Kitabı oxu: «Glück und Gischt»
Hans Leip
Glück und Gischt
Erzählungen
Saga
Das Mädchen auf dem Teller
Damals, als seine Stimme noch dünn und hoch war, wurde er Pieps genannt. Sein Vater hatte am Hafen zu tun, wo alles laut und groß ist. Und sein Vater war es gewesen, der zuerst – und sichtlich nicht ganz zufrieden mit ihm – Pieps zu ihm gesagt. Da war nichts zu machen. Es mußte ertragen werden.
Gelegentlich, wenn der Hafenbetrieb behindert war – wegen Nebels oder wegen Streiks –, half Piepsens Vater bei der Firma Davenport. Das war eine feine Firma am Neuen Wall; sie handelte mit Porzellan, mit englischem Porzellangeschirr, und das a in ihrem Namen wurde wie e ausgesprochen, Devenport, das wußte jedes Hamburger Kind. Die Schaufenster Davenports gehörten nicht zu den geringsten in der an sich schon bevorzugten Geschäftsstraße. Hanseatische Kaufleute hielten seit je auf erstklassiges Tafelservice, und das fand man bei Davenport. Gewählt und geschmackvoll war es ausgestellt mit einem Blumenstrauß in der Ecke je nach Jahreszeit. Schlicht und solide war die Tür des Eingangs, schweres Mahagoni, die Klinke Messing mit kleiner britischer Krone. Mit einem Worte: Vornehm! Die Rückseite des Hauses jedoch war nichts als praktisch, ähnlich wie bei einer Weste. Denn hinten lag das Fleet, das trübe enge Wasser, das geradewegs zum Hafen führt. Und so scheußlich es dort manchmal von all dem Abfall roch, den unachtsame Leute hineinschütteten und der niemals restlos mit ablaufender Tide entschwand, Pieps hatte das Fleet gern. Es stellte unzweifelhaft die direkte Verbindung in die weite Welt dar. Sumatra mußte da irgendwo liegen. Eben hatte sein Vater eine Kiste für Sumatra gepackt. „Die ist für Ostern“, sagte der Hausknecht, und hievte sie in die Schute hinunter. „Zu Weihnachten können die wie bisher von Palmblättern schmausen.“ „Sumatra?“ Pieps schmeckte den Klang nach. „Ist das weit?“
Bükopp, der Hausknecht, ergriff ihn mit den Schaufeln von Händen und hielt ihn aus der Luke. „Wenn ich dich jetzt loslasse und du Luft und Murr genug hast, kannst du bis Ostern hinschwimmen. Soll ich?“
Pieps hatte Angst, so gefährlich über dem schmutzigen Spalt Wasser zu schweben, der sich da zwischen der feuchten Mauer und dem Schutenrand auftat. Aber er muckste sich nicht. Und da sein Vater kam, stellte Bükopp ihn wieder auf die Beine und pfiff, als sei nichts los: „Ist denn kein Stuhl da für meine Hulda.“ Der Vater ging an eine der Kisten aus frischem weißem Holz, die vordem aus der Schute nach oben gelangt waren. London cif Hamburg stand darauf. Pieps las es. „Was heißt cif?“ fragte er. Bükopp unterbrach seinen Schlager und grinste: „Kuß im voraus“, aber dann entfernte er sich. Pieps Vater war nicht für solche Witze. „Es bedeutet auf Englisch Kosten, Versicherung und Fracht, und das ist’s, was im voraus bezahlt wurde von drüben“, sagte er und begann, die Kiste auszupacken. Und er fügte hinzu: „Es eilt mal wieder. Senator Muckedeiers wollen es schon in einer Stunde haben.“
Pieps war eigentlich nur mal so mitgegangen, nur des Fleetes wegen, weil das hier viel näher lag als etwa von der Brücke aus. Der Packraum bei Davenports lag im Keller; von der Luke war es nicht weit bis zu den Zubringerschuten, und diese holten die Fracht von den Seeschiffen oder beförderten sie dorthin. Man hörte das Wasser schmatzen, so nahebei war es, wenigstens zur Flutzeit. Darum auch wohl hatte Bükopp ihm vorhin zugeflüstert: „Nächstens halt ich dich aus der Dachluke raus!“ Ihm war sicher darum zu tun, Angst zu machen. Aber Pieps hatte es ihm nicht gegönnt und hatte weder gezappelt noch geschrien.
„Faß mit an, wo du schon dastehst!“ sagte der Vater. Und somit packten sie zusammen das teure Service von der Kiste in einen großen Korb, holten Stück für Stück aus der Holzwolle hervor, Terrinen und Schüsseln für Suppe, Gemüse und Kartoffeln, und den ulkigen kahnförmigen Soßenbehälter, den man in Hamburg Schüguß nennt, dann die gewaltigen Bratenplatten und die für Geflügel und die für Fisch und die kleinen Schüsseln für Salate, Kompott, Pudding oder Dessert, und dann die tiefen und die flachen Teller, und dann die handlicheren für die Beigaben, fürs Brötchen zur Suppe oder für ein bißchen Kresse oder Chicorée oder derlei, auch für die Ablage der Gräten von Steinbutt und Kabeljau und was von Hummern und Geflügel nicht eßbar war. Das alles erklärte der Vater, und Pieps fühlte die Genüsse mißtrauisch nach und all die Umstände mit den vielen Sachen. Zu Hause gingen die Mahlzeiten entschieden bequemer vor sich. Hier nun war vorerst alles in rosa Papier gewickelt, und das duftete besser als das schlammige Fleet. Es duftete geradezu nach den eleganten Salons, wo es so viel zu essen gab und man so mächtig etepetete – so nannte es der Vater – sich dabei benehmen mußte.
„O wie hübsch!“ sagte Pieps bei jedem Stück, das da zum Vorschein kam. Denn es war alles bemalt mit den Hafenstädten der Welt. „Und alles verschieden, das ganze Dutzend!“ nickte der Vater und prüfte Stück für Stück, indem er mit dem oberen Knöchel des Ringfingers leicht dagegenschlug, ob es heil und ohne geheimen Sprung sei. Man muß den Ringfinger nehmen, und oft genügt schon, eben mit dem Fingernagel daran zu klopfen. Der Zeigefinger wäre viel zu robust, um zart genug aufzutreffen, namentlich bei der harten Hafenhand von Pieps‘ Vater. Und es gab den matten klaren Klang, wie ihn das englische Porzellan hergibt, diese Mischung sozusagen aus Steingut und feinstem China. „Es ist Knochenasche darin“, sagte der Vater voller Kenntnis.
„Von was für Knochen?“ fragte Pieps erschauernd. „Vom Kirchhof?“
„Wer will das schon wissen!“ lächelte der Vater. „Jedenfalls sind es sehr zarte Knochen.“
„Vielleicht vom Ganges, wo sich die jungen Witwen mitverbrennen“, warf da Hausknecht Bükopp ins Gespräch. Er war immer zur Stelle, wenn etwas zu bemerken war, hatte auch nicht gezögert, den Ewerführern in die Schute hinab zu verpassen, daß sie elende Streikbrecher seien. Nun aber ging er nach oben, weil für ihn die Stunde schlug, die Schaufensterscheiben zu putzen.
Der Vater hielt einen der Teller gegen das Licht, das von der Luke hereinströmte, und es schimmerte hindurch, und nun sah man erst richtig, was daraufgemalt sei. Fremdartige Gebäude und Segelschiffe und am Kai ein kleines braunes Mädchen in weißem Gewande. Dazu auch Buchstaben am Rande der Malerei, „Sin-ga-po-re“, las Pieps. Obwohl er erst ein Jahr zur Schule ging, konnte er doch schon soviel lesen ...
„Man sagt Singapur. Es ist Englisch“, erklärte der Vater.
„Singapur!“ wiederholte Pieps und fragte dann begierig: „Ist das bei Sumatra?“
„Ungefähr bald nebenan“, nickte der Vater. „Und das da ist eine kleine Malaiin.“ „Aber doch keine Witwe?“ Piepsens Stimme war noch höher als sonst.
„Was für ein Unsinn!“ knurrte der Vater. Und die beiden packten weiter. Da waren dann Ansichten von Neuyork und von Bombay, Yokohama und Pord Said, Sidney, Lissabon und selbst von Hamburg, auch von Bremen mit dem Roland. Aber Pieps blickte kaum darauf hin, nicht einmal auf die Freiheitsstatue oder den chinesischen Kaiser. Er dachte an die kleine Malaiin. Mittendrin polterten Bükopps grobe Schuhe auf der Treppe. „Du sollst mal zum Chef!“ sagte er zu Piepsens Vater. „Na und?“ erwiderte der Vater und ging mit hinauf. Pieps war allein. Er stand da ganz atemlos von der weiten Weltreise, die er auf dem Porzellan mitgemacht. Es lag nun schon fast alles im Korb. Pieps tastete hinein in den Duft aus Holzwolle und sanft parfümiertem Papier. Ja, das mußte er sein, der Teller. Behutsam zog er ihn hervor, wickelte ihn wieder aus, hob ihn gegen das Licht. O, welch rührendes Gesicht die kleine Malaiin hatte! Und so traurige große Augen wie die Gazelle im Zoologischen Garten hinterm Gitter.
„Ksss!“ zischte es von der Treppe. Pieps zuckte zusammen und – o je! – der Teller glitt ihm aus der Hand und schlug auf die Steinfliesen des Kellers. „Hähähä!“ lachte der Hausknecht. So leise konnte der trotz der groben Schuhsohlen schleichen, und nun war es ihm also doch gelungen, Pieps zu erschrecken. Man sah noch eben sein breites, graues, grinsendes Gesicht weit übers Geländer herabgebeugt, ehe er sich wieder verzog. Denn gerade kam der Vater zurück. Und sah gleich die Bescherung und langte aus, besann sich jedoch, vielleicht, weil der Junge ihn so merkwürdig flehend anblickte und dann auch noch piepste: „Sie ist aber heil geblieben.“
Der Vater nahm schweigend die beiden Stücke, in die der Teller zerknallt war, paßte die Bruchflächen aneinander, wickelte sorgfältig das Papier um den Invaliden und steckte das Päckchen sachte zwischen das Übrige in den Korb. Als dann nach einer Weile alles fertig umgepackt war, sagte er finster: „Du fährst mit. Muckedeiers werden schön Krach machen.“
Mit Pferd und Wagen fuhren sie nach Pöseldorf, wo Senator Muckedeier eine Villa besaß. Autos, nein, die gab es damals erst wenige. Auch hielt die Firma Pferd und Wagen für vornehmer, schon weil es leiser war und besser roch. Hausknecht Bükopp brauchte nicht mit; der Vater verstand sich selber aufs Kutschieren, und Muckedeiers Dienstmädchen war kräftig genug, den schweren Korb in die Küche tragen zu helfen. Das war’s, was der Chef dem Vater hatte vordem mitteilen wollen. Sonst wäre das mit dem Teller wohl auch kaum passiert.
Schließlich stand fast alles endgültig gelandet und ausgepackt auf dem großen Küchentisch bei Senators, tadellos und schön. Eben kam auch Frau Muckedeier, um persönlich einen Blick auf das neue Service zu werfen. „Sehr, sehr ordentlich!“ sagte sie. „Und die Zahl? Stimmt ja denn wohl auch. Es muß ja noch alles aufgewaschen werden, alle die vielen Dutzend.“
„Und dann wird den Abend Puter davon gespeist“, fügte Anna, das Dienstmädchen, hinzu.
Es half nichts, nun mußte auch das letzte rosa Papier abgewickelt werden. Der Vater hatte bis dahin den besagten Teller immer noch etwas beiseite geschoben. Dem armen Pieps klopfte das Herz bis unter die Haare. Gern wäre er davongerannt. Aber der Vater hatte einen Blick auf ihn, und das hält ja mehr als zehn Teertaue.
„Huch!“ schrie Anna auf. „Also doch einer kaputt!“
„Welch ein Pech!“ sagte der Vater und tat ungeheuer erstaunt. „Pech? Aber nein doch!“ wehrte Frau Muckedeier ab: „Scherben bringen Glück. Wir haben außerdem sowieso niemals Gäste über die Zahl der Musen hinaus, haben wir wohl nicht.“ Sie blickte gütig auf den kleinen Jungen, der so betreten dastand. „Und das sind?“ fragte sie lächelnd.
Der Vater drückte ein bißchen nach: „Ist doch ganz einfach, wie beim Kegeln. Na?“
„Alle neune!“ stotterte Pieps. Beim Kegeln hatte er schon mal zusehen dürfen. Was Musen sind allerdings, das lernt sich in Hamburg nicht so leicht. Aber von da an liebte Pieps die Musen fast so sehr wie das kleine Malaienfräulein auf dem zerbrochenen Teller. Der Riß war durch die Paläste und Segel gegangen, aber das braune Mädchen war verschont geblieben. Und Pieps auch. Er durfte sogar die Scherben mitnehmen. Anna riet ihm, Kökschenkitt sei das beste zum Kleben. Und wirklich, das hielt.
So fein klingen jedoch, wie es sich eigentlich gehört, das konnte der gekittete Teller natürlich nicht, und wenn man noch so zart mit dem Nagel des Ringfingers daran klopfte. Es klang dann mehr wie ein verhaltener, von ganz weit hergewehter Seufzer. Und das paßte gut zu allem, was an der nördlichen Küste bedrängend ist, paßte zu der insgeheimen Sehnsucht in die Ferne, nach Übersee, nach tropischen Paradiesen, zumal, wenn sich das Wetter neblig und schudderig anläßt. Selbst als Pieps schon größer war und niemand mehr daran dachte, ihn Pieps zu nennen, er auch längst in manchem fremden Hafen weitherum in der Welt gewesen, schien ihm dieser hilflos halbverschluckte Porzellanseufzer und Fernwehklang genau das Richtige zu sein für diesen Teller. Überdies ist zu erwähnen, daß in den Bombernächten, als zum Beispiel von Muckedeiers Hausrat und Geschirr nicht ein Stück gerettet wurde, sich im Schutt dort, wo Pieps gewohnt, der Teller mit dem Malaienmädchen, geflickt wie je, doch sonst unversehrt, anfand.
Nicht immer ist’s der volle Klang,
worauf das Glück beruht;
oft hält, was ungewollt zersprang,
geheilt noch mal so gut.
Aller Anfang ist Wagnis
Mehr neugierig als aufgerührt von dem Liebchenbetrieb des Hafenviertels, wollte ich nicht länger hinter den angeblichen Erfahrungen einiger Schulkameraden zurückstehen. Begab mich also eines dürren Nachmittags über die Hamburger Grenze. Gleich dahinter ohne Übergang begann Altona. Und dort nicht weit war es, was gemeint war. Die Straße, in die man einbiegt, heißt Große Freiheit, rechter Hand, und die Kleine Freiheit schließt sich an. Die Namen erinnern daran, daß hier Handwerk und Gewerbe vormals sich ohne hanseatischen Zunftzwang hatten betätigen dürfen. Auch war hier nach dem ersten europäischen Selbstmordversuch, dem Dreißigjährigen Kriege, auch die geistige Freiheit gemeint gewesen. Eine Barockkirche indes, üppig wirkend in der armseligen Gegend und selbst dem strahlenden Effekt der Tingeltangelnächte standhaltend, unterließ nicht, die Verbindung zum Himmel als am sichersten über Rom zu empfehlen. Die abzweigenden Gassen waren überdies auf die göttliche Jungfrau und deren Schlüsselhalter getauft. Das war so geblieben, obschon niemand mehr wußte, warum. Der Begriff Freiheit hatte sich einzig dem irdischen Vergnügen zugewandt.
Es waren düstere, lauernde, niedrige Schlüfte, diese beiden berüchtigten Gassen. Ihre Ereignisse waren nach innen verwiesen. Eine Außenreklame war hier nicht gestattet. Man gelangte aus den Fluten von Neonlicht, das die Eingänge der beiden „Freiheiten“ umbrandete – und das schon nachmittags – und aus dem Gedränge der Seeleute mancher Nationen und schaugieriger Binnenländer in eine geradezu trübe Unheimlichkeit. Ich zögerte an der Ecke wie als Kind vor der Dachbodentür, hinter der Gespenster warteten, und man war allein. Ich vertiefte mich in die ausgehängten Vorlagen des Tätowierers Fincke. Hinter halb erblindeten Fensterscheiben gab es da mancherlei durchstochene oder umkränzte Herzen, gab Drachen und Schlangen, Segelschiffe, Glaube, Liebe, Hoffnung und Das Seemannsgrab, dazu allerlei Damen in vielen Zuständen der Bekleidung. Schön war keine. Wie würde es in natura sein? Schon gedachte ich, umzukehren und gewaltige Lügen aufzutischen. Da sah ich ein mageres Ladenschild an der anderen Ecke und las eifrig die verwaschenen Buchstaben: „Des Australischen Professor Woinke sein Museum“. Aha, ich hatte munkeln hören, dort gäbe es ein Geheimkabinett gegen Sondereintritt, die sogenannten „Katakomben“. Mir war, als sollte ich mir dort ein bißchen Aufklärung und Anregung holen. Jedenfalls war es dienlich, ein Aufschub vielleicht nur wie vor der Guillotine.
Es stand da auch etwas von „Ausschank nur gegen bar“, und so beschloß ich, mir zugleich etwas Mut anzuduseln.
Es war im Keller, muffig, ungastlich, richtig katakombisch. Die Beleuchtung sparsam, die Schatten gruselig, die Wirtin abschreckend verhutzelt, zahnlos, bucklig, hinkend. Ich hätte die Hexe Hänsels und Gretels nicht trefflicher zeichnen können. Auch war sie so freundlich wie im Märchen. Der durchaus ungewohnte Schnaps brannte mir gräßlich im Schlunde. Aber ich nahm mir nun vor, ein Mann zu sein und durchzustehen, was da kommen mochte. Erst also mal das Geheimkabinett. „Sachte, sachte, mein Jung!“ kicherte die Alte und zeigte mir das Museum. Da denn erblickte ich schaudernd die zahlreichen ausgestopften oder in Sprit eingelegten zoologischen Abnormitäten, Hunde mit Doppelkopf, Kälber mit fünf Beinen, einen mühlsteingroßen Rattenkönig, alkoholisch erblichen, wert, die Träume eines verfolgten Mörders zu würzen. Dann war da auch ein meterhoher Eiffelturm. Meine Ciceronin schlug die rotgeränderten grünen Augen zum feuchten niedrigen Kellerhimmel empor und sprach bebend vor Mitempfinden: „Hergestellt in jahrzehntelangem Fleiße aus den Brotüberresten eines begnadeten Insassen der Irrenanstalt Friedrichsberg! Seien wir bedankt, gestattet zu sein, uns normal des Lebens durchzubringen!“ Endlich gelangten wir an eine Tür, darauf zu lesen stand „Extra-Entree“. Ich entrichtete dieses. Die Tür wurde feierlich geöffnet. Ein Schalter geknipst. Von nackter Glühbirne bestrahlt, erhob sich ein Altar mit stuhlhohem Kreuz und papierenem Blumenschmuck. Davor standen sieben Kindersärge aus grauer Pappe. Die Führerin klappte nacheinander alle Deckel auf und leierte die Geschichte jeder der darunterliegenden „Totgeburten“ her. In einem der Behältnisse lagen auf modriger Holzwolle sogar drei der gekrümmten winzigen, bräunlich verschrumpften Leichname. Ich stand wie gelähmt und war verurteilt, die heisere Moritatenstimme bis zu Ende anzuhören. Hilf Samiel! Ich hatte mir die Anregung anders gedacht.
Nun erst recht! knirschte ich mir zu. Benommen schwenkte ich in die Marienstraße ein. Alte Kupfer bekunden, daß es vormals mit Fachwerk und Baumbestand recht malerisch gewesen sein muß. Nunmehr war nichts als öder dreistöckiger Zement, lieblos, lückenlos, skrupellos als Mietequelle hingeklotzt und zum behördlich genehmigten Bordell Haus um Haus abgesunken. Die graue Gegend stand wie zwei geballte Fäuste gegen mich, links und rechts der graue Mauerblock. Ich war keine siebzehn. Mein Vorhaben mir unklar. Aber ein Zurück kam nicht mehr in Frage. Der Schnaps tat seine ermutigende Schuldigkeit. Halte dich in der Mitte der Straße! hatte mir der dicke Uli geraten: damit die Nutten dir den Hut nicht klauen und du alsdann nicht mehr aussuchen kannst! – Er hatte selbst unserm prüden Klassenlehrer nicht verschwiegen, daß er diese Gefilde und ihr Undsoweiter genau kenne. Und ihm schütte keine dort den Nachttopf übern Schädel. – Das will ich nicht gehört haben! war alles, was unser schwäbischer Professor darauf mit entgeistert überschlagener Stimme hervorgebracht. Ich aber hatte mir’s gemerkt. Hielt mich also gut ab von den Fassaden, beiderseits indes sowieso abgestoßen von den mehlig bepuderten weiblichen Körperzierden, die sich über die Halbtüren reckten, legten, hängten. O je, waren das die ungebackenen Brote des Lebens? Ich spürte das Kopfsteinpflaster unter meinen Sohlen, als ginge ich über lauter dergleichen Unziemlichkeiten. Und hatte ich mich in den lauten Straßen nebenan vor den athletischen goldlitzenstrotzenden Portiers gefürchtet, hier schienen mir fürchterlicher die geschminkten Gesichter und die getürmten Frisuren, die nackten Schultern, die schwarzen Florhemden, aus denen die Brüste quollen. Ich wollte nichts sehen und sah alles, die formlosen Arme, die ordinären Gesichter, das Glitzern von Talmischmuck. Und ich hörte die Anerbietungen, die zu begreifen ich mich wehrte und dennoch mich krampfhaft lächelnd bemüht fand, ihre Saftigkeit zu genießen, so sterbensübel mir war.
Die Gasse war ohne Passanten. Außer mir. Ich fand mich einer allgemeinen spöttisch gierigen Aufmerksamkeit ausgeliefert. Aber ich tat, als sei dieser fleischerne Markt, dieser zweiseitige Bilderbogen rüde besetzter Fenster- und Türöffnungen ein armer Hühnerstall gegen großartigere Gelände zu Bombay, Rio oder Funchal und als wisse ich solches nicht nur aus Matrosenberichten. Der schreckliche Bazar begann sich mir zum Karussell zu wandeln. Halt suchend starrte ich geradeaus, als habe ein Fenster da hinten meine Sonderneigung und sei mein Ziel. (Die Gasse krümmt sich dort gen Nord.) Eine – wie ich später erfuhr, behördlich vorgeschriebene – Jalousie war heruntergelassen, die Trallen waren ein wenig aufgestellt, die rote Beleuchtung dahinter und die dürftig mit netzartigem Tüll bedeckten Bewohnerinnen waren wie in blutige Streifen geschnitten. War dies das Leuchtturmlicht ungegorener Sehnsüchte? Die Farbe zeigte drohende Untiefen an. Ich zwang meinen Schritt ins Seebefahrene. Ich schwalkte männlich näher, die Biegung zu gewinnen. Da drinnen entstand Bewegung, sichtlich bestrebt, den Gast zu bewillkommnen. Mein Mut verpuffte wie der letzte Knallfrosch am Sedanstag. Wir hatten ihn als Kinder der Freien und Hansestadt immer hochpreußisch gefeiert. Scharf steuerbord! dachte ich nun: Um die Ecke und weg!
In diesen braven Entschluß erklinkte eine Haustür. Sozusagen in meinem Nacken. Das Geräusch gemahnte mich an etwas Freundliches, an eine Gartenpforte. Sie hatte sich zur Kinderzeit bei Bekannten meiner großen Schwester zu paradiesischen Nachmittagen geöffnet. Nun erblickte ich ein Mädchen in Bluse und Rock und schlichtem Haar. Darüber am Gesims der Tür, die es aufgesperrt, schwebte eine große, grellgelbe Hausnummer. Mir erschien sie in diesem Augenblick wie eine Krone. Betroffen wollte ich dennoch vorbei. Da hörte ich sanft zu mir sprechen – ich wollte es nicht hören und hörte es doch –: „Komm herein, Hans!“
Man wird verzeihlich finden, daß ich annahm, das Schicksal selber habe mich gerufen. Ich zähle nicht zur Phalanx der Hartgesottenen. Ich tat einen verlorenen Schritt. Ein einfaches bäuerliches Gesicht lächelte mich an, nicht gerade jung und nicht schöner als an der Küste üblich, blaßblond, blaßäugig, die Nase stupsig, der Mund nicht klein, doch nur wenig betüncht.
Das alles sah ich, als müsse ich’s abschätzen. Hier war nichts Aufdringliches, nichts Erregendes und nichts, was abstieß, es war wie eine Zuflucht in der offenen Darbietung, mit der die übrige Straße sich herzubog; es war womöglich der einzige Weg, glimpflich davonzugelangen.
Sie stieg vor mir eine Treppe hinauf. Ihr kurzer Rock aus rosa Seide pendelte über bloßen strammen Beinen. Ihre Schuhe, brüchiger Lack, hatten schiefe Absätze. Ach, ich hatte vernommen, daß der Ertrag der Liebe den Wirten und Wirtinnen der Freudenhäuser fast restlos zufließt. „Irma“, sagte sie, als hätte ich trotz meiner verschnürten Kehle gefragt. Wir betraten ein kleines Zimmer. Sie zog einen Vorhang zu, er war nur dünn, das graue Tageslicht filterte sich nebelnd herein. Was war draußen? Die weite Welt? Bombay, Rio, Rotterdam, die See und kleine Kindheitsgärten? Das Mädchen beobachtete mich aus den Augenwinkeln. „Nun?“, sagte es leise. Ich fühlte mich hilflos, tat aber gelassen, so, als sei es meinerseits ratsam, erstmal die Umgebung zu prüfen, und betrachtete das ungemachte Bett und darüber die Wand, wo auf handtuchgroßem Stück Stramin ein mit himbeerfarbenem Garn gestickter Spruch zu lesen war: Gute Nacht, Gott wacht.
Die barocke Schnörkelung der beiden G war von nelkenartigen Rosen durchflochten. Gebannt hing mein Blick daran; es mochten auch rosenartige Nelken sein, ein rührendes Unterfangen, sich auf gitterigem Kanevas schöpferisch zu betätigen. Unterdes begann, nach einer aufmunternden Bemerkung, die Gefällige an mir herumzuknöpfen, äußerte auch mild eine leichte Enttäuschung über meine Unbereitschaft. Sicher, das fühlte ich, durfte von mir nun erwartet werden, etwas zur Förderung der Sachlage beizutragen. Somit brachte ich, als sei es eine Erklärung für mein Zögern, stotternd den Wunsch vor, die Gute möge sich entkleiden.
Da denn also gewahrte ich zum ersten Male die lebendige, völlige Nacktheit des anderen Geschlechts; es bestürzte mich mehr, als daß es mich erbaute oder gar überwältigte, zumal die Willfährige kaum der Vorstellung entsprach, die sich mir aus älteren und neueren Kunstwerken gebildet hatte. Damals besaßen noch keine Gemälde, keine Plastiken kraft expressiver Maßnahmen die Fähigkeit, neben sich alles Lebendige als angenehm erscheinen zu lassen, selbst wenn es nur mangelhaft ausgestattet ist. Überdies war ich noch zu unreif, um die sonderlich sich mengenden Tinten aus Grau und Rot in dieser Kammer zu erfassen. Die Vorahnung unsäglicher Seligkeiten, der ich mich noch auf der Treppe zu befleißigen versucht, zerging in dem faden Geruch des erkalteten Bettes, den ein billiges Parfüm so geringfügig wie den der Entblößung zu überdecken vermochte. Soeben wehten die Stimmen des Hafens gegen die Fensterscheiben, grollend, lockend, höhnisch blökend; dann gnickerte ein Grammophonpolka unterm Fußboden, brach schrill ab, als sei die Platte geborsten. Keifen, Gelächter, Gerede, nahebei oder meilenfern, alles schien greifbarer als das, wo ich mich befand. Ich hatte mich auf den Rand des Lagers gesetzt, die Knie waren mir matt, ich zuckte die Schultern wie einer, der alles einkalkuliert hat.
Meine Gastgeberin nahm schweigend einige ordentlich gelegte Wäschestücke aus einer Kommode und kleidete sich wieder an. Vielleicht war sie dem Empfinden des Peinlichen noch zugänglich, aber sie war geschickt genug, die ausgebliebene Wirkung ihres Entgegenkommens mit dem Hinweis zu bemänteln, sie habe sich ohnehin umziehen wollen. Indes mußte ich an den Altar und die Kindersärge denken.
Auf der Kommode stak in einer fischgrünen, wellig geriffelten Kelchvase eine Hutfeder, deren Linie und Tönung an die Bäuche dockender Schiffe erinnerte. Daneben stand schräg ein silbrig bronzierter Jugendstil-Rahmen mit dem Foto eines Vollbärtigen. Er trug die Uniform der Eisenbahner. Und mochte der Vater sein. Doch fragte ich nicht danach. Es war nun überall still. Ich hörte meine Konfirmationsuhr aus der Weste ticken, so lautlos legten sich die dürftigen Hüllen zurück um das vergeblich gelüftete Geheimnis. Und das alles ging vor sich in Anwesenheit des Mannes auf der Kommode. Zwar ließ sein Ausdruck auf Behäbigkeit schließen, jedoch die Strenge, die den Uniformen anhaftet und Haltung verleiht, selbst, wenn sie unkriegerisch sind, war zu bedenken, und nicht minder die weiträumig technische Verkehrseinrichtung, die zu Lande so verbindend und so pünktlich ist und doch mit eigenen Gefahrenmomenten, darin sich dieser scharfrandig Bemützte sicher bewährt hatte oder noch bewährte. Zwei der Totgeburten waren übrigens durch ein Zugunglück ...
„ Nun?“, sagte das Mädchen zum zweitenmal und strich glättend über den seidenen Rock. Damals wußte ich noch nicht, wie wundersam Frauen sich jeden Zweifels an der Richtigkeit jeweiliger Daseinszustände entheben können. Bestimmt auch muß man mehr unverdorben als abgebrüht sein, um zwischen einem frommen Spruch und dem Bildnis eines Nahestehenden einem Gewerbe obzuliegen, welches, allgemeiner Ansicht nach, das Wohlwollen himmlischer wie irdischer Väter schwerlich voraussetzen darf.
Irma, die Unaufdringliche, wandte sich halb listig, halb verschämt wieder zu mir. Sie wippte leicht mit der Zungenspitze an ihrer Oberlippe entlang. Und flüsterte dann etwas, was ich damals nicht erfaßte. Mir stieg eine gänzlich abwegige Beziehung zur pfingstlichen Apostelgeschichte auf. In dieser bescheidenen Stube der Lust war mir, als sei jäh ein Auftrag angedeutet, der mit körperlichen Vorgängen nichts gemein habe. Als sei an meine heimliche Neigung zum Schreiben gerührt. Ja, als stehe dieses öffentliche Mädchen als Abgesandter der Öffentlichkeit vor mir, mir das Zutrauen auszusprechen. Kein Engel der Verkündigung hätte bestürzender und erhebender wirken können. Es war vertrauensvoll wie der Spruch an der Wand und zugleich voll unbequemer Verpflichtung. Derweil mich niederdrückte, daß ich noch nicht befugt sei, den Tempel der Erotik zu betreten, schien mir ein anderer aufgetan, darin ich mit feuriger Zunge würde Zeugnis abzulegen haben. Zeugnis abzulegen. Pathetischer und genauer läßt sich nicht ausdrücken, wie mir zumute war. Es war eine merkwürdige, flüchtig aufschießende Verzückung inmitten eines Versagens. Nüchterner gesehen, war es eine vernünftige Notwehr. Eine ärgerliche Zerknirschung lief nebenbei. Sie wollte sogar wieder Oberhand gewinnen. Und während die Zimmerdecke drohte, sich zermalmend über mich zu senken, entdeckte ich erst jetzt den Seestern. Er baumelte an der gußeisernen Hängelampe, das Andenken wohl eines befahrenen Besuchers, vertrocknet, verstaubt, ein tropisches, schön regelmäßiges Exemplar. Obgleich dieses harmlos aussehende Meerestier zu Lebzeiten keineswegs friedlich ist, war mir der Anblick doch tröstlich und schien dem frommen Namen der „Come and kiss me“-Straße gemäß begütigend und entsühnend, so wenig er für einen Protestanten zuständig sein mochte.
Es ist aber einzufügen, daß ich als Kind die Sonntagsschule einer Kapellengemeinde eifrig genossen, allwo konfessionelle Abweichungen weitherzig ineinanderschwankten.
Hierorts aber war kein Verweilen mehr. Ich legte ein Zweimarkstück neben die Vase. Es war der Preis, den Kundige mir verraten. Und sagte höflich „Adjö“! und ging von dannen. Ging die Gasse der Spießrutenblicke und unflätigen Mäuler entlang und aus dem Bumms und Rummel der „Freiheiten“ St. Paulis zurück ins Bürgerliche, vorerst ungeletzt, aber innerst beschämt und gewappnet von anmaßender, kaum faßbarer Verheißung.
Pulsuz fraqment bitdi.