der getrunkenen Alkoholmengen über den Tag, die Woche und den Monat. Trinktagebücher können zugleich eine Sensibilisierung der Wahrnehmung und eine kritische Reflexion des eigenen Trinkens fördern. Mit dem Trinktagebuch lassen sich aber auch Beratungen durchführen, die auf die Entwicklung von Strategien für erfolgversprechende Veränderungen des Trinkens und deren Umsetzung zielen. Mit einem Trinktagebuch kann auch dokumentiert werden, wieweit die erstrebten Veränderungen realisiert werden konnten, an welcher Stelle dies noch nicht gelungen ist. Schließlich ergeben sich auch Hinweise darauf, in welche Richtung die anfangs entwickelten Strategien zu korrigieren sind, damit sie erfolgreich umsetzbar werden.

Das Potential dieser Methode erschließt sich jedoch nur, wenn es in ein passendes professionelles Handeln eingebunden wird, das sich den Grundideen der Befähigung des Klienten, des Selbstmanagements und des Empowerments verpflichtet fühlt und wegrückt von unproduktiven Kontrollbedürfnissen, paternalistischen Beweggründen und einer mangelhaften Bereitschaft, die mit dem Alkohol verbundenen positiven Gründe anzuerkennen und zu akzeptieren.

1.3Zusammenschau

In der Bevölkerung ist das Wissen um die Zusammenhänge zwischen regelmäßig zu hohem Alkoholkonsum und der Entwicklung gesundheitlicher Störungen wenig bekannt. Es gibt dazu einen erheblichen Informationsbedarf. Es gehört zu den Aufgaben eines jeden Sozialarbeiters, an der Information und Befähigung der Menschen zu einem gekonnten Umgang mit Alkohol mitzuwirken.

Alkoholfolgeerkrankungen bleiben oft unerkannt, weil sozial angepasstes und damit weitgehend unauffälliges Trinken in unserer Kultur bereits das Risiko mit sich bringen kann, eine Menge an Alkohol zu konsumieren, die gesundheitliche Beeinträchtigungen auslösen kann.

Die Trinksitten der verschiedenen sozialen Gruppen und Schichten unterscheiden sich zwar in ihrer konkreten Form, aber nicht wesentlich in Bezug auf die konsumierten Mengen. Deshalb kann in allen Bereichen Sozialer Arbeit auf Klienten getroffen werden, deren gesundheitliche Situation durch riskanten Alkoholkonsum mitgeprägt ist.

Sozialer Arbeit kommt bei der Früherkennung und Bewältigung von Alkoholfolgekrankheiten eine wichtige Rolle zu! Die vertrauensvolle Beziehung zwischen Klient und Sozialarbeiter ist eine gute Basis, erstens Zusammenhänge zwischen regelmäßig konsumierten Alkoholmengen und gesundheitlichen Problemen der Klienten aufzuklären; zweitens bei erkanntem regelmäßig zu hohen Alkoholkonsum und ätiologisch unklaren Beschwerden eine medizinische Klärung zu eventuell bereits vorliegenden Folgekrankheiten anzuregen; drittens bei Vorliegen einer Alkoholfolgekrankheit zu einer medizinischen Behandlung anzuregen und viertens Klienten dazu zu motivieren und zu befähigen, Veränderungen des Trinkens vorzunehmen, mit denen die empfohlenen Trinkmengen besser eingehalten werden können.

Oft verweigern Klienten den Besuch einer Drogenberatung. Um für einen gesundheitlich weniger riskanten Alkoholkonsum zu sensibilisieren und praktische Anregungen für eine Umsetzung zu geben, ist eine so hochspezialisierte Hilfe in der Regel auch nicht immer nötig. Hilfreiche Anregungen zu einer Veränderung des Trinkens können durchaus in den bereits bestehenden Beziehungen zwischen Sozialarbeiter und Klient gegeben werden.

Sozialarbeiter müssen deshalb für diese Thematik sensibilisiert sein, ein fachliches Grundwissen zu den dabei relevanten Zusammenhängen haben und sich zuständig auch für diesen Teil der Lebensbezüge der Klientel fühlen.

Zum professionellen Knowhow für eine Beratung zu Alkoholfolgekrankheiten und einem dazu passenden Risikomanagement gehören erstens das Wissen zu empfohlenen Trinkmengenlimits; zweitens Kenntnisse dazu, wie sich Trinkmengen ermitteln lassen; drittens methodische Ansätze, wie Klienten zu einer Gesamtschau auf das von ihnen praktizierte Trinken motiviert und angeleitet werden können und schließlich viertens Beratungsstrategien, mit denen passende Strategien zur Reduktion der regelmäßig konsumierten Alkoholmengen erarbeitet werden können.

Die Erarbeitung von und die Arbeit mit sachlichen Informationen können damit zu einer guten Ausgangsbasis werden, die Notwendigkeit einer Veränderung des Trinkverhaltens sachlogisch und weitestgehend ohne moralische Vorwürfe vorzutragen. Eine vorbehaltlose Dokumentation der Trinkgewohnheiten lässt die Forderung nach einer Trinkmengenreduktion oft auch für diejenigen Klienten sinnvoll und einsichtig werden, die mit ihren regelmäßig konsumierten Alkoholmengen ein hohes Risiko für gesundheitliche Probleme eingehen und einen solchen Zusammenhang in ihrem konkreten Fall kaum für möglich gehalten haben.

1.4Nachlesenswert

Büringer et al. (2000): Alkoholkonsum und alkoholbezogene Störungen in Deutschland. Schriftenreihe des Bundesministeriums für Gesundheit, Band 128, Baden-Baden

Klingemann, H. (2004): Forschungs- und Diskussionsstand zum Kontrollierten Trinken in der Schweiz und ausgewählten Nachbarstaaten. In: Projekt im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit und in Zusammenarbeit mit der Eidgenössischen Kommission für Alkoholfragen (EKA): Literatur und Expertenbericht zum Modul A der dreiteiligen wissenschaftlichen Studie „Kontrolliertes Trinken: Bestandsaufnahme und Umfrage zur Akzeptanz und Praxisumsetzung als Behandlungsziel, Bern, S. 80-99.

Körkel, J., Bahle, F. (2007): Damit Alkohol nicht zur Sucht wird - kontrolliert trinken: 10 Schritte für einen bewussteren Umgang mit Alkohol. Trias Verlag

Kruse, G., Körkel, J., Schmalz, U. (2000): Alkoholabhängigkeit erkennen und behandeln – mit literarischen Beispielen. Psychiatrie Verlag

Legnaro, A. (1981): Alkohol und Verhaltenskontrolle – Bedeutungswandlungen zwischen Mittelalter und Neuzeit in Europa. In: Rausch und Realität – Drogen im Kulturvergleich, Köln

Winter, E., Stoiber, I., Engel, H. (1987): Schicksal Abhängigkeit. Alkohol. Probleme. Auswege. Berlin

2Medikamentenkonsum: Grundproblem, Handlungsdruck und Handlungsmöglichkeiten von Sozialer Arbeit
2.1Der Konsum von Medikamenten: Weit verbreitet, oft selbstverständlich und kaum beachtet

In unserer Kultur beschränkt sich der Griff zu Medikamenten nicht mehr auf akute Phasen einer schweren Erkrankung. Die Einnahme von Arzneimitteln ist längst zu einem Alltagsphänomen geworden. Ca. 1250 Tabletten konsumiert der durchschnittliche Deutsche - vom Säugling bis zum Greis - pro Jahr (vgl. Glaeske, Schicktanz 2010). Die Ausgaben dafür sind weit höher als für das Brot, das täglich gegessen wird. Für 2010 ermittelte der Arzneimittelreport, dass die Barmer GEK, Deutschlands größte Krankenkasse, rund 3,9 Milliarden Euro nur für Medikamente ausgegeben hat. Dies ist ein Kostenzuwachs von 6,77 Prozent. Die gestiegenen Kosten gehen allerdings nicht nur auf Preissteigerungen zurück, sondern ergeben sich auch aus der größeren Menge verordneter Pillen und Tabletten: 80 Millionen Packungen Arzneimittel wurden den 9 Millionen Versicherten verordnet – 4,24 Prozent mehr als im Jahr zuvor (ebenda).

Der Markt für Pharmaka expandiert rasch und ungebrochen. Dafür sorgt auch eine entsprechende Werbung. Diese kommt mit dem Versprechen daher, nicht nur Unwohlsein, ein unbefriedigendes Befinden und Schmerzen umgehend abschalten zu können. Sie dröhnt auch mit der Zusicherung, selbst für die Zukunft Krankheit und Leiden vorbeugen und Alterung aufhalten zu können. Erfolgreich ist sie damit in allen sozialen Gruppen, Schichten und kulturellen Milieus.

Merkenswert: Unabhängig davon, ob es sich um verschreibungspflichtige oder freiverkäufliche Arzneimittel handelt, der Konsum von Medikamenten ist in unserer Kultur zu einer Selbstverständlichkeit geworden, die kaum noch hinterfragt und kritisch überdacht wird. Regelmäßiger Medikamentenkonsum ist weit und in fast allen sozialen Gruppen, Schichten und kulturellen Milieus stark verbreitet.

Deshalb muss Soziale Arbeit in allen Berufsfeldern damit rechnen, mit dem Thema Medikamentenkonsum und daraus abgeleiteten Problemen konfrontiert zu werden. Insofern gehört zu den professionellen Anforderungen, die prinzipiell an jeden gestellt sind, auch zu diesem Thema angemessen beratend und unterstützend handeln zu können.

2.2Kann denn Medikamenteneinnahme problematisch sein?

Die Etablierung des Medikamentenkonsums als selbstverständliche Facette im Alltag und die stetige Zunahme der konsumierten Mengen Arzneimittel sind Phänomene mit einem hohen Potenzial an Risiken und Gefährdungen:

 Problematisch an dieser Entwicklung ist erstens nicht allein die damit verbundene Illusion, dass Missbefinden, Unwohlsein und Stimmungstiefs im Leben der Menschen keinen Platz haben und deshalb umgehend und um jeden Preis abgeschaltet gehören. In der Folge ist es nicht immer die große Bedrängnis, die zur Pille greifen lässt; oft rechtfertigt schon eine kleine Wolke am Seelenhimmel den Griff zur Tablette. Mit dem Medikamentenkonsum werden Konflikte allerdings nur zugedeckt, verkümmert das normale Wechselspiel der Gefühle und schrumpft das Alltagserleben auf ein dumpfes Mittelmaß, in dem es zwar kein „zu Tode betrübt“, aber auch kein „himmelhoch Jauchzen“ mehr gibt.

 Bedenklich ist zweitens, dass mit dem ungebremsten Griff zur Pille altbewährte Strategien verloren gehen, wie sich die Selbstheilungsfähigkeiten von Körper und Seele anregen lassen und Schmerzen und Krankheit auch ohne Hightech-Medikamente bewältigt werden können.

 Zu den Problemen des selbstverständlichen Tablettenschluckens gehören drittens handfeste somatische Folgeerkrankungen, die als Nebenwirkungen eines regelmäßigen Medikamentenkonsums auftreten können: Die Europäische Gesellschaft für Dialyse und Transplantation schätzt beispielsweise, dass allein 10 bis 25 Prozent aller Nierenversagen und Dialysen auf das Konto übermäßigen Schmerzmittelgebrauchs gehen. Dazu kommt ein großer Teil der Magenschleimhautentzündungen, Magengeschwüre und Blutarmut, die sich als Auswirkungen eines regelmäßig zu hohen Arzneimittelkonsums identifizieren lassen.

 Zu den problematischen Folgen regelmäßigen Medikamentenkonsums zählen viertens auch paradoxe Umkehreffekte, die dafür sorgen, dass die eingenommenen Medikamente die Schmerzen und das Missbefinden auslösen, gegen die sie eingenommen werden. So werden gegen die Volkskrankheit Nummer eins „Kopfschmerz“ beispielsweise Riesenberge an Schmerzmitteln konsumiert. Weniger bekannt ist jedoch, dass bei regelmäßigem Schmerzmittelkonsum (ca. mehr als zehn Tage im Monat) eine Wirkumkehr einsetzen kann. Diese zeigt sich darin, dass durch die konsumierten Schmerzmittel paradoxerweise erst der Dauerkopfschmerz entsteht, den der Geplagte mit noch höheren Tablettendosen zu bekämpfen versucht.

 Völlig übersehen wird in der Regel fünftens, dass es bei bestimmten Konsumformen gar nicht um die schmerzstillenden Substanzen selbst geht, die den Verbrauch ankurbeln. Es sind vielmehr Zusatzstoffe wie Coffein oder Codein, die einen Psycho-Kick bewirken und einen vermehrten Verbrauch begründen.

 Neben psychischen Gewöhnungseffekten kann durch regelmäßigen Konsum sechstens auch eine körperliche Abhängigkeit provoziert werden. Von den circa 50.000 verschiedenen Arzneimitteln auf dem Markt haben etwa fünf Prozent das Potenzial, körperlich abhängig zu machen. Dies sind vor allem Schlaf- und Beruhigungsmittel aus der Gruppe der Benzodiazepine, opionid- und morphinhaltige Schmerzmittel, Aufputschmittel und Medikamente, die Alkohol enthalten. Aber auch Anregungs- und Hustenmittel sowie Appetitzügler gehören dazu. Typisch für diese Form der körperlichen Abhängigkeit ist der durch die Medikamente ausgelöste physische Gewöhnungseffekt (z. B. durch Benzodiazepin). Da die Empfindlichkeit der Nervenzellen für diese Wirkstoffe bei Dauerkonsum herabgesetzt wird, verlangt das Nervensystem nach vermehrter Zufuhr, weshalb immer mehr Pillen gebraucht werden, um den gleichen Effekt zu erzielen. In vorsichtigen Schätzungen wird davon ausgegangen, dass bis zu 1,9 Millionen Deutsche von pharmazeutischen Präparaten abhängig sind.

 Diese körperliche Abhängigkeit macht sich jedoch nicht allein in einer steigenden Toleranz gegenüber den gewohnheitsmäßig konsumierten Medikamenten und damit im Drängen nach immer größeren Mengen bemerkbar. Sie wird siebtens auch deutlich, wenn durch das Absetzen des Medikaments umgehend schwere Entzugserscheinungen auftreten, die allein schon deshalb den Verzicht auf die Medikamenteneinnahme als bedrohlich erscheinen lassen und den Patienten so zum Sklaven der Pille machen.

 Zu beachten sind achtens schließlich auch Zusammenhänge, die sich aus der oft langen Halbwertzeit vieler Medikamente und deren Speicherung im Körper ergeben. Diese sorgen selbst lange Zeit nach der Einnahme noch für die typischen Medikamentenwirkungen. Dazu kommt, dass sich durch die Speicherung auch der Medikamentenspiegel im Körper erhöht, wenn die Einnahmeabstände so kurz sind, dass die körperlichen Abbauprozesse der Arzneien noch nicht abgeschlossen sind. Auf diese Weise bauen sich im Körper Depots auf, die für Wirkungen auf den Konsumenten sorgen, wenn dieser längst nicht mehr darauf eingestellt ist und in seinem Handeln mögliche Beeinträchtigungen nicht berücksichtigt. Wenn es auch kaum Zahlen dazu gibt, wie viele Unfälle zu Hause und im Job als Folge regelmäßigen Medikamentenkonsums passieren und welches Unheil Tablettenschlucker auf der Straße anrichten – von einem erheblichen Dunkelfeld kann sicher ausgegangen werden.

Merkenswert: Wenngleich Medikamente bei der Behandlung schwerer Erkrankungen wichtige Hilfsmittel sind, muss der Umgang mit ihnen kritisch im Auge behalten werden. Fast alle Medikamente verursachen nicht sachgerecht eingenommen erhebliche physische und psychische Nebenwirkungen, können Entwicklungen hin zu einem Arzneimittelmissbrauch oder sogar einer Arzneimittelabhängigkeit anstoßen und mit erheblichen Selbst- und Fremdgefährdungen einhergehen.

Vor diesem Hintergrund gehören auch Sozialarbeiter zu den Berufsgruppen, die gegenüber ihren Klienten eine Informations- und Aufklärungspflicht zu den Risiken und Nebenwirkungen einer regelmäßigen Medikamenteneinnahme haben und als Vertrauenspersonen ihrer Klienten Impulse und Anregungen geben sollten, problematische Umgangsweisen mit Arzneimitteln zu überdenken und zu beenden.

2.3Medikamentenkonsum differenzieren: Langzeitgebrauch, Medikamentenmissbrauch oder abhängig von Medikamenten?

Auch der Medikamentenkonsum ist als Phänomen wiederum in Formen des Gebrauchs, des Missbrauchs und der Abhängigkeit zu unterscheiden. Insofern kann an die grundlegenden Gedanken angeknüpft werden, die bereits im ersten Band dieser Reihe für den Konsum psychoaktiver Substanzen erläutert wurden (vgl. Drogen und soziale Praxis, Band 1, Kapitel „Drogenkonsum: Die Pflicht genau zu unterscheiden“).

Besondere Aspekte leiten sich jedoch aus der Tatsache ab, dass der Konsum von Medikamenten in Behandlungsroutinen und damit in ärztliche Empfehlungen und Anweisungen eingebunden ist. Diese machen eine spezielle Betrachtung erforderlich.

2.3.1Medikamentengebrauch: Eine Medikation bei ernsthaften Erkrankungen

Anders als der Konsum von Mitteln, die ausschließlich dem Genuss der Menschen dienen, sind Medikamente für jeden Menschen bei schweren Verletzungen, starken Erkrankungen und auch in akuten psychischen Notsituationen (z. B. bei Schicksalsschlägen) wichtige Hilfsmittel und dann in der Regel unverzichtbar.

Grundsätzlich handelt es sich bei Medikamenten um Stoffe oder Stoffzusammensetzungen, die ausdrücklich zur Heilung oder zur Verhütung von Krankheiten bestimmt sind. Deshalb werden mit ihrer Einnahme mehr oder weniger starke pharmakologische Veränderungen angestrebt, durch die die physiologischen Funktionen des Körpers wiederhergestellt, korrigiert oder beeinflusst werden sollen.

Zusätzlich zu diesen biochemisch erklärbaren Effekten kommen aber in vielen Fällen auch psychische Wirkungen. Diese leiten sich aus den Wirkungserwartungen ab, die der Konsument an ein spezielles Medikament hat und können die damit erzielbaren Ergebnisse begünstigen, aber auch blockieren.

Merkenswert: Bei jeder Einnahme ist im Blick zu behalten, dass mit Medikamenten mehr oder weniger deutlich in eine Vielzahl körperlicher Wirkungszusammenhänge eingegriffen wird. Angestrebt werden bestimmte erwünschte Wirkungen, die sich aber keineswegs wie eine gezielt einschlagende Kanonenkugel einstellen. Vielmehr sind in der Regel immer sehr verschiedene Körperfunktionen an der Aufnahme, Verarbeitung und Ausscheidung der Medikamente beteiligt. Deshalb ist auch immer mit einer Reihe unerwünschter Wirkungen – den Nebenwirkungen – zu rechnen. Die Einnahme von Medikamenten hat also immer Risiken und Nebenwirkungen, weshalb damit generell ein bedachtsamer Umgang geraten ist.

Auch wenn die Werbung zu oft suggeriert, dass man nur einen „Spalt“-breit von Schmerzfreiheit und Wohlbefinden entfernt sei, sollte den natürlichen Heilungsprozessen Zeit und Gelegenheit gegeben werden, bevor zur pharmakologischen Hilfe gegriffen wird.

Gesundheit ist nicht Sein, sondern Tun!

Diese Aussage gilt besonders für Medikamente, die den schädigenden Folgen eines ungesunden Lebensstils begegnen sollen: Seien es Dämpfer zu hohen Cholesterins durch zu fette und tiereiweißlastige Ernährung, seien es Blutdrucksenker bei Bewegungsarmut, zu wenig Schlaf, zu viel Kaffee, Alkohol und Zigaretten, seien es Insulinpräparate zum Management von Zuckerkrankheiten, die sich aus jahrelanger Fehlernährung erklären usw.

Es beim Management dieser sogenannten „Zivilisationskrankheiten“ zu allererst mit einer Änderung des Lebensstils zu versuchen, ist keineswegs eine Frage des Zeitgeistes. Vielmehr unterstreichen unzählige nationale und internationale Studien, dass sich mit Bewegung und Ernährung erstaunliche gesundheitliche Effekte erreichen lassen. Diese Strategie erspart oftmals den Einsatz von Medikamenten bzw. reduziert die einzunehmende Menge deutlich. Letztlich verdoppelt sich der Gewinn, denn es summieren sich die gesundheitlichen Gewinne durch Veränderungen im Alltag und die Effekte, die sich aus Medikamente ergeben, die nicht eingenommen werden und deshalb den Körper nicht durch schwierige Nebenwirkungen belasten.

Merkenswert: Vor allem in langgezogenen und intensiven Prozessen der Beratung und Begleitung erhalten Sozialarbeitern in der Regel einen umfassenden Einblick in den Umgang der Klienten mit Medikamenten. Der Medikamentenkonsum kann deshalb immer auch ein Thema sein, zu dem sich Sozialarbeiter und Klient austauschen. Wichtige Ziele einer Beratung in Sachen „Umgang mit Medikamenten“ ist erstens die Ermutigung des Klienten, zu lernen, ein bestimmtes Maß an Missbefinden als zum Leben dazugehörig zu akzeptieren, zweitens Beschwerden erst einmal auszuhalten und dabei drittens seinen Selbstheilungskräften zu vertrauen, sich viertens Zeit und Gelegenheit zu geben, seine Beschwerden auch ohne massiven Einsatz von Medikamenten zu beseitigen. Insbesondere mit Blick auf die Zivilisationskrankheiten gilt es fünftens Klienten anzuregen, Einstellungen und Lebensstile zu verändern, eine hinnehmende Passivität zu sich einstellenden gesundheitlichen Störungen aufzugeben und sich sechstens aktiv um die Erhaltung der eigenen Gesundheit zu bemühen.

Grundsätzlich lassen sich für jeden Klienten Formen finden, mit denen er sich aktiv um Gesundung und Gesundheit bemühen kann – das Alter und der Gesundheitszustand verändern die Wahlmöglichkeiten, können aber nicht als absolute Hinderungsgründe gelten.

Medikamentengebrauch als Teil einer ärztlichen Behandlung

Die besondere Potenz vieler Medikamente und ihre oft komplizierten Wirkschemata sorgen dafür, dass viele Medikamente nicht frei verkäuflich sind und nur im Rahmen einer ärztlichen Behandlung verschrieben werden dürfen.

Hierbei kommt dem Arzt die Verantwortung zu, in Abhängigkeit von der Erkrankung und den körperlichen Gegebenheiten (z. B. Alter, Konstitution, Gewicht), psychischen Besonderheiten und sozialen Voraussetzungen des Patienten (z. B. Darreichungsform, Alltagsrhythmen) die Höhe, die Dauer und die Einnahmeintervalle der verschriebenen Medikamente festzulegen. Zweifellos sollten Arzt und Patient gemeinsam über eine passende Behandlung nachdenken und sich schließlich einvernehmlich auf eine bestimmte Medikation einigen. Nach der Festlegung auf ein bestimmtes Medikament und dessen Einnahmemuster gehört es jedoch zu den besonderen Mitwirkungspflichten des Patienten, dieses Einnahmemuster umzusetzen.

Verordnungen von Medikamenten müssen lebbar sein!

Wesentliche Bedingungen für die Wirksamkeit eines Medikaments sind in der Regel die bestimmungsgerechte Einnahme, das konsequente Befolgen ärztlicher Therapieanweisungen und ein großes Maß an Therapietreue. Angesprochen ist damit die Entwicklung und Aufrechterhaltung der Compliance des Patienten trotz oftmals umfangreicher und belastender Forderungen.

Insbesondere bei langgezogenen Behandlungen, z. B. bei chronischen Erkrankungen, fällt es den Betroffenen regelmäßig schwer, stark beanspruchende Therapieempfehlungen einzuhalten. Studien belegen, dass bei vielen chronischen Erkrankungen nach einem Jahr nur noch etwa 50 % der Patienten die anfänglichen Therapieempfehlungen befolgen. Insofern sind für diese Prozesse Hilfe und Unterstützung auch durch Soziale Arbeit erwünscht. Stellen die Langzeitverordnungen die Patienten zudem vor enorme Herausforderungen, weil die Einnahmeintervalle und -routinen sehr aufwändig und einschränkend sind (z. B. vor dem Essen, in Stundentakten), besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Medikamente nicht bestimmungsgemäß eingenommen werden und der Erfolg einer Behandlung gefährdet wird.

Merkenswert: Soziale Arbeit, die Klienten mit Langzeitverordnungen betreut, sollte sich erstens dafür interessieren, wie es dem Klienten gelingt, den vorordneten Medikationen zu folgen, an welchen Therapieempfehlungen er regelmäßig scheitert, warum der Klient welche Compliance-Probleme hat und wie diesen begegnet werden kann. Zu berücksichtigen ist zugleich, dass sich oft erst im Fortgang einer langgezogenen Behandlung herausstellt, dass ein bestimmtes Einnahmemuster nicht als Alltagsroutine realisiert werden kann, sich nicht die erhofften Wirkungen zeigen oder aber nicht tolerierbare Nebenwirkungen entstehen. Insofern gehört zu den Aufgaben Sozialer Arbeit zweitens die Ermutigung zu und die Mithilfe bei Aushandlungsprozessen mit den behandelnden Ärzten, mit denen zu einer realisierbaren und passgerechten Medikation gefunden werden kann, die auch als Langzeitverordnung bestimmungsgerecht umgesetzt wird.

Wenngleich der Patient durchaus als Experte in seinen eigenen Angelegenheiten gelten kann, so ist er jedoch selten in der Lage, eigenständig eine sachgerechte Änderung der Medikation vorzunehmen. Dem Klienten ist deshalb abzuraten, Verordnungen, die nicht eingehalten werden können, zu ändern. Ziel sollte es vielmehr sein, einvernehmlich mit den behandelnden Ärzten zu einer lebbaren Therapieempfehlung zu kommen.

Wenn die gefundene Alternative vielleicht auch nicht die erste Wahl unter den möglichen Therapien ist, mag sie dennoch weit nutzbringender sein als eine effektive aber hochschwellige Initialtherapie, die nicht konsequent durchgehalten werden kann.

2.3.2Medikamentenmissbrauch: Ein Phänomen mit vielen Facetten

Leider bietet sich ein breites Spektrum von Substanzen auch für den Medikamentenmissbrauch an: Von Amphetaminen, Aufputschmitteln und Appetitzüglern über Abführmittel und Schmerzmittel bis hin zu Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Missbraucht werden manchmal auch Nasentropfen bzw. -sprays, Antidepressiva oder dämpfende Neuroleptika (Mittel zur Behandlung von Psychosen), die zwar keine Abhängigkeit auslösen, aber zum Teil Absetzeffekte hervorrufen (vgl. Holzbach 2011, S. 12). Unter dem Gesichtspunkt des Missbrauchs gilt es auch Substanzen in den Blick zu nehmen, die sowohl im Spitzen- als auch im Breitensport als Dopingmittel eingesetzt werden (u. a anabole Steroide wie Anabolika und andere Testosteronabkömmlinge, synthetische Wachstumshormone aus der Tiermedizin, Schmerzmittel).

Missbrauch von Medikamenten: Oft still und unerkannt

Allen gemeinsam ist, dass der Missbrauch von Medikamenten zunächst versteckt und wenig offensichtlich ist. Er ist deshalb weder für Außenstehende noch für Ärzte deutlich zu erkennen: Die Betroffenen haben keine „Fahne“, keinen von außen erkennbaren Rausch, die Medikamente sind klein, lassen sich gut verstecken und unauffällig einnehmen, Organschädigungen können selten als typische Hinweise gelten und stellen sich zudem erst nach einer gewissen Zeit ein. Ein Teil des Medikamentenmissbrauchs entwickelt sich zudem im Zuge einer regulären Behandlung und wird deshalb weder durch die Betroffenen noch vom sozialen Umfeld in Frage gestellt.

Merkenswert: Zentrales Kriterium eines Medikamentenmissbrauchs ist der nicht bestimmungsgemäße Konsum von Medikamenten. Dabei kann das Nicht-Bestimmungsgemäße in der Zwecksetzung, der Dosierung, der Länge der Medikamenteneinnahme oder in allen drei Dimensionen zusammen bestehen.

Bei der Beurteilung eines Medikamentenmissbrauchs kommen also sehr verschiedene Aspekte in Betracht. Diese sorgen dafür, dass die Problemlagen in Bezug auf einen nichtbestimmungsmäßigen Umgang mit Medikamenten sehr unterschiedlich sein können.

2.3.3Mit Medikamenten als Krücke durch den Alltag

Viele Fälle von Medikamentenmissbrauch entwickeln sich nach Abschluss einer medizinischen Behandlung. Durch diese haben die Betroffenen die Wirkmuster bestimmter Medikamente kennen- und schätzen gelernt. In der Regel geht es um Medikamente, die in Abhängigkeit von der Dosis angstlösend, aufheiternd, entspannend, beruhigend und schlafanstoßend wirken – Effekte, die sich nun selbstverständlich im Alltag einstellen sollen.

Selbst wenn die Behandlung der Erkrankung oder Störung längst abgeschlossen ist, wollen die Patienten nicht mehr auf diese pharmakologischen Helfer verzichten: Der eine versucht, von seinem beruflichen Stress herunterzukommen, der andere kaschiert mit dem Griff in die Pillenschachtel seine Nervosität; viele langen zu, um ihrem wiederkehrenden Kopfschmerz zu entfliehen; manche wollen mit dem Helfer aus der Packung die psychische Talfahrt nach einem schweren Schicksalsschlag bremsen oder suchen Trost nach Enttäuschung und bei Einsamkeit. Was genau die Menschen auch antreibt, allen gemeinsam ist, dass der Medikamentenkonsum sich nicht mehr durch die Behandlung einer Krankheit oder Störung rechtfertigt, sondern zu einer Krücke bei der Bewältigung des Alltags geworden ist.

Insbesondere nach langen Krankheitsphasen ist verständlich, dass es vielen Klienten oft nicht von Heut auf Morgen gelingt, ein Behandlungsende ohne Schwierigkeiten und Probleme zu bewältigen. Deshalb gehört nicht nur der Medikamentenkonsum während einer Behandlung zu den Bereichen, denen Aufmerksamkeit und Unterstützung zuteilwerden muss.

Merkenswert: Beratung und Hilfe brauchen auch die Übergänge zwischen dem Abschluss/Ende einer medikamentösen Verordnung und der selbstständigen Bewältigung des Alltags. Da dieser nunmehr wieder ohne Rücksichtnahmen und mit all seinen Leistungsanforderungen zu bewältigen ist, kann es zu Überforderungen kommen, die den Wunsch nach einem fortgesetzten Medikamentenkonsum aufkommen lassen können.

In einem Alltag mit wenigen Pillen ankommen

Soziale Arbeit sollte deshalb Hilfe und Unterstützung geben, um erstens nach einer längeren Schonung durch Krankheit sowohl Belastungen als auch Belastbarkeit schrittweise aufzubauen. Augenmerk sollte zweitens auch der Umgang mit den bis dahin verordneten Medikamenten haben. Zu fragen ist zum Beispiel, wie eine bis dahin regelmäßige Medikamenteneinnahme beendet werden kann, welche Übergangsregelungen getroffen werden sollten und mit welchen psychosozialen Maßnahmen sich der endgültige Verzicht auf Medikamente unterstützen lässt.

„Meine Medikamente“: Oft mehr als das Schlucken einer Substanz

Zu berücksichtigen ist zugleich, dass auch der Medikamentenkonsum symbolisch aufgeladen ist (vgl. Drogen und soziale Praxis, Band 1, „Symbolischer Konsum psycho-aktiver Substanzen“).

Das bedeutet, dass Patienten mit der Einnahme ihrer Medikamente oft viel mehr verbinden, als nur das Befolgen einer ärztlichen Therapieanweisung. Fortgesetzter Medikamentenkonsum vermittelt oft auch emotionale Zuwendung, die Kranke in unserer Kultur in der Regel erhalten. So sichert z. B. eine öffentlich praktizierte Medikamenteneinnahme nicht nur die Aufmerksamkeit der Anwesenden, sondern drängt Krankheit, Leiden und Maßnahmen der Behandlung als Gesprächsthemen geradezu auf, schafft Vertrautheit zwischen den Gesprächspartnern und sichert Austausch und Gesprächsstoff, wenn es keine weiteren interessanten Themen gibt.

Für andere ist die Tatsache, dass zu der empfohlenen Behandlung ein massiver Einsatz von Medikamenten gehört, eine unverzichtbare Bestätigung, dass sie in der Tat ernsthaft erkrankt sind. Sie fühlen sich auf diese Weise mit ihrem Leiden ernstgenommen und machen dies an der Menge, dem Preis und am Aufwand der Einnahmeregeln fest. Wieder andere sehen in der übergenauen Einhaltung aufwendiger Therapieempfehlungen ihre einzige Chance, selbst aktiv etwas gegen ihre Erkrankung zu tun.

Schließlich glauben viele Patienten insbesondere nach längeren Zeiten einer Medikamenteneinnahme, dass nach deren Absetzen sofort wieder Verschlechterungen ihres Befindens eintreten werden und bestehen auf eine Fortsetzung der Verordnung. Die nach Beendigung der medikamentösen Behandlung umgehend gemeldete Verschlechterung scheint ihnen sogar Recht zu geben. Die Annahme, nicht auf die Verordnungen verzichten zu können, wird auf diese Weise zu einer kaum auflösbaren Gewissheit, auch wenn es gute Gründe für die Vermutung gibt, dass sich ein Placebo-Effekt eingestellt hat, der sich leider in einer Verschlechterung der Situation bei Behandlungsende zeigt.

Merkenswert: Auch die Einnahme von Medikamenten kann nicht nur als das Einverleiben einer chemischen Substanz verstanden werden. Der Medikamentenkonsum ist in unserer Kultur symbolisch aufgeladen und kann darüber hinaus eine Reihe sozialer Funktionen erfüllen. Deshalb kommen der Berufsgruppe der Sozialarbeiter wichtige Aufgaben zu, um den Umgang des Klienten mit seinen Medikamenten zu reflektieren und gemeinsam mit diesem an der Aufdeckung der mit dem Medikamentenkonsum auch verbundenen psychosozialen Botschaften, Symbole und Wirkungserwartungen mitzuwirken.

Auf die Dringlichkeit eines professionellen Umgangs auch von Sozialer Arbeit mit dem Thema Medikamentenmissbrauch verweisen u. a. die steigenden Verordnungen auf Privatrezept. Ganz offensichtlich gehen Betroffene, Apotheker und Ärzte eine gewisse Komplizenschaft ein, um bei Leidenszuständen, die von den Betroffenen vorgetragen werden, eine pharmakologische Lösung zu ermöglichen – oft jedoch gegen psychologisches und medizinisches Wissen.

2.3.4Wenn Medikamente zu „Partyhits“ werden

Viele psychoaktive Substanzen, die heute als Genussmittel verwendeten werden, sind zunächst als Medikamente auf die historische Bühne getreten. Erst nach längerer Zeit wurde in bestimmten subkulturellen Bezügen entdeckt, dass sich diese oder jene Substanz auch für Zwecke eignet, die nicht mit einer medizinischen Behandlung in Verbindung stehen. Diese „Entdeckungen“ halten bis heute an. Sie sorgen dafür, dass auch Medikamente immer wieder nach ihrer Eignung für andere Vorhaben getestet werden. Es geht dann eher um einen Konsum, der eingebettet ist in sehr verschiedene Freizeittätigkeiten und das, was damit angestrebt wird: Spaß, Vergnügen, Geselligkeit, Erholung, Entspannung, Unterhaltung, außeralltägliche Erfahrungen, Grenzüberschreitungen, Distinktions- und Achtungsgewinne im sozialen Umfeld u. ä.

Die repressiven betäubungsmittelrechtlichen Regelungen treiben zusätzlich an, sich auf dem legalen und halblegalen Medikamentenmarkt umzuschauen und so den Risiken von Schwarzmarkt und Strafverfolgung bei illegalisierten Substanzen zu entkommen. In der Folge findet man den Missbrauch von Medikamenten nicht nur in genussdominierten Zusammenhängen wie Feier-und Ausgehkulturen, sondern beispielsweise auch im Sport- und Fitnessbereich, wo es um Leistungsparameter wie Körperoptik, Kraft und Ausdauer geht.

Zu Risiken und Nebenwirkungen frag den DJ oder Trainer?

Übersehen wird dabei, dass Medikamente keineswegs harmlos sind und ihre Anwendung bei gesunden Menschen zu physiologischen Ungleichgewichten mit kurz- und langfristige Folgen führt. Oft setzen die verfügbaren Fertigarzneien ein fachkundiges Urteil voraus, um zu einer Dosierung zu finden, die die physische und psychische Konstitution des Konsumenten berücksichtigt und ungewollte Nebenwirkungen möglichst gering hält. Deshalb gehören sie nicht in die Hände von Laien.

Die komplexen physiologischen Wechselwirkungen, die der Wirkung der Medikamente zugrunde liegen, sorgen zudem dafür, dass immer ganze Organsysteme und Organe mit diesen Therapeutika überschwemmt und mit deren Verstoffwechslung belastet werden. Schon deshalb ist die Frage berechtigt, ob die erstrebten Wirkungen des Freizeitkonsums tatsächlich in Relation zu den Nebenwirkungen stehen, die Medikamente immer auch haben.

Merkenswert: Soziale Arbeit findet in vielen Berufsfeldern statt, in denen sie auf Klienten trifft, die weit entfernt von Behandlungsnotwendigkeiten sind und dennoch Medikamente konsumieren. In bestimmten kulturellen Milieus und sozialen Bezügen werden Medikamente für Effekte und Freizeittätigkeiten eingesetzt, durch die diese attraktiver, abwechslungsreicher und interessanter werden sollen. Sozialarbeiter sollten im Blick behalten, dass sie in den Lebenswelten und damit auch im Freizeitbereich ihrer Klienten auch auf den nichtbestimmungsgemäßen Umgang mit Medikamenten treffen und sich dazu mit den Klienten auseinandersetzen können.

Das Drogenthema ist also viel zu kurz gefasst, wenn es sich auf den Umgang der Klienten mit den gesellschaftlich akzeptierten Genussmitteln (Kaffee, Alkohol, Nikotin) und illegalisierten psychoaktiven Substanzen beschränkt. Medikamentenmissbrauch im Freizeitbereich hat sogar viele Ähnlichkeiten mit dem Freizeitgebrauch anderer psychoaktiver Substanzen.

Mit einer gesamten sozialen Bezugsgruppe arbeiten

Der Missbrauch von Medikamenten unterscheidet sich im Freizeitbereich in der Regel deutlich von dem im Rahmen einer medizinischen Behandlung: Ist der Konsum durch behandelte Patienten eher eine isolierte, rein individuelle Handlung, wird der nicht-bestimmungsgemäße Konsum von Medikamenten im Freizeitbereich in der Regel in kulturelle Rituale und Funktionen eingebunden.

Dem sozialen Umfeld kommt dabei fast immer eine vorbereitende und assistierende Rolle zu: Es initiiert die Konsumentscheidung des Einzelnen, trägt diese und gibt Unterstützung bei der Umsetzung. Fast immer gibt es in diesen sozialen Bezügen Personen, die bereits Erfahrungen mit der Beschaffung und dem Konsum bestimmter Medikamente gesammelt haben und diese an andere weitergeben. Dabei führen negative Effekte in der Regel dazu, auf eigene Konsumerfahrungen zu verzichten. Gesammelte positive Erfahrungen werden dagegen nicht nur als Knowhow innerhalb der sozialen Gruppen und kulturellen Milieus weitergegeben; sie motivieren den Einzelnen zudem, sich über Zweifel und Unsicherheiten hinwegzusetzen und mit einem Griff zu entsprechenden Medikamenten den Beispielen im sozialen Umfeld zu folgen. In eingeschworenen Netzwerken wie z. B. Trainingsgruppen und unter Fitness-Studio-Mitgliedern kommen zur guten Zugänglichkeit, zu leichten Beschaffungsmöglichkeiten und zu der Vermittlung von Knowhow in der Regel auch mehr oder weniger subtil ausgeübte Konsumzwänge, die den Einzelnen schließlich seine Konsumentscheidung treffen lassen.

Merkenswert: Im Freizeitbereich beschließt keine Person für sich allein, unter strikter Geheimhaltung und ohne kommunikativen Austausch bestimmte Medikamente ohne einen Behandlungsbedarf für die Realisierung bestimmter Freizeitbedürfnisse einzusetzen. Soziale Arbeit, die in diesen Bezügen tätig wird, muss sich deshalb mit den jeweiligen kulturellen Mustern und kollektiven Wirklichkeitssichten auseinandersetzen, in denen der jeweils praktizierte Medikamentenmissbrauch stattfindet. Nur auf diese Weise lassen sich Anknüpfungspunkte finden, um mit glaubwürdigen Informationen über die Risiken aufzuklären und zumindest für ein Risikomanagement und die Beachtung von Safer-Use-Regeln zu werben.

In diesem Zusammenhang verdienen beispielsweise die beobachtbaren Driftprozesse Beachtung, die in bestimmten Bezügen (z. B. unter (Freizeit-) Sportlern) zunächst relativ harmlos mit Vitaminpillen und Nahrungsergänzungsmitteln beginnen. Diese sind geeignet, ein Nachdenken anzuregen über den Sinn und die Grenzen künstlicher Lebensmittel, einer pharmakologisch designten Seele und/oder chemisch geformter Körper.

2.3.5Medikamentenabhängig oder langzeitbedürftig?

In Expertenkreisen gibt es Einigkeit dazu, dass beim Konsum bestimmter Medikamente eine Abhängigkeit entstehen kann, die sich in ihren physischen, psychischen und sozialen Auswirkungen nur bedingt von anderen Abhängigkeitserkrankungen unterscheidet. Unterschiedliche Positionen gibt es allerdings dazu, ob die sogenannte „Low-Dose-Dependency“ in das Formenfeld der Sucht eingeordnet und folgerichtig auch wie eine andere Suchterkrankung behandelt werden sollte.

Die rein körperliche Niedrigdosisabhängigkeit

Die Abgrenzungen zwischen einem Langzeitkonsum im Niedrigdosisbereich und einer Abhängigkeit sind schwierig, wohl auch, weil die Grenzen fließend sind. Klienten mit einem solchen niedrigdosierten Langzeitkonsum von Medikamenten mit Abhängigkeitspotenzial entsprechen kaum den Kriterien des ICD 10 und des DSM-IV (vgl. auch Drogen und soziale Praxis, Bd. 1, „ICD-10 und DSM und die Diagnose Abhängigkeit), die für die Diagnose einer Abhängigkeit zwingend festgelegt sind.

Eine solche Niedrigdosisabhängigkeit bewegt sich, wie der Name schon sagt, im Bereich einer niedrigen Dosis2 und wird von den Betroffenen selbst in der Regel als unproblematisch erlebt. Diese Dosis wird über lange Zeit beibehalten, regelmäßige Dosissteigerungen werden nicht eingefordert und auch die Entwicklung einer Toleranz lässt sich nicht beobachten. Deshalb stellt sich das Gesamtbild zunächst unauffällig und unproblematisch dar und nichts scheint dagegen zu sprechen, an dieser Medikation weiterhin festhalten.

Allerdings erinnern die Schwierigkeiten bei der Reduktion oder beim Absetzen dieser schon lange eingenommenen Medikamente an eine klassische Suchtproblematik. Diese zeigen sich in schweren Entzugserscheinungen bis hin zu akut lebensbedrohlichen Zuständen, die sich aus einer sich schleichend einstellenden rein körperlichen Abhängigkeit ergeben.

Merkenswert: Oft ist weder den Betroffenen selbst noch den sie behandelnden Ärzten bewusst, dass die mögliche Ursache bestimmter, immer wieder auftretender Beschwerden der zwar niedrig dosierte, aber schon zu lange fortbestehende Konsum bestimmter Medikamente ist. Für eine Reihe Medikamente ist bekannt, dass durch eine zu lange, ununterbrochene Einnahme selbst dann eine rein körperliche Abhängigkeit entstehen kann, wenn diese in geringen Dosierungen eingenommen werden (vgl. dazu Tabelle: Medikamente mit Abhängigkeitspotenzial).

In der Regel haben diese Klienten bezüglich ihres Medikamentenkonsums keinen Leidensdruck, solange eine regelmäßige Versorgung mit diesen Langzeitmedikamenten gesichert ist. Allerdings kann durch fehlende Einnahmepausen auch nicht erfahren werden, wie sehr bereits eine körperliche Abhängigkeit entwickelt wurde. Insofern besteht der Handlungsauftrag der Klienten an den Arzt auch fast immer darin, unproblematisch und mit möglichst wenigen Nachfragen die gewünschten Verordnungen auszustellen. Damit wird allerdings eine verhängnisvolle Entwicklung in Gang gesetzt.

Arzneistoffe aus der Gruppe der Benzodiazepine


Wirkstoff Handelsname (z. B.) mg Diazepam Äquivalenzdosis
Alprazolam Tafil 1,5
Bromazepam Lexotanil 6
Brotizolam Lendormin 0,5
Chlordiazepoxid Librium 20
Clobazam Frisium 20
Clonazepam Rivotril 2
Clotiazepam Trecalmo 5
Diazepam Faustan
Diazepam Valium
Dikaliumclorazepat Tranxilium 20
Flunitrazepam Rohypnol 0,75
Flurazepam Dalmadorm 30
Loprazolam Sonin 1,5
Lorazepam Tavor 2
Lormetazepam Noctamid 1,5
Medazepam Rudotel 20
Midazolam Dormicum 7,5
Nitrazepam Mogadan 5
Nordazepam Tranxilium 20
Oxazepam Adumbran 30
Prazepam Demetrin 20
Temazepam Planum 20
Tetrazepam Musaril 50
Triazolam Halcion 0,5
Zolpidem Stilnox 20
Zopiclon Ximovan 15

Die angegebene Menge entspricht in ihrer Wirkung 10 mg Diazepam bzw.

30 mg Oxazepam.

Tabelle: Medikamente mit Abhängigkeitspotenzial (vgl. Holzbach 2011a)

Merkenswert: Soziale Arbeit sollte einen Einblick in Symptome und Hinweiszeichen haben, die auf eine Niedrigdosisabhängigkeit deuten. Auf dieser Grundlage kann sie:

 Ihren Klienten erstens dabei helfen, Fehldeutungen ihrer Symptome zu korrigieren und Zusammenhänge zwischen bestimmten Nebenwirkungen und einem langanhaltenden Medikamentenkonsum zu erkennen.

 Zweitens Veränderungswünsche anregen und bekräftigen, weil die Entwicklung negativer Effekte des Medikamentenkonsums und die davon ausgehenden Gefährdungen nunmehr besser verstanden werden.

 Und drittens darauf hinwirken, dass die Klienten für die notwendigen Veränderungen eine passende multiprofessionelle Unterstützung erhalten.

Phasenverläufe in der Entwicklung einer Niedrigdosisabhängigkeit

Hilfreich bei der Deutung von Hinweiszeichen auf eine Niedrigdosisabhängigkeit ist ein Phasenmodell, das für den Benzodiazepin- und Non-Benzodiazepine (u. a. Zolpidem, Zolpiclon, Zaleplon - oft auch Z-Drugs genannt) Langzeitkonsum entwickelt wurde (vgl. Holzbach 2009). Es beschreibt Entwicklungen, die typisch sind für diejenigen Schlaf- und Beruhigungsmittel, die am häufigsten verschrieben werden.

Phase 1: Wirkumkehr und relative Entzugserscheinungen

Toleranz führt zur Dosissteigerung

Die Phase 1 ist geprägt durch relative Entzugserscheinungen und Effekte einer Wirkumkehr. Diese ungewollten und von schlecht informierten Patienten und Ärzten oft missverstandenen Nebenwirkungen entstehen, wenn sich durch regelmäßige Medikamenteneinnahme eine physiologische Gewöhnung ausprägt. In der Folge baut sich eine Toleranz auf (zu Toleranz siehe: Drogen und soziale Praxis, Bd. 1, „Körperliche Anzeichen von Abhängigkeit“). Das bedeutet, dass nunmehr für die erstrebten gleichen Wirkungen eine zunehmend größere Medikamentenmenge nötigt wird. Dies erklärt, weshalb der Patient nach erfolgter Gegenregulierung des Körpers auf die erneute Medikamentenmenge umgehend Wünsche nach einer erneuten Dosissteigerung entwickelt. Auf Grund dieser Zusammenhänge treibt der Patient in eine Dosissteigerung hinein, die oft erhebliche Ausmaße haben kann.

Symptome eines Benzodiazepin-Langzeitkonsums

 Gefühlserleben abgeschwächt

 Gereizte Verstimmungszustände

 Fähigkeit zur Selbstkritik abgeschwächt

 Vergesslichkeit und geistige Leistungsminderung

 Konfliktvermeidung

 Überforderung in bzw. Vermeidung von neuen oder belastenden Situationen

 gestörtes Körpergefühl/verminderte körperliche Energie

 muskuläre Schwäche, ggf. mit Reflexverlust

 Appetitlosigkeit

 Vermeidung des Themas Tabletten/heimliche Einnahme

(vgl. Holzbach 2011a)

Leiden unter Unterdosierung

Verbleibt der Patient jedoch auf der ursprünglich verschriebenen Dosierung, ist er nach erfolgter physiologischer Gegenregulierung bald „unterdosiert“. Dieser Zustand macht sich in relativen Entzugserscheinungen bemerkbar und äußert sich in einer breiten Symptompalette: Unruhe, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Gereiztheit u. ä.

Leider werden diese Symptome jedoch in vielen Fällen nicht als Hinweiszeichen auf eine Niedrigdosisabhängigkeit mit Wirkverlust und Wirkumkehr verstanden. Sie werden eher als Verschlechterung der Grunderkrankung gedeutet, weshalb die Medikamenteneinnahme eher fortgesetzt und die Dosis sogar noch gesteigert wird.

Entzug nicht als solcher erkannt

Ähnliche Missverständnisse entstehen, wenn die Einnahme der schon lange konsumierten Medikamente eingestellt wird. Haben in der Verordnungszeit bereits physiologische Gewöhnungsprozesse stattgefunden, so stellen sich mit einem Stopp der Medikamenteneinnahme umgehend die oben beschriebenen Entzugssymptome ein. Werden diese wieder falsch als Fortbestand des Grundleidens interpretiert, rechtfertigen sich daraus ein Fortsetzen der Medikamenteneinnahme und eine Dosiserhöhung.

Zunächst scheint sich die Richtigkeit diese Annahme sogar zu bestätigen, denn in der Regel führt die erneute Medikamenteneinnahme zunächst zu einer Milderung der relativen Entzugssymptome. Allerdings wird damit das Entstehen anderer Folgen einer Langzeiteinnahme vorangetrieben. Diese machen sich typischerweise mit einem Apathie-Syndrom bemerkbar.

Phase 2: Apathie und geistige Schwerfälligkeit

Die Phase 2 entwickelt sich schleichend über Monate und Jahre. Deshalb wird selten daran gedacht, dass die auftretenden Symptome etwas mit dem nunmehr schon lange anhaltenden und oftmals immer wieder gesteigerten Medikamentenkonsum zu tun haben.

Die Wirkung der eingenommenen Schlaf- und Beruhigungsmittel steht nun deutlich im Vordergrund und macht sich in einem typischen Dreierlei bemerkbar: Emotionale Abstumpfung, fehlende körperliche Energie und Einschränkungen in der geistigen Leistungsfähigkeit (vgl. Holzbach 2011, S. 15):

 Die emotionale Abstumpfung zeigt sich in einer mangelnden emotionalen Schwingungsfähigkeit, durch die der Patient weder Trauer, Ärger oder Bedrückung spürt, noch sich freuen, amüsieren, lieben und in positive Geschehnisse emotional involviert sein oder daran anteilnehmen kann: Alles wird auf einem Durchschnittsniveau wahrgenommen, das kaum noch Ausschläge hat. Vielen Patienten nehmen diese Veränderungen oft mit Bedauern wahr, können sie aber nicht erklären und deshalb auch nicht verändern

 Ähnlich leidvoll wird auch die schwindende Energie und der fehlende Antrieb vermerkt. Sowohl der Betroffene selbst als auch Außenstehende registrieren, dass die Betroffenen sich körperlich schlapp fühlen und sich kaum noch zu Aktivitäten aufraffen können.

 Zu diesen psychischen Einschränkungen kommen schließlich auch noch deutliche Verringerungen in der geistigen Leistungsfähigkeit. Diese zeigen sich insbesondere in abnehmenden Fähigkeiten, mit Problemen und neuen Situationen umgehen zu können und in geringeren Konzentrations- und Gedächtnisleistungen.

Diese Trias kann auch bei vielen anderen Erkrankungen auftreten (z. B. Depressionen) oder als Alterserscheinungen gedeutet werden. Gerade weil sie so unklar ist, dauert es oft lange, bis der Bezug zum Langzeitkonsum der Medikamente hergestellt wird.

Phase 3: Ausgeprägte Hoch-Dosis-Medikamentenabhängigkeit

Medikamentenabhängigkeit kann sich unerkannt und unbehandelt aber auch zu einer schweren Abhängigkeit mit physischen, psychischen und sozialen Folgen entwickeln. Insbesondere, wenn neue Quellen zu einer kaum kontrollierten Verfügbarkeit der Medikamente führen, besteht die Gefahr, dass die Dosis rasch gesteigert wird.

Schwere und komplexe Folgen bei High-Doses-Abhängigkeit

In ihrer Grenzenlosigkeit und in ihren Konsequenzen ist eine so außer Kontrolle geratene High-Doses-Medikamentenabhängigkeit durchaus mit anderen Abhängigkeitserkrankungen vergleichbar: Es kommt zu einem Wirkverlust des Medikaments, weshalb die Dosis zu oft extremen Mengen erhöht wird. Immer wieder manifestieren sich parallel bestehende Erkrankungen oder werden durch den langfristigen Konsum eher verstärkt, als dass die Medikamente tatsächlich nachhaltig helfen. Durch die Medikamenteneinnahme ausgelöste schwerwiegende kognitive und emotionale Störungen beeinträchtigen die Funktionsfähigkeit im Alltag. Stürze, Verletzungen und stationäre Notfallaufnahmen sind nur ein Hinweis auf derartige Schwierigkeiten. Oft wird auch die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung und Selbstkritik beeinträchtigt. Zu diesem Bündel negativer physischer und psychischer Faktoren können schließlich auch soziale Konsequenzen hinzukommen. Dazu gehören als Folge von Verhaltens- und Persönlichkeitsveränderungen soziale Konflikte und die Abnahme oder die Gefährdung der Arbeitsfähigkeit, die schließlich in einer Aufgabe/dem Verlust des Arbeitsplatzes münden können.

Merkenswert: Eine Medikamentenabhängigkeit kann zu schwerwiegenden Einbrüchen in der Lebensqualität und der Lebensfreude der Betroffenen führen. Sie ist deshalb als ernstzunehmende Erkrankung wahrzunehmen; ihre Bewältigung kann auch von Sozialer Arbeit psychosozial unterstützt werden.

In einem späten Stadium einer Hoch-Dosis-Abhängigkeit (High-Doses-Dependency) haben sich in vielen Fällen physische, psychische und soziale Entwicklungen vollzogen, die eine spezialisierte suchttherapeutische Behandlung nötig werden lassen. Hier erhält der Betroffene Zeit, Gelegenheit und fachliche Unterstützung, um die komplizierten und oft auch mit anderen Problemen verwobenen Themen zu bearbeiten, die den Medikamentenkonsum schon so lange antreiben.

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22 dekabr 2023
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