Kitabı oxu: «Pachamama»
Über das Buch
»Wenn wir die Welt und ihre Zusammenhänge besser verstehen, sind wir in der Lage nicht nur andere Menschen, sondern ebenso uns selbst besser zu verstehen. Davon bin ich überzeugt.«
Mit 19 Jahren alleine als Freiwilligenarbeiterin hoch in die peruanischen Anden? Ein mutiger Schritt in die Welt, der jedoch bereits einige Zeit vorbestimmt schien.
Kaum erwachsen reiste Hannah nach Cusco und stürzte sich in ein waghalsiges Abenteuer. Sie engagierte sich für hilfsbedürftige Kinder, erlebte, was Armut wirklich bedeutet, entdeckte sagenhafte Ecken dieses wundervollen Landes, lernte ihre Liebe kennen, erkannte, wie schicksalsreich das Leben sein kann und realisierte, dass die weite Welt die beste Lehrerin ist.
Über die Autorin
Hannah Hülsmann wurde 1995 in einer Kleinstadt in Hessen geboren. Schon im frühen Kindesalter entwickelte sie eine besondere Bindung zu fremden Sprachen und Ländern sowie zum Sport. Diese zwei Pfeiler stützen ihr Leben, weshalb sie International Sports Management in Bad Homburg studierte. Nachdem sie drei Jahre im Sportsektor in Vollzeit arbeitete und mindestens zweimal im Jahr für zwei Wochen verreiste, merkte sie, dass sie das Reisen und das Schreiben viel stärker erfüllen als der harte, freiheitsraubende Berufsalltag im Sportbusiness. Ende 2019 gründete sie gemeinsam mit ihrem Freund Henrik den Reiseblog Generation World, auf welchem sie Reiseberichte sowie tiefgründige Auseinandersetzungen mit der eigenen Persönlichkeit und der Gesellschaft veröffentlicht. Mit dem Schreiben hat sie eine Leidenschaft gefunden, mit der sie sich mittlerweile eine Selbstständigkeit aufgebaut hat.
| Website: | www.generation-world.de |
| Instagram: | @generation_world_ |
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Hannah Hülsmann
Pachamama
Reise ins Unbekannte
1. Auflage
Copyright © 2021 Hannah Hülsmann
Covergestaltung und Fotos: Hannah Hülsmann
Lektorat/Korrektorat: Sina Blanke
Weitere Mitwirkende: Henrik Röttgers
Verlag: Hannah Hülsmann
Eichendorffstr. 52, 50389 Wesseling
www.generation-world.de
pachamama@generation-world.de
Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH
Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Die Verwendung und Vervielfältigung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne die Zustimmung der Autorin urheberrechtswidrig und strafbar.
Für Mama und Henrik,
meine beiden Anker
Inhalt
Über das Buch
Über die Autorin
Vorbemerkung
Prolog
TEIL I: Meine Zeit vor Peru
KAPITEL 1: Das unsichtbare Band
KAPITEL 2: Wegweiser ins Unbekannte
KAPITEL 3: Kick your ass, girl!
KAPITEL 4: Freier Wille
KAPITEL 5: Alles und Nichts
Teil II: Meine Zeit in Peru
KAPITEL 6: ¡Bienvenidos a la fiesta!
KAPITEL 7: Das Hier und Jetzt
KAPITEL 8: Die Zauberkiste
KAPITEL 9: Eine andere Welt
KAPITEL 10: Entdecken, Leben, Alltag
KAPITEL 11: Pachamama
KAPITEL 12: Nebel und Licht
KAPITEL 13: Der Sonne ganz nah
KAPITEL 14: ¡Adiós amigos!
KAPITEL 15: Flash
Teil III: Meine Zeit nach Peru
KAPITEL 16: Die Welt – meine Lehrerin
KAPITEL 17: Der Sinn des Lebenslaufs
KAPITEL 18: Menschen
KAPITEL 19: Der Traumfänger
KAPITEL 20: Das sichtbare Band
Epilog
Die Reise in Bildern
Danke!
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Vorbemerkung
Dies hier ist mein erstes Buch. Die Idee dazu entstand spontan, als ich auf dem Fahrrad während meines Weges zur Arbeit mal wieder anfing zu träumen und mit meinen Gedanken abzudriften. In meinem Kopf spielten sich erneut bereits erlebte Szenen ab, die so lebendig waren, dass die Fahrt komplett an mir vorbeilief. Szenen, die zu diesem Zeitpunkt bereits über fünf Jahre vergangen waren. Wie ein Geistesblitz offenbarte sich der Wunsch, dieses Buch zu schreiben. Fortan ließ er mich nicht mehr los und trotzdem beschwichtigte mein Verstand die Euphorie mit einem leise flüsternden »Irgendwann«.
Dieses »Irgendwann« wurde zu einem »Jetzt« – viel schneller als gedacht, zu einem ungeahnten Zeitpunkt, der wie ein Meteorit in unser Leben krachte: Corona. In meinem Job, der mich immer stärker frustrierte, wurde ich in Kurzarbeit geschickt. Für die meisten ein negativ behafteter Begriff, doch ich witterte die Chance. Meine Chance. Plötzlich spürte ich eine unbändige Aufbruchsstimmung in mir und den tiefen Drang, meine Träume wieder zum Leben zu erwecken. Plötzlich spürte ich wahre Dankbarkeit für das, was ich erlebt und erreicht habe. Besonders für meine Zeit in Peru. Durch Corona lernte ich vom einen auf den anderen Moment den Wert von Freiheit kennen und schätzen. Wir alle lernten, wie selbstverständliche Werte, Dinge oder Menschen mit einem Wimpernschlag aus unserem Leben gerissen werden können. Unsere Freiheit wurde uns zwar genommen, doch in meiner Aufbruchsstimmung versuchte ich die verlorene Freiheit umzuwandeln in meine Freiheit zur persönlichen Entfaltung. Auf einmal war sie da: Die Freiheit, dieses Buch zu schreiben.
Ich löste erstmals seit Jahren wieder das ausgeleierte Band meines damaligen Tagebuches. Viel zu lange lag es versteckt in der Schublade. Konserviert wie ein Heiligtum. Alleine der Anblick ließ mein Herz kurz stillstehen. Die Haptik, der Geruch, meine Schrift und die Worte, die sie damals formte, ließen die Erinnerungen an Peru wieder quicklebendig werden. Die Erinnerungen waren immer präsent. Mal brachen sie aus, mal schlummerten sie.
Ich hielt kurz inne und realisierte den Unterschied zwischen Erlebnissen und Erinnerungen. Was mich die letzten Jahre bis heute mit Peru und meiner Zeit dort verbindet, sind Erinnerungen. Ein Wiedererleben der Ereignisse aus anderer Perspektive, ein Blick aus der Gegenwart zurück in die Vergangenheit. Erinnerungen sind wandelbar. Im Unterbewusstsein vergessen wir Geschehnisse, erinnern uns erneut durch alltägliche Zufälle. Die Strahlkraft dieser Erinnerungen wird mal intensiver, mal blasser. Und manchmal verstehen wir heute eine Situation aus der Vergangenheit ganz anders, als wir sie in der einstigen Gegenwart verstanden. Wie habe ich all diese Erinnerungen wohl damals in der Realität verlebt? Einzig und allein mein Tagebuch weiß, wie ich all das damals tatsächlich empfand, ohne Filter. Es ist die Tür zum Erlebten, die Reise von der Gegenwart zur Vergangenheit.
Auf diese Reise möchte ich dich mitnehmen! Wenn du dieses Buch in den Händen hältst und diese Zeilen liest, fühle dich bereits jetzt gedrückt. Es bedeutet mir viel, dass du mir und meiner Geschichte ein Stück deiner Lebenszeit und deiner Aufmerksamkeit schenkst. Mein größter Wunsch ist es, dass dich dieses Buch inspiriert, dich ermutigt, dich kritisch über dich und die Welt nachdenken lässt und es für dich einen ganz persönlichen Mehrwert bringt. Für mich ist das Schreiben dieser Zeilen eine Herzensangelegenheit, die aus tiefer Intuition entstanden ist. Vielleicht bin ich an der ein oder anderen Stelle zu emotional oder zu detailverliebt. Aber kein Mensch ist perfekt, kein Buch ist perfekt, keine Reise ist perfekt.
Mit meinen kleinen Helferlein, meinem Tagebuch, meinen Bildern und dem Erinnerungsvermögen von mir und meinen Reisegefährten, habe ich versucht, das Erzählte bestmöglich und wahrheitsgetreu zu rekapitulieren. Denn bis zu diesem plötzlichen Gedankenblitz hatte ich nie das Ziel verfolgt, darüber ein Buch zu schreiben. Es gab zu keinem Zeitpunkt ein Drehbuch – und dafür bin ich auch sehr dankbar! Meine Intention bestand also während der Reise nicht darin, die spannendste Story schreiben zu können, das tollste Foto zu schießen oder Einnahmen aus Bücherverkäufen zu generieren. Ich habe gelebt, das Schicksal auf mich zukommen lassen, konnte (hoffentlich) ein paar Menschen helfen und letztendlich auch mir.
Meine Erzählungen enthalten Episoden aus meiner Arbeit als Volunteer, aus dem Leben und meinen Reisen in Peru sowie gedanklichen Auseinandersetzungen mit mir als Mensch und meiner Umwelt. Sämtliche Schauplätze entsprechen der Realität. Mit Rücksicht auf die im Projekt involvierten Kinder, Volunteer-Kollegen und anderen Beteiligten, habe ich jedoch manche Namen verändert.
Volunteering ist ein Trendthema, welches zugleich polarisiert. Meine Absicht ist es nicht, Konsequenzen und Begleitumstände, die dieses Konzept mit sich bringen, zu verherrlichen. Gleichzeitig liegt es mir jedoch am Herzen, vereinzelte meiner dargestellten Empfindungen nicht aufgrund von Auslegungen gesellschaftlicher Wertvorstellungen künstlich zu verändern, nur um möglichst dem Ideal zu entsprechen oder Kritik zu vermeiden. Demnach weise ich darauf hin, dass die Erzählungen einzig und alleine auf meinen persönlichen Erfahrungen beruhen. Meine Empfindungen sind absolut offen und ehrlich dargelegt (im Positiven wie im Negativen) und ich bin mir darüber bewusst, dass für manch einen gewisse Situationen vielleicht verwerflich erscheinen mögen. Ich hoffe aber auch, dass dieses Buch als Inspiration und als Mutmacher dienen kann, sich sozial zu engagieren und aufzubrechen. Gerade in globalen Krisen wie der Corona-Pandemie rücken Werte wie menschlicher Zusammenhalt, Solidarität und Hilfsbereitschaft wieder in den Vordergrund. Vielleicht werden diese Säulen für unsere Welt so wichtig sein wie nie zuvor.
Prolog
Jetzt gibt es keinen Weg zurück mehr! Ich sitze im luxuriösesten Flugzeug, das ich je in meinem Leben betreten habe. Einem Airbus 380. Lufthansa. Wow! Zum ersten Mal sitze ich alleine im Flieger. Zum ersten Mal bin ich so lange von Zuhause weg. Zum ersten Mal liegt eine Fernreise vor mir. Gerade einmal dreieinhalb Stunden sind vergangen, doch es kommt mir vor wie eine halbe Ewigkeit, dass ich mich von meiner Mama am Gate verabschiedet habe und meinen Tränenfluss nicht mehr unterdrücken konnte. Jetzt gibt es keinen Weg zurück mehr! Zumindest für die nächsten fünf Wochen. Die vergehen doch wie im Flug – im wahrsten Sinne des Wortes! Aber mein Gefühl sagt mir, dass dieser Flug ein sehr langer sein wird. Ein turbulenter Flug. Ein Flug in neue Sphären. Ein Flug, der mein Leben verändern und mein Weltbild auf den Kopf stellen wird. Ein Flug, den ich jahrelang in meinen Träumen durchlebt habe und doch wird vieles ganz anders kommen, als ich es mir in meiner so realistisch erscheinenden Fantasie ausgemalt habe.
Im selben Moment durchbricht ein ganz anderer Gedanke meinen Wachtraum: Fuck, geht’s mir beschissen! Mein Fieber und meine Ohrenschmerzen machen mich fertig. Wieso denn ausgerechnet jetzt? Jahrelang nicht krank und im Moment meines Lebens spielt mir mein Immunsystem einen Streich, den ich überhaupt nicht lustig finde. Ich habe mir fest vorgenommen, das Positive zu suchen: Für das Nächste, was auch immer kommen mag, bist du stärker! Ich fühle mich dem Überlebenskampf nahe – auch mental. Ich nehme den Kampf, meinen gerade tobenden Überlebenskampf, an. Mit purem Ehrgeiz und unbändiger Freude, meinen Traum in Erfüllung zu bringen.
Dies bringt mich dazu, den in meiner Reihe sitzenden amerikanischen Opi im Hawaii-Look anzusprechen, der gerade das Bordprogramm nutzt und einer Dokumentation über das 50-jährige Jubiläum der Fußball-Bundesliga lauscht.
»Hannah, du musst offen sein und auf Menschen zugehen!«, rät mir mein Unterbewusstsein.
Irgendwie muss ich schmunzeln. Der ältere Herr erinnert mich an meinen früheren Volleyballtrainer. Graues Haar durch Weisheit glänzend. Ein friedliches Lächeln, welches eine Aura von Ruhe, Besonnenheit und Erfahrung ausstrahlt. Und da ist sie, die erste Begegnung mit einem fremden Menschen. Joe strahlt über beide Ohren, als er mir erzählt, dass er die Freiheit seiner Rente nutzt und momentan in Costa Rica lebt. Als ich ihm erzähle, dass mein Ziel Peru heißt, freut er sich wie ein Kind.
»Vor vielen Jahren, in den 80ern, habe ich auch für ein Jahr in Peru gelebt. Eine tolle Zeit.«
Was ein Zufall! Sofort entwickelt sich ein lebhaftes Gespräch zwischen Joe und mir. Ich fühle Verbundenheit, sehe in seinen Augen mich selbst in vielen, vielen Jahren und träume davon, auch einmal diese Ruhe und Zufriedenheit auszustrahlen ohne all die Ängste, die mich gerade umtreiben. Ich fühle auch eine Art Erleichterung. Ich blicke tief in seine Augen. Seine Worte über sein Leben und über seine Zeit in Peru fesseln mich und doch lösen sie zeitgleich mit jedem weiteren Wort die Fesseln meiner eigenen Gedanken. Für den Moment geht es mir besser.
Für ihn geht es, im Gegensatz zu mir, zurück vom Abenteuer. Gerade hat er Europa erkundet. Umgekehrte Welt …
TEIL I: Meine Zeit vor Peru
KAPITEL 1:
Das unsichtbare Band
»Warum eigentlich Peru, Hannah?«
So häufig ich diese Frage vor meiner Reise hörte, so häufig zerbrach ich mir selbst darüber den Kopf. Imaginär leitete ich diese Frage immer an mein Unterbewusstsein weiter und fragte mich selbst, wie und weshalb sich dieser Traum mit einer derartigen Kraft in meinem Leben verankert hatte. In den seltensten Fällen konnte ich die Frage wirklich rational beantworten und meinen Gegenüber mit einer verständlichen Antwort zufriedenstellen. Mich selbst irgendwie auch nicht …
Wieso wollte ich eigentlich ausgerechnet nach Peru, während es meine Freunde oder Mitschüler eher nach Australien oder in die USA zog? Ich habe weder Familie oder Bekannte, die in Peru leben, noch gibt es in meinem Stammbaum auch nur eine klitzekleine peruanische Wurzel. Was meine biologische Herkunft angeht, bin ich durch und durch Deutsche.
Und just in dem Moment, wenn ich meine Gedanken mal wieder ruhen ließ, schlug sie wieder blitzartig in mein Bewusstsein ein, diese Frage. Diese Frage, die irgendwer in einer Alltagssituation stellte. In der Schule, auf einer Familienfeier oder am Telefon. Doch ich schaffte es noch nicht, eine Antwort aus meinem Unterbewusstsein herauszukitzeln. Es ratterte und ratterte in meinem Hirn …
Na ja, in Peru ist der Machu Picchu. Der was? Obwohl das Land an der Pazifikküste Südamerikas in der Tourismusbranche im letzten Jahrzehnt immer stärker an Bedeutung gewonnen hat, konnten im Jahre 2014 nur Insider etwas mit dem Ort Machu Picchu assoziieren. Okay, das mag vielleicht etwas überspitzt klingen. Aber ich bin auf dem Land aufgewachsen, in einer Gegend, in der so manch einer eine Fahrt in ein anderes Bundesland als große Reise ansieht. Aus dieser Perspektive betrachtet, fühlte ich mich in meiner Heimat irgendwie fehl am Platz. Die Beschränktheit engte mich ein, obwohl ich nicht wissen konnte, was die große Welt für mich bereithielt. Aber sie zog mich an.
Die seltene Ausnahme, in der Umgebung meines Dorfes eine Gleichgesinnte oder einen Gleichgesinnten zu treffen, fühlte sich direkt wie eine Seelenverwandtschaft an. Ich konnte ja nicht ahnen, dass es tatsächlich so viele Verrückte wie mich da draußen in der weiten Welt gab.
Die Welt, die verschiedenen Sprachen, die Kulturen faszinierten mich schon immer. Noch heute hat eine dieser typischen Kindheitsgeschichten, die Eltern immer wieder aufs Neue aus der Schatztruhe herauszaubern, damit zu tun. Wer kennt das nicht?
Die kleine Hannah hatte gerne ihre eigenen Sprachen erfunden. Manchmal zur Belustigung, manchmal zur Verzweiflung ihrer Eltern. Fantasiesprachen, entstanden aus aufgeschnappten Klängen und meiner eigenen Kreativität, waren dann à la »Sendung mit der Maus« als Türkisch, Russisch oder Spanisch deklariert worden. An letzterer bin ich hängen geblieben. Aus einer Fantasiesprache wurde in der Jugend allmählich eine reale Sprache, die auch andere Menschen außer mir verstanden. Die spanische Sprache hatte mich dermaßen gefangengenommen und motiviert, dass ich nach der 10. Klasse auf eine Schule wechselte, in der ich die Chance bekam, Spanisch als Leistungskurs für mein Abitur zu wählen. Den längeren Schulweg nahm ich in Kauf.
Spanisch war weitaus mehr als nur ein Schulfach für mich. Diese so wundervoll klingende Sprache war ein Türöffner und zugleich eine Sucht, eine Passion und einfach Spaß. Ich liebe diese Sprache!
Die Frage nach der Kausalität bleibt jedoch offen. Was war zuerst da? Die Leidenschaft für Peru oder für die Sprache, die dort gesprochen wird?
All das waren und sind für mich Erklärungsansätze, die mit Sicherheit ihren Teil zu meinem Traum beitrugen. So richtig kribbelte es bei diesen Gedanken allerdings nicht. Natürlich wollte ich unbedingt nach Machu Picchu, dieses Weltwunder mit meinen eigenen Augen sehen. Machu Picchu besitzt für mich schlichtweg Symbolcharakter. Es fühlte sich dennoch nicht richtig an, diese Frage damit hinreichend zu beantworten. Weder für mich noch für irgendwen anders. Die Vollkommenheit fehlte. Da musste noch mehr sein …
Der Panflötenspieler in der Innenstadt, der mit Hingabe die Klänge der Anden durch die hektische deutsche Großstadt schallen ließ und ein Stück dieser Magie in Form von CDs in die deutschen Haushalte zu bringen versuchte. Spanischsprachige Musik oder Konversationen, denen ich gebannt zuhörte, ein peruanischer Fußballspieler bei meinem Lieblingsverein, Dokumentationen im Fernsehen. Reize dieser Art ließen mein Herz höherschlagen. Diese Reize legten sich stets über meine Haut und verursachten eine wohltuende Wärme, ein Gefühl, wie wenn sich Sonnenstrahlen durch dicke Wolken kämpfen und endlich den Weg zu deinem fröstelnden Körper finden. Sie brannten sich in mein Gehirn ein und wollten nie mehr verschwinden. Diese Reize woben sich zusammen zu einem unsichtbaren Band zwischen mir und Peru. Einem Land, das auf der anderen Seite der Erde liegt und so weit weg von meinem Leben hier schien.
Das unsichtbare Band begann zu entstehen, als ich ungefähr zehn Jahre alt war und wurde im Laufe meiner Jugend stetig stabiler.
Als Au-Pair nach Australien oder in die USA? Das war mir irgendwie zu langweilig, zu mainstreamig. Innere Rebellion? Ja, vielleicht wollte ich anders sein als die anderen. Aber nur, um ein Stück mehr Besonderheit in mir zu tragen, ans andere Ende der Welt reisen? Nein, das war und bin ich nicht.
In meinem Vorstellungsvermögen als Kind bildete dieses Reizkonglomerat eine irreale Filmwelt. Nicht greifbar, nicht erlebbar. Doch der Realitätssinn erwachte allmählich, von Jahr zu Jahr. Das alles gibt es wirklich. Ich kann da wirklich hin! Ich will da wirklich hin!
Mein unzähmbarer Überschwang führte dazu, dass ich jedem davon erzählte. Gefühle und Gedanken für mich behalten, konnte ich noch nie gut. Die ganze Welt soll daran teilhaben. Sogar meinen peruanischen Lieblingsfußballer, ein richtiger Star zu dieser Zeit, ließ ich nach einem öffentlichen Training davon wissen. Das kostete Überwindung – mein Gott, war ich aufgeregt! Heute muss ich über diese Situation schmunzeln, wenn ich daran denke, wie ich mit 13 Jahren vor ihm stand, stolz wie Bolle, dass er sich über mein Vorhaben, in sein Heimatland zu reisen, so freute.
Nichts und niemand konnte dieses unsichtbare Band durchtrennen. Dieses Band, ein Seil, war wie ein Anker in peruanischer Erde verwurzelt und ich hielt das andere Ende ganz fest in meiner Hand. Ich musste nur weiterhin beständig bleiben, es mit all meiner Kraft und meinem Ehrgeiz festhalten und mich mit Hilfe dieses Seils zu seinem Ursprung kämpfen. Kämpfen konnte ich gut, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt hatte.
Mit dem Bild des unsichtbaren Bandes als Antwort gab ich mich vor meiner Reise zufrieden, war sie doch für mich absolut verständlich und nachvollziehbar. Ob es das für Familie, Bekannte und Freunde auch war, weiß ich nicht. Die Menschen, die mir nahestehen, unterstützten mich dennoch mit großer Hingabe. Allen voran meine Mama. Die Liebe und der Wille, dass die eigene Tochter ihren Traum lebt, war vermutlich stärker als das logische Verständnis dieses Weges. Mit dieser Antwort reiste ich letztendlich nach Peru, nicht wissend, dass diese aus tiefer Intuition entstandene Reise schicksalsträchtiger werden würde, als ich es jemals für möglich hielt …
KAPITEL 2:
Wegweiser ins Unbekannte
Man sagt, viele Wege führen zum Ziel. Mein Ziel war klar. Mein Ziel hieß Peru. Ich stand an einer Kreuzung mit derart vielen Abbiegungen und Gabelungen, die mich in ihrer Fülle überforderten. Welchen Weg zum Ziel soll ich bloß nehmen? Déjà-vu! Hier war ich doch schon mal gewesen.
Mit 14 Jahren hatte ich zum ersten Mal an dieser Kreuzung gestanden. In meinem Jugendzimmer liefen damals moderne lateinamerikanische Klänge von Daddy Yankee, die dieses euphorische Kribbeln in mir auslösten und mich zum Tanzen brachten. Ich setzte mich an meinen ersten eigenen Laptop, den man heutzutage eher als »alten Kasten« oder »Knochen« bezeichnen würde, und durchforstete das Netz, um herauszufinden, wie ich den ertönenden Beats folgen könnte. Also, wie ich es mit meinen 14 Jahren nach Südamerika schaffen könnte. Die Möglichkeiten an dieser Kreuzung waren zu diesem Zeitpunkt noch begrenzt. Nicht alle Wege schienen für mich geöffnet, weil es an formalen Voraussetzungen scheiterte. Ich war schließlich schulpflichtig und noch nicht volljährig. Ein einziger Weg schien offen gewesen zu sein: Ein Austausch-Programm.
»Das ist es!«, sagte ich zu mir und tanzte weiter zur Musik. Wie bereits erwähnt: Hatte ich mir etwas in den Kopf gesetzt, dann tat ich stets alles in meiner Macht Stehende, damit aus einem Traum Realität wird. Diese Eigenschaft habe ich bis heute behalten. Mit diesem Buch hier verhält es sich im Übrigen ganz ähnlich. Manchmal bin ich stolz auf diese Eigenschaft, manchmal verzweifle ich an ihr. Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Eigenschaft einem Menschen den nötigen Mut und das nötige Selbstbewusstsein zum Erreichen seiner Ziele gibt. Mein Ehrgeiz und meine Leidenschaft rauben mir jedoch zuweilen den Verstand und die Rationalität. Diese eine bestimmte Vision befindet sich direkt vor meinen Augen und ich will sofort da sein, will nicht warten, will nicht nach links und rechts schauen. Geduld gehört in diesem Zusammenhang definitiv nicht zu meinen Stärken.
In meinem Gefühlsrausch hatte ich erst nicht bemerkt, dass mein anvisierter Weg mit dem Schild »Austausch-Programm« voller Gestrüpp und irgendwie auch ziemlich düster erschien. Ich sprach mit meiner Mama und meinem Klassenlehrer. Und stieß auf nichts als Skepsis. Für mich war diese Reaktion zu diesem Zeitpunkt vollkommen unverständlich gewesen. Wie könnt ihr mir nur so im Weg stehen? Wie könnt ihr nicht an mich glauben? Ein Austausch-Programm ist doch perfekt, oder nicht?
Letztendlich bin ich froh, dass ich damals mit 14 Jahren diesen Weg nicht gegangen war. Für eine andere Schülerin oder einen anderen Schüler in diesem Alter mag dieser Weg der richtige gewesen sein. Ein offener, heller Weg in Richtung Erwachsenwerden. Für mich war er jedoch düster und eng. Die Erkenntnis folgt häufig erst später. In meinem Fall nämlich, als ich vier Jahre später erneut an der Kreuzung gen Peru stand. Ich erkannte nun, dass ich mit 14 Jahren noch nicht bereit gewesen war, alleine meine Heimat hinter mir zu lassen und für eine lange Zeit Heimat in einem fremden Land zu finden. Viel zu stark war ich noch mit mir selbst beschäftigt gewesen, dem Finden meiner Identität und, noch wichtiger, meiner emotionalen Stabilität. Ich war psychisch labil gewesen, hatte immer mal wieder Phasen durchlebt, die eine normale Stimmungsschwankung in der Pubertät übertroffen hatten.
Ich war kein verwöhntes Einzelkind, habe von klein auf gelernt, dass man für seine Ziele arbeiten muss. Trotzdem fehlte es mir an nichts. Schon gar nicht fehlte es mir an Liebe und Zuneigung. Und doch fühlte es sich in diesen angesprochenen Phasen alles nach nichts an. Ich war oftmals hin- und hergerissen zwischen Depression und Übermut. Dazu kam die Trennung meiner Eltern und eine über Jahre anhaltende Magersucht.
Niemand kann wissen, wie das Ende dieses Weges nach Peru damals ausgesehen hätte. Aber die damalige Entscheidung bereue ich nicht. Wobei es weniger eine konkret getroffene Entscheidung als ein einfaches und allmähliches Nichtzustandekommen war. Es brauchte das erneute Aufsuchen dieser Kreuzung, um den für mich richtigen Weg zu finden.
Ich sah mich also vier Jahre später wieder an ein und derselben Kreuzung. Meiner Kreuzung nach Peru. Im Gegensatz zu meiner Begegnung vor etwa vier Jahren schienen nun weitere Wege geöffnet. Die Auswahl war größer, aber die Entscheidung nicht unbedingt einfacher. Was erwartet mich auf diesem Weg? Was erwartet mich auf jenem Weg? Ein Schild mit der Aufschrift »Backpacking« erreichte mein Blickfeld. Hm, irgendwie zu unsicher und unvorhersehbar …
Es war Januar 2014. In drei Monaten würde ich in den Abitur-Prüfungen sitzen. Gerade traf die Zusage für mein Studium ein. Ich hab’s geschafft! Ich wurde genommen und ab Oktober sollte ich International Sports Management studieren. Im Vergleich zu einigen Freunden hatte ich aus irgendeinem Grund immer gewusst, wo ich hinwill, was ich machen will. Ich sah mein Ziel immer klar und deutlich vor Augen und es gab keine Zweifel daran, dass ich das Ziel erreichen werde. Sportmanagement war mein Traumstudium. Ich liebe Sport! Mein ganzes Leben lang habe ich aktiv Sport getrieben, verschiedene Sportarten ausprobiert: Tanzen, Fußball, Volleyball, Laufen, sogar in einer Zirkus-AG war ich mal. Gepaart mit den logischen, wissensbasierten und planungsorientierten Komponenten von Business und Management – ein Beruf, der wie für mich geschaffen schien. Ich war glücklich. Zur gleichen Zeit wusste ich, dass die ein oder andere Tür in Richtung Peru aufgrund der beschränkten Zeit zwischen Juni, wenn ich mein Abi in der Tasche haben würde, und Oktober, wenn mein Studium beginnen würde, zufällt. Meine Zeit war auf maximal dreieinhalb Monate beschränkt. Von meiner Reise nach Peru abgehalten hätte mich allerdings nichts. Also war Prioritäten setzen angesagt! Was war mir eigentlich wichtig, wenn ich das andere Ende meines unsichtbaren Bandes erkunde? Welche Umstände würden mich einschränken und in welchem Ausmaß? Wie stellte ich mir meine Reise konkret vor?
Okay … ich hatte dreieinhalb Monate Zeit. Der Wegweiser »Au-pair« fiel damit schon mal weg. Meine Schulzeit war beendet: »Schüleraustausch« – Ade. Studieren würde ich erst im Oktober. Den Wegweiser »Auslandssemester« konnte ich damit auch links liegen lassen. Einfach nach Peru zu fliegen und auf eigene Faust durchs Land zu reisen, konnte ich mir zu diesem Zeitpunkt mit 19 Jahren so gar nicht vorstellen. Ich zog es ehrlich gesagt nicht mal in Erwägung, traute es mir nicht zu und thematisierte es aus diesem Grund auch erst gar nicht weiter. Sicherheit hatte einen enormen Stellenwert. Insbesondere für meine Mama, die insgeheim schon Monate vorher mit Angst und Sorge erfüllt war. In Ordnung, das Ganze brauchte also einen organisierten Rahmen. Und plötzlich fiel mir dieser Wegweiser ins Auge: »Volunteering«.
Ja, ich gestehe. Der Ursprung des Gedankens, an einem Volunteering-Projekt teilzunehmen, war in erster Linie nicht, mich freiwillig zu engagieren und Gutes zu tun. Es war vielmehr der Vorteil eines Plans, einer Aufgabe, eines Ansprechpartners. Ich holte mir sämtliche Informationen ein. Dem Internet sei Dank – auch im Jahre 2014 schon. Mich packte der Gedanke, nah an den Einheimischen zu sein, so richtig in die Kultur und das Leben einzutauchen und mit meinen eigenen Händen helfen zu können. In einer Gastfamilie zu leben, mit ihnen zu essen, zu lachen und über die Eigenarten des eigenen Landes zu plaudern. In meinem Kopf spielten sich bereits Szenen ab, die filmreifen Charakter hatten. Ob das die Realität sein würde, zu dieser Einschätzung war ich nicht im Stande. Meine blühende Fantasie lief jedenfalls, wie so oft, auf Hochtouren.
Die Organisation Proyecto Perú gab meinem Vorhaben schließlich einen Namen. Proyecto Perú – Projekt Peru. Das passte doch wie die Faust aufs Auge, mein Projekt Peru! Ich fühlte es wieder, diese Wärme und dieses Kribbeln. Stärker denn je. Es nahm tatsächlich reale Formen an, mein Projekt Peru …
KAPITEL 3: Kick your ass, girl!
Zweifel war mein zweiter Vorname. Pessimismus wurde gelegentlich zum dritten. Lange Zeit dachte ich, dass diese Namen zu mir gehörten, dass sie in irgendeinem Register niedergeschrieben und damit unveränderlich sind. Heute weiß ich, dass ich mir die Beinamen selbst gab.
»Erwarte nicht zu viel, dann wirst du auch nicht enttäuscht«, »wenn … wäre, dann …« und »aber« standen und stehen teilweise immer noch in meinem Wortschatz ganz weit oben.
Bevor ich die Entscheidung schlussendlich traf, alleine nach Südamerika zu reisen, spielte sich in meinem Herz, meiner Seele, meinem Kopf, ein riesengroßes und dramatisches Theater ab. Selbstverständlich mit mir in der Hauptrolle.
Was ist, wenn mir was geklaut wird? Was soll ich tun, wenn ich unerträgliches Heimweh bekomme? Wenn ich Heimweh bekomme, dann kann ich nicht mal eben nach Hause. Jaaa, es ist mein absoluter Traum. ABER, soll ich das wirklich tun?
Es ist offensichtlich: Meine Beinamen waren von der dominanten Sorte. Woher kamen diese Zweifel, wenn ich mir doch der Stärke meines unsichtbaren Bandes und der schier unendlichen Größe meines Traumes bewusst war? Warum quälten mich Versagensängste, obwohl ich in meinem Leben stets alle gesetzten Ziele erreicht oder sogar übertroffen hatte? Warum war ich, trotz der Tatsache, dass mir die Welt zu Füßen lag, so negativ eingestellt?
Erkennen ist das eine, Umsetzen das andere. Einer meiner Lehrer hatte einmal gesagt, Erkennen sei der Schlüssel zum Erfolg. Meine Probleme erkannt – das habe ich sogar recht früh.
In mir lebte damals das Gefühl, ich hätte Teile meines Lebens weggeworfen, es nicht ausgekostet, nicht in angemessenem Maße wertgeschätzt. Im selben Moment erschütterte mich ein Gedanke und lief mir wie ein eisiger Schauer den Rücken hinunter. Dieser Gedanke ließ mich erstarren, in Scham vor mir selbst:
Mein Gott, was sollen denn die Kinder in Peru sagen, mit denen ich mich konfrontieren möchte? Was die in ihrer Kindheit wohl durchgemacht haben oder durchmachen, und ich? Ich rede davon, dass ich mein so junges bisheriges Leben weggeworfen habe, bei einer Kindheit, von der vermutlich die meisten Kinder auf der Erde nicht mal zu träumen wagen. Shame on you, Hannah!
Mein Schamgefühl führte zur wohl wichtigsten, bahnbrechendsten Erkenntnis vor meiner Reise nach Peru. Mir wurde klar, welch Glück ich besaß, in einem wohl behüteten, privilegierten Umfeld groß zu werden, obwohl ich die Kinder in Peru noch gar nicht kennengelernt hatte. Aufgewühlt ging ich in meiner Gedankenwelt auf die Suche nach möglichen Gründen für meine Negativität und meine Unzufriedenheit mit meinem eigenen Leben. Ich hatte doch eigentlich gar keinen Grund, unglücklich zu sein. Meine Beinamen verdienten keine Daseinsberechtigung. Und doch lähmten sie mich immer wieder. Immer wieder. Immer wieder. Ob die direkte Konfrontation das wohl ändern könnte …
Vor meiner Abreise kaufte ich mir ein Tagebuch. Ich hatte das Bedürfnis, meine Empfindungen festzuhalten. Bereits vor der Reise wollte ich den Platz nutzen, um eine Motivationsrede an mich selbst zu schreiben. Ich wusste, dass der Moment kommen würde, an dem die Zweifel mich wieder angreifen und meine negativen Gedanken mir wieder den Krieg erklären würden. Mein erster Tagebucheintrag glich daher eine Kampfansage:
Stell dir die Lage nicht wie ein Labyrinth vor, in dem du dich in deinen Gedanken verlierst, sondern nimm den Weg geradeaus, auch wenn ein Stein im Weg liegt. Dann springst du halt drüber, du bist doch sportlich!
(Mai 2014)
Der Schlüssel zu meiner Negativität lag vermutlich abgeschlossen in einer Kiste tief in meinem Gehirn verankert. Die Kiste nannte sich Perfektionismus. Ob in der Schule, beim Sport oder in ganz anderen Lebensbereichen, ständig setzte ich mich gewaltig unter Druck. Einzig und alleine aus dem Grund, dass alles perfekt sein sollte. Mit einem anderen Ergebnis als perfekt, konnte und wollte ich nicht leben. Für mich schien das Streben nach Perfektion gleichzusetzen mit dem Streben nach Glück. Ich war fest davon überzeugt, dass ich nur durch immer bessere Ergebnisse, Schulnoten, sportliche Leistungen oder der Bewunderung anderer Menschen wachsen und in meinem Leben etwas erreichen könnte. Der perfekte Weg, so stellte ich es mir bei der Suche nach Erklärungen vor, raubt jedoch Lebensgenuss. Der perfekte Weg ist häufig viel komplizierter als der spontane Weg mit Kurven oder Schlaglöchern. Der perfekte Weg ist eine »never ending story«. Diese Erkenntnis versuchte ich vor meiner Reise zu meiner eigenen Wahrheit werden zu lassen.
Lange Zeit glaubte ich, alles, was in meinem Leben passierte, läge in meiner Macht und durch ein perfektes Leben besäße ich ein unkaputtbares Schutzschild, das alles Böse abprallen lässt. Ich begriff nur langsam, dass dies nicht so war. Mir widerfuhren Dinge, gegen die ich zwar ankämpfen konnte, deren Ursache jedoch nicht bei mir selbst lag und deren Auswirkungen einfach passierten. Wie zum Beispiel die Trennung meiner Eltern.
Das Leben ist nicht perfekt und auch in Peru wird nicht alles perfekt laufen. Aber das muss es auch gar nicht! Das Leben kann auch schön sein, das wirst du erfahren. Gib‘ den Dingen ihren Lauf, dann wird alles gut. Es ist immer zu früh, um aufzugeben. Es ist dein Leben, verpass es nicht!
(21.06.2014)
Eine Hürde hatte ich jedoch noch zu überwinden: Meinen damaligen Freund. Nach zwei Jahren Beziehung musste ich eine Entscheidung treffen – zum Vorteil von uns beiden.
Die erste Teenager-Liebe, die erste feste Beziehung ist mit Sicherheit für jeden etwas Besonderes. Zugleich kennt bestimmt auch jeder das damit einhergehende Gefühlschaos.
Immer wieder gibt es Jugendlieben, die zu jahrelanger Partnerschaft, Ehe und Kindern führen. Dennoch geht ein Großteil dieser Beziehungen lange vor diesem Zeitpunkt zu Bruch. Wieso? Zwar bin ich weder eine Beziehungstherapeutin noch die beste Statistikerin, aber meine Erklärung ist ganz simpel: Andere Ziele. Mit 16, 17, 18 oder 19 Jahren verändert sich so dermaßen viel im Leben, wie vermutlich zu keiner anderen Zeit. Der eine macht nach der 10. Klasse eine Ausbildung, der andere zieht für sein Studium in eine weitentfernte Großstadt. Der eine träumt von der Gründung einer eigenen Familie, der andere will Karriere machen. Und das ist vollkommen normal! Ziele sind in einer Partnerschaft essentiell. Unterschiedliche Ziele können im Kleinen sogar förderlich sein, da so eine gesunde Mischung aus Zeit für sich und Zeit zu zweit entsteht. Dabei ist es möglich, sich gegenseitig zu unterstützen, den Weg des anderen passiv mitzugehen und sich gegenseitig anzufeuern. Große Ziele, die man in einer Partnerschaft nicht teilt, sollte man jedoch, wie ich finde, nicht gemeinsam verfolgen. Mindestens einer von beiden wird dabei unglücklich. Im schlimmsten Fall werden sogar beide Partner unglücklich, weil es den einen unglücklich macht, den anderen in sein Unglück gezogen zu haben. Genau an diesem Scheideweg habe ich auch meine damalige und erste Beziehung gesehen. Kilian hatte auch einen Traum, genau wie ich. Er sah sich in Kanada und den USA. Und er sah auch mich dabei. Es war unheimlich schwierig für mich, eine Balance zwischen Ehrlichkeit mit all ihren Konsequenzen und Nachgiebigkeit aus Mitleid zu finden. Ich wagte mich der Fairness halber an den Versuch, mich mit dem Gedanken an Nordamerika zu identifizieren, doch es funktionierte nicht. Ich wollte das nicht! Der Reiz des südamerikanischen Kontinents war für mich so immens viel stärker, emotionaler, nicht in Worte zu fassen, einfach tief in meinem Herzen verankert.
Wir gingen zur selben Schule, lernten uns dort kennen, hatten denselben Lieblingsfußballverein und sogar einen gemeinsamen Leistungskurs gewählt. Die übermäßige Zeit, die wir miteinander verbrachten in einem Umfeld voller Herausforderungen schien mich zu killen. Er war ein halbes Jahr jünger als ich. Und verdammt, ich merkte das, so lächerlich es klingen mag. Im Kopf fühlte ich mich schon weiter, hatte in meiner Kindheit und Jugend viele Freunde, die teils mehrere Jahre älter waren als ich. Diese Erfahrungen prägten mich.
Ich wusste, was zu tun war. Mein Traum hieß Peru, sein Traum hieß USA. Ich sollte das wirklich alleine machen – mit allen Konsequenzen! Erstens wollte ich ihm nicht meinen Traum aufdrücken. Zweitens wünschte ich mir ungefilterte Eindrücke und Empfindungen. Doch die Gewissenskonflikte waren hart. Letztendlich muss ich gestehen, dass die Liebe bei Weitem nicht so stark war, wie der Drang, der unbedingte Wille, meinen Traum hier und jetzt zu erfüllen.
Nein, ich konnte das nicht zulassen. Schluss mit Mitleid! Schluss mit Kilian!
Halt, Stopp! Wie macht man eigentlich Schluss? Im Januar 2014 nahm ich schließlich meinen ganzen Mut zusammen und argumentierte exakt genauso, wie ich es eben tat. Entschlossen, sachlich und trotzdem verständnisvoll.
»Ich verstehe dich. Geh‘ nach Peru! Ich möchte, dass du glücklich bist, aber bitte lass‘ uns in Kontakt bleiben, okay?«
Ich fühlte mich frei, absolut frei! Es hat keinen Monat gedauert und mein Engagement in einem After-School-Projekt in Cusco war in trockenen Tüchern. Die Flüge waren gebucht, die Vorbereitungen liefen! Yes! Geil!
Doch nur wenige Tage später wurde mein Freiheitsgefühl durch Kilian getrübt, nachdem ich auf Facebook meinen Beziehungsstatus löschte.
»Willst du mich verarschen? Hast du wirklich mit mir Schluss gemacht? Ich dachte, dass danach alles wieder beim Alten ist … ?!«
»Jetzt mal im Ernst? Das macht alles keinen Sinn mehr. Schau‘ mal, wir schränken uns so stark ein … «
»Also ist jetzt wirklich Schluss?« – mit Tränen in den Augen.
»Ja, also ich weiß nicht. Eigentlich schon.«
Hatte ich mich etwa nicht klar genug ausgedrückt? Vielleicht war meine verständnisvolle Herangehensweise, den Vorteil auch für ihn zu beleuchten, letztlich nicht eindeutig genug. Es folgten Wochen, in denen unser Beziehungsstatus mehr als fraglich war.
Was waren wir eigentlich? Für mich waren wir ganz klar getrennt. Für ihn offenbar nicht.
Ich lebte in diesen Zeiten nach meiner Intuition. Meine Intuition strebte Richtung Freiheit, Ungezwungenheit und meinen persönlichen Träumen. Gelegentlich übermannte mich Pflichtbewusstsein, Mitleid und Zweifel, ob ich das Richtige getan hatte. Tief im Inneren aber wusste die Antwort. Nichts und niemand konnte mich aufhalten!
Ich genoss meine neue Freiheit. Zwei Jahre waren als Teenager eine unglaublich lange Zeit und plötzlich überfiel mich der Eindruck, meine Beziehung hatte mich in dieser Phase auf Dauer ziemlich abgekapselt. Freunde waren verloren gegangen, Diskussionen mit meiner Mama über Prioritäten und Verhaltensweisen waren übergekocht. So richtig warm wurde meine Mama nie mit Kilian, wodurch ich mich oftmals zwischen zwei Fronten kämpfen sah.
Und so sollte es zu einem dramatischen Ende meiner ersten Beziehung und gleichzeitig meiner Schulzeit kommen. Der Schauplatz dieses Dramas war der Abiball. Das angesprochene Theater erreichte seinen aufregenden Höhepunkt. Eine Woche vor meinem Abflug …
Die Stimmung zwischen mir und Kilian war von Beginn an angespannt, mit aufgesetzt guter Miene, bis schließlich der Alkohol und ein eng geführtes Gespräch mit einem anderen Abiturienten zur Eskalation führten. Es ist Schluss! Aus! Feierabend! Tränen flossen.
Die Nacht war unruhig. Häufig wachte ich auf, wusste nicht, wer ich war, wo ich war oder was passiert war. Ich wusste nicht, wohin mit meinen Emotionen, die ich nicht mal im Stande war, zu benennen. War ich traurig, schockiert, erleichtert, glücklich, fassungslos? In jedem Fall war ich aufgewühlt.
Am nächsten Morgen wachte ich allmählich und mit schweren Augen auf, als mein Blick auf mein Tattoo am Handgelenk fiel. Der Schriftzug No pierde el norte hatte es mir vor einiger Zeit angetan, sodass ich dieses Sinnbild unbedingt auf meiner Haut tragen wollte. Ich war gerade 16 Jahre geworden, als ich gemeinsam mit meiner Mama zum Tattoo-Studio fuhr. Es mag wie eine Jugendsünde klingen, es mag unverantwortlich klingen, es mag sogar dumm klingen. Ich bestand auf meinem Wunsch, immer und immer wieder, wie so häufig. Letztlich erlaubte mir meine Mama diese gewagte Aktion nicht deswegen, weil sie keine Lust mehr auf Diskussionen hatte, sondern weil sie wusste, dass mehr dahintersteckte als nur der jugendliche Drang nach Coolness. Sie hatte mich in meinem Wunsch bestärkt und die Gelegenheit genutzt, sich ebenfalls eine ihr sehr bedeutsame Sache verewigen zu lassen. Seitdem ziert mein Name in verschnörkelter Schrift ihr linkes Schulterblatt. No pierde el norte – ein spanisches Sprichwort mit einem Ursprung in der Seefahrt. Metaphorisch heißt es so viel wie Verlier‘ nicht das Ziel. Wortwörtlich soll ich damit nie den Norden aus den Augen verlieren. Der Norden war nämlich für die Seefahrer stets die lebensnotwendige Orientierung, das essentielle Ziel. Diese Tätowierung sollte mein Kompass sein. Und ist es noch immer.
Um das Passierte zu verarbeiten und mir doch noch einen würdigen und harmonischen Abschied vor meiner Reise zu bescheren, traf ich mich mit meiner Freundin Doro zum Frühstück. Doro ging auch mit mir zur Schule und war demnach stets nah dran an der Situation mit mir und Kilian. Endlich rückte sie mit der Sprache raus:
»Hannah, ganz ehrlich … Ich hab‘ noch nie verstanden, was du von Kilian wolltest … Ihr seid überhaupt nicht auf einer Wellenlänge und werdet es wahrscheinlich auch nie sein.«
Ihr Urteil schenkte mir Bestätigung und Kraft, auch wenn es nicht ganz objektiv sein konnte. Dann drückte sie mir mit einem wohlwollenden Lächeln eine kleine Kiste in die Hand. Neben einem handgeschriebenen zweiseitigen Brief enthielt die Kiste ein buntes Sammelsurium aus kleinen Helferlein und Mutmachern. Die obligatorische Handdesinfektion, Schokolade, ein Glücksschwein und vieles mehr. In ihrem Brief schrieb Doro, dass sie sich wünscht, dass uns das Ende unserer gemeinsamen Schulzeit nicht trennen wird. Wir haben es geschafft, ihren Wunsch zu erfüllen …
KAPITEL 4: Freier Wille
Vorerst genug von mir, Zeit für den Kern der Sache: Mein Projekt innerhalb meines Projektes Peru. Schließlich war das Grundgerüst gebaut, die Meilensteine gesetzt, es konnte losgehen …
An dieser Stelle möchte ich gerne eine Aussage von mir aus Kapitel 2 aufgreifen und, wie versprochen, intensiver betrachten. Es mag komisch, für manch einen vielleicht auf den ersten Blick verwerflich, despektierlich oder ehrfurchtslos klingen. Nicht die Motivation, mich sozial zu engagieren trieb mich nach Peru, sondern vielmehr die Anziehungskraft, die für mich persönlich von diesem Land ausging. Plakativ ausgedrückt, diente Freiwilligenarbeit im ersten Moment als Mittel zum Zweck. Egoismus pur? Vielleicht.
Vielleicht aber auch nicht. Es ging mir zu keinem Zeitpunkt darum, mich am Leid anderer Menschen zu erfreuen, um mein eigenes Leben aufzuwerten oder die Reise lediglich als Konfrontationstherapie gegen meine Unzufriedenheit mit mir selbst zu nutzen. Mir ist es sehr wichtig – nein, mir liegt es am Herzen, dass du dies bereits jetzt weißt! Der Prozess zur Freiwilligenarbeit lief bei mir praktisch andersrum. Ohne meine Sehnsucht nach Peru hätte ich diese großartige Chance für die Menschheit und das Zusammenleben vermutlich nicht kennengelernt. Das Glück liegt manchmal auf Umwegen versteckt.
Volunteering, Social Working, Ehrenamt, Freiwilligenarbeit – diese Begriffe klingen für mich allesamt ziemlich pathetisch. Mittlerweile gibt es Bezeichnungen wie Sand am Meer, bedingt durch die Globalisierung und damit verbundener Relevanz sowie der dahingehenden Entwicklung eines wahrhaftigen Trends. Volunteering ist mittlerweile als eigenständige Reiseform zu betrachten. Viele Reisebüros sprechen gezielt junge Menschen an, für die solch eine Reise eine willkommene Mischung aus Abenteuer und Selbstfindung ist. Kaum eine andere Reiseform macht es möglich, ein Land derart intensiv wahrzunehmen.
So divers die Begrifflichkeiten heutzutage auch sind und so hochtrabend die Wirkung ebendieser ist, so simpel und ursprünglich ist doch die Idee dahinter. Ohne viel Schnickschnack, ohne Selbstdarstellung, ohne ausschweifende Erklärung. Selbst wenn sich die Konstrukte dahinter unter Umständen unterscheiden, schlussendlich zielen sämtliche Namensgebungen doch auf ein und denselben Sinn ab: Die freiwillige, unkommerzielle, intuitive Investition von Zeit und Arbeitskraft für einen gemeinnützigen Zweck und das Wohl der Gesellschaft.
Diese Grundidee steckt auf natürliche Art und Weise seit jeher in uns. Manchmal denke ich jedoch, die Einstellung sowie der Zugang von uns Menschen gegenüber dieser Leistung hat sich mit der Zeit drastisch verändert. Ist nicht die Selbstverständlichkeit verloren gegangen? Für den Einsatz von Zeit und Energie verlangen wir eine Gegenleistung. Logisch, auch das praktizieren Menschen seit Jahrhunderten, wenn nicht gar Jahrtausenden. Doch wir, die aktuell lebenden Generationen, treiben es auf die Spitze, weil jedes Individuum seinen Platz in der immer intensiver werdenden Leistungsgesellschaft behaupten muss. Da bleibt wenig Platz für Altruismus. Mich überkommt nicht selten der Eindruck, dass dadurch Werte wie Zusammenhalt, Solidarität und Unterstützung zu verblassen drohen, wo sie gerade am notwendigsten erscheinen. Dagegen kann das trendige Konzept Volunteering ein probates Gegenmittel bieten, das einige Menschen scheinbar motiviert sind anzuwenden, um ein Stück weit aus der Leistungsgesellschaft auszubrechen.
In der großen Auswahl der erwähnten Bezeichnungen gefällt mir »Volunteering« am besten. Es leitet sich aus dem englischen Wort »voluntary« ab, was übersetzt »freiwillig« bedeutet. Meiner Meinung nach ist dies die Wurzel der Idee.
Hinzu kommt die Tatsache, dass der Begriff »Volunteering« der englischen Sprache entspringt. Sich freiwillig zu engagieren, kann und sollte in jedem Fall auch auf regionaler Ebene stattfinden, jedoch sind wir mit Menschen aus aller Welt so eng vernetzt wie nie zuvor. Digital und damit auch sozial. Gemeinden, Regionen, Länder funktionieren nicht mehr nur autark. Die Verantwortung lastet auf den Schultern jedes einzelnen Menschen, der auf dieser Erde lebt. Ein englischer Begriff ist in diesem Zusammenhang für mich ein Symbol für Internationalität. Aus diesen Gründen werde ich im Folgenden den Begriff »Volunteering« verwenden. Du weißt nun, was ich damit sagen möchte.
Ich hatte zwar Vorstellungen, aber im Grunde genommen keine Ahnung, was auf mich zukommen würde. Die Entscheidung, mich freiwillig in einem gemeinnützigen Projekt in Peru einzusetzen, war wohl überlegt, detailbesessen erörtert und die Planungen sollten so präzise wie nur irgend möglich ablaufen. Perfektionismus.
Doch für welchen Zweck wollte ich eigentlich arbeiten? Wilde Tiere im Rahmen von Schutzprogrammen pflegen und hüten? Lieber nicht. Wer panische Angst vor dem Besuch bei der Freundin hat, weil der Hund beim Klingeln bellt, sollte davon vielleicht besser die Hände lassen. Die Herausforderung erschien mir viel zu groß. Identifikation ist das A und O. Ich liebe das Gefühl, wenn ich mir selbst über den Zustand der totalen Hingabe bewusst werde. Wenn ich merke, ich brenne für dieses Thema oder diese Aufgabe. Wenn ich weiß, das macht mir Spaß, das bringt mir Freude. Wenn ich sehe, ich kann etwas bewirken und andere Menschen begeistern oder gar in meinen Bann ziehen. Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Art der Identifikation für ein Engagement in einem sozialen Projekt unumgänglich ist. Nur so besteht die Chance, Mehrwert zu schaffen, einen fundamentalen Beitrag zu leisten, statt lediglich die erwartete Arbeit abzuarbeiten, sich, wie den Rest des Lebens, auf den Feierabend zu freuen und am Ende vorweisen zu können, man habe wichtige, harte Arbeit geleistet. Ich stieß auf ein Programm, welches sich gezielt an benachteiligte und bedürftige Kinder aus sozial schwachen Familien in einem entlegeneren Stadtteil in Cusco richtete. Familien, in denen die Eltern, sei es aus physischen, psychischen oder finanziellen Gründen, nicht dazu in der Lage sind, ihren Kindern ein geeignetes Umfeld zur essentiellen Weiterentwicklung zu ermöglichen.
Das Projekt war sehr offengehalten. Ich las von Sportaktivitäten, Nachhilfe für die Schulaufgaben oder spielerischen Lernprojekten. Die Initiative war klar und deutlich: Vulnerablen Kindern in armen Bedingungen den Weg in eine aussichtsreiche Zukunft ebnen, um ein Leben auf der Straße zu umgehen. Ein After-School-Programm.
Ein hipper Begriff. Letztendlich kann man es auch Nachmittagsbetreuung nennen. Allerdings finde ich, dass die Essenz des Projektes weit über das hinausgeht, was wir in unserer westlichen, entwickelten Gesellschaft mit Nachmittagsbetreuung verbinden.
Außerdem schlug für Cusco bereits damals mein Herz. Cusco – die alte Hauptstadt der Inka liegt inmitten der peruanischen Anden auf knapp 3.400m über dem Meeresspiegel. Ich musste sofort wieder zurück an den Panflötenspieler in der Innenstadt denken und fühlte, wie ich auf einem einsamen Stein sitze, umringt von der Weite der wuchtigen, jedoch friedlich erscheinenden Anden. Magie in meinen Ohren.
Die Aufgabe sprach mich an, motivierte mich, begeisterte mich, stimmte mich nachdenklich. Ich wollte unbedingt die Kinder kennenlernen, mit ihnen Hausaufgaben machen, mit ihnen sprechen und tanzen. Dass ich auch mit dieser Aufgabe Neuland betreten würde, beunruhigte mich zu diesem Zeitpunkt nur marginal.
Das Positive an Volunteering und meiner auserwählten Organisation war die Flexibilität. Für die meisten Projekte sollte man mindestens drei bis vier Wochen einplanen, aber im Grunde genommen kann man aus freien Stücken entscheiden, wie lange man sich engagieren möchte. Es ist ja schließlich freiwillig.
Mein Studium sollte im Oktober beginnen. Dafür war im Vorhinein noch die ein oder andere organisatorische Aufgabe zu erledigen. Fünf Wochen schienen demnach ein passender Kompromiss zu sein. Ein Kompromiss, mit dem ich gut leben konnte. Für geübte Langzeitreisende ein Witz, für mich mit 19 Jahren eine wahre Herausforderung und nahezu unvorstellbar. Dennoch waren die fünf Wochen für mich ein mehr oder weniger überschaubarer Rahmen. Ich hatte den Instinkt, dass diese Zeit weder zu wenig zum wahren Erleben meines Traums noch zu viel für die Gefahr des Eintretens von unerträglichem Heimweh sein könnte.
Es war alles in meinem Kopf. Mental schien ich bestens vorbereitet zu sein. Ich konnte ja nicht ahnen, wie es wirklich dort sein würde, was tatsächlich passieren würde und dass man sich auf manche Ereignisse im Leben einfach nicht vorbereiten kann …
Die Lebenserfahrung, die ich hier sammeln kann, ist einfach einzigartig und das ist genau der richtige Zeitpunkt. Lerne, was es heißt, auf europäischen Standard verzichten zu müssen, mit anderen Menschen und Kulturen in Kontakt zu treten, auf sie zuzugehen und sich Gegebenheiten anpassen zu müssen!
(21.06.2014)
KAPITEL 5:
Alles und Nichts
Flug buchen. Check!
Im Februar war es vollbracht. Es stand fest. Mein Weg nach Peru war geebnet. Ich hielt den Buchungsbeleg in der Hand. Am 10. Juli 2014 sollte eine Lufthansa-Maschine von Frankfurt nach Houston, Texas, starten. Am selben Tag sollte es weiter nach Lima, in die Hauptstadt Perus, gehen.
Rund 17 Stunden alleine im Flugzeug. Ich konnte mir nicht vorstellen, welches Gefühlschaos ich in diesen Stunden erleben würde. Obwohl ich in diesem Moment auf den Flugbeleg blickte, hielt sich mein Gefühlschaos noch in Grenzen. Ich war ruhig. Die Ruhe vor dem Sturm. Ich fühlte keine überschwängliche Euphorie, keine Panik, kein Herzrasen. Die Entscheidung war schon gefallen und vermutlich, dachte ich, hatte ich diese Phase schon überwunden.
Scheinbar wusste ich absolut, was ich tue und war mir meines Weges vollkommen sicher.
Oder der Grund für meine Sachlichkeit lag in einem Naturinstinkt begründet, einem Impuls, einem neurologischen Zusammenhang in Ausnahmezuständen. Denn ich musste nun Nerven bewahren, mich auf das Wesentliche konzentrieren und mich mit aller Nüchternheit den notwendigen Vorbereitungen widmen. Dieser Vergleich wirkt immens, doch für mich nahm mein Projekt Peru eine schier kolossale Bedeutung ein und war derart groß, dass sich mein Verstand durchaus in einem Ausnahmezustand befand.
Wie bereitet man sich auf eine solche Reise vor? Ich war schon mehrmals auf Reisen im Ausland gewesen. Mit meiner Mama oder früher meinen beiden Eltern. Wir waren in Griechenland, auf den Kanaren, in Ägypten, in Tunesien … Der Unterschied: All diese Reisen waren pauschal vom Reiseveranstalter geplant und auch um den Rest musste ich mich größtenteils nicht kümmern. Ich musste nur meinen Koffer packen, zum Flughafen, einchecken und die Entspannung ging los. Herrlich! Nun sollte es andersrum sein. Die Anspannung würde beginnen, wenn ich im Flugzeug sitze.
Meine Reiseerfahrungen abseits von All-Inclusive-Hotels oder Ferienwohnungen beschränkten sich zu diesem Zeitpunkt auf einen Schüleraustausch mit einer spanischen Schule in der Nähe von Alicante, an dem ich in der 11. Klasse teilgenommen hatte. Im Prinzip hatte ich da ja auch in einer Gastfamilie gelebt und war ohne meine Eltern im Ausland gewesen, jedoch mit meinen bekannten Mitschülern und Lehrern. Außerdem hatte ich meine Austauschpartnerin schon gekannt, denn die Spanier und Spanierinnen waren zuvor bei uns in Deutschland zu Gast gewesen.
Die meisten Jugendlichen im Teenageralter können es bekanntlich kaum erwarten, endlich ohne die Eltern loszuziehen, Orte zu entdecken, mit Freunden zu verreisen. Bei mir war das irgendwie anders. Meine Verbindung zu meiner Mama war zu stark. Ich hatte Verlustängste, wollte gar nicht lange weg sein. Der Gedanke, für fünf Wochen auf der anderen Seite der Welt alleine zu sein, formte einen dicken, dicken Kloß in meinem Hals. Um ehrlich zu sein, war dies, soweit mein Erinnerungs- und Einfühlungsvermögen ausreicht, meine größte Sorge.
Zurück zur Planung. Zurück zur Besinnung auf das Notwendige. Organisation und Pläne gehörten zu mir, wie der Machu Picchu zu Peru. Nicht umsonst hatte ich mich für ein Management-Studium entschieden.
Einen Sitzplatz im Flugzeug hatte ich also schon mal.
Für die Einreise in die USA brauchte ich ein Visum, das berühmte ESTA. So ein Quatsch für eine Stunde Aufenthalt am Flughafen. Na gut, erledigt und genehmigt – ganz bequem online. Läuft!
Die erste Herausforderung würde mir in Lima bevorstehen. Sehr spät abends würde ich am Flughafen der Pazifikmetropole ankommen und erst am nächsten Morgen einen Inlandsflug hoch in die Anden nach Cusco nehmen. Ich brauchte also einen Schlafplatz. Sämtliche Portale für Unterkünfte wurden durchforstet. So routiniert wie heute war ich bei Weitem noch nicht. Bewertungen waren mir wichtig, die Nähe zum Flughafen war mir wichtig. Einen einigermaßen hohen Standard sollte die Bude schon haben. Den aller-, allergrößten Wert legte ich jedoch auf die Sicherheit. Ein junges, blondes, zierliches Mädchen alleine in einer südamerikanischen Großstadt. Um Gottes Willen! Insbesondere für meine Familie hatte meine Sicherheit verständlicherweise den höchsten Wert.
Ich buchte also ein Hostel in der Nähe vom Flughafen und gönnte mir einen offiziellen Flughafentransfer. Eine sehr weise Entscheidung. Der Preis war für mich in diesem Fall sekundär. Nun könnte ein falscher Eindruck entstehen. Mein Abenteuer war nicht sponsored by Mum. Bereits mit 14 Jahren hatte ich, vermutlich nicht ganz legal, für ein paar Euro im Kino gearbeitet, teilweise bis 1 Uhr nachts Kinosäle geputzt. Ich war mir nicht zu schade. Einige Jahre lang hatte ich erfolgreich Schülernachhilfe gegeben, ein Nebenjob der lukrativeren Art. Als kleiner Sparfuchs hatte ich mir dadurch ein solides Polster erarbeitet. Natürlich mit der ein oder anderen Finanzspritze von Verwandten an Geburtstagen, Weihnachten oder zum Abi.
Wenn ich schon so hart für meinen Traum gearbeitet hatte, wollte ich währenddessen auch nicht knauserig sein. Neben der Sicherheit wünschte ich mir auch, dass es mir während meiner Traumerfüllung gut geht. Also setzte ich meinem Traum von Peru noch eine Kirsche auf.
Einen Direktflug von Lima zurück nach Deutschland gab es nicht. Wieso also nicht auf dem Rückflug noch einen Stopover nur für mich alleine einlegen? Panama oder Costa Rica reizten mich sehr, doch dies hätte zu mindestens einem weiteren Zwischenflug und einem höheren Preis geführt. Als ich die Flugnetze studierte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Rio de Janeiro! Geil, Brasilien! Und das auch noch im Jahre der dort stattfindenden Fußball-WM. Fünf weitere, unbefangene Tage genehmigte ich mir dort, bevor es wieder zurück nach Deutschland gehen sollte. Fünf Tage zur Entspannung, nur für mich.
Hostel in Rio buchen. Check! Inklusive Flughafentransfer, versteht sich …
Die Flüge und die Unterkünfte in Lima und Rio waren das Einzige, was von der allgemeinen Organisation an mir hing. Die Teilnahme am Volunteer-Programm über Proyecto Perú hatte zum Vorteil, dass ich eine Gastfamilie vermittelt bekam und von dieser persönlich vom Flughafen in Cusco abgeholt werden sollte. Neben dem Schlafplatz war ich auch unheimlich gespannt auf die Verpflegung in meiner Gastfamilie. Schließlich war ich seit drei Jahren Vegetarierin und nicht empfänglich für Meerschweinchen oder Rinderherz auf dem Teller.
Der Trend des internationalen Volunteerings weckte in den vergangenen Jahren eine Vielzahl mehr oder weniger gemeinnütziger Organisationen zum Leben, die es sich auf die Fahne schreiben, Kulturen und Menschen zusammenzuführen und gleichzeitig einen immateriell wertvollen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Organisationen, bei welchen das kommerzielle Interesse vorherrscht, nutzen die zunehmende freiwillige Bereitschaft sowie den Drang nach der Erweiterung des persönlichen Erfahrungsschatzes internationaler Gäste hochgradig aus. Die Anzahl muss beträchtlich sein. Für einen unerfahrenen und naiven »Volunteer-Rookie« wie mich, war die Schwelle dabei nur sehr schwer erkennbar oder in der Vorstellung auch gar nicht existent. Ehrlicherweise habe ich die gemeinnützige Arbeit von meiner auserwählten Organisation im Vorhinein gar nicht hinterfragt. Ich habe mich auf die Bewertungen von ehemaligen Freiwilligen, Helfern und Praktikanten im Netz verlassen – und hatte im Endeffekt damit auch ein gutes Händchen oder auch einfach sehr viel Glück.
Ein beruhigendes Zeichen war die zuverlässige Kommunikation vor meiner Anreise. Ab dem Zeitpunkt der Teilnahmebestätigung am Volunteer-Programm bestand reger E-Mail-Kontakt zwischen mir und der Agentur. Bei sämtlichen Fragen und Sorgen wurde mir geholfen, Unterstützung versichert und Mut zugesprochen. Absolut ehrlich gemeint!
»Du bist Vegetarierin? Das ist doch kein Problem. Die Gastfamilie weiß schon Bescheid.«
Klingt nach Pauschalurlaub? Nun ja – das nun wirklich nicht.
Wer allerdings denkt, dies alles ist umsonst, liegt falsch. Geld bezahlen dafür, dass man umsonst arbeitet? Wo gibt’s das denn? Für das Leben in meiner Gastfamilie inklusive Verpflegung, die Vermittlung, Organisation und Betreuung in der Organisation, Versicherungen sowie Spenden für das gemeinnützige Projekt standen bei mir circa 1.000€ auf dem Zettel. Diejenigen, die bei dem Preis nun drohen umzufallen, sollten mal nachsehen, was ein fünfwöchiger Aufenthalt in Peru summa summarum sonst kosten würde.
Ich rede bewusst von einer Teilnahme am Volunteer-Programm, nicht von einer Buchung. Denn aus meiner Sicht geschieht eine Buchung meist ohne Hürden, eine Teilnahme hingegen kann an Bedingungen geknüpft sein. Grundsätzlich sind Volunteer-Programme in vielen Fällen frei zugänglich, die Hürden sind niedrig und für viele leicht zu überwinden. Aber eben nicht für jeden. In meinem Fall wären die Hürden für ein medizinisch orientiertes Programm unüberwindbar gewesen. Ohne medizinische Grundausbildung geht hier berechtigterweise nichts. Was ich damit sagen möchte? Die Voraussetzungen für Volunteer-Programme können sehr stark variieren. Manche erfordern eine laufende oder gar abgeschlossene fachspezifische Ausbildung. Manche nicht. Mein After-School-Programm hatte keine formalen Voraussetzungen. Für einige Projekte gilt fließendes Spanisch als Grundvoraussetzung, bei anderen wird es empfohlen, bei einigen wenigen reicht Englisch aus. Um diese Hürde überwindbar zu machen, bieten einige Organisationen zusätzlich Spanisch-Kurse an. So auch Proyecto Perú. Dort ist eine Sprachschule angegliedert, in der man nicht nur Spanisch, sondern bei Interesse sogar Quechua, die Sprache der Ureinwohner, gelehrt bekommt. Immer noch sprechen einige indigene Peruaner Quechua und bewahren diese alte Tradition. Eine schöne Sache, wie ich finde, auch diese Kultur internationalen Gästen zugänglich zu machen.
Die sprachliche Barriere war für mich leicht zu bewältigen, kam ich doch frisch aus dem Spanisch-Leistungskurs. Außerdem pflegte ich noch immer den Kontakt zu meinen Freunden aus dem Spanien-Austausch. Deshalb irritierte es mich, dass mich Proyecto Perú zu einem einwöchigen Spanisch-Kurs zu Beginn meines Aufenthaltes verpflichtete. Dies galt für alle Volunteers, demnach auch für mich, obwohl ich bereits fünf Jahre Spanischunterricht besucht hatte. Bestimmt würde ich trotzdem dazu lernen. Vielleicht würde ich dadurch bereits mit anderen Volunteers Kontakt knüpfen und in sprachliche Besonderheiten in Peru eintauchen können.
»Es gibt tausend Krankheiten, aber nur eine Gesundheit.«, stellte Ludwig Börne bereits vor vielen Jahren fest.
Die Gesundheit zu schützen und Risiken zu vermeiden, steht natürlich bei der Vorbereitung auf solch eine Reise ganz oben auf der ToDo-Liste. Ich reiste nicht als normaler Tourist nach Peru. Ich wusste, dass ich engen Kontakt zu Einheimischen haben würde, die in Gegenden leben, in denen kein trinkbares Wasser aus dem Wasserhahn kommt. Ich sollte in ein Land reisen, dessen Gesundheitssystem und dessen Gesundheitspolitik nicht mit der hiesigen vergleichbar ist. Arztbesuche standen vor meiner Abreise also auf dem Programm. Viele Arztbesuche! Vom Tropeninstitut ging es zum Hausarzt, von der Blutabnahme weiter zur Urinabgabe. Der Grundtenor der behandelnden Ärzte:
»Kind, du kannst doch nicht alleine nach Peru. Das ist doch viel zu gefährlich!«.
Kleiner Reminder: Ja, ich lebte auf dem Land. Meine eiskalte Antwort:
»Klar kann ich das!«.
Ein kleiner Piecks gegen Gelbfieber, drei nervige Sessions für Hepatitis A und B und eine Schluckimpfung gegen Typhus unmittelbar eine Woche vor Abreise standen auf meinem Impfprogramm. Jetzt muss ich aber gewappnet sein. Doch da war noch ein Risiko, welches ich vorher nicht ausschließen konnte: Die Höhenkrankheit. Cusco liegt auf 3.400m Höhe. Auf dieser Höhe war ich noch nie zuvor gewesen, nicht mal annähernd. So oft habe ich gehört oder gelesen, wie Touristen an Soroche, wie es dort genannt wird, leiden. Kopfschmerzen, Kreislaufprobleme, Erbrechen. Gemeinsam mit meinem Hausarzt fanden wir ein hier erhältliches Präparat, das als Provisorium in meine Reiseapotheke wanderte. Ich bin mir sicher, dass ich für den alteingesessenen Landarzt, der mich von meiner Geburt an kannte, die erste Patientin war, die nach Peru reiste. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich nur einige wenige der besagten tausend Krankheiten vermieden hatte.
Dass die perfekte Vorbereitung vermeintlich alles, aber auch zugleich nichts ist, durfte ich bald zu spüren bekommen. Packlisten. Ein Sinnbild meines organisierten und strukturierten Perfektionismus. Quasi nach dem Klick zur Flugbuchung schnappte ich mir Zettel und Stift, zeichnete in kunstvoller Schrift »Peru 2014« auf den oberen Papierrand und füllte dieses Blatt Papier bereits Wochen vorm Abflug nach und nach mit Leben. Mama und ich klapperten diverse Geschäfte ab, um passende Kleidung und hilfreiches Equipment zu besorgen. Eine wetterfeste Softshell-Jacke, eine vernünftige Kamera, einfache T-Shirts von H&M, Hygieneartikel, Geschenke für die Gastfamilie und so weiter und so fort.
Der Job als Begleiterin, Weggefährtin und Mutter, während meiner Zeit vor Peru muss anstrengend gewesen sein. Und trotzdem stieß ich bei Mama, die alle Rollen selbstverständlich übernahm, zu jeder Zeit auf Besonnenheit, Ruhe und Zuversicht.
Es war die Zeit der Fußball-WM. Die deutsche Nationalmannschaft performte stark und marschierte durch. Dies nahm ich als Anlass, Hawaii-Ketten im Deutschland-Design und jede Menge Haribo für die ganze peruanische Familie zu besorgen. Ich wusste die Namen meiner zeitweisen Familienmitglieder und hatte sogar schon mal Mailkontakt. Peru schien also nicht hinter dem Mond zu sein. Schließlich gab es offensichtlich Internet.
Von der besten Freundin meiner Mama und ihrer Tochter bekam ich zu meinem Geburtstag einen dünnen und praktisch zusammenfaltbaren Baumwoll-Schlafsack und eine kleine rote Wärmflasche mit der Aufschrift »Liebe«. Noch ahnte ich nicht, dass diese Kleinigkeit zu meinem persönlichen Lebensretter werden würde.
Langsam wurde es ernst, ungemein ernst. Der Moment rückte immer näher. Mit jeder Woche, jedem Tag, jeder Minute. Unruhe machte sich breit und wich anschließend Freude. Oder andersrum. An manchen Tagen konnte ich es nicht fassen. An manchen Tagen hatte ich einfach Angst und die Zweifel waren so groß, dass ich mich dem Abbruch nahe fühlte. An manchen Tagen wünschte ich mir so sehr, dass ich schon da wäre.
Die Zeit verging unfassbar schnell. Eine Abiturprüfung nach der anderen, zwischendurch Vorbereitungen für mein Abenteuer. Kein Platz für Zweifel! Irgendwann kommt der Moment, in dem ich lernen muss, mich von Zuhause zu lösen. Alleine der Gedanke ließ das Blut in meinen Adern gefrieren. Eigentlich war ich für mein Alter sehr reif. Ich hatte es erwähnt, die meisten meiner besten Freundinnen waren ein paar Jahre älter als ich und so fühlte ich mich auch.
Obwohl ich Einzelkind bin, hatte ich mich, insbesondere die letzten fünf Jahre vor meiner Reise, schnell in Richtung Selbstständigkeit bewegt. Nach der Trennung meiner Eltern waren meine Mama und ich noch näher zusammengerückt. Wir wurden zu einem starken und unzertrennlichen Team. Ich übernahm mehr Aufgaben, um meiner vollzeitarbeitenden Mama den Alltag zu erleichtern. Wir vertrauten uns blind, wir kannten uns blind. Fortan gab es nur noch uns – und unseren Hasen Oddi.
Ich war und bin immer noch überaus dankbar für unser Verhältnis und unsere unbändige gegenseitige Unterstützung. Doch diesen Gurt, der uns beide fest zusammenhielt, zu öffnen, davor hatte ich eine riesige Angst. Angst vor Verlust. Meine Mama war für mich der einzige Mensch, der mich wirklich verstand, auf den ich mich verlassen konnte, den ich bis zur Unendlichkeit liebte. Ich klammerte mich ganz fest daran. Dies zu verlieren, würde mir nicht nur den Boden unter den Füßen wegreißen, ich könnte nicht mehr existieren, ich würde nicht mehr existieren wollen. Im Leben oder bei einer Reise auf eigenen Füßen stehen, selbstständig zu agieren und Probleme zu lösen, praktisch betrachtet sah ich mich dazu in der Lage. Mental fühlte ich mich jedoch vollkommen abhängig. Was mir fürs Erwachsensein augenscheinlich noch fehlte, war das Tragen von Verantwortung. Das sollte ich in Peru lernen: An erster Stelle Verantwortung für mich selbst zu übernehmen und im Grunde genommen sogar auch für andere.
Denn die Konstellation drehte sich um. Während bei vorherigen Reisen meine Mama die Verantwortung für sich und mich übernahm, lag es nun an mir, meine eigene zu übernehmen und in gewisser Hinsicht auch für fremde Kinder, die künftig mir vertrauen sollten.
Dieses Problem musste ich in den Griff bekommen, wenn ich erwachsen werden wollte. Dessen war ich mir bewusst. Auf Dauer würde diese Situation für uns beide nicht optimal sein. Mamas müssen letztendlich auch lernen, loszulassen. Auch meine Mama hatte ziemliche Verlustängste. Angst, mir könne in Peru etwas zustoßen, um sich dann in totaler Machtlosigkeit wiederzufinden. Mir machte dieser mentale Gurt zeitweise enorm zu schaffen. Er erstickte mich oft auch in Alltagssituationen, etwa, wenn meine Mama berufsbedingt über Nacht weg war. Lange verstand ich nicht, dass wir trotz allem weiterhin ein enges Verhältnis haben und ein starkes Team sein würden.
Nichtsdestotrotz begriffen wir beide mein Abenteuer auch als Chance.
Für die seelisch schwierige Zeit, die uns beiden bevorstand, wollten wir uns anschließend belohnen. Wenn wir diese Hürde überwunden haben würden, wollten wir einen unvergesslichen gemeinsamen Urlaub miteinander verbringen. Zwei Wochen nach meiner geplanten Rückreise sollte es für uns beide in die andere Richtung gehen: nach Sri Lanka. Auch dies war eine bewusste Entscheidung. Schließlich hätte ich diese Zeit auch in Peru verbringen können, was im ersten Augenblick die logischere und sinnvollere Entscheidung gewesen wäre. Doch dieses gemeinsame Ziel von uns beiden besaß einen großen Wert, der durch den Gedanken zustande kam, dies könne unser letzter gemeinsamer Urlaub sein, bevor für mich ein neues, ein eigenständiges Leben beginnen würde. Es sollte nicht nur eine Belohnung werden, sondern eine Besiegelung. Wir nahmen an, es solle so sein, dass erwachsene Kinder nicht mehr mit der eigenen Mutter verreisen. Eine falsche Annahme, wie sich noch heute herausstellt.
Meine Mama glaubte an mich, fand mein Vorhaben klasse und schaute mit mir gemeinsam gespannt und voller Vorfreude Dokumentationen über kulturelle Traditionen, das Essen, die Menschen und das Leben in Peru. Übrigens gab es bei uns damals noch kein Netflix oder einen Smart-TV mit integrierter YouTube-App. Wir kauften DVDs oder im Bestfall schafften wir es, einen Laptop an das Fernsehgerät anzuschließen. Zwar würden wir die kommenden Wochen räumlich weit voneinander getrennt sein, aber wer und was kann uns innerlich trennen? Niemand! Als Symbol für unsere unkaputtbare Verbundenheit schenkte sie mir eine Kette mit einem Amulett, das ein Foto von ihr inne trägt. Wie schön! Diese Kette werde ich immer bei mir haben und kann mich ihr nah fühlen!
Es beginnt jetzt ein neuer Lebensabschnitt, was voraussetzt, dass ich nun noch einen Schritt Richtung Selbstständigkeit gehe. Eigentlich sogar in vollkommene Selbstständigkeit.
(21.06.2014)
Der Kalender zeigte den 8. Juli 2014. Noch zwei Tage bis zum Abflug. Es war ein heißer Sommer. In kurzen Klamotten fieberten wir beide mit einem Glas Erdbeerbowle und Chips dem Ball im Fernsehen hinterher. Die deutsche Nationalmannschaft traf im Halbfinale auf die brasilianische. Und das im legendären Maracanã in Rio de Janeiro. In der Stadt, in der ich in knapp fünf Wochen selbst sein werde.
»In fünf Wochen wird meine Reise schon fast vorbei sein«, durchbrachen meine Gedanken das Spiel.
7:1! Für Deutschland! Viele werden sich bestimmt erinnern. Welch eine Demütigung für Brasilien. Das bedeutete, Deutschland war im Finale und ich werde es nicht hier erleben. Was ist, wenn die Brasilianer jetzt Hass auf Deutsche haben? Bin ich dann etwa in Gefahr? Da war es wieder, das Was-wäre-wenn-Spiel …
Der Kalender zeigte den 9. Juli 2014. Der Koffer war gepackt. Ein letztes Mal vor meiner Abreise machten wir gemeinsam Oddis Hasenstall sauber. Ich redete bei jeder Gelegenheit vom »letzten Mal«. Das letzte Essen, das letzte Duschen, das letzte Mal die Treppe runtergehen ... Als würde ich den Weg in mein eigenes Grab antreten.
Wie immer setzten wir Oddi auf eine Decke im Wohnzimmer, damit wir den Stall saubermachen konnten. Ich liebte Oddi abgöttisch! Ein Zwergkaninchen mit weiß-schwarz geschecktem Fell. Und das Fell war das aller-, allerweichste, kuscheligste auf der ganzen Welt.
Pulsuz fraqment bitdi.