Kitabı oxu: «Meerjungfrau sucht Mann fürs Leben»
Hanne-Vibeke Holst
Meerjungfrau sucht Mann fürs Leben
Aus dem Dänischen von Christel Hildebrandt
Saga
Meerjungfrau sucht Mann fürs Leben ÜbersetztChristel Hildebrandt Original Det virkelige livCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1994, 2020 Hanne-Vibeke Holst und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726569575
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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Für die Frauen in meinem Leben
Meine Mutter bekam ihre Wehen im ersten Akt von »Nora oder Ein Puppenheim«, sie spielte unbeeindruckt weiter und hätte fast einen Monat zu früh auf offener Bühne ein Kind geboren.
Birgitte, meine Busenfreundin, wachte eines Morgens in einem Meer auf und fuhr in erhabener Ruhe mit Jens, dem Zeichendreieck, der sich an sein Mobiltelefon klammerte, ins Krankenhaus und ich – ich gebäre überhaupt nicht.
Wenn man die ganze Geschichte betrachtet, schon reichlich ironisch, daß ich jetzt die 41. Woche hinter mir habe, ohne, wie es so schön nüchtern auf Englisch heißt, delivered zu haben. Rein klinisch gesehen bin ich ansonsten als reif beurteilt worden. Der Gebärmutterhals ist auf dem Weg, sich zu verwischen, der Schleimpfropfen ist abgegangen und das Fleisch weich und gefügig. Das Kind hat sich schon seit langem gedreht, sein Kopf steht wie ein eingeschraubter Baseball fest zwischen meinen Schenkeln, und sein Gewicht scheint um die 3400 g zu liegen. »Das fühlt sich da einfach nur wohl!« erklärte Birgitte fröhlich, und Paul erinnert mich daran, daß ich ein Wunder in mir trage. »Wir hätten es ebensogut verlieren können!«
Ja, und ich bin die erste, die dieses Wunder preist. Auf einer Bahre nach Hause geflogen, auf der Landebahn mit einem Krankenwagen abgeholt und im Krankenhaus von einem instruierten Team mit finsteren Mienen empfangen zu werden und danach mit der Diagnose »vorzeitige Wehen« zwischen weißen Wänden und ergreifenden Schicksalen auf einer gynäkologischen Abteilung für Wochen eingesperrt zu werden verändert dich. Du wirst demütig. Das Leben ist nichts Selbstverständliches mehr. Weder das eigene noch das, welches du hervorbringst. Deshalb ist es nicht Undankbarkeit oder kindische Ungeduld, die mich den Gynäkologen immer wieder fragen läßt, wann zu erwarten ist, daß die Geburt beginnt, und warum ich nicht schon längst geboren habe. Im Gegenteil, es ist die Angst, daß sich das Drama wiederholen könnte. Daß ich doch noch für mein unbedachtes Moskau-Abenteuer bestraft werde, daß ich nur nicht glauben soll, ich könnte so einfach davonkommen. Ich bin ja mit dem Schrecken davongekommen, habe die Krise überstanden und bin mit einem Urin, klar wie Wasser, gesund geschrieben worden, mit einem Blutdruck wie eine keusche Jungfrau und einem Fötus, der nach allen Untersuchungen, Ultraschallbildern und den Zeichen von Sonne und Mond, von denen sich kein moderner Mediziner gänzlich loszusagen traut, vollkommen unbeschadet und normal sein soll.
Aber wie damals, als ich als junges Mädchen von einem Lastwagen auf dem Rad angefahren wurde und mir einen Fuß gebrochen hatte und danach viel mehr damit beschäftigt war, den schockierten Fahrer zu trösten, als mich um mein eigenes Unglück zu kümmern, kam die Reaktion auch jetzt erst später. Damals traute ich mich ein halbes Jahr lang nicht, mich auf mein neues Rennrad mit zehn Gängen zu setzen, das ich als Ersatz für mein lädiertes bekommen hatte. Und als die Phobie endlich überstanden war, hatte meine Schwester Kiki das Rad geklaut und nach Christiania geschleppt, wo es spurlos verschwand.
Während ich auf der Station lag, war ich auch diejenige, die die ganze Situation am entspanntesten ertrug. Ich, die Paul lautstark versicherte, daß alles gutgehen würde. Ich, die unter keinen Umständen zulassen wollte, daß Mutter ihren und Freddys Toskana-Urlaub abbrach und ich, die Seelsorgerfunktionen für die urlaubsreifen Krankenschwestern übernahm, welche kollektiv vom schlechten Gewissen geplagt waren, weil sie mit tiefem, menschlichem Leid gezwungenermaßen oberflächlich und zeitweise sogar brutal umgehen mußten. Sie schimpften, als sie im Bett meiner Zimmernachbarin Agnes Kaffeesatz fanden, da diese in einem verzweifelten Versuch, zum vierten Mal ein Kind zu behalten, den Anweisungen einer westjütländischen Quacksalberin gefolgt war und ihren Bauch mit Gevalia Kaffeepulver eingerieben hatte. Aber sie heulten, wie der ganze Rest der Station, als sie recht behielten. Auch dieses Mittel war wirkungslos.
Mit Agnes mußte man einfach Mitleid haben. Wie auch mit den Drogenmüttern, einige von ihnen mit Aids im akuten Stadium. Mit den Diabetikerinnen und den Herztransplantierten, die, koste es, was es wolle, darauf bestanden, ihre Schwangerschaft auszutragen. Aber als sogar der General himself, mein schroffer Chef, im Krankenhaus auftauchte, zur Hälfte hinter einem riesigen Korb mit Rotwein, Schokolade und exotischen Früchten verborgen, und mich teilnahmsvoll nach meinem Zustand fragte, hatte ich wirklich das Gefühl, daß die Gerüchte über meinen kurz bevorstehenden Tod reichlich übertrieben waren. Das antwortete ich ihm, dekoriert mit einem schiefen John-Wayne-Lächeln, das ihm beweisen sollte, daß good old Tes ihre Power nicht verloren hatte, und bald wieder im Sattel sitzen würde. Er lächelte anerkennend über den Versuch, Tränenhasser, der er war, tätschelte mir aber dennoch den Handrücken und forderte mich auf, es ruhig angehen zu lassen.
»Es kann ja sein, daß du nur noch eine Kugel im Lauf hast, Missie!«
Ungefähr das war auch der Inhalt der Entlassungspredigt, die ich vom Professor mit auf den Weg bekam.
»Ich erlaube Ihnen nur, hier wegzugehen, wenn Sie mir versprechen, sich zu pflegen! Und damit meine ich absolute Ruhe! Unsere gemeinsamen Anstrengungen sollen doch nicht vergebens gewesen sein, oder?« sagte er und überreichte mir eine Krankschreibung mit einem Blick, der von mir zu Paul und zurück zu mir wanderte. Und mir war in der Zwischenzeit klargeworden, daß dieser ziemlich einzigartig gewesen war. Paul meine ich. Nicht jeder Typ steht drei Wochen lang jeden Tag, ohne zu mucken, in der gynäkologischen Abteilung habacht in dem heißesten Sommer der letzten fünfzig Jahre, um aufzumuntern und die schwüle Langeweile zu vertreiben, in der wir ansonsten dahindösten. Aber Paul bedeutete, wie meine Mitpatientinnen mir anvertrauten, für »uns alle zusammen« ein erfrischendes Ereignis. »Und außerdem ist er ja ein scharfer Typ. Mit ihm könnte ich es mir sogar noch mal vorstellen, einfach zum Vergnügen«, bemerkte Agnes, während sie ständig brütete. Selbst die Ärzteschaft lebte auf, wenn Paul kam und vor den Europameisterschaften, bei denen Dänemark wegen Jugoslawiens Unglück plötzlich ohne jede Erwartung mitspielen durfte, Wetten organisierte.
Deshalb war ich in der Hitze ziemlich scharf darauf, genau mit diesem Paul und einem immer noch relativ großen Happen an Sommer voller Farben, Duft und Freiheit, aus der Isolation entlassen zu werden, mit Geburtstermin Mitte September. Mir zuliebe hatte er sogar seinen Stolz gegenüber seinem großen Bruder beiseite geschoben und dessen Angebot angenommen, sein hübsches, neu erworbenes Ferienhaus in Hornbaek zu bewohnen, während er mit Marianne und ihrem widerlichen Sproß auf Kreuzfahrt im Mittelmeer war. Zum Glück war das Haus – Phillips »Osterei« für Marianne – immer noch in dem Zustand, in dem der frühere Besitzer es verlassen hatte, das heißt nüchtern und einfach mit Rauhfasertapete, zwei Gasflammen in der Küche, durchgelegenen Matratzen und einem unberührten, wild zugewachsenen Gelände. Paul machte sich sofort daran, das mannshohe Gras mit einer scharfen Sense zu mähen, und in einem Liegestuhl ruhend seinen nackten Oberkörper in der Sonne in kraftvollen, regelmäßigen Schwüngen arbeiten zu sehen machte mich so trocken im Mund und naß im Schritt, daß ich den Liegestuhl verlassen und ihn bitten mußte, mich gleich hier zwischen Geißblatt, Brennesseln und hartem, geschnittenem Gras zu nehmen.
Es war eine neue, sozusagen eher natürliche Art, ihn zu erleben, eine tiefere, innerliche Form des Zusammenschmelzens, wie er zuerst zurückwich aus Angst, dem Kind zu schaden, ich ihn dann aber davon überzeugen konnte, daß das nur gesund wäre ... Worauf er grinste und sich mit einem erdigen Handrücken den Schweiß von der Stirn wischte – »Wie du willst, Geliebte!« –, und dann waren wir Kuh und Stier mit dem Himmel, der wie ein blaues Viereck auf und ab wippte. So verliefen die Wochen auf dem Land – einfach, unverstellt, wie die Kartoffeln, die wir aus einem überwucherten Beet in einer Ecke des Gartens ausgruben und mit Butter, Dill und geräuchertem Hering aus dem Hafen von Gilleleje aßen. Wir wuschen einander die Haare mit kaltem Wasser, tauchten Erdbeeren in Schokolade und vermieden sorgfältig die Kopenhagener Herde in Hornbaek-Stadt, indem wir uns einfach fernhielten. Mit anderen Worten: Wir waren zum ersten Mal laut Pauls präziser Formulierung Mann & Frau, die Tag und Nacht in intimer Zweisamkeit verbrachten, was wir zuvor stets vermieden hatten, bewußt oder unbewußt. Wir furzten und rülpsten, schnarchten und sabberten, waren morgenmuffelig und mittagsschläfrig, abends geil und konnten nachts nicht schlafen, und in allererster Linie der Gesellschaft des anderen überlassen. Angenehme Gesellschaft, sollte ich hinzufügen, denn das stellten wir auch fest. Daß es uns gut zusammen ging, daß wir auf einer Wellenlänge waren, uns schieflachen konnten, uns nie die Worte fehlten, wir aber andererseits auch keine Angst vor der Stille hatten, wenn wir abends an der Küste entlanggingen und dem Geräusch der Wellen lauschten und sahen, wie die Lichter an der schwedischen Küste angezündet wurden, wenn die Nacht einen Ton dunkler wurde. Und dann eine elementare Sache, die für mich normalerweise der peinliche, kritische Punkt ist: der Körper. Mein heimlicher Ekel vor dem Körper des Geliebten. Schlaffe Pobacken, eine hängende Schulter, zu plumpe Figur oder ein unschöner Schwanz. Aber Pauls Körper liebte ich. Ihn anzusehen, an ihm zu schnüffeln, ihn zu berühren. Er ist auf eine fast feminine Art und Weise schmackhaft, perfekt proportioniert und federnd wie bei einem Jüngling. Und ihn so um mich zu haben, moschusduftend, mit nackten Zehen in den Espadrilles, war genau eines dieser sensuellen Sommervergnügen, denen mich zu öffnen er mich lehrte. Er versuchte auch, mir ein zusammenhängendes Grundwissen über die französischen Philosophen beizubringen, während ich tastend die Tiefen der russischen Volksseele beschrieb. Und während Paul mir Victor Hugos »Die Elenden« auslieh – starkes Buch! –, lieh ich ihm Tschechows Briefe und machte ihn ein wenig eifersüchtig mit meiner Äußerung, daß ich für ihn, Tschechow, immer schon eine Schwäche gehabt hätte. Anton war sanft und fern zugleich, und außerdem fühlte er die Rastlosigkeit und das Zögern, sich an seine geliebte Olga zu binden, das auch ich in diesen Tagen gesättigter Leibesfülle als Unruhe im Blut wiedererkannte, ein plötzliches Kitzeln unter den Fußsohlen, ein Ausspähen nach etwas anderem. Aber Tschechow war nie schwanger, er hatte nie dieses Kind gehabt, das ihn wie ein Sandsack zur Erde ziehen konnte. Und auch nicht diese Erwartung von etwas Großem, das seinem Leben endlich eine Richtung geben konnte.
Denn das Kind war natürlich der Himmelskörper, um den wir uns die ganze Zeit drehten. Unser Lieblingsthema, auf das wir immer wieder zurückkamen. Dort in diesem übersichtlichen Idyll, das Paul als medienfreie Zone bestimmte, erschien es so einfach und selbstverständlich, sich zu reproduzieren. No problem! Wir hatten Ferien, der Preis für Windeln und der Mangel an Krippenplätzen segelten wie Schäfchenwolken an dem ewig blauen Himmel an uns vorbei. Und meine Angst, mich selbst zu verlieren, meine Verteidigung der heiligen Integrität und mein professionelles Über-Ich kamen mir ehrlich gesagt ein wenig übertrieben vor. Warum alles so komplizieren? Paul war ja auch da, ich würde nie im Stich gelassen werden. Ganz im Gegenteil, versicherte er mir. Jeden Tag. Mehrmals am Tag. Zum Schluß fühlte ich mich so apathisch oder wie nach einer Gehirnwäsche, daß ich mein Mißtrauen gegenüber seinem wirklichen commitment zusammen mit den Wolkenformationen wegwehen ließ. Auf den Sand hinaus, wo sich der Zweifel auflöste und zu Luft wurde.
»Es ist ja nun ganz klar, daß das hier nicht das wirkliche Leben ist«, sinnierte ich eines Mittags, während die Hummeln in den Heckenrosen summten und Paul eine Wassermelone zerteilte.
»Wer sagt das?« bemerkte er und legte vier Stücke rotgrüne Melone auf einen angeschlagenen Tonteller. »Du bist jedenfalls nie zuvor so wirklich für mich gewesen, Tes! So nahe, so fruchtbar, liebenswert ohne Abstand ...«
»Oh, wie lyrisch!« richtete ich mich auf, immer empfänglich für jeden Anflug manierierter Gefühlsduselei.
Er reichte mir den Teller.
»Tes, hast du jemals überlegt, wieviel Lärm um uns herum ist? In der Stadt, jeden Tag? Bevor wir hierhergekommen sind, waren wir nie zusammen einfach nur still! In all dem Lärm habe ich dich faktisch gar nicht hören können! Wenn wir nicht hierhergekommen wären, hätten wir nie die Ruhe gehabt, uns kennenzulernen! Ich habe dich gespürt, aber es könnte doch sein, daß ich mich geirrt habe ...«
»You win some, you lose some!« lächelte ich.
Paul biß in die Melone, daß der Saft ihm das Kinn herunterrann. Dann bestand er ernsthaft darauf, sich vor mir in die Hocke zu setzen.
»Du warst ganz genau so schön, wie ich es mir erträumt hatte: Ich liebe dich. Laß uns hierbleiben!«
»Hierbleiben?« fragte ich und gab ihm seine kleinen, bekräftigenden Küsse zurück.
»Hier in diesem Leben. Laß uns aussteigen, bevor es richtig angefangen hat, laß uns einfach und gut leben, das Kind aufziehen, ordentliche Kartoffeln anpflanzen, hier und da ein bißchen schreiben ...«
»Nullwachstumsromantiker!« spottete ich, die selbst einmal davon geträumt hatte, spartanisch in einem südamerikanischen Landwirtschaftskollektiv zu leben. »Wir werden unruhig werden, im Winter einschneien und einander auf die Nerven gehen! Das Kleine wird Bronchitis kriegen und wir in Thermoklamotten herumrennen und meckern, warum kein Geld für Heizöl da ist.«
»Ich bin kein Romantiker, ich bin Realist. Das läßt sich problemlos machen. Wir verkaufen die Wohnung. Du wirst Freelancer, und ich werde Schriftsteller. Wenn du willst ...«
»Das will ich vielleicht in dreißig Jahren! Ich habe keine Lust, mich pensionieren zu lassen, Paul!« sagte ich ärgerlich über das Idyll, das von dieser trivialen Unterhaltung zerstört wurde, die doch im Endeffekt von dem ewig zwischen uns gärenden Konflikt handelte: meinem Verhältnis zu meiner Arbeit.
»Ich finde es schön auf dem Land, aber ich freue mich auch, wieder zurück in die Stadt zu kommen! Denn ganz gleich, was du hoffst oder glaubst, werde ich nie diejenige werden, der es reicht, Rhabarber einzukochen!«
»Okay, du hast recht. Wir gehen zurück und leben unser Surrogatleben in der Metropole. Meine geliebte, geliebte Tes! Aber sage nie, daß es meine Schuld ist!«
Das versprach ich.
»Ich werde schon die Verantwortung für meine Handlungen übernehmen. Und zwar zu jeder Zeit!«
Kurz darauf gingen wir zu einer Telefonzelle und riefen daheim an, um Pauls Anrufbeantworter abzuhören. Auf ihm war ein Anruf von einer Sekretärin von TV 2. Betreffend die Bewerbung, die er vor ein paar Monaten eingesandt hatte. Am nächsten Tag rief er zurück und wurde gebeten, am gleichen Nachmittag zu einem Gespräch nach Kopenhagen zu kommen. Am Abend hatte er das Angebot bekommen, zu Weihnachten als Allroundreporter bei der Kopenhagen-Redaktion eingestellt zu werden.
»Erster Dezember wahrscheinlich. Also haben wir nur ein paar Monate zusammen mit dem Baby«, überlegte Paul, als er aus der Stadt zurückgekommen war und wir mit Weißwein an unserem Lieblingsplatz im Garten anstießen. Es war schwül, der süße Duft von Kamille und herbstreifem Getreide hing schwer in meinen angeschwollenen Nasenlöchern.
»Wir können das Geld gut gebrauchen«, sagte ich vernünftig. »Und wenn du als Freier einen anständigen Monatslohn nach Hause bringen willst, wird es sowieso verdammt hart!«
Paul wippte mit seinem Glas in meine Richtung.
»Sag es nur, Tes. Wenn’s soweit ist, willst du mich sowieso am liebsten aus dem Haus haben.«
»Aber das wäre doch nur schön!« wich ich aus, und mir fiel ein, daß der Sommer im nächsten Moment vorbei sein würde. Dann fielen die ersten Regentropfen seit drei Monaten. Paul runzelte die Stirn, und mehr war nicht notwendig, damit auch mein Launebarometer drastisch sank. So leicht gebaut war mein innerer Deich gegen die seit Monaten aufgestaute Angst, daß er in der gleichen Nacht brach, in der ich mit weit aufgerissenen Augen schlaflos dalag und die Unruhe in mir aufsteigen fühlte, Meter um Meter, um mich schließlich mit eiskaltem Grauen zu überspülen.
»Aber, mein Schatz, wovor hast du denn Angst?« fragte Paul, als ich ihn weckte, um in seiner Armbeuge Trost zu suchen.
»Vor allem«, jammerte ich und schmiegte mich an ihn.
»So, so«, tröstete er, stand auf und kochte mir warme Milch mit Honig. Die trank ich und kam zur Ruhe, und am nächsten Morgen war das Gespenst in die Erde verbannt. Aber in der nächsten Nacht kam sie zurück, die Angst, die vielleicht eine neue Angst vorm Sterben war, eine Verletzlichkeit, die ich nie zuvor gekannt hatte. Und seitdem sind die Nächte voller Furcht, voller Alpträume mit deformierten Geschöpfen, siamesischen Zwillingen, mit Katzenkörpern geboren, einbalsamierten Föten in Schuhkartons. Ich werde von Krämpfen in den Beinen geweckt, muß aufstehen, Wasser trinken, pinkeln und zu mir selbst kommen. Mich zur Vernunft bringen, spüren, wie das Kind den Rücken bewegt und den Fuß streckt, ein lebendes Dementi, das mich im Morgengrauen aus dem Totenreich zurückholt.
Paul meint, es sei Moskau, das mich einholt. Daß ich gezwungen sei, mich der Angst zu stellen, die ich fühlte, als ich kurz davor gewesen war, von meinem ganz besonderen Mafiafreund, Alexander Kuznetsow, umgebracht zu werden. Sascha, unter Freunden.
»Du mußt deine Angst zulassen!« forderte er mich auf, als wäre er in einem Seelenklempnerkurs gewesen. »Du warst kurz vorm Sterben, Lady! Und dann gib doch endlich zu, daß der Krankenhausaufenthalt kein Picknickausflug war! Du mußt nicht immer die starke Frau sein!«
Ich gebe zu, daß ich neben den hormonal bedingten Gemütsschwankungen an den Nachwirkungen eines Schocks leide, wie damals, als ich vom Fahrrad geholt wurde. Ich gebe auch zu, daß die Wochen im Krankenhaus retrospektiv mit einer Reise durch den Vorhof der Hölle zu vergleichen sind. Aber ich bin, was die Strategie angeht, ganz anderer Meinung. Meiner Meinung nach gehört der Urschrei auf den Therapiemarkt, wo die Leute sich herzlich gerne auf dem Boden wälzen und brüllen sollen, wenn sie meinen, das gäbe ihnen einen Kick. Ich persönlich kenne eine sehr viel effektivere und wirksamere Kur: Arbeit.
»Müßiggang ist die Wurzel allen Übels«, antwortete ich auf seine Diagnose, als wir Ende August das Ferienhaus verschlossen, um in die Stadt zurückzukehren. »Ich habe einfach zuviel Zeit. Ich muß was zu tun haben. Ich kann nicht so herumlaufen und warten und von morgens bis abends in meinen Eingeweiden herumwühlen.
»Du hast was zu tun!« beharrte er. »Du mußt ein Nest bauen!«
»I prefer intellectual work!« Ich verdrehte die Augen wie meine russische Freundin Swetlana, die dieses Argument als Entschuldigung für ihre praktische Faulheit zu verwenden pflegt. Übrigens hat sie gerade überglücklich aus Moskau angerufen. Sie hat einen Job als Übersetzerin und Sekretärin in einer amerikanischen Beratungsfirma bekommen, »so soon I’ll be living in New York!«.
Aber ich weiß nur zu gut, daß ich mich nicht weigern kann. Ich muß ein Nest bauen. Während ich im Krankenhaus war, bekam Paul endlich die Carte blanche, um meine Wohnung zu räumen und zu vermieten. Ich war matt und geschwächt und unterschrieb den Mietvertrag mit dem fatalistischen Gefühl, entmündigt zu werden. Und jetzt, hinterher, wo ich eigentlich damit einverstanden bin, daß Paul und ich mit unserem Kind zusammen in seiner Wohnung leben werden, weil sie größer und schöner ist als meine, bin ich dennoch nicht ganz frei davon, mich hintergangen zu fühlen. Wenn es also schon schwierig war, mich zu überwinden, auszuziehen, so ist es noch schwieriger, einzuziehen. Paul hingegen hat den Weg dazu bereitet, indem er rigoros seine eigenen Sachen aussortiert hat, damit Platz für mich ist. Regalplatz, Schrankplatz, Schubladenplatz. Sogar Wandplatz für meine Pinnwand, als ob das einen Unterschied machen würde. Mein Leben als Single ist vorbei, ganz gleich, wie wir die Tatsache auch beschönigen. Als wir auf dem Land waren, war es nur ein undramatischer Entwicklungsschritt, aber hier in der Stadt, wo ich die ganze Zeit mit den Kulissen meines alten Lebens konfrontiert bin, scheue ich vor dem Neuen wie vor einem Hindernis. Ich kann mich nicht zu dem endgültigen Sprung, der Kapitulation, überwinden, wie sinnlos es auch in diesem Stadium erscheint. Also ist mein Leben immer noch in Umzugskartons verpackt, unästhetisch in Pauls hübschen Zimmern aufgestapelt. Irgendwie tue ich, als wäre ich nur zu Besuch und könnte, wann immer ich wollte, mich aus dem Terrain zurückziehen. Zu mir.
Dem Kind gegenüber kann ich mich jedoch merkwürdigerweise einfacher verhalten. Ich kann akzeptieren, daß es vernünftig ist, rechtzeitig einen Kinderwagen zu kaufen, und aufgrund meiner Initiative fahren wir zu einem Babyausstattungsgeschäft am Roskildevej. Ich bin es auch, die Paul unter Druck setzt, den »Gründungskredit« anzunehmen, den Ernst, sein reicher Vater, uns großzügig anbietet. »Zins- und gebührenfrei«, so daß hier von einem regulären Sponsoring die Rede ist, auch wenn Paul sich etwas anderes einbildet. Ich persönlich habe keine Skrupel, im Gegenteil: Ich wüßte nicht, wie wir sonst eine Investition in die Zukunft hätten bewerkstelligen können.
»Weißt du, daß wir uns dieses Projekt eigentlich gar nicht leisten können?« warf ich ein, als wir im Geschäft standen und auf einen Kurier warteten, der Kinderwagen, Wiege, Wickeltisch, Badewanne, Wipper und Babyphone in die Nørre Søgade bringen sollte.
»Natürlich können wir das«, sagte er. »Wenn nicht wir, wer dann?«
»Eine Packung Pampers kostet fast hundert Kronen! Wir werden kaum noch Geld fürs Kino haben!«
Paul lächelte satanisch.
»Wir werden keine Zeit fürs Kino haben!«
Das machen wir dafür im voraus. Und gehen ins Café und in die Galerien, in Geschäfte und in den Wald – und zur Beerdigung eines lieben, pensionierten Kollegen. Er war einer der Grand Old Men der Auslandskorrespondenten, gerecht, humorvoll und so großzügig, daß er gern sein Wissen mit den Jungen teilte, wenn er beim Sender »mal reinschaute«. Ich war eine derjenigen, die er aufgrund ihres Mutes respektierte, aber aufgrund meines Übermutes ermahnte, wie er selbst sagte. Als ich also in der vollen Kirche saß, fiel mir auf, daß ich den feinen, älteren Herrn gern gemocht hatte, und an dem gebeugten Kopf des Generals ein paar Reihen vor mir sah ich, daß auch er gerührt war. Die Witwe dankte hinterher gerührt, daß ich gekommen war und sie an den »Lebenskreis« erinnert hatte, und ihre warme Rede über die Freude nach der Trauer war so unerwartet bewegend, daß ich Paul am Arm packte und ihm sagte, wir müßten sofort gehen.
»Und was ist mit dem Leichenschmaus?« fragte er flüsternd.
»Ich halte es nicht aus. Es ist zu traurig«, brachte ich heraus und entschuldigte meine Unpäßlichkeit. »Das sage ich dir – die Wartezeit geht mir auf die Nerven. Ich muß was zu tun haben! Warum geht es nicht endlich los? Ich bin schon sechs Tage überfällig!«
»Weil du dich nicht traust!« sagte Paul und lotste mich zum Alfa auf dem Parkplatz. Von meinem Platz auf dem Beifahrersitz aus erwiderte ich ein Winken des Generals, der aus seinem heruntergekurbelten Fenster fragte, ob es denn ein Mammut wäre, mit dem ich niederkommen sollte.
»Zwei!« rief ich zurück, während Paul schäumte. »Mußt du mit ihm auf diese Art und Weise flirten?«
»Flirten? Nun mal ehrlich, Paul, du hast doch gehört, was ich gesagt habe. Das war nicht just sexchikane!«
»Er soll mein Kind nicht ein Mammut nennen!« schnaubte Paul daraufhin, während ich lachte.
»Warum schlägst du ihn dann nicht nieder? Ein für allemal?«
»Irgendwann werde ich das auch tun!« sagte er unheilschwanger und trat aufs Gas, daß der Kies unter den Reifen wegspritzte. Paul, sonst die Geduld in Person, gleich, ob ich fettige Haare oder geschwollene Knöchel hatte, unleidlich und empfindlich war, beginnt, mich jetzt auch erwartungsvoll anzusehen, wenn ich eine der langen Vorwehen bekomme, die wir inzwischen »Narrenwehen« nennen. Aber es passierte nichts, so die niederschmetternde Mitteilung, wenn Kiki, meine Schwester, mindestens zweimal am Tag anruft und Mutter überraschend aus den Proben vorbeischaut, um zu hören, ob es etwas Neues gibt. Birgitte hat vorgeschlagen, wir sollten »es losbumsen«, die Prostaglandine im Samen des Mannes wirkten wehenfördernd, was die Ärztin zögernd bestätigte. Aber das erste Mal, seit wir uns kennen, kann Paul nicht. Ganz gleich, welche Verführungskünste ich auftische, er bleibt schlaff wie ausgekochte Spaghetti.
»Nicht, daß du nicht wahnsinnig süß bist«, entschuldigt er sich. »Aber ich habe irgendwie das Gefühl, als wäre das Kleine dabei und würde zugucken.«
Birgitte schnalzt bedauernd mit der Zunge, als sie von seiner Impotenz hört.
»Ihr solltet es aber trotzdem genießen, denn hinterher ist es nie wieder das gleiche!«
Sie begleitet mich ins Kaufhaus, wo wir Strampelanzüge und Unterwäsche in Größe 50 kaufen. Was ich schon lange hätte tun sollen, aber weil ich mich irgendwie immer noch nicht richtig freuen kann, traute ich mich nicht, so vermessen zu sein, mich meinem Kind so stofflich zu nähern. Kinderwagen und die andere Ausstattung würde ich immer wieder verkaufen können, falls ... Aber so ein winzig kleines Unterhemdchen mit Bindeband ...
»Wie süß!« murmele ich mit einem wohligen Schaudern.
»Ja, es ist furchtbar«, sagt Birgitte. »Man vergißt ganz, wie hart es ist!«
Ich ermuntere sie nicht, ihre Behauptungen zu veranschaulichen. Ich weiß, was sie sagen will, und mag nichts mehr von »Vorher« und »Hinterher« hören und all die anderen zum Himmel gerichteten Prophezeiungen, mit denen unter anderem auch sie glänzt. Aber sie fährt unerschütterlich fort. Malerisch, so daß ich gegen meinen Willen grinsen muß.
»Goodbye, Nachtschlaf! Auf Wiedersehen, Sexualleben! Adios, Candlelight-Dinner! Au revoir, Karriere!«
Es nützt nichts, aber ich protestiere dennoch mit dem Hinweis auf die Unterschiede bei den Vätern. Jens befindet sich so oft beim Bau der Brücke über den Großen Belt, daß Birgitte eigentlich als alleinstehende Mutter zu betrachten ist.
»Liebste Birgitte, mein Kind hat auch einen Vater! Einen äußerst präsenten Vater!«
»Das kann schon sein. Aber ganz gleich, wie ihr es euch vorstellt, du bist und bleibst die Mutter!«
Ich schüttle den Kopf.
»Diese neue Mütterlichkeit kannst du dir gern ...«
Im gleichen Moment stoße ich ein Stöhnen aus, klappe zusammen und greife nach ihr.
»Was ist? Geht es los?« fragt sie aufgeregt.
»Nein, das ist nur eine Vorwehe! Manchmal ist es, als schössen sie bis in die Schenkel!« keuche ich.
Birgitte nickt verständnisvoll.
»Glaubst du, Paul hat auch Vorwehen?«
»Phantomwehen!« entgegne ich und frage, ob wir jetzt nicht genug haben. Ich möchte lieber ins Café.
Sie schüttelt erfahren den Kopf und greift nach Unterhosen. »Nein, du brauchst mindestens jeweils fünf Stück. Du machst dir einfach keinen Begriff davon, wieviel diese Neugeborenen scheißen! Die reinste Remoulade, das läuft einfach so raus!«
»Bitte, Birgitte!« verdrehe ich die Augen.
»Aber das stimmt doch! Aber keine Sorge, das wird erst später eklig.«
Wir gehen ins Café Europa – dem einzigen Café in Kopenhagen mit einem Samowar auf dem Bartresen –, und auch wenn es nur ein paar hundert Meter vom Kaufhaus zum Højbro Plads sind, bekomme ich Seitenstiche und Atemnot bei meinem Versuch, mich in einem normalen Tempo zu bewegen. Birgitte senkt das Tempo und schiebt eine Hand unter meinen Arm, so daß wir das letzte Stück wie ein paar ehrwürdige ältere Schwestern meistern. Sie hilft mir auch, mich zwischen den Cafétischen durchzumanövrieren, so daß mein Bauch nicht gerade die Tassen zu Boden fegt, sondern nur den Lederjackenrücken eines jungen Typen streift.
»Toll!« bemerkt der spontan, als er sich umdreht. »Wann ist es soweit?«
»Schon vor hundert Jahren!« sage ich und sinke erschöpft auf einem Stuhl nieder. Ich muß eigentlich pinkeln, aber allein der Gedanke, das ganze Café zu durchqueren und mich eine steile Kellertreppe hinunterzuwinden, um ein Spiegelkabinett von einem Damen-WC zu erreichen, läßt mich lieber darauf verzichten.
Birgitte hat mich der kollektiven Besichtigung überlassen, während sie die Bestellung an der Bar übernimmt. Unglaublich, wie so ein Bauch die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zieht. Von allen Seiten wird hemmungslos geglotzt – auch in der Redaktion, an meinem Arbeitsplatz, wo ich trotz Pauls Gemaule ein paarmal hingegangen bin, um Post zu holen und an Mitarbeiterkonferenzen teilzunehmen. Die Leitung hat Pläne, die Nachrichtensendung auf 21 Uhr zu verschieben, was der General ablehnt und die Vertrauensleute befürworten. Die Mitarbeitergruppe ist gespalten, und ich selbst habe mir keine definitive Meinung bilden können. War dazu irgendwie nicht in der Lage. Was mich selbst beunruhigt: Mein Arbeitsplatz kommt mir schon jetzt fern und nicht mehr mich betreffend vor, und prinzipiell zeugt es von schlechtem Stil, zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit hereinzurauschen und der Vertretung über die Schulter zu gucken. Ras, der Auslandsredakteur und mein direkter Vorgesetzter, sagte auch einmal direkt, daß er sich einer Tes mit dickem Bauch gegenüber »einfach nicht verhalten könnte«, und der General sah aus, als würde er in Gesellschaft einer so provozierenden Weiblichkeit nahezu unpäßlich. Dazu würde das Gerücht passen, es läge ein inoffizielles Dekret vor, wonach der General keine hochschwangeren Reporterinnen um sich haben will, wie die Produktionsassistentin Kirsten behauptet, die einzige, die sich offen gegenüber meinem Zustand verhalten konnte, indem sie mir auf den Bauch klopfte und »hallo, du da!« sagte.