Kitabı oxu: «Feindbild Russland»

Şrift:

Hannes Hofbauer

Feindbild Russland


© 2016 Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien

ISBN: 978-3-85371-833-9

(ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-85371-401-0)

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Über den Autor

Hannes Hofbauer, geboren 1955 in Wien, studierte Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien und arbeitet als Publizist und Verleger. Im Promedia Verlag sind von ihm zuletzt erschienen: Verordnete Wahrheit, bestrafte Gesinnung. Rechtsprechung als politisches Instrument (2011) und Die Diktatur des Kapitals. Souveränitätsverlust im postdemokratischen Zeitalter (2014).

Inhalt

Über den Autor

Vorwort

Russische Reichsbildung

Länder sammeln

Das Russlandbild im Westen

Überdehnte Expansion

»Kaiser aller Reußen/Russen«

Eurasisches Herzland

Napoleons großer Feldzug

Allianz gegen Russland: Vom Krimkrieg zum deutsch-russischen Zerwürfnis

Befreier oder Barbaren: Konträre Russenbilder im 19. Jahrhundert

Von den Liberalen gehasst, von den Reaktionären verehrt

Aufruf zum Krieg gegen die Barbaren

Im Krieg gegen Russland (1914–1945)

Von der britischen »Heartland«-Theorie zur deutschen Kriegserklärung

Die Ukraine zwischen den Fronten

Vom »Drang nach Osten« zum »Volk ohne Raum«

Deutsche Großraumpläne

Vom heißen zum Kalten Krieg (1945–1991)

Von Bretton Woods zum Containment

Schwierige Zeiten für US-Hegemonie: die 1970er Jahre

Amerikanische Mission unter antikommunistischer Flagge

Waffen in Stellung bringen

Moskau tappt in die Falle: Afghanistan

Keynesianismus auf Amerikanisch

Moskau bankrott

Auf die Knie! Die Ära Jelzin (1991–1999)

Das Ende der Sowjetunion

Von der IWF-gesteuerten Schocktherapie …

… zum militärischen Vormarsch der NATO

Jelzin’sche Nachwehen

Stabilisierung in Moskau (2000–2012)

Konsolidierung der Macht

Administrative Re-Zentralisierung

Ökonomische Integrationsversuche

Der starke Staat

Das Ende der Entspannung

Das georgische Abenteuer

Soft Power: das Konzept »Farbrevolution«

Den Anfang macht die Bundesrepublik

Zivilgesellschaftliches Intervenieren349

Das Geld kommt aus dem Westen

An Russlands Grenzen363

Wer revoltiert?

Proteste in Russland

Moskau ist gewarnt

Kampf um die Ukraine Die Europäische Union prescht vor: das Assoziierungsabkommen 2013389

Die Transformation des europäischen Ostens in den 1990er Jahren

Die »Ostpartnerschaft«

Zuckerbrot und Peitsche

Jazenjuk und Poroschenko unterschreiben

Vom Majdan zum Bürgerkrieg

Die Ukraine zerfällt – die Krim wird bzw. bleibt russisch

Massaker in Odessa und Repression in Kiew

Krieg im Donbass

Die Volksrepubliken

Aus Fronten werden Grenzen

Vom Einsatz gegen »Terroristen« zum Stellvertreterkrieg gegen Russland

Bringt Minsk II den Frieden?499

Wirtschaftlich am Ende

Sanktionsregime gegen Moskau

Prophylaxe gegen den Anschluss der Krim

Von Personensanktionen zum Wirtschaftskrieg

Olympia-Boykott

Mobbing und Russen-Bashing

Sanktions- und Embargofolgen für den Westen

Moskau reagiert

Die große Schlacht um Öl und Gas

Zäsuren westlicher Russophobie (ab 1999)

Gegen Putin, die Inkarnation des Bösen

Russland eindämmen

Medienmeute losgelassen

»Medizinische Diagnose« statt politischer Analyse

Feind-Freund-Wahrnehmung

Die Putin-Versteher

Russland-Deutung: national, etatistisch, eurasisch

Literaturverzeichnis

Bücher, Beiträge und Quellen (gedruckt)

Internet

Filme

Zeitschriften/Zeitungen/Agenturen

Gesprächspartner

Vorwort

Pünktlich zum Gedenkjahr an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges schwoll im Westen die lange vorhandene russophobe Grundstimmung zu manifestem Russenhass an. Ende 2013 eskalierte die Ukrainekrise, kurz darauf war zwischen Washington, Brüssel und Berlin die Feindortung erfolgt. Die trans­atlantische Gemeinschaft nahm Moskau ins Visier, erließ Einreiseverbote gegen Diplomaten, verhängte Sanktionen, sperrte Konten, schloss Russland aus Gremien aus, boykottierte politische, kulturelle und sportliche Groß­ereignisse und mobbte sogenannte »Russlandversteher« in den eigenen Reihen. Stellvertreterkriege in der Ukraine und in Syrien verfestigten das gegenseitige Misstrauen. Ein altes Feindbild war neu erstanden.

Feindbilder – das wissen wir bereits aus der Friedensforschung der späten 1960er Jahre1 – begleiten militärische Aggressionen oder gehen diesen voraus bzw. bereiten das Publikum an der Heimatfront auf entsprechende Maßnahmen vor. Sie sind Instrumente einer »psychischen Herrschaftssicherung zur Herstellung einer Massenloyalität«,2 wie es der Soziologe Hans Nicklas auf den Punkt bringt.

»Auf der Basis von Feindbildern«, so der Friedensforscher Dieter Senghaas, »läßt sich jegliche Verteidigungsmaßnahme potentiell rechtfertigen«. Ihre Propagierung bestimmt »das Spektrum möglicher Konflikterwartungen.«3 Was Senghaas im Kontext der NATO-Aufrüstungspolitik in Zeiten des Kalten Krieges analysiert, kann mühelos auf andersgeartete geopolitische Konfliktfelder übertragen werden. Die EU-Osterweiterung von NATO und Europäischer Union seit den 1990er Jahren stellt dafür ein beredtes Zeugnis aus. Solange diese in ihren Anfängen nicht auf Widerstand in Moskau stieß und in der Person des damaligen Präsidenten Boris Jelzin sogar einen indirekten Unterstützer fand, war vom »bösen Russen« im Westen nichts zu hören. Erst als sich das Land unter Wladimir Putin nach dem Jahr 2000 zu konsolidieren begann, schlug die westliche Freude über das Ende der kommunistischen Epoche in Skepsis um, der die Feindbildkonstruktion folgte.

Auch die Suche nach den historischen Wurzeln des scheinbar ewigen negativen Russlandbildes bestätigt den Zusammenhang zwischen geopolitischem Konflikt, hinter dem in aller Regel wirtschaftliche Interessen stehen, und der Herstellung eines Feindbildes. Das westliche Klischee vom »barbarischen, asiatischen Russen« taucht zum ersten Mal Ende des 15. Jahrhunderts beim Krakauer Philosophen Jan z Głogowa (Johannes von Glogau) auf, just in jenen Jahren, als der Deutsche Orden gegen den erstarkenden Moskauer Zaren Iwan III. Krieg führt.

Über 500 Jahre lang wechseln einander seither positive und negative Zuordnungen zu Russland und den Russen ab, wobei die negativen im Zeitenlauf deutlich überwiegen. Diese Tatsache hat mich auch dazu gebracht, das Buch »Feindbild Russland« zu nennen, wohl wissend, dass es Epochen gegeben hat, in denen dieses Bild nicht oder nur für einen Teil der Gesellschaften in Westeuropa Gültigkeit in Anspruch nehmen kann.

Zur Zeit der Drucklegung dieses Buches Anfang 2016 beherrscht die Lage im Nahen Osten die außenpolitische Diskussion. Ob das militärische Eingreifen Moskaus in den Konflikt seit Ende September 2015 die Kräfteverhältnisse wesentlich verschiebt, ist nicht absehbar, noch weniger eine ernst gemeinte Allianz für eine friedliche Lösung. Anstatt des Abbaus bestehender Feindbilder steht deren Multiplizierung an. Maßgebliche Stimmen wie jene von Papst Franziskus warnen bereits vor einem sich schleichend breitmachenden dritten Weltkrieg. Für das Verhältnis des Westens zu Russland stehen die Zeichen weiter auf Konfrontation.

Um ein Buch wie das vorliegende zu schreiben, bedarf es neben dem Studium möglichst mannigfaltiger Lektüre und dem Sammeln von Informationen aller Art vor allem auch ständiger Diskussionen mit Kennerinnen und Kennern historischer und aktueller Zusammenhänge. Stellvertretend für eine Vielzahl von Kol­legIn­nen und FreundIn­nen, die meine Arbeit auf solch diskursive Weise begleitet und damit erst möglich gemacht haben, möchte ich an dieser Stelle meiner Lebensgefährtin Andrea Komlosy danken. Ihre wirtschafts- und sozialhistorische Expertise ebenso wie die Aufmerksamkeit, mit der sie aktuelle Ereignisse verfolgt, sind in den Text eingegangen.

Hannes Hofbauer

Wien, im Februar 2016

1 Vgl. Dieter Senghaas, Aggressivität und Gewalt. Thesen zur Abschreckung. In: Herbert Marcuse u. a. (Hg.), Aggression und Anpassung in der Industriegesellschaft. Frankfurt/Main 1968, S. 128ff. Zit in: Imad Mustafa, Feindbild Islam. Die politische Instrumentierung »orientalischer Feindbilder« in den Medien, Frankfurt/Main 2008 (Magister­arbeit), S. 7

2 Hans Nicklas, Die politische Funktion von Feindbildern. Thesen zum subjektiven Faktor in der Politik. In: Gert Sommer/Johannes Becker (Hg.), Feindbilder im Dienste der Aufrüstung. Beiträge aus Psychologie und anderen Humanwissenschaften. Marburg 1992, S. 34. Zit. in: Mustafa 2008, S. 18

3 Dieter Senghaas, Zur Analyse von Drohpolitik in den Internationalen Beziehungen. In: ders. (Hg.), Rüstung und Militarismus. Frankfurt/Main 1972, S. 42

Russische Reichsbildung

Beginnen wir unseren historischen Rückblick mit dem Jahr 1480. Es steht für eine bedeutende Zäsur in der russischen Geschichte. Jahrhunderte waren vergangen, seitdem der schleichende Niedergang der Kiewer Rus zur Mitte des 11. Jahrhunderts die mittelalterliche Reichsbildung in Vergessenheit geraten ließ. Vom Glanz des einstigen Kiew mit seinen 100.000 Ein­wohnerIn­nen war schon lange vor der Ankunft der Mongolen nicht mehr viel übrig geblieben. Die Eroberung der alten Hauptstadt im Dezember 1240 durch die »Goldene Horde« gilt bis heute als russisches Trauma.

240 Jahre später schüttelte ein Regent aus dem Moskauer Zweig der Rurikiden-Familie die mongolisch-tatarische Oberherrschaft ab. Unter ihr hatte sich zwar eine gewisse politische Autonomie und religiöse Selbstverwaltung behaupten können, die Tributpflicht gegenüber dem Khanat blieb jedoch ökonomisch bestimmend. Unter Iwan III. fanden die Tributzahlungen an die Tataren, die sich zu Herrschaftsträgern4 der »Goldenen Horde« entwickelt hatten und in deren Fußstapfen getreten waren, im Jahr 1480 ein Ende. Dies war nicht zuletzt der Zersplitterung tatarischer Reiche in die Khanate Kasan, Astrachan und Krim geschuldet. Ihre Raubzüge und Sklavenjagden blieben indes für ein weiteres Jahrhundert eine bestimmende Konstante im Leben der Moskowiter. So überfielen noch im Mai 1571 Einheiten der Krimtataren Moskau und brannten es nieder. Die oberherrschaftliche Stellung der turksprachigen Tataren-Khane endete allerdings 1480.

Bereits einige Jahre vor dem Ende der Tributpflicht, die in der russischen Literatur als »Tatarenjoch« bezeichnet wird, sandte Iwan III. kräftige Zeichen einer Konsolidierung der slawisch-russischen Herrschaft an das eurasische Kernland. 1472, knapp zwei Jahrzehnte nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen (1453), ehelichte er die letzte byzantinische Prinzessin, Sophia Palaiologa, genannt Zoe. Durch diese Verbindung sah sich der russische Führer in den Rang eines byzantinischen »Selbstherrschers« gehoben, einen Titel, mit dem sich Iwan III. in die (ost)römisch-christliche Traditionslinie setzte. Wie der Kaiser im Westen Europas legte sich das russische Fürstengeschlecht einen Doppeladler als Wappentier zu und ließ sich mit »Großfürst und Zar«, der russischen Entsprechung von Cäsar, ansprechen.5 Es sollte noch weitere 100 Jahre dauern, bis mit der Einsetzung eines Moskauer Patriarchen im Jahre 1589 die politische und territoriale Konsolidierung Russlands auch kulturell und religiös ihre Entsprechung fand. Seit damals postuliert das Moskauer Patriarchat mit seiner Erhebung zum »Dritten Rom« einen christlich-universellen Herrschaftsanspruch. Die orthodoxe Mission kennt im Gegensatz zur weströmisch-katholischen nicht Feuer und Schwert, war also weniger gewalttätig.6 Sie beruhte im Kern auf wirtschaftlichem Druck. Religiöse Toleranz und die Kooptierung von nicht-russischen Eliten gehörten bis ins 18. Jahrhundert zur Herrschaftspraxis. Erst unter dem Einfluss des Westens kam es zu Zwangsmissionierungen von muslimischen Tataren an der Wolga und von »heidnischen Völkern« in Sibirien.7 Sie verliefen allerdings weit weniger aggressiv als in den Amerikas.8 Vertreibungen von Andersgläubigen fanden kaum statt, was auch einen ökonomischen Sinn hatte. Dem orthodoxen Herrscher waren Steuer- und Tributleistungen der Untertanen wichtiger als ethnische oder religiöse Homogenität.

Länder sammeln

Das legendäre »Sammeln der russischen Erde«, wie es in jeder Historiografie Russlands ausführlich dargestellt ist, kann in erster Linie als Machtkampf des Moskauer Fürsten und Zaren um die Ausschaltung herrschaftlicher Konkurrenten interpretiert werden. Die ganzen 1470er Jahre hindurch benötigte Iwan III., um die im russischen Nordwesten bestehenden autonomen slawischen Fürstentümer unter Moskauer Kontrolle zu bringen. Jaroslawl, Rostow Weliki, Wladimir sowie die lange Zeit bedeutende, selbstständig agierende Stadtrepublik Nowgorod wurden gewaltsam annektiert und dem Moskauer Reich eingegliedert. Die Einnahme Twers gelang parallel zur Überwindung der mongolisch-tatarischen Oberhoheit im Jahre 1478. Der Aufstieg Moskaus zum Zentrum der russischen Welt war damit historisch besiegelt.

Gegen Ende seiner Regentschaft setzte Iwan III. das Ländersammeln im Nordwesten fort, indem er militärische Konflikte mit dem polnischen-litauischen Nachbarn eskalieren ließ. Die unter litauischer Heerführung kämpfende Allianz aus livländischer Konföderation und Deutschem Orden, Teilen der mongolischen Streitkräfte und Khan Achmat erlitt 1503 eine schwere Niederlage.9 Weite weißrussische Gebiete fielen daraufhin der Moskauer Kontrolle anheim. Kurz darauf erfolgte die Eingliederung Pskows und Rjasans in den Moskauer Staat unter dem Sohn Iwan des III., Wassili III., in den Jahren 1510 bis 1521. Eine Generation später saß Wassilis Sohn Iwan IV., genannt Grosny, der Schreckliche, auf dem Zarenthron. Seine Expansionsstrategie ließ er im Inneren von einem repressiven Regime begleiten, für das er eine eigene Verwaltungseinheit schuf, die Opritschnina.10 De facto war dies eine dem Zaren hörige Truppe von 5000 kampfbereiten Gardisten. Sie trugen schwarze Kleider und führten einen Hundekopf mit sich, der den »Feinden des Zaren« (den Hunden) zeigen sollte, wie sie mit ihnen umzugehen beabsichtigten. Die ordensmäßig organisierte Opritschnina wütete in weiten, aber genau abgegrenzten Teilen des Landes. Ihre Mitglieder gingen insbesondere gegen die Häupter jener Bojarenfamilien vor, die der Zar des Verrats im Krieg gegen die Livländer bezichtigte. An die Stelle der geschwächten Bojaren setzte Iwan IV. einen willigen Dienstadel, gut entlohnte Staatsbeamte. Und ganz nebenbei presste die Opritschnina noch aus dem Volk heraus, was die vergleichsweise selbstverwalteten Bauerngemeinden (mir) dem Zaren nicht zu geben bereit waren. Die Schreckensherrschaft im Inneren gegen Adel und Volk nutzte Iwan IV. für seine Erweiterungspläne im Nordwesten wie im Osten. Noch zur Herrschaftszeit Grosnys kamen die Wolga, Astrachan und die fruchtbaren Schwarzerde-Böden unter die Fittiche Moskaus. Ende des 16. Jahrhunderts stand das Tor zur Kolonisierung Sibiriens offen.

Zu dieser Zeit lebten fast 7 Mio. Menschen unter dem russischen Doppeladler im Einflussbereich des Moskauer Zaren; über 90% von ihnen von der Landwirtschaft.

Das Russlandbild im Westen

Feindschaft erzeugt Feindbilder. Mit dieser ebenso einfachen wie historisch unstrittigen Tatsache erklärt sich bereits der Kern jenes Russland und die Russen diffamierenden Bildes, das während des 16. Jahrhunderts im Westen Europas vorherrschte. Zwischen 1492 und 1582 führten Moskau und Polen-Litauen bzw. das bis 1561 unter Deutscher Ordensherrschaft stehende Livland insgesamt sechs Kriege gegeneinander. Während der Hälfte dieser Zeit (von 1492–1494, 1500–1503, 1507–1508, 1512–1522, 1534–1537 und 1558–1582) sprachen die Waffen. Dementsprechend gestaltete sich die Wahrnehmung des Feindes. Das im Westen des Kontinents verbreitete Bild vom »asiatischen, barbarischen Russland« ist in dieser Epoche grundgelegt. Und es waren vor allem polnische Intellektuelle, die es verbreiteten und ideologisierten. Der Krakauer Philosoph und Mathematiker Jan z Głogowa (Johannes von Glogau) ergänzte im Jahre 1494 eine kosmografische Ausgabe des klassischen Ptolomaios-Atlas und bezeichnete darin Moskau als »asiatisches Sarmatien«.11 Der Zeitpunkt dieser mutmaßlich ersten Orientalisierung Russlands in der europäischen Geistesgeschichte ist bemerkenswert. Johannes von Glogau reagierte mit der Zuordnung Moskaus als »asiatisch« auf den ersten Krieg der polnisch-litauischen Union gegen Iwan III. Die militärische Auseinandersetzung zweier in der Folge sich gegenseitig als »natürliche Feinde« betrachtenden Reiche und Fürstenhäuser lag somit am Ursprung der Entstehung eines Vorurteils, das über die folgenden 500 Jahre immer wieder die Wahrnehmung Russlands im Westen Europas geprägt hat. Und »asiatisch« war schon damals abwertend gemeint, obwohl die Herkunft des Wortes (asu) auf das Assyrische zurückgeht und keinerlei negative Konnotation aufweist. Im Gegenteil: dort bedeutet es nichts anderes als »hell« bzw. beschreibt den Ort, wo, vom Zentrum des assyrischen Reiches im mesopotamischen Zweistromland des Euphrat und Tigris aus betrachtet, die Sonne aufgeht. Dem entgegen steht im Assyrischen das Wort erp, was so viel wie »dunkel, finster, düster« heißt – dort, wo die Sonne untergeht.12 In den Begriffen »Morgenland« und »Abendland« spiegelt sich noch dieselbe Herkunft. Im später über die griechische Mythologie verbreiteten »Europa« dürfte der assyrische Wortstamm erp stecken.

Den Siegeszug der Zuordnung des Asiatischen als barbarisch und fremd konnte die Etymologie des Begriffes nicht aufhalten. Er orientierte sich am damaligen militärischen Feindbild. Und den Feind galt es nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch philosophisch und geistig zu bekämpfen. Ein wesentlicher Kampfplatz dafür war die Kirchenkanzel, denn parallel zur Asiatisierung Russlands und der Russen wurde das sich konsolidierende Moskau von seinen Gegnern als Hort des Antichristen definiert. Die meisten westeuropäischen Autoren des 16. Jahrhunderts sahen die östlich von Polen-Litauen siedelnden Slawen als außerhalb des »orbis christianus« – des christlichen Erdkreises – lebende Menschen. Ihnen galten Polen-Litauen und Livland als Bollwerke der Christenheit.13

Es war nicht die Geografie, die Russland außerhalb Europas imaginierte, denn die meisten diesbezüglichen Gelehrten folgten seit der Neuzeit der antiken Tradition, nach der die Grenze zwischen Europa und Asien am Don bzw. am Asowschen Meer verlief; Moskau lag ohne Zweifel im »europäischen Sarmatien«; erst mit der Einnahme des Khanats Astrachan im Jahre 1556 griff das Moskauer Zarenreich auch auf asiatische Gebiete über.14 Das Bild vom »asiatischen Russland« entstand infolge politischer Interessen. Es war eine polnische Erfindung, die dazu diente, den »Erzfeind des Jagiellonenstaates gleichsam als ein ›Reich des Bösen‹ hinzustellen.«15 Die Krakauer Universität als führende Lehrstätte jener Tage produzierte die im Kampf gegen Moskau benötigte Ideologie. Als intellektuelle Drehscheibe strahlte sie auch in den deutschen Sprachraum aus; gerade die Vorlesungen des Johannes von Glogau waren stark von deutschen Studenten besucht. Eine später erstellte Studie listet für die Jahre 1460 bis 1520 fast 60 deutsche Gelehrte auf, die an der Universität Krakau ihre Ausbildung erhalten hatten.16 Sie trugen das negative Russlandbild in den Westen des Kontinents. Eigene, in sogenannten Felddruckereien hergestellte Flugschriften verbreiteten während der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts antirussische Propaganda in mehreren Sprachen.17 Polnische Autoren gaben die Linie vor.

Als ideales Instrument der Feindbildkonstruktion diente die Religion. Seit dem großen Schisma von 1054 galten die oströmisch Betenden den Päpsten in Rom als Schismatiker. Die russisch-orthodoxe Kirche bildete dabei keine Ausnahme. Im Gegenteil: Jenseits der sogenannten »Vormauer der Christenheit« – antemurale christianitatis18 –, deren Verteidigung sowohl das polnische Königreich als auch die ungarischen Herrscher für sich in Anspruch nahmen, anerkannte die katholische Kirchenlehre keine christliche Gemeinschaft. Die orthodoxen Metropolien und erst recht das Patriarchat des »Dritten Rom«, Moskau, galten als Horte der Abtrünnigen. So entwarf der einflussreiche Gelehrte und Rektor der Krakauer Universität, Johannes Sacranus, im Jahr 1500 in seiner Schrift Elucidarius errorum ritus Ruthenici die Vorstellung, bei den Russen handle es sich um ein »Ketzervolk mit Verbindungen zu den Türken«.19 Schlimmer hätte man ein west­römi­sches Feindbild in jenen Zeiten nicht zeichnen können.

Anfang des 16. Jahrhunderts hielt der osmanische Vormarsch die abendländischen Herrscherhäuser in Atem. 1517 eroberte Sultan Selim I. Palästina, 1526 rissen die Türken dann die »Vormauer der Christenheit« im ungarischen Mohács nieder, 1529 standen sie vor Wien. Der katholischen Propaganda waren Türken und Russen gleichermaßen hassenswert. Dies kam an prominenter Stelle zum Ausdruck, als im Jahr 1518 während des Reichstages zu Augsburg Erasmus Ciołek, der Bischof von Płock, eine Brandrede gegen die »Moskowier« hielt. Niemand geringerer als der polnische König Sigismund I. übertrug dem Bischof von Płock das Wort. Und dieser griff vor versammeltem Reichstag den Moskauer Zaren frontal an, indem er ihn mit der türkischen Bedrohung auf eine Stufe stellte: »Es existiert noch ein zweiter, nicht geringerer Feind, der in Richtung auf das feste Siebengestirn diesseits des Eismeeres verharrt, der Herzog von Roxolanen, den wir den Moskowier nennen; dieser ist für ödes Heidentum und fluchwürdiges Schisma berüchtigt. Tagtäglich bedrängt er überdies einen Teil des Reiches, nämlich die Provinz der Litauer, durch große Kriegsleidenschaft.«20 460 Jahre später war es der höchste Repräsentant der katholischen Kirche, Papst Johannes Paul II. – auch er polnischer Abstammung –, der am Katholikentag in Wien die Verbindung von Türken- und Russengefahr herstellte. In seiner Rede am 10. September 1983 erinnerte er an den 300. Jahrestag der Türkenbelagerung und warnte zugleich vor der neuen Gefahr aus dem Osten: dem russischen Kommunismus.

Zurück ins 16. Jahrhundert. Der Reichstag war die höchstrangige politische Veranstaltung des Heiligen Römischen Reiches, die man sich vorstellen konnte, eine dortige Feindnennung entsprechend bedeutsam. Das Bild vom barbarischen und unchristlichen Russen hat sich im 16. Jahrhundert weit über das Heilige Römische Reich hinaus bis nach England21 festgesetzt und kreierte dort sogar eine Theatermode unter dem Kürzel »Moscovite monsters«. Seit damals fräste es sich – wie auch jenes des muslimischen Türken als Feind der Christenheit – in das historische Gedächtnis Westeuropas ein.

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531 səh. 2 illustrasiyalar
ISBN:
9783853718339
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Bookwire
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