Kitabı oxu: «Follower»
GUNNAR ENGEL

SCM R.Brockhaus ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
ISBN 978-3-417-22979-0 (E-Book)
ISBN 978-3-417-26957-4 (lieferbare Buchausgabe)
Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck
© 2020 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH
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Die Bibelverse sind, wenn nicht anders angegeben, folgender Ausgabe entnommen:
Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006
SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen
Weiter wurde verwendet:
Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart (LUT).
Umschlaggestaltung: Grafikbüro Sonnhüter, www.grafikbuero-sonnhueter.de
Titelbild: Grafikbüro Sonnhüter
Illustrationen: Erik Pabst, www.erikpabst.de
Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach
Autorenfoto: © Anni Engel
Lektorat: Christiane Kathmann, www.lektorat-kathmann.de
Für Anni und Titus.
Ihr zeigt mir jeden Tag neu, wie groß Gottes Liebe
und seine Gnade in meinem Leben sind.
Danke, dass wir gemeinsam nachfolgen.
INHALT
Über den Autor
Der Tiefpunkt in Isolation
Teil 1: Hier
Die erste Nacht – Nachfolge ist neuer Mut
Abraham & der neue Anfang
Das Evangelium des Abraham
Die zweite Nacht – Nachfolge ist Beziehung
Mose & der innere Kampf
Gott stellt sich vor
Echt statt perfekt
Teil 2: Bin
Die dritte Nacht – Nachfolge ist gemeinsames Hören
Samuel & der sprechende Gott
Eine Frage der Reihenfolge
Ein Ort des Wortes
Die vierte Nacht – Nachfolge ist Gehorsam
Hananias & der einfache Gehorsam
Die Priorität des Gehorsams
Wellen für das Königreich
Teil 3: Ich
Die fünfte Nacht – Reicht dir Jesus?
Jesaja & die Gegenwart Gottes
Verloren und gefunden
Teil 4: Sende mich
Die sechste Nacht – Hinein in Gottes Zukunft
… zum Wachstum
… ohne Masken
… zu den Menschen
… mit gefalteten Händen
… in deine Zukunft
Epilog
Anmerkungen
[ Zum Inhaltsverzeichnis ]
ÜBER DEN AUTOR

GUNNAR ENGEL (Jg. 1987) ist Pastor einer lutherischen Gemeinde im Norden Schleswig-Holsteins. Nebenbei betreibt er einen erfolgreichen YouTube-Kanal zu Fragen des christlichen Glaubens. Es ist seine Herzensangelegenheit, Menschen auf neue und kreative Weise mit dem Evangelium zu erreichen. 2019 erhielt er dafür den Medienpreis »Der Goldene Kompass« der christlichen Medieninitiative pro.
[ Zum Inhaltsverzeichnis ]
DER TIEFPUNKT IN ISOLATION
Eine Gebetskammer mit desinfizierten Plastikwänden
Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!
Psalm 46,11; LUT
Im letzten Jahr habe ich ein Gebet öfter gebetet als alle anderen: »Hier bin ich. Sende mich.«
Es ist ein gruseliges Gebet, besonders für einen Kontrollfreak wie mich. Was ich allerdings noch gruseliger finde, ist ein Leben ohne Gott. Ein leeres Leben. Ein Leben ohne göttliche Überraschungen, die einem den Boden unter den Füßen wegziehen. Und wie so oft: Man kann nicht beides haben. Wenn man will, dass Gott einen überrascht, dann muss man die Kontrolle aufgeben. Und deshalb fängt meine Geschichte mit Tränen an.
Ich saß auf der Kante unseres Bettes und weinte. Meine Frau Anni hatte ihren Arm um mich gelegt. Ich brachte nicht viel raus außer: »Ich kann das alles nicht mehr.« Mehr musste ich auch nicht sagen, denn genau das meinte ich.
Ich war gerade dreißig Jahre alt geworden, war glücklich verheiratet, hoffte auf das erste Kind und diente als Pastor einer wachsenden Kirchengemeinde, die Stück für Stück auf dem Weg zurück zum Evangelium war. Gesundheitlich ging es mir gut, ich genoss ein aktives Leben, und es gab viele Gelegenheiten, in denen ich mich entfalten konnte. Von außen sah alles gut aus.
Aber im Inneren war es anders. Schon seit einigen Jahren waren Hoffnungslosigkeit, Depression, Distanz, Angst und Leere meine täglichen Begleiter. Insgeheim war ich stolz auf meine Fähigkeit, klar zu denken, aber plötzlich rasten Gedanken durch meinen Kopf, die ich nicht aufhalten konnte. Ich hatte regelmäßig Panikattacken und stellte mir vor, dass ich innerhalb der nächsten Monate sterben würde.
Und dann gab es noch die körperlichen Auswirkungen. Oft fiel es mir schwer, Luft zu holen. Meine Arme juckten unaufhörlich und mein Kratzen linderte dieses Gefühl in keinster Weise. Wenn ich nicht gerade das Gefühl hatte, dass ein 200-Kilo-Gewicht gegen meine Brust drückte, empfand ich eine unheimliche Hohlheit. Mein Gesicht brummte. Ich war benommen. Ich verbrachte viele Nächte damit, auf und ab zu gehen, während ich versuchte, zu beten.
Ich konnte nicht mehr essen, nicht mehr schlafen. Ständig war mir schlecht, an den meisten Tagen übergab ich mich direkt nach dem Aufstehen. Und zwischen dem ganzen Heulen und Würgen war ein Gedanke ganz klar: Ich war nicht mehr ich selbst. Schon lange nicht mehr. Hinter meiner Maske lebte ich wie automatisch. Da war kein Funken mehr. Keine Freude. Ich lief durch die Ruinen einer zerbombten Gefühlswelt.
Am einfachsten beschrieb das folgende Wort meinen Zustand: leer. In mir war es einfach leer. Und ganz ehrlich: Mir wäre jedes andere Gefühl lieber gewesen. Wut, Angst, Trauer. Damit hätte ich etwas anfangen können. Bei Wut kann ich mich abreagieren. Gegen Angst kann ich kämpfen. Trauer kann getröstet werden. Von all dem war aber nichts zu spüren. Da war bloß dieses schwarze Loch, das alles unaufhaltsam anzog und nach und nach verschlang.
Ich wusste nicht mehr, wer ich war. Wusste nicht, ob ich am richtigen Ort war. Wusste nicht, ob ich vor Gott genügte. Vielleicht klingt das für einen Pastor ein wenig schräg, aber es war eine sehr dunkle Phase in meinem Leben. Ich war gerade neu in einer Gemeinde angekommen. Seit etwas mehr als einem Jahr war ich der Pastor in einem kleinen Ort kurz vor der dänischen Grenze. Und auch wenn bei uns auf dem Land eigentlich alles immer recht schön und gemütlich ist, war der Teufel offensichtlich bereit gewesen, hier ein ordentliches Schlachtfeld auszurufen, denn der zweite Kampf ging gerade erst los. Nach außen sollte natürlich alles perfekt aussehen. Immerhin konnte ich ja schlecht der neue Pastor sein, bei dem es sofort bergab geht. Zu der Panik mischte sich Scham. Ich schämte mich. Ich schämte mich dafür, zu versagen. Ich schämte mich, dass andere mein Versagen mitbekommen könnten.
Ständig trug ich den Gedanken mit mir herum, dass ich verstecken musste, wie es mir ging, was alles natürlich nur noch schlimmer und anstrengender machte. Ich dachte: »Immerhin bin ich Pastor! Und wenn sich einer mit Gott, dem Leben und dem ganzen Rest auskennen sollte, dann doch ich!«
In den Monaten zuvor hatte ich mich immer wieder neu zusammengerissen. Immer darum gekämpft, dass nach außen alles stimmte. Ich war in dem Spiel ziemlich gut geworden, kurz vor Champions League. Das Problem war, dass es keinen Pokal zu gewinnen gab. Es ging bloß immer weiter bergab, bis schließlich gar nichts mehr stimmte. Und den Leuten, die mir nahestanden, fiel dies immer mehr auf.
Abgesehen von dem normalen Druck, der auf einem Pastor in seiner ersten Gemeinde lastet, gab es keine offensichtlichen Gründe, warum ich verrückt zu werden schien. Um mögliche Ursachen auszuschließen, vereinbarte ich mit meinem Arzt einen Termin für einen kompletten Check-up. Von Blutentnahme über Herzuntersuchung bis Radfahren mit Messung der Atmung war alles dabei. Die Ergebnisse waren medizinisch negativ, also für mich positiv: Ich hatte nichts, mir ging es »gut«.
Nichts hatte mich auf das vorbereitet, was ich durchmachte. Meine inneren Anschuldigungen, dass Pastoren »so was« nicht passiert, machten mich nur noch verzweifelter. Ich suchte erfolglos nach etwas, das mir den Sieg über das bringen würde, was ich bekämpfte. Ich las in der Bibel, versuchte zu beten, drehte alle möglichen Lobpreisalben auf volle Lautstärke (da kam es mir zugute, dass unsere einzigen Nachbarn auf dem Friedhof liegen). Ich versuchte es mit einer besseren Organisation. Ich erstellte Tagespläne. Nahm mir regelmäßige Auszeiten. Fuhr in den Urlaub. Nichts half.
Schon früh dachte ich darüber nach, mir einen Berater zu suchen, vielleicht sogar einen Psychiater. Mir war bewusst, dass Menschen mit einem hormonellen Ungleichgewicht, einer Schlafstörung oder traumatischen Erfahrungen von einer medizinischen Behandlung profitierten. Ich fragte mich, ob Medikamente mir helfen könnten, wieder auf die Beine zu kommen, um mit dem umzugehen, was ich erlebte.
Ich identifizierte mich auch mit verschiedenen Diagnosen, über die ich gelesen hatte: Nervenzusammenbruch. Burn-out. Angststörung. Depressionen. Was auch immer vor sich ging, es beeinflusste mich emotional, physisch, mental und geistlich. Die Symptome waren zu zahlreich und zu intensiv, um zu denken, dass es sich nur um eine »Phase« handelte.
Aber kein Etikett, das ich meinem Zustand zuordnete, identifizierte die Grundursachen. Wenn das, was ich erlebte, in meinem eigenen Herzen entstand (wie es schien), wollte ich dieses zuerst erforschen. Ich wollte mich an das Evangelium halten, um zu sehen, was mir vielleicht bisher entgangen war.
Vielleicht kennst du so eine Situation. Vielleicht hast du auf die eine oder andere Art etwas Ähnliches erlebt. Hast Nächte hindurch geweint, weil du nicht wusstest, wie es weitergehen soll mit deinem Leben, deinen Beziehungen, deinem Vertrauen auf Gott. Du hast ihn gesucht. Hast nach Gott gerufen, damit er sich dir zeigt. Damit er der Vater ist, von dem die Bibel spricht.
Gleich zu Anfang will ich dir sagen: Damit bist du nicht alleine. Dafür musst du auch kein junger Pastor sein. Landauf und landab erlebe ich Christen und Kirchenbesucher generell, die mich aus ähnlichen Augen anschauen wie die, die ich in meinem Spiegel gesehen habe.
Dann ging alles ganz schnell: Drei Wochen nachdem ich verzweifelt gesagt hatte, dass ich das alles nicht mehr tun und ertragen konnte, ging es nachts mit Blaulicht ins Krankenhaus. Mein Herz raste und ich hatte unerklärliche Blutungen. Panisch zitternd saß ich in der Notaufnahme neben einer Frau im Rollstuhl, die kurz davor war, ein Kind zu bekommen. Der war es egal, ob ich ein erfolgreicher Pastor war oder nur so tat.
Auszeit
Gott hat die interessantesten Ideen für Auszeiten, das muss man ihm lassen. Als mir in der Notaufnahme das Blut oben und unten rauslief, hatte ich nicht viel Zeit zum Nachdenken. Da stand das Gedankenkarussell still. Manchmal glaube ich, dass Gott mit den Augen rollt, wenn er an mich denkt. Liebevoll, aber trotzdem. Dann fragt er sich wahrscheinlich, wie oft er mir die gleichen Antworten noch geben soll, bis ich mir selbst und vor allem ihm endlich nicht mehr im Weg stehe.
Ich möchte dir gerne eine Frage stellen. Sie ist ein wenig persönlich, aber nach den ersten Seiten kennen wir uns ja schon ein wenig. Ich stelle sie dir, weil ich mich dasselbe in diesen Nächten im Krankenhausbett gefragt habe: Lebst du mit einem Glauben, der dich Dinge erleben lässt, wie du sie in der Bibel liest? Lebst du mit einem Glauben, der dir jeden Tag neu die Allmacht und Liebe Gottes zeigt? Bewegst du dich mit der Erwartung durch den Tag, Gott tatsächlich zu begegnen? Egal, was kommt? Vertraust du Gott in den dunklen Tälern deines Lebens genauso wie in den Höhepunkten?
Oder ist dein Glaube eher eine kleine Garnitur deines eigentlichen Lebens? Das Sahnehäubchen auf deinem Alltag?
Oder ist es andersherum: Denkst du, dass Gott Besseres zu tun hat? Denkst du, dass du vielleicht erst einiges an dir ändern müsstest, damit Gott etwas mit dir anfangen kann? Dass er Wichtigeres zu tun hat, als sich mit dir abzugeben? Immerhin ist er der Schöpfer und Erhalter des Universums. Das klingt nach viel Arbeit.
Man weiß nie genau, wann einem die Dinge begegnen, die das Leben verändern. Und ich meine nicht die x-te belanglose Predigt über ein besseres Leben, die eigentlich bloß Self-Help mit ein bisschen christlichem Zuckerguss ist. (Ganz ehrlich: Hättest du mir im Krankenhaus noch eine Predigt über positives Denken, noch eine Liste mit den fünf besten Tipps zum gesegneten Leben oder einen Artikel über gesteigertes Vertrauen in Gott gegeben, hätte ich geschrien.) Mir fehlte etwas Grundlegendes. Deshalb musste Gott bei mir auch grundlegend neu anfangen. Das einzusehen, war gar nicht so einfach.
Im Krankenhaus wurde ich nach einer Nacht in der Notaufnahme in ein Isolierzimmer verlegt, ein Einzelzimmer, das vom Personal nur mit Schutzkleidung und so selten wie möglich betreten wurde. Auf eine schräge Art wurde das Isolierzimmer zu meiner Gebetskammer. Die Ärzte und Schwestern kamen immer mal wieder, um herauszufinden, was mit mir los war. Und ebenso kam Gott durch sein Wort zu mir, um mir in einem viel größeren Horizont zu zeigen, was falsch lief und wie er den weiteren Weg für mich vorbereitet hatte.
Diese absurde Parallelität wurde mir allerdings erst später klar. Als ich dort in meinem Bett lag, ging es für mich erst einmal ums Überleben. Große Fortschritte gab es nicht. Ich konnte nichts bei mir behalten, nahm beinahe zehn Kilo ab und kein Antibiotikum schlug an. Niemand wusste, was zu tun war. Die Ärztin zuckte mit den Schultern und die Schwestern schauten mitleidig drein. Es passte einfach nicht zusammen: Mein Körper behielt nichts bei sich, jeden Morgen war mein Laken blutig und gleichzeitig traten immer wieder Panikattacken auf, die ich aber auch zuvor schon gehabt hatte.
Es dauerte über eine Woche, bis eine endgültige Diagnose stand: MRSA.
Vier kleine Buchstaben, die ich bisher nur unter dem Begriff Krankenhauskeim gekannt hatte. Mehrmals im Jahr hatte ich Beerdigungen von Menschen gehalten, die an einem solchen Keim gestorben waren. Sie waren jedoch alle mindestens fünfzig Jahre älter als ich gewesen. Entsprechend groß war die Verwunderung bei den Ärzten und dem Personal, denn in meinem Alter war es beinahe unmöglich, sich einfach so mit MRSA anzustecken, oder wie mir die Oberärztin erklärte: »Für gesunde Menschen ist MRSA in der Regel ungefährlich. Für immungeschwächte Patienten auf Intensivstationen, Krebskranke, Chirurgie-Patienten, frühgeborene Babys oder Menschen mit chronischen Wunden hingegen können multiresistente Erreger lebensgefährlich werden.«
Bisher war ich mir ganz sicher gewesen, zu keiner dieser Gruppen zu gehören.
Allerdings hatte mein Immunsystem unter dem Stress und der Überarbeitung der letzten Monate mehr als nur gelitten. Es war beinahe verschwunden. Und so lag ich nun in diesem Isolierzimmer und bekam eine Auszeit von allem, was sonst meinen Alltag bestimmte.
In dieser Gebetskammer aus Plastikfolie und Desinfektionsmitteln begann meine Reise hin zu einem intensiven Leben der Nachfolge.
Auf ins Abenteuer
Ich bin der festen Überzeugung, dass die Angst vorm Versagen uns nicht aufhalten sollte, einen Schritt im Glauben zu tun. Selbst wenn es im gleichen Moment bedeutet, alte Sicherheiten zu verlassen. Selbst wenn es bedeutet, Schmerzen und unbequeme Wege zu erdulden. Das ist notwendig, wenn wir uns von dem Ort, an dem wir sind, zu dem Ort begeben, an dem Gott uns haben will. Mit anderen Worten: Ein gelebter und brennender Glaube kostet dich etwas. Gelebter Glaube ist nämlich nicht bloß ein Lippenbekenntnis. Eigentlich ist genau das Gegenteil gemeint: ein Glaube, der zu einem Ausdruck vollständiger Bereitschaft und Hingabe wird. Ich möchte mit einigen Beispielen verdeutlichen, wie Gott unser Leben auf den Kopf stellt, wenn wir ihm nachfolgen.
Als Gott Mose aus dem brennenden Busch zu sich rief, antwortete Mose ihm mit »Hineni«. Vermutlich weißt du, welche Aufgabe Mose daraufhin bekommen hat. (Es hat mit einem ziemlich zornigen Pharao, einem geteilten Meer und einigen Jahrzehnten mit einem murrenden Volk in der Wüste zu tun.)
Als Gott eines Tages »Abraham« rief, antwortete dieser: »Hineni!«, ohne zu ahnen, dass Gott ihn auffordern würde, auf einen Berg zu steigen und seinen Sohn zu opfern.
Dreimal musste Gott den jungen Samuel rufen, bis dieser schließlich ihm und nicht Eli antwortete: »Hineni!« – »Rede Herr, denn dein Knecht hört.«
Viele Hundert Jahre später fragte Gott, wer für ihn in den schwierigen Dienst des Propheten treten würde. Jesaja antworte: »Hineni! Sende mich!«
Kinder sagen es zu ihren Eltern, um zu signalisieren, dass sie bereit sind, dem Wunsch der Eltern zu folgen. Familienmitglieder sagen es einander, um ihre Bereitschaft auszudrücken, füreinander einzustehen und zu handeln.
Diese wenigen Beispiele zeigen bereits, in welche Richtung wir uns bewegen. Es ist eine Reise in ein fremdes Land, in dem wir unsere Welt und unsere Ansichten und Sicherheiten hinter uns lassen müssen. Der Grund dafür ist simpel: Gott selbst hat alle Ansichten und Sicherheiten hinter sich gelassen, als er in Jesus zu uns gekommen ist. Am Kreuz hat Gott auf einmalige, perfekte und unübertreffliche Weise gezeigt, wie groß seine Liebe für uns ist. Er hört uns permanent zu und sieht in unsere Herzen.
Das ruft nach Liebe. Das erfordert Hingabe, Verfügbarkeit und Opferbereitschaft für den anderen. Gott hat alles für uns gegeben, aber wird er auch in uns bedingungslose Hingabe und Bereitschaft finden, die Kosten des Glaubens zu tragen?
Was wäre, wenn Gott deinen Namen heute laut rufen würde? Bist du bereit, dich ihm für den Dienst anzubieten, den er für dich hat, ohne zu wissen, worum es sich handeln könnte?
Wir müssen nicht warten, bis wir einen hörbaren Ruf empfangen. Der Neustart bei Gott steht dir und mir immer offen. Es ist ein Lebensstil, bei dem wir in Gottes Gegenwart treten, indem wir ihm sagen, dass wir bereit sind, seinen Willen zu tun.
Wie so oft begann auch bei mir dieses große Abenteuer mit einem kleinen Schritt.
Alte Weisheiten
Man weiß nie genau, wann einem die Dinge begegnen, die das Leben verändern werden. Es gibt ein kleines Gebet, das sich mehrmals in der Bibel findet. Es ist ziemlich einfach. Die kurze Variante besteht auf Deutsch aus drei Worten, die lange aus fünf. Man kann es sich also leicht merken. Bewusst habe ich diese drei Worte zum ersten Mal in meinem zweiten Semester an der Universität gehört, in einer Vorlesung über Kirchengeschichte. Unser Professor hatte die Angewohnheit, die manchmal recht trockene Vorlesung alle paar Minuten mit guten und weniger guten Witzen zu unterbrechen. Dann blickte er schief grinsend über den Rand seiner Brille, um einen Lacher einzusacken.
Um welches Thema es an diesem Tag ging, weiß ich beim besten Willen nicht mehr. Das sagt wahrscheinlich einiges über mein Gedächtnis und noch viel mehr über die Gründlichkeit meiner Mitschriften aus. Ich würde meine Notizen aus der Vorlesung nicht mal finden, wenn mein Seelenheil dran hinge – Gott sei Dank tut es das nicht. Vermutlich ging es um irgendeine Figur der frühen oder mittleren Kirchengeschichte. Und es ging darum, dass Gott spricht, denn diese Information war das Set-up für den Witz. Insgesamt geschah etwa Folgendes:
Professor (plötzlich und mitten in einem Satz über die Erlebnisse eines armen Menschen aus dem Mittelalter, an den ich mich beim besten Willen nicht erinnern kann): »Wissen Sie eigentlich, dass es nur ein hebräisches Wort gibt, dass Sie sich wirklich merken müssen?«
Kurs (in Erwartung des Witzes stumpf dreinblickend): »…«
Professor: »Ich war ja nie wirklich gut in Hebräisch. Aber ein Wort habe ich mir gemerkt. Wenn Gott zu jemandem spricht, ist die Antwort, die man gibt, ein einziges Wort. Hineni. Mehr nicht. Das ist Hebräisch für Hier bin ich. Und da Gott ja offensichtlich vor allem Hebräisch spricht, habe ich mir schon als Student gedacht, dass es vielleicht ganz sinnvoll wäre, sich wenigstens das zu merken. Man weiß ja nie.«
Ich weiß nicht, ob und wie oft Gott zu meinem Professor für Kirchengeschichte gesprochen hat. Oder wie die Gespräche gelaufen sind, wenn man bedenkt, dass sein hebräischer Wortschatz anscheinend ziemlich begrenzt war und dies seine Hauptgebetssprache war. Aber vielleicht war das ja auch nur Ironie. Doch dieser eine Satz wurde für mich lebensverändernd. Denn genau dieses kleine Gebet benutzte Gott, um mich in den Wochen und Monaten nach meiner Aufnahme im Krankenhaus »auf links zu krempeln«.
Ich schlief nachts auf meiner Bibel ein. Versuchte, so viele Verheißungen Gottes wie möglich aufzusaugen. Wie ein ausgetrockneter Schwamm lechzte ich danach, Gott als Heiler und Tröster zu erleben. Und immer wieder stolperte ich über diese Worte:
Hier bin ich. Hier bin ich. Hier bin ich.
Ich betete. Laut, leise, mit Tränen. Es ging inzwischen gar nicht mehr so sehr um die Zeit im Krankenhaus. Mit einem Mal war das Ganze deutlich größer geworden.
»Hier bin ich« ist eine alte Weisheit. Viel älter als du oder ich. Älter als unsere Kirche. Sie steht schon ganz am Anfang der Geschichte Gottes mit uns Menschen. Diese Art zu leben, führt uns an den Beginn unseres Menschseins. Und gleichzeitig ist sie neu, weil Gott unser Leben ständig und beständig erneuern wird. Wir Menschen sind so oft auf der Suche nach dem neusten Trend oder dem letzten Schrei. Auch ich dachte: Es muss doch ein Konzept geben, das mein Problem X löst. Aber jedes Mal warteten nur neue Enttäuschungen auf mich.
Nun war es an der Zeit, loszulassen. Es war an der Zeit, dass ich mich ganz in Gottes Gnadenmeer fallen ließ mit der festen Hoffnung, dass er mich nicht ertrinken lassen würde.
Damals begriff ich: Gott hatte mir die Auszeit gegeben, weil er etwas von mir wollte. Er wollte Veränderung. Er wollte mich. Und das war schmerzhaft, weil ich mir eingestehen musste, dass ich auf dem falschen Weg war. Dass ich viel zu lange eine ganze Menge an Masken getragen hatte. Weil ich perfekt erscheinen wollte. Weil ich geliebt werden wollte. Weil ich meine Bestätigung immer an den falschen Orten gesucht hatte. Es war die Sünde, perfekt sein zu wollen. Wie ein Bollwerk hatte ich diese Mauer um mich herum hochgezogen. Und dann zerbrach Gott all das.
Ich ahnte noch nicht, dass die nächsten zweieinhalb Jahre die härtesten meines Lebens werden würden. Aber gleichzeitig waren es zweifellos die besten Jahre, denn ich habe in dieser Zeit sehr viel gelernt.
Die neue Perspektive
Wenn du deine Umstände nicht ändern kannst, ist es an der Zeit, die Perspektive zu ändern. Und was könnte für eine neue Perspektive hilfreicher sein, als auf einen Berg zu steigen?
Nach meinem langen Krankenhausaufenthalt packte ich meinen Rucksack und war einige Tage in den Alpen unterwegs. Dazu muss man wissen, dass ich ein norddeutscher Jung bin. Ich hatte davor noch nie einen richtigen Berg gesehen – von hinaufklettern ganz zu schweigen. Entsprechend geschafft war ich, wenn ich abends auf der nächsten Hütte ankam, um mein Lager für diese Nacht zu beziehen. Ich lud meinen Rucksack ab, in dem sich alles befand, was ich auf dieser Reise dabei hatte. Es war ein wundervoller Tausch: ein Krankenzimmer mit Sicherheitsschleuse und Personal, das sich immer in Plastikanzüge kleidete, die ich sonst nur aus Filmen über Alieninvasionen kannte, gegen das offene Panorama der Alpen. Und so stand ich mitten in den Bergen, der kalte Nachtwind fuhr mir durchs Gesicht, und ich war mit einem Mal weit weg von allem Bekannten. Von allem, was mich festhielt. Wenn das mal kein Perspektivwechsel war!
Ich blickte zu den Sternen und dachte an Abraham. Tausende Jahre zuvor hatte Gott zu diesem Mann gesagt: »Schau hinauf zum Himmel. Kannst du etwa die Sterne zählen?« (1. Mose 15,5). Gott verbindet die simpelsten Dinge zu einer Geschichte des Neuanfangs. Die Sterne am Himmel waren schon immer da. Abraham hatte sie schon unzählige Male angeschaut. Hatte vielleicht in einer ruhigen Minute versucht, sie zu zählen, immerhin hatte er kein Smartphone, um die Zeit totzuschlagen. Aber in dieser Nacht war alles anders. Gott gab ihm eine Verheißung. Das Versprechen, ihn an den Ort zu führen, an den er gehörte. Ihm Nachkommen zu schenken. Ein ganzes Volk, das aus ihm entstehen sollte.
Ich blickte in den Himmel, wie Abraham es damals getan hatte. Er wusste nicht, wie es für ihn weitergehen sollte. Er wusste nicht, was der nächste Tag bringen würde. Er wusste nicht mal genau, wer er war. Er saß einfach nur irgendwo in der Wüste, hinter sich das Zelt, neben sich das Kamel, doch tief in ihm brannte das unauslöschliche Vertrauen, dass Gott jeden Moment seines Lebens in der Hand hielt. Dass es nichts gab, das außerhalb von Gottes Willen lag, und dass er sich einfach nur auf diesen Gott einlassen musste.
Und in dieser Situation sprach er ein einfaches Gebet. Ganz leise sagte er die Worte in die Dunkelheit der Nacht. Hauchte sie beinahe, weil er wusste, dass Gott ihn hörte.
»Hier bin ich.«
Hier beginnt das Leben der Nachfolge: Wenn wir realisieren, dass Gottes Wille in jedem Moment alles trägt. Daraus wächst die unglaubliche Freude des christlichen Lebens. Es ist zugleich die Schönheit und die Ernsthaftigkeit der Nachfolge, dass sie immer nur im Hier und Jetzt möglich ist. Ich kann nicht in einem Moment der Vergangenheit nachfolgen und ich kann ebenso wenig jetzt sagen, was ich tun werde, wenn ich einmal in dieser oder jener Situation sein werde. Nachfolge ist immer nur jetzt möglich. Die Vergangenheit mag mich an diesen Punkt gebracht haben und die Zukunft ist das Ergebnis meiner heutigen Entscheidung. Aber nachfolgen kann ich einzig und allein in diesem Moment.
Das mag simpel klingen, aber für mich war es eine großartige Entdeckung, denn es befreite mich zum einen davon, meine Vergangenheit ständig durchzuspielen, und zum anderen davon, mir die schlimmsten Szenarien für meine Zukunft auszumalen. Alles, was Gott von mir wollte, war mein Jetzt. Als ich mit diesem Gedanken in den Alpen umherwanderte, fühlte ich mich befreit. Es ging nur um diese Zeit. Alles andere konnte ich hinter mir lassen.
Immer wieder habe ich mit Menschen gesprochen, die auf der Suche nach Gottes Willen waren: Für ihr Leben, ihren Beruf, ihre Ehe, ihre Gemeinde. Ich habe es genauso gemacht. Immer wieder. Bis zu diesem Moment der Hingabe. Mit einem Mal wurde mir klar, dass Gottes Wille viel einfacher ist, als ich dachte. Ich suche nicht nach seinem Willen, sondern ich antworte auf seinen Willen. Gott setzt sich durch. Im Hier und Jetzt.
»Hier bin ich.«
Abraham ist der Erste, der diese Worte in der Bibel spricht (1. Mose 22,1). Aber er ist bei Weitem nicht der Einzige. Eine lange Kette von Glaubenden haben dieselben oder ähnliche Worte gebraucht. Menschen, denen Gott begegnet ist. Menschen, die das dringende Bedürfnis hatten, immer mehr von Gott zu erfahren.
Abraham sucht nach dem nächsten Schritt und folgt Gott auf dem Weg ins Unbekannte hin zu großen Verheißungen. Mose wird aus seinem Alltag geholt und führt eine neue Generation von Menschen zu Gott zurück. Samuel wird von Gott aus dem Schlaf gerissen und lebt als sein Prophet für ein taubes Volk. Jesaja steht mit allen Fehlern, Schwächen und Sünden vor Gott und wird ausgerüstet für Großes. Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen: Debora, Ruth und Ester, Gideon, David und Josia. Maria, die Mutter von Jesus, und Johannes der Täufer. Timotheus, Paulus, Lydia und Priscilla. All diese Menschen stellen sich in den entscheidenden Momenten Gott ganz zur Verfügung, weil sie wissen, worauf es ankommt, wenn Gott mit Macht in ein Leben bricht und mit Macht die Perspektive neu ausrichtet. Ein hebräisches Wort, drei kleine Worte auf Deutsch:
»Hier bin ich.«
Eine kleine Warnung
Beim Wandern in den Bergen sah ich immer wieder Schilder mit Warnhinweisen, die unpassierbare Wege und steile Abhänge kennzeichneten. Entweder sollte man diese Wege gar nicht begehen oder nur mit einem gewissen Level an Erfahrung.
Ein kleines Warnschild möchte ich nun auch hier aufstellen:
Dein Leben wird sich verändern.
Egal, wie schwach dein Glaube gerade ist – Gott ist stärker. Egal, wo du gerade herkommst und was du bisher erlebt hast – Gott ist größer. Egal, was du gerade über dich selbst denkst – Gott liebt dich.
Ein schwacher Glaube braucht einen starken Gott. Und dieser starke Gott wird nach und nach an dir sichtbar werden. Die Menschen in deiner Nähe werden sehen, dass dein Leben sich verändert, seit du mit Gott unterwegs bist. Sie werden sehen und erkennen, dass sich dein Blick auf das Hier und Jetzt verändert hat. Dass du nicht mehr einfach nur als Reaktion auf deine Umwelt lebst, sondern dass du als Reaktion auf Gott lebst, der dich zu sich gerufen hat.
Zu viele Menschen leben ihr Leben ohne Sinn und Verstand vor sich hin. Sie drehen sich im Kreis und wandern taub durch die Wüste ihres Lebens. Auf dem Weg aus dem Krankenhaus zurück in meine Gemeinde wurde mir das deutlicher als je zuvor. Wir Menschen sind zerbrechlich und voller Sehnsucht.
Wenn wir tief genug in uns hineinhorchen, stoßen wir darauf. In uns lebt die Sehnsucht, uns an etwas hinzugeben, das größer ist als wir selbst. Wir sind auf Hingabe angelegt.
Hingabe heißt: Ich werde durch etwas Faszinierendes, das größer ist als ich selbst, dazu verlockt, mich loszulassen und mein Leben daran zu verschwenden. Gott zu finden und mit ihm zu leben, ist ohne den Preis der Hingabe nicht möglich. Und die Heimatlosigkeit, die Menschen immer wieder überfällt, hat nicht zuletzt auch etwas damit zu tun, dass sie sich nicht hingeben können oder wollen.
Denn Hingabe ist gefährlich. Wenn ich von Hingabe spreche, meine ich keine Teil-Hingabe oder ein wenig Leidenschaft, sondern eine die ganze Person umfassende Hingabe. Eine Hingabe, die das ganze Sein verschlingt. Es ist die Sehnsucht nach etwas, an das ich mein Herz verlieren kann. Genau das ist jedoch immer mit Risiken verbunden. Es ist immer ein ungeheures Wagnis. Ich setze mich selbst aufs Spiel. Dabei kann ich alles gewinnen oder alles verlieren. Ich habe ja nur ein Herz.
Aber erst wenn ich mein Herz verliere, finde ich mich. Wo mein Herz ist, da ist nämlich auch mein Zuhause, da gehöre ich hin.
Und vielleicht stoßen wir damit an das eigentliche Geheimnis unserer Sehnsucht: Wir wollen wissen, wo wir hingehören – im Gelingen und im Scheitern, auf den Höhen und in den Tälern unseres Daseins, im Leben und im Sterben. Wir wollen irgendwo ganz »zu Hause« sein.
Kennst du das? Dann bist du hier richtig. Denn alles beginnt mit einem Satz.
Die wunderbarste Beziehung
»Hier bin ich.«
Diese drei Worte, die wunderschön miteinander verflochten sind, bilden einen der mächtigsten Sätze der Schrift. Tatsächlich würde ich es wagen, zu sagen, dass es einer der eindrucksvollsten Sätze ist, die wir jemals sprechen können. Aber wie kommt es, dass eine kleine Phrase so viel Macht hat? Wie können diese Worte deinen geistlichen Weg radikal verändern, indem sie Glauben und Mut entzünden, die anders sind als alles, was du je gekannt hast?
Die folgenden Seiten und Kapitel wollen dich mitnehmen auf eine Reise durch deine Zweifel, den geistlichen Schluckauf und die Ängste, um aufzudecken, welchen Stellenwert Gott in deinem Leben wirklich hat.
Dabei betrachten wir unterschiedliche Menschen in der Bibel, die die Worte »Hier bin ich« gesagt und mit eifrigem Gehorsam geantwortet haben, als Gott sie zum nächsten Schritt im Glauben berufen hat. Jeder von ihnen zeigt, wie es aussieht, Hindernisse zu überwinden und an den Punkt zu kommen, an dem wir den Ruf Gottes hören und entsprechend reagieren.
Wir werden den Vorhang ihres Lebens zurückziehen und herausfinden, was sie bewegt hat. Wir werden untersuchen, wie sie bei ihrem Streben nach eigener Gerechtigkeit versagt haben, wo und wie Gott ihr Leben verändert hat und welche Bedeutung ihr »Hier bin ich« hat. Mein Gebet ist, dass du dadurch ebenfalls deine Stimme findest und sagst: »Gott: Hier bin ich. Sende mich.«
Aber ich will dich nicht nur mit netten Geschichten inspirieren und sagen: »Jetzt streng dich ein bisschen mehr für Gott an!« Billige Magie und falsche Versprechungen haben wir in unserer Welt und zwischen zwei Buchdeckeln schon genug. »Hier bin ich« ist kein Zauberspruch oder ein Mantra, das du nur oft genug wiederholen musst, damit es wirkt. »Hier bin ich« sind Worte, die uns an etwas erinnern sollen. Sie sollen dich und mich immer wieder daran erinnern, wer Gott ist. Sie sollen uns immer wieder vor Augen halten, dass all unser Handeln ganz von Gott abhängig ist.
Von den Nächten in meiner Gebetskammer aus Plastikfolie bis zu diesem Buch war es eine ziemlich lange Reise. Unterwegs habe ich Menschen getroffen, die genau wie ich auf der Suche nach einer neuen Begegnung mit Gott waren. Nach und nach haben wir uns gesammelt. Nicht um diese drei Worte, sondern um den lebendigen Gott, der sie hört. Gott hat uns in dieser Zeit eines unmissverständlich gezeigt: »Du wirst dich selbst nicht finden, wenn du mich nicht findest. Um herauszufinden, was der Sinn deines Lebens ist, musst du herausfinden, wer ich bin.«
Die lange Kette von Menschen, die diesen Weg mit Gott gehen, reißt nicht ab. Immer wieder treffe ich Leute, die genau so leben. Mit ganzer Hingabe in der Nachfolge Gottes. Nicht nur für sich selbst, sondern als Ansporn für eine ganze Generation.
Ich habe die Geschichten, in denen Menschen diese drei Worte gesagt haben, immer wieder gelesen. Hier bin ich. Hier bin ich. Hier bin ich. Sie sagten sie voller Angst, voller Vertrauen, mit Mut, mit Tränen. Da waren sie nicht anders als ich. Und jeder, der dieses Gebet sprach und es so meinte – über alle Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg – machte eine Erfahrung, die mit nichts anderem zu vergleichen ist: Gott antwortet auf dieses Gebet.
Die DNA unseres Glaubens beinhaltet immer einen Hunger nach Gott. Eine Sehnsucht nach mehr. Das ist der Heilige Geist in uns. Er lässt uns nach dem eigentlich Unmöglichen streben. Er richtet uns auf und zieht uns immer wieder zu Gott. Und zugleich macht er es unmöglich, beim Altbekannten stehen zu bleiben. Genau da stoßen wir mit unseren christlichen Routinen an Grenzen. Dabei ist ein Leben mit Gott alles andere als bloße Routine. Die wunderbarste und tiefste Kommunikation findet nur statt, wenn ich mein Gegenüber kenne. In unserer zwischenmenschlichen Kommunikation macht das den Unterschied zwischen Small Talk und einem echten Gespräch. Gott ist nicht für Small Talk da. Gebete, Gespräche, Leben mit Gott sind alles andere als einseitig.
Wir stehen an der Schwelle zum Himmel. Jesus wurde einmal von seinen Jüngern gefragt, wie sie beten können. Seine Antwort war das Vaterunser. »Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.«
Gott hat alles im Griff. Er möchte, dass wir mit ihm leben. Dazu hat er uns in Jesus befreit.
Also: Rauf auf den Berg! Stell dich deinen Ängsten. Mache Fehler. Lerne. Versuch es noch einmal. Erlebe, wie Gott mehr tut, als du dir jemals vorstellen könntest!
TEIL 1: HIER
Acht Jahre bevor ich in meiner Gebetskammer aus desinfizierten Folienwänden von Gott gerufen wurde, fiel die Tür meiner ersten Studentenbude ins Schloss. Der Umzug war geschafft. Ich war von zu Hause ausgezogen. Das Auto meiner Eltern fuhr weg und ich war allein.
An meinen Schülerfantasien gemessen, hätte sich jetzt eigentlich eine ganze Menge an Gefühlen Bahn brechen müssen, von Freude bis Freiheit. Ich fing aber einfach nur an, zu weinen. Ich wusste in diesem Moment, dass ich noch oft umziehen würde. Wer wollte schon sein Leben lang in einer Studentenbude wohnen? Aber vor allem wusste ich, dass ich nie wieder in das Haus einziehen würde, in dem ich aufgewachsen war. Ich wusste, dass dieser Abschnitt meines Lebens für immer vorbei war. Und auch wenn mir das eigentlich vorher schon klar gewesen war, spürte ich es in diesem Moment mit ganzer Härte. Selbst wenn ich ein Dach über dem Kopf hatte, war ich auf eine gewisse Weise heimatlos geworden. Damit war ich in einem Grundzustand des Christseins angekommen.
Es gibt eine Heimatlosigkeit, die durch und durch christlich ist. Denn Christen sind nicht mehr von dieser Welt, auch wenn sie in der Welt bleiben (Johannes 17,14-15). Die meisten von uns verstehen das abstrakt. Wir wissen, dass Jesus uns aus dieser Welt auserwählt hat (Johannes 15,19) und dass wir aufgefordert sind, hier auf der Erde nur als »Gäste und Fremde« zu leben (Hebräer 11,13).
Trotzdem ist es schwierig, sich an die konkrete Erfahrung zu gewöhnen, dass es nie so richtig passt. Egal, wo wir sind, egal, was wir tun, wir sind Fremde und fühlen uns etwas fehl am Platz. Bis wir mit dieser Realität wirklich zurechtkommen, werden wir immer wieder Desorientierung empfinden und Enttäuschung.
Stell dir einmal einen Karton vor und schreib in Gedanken darauf mit einem dicken Filzstift »Hier«. Es ist ein ziemlich großer Karton. Nicht bloß ein Schuhkarton oder eine der Abermillionen Amazon-Kisten, die täglich durch unser Land gefahren werden, sondern ein Riesenkarton für die ganz große Perspektive, wie du sie hast, wenn du von einem Berg herabschaust. Stell dir vor, du würdest aus dieser Perspektive auf dein ausgebreitetes Leben hinabblicken. Was du siehst, ist groß und unüberschaubar. Und vor allem: Es ist zwar dein Leben, aber es ist nicht deine Heimat.
• Dein Körper ist nicht deine Heimat. Er wird eines Tages sterben.
• Der Ort, an dem du lebst, ist nicht deine Heimat. Kein Heimwerkerprojekt wird ihn jemals zu dem Himmel machen, den du suchst.
• Deine Ehe ist nicht dein Zuhause. Selbst die beste Ehe endet, wenn »der Tod sie scheidet«.
• Deine Kinder sind nicht deine Heimat. Jede noch so gute Erziehung zielt darauf ab, dass sie eines Tages das Haus verlassen.
• Deine Freundschaften sind nicht deine Heimat. Selbst die besten gehen durch schwere Zeiten und es ist unklar, welche ein Leben lang halten.
• Deine Ortsgemeinde ist nicht deine Heimat. Wie dein menschlicher Körper wird die Gemeinde eines Tages ein vollkommener, verherrlichter Leib Christi sein (Römer 12,5; Epheser 5,27). Aber gerade jetzt erinnern uns Sünde, Zerbrochenheit und Versagen daran, dass unsere Ortsgemeinde noch nicht unsere Heimat ist.
• Dein Beruf ist nicht deine Heimat. Oft vergeht die erste Hälfte des Lebens damit, sich auf ein Lebenswerk vorzubereiten, und die zweite Hälfte damit, herauszufinden, warum es nicht so funktioniert, wie man es sich erhofft hat.
Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Gemeinsam haben alle Punkte, dass man sie mit ein wenig Anstrengung beeinflussen kann. Meinen Wohnort ändere ich durch einen Umzug. Meinen Beruf durch eine Umschulung, einen Neustart in einem anderen Berufsfeld oder durch eine Selbstständigkeit. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Den Menschen, denen ich täglich begegne, kann ich aus dem Weg gehen, manchen vielleicht leichter als anderen, aber spätestens wenn ich umziehe und mein Handy ins Meer werfe, habe ich Ruhe.
Alle Punkte auf dieser Liste haben noch eine weitere Gemeinsamkeit: Jede Änderung ist nur oberflächlich und auf Zeit. Wie viele Menschen kennst du, die gefühlt immer wieder von vorn anfangen und am Ende immer wieder in einer ähnlichen Situation landen? Bei einem Partner, der eine Kopie des vorherigen sein könnte (nachdem sie geschworen hatten, nie wieder einen solchen Fehler zu machen), in einem Job, der nur zu Frust führt, und an einem Ort, an dem sie sich nicht zu Hause fühlen.
Das hat einen einfachen Grund: Alles, was sich in der gr0ßen Hier-Kiste befindet, sind Dinge und Begebenheiten aus meiner Umgebung, die nichts mit meinem Inneren zu tun haben. Es sind lediglich die Umstände um mich herum. Aber oft reichen die schon aus, um mich aufzuhalten und zu beschäftigen. Vielmehr noch: Sie geben mir den Anschein, dass ich an diesen Dingen nur ein wenig verändern müsste, damit mein Leben endlich in den richtigen Bahnen läuft. Besser noch: All diese Themen können mich dazu verleiten, mich ständig weiter mit ihnen zu beschäftigen. Ich drehe mich im Kreis und nähere mich keinen Millimeter meinem wahren Problem. Ich bin einfach nur beschäftigt. Um zu dem Kern der Nachfolge und zu dem Grund des Glaubens vorzudringen, müssen wir aber dichter an unseren eigenen Kern.
In meinem Alltag als Pastor treffe ich immer wieder auf Menschen, die zwar in schönen Häusern wohnen, aber kein Heim haben. Menschen, die von ihrer Familie umgeben sind, sich aber einsam fühlen. Menschen, die auf der Suche nach einem Zuhause sind. Nach einer Heimat, die nur Gott ihnen zeigen kann. Dieser Weg beginnt außen und führt zwangsweise immer weiter nach innen.
Abraham wurde von Gott in genau so eine Situation geführt. Sein Hier änderte sich von Grund auf. Er ließ alles Bekannte hinter sich. Gott riss ihn förmlich aus seinem Leben und seiner bekannten Umgebung, um ihm zu sagen: »Ich fange neu mit dir an. Von nun an gibt es nur noch dein Leben vor meinem Wort an dich und das Leben danach. Jetzt beginnt etwas Neues.« Nachfolge führt in ein neues Land.
In der Zeit zwischen dem ersten Ruf Gottes und seinem »Hier bin ich«-Moment hatte Abraham eine ganze Menge zu tun und machte viele Fehler. Es gab Höhen und Tiefen. Mal gehorchte er Gott aufs Wort, Mal versuchte er, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, und scheiterte kläglich. Aber durch all das reifte er zu einem Mann, der Gott immer näher kennenlernte und ihm nachfolgte.
Als Abrahams »Hier bin ich«-Moment kam und Gott ihn rief, war er im Feuer geschmiedet worden und konnte mit festem Glauben und Gehorsam losziehen.
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DIE ERSTE NACHT – NACHFOLGE IST NEUER MUT
Das Gepäck bei einer Bergwanderung sollte begrenzt sein. Immerhin muss man – anders als im normalen Leben – in dieser Zeit alles, was man hat, auf dem Rücken mit sich herumtragen. Ich hatte mich daher auf das Nötigste beschränkt.
Die einzigen Dinge, die ich streng genommen nicht für die Wanderung brauchte, befanden sich in einer Vordertasche meines Rucksacks: eine Bibel und ein Notizheft. Beim Packen hatte ich beides fast automatisch in den Rucksack gesteckt, weil es schon lange meine Angewohnheit war, eine Bibel mitzunehmen, wenn ich das Haus verließ. Ich ahnte nicht, dass sie auf dem Berg wichtiger werden würde als alles andere im Rucksack.
Am ersten Tag fragte ich mich öfter, was ich mir da eingebrockt hatte. Ich war weder ein Kind der Berge noch sportlich oder mit großer Erfahrung im Wandern gesegnet. Ich spürte jeden Knochen und jeden Muskel meines Körpers. Ich spürte sogar Muskeln, von denen ich gar nicht geahnt hatte, dass ich sie besaß. Als ich schließlich bei der ersten Hütte ankam, saß ein größerer Teil (sprich: der Rest) der Gruppe bereits mit einem Bier in der Abendsonne an einem Tisch.
Nach einem ordentlichen Hüttenessen fielen wir auf das Schlaflager. Mein Kopf hatte noch nicht ganz das Kissen berührt, da schlief ich schon. Allerdings nicht so lange, wie ich es mir ausgemalt hatte. Schon nach ein paar kurzen Stunden wurde ich wieder wach. Ich dachte an die Orte und die Erfahrung im Krankenhaus, die ich hinter mir gelassen hatte. Ich fragte mich, ob sie wohl am Fuß des Berges auf mich warten würden, um mich freudestrahlend wieder in Empfang zu nehmen, wenn ich zurückkam.
An Schlaf war nicht mehr zu denken! Ich schälte mich aus meinem Schlafsack, nahm meine Bibel und stieg so leise wie möglich die Leiter aus dem Schlafsaal hinab. Draußen setzte ich mich unter den Sternenhimmel und betete. Mit wenigen Worten legte ich alles vor Gott hin. Ich wusste, dass ich zwar aus dem Krankenhaus entlassen, aber noch lange nicht heil war. Ich schlug wieder die Stelle auf, als Abraham unter dem Sternenhimmel sitzt und sich bloß an Gottes Verheißungen klammern kann. Ich fühlte mich diesem Mann so nahe.
Für mich gab es in diesem Moment nichts anderes als Gottes Verheißungen. Ich war überwältigt. Sowohl positiv als auch negativ. Ich war überwältigt von Gottes Schönheit und seiner Macht. Aber gleichzeitig war ich ein Junge, der auf einem Berg saß und Angst hatte.
Ich rang damit, eine Kirche im platten Land von Schleswig-Holstein mit neuem Leben zu füllen. Ich rang mit meiner eigenen Angst, die mir immer wieder sagte, dass ich nicht zum Leiten berufen sei.
Es waren die gleichen Ängste, die große Männer und Frauen in der Geschichte Israels empfunden haben. Auf den Seiten der Bibel können wir darüber lesen. Im echten Leben verstecken wir sie lieber in einem tiefen Loch oder hoch oben auf einem Berg.
Es ist nicht falsch, Angst zu empfinden. Aber es ist falsch, diese Angst das letzte Wort in seinem Leben haben zu lassen. Die Menschen, die die erstaunlichsten Dinge zur Ehre Gottes vollbringen, sind nicht diejenigen, die am wenigsten Angst haben. Oft sind es gerade die Menschen, die mit der intensivsten Angst umgehen. Aber anstatt sich von dieser Angst ihre Träume zerstören zu lassen, klammern sie sich nur umso fester an Gott. Sie halten Ausschau nach den sichtbaren Momenten von Gottes Leitung und folgen ihnen. Und den Rest überlassen sie ihm.
Dies taten auch Abraham und Sara, die ich in dieser Nacht auf dem Berg getroffen habe und von denen die nächsten Kapitel handeln. Gott öffnete mir durch diese beiden Menschen und ihre »Hier bin ich«-Momente neu die Augen. In dieser ersten Nacht stellte er meine Angst und meine Unsicherheit auf die Probe.

ABRAHAM & DER NEUE ANFANG
Sterne
Der Mann wischte sich über die Wange. Ein letzter Rest Sand knisterte zwischen seinen Fingern. Die feinen Körner waren überall, daran hatte er sich inzwischen gewöhnt. Neben ihm brach ein Scheit im Feuer. Er zog den Mantel fester um seine Schultern. Die Nächte wurden immer kälter.
So viele Jahre war er schon unterwegs. Von einer Steppe zur nächsten. Von einem Brunnen zum anderen. Es war ein unstetes Leben. Trotzdem liebte er es. Hätte es gegen nichts in der Welt eingetauscht. Selbst wenn seine Knochen langsam anfingen, zu knacken.
Sara schlief schon seit einigen Stunden im Zelt. Sie hatte alles für ihn und den gemeinsamen Weg aufgegeben. Die ganzen Jahre war sie immer an seiner Seite geblieben. Er hätte sich nichts Besseres wünschen können.
Doch er merkte, dass die langen Reisen ihr mehr und mehr zusetzten. Sie wurde älter.
»Wie lange noch?«, seufzte er in die kühle Abendluft. »Wie lange noch?«
Er strich sich über seine eigene, faltige Haut. Nicht nur seine Frau wurde älter.
In letzter Zeit hatte er oft an die Tage ihrer Jugend gedacht. Bevor sie ein Leben auf Wanderschaft begonnen hatten, immer mit seiner Sara an seiner Seite und ihrem Hab und Gut im Schlepptau.
So viele Träume hatten sie gehabt. Und vor allem diesen einen Traum, größer als alle anderen. Einen Nachkommen. Seine Familie hatte immer wieder gefragt. Er wusste, dass sie darauf warteten. Ihm selbst ging es ja nicht anders. Er schloss die Augen und sog die kalte Nachtluft tief in seine Lunge. Die Tränen liefen inzwischen unkontrolliert. Er wusste nicht, wann er das letzte Mal so geweint hatte. Er fuhr sich über das Gesicht. Atmete langsam ein und aus.
Und mit einem Mal traf es ihn. Da war sie wieder! Eine Stimme, fein wie ein Lufthauch. Ein Schauer überfuhr ihn. Er war dieser einmaligen Stimme bis hierher gefolgt. In vollstem Vertrauen und ohne einen Blick zurück. Schritt um Schritt. Kilometer um Kilometer. Jahr um Jahr. Hoffnung um Hoffnung. Mit knackenden Knien erhob er sich. Er griff nach seinem Stab und folgte der Stimme. Wie mechanisch setzte er einen Fuß vor den anderen. Auf einer Anhöhe blieb er stehen. Über ihm tat sich der Himmel auf. Die Wolken zogen sich zurück. Von einem kleinen Windhauch getrieben, verschwanden sie aus seinem Blickfeld. Abermillionen kleine Lichter leuchteten über ihm am Wüstenhimmel. Die Tränen in seinen Augen ließen sie funkeln und über den Himmel tanzen. Dann hörte er wieder die Stimme. Langsam und ganz deutlich sprach sie. Abraham sog jedes Wort in sich auf. Jetzt wusste er, warum er den weiten Weg zurückgelegt hatte.
Wenn die Stimme ruft
Musstest du jemals jemanden oder etwas aufgeben, das dir wirklich wichtig war? Oder vielleicht wurde dir dieses liebe Ding genommen? Die meisten von uns, die diese Reise mit dem Namen Leben antreten, begegnen dieser tief empfundenen Herausforderung. Es gibt einen Mann in der Bibel, der die Kosten des Opfers und die Belohnung für die Nähe zu Gott besser kannte als viele andere. Sein Name ist Abraham.
Die Bibel erzählt immer wieder von Menschen, die sich auf eine Reise ins Land des Glaubens eingelassen und so Gott erfahren haben. Das Wunderbare ist: Jede dieser Reisen sieht anders aus. Sie haben alle unterschiedliche Startpunkte. Sie beginnen zu unterschiedlichen Zeiten. Die Story, die Gott mit deinem Leben schreiben will, ist anders als seine Geschichte mit mir. Das muss auch so sein, denn Gott hat für jeden von uns den Weg, der notwendig und passend ist. Bei Gott gibt es keine Pauschalreisen aus dem Katalog. Sein Weg mit dir ist ein individuell zusammengestellter Roadtrip mit spontanen Momenten, immer wieder neuen Höhepunkten und einer perfekt auf dich abgestimmten Route.
Abraham hat sich auf diesen Weg gemacht. Er hat alles Bekannte hinter sich gelassen. Er hat alles riskiert und ist mit Mut und Gottvertrauen den ersten Schritt gegangen. Man könnte ihn als den Urvater des Glaubens bezeichnen, denn er war einer der Ersten, der dies tat.
Dabei lassen die ersten Worte über ihn im Buch Genesis kaum auf ein großes Abenteuer schließen. Man vermutet eher, dass seine Geschichte nun bald zu Ende ist. Abraham ist 75 Jahre alt, Viehzüchter und hat ein Leben ohne große Höhepunkte hinter sich. Zumindest wissen wir nichts aus den 75 Jahren, bevor Gott zu ihm spricht.
75 Jahre, sein Leben war gelaufen. Was sollte noch Neues kommen? Der eine Wunsch, der ihn sein Leben lang begleitet hatte, war nicht in Erfüllung gegangen. Mehr als alles andere wollte Abraham einen Sohn, dem er sein Erbe vermachen konnte. Selbst wenn wir hier einen Text aus einer längst vergangenen Zeit lesen: Auch damals war es nicht normal, mit 75 noch ein Kind zu bekommen, zumal Sara, Abrahams Frau, in einem ähnlichen Alter war.
Viele Menschen haben heute schon in jüngeren Jahren ähnliche Gefühle. Das Leben hat den Glanz verloren, besteht nur noch aus Wiederholungen, ist im Grunde gelaufen. Was soll da noch kommen? Wie bei Abraham hat sich das Leben längst aus dem Leben zurückgezogen. Jeder Tag sieht gleich aus. Alles ist in zwar gesicherten, aber auch eintönigen Bahnen gefangen.
Doch da passiert das Unerwartete: Gott mutet diesem Mann am Ende des Lebens einen Aufbruch zu! Er ruft ihn auf eine Reise. Dieser Ruf Gottes ist der sensible Moment der Nachfolge. Was machst du, wenn Gott dich ruft? Wie antwortest du, wenn Gott dir nicht die Antwort auf deine Bitten und Wünsche gibt, sondern dich zu einem neuen Leben herausfordert? Wenn es nicht um ein simples Geschenk geht, sondern um den mutigen Schritt in ein neues Leben?
Abraham geht diesen ersten Schritt und dann tritt das Versprochene ein: Abraham und seine Frau Sara werden Eltern eines Kindes. Gott segnet sie mit dem Geschenk neuen Lebens.
Vielleicht fragst du dich: Was hat Abraham aufbrechen lassen? War es die Zusage, dass er und seine Frau trotz ihres hohen Alters noch Kinder bekommen sollten? Es war sicher mehr als diese doch reichlich unrealistische Ankündigung einer Nachkommenschaft. Ich denke, was Abraham zu dieser Abenteuerreise in das Land des Glaubens aufbrechen ließ, war eine Ahnung, eine Vermutung, dass mit diesem Aufbruch wieder Leben in sein Leben einziehen würde.
Abraham spürte hier zum ersten Mal etwas von der Welt, die Gott für ihn bereithielt. Zum ersten Mal erlebte er, was Leben bedeutet. Nicht, weil er es sich selbst geschaffen hatte oder weil er selbst die richtigen Bahnen gefunden hatte. Er fand das Leben, weil Gott es ihm zeigte. Weil Gott ihn rief.
Wie steht es um dein Leben? Kannst du es guten Gewissens Leben nennen? Oder ist es eher eine Abfolge von Momenten, die ihren Glanz schon lange verloren haben? Es ist nicht zu spät! Abraham war 75 Jahre alt, als es losging. Ich war bereits Pastor einer Gemeinde, als Gott sich entschied, durch den Schmerz hindurch nach mir zu greifen. Auch bei dir kann es jetzt so weit sein. Nötig ist nur der Mut zum Neuanfang!
Was uns Angst macht
Wovor hast du Angst? Ich glaube, es ist ganz gut, dass wir hier diese Frage stellen. Immerhin ist Angst der größte Faktor, der Veränderungen in unserem Leben blockiert.
Wenn ich von mir ausgehe, bin ich sicher, wir könnten eine Doppelseite mit Gründen für Angst füllen.
Ich hatte schon als Kind immer viel mit Angst zu kämpfen und meine Eltern hätten mich wahrscheinlich als ängstlich beschrieben. Ich blieb ungern alleine, fand mich nur schwer in neuen Umgebungen zurecht und eine Situation wie im Film »Kevin allein zu Haus« wäre mein Ende gewesen. Da hätte es nicht einmal die Einbrecher gebraucht.
In meiner Kindheit gab es eine Zeit, da konnte ich kaum in meinem Zimmer schlafen, das zur Straße hin lag. Hin und wieder fiel das Licht eines Autos durch meine Fenster. Es war kurz nach meinem Geburtstag und an der Deckenlampe hingen noch Luftballons. In einer stürmischen Nacht schlug der Baum vor meinem Fenster mit seinen Ästen gegen die Scheibe. Dazu fiel immer wieder Licht herein und traf auf die Luftballons an der Lampe. Ich lege noch heute meine Hand dafür ins Feuer, dass die Schatten an der Wand wie riesig große Dinosaurier aussahen. Dass ich kurz zuvor zum ersten Mal Jurassic Park geguckt hatte, war nicht wirklich hilfreich.
Die größte Angst hatte ich aber bei meinem Umzug in die neue Gemeinde. Nicht nur, dass es ein neuer Wohnort, ein neues Haus und neue Menschen waren. Alles um mich herum war neu und ich war allein. Ich kannte natürlich auch alle Geschichten, die man sich im Predigerseminar so erzählte. Dorfbewohner spionieren in die Fenster. Menschen stehen unangekündigt im Haus. Jeder Schritt ist sofort allen bekannt. Außerdem war es eine neue Verantwortung. Ich sollte der neue Pastor sein. Wie war die Geschichte der Gemeinde? Wie war die Verkündigung bisher? Wer sollte die Gemeinde mit mir leiten? Was würde ich tun, wenn sich in einem Jahr herausstellte, dass ich überhaupt nicht in der Lage war, meine Aufgaben zu erfüllen? Was sollte ich tun, wenn der Druck zu groß würde? Wie so oft waren die Ängste größer als die Realität.
Denn genau darin ist die Angst die Königin: Sie verbiegt die Realität, bis nichts mehr zusammenpasst. Wie oft erwische ich mich dabei, dass ich so viel mehr auf die Stimme um mich herum höre und nicht auf Gott. Höre ich auf die Stimme der Angst, lege ich mein Vertrauen in das Unbekannte und die Unsicherheit – und das sind beides Bereiche, die mir keine Sicherheit geben können. Allein die Stimme Gottes ist dazu in der Lage. Daher stehen wir immer wieder vor der Herausforderung, im Unbekannten auf die vertraute Stimme zu hören, denn es ist Gottes Stimme, die den Weg weist.
Ein Neuanfang mit Gott bedeutet, sich von dieser Angst nicht gefangen nehmen zu lassen. Die Stimme der Angst kann uns nämlich nur im Kreis führen. Sie geht Umwege, bringt vom Weg ab, bis sie uns schließlich im Dunkeln allein lässt. Dabei spielt sie ein Spiel auf Zeit. Abraham war sich sicher, dass nach 75 Jahren kein Nachkomme mehr kommen würde. Mit jedem Jahr, das verging, schwand die Hoffnung mehr und mehr.
Wie lange wartest du schon? Was ist dein Weg ins Unbekannte, den du nicht von dir aus gehen willst? Wo muss Gott dich erst hinrufen, damit du dann weißt, dass seine schützende Hand über dir ist? Der Weg zum größten Sieg führt am Ende meist durch das Tal deiner größten Angst.
Ich hätte mein achtundzwanzigjähriges Ich auf das, was vor mir lag, nicht vorbereiten können. Wie bereitet man sich auf das Unbekannte vor? Ich bin froh, dass ich nicht wusste, was kommen würde. Aber ich wünschte, ich hätte gewusst, dass Gott mir selbst in dieser dunklen Zeit etwas geben würde, das mir nie genommen werden konnte – er gab mir sich selbst. Ich wünschte, ich hätte gewusst, dass es nie ein Fehler sein würde, Gott zu vertrauen.
Der Weg ins Unbekannte
Dann befahl der Herr Abram: »Verlass deine Heimat, deine Verwandten und die Familie deines Vaters und geh in das Land, das ich dir zeigen werde! Von dir wird ein großes Volk abstammen. Ich will dich segnen und du sollst in der ganzen Welt bekannt sein. Ich will dich zum Segen für andere machen. Wer dich segnet, den werde ich auch segnen. Wer dich verflucht, den werde ich auch verfluchen. Alle Völker der Erde werden durch dich gesegnet werden.«
1. Mose 12,1-3
Wie am Anfang der Schöpfung so steht zu Beginn der Geschichte Gottes mit Abraham das göttliche Wort. Nachfolge beginnt immer mit dem Sprechen Gottes. Ohne sein Wort verkommt jede Nachfolge zu blindem Herumirren.
Wir sehen hier das Grundmuster der Berufung durch Gott. Und nicht nur zufällig ist es auch das Grundmuster der Schöpfung der Welt: Ankündigung (Gott sprach …), Gebot (Es werde …) und Bericht des Vollzugs (Es war sehr gut.). Durchbrochen wird dieses Muster bei Abraham jedoch durch die Verheißung.
Abraham hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ein gutes Stück des Weges hinter sich. Er war mit seiner Familie aus dem chaldäischen Ur, einer großen südmesopotamischen Stadt und der Heimatstadt der Familie, in das mehrere Hundert Kilometer entfernte Haran gereist. In dieser blühenden Handelsstadt ließen sie sich nieder, bis Abraham die Stimme Gottes vernahm, die sein Leben komplett umkrempelte.
Das Wort führte Abraham auf einen einsamen Weg. Es führte ihn aus seiner neu gewonnenen Heimat und weg von seiner Herkunftsfamilie. Es war eine einsame Entscheidung, die Abraham traf. Er ließ sich auf das Gotteswort ein, ohne das Ziel seiner Reise zu kennen. Er hatte allein die Verheißung und Gottes Wort.
Ich will mich nicht gleich zu Beginn dieses Buches mit Abraham vergleichen. Gemeinsam haben wir aber immerhin, dass wir uns unseren Wohnort nicht ausgesucht haben. Meine Kirche hat eine interessante Art, einen jungen Pastor zu entsenden. Nach einem knapp dreißigminütigen Gespräch über Fähigkeiten und Wünsche erhält man ungefähr einen Monat später einen Brief mit der Post. In drei knappen Sätzen steht dort der Name der neuen Gemeinde (und damit auch der neue Wohnort), das Datum des Dienstbeginns und ein Hinweis, dass man sich schon einmal mit der Ehepartnerin absprechen sollte, wie es dann mit ihrem Arbeitsweg aussieht. Kein Scherz. (Aber ich hatte damals noch keine.)
Auch wenn Abrahams Leben ganz andere Bahnen nahm, als es unser Leben tun wird, ist er uns doch in einer Sache Vorbild: Er begab sich aus der Sicherheit der Familie hinein in ein Abenteuer, das ihn das Leben kosten konnte. Er war bereit, für Gott alles andere hinter sich zu lassen.
Auf seiner Reise in das Land des Glaubens machte Abraham konkrete Erfahrungen mit diesem Gott, der ihn zum Aufbruch aufgefordert hatte. Es entwickelte sich bei ihm eine Vorstellung, ein Gefühl, eine Ahnung. Mit der Zeit entstand vor seinem inneren Auge ein Bild von Gott.
Gott spricht zu uns, um Nachfolger für ihre Reise auszurüsten. Aber wie erkenne ich Gottes Stimme unter den lauten Klängen des 21. Jahrhunderts? Woher soll ich wissen, dass Gott mich ruft und ich nicht nur einem Bauchgefühl folge und erhobenen Hauptes in die falsche Richtung marschiere?
Manchmal glauben wir, dass Gott uns in eine bestimmte Richtung führt, aber wenn wir diesen Weg fortsetzen, werden wir entmutigt und unsicher, weil es nicht so funktioniert, wie wir es erwartet haben. Vielleicht ist es nicht so einfach und angenehm, wie wir dachten, oder es führt nicht dorthin, wo wir eigentlich hinwollen. Dann denken wir, dass wir offensichtlich den falschen Weg eingeschlagen haben, und entscheiden uns für eine Kurskorrektur. Doch auf dem neuen Weg entdecken wir schnell, dass wir einen gravierenden Fehler gemacht haben.
Einer der Gründe, warum wir die Wege ändern und Gott nicht gehorchen, ist, dass unser Glaube der Angst weicht. Daher möchte ich die Frage anders stellen: Was hält dich gefangen? Welche Angst hält dich fest umklammert und hat ihre Hände auf deine Ohren gelegt? Vielleicht sind es deine Erwartungen, Pläne, Zweifel oder dein Gedankenkarussell. Was auch immer es ist, es definiert nicht, wer du bist oder was Gott durch dich tun kann. Gott gibt uns keine Angst oder Unsicherheiten, er zerbricht sie.
Abraham ist ein Beispiel für jemanden, dessen Glaube der Angst gewichen ist. Als der Herr zum ersten Mal zu ihm sprach, gab er ihm klare Anweisungen und bedingungslose Verheißungen: »Zieh los, geh dorthin, wohin ich dich führen werde, und ich will dich segnen und zu einer großen Nation machen.«
Voller Glauben und Gehorsam verließ Abraham seine Heimat und reiste nach Kanaan. Nach seiner Ankunft baute er Altäre zur Anbetung des Herrn und stellte dort sein Zelt auf (1. Mose 12,7-8). Doch bald entstand eine Situation, die ihn dazu brachte, am Herrn zu zweifeln. »Damals brach eine Hungersnot im Land aus« (Vers 10), und Abraham wurde ängstlich.
Die Stimme, der du heute folgst, beeinflusst die Zukunft, die du erleben wirst.
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DAS EVANGELIUM DES ABRAHAM
Die Angst im Unbekannten
Damals brach eine Hungersnot im Land aus. Und Abram zog nach Ägypten, um dort zu wohnen, denn die Hungersnot nahm große Ausmaße an.
1. Mose 12,10
Abraham ergriff die Flucht. Er floh aus dem Land, das Gott ihm gezeigt hatte, aus der Sicherheit und von dem Weg, den Gott ihm bereitet hatte. Dafür gab es einen einfachen Grund, der auch uns so viele Tausend Jahre später immer wieder vom Weg Gottes abbringen kann: Angst. Der Glaube weicht der Angst, wenn sich unser Fokus von Gott auf unsere Umstände verlagert.
Abraham hatte Gott während seiner ganzen Reise im Auge behalten und sich gehorsam im Land niedergelassen und ihn angebetet und ihm für seinen Schutz und seine Versorgung gedankt. Aber jetzt zweifelte er an seinem Überleben. Was für Abraham unerwartet und beängstigend war, betrachtete Gott als eine Gelegenheit für Abraham, ihm zu vertrauen. Anstatt sich um sich selbst zu kümmern, hätte Abraham sich an Gottes Verheißungen erinnern und sich auf ihn verlassen können. Veränderte Umstände sind kein Grund, das Vertrauen auf Gott aufzugeben.
Ich traf Jennifer in meinem ersten Jahr als Pastor. Sie war eine gläubige Christin und versuchte, ihr Leben entsprechend zu gestalten. Nun gab es da einen jungen Mann. Kein Christ, aber ein netter Kerl. Jennifer erzählte mir von ihm und im Gespräch wurde sehr schnell deutlich, dass sie mit sich rang. Sie wollte ihn einerseits besser kennenlernen und bemerkte besondere Gefühle für ihn. Andererseits spürte sie, dass sein Einfluss auf ihr Leben nicht immer der Beste war. Mit einem Satz fasste sie ihren Zwiespalt zusammen: »Ich habe einfach Angst, alleine zu bleiben.« Sie ahnte nicht, wie oft ich diesen Satz schon gehört hatte.
Wenn der Glaube der Angst Platz macht, treffen wir Entscheidungen auf der Grundlage der menschlichen Vernunft.
Abraham argumentierte, dass der Weg zum Überleben darin bestand, nach Ägypten zu gehen, wo es Nahrung gab. Er hielt diese Reise nach Ägypten wahrscheinlich nur für vorübergehend und dachte, er würde nach Kanaan zurückkehren, wenn sich die Bedingungen verbessert hätten. Doch so vernünftig sein Plan auch schien, selbst eine vorübergehende Reise weg vom Willen Gottes kann verheerende Folgen haben.
Jennifer ging die Beziehung ein. Nach einem Monat merkte sie, dass ihr neuer Partner immer ein wenig mit den Augen rollte, wenn es um den Glauben ging. Nach drei Monaten blieb sie ihm zuliebe an manchen Sonntagen für ein gemeinsames Frühstück zu Hause. Nach vier Monaten spürte sie, wie sie sich veränderte. Dies machte ihr Angst. Schließlich trennte sie sich von ihrem Partner.
Wenn wir vergessen, dass Gott unser Versorger und Beschützer ist, nehmen wir die Dinge selbst in die Hand. Aber dann bewegen wir uns aus seinem Willen heraus.
Abraham hätte mit seiner Angst fertigwerden können, indem er in Kanaan geblieben und Gottes Schutz und Versorgung gesucht hätte. Gott wäre treu gewesen, er hätte sich um ihn gekümmert und alle seine Verheißungen an ihn erfüllt.
Wir machen oft den gleichen Fehler wie Abraham. Wir betrachten unsere Situation, vergessen, dass Gott unser Versorger und Beschützer ist, und ersetzen das, was er in seinem Wort gesagt hat, durch unseren eigenen Plan. Die Begründung – ausgesprochen oder nicht – ist, dass sein Weg nicht funktionieren wird. Außerdem glauben wir, dass Gott verstehen wird, warum wir die Richtung ändern mussten. Aber der einzige Plan, der scheitern wird, ist unser Plan.
Wahre Nachfolge ist, das zu tun, was Gott sagt, wann er es sagt und wie er es sagt. Jede Veränderung ist Ungehorsam. Wenn wir versucht sind, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, müssen wir uns daran erinnern, dass Gott uns in diese Situation gebracht hat, damit wir lernen, uns ganz auf ihn zu verlassen und auf seine Verheißungen zu vertrauen.
Beziehungen wie bei Jennifer erlebe ich gerade bei jungen Christen häufiger, als mir lieb ist. Natürlich bleibt es nie bei dem ersten Schritt. Wenn wir der Angst nachgeben, sind wir bereit, unser wertvollstes Gut zu opfern, um die Gunst anderer zu gewinnen.
Abrahams erster falscher Schritt führte bald zu einem weiteren:
Als sie sich der Grenze Ägyptens näherten, sagte Abram zu seiner Frau Sarai: »Du bist eine sehr schöne Frau. Wenn die Ägypter dich sehen, werden sie sagen: ›Das ist seine Frau.‹ Dann wirst du zwar am Leben bleiben, mich aber werden sie töten. Gib dich doch als meine Schwester aus, damit die Ägypter mich gut behandeln und am Leben lassen, weil ihnen an dir gelegen ist.«
1. Mose 12,11-13
Aus Angst vor dem, was in Ägypten geschehen könnte, war Abraham bereit, seine Frau aufzugeben, um sein eigenes Leben zu retten, obwohl Gott versprochen hatte, ihn zu schützen.
Wenn wir der Angst nachgeben und Gottes Wege verlassen, entspinnt sich ein Kreislauf, der dazu führen kann, dass wir uns vor Gott verstecken. Ähnlich wie Adam und Eva im Paradies, die nach dem Essen der verbotenen Frucht versuchten, sich vor Gott zu verstecken, glauben wir, dass wir Teile unseres Lebens im Gebet ausblenden können. Solange wir Gott nichts davon erzählen, bekommt er es auch nicht mit. Auf Dauer führt das dazu, dass wir nicht mehr in die Gemeinde kommen wollen, weil wir Fragen nach unserem Leben und unserem Verhalten fürchten. Wenn wir die bedingungslosen Verheißungen Gottes vergessen, beginnen wir, Menschen zu fürchten.
Der Herr hatte Abraham große und weitreichende Verheißungen ohne Ausnahmen und Einschränkungen gegeben. Aber inmitten seiner Umstände bekam Abraham Angst und ging entgegen Gottes Willen nach Ägypten. Jetzt hatte er einen weiteren Grund, ängstlich zu sein. Er wusste, dass die Ägypter ihn töten konnten, um Sara zu bekommen, deren Schönheit sie begehrenswert und verletzlich machte.
Auf die gleiche Weise beginnen wir, in Angst statt im Glauben zu reagieren, wenn wir die bedingungslosen Verheißungen Gottes in seinem Wort vergessen. Dann landen wir dort, wo wir nicht sein sollten, tun, was wir nicht tun sollten, fühlen, was wir nicht fühlen sollten, und zahlen einen Preis, den wir nicht bezahlen wollen.
Jennifer sagte mir später, dass es ihr am meisten leidtat, dass sie ihren Eltern Schmerzen zugefügt hatte: »Die haben mich kaum wiedererkannt.«
Wenn wir aufhören, Gott zu vertrauen, und Umstände fürchten, sind wir bereit, anderen Schmerzen und großen Schaden zuzufügen, um uns selbst zu schützen.
Abrahams Plan hielt die Ägypter davon ab, ihn zu töten, aber er kostete ihn seine Frau. Sara wurde zum Haus des Pharaos gebracht und im Gegenzug wurde Abraham gut behandelt und erhielt Schafe, Ochsen, Esel, Kamele und Diener. Obwohl nichts davon Gottes Wille war, war er Abraham trotz seines Ungehorsams treu und »bestrafte den Pharao und seinen ganzen Palast mit einer schweren Krankheit wegen Sarai, Abrams Frau« (Vers 17). Nicht nur Sara, sondern auch dem Pharao und seinem Haus hatte Abrahams Ungehorsam Schaden zugefügt. Sara wurde ihm zurückgegeben und der Pharao ließ Abraham und alles, was ihm gehörte, aus Ägypten hinausbegleiten (Vers 19-20). Der Herr griff ein, um Sara zu bewahren.
Abrahams Geschichte lehrt uns, dass Gott immer seine Versprechen hält, und sie warnt uns, dass die Angst uns dazu bringen kann, unser Vertrauen in Gott zu verlieren und aus seinem guten und vollkommenen Willen herauszutreten. Auch ich muss diese Wahrheit immer wieder hören. Was ist, wenn Gott mehr daran interessiert ist, mich zu verändern, als meine Umstände zu ändern? Ich bin vielleicht nicht immer in der idealen Situation, aber wo auch immer ich bin, ist dort, wo Gott durch und an mir wirkt.
Nachfolge in eine unbekannte Situation kann Angst machen. Aber gerade deshalb ist der einzig wirklich sichere Ort bei Gott. Konzentriere dich nicht so sehr auf das, was um dich herum geschieht, sondern konzentriere dich auf das, was Gott durch dich tut. Wenn wir die Situationen um uns herum unseren Fokus aufbrauchen lassen, verpassen wir die wichtigen Dinge, die Jesus uns sagt, und das, was er durch uns tun kann. Wenn sich dein Fokus auf Gott richtet, wird alles andere weniger überwältigend und wichtig. Am deutlichsten wird das in der wohl bekanntesten Geschichte Abrahams, seinem »Hier bin ich«-Moment.
Morija-Wege
Gott hatte Abraham einen Nachkommen versprochen und ihn mit der Verheißung gesegnet, dass er eines Tages Vater einer großen Nation sein würde. Jahre vergingen und schließlich bekam Sara einen Sohn. Die Verheißung war in Erfüllung gegangen. Nach unserer menschlichen Logik wäre die Geschichte nun mit einem Happy End abgeschlossen.
Nicht so in der Bibel, denn Abraham wurde auf die Probe gestellt. Sein Glaube sollte nicht in Isaak, sondern vollständig in Gott gegründet sein. Wäre er bereit, sein Liebstes für Gott hinzugeben, um ganz in ihm zu ruhen?
Diese Geschichte handelt nicht von einem unbarmherzigen Gott, der Menschenopfer verlangt, sondern von einer Prüfung durch Gott, ob Abraham wirklich ganz auf ihn ausgerichtet ist.
Abraham war sofort bereit, zu handeln. Er besprach sich nicht mit Sara, erklärte auch Isaak nicht, was ihm bevorstand. Er musste diesen Glaubensweg ganz allein gehen. Isaak sollte auf dem Berg Morija geopfert werden.
Morija-Wege sind einsam und voll innerer Kämpfe. Das Leben in der Nachfolge ist von solchen Wegen geprägt. Es sind die Momente, in denen sich alles entscheidet und aus denen wir gestärkt hervortreten.
Als ich dieses Buch plante, wusste ich, dass irgendwann ein Kapitel kommen würde, in dem es darum gehen würde, dass Abraham seinen Sohn Isaak opfern sollte. Wenn man einem anderen Menschen – egal ob gläubig oder nicht – diese Geschichte im Buch Genesis mit nur einem Satz zusammenfasst, erntet man mit ziemlicher Sicherheit große Augen und Kopfschütteln. »Der Gott, der ein solches Opfer fordert, soll dieser liebende Gott sein?«
Ich verstehe diese Frage. Es gehört schon mehr als ein wenig Small Talk dazu, zu verdeutlichen, worum es hier geht. Das war mir bereits bei der Planung des Buchs klar. Und dann wurde mein Sohn geboren. Erst jetzt konnte ich richtig begreifen, was das alles für Abraham bedeutet haben musste.
Wieder stand ich im Krankenhaus. Wieder war ich erschöpft und übermüdet. Wieder hatte ich Tränen in den Augen. Gleichzeitig war aber alles anders. Anni hatte gerade unseren Sohn Titus auf die Welt gebracht. Ich hatte sie noch nie so stark gesehen. Mich erfüllte ein unglaublicher Stolz auf meine Frau. Und nun konnte ich zum ersten Mal unseren Sohn im Arm halten. Es gab keinen schöneren Moment. Ich wusste: Ich werde alles tun, was mir möglich ist, damit dieser kleine Junge behütet und glücklich aufwachsen kann.
Abrahams und Saras Sohn Isaak wurde nach weiteren Jahrzehnten des Wartens geboren, aber Gott hatte sein Wort gehalten. Als Hundertjähriger hielt Abraham seinen Sohn im Arm. Die Verheißung hatte sich erfüllt. Es vergingen einige Jahre, in denen Abraham Isaak aufwachsen sah. Sein Sohn lernte krabbeln, laufen, sprechen. Er wuchs zu einem jungen Mann heran. Ich stelle mir vor, wie Abraham ihn manches Mal aus der Ferne beobachtete und von Stolz und Freude erfüllt war.
In der Bibel folgt dann ein einziger Satz: »Einige Zeit später stellte Gott Abraham auf die Probe« (1. Mose 22,1). Wieder ruft Gott einen Namen: »Abraham!« Und wieder antwortet jemand: »Hier bin ich.«
Mit diesem »Hier bin ich« bringt Abraham eine der größten und am häufigsten missverstandenen Begebenheiten der Bibel ins Rollen.
Die Geschichte der Opferung Isaaks ist keine Geschichte der richtigen oder falschen Handlung Abrahams. Es ist eine Geschichte der Treue Gottes.
Kill your Darlings
Wenn wir vor einer schwierigen Entscheidung oder Situation stehen, ist es wichtig, dass wir zwischen einer Prüfung und einer Versuchung unterscheiden. Gott lässt Prüfungen in unserem Leben zu, um uns in unserem Glauben zu stärken. Versuchungen kommen, um uns zu verführen und zu schwächen. Als Nachfolger werden wir zu verschiedenen Gelegenheiten sowohl Versuchungen als auch Prüfungen verschiedener Art und Größe begegnen. Es sind die Morija-Wege unseres Weges.
Abraham war viele Jahre mit Gott durch alle möglichen Schwierigkeiten und Nöte gegangen. Er hatte auf dem Weg Fehler gemacht, als er der Angst nachgab, aber er hatte auch seinen Glauben bewiesen, indem er dem Herrn gehorchte. Er hatte die Treue Gottes gesehen, der sein Versprechen, ihm einen Sohn zu schenken, gehalten hatte, obwohl es unmöglich schien. Als Sara neunzig und Abraham hundert Jahre alt war, wurde der versprochene Sohn Isaak geboren. Durch diesen Sohn wurden alle anderen Verheißungen, die Gott Abraham gegeben hatte, erfüllt.
Doch dann wurde Abraham von Gott aufgefordert, etwas zu tun, das nicht nur schockierend war, sondern auch seinen Verheißungen für die Zukunft zu widersprechen schien: »Nimm deinen einzigen Sohn Isaak, den du so lieb hast, und geh mit ihm ins Land Morija. Dort werde ich dir einen Berg zeigen, auf dem du Isaak als Brandopfer für mich opfern sollst« (1. Mose 22,2).
Es hatte so lange gedauert, bis Abraham diesen Sohn in den Armen halten konnte, und nun sagte Gott ihm, er solle ihn opfern. Die nächsten Worte versetzen mich immer wieder in Erstaunen. »Am nächsten Morgen stand Abraham früh auf. Er sattelte seinen Esel und nahm seinen Sohn Isaak sowie zwei seiner Diener mit. Dann spaltete er Holz für das Brandopfer und machte sich auf den Weg zu dem Ort, den Gott ihm genannt hatte« (Vers 3).
Wahrscheinlich rotierten Abrahams Gedanken, während er versuchte, diese Anweisung Gottes mit seinen bisherigen Verheißungen in Einklang zu bringen:
Von dir wird ein großes Volk abstammen. Ich will dich segnen und du sollst in der ganzen Welt bekannt sein. Ich will dich zum Segen für andere machen. Wer dich segnet, den werde ich auch segnen. Wer dich verflucht, den werde ich auch verfluchen. Alle Völker der Erde werden durch dich gesegnet werden.
1. Mose 12,2-3
Wie konnte all das geschehen, wenn Isaak tot war? Er war nicht nur für Abraham wichtig, sondern auch für die Erfüllung der Verheißungen Gottes. Dennoch war der Auftrag eindeutig: Abraham sollte Isaak opfern. Die Bezeichnung »deinen einzigen« macht deutlich, dass es um Isaak als Sohn der Verheißung ging. Ismael war zwar ebenfalls Abrahams Sohn, aber nicht der, durch den sich das Versprechen erfüllen sollte.
Auf den Morija-Wegen der Nachfolge werden Unverständnis und Treue einander gegenübergestellt. Wo musstest du etwas aufgeben, um Gott nachzufolgen? War es eine Beziehung, die enden musste? Oder der Abschied von einem Ort, von dem du dachtest, dass du zu ihm berufen wurdest? Das führt zu Unverständnis. Doch Unverständnis ist niemals eine akzeptable Entschuldigung dafür, etwas nicht zu tun, was Gott uns aufträgt.
Gott liebt uns und hat einen Plan und Zweck für unser Leben. Auch wenn wir vielleicht ein besseres Verständnis dafür haben wollen, wie alles funktionieren wird, schuldet Gott uns keine weiteren Erklärungen. Nachfolge bedeutet, dass wir tun, was er sagt, wann er es sagt, ob wir es verstehen oder nicht.
Abraham ist ein perfektes Beispiel dafür. Obwohl er nicht verstand, warum Gott ihn aufforderte, Isaak zu opfern, tat er genau das, was Gott ihm gesagt hatte.
Abrahams Glaube an Gott war unerschütterlich. Zu seinen Dienern sagte er: »Wartet hier mit dem Esel auf uns! … Der Junge und ich werden noch ein Stück weitergehen. Dort oben werden wir Gott anbeten und dann zu euch zurückkommen« (1. Mose 22,5).
Abraham ging fest davon aus, dass er und sein Sohn gemeinsam wieder vom Berg herabsteigen würden. Was für ein Vertrauen! Abrahams Glaube an Gott war so stark, dass er dachte: Selbst wenn ich Isaak opfern muss, so wird Gott ihn wieder zum Leben erwecken, um seine Verheißungen zu erfüllen (Hebräer 11,17-19).
Ich frage mich, was Isaak auf dem Weg zur Bergspitze gedacht hat. Er stellte nicht viele Fragen und gab sich mit den Antworten seines Vaters zufrieden. In gewisser Weise ist er ein kleines Abbild Abrahams. Er gehorcht seinem Vater, wie Abraham seinem göttlichen Vater gehorcht. Auf dem Berg angekommen, lässt er sich auf den Altar legen. Dass er hier zu einem zukünftigen Blick auf Jesus wird, der sich ja wirklich bis zum Tod geopfert hat, liegt nur zu deutlich auf der Hand. Im letzten Moment schenkt Gott die Lösung und erlöst Abraham und Isaak aus der Anspannung des Gehorsams. Abraham hat die Prüfung bestanden und wird von Gott gelobt und beschenkt. Jetzt bleibt nur noch die Frage, wie er das Ganze Sara erklären soll …
Nicht alle Menschen erfahren diese Erlösung, wie Abraham sie im letzten Moment erlebt hat. Gerade am Sterbebett treffe ich Menschen, die ihren letzten Weg gehen und die ganze Not eines dunklen Weges durchleiden. Manches waren sie bereit auf dem Berg Morija zu opfern. An anderes klammern sie sich mit letzter Kraft.
An einem Morgen saß ich am Bett einer sterbenden Frau. Mein Telefon hatte an diesem Tag schon früh geklingelt und ich war wenig glücklich über den Anruf. Ich sollte zu einer sterbenden Frau kommen, die ich nicht kannte. Ich wusste, dass es emotional anstrengend werden würde, und hatte eigentlich schon andere Dinge für den Morgen geplant. Doch die Pflicht rief.
Eine halbe Stunde später hielt ich ihre Hand. Sie war faltig und ein wenig kalt. Ihre Augen drifteten immer wieder hin und her. Ich betete. Ich fragte mich, ob sie mich überhaupt bemerkt hatte, als sie mich mit einem Mal mit einem klaren Blick anstarrte. Ich spürte eine kleine Gänsehaut. »Gott ruft mich. Aber ich kann nicht loslassen.« Die Worte kamen ganz leise über ihre Lippen. Ich beugte mich weiter vor und sie sagte es noch einmal. »Ich kann nicht loslassen.«
An was klammerst du dich mit aller Kraft? Was hast du so fest in deiner Hand, dass du sie nicht mehr für Gott öffnen kannst? Gott will dir nichts wegnehmen, sondern dir etwas Besseres geben. Er will sehen, dass du ihm vertraust. Du sollst nicht mitten auf dem Weg stehen bleiben, wenn Gott noch ein größeres Ziel für dich vorbereitet hat. Hast du dich an einem Ort niedergelassen, den Gott für dich vorgesehen hat? Schlag dein Lager nicht auf, bis du dort bist, wo er dich hinruft.
Gottes Plan ist nicht immer der Weg, den du gehen willst. Aber andererseits hat er nie gesagt, dass es leicht sein würde – nur, dass es sich lohnen würde. Und vielleicht bedeutet das, Dinge auf dem Berg Morija zurückzulassen. Nicht jeder Mensch, jeder Ort und jede Beziehung ist gut für dich. Setze dich noch heute hin und gehe dein Leben im Gebet durch. Welche Bereiche sorgen dafür, dass du Gottes Stimme nicht mehr richtig hörst? Halten dir andere Menschen die Ohren zu? Lenkt dich ein Hobby oder eine Angewohnheit ab? Was musst du opfern, um Gott treu zu sein?
Es ist nicht immer einfach, Gott zu folgen. Aber jedes willige Ja zu Gottes – auch schweren – Wegen schließt reichen Segen in sich.
Der Engel des Herrn sprach Abraham nach diesem Glaubenssieg feierlich vielfache Segnungen zu (1. Mose 22,15-18). Diese Verheißungen sind bereits teilweise in Erfüllung gegangen und werden sich noch ganz anders erfüllen (Offenbarung 21,24-27). Abraham machte nicht viele Worte über all das, was er erlebt hatte, sondern kehrte in seinen Alltag zurück.
Dass er den Berg »Gottes Schau« nannte, zeigt, dass er hier in noch größere Tiefen geblickt hat. Er hat den lebendigen Gott gesehen, den Gott der zukünftigen Zeiten. Wir haben es in dieser Hinsicht durch Jesus Christus und sein Wort noch leichter.
Abrahams Geschichte lehrt uns, dass wir niemals verlieren werden, wenn wir Gott nachfolgen. Obwohl er uns nicht wie Abraham bitten wird, buchstäblich jemanden zu opfern, wird er uns bitten, Menschen, Dinge oder Träume, die uns lieb sind, freizulassen, um ihm treu zu gehorchen. Treue ist kein Gefühl, sondern eine Wahl, die man treffen kann – selbst inmitten großer Herausforderung.
Ich bin kein Abraham
Ich will ehrlich sein. Ich bin kein Abraham. Vielleicht hast du dich beim Lesen auch immer wieder mit ihm verglichen und bist ein bisschen verzweifelt. So zumindest erging es mir.
In meiner dunklen Zeit suchte ich in der Bibel nach einer Verheißung, an die ich mich klammern konnte. Ich las: »Abraham zweifelte nicht und vertraute auf die Zusage Gottes. Ja, sein Glaube wuchs sogar noch, und damit ehrte er Gott. Er war vollkommen überzeugt davon, dass Gott das, was er versprochen hat, auch tun kann« (Römer 4,20-21).
Während ich Abrahams Glauben bewunderte, frustrierte mich dieser Abschnitt gleichzeitig. Natürlich hat Abraham nie gezögert. Warum sollte er auch? Er hatte ein direktes Wort von Gott! Hätte ich ein direktes Versprechen von Gott, dann würde ich mich auch damit zufriedengeben. Abraham konnte ins Unbekannte losziehen, er konnte auf seinen Sohn warten, er konnte mit Isaak auf den Berg steigen, weil er wusste, dass er am Ende bekommen würde, was er wollte. Genau so etwas wollte ich erleben. Deshalb bat ich Gott immer wieder um ein Zeichen.
Aber es kam keins. Kein Vers. Keine Bestätigung. Nur Schweigen zu diesem Thema. Jahrelang. Und am Ende war Gottes Antwort »Nein«. Und immer, wenn ich diese Stelle im Römerbrief las, tat es irgendwie weh.
Das dauerte bis zu den Wochen meiner Auszeit, die schließlich auch zu diesen Seiten geführt haben. Wieder fühlte ich mich von Abraham getrennt und beschloss, sein Leben im ersten Buch Mose genau zu betrachten. Ich sah Abrahams Menschlichkeit, wie er manchmal an Gottes Schutz zweifelte. Er versuchte sogar mehrmals, Gottes Verheißung auf eigene Faust zu erfüllen. Vielleicht dachte er, Gott brauche seine Hilfe und seinen Einfallsreichtum.
Mit diesem Teil kann ich mich identifizieren. Abrahams Kampf mit der Ungeduld kommt mir nur allzu bekannt vor. Zu oft habe ich versucht, Gott bei der Erfüllung seiner Pläne zu helfen – das heißt, der Pläne, die ich ihm gerne geben würde. Pläne, die mir das geben würden, was ich will. Von dem ich denke, dass ich es verdiene.
Dabei hatte ich Abraham die ganze Zeit unrecht getan. Gott arbeitete, während Abraham wartete. Er formte seinen Charakter. Er lehrte ihn Geduld. Er baute eine Freundschaft auf. In dieser fünfundzwanzigjährigen Wartezeit auf seinen Sohn lernte Abraham Gott ganz genau kennen. Es waren diese scheinbar vergeudeten Jahre, in denen Gott ihn verwandelte. Und nach Jahrzehnten des Wartens war Abraham bereit für die höchste Prüfung seines Glaubens, als er gebeten wurde, Isaak, den Sohn der Verheißung, zu opfern. Den Sohn, auf den er gewartet hatte.
Und mit einem Mal bemerkte ich es. Die Antwort war schon immer da gewesen, ich hatte sie bloß nicht gesehen. Abrahams Glaube war nicht in der Verheißung seines Sohnes verwurzelt. Wenn es so gewesen wäre, wäre er niemals zur Opferung mit Isaak auf den Berg gestiegen. Er hätte nicht aufgegeben, was Gott ihm Jahre zuvor versprochen hatte. Er hätte sich fest an Isaak geklammert und ihn über alles andere gestellt. Denn in Isaak war die Verheißung Gottes an Abraham in Erfüllung gegangen.
Abraham klammerte sich nicht an eine eigene Vorstellung davon, wie Gott seine Verheißung zu erfüllen hatte. Gott konnte seine Verheißung auf jede Weise erfüllen, die er wollte. Selbst wenn das bedeutete, Isaak von den Toten zu erwecken (Hebräer 11,19). Daher lag Abrahams Glaube letztlich in der Vertrauenswürdigkeit Gottes.
Abrahams Glaube basierte nicht auf dem, was Gott für ihn tun würde, sondern auf Gott selbst. Deshalb war Abraham bereit, ein Risiko einzugehen. Er konnte alles tun, was Gott von ihm verlangte. Er hielt nicht an einem bestimmten Ergebnis fest. Er hielt an Gott fest. Abrahams Warten stärkte seinen Glauben. Es lehrte ihn Gottes Wege. Zeigte ihm Gottes Treue. Abraham wusste, dass Gott ihm alles geben würde, was er brauchte.
Abraham wurde zu einem großen Volk. Sein »Hier bin ich« setzte dafür den Anfang. Dafür lebte er an einem Ort, der auf den ersten Blick unwirtlich und wenig einladend aussieht. Wer will schon in einer Wüste wohnen und dann den eigenen Sohn mit zu einem Opferaltar nehmen, der nach Herr der Ringe klingt? Das Einzige, was diese Situation ändern konnte, war Gottes Wort. Und das traf mit Macht.
Heute habe ich die gleiche Gewissheit wie Abraham – dass Gott mir alles, was ich brauche, zur Verfügung stellen wird. Vielleicht lässt Gott uns heute aus den gleichen Gründen warten, aus denen er Abraham warten ließ. Um unseren Glauben zu schmieden. Um uns auf seine Stimme aufmerksam zu machen. Um unsere Beziehung zu ihm zu vertiefen. Um unser Vertrauen zu festigen. Um uns auf den Dienst vorzubereiten. Um uns immer mehr in sein Ebenbild zu verwandeln.
Im Rückblick sehe ich, dass Gottes Schweigen für mich die wertvollste Antwort war, die er mir hätte geben können. Sie lässt mich an ihm festhalten statt an meiner eigenen Vorstellung von Erfolg. Gott weiß, was ich brauche. Ich weiß es nicht. Er sieht die Zukunft. Ich nicht. Seine Perspektive ist ewig. Meine nicht.
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DIE ZWEITE NACHT – NACHFOLGE IST BEZIEHUNG
Vor den majestätischen Bergketten zu stehen, versetzte mich in ehrfürchtiges Staunen. Ich hätte vorher nicht gedacht, dass ich mich derart klein fühlen könnte. Hinter jeder Biegung und jeder Klippe wartete eine neue Bergkette, die noch größer war als die vorherige.
Ich habe immer wieder mit Theologen zu tun, die unsere Unwissenheit über Gottes Handeln als den Hauptgrund für unser Staunen über ihn anführen. Sie reden vom geheimnisvollen Gott, dem wir nur mit Staunen gegenüberstehen können, weil wir nichts über ihn wissen. Meistens verstehe ich das nicht. Ich fühle mich nicht zu Menschen hingezogen, über die ich nichts weiß, und ein Gott, von dem ich keinerlei Kenntnis habe, ist mir eher unheimlich. Der Ansatz von Paulus ist ganz anders. Er würde sagen, dass Gott am meisten verherrlicht wird, wenn wir fassungslos sind, ihn bewundern und anbeten und uns ihm freudig unterwerfen wegen dem, was wir über ihn wissen, und nicht wegen dem, was wir nicht über ihn wissen.
Nachfolger sind nicht die Menschen, die sich damit begnügen, in den Ausläufern der Offenbarung zu leben. Ein Verschleiern von Gottes Größe und Herrlichkeit hinter dem Wort »Mysterium« ist alles andere als befriedigend. Die Nachfolge vergrößert gerade den Hunger nach Offenbarung und Intimität mit Gott immer mehr. Abraham und Sara wussten, dass Gott ihnen die Berufung gegeben hatte, sich nicht zu verstecken. Sie wussten, dass Gott nicht geehrt wird, wenn sie im Tal warten und endlos den Wert der unerforschten Geheimnisse preisen. Abraham musste auf den Berg steigen, um Gott immer näher kennenzulernen. Hätte Abraham kein Vertrauen, keine Kenntnis Gottes gehabt, hätte er seinen Morija-Weg nicht gehen können.
Auf meiner Bergwanderung entwickelte ich einen neuen Hunger nach Gott. Mit einem Mal spürte ich, wie sehr mir seine Nähe fehlte. Ich sank auf die Knie und betete. Länger als ich es in den Monaten zuvor getan hatte. Ich sagte nicht viel. Eigentlich immer wieder das Gleiche. Ich sagte Gott, dass ich da war. Hier bin ich. Hier bin ich. Hier bin ich. Sende mich. Es war ein einsamer und zugleich befreiender Moment. Ich hatte das nicht geplant. Es kam einfach so, weil es in diesem Moment genau richtig war. Ich wusste, dass ich genau dort im feuchten Gras zu Gott sprechen musste.
Der christliche Glaube steht seit zwei Jahrtausenden dafür, dass Veränderung möglich ist, ein tiefer, grundlegender Wandel. Gott ist in der Lage, ein ehemals gefühlloses und unsensibles Herz zu erweichen. Es ist möglich, sich nicht mehr von Bitterkeit und Wut beherrschen zu lassen. Die Bibel geht davon aus, dass Gott der entscheidende Faktor ist, der uns zu dem macht, was wir sein sollen.
Genau dafür betete ich in dieser Nacht unter dem Sternenhimmel. Ich wollte Gott immer besser kennenlernen. Was hatte mein Leben für einen Sinn, wenn ich nicht in der Lage war, mit meinem Schöpfer in einer engen Beziehung zu leben? Welchen Lauf würde mein Leben nehmen, wenn es nicht Gott war, der den Weg vorgab?
Pulsuz fraqment bitdi.