Kitabı oxu: «Das Schlafrad»
Gyrðir Elíasson
Das Schlafrad
Roman
Aus dem Isländischen von
Gert Kreutzer
Saga
Herausgegeben mit moralischer Unterstützung des Dunkelangstfonds
I
1
Mit dem Schlüssel meines alten Papas öffne ich die Tür. Sie hat sich während des Winters verzogen und klemmt, und als ich in das kleine Sommerhaus eintrete, stoße ich auf Massen toter Fliegen. Es liegt eine Schwere in der Luft, die Ahnung eines schattenhaften Lebens, das sich im Schlafzimmer dahinter breitmacht, aber ich bin ja nicht hierhergekommen, um schlimmen Vorahnungen nachzuspüren.
Die elektrischen Heizkörper sind kälter als Marmor, und mit dem Hahn, der das Haus mit Wasser versorgt, ist etwas nicht in Ordnung.
Das Motorrad steht in der Nähe der Veranda, voller Lehmspritzer von der Reise. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, ganz allein in so ein Sommerhaus zu kommen, mit dem abgenutzten Koffer und einer Kolibri-Schreibmaschine in schwarzer Schutzhülle.
Unten murrt und knurrt das Meer, und als ich die Fensterläden öffne, kommt es mir vor, als sähe ich in weiter Ferne auf der grauen Wasserfläche zwei Augen, die mich anstarren. Ein ziemlich unangenehmes Gefühl, aber dann zucke ich nur mit den Achseln und denke mir, es ist bloß ein Seehund, einer von diesen alten Ägyptern, die es hier oben in den Nordmeeren umhertreibt.
Das blaugestrichene Häuschen reiht sich ein in die Wohnhäuser am Meeresstrand, und einen Steinwurf von der Landzunge entfernt ragt eine von der Brandung beschädigte Betonmole ins Meer. Der Pfarrer wohnt in dem Haus, das unmittelbar an meine Hütte grenzt. Es ist ein zweigeschossiges Gebäude, und die Fenster im oberen Stock sind wie geschaffen zum Sternebeobachten. Der Pfarrer ist mager wie eine Wäschestange, an die siebzig, versteht sich aufs Dichten. Es wird Spaß machen, mit ihm über den Maschendraht hinweg zu plaudern, wenn er frühmorgens herauskommt, um Wäsche aufzuhängen. Ich lese dann in einer alten Schwarte auf der Veranda, und der Pfarrer nimmt eine Wäscheklammer aus dem Mund und ruft zu mir herüber:
»Liest du schon wieder diesen verdammten Homer?«
»Nein.« Ich stehe auf und gehe zum Zaun, lasse die »Odyssee« zurück.
Das Haus auf der anderen Seite steht meistens leer, aber manchmal ist da ein Seemann mit einem großen, gelben Schiffshund und schickt Rauchkringel durch den Schornstein hinauf wie als Signal, daß er zurück ist. In seinem Garten steht hohes Gras und eine sorgfältig gestrichene Fahnenstange, die im rauhen Herbstwetter mehr als einmal auf das niedrige Dach herabfällt, wenn der Wind von den Bergpässen weht, Blitzattacken gegen das Dorf fliegt wie ein unsichtbarer Adler, es aber nicht mit den Krallen packt, sondern seine Klauen hineinschlägt. Vorletztes Jahr spazierte ich einmal in einer hellen Mittsommernacht mit einer Whiskyflasche zum Seemann hinüber. Er war gerade wach, nippte an seinem Wodka und brachte seinem Hund das Laufen auf den Hinterpfoten bei. Der Hund kam mit hängender Zunge über den Holzfußboden zu mir gewackelt, und ich streichelte ihm zärtlich den Kopf.
Jetzt habe ich die Fensterläden geöffnet und gehe hinein, um mir den ersten Kaffee des Sommers in dieser Wohnung zu kochen. Ich rechne damit, daß sich ein Schimmelbelag in der Kaffeedose gebildet hat, und es ist natürlich verrückt, einen Aufguß von uraltem Kaffeepulver trinken zu wollen, aber der Laden unten hat noch bis morgen früh geschlossen. Hier ist am Wochenende überhaupt alles geschlossen, sogar die Kirche.
Allmählich werden die Marmorelemente warm, und der Verdacht, es könnte hier ein Schlafzimmergespenst geben, verflüchtigt sich. Die Fliegen kauern sich zusammen und tun einen langen Schlaf im Staubsaugerbeutel.
2
In der Nacht erwache ich von einem Kratzen am Fenster und stehe auf, um hinauszusehen. Vom Meer her hört man ein Dröhnen, ich ziehe die Gardine zur Seite – da bietet sich mir ein unvergeßlicher Anblick. Vor dem Haus steht ein merkwürdig schuppiges, mit Muscheln bedecktes Seeungeheuer und niest oder schnaubt durchs Fenster hinein. Es ist ein Wesen von der Größe eines unterernährten Nashorns, und ich achte besonders auf die Augen: Sie haben einen so schrecklich flehenden Ausdruck. Einen Augenblick lang habe ich die Idee, ich sollte ihm einen Keks holen, aber dann werde ich auf einmal ziemlich ängstlich und greife nach einem der Seeigel, die auf dem Nachttisch liegen und die Papa letzten Sommer gesammelt hat. Diesen Seeigel stecke ich durch das offene Fenster und zwischen die Kiefer des Ungeheuers. Das beginnt zu kauen, aber dann niest es plötzlich wieder, ich kann meine Hand nicht schnell genug zurückziehen und bekomme stachligen Schleim auf meinen Handrücken. Dann bumst das Tier mit seinem Hinterteil an den Schuppen, daß der Giebel wackelt, geht dann im Nebel wieder hinunter zum Meeresufer, es sieht einsam aus, und ich glaube, ein leises Weinen zu hören.
Ich kann schlecht wieder einschlafen, mache neben mir die Lampe an, greife nach der »Odyssee« und lese eine Weile von den schluchzenden Helden. Lege das Buch weg und habe plötzlich das Gefühl, jenseits der Welt zu sein, mit einem schweren, dunklen Vorhang dazwischen.
Als ich eingeschlafen bin, träume ich von einem Pferd mit Flügeln und einer Sonnenbrille.
Am Morgen darauf, nach einer Tasse Kaffee, gehe ich hinaus auf den Rasen, um nachzusehen, ob vielleicht Spuren hinunter zum Meer führen, entdecke aber nichts, außer undeutlichen Tritten um einen Wäschepfahl herum. Da kommt der Pfarrer im schwarzen Anzug auf seinen Rasen heraus, wendet sich mit feierlicher Miene dem großen Esso-Öltank neben dem Konsum zu und bekreuzigt sich. Von diesem Tank aus hat man einen guten Blick auf all die merkwürdigen Bergformationen, die den Fjord umschließen.
»Ich bin heute nacht von einem Seeungeheuer am Fenster aufgewacht«, sagte ich zum Pfarrer. Er schlug seine Pfeife an einem Pfahl aus, verzog keine Miene, stopfte und zündete sie an, und jetzt erinnerte er an einen schlanken schwarzen Schornstein auf einem unterirdischen Haus, als er so dastand und der Rauch von ihm in die Höhe stieg. Er antwortete zögernd nach einer Weile: »Das war wohl die Kuh vom Ásgrímur hier unten am Strand, sie hat Schlafstörungen und so einen merkwürdigen Schorf an der Lende.«
»Das war verdammt noch mal keine Kuh«, rutschte es aus mir heraus, aber dann nahm ich mich zusammen und wiederholte: »Das war keine Kuh.«
Da ruft die Frau des Pfarrers mit freundlicher Stimme nach ihm; er möchte doch zum Abwaschen hineinkommen, und wir verabschieden uns, er geht ins Haus und ich hinunter zum Konsum. Ich grüße die Schirmmützenmänner auf dem Vorplatz und den Hund, der dösend auf der Schwelle liegt.
Drinnen riecht es wie immer nach Farbe, Äpfeln, Stockfisch und Rosinen. Ich kaufe neuen Kaffee und was man sonst so braucht, um für eine begrenzte Zeit einen Haushalt an einem neuen Ort einzurichten. Dann gehe ich wieder nach Hause. Es sieht mir nicht danach aus, als wolle es aufklaren, und ich habe keine Lust, mich in diesem feuchten Nebel draußen herumzutreiben, denke, es ist auch gar nicht ungefährlich, wenn eine Welle herangerollt kommt und keiner weiß, was sich darin versteckt. Vielleicht plantscht ja hier irgendwo eine schlaflose Kuh herum. Und der Strand ist bedeckt von kantigen, kohlschwarzen Felsbrocken, bewachsen mit glitschigem Tang, der aussieht, als würde er herumtasten, wenn ihn das Meer überrollt.
Als der Tag sich dem Ende neigt, mache ich doch zum Schein einen Spaziergang durch das Dorf, zwischen gelben und lila Häusern, ein Teil von ihnen mit Luken vor den Dachfenstern, an Tagen mit gutem Wetter kann man alte Männer beobachten, die das Wellblech festnageln, das sich beim letzten Unwetter gelöst hat, sie haben Feldstecher dabei und halten Ausschau nach Booten oder Rentieren auf den Bergen. Ich habe eine gelbe Regenjacke an, und es hat angefangen zu regnen, ich kann einfach nicht anders und hoffe, daß einige Dächer ein wenig undicht sind.
Ich treffe eine ältere Frau mit Kinderwagen, sie hält an und begrüßt mich, und wir plaudern eine Weile miteinander über die Sonne und die Fische, dann ist sie fort, in den Nieselregen verschwunden mit ihrem schlafenden Enkelkind.
3
Eine helle Sommernacht, aber nicht still, denn man hört dumpfes Motorengedröhn von der Festhalle her, vor der sich eine lärmende Menschenmenge drängt.
Ich bin mit einem grünen Segeltuchhut hergekommen und habe mir eine Whiskyflasche in die Manteltasche gesteckt, schlendere lässig auf die kleine Brücke über den Bach zu. Am Weg stehen halbschlafende und ein wenig staubige Butterblumen, und als mein Blick auf die Wiese oberhalb des Dorfes fällt, ist es, als läge ein Glanz auf ihnen, und man sieht für einen Augenblick die Flügel eines einzelnen Schmetterlings in der Ferne aufblinken. Ich spucke von der Brücke in den Bach hinunter, gehe weiter, biege bei den Benzintanks neben dem Konsumladen um die Ecke. Es sind altmodische Tanks, und da es hier üblich ist, nach den Tanzfesten Benzin zu stehlen, steht der Ladeninhaber jetzt hinter Gummistiefeln und Royalpuddings und späht ab und zu hinaus.
Als ich auf dem Platz ankomme, sind die Männer schon ganz schön betrunken und haben angefangen zu grölen. Aus der leichtgebauten Festhalle dringen schräge Harmonikatöne heraus und kriechen den Leuten draußen in die Ohren. Schnell fühle ich mich noch ausgeschlossener und einsamer in dieser Menschenmenge als in den ersten Tagen nach meiner Ankunft in der Hütte. Zuerst würdigt mich niemand eines Blickes, dann ruft einer mit heiserer Stimme, hier sei ein Schriftsteller gekommen und es sei besser, das Maul zu halten. Es folgt ein Gelächter, was mich ziemlich unangenehm berührt, aber dann denke ich an die Wale in Trékyllisvík, und schon geht es mir besser. Ich sehe mich um, ziehe aus der Tasche grotesk harmlose Vampirzähne aus weißem Plastik, setze sie mir ein und schneide vor dem Nächststehenden eine Grimasse.
»Gibt es hier auch schon Klapperschlangen?« höre ich jemanden neben mir fragen. Ich nehme einen ordentlichen Schluck aus der Whiskyflasche, ziehe den Hut über die Augen und zwänge mich durch die Tür. Der Harmonikaspieler ist ganz schön in Fahrt und malträtiert sein Instrument. Ich erinnere mich, von seinem Lastwagen gehört zu haben und von dem jungen Seehund, den er in der Badewanne aufzog und zur Straßenarbeit mitnahm, als er herangewachsen war, und manchmal schlief der Seehund auf dem Vordersitz des Lastwagens und war sehr sauer, wenn man ihn weckte, biß dann blind um sich, kurzhaarig und fett.
Düsternis drinnen, ich ahne Gruppen dunkelgekleideter Wesen, sie kommen mir vor wie Traumgestalten. Starker Alkoholdunst in der Luft, und unter den Tischen biergefüllte Plastik-Brauseflaschen.
An einem Tisch in der Nähe der Tür sehe ich die Wange eines Mädchens, das sofort mein Interesse gefangennimmt, sie trägt ein blaues Kleid, ist schwarzhaarig, mit feinen Gesichtszügen. Ich wende mich ihr zu und lächle sie an.
»Das sind aber häßliche Vampirzähne«, ruft sie durch Harmonikaklang und Tanzlärm.
»Ich bin auf dem Weg hinauf zum Friedhof«, sage ich. »Willst du mir Gesellschaft leisten?«
Sie schüttelt sich.
»Nein, danke.«
»Wie du meinst, du hast ja keine Ahnung, wie bequem die Särge da oben sind«, sage ich mitleidsvoll und wende mich ab, schlendere hinaus. Ein paar Jungen kommen mit einem Rind am Halfter herangelaufen, als ich durch die Tür gehe. Es ist ein großer Stier, dem die Bösartigkeit anzusehen ist, es ist aber auch etwas Trauriges in seinen Augen, etwas ebenso Flehendes wie bei dem Seeungeheuer, etwas, das sagt: »Hilfe, ich bin so schrecklich böse!«
Schwarzblau schimmert der riesige Körper, nur ein weißer Fleck auf der Stirn. Die Hörner wirken unscheinbar. Die Jungen halten das Tier zwischen sich, zerren an den Seilen, die am Nasenring befestigt sind. Der Stier sträubt sich, die Seile sind straff gespannt, und ich empfinde erneut Sympathie mit ihm, doch dann befreit er sich aus dem Halfter und stürmt davon, genau dahin, wohin er wollte: zum Eingang der Festhalle. Vielleicht glaubt er, darin sei ein schöner Stall mit Kühen in sauber gefegten Boxen. Ich bin am Fuße der Treppe angekommen, der Bulle brüllt und schnaubt, läuft durch die Tür, daß es in den Rahmen knarrt, und jetzt fängt drinnen das Schreien und Tosen an. Ich kann solchen Lärm nicht ertragen.
Nächtliches Dämmerlicht hüllt alles ein, ich schlendere in der frischen Luft den Schotterweg hinauf zu den Gräbern.
»He!« höre ich jemanden nach mir rufen. Ein Mann von schätzungsweise sechzig Jahren läuft schwankend hinter mir her.
»Wohin gehst du?« fragt er, nach Atem ringend.
»Auf den Friedhof. Das ist doch wohl der Weg dahin«, sage ich.
»Laß mich mitkommen. Ich habe dort meine Frau.«
»Mein Beileid«, sage ich.
»Du bist im vorletzten Jahr auch schon hiergewesen«, sagt der Mann.
»Ja«, bestätige ich.
Er lächelt traurig. Grauhaarig, mit einem feinmaschigen Netz von Falten um seine wasserblauen Augen, er könnte ein Seemann sein oder ein Komiker oder beides.
»Sie ist voriges Jahr diesen Weg entlanggekommen«, sagt er dann. »Sie haben den Sarg hier am Hang fallen gelassen.«
Wir gingen schweigend an dem Stein vorbei, in dem die Elfen wohnen, er ist mit einer Art Elfenmoos bewachsen, es sind aber kahle Flecken auf ihm entstanden, und sie müßten die Außenfläche einmal in Ordnung bringen.
Das Tor quietscht in den Angeln, als wir uns hindurchzwängen. Der Friedhof ist schön im hellen Dämmerlicht, unter hohem Gras versunken, die Sense hat nur die Menschen getroffen. Gewöhnlich mäht der Pfarrer hier selbst, aber das Wetter war lange trocken, und da geht die Wäsche vor. Er hat die Wäscheklammern den ganzen Sommer über kaum aus der Hand legen können.
Ein wenig oberhalb schlummern die felsigen Berge, in warmem Dunkel, fast in Umarmung, jetzt überhaupt nicht unheimlich wie im Herbst, wenn die Stürme aus ihren Klüften toben und alle Fenster einschlagen wollen.
Der Mann tritt an eines der Gräber, streicht über das dichte Gras, als streichelte er ein zahmes Tier, und murmelt: »So, so.«
Ich wende mich ab. Leere die Flasche. Es stellt sich heraus, daß der Witwer eine fast noch volle Schnapsflasche hat. Wir setzen uns auf den Grabhügel, in Frieden und Freundschaft, glücklich und zufrieden, glücklichzufrieden, singen vor uns hin, stimmen der Frau ein Lied an, und unser Gesang klingt durch die Sommernacht, mischt sich mit dem Summen des Kraftwerks und den Geräuschen vom Dorf her.
»Sie war eine gute Frau. Eine solche Frau findet man nicht an jeder Ecke«, sagt der Mann. »Sie war schrecklich neugierig auf Friedhöfe, wo sie auch hinkam. Jetzt hat sich diese Neugier gelegt.«
Gleich hinter dem Friedhof liegt der Flugplatz, kurz und breit, wie mit einem großen, groben Bleistift in den Sand geritzt; ein Strich. In den herbstlichen Regengüssen bleiben die Flugzeuge da im Kies hängen und wollen sich losreißen, schlagen mit ihren Metallflügeln auf den Fliegenfänger ...
Wir gehen zurück zum Tanzlokal, der Mann schiebt eine Schubkarre, die er ohne zu fragen vom Friedhof mitgenommen hat, und er hat die Flasche auf der Karre, das Glas scheppert gegen die Seiten. Der Stier ist weg, der Ball zu Ende, die Männer torkeln über den Platz. Da sehe ich das Mädchen wieder. Sie steht an der Ecke, als warte sie auf jemanden, zieht die Schultern ein, ohne Mantel. Ich gehe auf sie zu, zum zweiten Mal in dieser Nacht, nehme nun endlich meine Vampirzähne heraus, ziehe die Jacke aus, lege sie ihr vorsichtig über die Schultern, beuge mich vor und küsse sie auf den Mund. Ehe ich mich versehe, schmiegt sie sich an mich, und wir gehen hinunter in den alten Teil des Dorfes. Die Straße führt unmittelbar am Meeresufer vorbei, hier fahren die betrunkenen Männer mit Vollgas entlang, und es ist ein wahres Wunder, daß noch niemand auf den steinigen Strand hinuntergestürzt ist, die Hände um das Steuer geklammert und die Reise ins Jenseits vor Augen.
In den Kriegsjahren explodierte eine Mine hier an den Klippen. Alle hatten sich im Keller der Schule versammelt und warteten schweigend in angstvoller Spannung auf die Explosion, und als endlich der Knall die Siedlung erschütterte, sagte jemand mit trauriger Stimme in die Kohlenstaubluft dort im Keller: »So furzen die Wale.«
Wir gingen die Straße entlang, das Mädchen in der Jacke, ich mit Pullover und Hut. Blieben bei einem kleinen rotbraunen Haus stehen, das in mir den Gedanken an Pfefferkuchen und Rhabarbergelee wachrief. Und darin war ein blaues Bett und ein Schaukelstuhl –
4
Ich sitze eines schönen Tages in meinem eigenen Schaukelstuhl auf der Veranda des blauen Hauses. Strahlende Sonne, so daß das Wohnviertel im warmen Dunst flimmert. Ich lese immer noch Homer.
Plötzlich kommt ein blondes Mädchen zu mir auf die Veranda herauf, vielleicht fünf Jahre alt.
»Hallo!«
»Hallo«, antworte ich, widerwillig vom Buch aufsehend.
»Du hast ein komisches Motorrad«, sagt sie.
»Findest du?«
»Meine Schwester hat einen Weisheitszahn, der hat drei Spitzen wie drei Zähne.«
»Hat sie dich dann nicht gebissen?« frage ich.
»Nee. Sie beißt nur, wenn sie sehr müde ist.«
Ich streichele ihr übers Haar, unendlich sanft. Dann ist die Kleine verschwunden, über den Grasstreifen zwischen den Nachbarhäusern hinauf und hinein in die zweigeschossige Bruchbude ganz oben im Dorf. Hinter diesem Haus steht ein Rodelschlitten, einsam und verlassen in der glühenden Sommersonne. Die Luft ist schrecklich schwül, wenn man nach ihr greift, bleiben die Finger fast kleben. Jetzt nehme ich die Sonnenbrille ab und sehe in den Feuerball.
Der Mittag naht.
Jenseits des Fjordes sieht man die bunten Berge aus hellem Lavagestein, nur ein vereinzelter Buckel aus anderem Gestein ragt aus den Geröllhängen. Jenseits dieser Berge sind Buchten, an denen niemand mehr wohnt. Ich hatte schon lange den Wunsch, einmal dorthin zu kommen, aber im vorletzten Jahr ist nichts daraus geworden.
»Das ist ein verzaubertes Land«, pflegte mein alter Papa zu sagen.
In den Herbstnächten wälzen sich die Gespenster über die Pässe, hinunter zum Dorf, im Gefolge des wabernden Nebels. Sie stellen sich in Schlachtreihe auf der alten Steinbrücke über dem Fjordfluß auf, und es ist nicht gut, ihnen im Dunkeln zu begegnen. Heute bin ich nicht zum Schreiben aufgelegt, ich fühle eine Unruhe in mir und kann mich nicht so recht für die Schreibmaschine erwärmen.
Augenblicklich entschließe ich mich, eine der Buchten aufzusuchen, und zwar die nächstliegende.
In den Rucksack stopfe ich die Dinge, die ich für den Ausflug brauche: eine Thermoskanne mit Pulverkaffee, eine Tütensuppe, Stockfisch, Blockschokolade, und einen kleinen Hammer packe ich auch ein und hoffe, daß er die Kanne nicht zerschlägt. Ich habe gehört, in der Bucht gebe es eine Hütte für Schiffbrüchige, und darin einen Kessel und Töpfe, einen Gaskocher.
Der Helm wandert grünschimmernd auf den Kopf, und ich sause los durch das Dorf auf meinem blauen Motorrad, einer Suzuki TS 400. Brumm. Hahnenfuß und Löwenzahn stehen in den Gärten und auf den Wiesen in voller Blüte, die Häuser leuchtendgelb und violett, Hühner purzeln hier und da über die Straße, ein Fahrrad liegt am Wegesrand, ein Hund schlabbert aus einem Abwassergraben in der Nähe der Grassodenhütte. Und da steht das Haus mit dem Schaukelstuhl und dem blauen Bett darin. Gardinen sind vor das Fenster gezogen. Das Mädchen habe ich seit jener Nacht nicht wiedergesehen. Ich hatte sie nicht einmal nach dem Namen gefragt. Ich hoffe, sie ist nicht weggegangen. In Gedanken küsse ich sie, während ich vorbeisause.
Das Dorf verschwindet hinter einer Anhöhe aus dem Rückspiegel, die Gespensterbrücke taucht weiter vorne auf, ich sehe vor mir, wie sie dichtgedrängt auf der Brücke stehen, sich ausruhen vor der letzten Etappe, Beschwörungsformeln murmeln und mit düsterer Miene ins Dunkle starren, zum Meer, und wie sie dem schweren und saugenden Rauschen der Brandung lauschen. Dann gleiten sie wieder fort und schalten dem Dorf den Strom aus.
Den Berghang hinauf führen Traktorspuren, ich lasse das Motorrad wie einen Teufel durch unzählige Kurven hinaufrasen, dieser 33-PS-Maschine macht so eine kleine Steigung nichts aus. Schneller als gedacht bin ich oben auf dem Paß. Ich halte an und steige ab.
Tiefe Stille hier oben.
Es brummt und rauscht in meinen Ohren. Mir erscheint das Bild einer Allmacht vor Augen als ein dröhnendes, durchsichtiges Kraftwerk hinter den sieben Bergen, aber ich wische es fort, nehme einen scharfkantigen Basaltbrocken und werfe ihn, so daß alles Glas des Kraftwerks zerbricht. Aber das Dröhnen im Kopf hält an.
Der große Felsen, unter den ich mich setze, heißt Zufluchtsstein. Es tut gut, ihn zu streicheln, er ist warm vom Sonnenschein, rauh, wie es Gürteltiere sein sollen, blickt stumm und ruhig hinunter ins Tal und auf die See hinaus.
»Du bist stumm wie ein Stein«, sage ich zu ihm.
Um den Felsen herum wachsen einige Pflanzen, darunter Blumen, deren Namen ich nicht kenne, ich pflücke eine davon und vertreibe mir die Zeit damit, ihr die Blütenblätter auszuzupfen, ohne jedoch zu sagen sieliebtmichsieliebtmichnicht –
Dann öffne ich meinen Rucksack und trinke Kaffee, direkt aus der Kanne. Eine erquickende Pause; erholt stehe ich auf, blicke empor in den blauen Himmel und atme tief durch.
Ich starte das Motorrad und kämpfe mich erneut durch die Traktorspuren nach oben. Die Bucht breitet sich vor mir aus, als ich auf die Paßhöhe komme. Mir kommt der Gedanke, ich sollte besser nicht hinunterfahren, denn sogar am hellichten Tag machen Gespenster mir angst. Obwohl ich nicht weiß, wo sie sich bei diesem Licht verstecken könnten, nirgends sieht man einen Unterschlupf für Dunkelwesen.
Mit der frischen Meeresbrise weht der Duft von Heidekraut herauf und mischt sich mit den Auspuffgasen meines Zweitakters. Mitten auf dem Weg zur Bucht hin kommt mir ein Rentier entgegen, torkelnd und zerstreut, denn es nimmt mich kaum wahr, trotz des Motorenlärms. Es heißt, daß sie manchmal in ganzen Gruppen hier auftauchen, aber dieses Rentiermännchen ist offensichtlich ein Einzelgänger, vielleicht ein Geächteter. Ich denke darüber nach, wie merkwürdig es sein muß, ein so verzweigtes Geweih zu haben, wie Baumäste aus dem Kopf ragend, und manchmal muß es traurig sein, allein unten an der Bucht zu stehen, wenn es Abend wird, in Sprühregen und Halbdunkel, nicht weit von den verfallenen Höfen entfernt, wenn die Hörner weich und zu Fühlern geworden sind.
Wir begegnen uns, ich fahre langsam, lasse den Motor im ersten Gang laufen; das kommt dem Rentier so merkwürdig vor, daß es sich entschließt, hinter mir her zu trotten, den Pfad hinunter, wie ein riesiger Grauhund mit Hörnern. Es geht mir auf die Nerven, das Tier ständig im Rückspiegel zu sehen, schnelleres Fahren ist aber auch nicht ratsam wegen der vielen Kurven, die der Weg macht, ich rufe ihm zu: »Du bist bei mir in schlechter Gesellschaft, mein Bester!«
Ich halte abrupt an, greife in den Rucksack auf dem Gepäckträger und hole einen Hammer hervor. Ich gehe zu einem Stein am Wegrand. Das Ren bleibt währenddessen in einem gewissen Abstand stehen, etwas außer Atem. Ich schlage mit dem Hammer auf den Stein, daß die Funken fliegen. Der Knall gibt ein Echo. Das reicht, um das Ren zu verscheuchen. Ich beobachte, wie sich die spitzen Hörner entfernen.
Es ist lange her, daß Kinder hier bei dem alten Hof auf der Wiese gespielt haben, und damals sahen die Gebäude noch anders aus. Jetzt sind sie zusammengefallen. Hier ist der Unterschlupf für das Dunkelvolk an Sommertagen.
Ich hatte die Thermoskanne an dem schweigsamen Felsen oben am Paß fast ausgetrunken und öffne nun die Tür der Hütte unten am Flußufer, um dort neuen Kaffee zu kochen. Diese Hütte ist sowohl für Wanderer wie für Schiffbrüchige vorgesehen. Innen riecht es nach Schaffellen. Alles ist sehr gemütlich, und ich habe keine Probleme mit dem Gasherd, das Wasser kocht, der Wollgeruch weicht den durchsichtigen, blinden Kaffeeschlangen, die sich in alle Ecken ringeln.
Als ich Kaffee getrunken und den Proviant verzehrt habe, gehe ich hinunter auf den Sandstrand. Ziehe die Schuhe und Socken aus und wate in den eiskalten Fluß, ärgere mich, daß ich keine Angel mitgenommen habe, um sie nach Fischen auszuwerfen. Gleich oberhalb der Furt ist ein tiefer, blaugrüner Kolk mit unterspülten Ufern.
Der Sandstrand dunkel und gewaltig breit, darüber Flügelrauschen und ständiges Vogelgeschrei. Diese Vögel scheinen alle zu wissen, wohin sie ziehen, sie fliegen mit sicheren Flügelschlägen, nachdenklich, trotz ihrer kleinen Köpfe.
Meeresrauschen.
Ich laufe über den Sand, habe die Schuhe wieder angezogen, ein Urmenschengefühl ergreift mich. Ich gehe ganz hinab zum Wasser, beobachte, wie die Woge in sich zusammenfällt. Ich fühle, daß es mir nur einen Augenblick lang gelingt, einen tieferen Blick in mein eigenes Inneres zu werfen, als die Wassertiefe die schweren, sonnenweißen Augenlider schließt.
Etwas weiter ist ein Rasenhügel auf dem Sand, dorthin gehe ich.
Plötzlich ist mir, als sei es dunkel geworden.
Das Summen in meinen Ohren wird lauter und geht über in Hammerschläge auf einem Amboß.
Pulsuz fraqment bitdi.