Kitabı oxu: «Feuer!»

Şrift:

Hans Hyan
Feuer!

Roman

Saga

1

Die Schule war zu Ende. Ein Schwall heiteren, jungen Lebens, ergoss sich der Schwarm der Kinder auf die Strasse. Ein Ochsengespann der nahen Zuckerfabrik kam mit seinen vier gelbbunten Stieren die Gasse herauf. Und um die Tiere herum, die mit ihren kolossalen Körpern über die jungen Köpfe hinwegragten, brandete für Augenblicke mit lautem Getöse diese lebendige Flut.

Lehrer Mathiessen, für den ein Kind das Schönste war, was es auf der Welt gibt, der jedes so liebte, als hätte er selbst, der Kinderlose, es von seinem Weibe geschenkt bekommen, sah lächelnd den Davoneilenden nach, die er alle kannte und deren freundliche Eigenschaften ihm stets mehr in der Erinnerung waren als ihre Fehler.

Klaus Mathiessen wartete hier vorm Tor des Schulhauses, über das ein alter Nussbaum seine dunkelschattenden Zweige wölbte, auf Rektor Kurzmichel. Der Gestrenge hatte wohl noch zu tun; es mochte auch sein, dass er hinten im Hof nur seine weissen Pfauentauben fütterte; denn vom Hochgefühl seiner Autorität ganz durchdrungen, galt es ihm nichts, einen seiner Untergebenen warten zu lassen, bis er selber Zeit und Lust fand, sich ihm zu widmen. Mit anderen, mehr streitbaren Naturen unter den Kollegen hatte es deshalb schon tüchtige Auseinandersetzungen gegeben. Lehrer Mathiessen hatte nur ein Lächeln für solche Überhebung; er wusste zu sehr, wie die Menschen in ihre Schwächen hineinwachsen, als dass ihm mit der Erklärung dafür nicht auch die Entschuldigung gekommen wäre.

„Sie träumen wohl wieder, mein Lieber?“ hörte er auf einmal das harte Organ des Vorgesetzten an seinem Ohre.

Und sich umwendend und verlegen grüssend, beeilte er sich, mit dem Rektor, der schnell weiterging, Schritt zu halten.

„Na, Sie sehen also doch ein, wie falsch meine Milde diesem Strick, dem Behrendt, gegenüber war?“ sagte der Rektor, offenbar in wenig guter Laune.

„Aber wieso? ... weil er heute nicht in der Schule war?“

„Na, allerdings! Oder halten Sie die Tatsache, dass ein Junge vollständig unentschuldigt die Schule versäumt, für nichts Besonderes? ... Für mich steht es ausser jedem Zweifel, dass der Schlingel wieder mal geschwänzt hat ... Oder wollen Sie etwa bestreiten, dass der Bengel das auch früher schon getan hat?“

Der Ton, in dem Rektor Kurzmichel sprach, war derart unangemessen, dass selbst Klaus Mathiessen, so sehr er stets nachzugeben bereit war, sich in seiner Manneswürde gekränkt zu fühlen anfing. Und in solchem Falle zeigte es sich, dass die Güte und immergleiche Freundlichkeit dieses Mannes doch weit weniger Schwäche als eine wirklich hohe Überlegenheit über die Fehler anderer bedeutete. Er sah den Rektor mit seinen grossen, graublauen Augen fest an und sagte:

„Darf ich Sie daran erinnern, dass wir Kollegen sind, Herr Rektor, und dass ich Ihnen nie einen Anlass gegeben habe, das auch nur einen Augenblick zu vergessen!“

Der Rektor war im ersten Moment perplex. Wollte denn der auch schon anfangen, zu rebellieren? Er hatte eine noch gröbere Antwort auf der Zunge, aber er besann sich rechtzeitig: der Mann an seiner Seite sah auf einmal gar nicht mehr so aus, als würde er eine weitere Grobheit ruhig einstecken ... Natürlich, für einen verkappten Revolutionär hatte er diesen Mathiessen längst gehalten. Da hiess es aufpassen! Und den Schuldiener Prützel scharfmachen! Der kam diesen Welt- und Schulverbesserern am besten auf die Hacken! Und dann, wenn man erst ein genügendes Material gegen Mathiessen hatte, ihn dann sich vornehmen, ah! das sollte eine Lust für Rektor Kurzmichel sein!

„Ich habe also heute vom Kollegium Bescheid bekommen, dieses Behrendt wegen ... den die Behörde danach in ihrer schwerbegreiflichen Langmut noch auf der Schule belassen haben und nicht in Fürsorge gegeben wissen will ...“

Herr Kurzmichel sagte das trocken und ohne den neben ihm herwandernden Kollegen eines Blickes zu würdigen. Er wartete scheinbar auf eine Entgegnung des Lehrers, die aber ausblieb. So fuhr er denn mit einer vernichtenden Schärfe fort:

„Da nun aber der Schüler dadurch, dass er heute, wie auch schon früher, wieder hinter die Schule gegangen ist, da er dadurch, sage ich, sich jeder Milde und jeden Mitleids unwert gezeigt hat, so werde ich heute noch an die Behörde berichten und die Überführung des Jungen in ein Fürsorgehaus von neuem beantragen.“

„Verzeihen Sie, Herr Rektor,“ sagte Mathiessen noch ebenso bestimmt und ruhig, „vorläufig liegt nach meiner Überzeugung dazu nicht der geringste Grund vor. Und eine derartige Massregel wird das Provinzialschulkollegium kaum gutheissen, ohne den Bericht des Klassenlehrers des Jungen geprüft zu haben. Ich selbst aber müsste von einer solchen Massnahme in bezug auf Erwin Behrendt ganz entschieden abraten. Es liegt, wie gesagt, vorläufig auch nicht der geringste Anlass dafür vor.“

Der Rektor wollte wieder aufbrausen, aber er besann sich; die Überlegenheit des anderen war, in diesem Punkte wenigstens, zu augenfällig. Die Sache, das sah der Rektor wohl ein, liess sich in seinem Sinne erst durchkämpfen, wenn Beweise gegen den Schüler vorlagen.

Indessen sprach Lehrer Mathiessen so gelassen weiter, als gäbe es gar keine Meinungsverschiedenheit zwischen ihm und dem Rektor ... Er hätte sich lange Zeit gerade mit diesem Kinde eifrig beschäftigt und hätte gefunden, dass wirklich gute Anlagen vorhanden seien. Erwins schlimmes Erbteil, das er offenbar von dem Vater, einem Gewohnheitstrinker, habe, sei seine Abenteuerlust, sein romantischer, übertriebenen Vorstellungen nur allzu leicht zugänglicher Sinn. Sonst sei er trotz der dummen Räubereien draussen in den Gärten, wegen deren er vor dem Jugendgericht gestanden habe, ein ordentlicher und recht sympathischer kleiner Kerl; voller Dankbarkeit für erwiesene Güte und, wenn auch zu Flunkereien geneigt, doch einer freundlichen, ernsten Mahnung gegenüber im ganzen aufrichtig ... Mitleidig und hilfsbereit sei er sicher, das hätte sich in der Schule mehr als einmal gezeigt.

Mit einem Lächeln voller Ironie hatte der Rektor zugehört.

„Also Erwin Behrendt ist ein Produkt der Vererbung, wollen Sie sagen, und seine Anlagen ...“

„Ja,“ fiel Lehrer Mathiessen rasch ein, „allerdings kommen dazu die Lebensumstände, in denen er aufwächst. Seine Mutter, der er leidenschaftlich zugetan ist, ist eine zarte, schwache Frau, die ein wahres Höllenleben zu führen scheint an der Seite dieses Behrendt.“

„Nun, es heisst ja, Sie geben sich die grösste Mühe, die arme Frau zu trösten, Herr Mathiessen?“

Der Lehrer blieb stehen, er sah den Rektor voll an.

„Wer behauptet das?“

Die Stirne, die Wangen wurden allmählich ganz licht in dem so gesunden Gesicht des blondbärtigen Mannes, nur der Glanz in seinen Augen verstärkte sich.

Der Rektor, etwas verwirrt, wollte sich mit einem Scherz aus der Affäre ziehen.

„Na, man sagt so ... Sie wissen doch, wenn unsereiner mal ’ne Minute länger bei einer hübschen Frau stehenbleibt und wenn die dann noch obendrein die Mutter eines Schülers ist ...“

Mit einer Handbewegung, die glatt durch die Luft strich, unterbrach ihn der Lehrer.

„Ich habe mich nie in meinem Leben um die Frau eines anderen gekümmert, und ich selber bin verheiratet — das muss Ihnen und muss jedem anderen genügen.“

Der Rektor biss sich auf die Lippen. Es war die zweite Niederlage, die er heute erlitt. Aber er hatte noch einen Trumpf in petto. Und über den letzten Disput hinweggehend, als habe er gar nicht stattgefunden, sagte er leichthin:

„Also hinsichtlich des Jungen stehen Sie vollkommen auf dem Prinzip der Erblichkeit ... Sie sagen einfach: der Mensch ist von dem Vater und der Mutter geboren, er wächst auf unter diesen und jenen Umständen — also ist er so, wie er ist! muss so sein! ... kann gar nicht anders! ... Nicht wahr? Von einer Erbsünde im Sinne der christlichen Religion haben Sie scheinbar nie etwas gehört? Dass jeder Mensch seinen freien Willen als das höchste Gottesgeschenk mit ins Leben bekommt, davon wissen Sie offenbar nichts oder wollen vielleicht auch gar nichts davon hören, Herr Lehrer Mathiessen? ... Sie sollen der Jugend ein Beispiel von Gottesfurcht und von echter wahrer Religiosität geben! ... Und wie das sich noch mit ihren Anschauungen vereinigen lassen soll, das, das sag’ ich Ihnen offen, Verehrtester, das ist mir rätselhaft!“

Der Rektor hatte mit der Zeit immer lauter gesprochen; er sah den ruhig neben ihm hergehenden Lehrer an, als ob er glaube, dass er nun zum Schluss doch noch Sieger über ihn geblieben sei ... Da sagte Klaus Mathiessen, ohne sich überhaupt zu einer Erwiderung auf die Worte des anderen zu verstehen:

„Ich gehe jetzt hier die kleine Baustrasse hinunter, Herr Rektor, da wohnen Erwin Behrendts Eltern ... Ich will mich mal erkundigen, warum der Knabe heute der Schule ferngeblieben ist.“

„So?“ Herr Kurzmichel war unschlüssig, ob er seines Weges gehen oder seinem Begleiter weiter bis an dessen Ziel folgen sollte, entschied sich aber schnell dafür, mitzugehen. Doch war er viel zu sehr erbittert über Klaus Mathiessen, besonders über dessen stillschweigende Abfertigung seines letzten Angriffs, als dass er nicht auch hier die Gelegenheit erfasst und noch einmal versucht hätte, den anderen zu ärgern.

„Ist diese Mutter von dem Behrendt, mein’ ich, nicht ein uneheliches Kind ... von einem Fräulein ... einer früheren Gouvernante, was weiss ich?“

Lehrer Mathiessen nickte.

„Ja, das ist Frau Behrendt.“

„Nu also!“ hohnlachte Rektor Kurzmichel. „Da kann man sich doch nicht weiter wundern! ... Der Vater ein Säufer!“ — Er bedachte wohl nicht, dass er jetzt den Theorien des Lehrers selber beipflichtete. — „Die Mutter von solcher Abstammung, was kann daraus werden?“

„Von der wissen wir ja eben nichts Sicheres ... von der Abstammung!“ sagte Klaus Mathiessen mit einem feinen Lächeln. „Soviel ich gehört habe, ist der Vater von Frau Behrendt eine sehr hochgestellte, adlige Persönlichkeit gewesen, in deren Hause das alte Fräulein, die Mutter der Frau Behrendt, die Stelle einer Gouvernante bekleidete ...“

„So,“ der Rektor machte eine wegwerfende Gebärde, „na, für solche Sachen interessiere ich mich nun grundsätzlich nicht! ... Aber was ist denn da los? ... Da stehn doch soviel Leute!“

Lehrer Mathiessen ging auf einmal schneller: der Menschenauflauf war ja vor dem Hause, in dem Behrendts wohnten! Er ging nicht, er rannte förmlich, so dass der Rektor ihn am Arme zog mit den Worten:

„Aber Kollege, man sieht auf uns ... Wir müssen doch daran denken, was wir unserer Stellung schuldig sind!“

Doch Klaus Mathiessen hörte nicht, er nahm so lange Schritte, dass der Rektor mit seinen kurzen Beinen ihm kaum folgen konnte.

Vor einem geringen und ziemlich baufälligen Hause, aus dem wüster Lärm tönte, standen die Leute ... Mathiessen übersah die Situation mit einem Blick: im Parterre, wo die Fensterscheibe, deren Splitter auf den Kopfsteinen der Strasse lagen, zerbrochen war, da wohnten Behrendts.

„Er hat wieder mal seine Tour!“ sagte der Barbier, dessen Laden gegenüber offen stand. „Mir dauert bloss die arme, kleene Frau!“

Indem tönte ein neues Geschrei und Gebrüll aus der Wohnung, und wieder splitterte eine Fensterscheibe. Die Umstehenden wichen schimpfend aus. Dann hörte man eine Frauenstimme hinter den Gardinen, die zugezogen waren, bitten und flehen; doch das heisere Gekreisch des Trunkenen übertönte ihre Klagen.

„Wenn das die Familie Behrendt ist, dann wundert mich nichts mehr!“ meinte der Rektor und blickte sich vergeblich nach seinem Kollegen um.

Klaus Mathiessen war schon hinein in den Flur des Hauses. Aber er fand die Tür zur Behrendtschen Wohnung verschlossen. Da er die Frau im Interesse des Jungen einmal beim Waschen auf dem Hofe aufgesucht hatte, wusste er, dass die Wohnung noch einen zur Küche hineinführenden Hintereingang hatte. Den suchte er, und der stand offen.

Schnell in das einzige Zimmer tretend, sah er sich einem hässlichen, mitleidswürdigen Bilde gegenüber. Die Frau sass oder lag vielmehr, ihrer Sinne kaum noch mächtig, mit zerrauftem Haar und zerrissenen Kleidern auf dem kleinen, verbrauchten Sofa ... Im Zimmer, dessen armselige Einrichtungsgegenstände umgeworfen und zerbrochen auf dem Estrich verstreut waren, tobte und heulte der Trunkenbold in immer neuen Anfällen des Deliriums ... Und aus der Kammer hervor, gegen deren Tür seine kleinen Fäuste hämmerten, schluchzte und schrie das Kind, das seiner Mutter hatte zu Hilfe eilen wollen und das von dem wütenden, berauschten Vater da hineingestossen worden war.

Als Klaus Mathiessen von der Küche her eintrat, stutzte der Säufer einen Augenblick. Dann ging er mit vorgereckten Fäusten auf ihn los ... Der Lehrer musste nach einem Stuhl greifen und, diesen vor sich hinhaltend, den Elenden abwehren. Dabei redete er auf ihn ein, versuchte ihn zu begütigen, und in seine dringlichen Ermahnungen flocht das arme, gequälte Weib, dessen misshandeltes Angesicht dick verschwollen war, sein Flehen und Bitten ... Wie ein Tiger stürzte sich der Arbeiter, dem Schaum vorm Munde stand, dessen Augen aus ihren Höhlen hervorquollen, von neuem auf die zarte Frau. Klaus Mathiessen sprang dazwischen, wehrte den Schlag ab und empfing den Stoss, der ihr gelten sollte. Indem hatte Frau Alice in ihrer Herzensangst die Kammer aufgeriegelt, in die Erwin eingeschlossen war.

Wie ein wütendes kleines Tier, dessen Toben man vermehrt hat, dadurch, dass man es so lange festhielt, stürzte sich das Kind auf seinen Vater und stiess ihn hinterrücks über den Haufen, dass er lang hinschlug zwischen die zerbrochenen Möbel und Geschirre ... Und der Knabe liess auch nicht ab von dem Mann, der für ihn kein Vater, der nicht einmal Mensch mehr schien für den eigenen Sohn!

Der Lehrer sprang von neuem hinzu und riss das Kind zurück in dem Augenblick, wo ebenfalls von hinten durch die Küche der Rektor hereindrang mit einem Stadtpolizisten, den er rasch aufgetrieben hatte.

Nun sass der Trunkene auf dem Boden und starrte blöde auf die Männer, unter denen ihm die obrigkeitliche Uniform wohl am meisten imponieren mochte. Er wehrte sich wohl noch, aber er setzte seiner Abführung durch den Beamten keine ernsten Schwierigkeiten mehr entgegen.

Dann bat der Rektor die Leute, von denen inzwischen immer mehr in die Stube sich hineingedrängt hatten, wieder fortzugehen, und trat an die Frau heran, die weinend und nicht imstande, ihre Fassung wiederzugewinnen, noch auf dem Sofa sass. Neben ihr am Boden hockte der Junge und murmelte Worte und drückte die feinen Hände der Mutter, denen alle Arbeit den Adel nicht hatte rauben können, an sein tränenvolles Gesicht.

Da nahm der Rektor, dessen kühler Bürgersinn dieser Trauer gegenüber nicht standhielt und der nebenbei ein vermögender Mann war, ein Geldstück aus seinem Portemonnaie und legte es neben die Arme hin, die ihm nur mit ihren Augen danken konnte.

2

An diesem Tage, einem Mittwoch, konnte Robert Wegberger nur eine knappe halbe Stunde zu Hause verweilen; er kam so schon zu spät in die Klinik, wo es alle Hände voll Arbeit gab ... Er sah wohl, dass zwischen seinem Stiefvater und der Mutter wieder eine arge Verstimmung lag, doch fand der junge Arzt darin nichts Besonderes. Es kam leider in den letzten Monaten allzu häufig vor, dass er die erregte, laut schallende Stimme seiner Mutter hörte und dabei voller Mitgefühl in Klaus Mathiessens vor nervöser Aufregung bebendes Gesicht sehen musste. Heute war überdies der Sturm schon vorbei. Frau Karoline hatte rotgeweinte Augen, lag auf dem blumenprangenden Zitzsofa, und die Stube, in der Lehrer Mathiessen angst- und reuevoll hin und her lief, duftete nach Melissengeist.

Doktor Wegberger war wenig mit dem Verhalten seines Stiefvaters bei solchen Anlässen einverstanden. Er hätte auch dann gleich wieder das Haus verlassen, wenn seine Arbeit ihn nicht so eilig davongetrieben hätte ... Er, der wirklich ein guter Sohn war, er würdigte seine Mutter heute keines Wortes! Er wusste, dass diese hysterischen Anfälle, in denen Frau Karoline jede Mässigung, jede Verfügung über ihr eigenes Ich verlor, wohl zurückzudämmen, ja auf die Dauer vielleicht zu beseitigen gewesen wären. Sie hatte im Vaterhaus, in ihrer ersten Jugend sehr schwächlich und immer reizbar, als etwas ganz Besonderes gegolten, an das sich die bäuerliche Derbheit ihrer Eltern nicht heranwagte. Dazu kam diese wirklich seltsame Begabung, die sich am stärksten nach solchen Ohnmachten bei dem jungen Mädchen zeigte, das den Leuten mancherlei über ihr heut und morgen zu sagen wusste, was „doch eigentlich kein Mensch wissen konnte“.

Robert Wegberger, den dieser medizinisch so schwierige Fall, dessen Gegenstand ja seine Mutter war, besonders interessierte, erinnerte sich aus seiner Kindheit nicht so sehr an solche jede Harmonie störenden Zwischenfälle ... War die Frau in ihrer ersten Ehe zufriedener gewesen? Da hatte es auch Szenen gegeben, gewiss! Aber entweder scherzte sie der Doktor Wegberger senior aus der Welt, oder, wenn es gar zu schlimm wurde, dann entlud sich dieser Mann in einer so gewaltigen Grobheit, dass der Frau der scheltende Mund offen blieb. Und dann war wieder für eine gute Weile Ruhe. Adolf Wegberger war der Mann gewesen, den Frau Karoline brauchte, und ihn hatte sie leider zu früh verloren, als dass dieser regellose Geist vorher noch auf ein sicheres Gleis zu bringen gewesen wäre.

Der Sohn hatte eine ähnliche Macht über die Mutter. Schon als Kind war sie mehr ihm, als er ihr gefolgt ... Aber die Ehe mit Klaus Mathiessen, dessen goldenen Charakter — der leider auch den Härtemangel dieses Metalls besass — der damalige Student schon erkannt hatte — diese Ehe hatte Robert Wegberger auch nicht verhindern können.

Nun blieb ihm nichts übrig, als zu vermitteln und des Stiefvaters nachgiebigen Sinn zu festigen. Viel Erfolg hatte Robert damit nicht ... Er fragte sich oft, was diese beiden Menschen eigentlich zueinander gebracht hatte? Gewinnsucht auf seiten des Stiefvaters konnte es am allerwenigsten gewesen sein. Seine Mutter war mehrere Jahre Witwe gewesen, und es hatte ihr, die damals noch eine schöne Frau war und die man für vermögend hielt, an Heiratsanträgen nicht gefehlt ... Aber sie schlug jeden aus, bis Mathiessen kam ... Der hatte ein Zimmer bei der hübschen Witwe gemietet, die als Frau Doktor Wegberger einen guten Ruf genoss.

Und dann eines Tages, da erzählte sie Robert unter einem Tränenregen, er sollte nun einen neuen Vater kriegen, einen, der ihn schon lange lieb hätte und der ihm gewiss auch gefallen würde. Und dann meinte sie, Robert sollte einmal raten, wer es wäre?

Und da war dem gerade und einfach denkenden Jungen abermals ein so peinliches und unbequemes Gefühl aufgestiegen: Was sollte denn dieses Versteckspielen? ... Er hatte doch oft genug Zeuge sein müssen, wie sie den blonden Lehrer, dem Robert wirklich recht zugetan war — wie sie ihn immer mehr in ihre Reize verstrickte! ... Gewiss drängte sich dazwischen bei Robert die Liebe zu der Frau, die ihn geboren hatte ... Und diese Zärtlichkeit für sie liess ihn nach Entschuldigungen suchen, ja sie redete sich zuzeiten in einen förmlichen Hass gegen den Lehrer hinein, der am Verlobungstage so gar nicht den Eindruck des Glücklichen machte, dem heute seine liebsten Hoffnungen in Erfüllung gingen. Aber schon in dem Knaben steckte ein zu starkes Gerechtigkeitsgefühl, als dass er nicht doch am Ende begriffen und voll erkannt hätte, wer in diesem Fall der zu Bedauernde war ... Es kamen auch in der kurzen Brautschaft des guten Mathiessen schon jene Szenen vor, die seine Ehe wie eine üble Musik, die nie aufhörte, begleiten sollten ... Nur hielt Frau Karoline damals noch darauf, dass ihr Sohn davon so wenig als möglich hörte.

Ach, hätte sie das wenigstens heute auch noch getan! ... Der junge Arzt empfand diese Zänkereien zwischen seinen Eltern als eine fortdauernde Störung seines inneren Gleichgewichts sehr unangenehm. Er war wohl geschaffen, für die Menschheit einzutreten, den Menschen durch sein Können von Krankheit und Mühsal zu helfen ... Aber seine ganze Persönlichkeit aufgeben, wie es Klaus Mathiessen auch aus tiefinnerster Überzeugung tat, dazu war Robert Wegberger nicht geschaffen, das hielt er auch eines Mannes unwert!

So ass der Arzt schnell ein paar Bissen und verliess das Haus ... Nachmals hat er oft und oft beklagt, dass er sich an diesem Tage nicht mehr Zeit genommen habe.

Er hatte noch kaum die Strasse gewonnen, da richtete sich Frau Karoline ächzend auf und sagte zu ihrem Manne:

„Also gib das her!“

Mit allen Zeichen des Gegenwillens, der sich doch nicht behaupten kann, ging Klaus Mathiessen an den alten Mahagonischreibtisch, dessen Rollschub er aufzog, um langsam, mit widerstrebenden Händen Papiere und Schreibmaterial zurechtzulegen.

„Liebe Karoline ...“ sagte er zaghaft.

„Was willst du?“ Ihre Stimme klang wie eine Drahtsaite.

„Ich möchte dich noch einmal bitten, Karoline! ... möchte dir das noch einmal vorstellen ... die Versicherung ...“

Sie stand dicht an seiner Seite und stiess ihn brutal fort.

„Weg! ... weg da! ... Ich mach’s mir alleine! brauch dich gar nicht dazu! ... Du wirst nachher einfach unterschreiben und damit basta!“

Das war nicht der richtige Weg, damit zwang sie es nicht, und das wusste sie auch. Aber die Tonfolge ihrer Mittel steigerte sich eben bis zur brutalen Verletzung jedes Anstandes; sowie sie dann merkte, dass solche Art und Weise ihn im Widerstreben stärker machte, gingen die Tränenschleusen bei ihr von neuem auf, und der Anfall kam noch immer rechtzeitig, um den in seiner Güte so schwachen Mann schliesslich doch zu überwinden.

Das geschah auch diesmal. Mit einem ruhigen, aber festen: „Nein!“ ging Lehrer Mathiessen zur Tür.

Im nächsten Augenblick war sie hinterdrein gestürzt, hatte ihn mit ihren vollen Armen umklammert und schrie und jammerte, als sollte ihr Glück, ihre Seligkeit noch in dem nämlichen Augenblick auf immer verlorengehen.

Mit einem Seufzer, der diesem unwürdigen Spiele galt, das er so tief durchschaute und ebenso beklagte, wie ihm die Kraft fehlte, es zu ändern, ging Klaus Mathiessen zurück und setzte sich vor den Schreibtisch hin auf den Stuhl, den seine Frau ihm eilig herrückte.

„Karoline,“ sagte er, ohne sich durch ihre abermalige Kampfstellung beirren zu lassen, „ich tue dir deinen Willen, hörst du!“ — Sie wurde im selben Augenblick weich und schmiegsam und lächelte sogar leise — „aber vorher muss ich dir noch einmal meine Gründe sagen ... meine Ansichten darüber ... und weshalb ich es für falsch, ja direkt gesetzwidrig halte.“

„Meinethalben!“ Sie zuckte mit beleidigender Gleichgültigkeit die fleischigen Schultern. Und da er einen Moment zögerte, rief sie unfreundlich: „So rede doch! Los! ... ich höre ja!“

Dabei verschränkte sie die Arme über der Brust und blieb in ihrer herausfordernden Haltung neben ihm stehen.

Er sah auf zu ihr, sie blickte weg.

Dann sprach er seufzend:

„Als wir uns heirateten, Karoline, und du mir auseinandersetztest, es wäre am besten für dich, wenn das Geld von deinem ersten Mann in einem Geschäft angelegt würde — weisst du noch, wie ich dir damals abgeraten habe ... Ich habe ja alles das vorausgesehen.“

Der Frauenkopf mit den starken, schon etwas hängenden Wangen fuhr herum, und ein lauernder Blick fing des Lehrers blaue Augen, die so gut und so traurig und ach so weltfremd blickten, dass Karoline gleich merkte, er wisse nichts von dem, was sie durchaus vor ihm verborgen halten wollte.

„Aber ich brachte es nicht fertig, Karoline, ich bracht’ es nicht fertig, dir meine Einwilligung zu dem Geschäftsankauf zu versagen ... Wie ich es doch hätte tun sollen; denn dies Geschäft, es raubt uns den Frieden ... es ist zuviel für dich, deine Nerven sind dem nicht gewachsen ... und ... und ich glaube, Karoline, du findest dich auch rechnerisch nicht hindurch!“

Sie lachte laut und schallend.

„Ach! ... Unsinn! ... Wenn du doch bloss nich immer reden wolltest! ’s ist doch alles ... alles ganz anders! Du kannst’s natürlich nich wissen! ... Lächerlich! ... Ich weiss doch, was ich tue! ... Nich wahr? ... Und übrigens, was heisst denn das! ... Ich finde schon durch, da lass du dir man keine grauen Haare darüber wachsen!“

Er schüttelte gequält den Kopf, musste aber noch einen Schwall von ähnlichen Redensarten über sich ergehen lassen, ehe er sagen konnte:

„Das Geschäft ist mit zwanzigtausend Mark versichert. Ich kenne ja deine Rechnungen nicht, du verschliesst deine Bücher und lässt mich nicht hineinsehen ... Aber das kann ich doch auch einigermassen beurteilen, dass die Warenbestände hier mit Inventar zusammen kaum soviel ausmachen. Unsere Wohnungseinrichtung ist mit fünftausend Mark ebenfalls schon reichlich bezahlt — und da willst du die Police wieder um fünftausend Mark höher schrauben?“

Sie lachte herausfordernd und sagte:

„Sieh mal, das verstehst du bloss nicht ... Als ich das Geschäft anfing, wo doch mein Erster eben geschieden war, von mir und von dieser Welt ... und mit sei’m Geld, da hab’ ich mir gleich gesagt, fange gross an! Solche Kleinigkeiten nutzen nichts! Entweder oder! Denn damals war doch die Kartoffelteuerung gerade und waren nicht zu haben, für kein Geld! Na, und da habe ich es denn genommen; es war ja billig und ein altes Geschäft, aber ’n bisschen verkommen ... Oder hat’s uns etwa nich schön ernährt die ganze Zeit? ... Wovon hätt’ ich denn den Jungen studieren lassen sollen, den Robert?“

Klaus Mathiessen machte eine leicht abwehrende Bewegung. Er kannte dieses endlose Gerede seiner Frau; er war überzeugt, dass es sich dabei von ihrer Seite keineswegs um eine absichtliche Irreführung handelte; ihr schwankender und nur in seinem Eigensinn unendlich fester Geist zeigte sich hier eben am deutlichsten. Aber in diesem Augenblick mehr als jemals sonst galt es, sie festzulegen auf die Fragen, die er an sie richten musste. Er wiederholte also:

„Was bewegt dich aber, liebe Karoline, jetzt die Versicherungsprämie zu erhöhen?“

„Das verstehst du doch nicht,“ erwiderte sie brüsk, „und wenn ich es dir zehnmal sage! ... Im übrigen ist das auch ganz gleichgültig, das Geschäft gehört mir, ich kann machen, was ich will ...“

„Aber ich muss unterschreiben“, sagte er ruhig.

„Ja, ja, ja!! Du musst unterschreiben! Allerdings, das musst du!“ brach sie von neuem los.... „Und wenn ich ... wenn ich ...“

Da hatte er schon die Feder genommen, die Antragsformulare ausgefüllt und seinen Namen unterzeichnet.

„So! ... siehst du!“ Sie war mit einemmal wieder ganz froh und freundlich. „Und nu gehst du nachher gleich mit ’ran bei Küper und gibst sie ab!“

„Ich?“ meinte er. „Nein, das tu’ ich auf gar keinen Fall! ... Ich denke nicht dran!“

Sie lachte kreischend.

„Das tust du! Das tust du! Du wirst mal sehn, du tust es! ... Sieh mal!“ ... Sie nahm plötzlich einen Ton an, als wollte sie, die kluge und einsichtsvolle Frau, ihren ganz unvernünftigen und halsstarrigen Mann mit Güte belehren. „Sieh mal, Klaus, du musst das doch einsehen! Ich kenne doch das Geschäft! Und der Küper, der kennt mich doch auch! Der Mann ist doch kein Kind mehr! Der hat doch hier die Versicherung schon seit Achtundneunzig, glaub’ ich. Aber damals hat er noch am Markt gewohnt, wo jetzt das Putzgeschäft ist von Niebuhr. Na, und jetzt in der Niedern-Strasse, da wohnt er schon so lange, wie wir verheiratet sind! Der Mann kennt mich doch! Und der weiss Bescheid! Also da gehst du nachher hin und sagst ihm: Meine Frau und ich, sagst du zu ihm, wir sind übereingekommen, wir wollen die Police höher machen, sagst du! Weiter gar nichts! Dann wird er schon herkommen! Und ich mach’ es dann schon mit ihm ab! ... Die grosse Scheune ist doch jetzt, wo ich alles habe reparieren lassen, von Behrendt ...“

„Ja,“ warf er, schon wieder geschlagen, ein, „den hast du auch wieder bei dir, diesen widerlichen Menschen; trotzdem du mir fest versprochen hast, du willst ihn nicht mehr aufnehmen!“

„Aber ich krieg’ doch keinen andern, Menne!“ So nannte sie ihn nur in Kosestunden und drängte auch jetzt ihren vollen Körper dicht an seine Seite; er rückte leicht weg, aber sie schien das nicht zu empfinden, legte den Arm um seinen Hals, tätschelte seine Wange und lachte.

„Lass mich man machen, Menne! ... Ich richte schon alles ein! ... Nich wahr, es is uns doch immer noch recht gut gegangen! Und wo könnten wir so leben, wenn wir das Geschäft nicht hätten!“

Er wollte sagen, dass er an diesen Nutzen, den der Fouragehandel angeblich abwarf, nie geglaubt habe. Und dass ihm jede Einschränkung recht wäre, wenn die Frau das Geschäft aufgeben würde ... Aber seine Kraft und Energie waren verbraucht; mit einem müden Lächeln stand er auf und verabschiedete sich von ihr.

Sie begleitete ihn bis vor die Haustür, auf die Strasse hinaus, was er nie gern sah, und sagte, nach der Niedern-Strasse hinüberdeutend:

„Vergiss ja nicht! ...“

Klaus Mathiessen nickte leise und ging, ohne sich umzusehen, die kleine Baustrasse hinauf.

Die Frau stand noch eine geraume Weile im Torbogen und sah ihrem Manne nach ... Dann ging sie wieder hinein, setzte sich auf den Stuhl, auf dem Klaus Mathiessen den Antrag an die Versicherung unterschrieben hatte, und holte ihre Bücher hervor. Sie rechnete und rechnete, ohne zu einem Resultat zu kommen. Dann rief sie ihren Arbeiter herein.

Der Verwachsene, der das Delirium überwunden hatte und der in seiner rauschfreien Zeit einen ganz hellen Kopf besass, grinste beim Eintreten.

„Vörhin wär da ’n Wechsel von Rasmussen un Sähn. ... Dat möt bis morjen betolt wern!“ Er sprach gerne Platt, besonders da er wusste, dass Frau Karoline das nicht leiden mochte. „Ick häv’n jo nich rinloten, wil ick doch weess, dä Herre wär dor! ... Na, un dä hätt wüll’n schünen Skandal makt, wenn hei dat hüren soll!“

„Quatsch er nich, Behrendt!“ Die Frau sah gar nicht auf. „Er is ’n Esel und das ’n ganz grosser!“

„Nä,“ grinste der Arbeiter, „ick nich!“

Aber sie hörte nicht auf ihn; wie zu sich selber sagte sie:

„Übermorgen is wieder einer fällig von fünfhundert ... wenn ich bloss wüsste ... aber die Kerls zahlen ja alle nich ... da war er doch noch mal, nich wahr? ... bei Köstritz u. Co?“

„Jo, wör ick all vorjestern ... soll morjen widderkamen! ... Aberst Zweck hat dat keen! ... Dä Lüd sin ful, öwerful! ... Dä hebben alleene nix to freten!“

„Na, und Emil Haldang?“

Behrendt machte wieder eine höhnische Bemerkung; sie hörte es aber nicht, sie rechnete schon wieder und sagte zwischendurch, ohne aufzublicken, mit dem Kopf winkend:

„Er kann gehn!“

Worauf der Arbeiter grinsend verschwand.

3

In allen Sommerfarben glühten die Blumen, und die Rosen dufteten überall. Der Morgen war wie ein Rausch. Aber dann kam mit der emporsteigenden Sonne die Hitze. Die Blumen verhauchten sterbend ihre Seele, die Wasser versiegten, und Menschen und Tiere liessen die Köpfe hängen.

So war der Tag, an dem Klaus Mathiessen die Schicksalsstunde schlug.

Der Lehrer hatte um zehn Uhr seine Klasse entlassen; denn die Hitze lähmte die Kinder, dass sie mit ihren kleinen Köpfen auf die Bänke sanken und einschliefen.

Als der Lehrer aber das Schulzimmer verlassen wollte, kam Erwin Behrendt auf ihn zu und bat mit bittenden Augen um etwas.

„Was hast du denn?“ fragte Mathiessen, der zu diesem besonders gütig war. „So sag es doch, mein Junge!“

Einige von den Schülern wollten neugierig stehenbleiben und horchen; doch Mathiessen winkte ihnen, hinauszugehen.

Erst, wie sie beide ganz allein waren, sagte das Kind:

„Ich glaube, es kommt wieder, Herr Lehrer ...“

„Was denn?“

„Ach, das mit Vater ... er hat nämlich Geld und macht immer so’ne ollen Reden!“

„Du meinst, er spricht Dinge, die du nicht begreifst?“

„Doch, doch! Begreifen tu’ ich’s schon! Er sagt: nu is balde alle mit die Liebe! ... Lass man, sagt er zu meine Mutter, lass man, Lize — sie heisst nämlich Alice, Herr Lehrer! — lass man, Lize, wenn ich erst Jeld habe! Denn jlaube man nich mehr, dass ich mir von euch schurigeln lasse! — Und wir schurigeln ’n doch gar nich, im Gegenteil, er bloss uns! — Dann jeht’s los, sagt er, ab mit ’n Schnellzug!“

„Er war vielleicht wieder nicht ganz nüchtern, dein Vater?“ meinte der Lehrer, dem das Gespräch mit seinem Schüler über den alten Behrendt peinlich war. „Sonst benimmt er sich doch ruhig, nicht wahr?“

„Ja!“ Der Junge frohlockte förmlich. „Er hat ja nu Angst. Auf de Polizei haben se ihm doch jesagt, er kommt in ’ne Anstalt, wenn er so was noch mal macht!“

„Nun, siehst du, mein Junge! Da darfst du aber auch den Vater nicht mehr herabsetzen, auch vor dir selber nicht! Er ist ja auch ein Mensch, und wir irren alle, so lange unser Dasein hier dauert! Er ist dein Vater, das darfst du nie vergessen!“

„Ja, ja, Herr Lehrer, ich denke ja auch daran!“ versicherte das Kind ernst und gläubig. „Aber er hat doch was vor! Er kriegt bestimmt Geld! Von woher weiss ich ja nicht, aber er kriegt was!“

„Sieh mal,“ begütigte der Lehrer, „solche Leute, die sich zu ihrem eigenen grössten Schaden dem Trunk ergeben, die haben oft alle möglichen Einbildungen, sie leiden sogar an sogenannten Sinnestäuschungen und sehen und hören Dinge, die in Wirklichkeit gar nicht da sind ... ich fürchte, dass dein Vater, lieber Erwin ...“

Der Knabe nickte eifrig.

„Gewiss, Herr Lehrer, ich weiss ... aber er hat sich doch sogar schon ’n Eisenbahnfahrplan gekauft!“

Nun lächelte Klaus Mathiessen. Er legte dem Jungen die Hand auf den blonden Kopf und sagte:

„Wir werden ja sehen! Vorläufig steht ihr beide, deine Mutter und du, unter dem Schutz der Behörde! Und auch ich ... ebenso wie der Herr Rektor Kurzmichel wollen euch beistehen! Du hast ja neulich gehört, was der Herr Rektor gesagt hat: sei nur brav und lerne gut, dann wollen wir alles Frühere vergessen sein lassen und wollen dir später, wenn du aus der Schule heraus bist, auch weiterhelfen!“

Der Junge hatte den Kopf gesenkt, aber in der Art, wie er ihn hineinzog zwischen die kräftigen Schultern, sah der Lehrer, der ihn gut kannte, den Trotz und Unwillen über die Erwähnung jener fatalen Gerichtsangelegenheit, über die keiner von Erwins Mitschülern, der nicht Schläge haben wollte, mit ihm sprechen durfte.

Klaus Mathiessen strich über den lockigen Kopf und sagte:

„Still, mein Junge! Auch innen, im Herzen muss man still und demütig sein!“

Und das Kind, das sich erkannt sah, zuckte zusammen und sagte reuevoll:

„Ich will’s ja auch, Herr Lehrer, bloss ...“

„Es ist schwer!“ nickte Mathiessen. „Ja, das weiss ich ... aber gerade darum auch doppelt verdienstvoll ... Andere überwältigen, ist oft sehr leicht; aber sich selbst bezwingen, das ist das schwerste! ... Du wirst es schon noch lernen! Und nun geh und grüsse mir deine Mutter!“

Und indem Lehrer Mathiessen das laut sagte, sah er sich scheu um, als wollte er sich vergewissern, dass niemand seine letzten Worte gehört habe ... Ach, wie klein ist doch das Menschenherz! ... Wie manchmal hatte er schon geglaubt, die anderen hinter sich zu lassen, im Kampf um die letzten und teuersten Lebenswerte ... Und dann blickte er auf, und aus jedem Spiegel, den ein Menschenaug’ ihm entgegenhielt, blickte eine Fratze, ein Bild der Schwäche seines eigenen Ichs und der Verzerrung alles Göttlichen in ihm.

Voll nachdenklicher Wehmut ging Lehrer Mathiessen die kleine Baustrasse hinauf ... Er sah hinüber, wo aus den hohen Schornsteinen, die über die Häuser ragten, die Rauchsäulen kerzengerade in die klare Luft emporstiegen.

Den Hut in der Hand, blieb der Lehrer im schmalen Schatten eines Hauses stehen und dachte nach ... Würde das Leben für ihn immer so düster sein wie heute? Da — sein Sehnen konnte kein noch so fester Wille, zu entsagen, zügeln! — dort drüben, zwischen den Hecken und Blütenbäumen, lag wie in einem verwunschenen Schloss sein Glück verborgen ... Er würde es nie besitzen ... War er zu schwach dazu? Fehlte ihm die Kraft, alles niederzuringen und auf den Trümmern des fremden sein eigenes Leben aufzubauen? Ach, Klaus Mathiessen erkannte wohl: seine Selbstverleugnung, sein ganzes Pflichtgefühl wurde hier auf die erste harte Probe gestellt. Er hatte bis heute nicht gewusst, was die Leidenschaft in einem Herzen wachsen lassen und was sie in einem Menschen zerstören kann ... Seit vierzehn Tagen hatte er es nun nicht mehr gesehen, das Mädchen, in dem für ihn das Letzte und Höchste einer Menschenseele und eines Menschenleibes geborgen war ... Und jeder Tag hatte in Klaus Mathiessens Brust die geheime Unruhe verstärkt; was erst ein kaum sichtbarer Funke gewesen war, das wurde zur Flamme und brannte empor in loderndem Feuer, in dem alle Vorsätze, seine ganze Mannhaftigkeit und alle Tugend zu zerschmelzen drohten ... Er segnete und verfluchte die Entfernung, die ihn von der Geliebten trennte. Das war ja kein Gefühl, das plötzlich, aus unbekannter Ursache, aus einer zufälligen Begegnung vielleicht oder einer haltlosen Phantasie aufgeflammt war! Er hatte Asta Hindorf aufwachsen sehen. Belehrt von ihm und zu manchem Guten geleitet, war aus dem Kinde eine Jungfrau geworden. Manchmal war’s ihm gewesen, als ob sie für ihn erblühte. Aber lange hatte er sich mit seiner ganzen Energie gegen diese Empfindung gewehrt. Und wenn ihre blauen Augen ihn dann anblickten, dann sah er die Neigung und Zärtlichkeit auch in ihrem Herzen wachsen. Und er hatte sich wieder dagegen gewehrt und hatte alles vor sich ableugnen wollen. Bis er bei einem Spaziergang, zuerst ganz unabsichtlich, ihre Hand nahm und in dem Augenblick, wo er sie schon wieder aus der seinen lassen wollte, einen innigen Gegendruck ihrer Finger fühlte.

Kein Wort war gesprochen worden dabei. Kaum ein verschleierter Blick aus einem Auge ins andere war gewechselt worden ... Und doch bestand seit jener Stunde ein Einverständnis, von dem nur ihre Herzen wussten.

Wenn Mathiessen seitdem Astas Vater, den Kommerzienrat Hindorf, sprach, so stieg immer etwas wie Schuldgefühl in ihm auf. Mit Louis Hindorf war er seit vielen Jahren befreundet. Zuerst hatten es die Leute in der kleinen Stadt seltsam empfunden, dass der arme Volksschullehrer hinaufstieg zur „Villa auf dem Berge“ in das feudale Heim des Multimillionärs, der sein ungeheures Vermögen aus den kleinsten Anfängen allein aufgebaut hatte. Mathiessen selbst hatte nie etwas Sonderliches dabei empfunden. Er sah ja nicht den Millionär, für ihn war Louis Hindorf nur der hochbegabte, von eisernem Willen erfüllte und dabei doch so gütige Mensch, der für alles Schöne und Hohe Verständnis, für jede Not eine offene Hand hatte.

Der Lehrer war weitergegangen. Er sah, ohne sich in seinem Träumen der hässlichen Wirklichkeit erst recht bewusst zu werden, einen Mann schwankend aus einer Kneipe kommen und über die Strasse auf ihn zutorkeln. Klaus Mathiessen wollte diesem Menschen, in dem er den Arbeiter seiner Frau erkannte, ausweichen, aber der hatte ihn offenbar auch erkannt und steuerte jetzt in Schlangenlinien auf ihn zu.

Klaus Mathiessen hielt stand.

Der Verwachsene blieb, wie ein Baum im Sturmwind, vor ihm stehen.

„Herr Mathiessen ... Herr Lehrer Mathiessen,“ sagte Karl Behrendt, von häufigem Schlucken unterbrochen, „ick jehe wech, Herr Lehrer ... ick möt rut ... dat is her all nix mehr för mi ... ick wull ma’ Widder ’n beeten nah min Heimat gahn ... lat doch das Wiewetüg un dä oll’ dämliche Jung achtern bliewen! Ick möt wech! ... Ich hew de Näs’ pleng! ... Mi holl’n keene kein Pierd meh’ hier ...“

Er kam immer näher und brachte sein Gesicht mit dem widrigen Schnapsdunst so dicht heran, dass Lehrer Mathiessen sich von Ekel geschüttelt zurückbog.

„Wohin wollen Sie denn gehen?“ fragte der Lehrer, um etwas zu sagen.

„Jo, dat mechst du woll weeten, min Jung!“ Der Kerl grinste und spie aus. „Aber ... dat könn’ di so passen, nech? ... Nä, min Jung, von mi nich ... von mi nich ...“

Klaus Mathiessen wollte beiseitetreten und gehen, doch der Mensch folgte ihm und hielt ihn weiter auf.

„Dat lat di man von annern vertellen, olle Köster!“

Damit wollte der Trunkene dem Lehrer auf die Schulter schlagen, traf aber daneben.

Klaus Mathiessen hatte in diesem Augenblick auf der anderen Strassenseite ein Mädchen gesehen — Asta Hindorf! ... Sofort gab er, der nie die Hand gegen den Nebenmenschen erhob, dem Trunkenbold einen Stoss, dass er gegen die Hauswand flog ... Und dann schritt Klaus Mathiessen, vom Gegröl des Menschen, der weitertaumelte, verfolgt, über den Strassendamm, auf die Dame zu, die ihn wohl jetzt erst bemerkte.

In Astas Gesicht kam und wich das Blut, es kam zurück vom Herzen, wo es sich Mut und Kraft geholt hatte zu den Worten, die sie an ihn richtete:

„Wir haben Sie so lange nicht gesehen ... waren Sie krank, Herr Mathiessen?“

Da war nichts von Liebe, kein Laut sprach von der Glut der Leidenschaft, die an der Seele des Mädchens rüttelte und brach ... Aber er hörte alles, er hörte ihre Küsse, ihre heissen Liebkosungen, ihre letzte, volle Hingabe aus diesen Silben ... Er wusste nicht, was er sagte, was er erwiderte auf die banale Frage, aber er sah ihre Augen aufleuchten wie zwei lichte Sterne, sah ihre rosigen Lippen sich wölben und fühlte nur sich und sie, in grenzenloser Einsamkeit allein, aber beisammen in Liebe für alle Zeiten.

Dann merkte er, dass er und das blonde Mädchen miteinander lachten; und dass ein drittes, was sein, sein ganz allein war, bei ihnen stand, wie etwas Holdes, Schönes und Seliges, das immer da sein und bleiben wird.

Zur Besinnung kam er eigentlich erst, als er sich schon verabschiedet hatte und über den Damm auf sein Haus zuging.

Da sah er, dass gerade der betrunkene Behrendt in den Torweg seines Hauses hineinschwankte.

4

An diesem Tage lernte Klaus Mathiessen jenes Gefühl der inneren Zwiespältigkeit kennen, mit dem manche Menschen geboren werden, das andere als die einzige Möglichkeit, das Leben zu führen und zu tragen, nach vielen Kämpfen übernehmen und das nur die brutalen niemals begreifen.

Zum erstenmal empfand der Lehrer mit aller Deutlichkeit und Bewusstheit eines lebenslänglich dazu Verurteilten, dass er das Wesen und die Person seines Weibes nicht immer würde ertragen können.

Und gerade heute war sie weich und von einer Nachgiebigkeit ihm gegenüber, wie niemals sonst.

„Komm, setz’ dich doch, Menne!“ Sie führte ihn zum Sofa, wie wenn er krank wäre und nicht laufen könnte. „Wen hattest du denn da? ... Die Dame aus dem Werk, ach so! ... Ja ... Das sind wirklich feine Leute! ... Du hast ja solche Bekanntschaften ...“

Mathiessen fürchtete schon, einer von Frau Karolines Eifersuchtsanfällen verberge sich hinter den schmiegsamen Worten; aber kein Ton ihres sanften, beinah wehmütigen Geplauders verriet, dass sie böse Hintergedanken habe.

Nachher beim Mittagessen — es gab heute Sauerbraten und Kartoffelklösse, ein Lieblingsessen des Lehrers — da kam sie, fast zaghaft, mit der Mitteilung, der Versicherungsagent sei heute dagewesen und habe die neuen Policen gebracht, und sie fügte, Mathiessens Augen mit den ihren suchend, hinzu:

„Im Grunde hast du ja eigentlich doch recht gehabt, Menne, die Dinger hätten auch so bleiben können ... Denn nicht wahr, die anderen haben doch auch nicht mehr?! Gestern hat noch Beseberg, der Buttermann, du weisst doch, der immer aus Unterberge kommt, der erzählt ja auch, dass er’s so gemacht hätte! Na, nu gleich dreimal soviel! Nu hat er jedes Jahr die grosse Prämie! Ich möchte auch schon fast hingehen und sagen: Nein! Aber ’s sieht ja so dumm aus! ... Na, und is ja nu auch mal, nicht wahr, da kann’s auch so bleiben! Mein Gott, schliesslich, solange wie ich noch lebe ...“

Sie redete immer weiter und immer in dieser weichlichen Tonart. Klaus Mathiessen aber fand nichts Auffälliges daran, er hörte ja kaum, was sie sagte, und hatte nicht das geringste Interesse an ihren Worten. Ihm war, als spräche jemand aus einer Entfernung zu ihm, die sich fortwährend vergrösserte; bei der man sich eher wundern musste, dass diese unsympathische Stimme trotz alldem verständlich blieb.

Was aber Klaus Mathiessen am merkwürdigsten deuchte, das war die absolute Klarheit über sich selber, die er hatte bei diesem starken Empfindungswechsel, dieser wachsenden Kälte dem Weibe gegenüber, mit dem er so viele Jahre Seite an Seite gelebt hatte ... Er war sich vollkommen klar darüber, dass jedes, aber auch das letzte Fünkchen Gefühl und Zuneigung für diese in die Breite gehende Frau, die da neben ihm auf dem Stuhl sass und so endlos quasselte, in seiner Brust erloschen sei ... Sie ging ihn nichts mehr an; sein ganzes Innere fühlte sich ihr gegenüber so fremd, als wäre sie eben erst störend und in allem unsympathisch in sein Dasein getreten ... Und Klaus Mathiessen begriff auch, dass sich das nie wieder ändern, dass nie mehr der frühere Zustand des grossen Mitleides, der gewohnheitsmässigen Zuneigung oder auch nur der freundschaftlichen Duldung von ihm zu ihr möglich sein würde ... Und anstatt dass ihn diese starke und unverrückbare Erkenntnis mit Schmerz, mit Trauer hätte anfüllen sollen, war Lehrer Mathiessen ganz ruhig und zufrieden in seiner Seele, die von einer geheimen und schön verborgenen Genugtuung erwärmt wurde, dass er jetzt frei wäre, befreit von einer, die seiner nicht würdig war, die ohne alle Berechtigung so lange einen Platz in seinem Herzen festgehalten hatte ... Ja, die Gefühle und Empfindungen dieses Mannes waren aufgestanden zu einer solchen Revolution, dass er, der allzeit treue und ehrliche, sich einen förmlichen Feldzugsplan zurechtlegte, wie er seine Frau täuschen könne und ohne äussere Unbequemlichkeiten seiner grossen Leidenschaft leben, ihr heimlich überall Altäre bauen, und wie er so wenig als möglich von seinem Ich einer anderen lassen wollte, als nur der Geliebten.

Noch sah er den Ausweg nicht aus seinem Käfig; noch wagte er auch nicht an den Augenblick zu denken, der ihm, dem Freigewordenen, die heissbegehrte Liebe in den Arm legen sollte ... Aber seine Nerven tasteten an den Ketten, die ihn banden; und seine Gedanken umschlichen ein fremdes Hans, ein Hans, in dem sein Freund wohnte, nach Möglichkeiten spähend, die Geliebte heraus in seine Arme zu locken.

Robert Wegberger kam jetzt zu Tisch, und schon, als ihn Klaus Mathiessen draussen die Tür aufschliessen hörte, überkam ihn eine eigene und unbequeme Befangenheit.

Das da war einer von den Ehrlichen; der Sohn der verlogenen Frau, von der er selbst niemals Wahrheit empfangen, ja von der er sie nicht einmal erwartet hatte! Aber Robert war ohne Falsch, war auch zu stolz, seine Lippen mit der Lüge zu beflecken. Und den musste Klaus Mathiessen auch belügen; zu dem musste er auch Hinsehen mit arglistigen Gebärden und verdeckten Worten, als ob er noch der alte Klaus Mathiessen wäre, der Mann der Wahrhaftigkeit und der Güte zu allen, die ihm anvertraut waren.

Und da merkte der Lehrer, wie leicht sich die Arglosen betören lassen. Der junge Arzt plauderte mit ihm, sie lachten beide und scherzten gar; und jener merkte nicht einen Augenblick, dass der Stiefvater etwas gegen seine Mutter im Herzen trug. Er hatte auch wenig Zeit, wie gewöhnlich, der Doktor, und erzählte nur, dass er einen Antrag als Arzt nach Südwest-Afrika bekommen habe, der sehr vorteilhaft für ihn wäre.

Da stürzten Frau Karoline die hellen Tränen aus den Augen.

„Du willst fort, Robert? Du willst fort! Ach, denn hab’ ich ja gar keinen mehr!“

Nun hätte Klaus Mathiessen sein Weib umfassen müssen, wenigstens ihre Hände nehmen, zum Trost, das fühlte er. Aber es war ihm bis in die Seele unmöglich ... Er blieb sitzen, lächelte nur und wollte etwas sagen, als Robert ihm zuvorkam mit den Worten:

„Aber, Mutter, ich bitte dich! Noch habe ich ja die Stellung gar nicht!“ Er lachte lustig. „Und dann ist es ja auch sehr fraglich, ob ich sie annehme! Da sprechen wir erst noch lange drüber!“

„Na ja, ja,“ schluchzte die Frau, „sieh mal, das ist doch auch schwer für ’ne Mutter! ... Was Schlimmeres gibt’s doch gar nicht! Fuhrmanns ihrer, der, der is auch nich wiedergekommen! Und Wetzlar, der junge Wetzlar! ... In Afrika, da wimmelt’s doch von wilde Tiere und Schlangen! ... Und ewig Fieber! ... So was kennt man doch! Und gerade du! ... Wo du so anfällig bist!“

„Aber Mutter! ... Ich bin doch kräftig für zweie! ... Mir fehlt nicht das geringste!“

„Na, aber doch früher!“ beharrte sie. „Und kann jeden Tag wiederkommen, so was! ... Nein, auf keinen Fall, dazu gebe ich meine Zustimmung nich! Wozu erzieht man denn seine Kinder?! Und nachher geht der Frieden weg, und das ganze Glück is aus ’m Hause!“

Klaus Mathiessen hörte den beiden zu, die sich so lange unterhielten, bis der Doktor wieder fort musste. Aber auch seines Stiefsohnes Rede berührte den Lehrer kaum; er hörte mit den Ohren. Seine Seele war weit, irgendwo im Frühling, der mit allen Stimmen der Natur die Liebe lobte und ihre Gluten pries, zur seligsten Erfüllung.

Dann ging der Lehrer hinauf in den Oberstock in sein kleines Arbeitszimmer, Hefte korrigieren, wie er sagte.

Aber er sass still auf dem Sofa dort oben in der stummen Einsamkeit, die er immer geliebt hatte und die ihm heute dreifach wohltat; er sass still auf dem Sofa, die Hände übereinandergelegt, die Augen erhoben und mit einem verzückten Lächeln auf den Lippen.

So gïng der Tag, der laue Sommerluft ins Fenster spielte.

Die Frau brachte ihm später den Kaffee nach oben, da tat Klaus Mathiessen, als arbeitete er eifrig, und war froh und befriedigt, dass sich Karoline so täuschen liess.

Dann sank das Licht, und die Schatten kamen, wie blaue Elfengeister, zu ihm herein in das heimliche Gemach. Draussen erstarb der Lärm. Die Glocken der alten Marienkirche läuteten den Sonntag ein. Das ergriff den Einsamen mit einer Feierlichkeit, die wie aus fernsten Jugendtagen in ihm aufschwoll. Seine Augen, die in das milde Blau des Sommerabends hinausblickten, wurden feucht ... Und losgelöst von allem, was irdisch und schwer war, beging Klaus Mathiessen mit tiefer Inbrunst die Feier seiner grossen, wunderbaren Liebe.

Auf einmal riss es ihn zusammen: Hatte er geschlafen? ... Lange schon?

„Was denn ... Was ist denn?“

„Na, komm doch! Ins Bett ... Wie lange willst du denn hier oben noch sitzen?“

Seine Frau war’s. Und nicht eine Spur der Demut und Freundlichkeit, die ihm heute mittag so zuwider gewesen waren, klang in ihrer Stimme ... Ihm war’s lieber so, er konnte ihrer Grobheit und ihren Unarten gegenüber seine eigenen Empfindungen ebenso frei spielen lassen.

„Ich hab’ mir’s Bein vertreten,“ sagte sie, „geh’ mal rüber mit de Laterne und sieh nach, ob die Scheune zu ist ... der Behrendt war heute wieder voll wie ’ne alte Spritze ... Da!“

Sie reichte ihm etwas hin. Und jetzt merkte Mathiessen erst, dass das schwache Leuchten, das dem Zimmer mehr Schatten als Licht gab, aus der Laterne kam, die Frau Karoline mit herabhängendem Arm an ihrer Seite trug.

Mathiessen unterzog sich nicht gern solchen häuslichen Verrichtungen; er hatte das richtige Empfinden, dass diese Dinge seinem Wesen fremd waren und deshalb für ihn nicht hätten vorhanden sein sollen. Aber der innige Wunsch, mit sich und seiner heimlichen Schönheit allein zu bleiben, nicht gestört zu werden in dem Kultus, den er seiner reinen Empfindung bot — der liess ihn die Laterne in die Hand nehmen und gehen.

So schritt er hinaus in die nächtige Stille und trat in den Garten, von dem aus der Eingang zur Scheune war, die den Hof gegen das Haus abschloss.

Am Gartentor stiess sein Fuss gegen etwas ... Er griff hin und nahm ein Blechgefäss hoch, dessen penetranter Geruch ihm sofort sagte, dass es eine Petroleumkanne sei, die Gott weiss durch welche Nachlässigkeit hierhergekommen sein mochte.

Unschlüssig nahm der Lehrer sie auf, setzte sie wieder hin und trug sie dann doch, links die Kanne haltend und rechts die Laterne, weiter.

Aber er fuhr zurück, als ihn plötzlich aus dem Dunkel eine helle Stimme ansprach:

„Guten Abend, Herr Lehrer!“

Mathiessen hob die Laterne, leuchtete dem Sprechenden ins Gesicht und fragte:

„Was machst du denn hier? ... Ach, du bist’s, Erwin ... Du suchst wohl deinen Vater, nicht wahr? Aber der ist schon lange fort, soviel ich weiss ... Er war heute wieder ... na, du weisst es wohl selber schon?“

„Ach ja, Herr Lehrer,“ des Jungen Wort klang mehr traurig als böse, „ich weiss!“

Klaus Mathiessen wollte noch etwas darüber reden, aber da fragte ihn der Knabe:

„Sie schleppen doch so, Herr Lehrer, kann ich Ihnen nich was abnehmen?“

Das war Klaus Mathiessen nicht angenehm. Seine Schüler sollten nicht denken, dass er im Geschäft seiner Frau den Hausknecht spielte ... Er stellte rasch die Kanne weg, verbot es dem Jungen, der sie schon anhob, auch, sie zu tragen, und sagte dann:

„Geh nur nach Hause, Kind, deine Mutter ängstigt sich gewiss schon um dich!“

„Ach nein, Herr Lehrer ... nein ...“ Der Junge hob die Hand an die Nase. „Da ist doch sicher Petroleum drin gewesen, in die Kanne!“

Den Lehrer überkam ein so peinliches Empfinden; aus der Verwirrung, die ihn immer ergriff, wenn ein Fremder ihn bei solch häuslicher Tätigkeit überraschte, und aus wer weiss welchem anderen Grunde, über den er sich selber nicht klar wurde, sagte er:

„Ach nein, ich glaube nicht ... wer weiss, was da drin ist ...“

Der Junge blickte noch mal nach der Kanne hin, roch verstohlen ein zweites Mal an seinen Händen, sagte aber weiter nichts als:

„Na, denn ... ich gehe, Herr Mathiessen ... adieu ...“

Er zog seine Mütze und war aus dem kleinen Lichtfleck, den die Laterne warf, in die Finsternis des Gartens verschwunden.

Klaus Mathiessen blieb stehen und sah ihm nach, hörte auch das Trapsen seiner genagelten Schuhe auf dem Steinpflaster des Hofes.

Dann erst ging er zur Scheune und schloss sie auf.

Wie er mit der erhobenen Laterne hineinleuchtete, war’s ihm, als hörte er drin etwas rascheln ...

„Aha,“ murmelte er, „darum kommt der Kerl nicht nach Hause! Er ist wieder mal betrunken im Stroh liegengeblieben!“

„Behrendt!“ rief er hinein. „Sind Sie da, Behrendt?“

Doch nichts antwortete ihm. Da schloss Klaus Mathiessen die Scheune wieder zu und begab sich mit dem Gefühl, all das ginge ihn längst nicht das geringste mehr an, ins Haus hinein.

5

Klaus Mathiessen hatte sich mit seiner Frau und dem Doktor Wegberger eben zum Abendbrot hingesetzt, als es draussen klingelte.

Der Lehrer sprach mit seinem Sohne von dem neuen Hospital, dessen Bau in der letzten Sitzung der Stadtverordneten abermals besprochen und beraten, zuletzt aber wiederum hinausgeschoben worden war.

„Und dabei glaubst du nicht,“ sagte der junge Arzt, „wie not uns das neue Haus tut! ... Wir Ärzte sind gezwungen, jeden Tag Leute fortzuschicken, die der Anstaltsbehandlung dringend bedürftig sind! ... Die ganze Sache wächst sich zu einem öffentlichen Skandal aus! ... Und wenn ich nicht sozusagen eine Art von Beamtenstellung innehätte ...“

Doktor Wegberger kam nicht dazu, zu sagen, was er sonst wohl tun würde ... Die Tür ging auf und, hereinkomplimentiert von Frau Karoline, erschien der Versicherungsagent Küper, ein sehr grosser Mann von kompakter Figur mit schwarzem Haar und einem ungepflegten Schnurrbart, der die schlaffe, ausschweifende Mundpartie ein wenig verdeckte. Er hatte kleine listige Funkelaugen in seinem dicken, roten Gesicht und stotterte ziemlich stark, wenn ihn jemand beim Sprechen ansah.

Mit wortreichen Entschuldigungen näherte er sich dem Tisch und begrüsste die beiden Herren.

Klaus Mathiessen grüsste freundlich wieder. Robert Wegberger blieb eiskalt; er kannte den Agenten, der vermögend und Stadtverordneter war, genau. So erhob sich der Arzt, der es einfach nicht fertigbekam, mit einem so missliebigen Menschen zusammen am Tisch zu sitzen, unmittelbar nachdem der andere sich niedergelassen hatte, und verliess mit der kurzen Entschuldigung, er müsse noch arbeiten, das Wohnzimmer.

„Na ja, Robertchen, geh man!“ seine Mutter begleitete ihn bis zur Tür. „Und arbeite auch nicht zu lange mehr, hörst du? ... Er überanstrengt sich immer, der arme Junge, da kann man reden, was man will!“ sagte sie, an den Tisch zurückkehrend, nachdem sie selbst die Tür hinter ihrem Sohne geschlossen hatte. Und während ihr Benehmen vorher etwas Gedrücktes, unter einer übertriebenen Liebenswürdigkeit verborgen. Ängstliches gehabt hatte, schien sie nun auf einmal befreit und froh, wie wenn die Anwesenheit ihres Sohnes sie sehr geniert hätte.

Klaus Mathiessen merkte das wohl. Und ehedem hätte diese Veränderung im Wesen seiner Frau ihn misstrauisch gemacht und irgendeine Szene ahnen lassen — heut, zu dieser Stunde war ihm das ganz gleich.

Wahrscheinlich führte sie wieder etwas im Schilde, wovon Robert jedenfalls nichts hatte wissen sollen ... Oder es war auch nur die Erhöhung der Versicherungssumme, die sie dem Sohne natürlich verschwiegen hatte ... Gleichviel! Klaus Mathiessen lächelte! Er konnte jetzt lächeln über all den schmutzig verlogenen Kram, der ihn hier umgab ... Er war darüber hinausgewachsen, weit, weit! ... Nicht an seine Schuhe reichte die Welt, in der diese Frau lebte, mehr heran!

Der Agent fing unterdessen eine Unterhaltung an mit Mathiessen, er sprach über die Wahlen:

„... Wir rechnen natürlich damit, d .. d .. d .. dass Sie uns helfen, Herr Ma .. ma .. ma .. Mathiessen! Nich wahr, d .. d .. d .. d .. das ist doch selbstverständlich?“

Der Lehrer ertappte sich dabei, dass er dem anderen fortwährend auf die Lippen blickte und ihn so zum Stottern brachte. Er sah weg, und nun floss die Rede des Agenten gleichmässiger ... Mathiessen selbst besass die wundervolle Gabe, zuzuhören und nicht eher zu antworten, als bis er sich genau überlegt hatte, was er sagen wollte ... Hier dachte er nun gar nicht daran, sich irgendwie festzulegen. Er interessierte sich für die Aussichten, die die einzelnen Parteien bei der Wahl hatten, hielt sich klug in der Reserve und beobachtete dabei mit geheimer Schadenfreude seine Frau, die unruhig auf ihrem Sofaplatz umherrutschte und offenbar ganz andere Schmerzen hatte, als die nahe bevorstehende Stadtverordnetenwahl.

Endlich hielt sie’s denn auch nicht mehr aus und griff nach ihrer wenig rücksichtsvollen Art mitten hinein in die Unterhaltung:

„Wie is es denn nu mit den Policen, Herr Küper?“

Der sah die Frau listig von der Seite an.

„Die habe ich bei mir, Frau Mathiessen, die hab’ ich hier!“

Er zog ein Kuvert aus der Tasche seines weiten, braunen Jacketts und wandte sich an Mathiessen.

„Ich habe ja Ihrer Frau meine Bedenken nich vorenthalten, lieber Herr Mathiessen; aber ich denke, weil sie doch sagte, dass es auf Ihren besonderen Wunsch wäre ... nich wahr, Herr Mathiessen?“

Der Lehrer blickte gross auf, und sofort fing bei seinem Gegenüber die Sprache wieder zu stolpern an:

„N .. n .. n .. na, nich wahr. Frau Mathiessen, wir haben doch l .. l .. l .. l .. lang und breit darüber gesprochen?“

Die Frau nickte nur bedeutungsvoll und sah dann ihren Mann wie in still lächelndem Vorwurf an, dass er den armen Herrn Küper wieder so fixierte.

Mathiessen, ganz perplex, erwiderte ihren Blick.

Der Agent kam, unbeachtet, auch besser vorwärts.

„I .. i .. ich hab’s ihr ja gesagt, Ihrer Frau, Herr Mathiessen, die Summe ist eigentlich so schon hoch genug, ... aber Sie, Herr Mathiessen, Sie sind ja doch’n verständiger Mann ... wenn Sie’s für recht halten und ’s sogar selber beantragen ... dann ... n .. n .. n .. natürlich, dann muss ich’s doch machen!“

Der Lehrer sah stumm vor sich nieder ... Er? ... Er hatte das gewollt? ... Natürlich! Er hatte ja selbst den Antrag auf Erhöhung der Police gestellt, hatte die Formulare selbst hingebracht zu dem Agenten! ... Ein Grauen überkam ihn, wenn er an die Verlogenheit dieses Weibes dachte ... Aber was wollte sie nur damit? ... Was beabsichtigte sie denn mit dem Vorschieben seiner Person in dieser widerwärtigen Angelegenheit? ... War es auch nur wieder ihre krankhafte Verlogenheit, die nichts, aber auch gar nichts ohne Intrige fertigbrachte? Oder verfolgte sie hier doch einen bestimmten Zweck mit ihrem Vorgehen? ... Denn letzten Endes beabsichtigte sie doch immer irgend etwas mit ihren Lügen und Verdrehungen; nur dass ihre Pläne und Plänchen oft nicht zur Vollendung kamen, weil sich in diesem ränkesüchtigen Geiste immer schon ein neues Ziel vor das alte schob, ehe das noch erreicht war.

Der Agent redete unablässig; er spasste mit der Frau, der er die Spesen und Sporteln erklärte, die der neue Versicherungsantrag von ihr forderte, und die ihr zu hoch erschienen.

Klaus Mathiessen sah die beiden heimlich an; das war der Mann, der zu Karoline gepasst hätte! ... Da hätte sich listige, von keiner Rücksicht beengte Schlauheit zur augendienerischen Geschmeidigkeit gefunden! Und in ihrer nur ganz äusserlich verhüllten Brutalität wären sie beide einander gleich und gewachsen gewesen! ... Aber sicherlich! Dieser alte Junggeselle, dem man trotz seiner Fünfzig alles Üble nachsagte, der hätte sich wohl gehütet, die mundfertige und in ihrer Eifersucht keine Grenzen kennende Frau zu ehelichen! Wie sie umeinander herumschlichen und sich gegenseitig schöne Redensarten machten, wie ein paar grosse, schnurrende Katzen, das war schon köstlich! ... Klaus Mathiessen merkte mit stillem Behagen, dass all der Ekel und Widerwille, den seine Frau noch eben in ihm weckte, einer schmunzelnden Betrachtung wich ... Wie merkwürdig und interessant waren die beiden doch im Licht ihrer verschlagenen Instinkte! ... Nur allein bleiben mit der Frau nachher, wenn der Agent weg war, das hätte Lehrer Mathiessen nicht gekonnt.

Und da kam er zu einer neuen Verwunderung über sich selber ... der Agent Küper erhob sich eben und sagte:

„Na, adieu, Frau Mathiessen! ... Adieu, Herr Mathiessen!“

Der Lehrer hatte aufgeblickt und dem Agenten gerade in sein vom vielen Alkohol entflammtes Gesicht gesehen. „L .. l .. l .. l .. leben Sie wohl!“ Er näherte sich, von Mathiessens Auge schadenfroh festgehalten, der Tür. Da sagte der Lehrer:

„Warten Sie doch, Herr Küper, ich begleite Sie noch ein Stückchen ...“

Frau Karoline, die ebenfalls aufgestanden und mit zum Ausgang gegangen war, die fuhr herum:

„Was, du willst noch fortgehen?“

„Ja ...“

Er sah sie fest an. Und zum erstenmal in ihrem ehelichen Zusammenleben wich das Auge der Frau vor dem ihres Mannes, irrte hin und her und versank in Schwäche.

Damit ging er hinaus auf den Korridor, nahm seinen Schlapphut vom Riegel und sagte, wieder hereintretend:

„Warte nicht auf mich, Karoline! ... Kommen Sie doch, Herr Küper ... adieu!“

Er küsste sie nicht auf die Stirn, wie er sonst, einer Art von Pflichtgefühl folgend, immer getan hatte ... Er nickte ihr zu, nahm einen heimlichen Blick des Argwohns und der trotzigen Drohung voller Gleichmut mit sich auf den Weg und betrat an Küpers Seite die Strasse ... Wenige Schritte von seinem Hause entfernt verabschiedete er sich von dem Agenten.

Der Mond stand über der Strasse, deren letzte Passanten in den Häusern verschwanden. Bei dem Kriegerdenkmal, in der Nähe des alten Brunnens, der seines guten Wassers halber gesucht war, standen noch ein paar Mägde mit ihren Burschen ... heimliches Lachen ... Laute, an deren Klang man hörte, dass sie Zärtlichkeiten sagten, trafen des Lehrers Ohr, der weiterging, durch die alte Baustrasse, zum Tore hin, wo der mittelalterliche Wachtturm breit und wuchtig in die blaue Nacht ragte.

Lehrer Mathiessen ging hinaus aus der Stadt. Und wie er die Strasse entlangschritt, deren linke Seite der alte Kirchhof einnahm, da sah er sich selber wieder als Schüler der Präparandenanstalt.

Er sah sich dort drüben im dunklen Eingang verschwinden, hinter die Ligusterhecken, in den Alleen, wo all die Jugend abends promenierte, die hier ihr Herz in Liebe schlagen fühlte ... Denn er war nicht allein, der langaufgeschossene Junge mit dem hellen Kraushaar, der kurz vor seinem Lehrerexamen stand ... An seiner Seite, durch das schweigende Dunkel, das die alten Bäume und vielleicht auch die längst Verstorbenen mit ihrem geheimnisvollen Flüstern belebten, ging ein blondes, schlankes Mädchen, das er immer einer Lilie verglichen hatte; so zart war sie gewesen, die Gertrud Florian, und so blass hatte sie ausgesehen ... In der Nacht freilich, in der stummen, seligen Frühlingsnacht, in die Faulbaum und Flieder ihre Düfte gossen, beim Schluchzen der liebenden Vögel hoch oben in den dunkeln Baumkronen, da spürte er nur den brennenden Hauch ihres roten Mundes und lauschte der verhaltenen Sehnsucht in ihren Worten, die noch ihren Teil von der grossen Daseinsfreude begehrte, ehe der Unerbittliche kam, der sie fortnehmen wollte für immer ... Nur dass der junge, hellhaarige Präparand zu schüchtern war und ihr Werben nicht verstand ... Er sprach ehrfurchtsvoll zu ihr, mit geheimem Beben und wagte nicht, den fiebernden Mund zu küssen, der sich ihm, ach so gern, geboten hätte! ... Dann kam das Examen, das Klaus Mathiessen mit allem Lobe bestand. Und als junger Lehrer in ein entferntes Dorf verschlagen, nahm der Jüngling das Bild der blonden Trude in seinem Herzen mit sich; am Abend seines Fortgehens hatten sie einander ihre junge Liebe gestanden ... Briefe flogen hinüber — herüber; bis eines Tages ihre Mutter, die von dem heimlichen Verlöbnis wusste, statt der Tochter schrieb: Die Trude sei unpass, hoffe aber bald selber ihren Bräutigam zu sehen, der ja in den Michaelisferien nach Hause kommen wollte.

Er kam auch und fand seine Liebste mit roten Rosen auf den schmalen Wangen in ihrem weissen Bette ruhend ... Und wie sie dann beide allein, ganz allein waren, da sagte das Mädchen mit hastiger, zitternder Stimme und mit Augen, die nichts mehr verbargen, nichts mehr verbergen wollten, zu ihm:

„Nun hab’ ich nichts gehabt von dir! ... Ich sterbe, und ich weiss nicht, wie es ist, wenn man sich ganz lieb hat ...“

Dann war die Mutter, eine zage, ängstliche, nicht kluge Frau hereingetreten, und die Tochter hatte geschwiegen.

Aber diese Worte seiner blassen Liebsten, die wenige Wochen später hinausgetragen wurde auf den Friedhof, diese Worte waren dem Lehrer immer nachgegangen und hatten ihn beschützt, dass er sein Herz und sein Leben nicht verzettelte in törichten Liebeleien ... Ja, er war der Verstorbenen wohl zu treu gewesen, hätte sonst vielleicht mehr vom Leben und Lieben gekannt und wäre nicht so leicht an jenem Abend, da die verwitwete Frau Doktor Wegberger ihm ans Herz sank, sich und seinem stillen Ideal untreu geworden.

Das ging dem langsam Hinschreitenden alles durch den Sinn, wie eben jetzt neben ihm in den alten Bäumen des ehemaligen Gottesackers eine späte Nachtigall schlug. „Nun hab’ ich nichts gehabt von dir!“ klang es wieder .. Aber die es sprach, war nicht tot! ... Sie lebte, wenn sie auch das blonde Haar der längst Hingeschiedenen trug und mit denselben Augen wie die Jugendliebe in sein Leben blickte.

Da merkte Klaus Mathiessen, dass sein Herz nicht auf den Pfaden der Vergangenheit, dass es im köstlichen Rausch der Gegenwart wandelte und dass er auf dem Wege war, sie zu suchen, der nun sein ganzes Selbst gehörte ... Und als ihm das erst klar geworden war, da hemmte auch kein inneres Bedenken mehr seinen Fuss ... Er wusste den Weg, er ging ihn mit der heissen Hoffnung, sie, die er liebte, zu finden.

Noch ein paar Villen lagen rechts und links an der Strasse ... Aus einer klangen Gläser und frohe Menschenstimmen, und im leuchtenden Ausschnitt des Verandaeingangs erschienen bunte Gestalten und lachende Gesichter ... Dann schloss sich die Heckenwand wieder neben dem jetzt rascher ausschreitenden Lehrer; aber die Heiterkeit, die Lust der Gäste folgte ihm in der stillen Nacht und machte sein Herz noch zuversichtlicher ... Einmal sah er sich um: die Kleinstadt mit ihrer dunkeln Enge, ihren kleinlichen und widrigen Geschichten lag hinter ihm — vor ihm breitete sich jetzt das Land unter dem silbernen Glanz des Mondes ... Im Korn zirpten Heimchen. Ein Singen und geheimes Tönen war in der Luft, das, vielleicht nur dem Ohr des einen Mannes vernehmbar, sein Herz so froh erhob und ihn wie auf Flügeln gleiten liess.

Da vor ihm in der Nacht, die wie dunkelblau durchsichtiges Glas schimmerte, stieg es schwarz empor ... Es rauschte leise und flüsterte von dort, und langsam lösten sich Bäume, schwarzschattende Rüstern und Tränenweiden aus dem Düster, die ihr dunkles Haar bis auf den Spiegel eines bleifarbenen Gewässers herniederliessen.

Das war ein Ort, der am Tage nicht weniger melancholisch deuchte als in der Nacht, wo des Mondes irre Lichter über die stummen Fluten huschten ... Aber dies Wasser ging weiter im trägen Lauf am Garten des Kommerzienrats Hindorf vorüber.

Und im Kahn, der irgendwo im Gesträuch gelegen hatte, trieb nun ein schlanker Mann, der die Ruder so leise führte, als dürfe er mit ihrem Plätschern die Nacht nicht erwecken.

Am Steg, wo der Mond mit der zitternden Welle spielte, band der, dessen Herz nicht minder bebte, den Nachen fest ... Dann stieg er behutsam tastenden Fusses ans Land.

Ging die Gänge, wo Flieder und Salweide mit Rotdornbüschen wechselten, hinauf und erstieg die Terrassen. Da duftete es von den Rosenbeeten; wie Wolken süssbetäubenden Atems von tausend glühenden Lippen wogte es um den Mann, der trunken von Liebe und Sehnsucht die Nacht durchsuchte.

Nicht über die Kieswege, mitten durch das tauige Gras des grossen Rondells, zwischen den Bosketts japanischer Sträucher und silberner Tannen, trieb es ihn zu der Laube hin, einer Jasminlaube, die ganz in Blüte stand.

Er wusste, sie liebte diesen Duft ... Und wie die Liebenden keine Gesetze des Möglichen achten, vertraute er der Sturmflut seines seligen Herzens, dass sie die Geliebte herbeitragen würde zu ihm, in Nacht und Dunkelheit.

Er sass in der Laube. Er schickte seine suchende Seele aus, mit der wilden Weisung, nicht ohne ihr vergöttertes Selbst wiederzukehren ... Doch seine Seufzer blieben allein, unerwidert von einer grossen Liebe, die ihn ganz erlösen sollte.

Da schlich er der Villa näher ... Er sah Licht ... Er stieg die Steinstufen einer Veranda hinauf und sah sie, die Geliebte, die allein, über das Buch, das vor ihr lag, hinstarrend, im Sessel lehnte.

Er klopfte leise.

Aufschreckend hob sie sich im Sessel ... und erkannte, wie er sein Antlitz an die Scheiben presste.

Ihr Aug’ flog im Gemach ... sie kam ...

Und wortlos, wie zwei, die den Tod selber herausfordern um ihrer Leidenschaft willen, schlichen sie beide in den mondbeschienenen Garten.

Sie hielt seine Hand, die Hand, die sie nicht lassen wollte, an jenem Abend, wo sie ihm Herz und Seele entschleierte — sie hielt seine Hand glühend in der ihren!

Sie gingen schnell, von ein und demselben Gedanken beseelt, die Laube zu erreichen.

Der Mondschein erhellte den Garten — jeder hätte die beiden Menschen sehen können, die von ihrem Schicksal gejagt dahineilten ... Sie dachten nicht daran, oder sie konnten an nichts anderes mehr denken, als an sich selber ganz allein! ... Ihr Angesicht, vom Glanz des Mondes und von trunkener Begeisterung erhellt, hing wie bewusstlos an dem Manne, dem ebenso Gedanken und Ideen nur auf einen Punkt zusammenstrahlten — ihr nahe zu sein und sie zu besitzen.

So verschwanden sie in der Laube, die ihre Blätter und blühenden Ranken hinter ihnen dicht verschloss ... Das Geisterangesicht des Mondes schaute herab ... Die Nacht mit ihren tausend Ohren lauschte atemlos ... Es war, als seien die beiden hinabgeglitten durch die dunkellaubige Pforte ins Reich der Schatten ... Und die Zeit zerfloss im Duft der Blumen, in der silbernen Ruhe der Nacht und in der letzten Leidenschaft zweier Menschen, die mit der Welt sich selber vergassen.

Auf einmal kam irgendwoher ein misstönendes Geräusch ... ein Tuten ... und Blasen ... dann fing eine Glocke zu schreien und zu klagen an ... Und dort drüben, über dem düsteren Komplex der Häuser und Dächer, die im Mondlicht, im weisslichen Dunst verzitterten — dort drüben glomm und glostete es auf einmal im roten Schein.

Eine Gestalt tauchte auf vor der Laube, an die sich die zweite bald schmiegte.

Sie lauschten ... gingen ängstlich um die weiss überschneiten Jasminbüsche.

„Es brennt ... in der Stadt ...“, sagte er leise.

Sie küssten sich, wie in stiller Abwehr gegen alle Dinge, die von dort an sie heranwollten.

Da plötzlich durchzuckte es den Mann, der in die Richtung des Brandes starrte, dessen Feuerarm jetzt lodernd empordrohte ... Und der Lehrer stöhnte.

„Wo ist das? ... Am Markt? ... Wo? ... Um Gottes willen!“

Irgend etwas riss entzwei in Klaus Mathiessens Brust ... Er wand sich, als habe er im Flammenschein Schreckliches gesehen.

„Ich muss fort, Liebes!“

Sie hielt ihn.

„Du!“

Ein Schauer von Küssen ...

Dann ging er, eilte, verfolgt von ihren brennenden Blicken.

6

Der Weg von der Villa Hindorf bis in die kleine Baustrasse war wohl eine halbe Stunde weit. Aber Klaus Mathiessen brauchte nicht eine Viertel dazu ... Er ging nicht, er rannte, er raste wie ein Irrer über die schweigenden Felder ... Den Hut riss ihm der Luftzug vom Kopf, er achtete es nicht! Das Entsetzen stürzte neben ihm her und peitschte ihn mit tausend Geisselhieben vorwärts.

Dabei hingen seine Augen in all dem Stürzen und Vorwärtsrasen am nächtigen Horizont, der jetzt, ein gewaltiges Fanal, von Flammenröte loderte ... Und in die Blutfarbe des Himmels stieg, wie ein Turm, der riesige Rauchschwaden ... Das Tuten der Feuerhörner klang immer drohender, die Glocke schwang unaufhörlich ihre gellenden Hilferufe, und wiewohl noch viel zu weit entfernt, um etwas derart vernehmen zu können, hallten in des Lehrers Ohren die Jammerschreie der Unglückseligen, die, in Schlaf und Traum von den Flammen überrascht, sich nicht mehr hatten retten können.

Dort in der Richtung, wo der Qualm so massig in den roten Himmel drängte, dort lag sein Haus ... Das Haus seiner Frau ... Und Klaus Mathiessen war vom Lande; er wusste, wie es aussieht, wenn Heu und Stroh brennen.

Schon wie er, schweisstriefend in der warmen Nacht, durch das alte Tor kam, drängten sich rechts und links die Neugierigen in Scharen, die alle an die Brandstelle wollten.

„Lehrer Mathiessen! ... Lehrer Mathiessen!“ hörte er flüstern, „... bei dem brennt’s wohl? ... ja, bei dem brennt’s!“

Und je weiter er kam, desto schwerer wurde es ihm, hindurchzukommen durch die Menschenmassen. Die kleine Baustrasse war ganz schwarz von Neugierigen. Die ganze Stadt schien erwacht zu sein. Und alle wussten’s eher, als er selber, dass Klaus Mathiessens Heim in Flammen stehe. Man machte ihm, den ja fast alle kannten, Platz; aber er kam doch jetzt nur im Schritt vorwärts. Und daran, wie man ihm auswich, an den teilnahmsvollen Blicken und leisen Worten erkannte er, dass er sich nicht geirrt hatte, dass es seine Wohnstätte war, die in Flammen stand.

Noch konnte er nichts sehen, die kleine Baustrasse machte da, wo die Prinzenstrasse in sie hineinlief, einen Knick ... Aber er hätte nur fragen brauchen ... Das tat er nicht, eine Scheu vor etwas Unerklärbarem, das doch in ihm selber war, hielt ihn zurück.

Nun rückte mit hartem Rattern auf dem holprigen Kopfsteinpflaster der erste Wasserwagen heran, den ein nahe wohnender Ackerbürger stellte.

Klaus Mathiessen musste in all seiner Eile beiseitespringen ... Er fragte einen Mann, einen Seilermeister, dessen Sohn er unterrichtete:

„Ist denn die Spritze schon da?“

Der zuckte die Achseln; er wollte ja auch erst dorthin, wusste ja auch nichts:

„Ich weiss nicht.“

Aber im Angesicht des Mannes las der Lehrer beim Lichte der klaren Augustnacht die verwunderte Frage:

„Du fragst mich? ... Ja, weisst du denn nicht, was mit deinem eigenen Hause ist? Wo bist du denn, wenn dein Gut und deine Habe in Flammen aufgehn?“

Klaus Mathiessen war längst weiter! Von Scham und Angst getrieben, eilte er an den Häusern entlang, sich immer wieder mit „Pardon!“ und „Ach bitte, einen Augenblick!“ Platz schaffend.

Das Haus brannte nicht, das sah er ... Aber die Scheunen! Die Scheunen! Und wie leicht konnte auch das Wohnhaus, alt und aus Fachwerk erbaut, Feuer fangen!

Die Spritzen waren noch immer nicht da! Wie lange sollte schon an die Stelle der freiwilligen Feuerwehr, deren Wille wohl gut, aber deren Kräfte durchaus nicht zureichend waren, eine städtische getreten sein! ... Das war ein Posten mehr auf dem Schuldkonto der bisherigen Stadtverwaltung! ... Da stand ja auch einer von den Stadtvätern, der Stadtrat Becker, Mathiessens Nachbar, in Schlafrock und Pantoffeln, wie ihn die Angst eben aus dem Bette getrieben hatte.

Mathiessen war am Hause. Nur die Kette von Männern, durch deren Hände die vollen Wassereimer gingen, die man drüben an dem grossen Strassenbrunnen füllte, nur die Kette hielt ihn noch auf. Der Lehrer drängte atemlos hindurch ... Was sollten die paar Wassereimer der Glut tun, die ihm entgegenleuchtete, wie er in den Torweg trat! ... Indem hörte er hinter sich das Klingeln der ersten Spritze, die vom Markt angerasselt kam.

Und wo war seine Frau?

Da, auf dem Hof, der, wie von hundert Fackeln erhellt, von Menschen gefüllt war, da sah er sie die Hände ringen und hörte ihr Schluchzen, das zum Schreien wurde, aus dem heisere Laute der Angst und des Entsetzens hervorbrachen!

„Karoline!“

Die Frau sah sich, von dem Ruf wie von einem Stein in den Nacken getroffen, um ... Dann stiess sie einen durchdringenden Schrei aus und stürzte ihrem Manne, sich in ihren Kleidern verwickelnd, entgegen.

„Menne! ... Menne!“ kreischte sie auf, „um Gottes willen! ... Da ... da ...“ sie schluchzte, hängte sich, wie von heftigem Fieber geschüttelt, an seinen Hals und heulte, „ich ... ich ... ich hatte Angst ... dass du da! ... da ... in der Scheune!“

Er streichelte sie, redete ihr zu und hielt ihren schweren Körper aufrecht, wobei ihm die Knie wankten ... Aber in seinem Innern brannte keine Flamme ... Nun er wusste, dass sie lebte, schien ihm das Schreckliche, der rote, heulende Graus um ihn her, nur noch ein seltsames schauerliches Blendwerk ... es brannte ... ja! Die Scheunen würden vielleicht abbrennen ... nun, die waren ja versichert! ... Was ihn wie Furien hergetrieben hatte, das war die Angst um die Frau! ... Die lebte ja! ... Die lebte! Und damit glitt sie auch zurück in das unwesentliche, sein Leben nicht mehr berührende Sein, als das ihm alles jetzt erschien, was hier an diesem Orte lebte und atmete ... Sein Geist, sein Herz wandte sich schon wieder zurück zu der, die er eben so zaudernd verlassen hatte und die nun gewiss voll zehrender Angst an ihn und sein Leben dachte.

Da fiel ihm ein:

„Wo ist Robert?“

„Der holt die Feuerwehr zusammen“, sagte Karoline und schluchzte.

„Achtung! Aufgepasst!“ scholl es hinten. Die Spritzenleute kamen und schleppten die Schläuche in den Torweg, durch den die sehr hoch gebaute Spritze mit ihren Leitern und Geräten nicht durchging ... Nun rollten auch die Wasserwagen heran.

„Lasst die Eimer weg!“ hiess es, „die haben doch keinen Zweck ...“

„Na,“ schrie jemand, „wenn wir warten sollten, bis ihr kommt, dann brennte das Dach schon!“

„Ja, rauf aufs Dach!“ kam eine andere Stimme, „bei Beckers auch! ... Seht ihr, da flackert’s schon! ... Los! ... Los!“

Und nun rannten sie plötzlich alle davon mit ihreu Eimern. Andere kamen in den Hof, zu gaffen und zn reden ... Die Wehr schraubte die Schläuche fest, eben flog der erste Wasserstrahl sprühend und zischend in die Flammen, die sich knatternd, funkenstiebend dagegen wehrten.

Das Dach der hinteren Scheune, die halb rechts von der vorderen stand, so dass man beide betrachten und in ihrem leuchtenden Todesspiel bewundern konnte — das Dach der linken, war fort bis auf ein paar glühende Sparren zu beiden Seiten nahe der Mauer, die wie die zerspellten Nippen eines zum Feuertod verurteilten Riesen in die Höhe ragten ... Hier und da fiel eine Sprosse krachend und im Feuerregen zerfallend in die Glut ... Aber plötzlich eröffnete dieser brennende Bau, der mit Säcken voller Körner bis zum Dachwerk gefüllt war, ein grandioses Schauspiel! ... Die Maltersäcke platzten, und von der enormen Hitze zur schnellsten Ausdehnung gebracht, schleuderten sie ihr Getreide, jedes einzige Korn glühend, wie eine Raketenkugel turmhoch hinauf in den nächtigen Himmel ... In rauschenden Garben, wie von flammenden Verschwenderhänden in die Luft gestreut, flogen die goldglühenden Körner in hohem Bogen und fielen zurück, noch brennend, und die umliegenden Häuser, besonders das des Nachbars und Frau Karolines eigenes Wohnhaus der grössten Gefahr aussetzend.

Ringsum auf den Dächern standen Leute und gossen Eimer auf Eimer Wasser auf die zum Teil hölzernen Ziegel, die auch wieder ihr Fortbestehen, gegen den Willen der Behörde, nur der gegenseitigen Bekanntschaft und Duldung unter den Stadtvätern verdankten ... Die opferwilligen Menschen da oben hielten die Gluthitze, die noch immer stärker wurde, kaum aus. Sie mussten sich fortwährend abwechseln und kamen mit verbrannten Haaren und Augenbrauen und geschwärzten Gesichtern herab.

„Wer entschädigt denn die armen Menschen für die Gefahr und für die kolossale Anstrengung, die sie doch wirklich ganz heroisch auf sich nehmen? Sieh mal, Vater! ...“ Robert Wegberger, der Mühe genug gehabt hatte, die Wehr zusammenzubringen, zeigte auf das Dach des Nachbars hin, „der Mann da oben, ich kenn’ ihn zufällig, der hat fünf Kinder ... Aber was ist denn? Was ist denn da los?“

Und er stürzte, gefolgt von Mathiessen und seiner Mutter, die fortwährend aufschluchzte, obwohl ihr dabei keine Träne mehr kam, zum Torweg, durch den sich, mitten in einem Menschengewoge, laut schreiend ein Weib drängte:

„Mein Mann! Mein Mann! Mein armer Mann! ... Rettet meinen armen Mann! ... Ach! ... Lasst mich! Ich will zu ihm! ... Mein Mann! ... Mein Mann!“

„Die Frau Behrendt ist es!“ sagte Robert, und man sah, wie er zitterte.

Seine Mutter schrie auf:

„Behrendt? ... Um Gottes willen! ... Wo denn? Wo? ... wo is er denn ... Behrendt!! ... Behrendt!! Behrendt!!“

Sie kreischte es laut in die Feuernacht. Sie schrie und gellte so laut, dass sie selbst die Hilferufe der Frau des Mannes übertäubte, den man in dieser Schreckensstunde vermisste.

„Was ist denn? Was ist denn? ... erzähle mir, Erwin, was ist mit deinem Vater!“ sagte Mathiessen zu dem Kinde, das er in den Armen hielt.

„Ach, Herr Lehrer ... Herr Lehrer ...“ Der Junge konnte vor Grauen gar nicht sprechen ... „er is weg! ... Sie wissen doch, er is ja gar nich jekommen! ... Wissen Se denn nich, ich war doch noch um achte bei Ihn’ auf’n Hoff! ... Da, da, wo Sie mit de Petroleumkanne jestanden haben ...“

Klaus Mathiessen liess den Jungen los ... Ihm war, als sei er aus der sengenden Hitze, die ihn hier umgab, in Eiseskälte versetzt worden ... Das eine Wort von des Knaben Lippen, der nichts Arges dabei dachte, dieses eine Wort riss den Vorhang, den Flammenschleier, der vor diesem grässlichen Geheimnis hing, mitten entzwei ... Und ein Grauen, wie er es nie empfunden, wie er nie geglaubt hatte, dass eine Menschenbrust es bergen und ertragen könne, kroch ihm ins Herz.

„Stille ... stille ...“ flüsterte er, ohne es zu wollen, ohne zu wissen, dass er spräche ... „lass, mein Junge! ... lass! ... Dein Vater wird gerettet!“

Und mit einem Male erhob sich ein Lärmen rings umher. Als habe das Schreien der Frau jenes Verlorenen, das nicht zur Ruhe kam, das immer wieder aufschluchzte und heulte in die rote Flammenmacht hinein — als habe dies Schreien ein Echo gefunden von tausend Seiten, so schrie, brüllte und tobte es ... Von der Strasse, vom Hof, selbst von den Dächern herab klangen die ängstlichen Rufe, die Stimmen der Furcht und des wildesten Schreckens.

„Ein Mensch? ... ein Mensch ist drin? ... Wo denn? ... Da, in der Scheune? ... Er schreit ja noch! .. Hört doch! Hört doch, er schreit! ... Er ruft um Hilfe! .. Hilfe! ... Hilfe!“

Da riss es den Lehrer hin, dahin, wo — ein riesiger Flammenhaufen, ein Hügel, der unablässig sein Feuermaul aufreisst, neue Gluten speit — die vordere Scheune stand. Noch schien nur der Dachstock zu brennen.

Pulsuz fraqment bitdi.

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