Kitabı oxu: «Niccoló und die drei Schönen»

Şrift:

Gunter Preuß

NICCOLÒ

und die drei Schönen

pernobilis edition

Bibliografische Information durch Die Deutsche Bibliothek:

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2014)

pernobilis edition

im

Engelsdorfer Verlag

Alle Rechte beim Autor

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014

Die Liebe allein versteht das Geheimnis,

andere zu beschenken

und dabei selbst reich zu werden.

(Clemens Brentano)

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Zitat

1. Teil: Paula Klett

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2. Teil: Imke Liebstöckel

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3. Teil: Niccolò und Rebekka Mandelstern

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1. Teil: Paula Klette
1.

Niccolò drückte die Tür des Häuschens hinter sich zu, in dem er mit seiner Mutter und seinem Großvater wohnte. Hüpfend lief er die abschüssige Straße hinunter. Sie führte aus der Siedlung zur kleinen Stadt Scheunitz, die sich am Rand des Auenwaldes lang und schmal hinzog. Auf der einen Seite seines Schulwegs standen Einfamilienhäusern, vor denen hinter niedrigen Zäunen frisch gepflanzte Stiefmütterchen und Primeln dem andauernden Wintergrau bunte Tupfer aufsetzten. Auf der anderen Seite breitete sich ein dunkelerdiges Feld aus, auf dem es grün spross. Am Horizont waren die Spitzen der beiden Hochhäuser der Großstadt L. zu sehen.

Der frühe Morgen war ganz nach Niccolòs Geschmack. Die Sonne stieg wie ein orangefarbener Fesselballon auf. Obwohl der Frühling nach dem Kalender noch nicht begonnen hatte, würde es heute wohl warm werden. Niccolò liebte die Sonne. Aber er mochte auch den Regen. Ihm gefielen die Blumen, die Tiere, und überhaupt das ganze Leben. Doch am meisten liebte er seine Mutter. Gleich danach kam der Großvater. Den dritten Platz hatte bisher sein Freund Ole Grabow eingenommen. Niccolò wusste nur nicht, wie er die drei Schönen, die sich plötzlich in sein Leben gedrängt hatten, einordnen sollte.

Niccolò war zwölf Jahre alt. Bisher hatte er sich wie alle Jungen seines Alters hauptsächlich für die Fußballbundesliga, die Autorennen der Formel 1 und Computerspiele interessiert. Etwas Aufregenderes als ein Championligaspiel zwischen Bayern München und Manchester United hatte er sich nicht vorstellen können. Doch dann hatte sein Herz innerhalb von ein paar Wochen dreimal heftig zu klopfen begonnen. Das Blut war ihm in den Kopf geschossen, als hätte einer seiner brasilianischen Lieblingsfußballer gerade ein Traumtor erzielt.

Den ersten „Schwindelanfall“ hatte er bei der Weihnachtsfeier in der Schule bekommen. Da hatte er noch geglaubt, dass dahinter eine Erkältung steckte und ein plötzliches Fieber ihn verwirrte. Alle Schüler und Lehrer hatten sich vor den Ferien in der Aula versammelt. Die kleine Bühne war weihnachtlich geschmückt. Der Schulchor sang alte und neue Weihnachtslieder. Niccolò hatte leise mitgesungen. Doch dann hatte er nur noch eine Stimme gehört. Hell und weit schwingend, wie Glockenläuten in einer Sternennacht, hatte sie geklungen – „ ... Al-les schläft, ein-sam wacht nur das trau-te, hochhei-li-ge Paar. Hol-der Knabe im lok-ki-gen Haar, schlaf in himm-li-scher Ruh, schlaf in himm-li-scher Ruh! ...“

Er war auf seinen Stuhl gestiegen und hatte die Bühne abgesucht. Die Aufregung hatte ihn heftig schlucken lassen, seine Kehle war trocken, und hinter der Stirn schienen ihn tausend Nadeln zu pieken. Einen Sänger nach dem anderen sortierte er aus, und mit einmal war er sich sicher: Ihr gehörte die traumhafte Stimme! Bevor die Feier zu Ende war, hatte er herausgefunden, wer sie war: Imke Liebstöckel, eine Schülerin der zehnten Klasse.

Nach den Weihnachtsferien, er war noch immer von Imke beeindruckt, da erlitt er den zweiten Schwindelanfall. Die untersten Klassen hatten eine neue Lehrerin bekommen. Die Jungen aus den höheren Klassen schickten scharfe Pfiffe hinter ihr her, wenn sie auf hochhackigen Schuhen, in einem glänzend schwarzen Lederrock und hautengem dunkelrotem Pulli vorbeiklackte. Sie nannten sie, wenn sie unter sich waren, nach dem mexikanischen Vulkan „Señorita Popocatepetl“. Mehr noch als von den anderen äußeren Reizen der neuen Lehrerin, fühlte Niccolò sich von ihren geheimnisvollen dunklen Augen angezogen. Einmal war er ihr ziemlich nahe gekommen, als sie in einer Unterrichtspause über den langen Schulflur durch eine enge Gasse von gaffenden und pfeifenden Jungen gehen musste. Der Stoß Bücher, den sie vor sich hertrug, war ihr aus den Händen gerutscht. Niccolò sprang hinzu und half ihr die Bücher aufzusammeln. Sie knieten einander gegenüber, beim Vorbeugen stießen ihre Stirnen zusammen und sie mussten lachen. Als die junge Frau längst im Lehrerzimmer verschwunden war, atmete Niccolò noch ihren Duft, der ihn in Unruhe versetzte. Die zweite Schöne hieß Rebekka Mandelstern und war erst vor ein paar Jahren von Israel nach Deutschland gekommen. Sie hatte hier studiert und unterrichtete nun an ihrer ersten Schule. Mehr konnte Niccolò erst einmal nicht über sie erfahren.

Keine Woche später war Niccolò zum dritten Mal ins Schlingern gekommen, als wäre er ein winziges Schiff, das auf hoher See in einen Sturm geraten war. Das passierte in der Hofpause. Niccolò und sein Freund Ole waren einem Papierflieger nachgerannt, den der Wind über den Schulhof trieb. Ole, lang aufgeschossen, mit Burattinonase, war plötzlich stehen geblieben, weil er sich wohl schämte, wie ein Erstklässler umherzuhaschen. Doch Niccolò war weitergerannt und hatte in hohen Sprüngen nach dem wirbelnden Papier gegriffen. Dann war er mit irgendetwas zusammengestoßen.

Als er die Augen wieder öffnete, saß er neben Paula Klette auf dem Schulhof. Seit seiner Einschulung ging er mit ihr in dieselbe Klasse. Im Klassenzimmer saß sie eine Reihe vor ihm. In all den Jahren hatten sie nur ein paar Worte miteinander gewechselt.

Paula Klettes Augen rollten zornig hinter ihrer roten Herzbrille.

„He, kannst du denn nicht aufpassen, Rosenbusch!“

„Tut mir leid, Klette. Tut’s denn weh?“

„Du kannst vielleicht dreimal bekloppte Fragen stellen. Das wird bestimmt eine Beule wie ein Riesenkürbis. Warum musst du auch herumspringen wie ein verliebter Affe.“

„Wie springt denn der?“ Niccolò drückte die Faust auf seine schmerzende Stirn. Die zierliche Paula Klette hatte einen ziemlich harten Kopf.

„Der Affe springt gerade so wie du“, sagte Paula und kicherte.

„Aber ich bin überhaupt nicht verliebt“, entgegnete Niccolò.

„Und warum wirst du dann rot wie ein Feuerwehrauto?“

Niccolò stand auf, reichte Paula die Hand und zog sie hoch. Er wünschte „Gute Besserung“ und ging zu Ole, der in der Nähe der Großen stand, um ihre Gespräche aufzuschnappen.

„Welcher Intercity war denn da entgleist?“, wollte Ole wissen. Niccolò zuckte nur mit den Schultern.

In der nächsten Unterrichtsstunde starrte Niccolò auf Paulas Hinterkopf, bis sie sich umdrehte und fragte: „Ist bei dir vielleicht ein Backenzahn locker?“

„Nein, das nicht.“ Niccolò hielt seine kühlen Handflächen auf die heißen Wangen gepresst und schüttelte heftig den Kopf.

Nachts und auch am Tag träumte Niccolò von einer der drei Schönen. Da sang er mit Imke Liebstöckel im Duett die neusten Popsongs. Oder er übte mit Rebekka Mandelstern Schnellrechnen, und sie fragte ihn: „Na, Niccolò, wie viel ist 3’704 mal 8’592?“ Er sah in ihre schwarzen Augen und fand die Antwort: „31’824’768!“ Und dann wieder probierte er mit Paula Klette in einem Optikergeschäft Brillen, bis es ihm schwindlig wurde.

War es denn möglich, dass ihn die Liebe erwischt hatte? Im Fernsehen und im Kino hatte er jede Menge Liebesgeschichten gesehen. Das war ihm immer ziemlich langweilig gewesen. Er hatte nicht verstehen können, dass am nächsten Schultag die Mädchen über ihre Filmhelden schwärmten und manchmal sogar in Tränen ausbrachen. Noch nie hatte er davon gehört, dass ein Junge drei Mädchen geliebt hätte. Da war er aber in eine verrückte Geschichte hineingeraten. Er hatte absolut keine Ahnung, wie das weitergehen sollte.

Niccolò drehte sich auf seinem Schulweg immer wieder im Kreis und hielt Ausschau nach Paula Klette. Sie wohnte auch in der Siedlung und hatte denselben Schulweg wie er. Er hatte noch nicht herausbekommen, um welche Zeit sie am Morgen das Haus verließ. Ob er sich nun früher oder später auf den Weg machte – einmal war sie vor ihm im Klassenzimmer und das andere Mal später.

Auch ihr Lachen, dass gewöhnlich weithin schallte, war nicht zu hören. Es gehörte zu ihr wie die blonden Igelhaare und die Brille, deren Gläser in Herzform rot umrahmt waren. Niccolò hatte Paulas Lachen früher dumm gefunden. Jetzt fand er ihr Lachen einfach großartig. Jedes Mal war es ihm, als würde er ein Schwall Wasser abbekommen, in dem bunte Fische zappelten.

„He, Niccolò! Alter, hier bin ich!“

Ole saß auf einem Pfeiler des Friedhofzauns. Er ruderte mit den langen Armen, seine schrille Stimme klang mal wieder, als sei gerade Fürchterliches passiert.

Niccolò griff in die Schulterriemen seiner Schultasche und begann zu rennen.

2.

„Hierher!“, rief Ole und rutschte beiseite, damit Niccolò sich neben ihn auf den Pfeiler setzen konnte.

„Hier gibt’s was zu sehen“, sagte Ole. „Mach’s dir bequem?“

„Was gibt es denn schon zu sehen?“

Schüler aus verschiedenen Klassen standen zusammen, sie lachten und schrien durcheinander. Paula war nicht darunter. Niccolò sagte missmutig: „Der Unterricht fängt gleich an.“

„Unterricht haben wir jeden Tag“, erklärte Ole. Seine spitze Nase schnüffelte neugierig. „Aber hier passiert gerade ein Verbrechen.“

„Was spinnst du dir denn da wieder zurecht, Mann?“

Gegenüber dem Schülerpulk stand am Feldrand ein alter Lindenbaum. Ein Schäferhund sprang kläffend und zwischendrin aufjaulend am Stamm hoch. Die Zweige der Linde waren noch kahl. Im oberen Geäst entdeckte Niccolò eine graugetigerte Katze, die sich wie zu einem Ball zusammengerollt hatte.

„Pass jetzt auf“, sagte Ole. „Der Weimann aus der Zehnten wirft gut. Peng! Der hat gesessen!“

Die Wucht des Steins riss die Katze fast vom Ast. Ihre Vorderpfoten krallten noch im Holz, der Körper pendelt lang gestreckt hin und her, und erst nach Sekunden gelang es dem Tier, sich auf den Ast zurückzuziehen. Doch schon warf der nächste Junge unter dem Gejohle der anderen einen Stein, der sein Ziel aber verfehlte und mit Pfiffen quittiert wurde.

„Der Hauswald ist doch wohl blind“, meinte Ole. „Mal sehen, ob es Rudigkeit hinkriegt.“

Der Stein streifte die Katze nur. Sie stieß einen klagenden lang gezogenen Ton aus, der selbst das wilde Bellen des Schäferhundes und das Gegröle der Meute übertönte.

Niccolò drückte sich die Hände auf die Ohren und sah sich hilfesuchend um. Auf der Straße fuhren Autos langsam vorbei, weil sie am Bahnübergang stoppen mussten. Andere Erwachsene waren mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit, oder sie beeilten sich zu Fuß die nächste Straßenbahn zu erreichen. Keiner von ihnen schien die Steinigung der Katze zu bemerken.

„Das Katzenviech macht’s nicht mehr lange“, sagte Ole erregt. „Entweder ein Volltreffer erwischt sie. Oder der Köter beißt sie kaputt.“

„Nein“, widersprach Niccolò leise. „Nein, nein.“

„Misch dich da bloß nicht ein“, warnte Ole. „Oder bist du vielleicht lebensmüde? Die nehmen dich glatt auseinander. Und ich darf dich dann wieder zusammenbauen.“

Niccolò fröstelte, er schüttelte Oles Hand ab und rutschte vom Pfeiler. Ein Auto hielt gegenüber der Linde. Paula stieg aus, warf die Tür zu und stellte sich in die kleinere Gruppe der Mädchen, die den Steinewerfern zuschauten. Das Auto hupte kurz und fuhr weiter.

Niccolò sprang vom Zaunpfeiler und lief zu den anderen hinüber. Ole rief ihm hinterher: „Bleib hier, Niccolò! Sei doch nicht blöd! Du sollst hier bleiben, du Doofmann!“

Ein schmächtiger Junge hatte einem riesigen Jungen aus der Zehnten, der nach einem Filmmonster Godzilla genannt wurde, einen faustgroßen Stein in die Hand gedrückt. Godzilla wog den Stein in seiner Pranke und lachte siegessicher.

„Nun drück schon ab, Godzilla!“, drängte es aus der Gruppe. „Hau das Ding vom Ast!“

Godzilla holte mit dem Wurfarm weit aus. Da stellte sich Niccolò vor ihn. Der große Junge sagte ärgerlich: „Verschwinde, du Laus.“

Niccolò gehörte zu den Kleinsten in seiner Klasse und war auch sonst nicht von starkem Körperbau; er stellte sich auf Zehenspitzen und streckte beide Arme hoch. Er sagte ruhig, denn das Zittern und die Übelkeit waren nun verschwunden: „Hör auf damit. Bitte.“

Godzilla musterte ihn erstaunt und brach dann in dröhnendes Gelächter aus, in das die anderen einstimmten. Als Godzilla verstummte, schwieg auch sein Publikum. Der Junge sagte mit Bassstimme, die bei den Selbstlauten piepste: „Nun schieb schon ab, du Laus.“

Dann senkte er den Arm, schüttelte ihn und holte erneut zum Wurf aus. Doch Niccolò stand noch immer zwischen ihm und seinem Ziel.

„He“, sagte Godzilla unwirsch. „Was willst du eigentlich, kleiner Skunk?“

Ole hatte sich herangeschlichen, er kauerte hinter Niccolò, zupfte ihn an der Jacke und flüsterte heiser: „Komm endlich, Niccolò! Bei drei hauen wir ab! Auf mein Kommando: Eins – zwei – und drei!“

Ole rannte mit Indianergeheul davon. Niccolò rührte sich nicht vom Fleck. Er sagte: „Ich möchte, dass du die Katze in Ruhe lässt.“

„Und du meinst, irgendein Hosenscheißer kann mir irgendwas befehlen, was?“

„Ich habe bitte gesagt.“

„Du hast also bitte gesagt“, sagte Godzilla. „Und dafür soll ich dir wohl ein Mountainbike kaufen und dich jeden Abend in den Schlaf singen, was?“

„Nein“, sagte Niccolò. „Du sollst nur die Katze in Ruhe lassen.“

„Weißt du, dass du Laus mir langsam den Nerv tötest?“

„Bitte“, sagte Niccolò eindringlich. „Bitte hör auf damit.“

Godzilla sah ärgerlich und zugleich belustigt auf Niccolò herunter. Am liebsten hätte er wohl den Stein fallen und die Katze, die ihn ohnehin nicht interessierte, auf dem blöden Baum sitzen lassen. Aber da waren noch die anderen, Mädchen und Jungen, die ihn drängten, endlich zu werfen. Vor allem war da noch Lottelore, die den Spitznamen Loreley hatte, wie die Nixe auf dem Rheinfelsen, die mit ihrem Gesang die Fischer ins Verderben gelockt hatte. Auch von Lottelore hieß es, dass sie zuerst die Männer mit ihrer Schönheit verzauberte und dann unglücklich machte. Tatsächlich stöhnte mancher Junge, als hätte er Bauchkrämpfe, wenn Loreley in seiner Nähe war.

Loreley lehnte lässig an einem Gartenzaun, kämmte ihre über die Schultern fallenden roten Haare, blätterte dann in einer Illustrierten, rauchte und gähnte herzhaft.

Godzilla schaute zwischen Niccolò und Loreley hin und her. Dann sagte er wütend: „Na, dann sag hundertmal bitte. Nein, tausendmal. Aber beeile dich. Wegen dir Laus will ich mir keinen Bruch stehen.“

„Bitte“, sagte Niccolò, „bitte, bitte, bitte ...“, und in Gedanken zählte er mit. Er hatte zum elften Mal „bitte“ gesprochen, da brüllte Godzilla mit sich überschlagender Stimme: „Schafft mir diesen Skunk aus dem Weg! Haut ihm von mir aus die Ohren ab!“

Godzilla ließ den Stein fallen, wischte sich die Handflächen an seiner Lederjacke ab und stakste breitbeinig zu Loreley. Er legte ihr einen Arm um die Schultern, ließ sich eine angerauchte Zigarette zwischen die Lippen stecken und ging gemächlich mit seiner Freundin in Richtung Schule.

Ein Mädchen packte Niccolò bei den Haaren. Ein paar Jungen boxten auf ihn ein. Niccolò versuchte den Schlägen auszuweichen. Er krümmte sich, die Beine knickten ihm weg, er sackte auf den Erdboden. Da ließ die Meute von ihm ab und lief mit Geschrei weg.

Niccolò blieb noch ein paar Sekunden liegen. Die plötzliche Ruhe tat ihm gut. Erst jetzt spürte er bohrenden Schmerz im Kopf und im Bauch. Dann stützte er sich auf die Knie und stemmte sich hoch, bis er endlich auf beiden Beinen stand. Sein erster Blick galt der Katze. Sie saß in der Astgabel und leckte sich das Fell.

Niccolò lächelte. Er schaute sich um – Paula Klette war verschwunden. Von Ole war weit und breit nichts zu sehen. Auch der Schäferhund war weggelaufen.

Niccolò klopfte seine Sachen ab, rückte die Schultasche auf den Schultern zurecht und rannte hinkend zur Schule.

3.

Die Lessing-Schule stand an der vielbefahrenen Fernstraße. Nur ein paar Schritte entfernt gab es einen Metzger und Bäcker, eine Drogerie und den Friseur- und Kosmetiksalon „Elegant“. Hinter dem roten Klinkerbau der Schule befanden sich ehemalige Bauernhäuser, die in den letzten Jahren neue Dächer und helle Anstriche bekommen hatten. Ein steil abfallender Weg führte an einer kleinen Kirche, deren Turm wie ein zum Klappern hochgereckter Storchenschnabel aussah, vorbei in den Auenwald.

Niccolò trabte über den asphaltierten Schulhof, wischte sich den Schweiß von der Stirn und drückte auf die von unzähligen Handgriffen polierte Eisenklinke der Schultür. Die Tür war verschlossen, also hatte der Unterricht schon begonnen.

Niccolò morste mit dem Klingelknopf SOS. Nach einer Ewigkeit öffnete der Hausmeister die Tür. Herrn Heidicke nannten die Schüler Bismarck, was er gern hörte. Der Hausmeister war etwa dreißig Jahre alt, ein Männlein, das sich zackig bewegte, mit goldenen Händen, denn was auch kaputtging, er konnte es reparieren. Vor Prüfungen standen an der Pförtnerloge, die dem Hausmeister als Verkaufsstand diente, die Schüler Schlange. Wer zur deutschen Geschichte eine Frage hatte, dem konnte Bismarck sie leicht beantworten. Er wusste genau, wann und wo was geschehen war. Es hieß, er habe zu Hause eine Sammlung alter Waffen, zu der sogar ein Sauspieß aus dem Bauernkrieg und eine Flinte aus Napoleons Russlandfeldzug gehörten. Bismarcks Markenzeichen war ein Schnauzbart, dessen Enden mit Hilfe von Pomade bis zu den Augen hochgezwirbelt waren. Er war Dritter Vorsitzender des neugegründeten sächsischen Vereins „Deutscher Mann und Bart“.

Bismarck blieb im Türrahmen stehen und fragte streng: „Ja und?“

Niccolò stellte sich stramm hin, wie es der Hausmeister gern sah, und sagte: „Entschuldigung. Guten Tag. Ich bin spät dran. Lassen Sie mich bitte schnell rein.“

Der Hausmeister musterte ihn kopfschüttelnd, beugte sich nach draußen, spähte nach links und rechts und trat dann zögernd beiseite. Niccolò sprang die breite Treppe hoch, er hörte Bismarck noch rufen: „Soll ich dich nicht erst einmal verarzten, Junge?“

Niccolò huschte ins Klassenzimmer, murmelte eine Entschuldigung, ließ Herrn Wedekinds strafenden Blick über sich ergehen und setzte sich neben Ole.

Niccolòs Freund rutschte auf seinem Stuhl hin und her. Seine Langnase schnüffelte, als wollte sie Witterung aufnehmen. Er sah Niccolò immer wieder an; aber wenn der sich ihm zuwandte, blickte er weg.

Niccolò konnte sich nicht auf den Unterricht konzentrieren. In seinem Kopf schienen Wespen zu schwärmen, er fühlte sich matt und müde. Die leise Stimme des Lehrers, den sie Donnerhall nannten, störte ihn heute besonders. Es war Donnerhalls Sing-Sang anzuhören, dass er, wie er selbst sagte, gern Pfarrer geworden wäre. Aber dann hatte er in der damaligen DDR doch lieber Pädagogik, anstatt Theologie studiert. Er hätte sich nicht mit der Staatsmacht, der die Kirche ein Dorn im Auge war, anlegen wollen. Ein Held sei er nun mal nicht, sagte er, und im übrigen kenne er auch keinen.

Vor Niccolò saß Paula Klette. Ihm war, als tschilpten Spatzen aus ihren Stoppelhaaren. In seiner Phantasie versuchte er, sich in einen Sperling zu verwandeln und in Paulas Haarnest niederzulassen.

Niccolò flüsterte Ole zu: „Du musst nicht so herumrutschen. Das war in Ordnung, dass du dich nicht geprügelt hast.“

Ole raunte erleichtert zurück: „Was hätte ich denn auch tun können? Du hörst ja einfach nicht auf Onkel Ole. Die sind ja dann alle über dich hergefallen. Na, wenn ich einen von ihnen allein erwische, dann haue ich ihm alle fünfzig Zähne aus.“

„Zweiunddreißig“, korrigierte Niccolò und lachte schmerzhaft in seine Hand. „Bei einem Milchgebiss sind es zwölf weniger.“

Nun lachte auch Ole, sein Lachen war blechern, wie auf dem gefluteten Tagebau die Blesshühner bei Gefahr keckerten: „Kröck – pui, kröck – pui!“

Donnerhall rief auffahrend: „Bit-te!“ und sah Ole ein paar Sekunden lang durchdringend an.

Ole, der sich unwillkürlich geduckt hatte, flüsterte bald weiter: „Du siehst aus, als hättest du in einer Wäscheschleuder gesteckt. Tut das denn nicht weh, Alter?“

„Doch. Ja.“ Niccolò legte sich die kühle Hand auf die heiße Stirn. „Aber das ist nicht weiter schlimm.“

„Manchmal verstehe ich dich wirklich nicht, Niccolò. Ich an deiner Stelle wäre sauer wie eine Essiggurke. Ich würde mir wünschen, das Godzillamonster vor einem Millionenpublikum in der ersten Runde k. o. zu hauen. Hast du auch solche irre Angst, dich zu prügeln?“

Niccolò überlegte kurz. „Ich weiß nicht. Eigentlich nicht.“

„Aber Mensch, ja warum haust du dann nicht zu?“

„Mir ist es lieber, wenn es friedlich zugeht.“

Ole verdrehte die Augen. „Jaja, ich weiß. Du lässt dich lieber wegen einer blöden Katze zu Pflaumenmus verarbeiten.“

„Eine Katze ist nicht blöd“, entgegnete Niccolò. „Niemand ist blöd.“

„Und doch ist jemand blöd“, beharrte Ole.

„Wer denn?“

„Du, zum Beispiel. Weil du dir wegen einer blöden Katze ein blödes blaues Auge hauen lässt.“

Niccolò zuckte mit den Schultern. Vielleicht war er ja wirklich blöd. Aber was spielte das schon für eine Rolle. Er hatte ganz andere Sorgen. Seine größte Sorge saß eine Tischreihe vor ihm. Sie spuckte gerade auf die Gläser ihrer Herzbrille und polierte sie am Ärmel ihres gelbschwarz karierten Pullis. Paula Klette schien völlig vergessen zu haben, dass es ihn gab.

Niccolò beugte sich etwas vor und richtete seinen Blick auf Paulas Hinterkopf, um sie zu hypnotisieren. In einem Buch hatte er gelesen, dass man allein mit der Kraft seines Blickes einen anderen Menschen seinen Willen aufzwingen könne. Paula sollte sich umdrehen, die Sonnenstrahlen würden in ihrer Herzbrille golden aufflackern, und sie würde sagen: „Na, Niccolò? Wie geht’s denn so?“

„Gut“, würde Niccolò antworten. „Einwandfrei.“

Paula würde sagen: „Mir geht’s auch einwandfrei. Ich freue mich, dass es uns beiden gut geht.“

„Ich freue mich auch, Paula. Wirklich. Riesig.“

Niccolò, der das Kopfbrummen für Augenblicke nicht mehr gespürt hatte, fühlte erneut Schmerz. Ole knuffte ihn mit seiner knochigen Faust in die Rippen. Nun hörte Niccolò auch die gereizte Stimme des Lehrers: „Niccolò! Rosenbusch! Soll ich dir ein Rezept für ein Hörgerät ausstellen lassen?“

Die anderen lachten pflichtschuldig. Donnerhall war nicht gerade erfinderisch in seinem Spott. Aber er war beleidigt, wenn er keinen Beifall bekam.

Niccolò sprang auf und rief: „Hier!“

„Großartig, dass du noch da bist“, sagte der Lehrer. „Dann sei auch so gut und bewege dich zur Tafel.“

Niccolò ging nach vorn, verschränkte die Hände auf dem Rücken und sah in Donnerhalls kummervolles Gesicht. Darin war alles zu klein geraten und irgendwie starr, nur die hellen Augen wirkten lebendig. Sie huschten hin und her, nichts entging ihnen. Der Lehrer konnte anscheinend – wie manche Insekten – ohne den Kopf zu drehen in alle Richtungen sehen. Seine Hände fuhren über den kahl rasierten Schädel, als hätten sie eine schwer zu bändigende Haarfülle zu ordnen.

„Ich höre und höre, und ich höre immer noch“, sagte Donnerhall.

Niccolò wollte nur schnell auf seinen Platz zurück und den Hypnoseversuch fortsetzen. Eigentlich musste man dabei seinem Gegenüber in die Augen gucken. Aber Niccolò meinte, wenn er sich nur genügend konzentrierte, würde sein Blick auch durch Paulas Hinterkopf dringen.

Ole war von seinem Platz aufgestanden und gab ihm Flaggenzeichen, als wollte er ein Schiff davor bewahren, auf einen Eisberg aufzulaufen. Auch die anderen Mitschüler bemühten sich mit Grimassen, ihm anzuzeigen, was Donnerhall von ihm verlangt hatte.

Da sah Niccolò in Paula Klettes aufblitzende Brillengläser und begann wie auf Zuruf, ein Lied vorzusingen, das die Klasse auswendig lernen sollte. Es gehörte zu Donnerhalls Spezialitäten, seine Schüler Lieder aus dem Gesangbuch für die evangelisch-lutherische Landeskirche des Königreichs Sachsen lernen zu lassen. An jedem Montagmorgen musste die Klasse zu Beginn des Unterrichts ein neues Lied singen, wobei Donnerhall mit zuckenden Armen und artistischen Körperverrenkungen den Chor dirigierte. Bis zur Mittagspause hatten die Schüler das Lied modernisiert und rappten es ins Englische übersetzt auf dem Schulhof.

Niccolò sang für sein Leben gern. Seine Stimme war noch mädchenhaft hoch und doch schon männlich kräftig. Wenn er vorsang, hörten seine Mitschüler, die nur allzu gern über „Donnerhalls Musikantenstadel“ spotteten, gern zu. Der Lehrer bewegte sich nach kurzer innerer Gegenwehr zu Niccolòs Gesang wie eine Schlangentänzerin.

„Lasset uns mit Jesus ziehen,

seinem Vorbild folgen nach,

in der Welt der Welt entfliehen

auf der Bahn, die er uns brach,

immerfort zum Himmel reisen,

irdisch noch schon himmlisch sein,

glauben recht und leben rein,

in der Lieb den Glauben weisen.

Treuer Jesus, bleib bei mir,

gehe vor, ich folge dir.“

Als Niccolò endete, war es sekundenlang still. Donnerhall legte ihm die Hand auf den Kopf und sagte bewegt: „Danke.“ Die anderen klatschten, trampelten und pfiffen, bis der Lehrer ihnen energisch Ruhe gebot.

Niccolò setzte sich auf seinen Platz zurück und drückte Oles Hand.

„Du singst wie Robbie Williams, Alter“, lobte Ole. „Du wirst bestimmt mal ein Superstar. Ich werde dann dein Manager. Ist das okay so?“

Niccolò konzentrierte sich wieder auf die Hypnose von Paula Klette. Es konnte nur noch Sekunden dauern, bis sie sich umdrehen und ihn lachend ansehen würde. Ihre Schultern zuckten immer stärker, ihr Kopf nickte, drehte sich nach links und rechts ...

Nun aber musste sie sich endlich umdrehen und Niccolò ansehen – da ertönte der Pausengong und Paula Klette stürmte mit den anderen aus dem Klassenzimmer.

4.

Auch in den folgenden Unterrichtsstunden war es Niccolò nicht gelungen, seine Hypnoseversuche zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Entweder war sein Blick zu schwach, um Paulas Hinterkopf bis zu den Augen zu durchdringen, oder aber er ließ sich zu sehr von seinen Kopfschmerzen, Oles Geflüster und Donnerhalls Getöne ablenken.

Niccolò nahm sich vor, in der Hofpause Paula direkt in die Augen zu blicken. Bei dem Durcheinander und Geschrei im Speiseraum hatte das keinen Sinn. Hier musste man aufpassen, dass man überhaupt am Leben blieb. Aber dann würde er seine Chance nutzen.

Um die drei Rosskastanien, die zwischen ihren grünfingerigen Blättern harzige Knospen austrieben, gruppierten sich Schüler der verschiedenen Altersklassen.

Die „Pampers“, zu denen die Mädchen und Jungen der ersten bis vierten Klasse gehörten, haschten einander um den kleinsten Baum. Die Grundschule und der Hort waren neben dem Gymnasium in einem Flachbau untergebracht. Obwohl ein Drahtzaun die Kleinen von den Älteren trennte, fanden sie immer wieder ein Loch, um durchzuschlüpfen. Die älteren Schüler duldeten sie schließlich wie lästige Insekten, die man zwar für kurze Zeit verscheuchen, aber doch nicht für immer vertreiben kann.

Die mächtigste Kastanie, die den Mittelpunkt des Schulhofes bildete und in deren Stamm Herzen und Liebesschwüre eingekerbt waren, wurde von den „Eierköppen“ besetzt, zu denen man sich ab dem Besuch der zehnten Klasse rechnen durfte. Die Eierköppe wiederum bestanden aus drei Untergruppen. Die größte bildeten die „Neutralen“, die sich aus allem heraushielten und nach guten Zensuren strebten. Dann folgten die „Godzillas“, eben Godzilla mit seiner Anhängerschar. Und in der dritten Gruppe waren die „Glatzen“ vereint, rechte Skins, Faschos eben, die nicht alle wirklich eine Glatze hatten. Sie waren eine Hand voll Jungen und Mädchen, die von Josef aus der Elften kommandiert wurden. Der Junge war groß und durchtrainiert, die meisten Mädchen schwärmten von ihm. Aber die Jungen fürchteten seine kalte Freundlichkeit noch mehr als Godzillas tapsige Kraftmeierei.

Um den dritten Baum schließlich scharten sich die „Halben Pfunde“, die sich aus den Klassen fünf bis sieben zusammensetzten.

Die Jungen und Mädchen aus der Achten und Neunten, die „Hauspflaumen“, lehnten am rechten Ende des Schulgebäudes an der Hauswand, wo um die Mittagszeit die Sonne für ein paar Minuten wärmte.

Am Zaun zur Hauptstraße liefen die „Bolschewiken“ auf und ab. Es waren zwei Mädchen und drei Jungen, deren Familien – wie Donnerhall erzählt hatte – im siebzehnten Jahrhundert mit anderen Deutschen von der russischen Zarin Katharina II. an der Wolga angesiedelt wurden. Im Zweiten Weltkrieg hatte Stalin sie nach Zentralasien verbannt. Nun waren sie nach Deutschland zurückgekehrt und konnten sich einfach nicht an ihre neue Heimat gewöhnen.

Niccolò und Ole standen nebeneinander bei den Hauspflaumen. Ole, der nicht nur wie Burattinos älterer Bruder aussah, sondern auch so phantastisch lügen konnte, sagte: „Die Eierköppe wollen unbedingt, dass ich zu ihnen gehöre. Was soll der gute alte Onkel Ole auch noch bei den Halben Portionen oder den Hauspflaumen? Ich war ja schon erwachsen, als ich noch unter den Pampers herumhüpfte.“

Während Niccolò nach Paula ausschaute, die sich ungewöhnlich lange im Speiseraum aufhielt, schaute Ole sehnsüchtig zu den Eierköppen, wo Godzilla und Loreley eng umschlungen vor und zurück wippten. Godzilla nahm einen Zug aus der Zigarette, schob sie dann Loreley zwischen die Lippen, die daran sog, dass der Tabak aufglühte.

„Ich möchte meine Nase drauf wetten, dass die beiden Hasch kiffen“, sagte Ole abgestoßen und doch bewundernd. „So ein Riesendino, der Godzilla!“

Niccolò entzog sich Oles rüttelndem Griff. Paula hatte den Schulhof betreten. Sein Blick huschte zwischen den drei Schönen hin und her. Frau Mandelstern hatte Hofaufsicht. Sie wurde von den Pampers beschäftigt und musste die Kleinen trennen, von denen ein paar Jungen immer wieder zu Raufen begannen. Er hörte Frau Mandelstern in verschiedenen Sprachen schimpfen, drohen und bitten. Wenn sie mit Worten nichts erreichen konnte, warf sie ärgerlich die Arme empor. Aber bald lachte sie versöhnt, ließ ein Mädchen einen Taschenspiegel halten, kauerte sich davor, schminkte ihre Lippen nach und steckte sich die langen braunen Haare hoch.

Imke Liebstöckel, die zu den Eierköppen gehörte, lehnte abseits an der Gebäudewand und reckte ihr Gesicht der Sonne zu. Niccolò sah bewundernd, dass sie zu den Längsten ihrer Klasse gehörte. Selbst wenn er sich auf die Zehenspitzen wippen würde, überragte sie ihn noch um Kopflänge. Imkes Haare waren schulterlang, tiefschwarz gefärbt, dazwischen schienen winzige Sterne zu glitzern. Niccolò zählte dreizehn schwarze Ringe, die ihre Ohrränder und Nasenflügel zierten. Sie hatte immer lange und weite schwarze Kleider und Mäntel an, als wollte sie von sich so wenig wie möglich zu erkennen geben. Andererseits zog sie mit ihrer auffallenden Erscheinung die Blicke auf sich. Wenn sie sich mit ihren schwarzen Turnschuhen durch die Flure der Schule bewegte, sah es aus, als würde sie flach über dem Fußboden dahinschweben.

Imke Liebstöckel hatte die Augen geschlossen, ihr Körper zuckte kaum merklich. Auf ihren Ohren klemmten die Kopfhörer eines CD-Players, der in der Tasche ihres Kleides steckte. Das schöne Mädchen erschien Niccolò unerreichbar weit weg.

Da hörte Niccolò Paulas Lachen, und obwohl man es gewohnt war, schaute jeder unwillkürlich zu ihr hin. Niccolò fand, die Gelegenheit war günstig, seinen Hypnoseversuch erfolgreich zu gestalten.

Paula lehnte mit ihrer Freundin Carola Sanddorn Rücken an Rücken. Die Schöne hatte die Hände im Nacken verschränkt und sah zu zwei Jungen aus der Achten, die einander eine leere Coladose zuköpften. Der eine Junge hieß René Kiekhahn und galt als großes Fußballtalent. Die Herzbrille saß keck auf Paula Klettes murmeliger Nasenspitze, dass sie neugierig über den Brillenrand sehen konnte.

Niccolò spannte seine Muskeln an, sein Blick schleuderte einen Blitz, der sich in Paulas blaue Augen bohrte.

Und jubelte innerlich, als Paula nun nicht mehr René Kiekhahn, sondern ihn ansah. Sie blickte zwar böse, aber das würde sich schnell ändern.

Paula Klette sagte mit ihrer großartig piepsigen Stimme: „Warum schielst du denn so?“

„Ich schiele doch nicht“, sagte Niccolò, der sich ihre ersten an ihn gerichteten Worte ganz anders vorgestellt hatte.

„Und doch schielst du“, beharrte Paula. Sie wischte sich energisch mit dem Ärmel ihres Hemdes über die Nase.

Niccolò blickte zur Seite, dann nach oben und unten, und rollte seine Augen schließlich links- und dann rechtsherum. Dann sah er Paula wieder an.

„Ist es so besser?“

Paula nahm ihre Hände vom Nacken und löste sich von Carola Sanddorns Rücken.

„Was soll denn besser sein?“, sagte sie. „Du schielst, als wolltest du dreimal links um die Ecke sehen.“

Niccolò beauftragte seinen Hypnoseblick, Paula freundlicher zu stimmen. Sie sollte sagen: Das war doch nur Spaß, Niccolò. Wie geht’s denn so?

Doch Paula rief: „Sieh doch mal, Carola. Wie gemein der Rosenbusch schielt!“

„Soll er doch schielen“, sagte Carola Sanddorn gelangweilt. „Alle Jungen sind schwer behindert und schielen. Wusstest du das denn noch nicht?“

„Wusste ich nicht“, sagte Paula Klette. „Ich weiß nur, dass Rosenbusch mächtig schielt.“

An Paula versagte anscheinend die Macht der Hypnose. Niccolò begann am Wahrheitsgehalt des Buches Die Kraft der Gedanken zu zweifeln. Er sagte freundlich: „Es macht mir nichts aus, wenn du sagst, dass ich schiele, Paula. Aber du schielst ja viel mehr. Einfach wunderbar, wie du schielst.“

Paula errötete jäh, für einen Augenblick schienen sogar ihre Igelhaare in Flammen zu stehen. Sie flüsterte krächzend, als hätte sie Niccolò ein Geheimnis mitzuteilen: „Ich schie-le doch ni-cht.“

Niccolò, der sich in den Gefühlen der Mädchen nicht auskannte, meinte, dass eine Freudenwelle Paula überrollt hätte. Also hatte Ole recht, wenn er behauptete: „Die Weiber wollen doch nur Komplimente hören.“

„Ich habe noch nie jemand so schielen sehen wie dich, Paula. Ich finde, du schielst wundervoll.“

Paula wurde von einer zweiten Hitzewelle erfasst, nach der sie jedoch erbleichte. Sie zischelte: „Du spinnst doch wohl dreimal, Rosenbusch! Sag bloß nicht noch einmal, dass ich schielen würde!"

Niccolò wurde stutzig, irgend etwas stimmte da nicht. Er wollte sich vorsichtshalber entschuldigen, da sagte Ole: „Niccolò hat schwer recht. Na klar, du schielst umwerfend, Klette.“

„Halt du dich da raus, Grabow!“

„Ich sage dir, du schielst wie das Schielmonster im Gruselschocker Wenn der Tod eine schwarze Brille trägt.“

Paula schnappte nach Luft, ihr Mund stand weit offen, ihre Zahnspange blitzte im Sonnenlicht. Sie wollte etwas sagen, aber es war nur ein rabenähnliches „Krrchz, krrchz“ zu hören.

„Halt den Mund, Ole“, befahl Niccolò seinem Freund. Er konnte nicht mit ansehen, wie Paula Klette litt. Er sagte tröstend zur ihr: „Vielleicht schielst du ja auch gar nicht, Paula. Du schielst sogar kein bisschen.“

„Sie schielt aber doch“, beharrte Ole. „Mit dem Blick kannst du gleichzeitig nach oben und unten und nach rechts und links gucken.“

„Krrchz! Krrchz!“

Paula verschluckte sich, sie hustete und stieß Carola Sanddorn weg, die ihr auf die Schultern klopfen wollte. Dann spuckte sie aus, wischte sich mit dem Ärmel kreuz und quer übers Gesicht, rückte die Herzbrille zurecht, dass ihre Augen wieder hinter den getönten Gläsern verborgen waren. Sie sagte mit abgrundtiefer Verachtung: „Du bist ein saublöder, hundsgemeiner, ochsendummer Kerl, Rosenbusch. Und quatsche mich nur nie wieder an. Sonst haue ich dir auch noch dein anderes Auge blau.“

Für einen Augenblick verlor Niccolò sein Gleichgewicht, er musste sich an Oles Schulter festhalten. Er hörte sich stottern: „A – aber, aber ich wo – wollte dir doch nur sa – sagen ...“

„Dass du schielst, Klette“, ergänzte Ole ungerührt.

Da gab es einen Knall, Niccolò sah in ein Feuerwerk und schwankte. Als er endlich wieder klar sehen konnte, erklärte Ole ihm, dass Paula ihm eine einwandfreie Ohrfeige versetzt hätte.

5.

Auf dem Nachhauseweg schwiegen die beiden Freunde. Niccolò stand noch immer unter Schock. Ole fühlte sich anscheinend auch nicht gut. Er wurde schweigsamer, je näher er seinem Zuhause kam.

Niccolò ging mit Ole, obwohl das ein Umweg für ihn war. Der Freund wohnte mit seinen Eltern am anderen Ende der Siedlung, in der „Gammel- Bude“, wie Ole das heruntergekommene Einfamilienhaus nannte, das in einem großen verwilderten Garten stand. Das Grundstück wurde von einem Bahndamm begrenzt, hinter dem die Züge vorbeipfiffen. Wenige Meter entfernt führte eine neue gebaute Bundesstraße zur Autobahn und zum nahegelegenen Flugplatz.

Sie standen vor dem wackeligen Holzzaun und schwiegen. Ole lauschte zum Haus hin. Hastig trug er dem Freund eines seiner vielen Mathe-Rätsel vor, als wollte er verhindern, dass der ihn allein ließ.

„Hör doch mal zu, Alter, welche Nuss der gute Onkel Ole da wieder geknackt hat: Charly, ein abenteuerlustiger und stets zu Rätseln und Denkaufgaben aufgelegter Globetrotter, berichtet am Lagerfeuer: ‚Ich ritt auf dem Rücken eines Maulesels mit gleichbleibender Geschwindigkeit von Bixley über Pixley nach Quixley.‘ Nach 40 Minuten fragte ich Don Pedro, den eingeborenen Führer, wie weit wir inzwischen wären. Don Pedro antwortete: ‚Wir haben gerade halb soviel hinter uns, wie wir bis Pixley vor uns haben.‘ Nach weiteren 7 Meilen fragte ich: ‚Wie weit ist es noch bis Quixley?‘ Und er sagte: ‚Halb so weit wie von hier bis Pixley.‘ Eine Stunde später erreichten wir Quixley.“

„Ja und?“, fragte Niccolò, der wenig Interesse an Oles Leidenschaft zeigte.

„Und nun, mein Alter, sollst du aus diesen Angaben folgendes rauskriegen“, fuhr Ole eifrig fort. „Erstens: Wie viele Meilen ist Bixley von Quixley entfernt? Zweitens: Wie viele Meilen legte mein Maulesel in einer Stunde zurück? Drittens: Wie viele Meilen ist Bixley von Pixley entfernt?“

Niccolò tat so, als überlegte er angestrengt, bis er die angehaltene Luft zischend ausstieß und sagte: „Teuflisch schwer.“

„Kindisch einfach“, entgegnete Ole zufrieden, er präsentierte Niccolò auch gleich die Ergebnisse und den Rechenweg mit der Flüchtigkeit eines Genies.

Niccolò wusste, dass Ole zu Hause Probleme hatten. Früher hatten sie in Oles Bodenkammer Spielerporträts von ihren Lieblingsfußballern getauscht, an Oles Computer experimentiert und miteinander geschwatzt. Wenn dann Oles Eltern nach Hause kamen, hatte es zwischen ihnen lauten Streit gegeben. Der Vater war fast zwei Meter lang, kantig und wortkarg. Er arbeitete auf dem Bau und war zwischendrin immer wieder arbeitslos. Es hieß, dass er mehr in den Kneipen des Städtchens als zu Hause sei. Die Mutter war klein und muskulös, sie trainierte Bodybuilding und hatte schon Wettkämpfe gewonnen. In ihrer Jugend hatte sie zu den Punks gehört, noch immer färbte sie ihre Haare grellrot oder hellgrün. Sie arbeitete in einem Supermarkt als Kassiererin. Ole hatte auch eine Schwester, die „Große“, sie verschwand öfter von zu Hause und tauchte dann wieder auf, ohne ein Wort zu verlieren.

Die Nachbarn waren sich einig, dass die Grabows „Assis“ wären, eben Leute, die sich nicht in das normale Leben einfügen könnten. Balanca, Niccolòs Großvater also, hingegen meinte, dass solche Reden „verschimmelter Schlauquark“ seien. Manche Menschen passten eben nur nicht zusammen, und je eher sie sich trennen würden, um so mehr Unheil könnten sie verhindern.

Dass Ole überhaupt das Gymnasium besuchte, war wohl nur einem Lehrer zu verdanken, der frühzeitig die außergewöhnliche mathematische Begabung des Jungen erkannt hatte. Es war ihm gelungen, Oles Eltern zu überzeugen, dass sie nicht das Recht hätten, ihrem Sohn einen höheren Bildungsweg vorzuenthalten. Ole löste im Handumdrehen die schwierigsten Matheaufgaben, und wo andere sich quälten, begann bei ihm der Spaß.

Manchmal fehlte Ole tagelang in der Schule. Es hieß, er sei krank. Wenn Niccolò bei ihm zu Hause klingelte, öffnete niemand. Oles Zimmerfenster blieb dann auch geschlossen, wenn Niccolò kleine Steine gegen die Scheibe warf. Nur die Gardine wurde leicht bewegt.

„Ist noch was?“, fragte Ole, als Niccolò sich schon verabschiedet hatte und doch stehen blieb.

Niccolò stöhnte leise und druckste dann: „Sag mal, Ole, wie sehe ich eigentlich aus?“

„Wie sollst du denn aussehen? Wie immer, denk ich mal.“

„Versuch doch mal zu gucken, als ob du ein Mädchen wärst.“

Ole bohrte mit dem kleinen Finger in der Nase, ein sicheres Zeichen, dass er schwer am Überlegen war. Schließlich fragte er: „Wie guckt denn so ein Weib? Weißt du das vielleicht?“

Niccolò zuckte bedauernd die Schultern und sagte: „Guck einfach mal.“

Er hielt sein Gesicht dicht vor Oles Augen.

„Hast du überhaupt eine Ahnung, wie schwer das für einen Mann ist“, sagte Ole, hielt den Kopf schief und klimperte mit den Augenlidern.

„Nun? Wie findest du mich?“

„Tja“, sagte Ole und rieb sich das Kinn. „Wenn ich wie ein Mädchen gucke, siehst du ziemlich blöd aus. Aber wenn ich dich wie ein Junge ansehe, siehst du ganz normal aus.“

„So ist das also.“ Niccolò senkte betrübt den Kopf. „Danke, Ole. Nun weiß ich also die Wahrheit.“

„Was denn für eine Wahrheit, Mann?“ Ole war selbst schlechter Laune, wenn sein Freund nicht froh war.

Als Niccolò beharrlich schwieg, sagte Ole: „Denke nicht, dass ich völlig ahnungslos bin. Ich weiß nämlich, was mit dir los ist. Denn geisteskrank bin ich nicht.“

„Was soll denn mit mir los sein?“

„Du bist krank, Mann. Schwer krank bist du. Dich hat nämlich die Liebe gepackt!“

„Meinst du wirklich?“, fragte Niccolò zaghaft. „Na, wie geht denn so was?“

„Das geht ganz einfach“, antwortete Ole, als könnte er auf ein erfahrungsreiches Leben zurückblicken. Er angelte eine zerknitterte Zigarette aus der Jackentasche, zündete sie an, paffte wie eine alte Dampflok, hustete und spuckte angeekelt aus. „Willst du auch mal zie-ziehen? Schme-schmeckt einwand-frei.“

„Nein, danke“, sagte Niccolò. „Und wie einfach geht die Liebe nun?“

„Du musst dir einen Schnupfen vorstellen“, erklärte Ole und sog mit verdrehten Augen erneut an der Zigarette. „Manchmal kann es auch wie eine Grippe sein. Ich kenne das von Ramona, unserer Großen. Die ist jeden Monat mindesten dreimal liebeskrank. Manchmal will sie sogar sterben.“

„Das kann ich gut verstehen“, sagte Niccolò mit leidender Stimme. „Und weiter?“

„Sie stirbt aber eben nicht“, berichtete Ole weiter. „Manchmal wäre es mir ganz recht. Sie nervt nämlich mit ihrem Geseufze und Gestöhne. Vor allem will das Weib dann immer ein anderes Fernsehprogramm sehen als ich.“

Nun seufzte und stöhnte auch Niccolò. Er malte sich aus, wie er an der Liebeskrankheit sterben würde. Die drei Schönen würden an seinem Grab stehen. Imke Liebstöckel würde ein Kirchenlied rappen. Rebekka Mandelstern müsste sich auf den Grabstein stützen und würde ihm eines der Bücher, die er aufzuheben geholfen hatte, unter die kalte Erde schieben. Paula Klette schließlich müsste sich von ihren Eltern führen lassen, unter ihrer Herzbrille würden die Tränen wie kleine Bäche hervorströmen. In der Trauerweide, die an seinem Grab stand, würden die Krähen sitzen und lautlos mit den Flügeln schlagen.

Niccolò musste die aufkommenden Tränen unterdrücken, da sagte Ole: „Es gibt etwa sechs Milliarden Menschen auf der Welt. Wie konntest du dich nur in die dusselige Sehkuh Klette verlieben? Das hätte selbst ich nicht ausrechnen können. Aber keine Bange, der gute Onkel Ole wird sich was ausdenken, womit du dich grausam an ihr rächen kannst.“

Die Freunde schlugen zum Abschied die Handflächen gegeneinander. Ole stieg über den Holzzaun und verschwand auf dem schmalen Weg durch das Gesträuch zur Haustür. Niccolò stapfte müde nach Hause.

6.

Als Niccolò zu Hause ankam, ließ auch er das Gartentor unbeachtet und stieg über den Zaun, wie sich das gehörte.

Das „Affenhaus“ seines Großvaters war nicht so fein herausgeputzt wie die meisten Nachbarhäuser. Die Siedlung war vor dem Krieg von arbeitslosen Eisenbahnern erbaut wurden, meist einstöckige Doppelhäuser mit ein paar kleinen Räumen und angebauten Hühner- und Kaninchenställen. Die Gärten waren schmal und lang, und wo jetzt Tannen und Ziersträucher wuchsen, wurden früher Gemüse und Futterrüben für ein Schwein angebaut. Jeder Quadratmeter Erdboden wurde genutzt, selbst noch um die Stämme der Obstbäume hatte man Kohl gepflanzt.

Die Urgroßeltern hatten auf der ehemaligen Müllhalde Stein auf Stein gesetzt, bis endlich das erträumte Haus stand. Wenn Niccolò nach „damals“ fragte, ließ der Großvater mit ein paar Bleistiftstrichen auf einem Blatt Papier Bilder entstehen, dass Niccolò sich gut vorstellen konnte, wie es hier ausgesehen hatte.

Das Affenhaus, dem der Großvater den Namen gegeben hatte, weil Niccolòs Mutter mit ihrem oft überschäumenden Temperament manchmal „verrückt spielte“, hatte zwei Gesichter. Während die Vorder- und Rückseite noch den oft ausgebesserten grauen Putz zeigte, war die Giebelseite frisch verputzt und lindgrün angestrichen. Die eine Dachhälfte war mit glasierten roten Ziegeln neu gedeckt, während auf der anderen Hälfte bei Sturm die alten Schindeln klapperten. Einige Fenster waren erneuert und der Schornstein neu gesetzt worden. Aber die Haustür war aus altersschwachem Holz und von einem Dieb, wie Balanca lachend meinte, mit einem Büchsenöffner zu knacken.

Nach dem Deutschland wieder eins wurde, hatte auch in der Siedlung eine rege Bautätigkeit begonnen, und aus manchem armseligen Häuschen war eine Villa geworden. Aber während in den Villen immer wieder einmal eingebrochen wurde, blieb das Affenhaus verschont. Die Diebe ahnten wohl, dass bei den Rosenbuschs keine Schätze zu finden waren.

Niccolò schloss die Haustür auf, blieb aber unentschlossen stehen. Heute verspürte er keine Lust, sich in seinem Zimmer an den Schreibtisch zu setzen und Hausaufgaben zu erledigen. Es zog ihn auch nicht an den Computer oder zu den Bolzern, die täglich auf dem Rasenflecken hinter dem „Kulturhaus“, der Siedlungskneipe, kickten.

Niccolò überlegte, ob er Manuela anrufen sollte. Aber die Mutter hatte ihm gesagt, dass er das nur in Ausnahmefällen, wenn es „lebenswichtig“ war, tun dürfe. Niccolò rief sie trotzdem täglich ein paarmal an. Aber heute wusste er nicht, was er ihr sagen sollte.

Und „Balanca“, so nannte Niccolòs Großvater sich seit seiner Zirkuszeit, war auch in der Arbeit. Er versuchte die Welt zu retten, wie er schmunzelnd sagte, dass sie nicht in ihrem eigenen Dreck, den sie täglich produzierte, erstickte. Er war beim Stadtreinigungsamt als Kehrwalzenfahrer angestellt; er aber nannte sich einfach nur Straßenkehrer. Manuela hörte das nicht gern, doch Balanca entgegnete, die Straße zu kehren sei eine ebenso ehrenwerte Tätigkeit wie als Clown im Zirkus aufzutreten oder als Bundeskanzler Deutschland zu regieren.

Niccolò setzte sich auf einen Baumstumpf und ließ sich von den Vögeln, die im Geäst der Birke hockten, etwas vorzwitschern. Er beneidete sie, wie sie ihr Gefieder in der Sonne plusterten und mit sich und der Welt zufrieden waren. Passte ihnen etwas nicht, erhoben sie sich in die Luft und flogen einfach davon.

Doch lange hielt Niccolò das Stillsitzen nichts aus; er schlenderte durch den Garten und blieb vor Großvaters „Atlantik“, dem Goldfischteich, stehen. Er nahm etwas Trockenfutter aus der Büchse, die zwischen Kieselsteinen steckte, ließ es auf die Wasseroberfläche rieseln und beobachtete die rot und silbern glänzenden Fische, die danach schnappten.

Als sich das Wasser wieder glättete, sah er vom Grund das Gesicht eines Jungen auftauchen. Es musste sein Gesicht sein, und doch erschien es ihm fremd. Wenn er bisher in einen Spiegel gesehen hatte, dann nur flüchtig und ohne mehr wahrzunehmen als eben irgendein Gesicht.

Doch heute sah er genauer hin.

„Na, Niccolò“, sagte er aufmunternd zu dem Gesicht im Teich. „Nun lass dich doch mal ansehen.“

Das Gesicht, das da von bunten Fischen umspielt wurde, wirkte blass gegen die schwarzlockigen Haare. Niccolò spuckte auf seine Handflächen und versuchte, die ungeliebten Locken zu glätten. Aber so sehr er sich auch mühte, die Haare wellten und kringelten sich bald wieder.

Nicht nur der Locken wegen erschien ihm sein Gesicht zu „niedlich“ oder gar „süß“, wie es manchmal Manuelas Kundinnen sagten, wenn die Mutter ihn als ihren Sohn vorstellte. Er wünschte sich auszusehen wie der vollbärtige und narbige Seeräuber „Stachelrochen“ aus dem Film „Kalt kommt der Tod auf hoher See“. Nur gegen seine Augen hatte Niccolò nichts einzuwenden. Sie waren fast so groß und dunkel wie die von Rebekka Mandelstern. Insgesamt aber fand er sein Aussehen einfach zu mädchenhaft. Er hoffte auf Großvaters Voraussage, dass bald die ersten Barthaare um sein Kinn und über der Oberlippe sprießen würden. Aber solange konnte er nicht warten, um Paula Klette zu erobern.

Niccolò wischte mit der Hand über das Wasser, dass es sich kräuselte. Die Fische huschten davon, das Spiegelbild erzitterte und verschwand schließlich. Als er aufstand war das Wasser grau und undurchsichtig, als sei es eine glänzende Steinplatte.

Niccolò musste etwas tun. Vielleicht war er ja wirklich liebeskrank, wie Ole behauptete. Bestimmt hatte er hohes Fieber und phantasierte stark. Jedenfalls fühlte er sich so. Man hatte ihm gelehrt, dass die mittlere Anzahl der Knochen eines jungen Menschen 200 beträgt, und nun erfuhr er, dass jeder einzelne ihm weh tat. Was aber sollte ein Mensch mit zweihundert kaputten Knochen und zweiundvierzig Grad Fieber tun? Balanca, der behauptete, sich in der Welt auszukennen wie in seiner Brieftasche, würde wohl sagen: Das Allerdümmste ist, sich selbst im Weg zu stehen.

Niccolò warf die Schultasche in den Hausflur, schloss die Tür wieder ab, zog sein Fahrrad aus dem Schuppen und fuhr eilig zur „Bolzacker“ hinter dem Kulturhaus. Er kam gerade recht zur Aufstellung der Mannschaften. Für die Nachmittagsstunden vergaß er alle Sorgen und Schmerzen. Selbst Paula Klette war in weite Ferne gerückt. Sein ganzes Leben schien an diesem runden Ding zu hängen, das meist dort herum sprang, wo man selbst nicht war. Er musste ihm nur pausenlos nachjagen, um es dann doch einmal zu erwischen und kräftig zu treten, dass es wie eine Kanonenkugel in die Maschen donnerte und alle „Tooor!“ schrien. Für das Glück eines Jungen bedurfte es eben nur – wie Niccolòs Großvater Manuela aufgeklärt hatte, wenn sie wieder einmal über das „idiotische Mannsgezappel“ schimpfte – eines aus einem Stück Leder gefertigten Hohlballes von achtundsechzig bis siebzig Zentimeter Umfang und vierhundertzehn bis vierhundertfünfzig Gramm Gewicht. Balanca selbst war zwar nie Fußballer gewesen, aber als Drahtseilartist hatte er einen blauen Ball auf der Spitze seines Zeigefingers drehen lassen, dass jeder sehen konnte, wie wunderbar die Erde sich im All bewegte.

„Gib doch ab!“, schrie Niccolò seinem Mitspieler zu. „Her mit dem Leder! Sei bloß nicht so ballverfressen!“

Als er den Ball endlich hatte, dribbelte er keuchend, die Rufe der anderen, den Ball doch endlich abzuspielen, missachtend, auf das gegnerische Tor zu.

7.

Am Abend dann kehrte Niccolò erschöpft und zufrieden zum Affenhaus zurück. Er hatte zwar kein Tor erzielt, aber es war ihm gelungen eins zu verhindern. So hatte seine Mannschaft nicht zwanzig zu null, sondern nur neunzehn zu null verloren. Er hatte mit den „Gartenzwergen“ gespielt, die sich aus Pampers, Halben Pfunden und ein paar Hauspflaumen zusammensetzten. Der Gegner, die „Rentnertruppe“, waren Eierköppe und zwei Lehrlinge, die von dem wild um sich tretenden Godzilla kommandiert wurden. Zu den Schlägen, die Niccolò am Vormittag eingesteckt hatte, waren nun Stöße und Tritte hinzugekommen. Seine Sachen waren durchgeschwitzt und hatten wie seine Haut dunkle Flecken und Risse abbekommen.

Vor der Haustür spuckte Niccolò auf den Ärmel seines Pullis und rieb sein Gesicht ab. Mit ein paar Heftklammern, die er mit anderen nützlichen Dingen wie eine Kastanie vom Vorjahr, einem Radiergummi und ein paar Bonbons, in seiner Hosentasche herumtrug, versuchte er, die Risse in seiner Hose unkenntlich zu machen.

Manuelas zwitschernde Stimme und ihr helles Lachen waren aus dem Haus zu hören. Sie hatte also ihren Optikerladen früher geschlossen. Das konnte nur bedeuten, dass sie Besuch mitgebracht hatte.

Niccolò atmete tief durch, öffnete entschlossen die Tür, trat ins Wohnzimmer und erwartete gefasst Manuelas vorwurfsvolle Frage: „Na sag mal, wie siehst du denn wieder aus?“

Die Mutter saß mit dem Großvater und einem fremden Mann am Tisch beim Abendessen. Eine Kerze brannte, neben dem Essen standen zwei Flaschen Wein und gefüllte Gläser auf dem Tisch.

Niccolò zuckte unwillkürlich zurück. Manuela wechselte in letzter Zeit immer öfter ihren „festen Freund“. Sie pries den Neuen dann jedes Mal an, als sollte Niccolò ihn kaufen. Die Mutter wollte unbedingt einen Vater für ihn finden. Aber kein Mann bekam von ihr die Zeit, ihren Sohn überhaupt kennen zu lernen.

„Setz dich doch, Nico“, sagte Manuela mit ihrer Schönsprechstimme, die ihr Sächsisch in Hochdeutsch verwandelte. „Das hier ist mein – ein Bekannter. Herr Haubentaucher. Aber ich denke, du kannst Freddy zu ihm sagen.“

„Klar doch“, sagte der Mann an Manuelas Seite. „Du bist also der berühmte Niccolò. Ich denke, wir werden schnell Freunde werden.“

Niccolò setzte sich neben Balanca, bestrich eine Scheibe Brot mit Leberwurst und biss kräftig hinein. Er fand den ersten Auftritt des Mannes wenig gelungen. Niccolò war weder berühmt, noch würde er „Freddy“ zu dem Fremden sagen. Und schon gar nicht würde er mit ihm Freundschaft schließen. Er fand, dass der Fremde tatsächlich Ähnlichkeit mit einem Haubentaucher hatte, obwohl er so einen komischen Vogel noch nie gesehen hatte.

Balanca schmunzelte, er sagte zu Niccolò: „Na, Kollege, wie geht’s uns denn so?“

„Gut“, sagte Niccolò verschwörerisch. Der Großvater wünschte sich, dass seine Tochter endlich einmal einen „richtigen Mann“ anbrächte und nicht immer wieder solche „Muttersöhne“. Er teilte sie ein in „aufgeblasene Schwarzenegger“, in „Strichmännlein“ und „Blabla-Spezialisten“.

„Blabla-Spezialist“, flüsterte Niccolò, und Balanca antwortete: „Volltreffer, Kollege.“

Manuela blieb nicht verborgen, dass der Neue von ihrem Sohn und ihrem Vater abgelehnt wurde. Niccolò beobachtete seine Mutter aus den Augenwinkeln und bemerkte, wie es hinter ihrer Stirn gewitterte. Wenn seine Hand sich jetzt ihren Haaren näherte, würden sie wie kleine helle Flammen züngeln und knistern. Niccolò fand seine Mutter einmalig schön, und wenn sie Wut im Bauch hatte, war sie am allerschönsten. Manuela hatte lange blonde Haare, eine „Pferdemähne“, wie Balanca sagte, blaugrüne Augen, die nie still stehen konnten und spöttisch blickten. Ihre Lippen schminkte sie, je nach Laune, in allen erdenklichen Farbtönen, sie bevorzugte aber Pink. Für Niccolò stand jedenfalls fest: Manuela war viel zu schön für diesen Haubentaucher.

„Setz dich bitte gerade hin, Niccolò.“ Manuela ging also zum Angriff über. „Du musst nicht alles nachmachen, was dein Großvater dir vormacht.“

„Na hör mal, Tochter“, entgegnete Balanca. „Ich sitze wie ein rechter Winkel. Schließlich war ich mal Artist.“

„Artist?“ Freddy Haubentaucher horchte auf. „Das klingt ja interessant. Erzählen Sie doch mal, Herr Rosenbusch.“

„Nun“, sagte Balanca und schob seine schwarze Pudelmütze, die er nur im Bett und unter der Dusche absetzte, hin und her. Er rückte den Teller von sich weg, lehnte sich zurück, atmete tief ein und kämmte mit gespreizten Fingern seinen grauen Vollbart. Balanca erzählte gern aus seiner „Zirkuszeit“. Selbst wenn er manche Geschichte schon viele Male erzählt hatte, so klang sie für Niccolò doch immer wieder neu, denn er „verbesserte“ sie ständig.

„Eigentlich bin ich gelernter Möbeltischler“, sagte Balanca. „Aber der Zirkus hat mich schon von Kind an geradezu magisch angezogen. Als Kartenanreißer habe ich angefangen. Dann habe ich als Clown gearbeitet, später in einer Akrobatiknummer als Untermann, und am Flugtrapez war ich Fänger. Schließlich habe ich mit Miss Lilly Li, der Tigerbraut, eine gemischte Raubtiergruppe vorgeführt.“

Balanca hielt es nicht mehr auf seinem Stuhl. Er streifte einen Hemdsärmel hoch und hielt Freddy Haubentaucher seinen muskulösen Arm hin, der drei breite rote Narben zeigte, die vom Handgelenk bis zum Oberarm führten.

„Diese kratzigen Viecher“, sagte Freddy Haubentaucher anerkennend und beugte sich zurück, als könnte ihn aus einer Zimmerecke ein Raubtier anspringen. „Die können bestimmt unverschämt zulangen.“

„Du sagst es, mein Junge.“ Balanca knöpfte seine blaue Kombi auf, um seinem Publikum weitere Verletzungen vorzustellen. Vor allem aber wollte er seinen Waschbrettbauch zeigen, den er längst hatte, als der in Mode kam. Er erklärte: „Eins sollst du wissen, Haubentaucher: Nicht am Kopf, sondern am Bauch stößt sich alles. Da muss man schon was abprallen lassen können.“

„O-ha ...!“ Freddy Haubentauchers Mund öffnete sich bei der zweiten Silbe, als wollte er ein ganzes Ei reinstopfen.

Manuela rief energisch: „Lass jetzt bloß nicht noch die Hosen runter, Vater! Ich denke, du hast Freddy restlos überzeugt!“

Balanca winkte ab, knöpfte die Kombi gehorsam wieder zu und erzählte weiter: „Als dann die Gebrüder Frediani – keine drei Tage nacheinander – beim Salto vom Hochseil stürzten und der eine sich das Genick brach und der andere nicht mehr aufs Seil wollte, habe ich die Nummer übernommen. Und siehe da, ich hab’s wohl nicht ganz schlecht gemacht: Aus dem Tischler Karl Rosenbusch ist schließlich der berühmte Balanca geworden.“

Niccolò kramte ein Stück Kreide aus seiner Hosentasche und zog einen weißen Strich auf den bunten Teppich. Balanca verbeugte sich und lief gewandt auf dem Phantasieseil hin und her, zeigte hohe Sprünge und schwankte nach links und rechts, als könnte er jeden Moment in die Tiefe stürzen.

„Vater!“ Manuela sprang auf und warf die Hände in die Luft, als wollte sie einen Schwarm Vögel verscheuchen. „Jetzt reicht es aber!“

„Schade“, meinte der Großvater. Er rückte an seiner Mütze und sagte schmunzelnd: „Vielleicht hätte ich euch den Einfingerstand vorgeführt, den ich in meiner besten Zeit in fünfzehn Meter Höhe als Spezialtrick gezeigt habe.“

„O ja!“, rief Niccolò. „Den Einfingerstand muss ich sehen!“

„Untersteh dich“, drohte Manuela, die auf dem Teppich kniete und den Kreidestrich mit einer Serviette wegzureiben versuchte. „Denke an deinen Hexenschuss und dass du dich manchmal kaum noch bewegen kannst.“

„Nun ja“, sagte Balanca bedauernd. „Meine große Zeit ist wohl vorbei. Die Knochen werden langsam spröde. Aber hier drinnen“, – er klopfte sich auf die Brust, dass es dröhnte – „das Herz ist jedenfalls immer noch jung.“

Niccolò spürte Balancas Hand kräftig und warm auf seiner Schulter. Er liebte seinen Großvater, manchmal sogar mehr als seine Mutter. Für Niccolò war Manuela oft eher wie eine große Schwester, die ihn mit ihrer Unruhe und ihren schnell wechselnden Meinungen verwirrte. Balanca aber behielt die Ruhe, wenn es um ihn herum auch noch so hektisch zuging. Mit schier endloser Geduld versuchte er, jedes Problem zu lösen.

Für Niccolò war der Großvater noch kein alter Mann, obwohl er schon über sechzig Jahre alt war. Balanca trug zu seiner Strickmütze einen verwaschenen Pullover, darüber eine Schlosserkombi und ehemals weiße Basketballschuhe. Sein Gang war leicht und federnd, als liefe er noch immer sicher über ein Drahtseil. Niccolò wünschte sich, einmal so zu werden wie sein Großvater.

Freddy Haubentaucher, der wohl zuviel Rotwein getrunken hatte, sagte weinerlich: „Ich würde ja doch gern den Einfingerstand sehen.“

Manuela fuhr hoch und sagte scharf: „Halte du dich da raus!“

„Aber ...“ Freddy Haubentaucher hob den Zeigefinger und schnippte mit Mittelfinger und Daumen.

Manuela stand auf, sie war nicht groß, aber sie brachte es fertig, auch ohne Leibesfülle bedrohlich zu wirken. Sie hatte ihre Schönsprechstimme wohl vergessen, denn sie sagte auf Sächsisch: „Ich will davon nischt mär hörn! In meiner Wohnung gibt’s geen Einfingerschdand!“

„Aber ...“ Freddy Haubentaucher verharrte halb aufgerichtet, die Hand hochgestreckt, wobei der Zeigefinger wie das nach oben gerichtete Pendel eines Metronoms hin und her klickte.

„Ruhe!“, gebot Manuela mit Bassstimme. „Hier schbrischt geiner, der nichd zur Famielie gehörd!“

Balanca lachte über die ungewollte Komik. Manuela fuhr gereizt zu ihm herum. Der Großvater hob die Hände, als würde er sich ergeben.

Eine paar Sekunden war es still. Dann kroch zum dritten Mal ein „Aber ...“ aus Freddy Haubentauchers rotumfleckten Mund.

Niccolò hätte gewettet, dass Manuelas neuer Freund nicht noch einmal zu widersprechen wagte. Mit jedem Aber nahm seine Abneigung gegen den Haubentaucher ab. Er nahm sich vor, im Lexikon nachzuschlagen, was für ein komischer Vogel das überhaupt war. Doch erst einmal hatte er sich eines Angriffs seiner Mutter zu erwehren. Die unvermeidliche Frage kam spät, aber sie kam: „Na sag mal: Wie siehst du denn eigentlich aus?“

Zu spät bemerkte er Großvaters warnendem Blick, es rutschte ihm das Dümmste heraus, was man seiner Mutter in solcher Situation antworten kann.

„Ich?“

„Ja du! Schiele isch vielleichd? Oder schbresche ich edwa mid dem Bräsidenden von Ameriga? Vielleichd gar mit dem Babsd oder dem Dalai-Lahma?!“

Schlagartig kehrte der Weltschmerz in Niccolò zurück. Ihm fiel wieder ein, wie seine Hypnoseversuche und Komplimente bei Paula Klette versagt hatten. Das Selbstmitleid überfiel ihn, er sagte traurig: „Du sprichst nur mit mir, Manuela. Rege dich bitte nicht so auf, Mama.“

„Aber ich will mich aufregen!“, rief die Mutter, die nun wieder Hochdeutsch und zwischendrin auch Italienisch sprach, das sie seit ein paar Monaten zusammen mit Niccolò lernte. „Das kann mir schließlich niemand verbieten! Grazie a Dio viviamo finalmente in una democrazia!“

„Was höre ich denn da?“ Freddy Haubentauchers Mund bildete ein tennisballgroßes Loch, in dessen Tiefe das rote Zäpfchen zuckte.

„Ich sagte: Gott sei Dank leben wir endlich in einer Demokratie! Mamma mia, der Junge sieht aus, als käme er aus einem verdammten Krieg zurück!“

„Wir haben nur ein bisschen Fußball gespielt. Nonè successo nulla, mamma. So gut wie gar nichts ist passiert.“

Nun sprach auch Niccolò italienisch, denn damit konnte er die Mutter milder stimmen. Manuela schwärmte von Italien. Wenn sie einmal mit ihrem Brillenladen genug Geld verdient hätte, wollte sie mit ihrer Familie nach Italien ziehen und für immer dort leben.

„Zeig mal her, Bambino. Nun hab dich nicht so. Tut weh, was. So was kommt doch nicht von eurer Kickerei. Du hast dich wieder verprügeln lassen, du dummer Junge. Für wen hast du denn diesmal den Kopf hingehalten?“

„Beruhige dich doch, Tochter“, sagte Balanca. „Er lebt ja noch. Es ist ja nichts weiter passiert. Das heilt alles wieder.“

„Nichts passiert?“, rief Manuela empört. „An dem Jungen ist kaum noch etwas ganz! Da redest du von nichts passiert! Ich habe dir doch gesagt, Niccolò – was habe ich dir gesagt? Sag es, los doch!“

Niccolò antwortete widerstrebend: „Du hast gesagt, wenn ich einen Schlag bekomme, soll ich zweimal zurückschlagen.“

„Und?“

„Und wenn mir einer gegen den Fuß tritt, soll ich ihm zweimal gegen das Schienbein treten.“

„Brutal. Das ist ja barbarisch!“ Freddy Haubentaucher stieß mehrmals hinter vorgehaltener Hand auf.

Manuela rüttelte Niccolò an den Schultern, und sie führte ihm energisch, wenn auch wenig geschickt vor, wie er sich zu wehren hatte. „Du weißt doch, wie es geht! Warum tust du es dann nicht? Es ist eine harte Zeit. Wer nicht gewinnt, der ist der Verlierer. Wann begreifst du das endlich!“

Auf ihrer Stirn standen winzige Schweißtropfen, ihre Lippen waren schmal gespannt und die Augen sprühten grün. „Nun antworte endlich! Sag mir, ob du es begriffen hast!“

Niccolò zwang sich zu nicken. „Aber ...“

„Es gibt kein Aber!“, rief Manuela. „Es gibt nur ein Da musst du durch! Was denkst denn du, wie ich in meinem Geschäft zu kämpfen habe. Gleich um die nächste Straßenecke ist noch ein Optiker. Ein paar Straßen weiter ein dritter. Die breiten sich aus wie Wühlmäuse. Jeder nennt sich die Nummer eins und tut so, als hätte er was zu verschenken. Sonnenbrillen und anderen Brillenschrott bekommst du jetzt auch noch in jedem Supermarkt und an jedem Kiosk zu kaufen. Und da hältst du still, wenn andere dich grün und blau prügeln!“

Niccolò schüttelte den Kopf und sagte: „Ja ...“

„Was, ja? Nun rede endlich, Junge! Sage mir, wer dich so zugerichtet hat?“

Balanca zog Niccolò von seiner Tochter weg und sagte ruhig: „Du hast das gleiche Temperament wie deine Mutter, Manuela. Die gute Hanni, sie verlor auch so schnell die Beherrschung. Aber nur die Ruhe bringt’s, Tochter. Mit Gewalt geht schließlich alles kaputt.“

„Nun komm du mir nur nicht mit deinen gesammelten Lebensweisheiten, Vater“, entgegnete Manuela. „Ich muss mir jeden Tag von meiner verehrten Kundschaft jede Menge schlaue Sprüche anhören.“

Balancas Einwurf und seine beruhigende Stimme stimmten sie aber doch friedfertiger. Sie zuckte mit den Achseln und begann das Geschirr abzuräumen, pfiff ein paar Takte eines Schlagers, weinte und lachte abwechselnd.

„So beruhige dich doch“, sagte Balanca. „Hast du wieder Ärger mit deinem Geschäft? Was ist denn?“

„Nichts ist! Nichts, nichts, nichts!“

Der Mutter rutschte ein Teller aus den Händen, den Balanca reaktionsschnell auffing und auf den Tisch zurückstellte. Manuela wandte sich ruckartig Freddy Haubentaucher zu und fauchte: „Sie gehen jetzt besser. Ihre Brille können Sie in einer Woche in meinem Fachgeschäft abholen. Arrivederci und Auf Wiedersehen, Signor Haubentaucher.“

Manuela drängt den verdutzten Mann zur Haustür hinaus, die sie mit einem Knall schloss, als sollte nie wieder ein Mann über ihre Schwelle treten. Sie ging in die kleine Küche, pfiff nun eifrig, ohne allzu oft die Töne des jeweiligen Schlagers zu treffen, und ließ beim Spülen das Geschirr klirren.

Balanca rückte seine Mütze zurecht, nickte Niccolò aufmunternd zu und machte sich mit dem Rad auf den allabendlichen Weg. Nach Feierabend betrieb er eine kleine Kneipe am westlichen Rand des Städtchens unmittelbar am Auenwald. „Zum schiefen Affen“, von den Spießbürgern auch abfällig „Pennertreff“ genannt, wurde von allerlei Käuzen aufgesucht, denen das Leben oft übel mitgespielt hatte. Bei Balanca fanden sie ein trockenes Plätzchen, wo sie nicht allein waren und ihre Weisheiten zum Besten geben konnten.

Niccolò ging unaufgefordert unter die Dusche und dann gleich in sein Zimmer. Er erledigte flüchtig die Hausaufgaben, legte sich schließlich ins Bett, hörte Radio und blätterte in einem Buch. Aus dem Erdgeschoss hörte er Manuela wirtschaften. Wie immer, wenn ihr etwas gegen den Strich gegangen war, stellte sie im Wohnzimmer die Möbel um.

Niccolò konnte sich weder auf das Buch noch auf die Radiostimme konzentrieren. Er zog sich die Decke bis zum Kinn und rollte sich zum Schlafen zusammen. Einmal erwachte er, durch den Türspalt fiel Licht herein, er sah die Umrisse von Manuelas Kopf und hörte sie atmen. Dann wurde die Tür leise geschlossen. Niccolò drehte sich auf den Bauch, erhaschte mit einem Augenaufschlag hinter dem geöffneten Fenster ein Stück Himmel, in dem die Positionslichter eines aufsteigenden Flugzeugs blinkten, und schlief wieder ein.

8.

Am nächsten Morgen erwachte Niccolò ausgeruht und frohgestimmt. Nichts schien ihm heute unmöglich, er hatte noch das gute Gefühl des nächtlichen Traums in sich, als er bei einem Sprung die Arme ausbreitete und fliegen konnte.

In der großen Pause, als die Schüler wieder auf dem Schulhof versammelt waren und ihre angestammten Plätze belegten, ging Niccolò entschlossen auf Paula Klette zu und sagte: „Buon giorno, Paula. Come sta?“

Niccolò liebte die italienische Sprache, sie war wie Musik, und selbst wenn man italienisch fluchte, klang es noch fröhlich.

Paula reckte ihr Kinn vor, ihr Näschen stupste in die Luft, ihr Blick durch die Herzbrille war herablassend. Sie sagte ruppig, doch immerhin redete sie noch mit ihm: „Was quakst du mich an wie ein hässlicher Quakfrosch?“

Niccolò konnte gerade noch sein erstauntes „Ich?“, das ja schon Manuela in Wut brachte, unterdrücken. Er erklärte behutsam: „Das ist Italienisch und heißt: Guten Morgen, Paula. Wie geht es Ihnen?“

„Weiß ich doch“, erwiderte Paula geschmeichelt. „Denkst du vielleicht, ich bin dreimal bekloppt.“

„Denke ich nicht.“

„Denkst du doch. Denn sonst würdest du wie jeder normale Mensch deutsch mit mir reden. Redo hcstued sträwkcür.“

„Sprichst du vielleicht türkisch?“

„Himmel, seid ihr Männer viermal dumm. Das ist Deutsch rückwärts.“

„Deutsch rückwärts spreche ich nicht besonders gut“, gab Niccolò freimütig zu. „Aber Italienisch spreche ich schon einigermaßen. Das sagt jedenfalls meine Mutter. Wir lernen zusammen Italienisch.“

„Das finde ich ziemlich bekloppt.“ Paula trat bald einen Schritt nach links und dann wieder nach rechts, um an Niccolò vorbeizusehen, hinter dem René Kiekhahn einen Ball köpfte.

„Wer spricht denn schon Italienisch?“, sagte Paula Klette wegwerfend.

„Die Italiener natürlich“, sagte Niccolò, der sich von Paulas Hampelei nicht stören ließ.

„Was hast du eigentlich mit den Spaghettis zu tun?“

„Mein Vater – er könnte eventuell Italiener sein.“

„Du spinnst doch zehn Bund Wolle, Junge. Wie heißt er denn – dein Vater?“

„Er heißt – ich glaube – ich weiß nicht. Vielleicht – Luciano Laurana.“

„Onaicul Anarual also. Na so was. Mein Vater ist ein grünes Männlein vom Planet Pluto und heißt Chi ehcal hcim knark.“

Paula Klette piepste schrill auf und lachte sprudelnd. Sie schlug ihre Hände gegen die von Carola Sanddorn. Die Freundinnen stimmten in René Kiekhahns Fanchor ein, der seine Kopfstöße zählte: „ ... dreiundsiebzig, vierundsiebzig, fünfundsiebzig ...!“

Ole, den Godzilla hatte überraschend zu sich rufen lassen, kam zu Niccolò zurückgerannt und berichtete freudig: „Mensch, Niccolò, hast du das mitgekriegt? Godzilla hat mit mir gesprochen. Er mit mir. Nur Loreley war noch dabei. Was sagt der Mensch denn dazu?“

„Was wollte er denn?“, fragte Niccolò. Er überlegte, wie er das Gespräch mit Paula fortsetzen könnte.

Ole rieb seine Nasenspitze rot und flüsterte heiser: „Godzilla hat viel mit mir vor, sagt er. Ich wäre aus dem richtigen Material gemacht, sagt er. Erst einmal soll ich Loreleys Butler sein. Wenn sie pfeift, habe ich anzutanzen. Ich hab ein Glück, was?“

Er stellte sich mit dem Rücken zu Niccolò, dass er auf Godzillas Wink und Loreleys Pfiff gleich lossprinten konnte.

Niccolò schob sich zwischen Paula Klette und René Kiekhahn, der immer noch den Ball köpfte. Er sagte: „Weißt du, Paula, das Lied, das ich gestern im Unterricht gesungen habe – das habe ich nur für dich gesungen.“

„Stolpere mir doch nicht immer vor der Nase herum!“, rief Paula Klette wütend. „ ... siebenundneunzig, achtundneunzig, neunundneunzig! Hundert! Einhunderteins! ...“

„Hat es dir gefallen – ich meine, wie ich gesungen habe? Wenn du willst, kann ich dir noch viele andere Lieder vorsingen.“

Paula stöhnte auf, denn René Kiekhahns hundertneunter Kopfball war der letzte gewesen, dann hatte der Ball den Erdboden berührt. Sie sagte bissig: „Auf Italienisch, was?“

„Wenn du willst, auch auf Italienisch. Da klingt es besonders schön.“

„Komm wieder, wenn du auf Deutsch rückwärts singen kannst“, sagte Carola Sanddorn, und sie und Paula gaben sich lachend einen Hüftstoß.

„Bitte“, sagte Niccolò, als Paula sich beruhigt hatte, „bitte, nimm doch mal deine Brille ab.“

„Warum denn das?“ Paulas Misstrauen war hellwach.

Niccolò wollte gerade erklären, wie einwandfrei Paula geradeaus sehen konnte, da sagte Ole: „Er will ja nur sehen, ob du immer noch so seehundsmäßig schielen kannst!“

„Du blöd blöder und noch blöderer Blödmann!“

Paula Klette holte weit aus. Doch sie traf nicht Ole, denn der war unschlagbar im Ausweichen und Weglaufen. Die Ohrfeige traf wieder Niccolò, der dazwischen gehen wollte. Er sank – wie in Zeitlupe – vor Paula auf die Knie.

Der Gong kündigte das Ende der Pause an. Ole war wie von Geisterhand verschwunden. Während die Pampers in den Hort stürmten, schlenderten die Älteren gemächlich ins Schulhaus zurück.

Paula Klette streckte Niccolò ihre Hand hin und zog ihn hoch. Er stand noch etwas wackelig; aber es war wunderbar, von Paulas Hand gehalten zu werden. Das also war eine Mädchenhand, sie fühlte sich gut an: klein, warm und zappelig.

„Du bist selbst schuld.“ Paula Klette versuchte ihre Hand zurückzuziehen, aber Niccolò drückte unwillkürlich fester zu. „Warum stehst du mir in der letzten Zeit auch immer fünfmal vor der Nase herum.“

Jetzt waren sie allein auf dem Schulhof. Die Sonnenstrahlen fielen wie bunte Bänder aus den Kastanien. Von der Straße her roch es nach Benzin. Die nur selten abreißende Autokette erzeugte ein dumpfes Rollen, das manchmal von ungeduldigem Hupen unterbrochen wurde.

„Entschuldigung“, sagte Paula Klette. „Diesmal wollte ich deinen neunmal bekloppten Freund Grabow treffen.“

Niccolò nickte nur. In diesem Augenblick hätte er Paula alles verziehen, selbst wenn sie eine gesuchte Serienmörderin gewesen wäre. Ihre Stimme war noch piepsiger als sonst, einmalig ulkig, fand er. Paula hätte ewig mit ihm reden können, er hätte ihr zugehört.

„Könntest du mir meine Hand wiedergeben“, sagte Paula und zog sie mit einem kräftigen Ruck zurück. „Weißt du, ich brauche sie nämlich noch.“

„Klar“, sagte Niccolò. „Du hast eine wunderbare Hand, Paula.“

Paula sah erstaunt auf ihre Hand, die rote und blaue Tintenflecke und unter manchem Fingernagel einen dunklen Rand hatte. „Meinst du?“ Sie ließ beide Hände in den Hosentaschen verschwinden.

„Soll ich dir was sagen, Paula?“

„Sag’s oder sag’s nicht. Ich bin nicht neugierig. Also, sag’s schon.“

Plötzlich verließ ihn der Mut. Es war gar nicht so einfach, einem Mädchen etwas wirklich Wichtiges zu sagen. Er zeigte zu den Sperlingen hinauf, die im Geäst der Kastanie saßen und drauflos zwitscherten. „Hör doch mal. Hör nur, was die Vögel singen.“

Paula drehte erst ihr linkes und dann ihr rechtes Ohr den Spatzen zu, lauschte und sagte dann: „Ich höre nur: Piep, piep, piep.“

„Ja“, sagte Niccolò eifrig. „Das ist genau das, was ich dir sagen will.“

„Piep, piep?“

„Ja, und weißt du, was das heißt?“

„Was weiß denn ich.“ Paula zupfte ärgerlich an ihren Haarbüscheln. „Bin ich vielleicht ein dreimal blöder Vogel?“

„Bist du nicht“, beruhigte Niccolò. Seine Stimme sollte fest klingen, war aber doch ziemlich bröcklig. „Also, ich sage es dir jetzt auf Italienisch. Ich sage dir: Io ti amo.“

„Verstehe nicht die Erbse. Sag’s mir doch lieber auf Deutsch rückwärts.“

„Na schön. Ich werde es versuchen, Paula: Chi – ebeil – hcid.“ „Was höre ich da?“

„Chi ebeil hcid!“

„Na, du kannst vielleicht Witze machen, Niccolò Rosenbusch.“

Sie standen sich gegenüber mit glühenden Köpfen. Niccolò hörte aus dem Grün die Vögel singen. Und irgendwo mussten auch die Glocken läuten. Er drückte fest die Daumen und wünschte, dass jetzt die Zeit stehen bleiben sollte. Alles sollte so bleiben, wie es war. Denn es war genau richtig so.

Aber Paula atmete hörbar aus, rückte energisch ihre Herzbrille zurecht, ihre Stimme klang fraulich tief, als sie sagte: „Nur keine Aufregung. Es hat längst zum Unterricht geklingelt. Wir müssen zurück in das siebenmal verdammte Klassenzimmer.“

Paula Klette lief mit kleinen festen Schritten zur Schultür. Niccolò folgte ihr taumelnd. Bismarck hielt die Tür auf und ließ sie passieren, als hätte er nur auf ihr Kommen gewartet. Das Männlein stand stramm, die Enden seines überdimensionalen Schnauzbartes stießen spitz nach oben. Als Paula vorbei war, flüsterte er Niccolò ins Ohr: „Haltung, Junge.“ Das klang, als wüsste er über alles Bescheid.

Niccolò nickte verwirrt, ihm war, als sei er ein Kreisel, der von Paula Klette in Bewegung gesetzt, sich nun endlos drehen musste.

9.

Niccolò hatte sich viel vorgenommen. Er wollte Paula in die neu eröffnete Eisdiele „Italienische Küsse“ zum Spaghettieisessen einladen. Das Ballköpfen und Elfmeterschießen würde er ihr beibringen, damit sie René Kiekhahn nicht mehr anstaunen musste. Am Sonntag dann wollte er mit ihr ins Kino gehen.

Aber am nächsten Tag fehlte Paula in der Schule. Donnerhall sagte, sie sei krank. Der Schulalltag ging weiter, als sei nichts geschehen, dabei war doch für Niccolò die halbe Welt zusammengebrochen. Er war doch Paula schon so nahe gewesen, und nun war sie wieder unerreichbar weit weg.

Nach dem Unterricht schlenderte Niccolò am Siedlungshaus der Klettes vorbei. Er hypnotisierte die Fenster, von denen die meisten durch Tannen verdeckt wurden, dass sich eines öffnen und Paula herausschauen sollte. Aber wieder versagte die Hypnose, und er nahm sich vor, das Buch „Die Kraft der Gedanken“ noch einmal gründlich zu lesen und sich im Internet über das Thema zu informieren.

Niccolò hatte versucht, Ole zu überreden, ihn zu Paulas Haus zu begleiten; aber der hatte abgewinkt und gerufen: „Keine Zeit heute.“ Die Spitznase des Freundes glühte, er war mit schlenkernden Armen davongerannt.

In den Pausen stand Ole unruhig bei den Halben Pfunden, wohl um auf einen Wink Godzillas sofort reagieren zu können. Im Unterricht schien er mit seinen Gedanken weit weg zu sein.

Auch Niccolò sinnierte vor sich hin. Seit Paula Klette sich nicht mehr sehen ließ, bereitete ihm alles keine rechte Freude mehr. Er dachte, dass es ihm vielleicht besser gehen würde, wenn er inzwischen mit Imke Liebstöckel ein paar Worte wechselte. Mal sehen, ob die Schöne für ihn zu sprechen war.

In der Mittagspause ging er zu ihr und sagte betont fröhlich und als würden sie sich schon lange kennen: „Grüß dich, Imke.“

Die Schöne hatte wie immer die Kopfhörer auf den Ohren und war gerade dabei, sich ihre langen Fingernägel schwarz zu lackieren. Sie pustete auf den frischen Lack, hielt ihre gespreizte Hand von sich weg und blickte kritisch auf ihr Werk.

„Was hörst du denn da so?“, fragte Niccolò, als die Schöne ihm endlich einen Blick schenkte.

„Hä?“ Sie rückte die Hörmuscheln etwas von ihren Ohren, dass Geräusche zu hören waren, als schepperten Eisenstücke gegeneinander.

„Was ist das denn für – Musik?“

„Nichts für Pampers, Halbe Pfunde und Hauspflaumen.“

„Aber sie hat doch einen Namen. Oder?“

„Heavy Metall ist wieder angesagt“, sagte Imke nun gönnerhaft. „Motörhead. AC/​DC, et cetera pp.”

„Ah, so.“

Mit rauer Stimme sagte sie ohne Niccolò anzusehen: „Und?“

„Nichts“, sagte Niccolò und betrachtete bewundernd die in ein langes schwarzes Kleid gehüllte Schöne. Zu ihren dreizehn schwarzen Ringen war noch ein vierzehnter dazugekommen, der durch die Unterlippe gepierct war. Er hätte sich gern aus ihren dunkelblauen Haaren ein glitzerndes Sternchen herausgezupft. Imke erschien ihm wie aus einem Märchenbuch herausgetreten, eine Zauberin aus alter Zeit.

„Was nichts?“

Imke Liebstöckel streckte noch immer beide Hände von sich, sie lehnte sich zurück an die Hauswand und schloss die Augen. Die Schöne wandte ihr Gesicht der Sonne zu, die gerade zwischen zwei weißen Wolken auftauchte.

„Einfach nichts“, sagte Niccolò. „Ich wollte nur mal sehen, wie es dir so geht.“

Imke gähnte. Niccolò sah es kurz in ihrem Mund aufblitzen. Er fragte sich, ob das eine Zahnspange oder vielleicht gar eine Perle war.

„Geht so“, sagte Imke nach einer Weile.

„Mit geht’s auch so“, sagte Niccolò. Am liebsten hätte er ihr sein Herz ausgeschüttet: wie sehr ihm Paula Klette fehlte.

„Ich meine“, sagte Imke, die bei ihrem gemächlichen Sprechen manchmal lispelte, so dass Niccolò doch auf eine Zahnspange tippte, „beschissen geht’s.“

„Das meine ich doch auch. Beschissen. È uno schifo. Total beschissen. Proprio uno schifo.“

„Das klingt ja galaktisch. Einwandfrei galaktisch.“ Imke kippte ihren Kopf nach vorn, öffnete die Augen, schenkte Niccolò einen Blick, als wäre er eine Katze, die plötzlich gebellt hat, und kehrte in ihre Ausgangsposition zurück.

„Spanisch oder so?“

„Italienisch.“

„Tatsächlich galaktisch“, meinte Imke Liebstöckel. „Lass doch mal hören!“

„Was denn?“

„Na was man so lallt eben.“

„Und was lallt man so?“

Imke konnte über so viel Unwissen nur den Kopf schütteln. Sie sagte: „Na eben Scheiße.“

„Das heißt Cacca.“

„Tatsächlich Kacka?“

„Ja, cacca.“

„Und wie heißt: Fettauge?“

„Warte mal. Ja. Vielleicht: Occhio di grasso.“

„Bohrend. Genial bohrend sogar. Occhio di grasso. Und: Am Arsch?“

„Sul culo, natürlich.“

Imke hatte wieder die Augen geschlossen, doch ihr Kopf pendelte, als wollte sie etwas aus ihm heraus schütteln. Aber es gelang ihr wohl nicht, sie sagte: „Ich hasse das ganze total beschissene Leben. Kannst du mir das übersetzen?“

„Nein.“

„Willst du oder kannst du nicht?“

„Ich will nicht.“

„Und wenn ich dich bitte. Ich bitte dich, dass du mir diesen verdammten Satz übersetzt.“

Nur widerwillig gab Niccolò nach. Er sagte stockend: „Io odio questa schifosissima vita.“

Imke Liebstöckel stieß sich von der Hauswand ab, riss die Arme hoch und rief, dass Schüler und Lehrer erschrocken zu ihr sahen: „Io odio questa schifosissima vita!“

Ein Lehrer kam und wollte wissen, ob was nicht in Ordnung sei? Imke Liebstöckel drehte sich mit dem Gesicht zur Hausmauer, stützte sich mit den Händen ab und spreizte die Beine, als wäre sie von der Polizei gestellt worden und sollte nun nach Waffen abgetastet werden.

Der Lehrer schüttelte den Kopf und ging zur Tür zurück, von wo aus er den besten Überblick auf das Geschehen hatte.

Niccolò fragte vorsichtig: „Warum findest du alles schifoso?“

„Weil es schifoso ist“, sagte Imke, die sich zu ihm herumdrehte und nun wieder lässig an die Wand lehnte. „Es ist und bleibt: beschissen. Aber das verstehst du nicht.“

„Warum denn nicht?“

„Bist noch ein Küken.“

„Ich bin doch kein Küken mehr.“

„Ein halber Hahn eben“, sagte Imke Liebstöckel und lachte, dass Niccolò mitlachen musste.

Als Niccolò dann wieder im Klassenzimmer saß, fühlte er sich etwas besser. Zum Unterrichtende freute er sich auf den Nachhauseweg mit Ole, doch der rannte mit dem Klingelzeichen gleich davon. Imke Liebstöckel stieg in ein Auto, das mit quietschenden Reifen losfuhr.

Da entdeckte Niccolò an der Haltestelle Frau Mandelstern. Sie wartete mit anderen Fahrgästen auf die Straßenbahn in Richtung zur Großstadt.

10.

Niccolò lief auf die Lehrerin zu, als seien sie verabredet. Er rief ihr entgegen: „Guten Tag, Frau Mandelstern!“

„Guten Tag auch.“ Frau Mandelsterns Augen, die im Sonnenlicht wie dunkler Bernstein glänzten, blickten ihn überrascht an. „Wie war doch gleich dein Name?“

„Niccolò Rosenbusch.“

„Bist du nicht der Junge, der ...“

„Der bin ich“, rief Niccolò erfreut, dass die Lehrerin sich noch an ihn erinnern konnte.

Frau Mandelstern lachte und sagte: „Unqualifizierte Vorstellung von mir, was? Da lass ich doch all die schlauen Bücher dumm hinfallen. Ja, ich bin noch neu in der Schule. Da ist man noch etwas unsicher.“

Sie ließ das qualmende Zigarillo fallen, das sie eben erst angeraucht hatte und stellte ihre Schuhspitze darauf.

Niccolò nickte, obwohl er keinen Grund erkennen konnte, warum die Schöne unsicher sein müsste. Er fand, Señorita Popocatepetl war bestimmt noch beeindruckender als der feuerspeiende Vulkan, nach dem die Eierköppe sie benannt hatten. Er selbst fand den Spitznamen überhaupt nicht passend. Frau Mandelstern war zwar ein Naturereignis, aber doch eher mittelgroß und zierlich. Er sagte: „Von mir aus können Sie ruhig rauchen. Es stört mich kein bisschen. Obwohl ich Nichtraucher bin.“

„Eigentlich bin ich auch Nichtraucherin“, sagte Frau Mandelstern. „Wenn ich manchmal aus Versehen den Qualm einatme, muss ich husten.“

„Warum rauchen Sie dann?“

„Gute Frage“, meinte die junge Lehrerin. „Ich werde mir es auch bald wieder abgewöhnen.“

Die Straßenbahn fuhr fast lautlos vom Rathausplatz kommend in die Haltestelle ein. Niccolò und Frau Mandelstern stiegen erst dann zu, als die johlenden Jungen und Mädchen sich schon hineingedrängt und alle Sitzplätze belegt hatten. Die Lehrerin löste einen Fahrschein. Nach kurzem Zögern bat Niccolò sie, für ihn mitzubezahlen. Er hatte kein Geld bei sich und versprach, ihr gleich morgen die Schulden zurückzuzahlen. Sie standen eng aneinander gedrückt und mussten sich in dem Lärm fast schreiend verständigen.

„Fährst du jeden Tag mit der Straßenbahn?“

„Nein. Wir wohnen doch in der Siedlung.“

„Warum fährst du heute mit der Straßenbahn?“

„Nur mal so!“

„Wenn ich Zeit habe, fahre ich auch gern nur mal so mit dem Zug! Irgendwo steige ich dann aus!“

„Und was passiert dann?“

„Dann sehe ich mir an, was ich bisher noch nicht gesehen habe! Andere Menschen! Alte und neue Häuser! Vielleicht ein Schloss! Oder eine Katze, die in der Sonne sitzt und sich die Pfoten leckt!“

„Das ist gut“, sagte Niccolò. „Da müssen wir einmal zusammen losfahren.“

Die Schüler waren bald wieder ausgestiegen und der Wagen fast leer. Niccolò und Frau Mandelstern setzten sich einander gegenüber und sahen aus dem Fenster. Zwischen Scheunitz und der Großstadt zündelte auf den Feldern das junge Grün. Am Rand der kleinen Ortschaften, wo sich vor Jahren noch Wiesen und Kleingärten ausgebreitet hatten, standen nun Baumärkte und Autohäuser. Auf der Fernverkehrsstraße bewegten sich die Autoschlangen im Schritttempo. Vom Himmel glitt in flachem Winkel ein Flugzeug zum Hafen herab, als sei es aus weißem Glanzpapier.

Niccolò fand es traumhaft, der dritten Schönen gegenüber zu sitzen und mit ihr zu schweigen. Er sah auf einen bunten Fesselballon, der am Himmel zu stehen schien und doch unaufhaltsam seine Bahn zog. Ihm folgte als schillernde Luftschlange ein Band, das für eine Versicherung warb. Eine Fliege klickte in unrhythmischen Abständen gegen eine Fensterscheibe. Niccolò dachte, dass das Leben etwas ganz Wunderbares und im Augenblick alles genau richtig war.

Vor dem wuchtigen Gebäude des Hauptbahnhofs im Zentrum von L. wachte er auf. Frau Mandelstern war nicht mehr im Wagen, ein Zettel klebte neben ihm an der Scheibe: Schalom, Niccolò.

Niccolò stieg eilig aus, um ihn herum tobte die Stadt. Wie auch, wenn die Mutter ihn alle paar Wochen zum Einkaufsbummel mitnahm, kam er sich in dem Gedränge der Menschen überflüssig vor. Überall wurde gebaut, das Gesicht der Stadt veränderte sich ständig. Die Reklametafeln wechselten schnell ihre Bilder, die Schaufenster waren voller Dinge, und in den Kaufhäusern fühlte er sich eingesperrt. Er bekam Kopfschmerzen und wünschte sich zurück nach Scheunitz, wo er sich auskannte.

Aber da er nun schon einmal hier war, konnte er auch Balanca besuchen. Niccolò lief durch die Innenstadt und sah sich nach einer roten Kehrwalze um. Mit ihr hielt sein Großvater die Gassen und Straßen um den berühmten „Auerbachs Keller“ sauber.

Unter den Arkaden des „Alten Rathauses“ entdeckte Niccolò den Großvater in orangefarbenen Latzhosen, die geliebte schwarze Strickmütze auf dem Kopf. Balanca saß er auf einer Kehrwalze und steuerte sie durch eine sich öffnende Gasse von Fußgängern.

„Hallo!“, rief Niccolò. „Balanca!“

Der Großvater sah sich um, hielt das Fahrzeug an, sprang herunter, kam auf Niccolò zugerannt und fasste ihn derb an den Schultern.

„Niccolò“, sagte er, seine Stimme klang brüchig vor Schreck. „Nun rede doch, Junge.“

„Es ist nichts passiert“, sagte Niccolò schnell. Die beiden umarmten sich kurz und fest. Balanca legte Niccolò einen Arm um die Schultern, sie gingen zurück zur Kehrwalze. Der Großvater stellte den Motor ab, sie setzten sich auf das Fahrzeug und Balanca packte aus einem Beutel Thermoskanne und Brotbüchse aus. Er schenkte Kaffee in den Becher, teilte ein Wurstbrot, gab Niccolò eine Hälfte und biss selbst herzhaft in die andere.

Sie aßen und tranken, die vorüberhastenden Menschen streiften sie mit einem Blick, über manches Gesicht huschte ein Lächeln.

Von der Thomaskirche her hallten Glockentöne, als schritte da ein Riese in klingenden Stiefeln gemächlich durch die Stadt.

Niccolò kaute und sagte: „Ich wollte nur mal nach dir sehen.“

„Aha“, sagte Balanca. „Verstehe.“

Ein Polizeiautor fuhr mit Blaulicht und Sirene quer über den Marktplatz, dass die Tauben aufstoben. Die Glockenmänner auf dem „Krochhochhaus“ schlugen ihre Hämmer zur vollen Stunde gegen das Eisen. Unter den Arkaden, ein paar Meter von der Kehrwalze entfernt, spielte ein langbärtiger Alter in einem abgetragenen Uniformmantel auf dem Akkordeon und sang mit brüchigem Bass: „Ka-lin-ka, Ka-lin-ka ma-ja, fsa-du ja-go-da ma-lin-ka, ma-linka, ma-ja ...!“

„Eigentlich bin ich nicht nur so gekommen“, gestand Niccolò ein. „Eigentlich will ich dich was fragen.“

Balanca drängt Niccolò nicht. Er ließ sich selbst und allen anderen Zeit. Wenn ihm jemand was sagen wollte, dann würde er schon reden. Zuhören konnte er fast immer.

Niccolò schluckte den letzten Bissen hinunter, trank einen Schluck Kaffee nach, schüttelte sich gegen den bitteren Geschmack und sagte schließlich: „Was ist eigentlich Liebe, Balanca?“

Immerhin war sein Großvater dreimal verheiratet gewesen und sprach nur gut von „seinen Frauen“. Seit einem Jahr lebte er wieder in einer „stabilen Beziehung“. Die Frau war zwanzig Jahre jünger als er, sie war eine „Westliche“, die in Frankfurt am Main als Ingenieurin arbeitete. Sie hieß Dr. Wanda Mose-Kaatz, aber Balanca nannte sie „Lady Summertime“, und sie ihn „Mr. Weekend“. Wanda besuchte Balanca nur an den Wochenenden und in den Ferien, die beiden lachten viel zusammen und hatten sich immer etwas zu erzählen. Niccolò fand Wanda etwas zu rundlich, „handlich“ wie Balanca meinte, ihre Augen standen über der kleinen Nase weit auseinander, sie schniefte ein wenig beim Atmen und trank gern Bier. Je besser Niccolò sie kennen lernte, um so mehr mochte er sie. Sie war klug, ohne besserwisserisch zu sein. Vor allem aber strahlte sie mütterliche Geborgenheit aus, die Niccolò manchmal bei Manuela vermisste. Da musste er aufpassen, dass er nicht in den ständig schwelenden Konflikt zwischen seiner Mutter und Balancas Freundin geriet. Manuela meinte unverblümt, dass bei zwei Frauen in einem Haus in jedem Fall eine zu viel sei. In ihren eigenen vier Wänden bestimme immer noch sie, woher der Wind weht. Dazu brauche es keine „Frau Doktor“ und eine „Westliche“ schon gar nicht.

Balanca zeigte sich von Niccolòs Frage nicht überrascht. Und doch schob er seine Pudelmütze in die Stirn und wieder zurück, was anzeigte, dass die Antwort ihm nicht leicht fiel. Schließlich sagte er: „Das ist die Frage aller Fragen, Niccolò. Fragst du einen Menschen, kriegst du eine Antwort. Fragst du zehn, bekommst du zehn Antworten. Und wenn du tausend fragst, erfährst du tausend verschiedene Antworten.“

„Ich frage aber dich, Großvater.“

„Also, wenn du mich fragst“, begann Balanca umständlich und endete knapp: „Liebe ist das Schönste, was uns Menschen passieren kann.“

„Bist du dir da sicher?“

„Da bin ich mir ganz sicher.“

„Aber was ist sie denn – die Liebe? Ist sie wirklich eine – Krankheit?“

Balanca lachte, wieder schob er seine Mütze hin und her, bevor er sich zu einer Antwort entschließen konnte: „Als Zirkusmensch würde ich sagen: Liebe ist ein gewaltiger Hokuspokus, ein Zauber der Götter. Verstehst du, was ich meine?“ Er deutete zum Himmel und sagte: „Da hat doch der alte Herr da oben ein Verwirrspiel erfunden. Und wir Menschlein dürfen es aufführen, damit der liebe Gott auch was zu lachen hat.“

„So ist das also“, sagte Niccolò unzufrieden mit der Antwort. „Und das soll ich glauben?“

„Nun“, sagte Balanca und wiegte bedenklich den Kopf, „es ist wohl nicht ganz so. Aber wie es auch immer ist mit der Liebe, Kollege, glaub mir, ohne sie wäre das Leben wohl eine verdammt schlechte Erfindung.“

„Ich weiß ja nicht“, sagte Niccolò enttäuscht. Er hatte von seinem Großvater, der auf fast alle Fragen eine Antwort wusste, mehr erwartet.

Balanca nickte, und wie immer, wenn er eine seiner Zirkusgeschichten zum Besten gab, verfiel er in den Tonfall eines Märchenerzählers: „Ich will dir die Geschichte von dem Ballettmädchen Lisa Kowalke und dem Dompteur Fritz Müller erzählen.“

Niccolò zog die Knie zur Brust und legte seinen Kopf seitlich darauf. Um ihn herum schwatzte die Stadt, aus dem gleichmäßig tuckernden Motor der Kehrwalze kroch Wärme in ihn, und es roch gut nach Maschinenöl.

„Das Ballettmädchen Lisa Kowalke tanzte beim Zirkus Ballo. Mit zwölf anderen Mädchen führte es in den Umbaupausen den berühmten Cancan und andere Tänze auf. Die Tänzerinnen waren für das Sommerprogramm engagiert wurden, weil der niederländische Clown Ätsch wegen Krankheit die Tournee abgesagt hatte.

Als Höhepunkt des Programms war nach der großen Pause die Dressur eines Indischen Elefanten zu sehen. Der Dompteur, Fritz Müller, ein ehemaliger Bäckerlehrling, der vor seinem jähzornigen Vater zum Zirkus geflüchtet war, hatte sich diese Darbietung in jahrelanger harter Arbeit aufgebaut. Er nannte sich nach dem elefantenköpfigen indischen Gott Ganescha und sah in seinem Kostüm wie ein echter Maharadscha aus.

Aber Lisa Kowalke, die davon träumte, einmal im Operettenpalast zu singen und zu tanzen, war auch nicht ohne. Wenn sie geschminkt war, das Scheinwerferlicht über sie glitt und sie sich im Schwanenkostüm anmutig bewegte, sah sie aus wie eine Elfe.

Immer wieder zog es Lisa in die Nähe von Ganeschas Elefant Assan. Der Koloss ließ es sich gern gefallen, dass die kleine Frau ihn streichelte und mit Leckereien verwöhnte. Bald tönten morgens und abends seine Trompetenrufe durch das Wagenlager. Und Assan gab erst Ruhe, wenn Lisa kam und seinen Rüssel tätschelte.

Nun, es wunderte keinen, dass Lisa und Ganescha sich ineinander verliebten. Es schien einfach alles zu passen zwischen den beiden. Zwischen den dreien ist wohl richtiger. Alle Artisten wünschten ihnen alles Glück der Welt.“

Balanca sah Niccolò prüfend an, dann lächelte er, umschloss einen Moment lang mit seiner Pranke die Hand Niccolòs und sprach gelassen weiter.

„Ganeschas Attraktion war also Assan, der Sprechende Elefant. Angeblich sollte er das letzte Exemplar der legendären Weißen Elefanten sein. Was aber kaum einer wusste: der tonnenschwere Dickhäuter wurde von Ganescha bei Nacht mit einer speziell dafür angefertigten Farbe weiß angestrichen.

Nun, Ganescha nahm Lisa als Assistentin in seine Nummer auf. Das Publikum fand sie reizend, vor allem aber wohl Assan, der sich ebenso unsterblich in die kleine Lisa verliebt hatte wie sein Herr. Der sonst sprichwörtlich dickköpfige Elefant, wurde in Lisas Nähe zahm und folgsam wie ein Schoßhündchen. Es war einfach wunderbar anzusehen, wie der verliebte Tierriese mit seinem mächtigen Rüssel zärtlich das Gesicht des Mädchens abtaste. Wenn sie ihn dann auf das haarige Rüssellende küsste, öffnete Assan sein Maul, ließ ihren Kopf darin verschwinden und trug sie, sozusagen auf Zehenspitzen, durch die Manege. Unter dem rauschenden Beifall des Publikums setzte er sie dann wieder ab. Und Lisa verwöhnte ihren verliebten Dickhäuter mit Zuckerstücken und Pralinen.“

„Ja und?“, fragte Niccolò gespannt, als sein Großvater nicht weiter erzählte. „Ist das etwa schon der Schluss?“

„Geschichten haben nie ein Ende“, antwortete Balanca ausweichend. „Hier sind alle noch glücklich. Aber wer weiß, wie es später aussieht.“

„Ich will es aber wissen“, sagte Niccolò. „Man kann doch nicht einfach mitten drin aufhören. Das ist gemein.“

„Du hast ja Recht“, stimmte der Großvater zu. „Also, weiter im Text: Ganescha gegenüber hatte sich Assan zusehends verändert. Zuerst begegnete der Elefant seinen Herrn mit Gleichgültigkeit und dann mit Abweisung. Von Ganescha nahm Assan keine Kommandos mehr entgegen. Aber Lisa brauchte nur mit dem Finger zu schnippen und schon lernte der Dickhäuter den schwierigsten Trick. Ganescha war zwar nicht erfreut von Assans Verhalten, aber um des lieben Friedens willen, überließ er seiner Freundin die Vorführung und assistierte nur noch.

Aber der Elefantenbulle wollte nun Ganescha gar nicht mehr in der Nähe haben. Wenn Ganescha sich Lisa nur näherte, schlug Assan mit den Ohren und stieß wütende Trompetenstöße aus.

Ganescha und Lisa berieten, was zu tun sei. Sie wollten nicht, dass der Elefant, der sie zusammengebracht hatte, sie nun auseinander brächte. Sie legten ihr ganzes Geld zusammen, borgten sich noch einen Großteil dazu und kauften die wunderschöne indische Elefantendame Calcutta. Sie führten sie Assan zu und hofften, dass der Elefantenbulle sich in die imposante Schöne verlieben würde. Aber so sehr Calcutta Assan auch umschmeichelte, so wenig interessierte der sich für sie. Seine ganze Liebe galt nach wie vor Lisa.“

Balanca legte eine Pause ein. Niccolò wusste nicht, ob sein Großvater nur die Spannung erhöhen wollte oder aber Zeit brauchte, um Licht in die Vergangenheit zu bringe.“

„Erzähle doch weiter“, drängte Niccolò. „Bitte.“

„Nun, die Saison war bald zu Ende. Ganescha meinte, Assan müsse Lisa wieder entwöhnt werden. Lisa solle sich unters Publikum setzen und ihm die Vorführung überlassen. Was früher geklappt hätte, das würde auch heute möglich sein.

Zur Abendvorstellung setzte sich Lisa nur widerstrebend unters Publikum und erwartete angespannt den Auftritt Ganeschas und Assans. Sie hatte vorher dem Elefantenbullen, der erkältet war, nach dem alten Zirkusrezept Elefantenkur, einen Eimer Tee gekocht, der zur Hälfte mit Weinbrand vermischt war, und genüsslich schlürfen lassen. Dann war sie mit schlechtem Gewissen davongeschlichen.

Als Ganescha dann Assan in die Manege führte, umschloss Lisa ganz fest ihre Daumen. Der Elefant schüttelte auf Ganeschas Kommandos nur den gewaltigen Schädel. Seine hellen Trompetenstöße riefen immer dringender nach Lisa.

Das Publikum begann zu lachen. Ganescha wurde unsicher und schließlich wütend. Als er mit dem Eisenpickel, den er sonst nie benutzt hatte, dem Bullen einen Stoß versetzte, schrie dieser auf. Er warf Ganescha mit einem Schlenker seines Rüssels in den Sand und stieg wie ein Pferd auf die Hinterbeine, um seinen Herrn zu zertrampeln.

Die Zuschauer waren aufgesprungen und standen wie versteinert – jeden Augenblick musste der wütende Elefantenbulle den Mann unter sich zermalmen. Da stürzte Lisa in die Manege und sprang mit hochgereckten Armen zwischen Assan und Ganescha. Der Elefant setzte nun mit seinen Vorderfüßen behutsam auf dem Manegensand auf. Er grunzte vor Freude, sein Rüssel umspielte zärtlich Lisas Körper, dann tastete er über ihr Gesicht.

Nun, Lisa brachte die Vorstellung problemlos zu Ende. Das Publikum dankte mit donnerndem Applaus. Hinterher sagten die Leute, dass alles doch nur Show gewesen sei.“

Niccolò atmete erleichtert auf, doch dann sagte er: „Aber das ist doch immer noch nicht der Schluss der Geschichte.“

„Du hast es wieder einmal getroffen, Kollege“, sagte der Großvater schmunzelnd. „Du willst also wissen, wie es wirklich ist.“

„Das will ich wissen“, verlangte Niccolò, obwohl er ahnte, dass sein Wunsch nach einem glücklichen Ende sich nicht erfüllen würde.

„Nun, Ganescha und Lisa haben schweren Herzens Assan und Calcutta an einen Zoo verkauft. Ich weiß nicht, ob die Elefantenliebe die beiden Riesen doch noch gepackt hat. Ich weiß nur, dass aus Ganescha wieder Fritz Müller und ein Bäckermeister wurde. Und Lisa hat nie im Operettentheater getanzt. Aus Fräulein Kowalke wurde Frau Müller. Sie verkauft wohl heute noch in ihrem Laden die Brötchen, die ihr Mann bäckt.“

Balanca zog seine goldene Taschenuhr, die er an einem Lederband um den Hals trug, hervor, und warf einen Blick darauf. Sein Fuß trat ein paar Mal auf den Gashebel, dass der Motor hart und eilig tuckerte.

„Feierabend“, sagte Balanca. „Die Welt haben wir zwar nicht sauber bekommen, aber immerhin ein paar Straßen gekehrt.“ Er hupte, dass der Weg frei wurde, und steuerte die Kehrwalze zum Maschinenpark der Stadtreinigung zurück.

Auch als sie schon im Gedränge in der Straßenbahn standen, ging Niccolò die Elefantengeschichte nicht aus dem Kopf. War der Platz in der Liebe wirklich so eng? Reichte er gerade mal so für zwei? Ein Dritter war dafür wohl nicht vorgesehen. Und ein Vierter gar, wie die Elefantenkuh Calcutta, hatte wohl gar keine Chance. Und er, Niccolò Rosenbusch, liebte drei Frauen. Was sollte daraus nur werden?

Er raunte dem Großvater zu: „Die Liebe, Balanca. Kann man denn gar nichts dagegen tun? Oder vielleicht dafür? Was soll man denn da bloß machen?“

„Bist du denn verliebt, Kollege?“, fragte Balanca zurück.

„Ich weiß nicht“, antwortete Niccolò. „Ich weiß nur, dass was passiert ist. So was wie ein Erdbeben. Oder eine Überschwemmung. Zur Zeit ist es ein ganz furchtbares Durcheinander. Mehr weiß ich leider nicht.“

„Also eine Katastrophe“, mischte sich eine Frau ein, die neben ihnen stand und zwei hechelnde Möpse an sich drückte. Sie lachte verächtlich und sagte: „Anscheinend bist du tatsächlich verliebt, mein Junge. Nun sieh mal zu, wie du aus dem Schlamassel heil wieder heraus kommst. Ich jedenfalls habe es geschafft. Ich sage es jeden: Meinen Mann hat der Teufel geholt. Von mir aus kann der alle Männer holen.“ Und sie gab jedem ihrer Möpse einen schmatzenden Kuss auf den faltigen Kopf.

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22 dekabr 2023
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320 səh. 1 illustrasiya
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9783957444752
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