Kitabı oxu: «Der Fluch des Bierzauberers»
Günther Thömmes
Der Fluch des Bierzauberers
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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8. Auflage 2020
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
E-Book: Mirjam Hecht
Umschlagbild: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart unter Verwendung eines Bildes von: © https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Eduard_Grützner_Brotzeit_1908.jpg
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart unter Verwendung des Bildes »Der König trinkt« von David Teniers d.J. / visipix.com
ISBN 978-3-8392-4896-6
Widmung
Dieser Roman ist allen Brauern
gewidmet, die auch in schlechten Zeiten
mit Leib und Seele
Bier gebraut haben,
heute brauen und
zukünftig brauen werden.
Einleitung
Der Dreißigjährige Krieg war eine Kette von Ereignissen, die in der europäischen Geschichte ohne Beispiel war und bis heute ist. Dieser Krieg, bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts ganz allgemein der ›Große Krieg‹ genannt, forderte auf deutschem Boden mehr Opfer als alle Kriege zuvor und danach. In manchen Regionen starben bis zu sechzig Prozent der Bevölkerung. Dies war umso dramatischer, als diesem Krieg von 1555 bis 1618 die längste Periode in der deutschen Geschichte vorausgegangen war, die man als ›Friedenszeit‹ beschreiben könnte. Leider hatten sich in dieser Zeit Spannungen aufgebaut und Bündnisse gebildet, die nur darauf warteten, sich im Krieg zu entfesseln. Die verheerende Kombination aus Krieg, unfassbarer Brutalität, Seuchen und Hungersnöten, verbunden mit fehlender Staatsgewalt und im ganzen Lande marodierenden Söldnerheeren sorgte dafür, dass mehr als nur eine Generation von diesem Krieg traumatisiert wurde, und diese Katastrophe, trotz vieler anderer fehlender Glücksmomente, bis heute mehr als alle anderen im kollektiven deutschen Gedächtnis hängen geblieben ist. Auch in die Historie des Bieres ist das 17. Jahrhundert als dunkle, um nicht zu sagen rabenschwarze Periode eingegangen. Mit dem Krieg wurden, durch die Zerstörung der Getreidefelder und Hopfengärten, den Bauern ebenso die Lebensgrundlagen entzogen wie den Brauern. Doch selbst in den finstersten Zeiten gab es immer Menschen, die sich nicht unterkriegen lassen wollten. Von diesen Menschen handelt dieser Roman.
G.T., im Herbst 2009
Keine Szene für Kleist
Homburg: Die Steuer ist, mein Fürst, zu hoch.
Kurfürst: Wenn Ihr, Herr Landgraf, nur ein einzig Mal mit Eurer gottverfluchten Brauerei in Weferlingen und der Steuer mit ins Zelt zu treten – Euch nochunterfängt – (Der Kurfürst ächzt vor Gicht)
Homburg:Ich wüsste nur zu gern, mein Fürst, wie die Canaille heißt, die gegen mich bei Euch hier intrigiert. Lebt wohl.
(Er humpelt hinaus)
(Aus: Herbert Rosendorfer: Der Prinz von Homburg)
Der Fluch
Ein letztes Mal erhob der alte Braumeister zitternd seinen einfachen, geschnitzten Krückstock und deutete anklagend auf den sehr viel jüngeren Regenten, der blass, aber gefasst auf seinem Thron saß. Nachdem so die leidenschaftliche, hasserfüllte Rede des Alten offensichtlich beendet war, herrschte plötzlich Schweigen im Thronsaal des Cöllner Schlosses.
Fassungsloses Schweigen.
Der alte hünenhafte Mann wusste mit Bestimmtheit, dass er soeben, hier und jetzt, sein Todesurteil unterzeichnet hatte.
Sein Dienstherr, der Prinz, stand neben ihm, hielt den Knauf seines silbernen Stocks so fest umklammert, dass die Adern auf der Hand hervortraten und kratzte sich mit dessen Ende verlegen am Stumpf des nicht mehr vorhandenen rechten Beines. Sein sonst so forsches, souveränes Auftreten war dahin. Er konnte nur noch hoffen, dass er nicht mit in den Strudel der Vergeltung hineingezogen werden würde, der diesem Eklat unweigerlich folgen musste.
Die Höflinge, die der skandalösen Tirade beigewohnt hatten, duckten sich, als hätten sie Angst, gleich vom Orkan einer Wutrede ihres Regenten hinweggefegt zu werden.
Die Soldaten der Leibgarde musterten sich gegenseitig, so als würden sie bereits untereinander abmachen, wer von ihnen dem Erschießungskommando zugeteilt werden würde.
Nur der Sohn des alten Mannes, der Jüngste in der kleinen Gruppe, die vor dem Thron stand, schaute mit Besorgnis zu seinem Vater hinüber. Sein Herz bebte und er hoffte inständig, der Regent möge Gnade walten lassen und seine Familie nicht zerstören.
Der Fürst erhob sich von seinem Thron. Einige Anwesende räusperten sich aus Verlegenheit. Mit herrischer Geste gebot der Fürst zu schweigen.
Dann öffnete er den Mund und begann, den Saal mit seiner Stimme zu füllen, lautstark, wohlüberlegt und mit ausdrucksstarken Gesten; es war eine Rede, von der alle ahnten, dass sie ein grausames Ende für den alten Mann einleiten würde.
Und hätte eine gnädige Vorsehung dies nicht verhindert, wäre es auch genau so gekommen …
Erster Teil: Cord und Magdalena im Großen Krieg – 1631 bis 1652

1.
Ein kalter Regen, in den sich noch letzte Reste von Schnee mischten, fiel auf Magdeburg nieder und sorgte dafür, dass die Menschen in den Häusern blieben. Der Brauherr Cord Heinrich Knoll stand in seiner Braustube und verfluchte einmal mehr sein Schicksal, in dieses Jahrhundert hineingeboren worden zu sein.
Seit vier Generationen schon hatte seine Familie das Brauhaus in der Magdeburger Krockentorgasse betrieben, genau zwischen dem Stadttor und der Kirche St. Jakob gelegen, aber nie war es so schwer gewesen wie in dieser Zeit. Sieben Mäuler – sich eingeschlossen – hatte er zu stopfen mit dem, was sein Brauhaus eintrug.
Denn neben dem reinen Kampf ums Überleben hatte er obendrein seine Berufsehre, den Ehrgeiz, stets und immer das beste Bier der Stadt zu brauen. Obwohl beide Herausforderungen im Laufe der letzten Monate immer schwieriger zu meistern geworden waren, litt im Moment seine Ehre als Brauer am stärksten unter der Situation. Arm waren sie ja nicht, die Knolls. Viele gute Jahre hatten der Familie Knoll ermöglicht, einen soliden Wohlstand aufzubauen. Die Galerie aus Ölgemälden seiner Vorfahren, die repräsentativ in ihrer guten Stube hing, bestätigte dies anschaulich. Etwas finster dreinblickende Männer waren sie alle gewesen, die alten Brauer der Familie Knoll. Aber tatkräftig und zupackend allemal. Nur, was half einem das Geld und eine erfolgreiche Vergangenheit, wenn es nichts oder zu wenig zu beißen gab?
Seit der Große Krieg, wie die später Dreißigjähriger Krieg genannte Schlächterei im Volksmund hieß, auch seine Heimatstadt, die alte Hansestadt Magdeburg, erreicht hatte, war es mit der Qualität des Bieres immer mehr bergab gegangen. Nicht dass so viel weniger getrunken wurde. Beileibe nicht, die Keller leerten sich weiterhin recht schnell. Das lag jedoch leider nicht daran, dass Knolls sowieso schon preisgünstiges Broyhan-Bier, ein süß-säuerliches und leicht weinig schmeckendes Bier, so beliebt war. Vielmehr war die Ursache, dass die wirklich guten Biere – die Garley aus dem gleich im Norden liegenden Gardelegen, das Bitterbier aus dem genauso nahen, nur südöstlich von Magdeburg gelegenen Zerbst oder das berühmteste von allen, das Duckstein aus dem westlich gelegenen Königslutter – nicht mehr oder nur noch unter großen Schwierigkeiten in die Stadt hineinfanden.
Sogar der Wettinische Keuterling, ein mittelprächtiges Gebräu aus dem Herzogtum Magdeburg, wurde, wenn es denn angeboten wurde, lieber getrunken als Knolls beinahe hopfenloses, süß-saures Broyhan-Bier, dessen Rezept er dem erfolgreichen Original aus Hannover nachempfunden hatte. Allein das Wasser der Elbe eignete sich nicht für den Broyhan. Da die Stadt auf Fels gegründet war, gab es keine Brunnen, sodass sie sich mit dem häufig verdreckten Flusswasser begnügen mussten.
Knoll hatte in Hannover das Bierbrauen gelernt, bei den Nachkommen des legendären Braumeisters Cord Broyhan. Sein eigener Vater hatte ihn mit dem Vornamen des berühmten Vorbilds versehen und taufen lassen. Auch er war erfolgreich in dessen Fußstapfen getreten, hatte das Bierbrauen am Ort der Entdeckung dieses beliebten Bieres gelernt, hatte alle Lehrbücher über die Bierbrauerei studiert, die es überhaupt gab, und schließlich das Brauhaus seines Vaters übernommen.
Jahrelang hatte er geglaubt, er könne nichts anderes brauen als Broyhan. Und jahrelang hatte sein Magdeburger Brauhaus sich auch erfolgreich mit der auswärtigen Konkurrenz arrangiert, was beileibe nicht leicht gefallen war, da Magdeburg doch geradezu umzingelt war von berühmten Brauereien.
Das waren noch Zeiten gewesen, als in der überaus fruchtbaren Magdeburger Börde noch genug von dem berühmten Börde-Brauweizen wuchs! Jedes Frühjahr und jeden Herbst wurden große Mengen davon an die gut zahlenden Brauer nach Königslutter und Gardelegen geliefert. Aber auch für die einheimischen Brauer blieb genug übrig, um gutes Bier herstellen zu können. Im Gegengeschäft für den Weizen hatte so manches Fass Duckstein-Bier auf rumpelnden Karren das Magdeburger Stadttor passiert. Diese Köstlichkeit aus Königslutter wurde den Wirten fast aus den Händen gerissen. Ja, wenn er so ein Brauwasser hätte! Das wäre herrlich …
Die Stadt Gardelegen hatte sich auf andere Weise für die Weizenlieferungen revanchiert. Neben Garley-Bier wurde ebenso der nicht minder berühmte Hopfen exportiert. Auch Knoll hatte jahrelang von der Möglichkeit profitiert, günstig erstklassigen Gardelegener Hopfen zu bekommen, auch wenn der schwach gehopfte Broyhan nur wenig davon benötigte.
Das Zerbster Bier hatte immer ohne gegenseitigen Handel den Weg in die Stadt gefunden. Magdeburg hatte das Stapelrecht für diesen Abschnitt der Elbe, und so musste jedes Fass Zerbster Bitterbier hier verschifft – und natürlich verzollt werden. Der Zoll war meist in Naturalien entrichtet worden.
Alle Brauer waren zufrieden gewesen, die Biertrinker der Hansestadt rühmten die Vielfalt der Biere, die hier im Angebot waren. Auch der Magdeburger Broyhan war erheblich besser gewesen als heutzutage. Sogar der Ratsherr Otto von Gericke, einer der bekanntesten Bürger der Stadt, ein Mann, auf dessen militärischem Geschick nun die Hoffnungen vieler Magdeburger ruhten, war regelmäßig und gern zu Gast in Cords Brauhaus gewesen.
Zu dieser Zeit war besonders ganz Mitteldeutschland durch die, wie eine biblische Heuschreckenplage, über alles herfallenden Söldnerheere bedroht. Sie plünderten, brandschatzten und fraßen ganze Landstriche leer. Aufgrund dieser Verwüstungen, gab es seit zwei Jahren kaum noch Gerste oder Weizen. Und das Wenige von Qualität wurde zum Brotbacken benötigt. Die Brauer bekamen lediglich den Ausputz, das Hühnerfutter. Andere Getreidesorten waren ebenso unerschwinglich geworden. Ein Scheffel Roggen, der 1620 noch zwei Reichstaler gekostet hatte, war mittlerweile nicht mehr unter zwölf Talern zu haben. Diese Taler waren zwar keine reinen Silbertaler mehr, sondern mit Kupfer gestreckt, aber immer noch genauso teuer.
Der Hopfen war aus dem Magdeburger Broyhan komplett verschwunden. Und seitdem bekannt geworden war, dass der verhasste Generalissimus des papistischen Habsburgerkaisers, Albrecht von Wallenstein, dem Wein abgeschworen hatte und am liebsten das Weizenbier aus seiner eigenen Brauerei trank, wurde Knoll regelmäßig das Opfer von Schimpfkanonaden seiner Kunden. ›Braut endlich mal ein Bier, das zu uns Protestanten passt. Bier mit Weizen drin ist was für Katholiken!‹
›Wenn es dem Wallenstein schmeckt, wie könnte es uns dann munden?‹
Knoll hatte nur eine Antwort parat: ›Wenn der Krieg so weiter geht, dann gibt es bald gar kein Bier mehr, auch keines mehr, über das ihr euch beschweren könnt.‹
Wieder einmal hatten zu viele der Machthabenden, ganz besonders aber die Kaiser Matthias und Ferdinand aus dem Geschlecht der Habsburger, die alte Diplomatenweisheit ignoriert: ›Krieg ist leicht anzufangen, die Mitte aber schwer und mühsam und der Ausgang ungewiss.‹
Dieser Krieg befand sich genau in der Mitte, in der schweren und mühsamen Mitte. Und zwischendrin nun die ›Burg der Mägde‹, die eine Jungfrau im Wappen führte. Sie war nämlich erheblich unter Druck geraten. Als ›Unser Herrgotts Kanzlei‹, als ›Heilige Wehrstadt des Protestantismus‹ war Magdeburg die erklärte Hochburg des Widerstandes gegen die vom Kaiser in Wien angeordnete Rekatholisierung und hatte so in der Vergangenheit bereits des Öfteren unter der Reichsacht gestanden. Dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 war eine ungewohnt lange Zeit ohne größeres Kriegstreiben gefolgt. Über fünfzig Jahre lang konnten sich die Bauern wie auch Handel und Handwerk an den Früchten ihrer Arbeit freuen. Magdeburg wurde reich. Durch die gleichzeitige Verbreitung der Reformation sowie dem Erstarken der Gegenreformation war der Friede anfänglich nur ins Wanken geraten und schließlich 1618 vom Kaiser und den Böhmischen Ständen gänzlich beendet worden. Seither herrschte Krieg, der von den Herzögen Wallenstein und Maximilian I. von Bayern zuerst einmal nach Böhmen und in die Kurpfalz getragen worden war.
Erst fünf Jahre später – der Krieg war längst überall in Deutschland angekommen – stellte der Rat von Magdeburg fest, dass es wohl unmöglich sein würde, sich in Zukunft aus dem Krieg herauszuhalten und begann aufzurüsten. Eine Kriegsanleihe war erhoben worden, dieser Kriegszehnte war von allen Bürgern zu entrichten; er hätte ursprünglich sogar verzinst werden sollen. Es dauerte jedoch noch einmal sechs Jahre, bis die wirtschaftliche Not so sichtbar war, dass der alte Rat abgesetzt wurde. 1630 gab es erste Unterstützung von schwedischen Soldaten, aber seither war Magdeburg ein protestantischer Dorn im katholischen Auge des Kaisers. Vor allem, weil die Stadt mit der Zeit der einzige echte Verbündete des Schwedenkönigs geworden war.
Der kaiserliche General Tilly, der nach Wallensteins Entlassung aus des Kaisers Diensten die Führung der Armeen der Katholischen Liga übernommen hatte, hatte sich die Eroberung Magdeburgs, die er, teils zynisch, teils religiös-fanatisch, ›die Verheiratung der Magdeburger Jungfrau mit dem katholischen Kaiser‹ nannte, als oberstes Kriegsziel gesetzt.
Seit Anfang März 1631 lagerten Tillys Truppen vor Magdeburg, hatten Schanzen gebaut, Laufgräben ausgehoben und ihre eigene Stadt vor der Stadt errichtet. Dennoch war den Bürgern innerhalb der Stadtmauern die meiste Zeit nicht bange gewesen. Denn der schwedische König Gustav Adolf, der unbesiegbare ›Löwe aus Mitternacht‹, war mit Verstärkung unterwegs. Er würde General Tilly auf seine gierigen Pfoten klopfen und wieder vertreiben. Zur Befestigung der Wehranlagen hatten die Bürger sogar Steine aus den Mauern des Bischofspalastes herausgebrochen, sodass dieser langsam zerfiel. Der Bischof residierte längst in Halle.
Cord Heinrich Knoll, der keine Ahnung hatte, wie falsch er mit seiner Hoffnung auf schwedische Verstärkung lag und der nicht wusste, dass sein Schicksal eigentlich schon besiegelt war, kämpfte mit anderen, banaleren Problemen: Im Moment versuchte er noch mit Resten eines ziemlich dünn geratenen Malzes einen letzten Sud eines ebenso dünnen Broyhans zu brauen, bevor der anbrechende Sommer der Brausaison ein Ende setzen würde. Es war ein ungewöhnlich kaltes, trockenes Frühjahr gewesen, bis vor einigen Tagen der Regen eingesetzt hatte. Nur aufgrund des kühlen Wetters konnte im Mai noch gebraut werden. Normalerweise war damit Ende April Schluss, auch wenn es in Magdeburg nicht gesetzlich geregelt war wie in Bayern, mit dem Namenstag des Heiligen Georg, dem 23. April, aufzuhören. Er trieb seinen Brauerburschen an, das Feuer ordentlich zu schüren. Dass es sich dabei um seinen eigenen Sohn handelte, spielte keine Rolle. »Los, Gisbert, blas’ schon anständig rein in die Glut, auf dass wir eine gute Hitze haben!« Der achtjährige Junge, mit einer langen, gegerbten Lederhose und einem verdreckten Leinenhemd gekleidet, schwitzte und pumpte an dem großen Blasebalg, als ginge es um sein Leben. Eigentlich war Knoll froh, dass ihm von den neun Kindern, die seine Frau Lisbeth zur Welt gebracht hatte, wenigstens fünf geblieben waren. Gisbert, den Ältesten, hatte er sogar schon zur Brauerei angelernt. Die drei Mädchen waren meist bei der Mutter in der Stube, wobei sie auf den Kleinsten, den zweijährigen Ulrich, achtgaben.
Das Geschäft war so schlecht geworden, dass er schon vor der letzten Saison seine beiden Brauerburschen fortgeschickt hatte. Nun waren nur noch er und Gisbert im Brauhaus tätig. Cord Heinrich Knoll war in der Mitte des ersten Jahrzehnts im neuen Jahrhundert geboren worden und somit siebenundzwanzig Jahre alt. Baumlang und hünenhaft stand er da, mit Händen groß wie Bratpfannen, selbst der bei Bierbrauern obligatorische Bierbauch fehlte, den hatten harte Arbeit und karge Kost dahinschmelzen lassen wie das köstliche Schmalz, das – in besseren, früheren Tagen – in der großen, eisernen Pfanne auf dem Herd ausgelassen wurde. Schulterlanges, schwarzes Haar verdeckte bisweilen die Sicht auf die braunen, treu blickenden Hundeaugen, wie seine Lisbeth sie nannte. Ein mächtiger Bart komplettierte die imposante Erscheinung des Magdeburger Brauherrn. Er nahm die Eimer mit dem Malzschrot, als wögen sie nichts und wuchtete sie gekonnt ins Maischgefäß. Dann füllte er mit heißem Wasser aus dem Kessel auf, unter dem Gisbert eine Höllenglut entfacht hatte. »Gut so, weiter so, mein Junge!«, feuerte Knoll seinen Sohn an, der alle Anlagen hatte, ein Hüne wie sein Vater zu werden. Er brauchte das Feuer später zum Kochen der Bierwürze, da sollte es zwischendurch nicht ausgehen.
»Ich gehe derweil zum Eiskeller nach dem Rechten schauen«, rief er seinem Sohn zu und verschwand durch eine Öffnung in der Wand in einen kleinen Stollen, hinein in die Dunkelheit. Gisbert starrte in die Feuerglut.
Dieser Sud, den die beiden Knolls gerade ansetzten, sollte der letzte gewesen sein. Nicht nur der Saison, sondern in der Geschichte von Knolls Magdeburger Brauhaus.
Für alle Zeiten! Man schrieb den 18. Mai 1631.
Übermorgen würde sich die Stadt ergeben müssen.
General Tilly rüstete zum Sturm auf Magdeburg …
2.
Magdalena Bacherl war eine Soldatenfrau. Seit fast sechs Jahren, seit sie einander in der Nähe von Schweinfurt gefunden hatten, folgte sie ihrem Mann, dem Söldner Johannes, im Heerestross quer durch Deutschland. Sie wusch ihrem Mann die Wäsche, pflegte seine Wunden, gebar die gemeinsamen Kinder, die sie auch allesamt gleich wieder beerdigt hatte, und half beim Ausplündern der Toten nach der Schlacht sowie bei den Beutezügen, wenn sie eine Stadt erobert hatten. Gemeinsam mit anderen Soldatenfrauen reinigte sie die Scheißplätze der Soldaten; alles war besser, als allein irgendwo unterwegs zu verrecken.
Das Leben im Soldatenlager war grausam, hart und ohne eine enorme Robustheit und den unbeirrbaren Glauben, dass das ganze Leben nur eine Prüfung des einen, des ewigen Gottes sei, nicht zu ertragen. Magdalena hatte beides. Sie war, als Ehefrau eines erfahrenen Söldners, relativ gut beschützt, selbst in einem Tross voll ewig lüsterner Soldaten. An eine wie sie Hand anzulegen, hätte den sicheren Tod bedeutet. Zu wichtig waren allen Soldaten ihre mit dem Tross ziehenden Familien. Ihre jeweils eigene, kleine Welt. Das war alles, was sie hatten. Es war wenig genug, aber zumindest gehörte es ihnen!
Sie war einst ein hübsches junges Ding gewesen, mit grünen Augen, langen, hellbraunen Haaren und kleinen, festen Brüsten, mit Träumen dazu, wie sie jedes Mädchen hatte: einen guten Ehemann haben, einige Kinder kriegen und den Hof der Eltern bewirtschaften.
All dies war in Rauch aufgegangen, als eine Gruppe ausgemusterter, halb verkrüppelter, ehemaliger Landsknechte, hungrig wie ein Rudel Wölfe, den väterlichen Hof in der Nähe von Frankfurt überfallen hatte. Erst wurde alles leer gefressen, dann die Eltern gefoltert. Obwohl bei ihnen nichts zu holen war, wurden die Mutter sowie der Vater grausam getötet und der Hof in Brand gesteckt. Nie würde sie die Schreie vergessen, den Rauch, den Gestank, auch wenn ihr alles mittlerweile wie die Erinnerung einer anderen Person aus einem früheren Leben vorkam. Sie und ihre Geschwister hatten sich danach in alle Winde zerstreut, sie rechnete auch nicht damit, jemals einen Bruder oder eine Schwester wiederzusehen. Sie hatte sich dann, wie viele Heimatlose und Entwurzelte, einem der vorbeiziehenden Heere angeschlossen. Zuerst hatte sie Handlangerdienste, Räum- und Wascharbeiten verrichtet und versucht, sich ihrer Haut zu erwehren, so gut es ging. Bis sie Johannes aufgefallen war. Der war ein fescher, tapferer Söldner, er hatte sie zu sich genommen und bald geheiratet. Vier Kinder hatte sie ihm bereits geboren. Zwei Mädchen, zwei Jungen. Keines hatte das erste halbe Jahr überlebt. Zu anstrengend war das Leben im Heerestross, zu unsauber und voller Krankheiten für Neugeborene. Über fünf Jahre lang waren sie, vom Frühjahr bis zum Herbst, nun bereits von Schlacht zu Schlacht gezogen und nur mit viel Glück am Leben geblieben. Jetzt lagerten sie seit über zwei Monaten vor Magdeburg und hofften, dass die reiche Stadt bald gestürmt werden würde. Und das alles nur, weil die Magdeburger sich, rätselhafterweise, geweigert hatten, den geforderten Tribut von lächerlichen einhundertfünfzigtausend Talern zu zahlen.
Vergebens hatten die Menschen auf der anderen Seite, innerhalb des Belagerungsrings, bislang auf das Eintreffen des schwedischen Heeres gehofft. Den etwa fünfunddreißigtausend Menschen, die sich hinter den Stadtmauern versammelt hatten, wurden die Vorräte knapp. Jetzt war es langsam vorbei, die Stadt würde sich entweder ergeben müssen oder eine letzte Schlacht um ihr Überleben ausfechten. Ein Sieg über Magdeburg, das würde der Höhepunkt im Soldatenleben eines jeden Mannes sein, der hier in General Tillys Heer stand. Der andere Anführer des Heeres, der Reitergeneral Pappenheim, der als der eigentliche Antreiber des Angriffs galt, hatte die Magdeburger Bürger schon vorab einmal für vogelfrei erklärt. Da galt es, reichlich Beute zu machen. Vielleicht so viel sogar, dass man aufhören konnte mit dem Sengen, Morden und Plündern. So oder ähnlich hörten sich auf jeden Fall die großspurigen Reden an, die Abend für Abend im katholischen Lager geführt wurden.
Früh am Morgen des 20. Mai loderte die aufgehende Sonne bereits über der dem Untergang geweihten Stadt. Der Regen hatte aufgehört. Das Blau des Horizonts wurde nur hier und da von kleinen, weißen Flaumwölkchen getrübt. Die Heeresführung trommelte alle Soldaten für das Gebet zusammen. Feldherr Johann t’Serclaes Graf von Tilly war bereits Anfang Siebzig – doppelt so alt wie sein Pendant Pappenheim –, von mittlerer Statur und sturem, fanatischem Charakter. Unter seinen buschigen, grauen Augenbrauen erblickte man, trotz des Alters, feurige Augen, die seine scharfen Gesichtszüge unterstrichen. Seine hagere Erscheinung zeugte von Bescheidenheit und Disziplin – nicht umsonst trug er den Spitznamen ›Der Mönch‹ –, und er erwartete die gleichen Eigenschaften von seiner Truppe. Im Normalfall …
Der Herzog aus Brabant und Gottfried Heinrich zu Pappenheim hatten beide ihre prächtigsten Kriegsgewänder angelegt.
Tilly trug einen schwarzen, ledernen Kürass mit einer dicken, mehrfach gefalteten, leinenen Halskrause, darüber einen silbern schimmernden Harnisch. Sein Victor-Emanuel-Bart, nach Musketier-Art, war gezwirbelt und gewichst worden wie nie zuvor. Seine polierten Stiefel glänzten. Sogar sein Pferd war geschmückt, denn schließlich war Tilly ja, seiner eigenen Einschätzung zufolge, auf dem Weg zu einer Hochzeitsfeier.
Pappenheim trug eine silberne Rüstung und einen Lederkoller, darüber jedoch nur einen kleineren, den spanischen Kragen, der Golilla genannt wurde. Auch er hatte einen Musketier-Bart, allerdings nicht gezwirbelt, sondern auf Oberlippe und Kinn mächtig aufgekämmt, sodass sein Gesicht voller und männlicher wirkte.
Siegessicher sahen sie beide aus, als sie die Hände ergriffen, zum Himmel hoben und zum Allmächtigen Gott und der Jungfrau Maria flehten, für Kaiser, Papst und Vaterland! Und während die Generäle mit ihren Offizieren, aber auch mit den Soldatenfrauen wie Magdalena, inbrünstig darum beteten, ihrem Gott, dem Gott der Katholiken, die Jungfrau Magdeburg zu Füßen legen zu können, glänzten die Augen der gemeinen Soldaten aufgrund der bevorstehenden Beute. Es waren ungarische, kroatische, polnische, italienische, spanische, französische und deutsche Söldner. Der Krieg war längst kein deutscher Krieg mehr, sondern ein europäischer.
Die reiche Hansestadt bestand aus drei Teilen, die jeweils durch tiefe, künstlich angelegte Wasserkanäle sowie eigene Stadtmauern voneinander getrennt waren: Die Südenburg, die Altstadt und die nördlich gelegene Neustadt. Die Neustadt war im Krieg unmöglich zu halten und daher schon längst geräumt; leer und teils abgebrannt, gab es dort nichts, was noch von Wert für Tilly gewesen wäre. Die Südenburg war klein und von wenig Interesse. So konzentrierte sich alles auf die drei nördlicher gelegenen Stadttore der großen, wohlhabenden Altstadt. Zwei weitere südlichere Tore, das Südenburger-Tor, direkt beim Dom gelegen, sowie das Ulrichstor wurden noch sicher gehalten; also waren die Lukasklause, das Krockentor sowie die Hohe Pforte im Norden als Angriffsziele ausgemacht worden.
Elbseitig gab es nur ein Tor. Die beiden Schanzen auf der anderen Uferseite, die Krockow’sche und die Zollschanze, waren bereits seit längerem unter der Kontrolle der katholischen Armee, und die schmalen Brücken, an denen sich hinter den Schanzen das Holzmarschtor, die Zugbrücke und das eigentliche Elbestadttor befanden, waren teilweise zerstört worden. Bewacht wurden sie nur, damit niemand auf diesem Weg aus der Stadt fliehen konnte.
Johannes hatte beschlossen, dass sie beide durch das Krockentor in die Stadt einfallen wollten, welches Tilly, zusammen mit der Hohen Pforte, seiner Truppe zugeteilt hatte. Pappenheims Soldaten hingegen würden hauptsächlich durch die Lukasklause hineinstürmen. »Beim Krockentor, da sind gleich zwei Kirchen, St. Augustin und St. Jakob, und jede Menge reiche Bürgerhäuser mit fetten Pfeffersäcken gleich drum herum«, frohlockte er vorab.
Die Stadttore waren bald gestürmt und die reiche Hansestadt lag vor ihnen wie auf dem Silbertablett. Als Magdalena dann mit den johlenden Soldaten, etwa sechsundzwanzigtausend an der Zahl, in die gefallene Schönheit eindrang, spürte sie gleich, dass heute irgendetwas anders war. Des Öfteren hatten sich die Truppen bereits über Ortschaften und Städte hergemacht, die es gewagt hatten, dem Kaiser und der Katholischen Liga zu trotzen. Aber noch nie war die Stimmung so aufgeladen gewesen wie heute. Gewalt, Zorn, Übermut, Siegestaumel und Lüsternheit lagen in der Luft, dies allerdings vielfach verstärkt durch Unmengen an Wein und Bier, die Tilly seinen Truppen für die Siegesfeier bereitgestellt hatte. Magdalena hatte ein äußerst ungutes Gefühl, eine dumpfe Vorahnung, dass heute noch mehr Gräueltaten passieren würden als sonst. Sie wollte nur schnell hinein in die Stadt, zusammenraffen, was halbwegs von Wert erschien, und wieder hinaus. Natürlich wusste sie, dass es immer Landsknechte gab, die Frauen schändeten und Bürger quälten, um deren Geldverstecke zu erfahren. Aber meist in einem Rahmen, bei dem die Feldherren beide Augen zudrückten. Heute, das spürte sie bereits am frühen Morgen, würde alles anders ablaufen.
So ließ sie sich gleich zu Beginn nach hinten fallen, während ihr Mann Johannes an vorderster Front losstürmte. Er, der mittlerweile einer der dienstältesten der gemeinen Soldaten war, hatte so viel erlebt, dass ihn andere Männer seines Zuges bereits für ›gefroren‹, also für unverwundbar, hielten. Tatsächlich trug Johannes in seinen Taschen diverse Utensilien, die ihm als Talisman dienten und ihm diese Unversehrtheit garantieren sollten. Ein Stück Bocksbart, ein Wolfsauge und eine Gemskugel sollten dazu auf jeden Fall ausreichen.
Magdalena wartete am Stadttor, dessen in die Stadtmauer integrierter Geschützturm wie auch das vorgesetzte Hornwerk gleich zu Beginn des Sturms aufgegeben worden waren, um in dem entstandenen Gedränge weiterzukommen. Sie vernahm bereits die ersten Schreckensschreie der einsetzenden fürchterlichen Gemetzel und sah, wie die ersten blutigen Leiber über die Stadtmauer hinunter in den Kanal stürzten. Als sie nach dreißig endlos scheinenden Minuten innerhalb der Stadtmauern angekommen war, glaubte sie sich in der Hölle wieder. Blut floss in Bächen die Straßen hinunter und färbte das Pflaster tiefrot.
Anfangs trafen die Eroberer noch auf erbitterten Widerstand der Bürger Magdeburgs. Siedendes Wasser ergoss sich aus den Fenstern in die engen Gassen, auf die Köpfe der vor Schmerz aufschreienden Söldner. Aus dem Hinterhalt der Kellerfenster jagten Pistolenkugeln in die Beine und Bäuche der Eindringlinge. Der Widerstand war jedoch bald im Keim erstickt. Magdalena, die bislang geglaubt hatte, alle entsetzlichen Fantasien der Soldaten seit Jahren zur Genüge zu kennen, wurde bereits in den ersten Stunden eines grausamen Besseren belehrt. Vor einem Brauhaus, nur einige Häuser vom Krockentor entfernt, standen zwei große Fässer mit Bier, die oben eingeschlagen worden waren. Aus einem hatten zwei Landsknechte sich die Krüge gefüllt und tranken, als gäbe es kein Morgen mehr. In dem zweiten steckte kopfüber eine Frau, die gerade von einem Soldaten geschändet wurde. Sie strampelte vergeblich mit den Beinen, die Hände zuckten im Todeskampf, während der Soldat, der seinen Rock hochgebunden hatte, damit er mit einer Hand den Haarschopf des Mädchens ergreifen und ihren Kopf im Bier untertauchen konnte, immer wieder mit den Lenden zustieß, bis er erleichtert aufgrunzte und von seinem Opfer abließ. Die beiden anderen Soldaten standen lachend daneben, und machten sich sogleich nacheinander über die bereits Tote her. Voller Abscheu passierte Magdalena die albtraumhafte Szene, indes, es wurde nicht besser. Überall Entsetzen, Mord, Vergewaltigung und Totschlag. Tillys Soldaten nutzten den Freibrief zur Plünderung, den ihnen ihr General zugesagt hatte, weidlich aus.
Während der metallische Geruch von frisch vergossenem Blut durch die Luft waberte, wurden die Bürger aus ihren Häusern getrieben, auf Böcke gebunden und so lange mit Messern und mit brennenden Pechfackeln gefoltert, bis sie auch ihre letzten Geldverstecke preisgaben. Alle Frauen, egal ob blutjung oder steinalt, derer die Soldaten habhaft werden konnten, wurden vergewaltigt und geschändet, viele bis zum Tod. Und sogar vor den Toten kannte der Furor vieler Soldaten keine Gnade.
Die Soldaten machten auch vor kleinen Kindern und Säuglingen nicht halt. Sie hielten sie in den Armen und ermordeten sie auf grausamste Art und Weise, durchtrennten ihre Körper mit ihren Schwertern oder schlugen einfach ihre Köpfe gegen Hauswände oder Treppenstufen bis sie tot waren.
Mittlerweile war an verschiedenen Stellen Feuer ausgebrochen, was die Dramatik der höllischen Kulisse noch steigerte. Aus dem Pulverhof war das Explodieren der dort gelagerten Munition zu hören. Leichen trieben die Kanäle hinunter in die Elbe und stauten sich am Pfeiler der Holzmarschbrücke und der Zugbrücke. Der große Fluss begann sich rot zu färben.
Magdalena hatte in einem bereits leeren und geplünderten Haus eine schöne, massive, silberne Gürtelschnalle gefunden, die von den ersten einfallenden Plünderern entweder übersehen oder verloren worden war und sie sofort in ihrem Leintuch verstaut. Mittlerweile hatte sie sich bis zur Kirche St. Ulrich im Zentrum der Altstadt vorgearbeitet. Eine prallvolle Geldkatze war dort hinzugekommen, die Johannes ihr zugeworfen hatte. Er zog gerade sein Schwert aus dem blutigen Bauch eines wohlbeleibten, gut gekleideten, aber nun mausetoten Bürgers. »Der braucht sein Geld nimmer!«, schrie er dabei lauthals. Trotz des Infernos um ihn herum wirkte er geradezu fröhlich. Die Frauen von Tillys Soldaten waren mit farbigen Tüchern gekennzeichnet, damit sie nicht aus Versehen geschändet oder gemordet wurden. Viele von ihnen arbeiteten Hand in Hand mit ihren Männern wie eine eingespielte Bande.
So auch Johannes und Magdalena. Wenn er mit seiner Frau beim Plündern war, gab es nur selten Missverständnisse, eher eine traumwandlerische Zusammenarbeit. Aber heute war offensichtlich, dass Johannes mehr wollte. Seine Augen hatten einen blutrünstigen Ausdruck, den Magdalena so noch niemals bei ihm gesehen hatte. Sie hatte genug und wollte nur raus aus der Stadt. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie sich erst wieder im Lager träfen. So winkte sie ihm zu, drehte sich um und machte sich auf den Weg Richtung Stadttor. Daher sah sie nicht, wie Johannes nur eine Minute später den Nimbus der ›Gefrorenheit‹ verlor. Eine verirrte Musketenkugel riss ihm das halbe Gesicht weg und kurz darauf wurde er selbst zum Opfer von Leichenfledderern aus dem eigenen Lager.
Auf ihrem Weg hinaus aus dieser Apokalypse ging sie erneut durch das Krockentor. Dabei passierte sie wieder das Brauhaus. Die zwei Fässer standen immer noch davor. Aber nun staken aus beiden die nackten Beine zweier bedauernswerter Magdeburger Mädchen wie Mahnmale heraus. Lediglich ein in Bier ertränktes Opfer hatte den Soldaten nicht genügt. Magdalena hatte Mitleid mit den beiden, ging zu ihnen hin und zog die außen an den Fässern herunterhängenden Röcke zumindest so weit hinauf, um wenigstens die Blöße zwischen den Beinen zu bedecken. »Hoffentlich wird mir einst ein gnädigerer Tod zuteil«, murmelte sie dabei und schickte gleich noch ein Stoßgebet zum Himmel.
Das Tor zum Brauhaus stand halb offen, so ging sie hinein. Tillys Mannen waren bereits, gleich zu Beginn, hier gewesen und hatten alles Inventar zerschlagen, soweit es nicht von Wert war. Das Feuer näherte sich unaufhaltsam, es war nur noch zwei Häuser entfernt. Eigentlich sollte sie sich schnell davonmachen, als sie ein Geräusch vernahm.
Neugierig ging sie in die nächste Kammer, die sich zu einem saalartigen Raum ausweitete, offensichtlich das Brauhaus. Da erblickte sie einen Mann – ein baumlanger Kerl, der einen Jungen und ein kleines Kind bei sich hatte. Rauch waberte bereits durch die offenen Fenster. Der Junge hustete.
Wie konnten die Plünderer diese drei Menschen übersehen haben?, fragte sie sich.
Der große, kräftige Mann hantierte an einer Holzplatte, die in die Wand eingelassen war. Als er im Nebel eine Gestalt wahrnahm, drehte er sich um und kam drohend auf sie zu. Sie bekam es mit der Angst zu tun. Doch Knoll erkannte, dass dort eine Frau stand, ließ ab und schaute sie mit seinen großen, braunen Augen vertrauensvoll an. Dann legte er seinen Zeigefinger auf die Lippen und bedeutete ihr somit, zu schweigen.
Der Junge, die Augen voller Furcht, winkte ihr trotzdem zu und rief leise: »Komm mit uns. Wir bringen dich in Sicherheit.« Er deutete auf einen Korb zu seinen Füßen, in dem sich Brot und andere Lebensmittel befanden. Heftig riss der Mann die Schulter des Jungen herum und sah ihn schweigend und voller Wut an. Der Junge schwieg sofort. Hinter der Holzplatte öffnete sich ein schmaler Gang, ein paar Stufen konnte sie sehen, bevor alles im Dunkeln verschwand.
Magdalena zögerte. Was ging da vor? Sie trat näher, sodass sie den Mann genau sehen konnte. Normalerweise wäre sie jetzt hinausgegangen und hätte sich auf der Straße Hilfe gesucht, um zu plündern.
Dann sah sie, wie der Mann den kleinen Jungen liebevoll auf seinen Arm nahm und den anderen, älteren Jungen mit dem Korb in der einen, einer brennenden Kerze in der anderen Hand, als Ersten in den Stollen schickte. Sie dachte an ihre eigenen verstorbenen Kinder, die sie niemals so im Arm halten konnte. In diesem Moment beschloss sie, dieser Familie die Flucht zu ermöglichen. Sie wiederholte die Geste des Schweigens und rieb mit der anderen Hand Daumen und Zeigefinger aneinander.
Der Mann nickte und warf ihr eine silberne Brosche zu, die er aus seinem Beutel genommen hatte. Anschließend griff er eine brennende Fackel aus der Wandhalterung und verschwand die Stiegen hinunter in den Schacht.
Der kleine Junge, der in eine Decke eingewickelt war, wimmerte vor Angst.
Magdalena verließ das Brauhaus, durchquerte das Stadttor und erreichte bald darauf das Lager, in dem bereits ein schwunghafter Handel mit den erbeuteten Preziosen in Gang war.
3.
Cord Knoll trieb sich und Gisbert an, während er versuchte, den verängstigten Ulrich zu beruhigen. Einige Hundert Fuß lang war der schmale, in den Fels hineingetriebene Stollen, der das Brauhaus mit dem Eiskeller verband. Der von innen verriegelte Eingang befand sich in einem kleinen Wald außerhalb der Stadtmauern. Kaum jemand wusste davon, denn der Eingang lag verdeckt und war, durch die Kriegsereignisse der letzten Monate, lange nicht mehr geöffnet worden. Dieses Frühjahr würden sie kein Eis mehr brauchen …
Die Höhle war vor langer Zeit von einem der frühen Brauer Magdeburgs entdeckt und als Eiskeller eingerichtet worden. Er hatte dies natürlich erst einmal für sich behalten, da es doch einen enormen Vorteil bedeutete, bis in den Sommer hinein das Bier kühl lagern zu können. Fuß für Fuß, Klafter für Klafter, war die Höhle über die Jahrzehnte verlängert worden, bis sie schließlich mit dem Keller des Brauhauses in der Magdeburger Altstadt verbunden wurde.
Jahre-, jahrzehntelang war der Gang von Nutzen gewesen, die Brauerfamilie Knoll hatte das Geheimnis mit dem Kauf des Brauhauses übernommen und bewahren können. Nur wenige Eingeweihte wussten Bescheid. Der Rat hätte sich nicht erfreut gezeigt, wenn allgemein bekannt gewesen wäre, dass es einen unbewachten Zugang zur Stadt gab.
Als der enge Stollen endete, und sie in der Höhle ankamen, erschraken sie zuerst, da es so gespenstisch still war im Vergleich zu dem Lärm des Gemetzels in der Stadt. Von draußen hörten sie vereinzelt Rufe und Hufgeklapper, aber das waren Menschen, die entweder unterwegs in die Stadt oder aus ihr hinaus waren. Gekämpft und geplündert wurde nur innerhalb der Stadtmauern.
Knoll setzte den kleinen Ulrich auf den Boden, entzündete eine weitere Kerze und schaute sich um. Es war alles am Platz, wie er es in aller Eile vorbereitet hatte. Ein kleines Bierfass stand dort, in der Ecke ein paar Eimer Wasser, in der anderen Ecke zwei Eimer – mangels einer Latrine oder eines ›stillen Örtchens‹ – für ihre Ausscheidungen. Ein stabiler Leiterwagen, mit dem ansonsten das Eis aus dem Wald geholt wurde, würde ihnen sicher gute Dienste leisten. Etwas Stroh und ein paar alte Decken lagen auch herum. Brot, Käse und Wurst befanden sich im Korb. All das, wonach er bei ihrer Flucht in aller Schnelle in der Küche gegriffen hatte; auf jeden Fall war es fürs Erste genug.
Einen Beutel voll mit Reichstalern hatte er auch dabei. Die große Zeit der Falschmünzer, der Wipper und Kipper, wie die Fürsten genannt wurden, die ihr Silber mit wertlosem Kupfer gestreckt, ihr eigenes Volk betrogen und die größte Inflation aller Zeiten verursacht hatten, ging trotz dieses Krieges ihrem Ende entgegen. Anscheinend waren die Fürsten durch den Krieg auch auf anderen Wegen reich geworden. Sein Geldbeutel mit Talern aus echtem Silber würde also für eine gute Weile vorhalten.
Jetzt, wo er sich mit den Jungen halbwegs sicher fühlte, begann er sich um Lisbeth und die Mädchen große Sorgen zu machen. Heftig gestritten hatten sie am Vorabend, nachdem die Nachricht bekannt gegeben worden war, dass am nächsten Morgen der Sturm losbrechen sollte.
»Lass uns in den Dom gehen, den anzutasten werden sie nicht wagen«, war Lisbeths Meinung gewesen. Sie glaubte nicht nur fest an Gott und seine Gebote, sondern auch an die Unantastbarkeit einer geweihten Kirche.
»Aber was, wenn der Dom überfüllt ist und sie uns nicht hineinlassen? Und wie lange müssen wir unter Umständen dort ausharren?« Cord Heinrich Knoll war skeptisch gewesen. Und am Allerwenigsten traute er Tilly und seinen Soldaten. In Göttingen und Neubrandenburg hatten diese sich, den Gerüchten zufolge, einen Dreck um Moral, Anstand oder gar Heiligkeit der Gotteshäuser geschert. Lisbeth war stur geblieben. Und als Knoll früh am Morgen aufgestanden war, waren sie und die Mädchen schon fort gewesen. Der Dom sollte heute übervoll werden …
Knoll schickte ein Gebet zu Gott für seine Familie.
Er wusste nicht, wie lange sie hier versteckt bleiben mussten, also galt es, sparsam mit den Vorräten umzugehen. Eine kleine Mahlzeit, dann legte er Ulrich schlafen. Aber der Junge weigerte sich, er spürte die Unruhe und die Gewalt um sich herum. Und so sang Knoll ihm mit zitternder Stimme und Tränen in den Augen ein Kinderlied vor, das erst in diesem Krieg entstanden war, nachdem Wallensteins Heer sich mordend und brandschatzend durch Norddeutschland gewälzt hatte: »Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg, die Mutter ist im Pommerland, Pommerland ist abgebrannt, Maikäfer flieg …«
Ulrich schlief ein. Die Dämmerung kam und mit ihr die Stille. Es wurde Nacht. Knoll schob behutsam den Riegel beiseite und ging hinaus, einige Schritte in den Wald hinein. Niemand trieb sich hier in der Dunkelheit herum. Obwohl, dunkel konnte man dies nicht nennen, denn der Feuerschein der sterbenden Stadt erleuchtete den Himmel.
Er kletterte auf einen Baum und blickte hinüber zu den mächtigen Mauern, die doch nicht mächtig genug gewesen waren. Er versuchte, sein Brauhaus zu erkennen, aber alles, was er ausmachen konnte, war, dass alle Häuser dieses Stadtteils, auch die in der Krockentorgasse, anscheinend lichterloh in Flammen standen. Nicht nur seine Brauerei schien zu brennen, sondern auch die gute Stube mit der Bildergalerie seiner Vorfahren. Seine eigene Vergangenheit und die seiner Sippe fielen in diesem Moment offensichtlich den Flammen zum Opfer. Nicht nur Pommerland, auch Magdeburg war abgebrannt. Voller Trauer und Verzweiflung schweifte sein Blick noch einmal zurück auf seine Heimatstadt, auf das untergehende Magdeburg. Er wusste nun wie sich Äneas hatte fühlen müssen, als dieser das brennende Troja hinter sich verließ.
Er kehrte zurück in die Höhle, verschloss sie sorgfältig, sprach ein Gebet und umarmte seine beiden Söhne. »Wir haben unser Leben, das ist alles, was uns geblieben ist«, flüsterte er den beiden schlafenden Kindern ins Ohr. »Wir werden neu anfangen. An einem anderen Ort.«
4.
Vier endlose Tage dauerten die Plünderungen und Feuersbrünste noch an. Das kühle, trockene Wetter unterstützte die Brände, die vom Wind immer wieder neu angefacht wurden. Einigen wenigen reichen Bürgern gelang es derweil, sich und ihren Familien mit ungeheuren Geldsummen ihre Freiheit zu erkaufen.
Etwa dreitausend Menschen hatten sich im Magdeburger Dom versammelt und wie Lisbeth Knoll gehofft, dass diese Bastion selbst für die entfesselten Soldaten des katholischen Heeres tabu wäre. Mitnichten. Die Soldaten warfen Fackeln durch die Fenster und zwangen so einige der Gläubigen, den Dom zu verlassen. Die, die hinausliefen, wurden geschändet, gefoltert und getötet. Darunter waren auch Lisbeth Knoll und ihre drei Töchter, die in der Nacht heimlich das Haus verlassen hatten, in der Hoffnung, der Dom würde der sicherste Platz sein, sollte es zum Sturm auf die Stadt kommen.
Andere harrten im Dom aus, litten Hunger und Durst, bis Tilly vier Tage später persönlich das Eingangsportal öffnete. Der evangelische Domprediger Reinhard Bake fiel vor dem Generalissimo auf die Knie und trug in lateinischer Sprache einen abgewandelten Vers Vergils über die Zerstörung Trojas vor: »Das ist der Tag des Verderbs und das unabwendbare Schicksal Magdeburgs! Troier waren wir, Ilion war und der Elbestadt strahlender Ruhm!« Tilly lies sich ausnahmsweise erweichen und schonte die Überlebenden. Das Feuer beschädigte zwar den Kreuzgang des Doms, das Mauerwerk blieb aber ansonsten unversehrt. Alle anderen Kirchen brannten aus, und bei den meisten wurden auch die Archive Opfer der Flammen und der Zerstörung.
Bei der Magdeburger Hochzeit starben rund zwanzigtausend Menschen. Es war das größte und schlimmste Massaker während des gesamten Dreißigjährigen Krieges. Die letzten moralischen Grenzen wurden hierbei überschritten. Überlebende berichteten später, die Taten und der Schrecken seien in ihrer Entsetzlichkeit ›nicht in Worte zu fassen und nicht mit Tränen zu beweinen.‹
Seuchen folgten der Katastrophe auf dem Fuße und forderten weitere Todesopfer. Der große Rest der wenigen Überlebenden verließ die Stadt und suchte woanders sein Glück. Nur ein einziges Haus in der Altstadt, das in Domnähe gelegene Fachwerkhaus der Domherrenkurie, überstand das Inferno gänzlich unbeschadet.
Eine der bedeutendsten Städte Deutschlands war für zwei Jahrhunderte praktisch nicht mehr vorhanden.
Reue zeigten die Sieger keine. Viele Katholiken jubilierten und sangen Spottlieder.
Pappenheim schrieb: ›… es seien über zwanzigtausend Seelen darüber gegangen, und es ist gewiss seit der Zerstörung Jerusalems kein gräulicher Werk und Strafe Gottes gesehen worden. Alle unsere Soldaten sind reich worden‹.
Tilly erwiderte bereits während der Plünderungen auf das Flehen einiger seiner Offiziere, das Massaker zu stoppen: ›Der Soldat muss etwas haben für seine Gefahr und Mühsal.‹
Und Papst Urban VIII., Papst aus dem Geschlecht der Barberini, zeigte eindrucksvoll, dass er nicht nur in Rom destruktiv wirken konnte. Denn bis heute geht in Rom das Sprichwort um: ›Was die Barbaren nicht schafften, schafften die Barberini.‹ Er äußerte noch einen Monat nach dem ganz und gar unchristlichen Massaker in einem Schreiben seine Freude über die ›Vernichtung des Ketzernestes‹.
Während über zweihundert Flugschriften, zwanzig Tageszeitungen und einundvierzig illustrierte Flugblätter die grauenhaften Nachrichten von der Magdeburger Hochzeit in Windeseile durch ganz Europa trugen und aus dem Magdeburger Gemetzel die erste echte Mediensensation der europäischen Geschichte machten, war die deutsche Sprache um ein Wort reicher: Wenn seither ein Synonym für die größtmögliche Gewalt oder für das totale Grauen des Krieges gesucht wurde, sprach man von ›magdeburgisieren‹.
Es mag ein schwacher Trost für das schockierte Lager der Reformation gewesen sein: Die Sieger konnten ihren Triumph nicht dauerhaft umsetzen. Zögerlich belauerten Tilly, von Pappenheim und der schwedische König Gustav Adolf einander so lange, bis die Eroberung Magdeburgs strategisch ohne Wert war. Krieg ist meist sinnlos, aber die Opfer von Magdeburg starben einen besonders sinnlosen Tod.
5.
Vier endlose Tage lang harrte Magdalena im Lager des katholischen Heeres aus. Dann war sie überzeugt, dass ihrem Johannes etwas zugestoßen war. Überrascht war sie nicht, schließlich glaubte sie nicht an Johannes’ ›Gefrorenheit‹ wie die Soldaten. Sie glaubte an Gott, nicht jedoch an die Unverwundbarkeit mittels Amuletten. Sie befragte ins Lager zurückkehrende Soldaten, die im Siegestaumel aber keine Antworten lieferten. Schließlich fand sie seinen Regimentskommandeur, der ihr bestätigte, was sie längst ahnte: Johannes war tot. Aus dem Hinterhalt erschossen.
Voller Trauer packte sie ihre wenigen Habseligkeiten. Hier war nun kein Platz mehr für sie. Als Hure verdingen wollte sie sich nicht, obwohl die Soldatenwitwen meist keinen anderen Ausweg sahen, um zu überleben. Grußlos und unauffällig verließ sie das Lager. Johannes hatte keine Freunde gehabt, beim Saufen und Würfelspielen würde er sofort von anderen Männern ersetzt werden. Niemand würde ihn vermissen. Und sie genauso wenig …
Johannes hatte ihr ein gutes Messer geschenkt. ›Damit du dich deiner Haut erwehren kannst, wenn ich nicht bei dir bin‹, hatte er lachend gesagt. Nun war er nicht mehr bei ihr, und sie würde den Dolch dringend benötigen.
Sie stolperte durch den Wald, der Magdeburg umgab. Der Gestank der qualmenden Trümmer und der beginnenden Verwesung wehte ihr bis hierher um die Nase. Sie stieg einen Hügel hinauf und blickte zum Himmel. Es würde gleich beginnen zu regnen. Warum nicht ein paar Tage früher, dann wären die Brände eher gelöscht worden? Die ersten Regentropfen prasselten auf das Laub. Sie suchte Schutz in einer dichten Baumgruppe. Kein Soldat war weit und breit zu sehen. Alle versoffen, verspielten und verhurten jetzt das Geld, das sie von den Händlern und Marketendern für ihre Beutestücke erhalten hatten. Die rieben sich derweil die Hände; Magdalena wusste genau, dass kein Soldat jemals den Wert einer Preziose richtig einzuschätzen wusste. Deswegen hatte meist sie die Verhandlungen für Johannes’ Beute übernommen. So war sie in Gedanken versunken und wartete darauf, dass der Regen aufhörte. Hunger quälte sie.
Zu spät hörte sie das Geräusch der näher kommenden Schritte. Ein Mann tauchte auf. Zum Glück war er nicht wie ein Soldat gekleidet. Zur Flucht wäre es sowieso zu spät gewesen. Der Mann zog einen Karren, neben dem ein Junge herlief.
Hatte sie die beiden nicht schon einmal gesehen?
Der Mann hielt, blickte sie an. Überdeutlich war das Erstaunen über ihr erneutes Zusammentreffen in beiden Gesichtern zu erkennen. »Danke!« Das war alles, was er herausbrachte. Der Junge sah sie an und forderte sie mit einer kurzen Geste dazu auf mitzukommen.
Die folgenden Tage und Wochen zogen sie gemeinsam durchs Land. Knoll hatte ebenso nach einigen Tagen des Wartens die traurige Gewissheit erlangt, dass der Rest seiner Familie mit Sicherheit ermordet worden war. Eine Rückkehr in die Stadt war zu riskant. Und selbst wenn nicht, was sollte er in einer Stadt, die zerstört war und die sich in der Hand des katholischen Heeres befand? Er wollte nur noch fort. Obwohl er lange mit sich haderte, seiner toten Frau und seinen Töchtern keine Beerdigung zuteil werden lassen zu können.
Auch Magdalena erzählte ihre Geschichte.
Das Erstaunliche geschah: So gegensätzlich sie waren, dort der Bürger, hier die Frau aus dem Lager der Plünderer und Landsknechte, hier der stolze Protestant, dort die gläubige Katholikin; der Verlust, den jeder erlitten hatte, schweißte sie zusammen. Knoll spürte, dass Magdalena kein schlechter Mensch war, dass lediglich ein schweres Schicksal sie ins Soldatenlager geführt hatte. Magdalena hatte bereits bei ihrem ersten Treffen, im Brauhaus während der Plünderung, Gefühle für diese Menschen verspürt, die sie vorher nie gehabt hatte. Eigentlich waren sie nun wie eine Familie. Nur heimatlos, ohne zu wissen, wohin sie sich wenden sollten. Doch Magdalena war zuversichtlich, hoffte auf bessere Zeiten. Darauf, dass die Welt wieder menschlicher werden würde. Friedlicher. Ruhiger.
Cord Heinrich Knoll war erfüllt von grenzenlosem Hass. Auf den Kaiser in Wien, auf Tilly, auf Pappenheim, denen er insgeheim die grässlichsten Flüche nachsandte.
Hass auf die, die ihm alles genommen hatten, bis auf seine beiden Söhne.
Niemals sprachen sie über Magdeburg. Beide, Cord wie Magdalena, vergruben die Erinnerungen an die grauenhaften Ereignisse tief in ihrem Herzen.
So kühl es bis zum Frühjahr gewesen war, so schnell und warm kam der Sommer. Für Reisende ohne Unterkunft war dies ein wahrer Segen. Hörten sie von Weitem Trommeln, Trompeten oder irgendeinen anderen Hinweis auf sich nähernde Soldaten, schlugen sie schnell seitliche Wege ein. Sie wollten jeglicher Soldateska aus dem Wege gehen.
Der Krieg war durch das Eingreifen der Schweden und den Fall Magdeburgs in eine neue Phase getreten. Nun waren in erster Linie Mittel- und Norddeutschland betroffen. Sie versuchten, so gut es ging, ihren Weg hinweg von den Kriegsschauplätzen zu finden, Richtung Westen.
Schon bald hatte sich Knoll an die Koständerung gewöhnt. In Magdeburg hatten sie sich, selbst in Kriegszeiten, am liebsten von Bürgerspeise ernährt: Die Früchte der Bäume, wie Kastanien und Pfirsiche, waren neben Fleisch, Käse und Speck stets auf ihren Tischen zu finden gewesen. Nun, unterwegs, aßen sie meist ›niedere‹ Speisen: Knollen, Wurzeln, Zwiebeln, Salat. All das, was unten am Boden wuchs und daher, nach altem Brauch, seit jeher für die ›da unten‹ bestimmt gewesen war. Aber solange Knolls Geld ausreichte, litten sie zumindest keinen Hunger. Wenn die Bauern, auf deren Höfen sie anklopften, sie meist unfreundlich empfingen oder gleich davonjagen wollten, so war beim Anblick einer klingenden Münze meist ein Stück Käse oder Wurst zu haben. Manchmal sogar ein Platz im Heu.
Wohin sollten sie sich wenden? In eine Stadt, damit Knoll dort Arbeit als Braumeister finden könnte? Alle protestantischen Städte lebten derzeit mit dem Damoklesschwert der katholischen Truppen über sich und konnten jederzeit überfallen werden. Das wollte Knoll nicht noch einmal durchmachen. Am besten wäre sicher, erst einmal dem Krieg aus dem Weg zu gehen. Denn auch der längste Krieg würde irgendwann einmal vorbei sein. Und mit einfachem Handwerk konnte man sich auch auf dem Land über Wasser halten. Vorausgesetzt, man lief den Plünderern nicht in die Arme.
Aus Wochen wurden Monate. Immer wieder trafen sie auf ihrem Zug durch Niedersachsen auf vereinsamte Gehöfte, wo vorbeiziehende Soldaten verbrannte Erde hinterlassen hatten. Sie wanderten vorbei an Ruinen einst stolzer Häuser und über kahle Hügel, auf denen häufig verwitterte Galgen standen – bisweilen hingen noch Teile der Gehenkten daran, die wie bedrohliche Wegweiser in eine düstere, fürchterliche Welt wirkten. So sehr sie von den Grausamkeiten bereits abgestumpft waren, reagierten sie doch ein ums andere Mal erneut schockiert über den Einfallsreichtum der Folterknechte. Das geflügelte Wort von den ›Soldaten, die der Bauern Teufel sind‹, war hier grausame Wirklichkeit geworden. Sie durchquerten die protestantische Grafschaft Mark, die besonders übel heimgesucht worden war. Sie mussten fort aus dieser Gegend, so schnell wie möglich.
Einige Wochen später hatten sie den Rhein erreicht und standen vor einer plumpen, steinernen Brücke, die jedoch zerstört war. So setzten sie zwischen Köln und Bonn mit einem Boot über, dessen Fährmann sich letzte Reste von Mitleid und Menschlichkeit bewahrt hatte. Nach allem, was sie unterwegs gehört hatten, war es am Niederrhein, trotz der Nähe zu den spanischen Niederlanden, bislang weitgehend friedlich geblieben. Keine Schlachten, nur gelegentlich vorbeiziehende Truppen auf einem Gewaltmarsch, denen Kost und Logis gewährt werden mussten. Größere Plünderungen waren jedoch ausgeblieben. Lediglich Häuser ohne Dächer erblickten sie ab und zu. Da erinnerte sich Knoll daran, dass in den Zeiten der schlimmsten Inflation einige Jahre zuvor die Falschmünzer sogar Dächer abgedeckt hatten, um genügend Kupfer für ihre Betrügereien zu haben.
Mittlerweile befanden sie sich in der Eifel. Wie der Rest des Reiches, war auch diese Gegend zumeist Bauernland. Die Bauern waren der Boden der gesellschaftlichen Pyramide. Sie ernährten ihre Herren, sie zahlten, leisteten Frondienst, bei Protest wurden sie massakriert. Aber dennoch waren dies hier andere Bauern als die in der Magdeburger Börde, die sich bei Verhandlungen über das Getreide meist als vorlaut und schlagfertig erwiesen hatten. Die Eifeler Bauern waren schweigsam, gläubig und fleißig, noch erdverbundener als andere und, bei aller Langsamkeit – die Knoll zuerst für Dummheit hielt –, doch klug und lebenserfahren. Sie ehrten ihre Traditionen, sprachen aber wenig darüber, sondern befolgten sie ganz einfach. Die Schweigsamkeit hatte ihre Vorteile: Niemand fragte Knoll nach dem Woher und Wohin. In diesen Zeiten war das halbe Reich unterwegs, Flüchtlinge der Religion, Katholiken wie Protestanten, Flüchtlinge aus eroberten Städten, zerstörten Dörfern und niedergebrannten Bauernhöfen, arme Flüchtlinge und auch wohlhabende, jung wie alt, Männer wie Frauen, Bürger, Bauern und sogar bisweilen der Klerus. Wer keine Fragen stellte und keine Antworten erwartete, der wurde auch in Frieden gelassen. Zumindest von der Landbevölkerung.
Bei Dreimühlen, etwas südlich von Eiserfey, durchquerten sie eine Landschaft voller bizarrer Felsen und wunderlicher Steinformationen. Hier nahm die Idee in ihren Köpfen zum ersten Mal Gestalt an.
Magdalena sprach es als Erste aus: »Hier gibt es sicherlich Höhlen. Wenn wir eine solche nur finden könnten. Das wäre doch etwas zum Verstecken und zum Überleben.«
Also begannen sie mit der Suche. Und wurden bald fündig. Mehr als das. Sie fanden ein ganzes Höhlensystem, das von den Einheimischen nach einem Riesen aus einer alten Sage ›Kakushöhle‹ genannt wurde. Dieser riesige, alte Kalkfelsen würde ein prächtiges Versteck abgeben! Sie waren aber weder die Ersten noch die Einzigen, die diese Idee gehabt hatten. Etwa vier Dutzend Menschen hatten sich bereits in dieses unterirdische Labyrinth zurückgezogen.
Cord, Magdalena und die beiden Söhne fanden dennoch Platz dort und wurden von den anderen Bewohnern angenommen. Sie gliederten sich in die kleine Gemeinschaft ein, die gerade dabei war, eine soziale Ordnung zu entwickeln.
Knoll, als einer der ganz Wenigen, die lesen und schreiben konnten, wurde zum offiziellen Schreiber der Höhlengemeinde gewählt. Außerdem zum Lehrer der etwa zwanzig Kinder und, da er im braufreien Sommer stets Küferarbeit verrichtet hatte, war er von nun an auch dafür verantwortlich, die Fässer, die einige mitgebracht hatten, zu reparieren.
Magdalena sammelte mit den anderen Frauen Holz und grub auf den Feldern nach Gemüse und Wurzeln. Die meisten Männer gingen jagen und stellten Fallen auf. Die Kinder mussten zu ihrer eigenen Sicherheit immer in der Nähe der Höhle bleiben. Dort sammelten sie Beeren, Schwämme und Reisig, manchmal fand ein Glückspilz einen Igel. Beinahe so etwas wie Zufriedenheit war es, was sie empfanden, wenn die kleinen Stacheltiere am Spieß steckten, himmlischen Duft verbreiteten und den Hunger der Kinder stillten. Allen gemeinsam war der Wunsch nach Frieden im Land und in ihrer Gemeinschaft, der nur selten durch kleinere Streitereien unterbrochen wurde. Diese wurden denn auch gemeinsam geschlichtet, denn es gab keine Hierarchie, keinen Anführer unter ihnen. Alle arbeiteten Hand in Hand. Das von allen hergestellte Werkzeug wurde von jedermann genutzt, die Früchte der Jagd und des Sammelns vernünftig geteilt. Es gab eine kleine Nebenhöhle, in der wurden Holzvorräte angelegt. Damit das Holz immer schön trocken war und nicht so viel Rauch entwickelte wie nasses Holz. Sie lebten wie eine Herde Tiere, alle zusammen und in der Gruppe; eine Privatsphäre existierte so gut wie nicht. Die meisten Familien hatten sich behelfsmäßige Gestelle aus Ästen gebaut, an denen Sackleinen aufgespannt waren. Diese dienten als Zwischenwände, um ihren Wohnraum von anderen abzugrenzen.
In jeder Nacht verwandelte die kalte, nackte Dunkelheit die Höhle in eine Welt voller wispernder, flüsternder Schatten. Grunzendes Schnarchen, Kinderweinen und leises Gestöhne erfüllten die Höhle. Knoll und Magdalena waren sich bewusst, dass sie ihre Intimität mit seinen Kindern, aber auch mit anderen Familien teilen mussten. Magdalena war dies nicht fremd, denn beim jahrelangen Umherziehen mit den Truppen war ihre Privatsphäre ebenfalls sehr eingeschränkt gewesen. Sie hatte damit keine Probleme. Knoll, der mit seiner Frau in Magdeburg ein eigenes, gutbürgerliches Schlafgemach geteilt hatte, brauchte eine Weile, bis er sich damit arrangiert hatte. Wenn Magdalena sich jedoch in der Nacht an ihn klammerte und ihre nackten, abgemagerten Körper sich vereinten, dann vergaß er für eine kurze Weile das Elend um ihn herum. Die gegenseitige Hingabe in der Nacht ließ beide die schweren Tage besser überstehen. Die Höhlenmenschen gewöhnten sich an ihr sonnenarmes Dasein. Es gab Todesfälle, es gab Geburten, es gab Kindstaufen und andere Gelegenheiten, bei denen dann bescheidene Feste ausgerichtet wurden. Ab und zu fand ein Geistlicher den Weg in die Höhle. Mitsamt Kruzifix, Messgewand und Abendmahlskelch. Sogar diese, Männer beider Konfessionen, waren auf der Flucht.
Sie verbrachten eine lange, lange Zeit in der Kakushöhle. Immer wieder kamen neue Mitbewohner, andere verließen sie. Es gab Menschen, die wanderten regelrecht von Höhle zu Höhle. Quer durch das Reich. Immer auf der Flucht. Die erzählten bisweilen die erstaunlichsten Geschichten. So wie die Familie aus dem Hunsrück, die vor Tillys Truppen Zuflucht auf ihrer heimatlichen Burg Koppenstein gesucht hatten. Tilly belagerte die Burg, die Lage wurde immer verzweifelter, das Wasser wurde knapp. In der großen Not grub man die Brunnen tiefer und tiefer, bis ein Brunnen plötzlich nachgab und eine Wand durchbrach. Dahinter fand man eine riesige Höhle, in welche die Bevölkerung der gesamten Burg mit Sack und Pack einzog und die Wand hinter sich verschloss. Die Eroberer erstürmten eine leere Burg, konnten sich das rätselhafte Verschwinden der Burgleute nicht erklären und zogen unverrichteter Dinge ab, da es in der Burg nichts zu erbeuten gab.
Die Zuhörer lachten trotz ihres eigenen Elends lauthals über diese Geschichte und Knoll wünschte sich, ganz Magdeburg hätte sich vor Tilly in einer Höhle verstecken können.
Des Öfteren fragte er sich, wie er in eine solche Situation geraten konnte. Er, der einstmals geachtete, gut beleumundete Bürger, der wohlhabende Brauherr aus Magdeburg, klug, erfahren und stark. Nie hatte er aufbegehrt gegen die Obrigkeit, hatte brav seinen Platz eingenommen, auf den ihn die Vorsehung gestellt hatte. Anständig war er gewesen, hatte immer seine Steuern bezahlt und seine Pflichten erfüllt. Trotzdem war er nicht beschützt worden. Und trotzdem hatte das Schicksal ihm so übel mitgespielt, dass er nun in einer Höhle leben musste. Er lebte, immerhin, aber sein Vertrauen in die gottgegebene Gesellschaftsordnung war merklich erschüttert. Hilflosigkeit war das, was er am heftigsten empfand. Keine Möglichkeit blieb ihm, wirklich aktiv gegen sein Schicksal aufzubegehren. Nichts, außer schimpfen und fluchen.
Einmal versuchte er sich am Bierbrauen, ließ sich eine kleine Menge der kargen Getreideernte zuteilen, vermälzte diese unter primitiven Bedingungen und präsentierte am Ende ein dünnes, hopfenloses Gersten- und Haferbier, das dennoch von allen mit Genuss getrunken wurde.
Als sie endlich beschlossen, dass es genug sei, dass der Krieg nun wohl vorbei sein müsse, hatten sowohl Cord Heinrich Knoll als auch Magdalena die dreißig Jahre gerade überschritten, Gisbert war zwölf und der kleine Ulrich sechs Jahre alt. Und die kleine Lisbeth Magdalena, in der Kakushöhle geboren, zählte zwei Jahre. Sie war insofern eine Kuriosität, als dass sie zweimal getauft worden war. Einmal reformiert und einmal katholisch, jeweils von einem Elternteil, ohne Wissen des anderen. Mehr als drei Jahre lang hatten die Knolls als Höhlenmenschen gelebt. Man schrieb das Frühjahr 1635. Nur eine einzelne, zerrissene weiße Wolke hing einsam an einem ansonsten unwiderstehlich blauen Frühlingshimmel, als die Familie die Kakushöhle für immer verließ …
Und während sie in der Höhle dahinvegetierten, war in einem anderen Teil Deutschlands, im hessischen Homburg, am 30. März 1633 die Geburt des kleinen Prinzen Friedrich von Homburg gefeiert worden. Die Geburt eines Menschen, der viele, viele Jahre später so dramatisch ins Leben der Familie Knoll eingreifen sollte.
6.
Leider war der Krieg keineswegs vorbei, sondern es hatten sich lediglich erneut Schauplatz und Protagonisten geändert. Das katholische Frankreich beteiligte sich nun an der Seite des protestantischen Schweden am internationalen Schlachtfest. Dadurch geriet die Katholische Liga unter Druck, und der Krieg verlagerte sich nach Süddeutschland.
Zur gleichen Zeit begann jedoch überall, in ganz Deutschland, für die Bevölkerung der grausamste Teil des Krieges: Die, vom nun bereits beinahe zwanzig Jahre andauernden Krieg, völlig verrohten Söldner kannten inzwischen keine Grenzen mehr, was das Drangsalieren der Landbevölkerung anging. Das Magdeburgisieren wurde der traurige, der entsetzliche Standard. Überall zogen kleinere, verwahrloste Heere durchs Land, zu Wallenstein, Pappenheim, den Bayern, Franzosen, Spaniern, Holländern oder Schweden gehörig, schlugen hier und da eine bedeutungslose Schlacht, die sie jeweils zum Anlass nahmen, die Bürger und Bauern zu schröpfen. Bisweilen kam es auch zu grausamen Missverständnissen, wie in Donauwörth, wo die Schweden zuerst die reformierten Bürger vom katholischen Joch erlösten und anschließend versehentlich massakrierten.
Besonders diese schwedischen Söldner erlangten traurige Berühmtheit durch ihren Erfindungsreichtum, da sie sich immer neue Foltermethoden ausdachten. Zum Teil hing es auch damit zusammen, dass sie hier im deutschen Krieg zum ersten Mal mit Wein in Berührung gekommen waren, den sie in den gleichen Mengen und mit demselben Durst konsumierten wie ansonsten das Bier. Nur mit dem gravierenden Nachteil, dass der Wein viel stärker war als ihr üblicher Durstlöscher, und somit zogen die Schweden die meiste Zeit völlig betrunken und enthemmt durchs Land. Wie auf das Wild, so wurde auch Jagd auf Bauern gemacht, von denen man sich noch ein Stück Vieh oder ein Geldstück erhoffte. Unbarmherzig wurden die Opfer misshandelt, nackt an heiße Öfen gebunden, gehängt oder an den Fußsohlen verbrannt. Am meisten gefürchtet wurde der Schwedische Trunk: Eimerweise schüttete man den armen Leuten Wasser oder gar viehische Jauche in den mit einem Stück Holz aufgesperrten Rachen, worauf man ihnen mit den Füßen in die dick angefüllten Bäuche trat oder mit Holzlatten darauf schlug. Wer das überlebte, der verriet alle Verstecke. Auch die Söldner hatten mittlerweile den Braten gerochen, dass sich viele Menschen in Höhlen vor ihnen versteckten. Deshalb hatten sie sich folgerichtig auf Menschen abgerichtete Spürhunde angeschafft, mit denen sie durch die Wälder zogen, um so die Menschen in ihren Höhlen ausfindig zu machen. Deutsche, spanische, kroatische, niederländische sowie Soldaten anderer Nationen standen den Schweden hinsichtlich der ausgeübten Grausamkeit jedoch in wenig bis gar nichts nach.
Viele Bauern waren entweder im Krieg gestorben oder hatten sich aus Verzweiflung den Söldnern angeschlossen und die Höfe einfach ihren Frauen überlassen. Dies führte dazu, dass viele Anwesen weit unter Wert verkauft wurden, weil die überforderten Frauen sich und ihre Kinder vor dem Hungertod retten mussten. Die so heimatlos Gewordenen schlossen sich zu regelrechten Bettlerheeren zusammen, die nun planlos durch ganz Europa zogen. Alle Fundamente der ein Jahrtausend alten, von den meisten als göttlich angesehenen Gesellschaftsordnung gerieten ins Wanken. Und nachdem das ganze Land geplündert war, das Vieh tot und die Felder verwüstet, kam die Pest über die Menschen. Bis zum Herbst dauerte die Seuche an, danach gab es eine große Teuerung und zu guter Letzt erneut eine Hungersnot.
Die Natur spielte allerorten verrückt: Im Winter war es so warm gewesen, dass die Mandelbäume geblüht hatten, im Sommer nun hingegen erfroren alle Obstbäume. In Bamberg erbebte die Erde. An der Nordsee wütete eine verheerende Springflut, die nicht nur Inseln entzwei riss, sondern Teile von Hamburg und seiner Hafenanlagen zerstörte, und Schiffe, Menschen und Häuser mit sich zog. Zehntausend Menschen starben allein bei dieser Katastrophe. An der Ostsee tobte ein mörderischer Sturm mit Blitzen und Donner in nie erlebter Stärke. Aus Neapel wurde eine Entzündung des Vesuvs gemeldet, der das paradiesische Land mit Felsbrocken und glühender Asche verbrannt hatte; gerade so, als wolle die Natur zeigen, dass nicht nur die Menschen das Land verwüsten und magdeburgisieren konnten. Vielerorts wurde von Himmelserscheinungen, Kometen und drei Sonnen berichtet. Wahrsager und Scharlatane hatten Hochkonjunktur.
Spätestens im Mai 1635 hatte Knoll es bereut, die Höhle verlassen zu haben. Sie waren aber bereits zu weit gewandert, um zurückzukehren. Der Hunger wurde nun zu ihrem größten Feind. Sogar mit dem wenigen Geld, das ihnen verblieben war, konnte man nichts anfangen. Es gab einfach nichts, was die Leute entbehren konnten. Und sich mit Gewalt etwas zu nehmen, das kam für ihn nicht infrage.
»Dann wäre ich ja nicht besser als die rasenden, wütenden Bestien, die das Land verheeren«, sagte er wiederholt, wenn Magdalena die Frage aufwarf, ob Verhungern besser sei als Raub: »Wer nix hat, wird halt bös!«
Fanden sie einmal ein verendetes Pferd auf ihrem Weg, so war dies ein richtiggehender Glücksfall. Knoll verscheuchte dann die Raben und verwilderten Hunde, wedelte mit einer Hand die Myriaden Fliegen beiseite und schnitt mit seinem Messer in der anderen Hand Streifen des teilweise bereits verwesenden Fleisches ab. Sie aßen es sofort und roh, an Ort und Stelle, und häufig erbrachen sie das Ganze, von Krämpfen geschüttelt, gleich wieder. Doch manchmal half es ihnen, einen weiteren Tag zu überleben. Wiederholt sahen sie Menschen, die weinend und wimmernd dabei waren, ihre Verstorbenen wieder auszugraben, um mit deren Leichnamen ihren unsäglichen Hunger zu stillen. Alle wussten um den Frevel und die Strafen, die der Entdeckung dieser Gräueltaten folgen würden. Indes, alles war besser, als elendig den Hungertod zu sterben.
Grimmig merkte Magdalena an: »Wenn man überall vergebens um Nahrung angesucht hat, dann klopft man schließlich bei seinen Ahnen an.«
Niemand beachtete sie, niemand hatte Angst vor ihnen oder davor, dass sie die hungrigen Totengräber verraten könnten. Sie waren wie Schatten, die durch diese grausame Welt huschten.
In der Nähe von Wittlich, nicht weit entfernt vom großen Moselfluss, sahen sie von Weitem einen Bauernhof, bei dem sie um Lebensmittel nachfragen wollten. Ein schöner, großer Hof, mit einem Hauptgebäude in Fachwerkbauweise, daneben eine große Scheune, deren untere Hälfte gemauert und die obere ebenfalls als Fachwerk errichtet war. Dazu gab es noch zwei kleine Holzschuppen und einen kleinen Teich.
»Ob das vielleicht sogar der Hof eines Gutsherren ist?«, fragte Magdalena.
Knoll war skeptisch. Und das zu Recht. Schon das fehlende Anschlagen eines Hofhundes hätte sie warnen müssen. Ebenso vermissten sie die normalerweise um einen Hofteich flatternden Enten oder Gänse. Auch sonst waren keine Vögel in der Luft. Kein lautes Geschnatter, kein wütendes Bellen, kein Gezwitscher, kein Geräusch. Nichts. Gespenstische Stille. Totenstille. Als sie näher kamen, sahen sie die halbverbrannten Dächer der Gebäude. Ein Regenguss hatte anscheinend dafür gesorgt, dass nicht alles abgefackelt worden war. Sogar das Toilettenhäuslein etwas abseits war teilweise verbrannt. Das herzförmige Schild an der Tür, auf dem mit ungelenker Schrift ›Unsere Heymlichkeit‹ geschrieben stand, war mit Ruß verschmiert. War der Hof verlassen? Vielleicht gab es doch noch etwas zu holen. Die Hoffnung starb zuletzt. Trotz des bestialischen Gestanks, einer Mischung aus feuchtem Moder, dem Odeur von geronnenem Blut und dem alles überlagernden, allen Menschen dieser Zeit sattsam bekannten, süßlichen Geruch verwesenden Fleisches, für den es jedoch keine augenscheinliche Quelle gab, der einfach überall präsent war.
In der Stube war niemand. Die Speisekammer wie leergefegt. Die wenigen Möbel lagen wüst im Zimmer durcheinander, teilweise zertrümmert. In einer Ecke stand ein kleines Krautfass, gerade so groß wie ein Eimer. Dem Gewicht nach zu urteilen, war es voll. Sollten die Marodeure tatsächlich etwas übersehen haben? Knoll glaubte, dass es wohl eher verloren gegangen war, im Wirbel der Ereignisse während einer Plünderung. Er nahm das Fass und gab es Magdalena, die er dann mit den Kindern wegschickte. Hier wollte er allein weiter nach dem Rechten sehen. Zu oft hatten die Kinder bereits unfreiwillig Gräulichkeiten mit ansehen müssen. Wenn es nicht sein musste, dann wollte er ihnen das ersparen. Was er in der Scheune dann sah, ließ sogar dem inzwischen hart gesottenen Brauer die Galle hochkommen. Die Frau, zwei Großeltern und drei Kinder hingen nackt und tot an den hölzernen Wänden, die die Ställe voneinander trennten. Die räuberischen Söldner hatten die ganze Familie gekreuzigt, wohl bei lebendigem Leib und sicher nicht, ohne die weiblichen Mitglieder vorher zu schänden. Am Schlimmsten, sofern es noch schlimmer ging, hatte es jedoch den Bauern selbst getroffen. Tot und zuvor grün und blau geschlagen hing er, festgebunden, auf einem hölzernen Bock, der in einer eingetrockneten Blutlache stand. Ein Ladestock einer Muskete, schwarz vom geronnenen Blut, steckte tief in seinem After. Zudem hatte man ihm die Hoden mit einer Zange abgekniffen, die nun blutverschmiert am Boden vor sich hin rostete. Welche Schmerzen musste der arme Mann erduldet haben, bevor man ihn, auf dem Bock liegend, in dieser Position einfach hatte verbluten lassen?
Mäuse und Ratten tummelten sich furchtlos und benagten die bereits verwesenden, stinkenden Körper. Schnell verließ Knoll den Ort des Grauens, nicht ohne die zu verfluchen, die dies angerichtet hatten. Dazu sprach er ein Gebet für die arme Familie. Wie ekelte es ihn vor diesem Krieg! Dann kehrte er mit aschfahlem Gesicht zu seiner Familie zurück und fragte sich nicht zum ersten Mal, ob Gott in diesem Krieg wohl gestorben war.
Sie wurden mit jedem Tag schwächer. Das schon leicht verdorbene Sauerkraut hatte sie ein paar Tage über Wasser gehalten und zumindest verhindert, dass ihnen die Zähne noch weiter ausfielen. Das Wenige, das sie noch hatten, gaben sie den Kindern, besonders den beiden Kleinen. Dem ungeachtet waren alle fünf bald dermaßen schwach, dass sie nichts als Haut und Knochen waren. Mit gelblich schwarz gefärbter Haut, tief in den Höhlen liegenden Augen, fleckigen Zähnen und geschwollenen Bäuchen zogen sie durchs Land, wie so unglaublich viele andere, ziellos wie ein Stück Treibholz in einem stürmischen Meer. Sie waren ihr eigenes, kleines Bettlerheer geworden. Den schon gründlich zu Schaden gekommenen Leiterwagen ließen sie irgendwann einfach stehen. Zu anstrengend war es geworden, ihn zu ziehen. Außerdem hatten sie auch nichts mehr, was sie in den Karren hätten legen können. Die Kleider zerlumpt und rissig, schleppten sie ihre ausgemergelten Körper durch die Lande. An den Füßen trugen sie Stroh, das anfangs noch mit Schnüren festgebunden worden war, mittlerweile jedoch nur noch durch den Matsch der Straße zusammenhielt. Sie aßen Gras und Wurzeln und schabten Rinde von den Bäumen. Wenn sie ein Tier hätten fangen können, sie hätten es auch roh gefressen. Sie kauten auf alten Tierfellen herum, um ihren Mägen vorzugaukeln, sie erhielten Nahrung. Das Elend war unbeschreiblich.
Es war September, als Gisbert an Hunger starb. Sie hatten ihn für so stark gehalten, den beinahe dreizehnjährigen Jungen. Aber anscheinend hatten sie sich zu sehr um die beiden Jüngeren gekümmert, die dennoch ebenfalls kurz vor dem Tod standen. Gisbert war eines Tages einfach umgefallen und nicht mehr aufgestanden. Knoll und Magdalena hatte die Kraft gefehlt, ihn zu tragen, so hatten sie Rast gemacht und versucht, ihm ihren allerletzten Kanten schimmeliges Brot zwischen die Zähne zu zwängen, es war aber bereits zu spät. Ohne zu jammern, ohne Wehklagen hatte Gisbert mit ihnen gelitten. Cord Heinrich Knoll machte sich schreckliche Vorwürfe. Sie waren sogar zu schwach, um ihn zu begraben, sie ließen ihn einfach am Wegesrand liegen, als einen der zahlreichen Körper, die dort vor sich hin verwesten.
Die Wolken hoben sich düster vom schweflig gelben Sonnenuntergangshimmel ab. Kein Luftzug, kein Zweig rührte sich. Alles war still, als habe ein plötzliches Grauen das Leben ringsherum gelähmt, als sie Anfang Oktober 1635 an die südliche Pforte der Stadtmauer einer kleinen Stadt anklopften. Sie wussten alle, dass sie nicht mehr lange zu leben hatten.
»Wer begehrt Einlass? Kommt Ihr aus der Richtung von Wolsfeld?«, fragte eine laute Stimme durch das Gitter der dicken, eisenbeschlagenen Tür. In Wolsfeld, einem kleinen Ort etwa acht Kilometer entfernt, grassierte nämlich gerade die Pest.
»Lasst uns ein, wir sind am Verhungern. Unsere Kinder liegen im Sterben.« Knolls Stimme war bereits merklich schwächer geworden.
»Wir lassen kein Landvolk mehr in die Stadt, wir haben selbst kaum genug zu beißen«, kam als höhnische Erwiderung genau die Antwort zurück, die Knoll befürchtet hatte.
»Wir sind kein Landvolk«, erwiderte er, bevor er mit der letzten, ihm verbliebenen, würdigen Demut betonte: »Ich bin der bürgerliche Brauherr Cord Heinrich Knoll.«
Dann fiel er vor Hunger und Entkräftung einfach um.
7.
Zwei Tage und Nächte lang schlief Knoll durch.
Er merkte nicht, dass ihm zwischendurch heiße Suppe eingeflößt wurde.
Er merkte nicht, wie er ausgezogen, gewaschen und gepflegt wurde.
Er merkte nicht, wie er in seinen Alpträumen sein Leid hinausschrie.
Er schrie von Blutgerichten, geschändeten Frauen und toten Kindern, vom Fegefeuer und Zerstörung, vom Weltende und der ewigen Verdammnis. Als er endlich erwachte, hatte sich seine Familie bereits in Sorge um ihn versammelt. Der Geruch der herzhaften Suppe und des frisch gebackenen Brotes war unbeschreiblich köstlich und erweckte ihn wieder zum Leben. Die Kinder hatten sich erstaunlicherweise am schnellsten erholt, Suppe und Brot wirkten bisweilen wahre Wunder. Auch Magdalena war körperlich ziemlich rasch genesen, obwohl sie die kleine Lisbeth die meiste Zeit mittragen musste. Sie hatte, da sie durch jahrelange Teilnahme am Kriegswesen mit einem robusten Gemüt ausgestattet war, die erlittenen und mit angesehenen Scheußlichkeiten am besten verarbeitet. Außer den ausgefallenen Zähnen war allen Dreien auf den ersten Blick kaum mehr etwas anzusehen.
»Wo bin ich? Wo sind wir?«, waren Knolls erste Fragen.
»Im Hospiz in Bitburg«, antwortete Magdalena. »Weil wir eine Bürgerfamilie sind, haben sie uns Einlass in die Stadt gewährt. Und uns sogleich ins Hospital überwiesen.« Wie zum Zeichen, dass nun alles besser würde, hielt sie ihm einen großen Krug Bier hin, das erste richtige Bier seit langer, langer Zeit. Knoll trank mit Genuss. »Hier ist auch alles knapp. Aber es sind gute Menschen. Und Bier gibt es nur noch für die Schöffen und das Hospiz.«
Beinahe musste er grinsen, obwohl er gerade erst dem Tod von der Schippe gesprungen war. »Das wäre wahrhaftig ein Grund, noch länger hier zu bleiben.«
Nach zehn Tagen bereits verließ die Familie das Hospital. Gestärkt und sogar gebadet, sah man ihnen die erlittenen Strapazen bei genauerem Hinsehen aber doch noch deutlich an. Der Stadtschreiber, ein umständlicher Bürokrat namens Dietrich, wies ihnen vorläufig eines der fünf kleinen Häuser zu, die neu angesiedelten Familien vorbehalten waren. Zuerst gab er beiden Kindern einen Apfel, für Lisbeth Magdalena war es der erste ihres Lebens, aber auch Ulrich hatte keine Erinnerung mehr an frisches Obst. Nach überschwänglichen Dankesbezeugungen gingen sie zum Haus.
Magdalena konnte es genauso wenig fassen wie Knoll und die Kinder: »Ein Steinhaus! Ich habe noch niemals in einem Haus aus Stein gewohnt.« Sprachlos vor Erstaunen öffnete sie die Eingangstür und die mit Ölpapier ›verglasten‹ Fenster immer wieder. Sie hatte große Freude daran, wie ein Kind an einem neuen Spielzeug, an dem es sich nicht satt sehen kann. Auch die Kinder waren beeindruckt, obwohl der kleine Ulrich sich noch dunkel an Türen und die bleigerahmten Butzenscheibenfenster in ihrem Haus in Magdeburg erinnern konnte. Lisbeth Magdalena, auf dem Arm ihrer Mutter, schaute hingerissen durch das Fenster und klopfte mit ihren kleinen Fingerchen dagegen. Noch nie hatte sie so etwas gesehen.
»Wir haben in den letzten Jahren einige Neubürger bei uns angesiedelt«, erklärte der Stadtschreiber. »Und da war die Schatulle der spanischen Habsburger auf einmal weit offen, um hier frisches Blut hineinzubringen.«
Dankbar bezogen sie die bescheidene Behausung, die keinem Vergleich mit Knolls Magdeburger Bürgerhaus standhielt, aber weit besser war als alles, worin sie in den vergangenen vier Jahren gehaust hatten.
Magdalena sagte prophetisch: »Mein halbes Leben lang schon sitzt der Hunger mit am Tisch und der Tod am Bett. Ist das jetzt endlich vorbei?«
War dies der Ort des Neubeginns? Würden sie in Bitburg in Frieden leben können?
Die Stadt Bitburg mit ihren knapp eintausend Einwohnern lag im Luxemburger Land, im äußersten südöstlichen Ausläufer der spanischen Niederlande, und gehörte somit ins Lager der Habsburg-Loyalen und Katholiken. Landesherr war also de facto der Spanier Philipp IV. Das Umland aber, sogar das direkt um die Stadt gelegene, gehörte bereits größtenteils zu dem mächtigen und bedeutenden Kurtrier. Bis vor Kurzem war auch Trier der Allianz der Katholiken zugehörig gewesen. Der derzeitige Kurfürst aber war der bereits achtundsechzig Jahre alte Philipp Christoph von Sötern. Er regierte seit zwölf Jahren, dies jedoch mittlerweile nicht mehr unbedingt im Einverständnis mit den Trierer Bürgern. Von Sötern hatte zu Beginn seiner Regentschaft den gleichen Kurs der Rekatholisierung eingeschlagen wie der Kaiser. Diese Politik, zusammen mit einer offen betriebenen Günstlingswirtschaft und rigiden Steuerauflagen zur Finanzierung seiner Bautätigkeit, hatten nicht nur Widerstand in der Bevölkerung, sondern auch im Domkapitel hervorgerufen. Endloser Zank hatte ihn so schließlich ins Lager der reformierten Kräfte getrieben. Von Söterns gutes Verhältnis zu Frankreich war dann so lange als Neutralität ausgelegt worden, bis mit Kardinal Richelieus Hilfe Frankreich ebenfalls, zuerst passiv, ab 1635 dann aktiv, in den Krieg eingegriffen hatte. Die Bürger Triers hatten den Kaiser in Wien um Hilfe gebeten, der hatte spanische Truppen geschickt, die 1630 Trier erobert hatten. Daraufhin hatte von Sötern 1631 mit Schweden und Frankreich einen Neutralitätspakt abgeschlossen, was ihn aber nicht daran gehindert hatte, sich ein Jahr darauf Trier von den Franzosen zurückerobern zu lassen. Zum Dank dafür hatte von Sötern dem achtzehn Jahre jüngeren Richelieu seine Nachfolge auf dem Trierer Bischofsstuhl versprochen. Und damit hatte er das Fass zum Überlaufen gebracht! Denn in diesem Fall hätte Armand-Jean du Plessis, Duc de Richelieu, ein französischer Kardinal, tatsächlich Mitsprache- und Mitwahlrecht bei der deutschen Kaiserwahl gehabt; und die verschiedenen Teile des Habsburgerreiches wären mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auseinandergefallen. Nur die Tatsache, dass von Sötern Richelieu um zehn Jahre überlebte, verhinderte Jahre später Schlimmeres.
Und so verliefen bei Trier und Bitburg bei Knolls Ankunft dort gleich mehrere Grenzen: Grenzen der Konfession, der Politik und der militärischen Allianzen, aber alle diese quer durcheinander, hin- und herwechselnd. Zu Verwüstungen und Plünderungen durch die wild gewordene Militärmaschinerie, wie es anderswo geschehen war, war es bislang nicht gekommen, zu sehr hatte die Politik hier noch die Fäden des Geschehens in der Hand. Zum Teil lag das auch an der Geiselnahme von Söterns, der bei der erneuten Eroberung Triers, 1635, durch habsburgische Truppen verhaftet worden war und seither in Linz in Haft saß – diese sollte zehn lange Jahre andauern; in den Augen vieler hatte erst die Festsetzung des Trierer Bischofs den Grund für den Kriegseintritt Frankreichs geliefert. Mit Genehmigung des Kaisers hatte mittlerweile das Domkapitel die Regierung des Trierer Kurfürstentums übernommen. Das war die politische Situation in der Region.
Das größte Ärgernis dort waren jedoch holländische Freibeuter, die, ohne mit dem Krieg wirklich etwas zu tun zu haben, seit dem Abfall der nördlichen Provinzen der Niederlande vom spanischen Habsburg raubend und plündernd durch das Luxemburger Land zogen, und dies bereits seit über vierzig Jahren taten, lange bevor der große Krieg begonnen hatte. Die Bitburger nannten diese Freibeuter die Staatischen. Man versuchte, mit allen Seiten so gut wie möglich auszukommen und ließ sogar Protestanten in die Stadt, wenn keine Gefahr von ihnen ausging. Auch wenn Bitburg keine Insel der Seligen inmitten dieses Krieges darstellte, so hatte die Stadt doch allein dadurch, dass sie bislang nicht geplündert oder erobert worden war, ihren bescheidenen Wohlstand halbwegs aufrechterhalten können. Bei schlechten Ernten mussten alle den Gürtel enger schnallen, aber verhungert war hier – bislang – immerhin noch niemand.
All dies konnte Knoll nicht wissen, als er und Magdalena gemeinsam zum Stadtrichter Erasmus Oetz vorgeladen wurden, der auch Bürgermeister war und, gemeinsam mit den adeligen Schöffen, die Stadt regierte. Nachdem die Neuankömmlinge mithilfe von Spenden der Bürger neu eingekleidet worden waren – Hosen und Hemden aus grobem Leinen sowie ein einfaches Kleid für Magdalena, sogar für hölzerne Pantinen hatte es gereicht –, gingen sie hinüber zu Oetz’ Haus am Kirchplatz. Es glich mit den vielen Anbauten – Tenne, Hof und Stall, einer offenen Feuerstelle nebst Herd sowie einem kräftig vor sich hin dampfenden Misthaufen – eher einem Bauernhof als einem Bürgerhaus, geschweige denn dem Haus des Bürgermeisters. Den Wohlstand, sogar inmitten des Krieges, erkannte man jedoch an den Nahrungsmitteln: Knoblauch, Lauch, Erbsen und Bohnen standen in Schüsseln auf dem großen Tisch in der guten Stube. Ein Stück Käse nebst einem großen Kanten Speck ließ Knoll das Wasser im Mund zusammenlaufen. Es roch nach Wurst und Rindfleischsuppe. Unvergleichlich gut …
Den Stadtrichter trafen sie an, als er gerade mit dem Schöffen, Johann von Esch, vor einem großen gusseisernen Ofen beisammen saß und über die Kriegslage debattierte.
Oetz war klein, untersetzt und trug eine prachtvolle Knollennase im Gesicht. Mit seinem schütteren, weißen Haar sah er so aus, wie sich die Leute den alten griechischen Philosophen Sokrates vorgestellt hätten. Nur mit dem einen Unterschied, dass Sokrates kein prächtiges, gold-grünes Wams mit roter Schärpe und gleich drei goldenen Ketten über dem Bauch getragen hätte. Hinter der gemütlichen Erscheinung mit dem Kugelbauch und dem verschmitzten Lächeln steckte jedoch ein hellwacher Verstand voller Esprit, an dem Knoll in den kommenden Jahren, in denen der Stadtrichter ein guter Freund werden sollte, noch viel Freude haben würde. Oetz war verheiratet mit der ältesten Tochter des Schöffen Laudolfe aus einer der ältesten Adelsfamilien der Stadt. Diese Verbindung hatte ihm den Weg nach ganz oben in der Bitburger Politik geebnet. Er saß auf einem thronähnlichen Stuhl, etwa einen Fuß höher als der kräftig gebaute, hagere Schöffe von Esch, der seine Vollglatze zur Schau stellte und gegenüber dem Stadtrichter in seiner einfachen Alltagskleidung geradezu unscheinbar wirkte. Fast so auffällig wie Eschs fehlende Haarpracht waren seine langen, gelben Zähne, die an die eines Wolfs erinnerten.
»So, Ihr wollt ein Brauherr sein, der halb verhungert bei uns angeklopft hat?« Knoll, der immer noch, wie während ihrer Irrfahrt durch das Kriegsgebiet, vollbärtig und zottelhaarig dastand und Magdalena, die mehr Wert auf ihr Äußeres legte und sich deswegen ein Band ins Haar geflochten hatte, nickten unterwürfig. »Sagt an, welcher Konfession gehört Ihr an?«
»Katholisch natürlich, Herr Stadtrichter«, antwortete Magdalena schnell, bevor Knoll etwas erwidern konnte.
»Nicht dass es für uns noch einen Unterschied machte. Die Staatischen sind auch Katholiken und machen uns das Leben schwerer als alle anderen.« Oetz schien in großmütiger Laune zu sein. Knoll mochte ihn auf Anhieb. Und hatte das Gefühl, als würde dies auf Gegenseitigkeit beruhen. »Wo ist denn Euer Geburtsbrief? Ohne den werdet Ihr ja Euer früheres Heim nicht verlassen haben.«
Knoll wusste nicht, ob sich das Inferno von Magdeburg bis ins Luxemburger Land herumgesprochen hatte, sagte deshalb erst einmal nur: »Ich hatte ein Brauhaus in Magdeburg. Wir sind im Mai 1631 von dort geflohen.« Schrecken und Verständnis in einem zeichnete sich auf den Gesichtern ab.
»Und Ihr habt überlebt? Da könnt Ihr Euch glücklich schätzen, dass Ihr mit dem nackten Leben davongekommen seid!« Damit war die Frage nach seinem Geburtsbrief erledigt, und das ohne eine erneute Glaubensfrage, war doch Magdeburg bekanntermaßen reformiert gewesen.
»Was habt Ihr seither getrieben?« Die nächste Frage kam vom Schöffen Esch. Der stand auf, erst jetzt sah Knoll, dass dieser Oetz um fast zwei Köpfe überragte. Cord Heinrich Knoll erzählte seine Geschichte. Als er von der Kakushöhle sprach, schüttelten die beiden Bitburger Ratsherren erstaunt die Köpfe.
»So wisst Ihr gar nicht, wie der Krieg seither weiterging?«
»Nein, nur dass er noch nicht vorbei ist, das haben wir am eigenen Leib bitter erfahren müssen.«
Der gut informierte Stadtrichter und sein Schöffe erzählten Knoll und Magdalena nun so viel sie von den Ereignissen der letzten drei Jahre wussten; immer wieder unterbrochen von überraschten Zwischenfragen der ehemaligen Höhlenbewohner.
»Dass die Schweden in den Krieg eingetreten sind, habt Ihr noch mitbekommen?«
»Wenn sie früher eingetreten wären, wäre uns und Magdeburg die Zerstörung erspart geblieben«, knurrte Knoll.
»Also, das Schlachtenglück schwankte hin und her. Fortuna hatte niemals einen Liebling in diesem Krieg. Erst siegte Tilly«, bei Nennung des verhassten Generals verfinsterte sich Knolls Gesicht, »vor dreieinhalb Jahren bei Bamberg über die Schweden. Die wiederum belagerten und eroberten Donauwörth. Dann schlugen sie bei Rain am Lech das Heer der Katholischen Liga. Dabei wurde Tilly schwer verwundet.«
»Und, was geschah mit Tilly?«, fragte Knoll.
»Der starb zwei Wochen nach der Schlacht.«
Knolls Miene hellte sich auf.
»Freut Euch nicht zu früh. Noch im gleichen Jahr erlitt der Schwedenkönig bei Nürnberg seine erste Niederlage. Wallensteins Mannen waren zu stark für ihn.«
»Wallenstein? Den hatte der Kaiser doch längst entlassen.« Knoll verstand die Welt nicht mehr.
»Nachdem das Schlachtenglück so schlecht geriet, hat er ihn 1632 wieder eingesetzt«, erwiderte von Esch lakonisch.
»Also, welcher Partei ist denn derzeit die Gunst des Kriegsgottes hold?«
»Das Jahr war ja noch nicht zu Ende. Im November kam es zur großen Schlacht, die fand bei Lützen statt. Im Sachsen-Anhaltinischen kämpften achtzigtausend Soldaten sieben Stunden lang. Und am Ende war der Schwedenkönig tot.«
Knolls Kinnlade fiel herab. König Gustav Adolf war tot?
»Aber auch Pappenheim zog sich eine tödliche Verletzung zu«, ergänzte Oetz. »Er starb am Tag nach der Schlacht.«
»Und wer hat denn jetzt gewonnen?« Knoll wurde ungeduldiger.
»Beide – und niemand!« Oetz schüttelte den Kopf. »Seit Lützen geht alles drunter und drüber. Alle wollen die Schlacht gewonnen haben. Die Schweden hatten plötzlich eine sechsjährige Königin, Gustav Adolfs Tochter Christina. Dennoch kämpft Schweden weiter, deren Reichskanzler Oxenstierna will es so.«
»Und weiter?« Knoll wollte alles wissen.
»Dann, 1633, haben die Schweden den Heilbronner Bund gegründet, als Gegengewicht zur Katholischen Liga. Hat denen aber nicht mehr Fortune gebracht. Und nachdem die Schweden geschwächt schienen, hat der Kaiser in Wien Wallenstein wieder entlassen und ihn gleich darauf ermorden lassen.«
»Auch Wallenstein weilt nicht mehr unter den Lebenden?«
Knoll zählte kurz durch: Wallenstein, Tilly, von Pappenheim – alle drei tot, die Mörder von Magdeburg, gefallen oder ermordet. Ein Gefühl tiefer Befriedigung machte sich in seiner Seele breit. »Zu siegen verstehst Du, oh Hannibal, den Sieg zu nutzen verstehst Du nicht«, schlug er leise murmelnd eine historische Brücke vom alten Karthago bis zu den Generälen der Habsburger Kaiser. Dann lauter: »Wie ging es weiter?«
»Und im letzten Jahr haben die Schweden dann bei Nördlingen endgültig den Marsch geblasen bekommen und sind mit eingezogenem Schwanz aus Süddeutschland abgehauen.« Nun war es an Oetz und von Esch, etwas Befriedigung zu zeigen.
»Nachdem seit diesem Jahr aber die Franzosen im Krieg mit dabei sind, geht es wieder retour. Das größte Übel ist meiner Meinung nach mittlerweile der Kardinal Richelieu. Der ist im Hintergrund ein stiller Teilhaber aller Koalitionen gegen Habsburg.«
Von Esch setzte hinzu: »Ein Meister des kalten Krieges ist er. Und der verdeckten Intrigen. Wenn das so weitergeht, dann wird es eine richtige Feindschaft zwischen unseren Völkern geben, dem deutschen und dem französischen. Bislang tragen das nur die Armeen aus; das Volk leidet unter allen Heeren gleich.«
Oetz seufzte. »Man hätte den Krieg jetzt gut beenden können, ohne Sieger. Jedoch, irgendwer will immer weiterkämpfen. Solange der Krieg den Krieg ernährte, ging das noch halbwegs. Wenn wir uns indes jetzt das Land anschauen …«
Er schüttelte bekümmert den Kopf. Das brauchte er Knoll nicht zu erzählen. Der hatte es am eigenen Leib erfahren. Doch Knoll war noch nicht am Ende mit seinem Wissensdurst.
»Und wer ist sonst noch gestorben während der Zeit?«
»Friedrich V. von der Pfalz, die hundsföttige Hundsnase, die elende, die den ganzen Krieg hier überhaupt erst mit angezettelt hat, schmort auch schon seit drei Jahren in der Hölle!«
Da fiel Knoll noch eine andere Hauptfigur dieses unseligen Krieges ein: »Was ist mit dem Kaiser?«
»Der erfreut sich bester Gesundheit, ist aber durch den Krieg weich geworden«, wusste Oetz bestens Bescheid. »Er hat nach Nördlingen den Prager Frieden geschlossen, um zumindest ein bisschen Ruhe ins Reich zu bringen.«
»Was sagt der Prager Frieden denn aus?«
Allein das Wort ›Frieden‹ klang zu verlockend.
»Der Kaiser hat Frieden mit den deutschen Reichsständen geschlossen, mit der Reformation.«
»Aber, dann ist der Krieg ja vorbei!« Knoll glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Nun verstand er auch, warum die Bitburger so aufgeschlossen waren in Glaubensdingen. Es gab einen neuen Religionsfrieden.
»Ihr vergesst die Schweden und die Franzosen«, dämpfte Oetz sogleich die Erwartungen. »Die kämpfen nach wie vor gegen unseren Kaiser. Und zwar auf deutschem Boden. Und es gibt noch zehntausende ehemaliger Söldner, überwiegend Krüppel und Invaliden, die das Land heimsuchen. Da wird einiges auf uns zu kommen. Wir müssen weiterhin wachsam sein und unsere Stadt verteidigen.«
Das Gespräch steuerte seinem Ende entgegen.
»Nun, ich bin dankbar für die Neuigkeiten, die Ihr mir präsentiert habt. Jetzt bin ich sicher, dass das Leben weitergeht, jeder Krieg ein Ende findet und die Sonne sich weiterhin brav um unsere Erde dreht.«
»Bei Letzterem wäre ich nicht mehr so sicher!« Von Esch hatte sich bereits zum Abschiedsgruß erhoben, bleckte die Zähne zu einem Grinsen und fügte noch im Gehen an: »Da gibt es einen Mann in Italien, einen sogenannten Sterndeuter namens Galilei. Der behauptet nämlich, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt.« Er lachte schelmisch.
»Es soll mittlerweile viele Menschen geben, die das auch glauben. Und um dem erst einmal einen Riegel vorzuschieben, hat die Heilige Inquisition Galilei verurteilt und unter Hausarrest gestellt. Er hat schon widerrufen. Also, passt auf mit Behauptungen, die Ihr nicht beweisen könnt.« Wieder lachte er. »Gehabt Euch wohl.«
Knoll und Magdalena waren allein mit dem Stadtrichter Oetz.
8.
Der Stadtrichter wusste anscheinend genau, worüber Knoll und Magdalena sich sorgten und redete dementsprechend nicht lange, sondern kam gleich zum entscheidenden Punkt: »Möchtet Ihr in unserer Stadt bleiben?«
Die beiden nickten.
»Auch wir haben viele Tote und Weggegangene zu beklagen. Überall gibt es Mangel an guten Arbeitskräften. Ihr scheint ein guter und gebildeter Mann zu sein. Und Ihr«, er wandte sich an Magdalena, »eine tapfere und starke Frau.«
»Wir werden hart arbeiten, Ihnen keine Schande machen und der Stadt nicht zur Last fallen«, beeilte sich Knoll zu erklären.
»Das weiß ich doch!« Oetz schüttelte verständnisvoll den Kopf. »Aber eines solltet Ihr wissen: Es wird immer wieder Scharmützel um die Stadt geben, und Soldaten werden uns so lange Ärger bereiten, bis dieser gottverfluchte Krieg anständig beendet ist. Und wenn es Ärger gibt, dann stehen wir alle zusammen. Egal ob Katholiken oder Protestanten, wer innerhalb der Stadtmauern ist, kämpft auf unserer Seite. Wenn ich Euch die Bürgerrechte verleihe, dann ist es auch Eure Stadt. Versteht Ihr das?«
»Genauso selbstverständlich, wie ich Magdeburg verteidigt hätte, wenn es möglich gewesen wäre.«
»Und um die Hand- und Spanndienste, die jeder Bürger zum Erhalt unserer Stadtbefestigung leisten muss, werdet Ihr ebenfalls nicht herumkommen.«
Knoll nickte zustimmend.
»Die gute Nachricht jedoch lautet: In Zeiten wie diesen sind Neubürger für die ersten zehn Jahre von allen Steuern und Abgaben befreit.« Oetz grinste breit. »Ein Privileg, dessen ansonsten nur ich als Stadtrichter, unsere Schöffen und unser städtischer Kuhhirte teilhaftig werden.« Er legte Knoll väterlich die Hand auf die Schulter.
»Indes, Ihr müsst Euch den Lebensunterhalt verdienen. Mit Arbeit. Ehrlicher Arbeit.«
Der Stadtrichter nahm eine Liste vom Tisch mit der Bemerkung: »Das ist die Herdpfennigsliste. Da stehen alle drin, die zur Zahlung des Herdpfennigs verpflichtet sind, also auch alle Handwerker.« Dann las er laut vor.
»Wir haben zurzeit folgende Berufe ansässig bei uns in Bitburg: Türwärter, Gerichtsschreiber, Stadtschreiber, Stadtbote, Stadtschöffe, Stadtpförtner, Küster, Landwirt, Schankwirt, Krämer, Schmied, Schlosser, Schuhmacher, Schneider, Leinenweber, Wollweber, Zimmermann, Fassbinder, Schreiner, Brauer, Bäcker, Metzger, Barbier, Tagelöhner.«
Er hielt inne und fragte Knoll: »Könnt Ihr Euch irgendein Handwerk vorstellen, welches hier nicht erwähnt ist und uns von Nutzen sein könnte?«
Knoll erkannte bewundernd, dass Oetz von Anfang an schon weitergedacht und die Liste nicht zufällig auf dem Tisch gelegen hatte. »Nun, was ich kann, das ist Bier brauen und Fässer binden. Und beides nicht schlecht.«
»Hört, Knoll, ein zweites Brauhaus wird es nicht geben, die Ernte wirft schon nicht genug gutes Getreide ab für eines. Zumindest solange der Krieg andauert, schlagt Euch das aus dem Kopf.«
»Und die Fassbinderei?«
»Wir haben zwei davon, ob eine dritte ihren Mann ernährt?«
Plötzlich stutzte Oetz. Ein Leuchten ging über sein Gesicht, seine Knollennase rötete sich, als habe er soeben die Lösung aller Probleme gefunden. »Geht zu Flügel, gleich morgen. Ich glaube, wir sollten auch an morgen denken.«
Dann weihte er Knoll unter vier, beziehungsweise sechs Augen in seinen Plan ein.
Nicht nur Flügels Brauhaus litt unter dem Krieg. Es gab kaum Getreide, und das, was gut war, wurde selbstverständlich verbacken, nicht verbraut. Die Hopfengärten in Holsthum, etwas außerhalb von Bitburg gelegen, waren genauso häufig von durchziehenden Truppen verheert worden wie die Obstgärten und Getreidefelder.
Auch der Wohlstand der ganzen Familie Flügel, über Jahrhunderte mit gutem Bier erarbeitet, stand mittlerweile auf Messers Schneide. Als eine der wohlhabenderen Familien der Stadt hatten sie sich immer und überall an Kost und Logis vermeintlich befreundeter Truppen beteiligen müssen. Die Rationen waren nicht ohne: pro Tag und Mann zwei Pfund Fleisch, zwei Pfund Brot, zwei Maß Bier. Und als Schankwirt musste Flügel auch Soldaten bei sich unterbringen. Dieser sogenannte Servis durfte nicht berechnet werden und bestand aus Heu und Hafer, Salz, Brennholz und Licht.
Flügels Brauereigasthof ›Zum feisten Römer‹ bestand seit über zweihundert Jahren. Gegründet von Niklas von Hahnfurt, auf den auch die ursprüngliche Brauerei gleichen Namens an der Albachmühle zurückging. Schon vor längerer Zeit war diese Brauerei stillgelegt worden, da sie etwas außerhalb der Stadtmauern gelegen war, was in diesen unsicheren Zeiten ein zu großes Risiko darstellte. Gebraut wurde nur noch in der Petersgasse. Jedoch, der Name war mitgezogen, das ehemals ›Gescheuerte Arschleder‹ war umbenannt worden, da ›Römerbier‹ allen ein Begriff war.
Mit der Ermordung von Dieter vom Markte war die Brauersippe der de Foros ausgestorben. Mehr als eine Familie hatte sich in der Zeit danach am Bierbrauen versucht, um dem unseligen Reihebrauen mit seinen grauenhaften Brauresultaten endlich wieder ein Ende zu setzen. Keiner Sippe war Erfolg beschieden gewesen. Und das Reihebrauen hatte sich mit Kriegsbeginn von selbst erledigt, da die Rohstoffe zu knapp wurden. Lediglich die großen Tordurchfahrten vieler Stadthäuser erinnerten noch daran, dass hier mit schöner Regelmäßigkeit die Sudgefäße zu dem Bürger hineingefahren worden waren, der gerade mit Brauen an der Reihe gewesen war. Flügels Brauhaus unterschied sich darin von den anderen Häusern. Hier hatte es immer eine Brauerei gegeben, daher war ihre Tordurchfahrt kleiner, nur ein Karren mit Bierfässern musste hindurchpassen.
Familienoberhaupt der alteingesessenen Bitburger Brauerfamilie war im Jahre 1635 der siebenundzwanzigjährige Christoffel Flügel. Er hatte die Brauerei erst drei Jahre zuvor übernommen, nachdem sein acht Jahre älterer Bruder Matthias, der das Brauerhandwerk von der Pike auf gelernt hatte, plötzlich an der Pest gestorben war. Furcht und Schrecken hatte die Krankheit verbreitet, als Matthias die ersten Symptome gezeigt hatte. Schwarze Beulen waren auf der Haut erschienen, der Körper war innerhalb kürzester Zeit entkräftet gewesen, und er selbst hatte lethargisch und verwirrt gewirkt. Der schnelle Tod war ein recht gnädiges Los gewesen, ebenso glücklich war die Familie, als feststand, dass sich sonst niemand angesteckt hatte. Aber für ihn, Christoffel, war es eine große Herausforderung gewesen, ein Sprung ins Ungewisse. Seinen Handel mit Waren und Gewürzen aller Art, den er eröffnet hatte, musste er aufgeben. Und ohne Ausbildung, nur mit dem Braurecht seiner Familie ausgestattet, hatte er schnell lernen müssen. Sehr schnell, um die Brauerei fortzuführen. Der Krieg war schon in vollem Gang gewesen, da verboten sich Bildungsreisen von selbst. Matthias hatte noch nach Köln und Aachen ziehen können, um dort das Brauereihandwerk zu erlernen. Christoffel lernte nur, was innerhalb der Mauern Bitburgs an Wissen verfügbar war. Das reichte zwar aus, um das Handwerk weiter zu führen, zu mehr aber nicht. Nicht, um auf das gebraute Bier wirklich stolz zu sein. Und erst recht nicht, um den alten Ruf Bitburgs als Bierstadt zu festigen. Er freute sich bereits jetzt auf den Tag, da der Krieg zu Ende sein würde. Dann würde er seinen Kindern die Ausbildung ermöglichen können, die er selbst nie erhalten hatte.
Während Flügel nicht ahnte, dass sich seine Situation schon sehr bald ändern würde und er demnächst reichlich Gelegenheit bekäme, seinen Wissensdurst zu stillen, ging der Mann, der dies bewerkstelligen sollte, mit einem tiefen Gefühl der Befriedigung zu seinem neuen Zuhause. Das Gespräch mit dem Stadtrichter war mehr als vielversprechend verlaufen. In ihrem kleinen Häuschen angekommen, nahm Knoll Magdalena in den Arm, sah ihr direkt in die Augen und ohne große Umstände, mehr gemurmelt als gesprochen, ließ er es heraus: »Wenn wir uns hier eine neue Existenz aufbauen wollen, dann sollten wir vorher heiraten.«
Magdalena lächelte wissend, nickte und fragte, mit leichtem Spott in der Stimme: »Wo ist denn die nächste reformierte Kirche?«
Knoll lachte: »Das Opfer bring ich gern, um des lieben Friedens willen werden wir katholisch heiraten. Sobald ich konvertiert bin.«
Sie riefen die Kinder und Knoll verkündete die Neuigkeit. Dann wurde er ernst. Schaute alle drei an und erklärte feierlich: »Wir sind gemeinsam durch viel zu viel Ungemach gegangen. Dieser unselige Krieg hat mein Brauhaus in Magdeburg zerstört, mein erstes Weib und vier meiner Kinder auf dem Gewissen, und uns beinahe den Hungertod gebracht. Ich werde nie wieder«, seine Stimme bebte vor Entschlossenheit, »nie wieder kampflos hinnehmen, dass meine Familie und unsere Existenz bedroht oder gar zerstört werden. Das gelobe ich hiermit feierlich vor Gott, dem Allmächtigen.«
Auch Magdalena war feierlich zumute, als sie Cord erwiderte: »Ich hoffe, ich werde dich nicht allzu oft an diesen Schwur erinnern müssen.«
Der Wechsel der Konfession und die anschließende Hochzeit gingen erstaunlich schnell vonstatten. In Kriegszeiten ließen neben der Moral auch Formalismus und Bürokratie Federn. Oetz höchstpersönlich fungierte als Trauzeuge und überreichte Cord Heinrich Knoll mit der Heirats- auch die neue Bürgerurkunde mit den Worten: »Ich hoffe, Ihr erweist Euch dessen als würdig. Die Gebühr in Höhe von sechzehn Reichstalern werden wir Euch stunden, bis Ihr ein sicheres Einkommen habt.«
Der Stadtrichter bürgte sogar persönlich für den Kredit von fünfzig Talern, die Knoll als Starthilfe beim jüdischen Geldverleiher ausborgte.
Stolz trug er nach der Trauung Magdalena über die Schwelle des kleinen Hauses. Sie küssten sich und beide glaubten, noch niemals in ihrem Leben so glücklich gewesen zu sein.
9.
Bald schon ging es in der Brauerei mit der Arbeit los. Knoll traf sich mit Flügel und unterbreitete dem vier Jahre jüngeren Brauer die gleichen Vorschläge, die Oetz ihm gemacht hatte. Flügel war eine ungewöhnliche Erscheinung. Mittelgroß, aber mit unglaublich breiten Schultern und viel zu dünn geratenen Beinen, dazu schwarze, buschige Augenbrauen, eine wulstige Nase und ein breiter Mund, in dem einige Zähne fehlten, der jedoch, trotz der angespannten Lage, nicht verkniffen wirkte. In seinen recht jungen Jahren neigte er bereits zur Glatze und trug deswegen eine Perücke, die vor einiger Zeit einmal vornehm gewesen sein mochte, mittlerweile jedoch schon etwas verfilzt und verstaubt wirkte. Er führte immer einen Spazierstock in der Hand und hatte eine mächtige Pfeife im Mund, aus der dichte Wolken herausquollen. Die Söldner der verschiedenen Heere hatten diese Sitte des Rauchtrinkens mittlerweile auch beim einfachen Volk bekannt gemacht. Und nachdem Versuche zu Beginn des Jahrhunderts, den Konsum dieser Pflanze, die Nicotiana genannt wurde, zu verbieten, gescheitert waren, war auch der Preis so weit gesunken, dass sich jeder eine Pfeife leisten konnte.
»In den Erblanden, in Österreich, ist das Tabaktrinken verboten, bei uns aber nicht«, bemerkte Flügel lächelnd. Magdalena hatte früher mit Johannes im Heereslager gelegentlich zusammen diese trockene Trunkenheit genossen und fing bald, dank Flügels Vorbild, erneut an zu rauchen. Knoll teilte ihre Begeisterung weniger.
»Das kostet nur Geld, und wir leben derzeit auf Pump. Lass uns erst einmal eigenes Geld verdienen, dann kannst du rauchen, soviel du magst.«
Magdalena aber scherte sich nicht um Knolls Worte, denn ihr half der Tabak, den Krieg leichter zu verarbeiten. Außerdem gefiel es ihr, die Pfeife genau in die Lücke ihrer Schneidezähne festzuklemmen. Auf diese Weise konnte sie reden, ohne die Pfeife aus dem Mund zu nehmen oder sie festhalten zu müssen. Schließlich gab Knoll nach, akzeptierte das neue Laster seiner Frau und widmete sich mit Christoffel Flügel der Arbeit in der Brauerei.
Oetz hatte recht gehabt. Flügel war, nach anfänglichen Bedenken, die Brauerei gewissermaßen zu teilen, einverstanden gewesen. Sehr überzeugend hatte Knoll ihm dargelegt, was er alles wusste, wo und wie er früher Bier gebraut hatte. Obwohl die Brausaison offiziell bereits in vollem Gange war, hatte Flügel bis Anfang November noch nicht allzu viel zustande gebracht. Zu Beginn des Herbstes waren ihm zwei halbwegs gute Sude gelungen – darunter war auch derjenige, der im Hospiz Knoll wieder Kraft gegeben und und ihm auf die Beine geholfen hatte. Danach waren leider die Getreidelieferungen ausgeblieben und seither zehrten sie von den Anfängen. Zudem ging das Bier trotz drastischer Lieferbeschränkungen langsam zur Neige.
»Wir werden gemeinsam diesen Krieg überstehen. Dazu werden wir preiswertes und gutes Bier herstellen müssen. Damit die Leut’ es trinken und wir ein Auskommen haben. Nur vom Hospiz und den Schöffen können wir nicht leben.«
»Wie wollt Ihr das anstellen? Es gibt kaum gutes Getreide, und Hopfen ist teurer als Gold«, war Flügels pessimistische Erwiderung. »Die meisten Getreidefelder und alle Hopfengärten sind verwüstet.« Flügel ließ Knoll bei den nächsten Suden zusehen, die mit schlechtem Getreide und ohne Hopfen naturgemäß grauenhafte Ergebnisse erbrachten. Die Resultate waren sogar noch schlechter als Knolls letzte Magdeburger Broyhan-Biere. Aber eines registrierte Knoll gleich zu Beginn: Das Wasser in Bitburg, das sie aus dem Brunnen auf dem Petersplatz eimerweise aus der Tiefe zogen, war etwas Besonderes. Gerne ließ er es direkt aus dem Eimer in seine Hand und über die Finger rinnen. Kühl und weich fühlte es sich so viel besser an als das Elbewasser, das er von früher kannte. Es war fast so, als wäre dies eine gänzlich andere Substanz. Und es roch frisch und kalt, ansonsten nach gar nichts. Kein Kot oder Harn, keine Gerberabfälle, keine Tiere hatten dieses Wasser jemals verunreinigt. Damit würde er zu gern einmal einen Broyhan brauen, wenn auch erst später, sobald die Zeiten wieder besser geworden waren.
Flügel, den er darauf ansprach, verstand gar nicht, wovon er redete. »Wasser ist Wasser«, murmelte dieser nur. »Hauptsache, es löscht uns den Durst, wenn wir kein Bier haben. Und macht uns ein gutes Bier, wenn wir Getreide und Hopfen haben.«
Knoll fand es tröstlich, dass in Bitburg gutes Wasser so selbstverständlich war. Das würde also das Geringste ihrer Probleme sein.
Der nächste der fahrenden Händler, die trotz dieser unsicheren Zeiten – mit zugegebenermaßen reduziertem Warenangebot – durch die Lande zogen, erhielt von Knoll den Auftrag, nach bestimmten Fachbüchern Ausschau zu halten und beim nächsten Besuch mitzubringen. In der Zwischenzeit machte Knoll eine ausgiebige Erkundung der Flügel’schen Brauerei. Er begutachtete alle Gefäße, Töpfe und Gerätschaften, ließ sich von Flügel erklären, wie dieser Bier braute und erkundigte sich, wo das Getreide und der wenige Hopfen herkam und wie viel dafür gezahlt wurde. Auch was sonst noch in und um Bitburg von den Bauern angepflanzt und erzeugt wurde, ließ er sich berichten.
Als er alles gesammelt hatte, was an Informationen verfügbar war, vergrub er sich in seinem Haus einige Tage lang hinter Papieren, auf denen er Berechnungen anstellte, Rezepturen austüftelte und Listen erstellte.
Schneller als erwartet war der Händler nach ein paar Wochen wieder da.
»In Lüttich habe ich einiges von dem gefunden, was ihr mir aufgetragen habt«, verkündete er freudestrahlend. Zufrieden nahm Knoll die Bücher entgegen, die der Marketender ihm voller Stolz überreichte. Das erste Buch, ein kleines Bändchen mit schwarzblauem Einband, trug den Titel ›Der kunsterfahrene Brauer‹.
»Das habe ich einst auch besessen«, entfuhr es Knoll erregt. »Da steht eigentlich alles drin, was wir wissen müssen.«
Ein anderes Buch hatte seinen prahlerischen Namen mit schwarzen, fetten Lettern auf blauem Grund gedruckt: ›Der vollkommene Bierbrauer‹.
Knoll strahlte mit dem Händler um die Wette.
»Hier habe ich noch eines, das aus Hamburg den Weg nach Lüttich gefunden hat.« Der Händler hielt Knoll die ›Vollständige Beschreibung der Braunbier-Brauerei‹ unter die Nase.
»Habt Ihr den Doktor Knausten auch gefunden?« Knoll hätte dieses Werk gern wieder besessen. Erschienen in Erfurt im Jahre 1573, war Knaustens Bier-Enzyklopädie das erste wirkliche Fachbuch über die Bierbrauerei gewesen. Auch wenn sich mittlerweile einiges darin als falsch oder zumindest stark übertrieben herausgestellt hatte, seine Beschreibungen der verschiedenen Biere halfen jedem Brauer, sich einen guten Überblick zu verschaffen, was im gesamten Reich so alles hergestellt wurde.
Triumphierend griff der Händler erneut in seine große, lederne Tasche und entnahm ihr ein Bündel von gleich mehreren Büchern. »Das kommt Euch aber teuer!«
Knoll nahm die Wälzer in die Hand und überflog die ihm von früheren Zeiten her bekannte pompöse Titelzeile: ›Fünf Bücher von der göttlichen und edlen Gabe, der philosophischen, hochteuren und wunderbaren Kunst, Bier zu brauen: Auch von Namen der vornehmsten Biere in ganz Deutschland und von deren Naturen, Temperamenten, Qualitäten, Art und Eigenschaft, Gesundheit und Ungesundheit, sie sein Weizen oder Gersten, Weisse oder Rote Biere, gewürzt oder ungewürzt. Aufs Neue übersehen und in vielen Wegen über vorige Edition gemehret und gebessert. Durch Herrn Heinrich Knausten, beider Rechten Doctor. Gedruckt zu Erfurt erstmals im Jahre 1573. Dritte Ausgabe von 1614.‹
Knoll erinnerte sich noch, dass er zum Studium dieses Werkes eigens etwas Latein hatte lernen müssen, da der gelehrte Herr Doktor Knausten seine Erläuterungen teilweise in der Sprache der Akademiker abgefasst hatte. Dadurch war diesem Werk, trotz seiner Güte, auch der durchschlagende Erfolg bei den meist ungebildeteren Brauern verwehrt geblieben. Der Händler förderte weitere Schriften zutage: ›De Cervisia‹ von Tadeáš Hájek, ein lateinisches Bierbuch, geschrieben von einem böhmischen Gelehrten. Sogar eine neuere Ausgabe des allerersten Bierbuches in deutscher Sprache konnte er vorweisen, das bereits fast hundert Jahre alte ›Über Natur und Kräfte der Biere‹ von Johann Brettschneider, der sich selbst ›Placotomus‹ nannte. Zu guter Letzt zeigte er noch das ›Weinbuch‹ von 1580, geschrieben von dem Österreicher Johann Rasch.
»Was soll ich mit einem Weinbuch?«, fuhr Knoll den Händler etwas schroffer an, als der es verdient hatte.
Der Händler erwiderte gar nichts, sondern schlug lediglich das letzte Kapitel auf, und Knoll las vor: »›Wie man gut Bier machen und behalten soll.‹ Der Rasch wollte die Weinbauern tatsächlich das Bierbrauen lehren!« Knoll lachte.
Flügel stimmte ein. »Schuster, bleib bei deinen Leisten«, setzte er warnend an einen imaginären Winzer hinzu. Kurz verhandelten beide über den Preis für alle Bücher, der anfangs horrend hoch war. Der Händler legte als letztes Zugeständnis ein Buch obendrauf. Das war, zu Knolls vollständiger Begeisterung, ›Der praktische Rathgeber für den Pierpreu in Noth- und Kriegszeiten‹ aus Leipzig.
Die beiden Brauer zahlten anstandslos, dann machten sie sich ans Studium.
10.
Tagelang hockten sie in der Brauerei, die Köpfe in den Büchern vergraben. Sie diskutierten, machten Vorschläge und verwarfen viele ebenso schnell wieder.
»Nachdem die Hopfengärten vernichtet sind, müssen wir uns andere Würzmittel suchen«, schlug Knoll gleich am Anfang vor.
»Dann werden unsere Weiber aber kein Bier mehr trinken.«
Knoll nickte verständnisvoll. Schließlich war Hopfen seit jeher als äußerst empfängnisfördernd betrachtet worden.
»Hopfen macht die harte, verschlossene Mutter wieder weich«, zitierte Flügel ein gängiges Sprichwort.
»Und Bier, das nicht gehopft ist, macht Winde und wird bald sauer«, fügte Knoll eine weitere Volksweisheit hinzu. »Obwohl das auf den Broyhan weniger zutrifft. Aber es scheint, als müssen wir alles an uns und unseren Weibern ausprobieren, bevor wir neues Bier unter die Leut’ bringen.«
»Aber auch die Gerste als wichtigster Rohstoff sollte nicht in Stein gemeißelt sein«, war Flügel weiteren schmerzhaften Änderungen nicht abgeneigt.
Als neue Rohstoffe, neben den Getreidesorten Hafer, Weizen, Emmer, Hirse und Roggen, erwogen sie auch die Verwendung von Runkelrüben, Apfel- und anderem Obstsaft sowie Honig. Sogar Bier aus Kohl wurde erörtert.
»In Knaustens Buch ist die Herstellung eines Honigbiers genau beschrieben«, bewies Knoll seine Lateinkenntnisse.
»Im Krieg ist der aber auch knapp und wertvoll.« Flügel kannte die wirtschaftlichen Verhältnisse in Bitburg besser.
»Wir werden Bier brauen mit dem, was wir bekommen«, war Knoll aber nicht unterzukriegen.
Flügel zeigte Knoll eine Pflanze, die dieser noch nie gesehen hatte. Länglich, dick wie ein Unterarm, voll mit speckigen, grünen Blättern. »Der Seefahrer Kolumbus hat diese Pflanze in Amerika entdeckt, die Spanier haben diese Frucht mit zu uns gebracht. Sie soll essbar sein, wir wissen aber nicht, wie.«
Knoll schälte die Blätter ab und enthüllte einen gelben Kolben, vollbesetzt mit Körnerreihen. Er biss herzhaft hinein und verzog das Gesicht. »Sauer und schmeckt wie Gras.« Der Geschmack erinnerte ihn an die harten Zeiten unterwegs, als sie Gras essen mussten, um zu überleben.
»Wie nennt man diese Frucht?«
»Die Spanier nennen sie Mais, die Habsburger Kukuruz.«
»Vielleicht kann das Vieh sich davon ernähren. Dann frisst es uns den Hafer nicht mehr weg.«
Gewürze als Hopfenersatz zu beschaffen, das würde einfacher sein. In allen Büchern wurde beschrieben, wie in alten Zeiten, vor der Einführung des Hopfens, das Bier gewürzt worden war. Die Liste wurde länger und länger: Tannenzapfen, Holunder, Wermut, Fichtensprossen, Ingwer, Wacholder, Gurkensamen, Nelken, Pfeffer …
Vieles wuchs einfach in den Wäldern und Wiesen um Bitburg. Manches war durch den Krieg unerschwinglich geworden, wie Pfeffer und andere Handelsgewürze. Besonders interessant war der Biberklee.
Biberklee wuchs in den Flussauen von Kyll, Nims und Prüm, den drei Flüssen im näheren Umkreis Bitburgs. Die dreiteiligen Blätter und die Wurzeln, viel größer als die gewöhnlichen Klees, enthielten einen starken Bitterstoff – einen der stärksten in der Natur überhaupt, der seit langer Zeit zur Behandlung von Koliken und Blähungen, aber auch bei Erschlaffung der Organe und des Darms verwendet wurde. Auch zur Fiebersenkung, bei Ohrenfluss, Hautausschlägen, sogar bei Traurigkeit, Schluckauf, Bleichsucht, Gicht, Wassersucht und Hysterie wurde Biberklee seit jeher empfohlen.
»Das wäre doch mal einen Versuch wert«, schlug Knoll vor. »Das macht uns vielleicht den Verlust unseres geliebten Hopfens mehr als wett.« So schickten sie ein paar Jungen auf die Suche, den Biberklee zu finden und zu ernten.
Unter den Jungen befand sich neben Ulrich Knoll auch Flügels gleichaltriger Sohn Johann. Ulrich hatte schnell in die Gruppe hineingefunden, die tagsüber die kleine Stadt unsicher machte. Johann, der unter den Jüngeren der Wortführer war, hatte ihm den Einstieg erleichtert. Die beiden Jungen hatten einander, wie ihre Väter auch, gleich gemocht. Tagaus, tagein strolchten sie nun durch die Gegend, machten sich einen Spaß daraus, trotz der Ermahnungen der Eltern heimlich aus der Stadt zu verschwinden und später am Tag, bei ihrer Rückkehr, die Stadtwache anzuflehen, sie nicht zu verraten. Die kleineren Buben waren draußen fast keinerlei Gefahren ausgesetzt, aber sobald sie älter als zwölf Jahre waren, konnte es gefährlich werden. Vorbeiziehende Truppen ergriffen gelegentlich die Heranwachsenden, entführten sie, um sie als Dienstboten zu missbrauchen, oder rekrutierten sie sogar zwangsweise als Soldaten. Daher hatten alle Eltern ein wachsames Auge darauf, dass ihre älteren Kinder in der Stadt blieben.
Auch Flügel hatte noch eine Tochter: Sophia, die ein Jahr älter war als Knolls Tochter. Beide waren zu jung, um zur Biberkleeernte mitzukommen. Also versuchten hier die Mütter, Freundschaft zwischen den beiden Mädchen zu stiften. Doch die beiden verstanden sich nicht auf Anhieb so gut wie ihre Brüder. Das lag zum großen Teil daran, dass Sophia Angst hatte vor der zerbrechlichen, feengleichen Gestalt Lisbeths. Das Mädchen, das seine ersten Lebensjahre in der Kakushöhle verbracht und dementsprechend wenig Sonnenlicht gesehen hatte, war nicht nur für Sophia wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Hellblonde, fast weiße Haare, die zu ihrer hellen, fast durchsichtig schimmernden Haut überhaupt keinen Kontrast bildeten, umrahmten ein zierliches Engelsgesicht, dessen dünner Hals auf einem ebenso mageren, zerbrechlich wirkenden Körper saß. Ihr bisheriges Leben war geprägt gewesen von Hunger, Elend und endlosen Wanderungen durch zerstörte Landschaften. Sie hatte es bald nach ihrer Geburt schon aufgegeben, sich über Mangel an Nahrung oder Wärme schreiend zu beklagen. Instinktiv hatte der Säugling gemerkt, dass seine Mutter ihm alles gab, wozu sie fähig war. Weshalb sollte das Mädchen dann noch etwas fordern, wenn nichts mehr da war? Obwohl es zurzeit wieder aufwärts ging, blieb Lisbeth Magdalena schweigsam und bescheiden. Sie fragte nicht nach, sie nahm sich einfach, was sie brauchte, sofern sie es mit ihren spindeldürren Beinchen, auf denen sie staksend daherkam, erreichen konnte. Ansonsten saß sie meist auf dem Fußboden, spielte mit Steinen und Stöckchen, die sie aufgelesen hatte oder sang Kinderlieder vor sich hin, die auch hier im Habsburgerland im Krieg entstanden waren, wie das beliebte ›Schwedenlied‹: »Die Schweden sind gekommen, haben alles mitgenommen, haben’s Fenster eingeschlagen, haben’s Blei davongetragen, haben Kugeln draus gegossen, und die Bauern totgeschossen.« Während sie das Liedchen vor sich hinträllerte, liefen Magdalena Tränen die Wangen hinunter.
11.
Die Männer unterbrachen ihr Bücherstudium gelegentlich, um einander aus ihrem Leben zu erzählen. Knoll berichtete wehmütig vom Untergang Magdeburgs; Flügel steuerte neben seiner eigenen Familiensaga auch Anekdoten aus der bewegten Bitburger Biergeschichte bei. Er erwähnte Niklas von Hahnfurt, der im Jahr 1276 die Brauerei gegründet hatte, in der Flügels Urahn einst als Lehrling eingestellt worden war und sie anschließend übernommen hatte.
»Aber Niklas war nicht der erste Brauer in Bitburg. Die de Foros waren schon länger Bierbrauer. Obwohl, ich bin mir nicht sicher, ob man deren Gebräu Bier nennen konnte«, lachte er los. »Und vor den de Foros waren es Benediktinermönche in St. Maximin, die zuerst in Bitburg Bier brauten, wenn auch überwiegend, um den eigenen Durst zu stillen.«
Er holte zwei Krüge des letzten Biers, setzte sich Knoll gegenüber und begann zu erzählen. »Die älteste Geschichte, die es in Bitburg über Bier gibt, stammt von diesen Benediktinermönchen. Die brauten wohl ein wahrhaft gutes Bier, das weit und breit gerühmt wurde. Aber eines Tages starb ihr Abt und ein neuer wurde bestimmt. Dieser hieß Vincenz von Urtingen und kam irgendwo aus dem Süden des Landes zu uns in die Eifel. Er war ein strenger Ordensmann, der den Mönchen das Bierbrauen zwar weiterhin erlaubte, ihnen aber verbot, es selbst zu trinken. Diese Verordnung nahmen die Brüder nur äußerst schweren Herzens hin, weil sie doch jeden Abend in der Braustube zusammenkamen, um nach der Andacht und dem Nachtessen bis um Mitternacht dem guten Bitburger Bier zuzusprechen.« Flügel und Knoll stießen mit den Krügen an, dass das Bier herausschwappte. Der Bitburger Brauherr fuhr fort: »Der neue Abt achtete sehr auf Einhaltung seiner neuen Anordnung und so herrschte schnell schlechte Stimmung im Kloster. Die Brüder beratschlagten, wie man diese Anordnung umgehen könnte. Sie dachten dabei an die Mönche des Klosters Himmerod, die der Abt aus ähnlichen Gründen um ihren allabendlichen Weinschoppen gebracht hatte. Bald darauf starb einer nach dem anderen, bis ein berühmter Arzt aus Frankreich feststellte, dass es keine Seuche war, sondern eine Infektion, die durch unsaubere, vernachlässigte Weinfässer verbreitet wurde. So einfach lag der Fall hier aber nicht. Die Mönche sannen auf eine List, um die Absichten ihres Oberen zu durchkreuzen. Ihnen fiel aber absolut nichts ein, bis ihnen der Zufall zuhilfe kam. Während im Kloster noch tiefe Enttäuschung herrschte, und die Mönche die Köpfe hängen ließen wie Blumen, denen man Licht und Wasser entzogen hatte, erschien plötzlich der Trierer Bischof zu Besuch. Er wunderte sich sehr über die düstere Stimmung im Kloster und fragte den Abt nach dem Grund dieser Veränderung. Er kannte die Klosterbrüder von früheren Besuchen als Männer, die bei aller Pflicht einigen irdischen Freuden durchaus nicht abgeneigt gewesen waren. Der Abt konnte die Frage jedoch nicht beantworten. Während das Essen serviert wurde, ließ der Bischof zur Feier des Tages Bier auftragen. Als die Krüge auf die Tische gestellt wurden, erstrahlten die Gesichter der Mönche, die beinahe vergaßen zu essen und sich wünschten, der Bischof möge dem Kloster am besten jede Woche einen Besuch abstatten. Der Gast trank einen Schluck aus seinem Krug und verzog dabei das Gesicht, als ob er Essig getrunken hätte, sprang auf und verlangte ein Glas Wasser, da, wie er es formulierte, das Bier nach faulem Käse schmecke. Der Abt war verzweifelt und rief den Bruder Braumeister zu sich, der seinen und den Tadel des Bischof übernehmen sollte. Dieser aber bewahrte Ruhe und parierte den Vorwurf, er habe sein Amt vernachlässigt und das Bier schlecht werden lassen, mit den Worten: ›Woher, werter Bischof, soll ich wissen, dass mein Bier nach faulem Käse schmeckt, da unser hochwürdigster Abt mir und allen Brüdern verboten hat, es zu trinken? Früher war es Pflicht und Ehrensache, in einmütiger Runde die Erzeugnisse des Klosters zu verkosten, damit sein Ruf erhalten bleibt.‹ Nachdem er sich so verteidigt hatte, verschwand der Braumeister mit schnellen Schritten. Der Abt errötete und erblasste abwechselnd, als der Bischof ihn daraufhin ansprach, ob es mit den Worten des Braumeisters seine Richtigkeit habe. Der Klostervorsteher musste es wohl oder übel zugeben. Daraufhin schüttelte der Bischof den Kopf und sagte: ›Brüder des Herrn! Es freut mich zu hören, dass Ihr Eure Pflichten nicht vernachlässigt habt und die mindere Qualität des Bieres lediglich auf den Übereifer unseres verehrten Abts zurückzuführen ist. Ich lege ihm daher nahe, sich ein anderes Kloster zu suchen, in dem kein Bier gebraut wird!‹« Knoll lachte laut los, Flügel stimmte ein, bevor er prustend fortfuhr: »Der Abt fiel auf die Knie, küsste den Saum des bischöflichen Gewands und bat, Bitburg auf der Stelle verlassen zu dürfen. Er wolle zu Fuß durch das Land wandern und seine Schuld büßen.«
»So ein Narr«, meldete sich der Magdeburger zu Wort. »Bier war doch sicher das Beste, was es damals zu trinken gab. Ich hoffe, er hat ein Kloster gefunden, in dem nur Wasser getrunken wurde.«
»Nein, natürlich nicht«, schloss Flügel die Geschichte ab. »Die Sage geht so, dass der arme Vincenz für den Rest seines Lebens umhergeirrt sei, bis ihn der Tod gnädig erlöste, denn ein Kloster ohne die ehrbare Braukunst habe er nicht gefunden.«
Beide prosteten sich wieder lachend zu und leerten die Krüge. »Was geschah mit dem Kloster?«, fragte Knoll.
»Das Stift St. Maximin gibt es noch, es liegt außerhalb der alten Stadtmauern, gleich beim südlichen, dem Trierer Stadttor. Aber gebraut wird dort nicht mehr.«
»Wie ist dein Bruder dann durch die ersten Kriegsjahre gekommen?«, führte Knoll das Gespräch zurück in die Gegenwart.
»Ach, zuerst war es nicht schlimm. Mühsam wurde es erst, als die Wipper und Kipper das Kommando über die Münze übernahmen. Da konnte unsereins kein Geld mehr verdienen mit dem Bier. Also haben wir den Ausschank gegen leichte Münze verweigert, und nur noch Silber angenommen oder gleichwertiges. Das hat uns das Geschäft gerettet. Aber gleich nach der Münzreform, kam aus Luxemburg ein Erlass, dass wir das Bier wieder gegen klingende Münze ausschenken müssten. Seither ging es so, bis mein Bruder plötzlich gestorben ist.« Flügel holte tief Luft, zeigte, dass ihm dieses Thema unangenehm war und er das Gespräch hier beenden wollte. Beide wandten sich wieder ihren Büchern zu, denn sie hofften inständig, endlich mal wieder einen Sud einmaischen zu können.
12.
In den nächsten Wochen erhielt die Stadt Bitburg noch weiteren Zuwachs. Auch andere Familien hatten sich auf ihrer Flucht durch das gebrandschatzte Deutschland hierher durchgeschlagen. Ein Ehepaar mit drei Kindern namens Zangerle stammte aus Tirol, eines mit Namen Häberle, deren Kinder unterwegs gestorben waren, aus der Nähe von Donaueschingen und Paul Röhr, ein Bulle von einem Mann, dessen Trauer darüber, dass er in diesem Krieg seine gesamte Familie verloren hatte, tiefe Furchen in sein Gesicht gegraben hatte, war den weiten Weg von Schlesien gekommen. Alle Neulinge wurden in die Häuser für die Zugezogenen einquartiert und somit Knolls Nachbarn, und alle wiederum berichteten grauenhafte Geschichten aus dem Krieg, als sie abends beisammen saßen. Der schlimmste Bericht kam von Röhr, der über zwei Jahre lang auf der Flucht gewesen war.
»Ich stamme aus der Stadt Goldberg und war dort Stellmacher. Viel Geld habe ich verdient, weil ich für unsere Bauern Räder, Wagen und Pflüge gebaut habe. Und solide Karren für die Händler. Ein schönes Haus besaß ich, hatte ein treues Weib und drei Kinder. Bis im Oktober 1633 spanische Soldaten von Wallensteins Truppe unsere verschlossenen Stadttore mit Äxten einschlugen. Niemand setzte sich zur Wehr, wir ergaben uns und beteten, die Weiber schrien und weinten. Doch die verdammte Soldatenbrut, die tobte wie der Teufel! Jedes Haus wurde aufgebrochen, geplündert und ausgeraubt, die rasenden Bestien haben alles niedergeschossen und erstochen, wie es ihnen beliebte. Sie hatten sich eigens Hämmer angefertigt, mit denen sie den Bürgern gegen die Köpfe schlugen, wie ein Fleischhauer einen Ochsen tötet. Sie traten mit ihren Füßen alles und jeden, bis das Blut nur so herumspritzte.« Alle schüttelten sich vor Grausen. »Die Offiziere aber, diese gottlosen und verruchten Bösewichter, die waren die grausamsten Ungeheuer. Sie fesselten die Ratsherren und zwangen sie, ihre Pferde zu halten, während sie in die Herrenhäuser eindrangen und alle Frauen schändeten, ob alt oder jung, Magd oder Hausherrin. Sie machten auch vor Kindern und älteren Menschen keinen Halt. Schließlich begannen sie, die Bürger zu martern, um Verstecke von Gold, Geld und anderen Gütern zu erfahren. Man legte ihnen Stricke um den Hals und zog sie nackt durch die Gassen, schlug mit Hämmern auf Knochen und Schädel, rieb raue Steine gegen die Stirnen, bis diese blutig waren, oder zog knotige Stricke um die Köpfe, dass die Augen aus den Höhlen heraustraten, und Blut aus Mund und Nase strömte. Auch mit Feuer, brennenden Kienspänen und heißen Schwefeltropfen auf nackter Haut hantierten diese Ungeheuer.«
Magdalena geriet bei den grausamen Schilderungen regelrecht in Seelenangst und umklammerte totenbleich den Griff ihrer Stuhllehne. Die Erinnerung, selbst an diesen Massakern teilgenommen zu haben – wenn sie auch nur geplündert hatte, erschien ihr im Nachhinein wie ein böser Traum. Und auch Knoll konnte sich nur schwer vorstellen, wie diese Männer, wenn sie mit ihren Untaten fertiggeworden waren, sich nach ihrer Rückkehr zu Hause von ihren frommen Gattinnen lieblich umarmen und verhätscheln ließen.
»Und wie bist du davongekommen?«, fragte er Paul.
»Ich war für einige Tage außerhalb der Stadt, um ein paar Achsen und Werkzeuge auszuliefern. Als ich zurückkam, brannte Goldberg. Ich wartete drei Tage lang vor den Stadttoren. Danach fand ich meine toten Kinder und meine erschlagene Frau und begrub sie. Mein Haus war teilweise abgebrannt und alles von Wert geraubt worden. Also bin ich fort gegangen.« Alle fühlten ähnlich, alle Mitglieder ihrer kleinen Gruppe einte ein vergleichbares Schicksal. Und Paul hatte Glück im Unglück: Ein Stellmacher lebte in Bitburg derzeit nicht.
Tatsächlich ergab sich gegen Ende des ersten Winters, den die Familie Knoll in Bitburg verbrachte, die Gelegenheit zu einigen Biersuden. Oetz in seiner Funktion als Stadtrichter, war Mitglied der Städtekammer und fuhr daher zweimal jährlich zum Ständetag nach Luxemburg. Dort hatte er über die Zeit einige gute Geschäftsbeziehungen aufgebaut, die er nun zum Nutzen der Brauer einsetzen wollte. Ein ihm bestens bekannter Händler bot sich an, eine ausreichende Menge Gerste aus Luxemburg zu beschaffen. Der hatte auch vom Hopfenmangel erfahren und zeigte sich in der Kenntnis des Brauens versiert genug, um den Brauern eine kleinere Menge Quassiaholz anzubieten.
»Das Holz kommt aus Südamerika und enthält wundervolle, würzige Bitterstoffe. Man muss es nur auskochen und danach den wässrigen Absud abfüllen«, wusste der Händler.
Weder Knoll noch Flügel hatten von diesem Holz jemals gehört, bestellten es aber dennoch. Damit die kostbare Fracht ohne Zwischenfall ihr Ziel erreichte, beantragte Oetz bei der Heeresleitung einen Geleitbrief zur Sicherheit, der ihn vor den eigenen, plündernden Soldaten schützen sollte.
»Ob das was nützen wird?« Die Brauer stellten das Papier zu Recht infrage.
Allerdings wurde es nicht benötigt. Die Gerste wie auch das Quassiaholz kamen wohlbehalten an. Die Brauer verarbeiteten ihre Ware so schnell wie möglich und gingen voller Elan ans Werk.
Auch etwas Honig, ein paar Pfund Rübenschnitzel und drei Eimer runzlige, vertrocknete Äpfel, die zu nichts sonst zu gebrauchen waren, wurden bereitgestellt. Dazu wurde der Biberklee gehäckselt, aufgekocht und dieser Extrakt in eine Blechkanne gefüllt. Die gleiche Prozedur wurde anschließend für das bittere Holz wiederholt. Der Extrakt des Quassiaholzes roch extrem scharf und bitter, sodass die Brauer sicher waren, ein ausgezeichnetes Würzmittel an der Hand zu haben. Seit Monaten hatten sich weder Soldaten noch Staatische blicken lassen, fast schien es, als herrsche endlich Frieden. Allerdings erwies sich dieser Eindruck als trügerisch. Denn alle Heerhaufen befanden sich lediglich im Winterlager und erwarteten ungeduldig das Frühjahr, auf dass die Gefechte wieder losgehen konnten.
»Weißt du«, sagte Knoll zu Flügel eingedenk dieser Tatsache, während beide im Maischbottich rührten. »Eigentlich passen die Brauerei und der Krieg gut zusammen: Das Bierbrauen findet in der kalten Jahreszeit statt, genau dann, wenn der Krieg Pause macht.«
»Wir sollten schauen, dass das ganze Bier zu Beginn der warmen Jahreszeit bereits getrunken ist, sonst wird es doch nur von den saufenden Soldaten requiriert«, fügte Flügel an. »Vielleicht vergeht ihnen dann die Lust aufs Kämpfen.«
»Meinst du, der Krieg wäre schon vorbei oder hätte niemals begonnen, wenn es kein Bier gäbe? Dann müssten wir aber Wein saufen.« Flügel schüttelte sich demonstrativ bei Knolls Worten. Jetzt saß beiden Brauern eindeutig der Schalk im Nacken.
Die ersten Sude nach den neuen Kriegsrezepturen stießen auf höchst gemischte Resonanz. Die beiden Brauer schlossen sich selbstkritisch den eher negativen Meinungen an und veränderten die Rezeptur dementsprechend. Sie klärten es mit frischem Ei und Asche, fügten etwas Salz und Wein hinzu sowie, als sie immer noch nicht zufrieden waren, Leinsamenöl. Damit gelang der Durchbruch, das Bier war genießbar und sie verkauften ihren ganzen Bestand. Sie gewannen eine wichtige Erkenntnis, und zwar, dass der Biberklee nicht wirklich schlechter war als das viel gepriesene Quassiaholz und dazu einen bedeutenderen Vorteil besaß: Er wuchs auf den Wiesen vor der Stadt und war somit umsonst. Deshalb beschlossen sie, nachdem sie ihre Lieferung aufgebraucht hatten, kein weiteres Bitterholz mehr zu bestellen.
Im Frühjahr begannen die Kämpfe erneut. Und auch wenn Bitburg nicht zu einer der streitenden Parteien gehörte, so befand sich die Stadt doch immer irgendwie mittendrin, umringt vom immerwährenden Krieg. Trier zog wieder mal gegen Luxemburg, dann auch noch gegen die Herren von Hamm. Bei einer Fehde zwischen dem Burgherrn zu Schloss Hamm und der Stadt Trier wurde Hamm belagert, wobei Bitburger Bürger Schaden erlitten, darunter auch die Schöffen Oetz und von Esch, deren Saat von den Pferden und vorbeiziehenden Truppen zertrampelt wurde. Doch es trat etwas ein, was in den Kriegszeiten Seltenheit hatte: Die Stadt Trier erstattete den Geschädigten tatsächlich Regress. Dieses wundersame Ereignis wurde dementsprechend gefeiert, mit dem letzten Bier aus Flügels Keller. Weniger entgegenkommend waren zwei Monate danach die Staatischen, die bei einem Angriff auf die Stadt, der abgewehrt werden konnte, Brandpfeile in die Unterstadt abfeuerten, sodass dreiundzwanzig Häuser Opfer der Flammen wurden. Tote gab es zum Glück nicht zu beklagen.
Zum Ende des kriegerischen Sommers versuchten die Luxemburger aufs Neue, Trier einzunehmen. Als dies wieder nicht gelang, wendeten sie die allseits bekannte, verheerende Taktik der verbrannten Erde an. Alle Weinberge und Keltern wurden zerstört. Die luxemburgischen Pferde durften sich an den Getreidesaaten satt fressen.
Die bösen Vorahnungen teilten die Brauer mit den anderen Bürgern von Bitburg. Sie zweifelten, dass das, was die Staatlichen übrig gelassen hatten, ihnen über den Winter reichen würde.
Pulsuz fraqment bitdi.