Kitabı oxu: «Sepp Kerschbaumer»

Şrift:

Josef Fontana / Hans Mayr

Sepp Kerschbaumer

Eine Biografie


Die Drucklegung erfolgte mit freundlicher Unterstützung der Abteilung Deutsche Kultur der Autonomen Provinz Bozen – Südtirol


© Edition Raetia, Bozen 2021

Umschlaggestaltung: Dall’O & Freunde

Umschlagfoto: Wolfgang Pfaundler, Innsbruck

Druckvorstufe: Typoplus, Frangart

Korrektur: Helene Dorner

Redaktionelle Mitarbeit: Carolin Götz, Annalena Eschgfäller

Printed in Europe

ISBN 978-88-7283-796-2

eISBN 978-88-7283-805-1

Unseren Gesamtkatalog finden Sie unter www.raetia.com.

Bei Fragen und Anregungen wenden Sie sich bitte an info@raetia.com.

Inhalt

Jugend und frühe Mannesjahre

Jugendzeit und erste politische Erfahrungen

Gründung eines eigenen Hausstandes

Die Kriegszeit 1939 bis 1945

1939: Gehen oder bleiben?

Die große Verweigerung?

Enttäuschte Hoffnungen

Der Neubeginn von 1945

Vom Pariser Vertrag bis zum Autonomiestatut

Halt in der Familie

Kerschbaumer und die Italiener

Von der zivilen Auflehnung zur Gewaltanwendung

Todesmarsch und Existenzängste

Die Palastrevolution von 1957

Die Kundgebung von Sigmundskron

Resonanzen und Dissonanzen

Eine verlorene Stimme der Vernunft

Die Haltung der Amtskirche

Die Schlacht um die Parlamentswahl von 1958

Eine Fahnengeschichte mit Folgen

Der Pfunderer Prozess

Hilfe für Toni und Sepp Stieler

1809-Feiern mit Trikolore?

Das verhinderte Combattenti-Treffen

Gegen Misshandlung von Minderjährigen

Nadelstiche und Feuernacht

Die neue Strategie des BAS

Sepp Kerschbaumer und die politischen Ziele des BAS

Spannungen und Zerwürfnisse im BAS

Befreiungstheologie und Naturrecht

Die Taktik der Nadelstiche

Die Große Feuernacht

Die Kleine Feuernacht

Verhaftung und Untersuchungshaft

Verhaftung und Misshandlung

Rechtfertigungs- und Verteidigungslinie

Zorn und Ohnmacht

Der Tod Franz Höflers

Weihnachten 1961 im Gefängnis

Der Tod Anton Gostners

Gefängnisalltag in Bozen

Die Fahnenaffäre vom 24. Juni 1962

Im Gefängnis von Verona

Hungerstreik

Der Prozess in Mailand

Die Einvernahme

Gefängnisalltag und Prozessstress

Anklage und Verteidigung

Das Urteil

Von Mailand nach Trient, von Trient nach Verona

Zwischenstation in Verona

Unbehagen in Trient, Rückkehr nach Verona

Tod und Begräbnis

Tod in Verona

Das Begräbnis, ein drittes Sigmundskron

Vermächtnis und Gedächtnis

Gedenkfeiern im Zeichen von Störmanövern

Gedenkfeier im Zeichen des zehnten Todestages

Gedenkfeiern im Zeichen des Terrors, erzeugt mit Bomben aus zweiter Hand

Gedenkfeiern im Zeichen hausgemachten Unfriedens

Erinnerungsdenkmale und historische Aufarbeitung

Anmerkungen

Quellen und Literatur

Personenregister

Ortsregister

Bildnachweis

Abkürzungen und Siglen

Die Autoren

Jugend und frühe Mannesjahre
Jugendzeit und erste politische Erfahrungen

Sepp Kerschbaumer wurde am 9. November 1913 als Sohn des Josef Kerschbaumer und der Luise Zelger in Frangart bei Bozen geboren.1 Der Vater, 1917 an der Tiroler Südfront gefallen, stammte vom Ritten, die Mutter aus Aldein. Durch Sparsamkeit und Fleiß hatte es die Familie Kerschbaumer zu bescheidenem Wohlstand und Ansehen gebracht. Als Angestellter der Firma Amonn war es dem Vater möglich gewesen, das Gemischtwarengeschäft in Frangart aufzubauen, das Sepp Kerschbaumer später übernehmen sollte. Sepp Kerschbaumer verlor aber den Vater bereits mit fünf und die Mutter mit neun Jahren. Nach dem Tod der Mutter kam er daher in ein Heim, zuerst in das Rainerum in Bozen, dann zu den Augustiner Chorherren in Neustift, wo er bis zum 14. Lebensjahr die kaufmännische Vorbereitungsschule absolvierte. Eine höhere Schule besuchte er nicht, doch dürfte er in Bozen und Neustift eine recht solide Grundausbildung erfahren haben. Seine spätere Gewandtheit in der Handhabung der Feder lässt darauf schließen, dass er gute Deutschlehrer hatte. Nach Abschluss der Schule in Neustift begann Sepp Kerschbaumer in einem Brixner Porzellangeschäft die Kaufmannslehre; wäre er nicht im Mai 1933 zum Militärdienst eingezogen worden, hätte er nun bald das vom Vormund verwaltete Gemischtwarengeschäft übernehmen können. So führte das Geschäft vorläufig Martin Alessandri aus Frangart weiter. Auch nach der Entlassung aus dem Militärdienst war es ihm nicht möglich, sich beruflich selbstständig zu machen. Jetzt war es die Politik, die ihm einen Strich durch die Rechnung machte. Es ist nicht bekannt, ob sich Sepp Kerschbaumer in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren viel mit Politik befasst hat. Sicher ist, dass sich die Lage in Südtirol um 1933/34 verschärfte und dabei oft der Friedfertigste vom Sog der Zeit erfasst wurde. Der im Herbst ins Land gekommene neue Präfekt Giuseppe Mastromattei schlug einen Kurs ein, der den Menschen in Südtirol das Leben schwer machte. Eine forcierte Zuwanderung sollte das ethnische Verhältnis auf den Kopf stellen und das deutsche Element an den Rand drücken. Letztes Ziel dieser Politik war die Assimilation der einheimischen Bevölkerung. Die Südtiroler führten damals ein Leben zwischen Resignation, äußerer Anpassung und Hoffnung. Die ältere, mehr an den Männern des aufgelösten Deutschen Verbandes und am Verein für das Deutschtum im Ausland (VDA) orientierte Generation sah in den Diktaturen in Italien und in Deutschland vorübergehende Erscheinungen. Ihr war daran gelegen, die Stürme möglichst gedeckt und in Passivität durchzustehen, bis eine bessere Zeit anbrach. Vom Nationalsozialismus erwartete sie sich keine Erlösung aus der Notlage. Im Unterschied dazu setzte die Jugend, vornehmlich die im Völkischen Kampfring Südtirols (VKS) organisierte, ihre Hoffnungen auf das aufstrebende nationalsozialistische Deutschland.


Sepp Kerschbaumers Eltern

Nur das von Hitler geführte Deutschland, niemals das kleine Mussolini-hörige Österreich, schien in die Lage zu kommen, das Unrecht von Saint Germain und Versailles zu beseitigen und Südtirol zu befreien. Neue Nahrung erhielten diese Tendenzen im Herbst 1934 durch Gerüchte über eine bevorstehende Volksabstimmung im Saargebiet. Das Saarstatut (Art. 45 bis 50 des Versailler Vertrags) hatte das Saargebiet ab 1920 für 15 Jahre dem Völkerbund treuhändisch unterstellt. Artikel 49 dieses Abkommens sah vor, dass nach Ablauf dieser Frist die Bevölkerung dieses Gebietes befragt werde, „unter welche Souveränität sie zu treten wünscht“.2 Das Saarvolk konnte also entscheiden, ob das Saargebiet an Frankreich fallen oder heim ins Reich kommen solle. Das Datum für die Abstimmung war auf den 13. Jänner 1935 festgesetzt. Solche Vorgänge wurden in Südtirol aufmerksam verfolgt. In St. Pauls hatte der Dopolavoro der Gemeinde einen Radioapparat geschenkt, der angeblich so eingestellt war, dass er alle Sendungen aus dem Deutschen Reich übertrug. Man war daher gut informiert über all das, was sich in Deutschland ereignete, ab 1933 freilich immer im Sinne der nationalsozialistischen Propaganda. In St. Pauls gab es keine Carabinieri-Station. Daher konnte sich dort auch unter der Führung von Franz Schweigkofler eine starke Ortsgruppe des VKS etablieren und entfalten. Diese Ortsgruppe veranstaltete am 9. September 1934 in St. Pauls ein Wiesenfest. An diesem Fest nahm auch Sepp Kerschbaumer im Verein mit mehreren Burschen aus Frangart teil. Und dies sollte ihm zum Verhängnis werden.

Dieses Schulzeugnis beweist, dass Sepp Kerschbaumer ein begabter Schüler war. Er führte nicht nur eine gute Feder, sondern war euch ein ausgezeichneter Kopfrechner, „schnell und genau wie ein elektronischer Taschenrechner“, erinnern sich seine Töchter.

Die Veranstaltung war nämlich von VKS-Leuten „ferngesteuert“ und nahm bald den Charakter einer NS-Kundgebung an.3 Es wurden Hakenkreuze gestreut, das Horst-Wessel-Lied gesungen, die Heimkehr der Saar im Voraus gefeiert und Hochrufe auf den Führer ausgebracht: alles Dinge, die streng verboten waren. Ein Angestellter der Gemeinde Eppan, ein Südtiroler Renegat, meldete diese Vorgänge den Carabinieri. Aus Bozen kam ein Überfallskommando herbei, das die jungen Männer verhaften wollte. Doch die wehrten sich. Nach heftigen Auseinandersetzungen sah man „die kreidebleichen Beamten mit gezogenen Pistolen den Rückzug antreten“.4 Der Denunziant bekam eine Tracht Prügel; zudem wurden die Reifen seines Autos aufgeschlitzt. Doch die Rache folgte auf den Fuß. Schon am nächsten Tag wurden 15 Personen – darunter zwei Mädchen – aus St. Pauls und Umgebung verhaftet und in das Gefängnis von Bozen eingeliefert. Mitte Oktober fällte die Konfinierungskommission in Bozen unter dem Vorsitz des Präfekten Mastromattei das Urteil: Von den Frangartern wurden nach Süditalien in die Verbannung geschickt: Josef Paizoni, Alois und Anton Tartarotti, Amalia Roner, Gottfried Stampfer, Heinrich Spitaler und Josef Kerschbaumer.5 Das Strafausmaß belief sich auf zwei bis vier Jahre. Kerschbaumer erhielt zwei Jahre. Heinrich Spitaler war übrigens der Bruder der zukünftigen Frau Kerschbaumers, die sich in dieser Sache zum ersten Mal für ihren Sepp schlagen durfte. Sie eilte auf Geheiß ihres Vaters sofort hinein nach Bozen zum Präfekten Mastromattei, um das Schlimmste zu verhüten. „Ich muss sie einfach bestrafen“, soll der Präfekt zu ihr gesagt haben. „Das kann ich nicht durchgehen lassen.“ Er habe ihr aber versprochen, so Maria Kerschbaumer, dass er die Verurteilten „in einem Privathaus gut unterbringen wird und dass sie sonst nichts zu befürchten hätten“. Präfekt Mastromattei hat Wort gehalten, und so haben ihr späterer Mann und ihr Bruder bei Potenza „die schönsten Monate ihres Lebens verbracht“. Wenn die Anzeichen nicht ganz trügen, so war Sepp Kerschbaumer an dem Vorfall in St. Pauls nicht mit Überzeugung beteiligt gewesen. Robert Helm, einer der maßgebendsten Aktivisten des VKS, bekennt in seinem Abriss über die Geschichte des VKS ganz offen, dass das Wiesenfest „ferngesteuert“ war. Die als Herbstfest getarnte Veranstaltung war eine „n. s Kundgebung“. Somit wären einige Teilnehmer ahnungslos in die Affäre hineingeraten, unter ihnen vielleicht auch Kerschbaumer. Eines steht jedenfalls außer Zweifel: Sepp Kerschbaumer hat von seiner Verbannung nie ein Aufhebens gemacht. Im Gegenteil, ihm schien es gar nicht recht, dass man darüber sprach und ihn nach den genaueren Umständen fragte. Pepi Fontana suchte bei einem der vielen Rundgänge im Gefängnishof von ihm den Grund für die Verbannung zu erfahren. „Ein Blödsinn“, war die Antwort. Er versuchte es ein zweites und ein drittes Mal, jedoch immer mit dem gleichen Erfolg: „Ein Blödsinn“. Anspruchslos, wie er war, bezeichnete auch er die Zeit der Verbannung als die schönste Zeit seines Lebens. Er war bei einfachen, aber netten Bauers- oder Pächtersleuten untergebracht, für die Südtirol ein spanisches Dorf war. Einmal am Tag musste er sich bei der Polizei melden. Auch dort fand er freundliche Menschen vor.

Der Polizei war wichtig, dass er keine Schwierigkeiten machte und die vorgeschriebene Ordnung einhielt. Da bestand bei Sepp Kerschbaumer keine Gefahr. Er war verlässlich und pünktlich wie eine Uhr. Vom Staat erhielt er ein Tagegeld, von dem er Kost und Unterkunft bestreiten musste. Er lebte so sparsam und genügsam, dass er sich noch ein paar Lire auf die Seite legen konnte. Doch einmal geht, um mit Kerschbaumer zu reden, „auch die schönste Zeit“ vorbei. Im August 1935 hielt das italienische Militär in Südtirol große Manöver ab. Zu diesem Anlass berief Mussolini eine Sitzung des Ministerrats nach Bozen ein. Um dem Ganzen einen schönen Abschluss zu geben, begnadigte er mit einem Federstrich 50 verbannte Südtiroler. Und so konnte auch Sepp Kerschbaumer im Herbst 1935 nach Südtirol zurückkehren.6

Gründung eines eigenen Hausstandes

Nach seiner Rückkehr aus der Verbannung konnte Sepp Kerschbaumer endlich das Geschäft in Frangart von seinem Vormund übernehmen. Sein Stand als Vollwaise legte ihm nahe, so bald wie möglich eine Familie zu gründen. Bereits in der Bibel heißt es, dass es nicht gut sei, dass der Mensch allein sei. Und die Bibel nahm Kerschbaumer schon als junger Mann ernst. Aber auch politische Überlegungen dürften ihm diesen Entschluss nahegelegt haben. Die Verbannungsgeschichte hatte deutlich genug gezeigt, dass man von einem Tag auf den anderen aus dem Arbeitsleben herausgerissen werden konnte.

Sepp Kerschbaumer als Klarinettist der Musikkapelle Frangart um 1934. Zweite Reihe von oben, fünfter von links

Ob sich dann wieder sofort jemand fand, der einsprang, war erst die Frage. Es sprach also alles dafür, ans Heiraten zu denken. Seine Wahl schien schon seit längerer Zeit festgestanden zu sein: Maria Spitaler aus Frangart wollte er zum Traualtar führen. Der Vater der Braut, Franz Spitaler, hatte gegen das Ehevorhaben an sich nichts einzuwenden, wäre da nur nicht diese Konfinierungsgeschichte gewesen. Franz Spitaler hatte das Ereignis wie einen Schuss vor den Bug aufgefasst. Das Familienschiff seiner Tochter sah er bei den heftigen politischen Leidenschaften seines zukünftigen Schwiegersohnes und den Zeiten voller Ungewissheiten großen Gefahren ausgesetzt. Deshalb verlangte er von ihm, dass er Haus und Geschäft noch vor der Hochzeit auf seine Tochter überschreibe, ansonsten könne er sein Einverständnis zu dieser Ehe nicht geben. Sepp Kerschbaumer ist dieser Verzicht wohl nicht schwergefallen.7 Denn zum Ersten wusste er den Besitz bei seiner Frau in guten Händen, und zum Zweiten lag ihm als franziskanischem Menschen nicht viel an irdischen Gütern. Nur eine kleine Obstwiese, die er Jahre später kaufte, behielt er für sich. Die war sein buen retiro, wenn die Politik oder sonstige Ereignisse ihn um die Ruhe brachten. Wahrscheinlich hing er deshalb so an diesem Grundstück, weil es ihm harte Arbeit abverlangte, bis er dort anpflanzen konnte. Ursprünglich ein Schilffeld (Strebmoos), musste er den Grund erst entwässern und „aufbessern“, damit er etwas abwarf. Mit Pickel und Schaufel zog er Gräben, füllte die Gräben mit Schotter auf und deckte das Ganze mit einer dicken Schicht Erde zu.8

Sepp Kerschbaumer mit Freunden am Tonalepass, um 1930


Sepp Kerschbaumer mit einem Freund vor dem Petersdom in Rom im Zuge einer Radtour Anfang der 1930er-Jahre

Sepp Kerschbaumer als stolzer Familienvater

Zur Heirat kam es am 29. April 1936. In der jungen Ehe stellte sich bald auch schon der Kindersegen ein. 1937 kam Seppl auf die Welt, 1939 Marialuisa, 1940 Mali, 1942 Helga, 1948 Franz und 1956 Christl. Sechs an der Zahl wurden es innerhalb von zwanzig Jahren.

Die Kriegszeit 1939 bis 1945
1939: Gehen oder bleiben?

Die Zeitläufte brachten es mit sich, dass die junge Familie Kerschbaumer schon bald – wie mehr oder weniger alle Familien in Südtirol – schweren Stürmen ausgesetzt wurde. Bekanntlich wollten Mussolini und Hitler das Südtirol-Problem ein für alle Mal aus der Welt schaffen. Etwas drastisch, aber durchaus angemessen ausgedrückt, sollte das Land an Etsch und Eisack als Schmiere für die Achse Rom–Berlin dienen. Das Abkommen vom 23. Juni 1939 stellte die Südtiroler vor eine grausame Alternative: Verbleib bei Italien und damit Verlust der Nationalität und möglicherweise Umsiedlung nach Süditalien oder gar nach Afrika oder Auswanderung nach Deutschland und damit Erhalt des Volkstums. „Hinaus oder hinunter“, „Germania o Abissinia“ lauteten die Schlagworte, die damals die Menschen um den Schlaf brachten und die Geister entzweiten. Niemand konnte sich einer Entscheidung entziehen. Denn auch eine Nichtoption galt als Option, nämlich als Option für die Beibehaltung der italienischen Staatsbürgerschaft. Leider finden sich keine Briefe, privaten Aufzeichnungen oder amtlichen Dokumente, die es ermöglichten, Kerschbaumers Drama aus der Optionszeit genauer nachzuzeichnen. Man ist hier gänzlich auf mündliche Auskünfte und Überlieferungen angewiesen. Laut Aussage seines Schwiegersohnes Peter Kerschbaumer9 sei Sepp Kerschbaumer in dieser Zeit ein „recht heftiger Hitlerschreier“ gewesen, er habe unbedingt auswandern wollen. Auch seine Frau weiß zu berichten, dass Sepp Kerschbaumer für das Auswandern Propaganda gemacht und viele Familien unterstützt hat, die ausgewandert sind. „Selbst sind wir aber nicht gegangen, da hab ich ihm nicht mitgetan.“ Ihr sei es auch gelungen, seinen Antrag um vordringliche Auswanderung zu blockieren, worüber er eigentlich nicht unglücklich gewesen sein soll. „Denn ganz wohl ist ihm ja auch nicht gewesen bei der Angelegenheit.“ Kaum war diese Aufregung vorbei, erfasste ihn eine neue Welle. Anfang September 1939 brach der Krieg aus. Sepp Kerschbaumer machte sich Vorwürfe, weil er immer noch daheim war, während andere schon im Feld standen. „Vor lauter Deutschtum im Kopf“, erzählt seine Frau, „hat er gesagt: Ich muss für die Heimat etwas tun. Ich sehe nicht ein, daß die anderen alle einrücken müssen, und wir sitzen bequem daheim. Er wollte ins Feld und hatte sich mit anderen Eppanern schon freiwillig gemeldet.“ Ihr soll es dann aber gelungen sein, diesen voreiligen Schritt rückgängig zu machen und Sepp vor dem Einrücken zu bewahren.

Sepp Kerschbaumer Ende der dreißiger Jahre

Mit der Zeit kühlte die Begeisterung Kerschbaumers für das Deutsche Reich ziemlich ab. Einen ersten nachhaltigen Dämpfer erhielt sein Enthusiasmus im Jänner 1942, als er in Berlin mit Willy Alessandri und Sepp Kaseroler einen landwirtschaftlichen Lehrgang besuchte. Da war Schmalhans Küchenmeister, zu essen gab es wenig, und das wenige war mager.

Das Arbeitsprogramm war aber streng und dicht. Für viele Beobachtungen fand sich weder Zeit noch Gelegenheit.10 Aber eines war nicht zu übersehen: Die Versorgung mit Nahrungsmitteln war nicht mehr die allerbeste im Reich, und Sepp Kerschbaumer war sichtlich froh, wieder zu Hause zu sein, wo an Kartoffeln noch nicht gespart werden musste. Er ist von Berlin recht bedrückt und nachdenklich zurückgekommen, erzählen einige Familienangehörige.

Die große Verweigerung?

Eine neue Wende ins Positive schien die Politik für Südtirol im Sommer 1943 zu nehmen. Italien scherte aus dem Bündnis mit Deutschland aus. Die Wehrmacht besetzte Südtirol und Italien. Wie für die meisten Südtiroler war dieser Tag auch für Sepp Kerschbaumer ein Festtag. Jahrzehnte der Demütigung und Erniedrigung, der gewaltsamen Entnationalisierung schienen wie weggeblasen. Man war allgemein der Auffassung, das nunmehr von den Deutschen besetzte Land werde nie mehr unter italienische Oberhoheit kommen. Kurzum, die Südtiroler fühlten sich wieder als Herren im eigenen Lande. Dass aber nur Beelzebub den Teufel verjagt hatte, das sahen die allerwenigsten.

Es dauerte denn auch nicht lange, dass alles ganz anders kam als erhofft und erwartet. Wohl erhielt man wieder deutsche Schulen, konnte man in den Ämtern wieder Deutsch sprechen, nahm das kulturelle Leben im Lande einen neuen Aufschwung. Aber Südtirol blieb nach wie vor bei Italien. Hitler wollte seinen Bundesgenossen Mussolini nicht vor den Kopf stoßen. Sepp Kerschbaumer gefiel aber noch so manches andere nicht. Da war schon einmal der schnarrende Ton, den nicht wenige Landsleute von den deutschen Behörden und Militärs übernahmen. Dieser Ton war dem empfindsamen Menschen bis in die Seele hinein zuwider. Die plötzliche Machtfülle schien manchem zu Kopf gestiegen zu sein. Am meisten aber litt Kerschbaumer, wenn er zusehen musste, wie Leute von den neuen Behörden mit zweierlei Maß behandelt wurden. Ihn plagte mehr und mehr die Angst, eines Tages in irgendeine Schweinerei hineingezogen zu werden. Ob man schuldig wurde oder nicht, hing damals ja vielfach nicht vom eigenen Willen, sondern vom Zufall ab. Sepp Kerschbaumer war erleichtert, als er mit einer Kompanie des Polizeiregiments Bozen nach Belluno zum Partisaneneinsatz kam. Er war zwar vorher ausgebildet worden, doch ein tüchtiger Soldat dürfte er nicht gewesen sein. Ihm haftete nicht nur bei der landwirtschaftlichen Arbeit eine gewisse Ungeschicklichkeit an, ihm bereitete alles, was mit Technik zu tun hatte, Schwierigkeiten. Daher war er auch zum Sprengen nicht zu gebrauchen. Pepi Fontana fragte ihn einmal: „Sepp, soll ich dir zeigen, wie man das macht?“ „Nein, nein“, wehrte er ab, „das hat keinen Sinn, i derlearn deis decht nit.“ Schwer vorzustellen, wie er mit einem Schießgewehr zurechtkam. Wie er Pepi Fontana erzählte, kam er nie zu einem eigentlichen Partisaneneinsatz. Er musste viel Posten schieben und eingefangene Partisanen bewachen. „Jetzt erst weiß ich, was es heißt, mit erhobenen Armen stundenlang dastehen zu müssen“, meinte er einmal. Was das heißt, hat er nämlich im Juli 1961 in der Carabinieri-Kaserne von Eppan an sich selbst erlebt. Im Übrigen hatte er auch in Belluno erfahren müssen, dass nicht immer Tatbestände, sondern oft Zufälle oder gewisse Verbindungen über Leben oder Tod eines Menschen entschieden. Es kam vor, dass mehrere Partisanen eingeliefert wurden. Plötzlich kam ein Befehl, der und der seien sofort freizulassen. Sie seien irrtümlich verhaftet worden. In Wirklichkeit hatte die Schwester eines dieser Männer mit dem Kommandanten ein Verhältnis.

Im Zusammenhang mit Kerschbaumers Einsatz in Belluno ist ein Ereignis erwähnenswert, das allerdings nicht endgültig rekonstruiert werden konnte. Sepp Kerschbaumer soll dort laut Aussage seines Schwiegersohnes Peter Kerschbaumer zu einer Hinrichtung abkommandiert worden sein. Kerschbaumer hätte aber Gewissensgründe geltend gemacht und die Teilnahme an der Erschießung verweigert. Peter Kerschbaumer hat diese Information von einem gewissen Ernst Deisinger aus Roßdorf bei Darmstadt, der damals Bursche des Kompaniechefs gewesen war. Deisinger war nach dem Krieg mit seiner Familie öfters Gast bei Sepp Kerschbaumer in Frangart, unter anderem auch in den Tagen der Verhaftung. Er ist aber schon im Jahre 1990 gestorben. Es ist daher nicht möglich, diese Aussage zu überprüfen. Kerschbaumer selbst soll in seiner Familie nie über diese Episode gesprochen haben. Er erwähnte sie auch nie in den Gesprächen mit seinen Mithäftlingen im Gefängnis. Dies hat aber nichts zu sagen. Sepp Kerschbaumer war in allen Dingen, die ihn selbst betrafen, ein außergewöhnlich verschlossener Mensch. Es könnte daher durchaus sein, dass er diesen Vorfall in seiner Bescheidenheit verschwiegen hat.

Eines jedenfalls scheint sicher zu sein: Der Charaktermensch Sepp Kerschbaumer, dem später dann als Angeklagtem vor Gericht selbst die Richter und Staatsanwälte Respekt bekundeten, scheint in diesen beiden letzten Kriegsjahren seine endgültige Lebenslinie gefunden zu haben. Aus dem „recht heftigen Hitlerschreier“ von 1939 ist in den Jahren 1943 bis 1945 ein entschiedener Hitlergegner geworden. 1961 sagte er einmal zu Pepi Fontana im Gefängnis: „So wie wir jetzt alles überblicken, müssen wir froh sein, dass Deutschland den Krieg verspielt hat. Nicht auszudenken, wie das Leben heute in Europa wäre, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte.“

Enttäuschte Hoffnungen
Der Neubeginn von 1945

Vornehmlich Männer aus Dableiberkreisen gründeten am 8. Mai 1945 in Bozen die Südtiroler Volkspartei. Nach über zwei Jahrzehnten Fremdbestimmung bekamen so die Südtiroler wieder eine eigene politische Führung. Das Programm der jungen Partei war kurz, aber durchdacht und klar. Sie setzte sich zum Ziel:

1. Nach 25jähriger Unterdrückung durch Faschismus und Nationalsozialismus den kulturellen, sprachlichen und wirtschaftlichen Rechten der Südtiroler auf Grund demokratischer Grundsätze Geltung zu verschaffen.

2. Zur Ruhe und Ordnung im Lande beizutragen.

3. Ihre Vertreter zu ermächtigen – unter Ausschluß aller illegalen Methoden – den Anspruch des Südtiroler Volkes auf Ausübung des Selbstbestimmungsrechtes bei den alliierten Mächten zu vertreten.

Am 5. Mai 1946 demonstrierten auf Schloss Sigmundskron rund 20.000 Südtiroler für die Rückkehr ihres Landes zu Österreich.

Im Aufruf, der zugleich mit dem Programm erschien, hieß es: „Nicht Haß, Gewalt und nationale Überheblichkeit, sondern gegenseitiges Verstehen, Freiheit der Persönlichkeit, Achtung vor der Menschenwürde und ein auf ewigen, göttlichen und menschlichen sittlichen Gesetzen beruhendes Handeln sichern nicht nur dem einzelnen, sondern auch einem Volke die Kraft, sich zu behaupten und zu erhalten.“11 Dies waren Grund- und Leitsätze ganz nach dem Herzen Sepp Kerschbaumers.

Es finden sich keine Unterlagen, die Aufschluss darüber geben könnten, wie Sepp Kerschbaumer diese Zeit des Hoffens und Bangens erlebt und beurteilt hat. Man geht aber sicher nicht fehl in der Annahme, dass er sich Hoffnungen machte, Hoffnungen auf eine grundsätzliche Wende, konkret auf die Gewährung des Selbstbestimmungsrechtes, noch genauer: auf die Rückkehr Südtirols zu Österreich. Doch es kam anders. Der Wunsch der Südtiroler war eines, das Spiel der Mächte etwas anderes. Die Außenministerkonferenz beschloss am 30. April 1946, zwischen Österreich und Italien keine größeren Grenzverschiebungen vorzunehmen. Das hieß mit anderen Worten, dass Südtirol bei Italien zu verbleiben hatte. Ganz Tirol reagierte auf diese Entscheidung mit einer Welle von Demonstrationen. In Innsbruck trat die Landesregierung zurück. In ganz Nordtirol wurde ein Generalstreik ausgerufen. In Südtirol kam es zu einer Reihe von Kundgebungen: Am 5. Mai 1946 forderten in Sigmundskron, in Brixen und in Meran Zehntausende Südtiroler eine Volksabstimmung. Am 12. Mai vereinigten sich die Wipptaler in Sterzing, am 19. Mai die Eisacktaler in Klausen und die Vinschgauer in Schlanders, am 28. Mai die Pusterer, die Enneberger, die Ampezzaner und die Buchensteiner in Toblach zu Kundgebungen für das Selbstbestimmungsrecht.12 Alles umsonst. Auf der Friedenskonferenz in Paris konnte der österreichische Außenminister nur mehr mit Italien ein Abkommen schließen, das Südtirol eine Autonomie in Aussicht stellte. Der Volksbote in Bozen bedauerte, dass Südtirol die Entscheidung über seine staatliche Zugehörigkeit verweigert worden war. Doch machte er den Lesern auch etwas Mut. Immerhin, meinte das Blatt, sei den Südtirolern das beschränkte Recht eingeräumt worden, sich selbst zu regieren.13

Vom Pariser Vertrag bis zum Autonomiestatut

Wurde Südtirol wirklich das Recht eingeräumt, sich selbst zu regieren? Darüber kamen schon in Paris Zweifel auf. Die Tinte der Unterschriften war noch nicht trocken, da wartete der italienische Ministerpräsident Alcide Degasperi mit einer Interpretation auf, die Schlimmes ahnen ließ. Und in der Tat nahm Rom bei der Umsetzung des Abkommens Abstriche vor, die den Autonomiegedanken in sein Gegenteil verkehrten. Statt der allseits erwarteten Landesautonomie wurde praktisch nur eine Regionalautonomie gewährt, in der die Trentiner das Sagen hatten und die Italiener insgesamt über eine Zweidrittelmehrheit verfügten. Dass eine von Christdemokraten geführte Regierung die Politik der Entnationalisierung und Unterwanderung der Faschisten fortsetzte, das war für den katholischen Fundamentalisten Sepp Kerschbaumer wohl eine der größten Enttäuschungen seines Lebens. Denn für ihn war es nicht nur eine Selbstverständlichkeit, dass sich die Politik an christlichen Grundsätzen zu orientieren hatte. Ein ebenso selbstverständliches Gebot war es ihm, Religion und Lebensführung grundsätzlich in Einklang zu bringen, im Großen wie im Kleinen. Wie kann die freie Welt ihrem Hauptfeind, dem Weltkommunismus, offen entgegentreten, wenn in ihrem Innern grundsätzliche Freiheitsrechte missachtet werden, fragte er sich immer wieder. Dass selbst christliche Demokraten nur Machtpolitik betrieben und nur die Interessen ihres Staates sahen, machte Sepp Kerschbaumer schier fassungslos.

Es scheint, dass sich Sepp Kerschbaumer in der ersten Nachkriegszeit primär lokalen Aufgaben widmete. Für ihn war es eine Selbstverständlichkeit, dass er der Südtiroler Volkspartei beitrat. Wie bei allen Dingen war auch hier sein Einsatz total. Halbheiten gab es keine. Schon 1946 wurde er zum Fraktionsvorsteher von Frangart bestellt. Diese Funktion übte er bis 1956 aus. Überzeugt, dass eine gute Schulbildung das größte Kapital ist, das man einem jungen Menschen auf den Lebensweg mitgeben könne, setzte er sich als Fraktionsvorsteher mit ganzer Kraft für den Bau eines Schulhauses in Frangart ein. Wenn er sich ein Projekt dieser Art vornahm, dann zog er es rasch durch. Für bürokratische (manchmal auch vom Gesetz vorgeschriebene) Umständlichkeiten hatte er kein Verständnis. Die Gemeindeverwaltung in Eppan hatte es da nicht immer leicht mit ihm. „Anfangen und fertig machen“, war seine Devise. Bereits 1948 wurde das neue Gebäude eingeweiht und bezogen.14 Ungefähr von 1946 bis 1958 – Anfang und Ende lassen sich nicht mehr genau ermitteln – war er auch Obmann der SVP-Ortsgruppe von Frangart. Auch diese Funktion nahm er ernst. Hermann Nicolussi-Leck berichtete 1957 dem Parteiausschuss, dass Kerschbaumer seine Ortsgruppe „ausgezeichnet beisammen“ hat; er genieße volles Vertrauen; ganz Frangart stehe hinter ihm.15 Es gibt Hinweise, die den Schluss nahelegen, dass er um 1958 diese Funktion niederlegte, weil er die SVP nicht gefährden wollte. Im Laufe dieses Jahres war er nämlich zu der Überzeugung gelangt, dass der italienischen Majorisierungspolitik nur mehr mit Dynamit Einhalt geboten werden könne. Und daraus zog er die ihm erforderlich scheinende Konsequenz. Mit seinem Rücktritt als Ortsobmann setzte er sich aber innerlich nicht von der Südtiroler Volkspartei ab. Sie war und blieb – allem Ärger und allen Enttäuschungen zum Trotz – seine politische Heimat.

Halt in der Familie

Wie war der Mensch und Familienvater Sepp Kerschbaumer? Da ist einmal seine Religiosität, die sein Denken und Handeln bestimmte. Für die Tochter Helga sind die Wurzeln hierfür wahrscheinlich im Heim gelegt worden. Disziplin, Pflichtbewusstsein und Strenge – vor allem Strenge gegen sich selbst – waren für ihn immer selbstverständliche Leitlinien; auch das wahrscheinlich ein Erbe der Heimerziehung.

„Früh aufstehen und hart arbeiten, das war das Motto seines Lebens. Er hat gerne hart gearbeitet“, erinnert sich die Tochter. Vor allem die Arbeit in den Obstwiesen machte ihm Freude. Doch ein Bauer sei aus ihm nie geworden: „Dem Vater haftete einfach eine gewisse Ungeschicklichkeit an, er konnte besser mit der Feder als mit der Sense umgehen.“ Von seiner äußeren Erscheinung her aber war er der Bauer. Kam er in der blauen Schürze und im abgetragenen karierten Jöppl daher, glaubte man, er trage das Festtagsgewand. Zog er den schwarzen Anzug an und band er sich eine Krawatte um, so stellte er nichts Besonderes vor.

In den Jahren bevor er sich intensiv mit Politik befasste, ergriff er verschiedene Initiativen, um das Einkommen zu verbessern. Er war ein Mensch voller Ideen und Tatendrang. Einmal verlegte er sich auf eine Hasenzucht, dann ging er zur Schafzucht über, schließlich widmete er sich dem Gemüseanbau. Und so nebenbei erbaute er, um 1956/57, das Gasthaus Schloßwirt in Frangart.16 Wenn er glaubte, dass es sich arbeitsmäßig gerade gut ausgehe, konnte er für ein paar Tage auch alles hinwerfen und eine Fahrt unternehmen. Solche Entschlüsse waren nicht das Ergebnis langer Planung, sondern eines spontanen Einfalls. So unternahm er 1950 ganz plötzlich mit seinem Freund Willy Alessandri einen Ausflug zum Gardasee, und weil es so schön war, vom Gardasee nach Genua, und von Genua ging die Reise auch noch nach Mailand.17 Nicht immer glücklich über solche Initiativen war seine Frau, die sich von einem Tag auf den anderen darauf einstellen musste, dass sie den Laden für mehrere Tage oder für eine ganze Woche allein weiterzuführen hatte. Wenn die Tochter Helga sagt, dass aus ihm nie ein Bauer geworden sei, hat sie noch in einem weiteren Sinne recht. Bei der Arbeit in den Feldern war er mit seinen Gedanken mehr bei der Politik als bei der Arbeit. Beim Umstechen oder beim Baumschneiden in der Obstwiese, so erzählte er einmal Pepi Fontana, seien ihm meistens die besten Gedanken gekommen. Er trug stets Bleistift und Papier bei sich. Fiel ihm ein Gedanke für das nächste Rundschreiben ein, so hielt er ihn sofort fest. Er hatte nämlich die Erfahrung gemacht, dass die beste Idee und die glänzendste Formulierung unwiederbringlich weg waren, wenn er sie nicht gleich zu Papier brachte.

Sepp Kerschbaumer und Willy Alessandri vor dem Mailänder Dom bei der Motorradfahrt Frangart–Genua–Mailand–Frangart, um 1950


Sepp Kerschbaumer in seiner Obstwiese

So etwas wie einen Achtstundentag kannte Sepp Kerschbaumer nicht. Er war ein Frühaufsteher und blieb es sein Leben lang. Jeden Tag, ob der Himmel klar war oder trüb, ob es regnete oder schneite, fuhr er mit dem Fahrrad oder mit dem Vicky nach Bozen zur Fünf-Uhr-Messe. „Mit Vorliebe besuchte er die Herz-Jesu-Kirche oder verweilte im Gebet vor dem historischen Herz-Jesu-Bild im Dom.“18 Dass er unter keinen Umständen die Sonntagsmesse ausließ, versteht sich von selbst. Der Sonntag gehörte dem Herrgott, der Familie und – in zunehmendem Maße – der Politik. Seine Tochter Helga erinnert sich, dass er jede freie Minute nützte, um zu lesen oder zu schreiben. „Die Sonntage vor allem, da war er den ganzen Tag zu Hause und hat geschrieben“. Er dürfte es immer als Mangel empfunden haben, keine höhere Schulbildung genossen zu haben. Umso mehr war er darauf bedacht, seine Kinder mit guter Lektüre zu versorgen. „Er hat uns Bücher gekauft und ist auch in die Bücherei gegangen, um sie auszuleihen“, erzählt Helga Kerschbaumer. Das sei damals in den 1950er-Jahren nicht üblich gewesen bei den Familien der Umgebung. Auch ein Grammofon hat es bei den Kerschbaumers gegeben, und das hatte zur Folge, dass die Familie automatisch der Treffpunkt für die Jugend von Frangart wurde. „Vielleicht wollte er uns unter Kontrolle haben“, deutet die Tochter die Großzügigkeit des Vaters. Eine Zeit lang lernte er sogar Ziehorgel spielen, um daheim musizieren zu können.19 Wahrscheinlich waren es später die steigenden Ansprüche der Politik, die ihn zwangen, das Musizieren aufzugeben.

Dem disziplinierten, ernsthaften Menschen bedeutete die Familie alles. Die Familie war ihm vielleicht auch deshalb wichtig, weil er die eigene so früh verloren hatte. „Er war immer daheim“, erinnert sich die Tochter. Die Erziehung der Kinder habe eindeutig der Vater bestimmt, wobei die Strenge, die er sich selbst zumutete, auch für die Familie zur Richtschnur wurde. Bei aller Bescheidenheit und Demut: Herr des Hauses blieb er. Die Geschäftsführung hat er nie abgegeben, selbst in den Zeiten nicht, als die Politik und die Vorbereitung des Kampfes im Untergrund ihm praktisch kaum mehr Zeit für das Geschäft ließen. Doch wusste er immer, dass seine Frau und die Töchter den Laden schon schmeißen würden.

Wenn man sagt, dass Sepp Kerschbaumer ein Familienmensch war, dann ist das in einem etwas weiteren Sinn zu verstehen. Zur Familie gehörten auch die Nachbarsleute. Die Grenzen von seinem eigenen Hausstand zur Dorfgemeinschaft waren fließend. Wenn auch im Auftreten bescheiden und zurückhaltend, war er ein kontaktfreudiger und geselliger Mensch, der die Bekanntschaften und Freundschaften pflegte. Freilich war es nicht die laute Gesellschaft, die er suchte, sondern das abendliche Gespräch mit Freunden und Nachbarn, kurz mit Leuten, mit denen er sich gut verstand.

Das Gebot, dass man den Sonntag heiligen müsse, stand für Sepp Kerschbaumer außer Diskussion. „So war ihm besonders die Sonntagsarbeit ein Dorn im Auge. Und zwar hätten nach ihm nicht bloß die knechtlichen Arbeiten an Sonn- und Feiertagen abgeschafft werden sollen, sondern auch die Nachtarbeit.“20 Konsequent wie er war, aß er sonntags nie frisches Brot, weil er es nicht für richtig fand, dass die Bäcker in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag arbeiten mussten. Streng hielt er sich auch an das Gebot, dass man den Namen Gottes nicht verunehren dürfe. Er war gewiss nicht die personifizierte Sanftmut. Im Gegenteil, man konnte ihn auch aufbrausend und zornig erleben. Nie aber kam ein Fluchwort über seine Lippen, selbst in der höchsten Erregung nicht. Gerade die Politik bietet Anlässe, sich aufzuregen und die Beherrschung zu verlieren. Aber da gab es für ihn Grenzen, die nicht überschritten wurden. Das schärfste Kraftwort, das er sich durchgehen ließ, war Porzellana.21

Zu den Wesenszügen Kerschbaumers gehörte, dass er ehrlich war. Das hatte dann aber zur Folge, dass er auch ein ehrlicher Steuerzahler war. Gib Gott, was Gottes ist, und dem Staat, was des Staates ist. Ein Grundsatz, der aber nur selten wörtlich genommen wird. Im Allgemeinen herrscht die Meinung vor, dass sich der Staat eh schon mehr nehme, als ihm zustünde. Dieser Ansicht war auch Kerschbaumers Steuerberater, ein Nonsberger, der mit ihm nicht sehr zufrieden war. Mehrmals bemerkte er: „Herr Kerschbaumer, es ist richtig und in Ordnung, dass Sie ein guter Tiroler sind, aber beim Steuerzahlen müssen Sie ein guter Italiener sein. Nur in diesem einen Falle, wohlgemerkt!“22 Für Sepp Kerschbaumer aber war es nicht einfach, seine Persönlichkeit in diese zwei Hälften aufzuspalten.

Sepp Kerschbaumer hielt auch Maß im Essen und Trinken. Alkohol trank er von einem bestimmten Tag an überhaupt keinen Tropfen mehr. Und das aus einem ganz bestimmten Grund. Es war im Frühjahr 1957 oder 1958, dass er mit einigen Freunden die Weinkost im Hotel Laurin in Bozen besuchte. Als das ganze Ritual der Verkostung durchgespielt war, verließ die Runde leicht angesäuselt und in herrlicher Stimmung das Hotel. Die frische Luft dürfte dazu beigetragen haben, dass die gute Laune bei Kerschbaumer in Übermut umschlug. Er erblickte auf der anderen Straßenseite einen Polizisten. Da überkam ihn die unbändige Lust, den Mann zu provozieren. Er ergriff einen Ligusterstock am Gehsteig und wälzte ihn in die Straßenmitte. Prompt eilte der Polizist herbei und fragte ihn, was ihm denn einfalle, ein solches Verkehrshindernis hier in den Weg zu stellen. Er hieß ihn ihm auf die Quästur zu folgen, die damals im Palais Widmann ihre Büros hatte. Bei der Durchsicht der Papiere stellte der Polizist fest, dass Kerschbaumer Vater von sechs Kindern war. Zu seinem Kollegen gewandt bemerkte er: „È padre di sei figli, lasciamolo andare – Er ist Vater von sechs Kindern, lassen wir ihn gehen.“ Der andere nickte. Dann zu Kerschbaumer: „Vada a casa Kerschbaumer, man non faccia più questi scherzi – gehen Sie nach Hause, Kerschbaumer, aber mache Sie keine solchen Scherze mehr.“ „Da waren sie doch wieder menschlich“, bemerkte er Pepi Fontana gegenüber. In der Tat: Ein verknöcherter Bürokrat oder ein Fanatiker hätte den Fall zu einem Skandal hochspielen können. Sepp Kerschbaumer war der Ausrutscher eine Lehre fürs ganze Leben. Er hatte zum ersten Mal erfahren, dass ihn der Alkohol zu einer Handlung verleiten konnte, die ihm sonst gar nicht in den Sinn gekommen wäre. Von diesem Tag an trank er keinen Tropfen Wein mehr, gar nicht zu reden von Spirituosen. Keine Runde und kein Anlass konnten ihn bewegen, auch nur an einem Glas zu nippen. Der Grundsatzmensch Kerschbaumer hatte einen Beschluss gefasst, und dabei blieb es.

Kerschbaumer und die Italiener

Eigenartigerweise hat die Politik in der Familie Kerschbaumer keine Rolle gespielt. Sepp Kerschbaumer, der so leidenschaftlich gern diskutierte und sich stunden- und nächtelang mit Freunden und Bekannten über die Landes- und Weltpolitik streiten konnte, hatte diesbezüglich in der Familie keinen Ansprechpartner. „Wir waren absolut unpolitisch und sind es auch heute noch“, betont Helga Kerschbaumer. Es wäre auch für seine Söhne und Töchter nicht ganz einfach gewesen, das Verhalten des Vaters zu verstehen. Er hatte eine Wut und oft auch so etwas wie einen heiligen Zorn auf das offizielle Italien, gleichzeitig aber griff er italienischen Zuzüglern unter die Arme, wenn sie in Not waren. Er unterschied nämlich streng zwischen den Menschen und der Politik. Das wird von allen, die ihn kannten, herausgestellt. Obwohl der ständige Zustrom von Neueinwanderern einer der Hauptgründe für die Radikalisierung innerhalb der deutschen Volksgruppe war und das Verhältnis zwischen den Sprachgruppen schwer belastete, hat dies Kerschbaumer nicht daran gehindert, dem einen oder anderen italienischen Industriearbeiter aus der Verlegenheit zu helfen, wenn er einmal ohne Mittel dastand.

Um die italianità Südtirols zu unterstreichen, veranstalteten nationalistische Kreise am 4. November 1955 in Bozen einen plebiscito tricolore. Associazioni patriottiche verteilten diese Karte mit der Aufforderung „Ad ogni finestra una bandiera“. Die Veranstaltung nahm den Charakter eines widerlichen faschistischen Spektakels an.

Einige von ihnen hatten sich auf der Suche nach billigem Wohnraum Ende der 1950er-Jahre auch in Frangart niedergelassen und so mit dem wohltätigen Menschen Sepp Kerschbaumer Bekanntschaft und auch Freundschaft geschlossen. Einem mittellosen Zugewanderten gab er in der ersten Zeit seines Aufenthaltes in Südtirol Lebensmittel auf Kredit. Einem anderen Italiener gewährte er ein Darlehen, ohne auch nur eine Quittung zu verlangen. Und wieder einem anderen schenkte er ein Fahrrad, damit er den weiten Weg zum Arbeitsplatz nicht zu Fuß gehen musste.23 Ein Industriearbeiter und ein Angestellter bei der Post haben ihm das auch vergolten, indem sie dann beim Mailänder Prozess für ihn ausgesagt haben, obwohl er das selbst nicht wollte, denn „was die Rechte getan hat, darf die Linke ja nicht wissen“.

„Der Einzelne kann ja nichts dafür“, lautete stets der Leitspruch des Christenmenschen Sepp Kerschbaumer. Die Politiker und die Regierung waren für ihn verantwortlich für die gespannte Situation in Südtirol.

„Mein Vater war mit mehreren Italienern regelrecht befreundet“, weiß Helga Kerschbaumer zu berichten. Ein Bekannter aus Süditalien, mit dem er in Kriegszeiten Bekanntschaft geschlossen hatte, sei immer wieder auf Besuch gekommen. „Es hat bei uns kein fanatisches Klima gegeben“, betont sie, „denn das wäre schon aus religiösen Gründen niemals möglich gewesen.“ Ein Klima selbstverständlicher Toleranz, und das in einer Zeit größter Spannungen, in der der BAS-Chef schon konkret ans Bombenlegen dachte: Dass das möglich war, hat mit der religiösen Geistigkeit von Sepp Kerschbaumer zu tun.

Eine Italienerin näht Fahnen am laufenden Band für den plebiscito tricolore. Im Hause Kerschbaumer in Frangart ist es Basl Moidl, die jedes Jahr vor dem Andreas-Hofer-Tag und dem Herz-Jesu-Sonntag Tiroler Fahnen herstellt.

Diese tolerante Haltung im Hause des Chefs der Südtiroler Untergrundbewegung war aber im damaligen Südtirol gewiss nicht die Regel und hätte auch noch heute Vorbildcharakter. Die Haltung Kerschbaumers mag vielleicht auch ein bisschen damit zusammenhängen, dass er sein Tirolertum trotz aller Einschränkungen stets in aller Offenheit zur Schau trug und deshalb auch keine versteckten Aggressionen zu entwickeln brauchte.

Aber Sepp Kerschbaumer hat nicht nur italienische Industriearbeiter unterstützt, indem er sie in seinem Geschäft immer tüchtig aufschreiben ließ. Er hatte noch einen weiteren Wesenszug: die tätige Nächstenliebe. „Manchmal hat es uns schon gestört, dass er so großzügig war“, erzählt Helga Kerschbaumer. „Er hat immer alles verschenkt für wohltätige Zwecke, und selbst aus dem Gefängnis hat er immer wieder geschrieben, dass die Mama ja fleißig spenden soll.“ Der Ärger ist mehr als verständlich, weil er seiner Familie gegenüber eine Sparsamkeit an den Tag legte, die manchmal schon an Geiz grenzte. „Brauchten wir ein Paar neue Schuhe“, erinnert sich seine Tochter Helga, „so mussten wir ihn ein Jahr lang bearbeiten, bis wir sie kaufen durften.“ Kann sein, dass er seine Kinder vor Verschwendungssucht bewahren wollte. Bevor sie etwas erwarben, sollten sie ganz sicher sein, ob sie es auch wirklich benötigten.

Für Arme und Hilfsbedürftige gab Sepp Kerschbaumer jedenfalls mehr als den berühmten Zehnten. „Einmal“, so Tochter Helga, „da ist es sogar dem Pfarrer zu viel geworden.“ Sepp Kerschbaumer hatte nämlich im Gefängnis vernommen, dass der Pfarrer das Kirchendach in Frangart neu decken wollte. Sofort ließ er seine Frau wissen, dass er den Jahresertrag seiner Obstwiese für diesen Zweck spenden wolle. Sepp Kerschbaumer schreibt am 30. Oktober 1964 vom Trienter Gefängnis aus nach Hause:

Helga hat mir gestern auch erzählt, daß der Herr Pfarrer das Kirchendach reparieren lassen muß, weil es vielfach nicht mehr regendicht ist. Mit dieser Arbeit sind freilich große Auslagen verbunden, und wo soll er das Geld auch hernehmen als von den Dorfleuten. Und schließlich ist es eine heilige Pflicht eines jeden Christen, im Dorfe mitzuhelfen, dass das Gotteshaus gut und fest dastehe. Diese Ausbesserung soll anscheinend einige Millionen Lire kosten. Gut, es wird nicht gerade von alleine gehen, aber wenn überall, besonders bei den Besitzern und Gutstehenden der gute und christliche Wille vorherrscht, dann darf es keine großen Schwierigkeiten machen. Auch ich möchte mich dieser Hilfeleistung gerne anschließen. Es ist also mein Wunsch und Wille, dass der Franz dem Hochw. Herrn Pfarrer als Spesenbeitrag 250.000 Lire übergibt. Ich hoffe, daß Ihr als meine Kinder auch dafür seid. Wenn schon, ist es nur zu unser aller Segen, und den brauchen wir notwendiger als manche andere.24

Doch dem Pfarrer ging diese Spende zu weit, und er erinnerte seine Frangarter Schäfchen daran, dass es ja nicht nur den Kerschbaumer gebe. Und so wie er vom Gefängnis aus die Familie immer wieder angehalten hat, „tut, wenn die Stunde es verlangt, ein gutes Werk an armen Menschen“, hat er auch im Gefängnis selbst gehandelt. „Ob Schwerverbrecher oder nicht, vom Kerschbaumer hat jeder einen Teil erhalten“, bezeugt Luis Gutmann. Dass Sepp Kerschbaumer auch die Tätigkeit des BAS, soweit es nur irgendwie ging, mit gar einigen Millionen aus der eigenen Tasche mitfinanziert hat, ist zwar nicht seiner Nächstenliebe zuzuschreiben. Von einem gewissen Hang zum Altruismus zeugt aber auch diese Haltung.

Von der zivilen Auflehnung zur Gewaltanwendung
Todesmarsch und Existenzängste

Rom und Trient machten von ihrer Macht über Südtirol einen denkbar schlechten Gebrauch. Wie bereits angedeutet, hatte das Pariser Abkommen eine Auslegung erfahren, die seinen Sinn und Zweck in das Gegenteil verkehrte. An Stelle einer Region Südtirol war die Doppelregion Trentino-Tiroler Etschland mit je einem Landtag in Bozen und Trient und einem übergeordneten Regionalrat geschaffen worden. Im Regionalrat waren die Südtiroler im Verhältnis zwei zu fünf vertreten, daher den Launen der Italiener völlig ausgeliefert. Vor allem aber waren es die Trentiner, die bestimmten, was wie über die Bühne ging. Dies begann schon bei der Zuteilung der Gelder. Mit ihrem Übergewicht konnten sie den Hauptanteil des Budgets in ihre Provinz verlagern. Zwar räumte das Autonomiestatut den Südtiroler Abgeordneten die Möglichkeit ein, gegen das Regionalbudget Einspruch zu erheben. Diese Bestimmung hatte aber nur einen dekorativen Wert. Denn immer, wenn die Südtiroler von diesem Recht Gebrauch machten, genehmigte der Innenminister den Haushalt so, wie ihn die Trentiner erstellt hatten.25 Ähnlich war es mit Artikel 14 im Regionalstatut. Die Region konnte auf die Provinz, auf die Gemeinden und auf andere Körperschaften bestimmte Verwaltungsbefugnisse übertragen.26 Dies war aber keine Muss-, sondern nur eine Kann-Bestimmung, eine Kann-Bestimmung freilich, die lange Zeit die Hoffnung aufrechterhielt, dass wenigstens auf dem Gebiet der Verwaltung ein gewisses Maß an Autonomie zugestanden werde. Aber bis 1960 blieb dieser Artikel toter Buchstabe; später wurde er nur in Ausnahmefällen angewandt.27

Zur Enttäuschung über die verweigerte Autonomie kam die Sorge über die Zuwanderung, die bereits 1945/46 massiv eingesetzt hatte und in den 1950er-Jahren beängstigende Ausmaße annahm. Dieser Zustrom aus dem Süden folgte nicht einem Naturgesetz, sondern war gelenkt. System steckte auch hinter der Praxis, den Südtirolern den Zugang zu den staatlichen und halbstaatlichen Stellen zu versperren. Diese Ausgrenzung erzeugte allmählich einen gefährlichen Druck. Bedingt durch den Einzug der Technik in die Landwirtschaft, setzte der Bauernstand immer mehr Arbeitskräfte frei. Zudem strebten Jahr für Jahr stärkere Geburtenjahrgänge in das Erwerbsleben. Stellen hätte es ja in Südtirol gegeben, aber sie waren Italienern vorbehalten. Und so blieb oft nur mehr der Weg ins Ausland offen. Um 1958 verließen jährlich rund 7.000 Südtiroler ihre Heimat, um in Deutschland oder in der Schweiz Arbeit zu suchen.28 Nur ein kleiner Prozentsatz von ihnen kehrte nach Südtirol zurück; die meisten blieben für immer weg. Potenziert wurde diese Verdrängungs- und Überfremdungstendenz durch eine gezielte Wohnbaupolitik. In den 1950er- und 1960er-Jahren war es für einen Südtiroler fast unmöglich, eine Sozialwohnung zu bekommen. In der Zeit von 1945 bis 1956 wurden in der Provinz Bozen 4.100 Volkswohnungen errichtet, aber nur 246 davon gingen an Südtiroler.29

Auf die Gefahr, die Südtirol vom Süden her drohte, machte Kanonikus Michael Gamper schon im Oktober 1953 aufmerksam. Der Prozentsatz der einheimischen Bevölkerung sinke von Jahr zu Jahr steil ab, „gegenüber dem unheimlichen Anschwellen der Einwanderer“. „Fast mit mathematischer Sicherheit können wir den Zeitpunkt errechnen, zu dem wir nicht bloß innerhalb der zu unserer Majorisierung geschaffenen Region, sondern auch innerhalb der engeren Landesgrenzen eine wehrlose Minderheit bilden werden … Es ist ein Todesmarsch, auf dem wir Südtiroler seit 1945 uns befinden, wenn nicht noch in letzter Stunde Rettung kommt.“30 Michael Gamper, ein Mann des Volkes in des Wortes positivem Sinn, hatte hier die Problematik um Südtirol auf den Punkt gebracht. Dass Gamper mit der Parole vom Todesmarsch keine leere Worthülse in die Welt gesetzt, sondern ein Schlagwort mit Inhalt geprägt hatte, zeigte sich spätestens bei der Landtagswahl von 1956: Verglichen mit 1948 verzeichneten die italienischen Parteien einen Stimmenzuwachs von 32,8 Prozent (rund 16.000 Stimmen), die Listen der Südtiroler Parteien hingegen nur einen Stimmenzuwachs von 16 Prozent (17.000 Stimmen).31 Zu diesen Fakten kam dazu, dass sich in den 1950er-Jahren ganz allgemein das politische Klima verschlechterte. Es wurde für die Südtiroler zusehends unbehaglicher, in Südtirol zu leben. „Politik, Exekutive und Justiz arbeiteten Hand in Hand, um in Südtirol eine Atmosphäre präpotenter Repression zu erzeugen.“32 Reine Lappalien gaben Anlass für Anzeigen, umständliche Untersuchungen und für Verurteilungen. Jede Schwurgerichtssession hatte eine Reihe von Schmähprozessen im Programm, reine Grotesken im Nachkriegseuropa, in Südtirol aber harte Wirklichkeit. Die Erbitterung über solche Verfahren steigerte sich von Mal zu Mal, weil sich die Italiener den Südtirolern gegenüber alles leisten konnten – Verhöhnungen, Diffamierungen33, Störaktionen, Überfälle und Verprügelungen34 – ohne Gefahr zu laufen, von Polizei und Justiz jemals zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Wie haben die Südtiroler auf alle diese Diskriminierungen und Provokationen reagiert? Die meisten taten das, was sie oder ihre Väter unterm Faschismus getan hatten: Sie duckten sich und machten die Faust im Sack. „Zu Beginn der fünfziger Jahre“, sagt der Bozner Unternehmer und Landwirt Franz Widmann, „da haben wir noch aus der Faschistenzeit diese Angst in den Knochen gehabt, diese kolonialistischen Minderwertigkeitskomplexe. Wir haben uns nicht losgesagt von dieser Hypothek. Wir haben ja alle nach dem Krieg unter diesem deutschen Komplex gelitten. Auch aus dieser Situation heraus läßt es sich erklären, warum wir nicht die Forderung nach Selbstbestimmung beibehalten haben, warum die Politik der Volkspartei so konziliant war. Alles Deutsche befand sich ja praktisch in einem halbkriminellen Raum. Österreich war noch nicht handlungsfähig, ein besetztes Land, Südtirol auf sich allein gestellt.“35


Kanonikus Michael Gamper gab mit seinem Leitartikel „Todesmarsch“ der Südtirol-Politik eine neue Richtung

Die SVP-Führung hatte nicht die Kraft, mit Rom einen Kampf auf Biegen und Brechen aufzunehmen. Wohl machte sie die Regierung auf die unhaltbaren Zustände in Südtirol aufmerksam, forderte sie die Rechte des Landes ein, drängte sie auf die Einhaltung von Versprechungen. Rom konnte sich gewiss nicht darauf hinausreden, dass es nicht wusste, wo die Südtiroler der Schuh drückte. Aber solange die Südtiroler Abgeordneten und Senatoren jede Regierung „in allem und jedem“36 unterstützten, ihre Klagen in höfliche Denkschriften fassten und sich mit vagen Zusicherungen zufriedengaben, nahm sie in Rom niemand ernst.

Je mehr sich die Lage im Lande verschärfte, umso weniger war die alte SVP-Garde geneigt, die Realität in Südtirol zur Kenntnis zu nehmen. Was nicht sein sollte, durfte nicht sein. Wer die Hand auf die Wunde legte, galt als Unruhestifter und Quertreiber. In den Monaten Jänner und Februar 1957 hatte sich in Südtirol einiges zugetragen, das nicht mehr hätte ignoriert werden dürfen. Im Vorjahr war es in mehreren Gegenden Südtirols zu Anschlägen gekommen, deutliche Signale dafür, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Am 19. und 20. Jänner 1957 verhaftete die Polizei die Täter, am 1. Februar auch Friedl Volgger, damals verantwortlicher Schriftleiter der Dolomiten und namhafter Exponent der SVP. Dabei geriet auch die Partei in das Schussfeld der italienischen Presse. Für die Parteigremien Gründe genug, sich mit der politischen Lage zu befassen und die entsprechenden Konsequenzen daraus zu ziehen. Die Parteileitung trat dann auch am 4. Februar zu einer Sitzung zusammen. Doch hatte man schlicht und einfach vergessen, den Punkt „Bericht über die politische Lage“ auf die Tagesordnung zu setzen. Zwölf Tage später traf sich der Parteiausschuss. Aber die Sitzung begann nicht mit einem „Bericht über die politische Lage“, sondern mit einem Anliegen Raffeiners. Senator Josef Raffeiner beunruhigten nicht die Ereignisse der letzten Wochen, nein, was ihm im Magen lag, war ein „Rundschreiben des SVP-Ortsgruppenobmannes von Frangart, Herrn Sepp Kerschbaumer, mit welchem die SVP-Führung scharf kritisiert wird“. Raffeiner muss die Klagen und Anklagen Kerschbaumers als eine Art Majestätsbeleidigung aufgefasst haben. Er beantragte nämlich nichts weniger als die „Suspendierung Kerschbaumers und die Einleitung einer Untersuchung“.37 Doch die Mehrheit im Parteiausschuss war nicht der Meinung, dass man wegen dieses Rundschreibens gleich eine Art Inquisitionsverfahren in Gang setzen müsse. Nach einigem Hin und Her beschloss der Parteiausschuss, dass Silvius Magnago, Josef Raffeiner und der Bozner Bezirksobmann Josef Rössler mit Kerschbaumer eine Aussprache führen sollten. Eine solche Unterredung wäre Kerschbaumer sicher recht gewesen. Er wollte ja, dass man sich mit der Situation im Lande befasse – gründlich befasse, er wollte freilich auch, dass man gegen das Unrecht etwas unternahm. Doch die Unterredung kam nie zustande. Magnago entledigte sich der Aufgabe viele Monate später bei einem zufälligen Zusammentreffen mit Kerschbaumer. Er eröffnete ihm, dass der Parteiausschuss ihn, Magnago, beauftragt habe, mit ihm, Kerschbaumer, über eines seiner Rundschreiben zu reden. „Was hiermit geschehen ist“, meinte er. Und die Sache war vom Tisch.

Der Justizpalast in Bozen, faschistische Einschüchterungsarchitektur

Die Palastrevolution von 1957

Für jeden Menschen in führender Stellung kommt eines Tages der Augenblick, in dem er erkennt, dass es Zeit ist, abzutreten und Jüngeren Platz zu machen. Zieht er aus dieser Einsicht nicht die erforderliche Konsequenz, so kommt der Augenblick, in dem auch andere erkennen, dass es Zeit wäre, das Feld zu räumen. Klammert er sich dann immer noch an seine Position, dann wird es schlimm, denn dann erkennen nur mehr die anderen, dass es Zeit wäre, dass der Mann endlich „von den Haxen“ gehe. Dies hängt nicht immer vom physischen Alter ab, sondern mehr vom Vermögen oder Unvermögen, aus der eigenen physischen und geistigen Verfassung die entsprechenden Folgerungen zu ziehen. 1957 war die alte Führungsgarnitur der SVP bei dieser letzten Phase angelangt. So verdient sie sich in den ersten Nachkriegsjahren um Südtirol gemacht hatte, ihre Zeit war abgelaufen. Sie hatte nicht die Kraft und nicht den Willen, Rom gegenüber eine härtere Gangart einzuschlagen. Da die Mannschaft aber auch keine Anstalten machte, abzutreten, blieb keine andere Wahl, als ihr die Basis und den Rückhalt in der Partei zu entziehen. Das oberste Entscheidungsgremium der SVP war der Parteiausschuss. Den Parteiausschuss wählte die Landesversammlung. Es kam daher darauf an, die Fäden so zu ziehen, dass die Wahl nach Wunsch ausging. Der Bozner Unternehmer Franz Widmann und der Landtagsabgeordnete Hans Dietl begannen, sehr vorsichtig die Weichen für die Ablöse zu stellen. Nach einigem Hin und Her legte der Parteiausschuss den Termin für die Landesversammlung auf den 25. Mai 1957 fest. Am 14. Mai trafen Hans Dietl und Franz Widmann die letzten Vorbereitungen. Eine Tagebucheintragung von Hans Dietl belegt, dass auch Sepp Kerschbaumer mit von der Partie war:

15.30 Uhr, Besprechung bei Widmann bis nach 18 Uhr (Stanek, Kritzinger, Eschgfäller, Kerschbaumer, Neuhauser, Baur, Weiß, Trientbacher und zum erstenmal auch Brugger).38

Ungewollt eine gute Stimmung für die bevorstehende Wahl schuf der Obmann Toni Ebner. Nicht einen einzigen nennenswerten Erfolg, wohl aber eine Reihe von Rückschlägen und Niederlagen wies sein Jahresbericht aus. Eine Bilanz, die die Debattenredner geradezu aufforderte, eine neue Politik zu verlangen. Sepp Kerschbaumer etwa meinte:

Ich würde in die heutige Entschließung hineinschreiben: „Los von Trient!“ Und das müßte auch schneidig durchgeführt werden. Es ist schon viel zu viel um den heißen Brei herumgeredet worden, es wäre bald Zeit, den Brei selbst einmal in die Hand zu nehmen.39

Die Wahl, bisher eine reine Formsache, erbrachte den ersehnten Umschwung. Von den Kandidaten, die der Parteiausschuss aufgestellt hatte, fielen elf durch. An ihre Stelle rückten ebenso viele „Durchfallkandidaten“. Alles Vertreter einer harten Linie. Magnago wurde zum Obmann gewählt, Karl Tinzl, Hans Dietl, Alfons Benedikter und Friedl Volgger traten ihm als Vizeobmänner zur Seite. „Eine neue Garnitur übernahm die Parteiführung, eine neue Ära brach an.“40 Sepp Kerschbaumer vertrat in einem später verbreiteten Flugblatt die Ansicht, der 25. Mai 1957 werde als „Ehrentag unseres Volkes in die Geschichte eingehen“. „Hier hat das Volk mit unmißverständlicher Deutlichkeit gesprochen.“41

Die Kundgebung von Sigmundskron

Wenn die Politiker in Trient und Rom auf der Höhe ihrer Aufgabe gewesen wären, hätten sie erkennen müssen, dass mit der Wachablöse in der SVP eine neue Ära begann. Die Zeit des Zurückweichens und des Leisetretens war vorbei. Dass die neue Führung bereit war, den Fehdehandschuh aufzugreifen, zeigte sich spätestens im Herbst 1957. Der Minister für öffentliche Bauten, Giuseppe Togni, schickte am 15. Oktober um 17 Uhr an den Bozner Bürgermeister, Giorgio Pasquali, ein Telegramm ab. Die Optimisten im Lande glaubten, dass es sich um die vom Minister versprochene Soforthilfe für die von der Unwetterkatastrophe Betroffenen handle.42 Im August hatten schwere Unwetter das Land heimgesucht.43 Sepp Kerschbaumer hatte sich nicht wenig darüber gegrämt, dass die meisten Landespolitiker in diesen Tagen höchster Not und Gefahr durch Abwesenheit geglänzt hatten. In einem an die Führenden Männer unserer Volksgruppe gerichteten Rundschreiben warf er im Namen vieler Landsleute die Frage auf, wo denn „unser Landesvater, unser Landeshauptmann mit seinen vom Volk gewählten Vertretern“ sei. „Haben wir nur zwei Männer im Lande, die ein Verantwortungsbewußtsein haben? Landeshauptmannstellvertreter Fioreschy und Vizebürgermeister von Bozen Riz?“

Er gönne jedem seine Sommerfrische, aber in der Zeit höchster Not wäre es schon erste Pflicht eines Verantwortlichen, bei seinem Volke zu sein. Die Absenz der Landespolitiker konnte seiner Ansicht nach auch politische Folgen haben: „Soll das Südtiroler Volk sich in seiner Not an die ANDEREN wenden, die es mit ihm so GUT meinen und sofort zur Stelle sind, wenn es darum geht, im trüben zu fischen?“44 Zumindest in dieser Hinsicht hätte Kerschbaumer beruhigt sein können. Das Togni-Telegramm hatte keine Katastrophenhilfe, sondern eine Katastrophenmeldung zum Inhalt:


Die Kundgebung von Sigmundskron

Dem Herrn Bürgermeister von Bozen und zur Kenntnis an S. Exz. den Präfekten von Bozen.

Es freut mich, Ihnen mitteilen zu können, daß das Koordinierungskomitee für Volkswohnbau (CEP) eine schnelle Realisierung des zweiten Wohnbauprogramms beschlossen hat, in welchem die Errichtung eines neuen Stadtteiles in Bozen einbegriffen ist, und zwar für den Betrag von 2,5 Milliarden Lire für die Errichtung von 5000 Wohnräumen, zusätzlich Kirchen und die Gebäude für soziale und öffentliche Dienste.

Ich bin sicher, auf Ihre Mitarbeit bei der Verwirklichung dieser Initiative der Regierung rechnen zu können, und bezweifle nicht, daß dieser wesentliche Beitrag zur Durchführung des sozialen Wohnbauprogramms in dieser Stadt gewürdigt wird.

Togni, Minister für Öffentliche Arbeiten.

„Der Togni-Plan“, schreibt Franz Widmann, der diese Zeit als aufmerksamer Beobachter miterlebt hat, „ging wie ein elektrischer Schlag durch die Südtiroler Bevölkerung; er löste Entrüstung und Zorn aus über eine derart dreist und offenkundig fortgesetzte Zuwanderungspolitik, mit der die Südtiroler praktisch an die Wand gedrückt werden sollten.“45 Eine SVP-Delegation sprach schon am 24. Oktober 1957 beim Minister vor, um gegen dieses Großprojekt Einspruch zu erheben. Ihr Erfolg war gleich null. Togni erklärte ihr, dass das Vorhaben Teil eines für ganz Italien geplanten Volkswohnbauprogramms sei. Es habe lediglich sozialen und keinen politischen Charakter.46 Wer’s glaubte, konnte selig werden. Aber danach hatte zu der Zeit niemand ein Verlangen.

Wie sich diese Art von Sozialpolitik auswirke, konnten sich die Südtiroler an den Fingern ausrechnen. Der Parteiausschuss der Südtiroler Volkspartei beschloss in seiner außerordentlichen Sitzung vom 27. Oktober 1957, gegen den Togni-Plan eine Protestkundgebung abzuhalten. Die Demonstration sollte am 17. November vor dem Landhaus in Bozen stattfinden. Doch da legten sich die Neufaschisten quer, die drohten, am gleichen Tag zu gleicher Zeit und am gleichen Ort eine Gegendemonstration zu veranstalten.47 Der Querschuss zeigte Wirkung. Unter Berufung auf Artikel 18 des Polizeigesetzes verbot der Quästor Renato Mazzoni der SVP, die Landsleute, die die römische Volkswohnbaupolitik ablehnten, vor dem Landhaus zu sammeln. Als Ausweichplatz wies er ihr den Sportplatz zu. Magnago wäre der Grieser Platz lieber gewesen. Der aber schien wiederum Mazzoni zu gefährlich. In Wirklichkeit wollten die Behörden die Kundgebung überhaupt verbieten. Kurz nach dem Gespräch, das Magnago mit Mazzoni geführt hatte, nahm der Regierungskommissar Luigi Sandrelli die Genehmigung für die Abhaltung der Kundgebung auf dem Sportplatz zurück. Spätestens jetzt aber mussten die Behörden zur Kenntnis nehmen, dass sie es bei der SVP mit neuen Leuten zu tun hatten, mit Leuten, die Verbote nicht einfach hinnahmen. Die SVP hatte am 30. Oktober 1956 zum 10. Jahrestag des Pariser Vertrags in Bozen eine Großkundgebung veranstalten wollen. Doch der Regierungskommissar hatte ihr die Genehmigung verweigert. Und die SVP hatte sich in das Njet gefügt.48 Doch 1957 war nicht mehr 1956. Magnago und seine Leute gaben das Vorhaben nicht auf. In der SVP kam man auf den Gedanken, die Kundgebung auf Schloss Sigmundskron zu verlegen. Verkehrsmäßig lag der Standplatz ungünstig, aber er hatte eine starke Symbolkraft. Magnago musste sich dem Regierungskommissar gegenüber verbürgen, dass die Kundgebung geordnet verlaufen werde. Unter dieser Voraussetzung erhielt er die Genehmigung, die Demonstration auf Schloss Sigmundskron abzuhalten.

Hatten die Behörden mit ihrem Hin und Her auch die Nerven der Veranstalter arg strapaziert, so lieferten sie ihnen doch auch die Werbung frei Haus. Hätte es ihre Widerstände nicht gegeben, so wären 10.000, maximal 15.000 Südtiroler gekommen, nach Sigmundskron aber begaben sich 35.000. Von der Menge stürmisch begrüßt, trat Magnago ans Rednerpult. In einer der Wortwahl nach sehr zurückhaltenden Ansprache rief er das „Los von Trient!“ aus, „das den künftigen Kurs der Politik in Südtirol bestimmte“.49 Es bereitete ihm keine Schwierigkeiten, den Resolutionsentwurf durchzubringen, wohl aber musste er seine ganze Überzeugungskraft aufbieten, um die Massen von einem Marsch auf Bozen abzuhalten. Er habe als Verantwortlicher für diese Kundgebung und als Obmann der SVP sein Wort gegeben, „daß kein Marsch und kein Sonderprogramm“ nach dieser Kundgebung stattfinden werde. Zwischenruf aus der Menge: „Die anderen haben schon viele Worte gegeben!“ Magnago: „Ich aber habe mein deutsches Wort gegeben, und ich bitte euch, dieses mein deutsches Wort einzuhalten, denn das deutsche Wort hat bei uns immer noch Gültigkeit.“50 Das schlug ein. Die Veranstaltung klang ohne Zwischenfall aus. Claus Gatterer spricht von einer „feierlich-disziplinierten und gerade hierin unitalienischen Demonstration“.51

Die bestimmende Persönlichkeit der Sigmundskroner Kundgebung war ohne Zweifel Magnago. Doch hat ihr auch Sepp Kerschbaumer seinen Stempel aufgedrückt. Er muss damals Tag und Nacht tätig gewesen sein. Es ist wahrscheinlich, dass er auch die Aktion vor der Battisti-Büste in die Wege geleitet oder zumindest unterstützt hat. Luis Amplatz und Otto Petermair legten zum Auftakt der Sigmundskroner Großkundgebung am Bozner Siegesdenkmal einen Kranz mit einer Schleife nieder, die es in sich hatte: Dem Verfechter der Grenze bei Salurn! stand da drauf, und: CESARE BATTISTI die Südtiroler. Die Wachposten, ohne Deutschkenntnisse und ohne Ahnung von der Landesgeschichte, erfassten nicht, dass hiermit ein Protest gegen die Brennergrenze deponiert wurde.

Eine Huldigung an Cesare Battisti als Verfechter der Salurner Grenze

Kerschbaumer dürfte auch dafür Sorge getragen haben, dass auf Sigmundskron die verbotene Tiroler Fahne gehisst wurde, zuerst am Bergfried, dann auch an anderen Stellen, jedes Mal von der Menge mit Jubel begrüßt.52 Den stärksten Akzent aber setzte er mit einem maschinegeschriebenen Flugblatt, das er in Sigmundskron unter die Leute brachte:53

LANDSLEUTE!

Noch nie in den fast 40 Jahren italienischer Herrschaft hat sich unser Volk in einer so gefährlichen Lage befunden wie heute! Was dem Faschismus in nahezu 20 Jahren mit gewaltsamsten Unterdrückungsmethoden nicht gelungen ist, hat das demokratische Italien in 10 Jahren beinahe erreicht. Trotz des Pariser Vertrages! Noch 10 Jahre „christlich-demokratische Herrschaft“ in Südtirol, und sie haben es erreicht, was sie sich vom Anfang an zum Ziele gesetzt haben: Die Südtiroler im eigenen Lande in die Minderheit zu drängen und sie dann auf „demokratische Weise“ auszurotten, sie zu verwelschen!

L A N D S L E U T E !Es ist fünf vor zwölf! Wir rufen daher alle echten Tiroler auf, sich endlich zu besinnen und zu handeln, ehe es zu spät ist! Es ist das letzte Aufgebot! Die Welt weiß es, der alte, echte Tiroler Geist, er ist noch nicht tot, er kann nicht tot sein! Er schläft, er glimmt im Verborgenen, in Dörfern und Städten.

Hört unsern Ruf: Südtirol erwache! Rüstet euch zum Kampf! Zum Kampf um unsere Existenz! Es geht um Sein oder Nichtsein unseres Volkes! Es geht um den Bestand unsrer Kinder, unserer Kindeskinder!

Frei wollen wir wieder werden in unserem Lande, frei wie unsere Vorväter es gewesen über 1000 Jahre im deutschen Südtirol! Deutsch wollen wir bleiben und keine Sklaven eines Volkes, welches durch Verrat und Betrug unser Land kampflos besetzt hat und seit 40 Jahren ein Ausbeutungs- und Kolonisationssystem betreibt, welches schlimmer ist als die einstigen Kolonialmethoden in Zentralafrika! In den ganzen 40 Jahren italienischer Herrschaft haben wir nicht eine Spur guten Willens auf italienischer Seite feststellen können. Mochte es sich um Faschismus oder mag es sich um Christlich-Demokraten, Sozialisten oder Kommunisten handeln! Sie alle sind sich darüber einig: Das Deutschtum in Südtirol muß ausgelöscht werden!

L A N D S L E U T E !„Ein Volk, das um nichts anderes kämpft als um sein angestammtes, verbrieftes Recht, wird den Herrgott zum Bundesgenossen haben!“ (Kanonikus Gamper). Aber kämpfen müssen wir um unser Recht, kämpfen, auf daß wir wieder freie Tiroler werden! In einemf r e i e nS Ü D T I R O L!

Das Blatt war ungezeichnet, die Aufmachung bescheiden. Doch die Diktion ließ schon erahnen, dass da eine neue politische Kraft im Untergrund tätig war.

Resonanzen und Dissonanzen

Im Ausland hatte die Kundgebung von Sigmundskron eine gute Presse. Nicht so im Inland. Liest man die Kommentare der italienischen Zeitungen über den Tag von Sigmundskron, so gewinnt man den Eindruck, dass ihnen der disziplinierte Verlauf der Kundgebung gar nicht recht war. Es fehlte der Skandal, das Anrüchige, das Kriminelle. Aber was nicht war, ließ sich machen. Man bauschte Nebensächlichkeiten zu Staatsaffären auf, drehte einfache Tatsachen zu Sensationsmeldungen um und stellte Bezüge her, die es nicht gab. Dabei erlangte Kerschbaumers Flugblatt einen unerwarteten Stellenwert. Der L’Adige in Trient schob es kurzerhand der Südtiroler Volkspartei in die Schuhe.54 Magnago stellte richtig: Die SVP hat mit dem Flugblatt „nicht das Geringste zu tun“.55 Umsonst. Die Diskussion ging weiter, ja nahm an Heftigkeit zu. Und so befasste sich in der Sitzung vom 25. November 1957 die Parteileitung mit dem Corpus Delicti. Auch die Parteileitung erklärte: Die SVP hat mit dem Flugblatt nichts zu tun. Sie habe es weder gebilligt noch billige sie es. Gleichzeitig machte sie der italienischen Presse zum Vorwurf, dass sie dieses Flugblatt benütze, „um die sehr sachlichen Forderungen der Partei und des Volkes zu übergehen und den Haß der italienischen Bevölkerung zu schüren, mit all den Folgen, die wir Sonntag in Bozen sehen konnten“. Die „Würde der Nation“ könne nicht durch ein anonymes Flugblatt verletzt werden. Sie könne auch nicht durch Umzüge und Anpöbelungen wiederhergestellt werden.56

Diese Stellungnahme enthält zwei Anspielungen auf italienische Gegendemonstrationen. Wie man einen Protest mit Würde und Anstand an den Mann bringt, hatten zuerst italienische Oberschüler am 19. November den Südtirolern vor Augen geführt. Allein die Aufschriften auf ihren Transparenten offenbarten feinen Takt und ein überdurchschnittlich hohes Bildungsniveau:

Fuori legge la SVP! – Die SVP ist aufzulösen!

Fuori Magnago dall’Italia! – Hinaus mit Magnago aus Italien!

Non vogliamo rinnegati in Italia! – Wir wollen keine Verräter in Italien!

Alto Adige, non Südtirol! – Alto Adige, nicht Südtirol!

Basta con le provocazioni, qui è Italia! – Schluß mit den Provokationen, hier ist Italien!

Tedeschi, non insultate chi vi ha tolto la fame! – Deutsche beleidigt nicht jene, die euch vor dem Hunger gerettet haben!

Governo se ci sei, batti un colpo! – Regierung, wenn du da bist, gib ein Zeichen!

Damit kein Zweifel aufkomme, wie der letzte Slogan gemeint sei, zierte ein Totenkopf die Tafel.57 Damit war aber noch nicht Schluss. Es waren sogar noch Steigerungen möglich. Dazu trug bei, dass am 22. November auf das Grabmal Tolomeis in Montan ein Anschlag verübt wurde. Die Attentäter sind zwar nie ausgeforscht worden, doch stand für die italienischen Medien unzweifelhaft fest, dass sie unter den Südtirolern zu suchen seien. So war das Klima um einige Grade heißer, als am Sonntag, dem 24. November, Frontkämpfer und Neufaschisten aus Italien in Bozen angereist kamen, um an einer Kranzniederlegung beim Siegesdenkmal teilzunehmen, die als „Wiedergutmachungsakt gegen die in Schloß Sigmundskron formulierten Beleidigungen der Werte des Kämpfertums“ vorgenommen wurde. Von kaum zu überbietender Freundlichkeit auch ihre Rufe:

19. November 1957: Gegendemonstration vor dem Bozner Siegesdenkmal wider die Kundgebung von Sigmundskron

A morte! – Zum Tode!

Porci! – Schweine!

Fuori oltre il Brennero! – Hinaus über den Brenner!

Auf dieser Höhenstufe stand auch die Rede des Bozner MSI-Führers Andrea Mitolo. „Die Südtiroler“, verkündete er, „werden als Nazi geboren und bleiben Nazi, denn sie sind von Natur aus Nazi!“58 Dies alles waren italienische Beiträge zur politischen Kultur im Lande.

Jedoch die Vorgänge auf Sigmundskron und die Nachklänge zu Sigmundskron versetzten nicht nur die Italiener in Erregung. Sie lösten auch innerhalb der SVP ein Nachbeben aus. Josef Raffeiner gab im Senat am 26. November 1957 eine Erklärung ab, die mit der Linie der Partei nicht mehr im Einklang stand:59

Ich fühle mich für meine Person zur Feststellung verpflichtet, daß ich den Dynamitanschlag, durch welchen am vergangenen Freitag das Grabmal des Senators Ettore Tolomei in dem kleinen Friedhof von Montan, an der Fleimstaler Straße, zerstört wurde, bedauere. Nicht weniger bedauere ich die Beleidigungen, die dem nationalen Gefühl der Italiener von unverantwortlichen Elementen mit feindseligen Rufen und einem Flugblatt anläßlich der Kundgebung unseres Volkes in Sigmundskron zugefügt wurden. Ich glaube, daß mein Freund und Kollege Braitenberg, der nicht im Saale anwesend ist und mit welchem ich über diesen Gegenstand nicht sprechen konnte, mit mir in dieser meiner Verurteilung und meinem Bedauern eines Sinnes ist. Ich will für den Augenblick nichts weiteres hinzufügen.

Kein Wort über Sinn und Zweck der Kundgebung von Sigmundskron, kein Wort über die Ausschreitungen der Italiener in Bozen. Von Braitenberg schloss sich dann in der Tat der Erklärung Raffeiners an.

Die Dolomiten meinten, die Südtiroler würden es begrüßen, wenn Senator Raffeiner seinen Kollegen im Senat und den Mitgliedern der Regierung auch den übrigen Inhalt der Entschließung der Landesleitung der Südtiroler Volkspartei zur Kenntnis brächte, in welcher die Ausschreitungen und Übergriffe bei der Kundgebung der Neufaschisten in Bozen am letzten Sonntag gebrandmarkt wurden und die Einsetzung einer Untersuchungskommission des italienischen Parlamentes zur Überprüfung der Zustände in Südtirol verlangt wurde. Die Zeitung gab der sicheren Erwartung Ausdruck, dass Senator Raffeiner dies bei nächster Gelegenheit nachholen werde.60 Diese Hoffnung erfüllte Raffeiner jedoch nicht. Der L’Adige erkannte richtig, dass zwischen den Erklärungen Raffeiners und Braitenbergs und dem Geist, der die SVP-Resolution leite, ein Abgrund klaffte.61 Viele Südtiroler stellten sich die Frage, auf welcher Seite die beiden eigentlich standen. Sie hatten diese Frage vermutlich auch an die drei SVP-Abgeordneten Tinzl, Guggenberg und Ebner gerichtet, wenn sie gewusst hätten, dass sie und die zwei Senatoren am 29. November 1957 ohne Wissen der Parteileitung bei Bundeskanzler Julius Raab in Wien vorsprachen und die Politik der neuen SVP-Führung madig machten. Nach den Ausführungen Tinzls und Guggenbergs hätte die in Sigmundskron erhobene Forderung nach Provinzialautonomie in der italienischen Regierung jener Richtung Oberwasser gegeben, die schon immer die Ansicht vertreten habe, es habe keinen Sinn, den Südtirolern Konzessionen zu machen.62 Wenn man das weiß, dann wundert man sich auch nicht, dass sich Raffeiner und Braitenberg weigerten, im Senat den Entwurf für ein neues Autonomiestatut einzureichen. Man wundert sich nach diesen Vorkommnissen vielmehr darüber, dass die Abgeordneten Tinzl, Ebner und Guggenberg am 4. Februar 1958 das Autonomieprojekt dann doch noch in der Kammer einbrachten.63 Logisch ging’s wirklich nicht her in der SVP in diesen Monaten. Sepp Kerschbaumer, über die Vorgänge in der Partei gut informiert, fand, dass es wieder an der Zeit war, ein Flugblatt in die Welt zu schicken.

Ein BAS-Flugzettel aus der Werkstatt Sepp Kerschbaumers

V O L K S V E R T R E T E R!

Seit der denkwürdigen Volkskundgebung auf Schloß Sigmundskron sind Tage und Wochen vergangen. Überall hat man sich eine entschlossene Inangriffnahme unserer brennenden Probleme erwartet.

Und aus Rom kam dann auch bald eine frohe Kunde. Giuseppe Raffeiner und sein Mitläufer Karlo de Breitenberg distanzierten sich feierlich von dem Geiste der Volkskundgebung von Schloß Sigmundskron und somit vom Südtiroler Volke. Die beiden Volksverräter wurden von uns mittels Schreiben aufgefordert, sofort zurückzutreten. Vierzig Jahre italienische Besatzung brachte Südtirol mit Hilfe einiger Volksverräter an den Rand des Abgrundes. Das Südtiroler Volk ist aber nicht länger gewillt, den Todesmarsch mitzumarschieren! Bedenkt die Worte unseres mutigen Tirolers Magnago am Abend der Kundgebung: „Man darf die Geduld und Disziplin des Volkes nicht überfordern.“ Durch die feige Handlungsweise der Volksverräter in Rom wurde sie bereits überfordert. Wir fordern euch energisch auf, die notwendigen Konsequenzen zu ziehen, ansonsten wir gezwungen sind, geeignete Maßnahmen zu ergreifen.

„Los von Trient“ hieß die Forderung aller Südtiroler auf Schloß Sigmundskron. Seit einigen Monaten spricht man im ganzen Lande von berufener Seite (davon), den sog. Gesetzesantrag zur Schaffung der Landesautonomie innerhalb des Jahres 1957 im Parlament einzubringen. Bei der Kundgebung war für das Südtiroler Volk das deutsche Wort bindend. Ist für unsere Parlamentarier dieses deutsche Wort nicht bindend??? Die BAS wird unermüdlich weiterarbeiten zur Rettung der Heimat, und jeder aufrechte Volksvertreter kann versichert sein, daß sie stets hinter ihm stehen wird für ein freies Südtirol.

BAS

Es ist dies vermutlich das erste Flugblatt, das mit BAS gezeichnet ist. Dem aufmerksamen Leser fällt auf, dass da nicht der BAS, sondern die BAS steht. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Kerschbaumer zunächst seine Phantom-Organisation Befreiungsaktion Südtirol nannte. Erst später kam er auf den Namen Befreiungsausschuss Südtirol. Ein Umstand, der etwas Verwirrung stiftete. Selbst Leute des BAS wussten eine Zeitlang nicht, was richtig war: der BAS oder die BAS, Befreiungsaktion oder Befreiungsausschuss. Durchgesetzt hat sich dann das Markenzeichen Befreiungsausschuss Südtirol, also der BAS. Kerschbaumer selbst sorgte in seinem nächsten Flugblatt für Klarheit.64 Bezugnehmend auf eine Äußerung des österreichischen Bundeskanzlers Julius Raab, wonach das italienische Volk von einem außerordentlichen Nationalismus beseelt sei, wandte er sich erneut an die Öffentlichkeit.65 Er wies zunächst darauf hin, dass wir es besonders „in unserer Heimat Südtirol mit fanatischen Nationalisten zu tun“ hätten, „die direkt und indirekt von Rom gelenkt“ würden. Ihr Ziel sei es, „mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln unser Volkstum zu schädigen und uns in unserer angestammten Heimat in die Minderheit zu versetzen“. „Selbst das unabhängige italienische Gerichtswesen ist von diesem Nationalismus verseucht.“ Jedoch eine Überprüfung der Lage ergebe, „daß wir nicht allein bei anderen die Schuld für die Mißstände in unserem Lande suchen dürfen, sondern daß es an der Zeit ist, bei uns selbst reinen Tisch zu machen!“

Was nützt uns, über die italienische Zuwanderung Klage zu führen, solange unsere eigenen Arbeitgeber – vielleicht aus Feigheit – Italiener beschäftigen, während unsere Landsleute, die in der eigenen Heimat brotlos sind, sich im Ausland Existenzmöglichkeiten suchen müssen. Und solange Südtiroler Besitzer ihre Güter als Baugründe an die Italiener verkaufen, die auf diese Weise die Zuwanderung fördern.

Auch auf unser Recht im Sprachgebrauch wollen wir schweres Gewicht legen. Aus Feigheit oder Bequemlichkeit auf den Gebrauch seiner Muttersprache zu verzichten, schadet unserer Volksgruppe! Wir dürfen nicht auf fremde Hilfe hoffen, solange wir nicht alles getan, was in unseren eigenen Kräften liegt. Erst wenn sich diese unsere Kräfte im ungleichen Kampfe als zu schwach erweisen, dürfen wir Anspruch auf fremde Hilfe erheben.

Südtiroler erfülle Deine Pflicht dem Herrgott, dem Volke und Deiner Heimat gegenüber auch im Alltagsleben!

Südtiroler, kein Opfer darf Dir für Deine Heimat zu groß sein; denke an die Zukunft Deiner Kinder.

Zur Vermeidung von Mißverständnissen und irrigen Auslegungen wollen wir diesmal unseren Landsleuten mitteilen, was die Bezeichnung

B.A.S. heißt:

Befreiungs-Ausschuß-Südtirol

Über die Urheberschaft der Flugzettel sind viele Mutmaßungen angestellt worden. Oberflächlich betrachtet, könnte man meinen, dass verschiedene Hände am Werk gewesen seien. Manche Flugzettel sind sprachlich etwas holprig und unbeholfen, andere im Stil glatter und gewandter. Dieser Unterschied in der Diktion erklärt sich daraus, dass Sepp Kerschbaumer manche Flugzettel von einem Journalisten seines Vertrauens ausfeilen ließ. Wenn hingegen die Zeit drängte, schickte er die Flugzettel so aus, wie er sie entworfen hatte. Dass jemand anderer die Texte verfasst hat, dürfte auszuschließen sein. Sie haben nämlich das Wesentliche gemeinsam: die Denkweise des Sepp Kerschbaumer.

Kerschbaumers Rundschreiben und Flugblätter wurden alle auf Matrize geschrieben und dann vervielfältigt. Wer hat ihm diese Arbeit besorgt? Eine Frage, die 1961 bei den Verhören auch die Carabinieri mit Nachdruck stellten. Kerschbaumer wollte nicht recht heraus mit der Sprache. Er habe das selbst gemacht, murmelte er. „Wenn das so ist“, meinten die Carabinieri, „dann setzen Sie sich an die Schreibmaschine und machen Sie es uns vor!“ Dazu war er aber nicht in der Lage. Wer war es dann? Das wusste ganz genau die Tiroler Tageszeitung. Unter Berufung auf eine „zuverlässige Quelle“ brachte das Blatt eines Tages folgende „Tatsachenmitteilung“: Ursprünglich habe Kerschbaumer die BAS-Briefe einer seiner Töchter diktiert. Ordnungsgemäß, wie es seine Art sei, habe er sie als Sekretärin angestellt. Aber die Tochter habe an dieser Arbeit keinen Gefallen gefunden. Daher habe sie ihm eines Tages eröffnet: „Du, Tatta, ich mag von deiner Politik nichts wissen. Ich möchte dir in Zukunft diese Briefe nicht mehr schreiben müssen.“ Kerschbaumer habe daraufhin seine Tochter als Sekretärin formal korrekt entlassen und die minderjährige Tochter des Frangarter Mesners, Annelies Ausserer66, nach Bozen in die Schule geschickt, damit sie dort das Maschineschreiben lerne. Annelies Ausserer habe er dann als neue Sekretärin des BAS angestellt.67 Hier wird wieder einmal einiges durcheinandergebracht. Es stimmt nicht, dass er eine seiner Töchter oder sonst jemanden als Sekretärin angestellt hatte. Er verfasste im Jahr vielleicht sechs, sieben Rundschreiben und drei, vier Flugzettel. Das war eine Arbeit von jeweils einigen Stunden. Der Wahrheit entspricht aber, dass ihm seine Tochter Mali nicht mehr mitgemacht hat, als sie erkannte, dass das Ganze nicht „astrein“ war.68 Der Vater musste sich dann tatsächlich nach einer neuen „Schreibkraft“ umsehen. Er fand sie in Annelies Ausserer, die damals in Bozen die Marco-Polo-Schule besuchte. Das gab er dann widerstrebend bei einem der vielen Verhöre in der Carabinieri-Kaserne von Eppan zu. Er musste dann auch die Schreibmaschine und den Vervielfältigungsapparat herausrücken, die er in der Ringmauer des Schlosses Sigmundskron versteckt hatte.

Die beiden oben erwähnten Flugblätter lösten in der SVP Besorgnis aus.69 In der Sitzung vom 1. März 1958 teilte Silvius Magnago der Parteileitung mit, dass ihm erst ein Schreiben des BAS zugeschickt worden sei. Politisch maß er ihm nur insofern eine Bedeutung bei, als es die italienische Volksgruppe verärgere. Damit sei nichts erreicht. Das Endresultat sei vielmehr dies, dass diejenigen, die sie verfassten, und diejenigen, die sie verteilten, ins Gefängnis kämen. „Letzten Endes muß dann die SVP für die Familien sorgen, wie sie auch heute für Familien sorgen muß.“ Sehr schlimm wäre es, wenn Ortsobmänner an dieser Aktion beteiligt wären. Käme so etwas auf, würden es die Behörden zum Anlass nehmen, in die Villa Brigl zu kommen und eine Hausdurchsuchung vorzunehmen.70 Die Sitzung offenbarte freilich das große Dilemma, in dem sich die SVP befand. Magnago berichtete anschließend der Parteileitung, dass die Verhandlungen zwischen Rom und Wien begonnen hatten. Dabei äußerte er die Befürchtung, dass sie „wahrscheinlich schleppend weitergehen“ würden. Man trat also auf der Stelle. Und die Erfolglosigkeit gab dem BAS Auftrieb.

Zwei Monate später befasste sich die Parteileitung wieder mit dem BAS. Magnago teilte ihr mit, dass ihn der Quästor im Laufe einer Unterredung gefragt habe, ob er die Herren des BAS kenne. Er habe ihm zur Antwort gegeben, dass die SVP mit der Aktion absolut nichts zu tun habe und er auch keinen der Herren kenne. Der Quästor betrachtete das letzte Schreiben des BAS als eine sehr ernste Sache. Bisher habe der BAS nur auf die Italiener geschimpft „und so weiter“. Dies sei zwar strafbar, aber nicht relevant. Mit dem letzten Schreiben habe sich aber der BAS als „Befreiungsausschuß Südtirols“ zu erkennen gegeben, als eine Organisation, die sich die Befreiung Südtirols zur Aufgabe gemacht habe. „Mit diesem Moment fällt die Sache in ein anderes Strafgebiet, und die Sache verschlimmert sich kolossal.“ Er, Magnago, sei überzeugt, dass früher oder später alles aufkäme. Und dann haben wir „nichts als Spesen und Familien zu erhalten und viele Leute, die im Kerker sitzen“. Peter Brugger sprach die Vermutung aus, dass hier junge Leute am Werk seien. Diese jungen Leute müsse man in die Reihen der SVP hereinbekommen und sie so irgendwie politisch beschäftigen. Generalsekretär Hans Stanek machte den Vorschlag, den Ortsgruppen mit einem Rundschreiben nahezulegen, „dieser Aktion schärfstens entgegenzutreten“.71 Damit waren alle einverstanden. Wenig später wurde ein solches Rundschreiben an die Ortsgruppen verschickt.

Eine verlorene Stimme der Vernunft

Ein Beamter kann in die Lage kommen, dass er Handlungen setzen muss, die mit seiner Überzeugung im Widerspruch stehen. In diese Situation geriet 1957 der Bozner Quästor Renato Mazzoni. Er hatte bei dem Ringen um einen Platz für die Kundgebung von Sigmundskron eine Position einnehmen müssen, die mit seiner Einstellung nicht im Einklang stand. Wie er wirklich dachte und die Dinge in Südtirol beurteilte, legte er dem Innenminister Fernando Tambroni mit Schreiben vom 17. März 1957 ausführlich und unmissverständlich dar. Seiner Meinung nach sei der jetzige Zustand auf einen schweren Bildungsmangel und auf die politische Kurzsichtigkeit der regierenden Trentiner Kreise zurückzuführen. Sie hätten eine historische Gelegenheit versäumt und nicht begriffen, welch ein Instrument vor allem kultureller und dann auch verwaltungsmäßiger Art das Autonomiestatut darstelle, um Europa zu zeigen, dass das freie, zivile und demokratische Zusammenleben von zwei Volksgruppen in einem bestimmten Raum möglich sei.

Bedenklich findet er auch den kulturellen Hochmut, der jedes Südtiroler Brauchtum als dekadente Folklore abtue und nicht begreifen wolle, dass das Volkstum nicht allein in der Hochsprache, sondern auch in der Mundart, im Brauchtum, in den Überlieferungen, kurz in all dem begründet liegt, was von der Vergangenheit auf die Gegenwart gekommen ist.

Wer ein solches Volkstum als eine „civiltà della Stube“ bezeichne, offenbare seine Arroganz und setze eine vermeintliche Überlegenheit der lateinischen Zivilisation über jede andere davon abweichende Lebensart. „Die systematische Ablehnung der Verständigungsbereitschaft, die Unkenntnis der deutschen Sprache seitens der Politiker, Justizbeamten und hohen Staatsfunktionäre hat eine unüberwindliche Barriere zum Verständnis der Bedürfnisse der Minderheit entstehen lassen.“ Er selbst habe es als seine erste Aufgabe angesehen, die deutsche Sprache zu erlernen, dies habe ihn in die Lage versetzt, die Südtiroler Wesensart zu verstehen. Und dadurch habe er sich nicht nur die Wertschätzung und das Vertrauen der Politiker erworben, sondern auch und vor allem der Bevölkerung.

In ihrer antikulturellen und antihistorischen Handlungsweise hätten die regierenden Trentiner Kreise mächtige Bundesgenossen in den nationalistischen Zirkeln der Provinz Bozen gefunden, die sich in allen Parteien, insbesondere aber in der Democrazia Cristiana und im bürokratischen Apparat des Staates eingenistet hätten – und das auf jeder Ebene, sei es in Rom wie in Bozen.

Auch das zerstörerische Werk der Presse nimmt Mazzoni aufs Korn. Dem „Alto Adige“ sei es, der römischen Subventionen und des Absatzes wegen, nicht schwergefallen, die nationalistische Werbetrommel zu rühren, ohne Rücksicht auf die Folgen für jene, deren Anliegen er vorgebe zu vertreten.

Dem Staat, so Mazzoni weiter, müsste die Erlernung der deutschen Sprache ein ernstes Anliegen sein. Derzeit sei es so, dass eine Generation von Italienern heranwachse, die die deutsche Sprache nicht beherrsche und ihre Gleichaltrigen deutscher Muttersprache auch in Zukunft nicht verstehen werde. Der Staat, rät er dem Innenminister, müsse unverzüglich ernsthafte Maßnahmen zur Behebung dieser Situation treffen.

Der Bozner Quästor Renato Mazzoni, ein Mann der Mäßigung und der Vernunft, aber ohne Rückhalt in Rom, daher auf verlorenem Posten

Mazzoni schlägt Tambroni vor, bei der Region die rein legislativen Aufgaben zu belassen und jegliche verwaltungsmäßige Kompetenz an die beiden Provinzen zu delegieren. Der Anspruch der Trentiner Politikerklasse, die italienische Volksgruppe vor den Deutschen schützen zu müssen, habe die Situation zusätzlich verschlechtert. Es sei zunächst eine „linguistische Häresie“, aber auch ein politischer Fehler, von der italienischen Volksgruppe in Südtirol als ethnischer Minderheit zu sprechen, denn die Italiener in Südtirol bildeten einen integrierenden Bestandteil der italienischen Nation. Ein anderer Fehler sei der, die Region auf die Person des Präsidenten Odorizzi zuzuschneiden („La Regione si chiama Odorizzi“). In Wirklichkeit sei die Region mehr als eine Gesetzesmaschine, sie sei ein humanes Ganzes, entstanden aus der Geschichte, aus dem Brauchtum, aus gemeinsam erlebtem Leid, aus dem Erbe der Väter.

Fatal sei, dass sich die deutsche Volksgruppe in ihren Hoffnungen auf eine echte Autonomie verraten fühle und das „Los von Trient“ ausgerufen habe. Aber man halte sich vor Augen: „Los von Trient“ heiße noch nicht „Los von Rom“. Um zu vermeiden, dass es zu einem „Los von Rom“ komme, müsse man mit hoher politischer Intelligenz den Dialog wieder aufnehmen und das ganze Problem einer gerechten Lösung zuführen. Konkret: Das Statut müsste so abgeändert werden, dass die legislativen und administrativen Aspirationen der deutschen Minderheit gesichert seien. Dabei dürfe man sich nur vom Gerechtigkeitssinn und nicht von der „italica furberia“ (italienischen Schlauheit) leiten lassen. Nur so könne man auch den Italienern in Südtirol einen neuen ethnischen und sozialen Frieden verschaffen. „Es drängt mich“, schreibt Mazzoni abschließend dem Minister, „Ihnen meine tiefe Besorgnis darüber auszusprechen, daß sich unter dem Druck der Ereignisse die Lage weiter verschlechtern wird.“ Die Gründe dafür sieht er in der „Internationalisierung des Südtirolproblems, in der fehlenden Koordinierung der verschiedenen Staatsgremien und ihren Eifersüchteleien, in der nationalistischen Erpressung gegenüber Rom durch genau bekannte Trentiner und italienische Kreise in Südtirol, in den Fehlern der SVP und den stets misslungenen Versuchen, diese Partei durch Zuwendungen an diskreditierte Personen und Institutionen zu spalten.“

Andrea Mitolo, genannt Duce von Bozen, suchte – im Unterschied zu Mazzoni – die Konfrontation mit den Südtirolern. So sprengte er am 19. November 1957 mit einem Schlägertrupp in Neumarkt eine Versammlung der Südtiroler Volkspartei.

„Wenn die geschichtsbildenden Ereignisse den Staat zum ‚redde nationem‘ zwingen werden“, warnt Mazzoni den Minister eindringlich, „dann wird man von der Gerechtigkeit abweichen und den ethnischen Bedürfnissen mehr als das Gebührende gewähren müssen.“ Zum Schaden der italienischen Volksgruppe, wie er meint, die man schlauerweise durch juridische Ausflüchte schützen wolle. „Leider wird nicht unsere Generation dafür büßen müssen, sondern jene, die nach uns kommen wird.“72

Soweit der Bozner Quästor Renato Mazzoni in seinem Lagebericht. Doch war und blieb er ein einsamer Rufer in der Wüste, ein lästiger obendrein. Rom dachte damals nicht daran, Südtirol Konzessionen einzuräumen. Deshalb wollte es in Bozen auch an der Spitze der Polizei einen Mann der harten Hand, nicht einen Menschen mit Herz und Verstand. Vollends in Ungnade fiel Mazzoni in Rom durch die Ereignisse um die Kundgebung von Sigmundskron. Ein kleiner Zwischenfall bei einer Gegenkundgebung des MSI, bei der italienische Schüler zum Sitz der Volkspartei marschieren wollten, gab den letzten Anstoß zu seinem Sturz. Er wird nach Treviso versetzt. Für den aus Venedig stammenden Staatsbeamten alten Stils, der seine delikate Aufgabe in Südtirol seit 1947 mit Geschick und Verständnis für die Minderheit ausgeübt hatte, ist dies eine Strafversetzung, eine Demütigung, an der er schwer leidet. Depressionen stellen sich ein. Anfang 1959 scheidet er freiwillig aus dem Leben.

Renato Mazzoni, der treue Diener seines Staates, war gewissermaßen das erste Opfer der von ihm frühzeitig als verfehlt erkannten Politik des Staates in Südtirol. Es hat noch Jahre gedauert und noch vieler Opfer bedurft, bis die Vernunft im Sinne Mazzonis sich einen Weg bahnte.

Die Haltung der Amtskirche

Früher als in der Südtiroler Volkspartei brach im kirchlichen Lager der Streit über die Linie aus, die in der Südtirol-Politik einzuschlagen war. Unterm Faschismus hatte sich die Kirche in Südtirol große Verdienste um die Verteidigung des kulturellen Eigenlebens erworben. Sie war nicht nur Kompass in rein kirchlich-religiösen Fragen gewesen, sondern auch in nationalen Belangen. Da sich die Situation nach dem Krieg nur graduell, aber nicht substanziell besserte, konnte man erwarten, dass die Kirche auch jetzt für Recht und Gerechtigkeit eintrete. Diese Hoffnungen wurden zunächst auch erfüllt. Kanonikus Michael Gamper nahm sich kein Blatt vor den Mund, wenn es galt, Fehlentwicklungen aufzuzeigen und Unrecht anzuprangern. Sein Oberhirte, Bischof Carlo De Ferrari in Trient, sah dies zwar nicht gerne, scheute sich aber, Gamper kaltzustellen oder irgendwelche Maßregeln gegen ihn zu ergreifen. Mit Bischof Johannes Geisler in Brixen wusste sich Gamper eines Sinnes. Zum 40-jährigen Priesterjubiläum im Jahre 1948 sprach ihm Geisler für die „vorbildliche Pressetätigkeit“ seine „vorbehaltlose Anerkennung“ und seinen Dank aus. „Durch Ihre vielfache Tätigkeit, besonders aber durch Ihre erfolgreiche Journalistik, die Sie durch unbestechlichen Gerechtigkeitssinn, heiße Liebe zum Volke und persönlichen Mut auszeichnet, haben Sie unter anderem auch dem ganzen Lande unschätzbare Dienste erwiesen. Die katholische Luft, die in unserem Lande weht, kommt zum Teil auch aus Ihrem katholischen Blatt ‚Dolomiten‘.“73

Johannes Geisler starb aber am 5. September 1952. Und dann trat eine Wende ein. Sein Nachfolger Joseph Gargitter hielt die nationale Linie für einen Irrweg. Er schlug sich gleich zu Beginn seiner Amtszeit auf die Seite der alten, in ethnischen Fragen kompromissbereiten SVP-Führung. Den katholischen Organisationen sprach er die Aufgabe zu, Hauptträger der Verständigung zwischen den Volksgruppen zu sein und so ein Überschwappen der nationalen Leidenschaften in die jeweiligen Lager zu verhindern. Erst recht war es ihm ein Anliegen, die Geistlichkeit aus dem Parteienstreit herauszuhalten. Da war ein Zusammenstoß mit Michael Gamper fast unvermeidlich. Gamper gehörte jener Priestergeneration an, die die Ansicht vertrat, dass der Priester dem Volk in schweren Zeiten Führer und Orientierung sein müsse.

So trat er auch energisch gegen Versuche auf, die Südtiroler Volkspartei aufzuspalten oder sie durch Leisetreter und Aufweichler zu unterwandern. Diese Gefahr zeichnete sich Anfang März 1953 ab. Michael Gamper setzte sich in den Dolomiten mit einigen orakelhaften Nachrichten des L’Adige und des Alto Adige auseinander.74 Ihren Andeutungen war zu entnehmen, dass der ladinische Rechtsanwalt Natale Dander der SVP beitreten und auf ihrer Liste für die Parlamentswahlen kandidieren wolle.75 Das wäre an sich kein Unglück gewesen. Aber es ging um viel mehr, es ging, wie der Alto Adige zu verstehen gab, um die Einschaltung von Männern, die sich auf das richtige Geleise loyaler und offenherziger Mitarbeit begäben, die entschieden für eine Zusammenarbeit einträten und so eine neue positive Ära eröffneten. Anders und klar gesagt: Es ging darum, die SVP von innen her aufzuweichen und womöglich aufzuspalten. „Merkwürdige Methoden“, meinte Michael Gamper – und zog sich dadurch den Zorn des Bischofs zu. Hinter dem Manöver stand nämlich die Democrazia Cristiana und noch weiter dahinter Bischof Joseph Gargitter. In seinem Schreiben vom 5. März 1953 ließ er seinem Unmut über Gamper freien Lauf: „Bei dieser Gelegenheit erfülle ich die unangenehme Pflicht, Sie von meiner Sorge und Unzufriedenheit darüber in Kenntnis zu setzen, dass Sie in Ihrem Blatte ‚Dolomiten‘ der Volkspartei gegenüber für die christlichen Anliegen nicht entsprechend eintreten. Durch den oben erwähnten Artikel hat sich der schon seit Jahren gehabte Eindruck wesentlich verstärkt, daß Sie das christliche Anliegen zu sehr hinter das nationale zurückstellen. Indem ich Ihnen hierüber mein Bedauern ausspreche, muss ich mit Nachdruck betonen, daß ich diese Haltung unmöglich hinnehmen kann und daß bei Beibehaltung dieser Haltung die Distanzierung des Bischofs und des Klerus von Ihrem Blatte unausweichlich ist.“76 Michael Gamper war einiges gewohnt und hielt auch einiges aus, aber dieser Schlag verletzte ihn zutiefst. In einem langen Schreiben legte er dem Oberhirten seine Auffassung von der Aufgabe des Priestertums dar: „So wie der Priester sich auch um die soziale Not seiner Schutzbefohlenen zu kümmern hat, so muß er auch um die nationale Not seiner Schutzbefohlenen bekümmert sein um der Gerechtigkeit und christlichen Liebe willen. Vielleicht spüren wir Älteren, die wir von den Anfängen unserer gegenwärtigen Lage her miterlebt haben und miterlitten haben, was unser Volk alles an idealen Gütern verloren hat, zu denen zweifellos auch die der nationalen Eigenart und des Volkstums gehören, diese nationale Not stärker als die Jüngeren, die diesen Zustand schon als etwas Gegebenes, wenn nicht gar Selbstverständliches vorgefunden haben.“77 Doch der Bischof blieb unbeugsam: „Ich kann nur noch einmal bitten und warnen: der Weg, den Sie beschritten haben, ist für den Priester und Christen nicht gangbar.“78 Wenn der Kanonikus auch unter Gargitters Verdikt schwer litt, so hatte er wenigstens die Genugtuung, dass sich das Intrigenspiel um die Kandidatur Danders in Luft auflöste.79

Bischof Gargitter wollte offensichtlich seine in Rom gewonnenen Erfahrungen in Südtirol anwenden. Er hatte acht Jahre im deutsch-ungarischen Collegium Germanicum verbracht, wo Leute aus zwölf verschiedenen Nationen untergebracht waren. Bei den Vorlesungen an der Päpstlichen Universität Gregoriana hatte er Männer aus über 30 Nationen kennengelernt. Diese Kontakte hatten sein Verständnis für andere Völker und Sprachgruppen geweckt und gefordert.80 Da jede Nationalität die Eigenheiten und Traditionen der anderen respektierte, kam es dort zu keinen ethnisch bedingten Auseinandersetzungen und Spannungen. Dieses Modell wollte er gewissermaßen auf Südtirol übertragen. Er scheint sich aber bald überzeugt zu haben, dass da doch enorme Unterschiede bestanden. In Rom fanden sich Leute ein, die ein höheres gemeinsames Anliegen zusammenführte. In Südtirol hingegen drückte das Staatsvolk die Minderheit an die Wand. Bei einer Audienz im September 1956 bemerkte Gargitter Papst Pius XII. gegenüber, dass man sich vonseiten der deutschen und ladinischen Bevölkerung eine Stellungnahme zu den politischen Problemen erwarte. Doch der Papst wehrte ab: „Tun Sie das nicht. Sie würden damit ein Feuer anzünden, das Sie nicht mehr löschen können. Halten Sie sich aus der Politik heraus und versuchen Sie, allen drei Volksgruppen in gleicher Weise möglichst gerecht zu werden.“81

Es hat den Anschein, dass in Rom die Linke nicht wusste, was die Rechte tat. Wenig später nahm der Vatikan selbst, wenn auch in verklausulierter Form, zur Südtirolfrage Stellung. Mit Bezug auf die Antwort der italienischen Regierung auf das österreichische Memorandum vom 8. Oktober 1956 befasste sich der Vatikansender am 10. Februar 1957 mit dem „Wesen der Verträge“. Nach längeren Ausführungen grundsätzlicher Natur über Sinn und Gültigkeit von Verträgen kam er zu Überlegungen, die durchaus für Südtirol galten: Die Regierungen hätten die Pflicht, sich gegenüber gerechten Forderungen Rechenschaft zu geben und in zweckmäßiger Weise für Abhilfe zu sorgen, „bevor diese sich verschärfen und der Versuchung erliegen, den Weg des Rechts zu verlassen“.82 Das war eine deutliche Aufforderung an die Regierungen in Rom und Wien, das Südtirol-Problem zu lösen, bevor die Dinge außer Kontrolle gerieten. Im Vatikan erwartete man sich nach dieser Sendung ein klares Wort aus Südtirol. Der päpstliche Sekretär Robert Leiber gab in diesen Tagen dem deutschen Vizeschulamtsleiter Josef Ferrari zu verstehen, dass „auch der Südtiroler Klerus Stellung zur politischen Lage beziehen“ müsse, „andernfalls drohe Vertrauenseinbuße besonders bei der Südtiroler Jugend“.83 Nach dem Einwand des Papstes auf die Anregung Gargitters war eine solche Erklärung aus Südtirol nicht zu bekommen. Bischof Gargitter verlegte sich aber auf die stille Diplomatie. Er ließ keine Gelegenheit ungenützt, um italienische Politiker und Staatsmänner zu beschwören, für Südtirol eine gerechte Lösung zu suchen,84 lange Zeit freilich ohne Erfolg. „Immer Verständnis und großzügige Hilfsbereitschaft“ fand er hingegen bei den verschiedenen Stellen im Vatikan vor. Mit Dankbarkeit erinnerte er sich später an die Privataudienzen, die ihm die Päpste Johannes XXIII. und Paul VI. gewahrten.85 Sepp Kerschbaumer hat sich zur landespolitischen Einstellung der Amtskirche in Südtirol öffentlich nie geäußert. Es besteht kein Zweifel, dass er sich ganz der vom Kanonikus geprägten Haltung verbunden fühlte, der zufolge Unnachgiebigkeit in Volkstumsfragen und Religiosität sich absolut nicht auszuschließen brauchten.

Sepp Kerschbaumer im Kreise seiner Familie. Von links Franzl, Luisa, Sepp Kerschbaumer, Christl, Maria Kerschbaumer, Seppl, Mali, Helga, Basl Moidl (Maria Mederle)

Ganz im Gegenteil, das eine baute auf dem Fundament des anderen auf. Dies bedeutete aber nicht, dass man die Rechte der Italiener schmälern wollte. In seinem zu Neujahr 1957 ausgeschickten Rundschreiben reduzierte Sepp Kerschbaumer den ganzen Komplex der Südtirolfrage auf ein Problem. Gelöst werden müssten nicht verschiedene Probleme, „sondern nur eines, und das heißt, dass im Hause Südtirol nicht die Italiener, sondern wir die rechtmäßigen Hausherren sein und bleiben müssen“. Er verglich das Vorgehen der Italiener in Südtirol gerne mit einem impertinenten Mieter: Du bist Eigentümer eines Hauses und vermietest eine Wohnung, eigentlich mehr aus Gefälligkeit denn aus Notwendigkeit. Der Mieter aber macht sich breit und drängt dich aus allen Stockwerken hinaus, bis dir nur mehr eine Dachkammer bleibt. So weit dürfen wir es in Südtirol nicht kommen lassen. In Zusammenhang mit der dabei aufzubringenden Abwehrbereitschaft erinnerte er im oben zitierten Rundschreiben an den am 15. April 1956 verstorbenen Kanonikus: „Hat man … mit der sterblichen Hülle eines so großen geistigen Kämpfers, wie es unser allseits verehrter Kanonikus Gamper war, auch seinen Geist zu Grabe getragen? Waren sein Vorbild und seine Mahnungen in den Wind gesprochen? Haben wir wirklich keine solchen Idealisten mehr in unseren Reihen, die im Sinne Gampers weiterwirken, damit endlich unserer geliebten Heimat Recht widerfahre?“86

Wie dachte Kerschbaumer über Gargitter? Wir können es uns denken, aber genau wissen wir es nicht. Seine Tochter Mali erinnert sich, dass er dem Bischof öfter geschrieben hat. Von seinen handschriftlichen Briefen fertigte er aber nie Abschriften an. Es findet sich auch nirgends eine Antwort des Bischofs. Es ist anzunehmen, dass er auf Kerschbaumers Schreiben gar nie reagiert hat. Er hat ihn auch nie empfangen. „Ich weiß“, erzählt der Dolomiten-Journalist Franz Berger, „dass er fünf-, sechsmal beim Bischof Gargitter in Brixen vorsprechen wollte. Vielleicht, wenn er ihn empfangen hätte, wär’s gar nie zu diesen Anschlägen gekommen. Aber er ist jedes Mal abgewiesen worden, und dann ist der Kerschbaumer eigene Wege gegangen.“ Hier dürfte Franz Berger mit seinen Annahmen zu weit gehen. Es ist unwahrscheinlich, dass es nicht zu den Anschlägen gekommen wäre, wenn Kerschbaumer mit dem Bischof hätte reden können. Der Druck war damals so stark, dass ein bloßer Gedankenaustausch mit dem Oberhirten nicht genügt hätte, um bei Kerschbaumer ein Umdenken herbeizuführen. Dies wäre nur möglich gewesen, wenn sich die politischen Verhältnisse in Südtirol in kürzester Zeit grundlegend geändert hätten. Von einer solchen Trendumkehr war aber nichts zu merken. Übrigens verlor Kerschbaumer seinen Mithäftlingen gegenüber selten ein Wort über Bischof Gargitter – weder ein gutes noch ein böses. Es entsprach seinem Naturell, dass er sich über Dinge, die ihn besonders schwer bedrückten, ausschwieg.

Die Schlacht um die Parlamentswahl von 1958

Enthielt sich Sepp Kerschbaumer jeder öffentlichen Kritik an dem Bischof, so nahm er sich den katholischen Organisationen gegenüber kein Blatt vor den Mund. Zumindest indirekt galten seine Vorwürfe ja auch dem Oberhirten. Zum Stein des Anstoßes wurden die Aktivitäten, die katholische oder sich katholisch nennende Vereine vor der Parlamentswahl vom 25. Mai 1958 entfalteten. Sonst hörte man ja Jahr und Tag nichts von ihnen, den KVW ausgenommen. Vermutlich gab es sie nur auf dem Papier. Aber jetzt traten sie mit voller Kraft in Aktion. Ihnen ging es nun schlicht und einfach darum, Männer ins Parlament zu bringen, die eine weiche Linie vertraten. Südtirol erlebte sozusagen eine Neuauflage des Problems Dander auf Landesebene. Zum Auftakt der Kampagne benützte man ein Flugblatt des BAS. Angeblich auf Ersuchen der Senatoren Josef Raffeiner und Carl von Braitenberg veröffentlichten die Dolomiten einen ihnen zugegangenen Brief des BAS. Die beiden Senatoren wollten die anonymen Schreiber der Mühe entheben, den Brief durch ganz Südtirol flattern zu lassen, wie dies im Schreiben angedroht wurde, sie wollten damit aber auch dem Leser die Möglichkeit bieten, sich ein Urteil über jene Personen zu bilden, die sich hinter dem Decknamen BAS verbargen. Das Schreiben war in der Tat so gehalten, dass es die Angegriffenen eher sympathisch als unsympathisch erscheinen ließ. Es ist zu bezweifeln, ob es aus der Werkstatt Kerschbaumers kam. Das war eigentlich nicht seine Diktion. In einem von ihm gezeichneten Rundschreiben sprach er später selbst von einer „bedauerlichen Form“. Dass er dies nur aus taktischen Gründen getan habe, ist möglich, aber nicht wahrscheinlich. Wie dem auch gewesen sein mag, das Flugblatt nahm seinen Weg und machte Geschichte. „Wer“, so fragten die anonymen Schreiber des BAS eingangs, „soll auf die Kandidatenlisten kommen?“ Das wussten sie offensichtlich selbst nicht, denn Vorschlag machten sie keinen. Klar war für sie nur, wer n i c h t auf die Kandidatenliste kommen durfte. Auf keinen Fall jene Personen, „die unter dem Deckmantel des guten und ehrlichen Namens von Südtirol ihre schmutzigen Geschäfte treiben“. Denen dienten Südtirol und seine Not nur dazu, „ihren Geldbeutel dick zu füllen …“ „Wir haben genug von diesen Herrschaften und wollen nur eines: Abtreten! Abtreten sollt ihr auf dem schnellsten Wege und nicht mehr wiederkehren.“ Wer waren nun diese Herrschaften, die abtreten sollten und nie mehr wiederkehren? Darüber ließen die Verfasser des Flugblattes den Leser nicht im Unklaren: „Wir möchten es nicht unterlassen, diese Pharisäer beim Namen zu nennen:

Herrn Toni Ebner, der der Ansicht ist, dass in unserer Heimat alles in bester Ordnung sei.

Herrn Otto von Guggenberg, ein treuer Gesinnungsgenosse Ebners.

Herrn Braitenberg, der uns schon zur Genüge bewiesen hat, wohin seine Fahne weht.

Herrn Josef Raffeiner, der seinem Volke im Falle Sigmundskron den Dolchstoß in den Rücken versetzte.

„Diesen Herren sagen wir noch einmal: Tretet ab so schnell wie möglich. Ihr habt immer nur persönliche Interessen verfolgt! … Zwingt uns nicht, Euch zu überzeugen, es wäre gegen Eure Interessen. Eure Sprüche kennen wir zur Genüge und wir glauben kein Wort mehr. Das Maß Eurer Lügen ist voll.“87

Das Pamphlet kam den katholischen Wahlstrategen wie bestellt. Schon zwei Tage später erschien in den Dolomiten eine Solidaritätserklärung, unterzeichnet von Franz Fuchs und Johann Pan für die Katholische Bewegung, Franz Kemenater für den Katholischen Verband der Werktätigen und Leo von Pretz für die Arbeitsgemeinschaft christlicher Unternehmer.88 Um der „Wahrheit die Ehre“ zu geben, zählten die Unterfertigten die Verdienste auf, die sich diese Parlamentarier in der letzten Legislaturperiode erworben hatten:

1.Die Anrechnung der Dienstjahre für die zur Zeit des Faschismus entlassenen Lehrer.

2.Die Verpflichtung der ENTE, 110 Optantenbesitze, die in den Jahren 1941 bis 1943 ohne Bezahlung oder ohne Übergabe in sein Eigentum übergegangen waren, an die früheren Eigentümer oder deren Erben gegen Bezahlung des Schätzwertes von 1939 abzutreten.

3.Die Gleichbehandlung der Kriegsopfer und Heimkehrer der Wehrmacht mit jenen des italienischen Heeres.

4.Die Straßburger Rede Ebners vor dem Europarat.

5.Das der Regierung im Jahre 1954 überreichte Memorandum.

Recht unterwürfig dankte der Katholische Südtiroler Lehrerbund in einem eigenen Artikel den Parlamentariern für ihre geleistete Arbeit. Doch vermochten die dabei angeführten Verdienste die magere Bilanz von vier oder auch mehr Jahren parlamentarischer Tätigkeit nicht aufzubessern. Es war gewiss nicht allein die Schuld der Südtiroler Parlamentarier, dass sie nicht mehr aufzuweisen hatten. Rom war einfach zu keinen substanziellen Zugeständnissen bereit. Umso unverständlicher ist es daher, dass die alte Garde nicht bereit war, den neuen Kurs der Parteiführung mitzutragen.

Von einer Einsicht eben keine Spur. Im Gegenteil. Die Vertreter der oben angeführten Vereine verstanden es vortrefflich, Blech für Gold zu verkaufen. Sepp Kerschbaumer erfasste sofort, dass da Gefahr im Verzug war. Noch am 30. März 1958 griff er zur Feder und schickte an Franz Fuchs, Johann Pan, Franz Kemenater und Leo von Pretz ein Schreiben:89

Der Wahlkampf hat begonnen. Und ich muß sofort vorwegnehmen, daß er tragisch begonnen hat. Die Bezeichnung tragisch dürfte, wie Sie im folgenden schon sehen werden, meinem ganzen Schreiben den Stempel aufdrücken. Der Grund mag wohl in der einfachen Erkenntnis liegen, daß schon bei der Nominierung der Kandidaten für das Parlament und den Senat sich zwei ganz entgegengesetzte Fronten bildeten. Die eine Gruppe lehnt gewisse bisherige Parlamentarier und die Senatoren in einer bedauerlichen Form, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt, grundsätzlich ab, während eine andere Gruppe, das heißt, Organisationen und deren führende Männer, sich dafür voll und ganz einsetzen. In den nächsten Tagen läßt sich daher ein heißer Kampf bei den zuständigen Stellen des Landes erwarten.

Was mich veranlaßt, Ihnen heute zu schreiben und Ihnen meine Meinung in dieser traurigen Angelegenheit mitzuteilen, ist, dass ein anonymer Brief in unseren Zeitungen veröffentlicht worden ist und dass daraufhin mehrere Stellungnahmen von Organisationen erfolgt sind.

Mein Eindruck als einfacher und aufrechter Tiroler war und ist es, daß diese Maßnahmen beim Volke bestimmt große Verwirrung anstiften werden. Und aus dieser Kenntnis heraus will ich es mir nicht nehmen lassen, Ihnen mit diesem Schreiben meinen Standpunkt mitzuteilen: Warum ist einem anonymen Schreiben, die für gewöhnlich im Papierkorb landen, eine so große Wichtigkeit beigemessen worden, dass man es erstens vollinhaltlich in den Zeitungen abdruckte und dass man zweitens sog. Organisationen auf den Plan rief, gegen dieses Schreiben Stellung zu nehmen und sich für die Betroffenen rückhaltlos einzusetzen? Ich möchte die Herren dieser Organisationen ganz offen fragen, ob ihrer Aktion die Absicht zugrunde lag, die betreffenden Herren zu rehabilitieren, oder ob sie wirklich damit glaubten, die ganze öffentliche Meinung zum Ausdruck gebracht zu haben. Wenn letzteres wirklich zutreffen sollte, dann würde ich Ihnen nur das Eine raten, selbst im Lande herumzufahren und herumzufragen, und Sie werden bald eines anderen belehrt werden! Und nun meine Meinung dazu: Sie haben in Ihrem Schreiben nur die guten Seiten Ihrer Schützlinge angeführt, was bestimmt niemand tadeln wird, anderseits aber wäre es Ihre Pflicht gewesen, auf die durch die Zeitungen bekanntgewordenen Vorwürfe näher einzugehen und dieselben zu widerlegen. Daraus muß jeder rechtlich Denkende den Schluß ziehen, daß es in allen diesen Kreisen nur um die wirtschaftlichen Interessen unseres Volkes geht. In diesem und nur in diesem Sinne kann ich Ihren Standpunkt verstehen. Aber ist es wirklich so weit, daß sogar schon verantwortliche Männer von verschiedenen großen Organisationen Südtirols den Volkstumskampf nur mehr in diesem Sinne verstehen? Wenn es wirklich soweit sein sollte, dann muß man sich allen Ernstes fragen, wozu wir überhaupt noch eine politische Partei brauchen. Dann könnte man wohl ohne Bedenken dem Beispiel eines gewissen Kreises von Südtirolern folgen, der auf dem Standpunkt steht, man müsse sich mit der gegenwärtigen Lage so gut als möglich abfinden, indem man sich mit den Italienern in jeglicher Hinsicht verbrüdert. Von diesem Standpunkt aus gesehen, würde es vollauf genügen, wenn man die besten Wirtschaftsmänner für Rom und für die Landesverwaltung bestimmen würde.

Und nun meine diesbezügliche Meinung: Wie Sie selber wissen müßten, ist jedes Volk, das sein Heil und seinen Fortbestand nur mehr vom wirtschaftlichen Standpunkt aus sieht, dem völkischen Untergang geweiht. Und ich bin fest überzeugt, dass der größte Teil unseres Volkes diese meine Ansicht teilt. Daher ist nach meinem Dafürhalten unser Kampf ein politisch-völkischer Kampf – muß es so sein, wenn wir unseren Kindern unsere liebe Heimat deutsch-tirolerisch und christlich erhalten wollen. Und das sind wir unseren großen Vorfahren schuldig! Unser politisch-völkischer Kampf kann auf folgende einfache Formel gebracht werden: Recht gegen Unrecht. Sie alle wissen, dass unserem Volke von Italien schwerstes Unrecht zugefügt worden ist und dauernd zugefügt wird. Die letzte Landesversammlung und die Kundgebung von Sigmundskron haben gezeigt, dass unser Volk nicht Ihrer Meinung ist. Wenn deshalb unser Volk bei den kommenden Wahlen gewissen Herren nicht mehr das Vertrauen schenkt, so aus dem einfachen Grunde, weil sie die völkischen Interessen Südtirols nicht zufriedenstellend vertreten haben, ja da sie außerdem sogar gegen den Willen des Volkes in Rom gesprochen haben (Senator Raffeiner und Braitenberg anläßlich der Sigmundskroner Volkskundgebung in Rom). Wenn dann trotzdem gewisse Organisationen, Gruppen und verantwortungsvolle Männer solche Volksvertreter dem Volke gegenüber als vorbildlich hinzustellen versuchen, dann kann man nur sagen, daß dabei ein sehr trauriges Spiel gespielt wird. Sind diese Kreise wirklich selbst davon so fest von der Anständigkeit und Sauberkeit dieser Herren überzeugt, dass Sie es vor ihrem Gewissen und vor dem ganzen Südtiroler Volke verantworten können, sie dem Volke vorbehaltlos anzupreisen?

Ich jedenfalls habe dabei sehr große Bedenken. Und wenn Sie dabei glauben, betonen zu müssen, Sie würden dabei den christlichen Standpunkt vertreten, dann muß ich Ihnen sagen, dass ich hier anderer Meinung bin. Eher bin ich überzeugt, daß Sie mit diesem Schritt der Sache für Glaube und Heimat eher Schaden zugefügt haben.

In Bezug auf Dr. Ebner muß ich bemerken, daß sein Platz als Nachfolger des hochverehrten Kanonikus Gamper einzig und allein bei unserer Presse wäre, wo er, wenn er seinen Posten für unsere Heimat richtig ausfüllen würde, sehr segensreich wirken könnte. Und nun noch einige Fragen an Sie: Was sagt Ihr Gewissen zum Schandurteil gegen unsere Landsleute aus Pfunders? Haben Sie bereits an irgendeiner zuständigen Stelle Ihre Entrüstung darüber zum Ausdruck gebracht, wo Sie zur gleichen Zeit Ihre Entrüstung über den anonymen Brief zum Ausdruck gebracht haben? Wollen Sie wirklich zu diesem himmelschreienden Unrecht schweigen? Ist Ihnen die große Entrüstung des Volkes über dieses Urteil wirklich entgangen? Um der Gerechtigkeit willen bitte ich Sie, nehmen Sie auch zu diesem Urteil Stellung und das Volk wird es Ihnen danken.

Und noch eine kleine Schlußbemerkung: Wie oft hört man in unserem Lande die Worte „radikal“ und „gemäßigt“! Ich weiß, daß ich immer zu den Radikalen gezählt werde. Nun möchte ich Ihnen ganz kurz sagen, was ich von dieser Bezeichnung halte: Wenn ein Südtiroler sich ernstlich bemüht, dahin zu wirken, daß unsrem Volke und unserer Heimat endlich Gerechtigkeit widerfahre, daß also Recht wieder Recht werde, dann ist man eben nicht nur bei den Italienern, sondern auch schon in gewissen Kreisen Südtirols als radikal verschrien: Eben nur weil man auf das Recht pocht, das unserem Volke zusteht. Dies meine Stellungnahme!

Ergebenst Sepp Kerschbaumer

Frangart, den 30. März 1958.

Das war eine geballte Ladung, die Kerschbaumer den Vertretern der katholischen Vereine ins Haus stellte. Doch die Anstrengung war umsonst. Zwar wurde Raffeiner als Kandidat für den Senat nicht mehr aufgestellt. Und aus Solidarität mit Raffeiner verzichtete auch Braitenberg auf eine Kandidatur. An ihrer statt bewarben sich Karl Tinzl und Luis Sand um einen Sitz im Senat. Als Senatskandidat für den Brixner Wahlkreis war ursprünglich Hans Stanek vorgesehen gewesen. Doch auf Druck des Bischofs Gargitters hatte Stanek auf eine Kandidatur für das Abgeordnetenhaus ausweichen müssen. Eine religiös motivierte Intrige brachte zudem die Kandidatur Volggers für die Kammer zu Fall. Auf die Liste für das Abgeordnetenhaus kamen schließlich

Toni Ebner

Otto von Guggenberg

Karl Mitterdorfer

Roland Riz

Hans Stanek

Karl Vaja

Nach Auffassung des Alto Adige stellte die Kandidatur Staneks den Sieg des BAS dar. „Kann man da noch irregehen, wenn man annimmt, daß es sich um eine Organisation in der Partei handelt? Ist diese Wahlliste nicht die einleuchtendste Bestätigung dafür?“90 In Wirklichkeit war Kerschbaumer über die Kandidatur Staneks gar nicht glücklich.

Hans Stanek, Generalsekretär der Südtiroler Volkspartei

Er hatte Stanek als fleißigen und einsatzfreudigen Mann kennengelernt. Doch war er der Meinung, dass er in Bozen mehr leisten könne als in Rom. „Stanek braucht es in Bozen, nicht in Rom.“ Auch gefiel ihm nicht, dass Stanek, erst zum Generalsekretär der SVP bestellt, schon nach einem Parlamentsmandat strebte. Kurz, Stanek war – bei aller Wertschätzung – nicht der Wunschkandidat des Josef Kerschbaumer oder des BAS. Aus ganz anderen Gründen freilich lehnten ihn auch die Vertreter der katholischen oder sich katholisch nennenden Vereine ab. Die setzten nun alles daran, ihre Favoriten durchzubringen. Dies waren Toni Ebner, Roland Riz und Karl Mitterdorfer. Guggenberg und Vaja ließen sie links liegen, Stanek suchten sie – unterstützt durch die Zeitungen L’Adige und Alto Adige – durch massive Angriffe zu Fall zu bringen. Kurz vor der Wahl brachten sie ein Flugblatt in Umlauf, das die Wahl ihrer Favoriten als religiöse Pflicht darstellte. Organisatorisch legten sie eine Maßarbeit hin. Flugblätter gingen teils mit der Post, teils über die Pfarrämter, teils über Vereinsmitglieder in alle Gegenden hinaus und erreichten die höchstgelegenen Berghöfe. Der Einsatz hatte Erfolg. Alle drei Kandidaten wurden gewählt. Das Lager der „Gemäßigten“ konnte also zufrieden sein. Zufrieden war auch der L’Adige: „Gefallen sind die Extremisten, die Maximalisten, die Separatisten, geblieben sind jene, welche bewiesen, dass sie begriffen haben, dass die Anliegen ihrer Gruppe in einer höheren christlichen Vision liegen, jene also, welche jeden Zusammenstoß und jeden Bruch vermeiden wollen …“91 Zufrieden war schließlich auch der Volksbote: „Gut ist es gegangen, ausgezeichnet, besser als selbst die kühnsten Erwartungen es erhoffen ließen.“92 Einer im Lande war allerdings nicht zufrieden, er war vielmehr todunglücklich, vielleicht weniger über den Ausgang der Wahl als über die Methode, die diesen Ausgang erzielt hatte: Sepp Kerschbaumer. Ende Juni 1958 ließ er die katholischen Bewegungen und den Katholischen Verband der Werktätigen mit Rundschreiben wissen, was er von ihrem Verhalten hielt:93

Spät, aber nicht allzuspät will ich hier meine Meinung über die letzten Kammer- und Senatswahlen zum Ausdruck bringen und „meine Besorgnisse zur gegenwärtigen Lage in Südtirol“ niederschreiben. Dieses Vorhaben hat sich leider etwas verzögert, da ich mittlerweile einen unfreiwilligen „10tägigen Urlaub“ antreten mußte.

Noch nie ist ein schonungsloserer Wahlkampf geführt worden wie diesmal. Wenn Politiker und verschiedene politische Strömungen dabei zu unfairen Mitteln greifen, kann man dies noch verstehen. Geschieht dies aber ausgerechnet durch solche Kreise, die die Katholizität auf ihre Fahnen geschrieben haben, dann ist dies eine unentschuldbare Verantwortungslosigkeit, die getadelt und verurteilt werden muß. Ich betone ausdrücklich, daß es mehr als traurig ist, daß ich als überzeugter Katholik diesen Schritt überhaupt unternehmen muß, weil ich mich in meinem christlichen Empfinden beleidigt fühle. Ebenso möchte ich ausdrücklich betonen, daß es ein offenes Geheimnis ist, daß dieses schändliche Treiben nur von einigen wenigen Männern ausgegangen ist, die die Verantwortung hiefür vor Gott und dem Volk getragen haben. Ihre Hauptaufgabe wäre es bei den Wahlen gewesen, zu vereinen und nicht zu spalten, zu versöhnen und nicht zu verhetzen. Aber Sie scheuten nicht einmal davor zurück, in skrupellosester und rücksichtslosester Weise über ihre politischen Gegner herzufallen und diese durch gemeinste Verleumdungen beim Volke unmöglich zu machen.

Die religiösen Gefühle unseres Volkes sind wohl kaum einmal in einer solch pharisäischen Weise zu selbstsüchtigen Zwecken mißbraucht worden, wie es bei diesen Wahlen durch die katholischen Organisationen geschehen ist. Sie sprachen von „Glauben“ – meinten aber sich selbst. Sie sprachen von „Heimat“ – meinten aber gesicherte Positionen, von wo aus Sie wie in einer Farm hätten schalten und walten können, keinen Widerspruch duldend.

Was haben sich diese Organisationen eigentlich zum Ziele gesetzt? Sie selbst haben dies klipp und klar ausgesprochen: Für die religiösen Belange in unserer Heimat einzutreten! Sie hätten zahlreiche Arbeitsfelder, wo Sie eine segensreiche Betätigung entfalten könnten. Aber fragen Sie sich einmal ehrlich, was haben Sie z. B. bisher gegen die Sonntagsentheiligung unternommen, die auch in unserem Lande immer weiter um sich greift? Und wieviel gäbe es für Sie noch zu tun gegen den schlechten Film, die unsittliche Presse, Varietés, Nachtlokale usw.!

Welche Schritte haben Sie unternommen gegen das asoziale Verhalten christlicher gutsituierter Unternehmer ihren Untergebenen und Nächsten gegenüber? Wieviel Gutes hätten Sie bereits auf sozialem Gebiete erreichen können, wenn Sie diesen christlichen Unternehmern richtig ins Gewissen geredet hätten, mit gutem Beispiel voranzugehen! Ich erinnere hier unter den vielen Fragen nur an das Wohnungsproblem. Und bei wievielen kinderlosen Ehen hätten Sie es erreichen können, daß sich diese armer, verlassener, elternloser Kinder annehmen! Und haben Sie schließlich Ihr Möglichstes getan, daß die Jugend nach dem alt-tirolerischen Grundsatze „Glaube und Heimat“ erzogen wird? Wie wäre es, wenn Sie sich diesbezüglich in Zukunft eingehender für die Vorgänge im „Rainerum“ usw. interessieren würden? Sie können überzeugt sein, daß Sie bei diesen hohen Aufgaben genug beherzte Männer und Frauen in unserem Volke finden würden, die Sie dabei gern und freudig unterstützten!

Aber fragen Sie nun Ihr Gewissen: Stimmt es oder stimmt es nicht, daß Sie es vorgezogen haben, von der religiösen auf die politische Ebene hinüberzuwechseln? Sind Sie nicht selbst entsetzt über die Verwirrung, die Sie auf religiösem und politischem Gebiete unter unserem Volke angerichtet haben? Wenn nicht, dann fragen Sie beim Stadt- und Landvolk herum, welchen Eindruck Ihre sonderbare politische Tätigkeit hinterlassen hat. Und ist es Ihnen wirklich gleichgültig, daß sich in unserem Volke ein immer größeres Mißtrauen gegen Sie breitmacht? Man weiß wirklich nicht, worüber man sich mehr wundern soll, über Ihre verwerfliche Methode, politische Gegner zu erledigen, oder über die von Ihnen betriebene „Fraternisierungspolitik“, die unser Volk unweigerlich ins Verderben führen wird in religiöser und völkischer Hinsicht.

Im Mitteilungsblatt der katholischen Bewegung „Der Weg“ haben Sie vor den Wahlen in einem Artikel: „Unsere Besorgnisse zur gegenwärtigen Lage“ geschrieben, in unserem Lande sei es leider so, daß manche Südtiroler, statt auf ihre echte Eigenständigkeit zu bauen, sich viel zu viel beeinflussen lassen und – vielleicht ohne es selbst klar zu erkennen – zu Befehlsempfängern von Ausländern sich herabwürdigen zu lassen, die nie und nimmer das richtige Verständnis für unsere Lage aufbringen werden. Es sei wenig erfreulich und angenehm, so fährt „Der Weg“ fort, diese Gefahr feststellen zu müssen, aber man kann sich bei dieser Lage der Dinge nicht wundern, daß man jetzt bei aufrichtigen Südtirolern, die eingeweiht sind, den Ruf hört: Südtirol den Südtirolern, und nicht denen, die erst seit einigen Jahren oder gar erst seit einigen Monaten aus dem Auslande kommend, sich hier in Südtirol häuslich niedergelassen haben. Mit diesen Worten hat „Der Weg“ wirklich ins Schwarze getroffen! Denn es ist bereits ein offenes Geheimnis, daß die Politik der K. B. von hier in Südtirol lebenden Ausländern gemacht wird. Und von hier aus und vom Einfluß der von Zallinger gepredigten Südtirolerpolitik erklärt sich alles politische Unheil, welches von einem Teil der Führung der K. B. in Südtirol angerichtet worden ist.

Überschauen wir nun kurz, welche Politik in der letzten Zeit von der K. B. verfolgt wurde! Hier möchte ich sofort vorausschicken, daß niemand in Südtirol den katholischen Verbänden das Recht absprechen wird, auch im politischen Leben ein gewichtiges Wort mitreden zu dürfen. Aber wie wollen Sie es erklären, dass Sie vor einigen Jahren selbst immer behaupteten, die Politik sei nicht Ihre Hauptaufgabe und daß gerade die Politik nun auf einmal nur mehr zu Ihrer Sache geworden ist? Und in wieviele Widersprüche haben Sie sich nur in der letzten Zeit bei Ihrem politischen Handeln verstrickt! Bleiben wir beim krassesten Fall: Es war vor einigen Monaten. Die K. B. hatte sich vorbehaltlos mit den angegriffenen Senatoren und Abgeordneten „solidarisch“ erklärt. Dr. v. Guggenberg wird sich heute noch darüber wundern, daß diese von den katholischen Organisationen feierlich abgegebene „geschlossene Solidaritätserklärung“ kaum für einen Monat Gültigkeit hatte. Dann ließ man Dr. Guggenberg ohne ein Wort der Rechtfertigung fallen und stellte sich mit einer neuerlichen „Solidaritätserklärung“ geschlossen hinter drei neue Kandidaten.

In engster Zusammenarbeit mit den italienischen Lokalzeitungen wetteiferte man in der Verleumdung einzelner Südtiroler Politiker und es mußte jeden Südtiroler bedenklich stimmen, dass die italienische Presse sich so geschlossen hinter die katholischen Organisationen stellte. Diesmal war es ausgerechnet die K. B., die für die italienische Südtirolerpolitik den „utile idiota“ spielte. Ja, die K. B. kam den Italienern dabei so weit entgegen, daß sie die plumpesten Verleumdungsschlager der italienischen Nationalisten für ihre Zwecke ausgrub und das Südtiroler Volk zu verkappten Nazis, Kommunisten und christenfeindlichen Nationalisten stempelte, das noch immer nicht begreifen will, daß es die bestbehandelte Minderheit der Welt sei und Rufe wie „Los von Trient!“ oder gar „Selbstbestimmung“ und „Volksabstimmung“ erhebe. Und die Stimme der K. B. „Der Weg“ wunderte sich darüber, dass das Südtiroler Volk nicht schon längst feierlich die von „Gott gewollte Grenze am Brenner“ anerkannt habe!

Aber diese sonderbaren Gedanken, die uns „Der Weg“ ans Herz legt, sind uns bereits bestens bekannt von einem abtrünnigen, von den Italienern gekauften Südtiroler her, von Dr. Bernhard Zallinger und dessen Buch „Die Grundlagen der Südtiroler Politik“.

Kein Geringerer als Kanonikus Gamper, der „Mann von Südtirol“, hat schärfstens dagegen Stellung bezogen und ist nie müde geworden, unser Volk vor dieser von Zallinger propagierten „realistischen Befriedungspolitik“ eindringlich zu warnen. Auch Zallinger hat bereits gesagt: „Seid ihr wahnsinnig geworden, dass ihr die Grenzfrage wieder aufrollen wollt?“ Und auch er findet es „unverantwortlich, in der Bevölkerung eine Unzufriedenheit zu wecken und zu steigern, nur weil Südtirols Sonderrechte umkämpft und vielleicht bedroht sind“. Ebenso mutet Zallinger den Südtirolern zu, mit den Kommunisten gemeinsame Sache gegen Italien und den Westen zu machen, und er fordert schließlich unser Volk zur Selbstaufgabe auf.

Wehe, wenn wir Zallingers Ratschläge gefolgt und die Warnungen des Kanonikus Gamper in den Wind geschlagen hätten! Und wehe unserem Volke, wenn es sich politisch von der gegenwärtigen Führung der K. B., die sich an die Richtlinien Zallingers und von Ausländern hält, weiterhin führen lässt! Wenn bei diesem verwerflichen Treiben wenigstens das geistliche Oberhaupt aus dem Spiele gelassen worden wäre!

Als tief überzeugter Katholik und Tiroler muß ich Ihnen sagen, daß Sie mit Ihrer gegenwärtigen Handlungsweise unser Volk nicht nur um die Heimat bringen werden, sondern daß dadurch viele unseres Volkes, was noch viel schlimmer ist, in ihrem Glauben wankend gemacht werden! Mit Ihrem Vorgehen haben Sie sich ganz offen auf die Seite des Unrechtes gestellt. Denn Sie wissen genau, daß unserem Volke von italienischer Seite schwerstes Unrecht widerfahren ist. Und Unrecht verjährt nicht. Daher stellt sich jeder, der die Italiener in diesem Unrecht bestärkt und unterstützt, ebenfalls auf die Seite des Unrechts, das heißt, er handelt gegen die christlichen Grundsätze! Gegen die christlichen Grundsätze handelt z. B. der KVW, wenn er mit der ACLI zusammenarbeitet mit dem Ziel, unsere Heimat immer fester an Italien zu fesseln. Denn dadurch heißen sie indirekt das unserem Volke angetane Unrecht gut, statt dass sie nicht müde würden, dieses himmelschreiende Unrecht unermüdlich vor der Weltöffentlichkeit anzuprangern und eine Wiedergutmachung zu fordern.

In diesem Punkte möchte ich nicht nur die dafür verantwortlichen Männer der Organisationen, sondern jeden Priester und jede geistliche Obrigkeit fragen:

1.ob sie mit diesem Unrecht gegen unser Volk und gegen das christliche Sittengesetz einverstanden sind? Ich kann es einfach nicht glauben!

2.ob sie es vor dem Herrgott und vor unserem Volke verantworten können, durch ein passives Verhalten oder gar durch eine Zusammenarbeit mit den Feinden unseres Volkes an diesem großen Unrecht mitschuldig zu werden?

Am meisten zu denken müßte die Tatsache geben, daß hier das göttliche Gesetz von Recht und Gerechtigkeit in Frage gestellt ist. Ich appelliere daher an Ihr christliches und völkisches Gewissen: Schlagen Sie einen anderen „Weg“ ein, und kehren Sie von der politischen zur religiösen Ebene zurück! Besinnen Sie sich dabei Ihrer zahlreichen religiösen und völkischen Aufgaben! Diese bestehen auf der einen Seite darin, dafür zu sorgen, daß unser Volk nicht auch eine Beute des immer mehr um sich greifenden Irr- und Unglaubens wird. Und auf der anderen Seite immer und überall bereit zu sein, mutig und kompromißlos, für die natürlichen und verbrieften Rechte unsres Volkes einzutreten. Sie machen es sich dabei zu leicht, wenn alles, was nicht in das Konzept ihrer Organisationen paßt, mit dem Schlagwort „Radikalismus“ und dergleichen abgetan wird.

Wenn Sie ein bißchen echte Heimatliebe und religiöses wie menschliches Gerechtigkeitsgefühl in sich haben, dann denken Sie an unsere Kinder, an die junge Generation Südtirols. Das Land Tirol hat in seiner wechselvollen Geschichte schon zahlreiche Prüfungen erlebt. Es hat sie bisher alle mit der Hilfe von Oben bestanden. Noch nie sind so zahlreiche Versuche zur Verirrung und Spaltung unseres Volkes unternommen worden, wie in den vergangenen 40 Jahren. Sie alle sind aber bis jetzt mißglückt. Gott sei Dank! Der gefährliche Spaltungsversuch ist dieses Mal leider von einer Seite her unternommen worden, von der aus unser Volk es am wenigsten erwartet hätte: von den katholischen Organisationen. Aber es steht in der Heiligen Schrift: „In jenen Tagen … werden viele … irre werden … falsche Propheten werden auftreten, die, wenn es möglich wäre, selbst die Auserwählten noch irreführen würden …“ Diese Worte sind zwar für eine andere Zeit. Aber wir dürfen sie wohl auch für die Nöte unseres Landes in Beziehung bringen und in diesem Sinne schließe ich meine Ausführungen mit der Bitte an unseren Herrn, er möge die Tage auch dieser unserer Drangsal abkürzen.

Sepp Kerschbaumer, Frangart, den 26. Juni 1958

Berechtigte Skepsis über den Ausgang der österreichischen-italienischen Gespräche: Wird es dieses Jahr gelingen?

Es waren harte Wahrheiten, die Sepp Kerschbaumer den Männern der katholischen Vereine vorhielt. Er scheute übrigens auch nicht die persönlich Konfrontation. Mit Direktor Fuchs ging er in einem Gespräch das Schreiben Satz für Satz durch.

Er gestand dabei einem Verein durchaus das Recht zu, einen Kandidaten für die Wahl zu empfehlen, der dann dessen Anliegen in Rom vertrete. Aber er akzeptierte nicht, dass das Gesamtresultat einer Parlamentswahl vom Gutdünken einiger Organisationen abhing. Wäre dem so, dann könnte die SVP in Zukunft die Wahlen einfach der Brixner Kurie und den katholischen Vorfeldorganisationen überlassen.

Enttäuscht wurden allerdings jene, die sich nun ein Abgehen der SVP vom Los von Trient erhofft hatten. Die politische Lage war so, dass ein Abweichen von dieser Linie schwer möglich war. Enttäuscht wurden auch jene politischen Auguren, die für die SVP-Landesversammlung am 12. Juli 1958 ein Messerwetzen und eine Schlammschlacht voraussagten. Der Alto Adige wusste später zu berichten, dass man bei diesem Kongress mit einer energischen Aktion des BAS gerechnet habe.94 Wer auch immer dieser „man“ war, seine Voraussage erfüllte sich nicht. Kerschbaumer meldete sich überhaupt nicht zu Wort. Luis Amplatz ermahnte lediglich die SVP, an der Forderung von Sigmundskron festzuhalten. Und nur zwei Redner erwähnten die Vorgänge um die Parlamentswahl: Der SVP-Ortsobmann von Nals, Peter Kollmann, und der Gemeindearzt von Auer, Max von Röggla. Kollmann verwies auf die Tatsache, „daß in letzter Zeit alle möglichen Vereine, die sich unpolitisch bezeichneten, versucht haben, die Tätigkeit bzw. die Entscheidungen der Partei zu beeinflussen“.95 Ihm pflichtete Röggla bei, der sich zudem „scharf gegen eine gewisse Verleumdungskampagne wandte“.96 Magnago hielt fest, dass die Politik in Südtirol ausschließlich von der SVP gemacht werden müsse, solange sie allein das Mandat von der Bevölkerung habe.

Eine Fahnengeschichte mit Folgen

Was hat Sepp Kerschbaumer in seinem Rundschreiben vom 28. Juni 1958 mit dem „10tägigen Urlaub“ gemeint? Einen Urlaub im wahren Sinne des Wortes hat es für ihn in diesen Jahren nie gegeben. Er führte ein Leben ohne Rast und ohne Ruh. Worauf er anspielte, war eine Fahnengeschichte, die ihm zehn Tage Arrest eingebracht hatte. Die „10 Tage Urlaub“ waren also zehn Tage Gefängnisaufenthalt.

Das Hissen der Tiroler Fahne zum Andreas-Hofer-Tag oder zum Herz-Jesu-Sonntag war ein Akt der Selbstbehauptung. Allerdings ein Akt, der verboten war. Was nicht erlaubt war, musste dann halt unerlaubterweise geschehen. Vor solchen Feiertagen ließ Sepp Kerschbaumer Dutzende Tiroler Fahnen nähen. Für den Ankauf von Fahnenstoffen soll er große Summen ausgegeben haben. Die Fahnen wurden dann von seinen Getreuen im Schutz der Dunkelheit auf Hochspannungsmasten oder auf hohen Bäumen angebracht. Tiroler Fahnen wirkten damals aber auf die Ordnungshüter wie das rote Tuch auf den Stier. Wo sie eine erblickten, machten sie sich auf den Weg und holten sie herunter. Eigentlich hatte Kerschbaumer jahrelang gehofft, dass das Problem der Landesfahne grundsätzlich geregelt werde, und zwar so, „daß wir diese in unserer angestammten Heimat wieder ganz ungehindert und frei von jeder diskriminierenden Einschränkung hissen dürfen“, wie er einmal an Magnago schrieb.97 Sepp Kerschbaumer wollte es aber auf die Dauer nicht hinnehmen, dass die Tiroler Fahne nur bei Nacht und Nebel gehisst werden könne. Wenn, so seine Meinung, die verschiedenen Regionen Italiens ihre Fahne bei feierlichen Anlässen „mit Fug und Recht stolz zeigen“ durften, so musste es auch in Südtirol erlaubt sein, die Landesfahne zu hissen. Er wollte es darauf ankommen lassen. Ihm ist, wie er im oben erwähnten Brief an Magnago schrieb, „eines Tages die Geduld ausgegangen“. Und so dachte er sich: „Probier’s einmal, bin neugierig, was die Herren Italiener dazu für eine Miene machen werden.“98 Am Vorabend zum Andreas-Hofer-Tag von 1957 informierte er einen Dolomiten-Redakteur über sein Vorhaben. Der Athesia-Mitarbeiter Franz Berger begab sich am 20. Februar 1957 zeitig nach Frangart und versteckte sich im Kirchturm. In aller Ruhe brachte unterdessen Sepp Kerschbaumer vor der Kirche „zwei schöne rot-weiße Tiroler Fahnen und das Bildnis des Freiheitshelden Andreas Hofer“ an.99 Es dauerte nicht lange, und es erschienen die Hüter der Ordnung, zogen die Fahnen ein und hießen Kerschbaumer in die Kaserne von Eppan kommen. Dort musste er Rede und Antwort stehen und ein Protokoll unterschreiben. Dann konnte er nach Hause gehen. Die Carabinieri erstatteten Anzeige bei Gericht. Und damit wurde die Fahnengeschichte von Frangart ein Fall für die Justiz. Die Justiz hatte mit dem Fall aber offensichtlich keine rechte Freude und schob ihn vor sich her. Ihr Problem lag darin, dass es kein Gesetz gab, das das Hissen der Tiroler Fahne verbot. Sie musste irgendeinen Vorwand erfinden, um ein Urteil fällen zu können. Vermutlich war es Kerschbaumer selbst, der seinen Fall erneut ins Rollen brachte. Er hängte nämlich am Herz-Jesu-Sonntag erneut in Frangart die Fahne aus. Jetzt machte die Justiz Ernst. Am 5. Juli 1957 verurteilte ihn das Tribunal in Bozen zu zehn Tagen Arrest, bedingt und ohne Eintragung ins Strafregister. Sein Anwalt Hermann Nicolussi-Leck legte gegen das Urteil sofort Berufung ein. Wegen der zweiten Fahnenhissung wurde er am 8. August 1957 vom Bezirksrichter in Kaltern vorgeladen. Die Szene, die sich dabei abspielte, schilderte er Magnago:

Trotz Verbots hisste Sepp Kerschbaumer am Andreas-Hofer-Tag und am Herz-Jesu-Sonntag 1957 auf der Kirche von Frangart die Tiroler Fahne und setzte damit die Justizmaschine in Gang

Die Carabinieri entfernten die Fahne von der Frangarter Kirche und erstatten Anzeige bei Gericht

Bei dieser Gelegenheit konnte ich zu meiner Freude dem Aufruf der Partei vom 23. Juli d. J.100 endlich Folge leisten, indem ich, als mich der Richter aufforderte, das Protokoll zu unterschreiben, das auf Italienisch geschrieben war, mich weigerte, dies zu tun, wobei ich ihm wörtlich sagte: Ich glaube, ich habe das Recht zu verlangen, daß das Protokoll deutsch geschrieben wird, ansonsten unterschreibe ich es nicht, worauf mir der Richter sehr erregt zurief: Nein, Sie haben kein Recht, und gehen Sie, gehen Sie. Mit einem freundlichen Grüß Gott ging ich zur Tür hinaus und konnte ihn in seinem nationalen Zorn allein lassen.

Der Fahnenprozess vom 5. Juli 1957 erregte in Südtirol und bald auch in Nordtirol ziemliches Aufsehen. Sepp Kerschbaumer bekam mehrmals Besuch von Journalisten, unter anderem auch vom Innsbrucker Journalisten Wolfgang Pfaundler. Eine Begegnung, die noch ungeahnte Folgen haben sollte. Vorerst fand sie aber nur in einem Zeitungsartikel ihren Niederschlag. Von Wolfgang Pfaundler erschien wenig später im Innsbrucker Volksboten ein Artikel mit dem Titel Tiroler Fahne – ein gefährlicher „Fetzen“. Ein interessanter Prozess um die Landesfahne in Südtirol:

Am 20. Februar 1957, anläßlich des Jahrestages der Erschießung Andreas Hofers, wurden in Frangart-Eppan (Südtirol) ein Totenamt abgehalten und in Kirchennähe zwei weiß-rote Tiroler Fahnen gehißt. Diese Fahnen, welche der Kaufmann des Dorfes, Josef Kerschbaumer, hochzog, mußten auf Befehl der Polizeibehörden am gleichen Tag abgenommen werden, und der Karabinieri-Unteroffizier Alfonso Mattevi brachte den Täter zur Anzeige nach Art. 564 des italienischen Strafgesetzes „wegen aufhetzender Veranstaltung bzw. Äußerung“. Am Herz-Jesu-Sonntag brachte Kerschbaumer jedoch neuerdings an der gleichen Stelle zwei Tiroler Fahnen an.

Bisher erfolgten die zahlreichen Fahnenhissungen in Südtirol anonym, es gab meistens nur unbekannte Täter oder Freisprüche wegen Mangels an Beweisen. Kerschbaumer aber steht auf dem Standpunkt, daß er, „so wie es immer der Brauch war“, die Tiroler Fahne hissen will, wenn es die Tradition des Tages verlangt. „Wenn man in ganz Italien die rote Kommunistenfahne aufstecken darf“, sagte er, „die soviel Unglück in die Welt gebracht hat, werden wir wohl auch unsere Fahne hissen dürfen.“

Am 5. Juli 1957 fand vor dem Kreisgericht in Bozen die Strafverhandlung gegen Josef Kerschbaumer statt. Bei dieser Verhandlung gibt es zum ersten Mal einen „Täter“, der sich zu seiner Tat bekennt, deshalb kommt dem Urteilsspruch eine besondere Bedeutung zu.

Der Staatsanwalt Dr. Martin erklärte in seiner Anklage, daß man in der Aufziehung von Tiroler Fahnen eine „aufhetzende Kritik“ am italienischen Staate wie auch eine „Erregung der Staatsbürger italienischer Zunge“ feststellen müsse, so daß rechtlich der Tatbestand der „aufhetzenden Kundgebung“ im Handeln des Angeklagten gegeben sei.

Der Verteidiger Dr. Nicolussi warf dagegen ein, man könne in der Tat des Angeklagten keine Kritik am Staate finden, da die Fahnen Tirols anläßlich der Totenfeier des Freiheitshelden Andreas Hofer gehißt wurden, der niemals gegen Italien kämpfte. Es könnten sich bestenfalls die Anhänger Napoleons betroffen fühlen, aber niemals der italienische Staat. Andererseits könne die durch die Hissung der Tiroler Fahnen beim Staatsbürger italienischer Zunge angeblich hervorgerufene Erregung nicht als „aufhetzende Kundgebung“ erklärt werden, da es wohl keines Beweises bedarf, festzustellen, dass der Angeklagte nicht Italiener gegen den Staat aufhetzen wollte.

Sollte man aber die Tiroler Fahne als im italienischen Staatsgebiet verboten ansehen, so sei hiezu festzustellen, daß kein gesetzliches Verbot vorliege. Selbst im italienischen Regionalstatut ist der Name „Tiroler Etschland“ formalrechtlich erhalten, was allein schon beweist, daß man Südtirol den Namen nicht zur Gänze nahm und folglich ihm auch die Führung der Tiroler Fahne zubilligen müsse.

Im übrigen hätten alle Provinzen, Regionen und Städte Italiens ihre eigenen traditionellen Fahnen, die sie ungehindert hissen dürften. Keinem Polizeiorgan würde es jemals einfallen, z. B. das Lilienbanner der Medicäer in Florenz zu verbieten oder in der Hissung des Lilienbanners eine separatistische Kundgebung der Medicäer gegen die Integrität des Staates zu sehen. Was in Florenz billig sei, müsse folglich auch in Südtirol recht sein.

Kerschbaumer bat, daß die Verhandlung in deutscher Sprache geführt werde. Dieser Bitte wurde vom italienischen Gericht nicht entsprochen! Der Staatsanwalt sprach von den Tiroler Fahnen nur als „Stracci“, was etwa soviel wie „Fetzen“ bedeutet.101

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