Kitabı oxu: «Caromera»

Şrift:

H. G Götz

Caromera

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Rat

Spätes Treffen

Die Unterredung

Alles dahin

Auf der Flucht

Neues aus der Stadt

Stadt der Toten

Einsicht, Wut und Trauer

Der Plan

Flucht aus Prudencia

Hauptmans Vision

Aus allen Nähten

Rogners Zwiespalt

Überlaufen

San Sedrillo

Boca Blanca

Rückkehr nach Caromera

Die Boten

Hauptman

Impressum neobooks

Der Rat

Der Raum, in dem sie saßen, hatte schon bessere Tage gesehen. An den Wänden und der Decke blätterte die Farbe ab. Das Muster des Teppichs war an manchen Stellen nicht mehr zu erkennen. Dort wo die Holzdielen sichtbar waren, erkannte man mit einem Blick, dass auch die beste Politur nichts, an deren maroden Aussehen mehr hätte ändern können. So wie der Zustand des Raumes, in dem die kleine Gruppe von Männern saß, so war der Zustand des ganzen Gebäudes. Dieses einst stolze Gebäude, dass sich einst so prächtig inmitten des Zentrums dieses kleinen, aber feinen Landes ausgemacht hatte, glich, je mehr Zeit verging, einer

Ruine, die einer längst vergangenen Ära nachtrauerte. Einer Ära in der niemand zu hungern brauchte. Niemand der ohne ein Zuhause gewesen war.

Prudencia, die Umsichtige hatte man einst die heutige Hauptstadt des kleinen südamerikanischen Landes getauft, dass die Gründerväter mit dem eigenartigen Namen Caromera bedacht hatten, von dem niemand mehr wusste, wie er zustande gekommen war. Getauft von jenen Siedlern, die nach und nach eine Stadt aus dem Boden gestampft hatten, mit nichts anderem als ihren Händen, den Ressourcen, die das umliegende Land bot und den wenigen Werkzeugen die sie von der langen Fahrt, mitgebracht hatten. Und als umsichtig hatten sich die ersten Stadtväter und Siedler erwiesen. Geprägt von christlichen, wenn auch protestantischen Grundsätzen – etwas das ihnen die Kirche in Rom seit Ewigkeiten vorhielt-, präsentierte sich das einstige Dorf, das

sich schnell einen Namen zu machen wusste, bald in friedlich prächtigem, wenn auch bescheidenem Glanz. Tugenden wie Sparsamkeit, Ehrlichkeit und die Besorgnis um das Wohlergehen aller Bürger hatten sich die Bürger auf die Fahne geschrieben.

Aus allen Windrichtungen kamen sie. Jene, die in anderen Teilen dieser Welt nicht das gefunden hatten, was sie sich erhofft hatten. Frieden und bescheidenen Wohlstand behütet von einer Regierung, die darauf achtete, dass niemand zu kurz kam.

Frieden und den erhofften bescheidenen Wohlstand bekamen sie. In den unweit gelegenen Bergwerken war man auf Bernstein gestoßen, wofür sich weltweit Abnehmer fanden, sodass Arbeit im Übermaß vorhanden war. Die Landwirtschaft hatte sich dank des fruchtbaren Bodens zum zweiten wirtschaftlichen Standbein des Landes entwickelt. Bald wurden die Produkte des Landes zur begehrten Handelsware ob ihrer besonderen Qualität. Weder Hunger noch sonstige Not hatte die bescheidene

Nation jemals heimgesucht. Plagen, Krankheiten und Kriegswirren, waren zu Fremdwörtern verkommen. Wer hätte schon Interesse daran gehabt, mit einem Land Krieg zu führen, dass man an einem einzigen Tag durchqueren konnte?

So kam es, dass das einstige kleine Land bald aus allen Nähten platzte. Schnell, zu schnell hatte sich herumgesprochen das in diesem Land niemand Hunger zu leiden oder obdachlos zu sein hatte. Überall in dem kleinen Staat wurden Siedlungen gegründet, die sich regen Zulaufs erfreuten.

Trotz all dem war es dem Land gelungen, sich eine

Abgeschiedenheit zu bewahren, ein für sich selbst sein, dass stolz auf seine Errungenschaften war.

Doch waren die Vorzüge des Landes auch jenen zu Ohren gekommen, denen es in der Hauptsache darum ging, ihren eigenen Vorteil in allem zu sehen. Jene, denen weder der Sinn nach den Mühen stand, welche auch den braven Leuten von Prudencia nicht erspart geblieben war, um zu ihrem bescheidenen Wohlstand zu kommen, noch daran andere an ihren Errungenschaften teilhaben zu lassen. So kam es, dass nicht nur die Hauptstadt Prudencia bald zu einem begehrten Ankunftsziel von Einwanderern von überall her geworden war. Überall im Land siedelten sich Menschen aller Nationen an. Waren es anfangs Farmer und Handwerker allen Couleurs, die sich bald als die Säulen des kleinen Staates erwiesen, zog es nach und nach auch jene an, deren Bildung dazu beitrug das Land kulturell zu bereichern und es politisch, so auch international wenig beachtet, auf stabile soziale und wirtschaftliche Beine zu stellen.

Technische Errungenschaften wie das Internet wurden nur soweit verwendet und geduldet wie es dem Land und den Bürgern zugutekam und guttat. Neuankömmlinge wähnten sich in eine andere Zeit versetzt und waren alsbald verwundert, wie glücklich, friedlich und gesund sich das Land trotz alledem präsentierte. Doch zeigte sich bald, dass es nicht alle gut mit ihnen meinten. Allen voran Unternehmen, die in der Hauptsache daran interessiert waren, sich die Ressourcen des Landes unter den Nagel zu reißen. So war es diesen schnell gelungen, unter dem Vorschicken von gerissenen Brokern, die in Scharen in das Land eingefallen waren, sich die einfach geformte Mentalität der biederen Nation zunutze zu machen. Wider den Warnungen jener, die die Gefahr hatten kommen sehen, als Beute von Raubtieren zu enden, schien es den Landesvätern unmöglich sich dem vehementen Eindringen derjenigen, die das Land ausbeuteten, etwas entgegensetzen zu können. Bald zeigten sich Risse, in der einst so harmonisch orientierten Verwaltung des Landes. Risse die tiefer wurden, als sich die wirtschaftliche Lage des Landes zu verschlechtern begann. Risse, die von jenen genutzt wurden, die an den verbliebenen Ressourcen mehr interessiert waren, denn an der Stabilität des Landes und damit am Wohlergehen desselben.

Zwei Lager hatten sich gebildet die in ihren Auffassungen, wie das Land zu führen sei, nicht unterschiedlicher hätte sein können. Hingen die einen jener Zeit nach, in denen christlich-humanistische Werte als das Höchste galten und von denen sie nicht gewillt waren, abzulassen, waren andere weniger christlich orientierte Gruppen, daran interessiert den marktwirtschaftlichen Gedanken oberste Gültigkeit zu verschaffen.

Über Jahrzehnte war es der ersten Gruppe gelungen, die Verwaltung des Landes in ihren Händen zu halten, indem sie die Bevölkerung davon überzeugten, dass jene Gedanken, jenes Handeln, das dem Land von Beginn an gedient hatte, als alleiniges Gut taugen würde.

Bis zu jener Zeit, als sich mehr und mehr Menschen des Landes mit der Tatsache konfrontiert sahen, dass christliches Gedankengut allein sie nicht satt machen würde. Dass die Dächer ihrer Häuser damit nicht gedeckt werden konnten.

Gehälter von Staatsbediensteten wurden eingefroren oder nur teilweise ausbezahlt. Das Gesundheitssystem des Landes war nur mehr für jene zugänglich, die es sich leisten konnten.

War das Land vorher noch stolz darauf, jedem ein Dach über den Kopf und Essen auf den Tisch stellen zu können, sah es sich alsbald gezwungen, den Gürtel enger zu schnallen. Bis man am letzten Loch desselben angekommen war und sich nichts mehr enger hätte schnallen lassen.

Jüngere wanderten ab, gingen in Länder, in denen sie sich ein besseres Leben erhofften. Zurück blieben jene, die sich nicht vorstellen konnten nochmals von vorne, von neuem beginnen zu können, oder es nicht wollten. Dass wenig Verbliebene das noch produziert und abgebaut wurde, entsprach nach und nach nicht mehr dem Qualitätsstandard der Abnehmer.

Die Ackerböden, die über viele Jahre hinweg, reichste Ernte garantiert hatten, hatten aufgehört, fruchtbar zu sein. Zurück blieben Böden, die kaum das Nötigste hergaben, um das eigene Volk zu ernähren.

Innerhalb des obersten Rates des Landes begannen sich Kräfte, die den christlich-humanistischen Grundgedanken als gescheitert ansahen daran, eine ganz andere Lösung ins Auge zu fassen.

Der oberste Rat trat seit seiner Gründung, auch an diesem Dienstagnachmittag zusammen. Die Unruhe war in dem kleinen Versammlungssaal mit Händen zu greifen. Allen 14 Anwesenden stand im Gesicht geschrieben, dass sie sich auch von dieser Versammlung nicht viel erwarteten. 14 Anwesende, die das Amt von ihren

Vorvätern geerbt hatten. So schrieb es das Gesetz vor.

Nur, wenn eine der Familien keine Kinder bekommen

hatte, ging dessen jeweiliger Platz an einen Außenstehenden über.

„Ich getraue mich, schon nicht mehr auf die Straße zu gehen“, sagte der momentane Vorsitzende des Rates, der alle 3 Jahre neu bestimmt werden musste.

„Die Gebäude in der Stadt verfallen zusehends, an allen

Ecken und Enden lungern Menschen herum. Unsere Lagerhäuser werden mit jedem Tag leerer, wenn in diesen überhaupt noch etwas ist, dass verteilt werden kann. Es ist kaum noch genug vorhanden, um die Ärmsten mit Lebensmitteln zu versorgen!“ Der Vorsitzende schüttelte betroffen den Kopf.

„Beim Herkommen habe ich Menschen gesehen, die in der

Mülltonne nach Essen gesucht haben.“

Die 13 anderen die sich um den abgeschabten Tisch befanden, der schon Generationen zuvor als Versammlungstisch gedient hatte sahen betroffen auf denselben, kratzten sich verlegen am Kinn oder wo es sie sonst noch juckte. Seife war mittlerweile zu einem seltenen Gut geworden.

„Wir müssen zu Mitteln kommen, die es uns gestatten das Land wiederaufzurichten“, fügte der Vorsitzende, Kleiner hinzu.

„Wir haben alle Ressourcen ausgeschöpft“, entgegnete Vizepräsident Bogwin der ihm gegenüber, am anderen Ende des Tisches saß.

„Kein Land dieser Erde ist gewillt, uns noch einen

Kredit zu gewähren“, sagte er mit leiser, kaum hörbarer Stimme. Zu sehr lastete auch auf ihm der Zustand des Landes und seiner Bevölkerung.

„Das, was wir noch aus den Bergwerken holen verwenden wir zur Abzahlung der Schulden“, ließ der Verantwortliche für Finanzen, Lampert hören. „Die Produkte aus der Landwirtschaft benötigen wir für unsere eigenen Leute so dass uns kaum etwas bleibt, um es auf dem internationalen Markt verkaufen zu können.

Und das ist kaum der Rede wert.“ Wieder wurde es still im Raum.

Was hätten sie auch sagen sollen? Seit Monaten hatte sich die Lage zugespitzt. Weitere Hilfe von außen, so hatten sie schmerzlich erfahren müssen, würde keine mehr eintreffen. Zu viel schuldete das Land jenen, die darauf gehofft hatten, dass sich bald wieder Ressourcen zum Ausschlachten finden würden. Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllt hatte.

„Wir haben den Irrtum begangen, den fast alle Staaten auf diesem Planeten begangen haben. Wir haben zu viel ausgegeben. Haben alles und jeden unterstützt der an die Tür geklopft hat. Egal ob derjenige etwas dafür getan hat oder nicht. Nun sind wir am Ende“, sagte das Ratsmitglied Lampert.

„Und was hätten wir ihrer Meinung nach tun sollen,

Ratsmitglied Lampert“, fragte ihn Präsident Kleiner. „Hätten wir all jene ohne Obdach und Essen lassen sollen, die danach gefragt haben? Oder… sollen wir das jetzt tun?“ Die Frage hing im Raum wie eine Wolke, die sich nicht lichten wollte.

Nicht zum ersten Mal war diese Frage aufgeworfen worden.

„So wie ich das sehe“, meldete sich das 11 Ratsmitglied Hauptman zu Wort, „...sehe ich keine andere Möglichkeit als diese!“

Kleiner sah auf.

Ihm war dieser Mann zuwider. Schon wie sein Vater vor ihm hatte, er sich zunehmend als Stachel im Fleisch vieler anderer Ratsmitglieder entpuppt. Diese Familie, die wie die meisten der anderen Ratsmitgliedsfamilien auch, hatten ihren Sitz aufgrund von Erbnachfolge einen Platz im obersten Rat des Landes erhalten.

Schon frühzeitig hatten sich die Mitglieder dieser

Familie dem christlichen Grundgedanken als alleiniges Gut widersetzt. Hatten darin eine potenzielle Gefahr gesehen, die das Land eines Tages in den Abgrund führen würde. Nun, da das Land bereits mit einem Bein über diesem schwebte, fühlten sie sich in ihrer Meinung bestätigt. Eine Meinung die auch andere Mitglieder, zu teilen begann. Zuerst stumm, dann mit leisen vorsichtigen Einwänden hatten sich andere dessen Ansichten angeschlossen. Nun, da das Land dabei war auch noch den letzten Tropfen lebendigen Blutes zu verlieren, wurden diese Stimmen zusehends lauter.

Doch noch gab es Ratsmitglieder, die sich gegen deren Idee mit der ihnen verbliebenen Energie stemmten. „Dann sagen sie uns doch mal, wie das vonstattengehen soll“, forderte Kleiner ihn auf.

„Die Gewinne, die wir aus dem Bergbau und der Landwirtschaft ziehen, reichen doch ohnehin kaum aus, um die Leute nicht auf den Straßen verhungern zu lassen. Was macht es da für einen Unterschied, wenn wir und auch um jene kümmern die es für sich selbst nicht mehr schaffen?“

Kleiners Stimme war zunehmend lauter geworden. Etwas, das seit seinem Antritt höchst selten passiert war. Er wusste, worauf dieser Mann aus war. Wieder wollte er seiner Meinung Nachdruck verleihen, dass nur jene das Recht haben sollten von den Gütern des Landes zu profitieren, die auch dafür Leistung erbrachten. Alle anderen waren in seinen Augen nur Schmarotzer, die den christlichen Grundgedanken mit Füßen traten, ihn ausnutzten.

Die gegenwärtige Situation, die nun schon geraumer Zeit anhielt diente ihm als Ansporn seiner Meinung mehr Gewicht zu verleihen.

„Als wenn dir das Christ-Sein jemals etwas bedeutet hätte“, dachte sich Kleiner, der sich schwer zurückhalten musste, um den Gedanken nicht laut auszusprechen.

Hauptman, Taktiker der er war, wartete geduldig ab, bis sich die Stimmung durch das momentane Aufbrausen Kleiners wieder beruhigt hatte.

„Fest steht, dass unser Land, unsere Bürger nicht in der Situation wären, in der sie nun mal sind, wenn wir nicht jeden und alle seit Ewigkeiten mit durchgefüttert hätten.“

Sein Blick war starr auf Kleiner gerichtet, dem das Lautwerden zu viel Energie gekostet hatte. Er fand gerade noch Kraft dafür, den Einwand Hauptmans mit einem müden Winken abzutun.

Wie lange würde er sich noch gegen diesen Hauptman und seinen Ideen behaupten können? Wie lange würde er noch die Energie haben, sich gegen diesen aufzulehnen? Er wusste, dass auch manch andere der Ratsmitglieder den Ideen Hauptmans nicht mehr ganz so entschlossen entgegentraten, wie sie es zu Beginn getan hatten. Kleiner sah, den Blick den Hauptman ihm zuwarf. Dessen spöttische Kälte, die in seinen Augen lag. So sehr er sich auch darum bemühte und es ihm leid um die Energie tat, es musste gesagt werden.

„Wir alle wissen, welche Gedenken, welche ungeheuerlichen Gedanken sie mit sich herumtragen. Doch seien sie versichert, dass ich keinen Mord an auch nur einem unserer Bürger zulassen werde!“

„Aber, aber, wer wird denn gleich von Mord sprechen“, sagte Hauptman mit gespielt belustigter Stimme. Hauptman lehnte sich leger in seinem wackeligen Stuhl zurück. Jenen den er hasste und von dem er überzeugt war, dass man ihm diesen bewusst überlassen hatte. Schon immer sah er sich seiner Meinung nach diesen kleinen unwürdigen Schikanen der anderen ausgesetzt. Demütigungen, die er nur deswegen zu erdulden hatte, weil er sich nicht damit abfinden wollte das dieses Land, sein Land, von ein paar Weichlingen in den Ruin getrieben wurde. Von Weichlingen, die sich Idealen verschrieben hatten, die jenseits aller Vernunft lagen. Von schwachen Männern, die es nicht verdient hatten, diesem Rat anzugehören!

Wie sehr er diesen Rat doch hasste. Dessen Unvernunft, dessen ineffektive Art, das Land zu führen. „Auf christlichen Werten basierend!“ Wie oft hatte er diesen Satz mit Verachtung ausgespien? Unwürdig waren sie all diese Narren, die sich erdreisteten, jedem daher gelaufenen Schmarotzer Obdach und Nahrung zu geben. Diesen unproduktiven Abschaum, welche zu nichts anderem taugten als der Allgemeinheit zur Last zu fallen!

Hass, der sich über viele Jahre in ihm aufgestaut hatte, machte sich wieder in ihm breit. Aber auch diesmal wusste er diesen Hass tief in sich zu verbergen. Er musste nur warten. Warten bis diese Narren an diesem Tisch einsahen, dass sein Weg der einzige richtige war, um das Land zu retten.

Sein Land!

Vielleicht war das, was dieser Hauptman vorschlug – wenn er es bisher auch noch nie direkt ausgesprochen hatte, tatsächlich die einzige Lösung, um wenigstens den jämmerlichen Rest dieses einstig schönen und friedlichen Landes am Leben zu erhalten.

„Was denkst du nur“, fragte Kleiner sich selbst.

„Wie kommst du nur auf den Gedanken …?“

Er spürte, wie die Scham ihm das Gesicht heiß werden ließ.

Doch geschehen musste etwas. Hauptman hatte recht. Ihre kleine einst so zufriedene kleine Nation war kurz vor dem Zugrundegehen. Allerorts sah man nichts als Zerfall. Menschen, die Hunger litten, Kinder, die das Lachen verlernt hatten.

Mit sich selbst hadernd, schlurfte Bogwin seinem Zuhause entgegen.

Selbst in seinem eigenen Leben, dass seiner Familie hatte sich so etwas wie Verzweiflung breitgemacht. Etwas, dass er als Oberhaupt der Familie und als Mitglied des obersten Rates nicht zulassen konnte. Doch musste er es sich selbst eingestehen, dass es auch für ihn immer schwerer wurde, Haltung zu bewahren. Aber wie lange noch. Wie lange noch würde es ihm gelingen? „Ich muss morgen mit Lampert reden“, sagte er sich, als er in die kleine Straße einbog, die zu seinem Haus führte. „Etwas muss geschehen. Etwas muss sich ändern, bevor alles zu spät ist.“

Mit diesem Gedanken kam er vor seinem Haus an. Langsam steckte er den Schlüssel ins Schloss, drehte den Schlüssel zweimal um und trat in den stillen dunklen Flur. Es war bereits spät. Verwundert hatte er festgestellt, dass es bereits nach 21 Uhr war, als er das Ratsgebäude verlassen hatte. Mit leisen Schritten ging er den Flur entlang. Er lauschte in das Haus hinein.

War da etwas?

Er musste sich verhört haben.

Seine Frau schien bereits im Bett zu sein.

„Gut“, dachte er sich.

Als er sich von seinen Schuhen und seiner Jacke befreit hatte, ging er in die Küche. Ihm war nach einem Glas Wein. Einer jener Selbstverständlichkeiten, die in diesen Tagen zu einem Luxus verkommen waren. Vorsichtig nahm er ein Glas aus dem Schrank, darauf achtend keinen Lärm zu machen, und goss sich ein halbes Glas davon ein.

Der Wein beruhigte ihn. Doch nicht so sehr, als das er behaupten könnte, dass es gut wäre.

Nein, etwas musste geschehen.

„Morgen“, sagte er sich. „Morgen rede ich mich

Lampert.“

„Er weiß sicher Rat!“

Stumm saß Bogwin seinem Freund und Amtskollegen in dessen Büro gegenüber. In diesem Büro, das vor nicht allzu langer Zeit vor Geschäftigkeit gebebt hatte. Doch nun, inmitten dieser Situation, in der sich das Land befand, schien der Raum, etwas von der Befangenheit, die im ganzen Land herrschte, abbekommen zu haben. Selbst das Licht, das durch die bunten Mosaikfenster fiel und das dem Raum einst eine lebendige Fröhlichkeit verliehen hatte, konnte nichts mehr dazu beitragen dem einstig gediegenen Raum seine Lebendigkeit zurückzugeben.

Die Gemütlichkeit, die dem Raum einst zu eigen war, war verflogen. Die alten aus edlem Eichenholz und nach Maß angefertigten Möbel atmeten düstere Stimmung.

Die Tatsache, dass eine Frage im Raum stand, ein Gedanke, den ihr Kollege Hauptman schon vor langer Zeit aufgeworfen hatte, erfüllte den Raum.

Beide gehörten sie zu jenen, die mit der

Ungeheuerlichkeit des angestimmten Gedankens Hauptmans in Wahrheit nichts zu tun haben wollten. Diese Idee, die Hauptman als die einzige und wahre Lösung dargestellt hatte. Allein der Gedanke daran verursachte ihnen Übelkeit. Doch, was war, wenn dieser Gedanke, diese Idee, so ungeheuerlich sie auch war, tatsächlich die einzige Lösung war?

„Ich weiß nicht mehr was ich denken soll“, gestand Bogwin seinem Freund.

Er schüttelte den Kopf, suchte nach Worten, die er verwenden konnte.

„Seit der Gründung unseres Landes haben wir es uns zur

Aufgabe gemacht, einem christlichen Leitbild zu folgen. Einem das besagt das niemand Armut, Not und Hunger zu leiden haben wird. Auf diesen Gedanken ist unsere ganze Nation aufgebaut. Und nun sitzen wir hier und denken über ..., nach!“ Er suchte nach einem Wort, das er verwenden konnte. Ein Wort, das die Tatsache weniger abscheulich klingen lassen würde, fand aber keines.

Lampert hob seine Hand, wollte einen Einwand vorbringen.

„Nein, nein lassen sie nur lieber Freund. Nichts anderes als eine menschenunwürdige Abscheulichkeit wäre es. Oder wie sollten wir es nennen, wenn wir diejenige die, nur weil sie nichts mehr zur Produktivität des Landes beitragen können, das Recht zu leben versagen würden!“

Beiden schien es eine endlos lange Zeit zu sein, in der sie ein weiteres Wort zu sagen wussten.

„Hauptman meint, dass dies die einzige Lösung sei, um das Land zu retten“, sagte Lampert.

„Hauptman und dessen ganze Sippschaft waren von jeher ein Haufen profitgeiler Aasgeier“, entgegnete Bogwin empört.

„Ich frage mich heute, wie es ihnen jemals gelingen konnte einen Sitz im Rat zu bekommen.“ „Wie wir beide wissen, steht ihnen ein Platz im obersten Rat aufgrund der Erbnachfolge zu, welches in unserer Verfassung verankert ist.“

„Ja, ich weiß“, entgegnete Lampert. „Und trotzdem …!“ Bogwin stand auf, ging an eines der Fenster, verschränkte seine Hände hinter dem Rücken und sah auf die Straße.

Lampert konnte nur zu gut sehen, dass sein Freund mit jeder Sekunde angespannter wurde.

„Fest steht, dass etwas geschehen muss bevor Leute sich wegen eines Stück Brotes gegenseitig umbringen“, meinte Bogwin.

Wieder schüttelte er den Kopf.

„Wie konnte es nur so weit kommen“, fragte er in hörbar erschüttertem Ton.

„Wie sie wissen waren auch meine Vorfahren unter denen, die die Konstitution des Landes mitgestaltet haben.

Auch meine Ahnen haben sich den christliche-humanitären

Werten verschrieben, worauf unser Land aufgebaut ist.“ „Ja, natürlich weiß ich das“, antwortete Bogwin ihm.

„Sonst säßen wir jetzt nicht hier zusammen.“ Er klang ungehalten.

Lampert ließ sich davon nicht beirren. Jetzt war keine Zeit, um sich mit Kleinigkeiten oder einem verwundeten Ego aufzuhalten.

„Ich denke, wir müssen einfach zugeben, dass wir es mit unseren christlichen Werten zu weit getrieben haben. Viele sind in unser Land gekommen, haben wenig oder nichts, zum Erhalt oder dem Aufbau beigetragen und dennoch die Vorteile zu genießen gewusst. Etwas, wofür wir nun die Rechnung serviert bekommen. Sie haben uns ausgeblutet, ausgenutzt!“ Bogwin war im Laufe seiner Rede lauter geworden. Das Thema setzte ihm zu, erregte ihn und sorgte dafür, dass er, der gemeinhin dafür bekannt war immer ruhigen Blutes zu sein, in Zorn geriet.

Er drehte sich zu ihm um, sah ihn verwundert an. Beschwichtigend hob er die Hand.

„Immer mit der Ruhe“, sagte Lampert. „Es bringt nichts, wenn wir uns gegenseitig aufreiben!“

Bogwin setzte sich wieder, atmete tief durch und sagte nach einer kleinen Weile.

„Es stimmt schon, was unser werter Amtskollege sagt“, meinte Bogwin.

„Ein nicht geringer Teil der Bevölkerung, die Pensionäre, jene die aus gewissen gesundheitlichen Gründen einer geregelten Beschäftigung nicht mehr nachgehen können, sie alle kosten unserem Land viel, ja sehr viel Geld. Gleichzeitig verfügen wir nicht über die Einnahmen, die wir benötigen, um weiterhin für alle sorgen zu können. Wenn wir nicht wollen, dass Menschen sich, wie sie richtig gesagt haben, sich wegen eines Stück Brotes gegenseitig umbringen, müssen wir Schritte setzen die es uns erlauben, jene am Leben zu erhalten die dazu in der Lage sind, das Land wiederaufzubauen.“

Bogwin sah seinen Freund und Amtskollegen an. Lampert kannte seinen Freund nur zu gut. Er wusste, dass er zu jenen gehörte die abwarteten, die sehen wollten, wie das von ihm gesagte ankommen würde. Schließlich war es Lampert, der wieder zu sprechen begann. Dieser sah zu Boden, so als würde er dort auf den Dielen jene Worte suchen, die er gebrauchen konnte. „Dann müssen wir wohl das tun, was unser Kollege zwar nie ausgesprochen, wir aber trotzdem alle verstanden haben“, sagte Bogwin.

Kaum hatte er den Satz beendet, machte sich eine Kälte im Raum bemerkbar, die beide frösteln ließ.

„Ich kann nicht glauben, dass wir wirklich hier sitzen und uns erdreisten uns als Gott aufzuspielen. Wer gibt und das Recht darüber zu entscheiden, wer leben und wer sterben soll?“

Kaum hatte er den Satz beendet, wurde die Atmosphäre im Raum noch düsterer, als sie ohnehin schon war.

Betroffen sahen sie zu Boden, schämten sich ihrer Gedanken und Worte.

„Dennoch, wir müssen uns eingestehen, dass wir Fehler begangen haben“, fuhr Bogwin fort. „Fehler, die vielen Menschen das Leben kosten wird, wenn wir nicht etwas unternehmen.“

„Schon jetzt, leiden Menschen Hunger. Viele können sich nicht mehr das Nötigste leisten und wir, die wir einen Eid geschworen haben, sich um diese Menschen zu kümmern, sind dazu nicht mehr in der Lage.“

„Wie also sollen wir das Problem angehen“, fragte Lampert.

Bogwin schüttelte den Kopf.

Schließlich sagte er: „Wir sollten uns zuerst mit

Hauptman treffen. „Vielleicht hat er ja wirklich eine Lösung parat. Eine, die ganz anders aussieht, als wie wir sie verstanden haben.“

Wieder fixierte er den Dielenboden zu seinen Füßen. „Ich denke, wir wissen beide, was er gemeint hat“, entgegnete Lampert.

Bogwin blieb eine Reaktion auf das Gesagte schuldig. „Fest steht, dass wir etwas unternehmen müssen. Ich schicke ihm eine Nachricht und lass ihn wissen, dass wir uns mit ihm unterhalten wollen.“

„Dann muss es wohl sein“, sagte Lampert seufzend.

Lampert sah, dass sein Kollege begonnen hatte, einen Brief aufzusetzen.

So weit war es schon gekommen. Nun waren sie wieder beim Briefe schreiben angekommen. „Wie im Mittelalter“, dachte sich Bogwin spöttisch.

Erschöpft lehnte dieser sich danach zurück, schloss die

Augen und sagte: „Dafür kommen wir in die Hölle!“

Spätes Treffen

Lampert und Bogwin trafen spätabends im Haus von Hauptman ein.

Dieser hatte sie gleich an der Haustür empfangen und führte sie nach oben in sein Arbeitszimmer.

Dass die beiden sich nicht wohlfühlten, hätte Hauptman auch dann bemerkt, wenn deren zurückhaltende Stimmung nicht so augenfällig gewesen wäre. Zu offensichtlich war deren Nervosität und der gesenkte Blick ließ ihn, den geschickten Manipulator, den Zustand der beiden nach wenigen Sekunden erkennen.

In seinem Arbeitszimmer knisterte ein Feuer im offenen

Kamin und auf einem kleinen Seitentisch standen drei Gläser und eine Flasche Brandy. Der Raum, den sie betraten, wirkte einladend und unter anderen Umständen, hätten sie dessen Atmosphäre zu schätzen gewusst.

Verwundert sahen die beiden, wie Hauptman zum

Beistelltisch ging, sie nebenbei bat sich zu setzen. Hauptman ging zu dem kleinen Tisch, schraubte langsam den Verschluss von der Brandyflasche, und begann drei Gläser einzuschenken.

„Ich hätte nicht gedacht, dass es so etwas wie Brandy in diesem Land noch gibt“, sagte Lampert noch immer verblüfft, als ihm ein Glas gereicht wurde.

Hauptman lachte auf, zeigte ein selbstsicheres Lächeln und sagte: „Alles nur eine Frage der Einteilung. Alles nur eine Frage der Einteilung.“

Nachdem er auch Bogwin ein Glas gereicht hatte, ging er mit langsamen, selbstsicheren Schritten hinter den

Schreibtisch, um sich auf seinen Stuhl zu setzen.

„Nun werte Kollegen, was verschafft mir die Ehre?“ Bogwin wäre am liebsten gleich wieder aufgestanden. Das selbstgefällige Lächeln dieses Mannes war ihm schon immer zutiefst zuwider gewesen. Dieser Hauptman wusste genau, warum sie sich dazu entschlossen hatten, mit ihm zusammen zu treffen. Bogwin verkniff sich den in ihm aufkommenden Ärger und nahm einen Schluck vom Brandy, der ihm genüsslich in die Nase stieg.

Lampert bemerkte die Gemütsregung seines neben ihm sitzenden Kollegen und ergriff das Wort.

„Nun“, begann er zögerlich.

„Wir alle wissen nur zu gut, in welcher Lage wir uns befinden!“ Er hielt kurz inne. Der Anfang war getan, doch wie sollte er weitermachen?

Hauptman fiel ihm ins Wort.

„Aber meine Herren“, preschte Hauptman vor. „Lassen sie uns doch gleich auf den Punkt kommen. Sie wollen wissen, wie ich mir die praktische Umsetzung meines Vorschlages vorstelle.“

„So könnte man es ausdrücken“, erwiderte Lampert, der sich mit jeder Sekunde unwohler fühlte.

Hauptman setzte sich auf, stellte sein Glas auf den Tisch und sah die beiden abwechselnd an.

„Wir wissen alle, dass unser Land Gefahr läuft, von der Landkarte zu verschwinden“, setzte er an. „Wir wissen auch, dass es nur deswegen soweit hat kommen können, weil wir auf Werte gesetzt haben die, ich möchte es mal so ausdrücken, falsch interpretiert und gehandhabt worden sind.“

Er sah mit bedeutungsvollen Blicken auf Lampert und Bogwin.

„Wir waren schwach und Gott allein weiß, wie oft ich dagegen protestiert habe, dass unser Land zu einem Hafen für alle wird, die ihre Hände in den Schoß gelegt hatten und mit offenem Mund dagestanden sind.“ Hauptmanns Stimme war lauter geworden.

„Und wo sind sie nun, all jene denen wir hilfreich unsere Hand hingehalten haben, die wir durchgefüttert haben? Weg! Bei den ersten Anzeichen, dass es mit unserem schönen Land bergab ging, haben sie sich aus dem Staub gemacht.“ Bogwin reichte es.

Gerade noch rechtzeitig fiel er Hauptman ins Wort, bevor dieser mit seiner Litanei fortfahren konnte. „Worin die Gründe liegen, wissen wir alle zur Genüge“, sagte er.

„Was wir wissen wollen ist, wie wir das wieder ins Lot bekommen sollen.“

Das bedeutungsvolle Herumgerede Hauptmans war ihm mit jeder Sekunde widerlicher geworden.

Hauptman lehnte sich wieder in seinem Stuhl zurück und faltete seine Finger.

„Das genau ist die Frage“, erwiderte der nur kurz. „Um diese beantwortet zu bekommen sind wir hergekommen“, sagte Bogwin, der sich einen leicht sarkastischen Unterton nicht verkneifen konnte. „Dies stellt tatsächlich eine Herausforderung dar“, erwiderte Hauptman ihm.

„Aber, um sie nicht auf die Folter zu spannen, möchte ich ihnen gerne meinen Plan vorstellen!“

Bogwin und Lampert sahen, wie die Augen seines Gegenübers plötzlich zu leuchten begannen. Unbehagen erfüllte sie bei dem Anblick dieses grinsenden Hauptmans.

„Mein Vorschlag ist dieser. Ab sofort werden nur mehr jene mit den vollen Lebensmittelrationen versorgt, die gewillt sind, am Wiederaufbau unseres geliebten Landes mitzuwirken. Alle anderen, vor allem jene die nicht gewillt oder in der Lage sind, werden nur soweit versorgt, wie es unbedingt notwendig ist.“ Stille erfüllte den Raum.

Schließlich war es Bogwin, der das Schweigen beendete. „Und was ist mit den Älteren, den Kranken? Viele von ihnen haben dazu beigetragen, das Land mit aufzubauen. Viele ihrer Vorfahren waren mit am Aufbau dieses Landes beteiligt, haben hart gearbeitet. Was geschieht mit diesen?“

Hauptman sah ihm direkt in die Augen. Bildete er, Bogwin es sich nur ein, oder sah er ein eiskaltes Glitzern in den Augen seines Gegenübers?

„Wie gesagt“, begann Hauptman von Neuem.

„Wenn wir verhindern wollen das unser einst so gesundes

Land zugrunde geht, wenn wir verhindern wollen das sich

Menschen in den Straßen wegen eines Stück Brot an die Kehle gehen, müssen wir dafür Sorge tragen, dass genug für all jene vorhanden ist die ihren Teil dazu beitragen können, dass unser Land wieder zu dem wird, dass es einst war.“

„Sie reden um den heißen Brei herum Hauptman!“ In Bogwins Stimme hatte sich unmissverständlich Ungeduld gemischt.

„Wir müssen die Anzahl jener vermindern, die nicht dazu in der Lage sind dazu beizutragen, dass unser Land nicht vor die Hunde geht.“

Der Satz stand im Raum, hatte Gestalt angenommen.

Endlich war er gesagt worden, dieser Satz, den trotzdem er niemals zuvor ausgesprochen worden war, nun Wirklichkeit geworden war.

Bogwin und Lampert hatten, kaum dass der Satz zu Ende gesagt geworden war, die Luft angehalten.

Nach einer schier endlos langen Zeit war es wieder

Bogwin, der die Frage stellte. Jene Frage, die wie der Satz, der zum Ausdruck gekommen war, nun beantwortet werden musste.

Das Knistern des brennenden Holzes war der einzige Laut im Raum, der zu hören war. Ein Holzspalt der Feuer gefangen hatte, hatte sich mit einem Knall entzündet. Der unerwartete Laut ließ Bogwin und Lampert zusammenzucken.

Von dem kurzen lauten Knall erholt, fielen Bogwin, die winzig kleine Staubpartikel auf, die durch die Luft wirbelten. Unschuldig, im Vergleich zu dem was gerade hier vor sich ging, kamen sie ihm vor. Wie sehr er sich wünschte eines dieser unschuldigen ruhig dahinschwebenden Dinger zu sein. Alles schien in Zeitlupe abzulaufen.

Mühsam rang er sich dazu durch, sich von diesem Gedanken zu lösen.

„Und wie sollte das ihrer Meinung nach …, bewirkt werden können?“

Schon jetzt fürchtete er sich vor der Antwort, von der er wusste, dass er sie bekommen würde.

Hauptman setzte sich ruhig, sehr ruhig, fast wie in Zeitlupe auf.

„Das ist der heikle Teil“, setzte Hauptman an.

„Ich nehme nicht an, dass sie marodierende Horden durch das Land schicken wollen, die auf alles schießt, dass alt und gebrechlich ist.“

Das plötzliche Auflachen Hauptmans erschreckte ihn.

„Aber nein, nicht doch“, sagte Hauptman.

„Da gibt es eine viel elegantere Methode, um das

Problem zu lösen.“

Bogwin sah diesen Mann, der keine drei Meter von ihm entfernt saß mit starrem Blick an. Es war ihm unmöglich, auch nur zu zwinkern.

„Er hat es tatsächlich gesagt“, ging es ihm durch den

Kopf. Er hat das Undenkbare gesagt!“

Bogwin war kaum in der Lage Luft zu holen. Der Gedanke schoss ihm durch den Kopf, der ihm weismachen wollte, das Recht auf Atmen verwirkt zu haben, wenn er weiterhin hier sitzen und dem zuhören würde. Schon jetzt kam er sich wie ein Mörder vor.

„Reden sie Mann“, forderte er schließlich Hauptman auf, der keine Anstalten weiterzureden.

„Es befindet sich eine Substanz in diesem Land, welche dazu verwendet werden könnte die, ich möchte es mal so ausdrücken, die Anzahl jener zu vermindern die keinen Anteil mehr am Aufbau unseres Landes beisteuern können!“

„Eine Substanz“, sagte Bogwin verwundert.

„Welche Substanz sollte das Sein und woher hätten wir die Mittel, dieses zu besorgen“, fragte ihn Bogwin, dessen Unglaube in seiner Stimme unüberhörbar war.

„Es ist eine Art Serum“, hörten sie Hauptman sagen.

„Ja, ich möchte es gerne als Serum bezeichnen. Ein

Serum, der sich als sehr effizient erwiesen hat.“

„Ein Serum!“

Die Stimme Bogwins verriet seine Überraschung.

„Und woher wollen sie dieses Serum haben“, fragte Bogwin diesen Mann, der ihm von Sekunde zu Sekunde unheimlicher wurde.

„Werter Ratskollege“, begann Hauptmann. „Sie wären überrascht, was es alles zu kaufen gibt. Es mag ihnen entgangen sein, aber da draußen außerhalb unserer einst so heilen Welt, gibt es eine Welt, die unendliche

Möglichkeiten bietet.“

Bogwin fuhr sich mit einer Hand über sein Gesicht. Das was ihm dieser Mann hier erzählte, kam ihm zu fantastisch vor.

„Werter Ratskollege“, setzte Bogwin an, der sich nicht verkneifen konnte, den Titel in leicht spöttischer Manie auszudrücken.

„Ich bin ja kein Mediziner oder Chemiker. Aber selbst ich, der ich ein medizinisch ungebildeter Mensch bin, weiß, dass ein Serum die Angewohnheit hat, keine Unterschiede zu machen. Wie also in alle Welt, wollen sie verhindern, dass dieses Serum nicht jene in Mitleidenschaft zieht, die sie, angeblich, dazu benutzen wollen, um das Land wiederaufzubauen?“ Der Blick, mit dem er sein Gegenüber ansah, ließ keinen Zweifel offen, dass er an dessen Worten zweifelte.

Er legte seine Hände, mit den Innenflächen nach oben. Es schien ihnen als würde er diese betrachten, während er nach Worten suchte.

„Wie jede chemische Verbindung, so hat auch diese die Eigenschaft, dass sie so abgewandelt werden kann, dass sie entweder harmlos oder eben …, weniger harmlos ist.“ „Oder wie heißt es doch so schön, jedem das Seine.“ Die Ungeheuerlichkeit dessen, was ihnen in diesem Raum zu Ohren kam, war beinahe unerträglich.

Langsam sahen die beiden, wie Hauptman sich aus seinem Stuhl erhob und um den Schreibtisch herumging, um sich an eines der hohen Fenster zu stellen. Mit zu ihnen gewandten Rücken sagte er in ruhigem, wohl überlegten Ton: „Ich habe die Schritte vorausgesehen, die notwendig sein würden, um uns zu retten. Aus diesem Grund habe ich …, bereits vor geraumer Zeit damit begonnen Ausschau nach einem, nun nennen wir es mal, Mittel zu halten das in Frage kommen würde unsere

Probleme zu lösen.“

„Sie haben sich ein Serum besorgt, das in der Lage ist

Menschen zu töten“, sagte Bogwin, dessen Maß an Erstaunen sprengte.

„Und er ist hier in unserem Land“, wiederholte er, noch erstaunter als zuvor.

„Hauptman drehte sich mit einem Ruck um, sah Bogwin scharf an.

„Ja, das ist es!“

„Ich habe wie jeder andere auch im obersten Rat, gesehen, auf welche Katastrophe wir zusteuern. Dass es Tausende und Abertausende von Toten geben würde. Und genauso wie alle anderen habe ich gewusst, dass das Problem nicht damit aus der Welt zu schaffen sein wird, indem wir hergehen und Sparmaßnahmen setzen.“ Seine Stimme triefte vor Sarkasmus. Hauptman hatte sich in einen Eifer geredet, der die beiden in seiner Vehemenz überraschte.

„Wir müssen das tun was notwendig, das unausweichlich ist. Wir müssen, dass tun, was uns als letzter Ausweg geblieben ist“, sagte er weiter.

„Das wäre Mord!“

Lampert, der die ganze Zeit damit zu kämpfen hatte,

dass Gehörte zu verdauen hatte sich zur Überraschung der beiden wieder zu Wort gemeldet.

„Mord wäre es auch, wenn man all jenen Menschen das Recht zu leben nimmt, die noch ein Leben haben“, schrie Hauptman ihn an.

Mit drei schnellen Schritten war Hauptman bei Lampert, beugte sich zu ihm hinunter, stemmte sich dabei auf beide Armlehnen und sah ihn mit einem Blick an, der keinen Zweifel offenließ, dass er es ernst meinte. „Was bleibt denn jenen noch, die heute schon mehr dahinvegetieren als das sie leben? Außer der Gewissheit, dass sie in absehbarer Zeit entweder an Hunger, an Krankheit oder Verzweiflung sterben werden!“

„Ist es denn da nicht rechtens wenigstens ihren Nachkommen ein Leben zu garantieren, dass es wert ist gelebt zu werden?

Lampert sah erschrocken zu Hauptman hoch.

„Wir sprechen hier von Tausenden von Menschen“, hörten beide Bogwin sagen.

Hauptman und Lampert drehten sich zu ihm um. Hauptman stieß sich von den Armlehnen des Stuhls ab, auf dem Lampert saß und sagte zu Bogwin: „Mag sein, aber diese werden der Garant dafür sein, dass viele andere überleben.“

Der Satz stand im Raum wie eine Hiobsbotschaft, wie eine Nachricht, von der alle wussten, dass sie eintreffen würde.

Dennoch, die Unfassbarkeit der Idee, mit der sich Lampert und Bogwin konfrontiert sahen, raubte ihnen den Atem.

Bogwin sah auf sein Glas mit dem Brandy darin. Nur zu gerne hätte er einen Schluck davon genommen aber er sich außerstande, das Glas auch nur zum Mund zu führen.

Hier saßen sie nun. Sprachen von Mord an Tausenden von

Menschen mit einem Glas Brandy in der Hand. Fast wäre Bogwin versucht, des Wahnsinns wegen die diese Idee ausströmte, aufzustehen um aus dem Raum, dem Haus zu stürmen.

Irgendetwas hinderte ihn daran. Etwas, dass er nicht benennen konnte, wollte. Es hatte Macht. Macht ihn hier und jetzt, in diesem Raum festzuhalten.

Schließlich war Lampert es, der wieder seine Stimme fand.

„Und wie stellen sie sich vor, wollen sie diese Idee dem Rat beibringen?“

Hauptmann langsam einen Fuß vor den anderen setzend, ging wieder hinter seinen Schreibtisch. Hinter diesem stehend, legte er seine rechte Hand auf den Tisch und sagte: „Es dürfte uns klar sein, dass der oberste Rat dieser Idee niemals zustimmen würde.“

Er atmete tief durch, sah dann auf und sagte, in einem Ton der den beiden anderen, wie ein Flüstern vorkam: „Der oberste Rat darf von dieser ..., Maßnahme nichts erfahren.

„Was wollen sie dann tun“, fragte ihn Bogwin.

„Menschen still und heimlich ermorden?“

„Sie gehen recht in der Annahme, dass der Rat, sollte er davon erfahren, dem niemals zustimmen wird. Einer solchen ..., Ungeheuerlichkeit!“

Für eine Sekunde lang, hatte er gezögert, diesen Satz auszusprechen.

„Eine Ungeheuerlichkeit wäre es, wenn man unzählige Menschen sterben lassen würde, wenn man die Möglichkeit hat, dies zu verhindern“, gab Hauptman zurück.

Nun nahm Bogwin doch einen großen Schluck seines Brandys. Er sah in sein Glas, schwenkte den Inhalt hin und her, betrachtete die Schlieren, die die Flüssigkeit an den Seiten des Glases hinterließ.

„Mit wem haben sie sonst noch darüber gesprochen“, wollte Bogwin von Hauptman wissen.

„Nur mit ihnen beiden“, erwiderte Hauptman darauf.

Bogwin nickte.

„Warum haben sie gerade uns in diesen Plan eingeweiht? Wer sagt ihnen, dass wir nicht schnurstracks den Rat einberufen und sie festnehmen lassen?“

Hauptman lehnte sich leger mit einer Hand an einen

Stuhl und sagte: „Erstens würde ihnen niemand diese Geschichte abkaufen. Und zweitens, was hätten sie davon?“

Er brachte es tatsächlich fertig, ein Lächeln auf seinem Gesicht zu zeigen.

„Abgesehen davon müssten sie mit der Tatsache leben, ein ganzes Land, das sie genauso lieben wie ich es tue, dem Untergang übergeben haben.“

„Ist ihnen klar, dass wir, wenn wir diesem …, Plan tatsächlich zustimmen würden und es herauskäme, wir nirgendwo auf der Welt mehr Unterschlupf finden würden“, gab Bogwin zu bedenken.

Bogwin sah Hauptman fragend an.

„Dann müssen wir dafür sorgen, dass es niemand herausfindet. Denn sollte es jemandem gelingen herauszufinden, brauchen wir uns um Unterschlupf wie sie es nennen, nicht mehr zu kümmern.“

Das Lachen, das Hauptmann daraufhin ausstieß, ließ die beiden erschaudern.

Bogwin nahm den letzten Schluck seines Brandys und stellte das Glas auf den Schreibtisch Hauptmans.

Ruckartig stand er auf.

„Ich muss das erst verdauen“, sagte er mit gesenktem Kopf.

„Tun sie das, aber bedenken sie, dass wir nicht allzu viel Zeit haben, um das richtige zu tun. Und denken sie daran, dass es für niemanden gut wäre, wenn jemand von dieser Unterredung erfahren würde“, sagte Hauptman. Bogwin blieb vor seinem Stuhl stehen, hielt in der Bewegung, die er gerade noch tun wollte, inne. Hatte er sich getäuscht oder lag ein drohender Ton in dem, was Hauptman gesagt hatte? Doch er war zu müde, zu mitgenommen, um weiter darauf eingehen zu können. Langsam stand auch Lampert auf. Er hatte bisher nur an seinem Brandy genippt. Jetzt wünschte er, er hätte das Glas auf einen Zug leer getrunken. Mit einer langsamen Bewegung stellte er das Glas auf den Schreibtisch. „Ich brauche etwas Zeit“, ließ er Hauptman wissen, ohne ihn anzusehen.

„Ich muss darüber nachdenken, kann jetzt und hier einer solchen Maßnahme nicht zustimmen.“ Er schüttelte den Kopf und begann, um den Stuhl, auf dem er noch kurz zuvor gesessen hatte, herum zu gehen.

„Natürlich verstehe ich sie, werter Ratskollege. Doch sie wissen ...“, sagte Hauptman

„Jaja, ich weiß“, antwortet Bogwin in scharfem Ton.

„Die Zeit drängt!“

„Ich schlage vor, wir sollten über dieses Thema nachdenken. Reiflich nachdenken“, schlug Bogwin vor, ohne sich zu Hauptman umzudrehen.

„Natürlich“, erwiderte Hauptman.

„Wir sollten alle noch einmal darüber nachdenken“, sagte Bogwin, der sich nun doch wieder zu Hauptman umdrehte und diesen mit einem warnenden Blick bedachte. „Wir treffen uns dann, sagen wir, in einer Woche wieder“, schlug Bogwin vor.

„Wenn es ihnen nichts ausmacht treffen wir uns hier in drei Tagen wieder, um die gleiche Zeit.“

Bogwin ging zur Tür, Lampert schlich hinter ihm her.

„Einen guten Abend noch.“

Lampert schloss sich dem Abschiedsgruß seines Kollegen an.

„Auch ihnen einen guten Abend meine Herren“, erwiderte

Hauptman den Gruß.

Hauptman stand allein in seinem Büro.

Wenige Sekunden später, öffnete sich eine Tür an der Wand die, niemand hätte vermuten können. Herein kamen zwei Männer, die sich vor Hautpman hinstellten. Hauptman beachtete die beiden nicht, sondern ging hinter seinen Schreibtisch. Mit beiden Händen stützte er sich auf seinen Tisch und sagte: „Behaltet die beiden im Auge. Ich möchte über alles unterrichtet werden, was sie tun. Wohin sie gehen. Mit wem sie sich unterhalten.“

„Ja Herr“, antwortete einer der beiden.

Schon machten sie sich daran den Raum zu verlassen.

„Noch etwas“, begann Hauptman wieder.

„Wenn sie Anstalten machen sollten in das

Polizeihauptquartier zu gehen, dann fangt ihr sie ab und bringt sie nach unten.“

Die beiden Männer sahen sich vielsagend an. Sie wussten, was dieses unten bedeutete.

Nicht erst einmal waren sie beide selbst es gewesen, die jemanden nach unten gebracht hatten. Doch noch nie, hatten sie jemanden von dort wieder nach oben gebracht.

Zumindest nicht lebend.

Bogwin ging mit langsamen Schritten durch die dunklen Straßen von Prudencia.

Er, eines der Ratsmitglieder und sich seiner Stellung bewusst, sah man normalerweise nur mit wohl gemessenen selbstbewussten Schritten durch diese, seine Stadt zu gehen. Doch wie die Stadt, in der er aufgewachsen war, wie dieser, wenn auch kleiner Staat, sich verändert hatte, so hatte auch er sich verändert. Seine einst so selbstbewussten Schritte, waren zögerlich geworden.

Wie auf Scherben ging er nun dahin. Vorsichtig einen Schritt nach dem andern setzend, so als gelte es, sich nicht die Füße an den imaginären Scherben zu verletzen.

So vieles war in den letzten Jahren passiert.

Zu viel!

Nur manchmal hob er seinen Kopf. Sah auf den Unrat, der in den Straßen lag.

Niemand kümmerte sich mehr um diesen. In manchen Ecken lungerten Menschen in kleinen Gruppen herum, die sich leise unterhielten. Diese warfen, als er an ihnen vorbei ging verstohlene Blicke zu.

Selbst jetzt im Dunkel, konnte er den Schmutz sehen, der sich auf dem Gehsteig festgesetzt hatte. An manchen Stellen standen übelriechende Pfützen, die nur darauf zu warten schienen, dass jemand in sie tappte. Eingetrocknetes, welcher Art es war, konnte er nicht ausmachen, verunzierte den Gehweg.

„Eine Schande“, dachte er bei sich selbst.

„Was ist nur aus dir geworden!“

Er hatte noch ein gutes Stück zu gehen, doch schon jetzt war ihm der Weg leid.

Wo war sie nur hin? Die Freude am Gehen, am sich bewegen, am Schlendern durch die Straßen jenes Ortes, den er einst so geliebt hatte. An dem er aufgewachsen und zur Schule gegangen war, in der er seine politische Laufbahn begonnen hatte. Sie war ihm fremd geworden, diese Stadt, für die er viele Jahre seines Lebens geopfert hatte.

Doch irgendwann, er wusste noch nicht mal, wann genau es begonnen hatte, war ein Wandel eingetreten. Schleichend zuerst. Kaum merklich hatte dieser stattgefunden. Hatte begonnen diese Stadt, dieses Land zu verändern.

Ja, zu sorglos waren sie gewesen. Zu bequem waren sie geworden. Hatten die Zeichen nicht erkannt.

Mit jedem Schritt wurde seine Stimmung düsterer. Niedergeschlagenheit schaffte sich Raum in ihm, die es ihm schwermachte einen Schritt vor den anderen zu setzen.

Er versuchte, seine Gedanken mit irgendetwas zu beschäftigen, dass ihn von dem ablenken sollte, was erst vor Kurzem vorgefallen war. Wie konnte es nur geschehen, dass er sich in einem Raum mit diesem Menschen wiederfand, um sich dessen monströse Ideen anzuhören? Wie war es möglich gewesen, sich mit diesem darüber zu unterhalten, Menschenleben zu vernichten?

Gott zu spielen!

Es schien ihm, als würde er über und über mit Schmutz behaftet sein.

Doch was ihn am meisten schockierte war die Tatsache, dass er selbst darüber nachdachte, ob er Teil dieses Plans sein sollte!

Fast wäre er versucht, einen schnelleren Schritt anzuschlagen, doch mangelte es ihm dafür an Energie. Es war ihm, als würde er in einer zähen Flüssigkeit dahin waten, die ihn davon abhalten wollte, schneller nach Hause zu kommen.

Er musste runter von der Straße. Es war ihm, als könnte jeder ihm ansehen, was er soeben noch getan hatte. Nur noch wenige Meter würde er zu gehen haben. Nur noch wenige Meter bis er …!

Sein Blick fiel in die kleine Gasse die neben seinem Haus verlief und die in einen Hinterhof führte, an dessen hinterem Ende sich in früheren Zeiten eine Rutsche zum Keller befand, die dazu benutzt worden war, um Kohle hinein zu schütten.

Dort, keine zwei Meter in diese Gasse hinein, wo sich die Mülltonnen befanden, sah er etwas liegen, dass er im ersten Moment für einen Müllsack gehalten hatte. Ein

Hund mit zotteligem Fell machte sich daran zu schaffen. Das abgemagerte Tier zerrte an dem was er anfangs für einen Müllsack gehalten hatte. Erstaunt stellte er fest, dass das Bündel, das er vermeintlich für einen Müllsack gehalten hatte, sich bewegte. Die Bewegung wurde nicht von dem zotteligen Tier verursacht. So viel stand fest.

Bogwin machte einen schnellen energischen Schritt auf den Hund zu, um ihn zu verscheuchen.

Das Tier knurrte ihn an, begann die Zähne zu fletschen. Im ersten Moment erschrocken bemerkte Bogwin einen kleinen Stein, der zu seinen Füssen lag. Schnell hob er ihn auf und schmiss ihn auf das Tier. Er traf ihn am

Kopf, woraufhin dieser ein erschrockenes und heiseres Aufheulen hören ließ. Der Hund drehte sich blitzschnell um und verschwand in die dunkle Gasse.

Wieder bewegte sich das Bündel.

„Da ist noch einer von diesen Kötern“, dachte er sich überrascht und sah sich nach einem weiteren Stein um. Er hörte einen Ton, der sich in seinen Ohren wie ein leises Stöhnen anhörte. Mit zwei, drei raschen

Schritten war er an das Bündel herangetreten. Ein Mädchen, eingehüllt in einer Jacke, die ihm viel zu groß war, kauerte hinter den Mülltonnen. „Mein Gott, Kind“, sagte er erschrocken.

Es reagierte kaum. Aus halb geschlossenen Augen sah es ihn an. Erst jetzt sah er die tiefliegenden Augen und die eingefallenen Wangen des Mädchens. Das Gesicht des Kindes war über und über mit Dreck beschmiert und beim Hinunterbeugen bemerkte Bogwin das von dem Kind ein säuerlicher Gestank ausging, der ihm bewusst machte, dass das Mädchen schon seit Längerem kein Badezimmer mehr gesehen hatte.

„Gott Kind“, sagte er entsetzt zu dem Mädchen. „Was machst du denn hier?“

„Bin so müde“, antwortete das kleine Mädchen in kaum verständlichem Ton.

Bogwin ging in die Hocke, streckte beide Arme aus, um dem Mädchen aufzuhelfen.

„Komm, steh auf“, forderte er das Mädchen auf. „Hier ist es doch viel zu schmutzig und zu kalt!“

Er nahm das Mädchen bei den Armen und zog es vorsichtig an diesen hoch. Durch die ohnehin zu dünne Jacke konnte er die dürren Arme des Kinds spüren.

„Wie bist du denn hierhergekommen? Wo sind denn deine

Eltern?“

Er hatte es soweit aus der Ecke herausgezogen, dass es auf den Knien aufkam. Schon wollte er sie loslassen, da er dachte, dass sie es nun allein schaffen würde. Kaum hatte er seine Hände von ihr gelassen, begann sie wieder zurückzufallen. Gerade noch rechtzeitig gelang es ihm, sie abzufangen.

Er bekam sie an der Jacke zu fassen und zog sie hoch. Mit schnellem entschlossenem Griff nahm er das Mädchen auf. Es schien fast nichts zu wiegen. Jetzt, da ein wenig Licht von der Straße auf das Gesicht des Mädchens schien, konnte er sie genauer betrachten. Er hatte noch nie ein solch abgemagertes Gesicht gesehen. Die Haut des Mädchens schien durchscheinend zu sein. Blaue Adern zeichneten sich unter der blassen Haut ab. Das Haar wild zerzaust und verklebt hing ihr ins Gesicht. Der säuerliche Geruch, der von dem Kind ausging, ließ Bogwin unweigerlich die Luft anhalten.

Kaum hatte er das Mädchen hochgehoben, fielen ihm die Augen zu und es begann am ganzen Körper zu zittern.

Bogwin nannte sich selbst einen Narren, weil er mit dem Kind am Arm so unschlüssig dastand.

Mit dem Mädchen auf dem Arm trat er schnell aus der

Gasse, ging die kurze Distanz zur Eingangstür seines Hauses und stieß energisch mit seinem Fuß dagegen.

Es dauerte ihm zu lange, bis die Tür geöffnet hatte.

Wieder stieß er mit dem Fuß dagegen.

Endlich wurde diese geöffnet.

Seine Frau Rosalie stand in der Tür und sah, im ersten Moment erzürnt auf denjenigen der um diese Zeit einen solchen Lärm verursachte.

Bevor sie laut zu protestieren begann, erkannte sie ihren Mann im Halbdunkel.

„Was …“; sagte sie erstaunt.

„Um Gottes Willen“, rief sie erschrocken aus, als sie das Mädchen sah.

„Schnell komm herein!“

Bogwin betrat das Haus, während seine Frau hinter ihm die Tür schloss.

„Was ist denn mit dem Kind los“, fragte sie ihn erstaunt.

„Und woher hast du sie?“

Bogwin war in der Zwischenzeit in das Wohnzimmer vorausgegangen, wo er das Mädchen auf das Sofa legte. „Schnell, bring mir ein paar Decken, und etwas Warmes zu trinken“, forderte er seine Frau auf.

Diese verschwand in der Küche, wo sie Milch in einen

Topf füllte, um sie zu erwärmen. Dann lief sie in das Schlafzimmer, griff sich aus einer Truhe eine Decke und kam zurück in das Wohnzimmer, wo sie die Decke ihrem

Mann reichte.

„Willst du mir jetzt wohl sagen, wo du das Kind gefunden hast und was mit ihm los ist!“

Bogwin schlug die Decke um das Kind, bettete den Kopf des Mädchens auf ein Kissen, dass das Ganze stumm und mit großen Augen über sich ergehen ließ. „Ich habe sie in der Gasse zum Keller gefunden“, antwortete er auf die Frage seiner Frau. „Ein Straßenköter hat sich gerade an sie herangemacht!“ „Herr im Himmel“, stieß sie erschrocken aus. Bogwin hüllte das Mädchen mit der Decke ein bis nur mehr der Kopf daraus hervorschaute.

„Hast du an die Milch gedacht“, fragte er sie.

„Herr …ja!“

Schnell eilte sie zurück in die Küche. Gerade noch rechtzeitig bevor die Milch überzukochen begann. Mit der Milch, in der sie vorsorglich etwas Honig gerührt hatte, kam sie in das Wohnzimmer zurück.

„Hier“, sagte sie und hielt ihm die Tasse hin.

Bogwin nahm die Tasse in eine Hand, streichelte das Kind mit der anderen sanft über die Wange und sagte:

„Hier kleines Mädchen. Du musst etwas Warmes trinken!“ Mit einem plötzlichen Ruck den Bogwin ihr nicht zugetraut hätte, setzte sie sich auf, dabei versuchend die Decke von ihrem Oberkörper zu streifen. „Langsam. Immer mit der Ruhe“, sagte Bogwin in beschwichtigendem Ton zu ihr.

„Trink das in kleinen vorsichtigen Schlucken!“ Das Mädchen hatte beide Arme von unter der Decke hervorgestreckt und griff gierig nach der Tasse. Kaum, dass sie ihren Mund darangesetzt hatte, nahm sie einen großen Schluck und begann augenblicklich die Milch wieder auszuspucken.

„Ich sagte doch, langsam“, ermahnte Bogwin sie. „Die gehört ganz allein dir. Niemand nimmt sie dir weg.“

Das Mädchen sah mit großen erstaunten und plötzlich hellwachen Augen auf Bogwin. Langsam setzte sie wieder ihren Mund an die Tasse. Nahm kleine Schlucke. Wohlig schloss es die Augen.

Sie trank so lange, wie es ihr Atem erlaubte. Mit dem Handrücken wischte sie sich die Mundwinkel ab, achtete darauf, dass kein Tropfen verloren ging.

Leben kehrte in ihre Augen zurück. Sie sah zuerst ihn, dann seine hinter ihm stehende Frau an. „Danke“, sagte sie.

Bogwin strich ihr vorsichtig über die Wange.

„Sag, wo sind denn deine Eltern?“

Ein Nebel schien sich über die Augen des Mädchens zu legen, kaum dass sie die Frage gehört hatte.

„Tot“, sagte sie. „Sie sind schon vor langer Zeit verhungert!“

Er wollte es nicht. Doch die Worte des Mädchens ließen ihn erstarren. Erst als er die Hand seiner Frau auf seiner Schulter spürte, erwachte er wieder daraus.

„Trink weiter deine Milch.“

„Heute Nacht bleibst du auf jeden Fall hier. Ist das in

Ordnung für dich?“

Das Mädchen sah ihn mit zweifelndem Blick an. Sie schien nicht glauben zu können, was sie aus seinem Mund gehört hatte. Noch einmal nahm sie einen Schluck von der warmen Milch.

Dann endlich nickte sie.

Das Lächeln in ihren Augen würde Bogwin für lange Zeit im Gedächtnis bleiben.

Rosalie hatte für das Kind, ein wenig Rindersuppe heiß gemacht, zu der sie das Kind überreden konnte. Mit Mühe war es ihr gelungen, das Kind aus einem Schlaf zu wecken, in das es gefallen war, kaum dass sie die Milch ausgetrunken hatte.

Der Versuch, das Kind in die Badewanne zu bekommen gelang ihr jedoch nicht. Kaum hatte das Mädchen, das auf den Namen Edna hörte, die Suppe aufgegessen, fiel es auch schon wieder in das Kissen zurück, wo es augenblicklich eingeschlafen war.

Rosalie gelang es, ihr die Jacke auszuziehen, um sie dann wieder in die wohlig warme Decke einzuwickeln. Es bestand kein Zweifel, dass Edna bis zum nächsten Morgen durchschlafen würde.

Bogwin hatte sich in der Zwischenzeit in die Küche begeben, wo Rosalie ihn vor einer Tasse Tee sitzend vorfand. Er hatte sich eine seiner selten gewordenen Pfeifen angezündet und saß mit nachdenklichem Gesicht am Küchentisch.

Rosalie sagte beim Betreten der Küche: „Was für ein Glück, dass du die Kleine gefunden hast. Mein Gott, sie ist ja vollkommen fertig. Ich hab noch nie ein so abgemagertes Kind gesehen!“

Bogwin stieß den Rauch seiner Pfeife aus, hob seinen Kopf und sah seine Frau an. Sein Gesicht zeigte tiefe Furchen.

Ohne auf die Worte seiner Frau einzugehen, sagte er: „Ich hätte niemals gedacht …, es auch nur für möglich gehalten, dass es in Prudencia einmal so etwas geben würde. Ein Kind, das auf der Straße leben muss. Halb verhungert!“ Er schüttelte den Kopf. „Ich frage mich, wie sie es geschafft hat so lange, ohne Eltern zu überleben.“

Rosalie sah Tränen in den Augen ihres Mannes.

Wann hatte sie ihren Mann das letzte Mal weinen sehen?

Sie konnte sich nicht daran erinnern.

Mit langsamen leisen Schritten ging sie auf ihn zu, legte ihre Hände auf seine Schultern und küsste ihn auf die Stirn.

Sie wusste nur zu gut, was in diesem Moment in ihm vorging.

„Ja, es ist furchtbar“, erwiderte sie. „Wer hätte gedacht, dass es in unserem Land einmal so etwas geben könnte?“ Sie schüttelte verwundert den Kopf. Rosalie kniete sich neben ihren Mann hin, umfing ihn mit ihren Armen und legte ihren Kopf auf seine Beine. Bogwin sah stumm vor sich hin, während er eine Hand auf den Kopf seiner Frau gelegt hatte. Noch einmal nahm er einen Zug von seiner Pfeife. Diese Pfeife noch. Er wusste nicht, wann er wieder einmal in den Genuss kommen würde.

Schließlich sagte er: „Ich muss eine sehr delikate

Entscheidung treffen.“

Sie wartete einen Moment lang ab. Als er schließlich nicht weiterredete, fragte sie ihn: „Willst du darüber sprechen?“

Sie hörte, wie er einen tiefen Zug von seiner Pfeife nahm.

„Wie gerne würde ich mit dir darüber reden meine Liebe.

Aber ich kann es nicht, darf es nicht.

Rosalies Stirn legte sich in Falten.

„Ist es denn so schlimm“, fragte sie ihren Mann.

Bogwin antwortet nicht, nickte nur bejahend mit dem

Kopf.

Nachdem er seine Pfeife zu Ende geraucht und seinen Tee getrunken hatte, schlug er vor, dass sie noch einmal nach dem Mädchen sehen sollten. Vorsichtig öffneten sie einen Spaltbreit die angelehnte Tür und sahen das

Mädchen schlafend vor.

„Morgen früh müssen wir sie von Dr. Campbell untersuchen lassen. Ja, nachdem sie etwas gefrühstückt hat und sie ein Bad genommen hat“, meinte Rosalie. „Das halte ich für eine ausgezeichnete Idee“, musste

Bogwin mit einem Lächeln zugeben.

Er lag in dieser Nacht noch lange wach. Immer wieder ging er in Gedanken das Gespräch mit Hauptman durch. Immer wieder stellte er sich die gleichen Fragen, auf die er, auch nachdem er sich diese zum hundertsten Mal gestellt hatte, keine Antwort fand.

Erst gegen Morgen, als der Himmel sich allmählich von einem dunklen Schwarz, in ein heller werdendes Grau verwandelte, fiel er in tiefen Schlaf.

Die Unterredung

Bogwin hatte sich nach zwei weiteren fast schlaflosen Nächten dazu entschlossen sich vor der Zeit wieder mit Hauptman zu treffen.

Mit fest entschlossenen Schritten ging er spätabends die verlassenen Straßen entlang. Wieder fiel ihm der Schmutz auf, der die einst so sauberen Straßen dieser ehemals so properen Stadt verunzierte. Wieder wurde ihm bewusst in welch verheerender Situation, sie sich alle befanden.

Doch sein Entschluss stand fest.

Als er an der Tür Hauptmans klopfte, sah er sich verstohlen nach links und rechts um. Es wäre ihm, aus welchen Gründen wusste er selbst nicht unangenehm gewesen, wenn man ihn um diese Zeit hier sehen würde.

Von innen hörte er Schritte, die sich gemächlich der

Tür näherten.

Hauptman selbst öffnete die Tür und bat ihn einzutreten.

Als dieser die Tür wieder geschlossen hatte, sagte dieser: „Ich habe nicht erwartet, sie so früh wieder begrüßen zu dürfen, werter Amtskollege. Doch freue ich mich über ihren Besuch.“

Hauptman ging Bogwin voraus, bat ihn, mit einer einladenden Handbewegung ihm zu folgen. Kurze Zeit später betraten sie dessen Arbeitszimmer.

„Bitte, nehmen sie doch Platz“, forderte Hauptman ihn auf.

„Brandy?“

Bogwin lehnte dankend ab.

Bogwin spürte, wie sich Unruhe in seinem Inneren regte. Hauptman goss sich selbst ein Glas ein, ging langsam hinter seinen Schreibtisch zurück und setzte sich. Nachdem er einen Schluck vom Brandy gemacht hatte, sagte er: „Nun, womit habe ich diese unerwartete und schnelle Freude verdient?“

Bogwin sah in dessen Augen, dass er sich keineswegs darüber freute ihn wiederzusehen.

Die Gleichgültigkeit in dessen Augen, war nur zu deutlich erkennbar.

Schnell schob er den Gedanken beiseite. Er hatte nicht vor allzu lange in dessen Gegenwart verbringen zu wollen.

„Ich habe reiflich darüber nachgedacht, worüber wir das letzte Mal gesprochen haben“, begann Bogwin. „Sehr schön“ erwiderte Hauptman mit einem Lächeln auf den Lippen, dass kälter nicht hätte sein können.

„Und wie stehen sie nun zu der Sache?“

Bogwin erkannte die Ungeduld in der Stimme Hauptmans, der wieder einen Schluck von seinem Brandy nahm. „Ich fühle mich außerstande, mich diesem Vorhaben anzuschließen. Es muss eine andere Möglichkeit geben, die Misere, in der wir uns befinden, zu beseitigen.“ Als er seinen Kopf hob, um Hauptman anzublicken, sah er, wie diesem das Lächeln auf seinem Gesicht gefror. „Das ist ausnehmend bedauerlich“ hörte er Hauptman sagen, der sein Glas wieder zum Mund hob.

„Wirklich ausnehmend bedauerlich!“

„Ich kann so ein …, Vorhaben mit meinem Gewissen einfach nicht vereinbaren. Ein Menschenleben auszulöschen, damit ein anderes gerettet werden kann.

Das ist nicht richtig!“

Grabesstille füllte mit einem Mal den Raum.

„Wir haben nicht das Recht Gott zu spielen.“ „Aber, aber werter Ratskollege“, sagte Hauptman. „Wer hat denn gesagt, dass wir uns dergleichen anmaßen wollen?“

„Nun“, begann Bogwin einzuwenden. „Genau das wäre es doch.“

Hauptman hob abwehrend die Hand.

„Nicht doch“, sagte er.

„Alles was zur Debatte stand, war, viele Menschenleben zu retten“.

„Ja, welches ihrer Meinung nach nur möglich wäre, wenn wir andere dafür opfern würden.“

Hauptman wandte den Kopf ab. So sehr er sich auch darum bemühte seine Enttäuschung, nicht zu zeigen, konnte er es doch nicht verhindern, dass seine Mundwinkel für einen Moment nach unten sanken.

„Nun, wie ich sehe, werter Kollege, können sie sich für die …, Idee, die ich ihnen und unserem Kollegen Lampert das letzte Mal unterbreitet habe, nicht erwärmen.“

Wieder nahm Bogwin dieses eiskalte Lächeln, auf

Hauptmans Gesicht war.

„Absolut nicht“, antwortete Bogwin.

„Nun ja“, setzte Hauptman an. „Es war ja nur so eine …,

Idee, nicht wahr.“

„Es war wohl mehr wie nur eine Idee“, widersprach Bogwin.

„Sie haben etwas von einem Serum erzählt, in dessen

Besitz sie sind.“

Erstaunt sah Bogwin, wie die selbstsichere Fassade Hauptmans zu bröckeln begann.

„Da müssen sie etwas falsch verstanden haben, werter

Kollege. Absolut falsch!“

Das zurückgekehrte Lächeln auf dem Gesicht Hauptmans, so es auch zu sehen war, hatte nichts mehr von seiner Arroganz, die es ansonsten zu zeigen gewohnt war.

Bogwin wurde es zu viel. Er musste raus aus diesem Raum, diesem Haus, weg von diesem Mann.

Bogwin stand auf, strich sich seinen Mantel zurecht. „Hören sie Herr Ratskollege, um der gemeinsamen Sorge um unser Land willen. Sollten sie wirklich im Besitz eines solchen …, Stoffes sein ...!“

„Werden sie ihn los. Und zwar so, dass er niemanden schaden kann und wir vergessen die ganze Sache!“ Kaum hatte Bogwin den Satz beendet, stand Hauptman auf und ging auf ihn zu.

Jeder Muskel in Bogwins Körper begann sich anzuspannen.

„Lieber Kollege, seien sie versichert“, begann er zu Bogwin zu sagen.

„Sie haben da etwas völlig falsch verstanden. Es wird nichts das was sie irrtümlicherweise vermutet haben geschehen. Es gibt keinen solchen …, Stoff, noch war jemals geplant einen solchen zum Einsatz zu bringen.

Wie können sie nur annehmen?“

„Also wirklich …!“

Die Unverfrorenheit mit der er lächelnd alles abstritt, wie er mit strahlend lächelndem Gesicht auf ihn zukam, verblüffte Bogwin.

„Kommen sie mein Freund. Es ist spät, lassen sie uns ein andermal darüber beraten, was wir weiters tun können.“

Hauptman war nahe an ihn herangetreten, fasste ihn wie einen alten Freund an der Schulter.

„Kommen sie, ich begleite sie zur Tür.“

Bogwin drehte sich um, ließ sich verblüfft von Hauptman zur Tür des Arbeitszimmers begleiten. Unten an der Tür öffnete Hauptman diese und verabschiedete Bogwin mit den Worten: „Also werter

Kollege. Ich wünsche ihnen noch einen angenehmen Abend. Und seien sie versichert, alles ist in bester Ordnung.“ Bogwin trat auf die Straße, zu verblüfft, um einen klaren Gedanken fassen zu können.

Er hatte nur noch eines im Sinn. Schnell von diesem Ort wegzukommen.

Hauptman ging mit schnellen Schritten zurück in sein Arbeitszimmer. Dort warteten bereits die beiden Männer, die er zuletzt mit der Beschattung seiner beiden Amtskollegen beauftragt hatte.

Wohlweislich schloss er die Tür hinter sich. „Es gibt da ein Problem, um das es sich zu kümmern gilt“, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen. „Wir müssen die beiden aus dem Weg räumen. So schnell wie nur möglich.“

Mit wutverzerrtem Gesicht ging er auf die beiden

Männer zu.

„Lasst es wie einen Unfall aussehen“, sagte er zu einem der beiden.

„Haben sie etwas besonders im Sinn“, fragte ihn einer der beiden.

Hauptman war an seinen Tisch getreten, wo er sich mit beiden Händen darauf stemmte. Einen Moment lang dachte er nach.

„Fackelt sein Haus ab“, sagte er. „Das von Bogwin und das von Lampert gleich dazu!“

Alles dahin

Edna stand neben seinem Bett.

Heftig zog und rüttelte sie am Oberteil seines Pyjamas, bis er aufgewacht war. Erschrocken sah er sie an. Schon wollte er sie fragen, was los sei. Ein heftiger Hustenanfall hinderte ihn daran. Erst da sah er den dicken Qualm, der den ganzen Raum erfüllte. Von Panik erfasst rollte er sich seitlich aus dem Bett. „Rosalie“, schrie es in seinem Kopf, als ihn wieder ein heftiger Hustenanfall zu schütteln begann.

Edna klammerte sich an ihn.

„Herr, es brennt unten ganz schlimm“, hörte er sie schreien, während er versuchte, mit einem Arm nach seiner Frau zu greifen, die sich nicht bewegte.

„Rosalie“, rief er wieder. Doch auch nach dem zweiten Rufen zeigte sie kein Anzeichen, dass sie ihn gehört hatte.

Endlich schaffte er es, sich aufzurichten. Mit einer Hand, die er sich vor Nase und Mund hielt, griff er über das Bett und begann wieder an Rosalie zu rütteln.

Nichts.

Plötzlich drangen von der Tür her seltsame Geräusche zu ihm. Er warf einen schnellen Blick zu dieser und sah, dass unter dem Türspalt kleine orangefarbene Flammen durchzüngelten. Die Tür schien zu ächzen. Er sah Blasen an der Innenseite, die sich schnell aufblähten.

Das Atmen fiel ihm immer schwerer.

Hinter ihm brach Edna in heftiges Husten aus.

Mit einem Ruck richtete er sich auf, lehnte sich mit

dem Oberkörper über das Bett, um weiter am Nachthemd seiner Frau zu rütteln. Auch diesmal gelang es ihm nicht, sie wach zu bekommen. Er sah in ihr Gesicht und meinte, die Zeit sei stehengeblieben.

Bewegungslos lag er mit dem Oberkörper auf dem Bett.

Mit einer Hand hielt er den Oberarm seiner Frau. Sie hatte die Augen geschlossen. Da wusste er, dass sie nie wieder die Augen öffnen würde.

Als er sich später daran erinnerte, fiel ihm wieder der Gedanke ein, der ihm in diesem Moment durch den Kopf ging: „Leg dich einfach wieder hin. Leg dich neben sie und lass es gut sein!“

Doch da war Edna. Dieses kleine abgemagerte Ding, dass er erst vor wenigen Stunden mit nach Hause gebracht hatte und das nun an ihm rüttelte.

„Herr, bitte kommt“, schrie sie. „Wir müssen hier weg!“

„Seltsam“, dachte er sich später.

„Ich kann mich nicht erinnern, dass ich in diesem

Moment irgendetwas gefühlt habe.“

Keine Angst, keine Panik, nicht der Wunsch, so schnell wie möglich aus dem Zimmer zu kommen.

Er wusste, dass Rosalie tot war. Die Frau, mit der er seit über 30 Jahren verheiratet war. Was also sollte es? Wozu noch weitermachen?

Wieder rüttelte Edna an ihm, mit einer Kraft, die er dem kleinen mageren Ding nicht zugetraut hatte.

Da ließ er den Arm seiner Frau los und glitt mit dem

Oberkörper vom Bett.

Edna klammerte sich mit aller Kraft an ihn.

„Wir müssen hier raus“, schoss es ihm durch den Kopf.

An der Innenseite der hölzernen Tür fraßen sich die Flammen empor. Der Rauch wurde immer dichter. Plötzlich barst ein Fenster. Wieder und wieder hieb jemand von außen auf den noch vorhandenen Rahmen ein.

„Ist jemand da drin“, schrie jemand von außerhalb.

„Hallo!“

Bogwin rappelte sich von seinen Knien auf, griff sich Edna und stolperte blindlings zum Fenster. Schlagartig spürte er die kalte Nachtluft, die durch das zerstörte Fenster strömte.

„Hier“, stöhnte er und hob das schwer hustende Mädchen hoch.

„Hier ist jemand“, schrie der Feuerwehrmann, der sich weit nach vorne beugte, um nach Edna zu greifen.

„Komm her meine Kleine“, sagte dieser.

Edna streckte die Arme aus. Der Feuerwehrmann griff sie und drückte sie fest an sich.

„Komm, ich bring dich schnell nach unten“, sagte der Feuerwehrmann und begann mit Edna die Sprossenleiter nach unten zu steigen.

Bogwin versuchte, so gut es ihm möglich war, sich aufzurichten. Er zog die von draußen hereinströmende Luft gierig in seine Lunge. Mühsam hielt er sich mit beiden Händen an der Fensterbank und gerade, als er versuchte, sich mit letzter Kraft hochzuziehen, fiel er vornüber und schlug mit dem Kopf gegen die Wand.

Ohnmächtig sank er zu Boden!

Später, es war bereits Nachmittag, erwachte er in einem Zimmer, das ihm gänzlich unbekannt war. Benommen sah er sich um. Mit wenigen Blicken erkannte er, dass er sich in keinem Krankenzimmer befand.

Sein Schädel brummte und wieder begann er heftig zu husten. Sein Atem, den er in seiner vorgehaltenen Hand riechen konnte, roch nach Rauch. Ihm wurde übel und er versuchte, sich aufzurichten. Augenblicklich wurde ihm schwindelig und ließ sich wieder zurück auf das Kissen sinken.

Eine Tür wurde geöffnet und er sah verschwommen, dass eine Gestalt auf ihn zukam.

„Freund“, hörte er eine Stimme sagen. „Wie schön, dass sie endlich wieder aufgewacht sind!“ Er erkannte die

Stimme Lamperts.

„Wo bin ich hier“, fragte Bogwin ihn.

Lampert setzte sich auf die Bettkante. Als Bogwin wahrnahm, dass dieser nicht sofort antwortete, fragte er ihn wieder: „Es hat gebrannt. Wo bin ich denn hier?

Was ist denn los?“

Lampert legte ihm eine Hand auf den Unterarm. „Wir haben sie in Sicherheit gebracht“, ließ dieser ihn wissen.

Langsam kam die Erinnerung wieder zurück.

„Was ist mit dem Mädchen?“

„Sagen sie mir bitte …!“

„Das Mädchen befindet sich im Nebenzimmer. Es geht ihr gut. Wer ist die Kleine überhaupt?“

Bogwin schloss wieder seine Augen. Die Erinnerung, all das was geschehen war, schwappte über ihn.

Edna, die panisch versuchte, ihn aufzuwecken, wie er+0 versucht hatte Rosalie zu wecken, die Tür, die in Flammen stand …!

„Ihr Haus ist vollständig niedergebrannt“, hörte er

Lampert sagen.

„Genauso wie meines!“

Bogwin riss die Augen auf, sah ihn mit entsetztem Blick an.

„Aber wie kann das sein? Beide Häuser zur gleichen

Zeit!“

Lampert gab darauf keine Antwort.

Erst jetzt nahm er wieder den Raum wahr, in dem er lag.

„Und warum bin ich nicht in einem Krankenhaus?“

„Dort wollte man sie auch hinbringen“, sagte Lampert.

„Ich war gerade zu Besuch bei Freunden, als mich die Nachricht erreichte, dass ihr Haus in Flammen stand. Ich bin sofort zu ihrem Haus gelaufen, wo man mich angetroffen hat. Und wo man mich davon unterrichtet hat, dass auch mein Haus in Flammen steht!“ Der Schwindel, der Bogwin für kurze Zeit verlassen hatte, befiel ihn wieder. Er griff sich an den Kopf.

Alles drehte sich darin.

„Wir können nicht lange hierbleiben“, hörte er Lampert sagen.

„Was soll das heißen“, wollte Bogwin von ihm wissen. „Ich denke, wir sind beide in Lebensgefahr. Oder glauben sie wirklich das unsere beiden Häuser zufällig zur gleichen Zeit, in der gleichen Nacht abgebrannt sind?“

Verwundert sah Bogwin ihn an.

„Sie meinen …“, begann er.

„Sie glauben, man hat unsere Häuser absichtlich in

Brand gesteckt?“

Er konnte den Gedanken kaum fassen.

„Ja das denke ich“ bestätigte ihm Lampert.

„Aber, dann müssen wir die Polizei davon unterrichten.“ „Das werden wir auch. Doch im Moment ist es wichtiger, dass wir am Leben bleiben.“

„Aber wer …!“ Bogwin beendete den Satz nicht. Lampert sah seinen Freund an. Dessen Blick bestätigte den Verdacht, den er selbst hatte.

„Schnell, wir müssen hier weg. Ich bin überzeugt, dass man bereits nach uns sucht!“

Bogwin konnte die Panik in der Stimme Lamperts hören. „Sie glauben, dass er wirklich vorhat es noch einmal zu versuchen“, fragte Bogwin ihn.

Erst da wurde ihm der zuvor noch unausgesprochene

Gedanke zur Wirklichkeit.

Das Gespräch mit Hauptman. Ihrer beider Besuch bei diesem. Natürlich musste er dafür sorgen, dass sie beide nicht redeten!

Angst erfasste ihn. Angst, die ihm die nötige Energie gab, sich aufzurichten und der Aufforderung seines Freundes Folge zu leisten.

„Aber …, wo sollen wir denn hin“ fragte Bogwin ihn.

„Ich habe dafür gesorgt, dass man uns raus aus der Stadt bringt“, ließ Lampert ihn wissen.

„Ich habe einen guten alten Freud, der dafür sorgt, dass wir fürs erste sicher sind. Aber wir müssen uns beeilen!“

„Das Mädchen“, rief Bogwin erschrocken.

„Wir müssen das Mädchen unbedingt mitnehmen. Sie hat doch sonst niemanden, der sich um sie kümmert!“ Lampert hielt ihm ein paar Kleidungsstücke hin und sagte: „Hier ziehen sie das an. Schnell!“ Bogwin nahm die Kleidungsstücke, sah einen Moment verwundert darauf. Erst da fiel ihm auf, dass er noch immer seinen Pyjama trug.

Nach einem Moment des Zögerns begann er sich anzuziehen.

„Machen sie sich um das Mädchen keine Sorgen. Wir werden sie natürlich mitnehmen“, hörte er Lampert sagen.

Fertig angezogen und mit Edna an der Hand, schlichen sie zur Hintertür des Hauses hinaus, in dem er noch nie zuvor gewesen war. Draußen, in der kleinen Seitengasse, stand ein Wagen.

„Schnell, steigt ein“, riet Lampert.

„Auf den Hintersitz. Und duckt euch, so dass euch niemand sehen kann!“

Bogwin tat wie ihm geheißen. Er schob Edna, die keinen Laut von sich gab in den Wagen und stieg dann selbst ein.

Lampert stieg vorn ein und tat es ihnen nach.

„Miguel, fahren wir“, hörten die beiden Lampert zu dem Mann sagen, den sie zuvor nur für ein paar Sekunden wahrgenommen hatten.

Der Wagen begann sich zu bewegen, rollte langsam vorwärts, bis er aus der Seitengasse bog. Schnell nahm er Fahrt auf.

Hinten auf der Rückbank drückte Bogwin das kleine

Mädchen an sich.

Tränen traten ihm in die Augen.

Was sollte nun werden? Wie würde es weitergehen?

Fragen, die ihm Angst machten.

Da sah er auf Edna, die sich vertrauensvoll an ihn drückte.

Auf der Flucht

Zusammengekauert auf der Rückbank des schrottreifen Wagens, hielt Bogwin das kleine Mädchen eng an sich. Dann und wann, wenn der Wagen an einer Kreuzung ankam, mahnte Lampert sie, unten zu bleiben.

Endlich, als sie die Stadt verlassen hatten, der Wagen hatte schon längere Zeit nicht mehr angehalten, wagte es Bogwin, sich vorsichtig aufzurichten. Beim ersten Blick aus dem Wagen sah er, dass sie sich auf einer Landstraße befanden. Links und rechts erstreckte sich Wald und Buschwerk.

„Ich denke, sie können sich jetzt aufsetzen werter Freund“, sagte Lampert.

„Doch wenn sie einen Wagen kommen sehen, gehen sie wieder in Deckung!“

Langsam richtete Bogwin sich auf, warf dabei einen Blick nach hinten. Kein Wagen, keine Menschenseele war weit und breit in Sicht. Erleichtert atmete er auf. „Komm meine Kleine“, sagte er zu Edna. „Du kannst dich jetzt ein wenig aufsetzen.“

Edna setzte sich auf, sah sich verängstigt um. „Ist schon gut“, sagte er zu ihr, während er ihren Kopf an seine Brust drückte.

Nach einer Weile – sie hatten schon seit ein paar Kilometern keinen Wagen gesehen -, fragte er schließlich Lampert: „Denken sie wirklich, dass wir in so großer Gefahr schweben? Ich meine, wie sind doch beide Mitglieder des obersten Rates dieses Landes.“ Lampert drehte sich um.

„Lieber Freund, machen wir uns nichts vor. Der oberste Rat ist schon lange nicht mehr das, was er einst war.“ „Seit die Krise begonnen hat, haben sich Risse in unseren Reihen gebildet. Risse die von allen möglichen Kräften ausgenutzt wurden, um eigenen Interessen zu folgen.“

„Und das Volk …“, meinte er weiter.

„Warum sollte das Volk hinter einem Rat stehen, der nicht dazu in der Lage ist, sich um sie zu kümmern.“ Bogwin wusste, dass sein Freund recht hatte, wusste es seit langem, doch fühlten sich diese Worte, die nun zum ersten Mal ausgesprochen worden waren, wie ein schmerzhafter Schnitt mit dem Messer an.

Nach einer kurzen Weile – Bogwin sah aus dem Fenster, ohne auch nur das geringste wahrzunehmen -, hörte er Lampert sagen: „Unser …, gemeinsamer Freund, er musste den Namen Hauptmans nicht aussprechen, war seit Anbeginn der Krise, darum bemüht seine Position zu stärken. Und das nicht nur in den Reihen des obersten

Rates.“

Schon wollte Bogwin etwas darauf erwidern, als ihm wieder die Gegenwart des Fahrers bewusst wurde. Lampert nahm den Blick seines Freundes wahr, der skeptisch auf den Hinterkopf des Fahrers gerichtet war.

„Machen sie sich keine Sorgen“, sagte er.

„Miguel ist ein treu ergebener Freund meiner Familie.

Schon seine Eltern haben für meine Familie gearbeitet“.

Er legte dem Fahrer eine Hand auf die Schultern und lächelte diesen an. Dieser sah ihn mit einem freundlichen Lächeln an, um sich dann wieder auf die Straße zu konzentrieren.

„Außerdem ist er seit seiner Geburt so taub, wie man es nur sein kann.“

„Ich verstehe das Ganze nicht“, sagte Bogwin schließlich zu Lampert.

„Gestern noch waren wir Mitglieder eines angesehen

Rates und heute …!“

Lampert drehte sich wieder zu ihm um, sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an.

„Das Gestern, lieber Freund, die Tage, in denen alles gut war, sind schon lange vorbei. Wir haben uns von der guten Zeit einlullen lassen, sind zu bequem, zu blauäugig gewesen. Etwas wofür wir nun bezahlen müssen.“

Wieder glitt der Blick Bogwins aus dem Fenster. Er sah endlos lange Felder am Wagen vorüberziehen. Felder, die einst fruchtbar waren und für reichlichen Ertrag gesorgt hatten. Weizen, Hirse und Gemüse waren hier gezüchtet worden, deren Qualität bis weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt gewesen waren. Nun lagen die Felder brach da. Nichts wuchs mehr darauf. Hier und dort waren noch verfaulte und vertrocknete Überbleibsel zu sehen, die einen kümmerlichen Anblick boten.

Er versuchte, selbst noch an diesem wenig trostlosen Anblick etwas Tröstendes zu finden. Doch so sehr er sich auch bemühte, die Trauer darüber was aus seinem Leben, aus diesem Land geworden war, wollte ihn fast übermannen.

„Rosalie“, sagte er plötzlich. Unbewusst hatte er den Namen seiner Frau laut ausgesprochen.

Lampert drehte sich wieder zu ihm um und sah ihn aus mitleidsvollen Augen an.

„Es tut mir sehr leid mein Freund. Unendlich leid!“ Bogwin schaffte es, ob der Beileidsbezeigung seines Freundes zu nicken. Tränen traten ihm in die Augen. Tränen, die er nicht zurückhalten konnte. Stumm nach draußen blickend, begann er zu weinen. Durch den verschwommenen Blick sah er ein Land an sich vorüberziehen, dass wie sein eigenes Leben sich wüst und leer ausmachte.

Nach zweistündiger Fahrt kamen sie an einem Haus an, das am Ende eines kleinen Dorfes lag, dessen Namen Bogwin noch nie gehört hatte. Schon als sie an der Dorfeinfahrt angekommen waren, riet Lampert wieder dazu, sich nach unten zu ducken, so dass sie von den Dorfbewohnern nicht gesehen werden konnten. Wie sich jedoch kurze Zeit später herausstellte, wäre diese Vorsichtsmaßnahme kaum nötig gewesen. In dem Dorf, das einst mehr als siebenhundert Menschen gelebt hatten, lebten nun gerade noch eine Handvoll Menschen, wie er von Lampert erfuhr.

Das Haus lag auf einer kleinen Anhöhe, und war ein ehemaliges Farmgebäude, das wie der Rest des Dorfes schon bessere Zeiten gesehen hatte. Neben dem ehemaligen Hauptgebäude sahen sie eine alte riesige Scheune stehen, in welcher man früher Mais und Weizen gelagert hatte und die nun leer stand.

Drumherum weitläufige Felder auf denen nur mehr vereinzelt etwas wuchs.

In der Mitte des Hofes fanden sie einen gemauerten Brunnen stehen in dem – Edna hat dies schnell herausgefunden, noch Wasser war. Ein alter Traktor, der einst dafür benutzt worden war, die Felder zu bearbeiten, rostete in einem Schuppen vor sich hin. Vorsichtig begannen sie sich auf dem Hof umzusehen.

Weit und breit war keine Menschenseele zu sein.

„Kommen sie“, sagte Lampert und wies auf das Farmhaus. „Gehen wir hinein. Ich weiß es sieht nicht besonders aus, aber sie werden sehen das man es hier eine

Zeitlang ganz gut aushalten kann.“

„Guter Lampert“, dachte sich Bogwin.

Er sah, wie Lampert sich darum bemühte, ihnen ein sicheres Gefühl zu geben.

Lampert war vorangegangen, nachdem er aus dem Kofferraum eine Kiste geholt hatte in der sich, wie er sagte, alles sei was sie für die ersten paar Tage brauchen würden.

An der Tür stellte er die Kiste ab, holt einen Schlüssel aus seiner Tasche und sperrte die Tür auf.

Mit einem heftigen Knarren schwang die Tür auf, worauf Lampert die Kiste wieder aufnahm und das Haus betrat. Bogwin, der Edna an der Hand hielt und der Fahrer betraten nach Lampert das Haus.

Es roch muffig.

Kaum waren diese offen, konnten sie erkennen, wie es im

Inneren des Hauses aussah.

Hatten sie befürchtet, dass es im Inneren genauso schlimm aussehen würde, wie das Äußere es vermuten ließ, so waren sie überrascht, welchen gemütlichen Eindruck es machte, kaum das Licht hereinzufallen begann.

„Ich weiß“, begann Lampert. Es ist alles ziemlich staubig und es riecht muffig. Aber mit ein bisschen Wasser und einem Besen haben wir das schnell wiederhergerichtet.“

Bogwin sah sich mit Edna an der Hand weiter interessiert um.

Als Erstes fiel ihm der große gemauerte Kamin auf, der in die rückwärtige Wand des Hauses eingebaut war. Er konnte sich gut vorstellen wie an kalten Abenden, Menschen davorgesessen waren, um sich nach getaner Arbeit davor zu wärmen.

Ein Glas Wein in der Hand und sich dabei Geschichten erzählend.

Das Haus verfügte über einen ersten Stock, zu dem eine hölzerne Treppe führte.

Lampert hatte den Blick seines Freundes bemerkt.

„Ja, da oben befinden sich ein paar Zimmer, in denen wir schlafen können. Die Küche hier unten ist zwar etwas veraltet, doch ich bin mir sicher, dass es nicht schwer sein wird, eine Gasflasche zu bekommen, die es uns erlauben wird, uns etwas zu kochen. Miguel hier – er klopfte den neben ihm stehenden Mann anerkennend auf die Schultern, ist ein begeisterter und guter Koch!“ Miguel hatte offensichtlich von den Lippen Lamperts abgelesen. Zufrieden lächelte dieser Lampert an und nickte dabei.

„Mein lieber Freund“, sagte schließlich Bogwin. „Das sieht alles hervorragend aus. Und mit ein bisschen Arbeit lässt es sich hier mit Sicherheit gut aushalten.“

„Gut“, sagte Bogwin. „Dann wollen wir uns mal an die

Arbeit machen“.

„Sehr gut“, erwiderte Lampert daraufhin.

„Dann wird sich Miguel daran machen uns eine Gasflasche aus dem Ort zu besorgen, um uns etwas Gutes zu kochen.“ Miguel zeigte mit einem Lächeln, das er verstanden hatte und machte sich sogleich daran Dinge aus der von Lampert mitgebrachten Kiste zu nehmen.

„Aber sagen sie“, sagte Bogwin. „Woher kennen sie denn diesen Ort, dieses Haus?“

Lampert sah sich, mit wehmütigem Blick im Haus um. Schließlich sagte er mit einem Seufzer: „Dieses Haus gehört seit Generationen meiner Familie. Ich habe hier eine wundervolle Kindheit verbracht. Doch irgendwann, ich war noch sehr klein, hat mein Vater beschlossen, dass wir in der Stadt besser aufgehoben wären.“ Sein Blick glitt durch das Haus. Plötzlich schien er wieder, in jene Zeit zurückversetzt, in der er hier gelebt hatte.

„Manchmal wünschte ich mir, wir wären von hier nie weggegangen!“

Bogwin konnte ihn nur zu gut verstehen.

Nachdem alle Hand angelegt hatten und ein einfaches, aber wohlschmeckendes Abendessen genossen hatten, saßen die drei Männer vor einem offenen Feuer, dass sie im Kamin angemacht hatten. Lampert hatte eine Flasche Wein mit in die Kiste gepackt, die er aus Prudencia mitgebracht hatte und die sie nun gemeinsam tranken. Im oberen Stock hatte man drei Zimmer gefunden, die ebenso danach verlangt hatten, vom Staub befreit zu werden. Nachdem sie auch diese Zimmer soweit gesäubert hatten, dass man sie benutzen konnte – in den Kisten, die sich in den Schlafzimmern befanden, waren fein säuberlich und in Plastik eingewickelt, Bettwäsche gefunden worden, machten sie sich daran schlafen zu gehen. Die Wäsche roch miefig, doch hatten sie entschieden, diese vorzuziehen, anstatt im Heu zu schlafen.

Die Aussicht, diesen mit Mäusen und anderen Getier zu teilen und auf halb verfaulten Stroh schlafen zu müssen, schien ihnen wenig verlockend.

Edna hatte fleißig mit angepackt.

Bogwin war erstaunt, woher das kleine, so abgemagerte Mädchen die Energie nahm, doch ließ sie es sich, trotz seiner Einwände, nicht nehmen mitzuhelfen.

Alsbald hatten die Strapazen des Tages auch auf sie Wirkung gezeigt. Bogwin schlug ihr nach dem Abendessen vor, dass sie nach oben gehen könnte, um sich hinzulegen, welches sie nur zu gerne annahm. Die Aussicht die zweite Nacht und wie es aussah, noch mehrere Nächte, in einem warmen weichen Bett schlafen zu dürfen, bedurfte keiner großen Überredungskunst.

Zuvor, Edna war bereits nach oben gegangen um sich hinzulegen, saßen die drei Männer, jeder mit einem Glas Wein in der Hand vor dem offenen Kamin. Auch ihnen steckte der Tag in den Knochen und so sehr sie auch die Müdigkeit dazu drängte, wollten sie nicht auf den Genuss verzichten mit den anderen zusammen zu sitzen.

Das Feuer knisterte leise vor sich hin und hatte den großen Raum schnell aufgewärmt.

Keiner der drei sagte für lange Zeit ein Wort.

Schließlich war es Lampert, der zum Sprechen anhob.

„Lieber Freund“, begann er vorsichtig.

„Ich möchte ihnen nochmals mein herzlichstes Beileid ausdrücken für den Verlust, den sie heute erlitten haben.“

Bogwin sah zu ihm hinüber.

„Danke“, sagte er nur und nachdem er tief Luft geholt hatte: „Um ehrlich zu sein, habe ich noch immer nicht verstanden was heute …, wie das alles passieren konnte. Ich fürchte, es wird eine Zeit dauern, bis es vollends zu mir durchgedrungen ist.“

Er nahm einen Schluck von seinem Rotwein, so als müsse er von dem wenigen das er gesagt hatte, seine Kehle anfeuchten.

„Ich verstehe das und ich weiß auch, dass was ich auch sage, sie nicht trösten wird. Aber seien sie versichert, dass ich jederzeit für sie da bin, sollten sie das Bedürfnis verspüren, sich aussprechen zu wollen.“

Lampert hatte seine Hand auf den Arm Bogwins gelegt der sich, für die Worte und Geste seines Kollegen und Freundes mit einem dankbaren Lächeln bedankte.

Wieder sahen sie in das Feuer, dass ihnen nicht nur Wärme, sondern auch Trost zu spenden vermochte.

Fragen türmten sich in den Köpfen der beiden auf. Fragen die, so wussten sie, nicht so einfach verschwinden würden. Nur mit Mühe und Not gelang es ihnen, diese nicht an dem heutigen Abend, nicht jetzt aufzubringen.

Bogwin sagte, nachdem er einen weiteren Schluck von seinem Wein genommen hatte: „Ich bin ihnen außerordentlich dankbar für all das was sie für mich …, und das kleine Mädchen getan haben, lieber Freund. Wer weiß, was alles passiert wäre, wären sie nicht gewesen.“

„Sie wissen, sie waren mir immer ein treuer Freund, und ihr Wohlergehen liegt mir am Herzen“, erwiderte

Lampert.

„Mir zu danken ist nicht nötig.“

Lamperts Worte wärmten ihm das Herz.

„Ich schlage vor, dass wir uns ein paar Tage von all dem Erholen was in den letzten Tagen vorgefallen ist und überlegen uns dann, wie wir weiter vorgehen.“, schlug Lampert vor.

Bogwin nickte zustimmend.

„Miguel wird uns alles aus der Stadt besorgen, das wir brauchen. Es ist das Beste, wenn wir uns für eine Zeit nicht in der Stadt blicken lassen, denke ich. Und ihm können wir vollends vertrauen.“

„Sie haben sicher recht.“ Nachdem er den restlichen Wein getrunken hatte, bemerkte er, dass es auch für ihn Zeit war schlafen zu gehen.

„Ich denke, es wird auch für mich Zeit“, sagte Bogwin. Damit stand er auf, ging zu der kleinen Küchenecke und stellte sein Glas in die Spüle.

„Sagen sie Miguel, dass ich mich herzlich für all seine

Mühen bedanke.“

„Oh, glauben sie mehr. Er weiß das, er weiß das.“

Als er vorsichtig die Zimmertür öffnete, sah er, dass

Edna tief schlief. Vorsichtig trat er ein, schloss die

Tür und ging zu seinem Bett. Er setzte sich auf die

Bettkante und war bereits im Begriff sich seiner Kleider zu entledigen, als er bemerkte wie das Mädchen sich bewegte. Seelenruhig hatte sie sich umgedreht so dass er nun ihr kleines, viel zu mageres Gesicht sehen konnte. Er konnte das zarte friedliche Lächeln auf ihrem Gesicht erkennen.

In diesem Moment, so sehr er den Anblick des friedlich schlafenden Mädchens auch genoss, fiel ihm wieder ein, dass er heute an diesem Tag jenen Menschen verloren hatte, der ihn die letzten 37 Jahre seines Lebens begleitet hatte.

Ein Gedanke der ihn, trotz all der Aufregung und Mühen der letzten Stunden nicht verlassen hatte. Endlose Müdigkeit und Traurigkeit begann ihn zu überwältigen. Tränen füllten seine Augen, liefen ihm die Wangen hinab und er begann zu schluchzen. Etwas das Edna anscheinend gehört haben musste, denn sie begann sich umzudrehen, zog im Schlaf die Augenbrauen hoch, um sich sogleich wieder zu entspannen.

Er unterdrückte weitere Schluchzer, hielt sich die Hand vor den Mund. Doch konnte er nichts gegen die Tränen tun, die immer zahlreicher wurden. So wie er war angezogen, legte er sich aufs Bett, presste sein Gesicht in das Kissen und weinte, wie er noch nie in seinem Leben geweint hatte.

Neues aus der Stadt

In den ersten Tagen nach der Flucht aus Prudencia, versuchten sie, sich ihr momentanes Zuhause so gut es ging einzurichten. Die Beschäftigung half ihnen, über den Verlust ihres bisherigen Lebens hinwegzukommen, und Edna tat mit ihrem Kind sein das ihrige, dass sie davor bewahrte, in Verzweiflung zu stürzen.

Doch war es ihnen, allen voran Bogwin anzusehen, dass er mit dem Verlust, den er erfahren hatte, schwer zu kämpfen hatte. Bisweilen schlich er sich davon, um im Stillen seiner Frau zu gedenken die ihm mehr fehlte wie sein Haus oder das zuletzt doch recht bescheidene Leben, dass sie geführt hatten.

Trotz der Beschäftigungen, denen sie nachzugehen hatten, schwebte immer wieder die Angst über ihnen, entdeckt zu werden. So überließen sie es Miguel dann und wann in die Stadt fuhr, um nötige Besorgungen zu machen.

Die Sorge um ihr Land, ihre Stadt, in der sie ihr ganzes Leben verbracht hatten, schien mit der Zeit in weite Ferne gerückt zu sein. Doch die Frage, wie ernst es Hauptman mit seinen Plänen tatsächlich gemeint hatte, konnten sie auch hier an diesem einsamen Ort nicht verdrängen.

Bis eines Tages Miguel wieder einmal spätabends aus Prudencia zurückkam. Kaum hatte er den Wagen am Hof abgestellt, sprang er schon aus dem Wagen, um mit aufgeregten Gesten auf das Haus zuzulaufen. Bogwin und Lampert hatten es sich auf zwei der alten Stühle auf der Terrasse gemütlich gemacht. Lampert, der den guten Mann, seit seiner Kindheit kannte, sah das irgendetwas nicht in Ordnung war.

Er stand auf und lief Miguel entgegen, der ihm mit hektischen Gesten etwas klarzumachen versuchte. Bogwin, der ebenso aufgestanden war, konnte nur ahnen, was dieser seinem Freund erzählte. Nach ein, zwei Minuten hielt Miguel endlich inne.

Er sah, wie Lamperts Körper in sich zusammenfiel. Es war, als wäre jede Energie aus ihm gewichen. Langsam drehte er sich um, den Kopf gesenkt und seine Miene zeigte, eine Bedrücktheit die Schlimmes ahnen ließ. Mit langsamen Schritten ging er zurück zur Terrasse. Bogwin machte einen Schritt von der Terrasse herab und fragte ihn: „Mein Freund, was ist denn los? Was ist passiert?“

Langsam hob Lampert den Kopf und sah Bogwin an. Dieser schien direkt durch ihn hindurch zu sehen.

„Etwas ganz Furchtbares geht in Prudencia vor“, sagte dieser.

„Was meinen sie? Was geht in Prudencia vor?“

Lampert antwortete ihm nicht gleich. Er ging zu dem Stuhl, auf dem er kurz zuvor noch gesessen hatte und setzte sich.

„Es scheint, dass Hauptman seinen Plan tatsächlich in die Tat umsetzt.“

Lampert sah mit starren Blicken geradeaus.

„Das kann doch nicht sein“, erwiderte Bogwin.

„Miguel hat mir gerade erzählt das in der ganzen Stadt, ja selbst in den kleineren Städten und Dörfern um Prudencia herum, ältere und kranke Menschen plötzlich wie die Fliegen sterben. Zu hunderten werden sie aus den Häusern geholt und dort begraben, wo Platz ist.“ Lampert sah ihn mit vor Schreck erstarrten Augen an. „Aber wie kann denn das sein“, fragte ihn Bogwin, der sich ebenfalls wieder hingesetzt hatte. Erschrocken sah er Lampert von der Seite her an.

„Miguel hat es mir gerade erzählt. Als er das letzte Mal, vor zehn Tagen in der Stadt war, schien alles wie gewohnt zu sein. Heute konnte er kaum einen freien Platz in den Parks, ja selbst auf den umliegenden Wiesen und Feldern sehen, auf dem keine Gräber ausgehoben waren. Mittlerweile mussten sie sogar beginnen die Toten zu verbrennen, weil es keinen Platz mehr gab, wo sie diese …!“

Stille trat ein. Keiner wusste noch ein Wort zu sagen. Bogwin war es, der als erster aus seiner Lethargie erwachte.

„Damit nicht genug“, fuhr Lampert fort. „Es wird erzählt, dass mehrere Mitglieder des obersten Rates von einem Tag auf den anderen verschwunden sind.“ „Sie sind einfach nicht mehr aufgetaucht. Kleiner ist auch dabei!“

Lampert blickte seinen Freund vielsagend an. „Wie kann es sein, dass niemand Verdacht schöpft.“ Bogwin hatte sich, nachdem er den ersten

Schock überwunden hatte, wieder an Lampert gewandt. „Natürlich wird über dieses und jenes gemunkelt“, ließ er ihn wissen.

„Doch was können sie von einem Volk erwarten, dass am Verhungern ist? Dass es aufsteht und sich um Tote kümmert, wenn sie doch selbst auf bestem Wege sind, ihr

Leben zu verlieren?“

„Miguel hat erzählt, dass plötzlich Soldaten in Prudencia aufgetaucht sind. Einheiten, die dafür sorgen sollen, dass keine Panik im Land entsteht. So sagt man zumindest.“

„Diese haben auch die Verantwortung über die Verteilung der Lebensmittel übernommen.“

Lampert sah starr geradeaus, während er weitersprach.

„Die einen glauben, dass es der Hunger ist, die die

Menschen dahinrafft. Die anderen glauben, dass es eine Krankheit ist, die unter den gegebenen Umständen, umso leichter ihre Opfer findet. Andere glauben, dass es mit dem Auftauchen der Söldner zu tun hat!“ Lampert hatte sich während des Redens nach vorne gebeugt. Die Hände ineinander verschränkt, sprach er leise weiter.

„Das was sie verteilen, reicht kaum aus, um einen

Menschen zu ernähren, geschweige denn eine vierköpfige

Familie.“

„Wer sich dagegen auflehnt, wird von Söldnern zusammengeschlagen. Die Menschen getrauen sich fast nicht mehr, auf die Straße zu gehen.“

Ein paar Sekunden vergingen, in denen keiner der beiden ein Wort zu sagen wusste.

Schließlich tat Lampert einen Seufzer, der tief aus seiner Seele zu kommen schien.

„An bestimmten Tagen wird eine Medizin ausgegeben“, sagte er weiter.

„Diese soll, die Bevölkerung davor schützen, krank zu werden. Jeder in der Stadt ist verpflichtet, diese einzunehmen. Wer sich weigert, diese einzunehmen, erhält keine Nahrungsmittel, die ohnehin knapp bemessen sind!“

Lampert wandte den Kopf, sah seinen Freund mit einem vielsagenden Blick an.

Beiden war augenblicklich bewusst, dass Hauptman sich tatsächlich daran gemacht hatte, seinen Plan in die Tat umzusetzen.

Miguel hatte damit begonnen, die Sachen aus dem Wagen auszuladen.

Auch ihm war anzusehen, dass ihm die Neuigkeiten schwer zu schaffen machten. Immer wieder schüttelte er den Kopf, formte Worte, welche für die anderen keinen Sinn ergaben.

Nach einer Weile war es wieder Lampert, der zu sprechen ansetzte.

„Miguel hat aber auch etwas anderes aufgeschnappt“, begann er.

„Es gibt Menschen, denen das Ganze offensichtlich nicht ganz geheuer vorkommt. Es hat sich so etwas wie eine kleine Gruppe gebildet, die sich daran gemacht hat, gegen den neu gebildeten Rat zu protestieren, weil sie glauben, dass dieser etwas mit den ganzen Vorkommnissen zu tun hat.“

Er sah Bogwin vielsagend an.

Bogwin, der das Gehörte erst verdauen musste, sagte schließlich: „Ja aber, was sagt den das Ausland dazu? Auch wenn wir ein noch so unbedeutendes kleines Land sind. Es muss doch anderen Ländern auffallen, was hier vor sich geht!“

„Es gibt keine Verbindung mehr nach draußen“, erwiderte Lampert auf die Einwände Bogwins.

„Es gibt keine Funkverbindung mehr nach draußen, kein Telefon, das funktioniert. Selbst die Ein- und Ausreise aus Caromera ist nicht mehr möglich.“

Lampert hatte sich in seinem Stuhl zurückgelehnt und den Kopf an die hohe Rücklehne gelegt.

„Das heißt, wir sind auf uns allein gestellt!“

Endlos lange kam es Bogwin vor, dass sie einander etwas gesagt hatten. Dann, als er es schließlich nicht mehr aushielt sagte er zu Lampert: „Wie müssen mehr über die

Gruppe erfahren, die sich gegen den Rat gewandt hat!“ Die Antwort Lampert ließ nicht lange auf sich warten.

„Ich bin ganz ihrer Meinung lieber Freund. Gegen diesen

Wahnsinn muss etwas getan werden. Je eher …!“ Schon war er dabei von seinem Stuhl hochzuspringen.

Bogwin hielt ihn zurück.

„Langsam lieber Freund. Es bringt niemanden etwas, wenn wir blindlings, ohne einen Plan zu haben, zurück nach

Prudencia fahren.“

„Was schlagen sie vor“, fragte Lampert.

„Wir können nicht allzu lange warten. Jeden Tag sterben Menschen und ich glaube kaum, dass dieser Hauptman eher damit aufhört bis ihm jemand Einhalt gebieten.“

Bogwin schüttelte den Kopf.

„Ich denke, so einfach ist die Sache nicht. Wir können nicht einfach zurück nach Prudencia, uns einen Knüppel schnappen und damit vor dem Ratsgebäude auftauchen.“

Lampert gab sich einsichtig.

„Sie haben ja recht. Nur …!“

„Ich schlage vor das wir den guten Miguel so schnell wie möglich zurück in die Stadt schicken, damit dieser herausfindet, wie wir Kontakt mit dieser Gruppe aufnehmen können.“

Lampert überlegte eine Weile und sagte dann: „Das klingt vernünftig. Ich werde noch heute Abend mit

Miguel sprechen. Er hat noch ein oder zwei Freunde in Prudencia, bei denen er so lange unterkommen kann bis er etwas erfahren hat.“

„Gut“, erwiderte Bogwin. „So machen wir das!“ Die Neuigkeiten aus der Stadt hatten ihm das bisschen Frieden geraubt, dass in ihm übriggeblieben war. Doch nun, angesichts der ungeheuerlichen Tatsachen, die sie durch Miguel erfahren hatten, war keine Zeit mehr um sich nur um das eigene Wohlbefinden Sorgen zu machen.

„Ich verstehe nicht, wie es Hauptman gelungen sein soll, dass alles zu finanzieren“, gab Bogwin schließlich zu bedenken.

„Woher hat er die Mittel? Diese Einheiten, von denen Miguel gesprochen hat, das Mittel, dass er dem Volk aufzwingt. Woher kommen plötzlich die Lebensmittel, die wenn sie auch nur in geringen Mengen verteilt werden, dennoch vorhanden sind?“

Auf diese Fragen und all die unzähligen anderen, würden sie an diesem Abend keine Antwort finden. Schließlich, es ging bereits gegen Mittenacht, beschlossen sie sich zurückzuziehen.

„Lassen sie uns überlegen, was unternommen werden kann, ohne das eigene Leben aufs Spiel zu setzen. Es hat keinen Sinn unüberlegt zu handeln. Wir haben es bis jetzt überlebt. Wir sollten zusehen, dass es so bleibt.“

Lampert sah die Richtigkeit der Worte Bogwins ein und folgte ihm schließlich nach drinnen.

Wieder einmal sollte es eine schlaflose Nacht werden.

Eine von vielen die noch folgen würden.

Pulsuz fraqment bitdi.

3,77 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Həcm:
300 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9783753193274
Naşir:
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar