Kitabı oxu: «Die Beatles, Marx und warme Kuhmilch»

Şrift:

Hans-Jürgen Perrey

Die Beatles, Marx und warme Kuhmilch

Wie Neustadt an der Bille

die 60er Jahre erlebte

Roman


© Dittrich Verlag ist ein Imprint

der Velbrück GmbH, Weilerswist-Metternich 2018

Lektorat: Markus Lorenz

Satz: Gaja Busch

Umschlaggestaltung: Guido Klütsch

Printed in Germany

ISBN 978-3-947373-26-0

eISBN 978-3-947373-44-4

www.dittrich-verlag.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Inhalt

Wirtschaftswunder ist wichtiger

Paula packt aus

Der die das Dingsda …

George hat Geburtstag

Die Lieder waren eine Revolution

Von leeren Brieftaschen und von Glück und Treue …

Im Hanseatischen Hof

Er zog aus und war weg

Der Aufstieg

Die SPD wird gesprächig

Auf dem Hof

Ein Professor kommt

Mit Rosalie im Kino

Pastor Riemer schlägt zurück

Das kleine Glück des Anselm Kirsche

Ewige Freundschaft

Der Name ist der Redaktion bekannt

Gespräch mit Konrad

Sit-in

Konferenz

Projektwoche

Jochen Schrotmüller

Der unsichtbare Gegner

Präsentation

Man geht ein wenig demonstrieren

Rosalie kuckt aus dem Fenster

Tremsbüttel

»War doch so!«

Professor Fritz Fischer, Hamburg

Hedda taucht auf und unter

Sex-Party als Schulveranstaltung

Haus am See

Hanna schreibt eine Fünf

Brenda hilft Hermann

Hanna wandert aus

Onkel, Freund und Vater

Dorothea

Tusculum

Knobel liest Zeitung

Einweihung

Vom Ende

Weder Chronik noch Roman

Das Ende vom Ende

Wirtschaftswunder ist wichtiger

Im Westen ein pompöser Abendhimmel, im Osten der aufgehende Mond. Um mein Büro, hier oben im dritten Stock, haben mich schon viele beneidet. Auch der, der gleich zu Besuch kommt. Er wird an die Tür klopfen, und sein Klopfen ist ein unverkennbares Signal: dreimal kurz und sanft, einmal hart und trocken.

Nie hat sich Henry Petersen anders angekündigt, wozu auch zählt, dass er mit dem letzten Schlag schon sein rundes Gesicht mit dem schelmischen, fast hätte ich gesagt listigen Lächeln durch den Türspalt schiebt. Atmet er heftig, ist das ein untrügliches Zeichen, dass er auf den Fahrstuhl verzichtet hat.

Meist wartet er mit einem Bonmot auf, das schon zu erkennen gibt, ob er in ernster Angelegenheit vorbeischaut oder ob es sich lediglich um einen jener Routinebesuche handelt, mit denen er lockeren Kontakt zu seiner Verwaltung hält.

»Guten Abend. Im Kreml brennt noch Licht?«

»Nehmen Sie Platz«, sage ich und zeige auf den Sessel, der mittlerweile sein Stammplatz geworden ist: mit dem Rücken zur Wand, so dass er meine Wirkungsstätte mühelos überblicken kann.

»Ich sah Sie kommen. Sie gingen unsere Shopping Mall entlang, ohne die Auslagen zu beachten, was der Einzelhandel Ihnen nachtragen wird. Sie hatten aber einen Neustädter Landboten unterm Arm, was zu einem geschäftigen Bürgermeister bestens passt.«

»Ich habe Ihnen die Postille mitgebracht, weil ich dachte, es wäre besser, wenn Sie’s heute Abend schon erfahren. Die SPD setzt Ihnen die Pistole auf die Brust. Sie sollen im Frühjahr fertig werden. Im Herbst soll Ihr Werk druckfrisch auf dem Tisch liegen. Das hat die Fraktion, ohne uns vorher in Kenntnis zu setzen, mir nichts, dir nichts auf die Tagesordnung gesetzt. Wie gesagt: ohne uns vorher zu fragen. Lesen Sie Seite drei. Wahrscheinlich sind die noch immer eingeschnappt, weil wir ihnen die Mittel für die Kindergartensanierung gekürzt haben. Dahinter steckt wieder mal Ihre Rote Cosima, die uns mit ihrer aufmüpfigen Berichterstattung die Weihnachtslaune verderben will. Ich rufe die morgen früh gleich an!«

»Wieso meine Rote Cosima? Ich pflege hier ein kollegiales Verhältnis, verstehe mich gut mit ihr. Wir haben in puncto Geschichtsschreibung eine gemeinsame Wellenlänge. Sie ist im weitesten Sinne eine gute Freundin. Offiziell spreche ich von meiner Bekannten. Im Übrigen arbeitet sie freiberuflich und liegt eher auf der Linie des Holsteiner Tageblatts als auf der des Landboten.«

Petersen lacht ein wenig zu laut. »Da gibt es aber auch andere Versionen, von wegen kollegiale Freundin …«

»… die Sie hoffentlich nicht sonderlich beeindrucken. Noch einmal: Ich habe ein Verhältnis zu ihr, nicht mit ihr. Wir sind befreundet, auch wenn Sie lachen! Doch zu meinem Werk. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir das Erscheinen meiner Stadt-Chronik an einen bestimmten Termin gekoppelt haben. Als ich vor drei Jahren den Auftrag erhielt, hieß es auch auf Seiten der SPDler, lieber gründlich arbeiten als einen Schnellschuss abliefern. So eine Chronik, oder sagen wir besser: Stadtgeschichte, gönne man sich ohnehin nur einmal im Jahrhundert.«

Ich hatte die Zeitung aufgeschlagen, wo unter der Überschrift: Neustadt braucht endlich eine Chronik ziemlich nassforsch über meine bisherige Arbeit berichtet wurde. Da gäbe es die verschiedenen Hochzeiten, auf denen ich gleichzeitig tanzen würde. Die Chronik allerdings – teilte der SPD-Chef im Interview mit – sei man allein schon dem wachsenden Tourismus schuldig. Einige zehntausend Euro seien bisher in das Projekt geflossen, jetzt wolle man Ergebnisse sehen.

Petersen reibt sich die Nase: »Nun lassen Sie sich bloß nicht die Feierabendstimmung verhageln. Das Ganze ist doch ein durchsichtiges Manöver. In zwei Jahren haben wir Kommunalwahlen, da wollen sich die Sozen mit Ihrer Chronik in Szene setzen. Damals allerdings, als wir die Sache anschoben, waren sie strikt dagegen, auch nur einen Euro für solch ein Projekt zu bewilligen. Dabei lag die letzte Chronik über hundert Jahre zurück, hatte die Maße und das Gewicht einer Gehwegplatte und bejubelte unseren umtriebigen Kaiser, Wilhelm den Plötzlichen, auf jeder Seite mindestens einmal.«

»Darf ich Ihnen was zu trinken anbieten?«

»Schnaps während der Dienstzeit. Sie bringen mich in Verlegenheit!«

»Von Schnaps habe ich nicht gesprochen. Ich habe auch Selters.«

»Sie schätzen mich richtig ein. Die Grünen haben uns seinerzeit zur rauchfreien Verwaltung gemacht. Vom alkoholfreien Rathaus war nie die Rede. Unsere dänische Partnerstadt versorgt uns regelmäßig mit Aalborg Aquavit. Den sollten wir im Geiste der Völkerverständigung nicht schlecht werden lassen.«

Ich stelle zwei Gläser auf den Tisch, schenke ein. Petersen schnüffelt und nickt mir zu. »Auf unsere dänischen Freunde!«

Er lacht ausgelassen. Dann holt er tief Luft. »Kennen Sie eigentlich die Geschichte von jener norddeutschen Gemeinde, die – weil es schließlich alle machten – sich eine Chronik spendieren wollte, einige Sponsoren ins Boot holte und schließlich einen angehenden Historiker fand, der seit Jahr und Tag über seiner Doktorarbeit brütete und froh war, endlich einmal für seine staubtrockenen Recherchen honoriert zu werden?«

Natürlich kenne ich die Geschichte. Deshalb antworte ich entgegenkommend: »Ich bin mir nicht ganz sicher.«

»Na, dann hören Sie!« Er füllt unsere Gläser nach und reibt sich die Hände. »Also, der Bürgermeister überweist ihm monatlich ein stattliches Sümmchen und freut sich über den tüchtigen jungen Mann, der überdies noch etliche Fahrten ins Landesarchiv und sonst wohin abrechnet. Die Aktenlage allerdings ist miserabel. Die Presseartikel der letzten hundert Jahre sind meist ebenso wenig aussagekräftig wie heute auch. Aus Amts- und Kreisblättern ist meist nur Belangloses herauszufischen. Amtliche Verlautbarungen spiegeln die Banalitäten eines längst vergangenen Alltags wider. Von einem wohlgeordneten Gemeindearchiv kann ohnehin nicht die Rede sein. Als der Geschichtsforscher im Landesarchiv nachfragt, ob es keine einschlägigen Quellen zur Kommunalgeschichte gebe, muss er sich die Gegenfrage gefallen lassen, ob die zuständigen Herrschaften denn jemals etwas abgegeben hätten. Schnell wird offenbar, dass die Verantwortlichen sich zwei Jahrhunderte lang nicht sonderlich für ihre eigene Geschichte interessiert hatten.

Doch die Uhr tickt, und als man bei dem geplagten Mann anfragt, wann mit der Chronik zu rechnen sei, erlebt er eine waschechte Panikattacke. Er hat wenig Schreiberfahrung, sieht man einmal von seiner Diplomarbeit ab, und hat folglich keine Zeile zu Papier gebracht. Unmengen von Kopien hat er anfertigen lassen oder selbst hergestellt, prallgefüllte Aktenordner angelegt. Aber wie wird daraus ein Buch?

In einer schlaflosen Nacht, die er neben seiner ahnungslosen Verlobten verbringt, sieht er die düstere Alternative auf sich zukommen: Entweder er fährt ins Rathaus und offenbart sich den lokalen Autoritäten, oder er übergibt sich dem nahegelegenen Baggersee und macht seiner bis dato ehrlichen, aber beruflich verkorksten Existenz ein Ende.

Morgens beim Frühstück bricht er in Tränen aus und gesteht seiner Verlobten die furchtbare Situation. Die junge Frau, eine Kindergärtnerin, weiß ihn zu trösten. Was er sich nur plage. Die Leute wollten am Ende ein Buch zum Verschenken oder als Zierde für das Regal haben, während andere gern in Büchern schmökerten, eben weil es unterhaltsam sei und immer aufs Neue zu der Einsicht verhelfe, dass früher doch nicht alles besser war. Nicht einmal die Sommer waren länger. Wenn er ihnen solche Einsichten liefere, werde sich keiner beschweren.

Gesagt, getan: Wenn man Bilder fälschen kann, dann erst recht Dokumente und Quellen aus der guten alten Zeit. Die beiden bringen ihre Laptops in Position und legen los. Manchmal biegen sie sich vor Lachen, wenn wieder ein historisches, bis dato unbekanntes Dokument auf der Festplatte Einzug gehalten hat.

Vor allem die junge Frau erweist sich als Talent. Da gab es vor zweihundert Jahren eine Feuersbrunst, viel gewaltiger als die bekannte, auf die in der Kirche eine Tafel verweist. Entsetzliche Szenen haben sich abgespielt, alles erinnert an Friedrich Schillers Lied von der Glocke. Die entsprechenden Verse werden zitiert, ältere Leserinnen und Leser werden sich erinnern, zumal die Urgroßeltern das literarische Ungetüm in der Schule auswendig lernen mussten. Und wieder sind zwei Druckseiten gefüllt.

Auswanderer schrieben über ihre bewegenden Eindrücke aus der Neuen Welt – und, vice versa, bisher völlig unbekannt: Es gibt auch Briefe aus der deutschen Heimat, die von den Lebensumständen der Landarbeiter packende Schilderungen liefern. Leider stammen viele Quellen aus Privatbesitz oder sind fatalerweise im Zuge einer Versteigerung oder Haushaltsauflösung in der Versenkung verschwunden. Sie sind – das wird zutiefst bedauert – nicht mehr verfügbar und wurden durch unsere Chronik gewissermaßen in letzter Minute konserviert.

Und so geht es weiter. Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg erzählen von dramatischen Vorstößen mitten hinein in die feindlichen Linien von Verdun. Die Revolution 1918/19 verläuft in unserem Städtchen besonders geschichtsbuchreif. Ganze Kapitel aus älteren Chroniken und dem süddeutschen Raum werden entsprechend umgeschrieben und finden Eingang in die rasant anwachsende Arbeit.

Weiter! Was sich irgendwo in Deutschland abgespielt hat, ereignete sich auch bei uns. Warum nicht! Hitler ist auf Wahlkampfreisen genau dreimal durch unseren Ort gefahren. Jetzt hat er sogar vor dem Rathaus eine Rede gehalten. Die hat er zwar anderswo auch gehalten, aber das schmälert die Bedeutung dieses historischen Ereignisses keineswegs. Und immer sind es faszinierende Menschen, die in der Geschichte und den dazugehörigen Geschichten aus dem Dunkel der Vergangenheit hervortreten.

Dann kommt der Tag der Präsentation, mit Reden, Grußworten und einer Lesung des Verfassers. Der wird vom Bürgermeister ausführlich vorgestellt, wobei der Verwaltungschef es sich nicht nehmen lässt, die Entstehung des historischen Werks Revue passieren zu lassen. Er tut dies auf seine humorvolle Art, verweist aber auch darauf, wie viele Stunden harter Arbeit in diesem ansprechenden Werk steckten. Er zitiert Neil Postman, denn in keiner seiner Reden darf das erbauliche Zitat fehlen: Die Historiker wissen auch, dass sie ihre Geschichten zu einem bestimmten Zweck schreiben – nicht selten, um die Gegenwart entweder zu verherrlichen oder zu verdammen.

Ja, es ist rhetorisch die Stunde des Bürgermeisters, der sich von dieser Sentenz gar nicht losreißen kann, seine Gemeinde-Chronik als vorbildlich preist und die Nachbargemeinden ermuntert, Vergleichbares auf den Weg zu bringen. Dabei verrät er kein Geheimnis, wenn er hier und jetzt mitteilt: Es gebe schon Anfragen benachbarter Kommunen, ob der junge Forscher nicht für ähnliche Projekte zur Verfügung stünde. Der wird von der Presse umlagert, beantwortet Fragen, signiert Bücher und fährt gleich danach in den Urlaub.«

Ich habe geduldig zugehört und mich über Petersens Darstellung amüsiert. Mindestens dreimal habe ich sie schon aus seinem Munde vernommen, und jedes Mal bot er sie anders dar, weil er sie geschickt auf sein Publikum zuschnitt. Mir ist diese Methode schlecht bekommen. Hatten wir Besuch zuhause und die üblichen Geschichten aus Beruf und Freizeit und von der letzten Urlaubsreise waren an der Reihe, weil alles andere abgegrast war, pflegte meine Frau dazwischenzurufen: »Aber das hast du beim letzten Mal ganz anders erzählt. Außerdem war es so und so und nicht anders.«

»Der eigentliche Clou kommt ja erst noch«, werfe ich ein.

»Ja, ja! Sie kennen die Geschichte, vermute ich wenigstens. Unser Chronist ist mit unbekanntem Ziel verreist, hat zuvor allerdings alle belastenden Quellen durch den Schredder geschickt. Dann passiert einige Zeit nichts, bis ein pensionierter Realschullehrer beim Bürgermeister vorstellig wird. Der klassische Heimatforscher, der jeden Weg und Steg in seiner Gegend kennt, steht in der Tür: verschroben, kompetent, mit Trachtenjacke und Jägerhut und mit allen Wassern gewaschen.

Während der Bürgermeister die behutsam vorgetragenen Bedenken flott vom Tisch wischt, gibt der Heimatforscher hartnäckig zu bedenken, dass sein Spezialgebiet Stadtbrände im vorindustriellen Zeitalter seien, speziell im norddeutschen Raum, und dass es jenen ausführlich beschriebenen Brand vom 6. Juni 1799 definitiv nie gegeben habe.

Kurz und gut: Die Sache wird publik, der Heimatforscher zum gefragten Gesprächspartner von Kommunalpolitikern und Presseleuten. Schließlich kommt der Bürgermeister nicht daran vorbei, die Chronik einem Experten des Landesarchivs vorzulegen, der die Fälschung bestätigt. Der Eklat ist perfekt.«

»Noch nicht ganz«, wende ich ein. »In der örtlichen Buchhandlung findet die Chronik in den kommenden Monaten einen unerwartet großen Absatz, was die Presse zunächst damit begründet, dass eine solche Fälschung letztlich auch ihren Sammlerwert besitze. Doch das ist nicht die Erklärung. Die Chronik findet mehr und mehr Leser, die stolz berichten, sie hätten das Buch mit Gewinn gelesen. Endlich erfahre man, was sich die letzten Jahrhunderte im Ort ereignet habe. Und trotz aller Fehler (wo kämen die denn nicht vor) biete das gelungene Werk viele Informationen und sei spannender als der frühere Unterricht des besserwisserischen Realschulpaukers.«

Petersen kippt seinen Aalborg hinunter und sieht mich spöttisch an. »Ich hoffe, dass Sie nicht in einen solchen Konflikt von Dichtung und Wahrheit geraten. Ich wohne seit ewigen Zeiten in Neustadt. Mir würden Sie nichts vormachen. Wenn Sie nichts dagegen haben, werfe ich vor der Drucklegung einen Blick ins Manuskript. Verstehen Sie das nicht als Misstrauen. Doch Kommunalgeschichtsschreibung ist manchmal schwieriger zu betreiben als die Geschichtsdarstellung auf nationaler Ebene.«

»Ich erwarte Ihre kritische Begutachtung mit klopfendem wie freudigem Herzen.«

»Vor allem behandeln Sie die letzten sechzig Jahre nicht so stiefmütterlich. Die Nazis dürfen nicht verschwiegen werden, das ist klar. Die haben sich mit ihren zwölf jämmerlichen Jahren einen festen Platz in der Geschichte der letzten tausend Jahre gesichert. Ebenso unverzichtbar ist das Kaiserreich. Ob Feuerwehr, Schützen-, Gesangs- oder Sportverein – sie haben alle ihre Wurzeln in der guten alten Zeit. Die Leute wollen Groß- und Urgroßvater in Uniform und Pickelhaube sehen. Was kucken Sie zur Tür? Haben Sie Angst, dass uns jemand hört?«

Ich schüttle den Kopf. »Ich lausche Ihren Ausführungen, die ich an Ihrer Stelle bei der Präsentation meines Buches nicht wiederholen würde.«

»Wird schon nicht passieren, denn ich gehe davon aus, dass Sie mir die Rede schreiben werden. Oder ist das zu viel verlangt?«

»Abgemacht!«

»Prosit! Was ich aber sagen wollte: Ist der Wiederaufstieg nach 1949 nicht ebenso wichtig? Das, was man zu Recht als Wirtschaftswunder tituliert hat, waren doch ebenso verrückte wie erfolgreiche Jahre. Die kann nur einer schlechtreden, der sie nicht miterlebt hat. Die 60er sind mehr als APO, Rudi Dutschke, Vietnam-Krieg, Pille und Gruppensex.

Sie grinsen, aber Spaß beiseite. Manchmal denke ich, wir waren damals weiter. Wenn wir heute etwas von diesem 60er-Geist hätten: von der Aufbruchsstimmung, dem Glauben an die Zukunft und dem Vertrauen in Technik und Fortschritt! Wann sind die früher nicht zu befahrenden Feldwege asphaltiert worden? Wann wurde die Kanalisation für die gesamte Stadt fertig? Ebenso der Bau der Kläranlage. Vom Neubau des Gymnasiums will ich gar nicht reden. Wir haben drei Gewerbegebiete, fünf Neubaugebiete geschaffen. Das sind doch Errungenschaften, die irgendwie gewürdigt werden müssen.«

»Ich stimme Ihnen zu. Aber wo bleibt der Mensch bei so viel Daseinsvorsorge?«

»Das ist eine andere Frage. Da müssen Sie einzelne Familiengeschichten ausleuchten.«

»Die ewigen Großbauern- und Handwerkerdynastien.«

»Sind die etwa nicht erwähnenswert?«

»Ich meine die normalen Menschen, die hier lebten oder leben mussten. Die hier scheiterten oder von bestimmten Leuten zu Fall gebracht wurden. Für die Neustadt an der Bille nichts Erinnerungswürdiges hat. Wenn man auf eine bedrückende Jugend zurückblickt, ist das immer an eine Zeit wie an einen Raum gekoppelt. Das müsste der Geschichtsforscher freilegen. Einer unserer bedeutenden Kommunalhistoriker hat in diesem Zusammenhang von der Rückkehr des Menschen in die Geschichtsschreibung gesprochen. Das war 1993. – Mir fällt der Name Busch ein, der langjähriger Direktor des Gymnasiums war. Hat es seinerzeit nicht so etwas wie einen Fall Busch gegeben?«

»Mein lieber Schreiber, nun machen Sie bloß kein neues Fass auf. Das hat damals viel Wirbel gegeben, interessiert heute aber niemanden mehr. Lassen Sie mal die Kirche im Dorf. Das Wirtschaftswunder ist wichtiger!«

»Und dann stößt man immer wieder auf den Namen Osswald …«

»… ist ein ehrenwerter Mann, hat als Unternehmer, Kommunalpolitiker und Investor viel für diese Stadt getan. Dabei sollte es bleiben. Treten Sie bloß keinem allzu doll auf die Füße. Es gibt eine nicht unerhebliche Zahl von einflussreichen Politikern, die würden Sie lieber heute als morgen loswerden. Ein Chronist lässt sich gut einsparen. Das geht ratzfatz, und Sie sitzen wieder in der Schule, aus der ich Sie damals befreit habe.«

Petersen gegangen, die Aalborg-Flasche leer. Der Abendhimmel tiefschwarz, der Mond hinter Wolken verborgen – ich bin wahrscheinlich mal wieder der Letzte im Haus. Alles kein Grund, mich zu beneiden.

Paula packt aus
[NACHLASS KONRAD ADELSTORFF]

Ich hielt am ersten Sonntag des Monats meinen üblichen Vortrag im großen Speisesaal des Seniorenstifts. Mittels einer Power-Point-Präsentation unternahm ich auch dieses Mal virtuelle Ausflüge in die Stadtgeschichte. Am Ende der gutbesuchten Historischen Matinee beantwortete ich Fragen und kommentierte ergänzende Bemerkungen, insbesondere die älterer Herren, die meine Veranstaltungen gern als Gelegenheit nutzten, sich einmal ungebremst reden zu hören.

Das alles erforderte viel Vorbereitung und ging zu Lasten meiner Chronik. Auf der anderen Seite war schon so manches historische Juwel zutage gefördert worden, das meine Arbeit bereicherte. Dieses Mal war mir eine ältere Frau aufgefallen, die mich kritisch zu mustern schien, sich aber an den Gesprächen nicht beteiligte. Erst als ich meine Sachen schnell zusammenpacken wollte, denn es roch schon nach Vorsuppe und die Tische um uns herum waren bereits eingedeckt, trat sie an mich heran.

Ob ich einen Augenblick Zeit hätte. Ihr Name sei Paula Adelstorff, sie könne mir wichtige Informationen über Direktor Traugott Busch liefern. Sie sei mit dessen Sohn Konrad verheiratet gewesen. Ich hätte Traugott zwei-, dreimal erwähnt. Da gäbe es noch sehr viel mehr zu sagen.

Ich hatte meine Packerei unterbrochen und teilte ihr mit, dass ich seit einiger Zeit auf der Suche nach einschlägigen Unterlagen sei. Wenn sie mir dabei helfen könne, käme ich einen großen Schritt weiter.

Wir verabredeten den kommenden Donnerstag. Ich stand pünktlich vor einer der Villen in der Bismarckallee, unserem Preußenviertel, das von Moltke, Roon, Wrangel und anderen Größen unserer Militärgeschichte kündete. Ich wurde von meiner Gastgeberin mit einer liebenswürdigen Geste hereingebeten. Wie es meine Art ist, nahm ich trotz einer freundlichen Aufforderung nicht gleich Platz, sondern sah mich um und entdeckte auf diese Weise im Bücherregal ein Foto, das einen Mann mittleren Alters zeigte.

»Das ist er!«, rief Frau Adelstorff. »Kennen Sie die Aufnahme? Es zeigt ihn gewissermaßen auf der Höhe der Macht, Mitte der Sechzigerjahre. Ich glaube allerdings, das Foto hat Seltenheitswert. Ich wüsste niemanden, der eine Kopie davon besitzt. Ja, wenn Hermann noch etwas dazu sagen könnte, Hermann Schrotmüller, der die Schule abbrach, um Fotograf zu werden. Das hing mit seinem Vater zusammen, der ganz plötzlich verhaftet wurde. Schreckliche Geschichte. Sollte man vielleicht gar nicht wieder aufrollen.«

»Erstaunlich«, fügte ich hinzu, wobei ich meiner Gastgeberin bis in die Küche gefolgt war.

»Ich glaube, es lag an seinem fehlenden Arm, den Traugott gern verdeckte. Er empfand das als Makel. Schöne Männer sind oft eitel. Es hat einige Jahre gedauert, bis er sich mit seinem Schicksal arrangiert hatte. Überhaupt liebte er das Leben. Trübsal blasen war seine Sache nicht. Er war ständig in Aktion. Stillstand verabscheute er.«

»War es eine Kriegsverletzung?«

»Ja, er kam armamputiert nach Hause und wurde zunächst von depressiven Stimmungen heimgesucht, die er aber schnell in den Griff bekam. Nehmen Sie doch Platz. Kuchen? Ich erhielt vor einigen Tagen einen Anruf von Konrad …«

»Ihrem geschiedenen Mann!«

»Ja, ich habe die Vermutung, das hängt mit Ihnen zusammen und dem, was über Sie in der Zeitung stand.«

»Was wollte er denn?«

»Konrad ist Eigentümer des Nachlasses. Er ist misstrauisch gegenüber jedem, der ihm in die Quere kommt. Er wollte immer die Geschichte seines Elternhauses schreiben, ist jedoch nicht weit gekommen. Zu viele Unterlagen sind im Laufe der Jahre verschwunden. Zudem schien Konrad der Auffassung zu sein, dass er sich im alleinigen Besitz der historischen Wahrheit befände. Er kann sehr brüsk werden, wenn man ihm zu nahe kommt.«

»Dann will ich ihn lieber nicht behelligen.«

»Gehen Sie nur! Er ist ein schwieriger Zeitgenosse, Künstler eben. Er wird sich am Ende über Ihren Besuch freuen. Er schwärmt leidenschaftlich für die Musik der Sechzigerjahre, ich meine natürlich die Popmusik. Wenn Sie da ein wenig mitschwärmen, haben Sie schnell einen neuen Freund gefunden.«

Wir sprachen ausführlich über ihren Schwiegervater, den sie nie richtig kennen gelernt hatte, dem sie aber eine unüberhörbare Verehrung entgegenbrachte. Die trat immer wieder hervor, wenn wir am Couchtisch über Eck Fotoalben durchblätterten und ich in den Dunstkreis ihres eleganten Parfüms geriet.

Meist waren es postkartengroße Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Viele Fotos zeigten den Neubau des Gymnasiums, ein modernes, dreistöckiges Flachdachgebäude, so dass ich mir die Bemerkung gestattete, das sei ja Bauhaus-Architektur in Reinkultur.

Frau Adelstorff stimmte lebhaft zu: »Er hat sich um alles selbst gekümmert. Als er hörte, dass in mehreren Städten Deutschlands solche Schulbauten existierten oder sich in der Planung befänden, sind die extra in den Sommerferien dorthin gefahren. Am liebsten wäre er wohl nach Dessau gereist, um sich ein Bild zu machen. Aber das war zu kompliziert. Stellen Sie sich vor: Ein westdeutscher Beamter in Führungsposition besucht die DDR. Wir sagten damals aber nur Zone und sprachen von Pankow, wenn wir die ostdeutsche Regierung meinten. Wir befanden uns noch mitten im Kalten Krieg. Die da drüben waren überhaupt nicht anerkannt. Man verdächtigte ihn ohnehin, ein Linker zu sein.«

»Sie sagten, die seien in den Sommerferien losgefahren.«

»Nun hören Sie mal! Das ist doch sonnenklar. Mit Brenda ist er los, und einige Klatsch- und Tratschtaschen sind auch dahintergekommen. Gleich ging es wieder hoch her in unserem schönen Neustadt. Ein Schulleiter, der ein außereheliches Verhältnis zu einer – sagen wir mal höflich – ungewöhnlichen Frau hat. Das war schon ein heißes Eisen. Es gibt nämlich auch Fälle, da wurden Schulleiter vom Dienst suspendiert, wenn sie gegen die Moral verstießen. Oder gegen das, was einflussreiche Kreise darunter verstanden. Ich erinnere Sie nur an den populärsten Showmaster dieser Jahre, den Holländer Lou van Burg, der siebzig Prozent Einschaltquoten mit seiner Unterhaltungssendung erreichte. Doch die ZDF-Größen stießen sich an seinem Privatleben. Van Burg lebte von seiner Frau getrennt, hatte mit seiner neuen Lebensgefährtin zwei Töchter und leistete sich eine Affäre mit einer zwanzig Jahre jüngeren Frau, die ein Kind von ihm erwartete. Das war den ZDF-Verantwortlichen zu viel, sie schmissen den Mann fristlos raus, weil er moralisch nicht mehr tragbar war.

Hier haben Sie eine Aufnahme vom Rohbau, den er akribisch überwacht hat. Viele Aufnahmen aus diesen Jahren stammen von Hermann – ein Name, wie gesagt, den Sie im Auge behalten sollten. Er hat später als Fotograf Karriere gemacht. Das Tusculum, das Restaurant an der Marktstraße, gehört der Familie noch heute.«

»Was ist das!«, rufe ich begeistert. »Ist das nicht das alte Schulgebäude, das nach dem Umzug in die Sachsenwaldstraße abgerissen wurde? Auch davon gibt es nur wenige Aufnahmen. Das war ehemals ein alter Kasernenbau, der mit Abzug der Garnison leer stand und zum Standort des alten Kaiser-Wilhelm-Gymnasiums wurde. Hier hat Preußen sich nicht mit Ruhm bekleckert. Die Lichtverhältnisse waren katastrophal. Die Schüler haben sich in dem Gemäuer, das vom Schwamm befallen war, die Augen verdorben. Und die Knochen ebenso, denkt man nur an das Mobiliar. Schon vor dem Ersten Weltkrieg wurden Forderungen laut, das Gebäude abzureißen. Traugott Busch brachte die Kraft auf, bei den zuständigen Landes- wie Kommunalbehörden, den Parteien und den einflussreichen Persönlichkeiten einen Neubau durchzusetzen. Es war ein Kampf, der seine Spuren hinterließ.« Ich warf einen Blick auf das Foto, das sie vom Regal genommen hatte. »Aber Sie beschreiben einen Helden, der sich große Verdienste um das Gemeinwohl erworben hat. Man müsste eine Straße nach ihm benennen.«

»Ist doch versucht worden. Die Sozialdemokraten in der Stadtversammlung haben mehrere Anläufe unternommen. Doch es reichte, dass der Vorstoß von der SPD kam. Schon hatten gewisse Kreise ihre Vorbehalte. Zur Not stocherte man in seinem Privatleben herum. Brenda lieferte den Stoff, der nötig war, einen hervorragenden Menschen zu desavouieren.«

Wir schwiegen einen Moment. Dann erhob sie sich, winkte aber ab, als ich ebenfalls aufstand.

»Warten Sie, ich bin gleich wieder zurück«, rief sie mir zu und verschwand im angrenzenden Raum, vermutlich dem Büro. Nach etlichen Minuten kehrte sie zurück. »Es tut mir leid, dass ich Sie warten ließ, aber ich glaube, Sie werden einigermaßen entschädigt.«

Sie hatte einen Karton dabei, in dem einst Schuhe gelagert haben mochten. Als sie den Deckel abnahm, kamen unzählige handgeschriebene Blätter zum Vorschein. Paula sah mich erwartungsvoll an: »Greifen Sie ruhig zu. Was Sie in Händen halten, ist nichts Geringeres als der Briefwechsel zwischen Traugott und Brenda.

Wenige Wochen vor unserer Scheidung, will sagen, dem damit verbundenen Auszug, hatten wir einen Wasserschaden im Keller. Wir – das heißt, vorrangig ich – trugen alles nach oben, was evakuiert werden konnte. Konrad war auf Konzertreise, während ich mit Hilfe einiger Nachbarn rettete, was zu retten war. Die Briefe waren teilweise in einem erbärmlichen Zustand. Ich trocknete die beschädigten Blätter und begann nach dieser mühevollen Behandlung mit dem Studium der Papiere.«

»Es geht doch nichts über Briefquellen«, sagte ich. »Damals hat man sich noch geschrieben, obwohl viele Haushalte schon einen Telefonanschluss hatten. Fasse Dich kurz, stand an jeder Telefonzelle. Das Telefon ist der größte Feind des Historikers. Heute kommen E-Mails und SMS hinzu. Sie verhindern das Generieren brauchbarer Texte, die noch in zweihundert Jahren von unserer Gegenwart künden.«

Sie sah mich mitleidig an. »Aber wenn wir den ganzen Blödsinn archivieren, den wir tagtäglich produzieren … Nehmen Sie den Krempel mit und werten Sie ihn meinetwegen aus.«

»Und was sagt Konrad dazu?«

»Er weiß nicht, dass ich die Briefe habe. Er geht davon aus, dass sie alle entsorgt wurden. Als er von seiner Tournee heimkehrte, waren sie jedenfalls weg. Hinzu kommt, dass er sich all die Jahre nicht sonderlich um den schriftlichen Nachlass seiner Eltern gekümmert hat. Ich bin froh, dass wir jetzt in Ihnen jemanden gefunden haben, der all den Geheimnissen einmal vorurteilsfrei auf den Grund geht. Ich wünsche Ihnen eine glückliche Hand.«

Ich saß tagelang an der Entzifferung der Texte, deren Inhalt oft nur mit der Lupe erschlossen werden konnte. Ich hatte die Briefe eingescannt und konnte die Schrift entsprechend vergrößern, wodurch ebenfalls Unklarheiten beseitigt wurden. Zunächst erstellte ich Regesten, schrieb wichtige Informationen in eine Textdatei. Als die Sichtung abgeschlossen war, wollte ich einen Text schreiben, den ich als Baustein für eine mögliche Lebensgeschichte Traugott Buschs verstand, des Helden meiner Kommunalbiographie. Ich hatte die Geschichte vollständig vor Augen, sah die Bilder in mir wie die eines Films. Ich ließ den Film ablaufen, wenn ich nicht schlafen konnte, und überarbeitete ihn auf längeren Spaziergängen. Meine Geschichte war inhaltlich und stilistisch gelungen. Sie hatte nur den einen Nachteil: sie existierte allein im Kopf, ich hatte noch keinen einzigen Buchstaben zu Papier gebracht …

Der die das Dingsda …
[NACHLASS KONRAD ADELSTORFF]

… Es klemmte, sträubte sich, wollte nicht hinaus. Es klang im nächsten Augenblick nicht, war banal, bedrückte mich, stellte mich infrage, forderte mich auf, es ein andermal zu versuchen. Dabei leuchtete es im Kopf hell und klar vor mir auf …

… Dann schrieb ich:

Rosalie saß auf dem alten Sofa und stopfte Strümpfe. Bisweilen unterbrach sie ihre Tätigkeit und streichelte den alten Kater, der neben ihr lag und sich eng an sie geschmiegt hatte. Streicheln und Kraulen hatten zur Folge, dass der alte Hinz – so hieß der Kater – noch heftiger schnurrte als sonst. Die alte Dame überlegte: Hier bin ich nun zur Ruhe gekommen. Vor ’33 habe ich in Berlin, Wien und Zürich auf der Bühne gestanden, da war an Ruhe oft nicht zu denken. Der brutalste Ruhestörer war dieser Hitler. Wo der auftauchte, war es vorbei mit der Ruhe. Erst kamen die Eroberungen, und als es mit denen nicht mehr ging, die Zerstörungen, wobei die Bomben aus heiterem Himmel das Schlimmste waren. Man muss ja bloß in die S-Bahn steigen und nach Hamburg hineinfahren. Sind doch keine zwanzig Minuten, und man ist mittendrin in der Zerstörung, in den Ruinen, unter den Trümmerhaufen. Es sollen Tausende sein, die da noch drunter liegen, angefressen von den Ratten, skelettiert, mumifiziert, eingeäschert.

Die Putzfrau, die jeden Mittwoch kam – mehr konnte sich Rosalie von Adelstorff nicht leisten –, meldete einen Besucher, einen Herrn Traugott Busch. Und kaum stand der in der Tür, dachte Rosalie: Mein Gott, wie schön er ist, und noch so jung. Er ist mindestes eins fünfundachtzig. Dazu das volle blonde Haar und die strahlend blauen Augen. Ein germanischer Recke. Den wird Brenda sich hoffentlich nicht entgehen lassen.

Traugott Busch machte eine knappe, korrekte Verbeugung und dankte für den Platz, den man ihm angeboten hatte, einen Sessel, der ebenso alt war wie das Sofa und den jungen Mann tief sinken ließ.

Der stellte sich vor: Jahrgang ’20, Teilnehmer am Westfeldzug, Verwundung. Die Verwundung musste er nicht ausführlicher erläutern. Dass der linke Arm fehlte, war leicht auszumachen. Besonders an Tagen wie dem heutigen, wenn es warm war und die Männer kurzärmlige Hemden trugen. Nach der Genesung wurde der junge Leutnant abkommandiert zum Heeresamt für Unterrichtsfragen. Nach Wiedereröffnung der Hamburger Universität begann er ein Studium der Germanistik und Geschichte sowie Philosophie. Geschichte vornehmlich bei Professor Fritz Fischer, den er ausführlich mit Lob bedachte. Er, Busch, würde auch weiterhin gern in Hamburg wohnen, aber da seien günstige Zimmer für Studenten oder angehende Lehrer nicht zu bekommen. Deshalb …

Rosalie nickte eifrig, insbesondere bei der Nennung von Namen, als wollte sie den Eindruck vermitteln, sie kenne all das und diesen und jenen obendrein. Kurzum, ihr sei es nicht viel besser ergangen: »Ja, ja, junger Mann, mir hat das Leben nichts geschenkt. Mit den Großen und am Ende mit den ganz Großen habe ich auf der Bühne gestanden, aber es sollte nicht sein.«

Sie ließ offen, was nicht sein sollte. Denn sie liebte das Vage, Geheimnisvolle und sprach, wenn ihr danach war, gern in Andeutungen und von schicksalsmächtigen Kräften, denen wir alle unterworfen wären.

Die Tür öffnete sich ein weiteres Mal. Brenda stand im Raum. Ihr Blick fiel auf Busch. Der sprang auf und lieferte seine korrekte Verbeugung ab. Dann standen sich beide gegenüber – Traugott fassungslos und glücklich. Denn das war die Frau, die er in vielen Träumen vor sich gesehen hatte. Eine innere Stimme verkündete: Das ist sie, du hast sie gefunden. Gott hat deine Träume nicht übersehen, auch wenn er es gerade in diesen Zeiten mit unendlich vielen Träumen zu tun hat. Aber Gott hat immer Zeit, das unterscheidet ihn von den Menschen.

Rosalie bat ihre Tochter, einige Minuten zu bleiben. Herr Busch sei auf der Suche nach einem Zimmer, und in Hamburg sei nichts zu bekommen. »Deshalb hat er auf unsere Anzeige hin angerufen …«

Busch räusperte sich. »Es hängt natürlich auch von der Höhe der Miete ab. Mir sind da enge Grenzen gesetzt.«

Brenda, ganz in Abwehrhaltung, denn auch sie war von dem Mann und der Begegnung auf eigenartige Weise berührt, sah ihn herausfordernd an: »Darüber machen Sie sich keinen Kopf. Uns liegt daran, ordentliche Leute ins Haus zu bekommen. Jungen Männern, die das Vaterland verteidigt haben, machen wir einen Sonderpreis. Den Garten dürfen Sie mitbenutzen …«

»Und keine Damenbesuche!«, rief Rosalie mit gequälter Stimme dazwischen. »Jetzt, wo wir einen Katholiken zum Bundeskanzler bekommen haben, wird wieder auf die Moral geachtet.«

Busch zuckte leicht zusammen, überlegte kurz, ob er gestehen sollte, dass er aus dem streng katholischen Münster stammte. Aber er zog es vor zu schweigen. Katholiken waren im lutherischen Holstein nicht beliebt. Es gab Schilder an Gartenpforten: An Flüchtlinge und Katholiken wird nicht vermietet. Auch Adenauer, dem es immerhin gelungen war, Protestanten und Katholiken in einer christlichen Partei zusammenzuführen, wurde zunächst argwöhnisch betrachtet.

Traugott sagte: »Wie ich im Radio hörte, ist er mit einer Stimme Mehrheit zum Bundeskanzler gewählt worden. Das wird seine eigene gewesen sein.«

Brenda schien es eilig zu haben. Rosalie erhielt ein Küsschen. Kater Hinz ebenfalls.

»Bleib ein wenig«, bettelte Rosalie und beobachtete Busch dabei genau. »Andauernd bist du unterwegs. Und abends bist du auch immer auf und davon. Das ziemt sich nicht für eine junge Dame.«

Brenda lachte. »Einer muss ja das Geld verdienen. Unterhalte dich mit unserem neuen Mieter ein bisschen und zeige ihm sein Zimmer.« Dann wandte sie sich an Busch: »Wo arbeiten Sie eigentlich?«

»Ich studiere, Fräulein von Adelstorff.«

»Das von können Sie getrost weglassen. Lediglich Mutter legt Wert auf den Adel, von dem niemand weiß, wie wir überhaupt dazu gekommen sind. Sie studieren also. Aber das macht nicht satt, und die Miete kann man davon erst recht nicht bezahlen.«

Traugott, der sich immer stärker in den Gedanken hineinschraubte, dass diese hinreißende junge Dame genau die Frau fürs weitere Leben sein könnte, appellierte an sein Selbstbewusstsein, dieses Verhör möglichst bald zu beenden. Er überlegte, ob er Brenda einen Spaziergang durch den bereits erwähnten Garten vorschlagen sollte. Doch kaum hatte er sich innerlich ein wenig in Position gebracht, schlug die nächste Frage ein.

»Was studieren Sie?«

Rosalie rief: »Aber das hat er doch schon erzählt! Germanistik bei Professor Fischer. Hörst du denn gar nicht zu!«

»Mir hat er das noch nicht erzählt, Mama, und ich habe ebenfalls ein Anrecht darauf, so wichtige Dinge zu erfahren.«

Traugott lächelte. »Geschichte und Deutsch, und zusätzlich noch Latein und Philosophie im Nebenfach. Aber angesichts der vielen gefallenen, verwundeten oder mit Berufsverboten belegten Lehrer wird es schwer sein, den Bedarf an Kollegen zu decken. Hinzu kommt die schlechte Bezahlung. Sie lässt die Gründung einer Familie kaum zu.«

»Um Gottes willen!«, rief Brenda, und Traugott musste davon ausgehen, dass die Empörung nicht gespielt war. »Da wird man ja zum Hungerleider. Wo arbeiten Sie denn richtig?«

»In einer Druckerei, Fräulein Adelstorff.«

Brenda sah ihn erstaunt an. »Und das geht mit diesem Dingsda?« Sie führte ihre rechte Hand zu ihrem linken Oberarm, etwa dahin, wo bei Busch der Armstumpf nur mühsam vom kurzärmligen Hemd verdeckt wurde. »Da laufen Sie ja nur mit halber Kraft.«

»Ich arbeite in einer Druckerei«, erklärte Traugott leicht gereizt. »Und zwar in der Redaktion. Meine Arbeit als Korrektor wird sehr geschätzt.«

»Interessant«, sagte Brenda, »alles sehr interessant, was Sie sagen. Ich glaube, ich zeige Ihnen mal den Garten. Wenn das Wetter besser wird, dürfen Sie sich gern einen Liegestuhl ausleihen. Ich habe früher fünfzig Pfennig dafür genommen. Man muss immer sehen, dass etwas in die Kasse kommt.« Sie sah ihn freundlich an. »Ich fahre heute Abend noch in die Stadt. Wenn ich Sie mitnehmen soll, sagen Sie nur Bescheid.«

»Sie haben einen Führerschein?«

»Wenn man einen Wagen besitzt, ist das durchaus sinnvoll.«

»Aber ist es überhaupt erlaubt, dass Sie als Frau, ich meine …«

»Onkel Tiberius hat mir eine besondere Fahrerlaubnis besorgt. In solchen Sachen ist er unschlagbar.«

»Entschuldigen Sie mein Erstaunen. Aber dass eine Frau mit einem Auto durch die Gegend fährt, ist doch ziemlich ungewöhnlich.«

»Da mögen Sie recht haben. Aber haben Sie bei der Wehrmacht keinen Führerschein gemacht?«

»Ich stand kurz vor der Fahrprüfung, als dieses Dingsda mein Leben gründlich veränderte.«

Beide lachten, und Traugott nahm an, das Eis sei nun gebrochen. Er sollte sich irren. Brenda erklärte ein wenig umständlich: »Nicht, dass ich Ihnen zu nahe treten möchte, aber als Frau – nehmen Sie das bitte nicht persönlich – könnte ich mich niemals an so ein Dingsda gewöhnen. Wenn Mann und Frau zusammen sind, ich meine richtig zusammen, im dunklen Schlafzimmer … Sie wissen, was ich meine … ich würde jedes Mal einen gehörigen Schreck kriegen, wenn der Dingsda mir zu nahe käme. Bitte nehmen Sie mir das nicht übel. Ich kenne Frauen, denen das gar nichts ausmacht und die auch keinen Aufschlag verlangen. Aber bei mir ist das anders.«

Traugott schluckte mehrere Male und sah Brenda tief in die Augen. »Sie haben einen sehr schönen Garten. Bitte teilen Sie Ihrer Frau Mutter mit, dass ich das Zimmer sofort mieten möchte. Ich zahle im Voraus. Ihr Angebot, mich im Auto mitzunehmen, nehme ich ebenfalls gern an, da ich den Bus nach Wandsbek nicht mehr bekommen werde.«

Mit einer gewissen Kälte fügte Brenda hinzu: »Sie können mir die Miete bar bezahlen. Sie erhalten umgehend eine Quittung. Oder Sie überweisen den Betrag auf mein Konto. Mutter besitzt sowas nicht.«

»Haben Sie denn ein eigenes Konto?«

»Ich habe freie Verfügungsgewalt über mein Konto, auch wenn es offiziell auf Onkel Tiberius’ Namen eingerichtet ist.«

Traugott sah die junge Frau länger an, als es geboten war. Sie hatte unglaublich flinke Augen, war überhaupt drahtig und machte einen sportlichen Eindruck. Dazu das Mädchengesicht, der schlanke, elastische Körper, und trotzdem diese volle Brust, die wie ein optischer Magnet wirkte.

Eine Woche nach seinem Besuch zog Traugott um. Zwei Kommilitonen halfen ihm, was bei zwei gesunden Armen kaum nötig gewesen wäre, sieht man einmal von dem Bücherkarton ab, der bereits ausgeliehene Werke aus der Staatsbibliothek enthielt, weil das Datum, an dem sich Busch zum ersten Staatsexamen anmelden musste, immer näher rückte. Brenda bot an, einige Kartons mit dem Auto zu transportieren. Doch die beiden Freunde hatten auch daran gedacht und einen alten Tempo organisiert.

Notgedrungen musste Traugott Bemerkungen über die schöne Vermieterin über sich ergehen lassen. Das konnte nicht ausbleiben, zumal die jungen Studenten entzückt waren über Brendas ungezwungene Art, mit der sie ihnen in kürzester Zeit die Köpfe verdreht hatte. So meinte der eine, wenn es hier solche Exemplare weiblicher Schönheit gebe, werde er in die Provinz ziehen.

Sooft es das Wetter erlaubte, saß Traugott im Garten und fertigte Exzerpte für seine Examensschrift an, soweit die Umstände es zuließen. Kam Brenda beispielsweise nach draußen, um Wäsche aufzuhängen, war es vorbei mit der Konzentration. Die reizende Frau war schon Grund genug, die Gedanken schweifen zu lassen.

Warf sie überdies noch Wäsche in der Weise über die Leine, die Hildegard Knef in ihren gewagtesten Filmrollen nicht überbot und die man der Jugend aus sittlichen Gründen nicht zumutete, geriet Traugott ins Grübeln. Eine solche Frau könne man nicht halten, brummelte er und spürte zugleich ein quälendes Verlangen nach einer Lebensgefährtin.

Irgendetwas stimmte mit der schönen Frau nicht – eine Vermutung, die sich erhärtete, als Traugott durch Neustadt schlenderte und in der vollbesetzten Schlachterei vom Chef des Hauses ungeniert angesprochen wurde. Er hatte sich nur ein wenig von den Strapazen der deutschen Literaturgeschichte seit Grimmelshausen erholen wollen, als Schlachtermeister Röhricht durch den Laden tönte, ob seine Vermieterin – gemeint war natürlich die junge Frau – noch in Hamburg beschäftigt sei, in jenem zwielichtigen Etablissement, das Hanseatischer Hof genannt wurde. Den Laden habe es nämlich schon vor dem Krieg gegeben, und damals hing draußen nicht nur eine rote Laterne, sondern die ganze Nacht über glühten solche Lampen, wie man sie von den Etablissements der Reeperbahn her kannte. Da rief eine andere Stimme durch den Laden: »Du kennst dich ja gut aus, Wilhelm!«

Die versammelte Kundschaft lachte laut, doch Röhricht ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. Auch von roten Telefonen, die auf kleinen Tischen platziert waren und von wo aus man Kontakte zum anderen Geschlecht anbahnen konnte, war die Rede. Die rundliche Schlachterfrau wollte wissen, ob Onkel Tiberius noch ab und zu vorbeischaue. Der sei ja auch so einer …

Traugott, der sein letztes Geld zusammengekratzt hatte, weil er einen regelrechten Heißhunger auf Knackwurst mit Brötchen und Senf verspürte, war froh, als er sich unter den neugierigen Blicken davonstehlen konnte.

An allem schien etwas dran zu sein, auch besagter Herr Tiberius stand eines Tages im Wohnzimmer. Brenda hatte sich gerade Bismarck und die deutsche Außenpolitik erklären lassen, als Tiberius sich in die Unterhaltung einmischte. Brenda schaltete blitzschnell um und erschien Traugott in allem, was sie sagte, frostig: »Es ist noch Kaffee da, auch Kekse kannst du dir nehmen, ansonsten befinden wir uns gerade in der Vorbereitung zum mündlichen Examen, und zwar bei Professor Fischer, der den Kandidaten viel abverlangt.«

»Ich will nicht lange stören«, sagte Tiberius, der immer ein Lächeln im Gesicht hatte, mal ein freundliches – dann kniff er die Augen eigenartig zusammen –, mal ein zum Grinsen abfallendes, wodurch das ganze Gesicht in eine Schieflage geriet. Ohne Traugott eines Blickes zu würdigen, sagte er mit leiser, klarer Stimme: »Ich wollte nur Rosalie sprechen. Richte ihr aus, dass es nichts wird mit der Rolle.«

Er verabschiedete sich, draußen heulte ein Motor auf, und Brenda sah ihren Mieter gutgelaunt an. »Das ist schon ein toller Kerl!«

Traugott stutzte. »Der Herr Tiberius?«

Brenda lachte laut los. »Ihren Bismarck meine ich natürlich. Doch Sie sehen so traurig aus, lieber Herr Busch. Plagt Sie das Examen?«

»Ach, wenn es nur das wäre, Fräulein Adelstorff. Meine Mutter schreibt aus Münster, dass es meinem krebskranken Vater immer schlechter geht. Überdies könne sie mir kein Geld mehr schicken, weil sie nicht wüssten, woher sie es nehmen sollten. Vater war selbständig und privat versichert. Solange er gesund war, stellte das kein Problem dar. Doch jetzt lasten Schulden auf dem kleinen Unternehmen …«

Brenda ergriff mit beiden Händen Traugotts Rechte. »Herr Busch, wenn es nur das Geld ist, so denken Sie einfach nicht daran. Ich will Sie gern monatlich unterstützen, und später, wenn Sie Gymnasialprofessor sind – mein Gott, klingt das gut, finden Sie nicht auch? –, setzen wir uns zum Kaffee zusammen, so wie heute, und machen einen Kassensturz und überlegen, wie es weitergehen soll.«

Traugott tupfte sich mit der Serviette den Mund, sah sie fast flehend an. »Liebes Fräulein von Adelstorff, könnten Sie sich nicht doch vorstellen, dass wir beide … ich meine, Sie und ich, gemeinsam einen Kassensturz …«

Brenda zog ihre Hände zurück und erhob sich. »Herr Busch, machen Sie sich bitte keine Hoffnungen. Unsere Lebenswege sind vom Schicksal sehr verschieden ausgerichtet, und wir sollten das so hinnehmen.«

George hat Geburtstag
[AUS KONRADS AUFZEICHNUNGEN]

Zweimal habe ich versucht, Konrad Adelstorff telefonisch zu erreichen. Fehlanzeige. Dann bin ich in der Mittagspause hinübergegangen in die Bahnhofstraße Nr. 6 und habe an der Gartenpforte geklingelt. Keine zehn Sekunden später stand mir ein riesiger Neufundländer gegenüber, und ich war froh, dass der hohe Gartenzaun uns trennte.

Der Hund hatte eine Engelsgeduld, blickte indifferent mal auf das Straßengeschehen, mal auf mich, als wollte er mir die Entscheidung überlassen, ob er gefährlich sei oder nicht.

Ich wusste aus den Akten, dass ich es bei diesem Besuch mit Hilde zu tun hatte, der Nachfolgerin von Paula. Fast schien es mir, als ob sie ein wenig Mitleid empfand, denn sie fügte bedauernd hinzu, ihr Mann sei ein vielbeschäftigter Musiker, der mehr die Zukunft als die Vergangenheit im Blick habe. Im Büro ärgerte ich mich darüber, dass ich nicht nachgehakt hatte, um herauszufinden, wo und wann Konrad Musik machte.

Kurz nach Feierabend klopfte es dreimal kurz und einmal lang. Henry Petersen wollte mir mitteilen, dass der Kulturausschuss einen Bericht von mir erwarte, in dem ich über den Stand meiner Forschungen berichtete. Er legte mir die neueste Ausgabe des Landboten auf den Tisch. Doch mein Blick fiel nicht auf den gelb markierten Bericht über mich und meine Arbeit, sondern auf eine Anzeige über Ahrensbergs lange Nacht. Die fand wie jedes Jahr im Lindenhof statt. Musikalische Schätze von gestern sollten auch dieses Mal gehoben werden. Dazu gab es Tanz und Vergnügen bis weit nach Mitternacht. Konrad Adelstorff und seine Band würden auftreten.

»Nicht das da unten sollen Sie lesen, den Bericht über Ihre Tätigkeit wollen die hören. Ob Ihnen danach noch nach Wein, Weib und Gesang zumute ist, lasse ich mal dahingestellt. Die erwarten Ihre Anwesenheit, ich natürlich auch. Danach haben wir erstmal Ruhe. Die Wahlen sind im nächsten Frühjahr. Da kommen wir ganz groß raus.«

Meine Frau hatte keine Lust mitzukommen. Ich kriegte nur zu hören, ich wäre zwanzig Jahre lang nicht mit ihr zum Tanzen gefahren, da frage sie sich wirklich, was mich jetzt dorthin ziehe.

Der Andrang war gewaltig. Konrad hatte in Norddeutschland einen Namen und galt als vorzüglicher Interpret von Beatles-Songs. Aber auch die Stones, Deep Purple, Ten Years After und die frühen Hits von Udo Lindenberg gehörten zu seinem Repertoire. Als Experte für Popkultur war er regelmäßig im NDR zu hören. Als Bob Dylan 2016 den Nobelpreis für Literatur erhielt, hat er das kompetent kommentiert.

Ich kenne Konrad Adelstorff nur vom Pressefoto. Vor langer Zeit sind wir uns mal begegnet, ich glaube, es war im Rathaus anlässlich einer Vernissage. Doch inzwischen hat er lange graue Haare, die er zu einem Zopf gebunden hat. Er trägt eine auffällig große Brille, als suche er Schutz vor unerwünschten Begegnungen. Im Unterschied zu seinen Eltern neigt er zur Fettleibigkeit.

Die Stimmung ist gut. Ich entdecke, dass jemand, der neben ihm sitzt, Anstalten macht aufzustehen. Ich drängle mich vor und setze mich frech auf den Stuhl. Konrad, der gerade mit jemandem spricht, dreht sich zu mir um und sagt kurz angebunden: »Besetzt!«

»Nur eine kurze Frage an den Beatles-Experten. Ich habe nämlich einen Musikwunsch, den Sie mir hoffentlich erfüllen können.«

»Kommt drauf an«, antwortet er schon etwas verbindlicher.

»In anderthalb Stunden hat George Harrison Geburtstag. Das ist doch die Gelegenheit, reinzufeiern. Meine Musikwünsche für diesen Abend sind folglich While My Guitar Gently Weeps und My Sweet Lord. Old Brown Shoe wäre auch nicht schlecht.«

Konrad staunt, sieht mich einige Sekunden fragend an. Ich stelle mich kurz vor: Schreiber, Hans-Georg. Nun platzt es aus ihm heraus: »Mensch, so was hast du in der Birne! Das ist ja phänomenal. Darauf backen wir einen.«

Er reicht mir die Hand, und ich habe für einen Augenblick das Gefühl, in das Gesicht seines Vaters zu sehen.

Er greift zum Mikrofon, um eine Durchsage loszuwerden: »Liebe Leute, in knapp einer Stunde feiern wir einen bedeutenden Geburtstag. Unser Freund Hans-Georg Schreiber hat mich eben drauf aufmerksam gemacht, dass der morgige Tag der Geburtstag von George Harrison ist. Hans-Georg hat mir auch verraten, welches Lied er sich wünscht, nämlich While My Guitar Gently Weeps. Wir brauchen viele Gäste, die mitsingen. Den Text findet ihr online.«

Die Sache wird ein voller Erfolg. Um 23.59 Uhr schallt der Countdown aus hunderten von Kehlen. Um null Uhr steht der ganze Saal musikalisch in Flammen. Konrad sitzt am Flügel und hämmert in die Tasten. Der Gitarrist leistet ganze Arbeit. Der Schlagzeuger ist einfach unschlagbar.

Als die Uhr auf eins zuläuft und die ersten Gäste den Saal verlassen, kommt Konrad auf mich zu. »Hans-Georg, ich möchte dir ein Bier spendieren. Ich habe immer gedacht, ich wäre im Hamburger Umland der Beatles-Experte weit und breit. Nun stelle ich mit Freude fest, es gibt noch andere Freaks in der Szene. Wir müssen uns unbedingt austauschen. Ich plane ein Beatles-Konzert im Herbst, am liebsten wäre mir Neustadt, aber die rühren sich nicht.«

Ich grinse ihn an. »Ich werde Montag mal mit dem Chronisten der Stadt sprechen. Den kenne ich gut. Der ist auch für Kulturveranstaltungen zuständig.«

»Hör bloß auf, mit dem habe ich mal telefoniert. Der gehört zu den Ahnungslosen dieser Erde.«

Ich grinse noch immer.

»Oh, Scheiße!«, ruft er. »Tut mir wirklich leid. Aber bei den schlechten Lichtverhältnissen und meinen noch schlechteren Augen. Du warst vor einiger Zeit im Landboten. Die Genossen wollen, dass dein Buch über die Stadt endlich fertig wird. Also, wenn du Hilfe brauchst. Ich kenne die doch alle.«

Er blickt auf die Uhr. »Einen Song spielen wir noch. Hast du eine Idee?«

»Let It Be. Das passt jetzt am besten.«

»Abgemacht, aber wir müssen uns unbedingt wiedersehen.«

»Ich würde gern zu dir kommen, aber dein Hund mag mich nicht, und mit deiner Frau bin ich nicht handelseinig geworden.«

»Dann warst du der Typ, der etwas über meine Mutter wissen wollte? Ich habe ja prinzipiell nichts dagegen. Ich will nur vermeiden, dass noch mehr Scheiß über sie geschrieben wird. Du bist also herzlich eingeladen. Wann hast du Zeit?«

»In dieser Woche, Mittwochabend, gegen 17 Uhr. Aber keinen großen Aufwand.«

»Wir können was beim Pizza-Service bestellen. Bier und Wein habe ich im Keller.«

Die Lieder waren eine Revolution

Wir sitzen seit einer halben Stunde in Konrads Arbeits- und Musikzimmer. Der Neufundländer liegt auf meinen Füßen. Von Zeit zu Zeit streichle ich seinen Kopf, was er besonders gern mag. Wir haben uns schnell angefreundet.

Konrad reicht mir die Hand. »Um es hochoffiziell zu machen: Ich heiße Konrad, was dich nicht sonderlich überraschen wird.«

»Hans-Georg«, sage ich und schlage ein. Der Chardonnay gluckert in die Gläser. Wir stoßen an. Konrad fragt, ob er ein paar Schallplatten auflegen soll.

»Richtige LPs?«, frage ich.

Man sieht ihm den Stolz an. »Alles originale Alben aus der guten alten Zeit. Wenn wir in der Bravo vom Erscheinen eines neuen Albums erfuhren, das eine Woche später in den Handel kam, waren wir nicht zu halten. Die Platte gab es natürlich nicht hier in Neustadt. Da war nur das Elektro-Fachgeschäft von Griese, das heute noch existiert. Doch beim alten Griese, genauer muss es natürlich beim uralten Griese heißen, fand die Beatles-Revolution nicht statt. Der hatte ein Dutzend Platten im Schaufenster, von Rudolf Schock, Johannes Heesters, Freddy Quinn und natürlich Heintje. Also mussten wir nach Ahrensberg oder gleich mit der S-Bahn nach Hamburg.«

Es klingelt an der Haustür. Der Neufundländer blafft, macht aber keine Anstalten, den Wachhund zu spielen. Konrad kehrt zurück. »Auf unseren Pizza-Service können wir stolz sein. Wenn unsere Stadtverwaltung so termingerecht arbeiten würde … die Abteilung Chronik natürlich ausgenommen. Also: Prost. Aber noch mal zu Sonntag, Die Sache mit George Harrison war eine geile Nummer. Und dann wir beide, wie wir Let It Be gesungen haben. Werde ich dir nie vergessen. Aber ich seh, du wirst ganz hippelig. Dich drückt die Chronik, wie du mir erzählt hast. Du willst, dass die Geschichte von Traugott und Brenda zu ihrem Recht gelangt, kannst die Geschichte in der Chronik aber nicht groß ausbreiten.«

Ich nicke. Konrad schenkt Wein nach. Er sieht mich erwartungsvoll an.

»Ich habe in den letzten Tagen viel nachgedacht«, sage ich. »Die Beatles haben in meinem Leben eine entscheidende Rolle gespielt. Dabei begreife ich bis heute nicht, warum meine Eltern sich so über die vier aufgeregt haben. Ich sehe meine Mutter noch die Zeitung lesen, draußen in unserem Garten, als plötzlich ein Aufschrei ertönt.

Da sind vier englische Musiker, die sich die Haare wachsen lassen. Das war der Auftakt zum Weltuntergang. Am liebsten hätten meine Eltern mir verboten, diese Musik zu hören. Aber das war nicht möglich. Die schlichten, eingängigen Lieder waren eine Revolution, und Revolutionen haben es nun einmal an sich, dass sie nicht zu stoppen sind. Sonst sind sie keine Revolutionen, allenfalls Rebellionen.

Ich habe den vier viel zu verdanken. Sie haben mir nichts Geringeres als Freiheit gebracht, keine politische Freiheit, sondern Lebensfreiheit. Ihr Auftreten, ihr Aussehen, die sich konsequent weiterentwickelnde Musik, diese anspruchsvolle Liedkultur – das waren unsere Waffen gegen die Generation unserer Eltern, mit denen zumindest ich mich im mentalen Dauerkriegszustand befand. Unsere Eltern waren durch die Zeitumstände verbogen worden. Sie wollten Vorbilder sein, hatten aber überhaupt nicht die Fähigkeit dazu, weil man ihnen selbst jegliche Vorbilder genommen hatte. Sie wussten genau, wie man zu leben hatte, was sich gehörte und was nicht. Und das sollte ich durch ihre Erziehung in mich aufnehmen. Wichtiger als irgendein Schulbuch war die Lektüre von Benimm-Büchern, beispielsweise des beliebten Lebenshilfebuches Der gute Ton. – Die Beatles haben es möglich gemacht, dass wir unseren eigenen Weg gehen konnten.«

»Das hast du schön gesagt, wir sollten alles in Ruhe erörtern, gerade das mit der Revolution. Jetzt zu deinem Anliegen. Du willst etwas über meine Mutter erfahren. Dass ich da ein Wörtchen mitreden will, wirst du verstehen. Ich bin auch nur deswegen dafür, über ihr Leben etwas zu erzählen, weil so viele widerliche Dinge über sie verbreitet wurden, dass ich mich zu einer Art Gegendarstellung gezwungen sehe.

Natürlich benötigt man Quellen für so ein Unternehmen. Früher befanden sich die Briefe der beiden im schriftlichen Nachlass. Doch wir hatten einen Wasserschaden, und infolge dessen ist viel beseitigt worden. Meine Ex-Frau Paula hat damals einiges mitgenommen, um nicht zu sagen: geklaut. Ich vermute einmal, dass sie die Briefe hat. Ich kann auch vieles erzählen, was mir von meinen Eltern später mitgeteilt wurde. Die gute Nachricht vorweg: Traugott Busch ist mein leiblicher Vater, auch wenn ich ihn lange Zeit Onkel genannt habe …«

Von leeren Brieftaschen und von Glück und Treue …

KONRAD ERZÄHLT VON BRENDA

Sie hat mir erzählt, irgendwann, als sie dreizehn oder vierzehn war, habe sie vor dem großen Wandspiegel im Schlafzimmer ihrer Mutter beschlossen, aus ihrem Körper kommerziell etwas zu machen. Fotomodel schwebte ihr vor.

Der Auslöser war jener Onkel Tiberius, der Rosalies Geliebter, zugleich aber väterlicher Freund war, denn Rosalie litt unter einer chronischen Geldnot. Sie war einfach auf einen Mann angewiesen, der mit beiden Füßen Bodenhaftung hatte. Lebensnotwendig war das besonders in Krisenjahren, von denen Deutschland ja genug zu bieten hatte.

Tiberius kam aus der Filmbranche und half, wo er konnte. Brenda hasste die Abhängigkeit von anderen, aber mehr noch hasste sie Armut, diesen Abgrund, an den die Mutter sie des Öfteren geführt hatte.

Eines Abends, in einem Berliner Hotelzimmer, gab es irgendetwas zu feiern, und die drei stießen gutgelaunt an. Tiberius schenkte Rosalie ständig Rotwein nach. Die ließ es geschehen, während sie mit einer gespielt fröhlichen Resignation zu ihrer wohlgewachsenen Tochter hinüberblickte, als müsste sie sich für alles, was da noch kommen sollte, entschuldigen.

Brenda erzählte später, an den Blicken des Onkels sei ihr klargeworden, dass sie an diesem Abend dran war. Zunächst war ihre Hoffnung, Müdigkeit vorzutäuschen. Doch Tiberius fing an, sie zielgerichtet mit der ganzen Erfahrung eines Lebemanns zu entkleiden, während Brenda lustlose Abwehr leistete. Mit einem Mal begriff sie, dass hier ein abgekartetes Spiel stattfand.

Brenda verstand schlagartig das merkwürdige Verhalten ihrer Mutter, die seit geraumer Zeit mit Gesten und Bemerkungen um Verständnis für das bat, was sie nicht auszusprechen wagte. Auch das ständige vertrauliche Lächeln des Freundes, das eine gewisse Vorfreude auszudrücken schien, sowie dubiose Bemerkungen oder anzügliche Komplimente deutete sie im Nachhinein so, dass es irgendeinen Deal gegeben hatte. Aber erst im nächtlichen Hotelzimmer begriff Brenda vollends, um was es sich handelte.

Als Rosalie im Nebenraum das Bett vollkotzte, begutachtete Tiberius den herrlichen Mädchenkörper, den er mit gezügelter Begierde genoss. Brenda ließ das alles über sich ergehen. Tatsächlich versuchte sie eine Erklärung dafür zu bekommen, was in diesen Mann gefahren war, den sie Stunden zuvor noch als väterlichen Onkel erlebt hatte, der jetzt nur Wollust zu empfinden schien und sich der nackten Brenda bediente, als hätte er es mit einem kalten Buffet zu tun.

Als er fertig war (was einige Zeit in Anspruch nahm), rauchte er eine Zigarette. Gönnerisch bot er Brenda eine an. Doch die würdigte ihn keines Blicks. Er zog sich an und begab sich in sein Zimmer, das um einiges komfortabler war als das der beiden Frauen.

Rosalie ging es am nächsten Morgen nicht gut. Sie rauchte eine Zigarette nach der anderen. Brenda hatte nach der Tat lange geduscht. Danach passte sie einen günstigen Moment ab und entnahm Tiberius’ Brieftasche sämtliche Geldscheine. Anschließend fuhr sie mit dem Fahrstuhl nach unten, betrat die Hotelbar, schlug die schlanken Beine übereinander und bestellte schwarzen Kaffee.

Tiberius fürchtete, sich in die junge Frau zu verlieben, eine Gefühlslage, die er unbedingt vermeiden wollte. Da kam ihm Brenda zu Hilfe. Als er sie auf die Banknoten in seiner Brieftasche ansprach – er tat es auf seine humorvolle Art –, wurde ihm mitgeteilt, dass dies nur eine Anzahlung gewesen sei. Wollte er ein zweites oder drittes Mal von ihrem Körper Gebrauch machen, würde der Spaß um einiges teurer werden.

Rosalie war und blieb die alte Freundin, der Tiberius weiterhin half. Da war er ein Ehrenmann alter Schule. Brenda hingegen betrachtete er wie ein Naturwunder, wie eine Raubkatze, die im Dschungel ihre eigenen Wege geht.

Er nahm sie mit zu Filmaufnahmen, stellte sie einflussreichen Männern vor und lud sie eines Tages ein, mit ihm den Hanseatischen Hof zu besuchen, eine Art Vergnügungs- und Erholungseinrichtung der gehobeneren Klasse, die sich nicht weit von Ahrensberg in der Geborgenheit der hamburgischen Walddörfer etabliert hatte.

Vor dem ersten Krieg war dies ein Hotel gewesen, um gutbetuchten Feriengästen die Sommerfrische so angenehm wie möglich zu machen. Vorteilhaft war die Nähe zur Stadt. Ein Anruf genügte, und der Geschäftsmann war in kürzester Zeit in sein Kontor zurückgekehrt, wo er vielleicht dringend erwartet wurde.

Der Hanseatische Hof bot einige Zimmer an, für den Fall, dass der Geschäftsmann ein Doppelzimmer für sich und eine bzw. seine Dame suchte. Unter diesen Umständen konnte er hier die nötige Diskretion erwarten. Man war unter sich, traf sich beim Billard oder im russischen Bad, oder genoss die waldreiche Umgebung.

Brenda begleitete Onkel Tiberius, ließ sich in die Gesellschaft vermögender Männer von Welt einführen und entleerte weitere Brieftaschen. Eines Tages erhielt sie ein Angebot vom Inhaber einer Werbeagentur. »Wissen Sie eigentlich, was für ein interessantes Gesicht Sie haben, meine Liebste?«

Brenda antwortete, indem sie ihre wohlgeformte Nase intuitiv anhob: »Ja.«

Die Geschäftsführung wurde auf sie aufmerksam, da sie es verstand, die Gäste an das Haus zu binden. Trotz ihrer Jugend wurde Brenda fest eingestellt, da eine ihrer Spezialitäten das Anwerben junger Frauen war. Ihre Maxime lautete: Die Frauen verkauften nicht nur ihren Körper, sondern auch ihre Liebe, denn das war es, was die männliche Gesellschaft vorgerückten Alters am meisten begehrte: von einem jungen weiblichen Wesen geliebt zu werden. So jedenfalls brachte es ein Bankier auf den Punkt, der zu den Stammgästen des Hanseatischen Hofs zählte. Und ein anderer gern gesehener Kunde, ein Reeder, meinte, was zähle schon die leere Brieftasche, wenn man innerhalb eines Wochenendes dem wahrhaftigen Glück in die Augen sehen dürfe. Er setzte hinzu: Und bis zum nächsten Aufenthalt das Gefühl bewahre, man werde nicht nur geliebt, sondern erfahre auch Treue.

Im Hanseatischen Hof wurde viel gelacht und gescherzt, und das klassische Do ut des bildete die stillschweigende Übereinkunft, dass auch die engagierten Damen auf ihre Kosten kamen. Brenda sorgte dafür, dass sie den Hanseatischen Hof am Freitagabend in extravaganter Garderobe betraten. Die reichen Geschäftsleute hatten großen Spaß daran, sich bei der Ausstattung ihrer attraktiven Begleiterinnen zu überbieten.

Es hieß, der Portier würde Herrschaften, die in normaler Straßenkleidung aufkreuzten, höflich daran erinnern, dass Abendgarderobe erwünscht sei. Es war eine geschlossene, auf ihre Weise dennoch erstaunlich tolerante Gesellschaft, die sich hier amüsierte und dabei ihre eigenen Wege ging.

Onkel Tiberius blieb Rosalie und Brenda gewogen, half ihnen kurzfristig mit kleineren Beträgen aus. Brenda gegenüber wurde er wieder ganz der alte Onkel, seit er wusste und selbst erlebt hatte, wie die junge Frau sich im Hanseatischen Hof in kürzester Zeit in der Geschäftsführung hochgearbeitet hatte. Brendas Blick für reiche Herren verhalf ihr zu einem kleinen Vermögen. Je mehr dieses anwuchs, desto geiziger wurde sie. Das bekam Rosalie zu spüren, die mehr als einmal behauptete, der Erfolg ihrer Tochter sei nur auf sie, die Mutter, zurückzuführen.

»Und was ist mit einem Vater? Von dem war noch gar nicht die Rede.«

Konrad grinste: »Da hatte Brenda eine reiche Auswahl. Ihr Name ist ja englischen Ursprungs, was die Vermutung nährte, Rosalie habe mit einem Schauspieler in London eine Affäre gehabt. Es kam aber auch eine Handvoll anderer Männer infrage. Kurzum: Sie wusste es nicht mehr. Tiberius trat erst später in ihr Leben. Gott sei Dank, möchte man erleichtert ausrufen.«

KONRAD ERZÄHLT WEITER

Trotz aller Gerüchte, die durch Neustadt an der Bille schwirrten: Traugott Busch lebte gern in dem Haus in der Bahnhofstraße Nr. 6. Morgens trank er Kaffee mit Rosalie und erörterte die weltpolitische Lage. Dabei überschüttete Rosalie ihren Mieter mit Fragen für die Prüfungsvorbereitung: »Was bedeutet dieses Grunzgesetz eigentlich?« (Es schien kein Versprecher zu sein, denn mehrfach sprach sie von Grunzgesetz.) »Heißen wir hier wirklich Trizonesien? Was halten Sie von der Deutschen Demagogischen Republik?«

Professor Fischer war dafür bekannt, dass er in der Examensprüfung auch aktuelle politische Fragen ansprach, und das nicht, um den Prüfling vorzuführen, sondern um ihm die Chance zu geben, die Gegenwart aus der Historie heraus zu verstehen.

»Hierzu helfen ihm meine Fragen«, versicherte Rosalie, während Brenda bemerkte: »Stell bloß nicht so schwere Fragen. Das verunsichert ihn nur, und am Ende fällt er durch.«

Dabei lächelte sie Traugott so verführerisch an, dass dieser ernsthaft überlegte, lieber draußen in der Feldmark zu üben. Er nannte das seine Gedankengänge, wenn er seinen Fragenzettel abarbeitete und freies Sprechen übte. Wer sich über den zu einem imaginierten Publikum redenden Wanderer wunderte, waren allenfalls die Kühe, die ihn manchmal ein kleines Stück seines Wegs begleiteten, denn Kühe sind neugierige und gesellige Zeitgenossen. Nur ein elektrisch geladener Weidezaun hielt sie davon ab, Traugott zu nahe zu kommen.

Das Haus mit dem großen Obstbaumgarten gehörte mittlerweile Brenda. Onkel Tiberius hatte es ihr überschrieben, Rosalie erhielt ein lebenslanges Wohnrecht. Eine gute Entscheidung, fand Brenda, da Tiberius weder Frau und Kinder noch nähere Verwandte hatte.

Das war im Frühjahr vollzogen worden. Ein paar Tage später traf das Telegramm ein, das den Tod des alten Busch im fernen Münster anzeigte.

Als Traugott auf Brenda zuging, um ihr das traurige Ereignis mitzuteilen, legte die ihm den Zeigefinger auf die Lippen und nahm den Freund in den Arm. Dann sagte sie mit leiser, aber fester Stimme: »Ich gehe nachher zum Bahnhof und besorge Ihnen einen Fahrschein erster Klasse. Sie brauchen sich um nichts zu kümmern. Ihnen werden keine Kosten entstehen.«

»Aber das kann ich nicht annehmen. Sie tun schon so viel für mich.«

Brenda lächelte. »Sie sind bald Gymnasialprofessor, dann klären wir alles.«

Die Prüfungen nahten. Eigentlich benötigte Traugott jede freie Minute für die Präparation, hätten ihn nicht andauernd Gedanken eingeholt, die in den Tagen der Beerdigung zur Belastung geworden waren. Nach den Trauerfeierlichkeiten blieb Traugott noch eine knappe Woche, um der Mutter beizustehen.

In Anwesenheit des Priesters, der seit fünfundzwanzig Jahren der Familie verbunden war, berichtete Traugott von der jungen Tochter seiner Vermieterin, der durch die Großzügigkeit ihres Onkels ein Haus zugefallen war. Sie sei zwar Protestantin (wie fast alle in holsteinischen Landen), aber inzwischen sei man in diesen Fragen großzügiger. Die vielen Flüchtlinge aus Ostpreußen und Schlesien hätten den Anteil katholischer Bevölkerung ohnehin anwachsen lassen. Beide Konfessionen würden sich im Laufe der kommenden Jahre sicherlich angleichen.

Das sah der Priester anders. Er hielt gar nichts von der Mischehe. Und als er hörte, die junge Frau sei abends in einem Hotel beschäftigt, fahre mit einem eigenen Auto durch die Gegend und sei auf Werbefotos zu sehen, wurde er äußerst misstrauisch. Die Modernität, die sich in diesen Fragen nach dem furchtbaren, sittenzerstörenden Krieg entfaltet habe, erfordere eine gründliche Prüfung. Der Sittenverfall um die Großstadt Hamburg herum lasse ihn nichts Gutes ahnen.

Der Tag der ersten Staatsprüfung war da, gefolgt von der zweiten, der Germanistikprüfung. Den Auftakt hatte eine halbstündige mündliche Philosophieprüfung gebildet, die zum Höheren Lehramt befähigte. Kandidat Busch brillierte und schloss in allen drei Disziplinen mit sehr gut ab.

Brenda holte den Freund vom Prüfungsamt ab. Sie fuhren nach Neustadt, stießen mit Rosalie an und aßen in einem nahe gelegenen Ausflugsrestaurant zu Mittag. Ende des Monats fand der Examensball statt.

Im Hanseatischen Hof
[NACH DEM BRIEFWECHSEL TRAUGOTT-BRENDA]

Es waren ungewöhnlich warme, wenn nicht heiße Oktobertage, als Traugott in der Tür auftauchte und in den Garten blickte. Brenda schien ihn zunächst nicht gehört zu haben. Sie stand unter dem Apfelbaum, pflückte und probierte die herrlichen Früchte. Auch für Traugott nahm sie jetzt einen Apfel vom Baum und überreichte ihn ihm mit einem anmutigen Lächeln.

»Kann ich Sie kurz sprechen, Fräulein Adelstorff?«

Brenda sah ihn ernst an. »Mit kurz werden wir wahrscheinlich nicht auskommen, Herr Busch. Sie werden mich im Laufe des Gesprächs fragen, ob ich Ihre Frau werden will. Sie werden mir erklären, warum ich zu diesem Zweck in die katholische Kirche eintreten müsse, der ich vor einigen Jahren immerhin mit gutem Gefühl den Rücken gekehrt habe. Die von Adelstorff seien immerhin alter schlesischer und damit katholischer Adel gewesen, werden Sie mir erklären. Sie werden mich wahrscheinlich mit dem Umstand zu überzeugen suchen, dass wir beide jungfräulich in die Ehe gehen werden. Ich erinnere mich, wie Sie in einem früheren Gespräch sehr stolz darauf waren, dass Ihre zukünftige Frau einen unberührten Mann ehelichen werde (was ja heute eher ungewöhnlich ist). Sie haben das in der Beichte auch bekräftigt, wie sie mir vertraulich gestanden haben. Das Gebot der Keuschheit ist ein wichtiger Grundsatz in Ihrem Glauben. Ich bewundere Sie, dass Sie derart glaubensfest sind. Aber gerade deshalb müssen wir es bei Freundschaft belassen.«

Traugott zitterte und schwieg.

»Ich kann das nicht glauben«, murmelte er schließlich. »Es hängt – so befürchte ich – wohl doch mit dem Dingsda zusammen. Sie haben ja recht, dass keine Frau so etwas ertragen mag. Was ist denn so schlimm daran, wenn ich mir die Disziplin abringe und unberührt in die Ehe gehe? Ich bin nun einmal so erzogen. Ich hätte zur Hure gehen können, aber da hätte ich mir womöglich nur eine Krankheit eingefangen. Gott hat uns Gesetze aufgegeben. Warum sollen wir nicht nach seinen Geboten zusammenleben?«

Sie nickte ihm zu. »Haben Sie schon einmal eine nackte Frau gesehen?«

Traugott schluckte. »In Frankreich, vor sechs Jahren. Die Résistance hatte drei Frauen beschuldigt, mit den Deutschen zusammengearbeitet zu haben. Sie waren brutal hingerichtet worden und wurden – so wie Gott sie erschaffen hatte – kopfüber aufgehängt.«

Sie schwiegen, bis Brenda sagte: »Ich mache jetzt vielleicht einen großen Fehler. Aber ich möchte Ihnen zeigen, wie ich wirklich bin, und dass mich der Dingsda überhaupt nicht stört. Ich lade Sie für heute Abend ein. Ich habe frei und führe Sie dorthin, wo ich arbeite und mein Geld verdiene. Dort wo wir hinfahren werden, bezahlt der Herr für die Dame. Deshalb werde ich Sie mit einigen Scheinen ausstatten. Und Sie haben hoffentlich noch ihren Anzug im Schrank, den Sie für die Prüfung getragen haben. Eine Krawatte ist ebenfalls erforderlich …«

KONRAD ÖFFNET EINE WEITERE FLASCHE

Er schenkt nach. »Ehrlich gesagt, nun kommt für mich der verrückteste Teil der Geschichte. Vater hat sie mir erzählt, später auch im Beisein meiner Mutter. Beide haben sich köstlich amüsiert, während Vater doch Zweifel kamen, ob das alles nicht anders hätte verlaufen können. Je älter er wurde, desto mehr trauerte er einer anderen, nicht gelebten Vergangenheit nach. Es sei am Ende doch lächerlich gewesen, woran man gescheitert sei. Und all das ließ sich nur bedenken, wenn man diesen verrückten Abend und die dazugehörige Nacht nicht aus dem Auge verlor, wobei – das sei vorweggenommen – Brenda mit hohem Einsatz spielte.«

Brenda trug ein dunkles seidenes Sommerkleid. Sie fuhren in den Hanseatischen Hof, wo an diesem Abend nicht viel los war. Traugott bestaunte die vier, fünf Sportwagen, die vor dem Haus parkten. Ganz aufgeregt wurde er, als ihnen im Eingang ein bekannter Schauspieler den Vortritt ließ und sogleich fröhlich ausrief: »Die liebe Brenda! Wie schön, dass Sie uns den Abend vergolden.«

Brenda machte die beiden Herren miteinander bekannt. An der Bar, wo sie zwei Cocktails bestellte, wurde sie ebenfalls freundschaftlich begrüßt. Allerdings wunderte man sich über den armamputierten jungen Mann an ihrer Seite, den man hier noch nie gesehen hatte.

Kurz darauf stellte sich Reeder Hinrichs zu ihnen. Brenda ließ es sich nicht nehmen und sagte: »Wenn Sie erlauben: Gymnasialprofessor Busch.«

Hinrichs strahlte gutgelaunt, machte eine kleine Verbeugung und sagte trocken: »So weit habe ich es leider noch nicht gebracht, gebe aber zu, dass Reedereiprofessor irgendwie was hätte. Doch wie ich sehe, sind wir Leidensgenossen.«

Er trat zwei Schritte zurück und schlug mit seinem kostbar gearbeiteten Krückstock zweimal kräftig gegen sein rechtes Bein, was einen stumpfen Knall erzeugte. »Da können Sie sich nun aussuchen, was schlimmer ist: Arm dran oder Bein ab.« Er lachte meckernd über den altbekannten Kalauer.

Brenda schlug vor, eine Runde Billard zu spielen. Außerdem habe sie noch nicht viel im Magen. »Womit möchten Sie beginnen?«

Traugott zögerte und meinte, ein kleines Abendbrot wäre gut.

»Dann müssen Sie mich stilgerecht einladen. Geld haben Sie ja genug.«

Das Fünf-Gänge-Menü wurde nach draußen auf die Terrasse verlegt, von wo man einen herrlichen Blick auf die herbstbunte Parkanlage hatte. Das Abendrot spiegelte sich in der glatten Wasseroberfläche. Traugott genoss die Atmosphäre, die laue Luft, die Ruhe, den fast vollen Mond, der sich aus den Baumwipfeln hervorarbeitete. Lästig waren allenfalls die Mücken, die vom See herüberkamen.

In der Bar wurde getanzt. Dabei ging es recht freizügig zu. Intimitäten wurden zur Schau gestellt. Traugott, der kein guter Tänzer war, dachte: So tanzen keine Ehepaare. Sie gingen noch einmal zur Bar zurück, bestellten zwei weitere Cocktails.

»Kommen Sie mit«, sagte Brenda und wies in Richtung Treppe. »Ich zeige Ihnen mein Büro.«

Im Flur und im Treppenhaus irritierten Traugott die Aktfotos und die erotischen Werke alter Meister.

»Sind die echt?«, wollte er wissen.

Brenda lächelte milde. »Leider nein. Es sind Kopien, aber alle haben mit Eros, dem Gott der Liebe und der Sexualität, zu tun.«

Traugott trat näher an eines der Gemälde heran. »Widerlicher alter Wüstling«, begann er seine Kommentierung. »Der Greis macht sich an die pralle junge Schönheit heran, deren Blick allerdings nicht eindeutig ist. Überlegt sie noch, was der Wüstling auf den Tisch zu blättern hat? Die beiden sehen einander nicht in die Augen, aber sie lächeln süffisant, wobei der Wüstling die Schöne zu sich heranzuziehen sucht. Die zögert noch, ob sie sich ihm überhaupt hingeben soll.«

Brenda lachte. »Wir sollten öfter in die Kunsthalle fahren. Sie haben einen Blick für die Dinge.«

»Nun verraten Sie schon, was ich übersehen oder fehlgedeutet habe. Aber ich bin noch längst nicht fertig. Im Hintergrund sieht man eine zweite Frau, vor allem aber hängt der Blick an der brennenden Stadt. Ich vermute, wir sehen das untergehende Troja. Dann sind unser Liebespaar im Vordergrund Menelaos und Ehefrau Helena. Er ist alt geworden und will endlich nachholen, wozu zehn Jahre keine Gelegenheit bestand. Doch die zwielichtige Ehefrau überlegt noch, ob sie an alte Zeiten anknüpfen soll.«

»Bravo, mein lieber Busch. An Ihnen ist ein Kunstkritiker verloren gegangen, oder ein versierter Kriminalkommissar. Wünschen Sie die Auflösung des Rätsels?«

»Auf jeden Fall.«

»Nun, die Geschichte, die hier erzählt wird, stammt aus Ihrer Bibel und ist in meinen Augen kaum jugendfrei zu nennen. Es geht um nichts Geringeres als Inzest. Lot kann mit Frau und Töchtern aus Sodom und Gomorrha fliehen, während die Mutter auf der Flucht zur Salzsäule erstarrt. Lot vegetiert mit seinen gebärfähigen Töchtern im fernen Gebirge. Was fehlt, sind Männer. Das Geschlecht droht auszusterben. Da beschließen die beiden Frauen, den Vater abends betrunken zu machen und mit dem schlafenden Alten zu kopulieren. Die Bibel nennt das: sich zu ihm zu legen.

Gesagt – getan. O biologisches Wunder! Neun Monate später werden zwei Knaben geboren, aus denen neue Stämme hervorgehen werden, die Moabiter und die Ammoniter. Die Preisfrage für jeden Maler ist nun, darzustellen, ob …«

»… ob das überhaupt geht, den Alten so besoffen zu machen, dass er von dem Geschlechtsakt nichts mitbekommt.«

»Das Gemälde wurde 1537 von Albrecht Altdorfer gemalt. Otto Dix, ein von den Nazis verfolgter Künstler, hat das Thema 1939 aufgegriffen. Doch das sollten wir ein andermal betrachten. Leider habe ich nur eine sehr schlechte Reproduktion davon.«

Traugott staunte über die Großzügigkeit, die überall vorherrschte. »Wozu brauchen Sie zwei Telefone?«, wollte er wissen.

»Mit dem roten Apparat erreiche ich alle Mitarbeiter innerhalb des Hauses. Mit dem andern kann ich in der ganzen Welt herumtelefonieren.«

Sie schloss ein Zimmer auf, schaltete das Licht ein. Ein schwacher rötlicher Schein lag über allem, die laue Luft schien stillzustehen.

Es klopfte. Der Kellner brachte Sekt. »Danke, Jean, wir wollen nicht mehr gestört werden.«

Dann wandte sie sich dem Freund zu, der gerade einen Liebesakt aus der Antike bestaunte.

»Willst du Sekt?«, fragte sie. »Wir können ihn auch nachher trinken.«

Durch Traugotts Körper ging ein Vibrieren. Er dachte: Sie hat dich geduzt, und das in dieser sündhaften Sphäre. Was passiert, wenn sie sich vor dir auszieht und nackt vor dir steht?

Sie fuhr ihm mit der Hand über den nassen Rücken, zog ihm das Jackett aus und streichelte den Dingsda. Sie küsste ihn, streifte ihr Kleid ab, das zu Boden glitt. Gleich darauf zog sie ihn auf das breite Bett, wo sie sich bis in die Morgenstunden miteinander beschäftigten.

Er zog aus und war weg

Rosalie steht im Flur und wischt sich die Tränen aus dem Auge. Alles ist so schnell gegangen. Aus Kiel kam ein Telegramm. Die Kultusbehörde bot Traugott eine Referendariatsstelle in Husum an. Der nahm sofort an. Was gestandene Lehrer als Strafversetzung empfunden hätten, denn die graue Stadt am Meer schien außer Theodor Storm nichts Großartiges zu bieten, war für den angehenden Lehrer ein Befreiungsschlag.

Brenda dachte nicht an eine Ehe, gestaltete den Abschied vielmehr unterkühlt. Von der langen Liebesnacht war ebenso wenig die Rede wie von finanziellen Angelegenheiten. Traugott zog aus und war weg.

Er stürzte sich in die Arbeit und galt sowohl im Kollegenkreis als auch bei seiner vorgesetzten Behörde als Lichtblick und zukünftiger Schulleiter, obwohl er inmitten der Ausbildung steckte und das Referendariat noch längst nicht abgeschlossen war. Seine Bezüge waren ausgesprochen dürftig, so dass an Urlaub oder längere Reisen nicht zu denken war. Münster! Das stand natürlich ganz oben auf der Liste.

Für die jüngeren Kolleginnen war Traugott allerdings ein Gesprächsstoff. Er galt als Hahn im Korb, und mehr als eine der jungen Damen – sie ließen sich mit Fräulein anreden – überlegte, ob man den attraktiven Mann nicht zu einer Reise nach Münster einladen könne. Eine Fahrradtour wurde erwogen. Traugott hatte selbst davon geschwärmt. Doch fielen diese hoffnungsreichen Pläne in sich zusammen, als bekannt wurde, Traugott habe sich bei seinem letzten Besuch mit einer Cousine verlobt, die ein kleines Vermögen in die Ehe einbringen werde. Vom Bau eines Hauses und der Anschaffung eines Sportwagens war die Rede.

Das zweite Staatsexamen stand vor der Tür. Es war ein trüber Tag. Traugott hatte seit Tagen gelernt, zugleich aber Unterrichtsverpflichtungen wahrgenommen, wozu auch die Korrektur von fünfundvierzig Aufsätzen einer zehnten Klasse gehörte. Die Zimmervermieterin, Frau Feddersen, steckte den Kopf durch den Türspalt, brachte aber nicht den ersehnten Kaffee, sondern einen Brief aus Neustadt an der Bille, Bahnhofstraße Nr. 6. Als er den Brief aus dem Umschlag ziehen wollte, fiel ihm ein Kinderfoto entgegen, die Aufnahme eines Kleinkindes, das soeben laufen gelernt hatte. »Das ist Konrad. Er grüßt seinen Vater«, stand auf der Rückseite. Mehr nicht.

Traugott spürte seinen Herzschlag, denn in Münster gab es Kinderfotos von ihm, die diesem Kind unglaublich ähnlich waren. Er nahm seinen Lehrerkalender und blätterte. Auch hier passte alles zusammen. Er war Vater. Und was ihn zunächst erschreckte, ging einige Minuten später in Stolz über.

Als Frau Feddersen den Kaffee brachte, reagierte Traugott nicht schnell genug, so dass die Wirtin feststellte: »Der ist aber süß.«

Traugott stotterte ein wenig, fing sich jedoch schnell und sagte: »Mein Neffe. Ich bin jetzt Onkel.«

Die Feddersen war eingeschnappt, weil sie keine Einzelheiten zu hören bekam. Deshalb verließ sie den Raum mit der Bemerkung: »Hauptsache, er wird nicht katholisch erzogen.«

Der Aufstieg
[LANDESARCHIV: PERSONALAKTE T. BUSCH / BRIEFWECHSEL BRENDA-TRAUGOTT]

Busch bestand auch das zweite Examen mit Bravour. Die Schulbehörde, die ein Abwandern in andere Bundesländer auf jeden Fall vermeiden wollte, unterbreitete dem fertigen Lehrer mehrere Angebote, mit der Aussicht, schnell nach der Besoldungsgruppe A 14 befördert zu werden. Besonders dringend war die Wiederbesetzung einer Stelle mit genau den Fächern, die auch Traugott unterrichtete, und zwar in Ahrensberg. Der jetzige Kollege war mit Anfang vierzig an den Spätfolgen einer Kriegsverletzung gestorben, und die Schulleitung bat händeringend um einen Nachfolger, da auch Abiturklassen zu betreuen waren.

Kaum hatte Traugott die Zelte in Ahrensberg aufgeschlagen, schrieb er einen langen Brief an meine Mutter und bat um Erlaubnis, sie zu besuchen. Er habe das Verlangen, seinen Sohn kennenzulernen. Der Brief ist ein gelungenes Stück Prosa, eine wundervolle Liebeserklärung, geschrieben in dem Bewusstsein, dass diese Liebe nicht erfüllbar war.

Der kleine Konrad, also ich, raste durch die Wohnung und auf die Terrasse, denn der Onkel hatte ein großes Spielzeugauto mitgebracht.

Als Rosalie für einen Augenblick in die Küche ging, sagte Traugott: »Du siehst wunderbar aus, Brenda. Man möchte dich als Mutter haben.«

Sie lächelte ein wenig erschöpft. »Du wärest auch kein schlechter Vater. Nun bist du Onkel und darfst uns so oft besuchen, wie deine Zeit es erlaubt. Und bevor du zu deinem Lieblingsthema kommst und fragst, ob wir mit dem Geld auskommen, sage ich dir: Es ist mein Kind, und deshalb zahle ich dafür. Es gibt so viele Frauen, die sich und ihre Kinder durchbringen müssen, und das, weil die Väter gefallen, verschollen oder abgehauen sind.«

Traugott nickte. »Aber als Onkel habe ich die uneingeschränkte Erlaubnis, Geschenke mitzubringen. Unser Kleiner wird irgendwann einen Roller oder gar ein Fahrrad brauchen. Auch über die Anschaffung einer elektrischen Eisenbahn sollten wir ernsthaft nachdenken. Alles beginnt mit der Spurweite … Da möchte ich schon ein Wörtchen mitreden.«

Er trat dicht an Brenda heran. »Ich würde euch gern nach Hagenbeck einladen. Da spielen wir dann kleine glückliche Familie.«

Buschs Karriere verlief reibungslos. Nach dem zweiten Examen wurde er Assessor im Ahrensberger Gymnasium und schon bald Beamter auf Lebenszeit. Schnell stieg er zum stellvertretenden Schulleiter auf. Dieser Aufstieg hing damit zusammen, dass viele ältere Kollegen politisch vorbelastet waren und nach dem Krieg nicht mehr befördert wurden.

Tagtäglich stellte Traugott sein Organisationstalent unter Beweis. Er war für den Stundenplan zuständig, ebenso für Vertretungen. Er war sowohl mit dem Haushalt als auch mit den periodischen Berichten an das Ministerium befasst. Das alles erledigte er bei vollem Stundendeputat. Krank meldete er sich nie. Er war an Ort und Stelle, wenn er gebraucht wurde. Das kam bei Kollegen und Eltern gut an. Bei den Schülern galt er als streng, aber gerecht. Auch Sinn für Humor wurde ihm nachgesagt.

Der amtierende Direktor, ein kleiner fetter Mann, dem das Wirtschaftswunder kulinarisch zu Kopf gestiegen war, meinte einmal gegenüber einem Behördenvertreter: »Man merkt, dass er Kompaniechef war. Er kann Menschen führen.«

Traugott war jetzt Mitte dreißig. Vor fünf Jahren hatte er seine Cousine Dorothea geheiratet. Beide kannten sich von Kindheit an, beide wollten dem familiären Dunstkreis im Raum Münster entfliehen und waren froh, in der Nähe Hamburgs unterzukommen.

Dorothea war eine inzwischen namhafte Konzertpianistin und entsprechend viel unterwegs. Dass die Jungvermählten sich nicht oft sahen, empfanden sie nicht als Nachteil, konnten sie doch ihren beruflichen Neigungen und Verpflichtungen umso intensiver nachgehen. In Ahrensberg kauften sie ein Haus. Das Geld dafür hatte Dorothea mit in die Ehe gebracht. Sie hatte nie gefragt, ob Traugott irgendwelche Beziehungen oder Liebschaften vor der Ehe gehabt hätte. Er verwies, wenn das Gespräch unerwartet diese Richtung einschlug, stets darauf, seine Behinderung hätte irgendwelche Eskapaden dieser Art unmöglich gemacht.

Dorothea vertrat felsenfest die Auffassung, die Behinderung ihres Mannes sei dafür verantwortlich, dass aus der Beziehung noch keine Kinder hervorgegangen seien. Traugott widersprach nicht und beließ sie in ihrem Glauben, zu dem auch die feste Annahme gehörte, Kinder könne man am besten bei Vollmond zeugen.

1960 wurde die Neustädter Direktorenstelle vakant. Der bisherige Schulleiter war seinem Posten nicht gewachsen. Er war mit Gesetzen und Vorschriften nicht vertraut, leistete sich Formfehler, unter anderem, weil er Termine nicht einhielt, und nur der Umstand, dass zu dieser Zeit die Verwaltungsgerichte längst nicht so häufig angerufen wurden wie in späteren Jahrzehnten, verhinderte eine ernsthafte Beeinträchtigung des Schulklimas. Als der Mann nicht mehr zu halten war, wurde er befördert und ins Ministerium berufen, wo er mit Schulentwicklungsfragen betraut wurde. Seitdem hat man nichts mehr von ihm gehört.

Traugott erhielt an einem kühlen Märzabend 1961 den Anruf aus der Kreisstadt, das Gymnasium werde einen neuen Leiter bekommen, der bisherige Direktor werde nicht an seinen Schreibtisch zurückkehren. Traugotts Name fiel sofort, und in allen Parteien gab es weitblickende Leute, die ihn gern als künftigen Direktor sehen wollten.

Dagegen stand das unumstößliche Gesetz, dass die Schulleiter im Land der Christdemokratischen Partei anzugehören hätten. Als man ihm deshalb einen Parteibeitritt nahelegte, winkte er ab, mit der Bemerkung, dass es wichtigere Kriterien gäbe, die Kompetenz eines Kandidaten auszuloten, als der CDU anzugehören. Als das am nächsten Tag im Neustädter Landboten nachzulesen war, sanken Buschs Aussichten, das Amt zu bekommen, rapide.

Der Bürgerblock Neustadt an der Bille (BNB), eine einflussreiche politische Vereinigung, hatte sich wieder einmal durchgesetzt. In ihr sammelten sich bedingungslose Anhänger Adenauers und seiner Politik. Sowohl in der Landes- als auch in der Kommunalpolitik waren sie zum bestimmenden Faktor geworden. Wer sich ihnen in den Weg stellte, zog meist den Kürzeren.

Doch im Fall Busch wendet sich das Blatt über Nacht, denn inzwischen steht alles im Zeichen des Bundestagswahlkampfes. Überregionale Presseorgane, darunter der Spiegel, stellen Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel unbequeme Fragen. Der lässt sich den Fall Busch vortragen, und mit einem Mal ist Traugott der Kandidat mit den größten Aussichten. Der BNB-Vorsitzende Osswald soll daraufhin gebrummelt haben: »Den schnitzen wir uns zurecht, wäre ja nicht der Erste.«

Sieben Wochen vor Beginn der Sommerferien wird Traugott in sein neues Amt eingeführt. Als er verschiedenen Presseorganen des Landes ein ausführliches Interview gewährt, wird den ersten Politikern bewusst, dass sie möglicherweise einen Wolf im Schafspelz gekürt haben.

Oberstudiendirektor Busch holt weit aus, nennt die Bundesrepublik ein pädagogisches Entwicklungsland, das immer mehr den Anschluss an die modernen Nachbarstaaten verliere. Dass die Studienbedingungen miserabel seien, habe sich inzwischen herumgesprochen. Dass es um das westdeutsche Schulwesen nicht besser bestellt sei, werde der Öffentlichkeit mehr und mehr bewusst. Er werde deshalb in Kürze einen bekannten Erziehungswissenschaftler nach Neustadt einladen, der allen interessierten Bürgern schonungslos darlegen werde, wie tief der Karren im Dreck stecke.

Das ist ganz nach dem Geschmack der Pressevertreter, bahnt sich hier doch ein handfester Streit an, und das mitten im Wahlkampf.

Kurz darauf packt der Neue ein Problem an, das vor zehn Jahren schon für Zündstoff gesorgt hat und das keiner mehr auf der Tagesordnung sehen möchte. Busch kommt auf die baulichen Mängel seiner neuen Wirkungsstätte zu sprechen, ein Thema, das ihn ab jetzt nicht mehr loslassen wird. Dort, wo einst eine preußische Garnison untergebracht war, in dem mehrstöckigen grauen Kasten aus der wilhelminischen Epoche, wo alles nach Stechschritt, Drill und Gehorsam riecht, will Busch keine Kinder mehr erziehen. Ihm schwebt ein moderner, heller Schulbau vor, der neue Generationen von aufgeklärten Staatsbürgern hervorbringen soll.

Kaum gewählt, ordnete Busch im Beisein eines Bausachverständigen eine Begehung des Gebäudes an. Was er demonstrieren wollte, fiel schnell ins Auge. Die Bausubstanz war marode, bestimmte Räume für einen längeren Aufenthalt nicht mehr geeignet. Die Lichtverhältnisse in den Klassenräumen waren katastrophal. Im Keller, wo Kunst unterrichtet wurde und sich eine Werkstatt befand, waren die Wände nicht nur feucht, sondern stellenweise nass. Die gesamte Elektrik entsprach den baupolizeilichen Vorgaben kaum noch.

Der Aufschrei der Zuständigen war groß. Landes- und Kommunalpolitiker liefen Sturm gegen das Gemäkel. Auch sie hatten das Thema bisher geschickt verdrängt. Deshalb konterten sie: Fünfzig Jahre habe der Bau seine Zwecke erfüllt. Und nun kam Zieten aus dem Busch und stellte Altbewährtes in Frage. Der neue Direktor – lautete ein Vorwurf – überschreite seine Kompetenzen, gehe überdies leichtfertig mit Steuergeldern um, habe sein Bausachverständiger doch 900 DM gekostet, was allein ein Skandal sei.

Der Schulmeister konterte schnell und wirkungsvoll. Die oppositionellen Kräfte blamierten sich, als der Landbote einige Tage darauf auf der ersten Seite verkündete: Gutachten des Bausachverständigen aus eigener Tasche bezahlt.

Busch wird gefeiert, vor allem sorgt er für heftige Debatten im Kreistag, wo es inzwischen mehrere Abgeordnete gibt, die seinen Vorschlägen aufgeschlossen gegenüberstehen. Sie wollen mehr wissen über die Kosten einer grundlegenden Sanierung des alten preußischen Kastens.

Und ein weiterer Faktor kommt ins Spiel: Die Öffentlichkeit verschafft sich Gehör. Nun ist es nicht mehr egal, unter welchen Zuständen die Kinder unterrichtet werden. Die Politiker müssen erfahren, dass von der öffentlichen Meinung ein letztlich entscheidender Druck ausgehen kann.

Pulsuz fraqment bitdi.

19,08 ₼
Yaş həddi:
0+
Həcm:
261 səh. 2 illustrasiyalar
ISBN:
9783947373444
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar